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WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN?

RECHERCHEN UND EXKURSIONEN ZUM BERUFSBILD


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? RECHERCHEN UND EXKURSIONEN ZUM BERUFSBILD

EDDA BOHNET & KATRIN BRÜGGEMANN


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

»Who the fuck is  Vilém Flusser?«

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VORWORT 

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Mit dieser etwas ungewöhnlichen Frage stie-

sprachen wir mit drei ehemaligen Studenten

gen wir in das schwierige Unterfangen ein,

unserer Hochschule, die nach ihrem Ab-

unser Berufsbild zu erklären und hierbei von

schluss vollkommen verschiedene Wege ge-

allen Seiten zu betrachten. Jeder angehende

gangen sind.

Gestalter sieht sich mit einer Fülle von Anfor-

Die Meinung einer Designpersönlichkeit ist

derungen konfrontiert, die der berufliche All-

für uns natürlich besonders interessant! In

tag mit sich bringt. Hier werden in puncto

einem Vierer-Team besuchten wir also drei

Fähigkeiten die Maßstäbe gesetzt, denen man

Personen mit professioneller Erfahrung und

künftig gerecht werden soll. Manche dieser

interkulturellem Wissen, um im Gespräch mit

Fähigkeiten liegen auf der Hand, andere er-

ihnen möglichst viele Informationen zu sam-

schließen sich erst auf den zweiten Blick. Aus

meln. Die Interviews mit Erwin Bauer, Emma-

diesem Grund richteten wir unseren Fokus in

nuel Rey und Andreas Uebele waren für uns

diesem Semester auf das etwas nebelhafte

eine besondere Bereicherung.

andere Ende der Wissens-Skala: auf die Fä-

Parallel befassten wir uns auf theoretischer

higkeit zu konzeptionellem Arbeiten, auf den

Ebene mit dem Thema. Wir haben Bücher

Erwerb und die Reflexion von Wissen sowie

gelesen, die sich mit dem Thema Gestaltung

auf die kulturelle und soziale Kompetenz.

reflektierend auseinandersetzen, Essays for-

Wir näherten uns dem Thema mithilfe ver-

muliert, Vorträge vorbereitet. Die Ergebnisse

schiedener Herangehensweisen. Wie sieht der

und die vielen viele Fragen wurden wöchent-

Alltag eines Designers eigentlich aus? Warum

lich im Kurs reflektiert und diskutiert.

sind erfolgreiche Designer eigentlich so er-

Es ist viel passiert in diesem Semester und

folgreich? Um verschiedene Designpositionen

am Ende flossen die recherchierten und visu-

und Designerpersönlichkeiten kennen zu ler-

alisierten Ergebnisse nun in diese Dokumen-

nen, fuhren wir nach Berlin und besuchten

tation. Gleichzeitig haben wir die Inhalte auf

die dort ansässigen Designbüros Edenspie-

diese Weise auch selbst verinnerlicht.

kermann, Stan Hema, kleiner und bold, MetaDesign und Double Standard. Außerdem


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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2 Vorwort

12 Interview mit Erwin Bauer

6 Design und Ethik

8 Essay von Katrin Brüggemann

22 Interview mit Emmanuel Rey

10 Essay von Edda Bohnet

34 Interview mit Andreas Uebele


INHALT 

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48 BERLIN

94 Who the fuck is VilĂŠm Flusser?

50 Edenspiekermann

96 Impressum

58 Stan Hema

68 kleiner und bold

76 MetaDesign

84 Double Standard


DESI UN ETH


IGN ND HIK

DIE AUFGABE: SCHREIBEN SIE EIN ESSAY ZUM THEMA »DESIGN UND ETHIK«. ABGABE ALS HANDOUT. FÜR VIELE DESIGNER GEHT ES MEIST DARUM »SCHÖNE DINGE« ZU MACHEN. DOCH SOLLTE DIE MORAL UNABDINGBAR FÜR DESIGN SEIN. WIR KÖNNEN VIELLEICHT UNSERE WERTVORSTELLUNGEN NICHT IMMER HUNDERTPROZENTIG UMSETZEN, ABER WIR SOLLTEN ZUMINDEST WELCHE HABEN. ES GEHT UM WERTE, NACHHALTIGKEIT, ZIELE, MENSCHLICHKEIT, UND IDEALISMUS.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

» ÜBER ETHIK IST LEICHT GESPROCHEN, SO LANG MAN NICHT SELBST IN EINER SCHWIERIGEN SITUATION IST. « von Katrin Brüggemann

Die Ethik ist ein Kriterium für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung der Motive und Folgen. Es geht darum, welche Handlungen in schwierigen Situationen und Entscheidungen moralisch richtig und gut sind. Hierbei stellen sich die Fragen, was eine gute Handlung ist und was eine Handlung moralisch gut macht. Die Philosophie hat bei der Frage, was ethisch richtig ist, ein hohes Gewicht, es geht also um das Nachdenken darüber, was richtig und falsch ist. Als Designer ethisch richtig zu agieren, bedeutet grundsätzlich das übliche verantwortungsbewusste Handeln, das jeder Mensch haben sollte. Wir versuchen keinen Schaden anzurichten, nicht zu lügen und Verantwortung für unser Tun zu übernehmen. Als Designer können wir Menschen dazu bewegen etwas zu kaufen, was ihnen schadet. Der philosophische Gedanke der Ethik im Bereich Design ist allerdings komplex und beinhaltet viele Fragen. Ehrlich sein, kann Schaden verursachen und die Wahrheit ist nicht immer klar definierbar. Das Problem eines Menschen ist doch grundsätzlich nicht die Beurteilung, ob seine Handlung gut oder schlecht ist. Das Problem entsteht, wenn er in einen Konflikt gerät, zwischen ethisch richtiger Handlung und persönlichem Bedürfnis. Als Designer, kommen wir in Situationen, in denen wir auf die Bezahlung eines Jobs angewiesen sind, der uns nicht zusagt oder den wir vielleicht aus ethischen Gründen gerne ablehnen würden. Jeder Mensch würde in Situationen wie dieser gegen eigene Prinzipien verstoßen, Kompromisse eingehen, oder seine Definition von ethischem Handeln oder ethischem Gestalten überdenken. Es ist doch so, dass Diskussionen über dieses Thema oft missbraucht werden, um sich selbst gut darzustellen. Über die Definition von Ethik in Design ist leicht gesprochen, solange man selbst nicht in einer Situation ist, in der man überlegen muss, ob man bereit ist zu lügen. Ein Beispiel für eine gute Einstellung aus ethischer Sicht, ist die bekannte Aussage des Vorstandschef der Agentur »achtung!« Mirko Kaminski. Er verbreitet seine Meinung zum Thema »Agenturen und unbezahlte Pitches« per Videobotschat (http://www.designmadeingermany. de/2011/13377/) an das »liebe Unternehmen X«. Er beschreibt einen Fall, der in Designagenturen normaler Alltag ist. Ein Unternehmen lässt sich von verschiedenen Agenturen umwerben, in dem sie an Entwürfen für einen Auftrag arbeiten, ohne sie dafür (ausreichend) zu bezahlen. Kaminski erklärt, dass die Agentur monatelang arbeiten muss, um den agenturinternen Aufwand für diesen Pitch zu bezahlen. Er stellt klar, dass er nicht bereit ist, für diese Ungerechtigkeit die Zeit und das Geld zu spenden, weil ihm hierfür seine Kunden und seine Mitarbeiter zu sehr am Herzen liegen. »Wissen Sie was? Da mach ich nicht mit.« Kaminskis Haltung ist definitiv eine gute und zu sagen, dass jede Agentur so handeln sollte fällt nicht schwer. Allerdings gibt es viele Agenturen, die nicht zu der ethisch richtigen Hal-

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DESIGN UND ETHIK 

tung stehen, bei dieser Art Wettbewerb nicht mitzumachen und den Auftrag konsequent ablehnen. Und warum? Weil sie es sich nicht leisten können. Der Auftrag ist eine Chance auf einen wichtigen Namen in der Referenzenliste und er würde in Zukunft viel Geld einbringen. Prinzipien werden abgewogen, ethische Überlegungen stehen im Konflikt mit finanziellen Bedürfnissen. Aufträge, bei denen die Meinungen von Menschen beeinflusst werden, für ein Produkt oder Werbemaßnahmen die ethisch schwer vertretbar sind, regen jeden Designer zum Denken über die eigenen Prinzipien an. Beispiele hierfür sind Marlboro, McDonalds, Kinder oder Benetton. Als Designer für Werbeprodukte oder Markenentwicklung ist man beteiligt am Kommerz der Umwelt, was auf das Thema Ethik bezogen zu einer großen Verantwortung werden kann. In einer Stellungnahme zum Thema Design, Ethik und Moral spricht sich der Grafiker Alex Cameron gegen die Rolle des Designer als »Moralgericht« aus. Er sagt, dass es nicht die Aufgabe des Designers ist, über Recht und Unrecht zu Urteilen, sondern vielmehr nüchtern sein Handwerk als solches zu betrachten. Er sagt, dass Menschen ihre eigenen Entscheidungen treffen können und es vielmehr darum geht, dass der Designer diese möglicherweise falsch findet. »Wenn der Designer als Vermittler durch den Designer als Priester des Guten abgelöst wird, bedeutet das, das Publikum für dumm zu erklären und zu entmündigen.« Auch wenn man die Verantwortung nicht vollkommen von sich schieben sollte, ist es trotzdem schwierig über Ethik zu sprechen. Sich selbst bei ethischen Überlegungen als tugendhaft heilig zu präsentieren oder jegliche Verantwortung zu entziehen sind sicher beides nicht der richtige Weg mit dem Thema umzugehen. Es ist keine Frage der absoluten Entscheidung, die für jede Situation zu gelten hat, sondern vielmehr das Gefühl der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, was jeder Mensch haben sollte.

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WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

» NICHT JEDER KANN ES SICH LEISTEN AUFTRÄGE ABZULEHNEN. « von Edda Bohnet

Jeder Mensch hat es - das Moralempfinden. Ein Wertekonsens, der jedem in der Gesellschaft überliefert wird. Durch die Moral versucht sich die Gesellschaft selbst zu erziehen, doch was passiert, wenn die moralischen Aussagen nicht übereinstimmen? Das ist der Punkt, an dem die Ethik in Kraft tritt. Die Ethik ist wissenschaftlich und entwickelt Argumente um die moralischen Werte begründbar zu machen. Stellt sich nun die Frage: Wo findet die Ethik im Design ihren Anfang? Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wuchsen die kapitalistischen Märkte, die Massenproduktion entstand und damit auch eine neue Erscheinungsform des Designs - die Werbeindustrie. Die Verantwortung des Designers stieg, er musste eine neue ästhetische Gestaltung präsentieren. Mit der Zeit wurde der Drang nach ethischen Regeln aber immer größer. In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts kam immer mehr Kritik an der Konsumgesellschaft und Industrie auf. Gegenbewegungen wie die »Arts and Crafts«-Bewegung oder der Jugendstil sahen einen durch die Industrie verursachten Verlust an Schönheit und Qualität. Es entstanden verschiedene Designideologien, unter anderem das Manifest »First Things First« von Ken Garland aus dem Jahre 1963. Garland rief den Designer dazu auf Verantwortung für seine Beiträge in de Gesellschaft zu übernehmen, er solle nicht blind dem konsumorientierten Bewerben von Produkten hinterher laufen, sondern wertvollere Designaktivitäten ausüben. 1999 wurde das das Manifest überarbeitet und wurde unter dem Namen »First Things First 2000« veröffentlicht. Der Ton des neuen Manifestes ist noch kritischer geworden und stellt Designer als Triebkraft der schädlichen Konsumgesellschaft dar. Doch inwiefern stimmt dies? Jeder Designer sollte sich, möglichst früh in seiner Karriere, darüber bewusst werden was für moralische Ansichten und Ethiken er vertritt. Es wird sicher der Moment kommen, an dem man sich konfrontiert sieht mit einem potenziellen Klienten, der aber nicht mit der eigenen moralischen Einstellung übereinstimmt. Designer haben sicher eine größere ethische Verpflichtung als manch andere Erwerbstätige, denn Design beeinflusst die Gesellschaft. Soll man also für Dinge werben, für Firmen arbeiten, die mit den eigenen moralischen Werten nicht übereinstimmen? Hinzu kommt die Frage: Was braucht der Mensch? Braucht ein Mensch ein SUV Gelände Auto, dass ca. 20 – 30 Liter mehr verbraucht als normale Autos, obwohl er in der Stadt wohnt? Braucht ein Mensch immer die neuesten und preiswertesten Klamotten obwohl sie durch Kinderarbeit zu miserablen Konditionen hergestellt wurden? Letztendlich liegt es an dem Verbraucher selbst zu entscheiden was er kauft und was nicht. Werbung alleine hat noch keinen dazu gezwungen angepriesene Objekte zu konsumieren oder gar jemanden durch Zigarettenplakate etwa zum Raucher gemacht. Oft wird die Macht

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DESIGN UND ETHIK 

der Werbung auch einfach überschätzt und die Gesellschaft darf nicht als hundertprozentig manipulierbar angesehen werden, schließlich sollte nicht nur der Designer sich moralische Grundregeln setzen und kritisch hinterfragen, sondern auch der Kunde. Designer sollten sich in erste Reiher als Übersetzer, als Übermittler von Informationen sehen und am Ende den Konsumenten selbst entscheiden lassen, welche Stellung er einnimmt ohne ihn zu entmündigen. Die Aufgabe des Designers ist es, Informationen zu gestalten. Ob er nun mit dem Gehalt des zu Gestaltenden konform ist oder nicht, spielt leider nicht immer die primäre Rolle. Denn die Funktion des Designers ist nicht die des Richters, der urteilt, sondern die des Former, der darauf erpicht ist die gestalterischen Mittel auszuloten und bestmöglich darzustellen. Anderes würde einer Zensur gleichkommen. Persönlich glaube ich nicht, dass es den einen wahren und richtigen Weg gibt. Würde man sich heutzutage strenge, ethische Richtlinien auf erzwingen, so könnte man wahrscheinlich für kaum eine Firma arbeiten. Viele produzieren in dritte Welt Ländern oder unökologisch, die wenigsten haben eine weiße Weste. Wie also für sich selbst entscheiden wie weit man gehen will um seinen Beruf auszuüben, bzw. wann sollte einem das Gewissen einen Riegel vorschieben? Sicherlich ist es auch eine Geldfrage, denn nicht nicht jeder kann es sich leisten in der umkämpften Designbranche Aufträge abzulehnen. Eventuell muss man mal in den sauren Apfel beissen, sollte aber auch stets darauf achten, dass man sich nicht selbst verrät. Es ist unrealistisch die Position des weißen Ritters einzunehmen und in die Schlacht gegen die bösen Konzerne zu ziehen. Man sollte sich aber stets bemühen seinen Idealen gerecht zu werden, ökologisch zu arbeiten und auch als Verbraucher kritisch zu agieren. Letztendlich muss sich aber jeder Designer selbst im Klaren darüber werden, welche Position er einnimmt und nach welchen ethischen Richtlinien er gerne arbeiten will.

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INTER M ERW BAU


RVIEW MIT WIN UER

ERWIN BAUER IST DER KOPF DES DESIGNBÜROS BAUER – KONZEPT UND GESTALTUNG IN WIEN. ER IST AUSGEBILDETER LANDWIRT UND KOMMUNIKATIONSDESIGNER UND ARBEITETE BEI TOTAL IDENTITY IN AMSTERDAM. AUSSERDEM LEHRT ER AN DER UNIVERSITÄT FÜR ANGEWANDTE KUNST. SEIN MULTIDISZIPLINÄRES BÜRO IST EINES DER FÜHRENDEN DESIGNBÜROS FÜR VISUELLE UND RÄUMLICHE KOMMUNIKATION IN ÖSTERREICH UND WURDE MIT ZAHLREICHEN PREISEN AUSGEZEICHNET. VIELE SEINER PROJEKTE SIND IM BEREICH ORIENTIERUNGSSYSTEME ANGESIEDELT. ERWIN BAUER BETONT, DASS INHALTE BEI SEINER ARBEIT DAS WICHTIGSTE SIND UND WURDE SOMIT UMSO MEHR ZU EINEM INTERESSANTEN GESPRÄCHSPARTNER FÜR UNSEREN KURS.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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ERWIN BAUER

» BEI UNS IST DER GROSSE GOTT DER INHALT. « INTERVIEW SABRINA BAUER, EDDA BOHNET, KATRIN BRÜGGEMANN UND JUDITH KALICKI


INTERVIEW MIT ERWIN BAUER 

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JUDITH: Unsere erste Frage, wahrscheinlich

ein Auge auf die Architektur geworfen. Wäh-

Hintergrund war, so wenig zeitgemäß kam

ist das immer die erste Frage: Sie haben zu-

rend andere Schüler geblödelt haben, habe

uns damals der Unterricht vor! Sie trug immer

erst Landwirtschaft studiert. Wie kamen Sie

ich immer Grundrisse, Architekturgrundrisse

einen weißen Chemiemantel und wir haben

dazu?

gezeichnet. Die Leidenschaft, diese Liebe zur

bei ihr – das kann man sich gar nicht mehr

ERWIN BAUER: Über meine Eltern. Die meis-

Architektur, hat sich erst viel später weiter

vorstellen – monatelang an einer einzelnen

ten meiner Verwandten waren Bergbauern

ent­wickelt. Quasi parallel dazu, in einem

Schrift geschrieben! Jeweils eine Grotesk-

in der Steiermark und sind es teilweise noch.

zweiten Weg, dazu komme ich noch.

oder Antiquaschrift. Wir haben mit der

Mein Vater hat als Werkmeister in einem

Ähnlich ist es auch mit dem Design gewesen.

selbstgeschnittenen Gänsekielfeder mit japa-

Stahlwerk gearbeitet und meine Mutter war

Als Jugendlicher habe ich für die Kirche Pla-

nischer Tusche so lange geschrieben, bis die

Konditor- und Bäckermeisterin. Beide sind

kate und Flyer gestaltet. Ja und mit diesen

Feder eins war mit der Person, bis sich ein

sehr bodenständig, das ist mir irgendwie auch

wenigen Arbeiten, die ich selber sehr als ge-

persönlicher Duktus der Schrift aus der Hand

geblieben. Nach den ersten vier Jahren Gym-

ring eingeschätzt habe, habe ich dann die

heraus entwickelt hat. Also sehr meditativ, so

nasium habe ich in die höhere landwirtschaft-

Aufnahmeprüfung auf der Universität für An-

viel Zeit hat heute niemand mehr in seinem

liche Schule für Alpenländliche Landwirt-

gewandte Kunst versucht. Gleichzeitig, zur

Studium. Eine großartige und gleichzeitig

schaft gewechselt, um etwas »Richtiges« zu

Sicherheit, habe ich mich auf der Universität

luxuriöse Grundausbildung in Bezug auf In-

lernen, etwas »Echtes«.

für Bodenkultur im Bereich Pflanzenbau in-

tensität! Diese Art von Entschleunigung fehlt

Nach dem Abschluss hat sich gleich eine Ge-

skribiert – dort ohne Aufnahmeprüfung, das

in Zeiten der Effizienz dort und da.

legenheit ergeben. Ein Optiker hat sich da-

wäre die logische Fortsetzung der Landwirt-

Gleichzeitig hatte ich Buchbinden in einer

mals einen Bauernhof gekauft. Da hat er je-

schaftsschule gewesen. Zu meiner Überra-

kleinen Werkstatt an der Uni: Vergolden, Le-

manden gebraucht, der jung, einsatzkräftig

schung habe ich die Aufnahmeprüfung be-

der gerben, Papier herstellen, Bücher auf un-

und auch ein bisschen informiert ist. Da hab

standen. Damals gab es auf der Angewandten

terschiedlichste Art binden und so weiter. Ja,

ich ihm dann geholfen, seinen Hof aufzubau-

so hat das begonnen mit dem Studium – doch

en. Ziegen, Schafe, Direktvermarktung für

» WÄ H R E N D A N D E R E S C H Ü L E R

irgendwann wurde mir die Schreiberei zu eng,

Fleisch, Milchprodukte, alles bio. Vor zwan-

G E B L Ö D E LT H A B E N, H A B E I C H

so wie im Mönchskloster, hat sich das ange-

zig Jahren war das noch recht progressiv,

I M M E R G R U N D R I S S E , A R C H I T E K-

fühlt. Heute seh ich das komplett anders. Da-

heute fällt uns das im Bio-Boom gar nicht

T U R G R U N D R I S S E G E Z E I C H N E T. «

mals wollte ich auch Fotografie machen und

mehr auf. Und Getreide selbst angepflanzt,

illustrieren, Typografie auch mal anders an-

geerntet, gedroschen, einen Brunnen selber

noch ein Studium für Typografie und Buchge-

denken und generell weiterdenken.

gegraben, Haus umgebaut, Dachdecken,

staltung, das es jetzt leider nicht mehr gibt.

Der einzige Freiraum, den wir hatten, war die

Züchten, Weidewirtschaft, im Winter schlä-

Es wurde irgendwann durch eine Klasse für

Sprache, die Literatur – wir durften uns die

gern (Anm. d. Red.: österr., Bäume fällen),...

Werbung ersetzt, weil es einfach zu Alt­

Texte aussuchen, die wir schrieben. Sie hat

Ja das volle Programm!

backen war. Heute wäre das eine großartige

uns angeregt, viel zu lesen. Das war ziemlich

EDDA: Und wie kam dann der Wandel zum

Alleinstellung mit dem Bezug zur handwerk­

spannend. Im weitesten Sinne war das

Design? Hat Sie das zu der Zeit schon inter-

lichen Tradition der Wiener Werkstätten.

Sprachkunst. Damals haben wir unserem

essiert?

Eine Verknüpfung von Wiener Schriftge-

Protest gegenüber der strengen Limitierung

EB: Alle Einflüsse und Erfahrungen exisitie-

schichte und neuen innovativen Methoden

dadurch Ausdruck gegeben, dass wir extrem

ren im Leben immer parallel, nichts geht ver-

wäre jetzt fantastisch!

schmutzige Texte geschrieben haben. Doch

loren, so wie die Landwirtschaft nie ver-

Ich habe also zwei Studien gemacht, erst

sie ist ruhig und sachlich geblieben, als wür-

schwinden wird in meinem Leben. Das

Typo­grafie und Buchgestaltung und bin dann

de sie den Sinn der Kraftausdrücke gar nicht

künstlerische Interesse – obwohl ich nicht

zum Grafikdesign gewechselt, weil mich alle

verstehen. Ihre Kommentare erschöpften

davon ausgehe, dass ich Künstler bin, war

Medien und Methoden interessiert haben.

sich in: »Ja da passt die Spationierung noch

immer schon vorhanden. Ich hab immer gern

Meine damalige Professorin für Typografie

nicht!« oder »Arbeiten Sie noch an den Un-

gezeichnet, Naturstudien – Beobachten, aufs

hatte selbst bei Hugo von Larisch, einem der

terlängen« Die war echt super, eine »Grande

Papier bringen, Ausdruck generieren, Strich

großartigsten Schriftgestalter der Wiener

Dame«! Ich schätze das sehr, was Sie uns ver-

entwickeln. In meiner Schulzeit hab ich auch

Werkstätten, studiert. Einerseits: So toll der

mittelt hat.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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» Nicht einmal für das fünffache des Geldes wird die Moral besser. «

KATRIN: Das heißt, das war eigentlich ein

Wir arbeiten jetzt sogar für viele Bereiche

Letztlich glaube aber ich schon, dass man

richtiges Schriftdesign-Studium?

der Wirtschaft, um einfach zu lernen, wie ein

weiß, was gemeint ist. Der Satz hat mehrere

EB: Ja, aber alles analog. Das war auch der

Unternemen, ein Produkt, eine Idee tickt.

Funktionen: Er sagt, uns interessiert, was

Nachteil. Doch heute ernte ich die Früchte:

Ich will es wissen. Nicht, dass ich Entrepre-

hinter einer Idee steckt. Das ist klar, das wird

Wir gestalten mittlerweile für beinahe jedes

neur sein will, aber mal anschauen, drauf-

den Kunden auch freuen, wenn wir uns über-

Erscheinungsbild, das bei uns entsteht, eine

schauen, wie funktioniert etwas, ist immer

durchschnittlich dafür interessieren. Ande-

eigene Schrift. Das liegt nicht nur daran, dass

spannend und immer neu, es fordert.

rerseits, spürt man, dass es schwer für Kun-

es technisch einfacher geworden ist, sondern

K: Was machen Sie im Rahmen eines Corpo-

den sein wird, die mit der Einstellung: Ich

auch daran, dass ich mir bewusst bin, dass

rate Design?

habe eine Lösung, bitte ausarbeiten! Zu uns

Typo­grafie ein zentrales Element jeder Art

EB: Wir kümmern uns um die Kommunikati-

kommen. Wir gelten bei manchen Auftrag­

von visueller Gestaltung ist.

onsstrategie, Positionierung am Markt, stra-

geberInnen sogar als unbequem, was ich als

J: Wir haben auch Textgestaltung, aber da

tegische Ausrichtung auf neue Märkte, Pro-

Kompliment auffasse, weil wir einfach zu viel

schreibt man dann eher Kurzgeschichten.

duktentwicklung, Unterstützung, Moderation

fragen. Wenn jemand eine fix-fertige Lösung

EB: Ja super, Text, gutes Stichwort! Spielt

und dann letztlich die Verbesserung der Kom-

hat, und gar nicht über Frage- oder Problem-

bei uns eine große Rolle. Bei uns ist der gro-

munikationsmaßnahmen zur Erreichung der

stellungen diskutieren will, ist er bei uns am

ße Gott der Inhalt. Und alles andere kommt

Unternehmensziele.

falschen Platz.

erst später. Es gibt Leute im Team, die sch-

K: Also den eben genannten Inhalt.

Das würde letztendlich auch zu Konflikten in

reiben schwerpunktsmäßig, dazu gibt es

EB: Ja aber zuerst sehr strategisch und

der Umsetzung führen, weil unser Qualitäts-

Strategie, es gibt das Thema Positionierung,

kommunikationstechnisch und dann formal.

anspruch, wo wir uns als Experten verstehen,

Unternehmensentwicklung,... Im Bereich

Die haben bestehende Corporate Design-

gegen den Qualitätsanspruch des Kunden

Corporate Design, im wissenschaftlichen oder

Systeme, mit denen man als Designer arbei-

steht. Er glaubt, er wäre auch Experte. Aber

Kulturbereich ist es die Vertiefung in einen

ten muss, einfach Mängel. Die beheben wir

solche Auffassungsunterschiede klärt man,

Spezialinhalt, bei einer Ausstellungsgestal-

nicht, indem wir das Corporate Design än-

indem man gemeinsam Lösungen entwickelt

tung die Recherche zu einem Thema oder im

dern, sondern die Inhalte. Oft geht es um die

und nicht getrennt agiert. Dazu gehen wir

Bereich Biowissenschaften Humanwissen-

Reduktion und Vermittlung komplizierter

vorher den Weg des gemeinsamen Dialogs,

schaften, geht es dann um DNA, RNA usw.

Inhalte. Natürlich verfolgen wir auch oft im

um Dinge festzuschreiben und eine gemein-

Sinne der Kunden das Ziel, ihre Produkte

same Sprachbasis zu haben. Wir respektie-

gut am Markt zu platzieren, aber auch mehr

ren unseren Kunden im Sinne seiner Quali-

Klarheit, mehr Transparenz und mehr Ehr-

tät, umgekehrt fällt es dem Kunden so

lichkeit zu finden und zu vermitteln – Thema

leichter unsere Expertise zu akzeptieren.

Ethik.

Wir be­rühren in unseren Identitätswork-

SABRINA: Sie schreiben auf Ihrer Internet-

shops nicht nur Fragen der visuellen Kommu-

seite, dass Sie Kunden mit »echter Haltung«

nikation, sondern Fragen der gesamten Un-

unterstützen.

ternehmenskultur, nicht selten brechen da

EB: Die Gegenfrage wäre, was ein Kunde mit

Konflikte auf. Aber es löst sich dann immer

unechter Haltung wäre. Wenn ich den Satz

im Guten auf. Unsere Arbeit ist Arbeit mit

durchdenke, glaube ich, dass man ihn um-

Menschen, an Menschen, für Menschen, rund

schreiben sollte. Was soll denn das heißen?

um Menschen rum.

» WIR BEHEBEN MÄNGEL NICHT, INDEM WIR DAS CORPORATE DESIGN ÄNDERN, SONDERN DIE INHALTE.«


INTERVIEW MIT ERWIN BAUER 

» WENN JEMAND EINE LÖSUNG HAT, IST ER BEIM KOMMUNIKATIONS­ DESIGNER AM FALSCHEN PLATZ.«

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Das heißt nicht, dass man überheblich sein

ten. Es ist nie so. Am Anfang hat man wenig

soll, oder ablehnend. Aber die Idee, alles ab-

Fixkosten, man kann entscheiden ob man

lehnen, aber auch alles umsetzen zu können,

arbeiten will oder nicht, kann zusätzlich noch

was man will, befreit. Das sind Grundsätze,

woanders jobben. Man muss am Anfang nicht

die wir befolgen. Angestellte können das

irgendwas Fades erledigen. Man bei jedem

nicht so leicht oder zumindest ist es ein ande-

Auftrag, alle Chancen, etwas Gutes zu ma-

res Gefühl im Kopf.

chen. Bei jedem. Wenn man sich jeden Job so

Eine ganz wichtige Sache: Wie geht man mit

vornimmt, dass man die Sache gut machen

dem moralischen Konflikt um? Diese Metho-

will, gibt’s diese Mecker-Jobs gar nicht. Man

dik, vorher mit den Leuten darüber zu reden,

darf sich natürlich nicht ausnutzen lassen.

Eben hatte ich einen Termin, da geht es um

fördert zu Tage was sie wollen, wer sie sind

Das ist klar.

Basmatireis, bio und fairtrade. Das Thema

und ob das zusammen passt. Manchmal

K: Aber wenn man angestellt ist, ist es eine

Nachhaltigkeit ist ein großes bei uns. Dieser

kommt es gar nicht zum Auftrag, sondern nur

andere Sache. Man muss sich vielleicht inner-

Reis ist ein super Produkt, super positioniert,

zu einem Erstgespräch.

halb behaupten.

dafür wollen wir arbeiten. Ich bin selbst ein

Wir checken das im Vorfeld ab. Vor kurzem

EB: Das ist ein Problem unserer Selbstver-

begeisterter Koch, was mich schon nahe ans

haben wir einem möglichen Neukunden einen

wirklichungsgesellschaft. Sobald man irgend-

Thema und an die Auseinandersetzung mit

umfassenden Fragenkatalog geschickt. Wir

was für irgendwen tun muss, ist das schon

dem Produkt bringt. Es könnte darum gehen,

haben z. B. gefragt, wo die Gesellschaft in

blöd. Aber das stimmt nicht. Auch da kann

vielleicht bei einer Produktpräsentation einen

fünf Jahren stehen wird. Wir haben schlicht

man mit einem gewissen Selbstbewusstsein

Vortrag über die Geschichte von Reis zu ma-

die Grenzen ausgelotet und den Kunden

in einen Dialog treten und Dinge einfach sa-

chen. Dann sind wir wieder als Experten für

wirklich gefordert. Und dann auch sehr gute

gen, die einem nicht passen. Klar wird man

die visuelle oder auch für die inhaltliche Ebe-

Reaktionen gekriegt. Das macht auf beiden

oft in Agenturen verheizt, wenn man sich

ne gefragt. Es könnte auch darum gehen, Kö-

Seiten auch richtig Spaß. Diese Vorbereitung

verheizen lässt. Aber man soll sich nicht ver-

che oder Winzer, für die wir bereits arbeiten

heizen lassen. Meine MitarbeiterInnen sind

mit dem Thema Reis zusammenzubringen, zu

» D I E I D E E I M H I N T E R KO P F,

kochen, zu diskutieren, zu präsentieren. Wir

A L L E S A B L E H N E N Z U KÖ N N E N

werden von diesem Kunden in Projekte einge-

U N D A L L E S M A C H E N Z U KÖ N N E N,

Erden, es wird hart gearbeitet und es gibt

bunden, die sie für Kunden machen. Sie laden

WA S M A N W I L L , B E F R E I T. «

auch Konflikte und Diskussionen und wir

uns als Markenexperten ein, um den ganzen

sehr widerständig. Und das will ich auch. Aber wir sind trotzdem nicht der Himmel auf

sind nicht alle immer der gleichen Meinung,

Prozess zu verbessern. Wir wechseln oft auf

führt dazu, dass im Vorhinein schon so viel

aber genau das macht es aus. Es liegt immer

die andere Seite, weil unsere Qualitäten weit

geklärt ist, dass es einen moralischen Kon-

an einem selbst. Man entscheidet, was für

über das Grafikdesign hinausgehen.

flikt nicht geben wird, wenn wir den Auftrag

einen gut ist. Wenn man einen Job nur wegen

S: Haben Sie mal für einen moralisch kriti-

bekommen.

dem Geld macht, wenn das ein Ziel ist, dann

schen Kunden gearbeitet?

K: Haben sie schon einmal für einen bösen

muss man dazu stehen. Ich hab das noch nie

K: Ja, wir fragen uns wie es ist, wenn man

Kunden gearbeitet?

gemacht.

schwierige Entscheidungen zu treffen hat.

EB: Nein, nicht wirklich.

Man kann das Angebot auch einfach wahn-

Kann man einfach ablehnen, was man nicht

E: Wie ist der Anfang in die Selbstständig-

sinnig hoch machen, damit man den Job

möchte?

keit? Wenn man quasi jeden Auftrag braucht

nicht kriegt. Wie Schmerzensgeld. Das ist

EB: Natürlich ist es immer das Beste sagen

um sich über Wasser zu halten?

auch eine Art von Ablehnung. Das machen

zu können, dass man in so einer Situation den

EB: Das glaubt man immer. Diese Standard-

wir selten, aber es kann trotzdem vorkom-

Auftrag ablehnen kann. Man sollte mit dieser

frage kann ich auch standardmäßig beantwor-

men. Aber nicht einmal für das fünffache des

Grundhaltung reingehen und die potenziellen

Geldes wird die Moral besser! Da ist es ein-

Kunden spüren auch, dass man den Job nicht

»HABEN SIE SCHON EINMAL FÜR

fach besser man sagt, man hat keine Zeit. Ich

machen muss. Das ist immer eine gute Vor­

EINEN B Ö SEN KUNDEN GEARBEI-

will ja auch niemanden vor den Kopf stoßen.

gabe. Damit verläuft das Gespräch anders.

T E T ? N E I N, N I C H T W I R K L I C H . «

»Sie sind nicht interessant genug, für sie ar-


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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» Kann ich übrigens nur raten: Bewerbt euch bei den besten Agenturen!«

beiten wir nicht.« Obwohl, manchen müsste

sich meine Agentur bei der Behörde einge-

J: Sie arbeiten auch für viele Weinbauern.

man es fast sagen. Es ist aber besser, man

setzt hat, bin ich drei-, viermal des Landes

EB: Ja, genau, mein Haus steht auf einem

hält sich zurück.

verwiesen worden. Immer so in drei-Monats-

ehemaligen Weinberg, rund herum sind

E: Sie haben auch für eine Zeit in Amsterdam

Abständen. Mein Pass war voll wie bei einem

Weinberge. Den Ursprung hat meine Verbin-

gearbeitet. Wie kam es dazu und wieso kamen

Schwerverbrecher.

dung zu den Winzern in meiner landwirt-

Sie zurück in die Heimat?

Irgendwann, nach einem guten Jahr, habe ich

schaftlichen Ausbildung. In dem Fall kann

EB: Was ist Heimat? Da sind wir beim nächs-

das Handtuch geworfen. Da habe ich ein Ange-

ich Landwirtschaft und Grafikdesign bestens

ten Thema. Ganz schön aufgeladen, dieser

bot gekriegt, auf der Angewandten zu unter-

verbinden.

Begriff…

richten und bin dann zurück nach Wien. Meine

J: Sie haben ja hier studiert und sie lehren ja

Holland war damals im Grafikdesign genauso

Kontakte in Österreich waren noch lebendig

jetzt auch hier. Hat ihr Studium sie gut vor­

progressiv wie heute. Heute bin ich allerdings

genug, auch zu Leuten, für die ich gearbeitet

bereitet oder hatten sie Ihr Know-how eher

manchmal etwas skeptisch. Amsterdam, Rot-

hatte. Ja, ich bin zurück und ein halbes Jahr

durch Praktika oder Amsterdam?

terdam, was auch immer, waren damals super

später kam die Genehmigung in Holland ar-

EB: Also ich unterrichte an der Angewand-

angesagt. Ich wollte zuerst in Rotterdam oder

beiten zu dürfen. Dann war es leider zu spät,

ten, wo ich studiert habe und an der Techni-

Amsterdam studieren. Damals gab es aber

sonst wäre ich heute vielleicht noch weg.

schen Universität. Mittlerweile an der

noch keine Erasmus-Programme, daher war

Es war aber eine super Zeit in Amsterdam

Schnittstelle zwischen Architektur und Kom-

es zu teuer. Dann hab ich mir gedacht: »Okay,

und hat mich sehr geprägt. Total Identity ist

munikationsdesign. Das sind zwei verschie-

gehst du halt nach dem Studium arbeiten«.

ein interdisziplinäres Büro mit Interior Desi-

dene Welten. Reden wir mal über die Ange-

» WENN MAN EINEN JOB NUR WEGEN DEM GELD MACHT, WENN DAS DIE QUALITÄT IST, DANN MUSS MAN DAZU STEHEN. ICH HAB DAS NOCH NIE GEMACHT.«

wandte: Die Angewandte ist ein toller Platz, weil extrem lebendig, für privilegierte, wenige Studierende, die eine hervorragende Betreuung haben. In der Grafikdesign-Klasse liegt der Schwerpunkt sehr stark auf Medienvielfalt und auch auf inhaltlicher Kompetenz, zwei zentrale Komponenten für erfolgreiches Arbeiten.

Dann hab ich mich beworben: Studio Dumbar,

gnern, mit Kommunikationsdesignern, das

Mein Studium war auch toll, ich habe sehr

Total Identity, Uma Design, Form Five,... –

Marken strategisch entwickelt und in allen

viel gelernt von meinen Professoren, vor al-

Bei den fünf Besten. Kann ich übrigens nur

Medien umsetzt. Diese Philosophie trifft im

lem vom Grafikdesign Professor, der jetzt ein

raten: Bewerbt euch bei den besten Agentu-

wesentlichen auch auf mein Büro zu.

älterer Herr ist. Der war sehr smart, sehr

ren! Nicht denken, da komm ich nicht rein.

K: Wie lange waren Sie insgesamt in

klug, sehr clever, konzeptionell, guter Typ!

Hartnäckig sein! Ich war sehr hartnäckig.

Amsterdam?

Hat mich vorbereitet auf das Arbeitsleben,

Aber das hat eh sofort geklappt mit dem

EB: Ein gutes Jahr. Ich wäre sicher länger

weil ich früh Jobs gemacht hab und während

Praktikum. Und dann haben sie mich nach

ge­blieben, mein Teamleiter, Hans Brandt

des Studiums arbeiten musste, um Geld zu

dem Praktikum gebeten, zu bleiben.

wollte mich auch unbedingt dort haben. Er ist

verdienen. Im letzten Jahr des Studiums habe

Das Problem war, dass Österreich noch nicht

jetzt der Boss von Total Identity. Und der

ich das Glück gehabt, einen großen Auftrag

EU war, sondern EWR – es gab restriktive

wollt mich unbedingt haben und ich hätte

im Team machen zu können, wie ihn norma-

Vorgaben für Arbeitsbewilligungen. Obwohl

auch alle Möglichkeiten gehabt.

lerweise nur Büros bekommen. Mit einem


Kollegen zusammen aus Deutschland, also

Wir sind extrem strukturiert, das heißt, dass

wichtig, das habe ich aus der Landwirtschaft

Teamwork geprobt. Da habe ich dann so Dinge

wir auch Zeit für Entwicklung und Experi-

mitgenommen, den Pragmatismus in der Lö-

gelernt, wie Kundenbetreuung, strategische

mente reservieren. Das ist natürlich eine Sa-

sung zu suchen. Mir geht es sehr stark um

Ausrichtung, usw.

che, die jeder selbst entscheiden muss, wie

einfache Lösungen im Sinne der Reduktion.

Praxiserfahrung muss man selbst machen und

viel er da reinsteckt. Das heißt nicht, dass die

Im Sinne des Filtrats sozusagen. Auf dem

ins Ausland muss man gehen. Das sind meine

Mitarbeiter das nicht dürfen aber sie müssen

Punkt bringen. Dieses Filtrieren dauert sehr

Empfehlungen. Und am besten auch in guten

es nicht. Und das führt auch nicht wirklich zu

lange, ist zeitaufwändig und braucht viel Ar-

Büros, die einen interessieren. Früh ein Prak-

Nachtschichten, bei uns ist es eher nine-to-

beit. Aber das Ergebnis ist dann auf den

tikum machen, geben und nehmen, sich nicht

five. Also das ist das absolute Ziel, natürlich

Punkt gebracht. Das heißt nicht, dass es for-

ausnutzen lassen. Man nimmt viel mit, wenn

ist es immer stressig bei einer Präsentation.

mal einfach sein muss, es kann auch barock

man in einem guten Büro ist und einigermaßen

Aber diese Wochenendarbeit gibt es nicht,

sein und trotzdem eine Verdichtung eines

geistig wendig und clever ist.

das ist nicht gut für das Büro und das Ergeb-

Zustandes sein. Es geht auch darum, Prozes-

E: Das sind wir hoffentlich.

nis der Arbeit. Also ich halte das eher für in-

se zu steuern und zu wissen, was man will.

EB: Ich gehe davon aus.

effizient, wenn man das machen muss. Es ist

Erst denken, dann machen. Das heiß aber

E: In den meisten Büros sind Überstunden

oft ein Zeichen von Unorganisiertheit oder

auch nicht, dass alles begründbar sein muss,

gang und gäbe. Ist das bei Ihnen auch der

Unentschiedenheit, für visuelles Gelaber

ich finde irrationale Momente sehr wichtig.

Fall? Wie motiviert man da seine Mitarbeiter?

manchmal oder sogar gestalterischer Selbst-

Der Zufall ist mitunter auch ein wichtiger

EB: Wir arbeiten nicht in der Nacht und wir

befriedigung. Zu entscheiden, wann eine Ar-

Schritt in der Gestaltung.

arbeiten nicht am Wochenende. Ich mag un-

beit gut und reif zum Abschluss ist, ist natür-

S: Das Designstudium ist ein Trendstudium.

disziplinierte Planung auf Kundenseite nicht,

lich nicht leicht.

Sie sagten aber, dass an der Angewandten so

weil man dann Extraschichten einschieben

Ich weiß aber, dass manches erst im Fein­

wenig Studenten sind. Gibt es diesen Trend

muss!

tuning richtig gut wird, aber ich glaube es ist

in Österreich nicht?


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

» MAN HAT IN JEDEM JOB, GUTE CHANCEN WAS GUTES ZU MACHEN. IN JEDEM.«

20

S: Naja, man sagt sich, er gibt Studenten

noch nicht einmal Geld für ein Praktikum bei ihm. Korrekt geht anders. EB: Er weiß, er ist der Star und wenn du bei

ihm bist, dann darfst du das in die Vita schreiben und wenn es in der Vita ist, ist das mehr wert als jedes Praktikumsgehalt. Unsere Praktikanten sind bezahlt, wir sind allerdings sehr wählerisch und stellen nicht immer welche ein. Man ist voll angestellt und

EB: Das ist wirklich nur an der Angewandten

versichert, bekommt eine kleine Entlohnung

so. Ansonsten gibt es dutzende Ausbildun-

pro Monat, 360 Euro. Das ist symbolisch und

gen, viel zu viele könnte man sagen. Das ist

natürlich keine richtige Bezahlung, das muss

bei uns auch so. Grafikdesign ist in Mode.

man auch sagen. Aber dafür darf man dann

K: Bei uns im Studium ist es so, dass es ei-

auch mal Fehler machen und fragen so oft

nen sehr großen Frauenanteil gibt. Aber wenn

man will. Man muss immer schauen, wie die

man sich dann die Designpersönlichkeiten

Balance ist, das ist wichtig. Also ich denke

anschaut, sind das dann doch meist Männer.

der Sagmeister gibt sehr viel, insofern ist es

EB: Ist ja auch richtig so! (lacht) Nein, das ist

symbolisch vielleicht nicht in Ordnung, aber

natürlich ein Problem. Manchmal muss man

ich glaube trotzdem sehr fair. Ich mache ja

das Gegenteil von dem sagen, was man meint,

Designmanagement auf der Angewandten.

dentInnenwettbewerb für nachhaltiges Bau-

um in einem so netten Gespräch wie diesem

Unternehmensführung, Strategie, morgen

en. Gleichzeitig unterrichte ich an der TU

einen Kontrapunkt zu setzen. Ich bin ein

reden wir über Vertragsrecht und wie Desig-

derzeit interdisziplinär das Thema Lichtde-

Freund der gezielten Provokation, der produk-

ner Verträge mit Kunden machen und sich

sign mit Industriedesignern von EOOS, mit

tiven Störung. Das ist das wichtigste Trieb-

nicht übers Ohr hauen lassen. Was auch sehr

einer PR Spezialistin und Architekten und

mittel für die Gestaltung. Für mich ist gespro-

wichtig ist.

Designern gemeinsam. Das Ergebnis sind

chene Kommunikation auch Gestaltung.

– Seid ihr eigentlich mit dem Zug oder mit

nachhaltige Leuchten mit Positionierungskon-

Aussagen, die widerspruchsfrei dastehen und

dem Auto da?

zept und Kommunikationsdesign und einer

glatt und perfekt sind, machen mich nervös.

J: Mit dem Auto

abschliessenden Ausstellung und Publikation.

Deswegen interveniere ich immer öfter, und

EB: Na, ja Nachhaltigkeit muss man sich

Es gibt so viele plakative verkürzende Head-

das löst Reaktionen und in der Folge gute

auch leisten können.

lines in den Tagesmedien. Deswegen ist es

Kommunikation aus. Sie löst was aus, sie be-

S: Zu viert, in einem Auto, ist gar nicht so

wichtig, dass wir DesignerInnen hinter die

rührt oder schockiert. Also es darf nicht banal

ineffizient.

Kulissen schauen und Dinge genau ergrün-

sein, Humor ist ja ein wichtiges Triebmittel

J: Und der Zug war einfach zu teuer.

den, um zu sehen was in der Welt wirklich

und Humor sollte schon fein sein und nicht

EB: Ich versuche, so weit wie möglich konse-

passiert. Der Gestaltungsansatz, den wir

grob, obwohl das Grobe auch seinen Platz hat,

quent zu sein, ich fahre jeden Tag mit dem

dann verfolgen, kann sehr politisch sein. So-

wenn es da hin passt. Deswegen müsste man

Fahrrad ins Büro, 20 Kilometer hin und zu-

cial Design bietet hier einen klugen Ansatz

ein Interview auch ein bisschen umschreiben,

rück. Ich mag das Autofahren in der Stadt gar

für Lösungen. Ein aktuelles Beispiel aus un-

so dass man, wenn man jemanden eine Ge-

nicht! Schön wäre eine autofreie Innenstadt,

serem Büro ist das Orientierungssystem für

schichte auftischt, die falsch ist, in Personen

das würde das Lebensgefühl und Stadtbild

den neuen Universitätscampus der Wirt-

mehr auslöst, als mit perfekten Antworten.

jeder Stadt vollkommen verändern!

schaftsuniversität. Dieser wird auch für alle

Nehmen wir mal Stefan Sagmeister – er spielt

Das Thema Nachhaltigkeit ist ein wichtiges

eingeschränkten Personen, ob hör-, seh- oder

auch mit er Provokation als Triebfeder und

Thema. Sowohl im Privatleben als auch auf

geistig eingeschränkten Personen so navigier-

setzt sie ganz bewusst ein. Smart, produktiv

der Kundenseite. Wir im Büro betreuen den

bar und nutzbar sein, dass keinerlei Barrieren

und wirkungsvoll.

Blue Award. Das ist der weltweit einzige Stu-

jemanden vom Zugang ausschliessen. Ange-


INTERVIEW MIT ERWIN BAUER 

21

fangen bei der Erstinformation über die WUWebsite bis zum interaktiven Infoterminal vor Ort. Das könnt ihr euch übrigens in der nächsten Slanted-Ausgabe anschauen. Die Projektidee folgt dem Social-Design-Ansatz im Sinne von Victor Papanek, der in den 1970er Jahre das Buch »design for the real world« geschrieben hat, wo er Design in Bezug zur Wirkung für die Gesellschaft setzt. Design ist immer gesellschaftlich relevant, auch wenn man sich nicht darum kümmert. Wenn man es tut, hat man allerdings die Chance auf ein besseres Ergebnis für alle.

» Diese Wochenendarbeit gibt es nicht, das ist verboten. Das ist auch totaler Unsinn! Ich halte das eher für ineffizient, wenn man das machen muss.«

DAS BÜRO IST GROSS, HELL UND BEEIN­H ALTET NORMALERWEISE UNGEFÄHR ZWÖLF MENSCHEN UND EINEN HUND.


INTER M EMMA RE


RVIEW MIT ANUEL EY

IM MÄRZ DIESEN JAHRES LERNTEN WIR DEN SCHWEIZER EMMANUEL REY IM RAHMEN DER » TY PO TA L KS « V E RA N STALTUNG IM GUTENBERG-MUSEUM IN MAINZ KENNEN. EMMANUEL IST MIT SEINEN 31 JAHREN EIN JUNGER VERTRETER DER SCHRIFTENDESIGNER. ER SCHLOSS SEIN STUDIUM AN DER ECAL IN LAUSANNE 2007 MIT AUSZEICHNUNG AB. NEBEN SEINEN TENDEN­ Z I E L L E X PE RI ME N TE L L E N SCHRIFTEN MACHT ER GRAFIKDESIGN UND GIBT SCHRIFTEN- UND PLAKATDESIGN-WORKSHOPS FÜR STUDENTEN. SEIT 2011 IST ER AUSSERDEM DESIGNER FÜR »B+P SWISS TYPEFACES«, WO BEISPIELSWEISE SEINE SCHRIFT »EUCLID« ERWORBEN WERDEN KANN. EMMANUEL LEBT UND ARBEITET IN BERLIN, OBWOHL SEINE KUNDEN ALLE IN DER SCHWEIZ ANSÄSSIG SIND, WIE WIR BEI UNSEREM PERSÖNLICHEN GESPRÄCH ERFUHREN.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

24

EMMANUEL REY

» ICH MAG WAS ICH MACHE. DAS IST DIE ERSTE MOTIVATION « INTERVIEW SABRINA BAUER, EDDA BOHNET, KATRIN BRÜGGEMANN UND JUDITH KALICKI


INTERVIEW MIT EMMANUEL REY 

25

SABRINA: Wir beschäftigen uns in unserem

Arbeit. Ich arbeite noch für Fotografen oder

ER: Gute Frage! Ich weiß es noch nicht. Ich

Kurs »Who the Fuck is Vilém Flusser?“ mit

Architekten. Also im kulturellen Bereich.

habe zuerst gedacht, dass ich nur Schriften

dem Thema Design und Ethik und dem Be-

Ja, und einige Bücher sind auch Ende des

entwickeln wollte. Dann hab ich gedacht ich

rufsbild des Designers. Durch das Interview

Jahres geplant. Also bis 2015 habe ich viel

mache nur Grafikdesign. Ich weiß es noch

wollen wir deine Haltung zu dem Thema er-

zu tun.

nicht, aber ich glaub, dass es heute für mich

fahren, deinen Standpunkt und auch deine

K: Du sagtest in Mainz, dass eine Schrift für

wichtige ist, beides zu machen. Ich glaube,

bisherige Laufbahn.

dich fertig ist, wenn du sie gut findest und

dass man die Grafikszene kennen muss, um

EMMANUEL: Habt ihr schon Berlin gesehen?

deine Grafikerfreunde sie benutzen wollen.

interessante Schriften zu gestalten.

KATRIN: Nee, wir sind gerade angekommen.

Aber wenn diese technisch gesehen nicht fer-

S: Glaubst du der Schriftenschwarzmarkt ist

In den nächsten Tagen besuchen wir mit dem

tig ist; wenn du zum Beispiel nicht alle Zei-

gefährlich für Schriftendesigner von heute?

Kurs verschiedene Agenturen, große und klei-

chen hast, keine verschiedenen Schnitte,

Es werden unglaublich viele Schriften ge-

ne, und können dort auch Fragen stellen.

noch kein Kerning gemacht, dann kann man

tauscht.

Wir haben dich ja auf dem Typotalk gesehen

sie ja so noch nicht verwenden. Hast du jetzt

ER: Naja, die Agenturen, die seriöse Arbeiten

und wollten dich jetzt gern persönlich befra-

lauter angefangene Schriften, die noch bear-

machen, müssen die Schriften kaufen. Sie

gen. Du bist in unserem Alter, du bist auch

beitet werden müssen, bevor du sie an den

können die Schriften nicht einfach nicht be-

noch nicht so lange fertig und uns interessiert

Markt bringen kannst?

zahlen. Es ist mir egal, ob Studenten sie un-

dein Weg aus der Schweiz nach Berlin und

ER: Jaa..

tereinander tauschen. Die Agenturen mit

deine Laufbahn als Schriften­designer. Ja, so

K: Ich meine, du willst ja deine Schriften ge-

Kunden, diese Leute interessieren mich und

kamen wir auf dich. Wieso bist du nach Berlin

nerell auch verkaufen.

gekommen?

ER: Ja.

ER: Ich habe in 2009 einen Wettbewerb ge-

K: Aber wenn du sie jetzt zum Beispiel nur

K E N N E N, U M I N T E R E S S A N T E

wonnen, ein sechsmonatiges Stipendium in

für ein Plakat gemacht hast und hast nur ein

S C H R I F T E N Z U G E S TA LT E N . «

Berlin. Und dann bin ich einfach hier geblie-

Teil der Schrift, nur einen Teil der Satzzei-

ben. Ich wollte nicht zurück in die Schweiz.

chen, dann kannst du sie ja eigentlich nicht

nichts anderes. Ich denke, dass die Leute, die

JUDITH: Wieso? Ist es dir zu steif?

verkaufen. Wie verwendest du sie dann?

die Schrift nicht kaufen, kein wirkliches Inte-

ER: Ich habe in Lausanne studiert und dann

ER: Einige Schriften mache ich nur für mich,

resse an Schriften haben. Und die interessie-

zwei Jahre als Selbstständiger gearbeitet.

also für meine eigene Arbeit, zum Beispiel

ren mich nicht. Als Student habe ich auch

Und es war die richtige Zeit etwas anderes zu

Plakate. Die verkaufe ich dann auch nicht.

viele Schriften benutzt ohne dafür zu bezah-

sehen. Und es ist nicht so groß. Ich kenne

Und wenn ich denke, sie wäre interessant für

len und das ist auch normal. Als Foundry ver-

alle Leute dort. Also es ist sehr klein und es

den Markt, dann mache ich die Schrift fertig.

lieren wir dadurch kein Geld.

gibt sehr viele Grafiker, weil die Kunstschule

Aber ich entwickle immer Schriften, also für

EDDA: Hast du einen Arbeits­alltag? Hast du

dort ist.

mich, für Kunden und für die Foundry. Und

dieselben Prozesse jeden Tag, stehst du auf

S: Aber herrscht in Berlin nicht große Kon-

manchmal verkaufe ich sie und manchmal

und machst Dir erstmal einen Kaffee oder

kurrenz im Designbereich?

nicht. Aber um sie zu verkaufen muss sie

nimmst dir mal einen Tag frei oder wie läuft

ER: Ja, es gibt viele Büros, aber die Kunden

komplett und fertig sein.

das?

sind nicht hier. Alle Büros arbeiten für Kun-

K: Du hast sechs Schriften, die du verkaufst,

ER: Ich mache täglich das, was dringend ist.

den, die anderswo sind. Berlin ist gut für

richtig?

Es gibt jeden Tag etwas anderes dringendes.

mich, weil ich viele Leute treffe und Konkur-

ER: Nur drei, die ich verkaufe.

Ich habe keine Routine.

renz gibt es für mich nicht.

J: Wie ist denn bei dir der Schwerpunkt?

E: Arbeitest du auch mal nachts durch?

K: Hast du schon einen festen Kundenstamm

Wenn du ganz viel Zeit hättest, würdest du

ER: Ja also ich arbeite gerne in der Nacht.

oder suchst du nach neuen Kunden?

am liebsten nur Schriften gestalten oder

Manchmal muss ich auch einfach nachts ar-

ER: Nein, ich suche nicht. Ich habe einen

brauchst du das Grafikdesign? Macht es dir

beiten, weil ich zu viel zu tun habe. Die Wo-

großen Kunden in der Schweiz – das Kunst-

dann Spaß Poster zu gestalten, oder würdest

chen sind für mich gleich. Wenn ich Zeit

museum Luzern. Ich habe letztes Jahr den

du am liebsten ausschließlich Schriften ent-

habe, nehme ich mir frei.

Pitch gewonnen. Das ist schon ziemlich viel

werfen?

»MAN MUS S DIE GRAFIKSZENE


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

» ALS STUDENT HABE ICH AUCH SCHRIFTEN BENUTZT, OHNE DAFÜR ZU BEZAHLEN UND DAS IST AUCH NORMAL. «

26

E: Wenn du dein Studium hättest verbessern

ER: Für mich ist das deutsche Design viel

können, was würdest du verändern? Hättest

mehr Corporate. Was ich vom deutschen De-

du dir mehr Freiräume gewünscht oder andere

sign kenne, sind Versicherungen, Banken

Kurse?

usw. Und ich denke an Edenspiekermann und

ER: Also für mich war es gut, dass in den ers-

Metadesign. Die Schriften sehen auch mehr

ten drei Jahren die Noten alle gemischt wa-

Corporate aus. In der Schweiz gibt es auch

ren. Es gab Einzelnoten aber am Ende kamen

große Agenturen, aber es gibt auch eine sehr

alle zusammen, als Durchschnitt. Und in dem

starke kleine Szene, die viel für die Kultur

letzen Jahr war es verschieden, wir mussten

arbeitet. Und es gibt viele kleine Büros, die

gute Noten in allen Fächern haben. Das war

große Arbeit haben wie zum Beispiel jetzt ich

für mich nicht so gut, weil einige Sachen inte-

für das Kunstmuesum Luzern. Normalerweise

ressierten mich nicht und ich habe nicht viel

ist diese Arbeit für eine Agentur. Sie haben

dafür gearbeitet. Im letzten Jahr musste ich

trotzdem mich gewählt. Grafikdesign in der

K: Zeigst du deine Sachen manchmal ande-

für die Fächer, die ich nicht mag, mehr arbei-

Schweiz ist irgendwie speziell. Und das ist

ren Leuten? Befreundeten Grafikern bei-

ten. Das war blöd. Es ist besser, die Sachen

auch Teil der Kultur in der Schweiz. Ich fühle

spielsweise?

die du magst, zu verstärken.

das hier ein bisschen weniger.

ER: Nicht viel. Aber ich arbeite hier mit ei-

E: Also konnte man keine Kurse wählen?

J: Aus deinem Blickwinkel als experimen­

nem Freund, der ist Fotograf und wir disku-

ER: Nein.

teller Designer wirken die Deutschen viel-

tieren viel. Aber anderen Grafikern zeige ich

K: Wenn du nicht wählen konntest, was hat-

leicht weniger mutig.

nicht viel. Aber Fotografen oder Künstlern ja.

test du für Kurse? Hattest du dann auch

K: Trotzdem bist du in Berlin, obwohl es be-

Das ist interessanter für mich.

Zeichnen oder Typografie?

ruflich gesehen besser für dich wäre, in der

E: Also hilft es dir, wenn du das Gefühl hast,

ER: Film, Kunst, Grafikdesign, Design-­

Schweiz zu leben.

du kommst nicht weiter?

Geschichte, Fotografie-Geschichte.

ER: Ja, das Leben in der Schweiz ist langwei-

ER: Ja. Für Grafikdesign. Für die Schriften,

K: Ist deine Hochschule sehr Schriftdesign-

liger. Es ist wichtig für mich, in einer Stadt zu

sind wir in der Foundry zu dritt in der Gruppe

orientiert?

leben, die viel Energie hat, deshalb bin ich

und zeigen uns gegenseitig Arbeiten. J: Arbeitet Ihr mit der Foundry zusammen

lediglich an Schriften oder habt ihr auch Gra-

hier. Ich glaube, in der Schweiz könnte ich » E S I S T B E S S E R , D I E S A C H E N, D I E D U M A G S T, Z U V E R S TÄ R K E N. «

fikdesign Projekte?

nicht dieselbe Arbeit produzieren. Die guten Ideen habe ich hier. E: Also ist Berlin deine Inspiration?

ER: Nein, das ist nur für Schriften.

ER: Ja, wenn du an Schriftdesign interessiert

ER: Ja!

K: Hast du dich in deinem Studium schon spe-

warst, hattest du die Möglichkeit Schriften zu

E: Gehst du auf die Straße und suchst dir da

zialisiert? Hast du da schon viel mit Schriften

entwickeln, aber manche Leute haben kein

deine Inspiration oder wo findest du sie?

gemacht oder eher künstlerisch gearbeitet?

Schriftendesign gemacht.

ER: Nein, ich suche keine Inspiration aber sie

ER: Ich hatte immer ein großes Interesse an

E: Hast du das Studium wegen dem Schrift­

kommt.

Schriften. Und ich habe fast nie mit Bildern

designen ausgesucht oder kam die Liebe zur

J: Hast du hier schon jemanden gekannt be-

gearbeitet. Ich habe immer alles mit Schriften

Schrift erst durch das Studium?

vor du her kamst?

gestaltet.

ER: Ich habe Schriften immer gern gehabt.

ER: Wir sind zu zweit hergekommen, aber

K: So wie jetzt auch mit deinen Plakaten.

Aber im Studium habe ich bemerkt, dass ich

wir kannten niemanden hier.

ER: Ja und wir hatten auch Schriftdesign-

das auch gut kann. Und wie ich vorher gesagt

J: Hast du hier Deutsch gelernt oder hattest

Kurse, aber nicht so viele. Das war schon

habe, ich habe fast nie mit Bildern gearbeitet.

du das in der Schule?

ziemlich gut, nicht viele Hochschulen haben

Und deshalb war es auch gut, dass ich Schrif-

ER: Ich habe in der Schule in der Schweiz

Schriftdesign.

ten entwickeln konnte.

Deutsch gelernt, aber vor zwölf Jahren.

K: Dieses Semester haben wir auch Kurse in

E: Was sind für dich die größten Unter­

die Richtung, aber wir haben eher Typo­

schiede zwischen dem Deutschen- und dem

grafie-Kurse.

Schweizer Design?

»DAS DEUT S CHE DE SIGN I S T V I E L M E H R › C O R P O R AT E ‹ . «


INTERVIEW MIT EMMANUEL REY 

27

» Ich glaube, in der Schweiz könnte ich nicht dieselbe Arbeit produzieren. Die guten Ideen habe ich hier.« J: Das heißt du musstest neu anfangen.

K: Machst du das Design in Photoshop?

ER: Also… es gibt verschiedene Grafiker.

ER: In der französischsprachigen Schweiz

ER: In InDesign

Wenn du Selbstständiger sein willst, musst

mögen wir es nicht, Deutsch zu lernen. Ich

J: Denkst du, dass man alles können muss

du einfach viel Motivation und Energie haben

muss mein Deutsch noch verbessern. Viele

oder sollte man sich spezialisieren, wie du

und du brauchst Zeit um etwas aufzubauen.

Leute hier sprechen Englisch. Ich treffe hier

auf Schriftdesign?

Viele meiner Freunde haben nach ein paar

viele Leute, die gar kein Deutsch sprechen.

ER: Ich glaube dass es wichtig ist, alles ein

Jahren etwas anderes gemacht, weil das zu

E: Du hast uns erzählt, dass du für Luzern

bisschen zu kennen. Zum Beispiel habe ich

schwer war. Du musst einfach deinen Beruf

die Arbeit einer Agentur übernimmst. Ist das

auch vor der Kunstschule Programmierung

mögen!

nicht manchmal zu viel?

studiert und jetzt ist dies von Vorteil um mit

K: Ja, da ist sicher manchmal großer Druck

den Programmierern zu sprechen. Ich kann

dahinter, oder? Hast du manchmal Sorge,

dadurch besser erklären was ich will und auch

alles allein zu schaffen, insbesondere wenn

verstehen, was im Internet passiert. Es gibt

du ein straffes Timing hast?

jeden Tag neue Möglichkeiten. Und wenn du

ER: Ja aber ich weiß auch, dass ich bisher

dich nicht dafür interessierst, dann wirst du

immer alles geschafft habe. Ich hatte anfangs

nichts aktuelles produzieren.

In der Schule in der ich studiert habe, wollen

große Angst und war auch nicht sicher, ob ich

J: Das heißt, du könntest eigentlich pro-

alle selbstständig werden, wir denken gar

diese Arbeit annehmen sollte. Jetzt bin ich

grammieren?

nicht an Agenturen. Das ist ein bisschen ko-

zufrieden, dass ich das machen kann. Aber

ER: Jaaa das ist mittlerweile ein bisschen

misch, oder? Wir kennen nur Beispiele von

manchmal überlege ich, ob ich mit ein paar

schwer. Mit Fotografie ist es dasselbe. In der

Leuten, die erfolgreich sind. Du kannst

Leuten zusammen arbeiten sollte. Ich arbeite

Schule haben wir auch fotografiert, ihr wahr-

selbstständig sein oder in Agenturen arbei-

halt lieber allein. Wie ich auch schon gesagt

scheinlich auch. Und das ist gut, wenn du

ten, beides ist gut. Aber das ist nicht der sel-

habe, ich habe gern die Kontrolle.

später mit Fotografen zusammen arbeitest.

be Beruf, denke ich.

K: Ja, gerade weil deine Sachen auch sehr

J: Aber man sollte schon seinen Bereich ha-

E: Wenn ich mir vorstelle, ich würde mich

frei sind, da ist eine Zusammenarbeit schwie-

ben, in dem man Spezialist ist?

jetzt selbstständig machen, mir würde so viel

rig. Vielleicht läuft dir in Zukunft jemand

ER: Ja, aber das kommt auch später. Ich

fehlen. Ich wüsste nicht genau, wie ich mit

über den Weg, mit dem das von selbst

wusste schon, dass ich Schriften ent­wickeln

dem Kunden umgehe, auch Rechnungen sch-

kommt, aber wahrscheinlich nicht so ich-su-

wollte. Aber viele Leute wissen sowas am

reiben usw. Das muss man sich als Unerfahre-

che-einen-Mitarbeiter-mäßig.

Ende des Studiums noch nicht. Das kommt.

ner alles selbst beibringen. Der Anfang ist

ER: Am Anfang in der Schweiz habe ich ein

S: Was für einen Rat gibst du uns jungen De-

schwer, oder?

bisschen gejobbt und mit einigen Leuten ge-

signern?

ER: Ja. Aber das ist auch interessant.

» DU MUSST EINFACH DEINEN BERUF MÖGEN!«

arbeitet, aber das war nicht so einfach.

J: Das heiß, du hast noch nie in einer Agen-

J: Machst du bei einem deiner Projekte auch

tur gearbeitet?

andere Sachen, was Interaktives, eine Websi-

» E S G I B T J E D E N TA G N E U E

te oder digitale Animationen? Kannst du das

M Ö G L I C H K E I T E N.

oder gibst du solche Dinge raus? ER: Die Designs der Websiten habe ich selbst

gemacht, aber für die Programmierung habe ich ein Team.

UND WENN DU DICH NICHT D A F Ü R I N T E R E S S I E R S T,

ER: Nein. K:  Auch nicht als Freelancer? ER:  Ja, als Freelancer habe ich dreimal für

Agenturen gearbeitet, also für drei Jobs. Aber

WIRST DU NICHTS AKTUELLES

das war nicht so interessant.

P R O D U Z I E R E N. «

K: Was hast du da gemacht?


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

28

ER: Es war ein Katalog für Badehosen von

ER: Das interessiert mich auch nicht. Zum

Spaß und um Ideen für Schriften zu sam-

einer berühmten Marke und die zwei anderen

Beispiel Wettbewerbe für Schriften. Ich mag

meln. Ich habe einen größeren Businessplan

waren für Wettbewerbe, die wir nicht gewon-

das nicht. Sie suchen nicht die Designer, son-

für die Schriften und für die Firma.

nen haben.

dern du musst dich anmelden. Sie schauen

J: Aber du möchtest weiterhin in Berlin

S: Gibt es einen Kunden, für den du nicht

sich nicht tausende Schriften an und ent-

bleiben?

arbeiten würdest?

scheiden sich für die besten. Also sie stellen

ER: Ja. Ich könnte auch morgen umziehen,

ER: Nein. Aber was meinst du? Zum Beispiel

nicht zuerst die Fragen zu den Schriften und

ich habe nichts wichtiges hier, was mich hier

etwas Politisches oder Zigaretten?

treffen dann eine Auswahl. Das bedeutet

hält. Aber für mich ist es einfach gerade sehr

K: Ja, wie Designer, die nie etwas für die Po-

dann nichts. Wenn jemand nicht partizipiert,

gut hier. Obwohl es einfacher wäre, in der

litik machen würden.

kann seine Schrift vielleicht besser sein, aber

Schweiz zu sein, denn ich bin schon oft in der

ER: Ja ich glaube, das interessiert mich

es zählt in dem Wettbewerb nicht.

Schweiz, um Kunden zu treffen.

nicht. Ich könnte dafür nichts interessantes

J: Möchtest du mit deinen Schriften eigent-

J: Du unterrichtest doch auch in Frankreich.

produzieren. Aber für Zigaretten, das ist mir

lich die Welt verändern? Ist dir wichtig, dass

ER: Ja aber das sind Workshops, die sind

gleich. Warum nicht. Ich glaube nicht, dass

die Menschen ein Gefühl für gute Typografie

nicht regelmäßig. Das mache ich sehr gerne

es schlechter ist, für Zigaretten zu arbeiten,

bekommen? Laien deine Schrift anerkennen?

und der Unterricht ist auch einfach gut, um

als für eine Bank. Beide sind schlecht.

Das Bild verändert wird? Oder ist es wichti-

sich mit jungen Leuten auszutauschen.

E: Würdest du an einem Pitch teilnehmen?

ger dass die Schrift auch verkauft wird?

K: Wie sehen die Workshops aus? Wochen-

Was hältst du davon?

ER: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke,

enden mit kleinen Gruppen?

ER: Für das Kunstmuseum Luzern das war

dass ich Schriften entwickle, für die Men-

ER: Das sind einwöchige Workshops an einer

ein Pitch. Es waren sechs Büros eingeladen.

schen, die Schriften benutzen. Nicht für die,

Kunsthochschule. Der letzte war beispiels-

Normalerweise mache ich das nicht, weil

die sie nicht richtig sehen. Wenn das passiert,

weise zum Thema Plakatdesign, aber nur mit

ich das blöd finde. Aber das war eine Einla-

ist das auch gut, aber für mich sind meine

Schriften. In dieser Schule mache ich den

dung, das ist schon etwas anderes als ein

Schriften ein Tool für Grafiker oder Marken.

Workshop einmal pro Jahr. Bevor ich nach

offener Pitch. Ich weiß nicht, warum ich es

E: Wie ist das denn, wenn du deine Schrift in

Berlin kam, habe ich in der Schweiz zwei Jah-

gemacht habe, das Museum hat mich einfach

den Layouts von anderen Grafikern siehst?

re unterrichtet, einen Tag pro Woche.

interessiert. Wir hatten einen Monat, um

Denkst du dir manchmal »Oh mein Gott, was

S: Wir beschäftigen uns mit Ethik und De-

etwas zu präsentieren. Und ich habe ge-

hast du getan?«

sign. Denkst Du, dass Designer in einer Ver-

dacht, okay ich arbeite eine Woche daran

ER: Für mich ist es eher gut, weil ich meine

antwortung stehen oder sollten wir uns nicht

und probier es. Ich kann nicht einen Monat

Schriften nicht so gut benutze, glaube ich. Es

zu sehr mit den Inhalten beschäftigen?

für so etwas arbeiten.

ist meistens eine positive Überraschung.

ER: Für mich ist es das wichtigste, gute Ar-

E: Und es hat gereicht, um zu gewinnen?

Manchmal eine negative, aber das ist auch ok.

beit zu produzieren. Eine gute Qualität. Es

ER: Ja. Aber sonst finde ich Pitches blöd,

K: Hast du einen Plan, wo du mal hin willst?

soll eine gute Arbeit sein, gut aussehen. Ich

weil es zu einfach für die Firmen ist Pitches

Was bei dir in den nächsten Jahren passiert?

könnte, wie gesagt, auch für eine Zigaretten-

zu organisieren. Sie haben fünf verschiedene

ER: Also mit der Firma wollen wir etwas grö-

marke arbeiten.

Vorlagen und zahlen fast nichts. Sie wissen,

ßer werden. Vielleicht mit mehr Leuten zu-

E: Fällt es dir manchmal schwer solche Kom-

dass die Agenturen Arbeit suchen und sie

sammenarbeiten. Die Foundry muss auf jeden

promisse einzugehen?

spielen damit. Das finde ich nicht gut. K: Gerade wenn es gar nicht oder schlecht

bezahlt wird, wie es oftmals der Fall ist. ER: Ja und ich kenne keinen anderen Beruf,

in dem du für fast nichts etwas produzierst.

» Ich entwickle Schriften, für die Menschen, die Schriften benutzen. Nicht für die, die sie nicht richtig sehen.«

Das ist ein bisschen komisch. S: Ist deine Einstellung zu Wettbewerben

Fall viel größer werden. Das Grafikdesign

ER: Ja das ist manchmal schwierig. Aber ich

ähnlich? Man muss ja oft viel Geld bezahlen,

möchte ich weiterhin alleine machen. Immer

hab die Erfahrung gemacht, dass die oftmals

um mitmachen zu können.

machen was mir gefällt. Das ist für mich zum

recht haben, wenn sie etwas geändert haben


INTERVIEW MIT EMMANUEL REY 

29

möchten. Und es ist ja gut, wenn die Kunden

» D I E M E I N U N G VO N J E M A N D E N,

auch etwas kritisieren und neuen Input dazu

DER GRAFIKDE SIGN NICHT S O GUT

geben. Sonst wäre es zu einfach und man

K E N N T, I S T I N T E R E S S A N T E R . «

kommt in die Gefahr sich nicht weiter zu ent-

ER: Nein. Als Student ja, aber jetzt nicht

mehr. E: Wie wichtig ist für dich ein Skizzenbuch? ER:  Das habe ich immer dabei. Ich schreibe

wickeln. Es ist wirklich oft passiert, dass ich

ER: Jemand hatte die arabische Schrift ent-

und zeichne immer Ideen. Ideen habe ich nie

genervt war, weil der Kunde nicht zufrieden

wickelt und hat mich gefragt, ob ich die latei-

vor dem Computer. Das Skizzenbuch benutze

war mit dem was ich gemacht habe, aber am

nische Version entwickeln kann. Ich kenne

ich häufig. du benutzt am Computer be-

Ende war die Arbeit besser. Aber es ist nicht

nicht viel von arabisschen Schriften. Aber ich

stimmte Programme, das ist nicht die selbe

einfach zu akzeptieren. Es ist wahrscheinlich

kann sehen ob die zwei Schriften, arbaisch

Freiheit wie im Skizzenbuch. Jedes Programm

dasselbe wie in der Schule.

und latein, zusammen funktionieren oder

gibt dir schon einen Weg vor. Wenn du etwas

K: Deswegen ist es machmal gut, eigene Ar-

nicht. Wir haben auch mit der Foundry für

skizzierst, kommst du vielleicht darauf, etwas

beiten befreundeten Designern zu zeigen, um

drei arabische Schriften die lateinischen Ver-

mit Malerei-Stil zu machen. Wenn du vor dem

anderen Input zu bekommen.

sionen gemacht. Und das ist interessant weil

Computer sitzt, kannst du nicht an Malerei

ER: Wie ich gesagt habe, ich zeige gerne mei-

das ist glaube ich das erste mal dass die latei-

denken.

ne Sachen anderen, aber keinen anderen Gra-

nischen Buchstaben nach den arabisschen

E: Interessierst du dich auch für Malerei oder

fikern. Weil deren Meinung ist eine Meinung

gestaltet werden. Normalerweise werden die

ist das Endprodukt immer am Computer?

von Grafikern. Die Meinung von jemanden,

arabisschen Versionen zur Frutiger oder Hel-

ER: Ja, immer. Ich bin sehr schlecht im Zeich-

der Grafikdesign nicht so gut kennt, ist inter-

vetica gestaltet und nicht andersrum.

nen. Eine Idee ist schneller im Skizzenbuch

essanter.

E: Ich stelle es mir schwierig vor, die Merk-

als im Computer. Vor dem Computer, gehst

E: Ist dir manchmal alles zu viel und du wür-

male einer Schrift zu übernehmen, wenn man

du immer schon alles präzise durch. Im Buch

dest am liebsten an einen Strand flüchten,

sie in ein Zeichensystem, das so kontrovers

hast du Freiheiten. Es geht schneller, alles zu

nichts von Design hören?

zu unserem ist interpretiert.

skizzieren.

ER: Also jetzt gerade weiß ich, dass ich eine

ER: Ich finde es nicht schwierig. Denn mit

K: Am Computer finalisiert man auch alles

Pause brauche. Aber bis jetzt habe ich immer

deinen Augen kannst du alles sehen. Und

direkt. Die Phase der Ideensammlung fällt

gearbeitet und keine Pause gemacht. Jetzt

wenn du jeden Tag mit Schriften arbeitest,

hinten runter.

geht das auch eher. Wenn ich selbstständig

ist es ziemlich einfach zu sehen ob es funkti-

ER: Habt ihr noch Fragen?

sein will, weiß ich, dass ich ein paar Jahre

oniert und wenn nicht, änderst du etwas.

S: Ich glaube wir haben dich schon genug

hart arbeiten muss.

J: Macht ihr bei der Foundry eher Auftrags-

ge­löchert.

E: Hast du noch ein Privatleben wenn du so

arbeiten oder eher freie?

ER: Wisst ihr schon was ihr später machen

viel arbeitest?

ER: Wir verkaufen unsere Schriften und wir

wollt?

ER: Manchmal ist es nicht ganz einfach, du

entwickeln eigene für unsere Kunden.

S: Puh!

hast nicht viel Zeit und auch andauernd die

J: Gibt es bestimmte Zeitschriften, die du

E: Das ist schwierig

Arbeit im Kopf. Aber ja, ich kann mir auch

gerne kaufst, um dich zu inspirieren?

K: Wir sind da gerade alle in einer art Um-

mal ein paar Tage frei nehmen.

ER: Also Magazine und Bücher über Grafik-

bruchphase, kurz vorm Bachelor, bei vielen

S: Wie motivierst du dich immer wieder aufs

design finde ich ziemlich schlecht und uninte-

fehlt die Praxis und die Erfahrung. Aber

neue?

ressant. Es gibt sehr viele Bilder, die du im

wir haben ja noch ein Jahr, um das raus zu

ER: Also, ich mag was ich mache. Das ist die

Internet nachschauen kannst, mit wenig Tex-

finden.

erste Motivation. Und ich möchte mit den

ten, das sehe ich den ganzen Tag und wenn

Schriften und der Firma auch weiter kommen.

ich mir ein Magazin kaufe, möchte ich auch

Das reicht. Und ich bin extremst zufrieden

etwas zu lesen haben. Aber manchmal kaufe

mit dem, was ich mache. Ich teile mir alles

ich auch Magazine oder Bücher, weil ich die

ein, wie es geht, keine Öffnungszeiten.

Gestaltung gut finde. Aber nicht welche über

K: Du hast auch eine Schrift gemacht, die

Grafikdesign.

arabisch aussieht. Wie kamst du dazu? Hast

J: Also schaust du dir auch keinen bestimm-

du einen Bezug zu einem arabisschen Land?

ten Blog regelmäßig an?

» IDEEN HABE ICH NIE VOR DEM COMPUTER. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

ER: Habt ihr schon ein Praktikum gemacht? J:  Ja, zwei Monate in einer Agentur. S:  Hast du im Studium Praktika gemacht? ER:  Nein. J:  Musste man das bei dir nicht machen?

30

» ICH HALTE EINEN MASTER NICHT FÜR WICHTIG. «

ER: Nein, aber fast alle haben in ihren Ferien

ein Praktikum gemacht. Aber ich nicht. Ich

auch bei anderen aus dieser Hochschule die

weiß nicht warum. Ich war mir immer sicher,

Resultate daraus gesehen und die haben mir

nicht für jemand anderen zu arbeiten.

nicht so gefallen. Wenn ich jetzt noch mal

E: Also ich glaube ich könnte mir auch nicht

studieren würde, würde ich etwas machen,

vorstellen mein ganzes Leben für jemand an-

was mir wirklich gefällt. Ich halte einen Mas-

deren zu Arbeiten. Auf der anderen Seite,

ter auch nicht für wichtig. Den Beruf hast du

stelle ich mir den Start in die Selbstständig-

ja dann schon gelernt und abgeschlossen.

keit sehr schwierig vor.

E: Am Samstag haben wir noch Gespäche

K: Es ist vor allem schwierig, wenn du nicht

mit ehemaligen Studenten und eine davon

weißt, was du genau machen willst. Wenn du

hat, nach ihrem Kommunikationsdesign-Ba-

weißt, was du willst, gibt es auch einen Weg

chelor einen Master in Kulturwissenschaften

dafür.

gemacht. Würde dich die Richtung interes-

E: Ja und um zu wissen, wohin man will sind

sieren?

Praktika einfach das Beste. Ist es eigentlich

ER: Also mich nicht. Aber ich finde das gut

so, dass viele deutsche Designer in die

und ich habe auch ein paar Freunde die das

Schweiz kommen?

machen. Ich habe jetzt ein paar Jahre gear-

ER: Ich weiß es gar nicht.

beitet – nein, jetzt würde ich keinen Master

E: Waren bei euch auch alle Studenten aus

mehr machen. Etwas anderes als Grafikde-

der Schweiz?

sign vielleicht. Aber du kannst ja auch nicht

ER: Es gab einige aus Frankreich, aber die

alles machen.

meisten waren aus der Schweiz.

S: Hast du dich schon bereit gefühlt, zu ar-

J: Gibt es eigentlich in der Schweiz Studien-

beiten, als du mit dem Bachelor fertig warst?

gebühren?

ER: Nein, gar nicht! Ich wusste, dass ich ar-

ER: Ja, aber die sind nicht hoch. Für die

beiten muss, um zu wissen wie es funktio-

Schulen, die nicht privat sind, sind es

niert, aber gleichzeitig wusste ich auch, dass

500 Euro pro Semester. Wie ist das hier?

ich noch nicht bereit dazu war. Aber du musst

E: Es kommt auf das Bundesland an, aber

auch einfach mal anfangen. Wenn du Motiva-

nicht mehr als 500 Euro und manche sind

tion hast und weißt, was du machen willst,

umsonst. Naja, fast umsonst.

geht es einfacher, als wenn du nicht nicht

J: Wir müssen in Mainz vergleichsweise we-

weißt wohin.

nig zahlen, 200 Euro. E:  Würde es dich eigentlich reizen, dein Stu-

dium zu erweitern? ER: Du meinst, einen Master machen? Nein

ich glaube nicht mehr. Ich hatte mich vor vier oder fünf Jahren mal für ein Masterplatz in Schriftdesign beworben und wurde auch angenommen. Aber dann habe ich mich mich kurz vorher dagegen entschieden. Ich habe


INTERVIEW MIT EMMANUEL REY 

31

» Wenn du Motivation hast und weißt, was du machen willst, geht es einfacher, als wenn du nicht weißt wohin.«

EMMANUEL EMPFING UNS IN SEINER GROSSEN ALTBAUWOHNUNG IN PRENZLAUER BERG, DIE GLEICHZEITIG SEIN BÜRO UND SEIN ZUHAUSE IST.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

32

EMMANUEL BENUTZT WIRKLICH AUSSCHLIESSLICH SEINE EIGENEN SCHRIFTEN. UND NICHT NUR DAS: EIGENTLICH BENUTZT ER GRAFIK­ DESIGN SOWIESO NUR, UM SEINE SCHRIFTEN AUSZUPROBIEREN, ZU TESTEN UND IDEEN FÜR NEUE SCHRIFTEN ZU BEKOMMEN. – WIR WAREN UNS EINIG: DAFÜR MACHT ER DAS GANZ SCHÖN GUT!


» ICH WAR MIR IMMER SICHER, NICHT FÜR JEMAND ANDEREN ZU ARBEITEN. «


INTER M ANDR UEB


RVIEW MIT REAS BELE

ANDREAS UEBELE KENNEN WIR VON DIVERSEN TYPOGRAFIE-SYMPOSIEN, ZULETZT JEDOCH TRAFEN WIR IHN BEI UNS IN MAINZ. AUF DEM SYMPOSIUM »SCHRIFT/MACHT/ WELTEN. TYPOGRAFIE UND MACHT« IM GUTENBERG-MUSEUM MAINZ HIELT ER EINEN VORTRAG, IN DEM ER SEIN COR­ PORATE DESIGN UND DIE ZUSAMMENARBEIT MIT DEM DEUTSCHEN BUNDESTAG BESCHRIEB. WIR BESUCHTEN ANDREAS UEBELE IN SEINEM BÜRO »BÜRO UEBELE VISUELLE KOMMUNIKATION« IN STUTTGART UND SPRACHEN MIT IHM ÜBER SEINE LAUFBAHN UND ERFAHRUNG ALS DESIGNER. DAS GEKICHER UNSERERSEITS WAR UNGEFÄHR DAS GLEICHE, WIE ES BEI SEINEN VORTRÄGEN »UEBELICH« IST.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

36

ANDREAS UEBELE

» ZUERST MAL GANZ WICHTIG: DAS BAUCHGEFÜHL! « INTERVIEW SABRINA BAUER, EDDA BOHNET, KATRIN BRÜGGEMANN UND JUDITH KALICKI


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

37

KATRIN: Es geht heute um Design und Ethik.

Plakat gestaltet, so bin ich dann zum Grafik-

selbstständig zu machen. Schließlich habe

Wir beschäftigen uns in unserem Kurs »Who

design gekommen. Dann habe ich das immer

ich das studiert und war bei einem berühmten

the Fuck is Vilém Flusser?« mit dem Berufs-

als Hobby nebenbei gemacht. Kleinaufträge

Architekten. Und dann habe ich an einem

bild des Designers. Durch das Interview wol-

wie Plakate, Broschüren, Faltblätter, Visiten-

Wettbewerb teilgenommen und gemerkt: Das

len wir erfahren wie Sie zu diesem Thema

karten, Anzeigen – so Krimskrams halt. Das

läuft überhaupt nicht. Ich quälte mich total.

stehen, wie Ihr bisheriger Weg war. Wir ha-

war alles ganz nett, nicht so richtig tolles

Aber das Grafikdesign professionell zu ma-

ben auch eine Exkursion nach Berlin gemacht, waren bei verschiedenen Agenturen um unsere Fragen zu stellen und können somit einen ganz guten Einblick bekommen wohin unser Weg gehen kann. Wie war Ihr Weg zum Grafikdesign? ANDREAS UEBELE: Man kommt ja auf die

Welt und hat schon irgendwelche Begabungen

» ALLES WAS ICH WEISS, HABE ICH MIR DURCH MEIN INTERESSE ANGELESEN.«

und die kommen irgendwann mal durch. Ob

chen habe ich mich nicht getraut. Ich dachte, ich kann das nicht. Da hab ich mich ganz schwer getan. Normalerweise weiß ich schon im Leben, was ich will, aber da halt nicht. Das war eine ganz blöde Phase. Ein Freund hat mich dann ermuntert: »Komm mach das doch!« Aber die Entscheidung fiel mir schwer, da hab ich mich bestimmt drei Monate mit rumgequält.

du nun eine musikalische Begabung hast oder

Zeug. Dann habe ich mein Diplom gemacht

K: Und wie war der Start? Haben Sie sich

eine für wirtschaftliche Zusammenhänge oder

und fünf Jahre als Architekt bei Günter Beh-

direkt selbstständig gemacht oder vielleicht

für Sozialkompetenzen ... das ist ja wahr-

nisch gearbeitet. Der war zu der Zeit der

als Freelancer ge­arbeitet?

scheinlich in deinen Anlagen drin, oder? Und

wichtigste deutsche Architekt. Ein toller

AU: Nee ich war da ja schon selbstständig.

das kommt eben früher oder später mal raus.

Mann, der hat den Plenarsaal des Deutschen

Dann habe ich alle meine Visitenkarten mit

Es gibt ein Foto, das hat meine Mutter ge-

Bundestags in Bonn gebaut und das Olympia-

»Andreas Uebele, Architekt« weggeschmis-

macht. Und zwar habe ich in unserem Garten

stadion in München. Nebenbei habe ich mei-

sen und neue gedruckt »büro uebele, visuelle

Laub rechen müssen und nachdem ich das

ne Grafikaufträge gemacht, anfangs einen Tag

kommunikation«. Dann war ich abends viel

gemacht hatte, habe ich alle schönen, fri-

in der Woche, dann zwei, dann drei – so hab

unterwegs und hab jedem der es wissen woll-

schen, gelben Blätter gesammelt und damit

ich das mit der Zeit immer mehr aufgebaut.

te oder nicht, die Visitenkarte in die Hand

von dem Haus meiner Eltern bis zum Haus

Da habe ich gemerkt, dass mit das einfach

gedrückt. – Total peinlich! Richtig fiese dum-

meines Opas eine gelbe Linie gelegt. Da war

von der Hand geht, dass mir das Spaß macht.

me Akquise. aber das hat dann irgendwie

ich zwölf oder dreizehn. Das war eine Spiele-

Ich habe das aber nie so hoch gewertschätzt,

funktioniert. Ich hab einfach das Telefonbuch

rei. Aber ich habe dann noch die Linie unter-

habe immer gedacht, das kann sich nicht

in die Hand genommen und alle Architekten

brochen und so gelegt, dass es aussah, als

messen mit richtigem professionellem Grafik-

angerufen, da war ich vertraut mit der Bran-

wäre der Wind reingeweht – das war ganz klar

design. Ich kannte es ja nicht richtig, die rich-

che und gefragt: »Hallo, brauchen Sie ein

mehr eine gestalterische Maßnahme.

tigen Begriffe und so. Alles was ich weiß, das

Corporate Design oder einen Katalog oder

K: Das war der Anfang.

habe ich mir alles durch Bücher angelesen.

ein Buch oder irgendwas?« Da habe ich schön

AU: Könnte man so sagen. Dann habe ich ja

Tschichold, die ganzen Schweizer Standard-

bei A angefangen und Freitagnachmittag, bei

Architektur studiert und zu der Zeit habe ich

werke und dieses kleine Buch vom Spieker-

G, war dann einer der dringend bis Montag

oft Briefe geschrieben, mit der Schreibma-

mann. Tschichold fand ich gut. Spiekermann

schine, für die Mädchen, die ich überzeugen

auch, der hat alles ganz gut erklärt. Die Re-

wollte. Dafür habe ich Briefhüllen gestaltet,

geln von Tschichold gelten zu 80 Prozent

das hat mir Spaß gemacht, da habe ich Seri-

heute noch.

enproduktionen hergestellt. Als ich 18 war,

EDDA: Wann war der Knackpunkt, an dem

also während des Abis, hatte ich eine Ausstel-

Sie für sich entschieden haben, dass sie Gra-

lung in einer Kunstgalerie, nur mit den Brief-

fikdesign machen wollen?

hüllen. Später hat mein Freund Bernd hat

AU: Das war eine ganz schwierige Phase.

Musik studiert und die Trossinger Filmtage

Eigentlich habe ich das immer als Hobby be-

organisiert und dafür habe ich mein erstes

trieben und versucht, mich als Architekt

» HALLO, BRAUCHEN SIE EIN CORPORATE DESIGN ODER EINEN KATALOG ODER EIN BUCH ODER IRGENDWAS? «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

38

» IRGENDWELCHE JOBS, NUR UM GELD ZU VERDIENEN. DA KOMMST DU NIE WIEDER RAUS! « ein Orientierungssystem gebraucht hat. Das

che arbeite, kann ich den Rest des Monats

ren, damals ging das so nicht, du musstest da

war mein erstes Orientierungssystem. Da

Urlaub machen, aber es ist ein riesen Scheiß.

sein. Ich hatte damals als Student einen Ko-

wusste ich noch gar nicht, was das ist. Da-

Aber zuerst mal ganz wichtig: Das Bauch­

pierer und ein Telefaxgerät, das war schon

nach kam eins zum anderen, ich habe weiter

gefühl! Und ich dachte mir, eigentlich ist das

was! Es gab keinen anderen Student in Stutt-

meine Visitenkarten verteilt, vorzugsweise

doof. Eigentlich ist das nicht das, was ich

gart der das hatte. Ich bin auch eh nicht so

an nette Frauen. Und da war eine dabei, die

machen will. Abends sollte ich schon die ers-

der Typ, der gern verreist. Heute bereue ich

war in einer großen Werbeagentur im Stutt-

ten Layouts liefern und dann habe ich da

es. Ich denke, das hätte mir gut getan, da hät-

garter Osten und die haben gerade dringend

angerufen und abgesagt. Die waren natürlich

te ich mal richtig Englisch gelernt. Das denke

jemanden gebraucht. Da habe ich mich vorge-

sauer und wollten danach nichts mehr von

ich, wenn ich heute Interviews auf Englisch

stellt und der Gruppenhäuptling fand meine

mir wissen. Die Entscheidung habe ich aber

gebe. Vorträge kann ich, da hat man immer

Arbeiten gut und hat mich gefragt, was ich

nie bereut. Ich habe Freunde, die anfangs

die gleichen Worte, da kann man sich drauf

für einen Stundensatz habe. Auf die Frage

sowas gemacht haben, irgendwelche Jobs, nur

vorbereiten, aber schreiben auf Englisch fällt

war ich gar nicht eingestellt. Damals wären

um Geld zu verdienen. Du kommst da nie

mir schwer und bei Vorträgen, wie gerade

45 DM schon super gewesen. Ich wusste

wieder raus!

jetzt auf der Typo Berlin, ich versteh da die

nicht, was ich sagen soll. Mein Bauchgefühl

J: Ja man denkt vielleicht, das merkt dann

Hälfte nicht! Das ist echt peinlich. Insofern

hat mir damals gesagt, ich will den Job ei-

keiner.

ist es gut über den Tellerrand zu schauen. Ich

gentlich gar nicht, eigentlich korrumpiert

AU: Du fängst einmal an in einem schlechten

bin zum Beispiel nach meinem Abi mal vier

mich das. Diese Sprache, dieses Agenturge-

Büro zu arbeiten, weil du denkst, für den An-

Monate in Israel rumgereist. Da wirst du dir

tue, das ging mir schon unheimlich auf den

fang ist es gut, dann stimmt für ein halbes

mal über deine eigene Identität klar. Dass es

Geist. Also war ich brutal unverschämt und

Jahr die Kohle oder so, aber es steht in dei-

etwas gutes ist, Deutscher zu sein, dass es

habe das vierfache gesagt, also 180 DM. Ich

nem Lebenslauf. Wenn ich Bewerbungen be-

aber auch was anderes gibt.

wurde innerlich rot und dachte, damit hätte

komme, gucke ich immer wo die Leute gear-

S: Gibt es einen wichtigen Grundsatz für Ihr

sich das erledigt. Er guckte dann in die Run-

beitet haben und wenn ich da ein schlechtes

Design?

de und sagte »Das ist ein stolzer Preis, aber

Büro sehe, interessiert’s mich gar nicht mehr.

AU: Es muss schön sein. Grundsätze ...

das machen wir.«

S: Also ist nein sagen wichtig?

Grundsätze ... hm ... es muss eine Angemes-

SABRINA: Also das große Los!

AU: Ja, das ist ganz ganz ganz wichtig. Hal-

senheit haben. Nicht übertrieben teuer sein

AU: Ja, meine Monatsmiete war damals

tung und nein sagen.

oder übertrieben kompliziert, nicht zu gefäl-

470 DM, also hätte ich dafür drei Stunden

K: Wir waren bis vor kurzem alle im

lig, etwas widerspenstig. der ästhetische Wert

gearbeitet! Das war schon sehr viel Geld.

Auslands­semester. Haben Sie mal darüber

soll sich nicht zu schnell abnutzen. Es muss

Dann habe ich gedacht, wenn ich da eine Wo-

nachgedacht, ins Ausland zu gehen?

eigenständig und neu sein, also du musst es

AU: Zu meiner Zeit während des Architek-

erfunden haben. Nicht, dass man etwas

» M E I N B A U C H G E F Ü H L H AT M I R

turstudiums gingen alle nach Barcelona oder

macht, was es schon gibt. Ganz wichtig, sich

D A M A L S G E S A G T, I C H W I L L

London. Das war damals angesagt, die neue

den Moden entziehen. Es muss ernsthaft

D E N J O B E I G E N T L I C H G A R N I C H T,

gute Architektur kam aus Spanien. Jedenfalls

sein, trotzdem eine gewisse Leichtigkeit ha-

E I G E N T L I C H KO R R U M P I E RT M I C H

habe ich damals schon so viele Grafikjobs

ben. Das wären Grundsätze. Dass es typo­

DAS. DIE SE SPRACHE, DIE SE S

neben dem Studium gemacht, das wollte ich

grafisch schön, gut und ordentlich ist, wobei

AGENTURGETUE, DAS GING

nicht aufs Spiel setzen. Ich wollte nicht, dass

das auch heißt, dass es kaputt sein kann.

da eine Lücke entsteht. Heute wäre das gar

Man kann ja auch was schön kaputt machen.

kein Thema, da würdest du das per Email klä-

Aber es soll typografisch interessant sein.

M I R S C H O N U N H E I M L I C H AU F D E N G E I S T. «


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

39

» ES GIBT IMMER IRGENDWELCHE TRENDS. ICH FINDE DAS GANZ GRÄSSLICH. DAS IST DER TOD. DAS FINDE ICH GANZ SCHLIMM.« K: Da Sie gerade über Mode sprachen – sie

Das heißt ja auch, dass es zeitgemäß ist, das

ja dann auch. Aber wenn wir etwas entwerfen,

sagten mal in einem Interview »Trends sind

ist wichtig und geht auch gar nicht anders. Du

dann arbeiten wir so lange daran, bis wir sa-

das Allerletzte.« Ist es denn nicht schwer,

siehst auch einer Mies van der Rohe an, dass

gen können, es ist etwas Eigenes.

sich allen Trends zu entziehen?

es in einer gewissen Zeit entstanden ist. Die-

K: Ja das ist so ein Zwiespalt, up-to-date zu

AU: Es gibt ja alles schon und immer wieder.

se Pavillon-Architektur fing in den 50er / 60er

sein und zu wissen, was gerade wer macht

Und es gibt natürlich auch immer irgend­

Jahren an und ist trotzdem heute noch zeitlos

und dabei klar zu bleiben. Und als Designer

welche Trends. Ich finde das ganz grässlich.

und hat seine Berechtigung. Ich lese zum Bei-

nicht auf Blogs usw. nach Designs gucken.

Das ist der Tod. Das finde ich ganz schlimm.

spiel keine Blogs. Nicht, weil ich sage »Ich

AU: Da würde ich aber widersprechen. Wir

Und du kannst das nur lösen, wenn du selbst

verweigere mich Trends«, sondern ich hab da

haben hier eine große Designbibliothek. Und

etwas neues machst, bestenfalls einen Trend

gar keine Zeit für. Würde es mich interessie-

vorgibst. Gut, man kann sich dem Zeitgeist

ren, hätte ich die Zeit natürlich. Ich lese viel

»ICH LESE ZUM BEISPIEL KEINE

nicht entziehen, das ist ja klar. Selbst wenn

Literatur. Die Mitarbeiter hier im Büro sind

BL O GS. ICH HAB DA GAR

du etwas ganz neues, eigenständiges schaffst,

da teilweise überall mit dabei und schicken

KEINE ZEIT FÜR. WÜRDE ES MICH

wird man immer eine gewisse Zeit darin sehen

mir dann Links, die mich interessieren könn-

I N T E R E S S I E R E N, H ÄT T E

können. Das finde ich auch nicht schlimm.

ten. Das ist ja alles ok, das interessiert mich

I C H D I E Z E I T N AT Ü R L I C H . «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

40

die benutzen wir. Bücher kaufe ich seit dem

stellung die sich ab da immer durchgezogen

ehrlich diese Fragen. Erstens bin ich noch nie

ich 20 bin und da steht nun eine 30-jährige

hat? War das wirklich so, dass Sie gesagt ha-

in die Situation gekommen, zweitens ist

Sammlung und wir arbeiten damit. Ich gucke

ben, ich will wirklich nur das machen was mir

Daimler, ja auch ein Rüstungskonzern. Ich

mir also schon Design an. Du musst ja allein

Spaß macht oder was einen Sinn hat? Und es

kenn kein deutsches Büro das nicht schon mal

wissen, ob du etwas machst, was es schon

gab keinen Job, bei dem Sie gedacht haben

was für Daimler gemacht hat, in Süddeutsch-

gibt. Also zufälligerweise, das passiert ja.

»den brauch ich jetzt«?

Das mit den neuen Medien gab’s früher auch

AU: Nein, das habe ich bis heute so gehalten.

schon, ich hab zum Beispiel nicht so Magazi-

Damit wäre ich natürlich heute reich. (lacht)

ne gelesen, weil ich die nicht so gut fand, son-

Nein auf jeden Fall, ganz sicher. Ein Büro zu

dern ich hab immer Bücher gelesen. Jetzt

führen ist ja auch wirtschaftlich nicht immer

kann man ja sagen, diese ganzen Magazine,

so einfach, dass es immer so gleich läuft. Aber

das ist heute das Digitale, das hat sich halt

damit bin ich zufrieden. Zuletzt hatten wir ein

verschoben. Und da gibt es sicher auch Quali-

Angebot aus Mannheim, so ein großes Ein-

tät. Also im Netz gibt es ja auch Qualität.

kaufszentrum, eine zeltartige Architektur, da

Dieses »nur nicht Blogs lesen« ist totaler

hätten wir das Orientierungssystem machen

Quatsch, also für mich gibt es kein Dogma.

sollen. Da gab es auch einen Katalog von der

Dich mit Qualität auseinanderzusetzen, das

Firma, wie die Schilder auszusehen haben, die

bringt es, dem kannst du dich ja auch nicht

Architektur war eigentlich nicht so toll. Dann

entziehen. Da lernst du ja selber weiter.

habe ich abgelehnt, weil wenn ich das einem Mitarbeiter gebe, der ist dann frustriert. Der

» O B D U T R E N D G E FÄ H R D E T B I S T,

kann dann aus dem Katalog Schilder aussu-

D A S H Ä N G T A L L E I N VO N D I R A B.

chen, das in kürzester Zeit irgendwo platzie-

D A S B I S T D U D A N N, WENN DU PLANLOS BIST UND DIR K E I N E M Ü H E M A C H S T. «

ren, das Management noch machen, das ist total ätzend. Dann verbrenn ich ja meine Mitarbeiter. Weil die Probleme, dass es unter Zeitdruck läuft, dass es schnell sein muss, das

K: Da ist man vielleicht eher trendgefährdet.

hast du bei jedem Projekt. Aber das geht ja

land sowieso. Wir arbeiten auch für Daimler,

Es ist etwas anderes wenn man sich jetzt Bü-

nur, wenn die das selber entworfen haben, das

da habe ich mir die moralische Frage auch

cher vornimmt.

ist ja ihr Ding, das sie durchkriegen wollen,

nicht gestellt. Oder für Banken, die haben ja

AU: Nein, ich glaube nicht. Ob du Trendge-

und wenn ich denen jetzt was Schlechtes

auch irgendwo Dreck am Stecken. Ja hätte ich

fährdet bist, das hängt allein von Dir ab. Das

gebe, dann macht es ja überhaupt keinen

schon. Daimler ist ein Rüstungskonzern. Bin

bist du dann, wenn du planlos bist und Dir

Spaß mehr. Und da kommen immer wieder

ich prinzipiell gegen Rüstungsgüter? Die Fra-

keine Mühe machst, selbst irgendwas zu ma-

Sachen, die ich ablehne. Auch heute noch.

ge müsste ich mir erstmal stellen. Da wüsste

chen. Dann sagt man halt, dann mach ich das

K: Auch solche Dinge, die für Sie dann mora-

ich jetzt auch nicht, was ich antworten müss-

jetzt so mittelachsial, wie das halt alle Maga-

lisch bedenklich sind?

te, könnte, sollte. Die Frage ist kompliziert.

zine gerade machen. Vorher war es Meiré mit

AU: Ach ja ... das ist immer so: Würden Sie

Also, Heckler & Koch zum Beispiel, die ma-

Unterstreichen und Schrägstrichen, weil das

für Kraus Maffei was machen? Die sind un-

chen ja Schusswaffen, ein Polizist brauch eine

Brand Eins so stilbildend war, jetzt kommt das Ganze irgendwie aus München. Ist doch total schwachsinnig. Und dann machst du es halt auch, sieht gleich gut aus, ist verführerisch, ist ein Rezept. Und man kann sagen, nein, wir machen es genau deswegen nicht. J: Sie haben anfangs gesagt, Sie haben die-

sen Riesenjob abgelehnt, war das so eine Ein-

» Dann habe ich abgelehnt, weil wenn ich das einem Mit­ arbeiter gebe, der ist dann frustriert. «

Waffe, das gehört zu einem demokratischen Staat, dass es diese Exekutive gibt, die auch bewaffnet ist und das in der Not einsetzen kann. Dann sind Sie auch froh, dass es einen bewaffneten Polizist gibt, wenn Sie irgendwo in Bedrängnis wären. So jetzt könnte ich sagen, Heckler & Koch machen aber auch Sturmgewehre und die verkaufen sie an irgendwel-


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

41

che Staaten. So darf ich jetzt für Heckler &

Stuttgart, die Automobilhersteller, da ist es

Verletzungen mit sich. Bei mir steht schein-

Koch nicht arbeiten, weil der Teil ist gut und

unheimlich schwierig mit denen zusammen-

bar da oben auf der Stirn ganz groß in LED-

der Teil ist böse? Das ist irgendwie schwierig.

zuarbeiten. Adidas zum Beispiel war auch ein

Schrift: Achtung! schwierig! Ich betrete einen

Es gäbe ganz sicherlich Dinge, die ich ableh-

sehr guter Kunde, schnell, flexibel, sympha-

Raum und benehme mich ganz lieb und nett

nen würde und nicht machen würde, klar..

tisch, zuverlässig. Du kannst das gar nicht

und präsentiere und dann kommen Leute, die

sagen, also es gibt öffentliche Auftraggeber die sind katastrophal, und es gibt private Auf-

»BEI MIR S TEHT S CHEINBAR DA

traggeber die sind auch katastrophal. Ja und

O B E N AU F D E R S T I R N

so kann man das auch bei Banken gar nicht

GANZ GRO S S IN LED - S CHRIFT:

sagen, das hängt von Personen ab.

ACHTUNG! S CHWIERIG!«

K: Da Sie das gerade sagen mit dem Bundes-

tagsadler, das ist wahrscheinlich die Frage die

mich mögen und mir das hinterher erzählen,

jeder stellt, aber Sie sind da ja ein großes

dass die Jury Angst hatte, mit uns zusammen-

Wagnis eingegangen indem Sie den Adler ver-

zuarbeiten, weil wir nicht stromlinienförmige

ändert haben. Es war ja schon ein wichtiger

Erfüllungsgehilfen sind. Oder es ist an-

Kunde, den Sie riskiert haben zu verlieren.

spruchsvoll. Oder die anderen Mitbewerber

AU: Erstmal war es ja kein Kunde sondern

kannst du steuern, und bei mir weiß man, den

ein Wettbewerb und so einen Wettbewerb

Typ kannst du nicht steuern, der widerspricht

gibt es in deiner Karriere wahrscheinlich nur

dir. Und das mach ich auch, viele Kunden wol-

einmal, allein dass du dann dabei bist und

len das nicht, halten das nicht aus, aber bei

dann noch so ein Risiko eingehst, das zeich-

mir muss diese Botschaft oben auf der Stirn wirklich so groß draufstehen. Beim Bundes-

» Jeder kriegt das, was er verdient.«

tag hat es mich dann umso mehr gefreut, dass sich diese Haltung auszahlt, weil die zahlst du ja auch. Zahlen heißt richtig Geld, die kostet dich Geld. Das ist Luxus, aber es ist dein

K: Jeder hat seine moralischen Bedenken

net unser Büro aus, dass wir halt da sehr ehr-

Leben. Du musst überlegen, was für ein Le-

woanders, der eine ist direkt bei Waffen, der

lich sind. Wenn wir von etwas überzeugt sind,

ben du willst. Das klingt jetzt ein bisschen

andere bei Banken, oder Politik.

dann stehen wir dazu und sagen das auch

melodramatisch aber ist letztendlich so.

AU: Also das ist auch Quatsch zu sagen Ban-

oder machen das, auch wenn es ein großes

K: Wahrscheinlich haben Sie da auch vorher

ken sind böse, das ist so dumm einfach. Es

Risiko ist, damit zu verlieren. Das kriege ich

schon viel Arbeit reingesteckt, oder?

kommt immer auf Personen an. Aus meiner

auch widergespiegelt, diese Haltung nein zu

AU: Ach das ist ganz unterschiedlich, zum

Erfahrung heraus, im öffentlichen und priva-

sagen, das fing damals an und das zieht sich

Teil kriegst du ja einen Auftrag direkt oder

ten Bereich gibt es überhaupt keinen Unter-

durch und man kann immer sagen ja das ist

auf Empfehlung oder über Wettbewerbe.

schied. Der Bundestag war ein unheimlich

unser Verdienst und deswegen werden wir

Wettbewerbe – das macht jeder. Das machen

guter Auftraggeber, der war schnell, also für

belohnt mit guten Kunden. Da beneiden mich

alle Kollegen, da steckt jeder viel Zeit und

die Komplexität und die Schwierigkeit die da

viele meiner Kollegen: »Ja du hast ja immer

Engagement rein.

zu erwarten sind das mit 34 Abteilungen ab-

so super Kunden.« Ihr seid ja auch selbst

zustimmen, lief das Projekt super gut. Dann

schuld. Jeder kriegt das, was er verdient, das

gibt es große private Unternehmer hier in

erarbeitest du dir, das ist hart. K: Kommt dann mit der Zeit auch ein Selbst­

» D A S I S T Q UAT S C H , Z U S A G E N BANKEN SIND B Ö SE. DAS IS T S O D U M M E I N FA C H . E S KO M M T I M M E R AU F P E R S O N E N A N. »

bewusstsein, wenn diese Linie gut läuft? AU: Nein, das Selbstbewusstsein das hab ich

ehrlich gesagt nicht weil das bringt ja auch viele Unsicherheiten und Enttäuschungen und

» Wettbewerbe – das macht jeder. Da steckt jeder viel Zeit und Engagement rein. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

42

» DAS WICHTIGSTE IM LEBEN IST, SICH NUR AUF SEINE EIGENE INNERE STIMME ZU VERLASSEN! UND DAS IST DAS ALLERALLERWICHTIGSTE.« K: Diese Haltung immer auf sein Bauch­

AU: Ja machen sie das so?

dann. Manchmal habe ich zu vielem auch gar

gefühl zu hören, eben nicht zu sagen »okay

K: Ja ich glaub schon.

keine Meinung und dann red ich. Egal mit

gerade brauche ich das Geld« ist sehr gerad­

AU: und dann übergehen sie das oder nicht?

wem aber ich denke dann beim Reden. Ich

linig. Wie wichtig halten Sie es, dass man

S: Beispielsweise an dem Schnittpunkt 6. Se-

könnte jetzt auch über irgendein geschäftli-

schon im Studium sehr straight ist, bzw. ge-

mester, der Bachelor, stellt sich die Frage:

ches Problem mit Ihnen reden, dann kristalli-

nau weiß, was man will?

Macht man länger, was viele in unserem Stu-

siert sich das raus und dann hat man eine

AU: Also was man will, das bildet sich ja mit

dium jetzt machen, oder zieht man es durch.

Meinung. Die innere Stimme ist total wichtig,

der Zeit erst heraus. Aber das Bauchgefühl ist

K: Das ist eigentlich ein gutes Beispiel. Mein

die redet da ja mit. Und klar, das muss man

ja eine Metapher. Wenn du stiehlst, dann hast

Bauchgefühl hat mir gleich gesagt, Bachelor

auch jetzt schon im Studium machen. Die Ba-

du vielleicht auch ein schlechtes Gewissen

jetzt noch nicht. Von der Kohle her wäre es

chelor-Master-Debatte, da haben wir hier

hinterher, wo ist denn das? Im Bauch. Du

besser gewesen, es schon jetzt durchzuziehen.

auch beim Essen schon drüber geredet. Man

fühlst dich unwohl, da gibt es ja auch eine

AU: Also es gibt ja verschiedene Lebensbe-

kann ja auch abwägen, bringt das mir was,

psychosomatische Reaktion, du kriegst feuch-

reiche. Ihr redet jetzt von einer originären

wie sieht denn der Markt aus. Ich hab keinen

te Hände und solche Reaktionen. Das Bauch-

gestalterischen Entscheidung, die das Berufs-

hier im Büro, der einen Master hat. Entweder

gefühl ist nichts anderes als deine ganzen

leben betrifft. Da solltest du dich ja auf deine

haben die Diplom oder haben den Bachelor.

Erfahrungen, die sich irgendwann mal ansam-

innere Stimme verlassen... nee das ist alles

S: Das Designstudium wird ja auch immer

meln. Das ist ja nichts Schwammiges, sondern

Quatsch, was ich sage! Das Wichtigste im Le-

mehr zum Trendstudium. Wie problematisch

für mich ist das ein ganz präzises rationales

ben ist, sich NUR auf seine eigene innere

sehen Sie das? Es sind ja auch viel zu viele

Instrument, mein Bauchgefühl. Auch wenn

Stimme zu verlassen. Und das ist das alleral-

Designer auf dem Markt.

ich wirtschaftliche Entscheidungen treffe.

lerwichtigste. Und ich rede jetzt von dem be-

AU: Das ist ein riesengroßes Problem, dass

Wenn ich mich unwohl fühle, weiß ich, da

ruflichen Aspekt aber wahrscheinlich gilt es

wir zu viele ausbilden, das ist ganz ganz

stimmt was nicht. Da kann ich mich hundert-

für alle anderen Lebensbereiche auch. Und

schlecht, das ist verheerend. Mich trifft das

prozentig drauf verlassen. Und das haben Sie

sich nie irritieren lassen. Und was alle immer

auch schon. Sagen wir mal, es gibt einen Ku-

im Studium ja auch schon, da weißt du doch

schwätzen, ja man sieht dann die Groß-

chen. Deutschland hat wieviele Millionen Ein-

auch schon: gut oder nicht. Diese innere

schwätzer, die haben vielleicht am Anfang

wohner? 80? Diese Volkswirtschaft hat ein

Stimme, die hast du immer.

mal mehr Erfolg, aber das verpufft auch über

gewisses Auftragsvolumen für Grafikdesign.

K: Ja und dann kommt die Entscheidung ob

die Jahre. Es gibt Sachen, da hol ich mir auch

Und diesen Kuchen haben sich früher viel-

du es machst oder nicht.

Rat. Profirat, privaten Rat ... ich berede das

leicht vor 50 Jahren fünf Büros geteilt. Da


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

43

gab es zehn oder nur fünf gute Büros, die die

AU: Doch, das ist so, die finden diese Wer-

ist ja echt brutal, Frauen müssen heute Mutter

deutsche Industrie bedient haben. Kurt Wei-

bewelt so schön, und alles ist sexy ... aber

sein, trotzdem Erfolg und Karriere machen,

demann oder Anton Stankowski zum Bei-

das gibt es immer, in jedem Studiengang, die-

Sport treiben, damit sie eine gute Figur haben,

spiel. Heute sind das wahrscheinlich 50 Bü-

se falschen Vorstellungen. Den Anteil gibt es

und das alles. Das ist ganz schwierig, wenn du

ros. Also wird der Honoraranteil an diesem

immer, trotzdem bilden wir generell zu viele

Kinder willst, das hier in unserer Gesellschaft

Kuchen immer kleiner. Und wir bilden immer

aus. Wie willst du denn da Jobs kriegen? Das

zu integrieren. Frankreich hat ja dieses Mo-

mehr aus. Wie soll denn das funktionieren?

wird immer härter.

dell, dass da eine bessere Kinderversorgung

Und der Anteil an guten Designern wird ja

K: Wir haben im Studium auch einen relativ

ist, die haben auch eine höhere Geburtenrate,

auch proportional immer mehr. In jeder Lehr-

hohen Frauenanteil, komischerweise ist dann

haben aber nicht so viele Frauen in Führungs-

veranstaltung gibt es zehn Prozent gute Stu-

bei den bekannten Designern eher der Män-

positionen. Ich bin total gegen eine Frauen-

denten. Also in einem Kurs von 30 sind drei

neranteil hoch. Wissen Sie warum?

quote! Dieses verlogene Frauen-werden-bevor­-

» Und was alle immer schwätzen! Ja man sieht dann die Großschwätzer, die haben vielleicht am Anfang mal mehr Erfolg, aber das verpufft auch über die Jahre. «

» I N E I N E M K U R S VO N 3 0 S I N D

zugt-eingestellt ist eine ganz klare grund­ gesetzwidrige Benachteiligung von Männern. Es ist ja mittlerweile so, dass man drauf achten müsste Männer zu fördern. Die Jungs fallen, in der Schule hinten runter, das Schul­ system ist für Frauen gemacht, ganz klar.

AU: Das ist eine Debatte, da bin ich ein

K: Wie meinen Sie das?

D R E I G U T. D A N N G I B T E S S O E I N

schlechter Gesprächspartner. Das ist ganz

AU: Männer und Frauen sind unterschied-

MITTELFELD UND WELCHE,

schwierig. Der Larry Summers, der war mal

lich. Wenn ein Jungen eine Baustelle sieht,

Dekan von Harvard. Der hat bei einer großen

der guckt da mit Begeisterung hin. Die zerle-

Rede am Ende des Semesters gesagt, man

gen Spielzeug, können nicht stillsitzen, kön-

D I E K A N N S T D U E H KO M P L E T T V E R G E S S E N. S O N S T WÄ R E N

müsste mal endlich zur Kenntnis nehmen, dass

nen kein Heft ordentlich führen und sind für

B E G A B T E N, KA N N JA N I C H T S E I N. «

W I R JA E I N V O L K VO N H O C H ­

Männer und Frauen anders sind. Und das in

Hausaufgaben nicht gemacht. Mädchen sind

Amerika! Der musste daraufhin zurücktreten

eher ruhiger, haben eine ordentliche Heft­

gut. Dann gibt es so ein Mittelfeld und wel-

und war dann Finanzminister. Total intelligen-

führung, diese Qualifikationen werden in der

che, die kannst du eh komplett vergessen.

ter guter Typ. Also, das muss man doch mal

Schule abgefragt. Pauschal, grob verallgemei-

Sonst wären wir ja ein Volk von Hochbegab-

aussprechen dürfen! Und jetzt bevorzugen wir

nert ist das so. Das bestätigt dir jeder Lehrer.

ten, kann ja nicht sein.

Frauen in den Einstellungen. Find ich total

K: Das ist es eben mit dem Trendstudium

krank, find ich ganz falsch. Und diese Frauen-

» I C H B I N T O TA L G E G E N E I N E

Design. Es gibt viele Leute, die waren immer

quote finde ich auch ganz falsch. Frauen und

F R AU E N Q U O T E ! DA S I S T E I N E

so ein kreatives Kind oder haben schon immer

Männer sind anders und da kommen ganz vie-

G A N Z K L A R E G R U N D G E S E T Z­

so viel gezeichnet – eben viele Leute, die da so

le Faktoren zusammen. Ich kann ja auch im-

WIDRIGE BENACHTEILIGUNG

reinschlittern. Das ist ja nicht negativ, aber...

mer nur nachquaken was andere quaken. Das

VO N M Ä N N E R N. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

44

Deswegen ist das ein Riesenproblem. Ich selber habe zwei Kinder und ich wollte immer dass meine Frau selbstständig ist und habe das unterstützt. Weil ich das größte Glück finde wenn ich mich selbst verwirklichen kann. Sie ist selbstständig, hat auch ein Büro, hat auch eine Professur und wir haben die Kinder. Das ist der brutale Spagat. Ich habe hier mal 90 Prozent Frauenanteil gehabt, ich hab damit überhaupt kein Problem, mich interessiert es nicht, dass vielleicht alle mal Kinder wollen. K:  Und dann zwei Jahre raus sind und da-

durch einen Nachteil haben. AU: Das glaube ich nicht aber ich weiß es

nicht. E: Vielleicht zweifeln Frauen auch mehr. AU:  Es ist nicht so mein Thema, obwohl ich

mir da schon viele Gedanken mache. Ich bin sehr liberal und emanzipiert erzogen worden. Mein Vater hat mit 37 einen Gehirntumor gehabt und deswegen musste meine Mutter die Praxis weiterführen, damit war das eh ausgeglichen. Ich kann mit dem Thema gar nichts anfangen, ich wundere mich immer warum da so viel drüber geredet wird. Ich lebe das mit meiner Frau, ich lebe es hier im Büro. Aber klar, es liegt vielleicht auch ein bisschen an der Branche. K: Bei uns ist das Thema aufgekommen, weil

wir mit den Gruppen verschiedene Leute interviewen, und dann fragten wir uns: Mann, Mann, Mann, sollte man mal eine Frau fragen? AU: Eure Beobachtung stimmt ja und ist

richtig. Wir machen uns auch Gedanken darüber, also wir im Büro. Es ist ja auffällig, und ich glaube eben, das war meine Erfahrung, also erstens gibt es dieses Rabenmutter-Thema, das wir ganz extrem erfahren haben. Von wegen »Die war nach einer Woche wieder im Büro«. Das zweite ist, dass es extrem schwierig ist, die Kinder versorgt zu kriegen. Die

» D I E A N T W O R T AU F D I E F R A G E › W I R B I L D E N Z U V I E L E F R AU E N AU S ,

Antwort auf die Frage »Wir bilden zu viele

WA R U M S I E H T M A N D I E N A C H H E R D A N N N I C H T

Frauen aus, warum sieht man die nachher

IN DEN AGENTUREN?‹ IS T: WEIL E S IN DEUT S CHLAND FÜR KINDER

dann nicht in den Agenturen« ist: Weil es in

K E I N E V E R N Ü N F T I G E V E R S O R G U N G G I B T. «


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

Deutschland für Kinder keine vernünftige Versorgung gibt. Wenn du selbstständig bist, du kriegst ein Kind und du willst weitermachen, dann kannst du nicht ein halbes Jahr Pause machen. Das ist illusorisch, du musst eigentlich sofort weitermachen. Das ist ein bisschen typabhängig. Und du brauchst am Anfang einen weichen Start, du gehst erst mal halbtags und dann brauchst du jemanden bei

45

» Immer mal wieder ganz oben zu sein ist ganz toll, aber konstant Leistung zu bringen, das ist viel schwieriger. Das würde mir als Großziel schon reichen, da konstant weiter zu machen. Und dann lieber nur ein Ziel haben.«

dem du dein Kind mal abgeben kannst. Heute, aber auch am Donnerstag von vier bis fünf

kommt, mach ich was Neues und das gerne

das ist für mich die höchste glückliche Erfül-

und auch am Freitag, also totales Chaos-Sys-

und dadurch weiche ich der Frage natürlich

lung, weil ich weiß: Ohne dieses ganze Ge-

tem. Da brauchst du Instrumente und sowas

ein bisschen aus. Klar hast du schon immer

hetze und Getrieben sein würde ich nicht das

gibt es bei uns nicht. Es gibt keine vernünfti-

Wünsche, aber wenn man das so offenbart

erreichen, was ich mache und mir auch nicht

ge Kinder-Betreuung. Der Kindergarten,

wird das schon fast peinlich. Aber ich habe ja

diesen Luxus leisten können, den ich mir ger-

wann ist der aus? Zwölf Uhr? Eins? Was

auch kein Problem mit Peinlichkeiten. Wenn

ne leiste. Und dieser Luxus sind z. B. materi-

machst du dann als Geschäftsführerin? Wir

du ehrlich bist, will ja jeder irgendwie reich

elle Güter, oder den Luxus, mein Leben be-

haben ja jetzt schon zwölf! Und irgendwann

und berühmt sein. So als Oberziel.

stimmen zu können, hauptsächlich, und den

bist du genervt. Ich bin froh, dass ich Kinder hab, bin wirklich glücklich und wollte das auch immer, aber so ein Kleinkind ist nervig. Du bist wirklich froh, wenn du es abgeben kannst, und dann kommt eine entspannte Mutter zurück. Aber das geht nicht, null Chance, entweder du hast eine Oma, dann hast du Glück. Private Betreuung – brutal teuer. Und da müsste der Staat ran. Dann würdet

» WENN DU EHRLICH BIST, WILL JA JEDER IRGEND­ WIE REICH UND BERÜHMT SEIN. «

Luxus auch nein sagen zu können. Für gewisse Dinge korrumpiere ich mich nicht. Qualität würde ich niemals opfern. Das ist bei mir krankhaft. Den letzten blöden Scheiß, den wir hier machen, gucke ich mir an und nehme mir die Zeit. Deswegen ist mein Büro auch nie größer geworden, als diese Größe von fünf bis zwölf Leuten. Im Moment sind wir zehn, wir waren mal größer, mal kleiner, aber das

Ihr die Frage auch nicht mehr stellen, dann

Die Frage ist ja nur: wie wichtig ist dir das

geht immer so hin und her. Das liegt eben

wäre es ganz normal, das ist das Problem.

tatsächlich und was bist du bereit dafür zu

daran: ich korrumpiere mich auch für andere

K: Sind die Chancen hoch, nach einem Prak-

tun? Oder welcher Grad von Reichtum oder

Dinge nicht und das ist es mir dann nicht

tikum ein fester Mitarbeiter in Ihrem Büro zu

Berühmtheit willst du wirklich. Das sind jetzt

wert. Diesen Erfolg oder diesen Bekannt-

werden?

nur Schlagworte. Was reicht dir? Wie weit

heitsgrad möchte ich eigentlich nur durch die

AU: Die Kollegin, die eben da war, hat als

verbiegst du dich oder korrumpierst du dich,

Qualität unserer Arbeit erreicht haben. Eine

Praktikantin angefangen und ist jetzt fest

um das zu erreichen? Und auch ich wäre ger-

seriöse Qualität, die dahinter steht und dem

hier. Schon seit drei Jahren. Zwei andere wa-

ne reich und berühmt. Die Leute die sagen:

würde ich nichts anderes unterordnen wollen.

ren auch Praktikanten hier im Büro. Also drei

»Nee, das ist mir total egal!«, die gibt’s viel-

habe ich, die ehemalige Praktikanten sind.

leicht auch. Ich glaub sogar, dass es da welche

K: Ja, gerade wenn die für drei Monate da

gibt, die das wirklich ernsthaft meinen. Die

sind, oder sechs.

sind zu beneiden wahrscheinlich, weil das

GUCKE ICH MIR AN UND NEHME

AU: Sechs Monate!

wohl eher einem Stadium von Glücksgefühl

M I R D I E Z E I T. «

J: Sind Sie zufrieden wie es gerade läuft,

oder Zufriedenheit generiert. Ich weiß es

oder haben Sie noch bestimmte Ziele?

nicht. Ich kann für mich sagen: Nein, mir

Jetzt war ja ihre Frage: Wie sieht’s mit der Zu-

AU: Ich habe eigentlich nie so Ziele gehabt

macht dieses Getrieben sein und Getrieben

kunft aus? Da würde ich sagen: Das zu halten

oder verfolgt in meinem Leben. Mir macht

werden, dem ich mich ja auch freiwillig aus-

ist schwer genug! Ich muss ja auch wirtschaft-

Spaß was ich mache und wenn was Neues

setze, ein Stück weit Spaß und Freude. Und

lich denken. Da merke ich natürlich auch, wie

»DEN LETZTEN BL ÖDEN S CHEIS S, D E N W I R H I E R M A C H E N,


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

46

da viele dagegen arbeiten. Das ist echt bitter, da gibt’s welche, die sagen »Der hat schon genug, dem geben wir nichts mehr.« Das kommt dazu. Oder es gibt ja dieses PageRanking. Da gibt es wenige Büros, die konstant dabei sind. Immer mal wieder ganz oben zu sein ist ganz toll, aber so konstant Leistung zu bringen, das ist viel schwieriger. Das würde mir als Großziel schon reichen, da konstant weiter zu machen. Und dann lieber nur ein Ziel haben. »DIE PRAKTIKANTEN WERDEN WIE NORMALE PROJEKTLEITER B E H A N D E LT. U N D M Ü S S E N D A F Ü R AU C H A L L D A S L E I S T E N. «

WIR FRAGTEN HERRN UEBELE, WIE VIEL SELBSTVERANTWORTUNG DIE MITARBEITER UND AUCH DIE PRAKTIKANTEN ÜBER-

Auf der Konferenz »20+x« in München, da war schöner Sommer, wir standen draußen,

NEHMEN KÖNNEN. WIE VIEL UEBELE STECKT IN DEN ARBEITEN VOM BÜRO

haben Wein getrunken und geraucht mit den

UEBELE?

Mitarbeitern aus dem Büro, die auch da wa-

ER VERWIES UNS MIT

ren. Da haben wir gesagt: Eigentlich müssten wir mal alles umändern, damit es nicht heißt »Das sieht so nach Uebele aus!« Die Dinge viel extremer und das Design mal viel radika-

DER FRAGE AN DIE ZWEI PRAKTIKANTEN, DIE GERADE AUS IHRER MITTAGSPAUSE ZURÜCK KAMEN. UNSERE FRAGE, OB SIE WIE »NORMALE

ler zu machen. Das wäre ein Ziel, was ausge-

MITARBEITER« EINGESETZT

sprochen ist. Das Problem ist nur, du fliegst

NUR BEJAHEN. SIE WUN-

WERDEN KONNTEN SIE

überall raus.

DERTEN SICH FAST SCHON

K: Wie entscheiden Sie eigentlich, wer hier

ÜBER DIE FRAGE. NAJA

welches Projekt macht?

TEN SIE DARÜBER.

AU: Wer Zeit hat. Wer grad irgendwo rein-

passt. Deswegen kriegen die Praktikanten meist die guten Jobs. So ein schneller kleiner Wettbewerb Corporate Design, oder ein Direktauftrag Corporate Design macht ein Praktikant, weil die langjährigen Festangestellten die großen Projekte machen, wo man nicht mal schnell was reinschieben kann. Die sind echt manchmal ein bisschen sauer. Der Bundestag war ein Wettbewerb von einem Praktikant. Die Praktikanten haben gute Jobs, dürfen zum Kunden und sind bei Besprechungen dabei. Sie werden wie ein normaler Projektleiter behandelt. Und müssen dafür auch all das leisten.

EGENTLICH SCHMUNZEL-


INTERVIEW MIT ANDREAS UEBELE 

47

» Wenn wir etwas entwerfen, dann arbeiten wir so lange daran, bis wir sagen können, es ist etwas Eigenes. «

IN DEN PIKTOGRAMMEN FÜR MEKKA, DIE HEILIGSTE STADT DER MUSLIME, IST DAS MUSLIMISCHE GEWAND FÜR MÄNNER BERÜCKSICHTIGT. DAS STUTTGARTER ARCHITEKTENBÜRO BODO RASCH HAT FÜR DEN TURM IN MEKKA DIE GRÖSSTE UHR DER WELT GEBAUT, DEREN MINUTENZEIGER 22 METER LANG IST.


BER


RLIN

UM DESIGNPOSITIONEN UND DESIGNERPERSÖNLICHKEITEN KENNEN ZU LERNEN FUHREN WIR MIT DEM GESAMTEN KURS NACH BERLIN UND BESUCHTEN DIE DORT ANSÄSSIGE DESIGNBÜROS EDENSPIEKERMANN, STAN HEMA, KLEINER UND BOLD, METADESIGN UND DOUBLE STANDARD AUSSERDEM SPRACHEN WIR MIT DEN ABSOLVENTEN DER FH-MAINZ VALESKA NEUMANN, FELIX BREIDENBACH UND MATTHIAS SCHREIBER, DIE NACH IHREM KOMMUNI­ KATIONS­D ESIGN-STUDIUM DREI VOLLKOMMEN ANDERE WEGE EINGESCHLAGEN HABEN.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

50

EDENSPIEKERMANN Die erste Agentur, die wir in Berlin besucht haben, war Edenspiekermann. Das Büro Edenspiekermann ist 2009 aus SpiekermannPartners und Eden Design entstanden. Sie haben ihren Sitz in Amsterdam, Berlin, Stuttgart und San Francisco. Frau Sonja Knecht empfing uns sehr freundlich und führte uns durch die neuen Räume. Erst wenige Tage vor unserem Besuch war das gesamte Büro in die Potsdamer Straße umgezogen und die neuen Räume können sich sehen lassen! Von Umzugs­chaos keine Spur, alles schien bereits brav an seinem Platz zu stehen. Wir wurden in einen Konferenzraum, bzw. eine Konferenz­ecke, geführt, wo uns Christian Hanke nach seinem Vortrag zusammen mit Sonja Knecht Rede und Antwort stand. Für alle war es sehr interessant, in das Büro von Erik Spiekermann blicken zu dürfen und einen Eindruck davon zu bekommen, wie es wohl wäre, dort zu ar­ beiten. Herr Spiekermann selbst war auch anwesend und kam gelegentlich zu unserer Gruppe. Weniger um mit uns Studenten zu sprechen, sondern eher um unsere Professoren Herr Paulmann und Herr Voelker zu foppen. »Ulysses, mein Kleiner!«


BERLIN – EDENSPIEKERMANN 

51


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

52

Sonja Knecht (Director Text) und Christian Hanke (Creative Director) sprachen mit uns über den Alltag in der Agentur, Werte, und Anforderungen an Designer.

» BEI EDENSPIEKERMANN SIND WIR INSGESAMT 97 MENSCHEN AUS 16 NATIONEN.. «


BERLIN – EDENSPIEKERMANN 

53

FH MAINZ: Es gibt Unternehmen, die ihre Versprechen nicht halten

SONJA KNECHT: Bei uns ist es nicht so, dass im Arbeitsalltag des

oder nur so tun als ob. Was macht Edenspiekermann mit solchen

Designers, der Strategie- und Denkprozess im stillen Kämmerlein

Kunden?

statt findet und man kommt irgendwann raus und präsentiert. Nein, wir arbeiten ganz eng mit dem Auftraggeber.

CHRISTIAN HANKE: Bei uns ist schon eine gewisse Haltung da, aber

natürlich kann man nichts ausschließen. Und ganz ehrlich: Wir arbeiten

CH: Es geht auch immer noch weiter! Wir merken gerade, wie die

jetzt auch gerade für E.ON. Und natürlich haben die auch Atomkraftwer-

Grenzen zwischen Auftraggeber und Agentur immer mehr zerfließen.

ke. Aber trotzdem denken wir, dass wir einen Beitrag dazu leisten kön-

Aktuell bei einem großen Projekt haben wir den Auftraggeber zwei

nen, dass deren Leistung deutlich besser wird. Und dass Menschen da-

mal pro Woche hier vor Ort. Das wird immer enger. Es ist eine andere

durch wesentlich glücklicher werden. Aber natürlich arbeiten wir nicht

Arbeitsweise. Man denkt agiler, ergebnisoffener und wählt den kürze-

für Tabak und alle anderen Bösen! Aber wir müssen auch Geld ver­

ren Weg. In diesem Rhythmus zu arbeiten ist viel sinnvoller. Wir kön-

dienen und wir arbeiten für eine Reihe von Unternehmen, die von der

nen Produkte bauen, die im kleinsten Stadium schon funktionieren.

Haltung her das versprechen, was sie auch wirklich tun. Zum Beispiel

Wir testen und arbeiten dann nicht schon seit sechs Wochen oder so

Bosch leben auch das, was sie an Werten erzählen. Allerdings haben die

und hoffen drauf, dass es funktioniert.

gerade die Herausforderung, wie können wir unsere Unterlieferanten so kontrollieren, dass wir in den nächsten 15 Jahren keinen Skandal haben werden, weil irgendein Unterunterlieferant irgendwo vielleicht irgendwann mal Sklaven gehabt hat. Das ist die Art Herausforderung, vor der

»Natürlich arbeiten wir nicht für Tabak und alle anderen Bösen!«

viele Unternehmen stehen. Bosch ist ein sehr globales Unternehmen

FH: Ihr habt ja Büros in Stuttgart, Amsterdam und so. Wenn Kommu-

seit Jahren in China, Indien und überall auf der Welt. Der andere Punkt

nikation bei euch so groß geschrieben wird, frage ich mich: Wie ist es

ist: Wir müssen uns auch an die eigene Nase fassen. Wie ethisch

denn möglich, zwischen diesen Standorten zu kommu­nizieren?

sauber sind wir denn? Wie stark erheben wir uns als Musterschüler? Wir müssen schauen, dass wir selber Verantwortung übernehmen.

CH: Das sind zwei Ebenen. Zum einen die Kommunikation über das

Büro, z. B. bezüglich des gemeinsamen Außenauftritts, zum anderen PROF. VOELKER: Sie haben über den Zeitgeist gesprochen, den es zu

gibt es die Kommunikation, die sich auf die Arbeit bezieht. Mit den

analysieren gilt usw. Wir sprechen ja über Dinge, die nur mit einem

Stuttgartern ist es so, dass wir jeden Morgen 15 Minuten zusammen

gewissen Bildungsniveau zu stemmen sind. Wie groß ist denn das Ver-

skypen. Mit dem Team besprechen wir dann »Was machen wir heute

hältnis, prozentual gesehen, zwischen dem vorbereitenden, strate­

und wie ist der Stand?«.

gischen, konzeptionellen Anteil und dem gestalterischen? SK: Die Stuttgarter Kollegin, die zusammen mit Christan dort das CH:  Ich würde sagen, es verschiebt sich immer mehr in den ersten

Büro aufbaut ist auch immer zwei Tage hier. San Francisco, in Form

Teil. Also dass wir immer mehr konzipieren und denken, als das kon-

von Susanna, ist auch gerade hier. Erik ist oft in San Francisco. Also

krete Gestalten. Ich weiß nicht, manchmal hat das sicher auch mit dem Bildungsgrad zu tun. Aber ich glaube einfach, dass wir uns mehr Gedanken machen müssen und mehr über Sachen nachdenken müssen, als letzten Endes nur zu gestalten. Das wird auch immer mehr honoriert und wir können das auch immer mehr monetarisieren. Das heißt, dass wir viel konzipieren und mehr inhaltlich ausbrechen. Da wo wir früher gesagt haben »das muss ein externer Konzeptioner machen oder so« machen wir mittlerweilse alles selber. Die Kampagne, den Inhalt, das Konzept. Das beste Beispiel war, wir hatten einen Kunden aus den USA und es ging um Diversity und die haben total den inhaltlichen Input mitgebracht. Und wir hatten da ganz viele inhaltliche Diskussionen. Das sind schöne Momente. Das ist für mich beglückender, als wenn man da nichts mit zu tun hat.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

54

wir sehen uns auch und treffen uns auch mit den anderen. Wir sind

sehr offen ist für alles andere. Wenn ich überlege, was ich in den letz-

immer mit den anderen Kollegen im Austausch und besprechen, was

ten fünf Jahren alles gelernt habe, das war auch noch mal ein komplet-

ist bei uns los, was ist bei euch los und so weiter.

tes Studium. Wir haben so viel zu lernen. Wir müssen schauen, das wir immer neu denken.

CH: Aber es gibt natürlich auch eine Menge Tools. Wir haben einen

internen Blog, sehr viele online Tools, viele Sachen, mit denen man es

SK: Das ist hier aber auch strukturell so – wenn du was gut kannst:

sich einfach macht.

mach es! Man ist hier nicht auf ein kleines Spezialgebiet festgelgt. Die Erfahrung machen wir alle, dass man manchmal projektbedingt was

FH: Das bringt sicher auch viele Vorteile, wenn ihr verschiedene

anderes macht oder selber feststellt, dass man mal was anderes tun

Standorte habt und immer eine andere Umgebung.

möchte. Oder ich stelle z. B. fest, die Kollegin, die Projektmanagement macht, schreibt gute Texte, dann frage ich natürlich ob Sie nicht

CH: Das ist richtig, wobei wir auch hier in Berlin viele Kulturen im

mal Lust auf texten hat. So ergibt sich das. Wichtig ist, dass die Of-

Haus haben. Insgesamt beschäftigen wir Menschen aus 16 verschie-

fenheit da ist! Bei uns ist es grundsätzlich gewollt, viel Neugier und

denen Nationen, von denen alleine 14 in Berlin vertreten sind. Das

Bereitschaft für Neues mitzubringen.

bringt uns natürlich wahnsinnig viel. Gerade wenn man so eine Kampagne macht, wie für Bosch, die auf allen Kontinenten gelauncht wur-

CH: Dazu gibt es auch ein passendes Zitat, das eigentlich von Vitruv

de. Da war es echt gut einen Japaner im Team zu haben. Selbst dann

ist und besagt, was ein Architekt alles können muss. Nämlich Rech-

sind uns noch Sachen unterlaufen, zum Beispiel unser Humor ist in

nen, er muss die Welt, die Geschichte und die Musik kennen usw.

Japan nicht an­gekommen, weil die den Witz einfach nicht verstanden

Hierzu gibt es einen schönen Satz von einem Hertha-Spieler, der sagt:

haben.

»Wenn man Profi werden möchte, muss man Talent haben. Das wichtigste Talent aber ist der richtige Charakter. Auch gute Technik

FH: Ist es denn auch Einstellungskriterium, dass man sich in vielen

und die richtige Ballbehandlung sind wichtig, aber wenn man nicht

Kulturen auskennt?

den richtigen Charakter dazu hat, schafft man’s nicht.« Das finde ich einen schönen Satz, denn klar, man braucht Technik und die richtige

CH: Vier Sprachen muss man sprechen! (lacht) Nein, Quatsch. Bei

Ballbehandlung, aber manchmal geht’s darum Dinge auszutüfteln

einer aktuellen Ausschreibung im Webbereich muss man einen Twitter

und sich immer weiter entwickeln zu wollen. Die Technik ist etwas,

Account haben und der muss aktiv sein.

das man einfach beherrschen muss, man muss gut gestalten können, aber wenn man nicht den richtigen Charakter dazu hat, und wenn

FH: Wenn man als junger Designer bei Edenspiekermann anfangen

man nicht neugierig und offen bleibt und täglich Dinge hinterfragt,

möchte, wie wichtig ist es, dass man sich schon auf gewisse Dinge

dann wird’s nichts.

spezialisiert hat, seine Schwerpunkte gesetzt hat? CH: Wow – das ist eine spannende Frage, die uns auch bewegt. Wir

haben hier Menschen in ganz verschiedenen Bereichen. Man bildet ja keine Spezialisten mehr aus, sondern Leute, die alles können. Der

» Wenn man Profi werden möchte, muss man Talent haben. Das wichtigste Talent aber ist der richtige Charakter. «

Umkehrschluss ist aber auch, dass wenn man nur Leute hat, die da

FH: Wie bilden Sie sich in Vorbereitung auf Ihre Arbeit weiter? Lesen

studiert haben, ist es auch wieder schwierig. Ich denke, es ist gut,

Sie z. B. Zeitung oder schauen andere Medien an?

wenn man ein, zwei Sachen wirklich gut kann und dann einfach sehr CH: Für mich ist Inspirationsquelle Nummer Eins Twitter, weil das die

» ES IST GUT, WENN MAN EIN, ZWEI SACHEN WIRKLICH GUT KANN UND SEHR SEHR OFFEN IST FÜR ALLES ANDERE.«

beste Möglichkeit ist, meinen Interessen nahe zu sein. Das ist die Definition und das finde ich sehr gut, weil ich da sehr viel mitbekomme, es gibt so viel Inspiration kostenlos. Ansonsten lese ich viele Blogartikel, ich bookmarke mir das alles auf Instapaper und lese das dann schön auf dem Ipad, weil das einfach enspannter und schöner ist. Überhaupt lese ich viel.


BERLIN – EDENSPIEKERMANN 

» Weiterbildung wurde bisher bei uns nicht so professionell angegangen, das muss man ganz ehrlich sagen. «

55

CH: Das ist ein sensibles Thema. Weiterbildung wurde bisher bei uns

nicht so professionell angegangen, das muss man ganz ehrlich sagen. Aber auch da beweisen wir eine wunderbare Unternehmenskultur, da wir einmal im Jahr wegfahren und da bereden wir dann, was gerade neu und wichtig ist. Da wurde auch beschlossen, die Weiterbildung

FH: Also auch Bücher?

intern nochmal ganz neu anzufassen. Bisher hatte wir drei Durch­ gänge, wo verschiedene Themen behandelt wurden: Einmal gab’s ein

CH: Ja. (lacht) Es gibt auch noch Bücher, klar. Ich habe gerade eben

Seminar, dann gab’s ein Kommunikationstraining und jeden Donners-

ein Buch zitiert, »Brand Thinking«, das habe ich mir gerade vor vier

tag Morgen gibt es seit über einem halben Jahr bereits, eine halbe

Wochen gekauft. Ansonsten sind Ausstellungen der Hammer, da habe

Stunde Brainfood, wo jemand von uns oder von extern über irgendein

ich mir gerade letztes Wochenende zwei angeschaut. Das eine war

spannendes Thema redet, was uns inspirieren könnte. Hinzu kommt,

Cy Twombly, den ich über alles liebe, in Kombination mit der Schule

dass man als fester Mitarbeiter ein Budget z. B. zum Besuch einer

von Fontainebleau. Und ich glaube über so etwas nachzudenken und

Konferenz aushandeln kann.

zu sehen, dass die Dinger aus dem 16. Jhd. aussehen wie das aktuelle Zeit-Cover von Mirko Borsche, die Illustration, also der Tuschestrich sind eigentlich genau gleich, dann ist das sehr spannend. Aber ja, ich denke, das macht viel aus, dennoch ist das Spannendste mit den Kollegen zu reden, Sachen zu diskutiern und mitzubekommen, sich auszutauschen und natürlich auch mal zu schauen, was andere Agenturen so machen. Was auch noch wichtig ist, ist auf Konferenzen zu gehen. SK: Ich würde das gerne unterstreichen: Kunst und Kultur sind super

wichtig. Auch Literatur, also auch in dem Sinne wie Christian das eben zitiert hat, keine Angst haben, Dinge machen, sich trauen, was wir ja viel in dem Bereich Kunst und Literartur wieder finden. Das alles sollte man sich angucken und aufsaugen und darüber nachdenken, was einen interessiert und was nicht. Und nie denken: Ach, das hat nichts mit meinem Beruf zu tun. Doch, das hat es! FH: Du hast jetzt erklärt, wie du dich selber weiterbildest. Inwiefern

wird durch das Unternehmen Weiterbildung initiiert?

» FÜR MICH IST INSPI­ RATIONS­ QUELLE NUMMER EINS TWITTER. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

56

DER BEGRÜNDER UND VORSTANDSVORSITZENDE VON EDENSPIEKERMANN, PROF. DR. H. C. ERIK SPIEKERMANN, IST EINER DER BEKANNTESTEN DEUTSCHEN DESIGNPERSÖNLICHKEITEN, TYPOGRAFEN UND SCHRIFTENENTWERFER UNSERER ZEIT, GRÜNDER DER LEGENDÄREN DESIGN­ AGENTUR METADESIGN UND SEIT LETZTEM JAHR PREISRÄGER DES »DESIGN­ PREIS PERSÖNLICHKEIT«. AUSSERDEM IST ER FÜR SEINE REDEFREUDE BEKANNT UND DAFÜR, DASS ER KEIN BLATT VOR DEN MUND NIMMT. PROF. VOELKER HAT ÜBRIGENS MAL EIN BUCH MIT IHM GEMACHT » ZIMMERMANN MEETS SPIEKERMANN«


BERLIN – EDENSPIEKERMANN 

» Our Manifesto: We work for your customers. We may have to take their side at times. Challenge us. Complacency is the enemy of great work. We don’t give answers. Unless we can explore your question. We are not suppliers. Partnership gets the best results. Talk to us. We thrive on feedback. Trust us. You hired us because we can do something you cannot do. Pay us. Our work adds to your bottom line, so invest in our future.«

57


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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BERLIN – STAN HEMA 

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STAN HEMA Auch die Büroräume von Stan Hema in Kreuzberg waren frisch bezogen und sahen sogar noch so aus! Stan Hema wurde 2008 von Mathias Illgen, Stephanie Kurz, Heike Schmidt und Andreas Weber gegründet. Daher übrigens auch der Name, er besteht aus den ersten zwei Buchstaben des jeweiligen Vornamens der vier Gründer.

Der Geschäftsführer Mathias Illgen und die anwesenden Mitarbeiter bei Stan Hema waren sehr sympatisch und irgendwie hatten wir ein gutes Gefühl dort. Auffällig war, dass alle vier Gründer, wie auch alle Mitarbeiter und Möbel, irgendwann mal zu MetaDesign gehört haben. Naja nicht alle, aber wir gewannen langsam den Eindruck, die stecken alle unter einer Decke.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

60

» Wir haben ein Manifest geschrieben, in dem steht, dass wir niemals pitchen. «

FH MAINZ: Wie stehen sie zu Pitches und nehmen Sie an welchen teil?

teste Verfahren, was das angeht, fand ich das von Dr. Hauschka. Die haben gesagt, dass sich die Geld- und Zeitverschwendung eines Pitches

MATHIAS ILLGEN: Wir haben uns zu Anfang selbst ein Manifest ge-

nicht mit ihrer Unternehmensphilosophie verträgt, deshalb haben sie

schrieben, in dem auch steht, dass wir niemals pitchen. Wir haben ei-

uns sechs Fragen zugeschickt und uns freigestellt, wie wir die beant-

gentlich die gleiche Haltung dazu wie Spiekermann, falls Sie mit denen

worten wollen. Wir sind dann zu denen hingefahren, das war in Düssel-

darüber gesprochen haben. Wir finden Pitches, für das, was wir ma-

dorf, auf neutralem Gebiet, um ihnen die Fragen zu beantworten.

chen absolut falsch, weil wir sehr intensiv mit dem Betrieb zusammen

Wir haben überhaupt keine Gestaltung gemacht, wir haben uns aus-

arbeiten müssen, um erstmal herauszubekommen, was sie wirklich

schließlich intensiv mit dem Unternehmen beschäftigt, was sie sind

brauchen. Das ist vielleicht bei anderen ein bisschen anders, bei dem

und was sie vielleicht sein könnten und haben uns dann einfach ein-

was wir machen, bei Markenentwicklung, wo es um Identität geht, da

einhalb Stunden lang mit denen unterhalten. Und das war dann aus-

ist das etwas anderes. Natürlich machen wir auch bei Pitches mit, aller-

schlaggebend, dass sie sich für uns entschieden haben. Es gibt natür-

dings versuchen wir dann bestimmte Regeln einzuhalten. Wir pitchen

lich auch die Variante, dass man ein Portfolio einreicht und mehrere

z. B. nicht, wenn es kein Honorar gibt, wir pitchen nicht, wenn mehr

Gespräche miteinander führt, um sich kennen zu lernen. Die aller-

als drei Agenturen teilnehmen und wir pitchen nicht ohne umfangrei-

liebste Version ist natürlich, dass man einfach beauftragt wird.

ches Briefing im Vorhinein, wo dann auch klar werden muss, um welches Auftragsvolumen es sich handelt. Es gibt aber ein paar Gründe

FH: Sie haben ja gerade gesagt, dass das Unternehmen nicht weiß,

für Pitches. Es ist natürlich so, dass ein Auftraggeber eine Agentur

was am Schluss rauskommt, aber man arbeitet doch eigentlich eng

auch kennenlernen muss, denn wenn ich in einen Laden gehe und ein

zusammen, oder?

Produkt kaufen will, dann will ich es vorher anschauen – bei dem was wir machen, weiß man natürlich nicht genau, was herauskommt, des-

MI: Ja, aber wenn du dir vorstellst, dass du für dich selbst ein Er-

wegen brauchen unsere Auftraggeber auch Sicherheit. Das interessan-

scheinungsbild von einem Grafiker erstellen lassen möchtest und du


BERLIN – STAN HEMA 

61

kennst den eigentlich nicht und hast noch nie mit dem gearbeitet und

FH: Leider nicht. (lacht)

bekommst es hin, dass er dich wirklich versteht und mit dir auf einer Wellenlänge liegt – da kann ich schon verstehen, warum Unternehmen

MI: Vielleicht ein Klingelton oder so? (lacht)

gerne Pitches haben wollen. Aber das ist oft Unwissenheit und sie wissen es nicht besser. Das ist auch eine Aufgabe, die wir haben, dass

PROF. VOELKER: Wir beschäftigen uns auch mit der Verantwortung

wir den Unternehmen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten

des Designers, wobei man natürlich auf Konfliktlinien stößt. Wenn

gäbe, sich gut kennenzulernen.

wir uns selbstständig machen, aber auch wenn man in einer kleinen Agentur arbeitet, wie geht man mit dem Kunden A oder B um? Eine

» D A S I S T AU C H E I N E AU F G A B E , D E N U N T E R N E H M E N

Erfahrung, die sowohl Robert, als auch ich gemacht haben, war, dass

Z U Z E I G E N, D A S S E S AU C H A N D E R E M Ö G L I C H ­

man witziger Weise irgendwie an die Kunden kommt, die man verdient

K E I T E N G Ä B E , S I C H G U T K E N N E N Z U L E R N E N. «

hat – im Guten wie im Schlechten. Das war ganz komisch. Bei mir hat noch nie Boehringer angerufen, also es gibt bestimmte Kunden, die

FH: Ist es dann von eurer Seite aus so, dass ihr euch Unternehmen

kämen gar nicht auf die Idee. Wie funktioniert das eigentlich, das ist

aussucht, die zu euch passen?

doch eine Erfahrung, die viele machen, oder?

MI: Im Idealfall ja! Unsere Haltung ist da eigentlich klar. Ich weiß

MI: Ja. Irgendwie hat das Leben, das man führt, auch mit einem

nicht genau, was wäre, wenn morgen Daimler anrufen würde. Ich bin

selbst zu tun. Und genau so ist es auch im Berufsleben, die Kunden,

nicht sicher, ob ich das ablehnen würde. Aber im Moment ist es so,

die man hat, haben auch mit einem selbst zu tun. Vielleicht liegt es

dass wir uns aktiv nur »gute Unternehmen« raussuchen.

schon daran, dass man alleine an dem, was man bisher getan hat, ein gewisses Profil ablesen kann, was manche anzieht und andere ab-

FH: Wir beschäftigen uns in dem Kurs auch mit Design, Entrepreneur

schreckt. Bei uns ist es so, dass wir, bis auf die Sache mit der GLS

und Autorenschaft. Da ihr eine Agentur seid, die sich dagegen ent-

Bank, nie aktive Akquise gemacht haben. Es gab immer Empfehlun-

schieden hat, und vermutlich auch Gründe dafür hat, würde mich inte-

gen. Moment, eigentlich ist das unlogisch, was ich gerade erzähle,

ressieren, welche Gründe dafür sprechen könnten, doch eigene Pro-

denn im ersten Jahr hatten wir eigentlich nur Kunden aus Kunst und

dukte auf den Markt zu bringen?

Kultur, das kam daher, dass wir bei MetaDesign genau die Kombination von Ausstellungen gehabt haben, wo man in Berlin ist. Und dann

MI: So haben wir das nicht gemeint, es wäre natürlich super ein eige-

bekamen wir jedes Jahr noch mal einen Auftrag für eine Ausstellung.

nes Produkt auf den Markt zu bringen!

Wir hatten dann eben den Ruf, Kultur gut zu können und alle möglichen Museen, wie das Folkwang und das Städel haben dann angeru-

FH: Ich denke aber, dass man dann als Agentur auf einem sicheren

fen. Dann kommt man natürlich auch automatisch in so eine Schiene

Level sein muss, um sich das überhaupt leisten zu können, da so etwas

rein. Ich wundere mich nur, warum nicht die ganzen Automobilkon-

einen hohen Kostenfaktor birgt, oder?

zerne angerufen haben. (lacht)

MI: Ja, sicher, Aber nichts ist besser als z. B. eine Software oder einen

PV: Die Daimler-Stiftung zum Beispiel.

Klingelton zu entwickeln. Dann hat man einmal Entwicklungskosten und verkauft das dann tausendfach. Wir fangen jedes mal wieder bei

MI: Zum Beispiel, ja. Vielleicht ist es wirklich so, dass sich das auto-

Null an, das ist bei Gestaltung eben so. Das ist Einzelfertigung und es

matisch so ergibt. Ich merke persönlich, in Gesprächen mit Leuten,

ist jedes Mal aufs Neue ein Kampf und auch eine Qual ein Produkt zu

dass es Menschen gibt, mit denen man sofort eine Ebene findet und es

entwickeln. Und dann vielleicht jahrelang davon zu leben ist gar keine

gibt andere, mit denen haut es einfach nicht hin. Ich habe früher in

schlechte Idee … Hast du eine Idee? (lacht)

einem Konzern gearbeitet, bei Gruner + Jahr, und da ist die Kultur eine ganz andere, diese Menschen mit Kultur, das sind oft selbsterhaltende Systeme. Ein Chef befördert jemanden, der so ähnlich ist, wie er

» W I R H AT T E N D E N R U F, K U LT U R G U T Z U KÖ N N E N

selbst. Mit dem er zum Golfen oder Boxen gehen kann. Nicht jemanden,

UND DANN HABEN UNS

der ihm jeden Tag was von Adorno erzählt – und andersherum genauso.

A L L E M Ö G L I C H E N M U S E E N A N G E R U F E N. «

Vielleicht hat das auch damit was zu tun.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

62

» DURCH EINE MORALISCHE GRUNDHALTUNG HAT MAN LANGFRISTIG GRÖSSEREN ERFOLG.«

FH: Gehen Sie mit der Auswahl der Kunden. so moralisch vor, weil es

len Kollegen in der Werbung, die dann Dauerzyniker werden, weil sie

für Sie persönlich wichtig ist, oder halten Sie die Verantwortung eines

eigentlich wissen, was sie für einen Mist machen und finden eigentlich

Gestalters und den Einfluss von Gestaltung tatsächlich für so immens?

nicht gut, was sie tun. Aber das ist ein Punkt, den man sich aussuchen kann und das ist auch das Schöne an dem Beruf.

MI: Ja, das tue ich wirklich. MI:  Das sehe ich auch so. Ich bin ja kein Gestalter, ich habe BetriebsFH:  Könnten Sie das ausführen?

wirtschaftslehre studiert, Schwerpunkte Marketing und Verhaltenswissenschaft, deswegen mache ich auch Beratung und Brandmanage-

MI: (lacht)

ment hier. Vielleicht kann Helen das noch mal genauer sagen, aber das geht sogar mir so, dass das was wir hier tun immer was mit einem

FH: Was glauben Sie wir wie groß der Einfluss auf »normale« Kon­

selbst zu tun hat und, dass es einer gewissen Leidenschaft bedarf und

sumenten ist und wie viel Verantwortung man dadurch auch trägt?

des Anspruches nicht nur an der Oberfläche zu kratzen. Und wenn man eben nicht zynisch werden möchte, dann ist es wichtig, dass man

MI: Ich glaube, dass es nicht darum gehen kann Konsumenten mit

hinter den Dingen stehen kann, die man tut. Ich gebe zu, dass das

Gestaltung zu manipulieren, also zu verarschen. Ich finde schon, dass

manchmal schwierig ist, aber wenn man den Anspruch gar nicht erst

man Dinge machen sollte, hinter denen man auch selbst stehen kann.

hat, und sich die Frage gar nicht stellt, dann halte ich das für einen

Ich kann nicht meine Zeit, meine Kraft und mein Wissen in die Vermark-

Fehler. Wie gesagt, ich würde vielleicht auch für Daimler arbeiten,

tung von Atombomben stecken. Da fängt es eigentlich schon an, indem

aber ich habe mir zumindest mal darüber Gedanken gemacht, ich

man sich überlegt, ob das Produkt eigentlich notwendig ist, ob man das

habe das reflektiert, das ist sehr wichtig.

braucht. Und wollen wir mit dem was wir tun, mit unserer Gestaltung, die Menschen befähigen sich selbst ein Urteil zu bilden, oder wollen wir

HELEN: Ich finde man hat auch eine Verantwortung dem Kunden ge-

sie manipulieren? Ich bin jetzt hier auch nicht im Tele-Tubby-Land, aber

genüber, denn es geht ja nicht nur darum Bilder hin und her zu schie-

ich glaube wirklich an Dinge wie Authentizität, dass man ehrlich ist und,

ben, sonder man merkt in dem Prozess auch, wie essentiell wichtig es

dass auch meine Kommunikation ehrlich ist. Konsumenten sind nicht

ist, etwas zu gestalten, womit sich der Kunde wohl fühlt, schließlich

dumm und spätestens, wenn sie das Produkt oder die Ausstellung sehen

identifiziert er sich mit der Marke, die man schafft. Und ich finde bei

und das ist nicht gut, dann ist ohnehin alles sinnlos. Ich glaube, dass

uns gut, dass wir alle versuchen, zusammen zu einem guten Ergebnis

man durch eine moralische Grundhaltung langfristig größeren Erfolg hat.

zu kommen, und wir setzen uns alle stark mit dem Kunden auseinan-

Wenn man schnell reicht werden will, ist es vielleicht der falsche Weg. PV: Wenn der Designer gut ist, durchschaut er natürlich auch Strate-

gien, die unhaltbar sind und dann haben wir das Problem, wie bei vie-

» Das, was wir hier tun, bedarf einer gewissen Leidenschaft.«


BERLIN – STAN HEMA 

63

der und ringen um gute Entscheidungen. Wir entscheiden uns dann

MI: Ich denke es ist wichtig, dass man seinen eigenen Weg findet. Da

nicht für Blau, weil wir Blau so toll finden, wir entscheiden uns dafür,

gibt es keinen Königsweg. Es gibt Leute, die können wahnsinnig gut

weil es genau das kommuniziert, was wir kommunizieren wollen. In-

alles verkaufen, es gibt Menschen, bei denen geht das nicht. Ich bin

tern ringen wir auch sehr viel für ein gutes Ergebnis. Natürlich muss

z. B. nicht so gut im präsentieren, ich führe lieber Gespräche mit den

man auch Kompromisse eingehen, aber im Endeffekt versuchen wir

Auftraggebern. Das Mittel der Strategen ist das Wort und das der Ge-

alle zu einer Lösung zu kommen mit der der Kunde und wir glücklich

stalter ist Gestaltung. Wichtig ist nur, dass das was man zeigt, dass

sind. Oft muss man auch ein bisschen was machen, was man selbst

man da selbst dahinter steht und eine gewisse Empathie dafür hat.

nicht so gut findet, aber im Großen und Ganzen kommen wir gut mit-

Dann ist das gut. Du musst nicht riesige Reden vorbereiten. Manch-

einander zu recht.

mal klappt’s auch einfach, wenn man was hinlegt und sagt: »Das ist es, ich habe lange darüber nachgedacht, ich weiß, das ist richtig.«

MI: Da ist vielleicht auch Selux ein gutes Beispiel ist, die haben vor-

her auch mit anderen Agenturen gearbeitet und waren eine ganz ande-

H: Ich habe auch schon erlebt, dass wir zwei Varianten hatten, wo

re Arbeitsweise gewöhnt. Die haben uns irgendwann mal gesagt, dass

man ganz deutlich sah, das eine funktionierte und das andere nicht…

sie das gar nicht kennen, bisherigen Agenturen mussten sie immer erklären wo welche Leuchte hin muss. Wir haben denen aber gezeigt

MI: Das Phänomen sehe ich aber tatsächlich oft, dass sich die Auf-

wie man das Produktportfolio sinnvoll strukturieren kann. Und das

traggeber für das Schlechtere entscheiden. Es ist wichtig, dass man

habt ihr sicherlich auch schon gemerkt, über Gestaltung kann jeder was sagen, jeder glaubt, er könnte das, und jeder redet mit. Man braucht natürlich als Gestalter immer gute Argumente, deswegen ist es ganz wichtig sich mit den Dingen intensiv zu beschäftigen um dann

» Über Gestaltung kann jeder was sagen, jeder glaubt, er könnte das, und jeder redet mit.« auch argumentieren zu können. Ich hab in meinem Berufsleben schon oft erlebt, dass man dann mit Vorständen über die Position von Seitenzahlen diskutiert. Also jeder hat dazu was zu sagen – ich ja auch. H: Das ist ja auch wichtig, dass du auch was dazu sagst. Aber bei dem

selbst Bewertungskriterien findet, deshalb haben wir auch anfangs

Seitenzahlen-Thema war das einfach keine Geschmacksfrage, sondern

diese strategischen Prozesse und deshalb schauen wir auch, wie ei-

es ging nicht anders, das hatte eine formale Funktion. Da wären sich

gentlich der Markt aussieht. Dann entscheidet man sich, ob man da

die Seitenzahlen und Tabellen im unteren Teil in die Quere gekom-

mitgeht oder ob wir einen anderen Style machen. Das sind Dinge, an

men. Es gab also wirklich gute Gründe, es war aber ein harter Kampf

denen man sich orientieren kann und auf denen man auch den Auf-

(lacht).

traggeber festnageln kann. So etwas wie Zielgruppen, Wertekanon der Zielgruppe usw… dann kommen wir auch mal weg von diesen »Irgend-

PV: Wie wichtig ist denn das rhetorische Talent? Denn meine Erfah-

wie gefällt’s mir nicht-Diskussionen«. Man muss immer überlegen,

rung ist, wenn man Dinge gute herleiten und schlüssig argumentieren

dass Gestaltung eine Funktion und einen Sinn hat. Da geht es nicht

kann, dass man dann auch scheinbar absonderliche Gestaltung durch-

um persönlichen Geschmack, das kann man zu Hause machen.

bekommt. Das würde aber bedeuten, dass man als Student auch rhetorisch aufrüsten muss, oder? » G E S TA LT U N G H AT E I N E F U N K T I O N U N D E I N E N H: Ja, total. Aber, ich glaube man braucht auch sehr viel Erfahrung

um eine gewisse Gelassenheit und Ruhe zu entwickeln.

S I N N. D A G E H T E S N I C H T U M P E R S Ö N L I C H E N G E S C H M A C K , D A S K A N N M A N Z U H AU S E M A C H E N. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

64

H: Das fand ich bei Selux sehr interessant. Der schwierigste Teil war,

auch Erik steht und was auch stark von der Bauhaus-Idee kommt.

die Information zu reduzieren und verständlich zu machen. Wie ewig

Diese Prägung beeinflusst einen wahnsinnig und man braucht immer

wir an den Tabellen gesessen haben, die jetzt so einfach aussehen!

wieder neue Impulse, deswegen ist es natürlich wichtig, dass nicht

Weil wir zuerst versucht haben, sie auf der Informationsebene in 3D

alle Gestalter so arbeiten wie wir, dass man das macht, was gebraucht

zu gestalten. Dann haben wir uns doch für 2D entschieden. Mein Ziel

wird, sondern dass man auch wild und völlig frei arbeitet, vielleicht

war immer, dass ich es im Endeffekt verstehen kann, denn wenn ich

entstehen so völlig neue Ideen mit Gestaltung umzugehen. Das sind

das verstehe, verstehen andere das auch. Das ist etwas, was ich im

Sachen über die wir auch nachdenken: Vielleicht brauchen wir gar

Studium unterschätzt habe, wie sehr man sich mit dem Kunden und

keine Logos, oder Gestaltung vielleicht kommuniziert man über Ge-

dem was er tut auseinandersetzen muss. In der Zeit von Selux sind

schichten, was ja auch eine Art von Gestaltung ist. Heike hat mir ganz

einige von uns zu Lichtexperten geworden, zu Leuchtenexperten.

am Anfang mal gesagt, dass sie schon über das getanzte Logo nach

Also wir kennen jede Leuchte in Berlin, die von Selux ist. (lacht)

gedacht hat, also es geht einfach darum auch mal ganz anders an die

» Ich habe im Studium unterschätzt, wie sehr man sich mit dem Kunden und dem was er tut auseinandersetzen muss.«

PV: Da muss man auch eine gewisse Flexibilität mitbringen, oder?

Sache heran zu gehen. Das ist natürlich schwer in einem so professionellen Kontext. PV: Genau aber es geht ja auch einfach darum Erfahrungen zu sam-

meln und Ausdrucksmöglichkeiten zu suchen. Als ich studiert habe, habe ich einen Spruch von Erik gehört: »Gestaltung interessiert mich

nicht mehr«. Das war 1991 und ich war extrem geschockt! Ich konnte mir das gar nicht vorstellen, dass Gestaltung einen nicht mehr interes-

MI: Das ist vielleicht auch von Vorteil. Wenn man denkt: »Oh je, ich

siert! Heute, 100 Jahre später, leuchtet mir ein, was er meinte. Seine

muss schon wieder gestalten und kreativ sein, ständig muss irgendwas

Fähigkeiten zur Analyse und Kreativität, die transformieren natürlich,

aus mir raus kommen. Ich kann nie auf etwas bauen, außer auf meine

die gehen in andere Ebenen über. Er hat dann eben in der konzeptio-

Fähigkeiten.« Das Interessante ist, dass man sehr viele unterschied­

nellen Ebene seine Befriedigung gefunden. Das war damals für uns na-

liche Dinge kennenlernt. An einem Tag die Hängung von Gerhard Rich-

türlich hart. Insofern finde ich das auch eine interessante Sache und

ter Bildern und am nächsten Tag diskutiert man über LED-Lichtstär-

mich würde interessieren, wie das bei Ihnen ist, dass man von der Er-

ken. Da muss man auch Lust drauf haben. Ich finde es immer noch toll!

fahrung des Studiums für die Erfahrung der Praxis neue Horizonte bekommt.

PV: An der Hochschule ist es ja ein sehr wichtiger Punkt, sich in sei-

nen Arbeiten auch selbst verwirklichen zu können, was man einerseits

H: Zum Experimentieren muss ich sagen, dass es super wichtig ist,

später nicht mehr so wieder findet, oder?

dass man das während des Studiums tut. Denn eingrenzen kann man sich später immer noch, aber den Kopf wieder frei zu bekommen und

MI: Experimentelle Gestaltung ist natürlich wichtig, da muss man

sich zu öffnen, das ist viel schwerer.

sich auch nichts vormachen, dass man durch die Ausbildung auch geprägt wird. In meinem Fall ist das vor allem MetaDesign, wofür ja

PV: Das kann ich nur unterstreichen.


BERLIN – STAN HEMA 

65

MI: Diese ganz banalen Sachen, die wir hier auch haben. Wir haben

ge bleiben kann, weil es einem zu viel wird oder weil es keinen Spaß

jetzt das Thema Illustrationen entdeckt. Wir haben noch nie mit Illus-

mehr macht? Oder hat man irgendwann genug gelernt und möchte

trationen gearbeitet, lediglich mit Informationsgrafiken und Fotogra-

sich dann selbst verwirklichen? Oder was ist der Grund, weshalb die

fien. Vor ein paar Monaten haben wir uns dann gefragt warum. Das ist

Leute nicht so lange dort bleiben?

nun wirklich nicht besonders experimentell, aber das zeigt schon, wie schwer es ist aus solch festgefahrenen Denkmustern auszubrechen.

MI: Ich weiß das nicht genau, denn ich kenne nur MetaDesign. Ich

wäre auch nie auf die Idee gekommen in einer Agentur zu arbeiten, ich H: Es ist natürlich auch immer von Vorteil, wenn man mal gesieb-

hab immer gerne Pullunder getragen und dachte, dass das da nicht hin

druckt hat und weiß, was ein Rakel ist, dann kann man auch besser

passt, das ist dort alles viel zu lifestyle. Ich hatte auch nie was von

mit dem Illustrator kommunizieren.

MetaDesign gehört, nur von Erik Spiekermann. Ich bin dann durch Zufall in Kontakt mit Meta gekommen und empfand es ganz anders,

MI: Und was auch immer wichtiger wird, das ist das Denken über das

» Ich denke, dass man als Gestalter Abwechslung braucht, da man sonst verschleißt. «

als ich es mir vorgestellt hatte. Eben nicht kurzfristig orientiert. Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, aber zu der Zeit, in der ich da war, war es sehr stark sinngetrieben, und ich war acht Jahre lang dort. Dann hatte ich einfach das Gefühl, ich könnte jetzt mal was anderes machen, da gab es keinen Druck von außen. Ich wollte die Dinge, die ich dort im Management verwaltet habe, auch einfach mal selbst machen.

Printmedium hinaus, das ist ganz klar. Ich werde bis ich sterbe ein

FH: Ist es nicht so, dass Gestalter alle acht Jahre versuchen sich neu

Zeitungsabo haben, das klingt zwar old-fashioned aber, das ist auch

zu erfinden und was neues zu machen? Langweilt man sich nicht,

Kommunikation, da hat man eine Geschichte und muss überlegen, was

wenn man immer das gleiche Büro mit den gleichen Kollegen hat?

ist die richtige Ausdrucksform und was sind die richtigen Bilder dafür. H: Das kommt immer darauf an. Ich würde zum Beispiel nicht in eiPV:  Ich würde ja das Medium Zeitung insofern verteidigen wollen, weil

nem Büro arbeiten wollen, wo ich vier Jahre lang ausschließlich ein

es einfach strukturelle Vorteile bietet. Ich lese die Süddeutsche, da

und denselben Kunden habe. Deswegen bin ich hier ganz froh. Das ist

ist die ganze Redaktion damit beschäftigt mir das ganze Feuilleton

natürlich eine Typfrage, aber ich denke schon, dass man als Gestalter

vorzukauen, das muss ich mir dann auch nicht selbst zusammensuchen,

die Abwechslung braucht, da man sonst verschleißt.

das heißt ich habe da schon einigermaßen verlässliche Fachkompe­ tenzen. Das ist dann reine Bequemlichkeit, das heißt ich könnte die

MI: Es ist natürlich gut immer wieder neue Impulse zu bekommen

Informationen auch anders sammeln.

und sich dem auch zwangsweise auszusetzen. Es wird natürlich auch gemütlich, wenn man eine zeitlang im gleichen Büro und mit den glei-

MI: Das ist ja auch der Sinn einer Marke, Komplexität zu reduzieren.

chen Menschen zusammenarbeitet, das ist dann bequem. Es gibt auch Büros, in denen man einfach feststeckt, in denen man sich nicht wei-

FH: Du hast ja auch bei Meta gearbeitet. Inwiefern nützen solche gro-

ter entwickelt. Diese Selbstfindung wiederum ist ja eher eine Autoren-

ßen Büros denn als Sprungbrett und ist es so, dass man dort nicht lan-

design-Frage, ich denke da an die Architektin Zaha Hadid, die macht


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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» ES IST WICHTIG, DASS MAN NICHT NUR DAS MACHT, WAS GEBRAUCHT WIRD, SONDERN DASS MAN AUCH WILD UND VÖLLIG FREI ARBEITET, VIELLEICHT ENTSTEHEN SO VÖLLIG NEUE IDEEN. «

» ICH FINDE, DASS MAN DINGE MACHEN SOLLTE, HINTER DENEN MAN AUCH SELBST STEHEN KANN.«

» VIELE WOLLEN DESIGN STUDIEREN UM SICH NICHT MIT DEM KONZEPT AUSEINANDERZUSETZEN. EIN TRUGSCHLUSS. «


BERLIN – STAN HEMA 

67

immer das Gleiche und wird das wohl bis an ihr Lebensende machen.

MI: Vielleicht ist auch No-Design gerade Trend. An der Hochschule

Das ist wie ein Label, eine Marke und jeder stellt sich so ein Ding in

ist es natürlich echt kompliziert, da ihr zum einen Forschung, also

seine Schrankwand. Ich weiß nicht ob sie das Bedürfnis hat sich neu

Experiment lehrt und zum anderen müsst ihr ausbilden.

zu erfinden. Hast du es? FH: Das Designstudium wird ja immer mehr zum Trendstudium seht FH:  Als junger Designer auf jeden Fall. Ich weiß auch, dass ich nach

ihr das eher positiv oder negativ?

dem Studium ein Praktikum hier mache und ein Jahr dort arbeite, am Anfang möchte ich da schon sehr viel Input haben um zu schauen, wo

H: Das ist egal, denn im Endeffekt braucht es einfach Leidenschaft

ich dann am Ende lande. Die Frage ist, ob man sich, wenn man seinen

und Durchhaltevermögen. Deshalb ist es total egal ob 50 oder 2000

Weg gefunden hat, irgendwann langweilt. Es ist ja auch wichtig, stän-

Leute mit dem Studium beginnen. Aus meinem Semester waren viele

dig auf dem neuesten Stand zu sein und neuen Problemstellungen zu

eher künstlerisch veranlagt, also arbeiten jetzt von 40 Leuten nur fünf

begegnen und ich kann mir nicht vorstellen, dass das in einem festen

als Grafikdesigner.

Team funktioniert, in dem man alle und alles kennt. MI: Das Problem ist vermutlich, dass man das gar nicht wirklich

merkt. Ich kann nur von mir sprechen, diese Gefahr ist immer da, dass man sich zufrieden gibt und es sich gemütlich macht und hofft, dass es noch 20 Jahre so weiter geht. Das ist auch etwas, über das wir uns in unserem Geschäft Gedanken machen. Ob das heute nicht vielleicht schon von gestern ist. FH:  Und was machen Sie dagegen? MI:  Na, man holt sich junge Leute rein! (lacht) Man geht einfach mit

offenen Augen durch die Welt. Der Austausch mit anderen ist sehr wichtig und ich lese viel und versuche dadurch lebendig zu bleiben. H: Ich schaue gar nicht viel auf Designblogs, vielleicht sollte ich über-

denken ob das richtig ist. Oft gibt es einen Style, den machen dann ganz viele und dann denkt man schon same old, same old. Und wenn man sich von dem was aktuell ist gar nicht beeinflussen lässt, sondern auf die spezifischen Bedürfnisse des Kunden schaut, muss man sich nicht so sehr von zeitgemäßem Design beeinflussen lassen. MI: Es ist auch ganz schwierig etwas neu zu erfinden, man kann Din-

MI: Es ist ein harter Beruf, da muss man schon richtig drinstecken. Es

ge neu arrangieren oder in einen neuen Kontext stellen. In der Kunst

ist ein Beruf, wo man nicht an der Oberfläche bleibt, das muss man

sieht man das auch ganz gut. Ich war neulich in Halle in der Stiftung

sich schon gut überlegen.

Moritzburg, da hingen Renaissance Gemälde und die sahen aus wie Neue Sachlichkeit, also wie Christian Schad, 1920. Da dachte ich mir,

H: Man muss sehr viel denken, das ist auch nicht für jeden was. (lacht)

dass das eigentlich das gleiche Problem ist. Gab’s schonmal, gab’s schonmal, gab’s schonmal. Da muss man eben immer neu mixen und

PV: Es gibt immer einen Trugschluss: Viele wollen Design studieren

in neue Beziehungen stellen.

um sich nicht mit dem Konzept auseinanderzusetzen.

PV: Ich glaube, dass man nur auffallen kann, wenn man ein gutes Kon-

H: Das ist ja das Reizende am Grafikdesign, die Mischung zwischen

zept hat, für einen bestimmten Inhalt mit einer raffinierten Methode.

dem Visuellen und dem Strategischen.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

68

KLEINER UND BOLD Bei kleiner und bold in Kreuzberg empfing uns einer der zwei Geschäftsführer und Gründer, Tammo F. Bruns mit einer ausführlichen Präsentation und viel Zeit für ein sehr aufschlussreiches Gespräch. kleiner und bold wurde 1992 gegründet und hat 27 Mitarbeiter aus verschiedenen Be­ reichen. Wir hatten wieder die Mög­lichkeit kritische Fragen zu stellen und durften uns danach die Agenturräume anschauen. Bei interessanten Gesprächen mit den sympathischen Designern erfuhren wir nochmals, dass die meisten vor dem ei­gentlichen Berufsstart um diverse Praktika nicht herum kommen, bevor sie schließlich ihren Platz in einem Designbüro finden. Der Weg zu kleiner und bold war auch für uns abenteuerlich! Die haben nämlich einen riesigen Außenaufzug, mit dem früher einmal Pferde in den obersten Stock ge­ fahren wurden. Was die Pferde da oben machen? In dem Gebäude waren unten schwere Maschinen und die hätten nicht in einen Aufzug gepasst, somit mussten die Tiere ins Obergeschoss.


BERLIN – KLEINER UND BOLD 

69

» Ich kann keinen Mitarbeiter dazu zwingen, gut zu sein, wenn er sich innerlich dagegen sträubt.«

TAMMO F. BRUNS: Herzlich willkommen, wir steigen ziemlich

zont, ein Corporate Identity Ranking, sind wir immer so auf Platz 10

schnell ein. Kurz zum Ablauf: Ich habe eine Präsentation für euch

oder 15. Dummerweise noch nie in den Top-Ten, da waren wir immer

zusammen geschustert aus verschiedenen Kundenpräsentationen.

zu kleiner und zu bold für. Ja, und unser Leistungsversprechen ist

Danach habt ihr die Gelegenheit, einmal hier durchzulaufen und zu

eigentlich Markenwerkzeuge zu machen.

gucken, wie wir arbeiten. Da teilen wir die Gruppe in drei Gruppen, damit ihr euch einfach frei bewegen könnt. Schätzungsweise dauert

PROF. VOELKER: Authentizität, Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit

die Präsentation eine knappe Stunde, wenn ihr was fragt, dauert sie

spielen heutzutage eine sehr wichtige Rolle. Man kann beobachten,

länger. (lachen) Ihr dürft aber trotzdem gerne fragen.

dass in den letzten Jahren alle Firmen darauf aufbauen. Ist es nicht komisch, dass dies nicht schon immer so war? Wie war das denn aus

» K L E I N E R U N D B O L D, E I N E R D I E S E R A G E N T U R­

deiner Sicht vor 15 Jahren? Was war denn da das wichtige?

N A M E N, D I E U N T E R R E L AT I V V I E L A L KO H O L E I N F L U S S E N T S TA N D E N S I N D. «

TB: Ich glaube, Glaubwürdigkeit war schon immer wichtig, nur fehl-

ten die Instrumente, um zu überzeugen. Konzerne und Unternehmen Erstmal zu kleiner und bold, es gibt weder den Herrn oder die Frau

stehen eher in Generalverdacht. Früher waren Kunden der Deutschen

Bold oder Kleiner. Obwohl wir relativ viel Post kriegen für die. Es ist

Bank beispielsweise ihr ganzes Leben bei der Deutschen Bank. Das ist

einer dieser vielen Agenturnamen, die unter relativ viel Alkoholein-

heute nicht mehr so. Heute stehen alle unter Verdacht. Energieunter-

fluss entstanden sind. Ich kann mich auch nicht mehr genau daran

nehmen auch, jeder sagt, die verdienen zu viel und ich zahle zu viel

erinnern warum. Wir waren damals drei, also klein, ne? Und bold

für mein Gas. Versicherungsanbieter genauso. Vor 15 Jahren standen

sollte etwas frech sein, halt aus dem englischen bold. Wir wollten

die Unternehmen noch nicht so unter Generalverdacht. Die konnten

auch ein bisschen klingen, wie Springer und Jacoby. Heute würde ich das nicht mehr so machen. Naja. 1992 wurden wir also gegründet.

» VO R 1 5 JA H R E N S TA N D E N D I E U N T E R N E H M E N N O C H

Wir haben Menschen hier im Hause aus ganz unterschiedlichen Be-

N I C H T S O U N T E R G E N E R A LV E R D A C H T. D I E KO N N T E N

reichen, weil wir Markenaufbau machen. Beim Ranking von Hori-

V I E L E I N FA C H E R P R O D U K T E KO M M U N I Z I E R E N. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

70

viel einfacher Produkte kommunizieren. Die haben gesagt »Guck mal

rungsmittel zu kriegen, wenn die involvierten Konzerne alles dafür

super, tolles Produkt«. Das war Produktpflege, heute ist es Imagepfle-

tun, dies zu verhindern? Ich hoffe da immer noch auf eure Generati-

ge. Das wird sicher noch gefordert durch Internet und Social Media,

on. Ihr seid eher bereit Produkte nachzuprüfen, aber es ist umständ-

man kann sich ein Unternehmen schnell mal angucken. Der Wunsch

lich. Von daher hast du recht, da können einige noch eine ganze Weile

nach einem Unternehmen, was glaubwürdig ist, war immer da, aber

Scheiße bauen, ohne dass du es merkst.

jetzt ist es viel schwerer dies zu belegen, weil die Skepsis da ist. PV: McDonalds geben sich im Werbeumfeld als besonders grün aus. FH:  Merkt der Endverbraucher es, wenn ein Unternehmen nur Ehr-

Das glaubt man denen überhaupt nicht, trotzdem sind die gemessen

lichkeit vorheuchelt? Man kriegt ja überall gesagt »wir sind super

an Burger King extrem familienfreundlich.

gut«. Sogar Kik sagt jetzt schon, sie wären super Arbeitgeber. TB: Die haben ja auch keinen Vergleich! Burger King ist ja nicht der TB:  Trotzdem weißt du, dass es nicht so ist, oder? Bei Schlecker hat

Bioladen um die Ecke. Die sind nicht Bioladen-verifiziert, sondern die

das ja auch nicht funktioniert! Ich muss dir recht geben, man kann

haben ihre eigene Verifizierung. Sonst könnte man ja jedem Unterneh-

auch eine ganz tolle Fassade aufbauen, die eine ganze Weile hält. Im-

men vorwerfen, dass es nicht bio ist! McDonalds ist auf dem Weg, inso-

mer vorausgesetzt, es geht nichts schief, das ist ein Balanceakt. Tim-

fern finde ich das ok was die da machen. Ich bin kein McDonalds-

berland, der Lederverkäufer, ist ein gutes Beispiel, der über viele Jahre Schuhe gemacht hat und kein Thema daraus macht, woher es kommt und wie sie entstehen. Und irgendwann sagt jemand »Da guck

» B E I U N T E R N E H M E N, D I E N I C H T U N T E R V E R D A C H T S T E H E N, G U C K T AU C H K E I N E R S O G E N AU H I N. «

mal, da geht’s Kühen und Kindern schlecht mit!«. Sowas geht immer eine Weile gut und irgendwann nicht mehr, weil es heute viel leichter

Freund, hoffentlich komm ich da nicht in Verdacht! Ich ess da nie, weil

ist, solche Leute zu enttarnen. Timberland, der da am Amazonas eine

ich der klassische Biofreak bin, aber die haben ganz viel gemacht!

Farm betreibt, hat das bisher keinen Europäer interessiert. Nun durch

Überhaupt, dass es bei denen Salate gibt, das war vor zehn Jahren un-

das Internet ist es so, dass man das überall lesen kann. Deswegen ist

vorstellbar. Salat? Wenn man da Salat bestellt hätte, wäre man rausge-

die Wahrscheinlichkeit des Zusammenbruchs höher. Aber trotzdem

flogen! Sie geben sich Mühe. Ja, die Bemühungen mit der Transpa-

hast du Recht. Das sage ich deshalb, weil ich gerade ein Projekt habe

renz... die sind natürlich nur da transparent, wo sie auch gut sind. Aber

mit der Hochschule für Technik und Wirtschaft hier in Berlin, Studi-

immerhin! Die waren früher gar nicht transparent. Und bei Unterneh-

engang Marktforschung. Ich habe gerade ein Kick-off mit denen ge-

men, die nicht unter Verdacht stehen, guckt auch keiner so genau hin.

habt. Das Thema: Wie schafft man es Transparenz auf deutsche Nah-

Es ist ein kleiner Fingerzeiger an irgendeiner Stelle und wenn man darauf nicht vorbereitet ist, klappt alles wie ein Kartenhaus zusammen.

» B U R G E R K I N G I S T JA N I C H T D E R B I O L A D E N U M D I E E C K E . D A KÖ N N T E M A N JA J E D E M U N T E R N E H -

PV: Man muss sich ja wundern, wie BP die Öl-Katastrophe im Golf

M E N V O RW E R F E N, D A S S E S N I C H T B I O I S T ! «

von Mexico ausgependelt hat. Ich hätt’s mir schlimmer vorgestellt.


BERLIN – KLEINER UND BOLD 

TB: Ich habs noch nicht so erlebt. Die sind noch schwer am Kippen.

71

FH: Würden Sie es machen?

Die haben gigantische Forderungen, müssen gigantische Umsätze machen. Die sind noch nicht pleite, aber haben gigantische Forde-

TB: Nö! Weiß ich nicht, ich war noch nicht in der Situation »Entwe-

rungen.

der entlasse ich zehn Kollegen oder ich nehme diesen Auftrag«. Dann mag das anders aussehen. Dann wird’s schon schwerer mit der Ent-

PV: Wenn man sich Shell anguckt, was die sich in Nigeria leisten, da-

scheidung. Wir hatten vor zwei, drei Jahren den Fall, dass wir eine

für interessiert sich auch kein Schwein. Ich weiß nicht, wann ich mal

Anfrage hatten von einer ganz großen Nummer. Hochtechnologien,

eine Shell ausgelassen habe.

Atlas, ein richtig dickes Schiff. Für uns als kleines Unternehmen mit

» WIR HABEN NUR NOCH GUTE KUNDEN. WIR HABEN KEINEN ALKOHOL, KEINE ZIGARETTEN, KEINE WAFFEN.«

fünf Leuten war das der Jackpot. Wir designten und designten und haben uns damals noch nicht so viel mit dem Inhalt beschäftigt wie heute. Und irgendwann kam dann raus welche Produkte zwei von diesen dreizehn Firmen machen, nämlich Drohnen. Also Waffen. »WIR ARBEITEN FÜR SIE, ABER FÜR Z W E I F I R M E N N I C H T. « Da gab es genau diesen Punkt! Man dachte sich, jaa... sind ja von

TB: Wir beschäftigen uns ja gerade damit, wie viel Mühe sowas eben

dreizehn nur zwei... (lachen) 90 Prozent ist gut, zehn Prozent muss

macht. Bei der Vielzahl von Produkten, die man konsumiert, sich zu

nicht unbedingt sein. Also eine große Diskussion. Ich war der erste,

informieren ob das nun gut oder nicht gut ist. Ich glaube, je einfacher

der gesagt hat, nee ich brauch das nicht, muss nicht sein. Wir kipp-

es wird, bessere Produkte zu bekommen, desto mehr werden wir auch

ten nacheinander um und mussten dem Kunden beibringen »Wir

dahin tendieren. Aber das ist ja typisch Konsument, mit dem Auto

arbeiten für Sie, aber nur für zwei Firmen nicht.« Die sind damals

zum Kiosk fahren und dann Bionade kaufen. Gesundheit ist das The-

ziemlich ausgerastet. Wir haben dann gesagt, wir könnten denen eine

ma der Zukunft. Wir leben das mit Überzeugung. Wir haben nur noch

andere Agentur empfehlen. Es gab Agenturen, die waren spezialisiert

gute Kunden. Wir haben keinen Alkohol, wir haben keine Zigaretten,

auf den Bereich. Wir haben gesagt »Die machen das gerne!« (lachen).

wir haben keine Waffen. Früher hat das dazu gehört, das waren die

Wir schlugen vor, die könnten doch den schlechten Bereich machen

Marken für die man unbedingt arbeiten wollte! Wodka-Werbung,

und wir machen den anderen. Naja, der komplette Auftrag war dann

Lucky-Strike-Werbung – cool! Das wollten doch alle machen!

natürlich weg. Hat sich am Ende aber gelohnt, die gingen kurze Zeit später pleite.

FH: Was würden Sie machen, wenn Lucky Strike anruft? PV:  Es gibt ja den ethischen Konflikt und es gibt die politischen BeTB:  Weiß ich nicht, die haben noch nicht angerufen.

wertungen, die persönlich sind. Das eine ist, man macht beispielswei-


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

72

se nichts für Waffen. Das andere ist sowas wie die Bundeswehr, da

TB: Wenn jemand nicht will, kann ich es nicht ändern. Bisher haben

kann man schon unterschiedlich diskutieren. Da gibt es ja durchaus

wir immer ein Team zusammen stellen können, so dass es funktio-

Grauzonen, bei denen die Antwort nicht so schnell parat ist!

niert hat. Schlimmerweise kann ich keinen Mitarbeiter dazu zwingen, gut zu sein, wenn er sich innerlich dagegen sträubt. Das ginge gar

TB: Das legt jeder anders aus. Wenn ich das nicht mache, dann ist das

nicht, man könnte als Agentur dann gar nichts Gutes liefern. Du

meine Entscheidung. Wir hatten auch schon Anfragen von der SPD,

kannst nur Leute in so ein Team reinsetzen, die auch Bock darauf

für die wir auch kurz gearbeitet haben. Warum? Wir haben gesagt, es

haben! Es gibt Kunden, bei denen man nicht gleich Hurra schreit.

» Es geht nicht darum, dass ich die ganzen Produkte meiner Kunden kaufe! «

Kanzlei Dr. Scheidke, da schreit nicht gleich jeder »Jaaa! Endlich!« IT ist ein Thema was schockt, Krankenkassen... geil! Aber je tiefer man mit Neugier in bestimmt Sachen reingeht, je spannender wird es. Das Gute an eurem Job ist, dass ihr die Perspektive mit jedem Kunden wechselt! Ihr könnt für ein historisches Museum arbeiten, dann arbeitet ihr mit Geschichte. Oder für ein Klassik-Festival, dann kennt

ist die Sozialdemokratische Partei, scheiß egal ob ich die wähle oder

man sich mit klassischer Musik aus. Dann macht man was für Abwas-

nicht. Es geht nicht darum, dass ich die ganzen Produkte meiner Kun-

sermanagement und dann weiß man was über Tunnel und wie das

den kaufe! Wenn ich für ein Unternehmen arbeite, arbeite ich erstmal

alles funktioniert.

als Profi. Und ich muss nicht gleich das Gefühl haben, das was die machen ist böse. Und das ist bei der Partei nicht der Fall. Da gibt es eine

FH: Diese Aussage haben wir, eins-zu-eins, auch bei Stan Hema gehört!

unterschiedliche Vorstellung von dem Weg zum Ziel, aber niemand will da Verarmung, Krieg oder Faschismus, insofern kann ich für die

TB: Man hat ja immer einen Durst als Designer, dann merkt man wie-

arbeiten. Aber die Diskussion muss man intern führen, Jan und ich

der den Überdruss und sagt »Oh, da muss ich mal eben einen Kollegen

können entscheiden, ja oder nein. Wir haben dann ein paar Bedingun-

mit reinnehmen.« Und alles was Ihr macht, kann euch zum Halse raus

gen an den Kunden gestellt. Irgendwann wurden wir von denen dann

hängen!

in eine Kommunikations-Ecke gedrängt, so dass wir gesagt haben, das geht nicht mehr. Es wird natürlich nie in der Zeitung geschrieben »die

FH: Was muss denn ein junger Designer können, welche Fähigkeiten

Agentur hat die Partei rausgeschmissen«, natürlich wurde es anders-

sollte er mitbringen, wenn er bei euch starten will?

rum kommuniziert. TB: Er muss irgendeine Form von sichtbarem Talent haben. Ich sage PV:  Das war jetzt aus der Sicht des Agentur-Chefs. Aber was macht

jetzt extra Talent. Im Sinne von, er muss mit visuellen Formen umge-

der Mitarbeiter? Beispielsweise gab es mal bei Meta einen Auftrag für

hen können. Aber das ist nur die Einstiegshürde! Dass Typografie les-

Atomenergie, aber es gab Mitarbeiter, die das nicht wollten.

bar ist, das Farbklima passend, dass man ein Gefühl für sowas hat. Das ist nur die Hürde, sonst kommt man ja gar nicht ins Gespräch. Ihr


BERLIN – KLEINER UND BOLD 

hört das sicher von mir nicht zum ersten mal: Es gibt unglaublich viele Designer! Also kriegen wir von sehr vielen Hochschulen sehr viele Bewerbungen. Die erste Analysestufe ist visuell. Bleibt man irgendwo hängen, wenn man die Mappen anguckt oder nicht. Das nächste ist dann das Gespräch, dann wird nachgefragt. Da ist für uns die Fähig-

73

» Einer bösen Firma tut es doch viel mehr weh, zu sehen, wie die Guten erfolgreich sind! «

keit sich auseinander zu setzen wichtig. Dass ihr versucht, das Thema zu durchdringen und erst dann in ein Design umzusetzen. Nicht eine

habe, wenn ich die erfolgreich mache, ist das gut. Also suche ich mir

neue geile Schrift benutzen und wenn wir nachfragen warum, sagen

welche, bei denen ich das Gefühl habe, die haben es verdient erfolg-

»Das hat mein Freund auch so gemacht!«. Dieses Gespräch ist für uns

reich zu sein. Das Problem mit problematischen Kunden habe ich

wahnsinnig wichtig. Es heißt ja nicht, dass ein Designer nach diesen

trotzdem immer, weil ich Dienstleister bin. Mit der Zeit schafft man

Kriterien besser ist, aber er ist dann besser für uns! Vielleicht arbei-

ja auch Vertrauen, aber das dauert das dauert das dauert. Viele Ter-

ten andere Agenturen da anders.

mine, bis der Kunde dir Recht gibt, im Sinne von »machen Sie mal, Sie sind ja hier der Kommunikationsdesigner«. Ich kann mir die Kun-

PV: Ist es für dich wichtig, dass dort schon professionelle Prozesse

den aussuchen, ich kann die Kunden irgendwann, wenn sie mir ver-

vorgedacht waren? Oder wie gehst du damit um, wenn jemand viele

trauen, auch ein bisschen beeinflussen und ich kann ein tolles Pro-

experimentelle Arbeiten vorlegt, eher Autorendesign, das noch gar

jekt erarbeiten. Und dann kann ich mich wie jeder andere Bürger

nichts mit Markenentwicklung zu tun haben?

damit arrangieren.

TB: Autor setzt ja voraus, dass ich etwas zum Ausdruck bringen will.

FH: Würde es nicht viel mehr ändern, sich eine böse Firma zu suchen

Dann habe ich ja den Kontext. Am Ende muss man auch hier sagen,

und diese wirklich zu konvertieren? Es ist nicht schwer sich eine gute

was man damit verbunden hat.

Firma raus zu suchen und die noch besser zu machen. Es ändert mehr, die schlechte um 180 Grad zu drehen.

PV: Eine Frage zu Politik und Design: Wenn man verantwortungsvoll

für eine Gesellschaft tätig sein möchte und man geht in die Politik und

TB: Da würde ich mir halt überlegen, warum denn? Dieser bösen

trägt dies auch nach außen, kommt man dann als Designer in einen

Firma tut es doch viel mehr weh, zu sehen, wie die Guten erfolg-

Zwiespalt?

reich sind! Wenn Schlecker merkt – leider zu spät – dm funktioniert. Es ist doch chancenlos Herrn Schlecker anzurufen und um einen

TB: Zuerst mal erfülle ich als Designer den Auftrag. Ich möchte ger-

Termin zu bitten um ihn zu bekehren, wenn er es selbst nicht ge-

ne Produkte und Unternehmen bearbeiten, bei denn ich das Gefühl

merkt hat!

» I H R H Ö RT DA S S I C H E R VO N M I R N I C H T Z U M E R S T E N

FH: Aber bei McDonalds kam das bestimmt auch nicht von denen

M A L : E S G I B T U N G L AU B L I C H V I E L E D E S I G N E R ! «

selbst, da kam doch sicher irgendein Marketingstratege!


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

T B : Die reagieren auf Märkte. Die Macht des Schwarms ist größer, als

die Macht eines Einzelnen. Mit vielen Leuten könnt ihr entscheiden,

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WIR HATTEN REICHLICH ZEIT, UM DIE BÜRORÄUME VON KLEINER UND BOLD

ob ihr zu McDonalds geht und es interessiert. Alleine könnt ihr da

ANZUSCHAUEN UND MIT

nichts machen, aber in der Gruppe! Hochschulkontext! Ihr seid einige!

DEN ANWESENDEN DE­ SIGNERN ZU QUATSCHEN. DIE SCHIENEN SICH GER-

P V: Du hast eine ganze Reihe von Charts gezeigt, die die beeindru-

ckende Botschaft in den Raum senden, dass da Geheimnisse verhandelt werden, die die Studenten nicht kennen. Sie sprechen eine Sprache, die eine hohe Professionalität ausstrahlt und gleichzeitig etwas einschüchternd wirkt. Wie viel wusstest du denn von all diesen Prozessen im Detail, als du Dein Studium abgeschlossen hattest?

NE DIE ZEIT FÜR UNS ZU NEHMEN UND ERZÄHLTEN VON IHRER LAUFBAHN UND IHREN BEWERBUNGEN. EINE DESIGNERIN DORT HAT NACH IHREM STUDIUM WAHRES MAPPEN- UND PRAKTIKAHOBBING BETRIEBEN, BIS SIE DANN BEI KLEINER

T B : Total wenig, bis ein bisschen mehr weil ich ja schon im Studium

anfing zu arbeiten. Aber wenig. Und wenn ich was wusste, dann hab ich das in Büchern gelesen. Das Thema Marke war kein Thema für uns in der Ausbildung. Das hab ich mir zum Teil selber beigebracht. P V: Ich wollte darauf hinaus, dass sich ja vieles auch erst nach dem

Studium entwickelt. Es können dort ja nur gewisse Grundfähigkeiten trainiert werden. Ein alter Spruch aus dem Handwerk besagt, wenn man seine Lehre gemacht hat, muss man noch zwei Jahre arbeiten und erst dann ist man ausgelernt und so ist das bei unserem Studium auch. Wenn man fertig ist, muss man eigentlich noch mal zwei Jahre arbeiten um sagen zu können, man kennt sich richtig aus, oder? T B : Ja, ein gewisser Kontext muss vorhanden sein, der Rest ent­wickelt

sich. Es kommt auch immer drauf an: Will man selbstständig arbeiten, in einer Agentur oder auf Unternehmensseite? Am Anfang des Arbeitslebens ist man ja auch ganz neuen Problemen ausgesetzt. Da steht man mit 28, präsentiert irgendwas und der Kunde ist 56 und soll mir glauben, dass ich das besser weiß als er. Und der guckt schon so wenn man rein kommt. (lacht) Das ist die Wand, da muss man durch. Und wenn man dann keine Argumente hat, hat man ein Problem. F H : Vielen Herzlichen Dank! T B :   Ja gerne, viel Spaß noch!

» MARKENARBEIT HAT EINEN HOHEN WERT FÜR ALLES, WAS SPÄTER PASSIERT. «

UND BOLD GELANDET IST. ALLE SAGTEN JEDOCH, DASS SICH DIE SUCHE AUSGEZAHLT HAT.


BERLIN – KLEINER UND BOLD 

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WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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Am zweiten Tag ging es zu unserem vierten Termin bei MetaDesign in das sogenannte MetaHaus in Berlin-Charlottenburg. Das denkmalgeschützte AbspannwerkGebäude ist ziemlich beeindruckend und vor allem riesig. Unser Besuchstag war außerdem der » MetaDesign Campus 2012«, also Tag der offenen Tür für Hochschulen. Nach kurzem Warten bei dem lustigen Herrn am Empfang empfing uns Marion Rachner, Head of Human Resources, um uns das Gebäude zu zeigen, Fragen zu beantworten und bei der Gelegenheit auffordernde Informationen zum Thema Praktikum bei Meta zu geben. Wir waren alle etwas geplättet bei Meta. Das Gebäude, der Innenhof, das Kartenschließsystem, die vielen Menschen, Präsentationen mit Mikrofonen auf dieser riesigen Veranstaltung in diesem riesigen Raum mit riesiger Leinwand – alles war sehr imposant und irgendwie eine andere Nummer, als die Designbüros vom Tag zuvor.


META DESIGN

DIE METADESIGN AG MIT SITZ IN BERLIN IST DIE UMSATZSTÄRKSTE AGENTUR FÜR CORPORATE IDENTITY, CORPORATE DESIGN UND CORPORATE BRANDING DEUTSCHLANDS UND NACH UMSATZ DIE DRITTGRÖSSTE EUROPÄISCHE DESIGNAGENTUR. DIE META DESIGN GMBH WURDE 1979 IN BERLIN VON GERHARD DOERRIÉ, FLORIAN FISCHER, DIETER HEIL UND ERIK SPIEKERMANN GEGRÜNDET. (HTTP://DE.WIKIPEDIA. ORG/WIKI/METADESIGN)


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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» IN EINER GROSSEN AGENTUR ERLEBT MAN EHER WIE EIN UNTERNEHMEN FUNKTIONIERT. « FH MAINZ: Wie setzen sich denn die Teams bei Meta zusammen ? MARION RACHNER:  Es ist folgendermaßen: Wir haben Bestandskun-

den, die haben natürlich feste Teams, die sich auch wieder ändern, je nachdem welche Art von Aufträgen. Es gibt ein Kernteam pro Kunde. Volkswagen, da wird gerade ein Flagshipstore in Paris gemacht. In dem Fall braucht man dann auch Architekten oder auch auch 3D-Designer, die haben dann einen anderen Hintergrund und eine andere Ausbildung und dann wird diese Expertise mit dazugesetzt. Die werden immer da eingesetzt wo auch gerade ein Kundenanuftrag ist. Das Kernteam wird dann einfach erweitert, wenn es einen ganz spezifischen Auftrag gibt, der andere Kompetenzen erfordert. Wir versuchen uns aber immer mit den Kunden zusammenzusetzen, man muss das Branchenwissen und das Kundenwissen und die fachliche Expertise zusammenbringen, damit sich das Gegenseitig befruchtet. Wir versuchen auch, dass alle aus einem Team dann temporär zusammensitzen, an einem Arbeitsplatz. » F Ü R B E S TA N D S K U N D E N H A B E N W I R F E S T E T E A M S. « Wenn wir einen Neukunden haben, versuchen wir die passenden Mitarbeiter für diesen Job zusammenzustellen, wir holen die dann auch aus ihren normalen Teams. Zum Beispiel haben wir im Volkswagenteam einen ganz genialen Schriftentwickler, und jetzt haben wir für das Bundespresseamt gerade eine neue Schrift entwickelt. Dann holen wir den raus, weil wir seine Kompetenzen benötigen. Unsere Teams arbeiten immer zusammen aus einer Kombination aus Gestaltung, Kundenberatung und Consulting. Bei uns heisst das Brandconsulting, bei anderen Agenturen heisst das strategische Planung. Da unterscheidet sich Meta auch von vielen anderen klassischen Agenturen, wo die strategische Planung ein Briefing für die Kreation macht. Bei uns ist es so, dass das von allen gemeinsam im Team erarbeitet wird und von Anfang an alle zusammen überlegen und planen. Wir haben das große Glück, dass wir Bestandskunden haben, wie zum Beispiel Volkswagen, für die wir seit 16 Jahren arbeiten. Das ist ja sehr ungewöhnlich und auch ein großer Unterscheid zu den klassischen Werbeagenturen, die ja eher kampagnengetrieben sind. Wir arbeiten


BERLIN – META DESIGN 

an einer Marke aber langfristig. Wir machen inzwischen auch Kampagnen. Für Volkswagen beispielsweise haben wir die Nachhaltigkeitskampagne gemacht, aber wir würden nie die A1-Einführungskampagne machen und dafür Sorgen, dass das Produkt positioniert ist. FH: Wie ist denn so der allgemeine Wechsel der Mitarbeiter innerhalb

der Agentur? » W E N N D U A N D E R E FA R B E N S E H E N W I L L S T, H A S T D U N AT Ü R L I C H E R S T M A L D I E M Ö G L I C H K E I T I N N E R H A L B V O N M E TA D E S I G N Z U W E C H S E L N. « MR: Unsere Mitarbeiter sind durchschnittlich sechs Jahre bei uns.

Das ist für eine Agentur wahnsinnig viel. Es zeigt aber auch welche Möglichkeiten es innerhalb von Metadesign gibt. Wenn du hier zum Beispiel im Team Audi anfangen würdest, dann arbeitest du wahrscheinlich zweieinhalb Jahre lang konstant in diesem Team. Und dann sagst du irgendwann, du kannst Audi nicht mehr sehen, du willst mal andere Farben. Dann hast du natürlich erstmal die Möglichkeit innerhalb von Metadesign zu wechseln. Vielleicht willst du mehr digital Arbeiten, dann kannst du ins Digitalteam wechseln, oder eher Akquise machen. Mit Menschen die sich hier engagieren, die einfach tolle Talente sind, denen ermöglichen wir so etwas auch! FH: Vor 10 oder 15 Jahren hat man gesehen, dass viele Werbeagentu-

ren versucht haben wieder eher in Richtung Design zu gehen und jetzt beobachtet man immer mehr, dass sich kleine Designbüros mehr in Richtung Werbung orientieren. Ist es denkbar für Meta eher kampagnenorientiert zu arbeiten? MR: Man muss sich als Agentur natürlich schon immer bewegen, aber

wir sind Markenarbeiter, wir wollen nachhaltig arbeiten, wir wollen keine kurzfristigen Kampagnen machen, wenn dann eher im Kontext von einer Markenveränderung. FH: Wie viele Leute stellen Sie denn im Jahr ein? MR:  Wir haben letztes Jahr 60 Leute eingestellt, dieses Jahr um die

20. Das ist natürlich eine riesige Aufgabe für die Organisation. Ich würde sagen, dass etwa ein Drittel der Mannschaft weniger als zwölf Monate hier ist. Plus natürlich die Praktikanten, davon haben wir im-

» Wir haben immer zwischen 30 und 40 Praktikanten. «

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» JEDER, DER ALS PRAKTIKANT HIER WAR, BEKOMMT EINE BEWERTUNG UND LANDET IM BEWERBER-POOL. « mer so zwischen 30 und 40. Wir sind es als Organisation also auch gewöhnt, immer wieder neue Menschen aufzunehmen und anzuleiten. Im Moment haben wir nur sieben offene Stellen, das ist recht wenig, normalerweise sind es so um die 20. Wir haben letztes Jahr sehr viele Junioren eingestellt, die alle hier vorher Praktikum gemacht haben. Es ist dann natürlich schon so, wenn wir Junioren einstellen, dass wir erstmal nachschauen, wen hatten wir denn als Praktikant hier und wer sind denn die gutbewerteten Praktikanten. Das heisst jeder der als Praktikant hier war bekommt eine Bewertung und landet bei uns im Bewerber Pool. Dass wir eine JuniorStelle auf dem Markt ausschreiben passiert fast nie, weil wir einfach einen sehr großen Pool haben an Kollegen, die mal für 6 Monate ihr Praktikum gemacht haben, auf die wir dann zurückgreifen. Wir haben letztes Jahr etwa 25 Prozent der Praktikanten übernommen. FH: Es ist ja eine mit Jugendwahn durchsetzte Branche in der wir uns

hier befinden. Was ist denn mit einem 45 jährigen Gestalter, der sich bei euch bewirbt? MR: Unser Durchschnittsalter hier liegt bei 28,5 Jahren, wir sind also

ganz gut durchmischt. Es gibt sogar zwei Mitarbeiter, die bei Metadesign in Rente gegangen sind, was auch sehr unüblich ist in der Branche. Es kommt darauf an, wir haben dieses Jahr drei Managementstellen neu besetzt und das sind alles Menschen über 40. Da braucht es ja auch Unternehmer, Leute mit Führungserfahrung. Wir versuchen, die Stellen auch mit eigenen Leuten zu besetzen. Es gibt Leute die haben hier als Praktikant angefangen, sind seit 15 Jahren hier und arbeiten jetzt als Creative Director. Es geht auch um eine gute Mischung von Leuten von draußen vom Markt und den eigenen Leuten. » E S G I B T S O G A R Z W E I M I TA R B E I T E R , D I E B E I M E TA D E S I G N I N R E N T E G E G A N G E N S I N D. « In einer großen Agentur erlebt man eher wie ein Unternehmen funktioniert. Hier ist klar wie Serverablage funktioniert, man muss einen Urlaubsantrag schreiben, man kann sich nicht über Facebook krank-


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melden, man muss nach zwei Tagen einen Krankenschein vorlegen. Und das sind natürlich Spielregeln. Wenn man als Gestalter irgendwann mal eine Kreativabteilung leiten möchte, wie sie zum Beispiel auch die Telekom hat, dann sollte man wissen wie ein Unternehmen funktioniert. Wenn man das dann mit 40 das erste Mal erlebt ist man ziemlich lost. Es ist klar, dass man in einer großen Agentur andere Dinge lernt, als wenn man in einer zehn-Mann-Agentur ist. Was nicht heißt, dass das eine besser oder schlechter ist. Ich glaube es ist gut den Unterschied zu wissen und für sich selbst zu wissen, was gut ist. »MAN LERNT IN EINER GRO S SEN AGENTUR ANDERE D I N G E , A L S I N E I N E R Z E H N - M A N N -A G E N T U R . WA S N I C H T H E I S S T, D A S S D A S E I N E B E S S E R O D E R S C H L E C H T E R I S T. E S I S T G U T, D E N UNTERSCHIED ZU WISSEN UND FÜR SICH SELBST Z U W I S S E N, WA S G U T I S T. « Ein ganz wichtiger Punkt ist sich in soziale Strukturen einzufinden. Teamfähigkeit und das Zurücknehmen der eigenen Eitelkeit zugunsten einer Sache, auf dem Entwurf eines Anderen arbeiten zu müssen. Ich hab hier schon Auseinandersetzungen erlebt von Jungdesignern, die sich angebrüllt haben, weil sie einfach in ihrer tiefsten Kreation und Leidenschaft gekränkt sind das auf ihrem Entwurf nicht weitergearbeitet wird. Aber so ist das Leben. Vielleicht hat es auch der Kunde entschieden, oder der böse Creative Director, den ihr sowieso nicht so gut findet. Aber das entwickelt einen sozial ungemein weiter, das macht einen konfliktfähig und das sollte man gelernt haben, sonst schafft man das irgendwann später nicht mehr. Sonst hat man, wenn man irgendwie zehn Jahre selbstständig war, kaum mehr Chancen in eine Organisation reinzukommen, wo man mit einem Team arbeiten können muss.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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PROF. PAULMANN HAT SICH WAHRSCHEINLICH GANZ WIE ZUHAUSE GEFÜHLT, SCHLIESSLICH WAR ER FÜNF JAHRE BEI META IN BERLIN UND SAN FRANCISCO. DORT WAR ER UNIT-LEITER, CREATIVE DIRECTOR SOWIE MITGLIED DER GESCHÄFTSLEITUNG. WÄHREND DIESER ZEIT ARBEITET ER MIT MARION RACHNER UNTER ANDEREM IM AUDI TEAM.


BERLIN – META DESIGN 

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» Arbeite bei einem. Oder für sie alle.«

» METADESIGN CAMPUS: EINEN TAG LANG WERDEN RUND 150 DESIGNSTUDENTEN VON HOCHSCHULEN AUS GANZ DEUTSCHLAND IM METAHAUS IN BERLIN-CHARLOTTENBURG IN DIE AGENTURWELT EINTAUCHEN UND MEHR ÜBER DIE FACETTENREICHE ARBEIT METADESIGNS ERFAHREN. «


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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BERLIN – DOUBLE STANDARDS 

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DOUBLE STANDARDS Unser letzter Besuch war bei Chris Rehberger, dem Kopf des Designteams Double Standards. Rehberger hat einen starken Bezug zur Kunstszene und da kommen auch seine Auftraggeber her. Spätestens jetzt, nach dem Besuch bei diesem Designbüro mit Schwerpunkt im Bereich Kunst und Kultur, ist uns die Vielfalt unserer Möglichkeiten bewusst geworden.

» Ich glaube daran, dass Design sehr viel verändern kann. Wir sollten uns immer der Verantwortung bewusst sein, dass wir im publizierenden Gewerbe tätig sind und so wenig Scheiße wie möglich an das Publikum draußen liefern. Da ist mein sozialer Anspruch, vielleicht ist er ein bisschen einfach, aber ich denke, damit hat man es schon schwer genug.«


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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» ›Könnten wir das auch in der Farbe machen?‹ Sagte er und legte eine Clinique-grüne Farbe hin. Und zwar die Visitenkarte seiner Frau.

FH MAINZ: Was ist, wenn ein Auftrag nicht zu euch oder der Philo­

Sponsoren bei der Berlinale gebraucht haben, dann hat es allein eine

sophie eurer Agentur passt, nehmt ihr ihn trotzdem an, weil er Geld

halbe Stunde gedauert, bis überhaupt das Dokument offen war, und

bringt oder den Namen pusht? Also nach welchen Kriterien wählt Ihr

wir haben echt keine langsamen Rechner hier. Das war grauenhaft!

Aufträge aus?

Meta eben. (lacht) Also so Sachen passieren dir immer wieder und dann musst du da natürlich in den sauren Apfel beißen. Aber Meta mit

CHRIS REHBERGER: Das ist eigentlich noch nie vorgekommen, des-

300 Leuten haben natürlich Druck.

halb kann ich da gar nicht von der Praxis sprechen. Aber ich habe schon festgestellt, das hört sich vielleicht komisch an, aber dadurch,

FH: Was ich eigentlich meinte ist, ob man sich nicht ein bisschen ins

dass ich diese Weltweit-Kampagnen schon gemacht hab, irgendwann

Abseits stellt, wenn man einige größere Kunden annimmt, weil dann

kommst du dir auch ein bisschen komisch vor und denkst dir: Jetzt

vielleicht die Kleineren aus dem kukturellen Bereich, ausbleiben.

verkauf ich einem 18 Jährigen Turnschuhe für 300 Euro. Das ist eben

Welche ja gerade zu euch kommen, da ihr ein kleines freies Büro seid,

irgendwann eine Gewissensfrage gewesen und wenn ein Kunde nicht

das leidenschaftlich arbeitet?

zu uns passt, dann wird’s auch ne Quälerei – für den genauso wie für uns. Man muss da schon auch ehrlich zu sich selber sein. Du musst echt leidensfähig sein, wenn du viel Geld haben willst für deine Arbeit

» D I E T Ü R M U S S AU C H O F F E N S E I N F Ü R U N S I C H E R H E I T. F Ü R J E M A N D E N, D E R S A G T :

und mit so einem großen Konzern arbeitest. Das ist eigentlich ein

› I C H W E I S S N I C H T, O B D A S F U N K T I O N I E R T.

ganz gutes Beispiel: Ich hab mal eine Europakampagne für Reebok

A B E R D A S M U S S M A N H A LT M A L AU S P R O B I E R E N ‹ . «

gemacht, Mitte der 1990er. Die hat richtig so nach Schweiß und Umkleidekabine gerochen, also von der FotoästhEthik her. Und dann kam

CR: Das hat aber, glaube ich, eher mit einem kulturellen Kontext zu

dieser Europatyp, der fand das so ganz gut. Am nächsten Tag hat man

tun. Wenn ich mit jemandem über Kunst oder über Theater rede, wo

sich dann nochmal getroffen und wollte eigentlich die Konditionen

man merkt, die Welle ist gleich, dann ist das was anderes, als wenn ich

besprechen, und dann meinte er: »Könnten wir das auch in der Farbe

mit jemandem rede, der eher auf Charts und Verkaufsabsatzzahlen

machen?« Und dann legte er uns so ne Clinique-grüne Farbe hin. Und

reagiert. Natürlich will das Theater auch, dass seine Säle mit mindes-

zwar die Visitenkarte seiner Frau. Das widerspricht sich natürlich,

tens 85 Prozent ausgebucht sind. Das haben wir auch bisher immer

dieses Op-Kittel-Grün und diese braun-schwitzige Kampagne! Das hat

hingekriegt, mit den Sachen, die wir machen. Nur, der Transfer der

überhaupt nicht zusammen gepasst und das war auch ein Momet, wo

Industrie funktioniert noch nicht, also die Industrie kann sich noch

ich gesagt habe: »Nein, das geht einfach nicht.«

nicht vorstellen, dass wir für sie für eine bestimmte Klientel auch das

» Meta eben.« FH: Also, um den Kunden somit auch zu beraten?

Richtige machen können. Vielleicht ist das auch ein Kommunikationsproblem von uns. Vielleicht kommunizieren wir nicht, dass wir eigentlich gewillt sind für die Industrie zu arbeiten. Nur muss die Industrie ein Stück weit auch offen sein für Unsicherheit und das sind die eben nicht. Die sind nicht offen für jemanden, der sagt: »Ich weiß nicht, ob

CR: Ja, klar. Es gibt aber natürlich auch beratungsresistente Kunden.

das funktioniert. Aber das muss man halt mal ausprobieren«. Unsere

Die wollen halt 3D und dann sag ich: »Hm 3D, warum mach jetzt VW

Meinung zählt auch was und das sehen die noch nicht. Die reagieren

ein 3D-Logo?« Totaler Schwachsinn! Die hätten lieber an dem alten

im Prinzip nur darauf, wie der Markt auf sie reagiert. Ein Beispiel ist

flachen Logo weiterarbeiten sollen, aber nein, da wird ein 3D-Ding

da vielleicht das »Apple-Syndrom«, wie Jobs mal gesagt hat, er macht

draus gemacht. Wenn du diese EPS bekommst, die wir wegen der

nicht das, was die Leute verlangen, sondern er macht quasi »eins drü-


BERLIN – DOUBLE STANDARDS 

ber«. Sachen, von denen sie sich noch nicht mal vorstellen können, dass sie sie haben wollen. PROF. PAULMANN: Die machen ja überhaupt keine Marktforschung. CR:  Nein, du musst dich halt auf dein eigenes Gefühl verlassen. Also

die erfolgreichste Kampagne, die wir gemacht haben, die hab ich für

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» Wenn’s geklappt hat sind sie die Stars, wenn’s nicht geklappt hat gibt’s halt eine Abfindung und man fliegt raus.« PP: Und dann wechselt der eh das Unternehmen.

Start Advertising Anfang der 90er gemacht. Diese MTV-Kampagne, ich weiß nicht, ob ihr die kennt, ihr seid wahrscheinlich zu jung

CR: Genau. Wenn’s geklappt hat sind sie die Stars, wenn’s nicht ge-

(lacht). Das war so eine, wo wir Marktforschung gemacht haben und

klappt hat gibt’s halt eine Abfindung und man fliegt raus. Das ist halt

die Kampagne hat ganz schlecht abgeschnitten. Wir haben sie aber

schon echt ein hartes Thema.

trotzdem vorgeschlagen. Da waren drei Konzepte und die sind voll auf dieses Konzept gegangen. Die Ergebnisse der Marktforschung haben

PROF. VOELKER: Wir haben in den letzten Tagen sehr oft gehört,

wir auch mit präsentiert, trotzdem haben die gesagt: »Marktforschung

dass man sich sehr stark in eine Thematik reinfinden muss, dass man

egal, ich glaub wir gehen mit der«. Also du brauchst auch einen Auf-

sich sozusagen mit Thematiken, von denen man vorher gar nichts ge-

traggeber, der die Füße in den Schuhen hat und sagt: »Marktfor-

hört hat, auseinandersetzen und einlesen muss. Jetzt auf dich bezo-

schung hin oder her, das machen wir jetzt trotzdem. Wir glauben

gen: Dann müsstest du ja dementsprechend auch ganz viel Wissen aus

dran.« Du brauchst also auch jemanden, der das Gespür für dich hat.

dem kulturellen Sektor, von Malerei bespielsweise, haben. Du musst ja die Künstler, mit denen du zu tun hast auch kennen?

FH: Auch als Vorreiter? CR:  Ja, sicher. Also im Kunst- und Theatersektor, Theater weniger, da CR:  Nicht Vorreiter, sondern Dinge, an die du glaubst. Was ich Sachen

bin ich gar nicht so bewandert, da geht’s eher darum große Gefühle zu

erlebt habe! Ein Produktmanager aus dem Sportartikelbereich siehst

produzieren, aber das tut das Theater auch. Du musst ja nicht ins Pro-

du acht Wochen später bei Suchard, wo er dann Milka-Schokolade

grammtheater oder Dokumentationstheater, wie »Rimini Protokoll«

verkauft. Die Leute haben dann überhaupt kein Gespür mehr für das

oder so, gehen, das hat ja eine andere Bewandtnis, das ist ja fast kip-

Produkt, sondern wickeln ab. Es gibt mehr Geld, dann geh ich da hin.

penbergeresk. Also man muss sich generell mit Kultur als Gesamtwerk

Das ist natürlich ein Problem, in der oberen Managementetage gibt’s

beschäftigen. Gar nicht so sehr speziell mit Literatur oder so. Natür-

nur noch ganz wenig Bezug zu dem Unternehmen, zu dem Produkt,

lich hilft das, wenn man die Werke von den Leuten kennt, aber begrei-

das ich eigentlich verkaufe. Die schauen dann, was der heißeste

fen muss man’s ja trotzdem.

Scheiß in der Grafik ist, was kann man da benutzen, und das wird dann halt benutzt. Das wird aber nur abgenutzt in dem Moment. Dann

PV: Das ist dann die Vorraussetzung, wenn man sich im kulturellen

ist es raus, dann ist es einmal gemacht und dann war’s das.

Sektor aufhält. Viele Studenten haben ja das Gefühl: »Ich möchte gerne für Kunst und Kultur arbeiten«, natürlich mit dem Hintergedanken,

» WA S I S T D E R H E I S S E S T E S C H E I S S I N D E R G RA F I K

dass man sich da mehr ausleben kann, als wenn man für die Abwasser-

U N D DA S W I R D B E N U T Z T. DAS W I R D A B E R N U R A B -

wirtschaft ein Kommunikationskonzept entwickelt. Aber man muss

G E N U T Z T I N D E M M O M E N T. DA N N I S T E S RAU S, DA N N

natürlich in dem Kultursektor auch sehr bewandert sein und ein um-

I S T E S E I N M A L G E M AC H T U N D DA N N WA R’S DAS. «

fängliches Wissen haben. Wenn so ein Name wie Kippenberger fällt,


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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dann muss man den natürlich einordnen können. Also wenn man das

PP: Und dann auch noch HAU!

Segment vor Augen hat, dann muss man sich mit dem Segment auch beschäftigen.

CR: Ja ganu, und dann auch noch HAU!

CR: Kunst und Kultur macht nur Spaß, wenn man da drin ist. Sonst

PP: Achso, da sollte man auch noch sagen, wie das Theater eigentlich

wäre es wie jemand, der zum Fußballspiel geht und keine Ahnung hat,

ausgeschrieben heißt.

was Fußball ist. Natürlich, der Rasen ist schön grün, aber ansonsten rennen 22 Leute einem Ball hinterher. Genau so ist das natürlich auch

CR: Ja, Hebbel am Ufer. Das war so, dass dieses Theater zusammenge-

zu verstehen. Man muss sich damit beschäftigen und Spaß daran ha-

legt wurde. Das war eigentlich nur das Hebbel-Theater und das Theater

ben. Man muss was fühlen.

am schlesischen Ufer. Das waren die beiden Theater und dann gab’s da noch eine Probebühne, die war in der Straße gegenüber. Und Mat-

PP: Alleine schon wenn du mit einem Intendanten oder so redest, und

thias hatte eben die Aufgabe, diese drei Theater als ein Intendant zu

der merkt so: »Oh, der Typ hat ja null Ahnung«.

führen und daraus wurde dann HAUeins, -zwei und -drei. Es wurden praktisch das Hebbel und das schlesische Ufer zu einem Begriff ge-

CR: Klar, dann geht natürlich gar nichts mehr. Auf der anderen Seite

macht und diese Probebühne hatte noch nichtmal einen richtigen Na-

finden dies auch ganz gut, wenn man quasi unbefleckt ist und das

men, von daher war das dann ganz schnell HAUeins, -zwei und -drei.

auch von einem anderen Standpunkt aus sieht und somit nicht in einem Theaterkontext beurteilt sondern eben aus einem ganz anderen

FH: Die anderen Agenturen sagten uns, sie nutzen keine Designblogs

Blickwinkel auf das Theater schaut.

als Inspirationsquelle. Ist das bei Ihnen genau so?

» Kunst und Kultur macht nur Spaß, wenn man da drin ist. Sonst wäre es wie jemand, der zum Fußballspiel geht und keine Ahnung hat, was Fußball ist.« PV: Aber intellektuell auf Augenhöhe.

CR: Ihr werdet lachen, aber ich schaue weder auf Designblogs noch

lese ich Designbücher oder so. Ich verweigere das sogar richtiggeCR: Ja klar. Das ist wiederum der popkulturelle Kontext, den man

hend, aus dem einfachen Grund, dass man sich sehr viele Dinge da-

natürlich irgendwie finden muss. Man muss die gleichen Filme gut fin-

durch selbst verbietet. Wenn ich ein umfassendes Wissen über aktu-

den und man muss Filme geschaut haben. Das ist natürlich schon ext-

elles Design habe, verbiete ich mir ziemlich viele Dinge zu tun, weil

rem wichtig, dass man sich da gut miteinander die Bälle zuspielt. Also

ich einfach denke: »Oh, das ist so ähnlich wie das, was jemand an-

gerade das Hau ist aus dieser Kippenberger Idee entstanden. Diese

deres schon vor ein paar Wochen auf FFFFound gezeigt hat«. Und

Punk-Attitüde aus den Mitt-80ern als der im SO36 da obendrüber sein

auf FFFFound findest du alles! Dann musst du eigentlich den Stift

Büro hatte. Und Matthias ist ein alter Kreuzberger Berliner Jung, der

hinlegen und sagen: »Ich schreibe jetzt.« Oder so. Es ist extrem

natürlich da ganz heiß drauf war, so eine Referenz zu finden.

schwierig, sich als Designer mit Design zu beschäftigen. Das ist wirklich so ein Selbst-Fuck. Ich finde es extrem wichtig, dass man

» GESTALTUNG IST EINE LOGISCHE KONSEQUENZ AUS DER IDEE, DIE WIR HABEN.«

sich nicht mit dem aktuellen Stand von Design beschäftigt, sondern viel eher mit anderen Betätigungsfeldern. Lieber öfter Zeitung lesen oder so. FH: Ich sehe hier eine Siebdruck- und eine Schreibmaschine und bei

euren Arbeiten scheint es auch sehr oft, als sei der Ursprung manuell oder handgemacht. Ist das so oder wie beginnt ihr zu arbeiten? Manuell oder am Computer?


BERLIN – DOUBLE STANDARDS 

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CR: Hm ... wie fangen wir denn an? (lacht)

CR: Ja klar, wenn du eine Nische findest. Christoph Niemann ist z. B.

ein Gestalter, der sehr gut ist, und gar nichts mit dem Computer FH: Es gibt z. B. eine Arbeit die sieht aus, als habe man mit einem

macht. Klar, der scannt danach seine Sachen ein, bringt sie auf die

Locher ein E ausgestanzt …

richtige Größe und komponiert sie dann. Der war übrigens mein allererster Praktikant.

CR: Ah ja, Bullet war das. PP:  Echt? Der hat mal bei uns in Mainz einen Vortrag gehalten. FH:  Habt ihr da auch so angefangen? CR:  Ja, der ist sehr lustig. Der war auch schon als 18-Jähriger so. Also CR:  Eigentlich ist erstmal die Idee wichtig. Wir beginnen zuerst mit

natürlich kann man ohne Computer gestalten, man muss eben nur

einer sprachlichen Ebene. Wir versuchen zu ergreifen, was eigentlich

eine Nische finden und muss steif genug in seiner Haltung sein um das

unsere Aufgabe ist. Am Anfang steht nicht die Gestaltung, sondern

durchzuziehen. Wenn das eine bestimmte Qualität hat, und wir reden

die entwickelt sich ganz automatisch. Unser Gesamtverständnis für

ja immer von einer bestimmten Qualität, setzt sich das auch irgend-

Gestaltung ist so, dass wir sagen, Gestaltung ist eine logische Konse-

wann durch. Dann entdeckt einen irgendwann jemand oder man findet

quenz aus der Idee, die wir haben. Und dann gibt es natürlich privat-

einen Kunden, für den man das genau so machen kann, wie man das

geschmäcklerische Sachen, welche Schrift man verwendet etc. Aber

vor hat. Also wenn man sagt: »Ich häkele jetzt mein komplettes De-

erstmal geht es nicht um handgemacht, am Computer gemacht, ge-

sign«, dann geht das auch. Wenn ich das 20 Jahre mache, dann habe

malt, gelasert, oder wie auch immer, sondern erstmal geht es um die

ich irgendwann so einen riesigen Font.

» Es ist extrem schwierig, sich als Designer mit Design zu beschäftigen. Das ist wirklich so ein Selbst-Fuck. Ich finde es extrem wichtig, dass man sich nicht mit dem aktuellen Stand von Design beschäftigt.« Idee. Dann finden wir heraus, die beste Möglichkeit das zu machen

Gerade Michael Riedel ist über zwölf Jahre hinweg ein extrem erfolg-

wäre mit dem Presslufthammer, oder so. Und dann wird’s natürlich

loser Künstler gewesen. Aber er hat immer weiter gemacht, und immer

digitalisiert, weil das natürlich so eine Palette ist. Das Digitale ist gut

sehr selbstreferentiell. Er hatte praktisch immer nur Tapeaufnahmen,

dafür, dass man etwas schnell in verschiedenen Formaten adaptieren

die dann über ein Textübersetzungsprogramm übersetzt wurden. Mit

kann. So sehe ich eigentlich einen Computer, das ist im Prinzip nur

den Texten hat er dann gearbeitet, die haben wieder etwas Neues er-

eine Vervielfältigungsmaschine.

geben und so weiter. Er hat immer publiziert und jetzt hat der so einen »Body of work«, dass du an diesem Typen nicht mehr vorbei

FH: Glaubst du, dass man als Gestalter überleben kann, wenn man

kommst. Er hat auf der Armory Show in New York innerhalb einer hal-

was gegen Computer hat?

ben Stunde den Stand leer verkauft – ein Bild für 50.000 Dollar! Der ist einfach in seiner Haltung so strikt geblieben, dass er dachte, ir-

» 90 PROZENT UNSERER ARBEITEN KOMMEN VON MIR.«

gendwann klappt’s und wenn es nichts wird, ist das auch scheiß egal. Aber er hat immer weiter gemacht und immer wieder jemanden gefunden, der die Bücher finanziert. Ja, einfach immer steif bleiben und weiter machen. Denn irgendwann entwickelt man ja auch eine Qualität. Vielleicht hat es anfangs keine Qualität, die sichtbar ist, aber man bekommt natürlich Übung über die Zeit. Also, wenn du 5 Jahre lang häkelst, bist du irgendwann ganz gut darin, glaube ich. Handgemachtes Design ist sicher kein Grund nicht überleben zu können.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

PV: Von den Personen, die bei dir arbeiten, kommen da welche aus

dem kommerziellen Sektor, die jetzt sozusagen erleichtert bei dir Platz nehmen, oder woher kommen deine Mitarbeiter? CR: Nein, wir haben eine andere Recruiting-Policy, das sind alles Ex-

Praktikanten. PV: Ah, alles klar, das heißt die fangen hier an ... CR:  Nach einem halben Jahr sind die alle wieder gegangen um ihren

Abschluss zu machen, und kamen später zurück. Das Büro ist einfach gewachsen, einmal im Jahr kam jemand dazu. Das lief dann so, dass wir dachten: »Wir brauchen jemanden« und dann »Ach, der oder die war doch super.«. Und schon vorher hat man ja gewusst, ob es passt und ob man zusammen arbeiten kann. So hat sich das dann immer bewahrheitet, bisher gab’s noch keine Fehlschüsse. PP: Was hatten die Praktikanten denn für Hintergründe? Gab es z. B.

Quereinsteiger? CR: Einer war ein Quereinsteiger, ein ganz langjähriger Mitarbeiter,

der hat eigentlich Philosophie und Pädagogik studiert. Ich hab den im Klamottenladen, wo er gearbeitet hat, kennengelernt. Er kam dann irgendwann und hat gesagt, dass er sich für Design interessiert und er wüsste ja, dass ich ein kleines Büro hätte. Dann habe ich gesagt: »Ja, klar. Du kannst gerne mal ein Praktikum bei mir machen!« Er sagte dann, dass es noch nicht mal wisse, wie ein Computer an geht. Dann habe ich gesagt, dass wir ihm das dann eben zeigen. Dann hab ich mit dem eine Grundausbildung gemacht, Kompositionslehre und so. Damals hatte ich noch Zeit für sowas. (lacht) Der war dann acht Jahre bei mir und mittlerweile hat er sich selbstständig gemacht. Er hat sich verabschiedet und macht einen guten Job. PV: Ihre Mitarbeiter sind ja alle sehr jung, während du einen Ticken

älter bist. So gibt es doch schon eine Art Chef-Crew-Situation, oder? CR: Ja, das war aber schon immer so, selbst wenn Mitarbeiter hier

waren, die älter waren als ich. Das Alter hat nichts damit zu tun, ob du der Chefdenker bist. Ich sage mal 90 Prozent von den Arbeiten, jetzt als Grundidee, kommen von mir. Also ich habe die Beziehungen, ich kenne die Arbeiten, z. B. von den Künstlern, schon sehr, sehr lange. Ich hab den Werdegang der Künstler mitbekommen, ich kenne die Museumsdirektoren, mit denen wir arbeiten, schon lange. Das sind so Dinge, die sich einfach über die Jahre entwickelt haben und da kommt keiner dazwischen.

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BERLIN – DOUBLE STANDARDS 

» WENN ES ZWISCHEN­ MENSCHLICH FUNKTIONIERT, ZWISCHEN DEM KÜNSTLER UND DEM GESTALTER, DANN VERSTEHT MAN AUCH DIE ARBEITEN VIEL BESSER.«

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CR: Arbeit macht halt Arbeit und da standen wir hier dann ein paar

Nächte. Wir komponieren das auch direkt unterm Sieb. Das wird dann weiß vorgedruckt und um dieses Weiß rum bewegt sich dann alles. Letztens hatten wir eine Veranstaltung mit meinen Studenten, die haben hier ihre Editorial-Designs präsentiert und da dachte ich, es sei lustig auf Rolle Poster zu drucken. Dazu habe wir bei Ikea diese Kindermalrolle gekauft und haben dann 200 Meter wie eine Tapete bedruckt. Sieb runter, durchgezogen, wieder bedruckt. Vier Druckgänge waren das. Und die haben wir dann hier in Berlin verklebt, immer nur oben angeklebt, runter gezogen und mit dem Cutter abgeschnitten.

PV: Du erwartest aber schon von deinen Mitarbeitern, dass sie sich

Das war wie ein ewiger Rapport.

auch mit den Künstlern auseinandersetzen, mit dem sie zu tun haben? PP: Du bist ja auch Lehrer in Karlsruhe. Was ist dein Ziel und was CR:  Ja, klar. Ich versuche natürlich auch jeden dafür zu begeistern,

möchtest du deinen Studenten beibringen?

was die Leute machen. Mit Nathalie waren wir zum Beispiel mal einen Abend trinken, sie ist Schwedin, da muss man trinken. Mit Michael

CR: Am liebsten wäre es mir, wenn jeder, in der Zeit in der ich da bin,

besucht man seine Freitagsküche, der hat einen Laden in Frankfurt,

eine ganz eigene Art entwickeln würde zu gestalten. Das ist mein Ziel.

wo in der Freitagsküche immer wieder andere Prominente aus Frank-

Ich möchte keine Jünger produzieren, das finde ich ganz schlimm. Ich

furt kochen. Oder wir machen Atelierbesuche bei den Leuten.Mir

kenne ein paar Professoren die meinen, nur ihre Meinung sei die rich-

geht’s auch immer mehr darum, ob es zwischenmenschlich funktio-

tige, das halte ich für nicht richtig. In die Gestaltung selbst greife ich

niert, zwischen dem Künstler und dem Gestalter, dann versteht man

gar nicht stark ein, also wenn ich ganz gravierende Fehler sehe schon,

auch die Arbeiten viel besser. Wenn man mit Modkultur nichts zu tun

wenn z. B. die Schrift scheiße gesetzt ist sage ich schon was, aber wel-

hat, könnte man mit Michaels Arbeit wiederum nichts anfangen, weil

che Schriften oder Farben verwendet werden, da nehme ich keinen

er als Person eben aus so einer Modkultur heraus entstanden ist. Oder

Einfluss drauf.

Olafur, wenn man mit dem Typen nichts anfangen kann, mit seinen kristallinen Gebilden, und das für dich alles scheiße ist, dann brauchst

PP: Eher im Vorfeld?

du damit auch nicht zu arbeiten. Für ihn machten wir mehrere Dinge. Dokumentationen in seinem Atelier und dieses Weather-project-Buch,

CR: Ja, also z. B. bei der Ideen-Entwicklung, da schicke ich die schon

in London in der Tate Modern. Außerdem seine Website, die eigent-

ganz gerne mal wieder raus und sage: »Denk darüber nochmal nach,

lich zu den Wasserfällen in New York hätte fertig sein sollen. Das hat

ich weiß nicht, ob das hieb und stichfest ist oder ob du da nicht das

auf Grund von Fehlern bei unserem Projektmanagement leider nicht

Falsche glaubst.« Aber mir geht es vielmehr darum, dass die in der

geklappt. Da gab es etwas Streit mit Olafur.

Ideenfindung den richtigen Weg finden. Da gibt es ja auch gewisse Tricks, wie man Ideen findet, die muss aber jeder für sich selbst her-

FH: Wie hoch ist eine Siebdruck-Poster-Auflage, die ihr druckt?

ausfinden. Aber in die Gestaltung selbst greife ich nicht ein. Vielleicht komme ich da auch manchmal nicht mehr mit, ich komme eben aus

CR: Wir haben gerade ein Projekt gemacht für ein Café-Club-Restau-

einer anderen Zeit und mache andere Gestaltung.

rant in Barcelona. Da haben wir ein Prinzip und die dazugehörigen Artworks für die entwickelt, sodass es jedes Produkt nur einmal gibt. Da haben wir 500 Poster gedruckt, mit bis zu acht Druckgängen. Von denen ist keines wie das andere. Es geht darum, auf Material zu drucken, das schonmal verwandt wurde. Für das Café haben wir Zeitungen ausgesucht, für das Restaurant werden es Bücher, für die Bar dann Magazine. Da ist dann wirklich keines wie das andere. PV: Sehr schön.

» Am liebsten wäre es mir, wenn jeder Student, in der Zeit in der ich da bin, eine ganz eigene Art entwickeln würde zu gestalten. Das ist mein Ziel.«


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

» Weil wir so viel arbeiten, sieht das bei uns manchmal auch nicht nach Spaß aus.«

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PP: Vielleicht führen mehrere Wege nach Berlin? CR:  Genau, der eine findet das richtig und der andere das. Ich finde

das ist auch zu viel Privatgeschmack, was Gestaltung angeht. Das kann, oder will ich nicht beeinflussen. FH: Was muss man haben, wenn man hier anfangen möchte zu arbei-

ten? Soll man sich in einem Feld richtig gut auskennen, oder eher was

» Nicht spezialisieren, sondern sich eher so breit wie möglich aufstellen.«

hier- und was davon wissen? CR: Das ist ganz schwer. Also, wenn man bei uns anfängt, ist es ei-

gentlich eher ausschlaggebend, dass man sich sympathisch ist. Ich schaue mir die Mappen durch, wähle welche aus und geb die dann an meine Mitarbeiter weiter, so funktioniert der Filter, aber am Ende ist es wichtig, dass man sich sympathisch ist. Ich glaube man kann jeden auf eine Spur bringen. Hier funktioniert das natürlich auch, da es einfach recht hierarchisch ist. Und weil wir so viel arbeiten müssen, sieht das bei uns manchmal auch nicht nach Spaß aus. Aber es gibt jetzt keine Regel, was man können muss. Ich denke eher: Nicht spezialisiert, sonder eher Leute, die sich so breit wie möglich aufstellen. FH: Ist es also besser was persönlich abzugeben, damit man sich

gleich kennen lernt, denn wie soll man sonst den Charakter nur an einer Mappe ablesen? CR: Also an der Mappe sieht man schon, wie jemand experimentiert.

Wenn sich jemand breit aufstellt, dann weiß ich schon, der hat Lust, mal einen Rock aus Post-Its zu machen oder eine Lampe, die kein Licht gibt. Da sehe ich dann schon, wie jemand tickt. Und das ist dann der erste Eindruck. Und wenn man sich dann auch noch sympathisch ist, dann stimmt alles – vielleicht muss man es auch so herum sagen.

» Der erste Bewerter ist nicht mein Prof, sondern das bin ich.«

PV: Das ist interessant, dass du das Wort Experiment benutzt, denn

das sagen auch Vertreter von Edenspiekermann. Also will man die normalen Sachen in Mappen, wie ein Corporate Design für irgendwen, gar nicht sehen, sondern was für ein Potential in einem steckt.

» An der Mappe sieht man schon, wie jemand experimentiert. Wenn sich jemand breit aufstellt, dann weiß ich schon, der hat Lust. Das ist dann der erste Eindruck.«

CR: Ja, ich glaube die professionelle Arbeit muss sich später einstel-

len. Ich sehe auch das Studium persé eher wie ein Ingenieur. Für Ingenieure ist es genauso wichtig heraus zu finden ob eine Sache funktioniert oder nicht und genauso sehe ich es auch in der Gestaltung. Was funktioniert für mich selbst und was nicht, denn am Ende muss ich es ja auch bewerten. Der erste Bewerter ist nämlich nicht mein Prof, sondern das bin ich. Deshalb gilt: Umso mehr Experimente gemacht werden und umso breiter man sich aufstellt, desto besser wird man auch.


BERLIN – DOUBLE STANDARDS 

FH: Macht ihr auch freie Arbeiten? Oder soziale Projekte, die viel-

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CR: Das muss man ja nicht. (lacht)

leicht nichts mit Design zu tun haben. Ist es wichtig für euch auch in anderen Bereichen mitzuwirken?

PV: Aber man könnte.

CR: Komplizierte Frage.

CR: Ja, man könnte. Ich finde aber, dass Inspiration ein ganz schwie-

riger Moment ist. Zu behaupten, dass Berlin mich wahnsinnig inspiFH: Design ist ja schon sehr oberflächlich und wenn man das über

riert, das könnte ich nicht. Klar ist es toll, wenn man das alles um sich

20 Jahre gemacht hat, dann frage ich mich, ob man nicht an den Punkt

herum hat, aber Otl Aicher war auch auf der Schwäbisschen Alb.

kommt, wo man auch was anderes machen möchte? PV: Außerdem kann man ja auch wo hin fahren. CR:  Nein, ich finde eben nicht, dass Design oberflächlich ist. Man

kann es natürlich oberflächlich betrachten, aber ich glaube eigentlich

CR: Ja, genau. Natürlich ist die Infrastruktur besser in einer Stadt.

das Gegenteil, nämlich, dass Design sehr viel verändern kann. Du bist

Ich wäre nicht aufs Dorf gezogen. Wenn ich so alt bin wie der Otl

ja in dem Moment Teil des Stadtbildes, in dem du ein Poster auf-

Aicher, dann kann ich vielleicht aufs Dorf ziehen. Das ist ja nicht mehr

hängst, und in dem Moment bist du auch sozial engagiert. Wir sollten

weit weg.

uns auch schon immer der Verantwortung bewusst sein, dass wir im publizierenden Gewerbe tätig sind, und so wenig Scheiße wie möglich an das Publikum draußen liefern. Das ist mein sozialer Anspruch. Vielleicht ist das ein bisschen einfach, aber ich denke, damit hat man es schon schwer genug. Ich denke schon, dass man die Leute natürlich grafisch verarschen kann, oder dass man es eben ernst meinen kann. Das ist wie Musik zu machen: Man kann Musik machen, einfach nur damit sie sich verkauft, oder man kann die Musik machen, die man machen will und dann verkauft sie sich oder nicht. Das ist dann auch ein soziales Engagement. FH: Man bekommt mit, dass alle nach Berlin pilgern. Spielt die

Stadt für dich in deiner Arbeit eine große Rolle oder kannst du dir vorstellen, dass dein Büro woanders ist, z. B. in Magdeburg? CR: Oder in Mainz (lacht) Nein, das macht für mich gar keinen Unter-

schied. Also wir sind damals nur aus London weg nach Berlin, weil du aus London eben nicht nach Stuttgart ziehst. Das war 2000, das war so die zweite Welle, die nach Berlin schwappte. Und viele Freunde von uns aus Frankfurt sind dann in der Zeit eben auch gerade nach Berlin, das war dann das Ausschlaggebende. Wenn die alle nach Kassel gezogen wären, dann wären wir wahrscheinlich auch nach Kassel gezogen. Also, ich glaube auch generell, dass diese äußeren Bedingungen nicht ausschlaggebend sind, wie man gestaltet, das muss eher ein eigener Drang von innen sein, wie man denkt, dass die Dinge richtig sind. PV: Aber spielt die Größe der Stadt vielleicht eine Rolle. Könnte man

in einem Dorf vielleicht weniger Inspiration erlangen? Wie wichtig ist der Kulturbetrieb der Stadt, dass man rausgeht und hat diverse Gelegenheiten?

» ZU BEHAUPTEN, DASS BERLIN MICH WAHNSINNIG INSPIRIERT, DAS KÖNNTE ICH NICHT. KLAR IST ES TOLL, WENN MAN DAS ALLES UM SICH HERUM HAT, ABER OTL AICHER WAR AUCH AUF DER SCHWÄBISCHEN ALB.«


WHO THE FUCK IS VILÉM FLUSSER?

WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? 

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BERLIN – WHO THE FUCK IS VILÉM FLUSSER? 

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QUELLE: FLUSSER-ARCHIVE.ORG

Dies war die erste Frage, die wir uns in unserem Kurs stellten, allerdings konnten wir sie uns anfangs noch nicht beantworten, sollten wir doch über die Dauer des Kurses der Frage auf den Grund gehen. Nun, am Ende des Kurses und durch viele Recherchen, Interviews mit Designern und Diskussionen im Kurs sind wir der Antwort näher. Wer also ist nun dieser Mann?

Vilém Flusser (*12. Mai 1920 gest. 27. November 1991) war ein Kommunikations- und Medienphilosoph, dessen zentrales Thema der Untergang der Schriftkultur war. In seiner Welt-, Menschen-, und Gesellschaftssicht war das Thema Kommunikation stets der Mittelpunkt. Und welche Rolle spielt Flusser nun im Berufsfeld des Kommunikationsdesigners? Auch unser Schwerpunkt ist, wie die Bezeichnung unseres Berufs schon verrät, die Kommunikation. Wir vermitteln sie zwar nicht durch Worte, sondern visuell, haben aber ebenso die Aufgabe bestimmte Informationen an unser Zielpublikum zu vermitteln. Flussers Kommunikationstheorie, die Kommunikologie, wird als »die Lehre von der menschlichen Kommunikation, dem Prozess, dank welchem erworbene Informationen gespeichert, prozessiert und weitergegeben werden.« beschrieben. Sie behauptet, dass heute mehr Macht durch Information als durch Besitz ermöglicht ist und die Kommunikation die Ökonomie als Unterbau der Gesellschaft abgelöst hat. Flusser war der Anstosspunkt des Kurses um uns zu fragen, was Kommunikation ausmacht, wie wir vermitteln und was wir damit aus­ lösen können. Wir haben uns auf die Reise begeben um das Berufsbild des Designers zu klären, sind auf interessante Informationen und Meinungen gestossen, die uns entweder bestärkt oder ins Grübeln gebracht haben, aber uns in jedem Falle halfen den Begriff und das Aufgabenfeld des Designers besser zu definieren.


WAS MÜSSEN DESIGNER WISSEN? RECHERCHEN UND EXKURSIONEN ZUM BERUFSBILD EDDA BOHNET & KATRIN BRÜGGEMANN SCHRIFTEN: SUISSE BP SERIF & FUTURA PAPIER: SIRIO PEARL PLATINUM 300 G (UMSCHLAG) & DIGIGOLD ICEWHITE 120 G (INHALT) FACHHOCHSCHULE MAINZ STUDIENGANG KOMMUNIKATIONSDESIGN SOMMERSEMESTER 2012 DOKUMENTATION KURS: »WHOTHEFUCKISVILÉM FLUSSER?« PROF. ROBERT PAULMANN & PROF. ULYSSES VOELKER


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