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»KIRCHE FÜR MORGEN«  EIN MÄRCHEN „Hallo, liebe Festgäste! Ich habe euch etwas mitgebracht … Ein Märchen! Ein Märchen aus jüngerer Zeit über unsere alte Mutter Kirche: Es war einmal vor langer Zeit als unser aller Mutter Kirche ein großes Bauchweh bekam! Das war nun nichts sonderlich Neues in ihrem bewegten Leben. Aber diesmal schien es anderer Natur zu sein. Da waren diese Bewegung im ihrem Innern ... diese tiefen Gefühlswallungen ... Sollte sie gar schwanger sein? Nein, das schien gänzlich ausgeschlossen! Sie lebte doch keusch und züchtig in ihrem Elfenbeinschloss. Als die Beschwerden und Unpässlichkeiten aber zahlreicher wurden, machte sich auch Mutter Kirche Gedanken, was denn nun da auf sie zukommen könnte. Denn allein die Frage der Vaterschaft war völlig ungeklärt. War es ein Engel, eine Eingebung, ein Ausrutscher ... Oder sind da gar viele Väter am Werk gewesen? Was gerade bei ihr ja wiederum nichts Neues wäre, wie man wohl weiß, oder zu wissen glaubt, oder Gerüchten zu folge wissen müsste ... oder ... Noch war alles reine Spekulation und noch war alles nur in den Köpfen. Bei Kirche beginnt meist alles in den Köpfen, nicht unten! Und es dauert – ja, alles dauert seine Zeit. Bis da etwas auf die Welt kommt, das Hand und Fuß hat, das dauert erst recht! Und bestimmt mehr als 9 Monate. Aber inzwischen war es nicht mehr zu übersehen. Die Kirche war – wieder einmal – gegen alle Erwartungen, schwanger geworden. Der Herbst hatte Einzug ins Land gehalten. Die Tage sind kurz geworden und heimliche Kälte kroch der Mutter in Ihre alten Gemäuer. Die Wehen wurden immer heftiger! Kein Zweifel: ... Sie regt und Sie bewegt sich doch! So eine Geburt ist ja nun an sich etwas höchst Persönliches und nicht für die große Öffentlichkeit bestimmt. Aber bei diesen ungeklärten Verhältnissen, diversen Vaterschaften und Zeitzeugen, war es so, dass die Neugierde sich allenthalben im Ländle breitmachte. Nicht nur bei Jedem und Jeder, die ihren Gut-Teil dazu beigetragen hatte. Alle waren gespannt. Und dann kam es wie es kommen musste – eine heftige Geburt  mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht erblickte ein kleiner Frühling das Kirchenlicht der Welt. Allerhand Hebammen und Hebammeriche hatten alle Hände voll zu tun. Und dann war da plötzlich die Menge der kirchlichen Heerscharen und jeder wollte etwas sagen. 1


Das war ein Geschnatter und Gezeter und Gejubel und Gejammer dass man nicht mehr wusste ob man sich jetzt freuen oder ärgern sollte. Darüber dürft ihr euch nicht wundern. Die Familie war so einen Trubel nicht gewohnt, nachdem sie bislang recht gemächlich vor sich hin gelebt hatte. Tja (seufz) aber das Kind musste es tragen. Solch ein Nachkömmling hat es immer schwer. Man denke nur an den berühmten Apostel Paulus, der sich gleichsam als unzeitige Geburt, ja fast Ungeburt –  immerhin nicht Ausgeburt  bezeichnet hat. (AdR:1 Kor 15,8). Ausnahmslos alle Geschwister meldeten sich zu Wort, oder setzten an, etwas zu sagen. „Ach ist das süß!“ „Kuck mal, wie es kuckt!“ „Der ganze Papa“ Dabei wusste überhaupt keiner, wer der Papa wirklich gewesen sein soll. Auch kritische Stimmen waren zu hören: „Aber das kann ja noch gar nicht laufen!“ „So viel Aufregung um Nichts!“ „Es macht nur Arbeit, schreit rum und kackt in die Windeln.“ Und manche heilige Verwandtschaft regte sich gar auf: „Sind die denn verrückt geworden, die wollen einen Gesprächskreis gründen!“ Nach einem warmen, langen und urgemütlichen Sommer beruhigten sich die Gemüter wieder. Und im Herbst standen Synodalwahlen ins Haus. Eigentlich lächerlich, die paar Geburtshelfer und schon groß sein wollen fürs Parlament. Aber  „ei der Daus“ – da schaffte es das neue Gesprächskreisbaby tatsächlich auf Anhieb mit zwei tapferen Schneiderlein in den gesellschaftlich anerkannten Bereich der Kirche – Die Landessynode – zu gelangen. Noch kaum bekannt, schon gar nicht anerkannt, häufig sogar verkannt, manchmal überrannt  so schaut es ganz gebannt – ins neue Land! Man kann schon schmunzeln über die Eigenarten dieses Kindes. Seine erste Pressekonferenz hat es auf dem Flughafen gegeben. frei nach dem Motto: „Über den Wolken mag die Freiheit wohl grenzenlos sein“  nichtsahnend, dass man in der Landeskirche tunlichst auf dem Teppich bleibt! Und dann war da noch sein Name: “Kirche für morgen!“ – sind die nicht alle von gestern? Das Ganze geschmückt und dekoriert mit einer Zitrone! Als ob das Kreuz gelb oder eine Limonadenfrucht wäre! Aber soweit hat das Frischbackene die Vergleiche gar nicht gedacht. Doch dass dieses Obst den Kalk löst und Vitamin enthält  dass der Fisch mit Zitrone einfach besser schmeckt  und diese Frucht eine umwerfende Frische in muffige Räume zaubert  das war ihm sofort klar und ist ja auch nicht von der Hand zu weisen. Es war schon erstaunlich, wie das Kind futterte und wuchs und gedieh.

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Wie immer in diesem zarten Alter ging dabei manches in die Hose – aber der erfrischende Duft der Zitrone blieb haften. Es wurde gar ein märchenhafter Zitronenfalter daraus, der jetzt schon über die Grenzen der Landeskirche hinaus fliegen kann. Der Schwung der ersten Jahre machte Eindruck. So ein Junges hat ja auch seinen Charme, zumal bei der alten Mutter Kirche! Kaum dass es laufen konnte, lief es schon von Kirchentür zu Kirchentür und klopfte an. An jenem denkwürdigen Reformationstag ! Schließlich wollte es ja mitreformieren. Da hat es fröhlich seine Thesen angeschlagen. Wie der alte Martinus damals. Und zählen konnte es auch schon, nämlich die Besucher der sonntäglichen Gottesdienste landauf landab. Einfach um zu üben. Dabei musste es eigentlich nur die Zahlen von eins bis hundert auswendig lernen. Das war schnell zu begreifen. Und beim Ausrechnen des Durchschnittsalters genügten ihm sogar die Zahlen zwischen 50 bis 60. Mit diesem Ergebnis, man sollte es nicht für möglich halten – ging das Junge Ding dann an die Öffentlichkeit. Das war manchen schon etwas dreist … man kann doch nicht einfach so … ohne Autorität … Langsam wurde den verschiedenen Erzeugern klar, dass das Kind ein Profil brauchte. Das putzige Kindchen Schema taugte nicht mehr. Quo vadis? So nahm die Natur ihren Lauf. Das Küken mauserte sich und – musste Federn lassen. Es entstand – diesmal mit hauseigenen Wehen das erste Positionspapier: Der Umgang mit der unbeherrschbar fröhlichen Verwandtschaft der Chaosmatiker und Chaosmatikerinnen. Viel Charisma wurde aufgedeckt und zuweilen konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine gewisse chaotische Seelenverwandtschaft zu dieser Ecke durchaus besteht. Dieses war der erste Streich, doch der nächste folgt zugleich: „Jugendkirche“ hieß das Zauberwort. Was dazu dieses jüngste Kind der Landeskirche so alles scheinbar mühelos aus dem Ärmel zauberte, war offensichtlich eindrücklich. Denn auch die älteren Geschwister konnten einiges davon gebrauchen. Die Jugendkirche wurde wohlwollend ins eigene lebendige Programm aufgenommen. Dann das Pfarrerwahlgesetz! Plötzlich war es in aller Gesprächskreismunde. Die Sache mit dem Bischof dagegen war heikel. Schon fast ein Lausbubenstreich. Aber was soll ein Kind schon von kirchlicher Hierarchie verstehen? Es ist doch schön, wenn so eine Landeskirche eine geistliche Spitze hat, selbst wenn wir nicht Spitze sind. Und die Menschen trauen einem Bischof eben mehr zu als einem Kirchenpräsidenten! 3


Seit dem heiligen Nikolaus ist das so! Staub wurde aufgewirbelt. Was davon zeugt, dass schon Staub vorhanden war. Ja ehrlich – wo nix ist kann auch nix aufgewirbelt werden. Und hinterher stochert man dann immer im Nebel rum, weil die Luft so dick ist … Wenn sie das jetzt nicht verstanden haben, dann geht es ihnen wie dem Kinde damals. Von wegen „Lasset die Kindlein zu mir kommen“. Das setzte dem Ganzen noch das Zitronenkreuz auf! Aber zurück zu den Fakten. Mit 6 Jahren beginnt in diesem unserem Lande der sogenannte Ernst des Lebens, die Schule droht! Da saß das tapfere Häuflein Zitronen-Idealisten und stickte an einem neuen Kirchenkleid. Manchmal stach es sich in den Finger – aaauuutsch!! Dann schlug es wild um sich und eines Wahltages … ja in einer Wahlnacht  da traf es s i e b e n auf einen Streich! Das war ein Schlag. Für die anderen! Aber auch ins eigene Kontor. Denn jetzt hagelte es Klassenarbeiten und Auswendiglernen und Referate und Hausis … und … und … Der mühsame Alltagstrott der Kirchenfamilie hatte das spritzige Ding eingeholt. Natürlich gab es immer noch Patenonkels, die schon für übermorgen dachten und nach Sheffield reisten, aber dieser ganze mühsame bürokratische Kladderadatsch dämpfte doch so manchen Traum vom einfachen, fröhlichen Christendasein. Tja, aber auch dieses Kind wuchs mit seinen Aufgaben. Und immer blieb die Hoffnung lebendig. Die Hoffnung von einer Kirche von unten, von mündigen Gemeinden, einer dienenden Verwaltung und einer Christengemeinschaft, die der ganzen Gesellschaft etwas zu sagen hat. Die Hoffnung, dass Gott in dieser Landeskirche wohnt, dass er sein Zelt aufgeschlagen hat und mit seinem fahrenden Volk unterwegs bleibt. Diese Hoffnung hatten sie auf ihre Fahnen geschrieben. Und so spukten sie also herum  in ihren eigenen Köpfen und denen der anderen. Vorsichtig beobachtet, bestaunt und beäugt. Manche Zeitgenossen schöpften Hoffnung – andere Verdacht. Aber sauer macht lustig. Und wer einmal leckt, der weiß wie’s schmeckt. Deshalb lebten die Zitronen glücklich und zufrieden in ihrem württembergischen Landeskirchle und: 4


WENN SIE NICHT GESTORBEN SIND, DANN LEBEN SIE NOCH HEUTE! Ähm  was ich noch sagen wollte: dann leben sie noch …  … hoffentlich auch morgen und übermorgen! Denn das „Kirche-für-morgen-Kind“ kommt jetzt ja erst in die Flegeljahre. Normalerweise steht da die Abnabelung von den allmächtigen Eltern an, die dann mit der Konfirmation ihren Höhepunkt und sichtbaren Ausdruck findet. In vier Jahren wird „Kirche-für-morgen“ konfirmiert – aber wir versprechen heute schon, dass wir auch danach noch zum Gottesdienst kommen und in der Kirche bleiben! Ade !

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http://www.kirchefuermorgen.de/modx/assets/files/Pressearchiv/2011%20-%20Kirche%20für%20morgen%20-%20Ein%20Märchen.pdf

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