Page 1

/ DIE HOMESTORY

/ DIE HOMESTORY · UNSERE SERIE IM STADTGEFLÜSTER

DER DESIGNER

Kazim Kenzo

DAS HEIMWEH

Text: Uwe Große-Wortmann Fotos: Günter Habedank

Kreativzentrale - Spasszentrale - Arbeitsmittelpunkt: Alles, was ihm so einfällt, landet garantiert erst einmal auf einem seiner Macs.

Zurück nach Wülpke. Da der Designer hier zum ersten Mal Wohneigentum erworben hat, liegt doch der Verdacht nahe, das nach seinen längeren Aufenthalten in San Antonio (Texas) und zuletzt in Bielefeld nun in Porta Westfalica-Wülpke echte Wurzeln geschlagen werden sollen. Das sieht Kazim Kenzo überraschenderweise jedoch völlig anders: „Das hier ist der Startpunkt für meine Ausflüge, nicht mehr und nicht weniger. Ich werde in diesem Jahr definitiv noch mehrere Monate in den USA und in der Türkei bei meinem Eltern verbringen, die dort hin nach 40 Jahren Minden wieder zurückgekehrt sind.“ Wenn er dann aber doch mal zuhause ist, kommt garantiert keine Langeweile auf. Natürlich designed er immer irgendwas. Zurzeit sind es Uhren. Eigenes Label. Macht ihm Spass und natürlich gehört ein weltweiter

Er ist wieder da. Kazim Kenzo, Designer, der so

manches mediales Produkt in unserer Region mit Fug und Recht als sein geistiges Eigentum bezeichnen kann. Und dabei war der studierte Architekt in den vergangen 20 Jahren alles andere als bodenständig. Nun aber: Wülpke. Back to the roots. Und warum? Wenn man über einen wie ihn eine Homestory schreiben möchte, kommt man nicht umher, die beruflichen Dinge mit den privaten zu verknüpfen. Irgendwie wirkt er immer ganz privat und ist trotzdem stets mit Dingen beschäftigt, die ihn begeistern und ganz nebenbei auch noch ernähren. Und so erwartet der Gast im Hause Kenzo vergeblich traditionelles, kuschliges oder gar übertrieben heimeliges Interieur. Sachlichkeit und Purismus dominieren das Wohnklima. Auffällig: Ein Schlagzeug, an dem ungewöhnlich viel Elektronik seinen Dienst tut. Aber das, versichert Kazim Kenzo, gehöre gar nicht ihm sondern einem Freund, der es im neuen Domizil des Designers aufgestellt habe, damit er auch mal ein Instrument lerne. Demzufolge ist der Rückkehrer nun seit gut 4 Wochen Drummer in Spé. Eine erste Hörprobe legt jedoch zumindest im Moment noch den Verdacht nahe, das bisweilen die Maschine den Menschen beherrscht.

4 · stadtgeflüster

„Ich werde es lernen, denn ich habe es meinem Freund versprochen“, ist sich Kazim Kenzo sicher. Und dieser Satz sagt im übertragenen Sinne sehr viel über die Lebensphilosphie des in Ankara geborenen Deutschen aus. Freunde sind ihm sehr wichtig und übrigens auch der Grund, warum er Ende November 2010 nach sechs Jahren Bielefeld wieder nach Minden zurückgekehrt ist. „Mir fehlte einfach die Nähe zu meinen Freunden und meiner Familie.“ Aber auch Kritisches merkt er zu seiner neuen (alten) Heimat an: „Minden braucht wieder viel mehr Bewegung. Der Mindener an sich ist durchaus unbeweglich und manchmal etwas träge. Darum sind auch schon viele gute Leute gegangen.“ Sagt einer, dem die Mindener Szene aus der Vergangenheit mehr als vertraut ist. Denn so gut wie jedes StadtMagazin hatte seinen Ursprung im Kopf und/oder in der kreativen Händen von Kazim Kenzo. Angefangen mit Sal Art, über die (damals noch Schaumburger) News bis hin zum Trendjournal, er war der Initiator, Erfinder oder Herausgeber aller dieser Medien. Selbst beim Stadtgeflüster hatte er im gestalterischen Bereich bei der Entwicklung mitgewirkt. (Anmerk. d.R.: das macht er übrigens seit Neustem auch wieder).

Wem die Stunde schlägt...... Uhren designen (Marke: Kazimon) macht ihm Spass und „ganz zufällig“ lässt sich damit auch Geld verdienen.

Der Beginn einer grossen Karriere? Kazim Kenzo hat ein neues Hobby entdeckt.

Vertrieb dazu. Sollte der Computer tatsächlich einmal abgeschaltet werden, besinnt sich Kazim Kenzo auf das, was er gern seine „türkischen Wurzeln“ nennt. Sitzen und diskutieren. Mit Freunden. Essen und trinken. Gern auch nächtelang. Dabei ist für ihn stets das Kontroverse ganz wichtig. „Was mich wirklich inspiriert sind Menschen, die eine gänzlich andere Weltanschauung als ich haben.“ Daheim serviert er solchen Diskussionsgruppen auch gern türkische Spezialitäten (nach Mamas Rezept), aktuell stehen Teigtaschen mit dreierlei Füllungen bei ihm hoch im Kurs. Was bei Kazim Kenzo nie gelingt, ist, ihn einer bestimmten Kategorie Mensch zuzuordnen, ihn in eine Schublade zu stecken oder ihn gar zu katalogisieren. Einerseits lebt er seine Spontanität aus (abends um 23 Uhr mal eben nach London), andererseits ist er gern Traditionen verbunden. Zuverlässigkeit ist ihm sehr wichtig, trotzdem hält er 60 Prozent Leistung in allen Lebensbereichen für ausreichend. Er liebt James Brown und Johnny Guitar Watson, begeistert sich aber gleichermassen für Eko Fresh. Er will auf keinen Fall Perfektionist sein, bringt aber beinahe beliebig Dinge zum Laufen. Worauf ist er denn stolz, bei all diesen Gegensätzen? „Stolz bin ich auf meine Familie, also meine Schwester und meine Eltern“, sagt der gebürtige Türke und fügt eine Erklärung an: „Alles was ich erreicht habe verdanke ich meinen Eltern. Sie haben alles nur Denkbare in Kauf genommen um ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung geben zu können. Das Wissen um diese Opferbereitschaft war letztlich auch der Antrieb für mich mein Architektur Studium abzuschliessen, obwohl ich längst erkannt hatte, dass meine Stärken woanders liegen würden.“ Und abschließend noch etwas Wissen, dass die Welt nicht braucht. Frage: „Kazim, was war die sinnloseste Investition Deines Lebens?“ Antwort: „Ein Wischer für den Fussboden.“ Zumindest hier passt der umtriebige Designer eindeutig in die Kategorie „Mann“.

stadtgeflüster · 5

STADTGEFLÜSTER  

KAZIMON · KAZIM KENZO