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Mut und Demut Andacht über Markus 10,42-44 für die Mitgliederversammlung von „Kirche für morgen“ am 13.3.2007 A. Text Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Auf dem Weg ins Leiden. Jakobus und Johannes äußern einen Wunsch: Sie möchten in seiner Herrlichkeit zu seiner Rechten und zu seiner Linken sitzen. Jesus weist sie darauf hin: Das bedeutet Leiden. Könnt Ihr das? Seid Ihr bereit dazu? Sie bejahen. Daraufhin sagt Jesus ihnen voraus, dass sie als Märtyrer sterben. Wer aber in seiner Herrlichkeit neben ihm sitzt, das könne er nicht entscheiden. Die anderen Jünger beschweren sich über die beiden Schleimer. Und hier setzt unser Text ein, Markus 10,42-44: Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. B. Echo Ein gewaltiger Text. Einfach und klar. Provozierend. Nicht einfach eine ethische Anweisung. Kein „ihr sollt“. Auch kein „wäre es nicht gut für euch …?“ Sondern eine klare Ansage: Aber so ist [!] es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. So redet Jesus. Unmissverständlich. Aber tausendfach missverstanden. Nicht nur damals von Jakobus und Johannes. Ich gebe drei Variationen.


1. Landeskirche Die Reformation brach mit dem Machtanspruch der Römischen Kirche. Macht sollte allein das Wort Gottes haben, in seinem Dienst sollte die Kirche stehen. Dafür, dass das Wort Gottes auch gehört werden konnte, sorgten Landesfürsten. Das war gut für die Kirche. Aber es brachte auch eine hierarchische Ordnung in die Kirche. Noch heute halten manche Landeskirchen Zentralismus für einen Heilsweg. Unsere ist eine davon. Und so gibt es in Württemberg keine wirklich freie Pfarrerwahl. Gemeinden werden in einer ihrer wichtigsten Lebensfragen bevormundet. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 2. Kirchengemeinde „Das haben wir immer so gemacht.“ Falsch ist der Satz ja oft nicht. Und auch das Anliegen darin ist verständlich: Diesen Satz sagen die, denen der traditionelle Gottesdienst Heimat bietet. Heimat, das ist etwas Vertrautes. Das kann ich nicht jeden Sonntag neu erfinden. Das ist der gute Sinn von Liturgie. Aber da gibt es welche, die sind nicht freiwillig da. Die müssen kommen. Damit sie nachher konfirmiert werden können. Und sie erleben oft etwas, das ihnen keine Heimat bietet. Denn sie haben das noch nie so gemacht. Und sie würden es anders machen, wenn sie denn dürften. Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.


3. Kirche für morgen Wir haben nur zwei Synodale. Das ist viel Arbeit und sicher viel Frust. Ihr werdet leicht einmal übersehen. Und für einen Antrag müsst ihr Unterschriften sammeln gehen. Viele wünschen sich, dass wir nach diesem Herbst eine größere Gruppe sind. Damit wir besser wahrnehmbar sind. Damit wir unsere Themen deutlicher setzen können. Damit die Chancen steigen, unsere Anliegen auch umzusetzen. Damit wir mehr Macht haben? Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. C. Mut und Demut Ich lese diesen Text heute als eine Ermutigung für uns. Er ermutigt uns, uns nicht mit hierarchischen Strukturen abzufinden. Er ermutigt uns, die Kirche so zu lieben, dass wir auch bereit sind, an ihr zu leiden. Ich lese diesen Text heute auch als eine Ermahnung für uns. Er ermahnt uns, nicht unsere Einsichten für die einzig richtigen zu halten. Er ermahnt uns, Macht und Einfluss als Gelegenheit zum Dienen zu begreifen. Beides möchte ich uns im Blick auf das Wahljahr sagen. Wir sollen mutig sein – wir haben wichtige Ziele. Wir sollen demütig sein – wir wollen für die Kirche und für die Menschen da sein. Ich lese noch einmal den Text und nehme den folgenden Vers 45 dazu: Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele. Amen.

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