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2.2006

Was Kirche für morgen heute bewegt

Zitronenfalter Gemeindenahe Diakonie

Interview „Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf“

Zu Gast in Gottes Haus Portrait der Vesperkirche in Wasseralfingen

Sozialdiakonisches Projekt Kinderhaus „Kunst und Spiel“ in Sonneberg


Editorial und Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen und Leser, manche Sätze sind ebenso einfach wie eindringlich. Ein Arbeitsloser in der Wasseralfinger Vesperkirche sagte: „Ich habe das Gefühl, dass Gott hier bei uns ist und auf uns schaut“. Damit beschreibt er, was ihn beim Mittagessen unter dem Kruzifix berührt. Er drückt aber auch eine schlichte biblische Wahrheit aus: Gott ist den Armen besonders nahe.

Praktizierte Gott-Losigkeit Muss eine Gemeinde diakonisch sein? Was für eine Frage. Wenn ihr die Armen gleichgültig werden, wird sie gottlos. Sie wird nämlich mit den Armen auch Gott los. Eine harte Wahrheit für eine Kirche, deren Gemeinden und Gemeindeglieder oftmals den Kontakt zu unteren Schichten unserer Gesellschaft weitgehend verloren haben. Denn für „diakonia“, für den Dienst an den Menschen, ist sie - sind also wir - da. „Ich bin unter euch wie einer der bedient“ hält Jesus seinen Jüngern entgegen, die im Machtgerangel nach Pöstchen gieren (Lukas 22,27). Diakonia wird immer das Lebens-Elixier seiner Nachfolger und Nachfolgerinnen bleiben, wenn sie in seiner Spur bleiben wollen. Aber wir haben doch unsre diakonischen Einrichtungen. Richtig. Aber so gewiss es Professionalität bei vielem braucht, so nötig sind neue Formen gemeindenaher Diakonie. Wie dies aussehen kann, darum geht es hier.

Diakonischer Baustahl Diakonie ist nicht der Balkon am Haus der Gemeinde, der eben sein kann oder auch nicht. Diakonie ist auch nicht mit dem Gartenhaus „Diakonische Bezirksstelle“ erledigt. Es braucht den „diakonischen Baustahl“, der sich durch das ganze Gebäude zieht, will die Gemeinde ein Haus der Liebe Gottes sein. So oder so: echter Glaube wird in der Liebe tätig werden (Galater 5,6). Und diese „Liebestätigkeit“ kann nicht delegiert werden. Diakonisch oder missionarisch? Nein, das ist keine Alternative. Auch wenn es viele landauf, landab durchaus noch so sehen. „To be, to say and to do the gospel“ – mit diesem „mission statement“ beschreiben englische Christen, worin ihre Sendung besteht. Evangelium „sein“ – auch in den Strukturen und Kirchen-Gesetzen muss es aufleuchten. Die gute Nachricht von Christus weitersagen. Und das Evangelium tun: es soll Fleisch werden. Diakonisch? Missionarisch? Schluss mit dem falschen „oder“. Hin zu einem biblischen „und“. In diesem Sinne grüßt Sie im Namen des Redaktionsteams herzlich

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Reinhold Krebs

Heftthema: Gemeindenahe Diakonie Editorial

Seite 1

„Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf“ – Interview mit Pfr. Heinz Gerstlauer Seite 3 Plädoyer für eine armutsorientierte Diakonie Seite 5 Vesperkirche: zu Gast in Gottes Haus Seite 6

„Das Evangelium besser verstanden“ — Interview mit Ursula Richter Seite 8 „Eine Brücke in die Gemeinde hinein“ — Interview mit Frank O. July Seite 9

Die Karten werden neu gemischt. Ein Kommentar von Marc Stippich Seite 9

Thesen zu einer gemeindenahen Diakonie Seite 10 Bausteine Mehr als eine Chance

Seite 11

Kinderhaus „Kunst und Spiel“

Seite 12

Aufbau einer Hospizgruppe

Seite 13

Gemeinde mit Diakonie- und Sozialfonds

Seite 14

miniDienste: Jung hilft Alt

Seite 14

Kfm intern Frischer Wind in der anglikanischen Kirche Seite 15 Karlfriedrich Schaller: „Warum ich bei Kirche für morgen bin“ Seite 16 Wahlvorbereitungen bei kfm

Seite 16

kfm-Zukunftskonferenz

Seite 17

Interview mit Martin Allmendinger Seite 18

Kurz notiert Was „Tante Termine empfiehlt“... Seite 19

Zu guter Letzt

Seite 20


Thema: Gemeindenahe Diakonie

Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf Pfr. Heinz Gerstlauer ist Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (EVA)*. Glaube und diakonisches Handeln gehören für ihn zusammen. Markus Haag hat ihn dazu interviewt. Herr Gerstlauer, „vom Pfarrer zum Sozialmanager“ – so lässt sich Ihr Werdegang kurz zusammenfassen. Was hat sie bewogen, Chef einer großen diakonischen Einrichtung zu werden? Ich habe es schon immer als eine große Herausforderung empfunden, Wort und Tat im sozialen Kontext einer Großstadt wie Stuttgart zusammenzubringen und auf ihre spezifischen Herausforderungen zu reagieren. Gleichzeitig hat mich das „Unternehmerische“ an der Diakonie gereizt. Inwiefern gehören für Sie der Glaube und die Diakonie zusammen? Der Glaube verbindet uns oft mit unseren Klienten. Er verleiht uns Hoffnung, dass Gott mit einem jeden seinen eigenen Weg geht. Auf diese Weise motiviert er uns, Änderungen anzugehen oder den momentanen Weg zu akzeptieren. Der Glaube macht mir als Sozialarbeiter deutlich, dass Gottes Möglichkeiten meine Möglichkeiten übersteigen und ich selbst nicht alles machen kann. Insofern ist die Fürbitte für Klienten die Vorstufe des Staunens darüber, was Gott mit Menschen machen kann. „Funktioniert“ das Tatzeugnis wirklich – also, dass Menschen durch „Taten der Liebe“ auf den Glauben aufmerksam werden? Oder anders gefragt: Wie hängen Mission und Diakonie zusammen? Natürlich kann das so funktionieren. Die Menschen, die zu uns kommen, haben ja oft nicht nur materielle Probleme. Hinter diesen Problemen stehen oft Erfahrungen des Scheiterns, der Scham, der Verletzung, der Ungerechtigkeit, des Versagens, der Sinnlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit usw. Materielles und geistliches „Brot“ sind zwei Seiten einer Medaille. Die Sinn- und Perspektivenfrage stellt sich täglich. Wenn wir beraten und betreuen, versuchen wir eine christliche Antwort anzubieten. Pfr. Heinz Gerstlauer, Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart

Wie sieht diese christliche Antwort aus? Wir führen mit unseren Klienten Gespräche über die Bibel und über theologische Fragen. Bei der Arbeit mit Ehrenamtlichen stehen biblische oder geistliche Impulse auf dem Programm. Wir feiern Andachten und Gottesdienste, wir bieten Seelsorge für Mitarbeitende und Klienten an. Wir beten mit und für die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Eine Mitarbeiterin lässt z.B. ihre Kinder „Schutzengel“ malen, die sich als neue innere Bilder gegen die alten Erfahrungen von Gewalt oder Vernachlässigung stellen. Es gibt viele Möglichkeiten, die christliche Botschaft hilfreich einzubringen. Welche Theologie der Diakonie ist für Sie handlungsleitend? Für mich ist u.a. das erste Gebot wichtig: „Ich bin der Herr dein Gott, der Dich aus Ägyptenland geführt hat. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Der Herrschaftsanspruch Gottes begründet sich aus seiner befreienden Tat. Für mich hat Diakonie daher etwas mit Macht und Befreiung zu tun. Fragen Sie einmal einen alkoholkranken Menschen! Der kann Ihnen genau beschreiben, wie ein Leben „mit vollen Gläsern“ zu einem Leben in Knechtschaft und Unfreiheit des Alkohols werden kann – und welcher Kraft- und Machtakt


es ist, sich von diesem „Herrn“ zu befreien. Diakonie hat es mit vielen mächtigen Herren zu tun. Es geht um den Kampf für ein befreites, selbständiges Leben. Hier einen Herrn an der Seite zu wissen, der auch von großen Mächten befreien kann, ist ein wichtiger Schatz diakonischer Arbeit.

„Von Christen erwarte ich, dass sie den Zuspruch Gottes nicht privatisieren“

Paul Zulehner sagte einmal: „Wer bei Gott eintaucht, taucht bei den Armen auf“ … … ein sehr guter Satz! Wer sind Ihrer Meinung nach diese „Armen“? Das ist eine gute Frage. Unabhängig von „offiziellen“ Definitionen sind Arme für mich all jene Menschen, die in einer prekären Lebenslage sind, alleine leben und weder Lebensmut noch Lebensperspektive haben. Materielle, soziale und spirituelle Armut sind für mich dabei die wesentlichen Faktoren. Eine Form von Armut kann man eine Weile ertragen, aber alle drei auf einmal sind schlimm.

Ich kenne seine Position und gebe ihm Recht, wenn er nach unserem – in dieser Hinsicht – mangelnden Profil fragt. Auch ich kritisiere, dass wir mit unserer professionellen Diakonie zu sehr ein Teil staatlicher Versorgung geworden sind. Das prägt unser Denken und Handeln. Diakonische Arbeit darf nicht dazu führen, dass wir durch unsere Arbeit die Auswirkungen von Not zwar lindern, aber damit gleichzeitig den Druck für gesellschaftliche Änderungen senken. Hier muss personenorientierte und gesellschaftsorientierte Diakonie Hand in Hand gehen. Wir müssen beides tun und unsere anwaltschaftliche Funktion wieder ernster nehmen.

Im Februar fand das große Forum von Kirche für morgen zum Thema „Spiritualität: Tiefe Wurzeln, weiter Raum“ statt. Sie haben im Rahmen dieses Forums einen diakonischen Workshop angeboten, der nicht zustande kam. Das hat uns persönlich erstaunt und auch schockiert. Haben Sie eine Erklärung dafür? Warum werden diakonische Themen von vielen Was halten Sie von dem aktuell offensichtlich hinten an gestellt? diskutierten Ansatz von Steffen Fleßa, Mich hat diese Tatsache auch der kritisiert, dass „diakonische „kalt“ erwischt. Ich kann es mir nur Einrichtungen … zu einem großen so erklären, dass Spiritualität weitTeil nicht mehr den Schwächsten und gehend zu einem Containerbegriff Ärmsten dienen, sondern ihre soziageworden ist, der zwischen Wellness len Dienstleistungen primär für den und Selfness anzusiedeln ist. Die Mittelstand anbieten“? Er ruft die Dia- Kälte und Freiheit, in die uns unsere konie dazu auf, ihre Zielgruppe klarer Gesellschaft entlassen hat, braucht zu definieren – nämlich die wirklich als Gegenbewegung Wärme und Armen! Bindung. Offenbar bekommen Menschen das zu wenig. Und vielleicht überfordern wir sie, wenn wir ihnen etwas abverlangen, was sie gar nicht haben, sondern vielmehr selbst brauchen. Von Christen erwarte ich allerdings, dass sie den Zuspruch Gottes zum Menschen und zur Welt nicht privatisieren, sondern dass ihrer Bekehrung zu Gott eine Bekehrung zur Welt folgt, wie es Blumhardt einmal ausgedrückt hat. Was also ist zu tun? Mit Bonhoeffer: „Beten und Tun des Gerechten!“ Unter „Diakonie“ verstehen die meisten Menschen eine institutionalisierte, professionelle Diakonie. Diakonie und Gemeindeleben haben heutzutage sehr wenig miteinander zu tun. Wie kann Diakonie wieder ein Thema für Gemeinden werden? Der diakonische Auftrag gilt schließlich der ganzen Kirche. Ich gebe Ihnen nur zum Teil Recht. Diakonie, die sich den wirklich Bedürftigen zuwendet – Vesperkirche in Wasseralfingen


Diakonie und Kirche schwimmen zwar in unterschiedlichen Systemen und sind deren immanenten Logiken ausgesetzt. Im Gemeinwesen selbst jedoch sind wir gut vernetzt und arbeiten zusammen, so z. B. die Jugendarbeit mit der Jugendhilfe, die Kindergartenarbeit mit den Hilfen zur Erziehung, die Sozialpsychiatrie mit den Gemeinden… Die Beispiele ließen sich beliebig erweitern. Manchmal ist es auch ein Wahrnehmungsproblem. Wenn ich daran denke, was Gemeinden selbst an Integration leisten durch Gruppen und Kreise, durch Seelsorge und Nachbarschaftshilfe, auch durch Feste und vor allem durch Gottesdienste, dann ist das ernorm – auch wenn nicht immer das Schild „Diakonie“ davor steht.

unterschiedlichen Funktionen: Das geht vom Vorsitz des Aufsichtsrates bis zum Kaffeekochen beim offenen Nachmittag am Sonntag, vom Sockenstricken für Obdachlose bis zur Beratung in der Schuldnerberatung. Das funktioniert in der Regel gut, wenn man die unterschiedlichen Rollen beachtet. Was hier geleistet wird, ist einfach grandios. Die Fragen stellte Markus Haag. Er ist Vikar in HeilbronnBiberach und Befürworter einer armutsorientierten Diakonie.

* Weitere Informationen zur EVA finden Sie unter www.eva-stuttgart.de

tät wurde zu

Wie kann eine fruchtbare Zusammenarbeit von Profis und Nicht-Profis funktionieren? Bei uns arbeiten neben 800 hauptamtlichen Mitarbeitenden noch einmal 600 Ehrenamtliche in ganz

einem Containerbegriff

Für eine armutsorientierte Diakonie „Arme habt ihr allezeit bei euch!“ Wer sich mit den Problemen der Armut beschäftigt, wird diesem Wort aus Joh 12,8 größte Aktualität bescheinigen. Steffen Fleßa hat das getan. Fleßa ist Professor für Internationale Gesundheitsökonomik an der Universität Heidelberg. Seine Thesen zur Zukunft der Diakonie werden derzeit heiß diskutiert. Die Ziele der Diakonie sind – so Fleßa – aus der Bibel abzuleiten. Diakonia übersetzt er mit „liebevollem Dienst am Nächsten“. Nach der Endzeitrede Jesu heißt das vor allem der liebevolle Dienst an den „geringsten Brüdern“. Auch heute noch sei „Liebe als Dienst an den Schwachen und Hilflosen das Proprium und der alles überragende Anspruch diakonischen Denkens“. Sein Fazit: Sowohl aus theologischer wie auch aus wirtschaftlicher Sicht müssen sich diakonische Sozialleistungsunternehmen wieder ihrer originären Zielgruppe zuwenden: den materiell Armen. Ohne zu leugnen, dass auch andere Menschen Hilfe brauchen, engt er den Kreis der Bedürftigen radikal ein: Arm ist, wessen Lebenswirklichkeit nachhaltig dadurch geprägt ist, dass er hungert oder dürstet oder friert. Arm ist, wer nicht in der Lage ist, ohne fremde Hilfe diesem Zustand abzuhelfen. Diakonie soll

„Spirituali-

sich der absolut Armen annehmen – die Pflege der relativ Armen kann man getrost anderen überlassen. Das dadurch frei werdende Geld wird dringend gebraucht: im Dienst an den „wirklich“ Armen. Solange es in der Welt Hunderte von Millionen solcher „wirklich“

zwischen Wellness und Selfness“

Armen gibt, sollte über die Vorschläge von Fleßa dringend intensiv nachgedacht werden! Markus Haag

Steffen Fleßa: Arme habt ihr allezeit! Ein Plädoyer für eine armutsorientierte Diakonie. Vandenhoeck und Ruprecht (Göttingen) 2003. 184 Seiten. ISBN 3-525-62374-7. 21,90 EUR.

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Thema: Gemeindenahe Diakonie

Vesperkirche: zu Gast in Gottes Haus Im Spätwinter füllt sich die Wasseralfinger Magdalenenkirche jeden Mittag mit Menschen aus den verschiedensten Schichten der Gesellschaft. Sie kommen miteinander ins Gespräch. Auch das Mitarbeiterteam ist bunt zusammengewürfelt. „Die Mischung macht´s“ lautet das Motto dieser Vesperkirche. Marc Stippich hat sich informiert. Die Wasseralfinger Vesperkirche kann im zehnten Jahr ihres Bestehens auf eine erstaunliche Geschichte zurückblicken: Was 1997 als herausforderndes, aber überschaubares Projekt begann, hat heute große Breitenwirkung. Vom 5. Februar bis 5. März öffnete die Magdalenenkirche auch dieses Jahr ihre Türen. Durchschnittlich 200 bis 250 Essen täglich wurden ausgegeben. 120 ehrenamtliche Mitarbeitende sorgten für einen reibungslosen Ablauf. Das Essen wird die Woche über von der Caritas-Beratungsstelle für Wohnungslose geliefert. Am Wochenende kommt es von ortsansässigen Metzgereien und Gaststätten. Für wenig Geld bekommen alle Gäste nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch eine Tasse Kaffee und ein Stück selbstgebackenen Kuchen. Immer um 13 Uhr findet eine Kurzandacht statt, die ebenfalls meist von Ehrenamtlichen gestaltet wird.

Eine Gemeinde wagt etwas Wie kommt es, dass bei der Wasseralfinger Vesperkirche nicht eine Gruppe zahlenmäßig dominiert, wie es andernorts der Fall ist? Blicken wir zurück auf die Anfänge. Nachdem damals Pfarrerin Ursula Richter den Kirchengemeinderat für das Projekt „Ves-

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perkirche“ gewonnen hatte, musste es auf möglichst breite Füße gestellt werden. Es gelang von Anfang an, einen großen Unterstützer- und Mitarbeiterkreis zu gewinnen. Aber auch vom Gmünder Torplatz in Aalen, wo sich Menschen vom Rand der Gesellschaft aufhalten, ließen sich gleich zu Beginn einige zum Besuch der Vesperkirche bewegen. Und sie blieben, brachten andere mit und boten sich bald selbst als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin an. Die Gemeinde ließ sich darauf ein. Mehr noch: viele Gemeindeglieder haben persönliche Kontakte zu den Langzeitarbeitslosen aufgebaut. Sie wurden nach Hause eingeladen, bekamen Unterstützung bei der Arbeitssuche und beim Ausfüllen von Formularen. Auch im Pfarrgarten konnte hin und wieder jemand nächtigen. Und die zuvor Ausgegrenzten packten selber mit an. Heute läuft die Zusammenarbeit von Menschen mit so unterschiedlichen Biographien erstaunlich reibungsfrei. Zu einem großen Teil scheint dies an der Atmosphäre des Raumes zu liegen.

Die Wirkung des Kirchenraums Die Kirche entfaltet eine große Wirkung auf Mitarbeitende und Besucher. Gerade Langzeitarbeitslose haben ein besonderes


Gespür dafür. Sie ermahnen sich gegenseitig, zum Beispiel wenn jemand sich mal nicht an die Regeln „kein Alkohol, keine Zigaretten in der Kirche!“ hält. Was ihn berührt, drückt einer von ihnen so aus: „Es ist etwas Besonderes hier in der Kirche. Die Stimmung ist ganz anders. Ich habe das Gefühl, dass Gottes Auge bei uns ist und auf uns schaut.“

Die Gemeinde wächst Bindet die Vesperkirche Kräfte, die über das Jahr dann fehlen? Im Gegenteil. Die Besucherzahl der Gottesdienste hat sich vergrößert, das Spektrum verbreitert. Regelmäßig werden verschiedene Gruppen in die Gestaltung eingebunden. Im alten Pfarrhaus neben der Kirche ist ein Besuchercafé, das „MagdaEckle“, entstanden. Hier wird ein wöchentliches Frühstück und ein Jugendtreff angeboten. So mancher vom Gmünder Torplatz besucht öfters die Gottesdienste oder hilft im Magda-Eckle mit. Einige haben wichtige Schritte zurückgelegt auf dem Weg wieder hinein in die Gesellschaft. Einige haben sich taufen lassen.

Wertschätzung als Grundsatz Wichtig ist, dass jeder so gehen darf, wie er gekommen ist. Gerade Leute aus unteren Gesellschaftsschichten sind äußerst sensibel dafür, wenn sie jemand nicht so akzeptiert, wie sie sind. Erleben sie sich wertgeschätzt, kann das bei ihnen erstaunliche Prozesse auslösen. Ursula Richter legte von Anfang an Wert darauf, dass in der Vesperkirche keine Armenspeisung stattfindet, sondern die gleiche Würde aller unterstrichen wird. Und sie betont, dass man sich dabei in den Spuren Jesu bewegt, für den es keine hoffnungslosen Fälle gibt.

Anziehungspunkt Vesperkirche Die Vesperkirche zieht viele an, und weitere Dienste kamen hinzu. Die diakonische Bezirksstelle bietet wöchentlich Schuldnerund Suchtberatung an. Im alten Pfarrhaus findet sieben Tage lang ein Kleiderbasar statt. Jugendliche aus Schulen und Vereinen engagieren sich zeitweise. Der Aalener Dekan Erich Haller erzählt, dass der Erfolg der Vesperkirche auch andere Gemeinden ins Nachdenken über eigene diakonische Projekte brachte. So wurde z.B. von den Aalener Stadtgemeinden ein Tafelladen eröffnet.

Bleibender Werkstattcharakter Alle Projekte werden entscheidend von Ehrenamtlichen getragen. Einige übernehmen dabei große Verantwortung, andere engagieren sich in überschaubaren Bereichen. Gebraucht werden unterschiedlichste Gaben, so dass alle eine Aufgabe finden. Pfarrerin Richter engagiert sich vor allem in der Mitarbeiterbetreuung und bei theologischen und seelsorgerlichen Fragen. Wo viele mitarbeiten, ist auch vieles im Fluss. Aber das stört sie nicht. „Unsere Arbeit sollte immer Werkstattcharakter behalten“ meint sie. Und fügt hinzu: „Der Künstler Friedensreich Hundertwasser sagte einmal treffend: ´Die gerade Linie ist gottlos´“. Marc Stippich, Pfarrer in Grunbach, besuchte für diesen Artikel seine Heimatgemeinde Wasseralfingen

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Thema: Gemeindenahe Diakonie

„Das Evangelium besser verstanden“ Ursula Richter ist seit 1992 Pfarrerin in Wasseralfingen und war in den 90er Jahren EKD-Synodale und Landessyndole der Offenen Kirche. Im Gespräch mit Marc Stippich äußert sie sich zur Vesperkirche. Was ist das Besondere der Vesperkirche in Wasseralfingen, Frau Richter? Unsere Vesperkirche ist sicher die provinziellste von allen. Wir haben versucht, das große Vorbild der Stuttgart Leonhardskirche herunter zu transponieren in eine Vesperkirche, die stark in unserer Kirchengemeinde und in unserem Ort verhaftet ist. Bei uns mischen sich alle Gesellschaftsund Altersschichten. Wir wollten mit der Vesperkirche kein neues Ghetto für Randgruppen schaffen! Es war von Anfang an unser Wunsch, dass Menschen unter dem Kreuz zu einer Gemeinschaft zusammen finden, die

sonst niemals ein Wort miteinander gewechselt hätten. Die Gemeinschaft, in der jeder gleichberechtigt seinen Platz haben darf, haben viele im wörtlichen Sinn als heilend erfahren. Wenn der Brückenschlag zwischen ganz unterschiedlichen Menschen gelingt, geschieht etwas ungeheurer Spannendes, etwas Neues, so wie bei einer chemischen Reaktion verschiedener Elemente ein neuer Stoff entsteht.

Inzwischen sind auch Langzeitarbeitslose im Mitarbeiterteam. Wie funktioniert die Zusammenarbeit trotz der Unterschiede? Viele Gemeindeglieder, die ja in der Regel etablierten Schichten entstammen, haben beim Mitarbeiten die Erfahrung gemacht: Ja, genauso ist es eigentlich richtig. Sie haben durch das Erleben das Evangelium noch einmal besser verstanden. Die Armen haben gespürt: Hier bin ich nicht allein. Hier kann ich Freunde finden. Die Mitarbeiter haben erlebt: Hier tue ich etwas elementar Sinnvolles. Und wir haben viel Spaß miteinander! Alle dürfen kommen und gehen, so wie sie sind. Das Verändernde kommt bei vielen dann von selbst. Man merkt schnell, wer Kontakt zu uns sucht. Wenn der persönliche Kontakt zu Einzelnen fester wird, redet man auch über kritische Dinge. Aber das ist nicht das Erste. Wenn jedoch Freundschaften möglich werden, kann man sich auch gegenseitig die Wahrheit sagen. Viele Menschen vom Gmünder Torplatz kommen und wollen mitarbeiten. Sie finden das etwas ganz Besonderes. Was sie zu einem neuen Verhalten anspornt, ist der Gedanke: „Hier muss ich mich als Vorbild verhalten.“ Vielleicht gibt es deswegen trotz so unterschiedlicher Mitarbeiter keinen Zoff. Man kann bei uns lernen, dass Menschen Fehler machen, dass man die Fehler einander aber nicht nachträgt.

Welche Bedeutung hat der Kirchenraum für die Vesperkirche? Der Kirchenraum prägt die Atmosphäre in hohem Maße. Er hat etwas elementar Ansprechendes, vor allem für kirchenferne Menschen. Wir sitzen, wenn wir miteinander essen und reden, direkt unter dem Kreuz. Damit machen wir deutlich, dass Jesus unser Gastgeber ist. Einige der Besucher, die seit langem arbeitslos sind, haben mir berichtet,

Die Vesperkirche dauert nur einen Monat. Gelingt es der Kirchengemeinde, diese schichtenübergreifende Gemeinschaft auch das Jahr über aufrechtzuerhalten? Die Vesperkirche hat das Gemeindeleben sehr stark beeinflusst. Einfach dadurch, dass neue Leute bei uns hängen geblieben sind. Vor allem in den ersten Jahren war zu allen Gästen ein sehr intensiver Kontakt möglich, von Mensch zu Mensch. Wir haben

Pfarrerin Ursula Richter im Gespräch mit einer Besucherin der Vesperkirche

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dass sie beim ersten Mal, als sie in die Kirche kamen, von dem Kreuz mit den ausgebreiteten Armen ganz besonders angerührt wurden. Der Willkommenshandschlag, den wir ihnen geben, setzt sich fort in den ausgebreiteten Armen Jesu. Das Kruzifix ist von überall im Raum zu sehen. Jesus selbst hat mit vielen Menschen vom Rand der Gesellschaft die Tischgemeinschaft gesucht. Dadurch, dass wir die Türen unserer Kirche weit aufmachen, verliert sie nichts an Würde. Im Gegenteil, ihre Würde strahlt auf die Leute aus und gibt diesen eine neue Würde.


Thema: Gemeindenahe Diakonie die Lebensgeschichten der Besucher kennen gelernt. Etliche Mitarbeitende waren bereit, einzelne weiter zu begleiten, sich konkret um sie zu kümmern. Wichtig ist, dass dabei kein Helfer-Opfer-Gefälle entsteht. Aber manche haben wirklich Freundschaften geschlossen. Nicht jede Gemeinde kann eine Vesperkirche auf die Beine stellen. Was empfehlen Sie anderen Gemeinden von ihren Erfahrungen

her? Jede Gemeinde sollte sich den Luxus erlauben, einmal zu überlegen: Wie können wir als lokale Gemeinde für Menschen mit einer ganz anderen Kultur offener werden? Wie werden wir einladender für Fremde, so dass sie Raum bei uns finden und sich willkommen fühlen? Wie können wir mehr zu einem Zeichen der umfassenden Liebe Gottes werden?

„Eine Brücke in die Gemeinde hinein“ Bischof Frank O. July stattete der Wasseralfinger Vesperkirche zum 10jährigen Jubiläum einen kurzen Besuch ab. Marc Stippich hat mit ihm gesprochen. Herr July, wie erklären Sie sich die große Wirkung der Wasseralfinger Vesperkirche? Was mir sehr gefällt, ist, dass diese Vesperkirche ein Treffpunkt der Verschiedenen ist. Der anders genützte Kirchenraum kann dazu helfen, dass kirchendistanzierte Menschen eine gewisse Schwellenangst verlieren. Sie haben die Möglichkeit, den Sakralraum einmal aus anderer Perspektive wahrnehmen. Vielleicht baut ihnen das eine Brücke in die Gemeinde hinein. Die Vesperkirche zeigt, wie eine normale Gemeinde diakonisch tätig sein kann. Wie stellen Sie sich das Verhältnis zwischen gemeindenaher und institutioneller Diakonie vor? Wir brauchen die gemeindenahe Diakonie. Die Gemeinden vor Ort sollen erleben, dass auch sie etwas bewegen können. Hier können Ehrenamtliche wertvolle Erfahrungen sammeln. Jedoch muss es auch die Unternehmensdiakonie geben. Ihre Professionalität ist von Ehrenamtlichen nicht zu leisten. Die Unternehmensdiakonie muss aber neu lernen, den Kontakt zu den Gemeinden zu

suchen. Wichtig ist, dass Gemeinde und professionelle Diakonie sich nicht gegenseitig aus-

Bischof Frank O. July in Wasseralfingen

spielen, sondern voneinander und miteinander lernen.

Die Karten werden neu gemischt Ein Kommentar von Marc Stippich Man mag darüber staunen, dass das Projekt Vesperkirche so reibungsarm vonstatten geht – trotz immer höherer Besucherzahlen und vieler extrem unterschiedlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Was dort geschieht, ist fast so etwas wie ein Paradigmenwechsel in der Gemeindearbeit. Da wurde ein Projekt initiiert, das von den Hauptamtlichen von vornherein nicht zu leisten und zu koordinieren war. Weil jedoch der Funke übersprang und eine konkrete Vision von vielen geteilt wurde, entwickelten sich Strukturen, bei

denen Hauptamtliche fast nur noch eine Nebenrolle spielen. Sie bleiben wichtig als Impulsgeber und Mentoren, arbeiten aber vermehrt im Hintergrund und lassen andere nach vorne. In unseren Gemeinden wird nicht weniger, sondern mehr möglich, wenn sich Hauptamtliche unserer Kirche in diese neue Rolle hineinfinden.

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Thema: Gemeindenahe Diakonie

Thesen zu einer gemeindenahen Diakonie Inwiefern gehören Gemeinde und Diakonie zusammen? Und was hat Diakonie mit Mission zu tun? Der Redaktionskreis des Zitronenfalters hat sich darüber theologisch ausgetauscht. Marc Stippich hat die Antworten zusammengefasst.

Diakonisches Engagement verhilft den Menschen so zu leben, wie es ihrer Würde als Ebenbilder Gottes entspricht

1. Diakonie und Mission gehören zum Auftrag jedes Christen und jeder Kirche und Gemeinde. Wir sind wie die ersten Jünger/innen zu den Menschen gesandt, „zu predigen und zu heilen“ (Lk 9,2). Nur im Tun dieses Doppelauftrags erfahren Menschen die Botschaft des Evangeliums in vollständiger Weise. Geschieht beides, können bei ihnen äußerliche und innere Veränderungsprozesse angestoßen werden. Jesus Christus will Menschen durch seine Kirche Heil und Heilung zukommen lassen. 2. Diakonisches Engagement veranlasst Gemeindeglieder dazu, ihre Mitmenschen mit Christi Augen zu sehen. Sie vollziehen die Bewegung Jesu Christi nach, der sich den Bedürftigen zugewandt und ihnen zu neuer Würde verholfen hat. Insofern Diakonie Nachfolge Christi ist, kann die einzelne Gemeinde, nicht darauf verzichten. 3. Diakonisches Engagement gibt den Menschen, was ihnen von Gott her schon immer zukommen soll. Sie verhilft ihnen dazu, so zu leben, wie es ihrer Würde als Ebenbilder Gottes entspricht. 4. Diakonisches Engagement verändert die Bedürftigen nicht nur in

ihrer konkreten Situation. Sie werden dazu befreit, aufzubrechen zu dem hin, der ihnen im Handeln der Gemeinde entgegengetreten ist. Ihnen wird die Möglichkeit eines Neuanfangs gegeben, der ihr ganzes Leben betrifft. 5. Diakonisches Engagement verändert eine Gemeinde. Hemmschwellen werden überbrückt, das Problembewusstsein wird erweitert. Den einzelnen Beteiligten wird geholfen, ihrem Glauben eine sichtbare äußere Gestalt zu geben. 6. Diakonisches Engagement setzt Gaben frei. Menschen ganz unterschiedlicher Art werden gebraucht. Die einzelnen können ihre Gaben entdecken und entwickeln und so wichtige Lernerfahrungen machen. 7. Diakonisches Engagement verbindet Jüngere und Ältere in einer Gemeinde. Wenn sie eine konkrete Aufgabe haben, wachsen die Generationen zusammen. So wird der Austausch zwischen den Gemeindegliedern bereichert. 8. Diakonisches Engagement bindet Leute in die Mitarbeit ein, die bisher in der Kirche keine Aufgaben hatten. Insofern wird das Spektrum derer, die in der Gemeinde tätig sind, erweitert. 9. Im diakonischen Handeln werden beide, Dienende und Empfangende, beschenkt. Letztlich ist es Christus selbst, der uns im jeweils anderen entgegentritt und uns verändert. 10. Im gelungenen diakonischen Engagement tritt eine Gemeinde weit in die Öffentlichkeit hinein. Sie erzeugt Aufmerksamkeit auch bei denen, die „religiös unmusikalisch“ sind. Die sichtbare Verbindung von Reden und Tun kann Interesse daran wecken, woher Christinnenen und Christen Auftrag und Kraft für ihr Engagement empfangen.

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Essensausgabe in der Vesperkirche Wasseralfingen


Bausteine

Mehr als eine Chance Straffällige Jugendliche in die Jugendarbeit integrieren? Das ist möglich. Und vor allem bei offenem Strafvollzug eigentlich kein großes Problem, meint Angela Schwarz. „Chance“ nennt sich ein Projekt für junge Straffällige am Rand der Stadt Leonberg. Im „Jugendhof Seehaus“ verbüßen sie ihre Strafe im sogenannten „offenen Vollzug“. Dieser ist nicht nur eine Chance für die verurteilten Jugendlichen, sondern auch für die kirchliche Jugendarbeit.

Vorurteile abbauen Möglichkeiten zur Kooperation mit dem Träger des Projektes, dem Jugendhof Seehaus, gibt es dabei viele. So haben wir z. B. unseren regelmäßigen Gottesdienst in der Reithalle des Seehauses durchgeführt. Jugendliche aus unserem Gottesdienstteam planten mit einigen Jugendlichen aus dem Projekt den Gottesdienst und führten ihn mit ihnen zusammen durch. Dabei kam es zu vielen guten Begegnungen. Die Jungs aus dem Seehaus konnten ihre Begabungen in die Band, beim Anspiel, beim Aufbau und Abbau einbringen. Dabei hat die gemeinsame Aktion Berührungsängste und Vorurteile abgebaut. Beziehungen entstanden und konnten auch nach dem Event weiter aufrechterhalten werden. Ein Jugendlicher aus dem Seehaus ist zum Beispiel danach fest in unser Gottesdienstteam eingestiegen, ein anderer nutzte die Chance

und engagierte sich in unserer Gottesdienst-Band.

Spielabend im Strafvollzug Seither gibt es auch einige Mitarbeitende des Jugendwerks, die immer wieder zu Spielabenden oder zum gemeinsamen Kochen ins Seehaus fahren. Besonders intensiv war die Zeit, die zwei Jungs aus dem Seehaus zusammen mit anderen bei einer Woche gemeinsamen Lebens im Sommer erlebten. Nach Absprache mit der Seehaus-Leitung konnten sie mit den anderen Jugendlichen im Freizeithaus übernachten und „ganz normal“ am Programm teilnehmen. Das war auch für die Verantwortlichen im Jugendwerk eine neue, sehr positive Erfahrung. Sie hat Mut gemacht, Jugendliche, die nicht zur üblichen Jugendwerks-Klientel gehören, neu in den Blick zu nehmen. Weitere Infos: www.prismajugendhilfe.de

Jugendliche, die nicht zur üblichen Klientel gehören, neu in den Blick nehmen!

Angela Schwarz, Jugendreferentin im Evangelischen Jugendwerk Bezirk Leonberg und an den Aktionen beteiligt

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Bausteine

Kinderhaus „Kunst und Spiel“ Ein Bericht von Eva Kreis über ein soziales Stadtteilprojekt der Evangelisch Lutherischen Kirchgemeinde Sonneberg in der Plattenbausiedlung Wolkenrasen.

Ich kenn ein Haus, schau’n viele Kinder raus, aus buntbemalten Scheiben lachen sie dir ins Gesicht, Langeweile gibt es nicht, schau doch mal bei uns herein!

Schau herein ins kunterbunte Kinderhaus „Kunst und Spiel“, häng deine Jacke auf an der Leiter, die zur Gardarobe umfunktioniert ist und nimm Platz auf einem kunterbunt bemalten Stuhl, vielleicht auf diesem plüschverzierten hier. Oder möchtest du doch gleich auf dem Kletter-Kamel reiten und das Ganze von oben betrachten? Zunächst bist du fast verwirrt von diesem ganzen „Kunterbunt“. Aber bald spürst du die Ruhe und den Frieden, wenn die Sonne durch die hellen Fenster flutet und den weiten Raum mit seinen gelben pink orangefarbenen Wänden in mildes Licht taucht. Überall siehst du Kinder, sie malen und spielen, sie fädeln Perlen oder töpfern, sie schmücken einen festlichen Tisch für die Teepause, andere üben einen Tanz ein. Du kannst dir ein Buch zum Schmökern suchen, dich aufs Sofa lümmeln. An der Wand darfst du deinen Handabdruck hinterlassen, ein Stück von dir. Und wenn du Spaß am Drucken hast, lass dir von den Kindern zeigen, wie du aus der Linolplatte mit dem Messer dein Bild heraus „baggern“ musst und wie viel Spaß es macht, die Überraschung zu erleben, wenn du die Druckplatte vom Papier ziehst. Die Hände kannst du dir im Bad waschen. Dort tauchst du ein in eine fantastische Glitzerwelt. An der Wand kleben die selbst gestalteten Kacheln, ein Mosaik aus bunten Glasscherben, Perlen, Steinchen und Spiegelstückchen: Fische und Blumen und Schlösser.

Mutsprünge ins Leben Und dann dieser fensterlose, geheimnisvolle Glitzerraum: Decken

und Wände, Tische und Schränke beklebt mit Gold und Silber, weinrotem, dunkelblauem und grünem Glanzpapier. Oben auf dem Schrank haben sich die Kinder eine Glitzerhöhle gebaut, später werden sie Mutsprünge von diesem Schrank herunter wagen. Den „blauen Raum“ kennst du noch nicht. Hier siehst du, wie die Kinder sich ein Märchenschloss bauen aus zahllosen blauen Matratzen und seidigen Chiffontüchern. Stoffbahnen gibt es zur Genüge und wenn alles fertig ist, finden hier oft die wertvollsten Gespräche statt. Sorgen und Nöte, aber auch die Freuden des Lebens werden geteilt. Ein Gong ruft zur Teepause und all die Kinderhauslieder ertönen bis auf die Straße: Wir gehören zusammen, ich gehöre dazu, keiner soll allein sei, wichtig bist auch du.

Selbstbestimmt und eigenverantwortlich „Ich bin wichtig!“ „Ich gehöre dazu!“ „Ich bin geliebt!“ „Ich kann das, schau, das habe ich gemacht!“ Das Kinderhaus „Kunst und Spiel“ will ein Ort sein, an dem Kinder diese Erfahrung machen dürfen. Es wurde in der Plattenbausiedlung Wolkenrasen in Sonneberg von der Kirchengemeinde mit Hilfe des Fördervereins Lebenswasser und zahlreichen Spendern eingerichtet. Es ist eines von mehreren sozialdiakonischen Projekten, in denen die Gemeinde ihren gesellschaftspolitischen Beitrag leistet und Menschen dienen möchte, die Gott nicht kennen. Der laufende Betrieb wird ausschließlich von Spenden finanziert. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen engagieren sich


mit viel Liebe für die 6- bis12-jährigen Kinder und bieten ihnen an den Nachmittagen Raum, in dem sie ihre Freizeit kreativ gestalten können. Dabei verändert sich das Kinderhaus fortwährend, denn Einrichtung und Gestaltung geschehen in einem offenen Prozess, an dem die Kinder eigenverantwortlich beteiligt sind. Das Kinderhaus ist ein Ort, … wo Kinder sich ausdrücken dürfen … wo Kinder ihre Vorstellungskraft einsetzen und ausleben … wo Kinder mit allen Sinnen wahrnehmen und nachdenken, … wo Kinder lernen, selbstbestimmt und verantwortlich zu handeln und miteinander umzugehen, … wo Kinder geliebt werden und Menschen kennen lernen, die Jesus Christus lieben.

Farbfleck der Hoffnung Einige Kinder dieser grauen, trostlosen und anregungsarmen Wohnblocksiedlung, in der an jeder Ecke ebenso trostlos arbeitslose Menschen den grauen Alltag mit Alkohol hinunterschlucken, kommen aus sehr verwahrlosten Verhältnissen. Für sie wird das Kinderhaus fast ein Zuhause und wenn sie große Bilder malen, verarbeiten sie darin auch manche traumatische Erfahrung. Andere

Kinder kommen aus fantastischen Familien und bereichern das Leben mit ihren kleinen, starken Persönlichkeiten. Also ist die Kindergesellschaft ebenso kunterbunt gemischt wie das Haus selbst — ein Farbfleck der Hoffnung in der grauen Wohnblocksiedlung. Im Zentrum aber lebt Jesus Christus, den die Mitarbeiterinnen mit Lobpreis und Gebet jeden Tag neu einladen und beschützt wird es von Gottes Engeln. Das ist es, was dem Kinderhaus diese stille Atmosphäre des Friedens und der Ruhe schenkt, das ist es, was die Kinder letztlich spüren — und die Eltern, die hereinschauen, auch. Das ist es, was die Gemeinde unter offener christlicher Sozialarbeit versteht — ein Vorhof der Gemeinde zu sein, in dem Jesusfreunde zu Menschenfreunden werden und Liebe gelebt wird, und sei es nur für diesen Tag. Eva Kreis/ Mitarbeiterin und Initiatorin des Kinderhauses „Kunst und Spiel“

Für die Arbeit im Kinderhaus „Kunst und Spiel“ werden Jahrespraktikanten gesucht. Nähere Infos bei Eva und Günter Kreis Tel. 03675/421467 E-Mail: Guenter.Kreis@gmx.de

Der Aufbau einer Hospizarbeit vor Ort MitarbeiterInnen der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde Zuffenhausen schlossen sich 1998 zusammen, um eine ambulante Hospizgruppe aufzubauen. Anfangs war ich die einzige Ehrenamtliche im Team. Im März 1999 gingen wir mit einer Vortragsreihe an die Öffentlichkeit. Im Anschluss daran luden wir über die Zeitung zu einem Grund- und Aufbaukurs für ehrenamtliche Hospizmitarbeitende ein. Viele Interessierte kamen. Ein Jahr später war die erste Gruppe ausgebildet und einsatzbereit. Diese MitarbeiterInnen sind bis heute dabei. Inzwischen haben wir weitere Grund- und Aufbaukurse angeboten. Seit dem Weggang von Diakonin Susanne Schweitzer im Jahr 2005 gibt es keinen hauptamtlichen Mitarbeiter in der Hospizgruppe mehr. Seither leite ich die Gruppe alleine, werde aber von allen MitarbeiterInnen unterstützt. Das Besondere an der Hospizgruppe ist für mich die menschliche

Nähe untereinander. Wir teilen so viel Leben miteinander. Unerlässlich ist die ständige Weiterbildung. Im Grundkurs und bei allen Weiterbildungen geht es immer um die eigene Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Sterben, dem Tod und der Trauer. Man lernt für sich selbst unwahrscheinlich viel. Von Anfang an war das Anliegen unserer Gruppe, zu ermöglichen, dass Menschen zu Hause sterben dürfen. Wir begleiten Angehörige, tragen ihre Trauer mit und bringen das Thema „Leben und Sterben“ ins Gespräch. Die eigene Bereicherung durch die unterschiedlichen Einsätze ist kaum in Worte zu fassen. Gerne erzählen wir bei Interesse mehr davon!

Es geht immer um die eigene Auseinandersetzung mit Leben, Sterben, Tod und Trauer

Die Verfasserin Mary Kling und Susanne Schweitzer haben die Hospizgruppe lange verantwortlich betreut. Kontakt: 0173/8488410

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Bausteine

Gemeinde mit Diakonie- und Sozialfonds Wie kann vor Ort schnell und unbürokratisch geholfen werden? Martin Allmendinger beschreibt die Grundzüge eines Sozialfonds. Gründe für einen solchen Fonds vor Ort gibt es viele. Zunehmende Armut, Veränderung der Arbeitslosen – und Sozialgesetzgebung, demographische Veränderungen und die Not bei Menschen mit MigrationsHintergrund. Der örtliche Fonds hilft dann in Kooperation mit kommunalen, staatlichen und diakonischen Einrichtungen – unbürokratisch, orts- und zeitnah.

gern berücksichtigen.

Wo und wann helfen?

Situationen, in denen geholfen werden kann, gibt es oft: Die Konfirmation des Sohns einer aramäischen Christin, die Asylbewerberin ist. Die drohende Haftstrafe einer Frau, die beim Schwarzfahren erwischt, sich um die 30 € Grundschuld nicht kümmerte, so dass eine Erzwingungshaft über 400 € anAufbau des Fonds geordnet wurde. Nach dem Tod einer suchtDie örtlichen Kirchengemeinden, auch kranken Frau wäre es gut, wenn die minderkonfessionsübergreifend, stellen eine erste jährigen Töchter bei einer Freizeit mitfahren finanzielle Basis für den Fonds bereit. Die könnten. Der Träger der Freizeit halbiert die Vermögensverwaltung erfolgt bei einer KirKosten, kann aber nicht mehr tun. chenpflege. Zuflüsse zum Fondsvermögen erAlle Beispiele zeigen, dass es auch andefolgen durch Sonderopfer in Gottesdiensten, re Lösungen gibt, die aber viel persönliches Aktionen, Vermächtnisse und durch EinzelEngagement erfordern. Deshalb bleiben die und Gruppenspenden. Menschen oft mit ihrer Not allein. Die finanzielle Unterstützung schließt das Kontakthalten ein, das Einbeziehen der Hilfeempfänger Vergabe-Gremium und -Kriterien ins Gemeindeleben. Auch eine (teilweise) Zur zeitnahen Abwicklung von finanziellen Rückzahlung kann so ermöglicht werden. Hilfen ist ein Vergabegremium notwendig mit kompetenten Personen aus Kirche, Diakonie Martin Allmendinger, Geschäftsführer und eventuell der Sozialverwaltung. Wichtig im Bezirksjugendwerk Esslingen und sind klare Vergabekriterien, die flexibel auch schon immer diakonisch aktiv. die persönliche Situation von Hilfeempfän-

miniDienste: Jung hilft Alt Seit anderthalb Jahren gibt es in Markgröningen die miniDienste: Teenager bieten älteren Menschen bei den vielfältigen Herausforderungen des Alltags ihre Hilfe an. Ein Bericht von Lutz Eisele

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Ältere Menschen sind oft in der Lage, dass sie nur eine Kleinigkeit erledigen müssen, es aber nicht selbst können: Eine Sicherung ist durchgeknallt, im Rathaus ist ein Formular abzuholen, die Vorhänge müssen gewaschen werden oder der Winterdienst ist zu erledigen. Deshalb haben wir die miniDienste ins Leben gerufen: Kleine Hilfen sollen unentgeltlich geleistet werden, meist einmalig. Die miniDienste gehen auf eine Initiative des Kreisseniorenrats zurück. Die größte Überraschung für uns war es, dass sich vor allem aus unserer offenen Jugendarbeit Freiwillige gemeldet haben – ein Beweis dafür, dass dieser Bereich nicht nur für Gemeindehaus-Vandalismus stehen muss! Interessant ist auch, dass die Anreize, die wir geschaffen haben, für die Jugendlichen fast belanglos waren: Der Quali-Pass des Landratsamts ist

für sie offensichtlich kein Ansporn oder wie es einer der Helfer ausdrückt: „Wir können den älteren Leute eine Freude machen und sie sind dankbar“. Um das Projekt starten zu können, muss es jemand geben, der die Hilfegesuche koordiniert und die Helferkartei verwaltet, außerdem braucht es freiwillige Helfer und vor allem auch eine größere Werbeaktion. Es ist einfacher, Helfer zu finden, als Menschen, die sich helfen lassen wollen! Sehr informativ ist die Seite des Kreisseniorenrats Ludwigsburg zum Projekt: www.ksr-lb.de/ generationsuebergreifend/minidienste.php Lutz Eisele ist CVJM-Vorsitzender in Markgröningen, kfm-Mitglied und ein großer Fan der miniDienste


kfm intern

Frischer Wind in der anglikanischen Kirche „30 Jahre haben wir an eine Mauer geklopft. Jetzt ist sie einfach umgefallen.“ Bob und Mary Hopkins, Koordinatoren der Church Planting-Bewegung, beschreiben mit diesem Bild, was in ihrer Kirche geschieht. Reinhold Krebs hat sie getroffen. Fünf Tage lang waren Bob und Mary Hopkins in Württemberg unterwegs. Andreas Hiller, Pfarrer in Lichtenwald, hatte sie privat eingeladen. Auf dem Programm standen Besuche im Oberkirchenrat, in der Gemeinschaftsgemeinde Schönblick und bei „Akzente“ in Sulzbach. Sie trafen sich mit Verantwortlichen aus Jugendkirchen; und ihre Rückfragen, gespeist aus jahrzehntelanger Erfahrung, waren ebenso hilfreich wie ihre Vision für Süddeutschland. Zu einem Seminartag am 20.5. kamen rund 40 Interessierte in den CVJM Stuttgart.

fresh expressions of church Absolut spannend war, was sie über die Entwicklungen in ihrer Kirche berichteten. 2004 erschien „Mission shaped church“ als kirchliche Denkschrift. (Auszüge im Zitronenfalter November 2005, jetzt in deutscher Übersetzung erschienen unter „Mission bringt Gemeinde in Form“.) Neben einer Analyse, die soziologisch belegt, dass die Church of England keinen Kontakt zu vielen Bevölkerungsgruppen hat, werden „fresh expressions of church“ vorgestellt. Sie zeigen, wie Gemeinde in kirchendistanzierten Segmenten der Gesellschaft neu Gestalt gewinnen kann. „Fresh expressions of church“ (frische Ausdrucksformen von Kirche) hat als Begriff inzwischen „church planting“ (Gemeinde-Pflanzung) abgelöst und erinnert an eine Formulierung eines anglikanischen Bekenntnisses. Dort heißt es, dass jede Generation für eine „fresh expression of faith“ verantwortlich sei.

bischöfe von Canterbury und York, auch die Methodistische Kirche ist mit im Boot.

Loyale Radikale Der Ausdruck „mixed economy“ beschreibt inzwischen das Ende kirchlicher Monokultur. Die „fresh expressions“ sind nicht mehr exotische Sonderfälle, sondern das zweite Standbein einer Kirche, die mit Kirchendistanzierten wieder in Kontakt kommen will. Bereits 400 neue Gemeinden sind bei der Initiative registriert, darunter Jugendgemeinden, Basisgemeinden in sozialen Brennpunkten, eine „Breakfast church“ und „Space and Time“ für esoterisch Angehauchte. Bob und Mary Hopkins stehen noch etwas ‚ungläubig’ vor dieser Entwicklung. Die wichtigsten Leitungsgremien ihrer Kirche sind umgeschwenkt. „Die Mauer ist einfach umgefallen“. Rückblickend meinen sie, die „loyal radicals“ seien entscheidend gewesen. Menschen, die loyal zu ihrer Kirche standen, andererseits radikal neue Wege gingen. Zu Beginn seien sie als „Rebellen“ und „Spinner“ ausgegrenzt worden. Weil sie aber ihrer Sache und ihrer Kirche treu blieben, erwarben sie sich Vertrauen und viele erkannten im Lauf der Zeit: wir müssen tatsächlich Kirche neu denken und leben. Weitere Infos: www.freshexpressions.org.uk Reinhold Krebs, Herrenberg, Vorsitzender von Kirche für morgen, immer wieder von der Church Planting-Bewegung in England inspiriert

Kirche macht Ernst mit Mission Die Denkschrift rutschte auf Platz eins der christlichen Bestsellerlisten und wurde in allen Gremien diskutiert. „Wir hatten schon viele `milestone reports´. Aber zum ersten Mal werden die Empfehlungen darin massiv umgesetzt.“ berichtete Bob Hopkins. Dazu gehört z.B. eine neue Ausbildung für „pioneer pastors“. Zudem werden Kirchengesetze geändert. Neben die Ortsgemeinde, die durch räumliche Nähe definiert ist (neighbourhood), treten gleichberechtigt neue Gemeinden. Sie setzen in Lebenswelten an (network). Finanzmittel werden umgeschichtet, obwohl vielerorts die Kirche vor dem Bankrott steht. Die Zeitung „expressions“ stellt neue Gemeindeformen vor und wird in allen anglikanischen und methodistischen Gemeinden verteilt. Denn nicht nur die Erz-

Bob Hopkins im Gespräch

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kfm intern

Warum ich bei „Kirche für morgen“ bin Karlfriedrich Schaller ist Pfarrer an der Jakobuskirche Tübingen und Mitglied bei

Kirche für morgen. Wir leben in einer spannenden kirchengeschichtlichen Epoche. „Die konstantinische Kirchengestalt geht vor unseren Augen endgültig zu Ende. ‚Konstantinisch’, das war die Zeit der engen Verflechtung von Kirche-Staat-Gesellschaft“ (Paul Zuhlehner). Wer selbstkritisch die eigene Kirchenform und deren Inhalt betrachtet, wird nicht umhinkommen, dass grundlegende Entscheidungen anstehen — und wer im Welthorizont die Gemeinde Christi erlebt, wird dies nur begrüßen können.

Die Organisation soll dem Organismus dienen, nicht umgekehrt Bei meinen vielen Kontakten über unsere württembergische Landeskirche hinaus, auch nach Asien und Amerika, wird mir immer deutlicher, dass das Weiterwurschteln nach dem Motto: „Rette, was zu retten ist“ bald an Grenzen kommt. Wenn der Organismus („Leib Christi“) mit der Organisation (Kirche) verwechselt wird oder wenn die Organisation nicht mehr dem Wachstum des Organismus dient, dann ist unser protestantisches Selbstverständnis gefragt. Wem trauen wir eigentlich mehr: dem Herrn der Kirche oder den Verwaltern des Kirchenrechts?

Risikobereitschaft als Kennzeichen der Kirche Jesu Christi Nach Matthäus gehört die Risikobereitschaft zu den Kennzeichen der Gemeinde

Jesu Christi (Mt 25, 14-29). Alle meinen es ja irgendwie gut, aber das Gegenteil von gut ist oft gut gemeint. Da reden sie vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen (und tragen diese nicht eingelöste Protestantenikone vor sich her) und wenn es darum geht, dass eben diese Gläubigen mehr zu sagen hätten (z. B. bei der Pfarrerwahl oder der Gestaltung der Gottesdienste), dann kommt die entlarvende Antwort: „Die sind noch nicht reif genug!“ Fragt sich, wer da noch nicht reif für was ist! Es geht nicht darum, die Verwaltung und Strukturen abzuschaffen, nur ihr Platz muss eindeutig unter (hinter) den Gemeinden vor Ort angesiedelt sein. Sie sind die Glaubensträger, die Missionare, die Erfahrungsebene für unsern Glauben. Kirche für morgen blickt über den engen Landeskirchenhorizont.

Kirche für morgen ist nahe bei den Menschen Da erschreckt ja schon ein Blick auf die badische Nachbarkirche, die doch glatt andere Gemeindeformen als die der Parochie für denkbar hält. Da genügt ein Blick auf die „Lebenswelt“ derer, denen wir das Evangelium zu verkünden schuldig sind, um zu erkennen, unter welchem Konkurrenzdruck und Unsicherheitsfaktor diese Menschen ihr Vertrauen an Jesus Christus durchbuchstabieren müssen. Kirche für morgen lebt bei den Menschen, die Kirche gestalten. Ihr Blick geht – wie es in der Bibel ja vorgesehen ist – über die Gegenwart hinaus – in die Zukunft. „Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht, sondern den der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit!“ und eben den entdecke ich in der Kirche für morgen am deutlichsten!

Landessynodalwahl 2007 Noch 16 Monate sind es bis zur Wahl. Warum braucht es noch mehr zitronenfrische Synodale in der nächsten Synode? Der kfm-Synodale Markus Munzinger antwortet.

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Wir sind momentan dabei, unser Wahlprogramm für die Landessynodalwahl 2007 vorzubereiten (siehe auch den Artikel zur Zukunftskonferenz auf dieser Seite). Außerdem wollen wir in allen 26 Wahlkreisen unserer Landeskirche antreten. Die hohen Prozentzahlen, die wir bei der letzten Wahl in vielen Orten erreicht haben, machen uns Mut, dieses Mal auf mehr Synodalsitze zu hoffen. Auch die ersten Anfragen, die wir gestartet haben um Kandidatinnen und Kandidaten zu

finden, ermutigen uns sehr. In der nächsten Synode wollen wir alle sieben geschäftsführenden Ausschüsse besetzen können. Dazu brauchen wir mehr kfm-Synodale. Nur so können wir mehr von unseren Zielen und Anträgen durchsetzen. Wenn Sie mit uns Kirche für morgen gestalten wollen, dann lassen Sie es uns wissen. Die Kontaktadresse finden Sie auf der Rückseite dieses Heftes.


kfm intern

Zukunfts-Konferenz mit Zitronenduft Phantastisch produktiv wird sie bestimmt, die offene Zukunftskonferenz von Kirche

für morgen. Kreative und Kirchenkritische sind willkommen, wenn in Denkendorf am 16.9.06 Kirche nach vorne gedacht wird. „Zukunft der Kirche, Kirche der Zukunft und was Kirche für morgen dazu beitragen könnte“ – unter diesem Motto steht die Zukunftskonferenz am letzten Samstag der Sommerferien. Nicht nur Mitglieder, sondern auch Halb-Infizierte und alle Interessierten an einer Kirche für morgen sind eingeladen. In Open-Space-Manier werden selbstgewählte Themen in freien Gruppen visionär weitergesponnen, konkretisiert, verdichtet. Wer spannende und kreative Christenmenschen kennen lernen will, wer von einer erneuerten Kirche träumt, wer Themen, die ihm schon lange unter den Nägeln brennen, endlich mal mit andern diskutieren möchte,

wer „open space“ live erleben möchte, wer nicht im Jammern hängen bleiben, sondern Hoffnung tanken will im Blick auf eine Kirche der Zukunft, der darf diesen Tag nicht versäumen. Wir starten um 9.30 Uhr im CVJM-Haus Denkendorf (bei Esslingen) und beschließen den Tag um 16.30 Uhr mit Abendmahl, Gebet und Gottesdienst. Der Heilige Geist und „das kreative Feld der Gruppe“ werden den Rest des Tages bestimmen. (rh) Weitere Infos und Fahrtbeschreibung unter: www.kirchefuermorgen.de

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kfm intern

Interview mit Martin Allmendinger Martin Allmendinger ist Geschäftsführer des Bezirksjugendwerks Esslingen, Mitglied im Leitungskreis von Kirche für morgen und Synodal-Kandidat bei der Wahl 2007 im Wahlbezirk Esslingen. Privat genieße ich... das Privileg in einer Großfamilie zu leben. Auch wenn das manchmal anstrengend ist, freue ich mich immer wieder auf den ganz alltäglichen Wahnsinn mit sieben Kindern zwischen 14 und 29 und auf das erste Enkelkind in Kürze. Natürlich leben nicht mehr alle in einem Haus, aber oft ist sonntags beim Mittagessen der Bär los. Mittendrin meine Schwiegermutter, die in unserer Hausgemeinschaft mitlebt. Zum Lebensgenuss gehört für mich auch ein schwäbischer Rostbraten mit Röstkartoffeln und gegen ein gutes Glas Wein finde ich selten Argumente. Interessant wäre für mich ein Tag mit... Lothar Seiwert, weil er der einzige ist, dem ich die Chaosbewältigung in meinen vielfältigen Bezügen zutrauen würde. Mitarbeit bei „Kirche für morgen“ bedeutet für mich... Horizonterweiterung, der spannende Blick nach vorne und einiges an zusätzlicher Arbeit. Ich bleibe dabei, weil es mir mehr bringt als es mich kostet. Mein geistliches Profil ist am meisten geprägt von... Jesus Christus, meiner Mutter und meiner Patin, Georg Williams, Karl Wezel, Gottlieb Kirschner, Hanna und Walter Hümmer, Klaus Scheffbuch, Ignatius von Loyola vielen jun-

gen und älteren Schwestern und Brüdern und — von meinen Kindern. Gemeindenahe Diakonie heißt für mich... Armut und Benachteiligung in mein Haus zu lassen, die Bedürftigkeit der Menschen zu sehen und ernst zu nehmen, bevor ich ihnen mit Worten, auch mit guten Bibelworten Rat„Schläge“ erteile. Wertschätzung und Achtung brauchen alle Menschen. „Ehrung kommt vor Bekehrung“ sagte Wolfgang Vorländer. Jeder Mensch hat Gaben, die er in die Gemeinde einbringen kann. Diakonie ist für mich nicht Aktionismus in Sachen „Hilfe für andere“, sondern aus der Stille gelebte Bereitschaft zum „Leben teilen“. Die größten diakonischen Herausforderungen sehe ich in... den demographischen Veränderungen, steigender Altersarmut, der wachsenden Kluft zwischen Armen und Reichen und in dem Zerfall familiärer Strukturen. Zunehmende Vereinzelung führt zur Vereinsamung von jungen und älteren Menschen. Wie können wir menschenfreundliche Kommunikationswege schaffen und ein generationenübergreifendes Miteinander fördern? Meine Wünsche für eine Kirche der Zukunft sind… • dass Christus als Herr der Kirche die Mitte ist und sie von der Freude an diesem Herrn lebt • dass Kirche einladend, verlässlich, bunt und vielfältig ist. • dass Junge und Alte miteinander den Namen des Herrn loben, gemeinsam Verantwortung tragen • dass alle als Expertinnen und Experten ihre Gaben einbringen und daran die Aufgaben festgemacht werden und nicht an Ämtern. Die Fragen stellte Tabea Hieber, Markgöningen. Sie ist stellvertretende Vorsitzende von kfm ist immer wieder von der großen Kreativität des Mittfünfzigers Martin Allmendinger fasziniert.

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Kurz notiert

Was Tante Termine empfiehlt… Kirche für morgen-Zukunftskonferenz 16.9. Unter dem Motto „Zukunft der Kirche, Kirche der Zukunft und was Kirche für morgen dazu beitragen könnte“ findet am 16.9. im CVJM-Haus Denkendorf eine offene Zukunftskonferenz statt. Weitere Infos dazu auf Seite 17. Theologenkongress 18.-21.9. „Denn dein ist die Kraft – für eine wachsende Kirche“. Unter diesem Thema lädt die Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste (AMD) im September nach Leipzig ein. In acht Foren und knapp 60 Workshops findet sich viel Anregendes im Kongressprogramm, das vor allem, aber nicht nur auf Theologen ausgerichtet ist. Weitere Infos unter www.the ologenkongress.de.

Paket kostenlos. Darin enthalten sind über 20 Entwürfe für Veranstaltungen, eine CD und Werbemittel. Das Paket ist eine IdeenFundgrube: Jugendgottesdienst zum Thema, Lutherfilm mit Kürbissuppe, Posaunenfeierstunde, Anleitung zum Kirchenschlaf mit Schlafsack, Luther-Spielparcour, Gebetsnacht, Reformationsliederabend, Singspiel, Verknüpfung mit Konfirmandenunterricht oder Religionsunterricht. Infos, Flyer und ChurchNight-Paket im Kampagnen-Büro. Kontakt: wilfried.marx@ejwue.de - Fon 07119781-235 – Fax 0711-9781-30. Weitere Infos unter www.churchnight.de.

Leiterkurs spirituelle Begleitung ab 2/2007 Dieser kompakte Kurs umfasst im Jahr 2007 fünf Wochenenden auf dem Bernhäuser Forst, eine Exerzitienwoche und optional ejw-Kongress Jugendarbeit 30.9. eine geistliche Studienreise in die Osttürkei. „Der Jugend Raum geben“ – unter diesem Wesentliche Impulse kommen von Prof. Dr. Motto treffen sich am 30.9. rund 1000 Ehren- Dr. Paul Imhof, geleitet wird der Kurs von und Hauptamtliche aus der Evangelischen Alma Ulmer und Manfred Bletgen. Jugendarbeit in Bernhausen. Pete Ward Weitere Infos unter www.b-forst.de. (London), Matthias Sellmann (Hamm), CVJMGeneralsekretär Dr. Wolfgang Neuser und WillowCreek-Leitungskongress Landesbischof Frank O. July sind mit dabei. „Geistlich leiten – auf klarem Kurs“. Wer 70 Seminare finden sich im Programmheft, wissen will, wie das geht, kann vom 9. – 11. eine Praxisbörse in zwei Schulen präsentiert November 2006 mehr erfahren. Der zentrale neue Ideen. Der Sendungs-Gottesdienst mit Kongress findet in Bremen statt, doch werChristina Brudereck (Essen) und das Konzert den die hochkarätigen Veranstaltungen auch mit Claas P. Jambor geben neue Motivation nach Basel, Winterthur und Linz übertragen. und Inspiration. Anmeldeprospekte über In Vorträgen, Modell-Vorstellungen, Theakongress@ejwue.de terstücken und vielem mehr werden Ideen Weitere Infos unter www.kongressfür einen effektiven geistlichen Leitungsstil jugendarbeit.de weitergegeben. Weitere Infos unter www.willowcreek.de. ChurchNight–Kampagne zum 31.10. Unter der Schirmherrschaft von Bischof July führt das ejw die ChurchNight-Kampagne Hier könnte Ihre Anzeige stehen! durch. Ziel sind 200 zusätzliche Veranstaltungen in der „Halloween“-Nacht am 31.10. Der Zitronenfalter erscheint drei Mal jährDer Reformationstag soll vor Ort neu gefeiert lich mit einer Auflage von je 3.600 Exemplawerden und auch in die Medien kommen. ren – nutzen Sie Ihn als Werbemöglichkeit! Wer ernsthaft plant, eine Veranstaltung Weitere Infos bei lindner-service@gmx.de durchzuführen, erhält das ChurchNight-

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Zu guter Letzt Wo ist Gott zu finden? Martin Luther betonte immer wieder, dass Gott sich im Kommen Jesu Christi selbst erniedrigt hat, um den Menschen zu begegnen. In der Auslegung des Jesajawortes vom Immanuel (übersetzt: „Gott mit uns“), den die Jungfrau gebären wird, erklärt er: „Immanuel, das heißt: Gott ist bei uns im Schlamm und in der Arbeit, dass ihm die Haut raucht.“ (WA 4, S. 608) (ms)

Netzwerk „fresh expressions of church“ „Wir müssen alles dafür tun, neue Formen von Kirche zu unterstützen“ schreibt der anglikanische Erzbischof Rowan Williams. Wie auf Seite 15 berichtet, ließ er zusammen mit seinem Kollegen, dem Erzbischof von York, diesen Worten Taten folgen. Auch der „Methodist Council“ ist mit im Boot. So entsteht momentan das Netzwerk „fresh expressions“, dem sich Jugend-, Lebenswelt-, Café- und Basisgemeinden anschließen können unter www.freshex pressions.org.uk. Bereits 400 Initiativen und Gemeinden haben sich dort registriert. Ein ehemaliger BBC-Producer hat eine faszinierende DVD produziert, die 15 „fresh expressions“ vorstellt, die Zeitung „expressions“ ging an alle anglikanischen Gemeinden der Insel. Es lohnt sich, zumindest via Internet diesen Neuaufbruch der anglikanischen Kirche weiter zu verfolgen. (rk)

Kfm bald zitronenfrisch im Netz Kirche für morgen will nicht nur in der kommenden Landessynode spritzig und zitronenfrisch auftreten, sondern auch im world wide web. Deshalb wird zur Zeit der komplette Auftritt neu gestaltet. Unter dem Leitmotto „Wer wir sind und was wir wollen“ soll es dem Internet-User leicht gemacht werden, sich über Ziele und Vorhaben von Kirche für morgen gerade auch im Hinblick auf die Synodalwahl 2007 zu informieren. Kleines Plus: Neben frischen Zukunftsideen soll in Zukunft auch der ganze Zitronenfalter im Netz zu lesen sein. (mh)

Forum von Kirche für morgen 2007 Am Sonntag, 25. Februar 2007 findet von 14.00-19.30 Uhr das nächste Forum von Kirche für morgen auf dem Bernhäuser Forst (Stetten / Filder) statt. Zum Themenbereich „Kirche im Umbruch – den Wandel gestalten statt erleiden“ sind geplant: ein Referat von Prof. Siegfried Zimmer (PH Ludwigsburg), Seminare, Schaufenster, erprobte Praxisideen, Möglichkeiten der Begegnung sowie ein Gottesdienst zum Abschluss. Ausführliche Infos im nächsten Zitronenfalter. (th)

Im nächsten Heft… Der nächste Zitronenfalter erscheint im November, inhaltlich geht es um: „Zukunft der Kirche — Kirche der Zukunft“. Vorgestellt werden Mut machende Beispiele zukunftsfähiger Gemeinden, praxisnahe Bausteine, neue Wege bei den Kasualien und anderes mehr.

Impressum Der Zitronenfalter wird herausgegeben von Kirche für morgen e. V. Geschäftsstelle: Kirche für morgen e. V. Am Auchtberg 1, 72202 Nagold Fon 0700-36693669 Fax: 0721-151398429 info@kirchefuermorgen.de www.kirchefuermorgen.de Vorstand: Reinhold Krebs, Herrenberg Tabea Hieber, Markgröningen Friedemann Stöffler, Tübingen Martin Mielke, Balingen Mitglieder des Leitungskreises: Martin Allmendinger, Esslingen Michael Josupeit, Herrenberg Jens Plinke, Gomaringen Gisela Schneider, Leonberg Martin Schmid, Reutlingen Angela Schwarz, Weissach Stefan Taut, Reichenbach Synodale: Barbara Hering, Herrenberg Markus Munzinger, Dettingen Erscheinungsweise: 3 x jährlich. Bestellung (auch weitere Exemplare) bei der Geschäftsstelle. Der Zitronenfalter wird kostenlos zugesandt. Bankverbindung EKK Stuttgart, BLZ 600 606 06, Konto 419 435 Wir danken allen, die durch ihre Spende die kostenlose Weitergabe des Zitronenfalters ermöglichen. Redaktionsteam: Marc Stippich, Grunbach (ms) (ViSdP) Martin Allmendinger, Denkendorf Gesine Gruhler, Walddorfhäslach Markus Haag, Heilbronn (mh) Tabea Hieber, Markgröningen (th) Reinhold Krebs, Herrenberg (rk) Werner Lindner, Winnenden Stefan Taut, Reichenbach (st) Layout: Lutz Eisele, Markgröningen Grundentwurf: Ruth Alber Druck Druck + Medien Zipperlen GmbH Versand Tobias Zipperlen, Weissach Redaktionsadresse redaktion@kirchefuermorgen.de und über die Geschäftsstelle Anzeigenpreisliste lindner-service@gmx.de FAX: 07195-979759

Fotonachweise: S. 15 A. Winter, S. 14, 18 A. Strobel

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/Zitronenfalter_2006_02  

http://www.kirchefuermorgen.de/modx/assets/files/zitronenfalter/Zitronenfalter_2006_02.pdf

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