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Straßenmagazin von jungen Ein- und Aussteigern

Diese Ausgabe wurde unterstützt durch das Programm »Jugend für Europa« der Europäischen Union

Herausgeber: KARUNA - Hilfe für suchtgefährdete und suchtkranke Kinder und Jugendliche Int. e.V.

Preis: 3 DM, zwei davon an den Verkäufer


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I

mmer wenn die Zeit anbricht, in der man die wahnsinnig große Lust verspürt, etwas ausserordentlich Verrücktes zu tun, dann fällt einem meist nichts Durchführbares ein, als irgendwo mit dem Zug oder mit dem Flugzeug hinzureisen, wo man noch nie in seinem ganzen verdammten Leben gewesen ist, um auch ganz auszuschließen, daß man von jemandem erkannt werden könnte. Dies könnten die Worte eines mir eigentlich ganz vertrauten Menschen sein, doch habe ich mit seiner verrückten Reiselust schlechte Erfahrungen machen müssen. Eines Morgens als ich aufwachte, habe ich wirklich ganz unheimlich angestrengt nachdenken müssen, ob ich in der selben Wohnung oder gar in der selben Welt gestern zu Bett gegangen bin, wie die, die es am heutigen Morgen war. Alles was mir nicht fremd war, war das Bett in dem ich lag. Eigentlich war es nicht so, daß eine großartige optische Veränderung der Wohnung vorlag, vielmehr verwirrte es mich, daß alle Gegenstände die ihm gehörten, allesamt weg waren, bis auf die Topfpflanze, die ich ihm zum Geburtstag geschenkt habe. Auf dem Fußboden lag die Nachricht, die von seiner außerordentlichen Verrücktheit zeugte. Es standen nur drei gottverdammte Sätze darauf: Es ist sicher schwer zu übersehen, daß ich nicht mehr da bin. Ich habe beschlossen, ins Ausland zu reisen und kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, daß ich niemals wieder zurückkommen werde. Eines ist mir nämlich letzte Nacht bewußt geworden. Wenn Du dem, den Du bis aufs letzte liebst, nicht an seinen verdammten Fingernägeln oder sonstwo ablesen kannst, was er Dir um Gottes Willen zu sagen hat, dann macht Dich diese fürchterliche Liebe krank, und mir fiel nun mal nichts Besseres ein, als dieser Krankheit mit Flucht und Meideverhalten zu entgehen. Falls Du etwas von Psychologie verstehst, dann weißt Du ja, was ich meine. Als ich mit dem Lesen fertig war, ging ich volltrunken von dem mir ganz unverständlichem Zeugs was da stand zurück in mein Bett und wünschte mich in die Welt zurück, in der ich gestern schlafen ging.

Verrückte Reiselust von Franzi


Los geht’s

Eurotorial E

ntführt werden wie Europa, der Tochter von Agenor, Vater und König von Tyros (dem heutigen Süden des Libanon) durch Zeus, dem Beherrscher aller Götter und Menschen, in der Gestalt eines Stieres bis nach Kreta, sollen die Leser unserer ZEITDRUCK- Ausgabe „unterwegs“, mit den Gedanken entführt werden. Eine Reise über Kontinente, eine Reise durch Europa, eine Reise für drei Mark im Straßenverkauf. „Unterwegs“ ist ein Ausschnitt, herausgesucht aus vielen Beiträgen die uns via Internet, Email, per Fax oder auf Briefpapier erreicht haben. Das Programm „Jugend für Europa“ der Europäischen Union hat der Redaktion ZEITDRUCK, dem Jugendhilfeprojekt für Straßenkinder in Deutschland Mittel zur Verfügung gestellt, damit abseitsste­ hen­de- und gesellschaftlich integrierte Jugendliche mit den Kommunikationsmitteln einer modernen Gesellschaft und über alle Grenzen hinweg miteinander sprechen können. ZEITDRUCK goes Europe, ZEITDRUCK world wide. Ein Klick genügt und ZEITDRUCK kommt bis in Ihr Wohnzimmer. Sehen Sie, was Jugendliche, von denen viele in Deutschland als chancenlos und unerreichbar gelten, für Sie aufgeschrieben und gestaltet haben. Mit der Hilfe von Mitarbeitern der Hilfsorganisation KARUNA ist es ihnen gelungen, sich Gehör zu

Danke für die zahlreichen Spenden sagt die ZEITDRUCK• Redaktion an folgende Spender: • Colonia Media • dem WDR • Firma Michaelis • dem Tagesspiegel • Dieter Hildebrandt • dem Radiosender SFB 88.8 • Frau Simone Hansen • Frau Elisabeth Kappelhoft • Gustav Denicke • Marc und ganz besonders allen SchweizerInnen fürs Buch • Frau Monika Hillke • Frau Elvi Leinert • Hellmut und Renate Hofmann • Bernhard Schwarz • Familie Heining und allen nichterwähnten

Titelfoto: Daniel Rosenthal

Eine runde Welt ohne Zaun wo die Solidarität wie die Luft unsere Lungen füllt Eine Welt ohne Grenzen wo wir Menschen uns vermischen respektieren und eine bunte Zukunft entstehen lassen Eine Welt ohne Krieg Rassismus und Haß ohne Manipulation und Betrug wo das Lachen von allen und für alle ist Abstemio Gordon*s, spanischer Clown, kurz vor seinem Tod verschaffen. Die vielen Beiträge dieser und anderer Jugendlicher, ihr Wille zur eigenen Veränderung, trotz vieler Rückschläge, ihre Kreativität, das Auf-sichaufmerksam-machen, seit der Gründung der Redaktion ZEITDRUCK im Jahr 1994 ist jetzt mit dem Preis „Demokratie Leben“ durch die Bundespräsidentin der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden. Ein Preis, der nicht weiter hilft, eine Würdigung, die das Interesse der Medien nicht fand und so auch keine Öffentlichkeit erreicht hat. Na, nun wissen Sie es ja wenigstens. Und durch wen? ZEITDRUCK-Leser wissen eben doch mehr! Und wer uns schreiben möchte, kann uns eine E-mail in die Box legen oder die Post bemühen. Die Adressen könnt ihr/können Sie dem unten stehenden Impressum entnehmen: • Und übrigens: Wer war eigentlich die Mutter von Europa und Liebhaberin des Königs Agenor? Die ZEITDRUCK-Redaktion Impressum: ZEITDRUCK erscheint derzeit vierteljährlich, Häusliche Anschrift: Kaskelstr. 15, 10317 Berlin, Tel.: 030 - 55 48 95 28 o. 55 48 95 26, Tel./Fax: 030 - 55 48 95 27, Internet-Adresse: http://www.snafu.de/~karuna, E-Mail an: karuna@berlin.snafu.de, Redaktion: Christian, Franzi, Antje, ZoRA, Anke, Thomas, Karen, Frekkl, Jörg, Karsten, Claudia Rey (V.i.S.d.P) u.v.a. Außenredaktionen: in Diepholz, in der Schweiz, in Schweden, Layout: Karsten Schützler; Belichtung: Tritec Grafikwerkstatt, Druck: Osthavelland-Druck GmbH, Herausgeber: KARUNA - Hilfe für suchtgefährdete und suchtkranke Kinder und Jugendliche Int. e.V. (Träger der freien Jugendhilfe, als gemmeinnützig anerkannt), ZEITDRUCK ist ein Zweckbetrieb, Erlöse werden zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, Vertrieb: Frekkl, Technik: Silvio Patzer, Alle Nachdruckrechte beim ZEITDRUCK-Verlag beim KARUNA e.V., Veröffentlichungen widerspiegeln nicht immer die Meinung des Herausgebers, Spendenkonto: Bank f. Sozialwirtschaft 35-406-07, BLZ 100 205 00

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In dieser Ausgabe: Schweiz: Auf den Spuren einer Kurvengängerin..... 2 Strassenkinder in der Schweiz? Eine versteckte Randproblematik. ............ 3 England: Thomas............................................ 4 EU: Wohnungslosigkeit in Europa ......... 6 Homelessness in Skandinavien und Großbritannien....................................... 6 England: Ein Ende der Jugendobdach­losikeit ............................................... 6 Österreich: Angst vor dem Wiedersehen....................... 8 Schweizer Pinwand....................................... 9 Österreich: Das Leben auf der Strasse.........................10 ZEITDRUCK hinter Gittern ........................ 11 Deutschland: Basteln mit ZEITDRUCK..............................14 ZEITDRUCK goes Sweden...........................15 Kuba via Internet: Ein Pulsieren Wie der Fotograf Daniel Rosenthal Kuba erlebte..................................................18 SelbsthilfeDas internationale Netz der Strassenzeitungen ­INSP.....................20 Lyric ................................................................22 Italien: PIAZZA GRANDE Der Große Platz............................................24 Eine Amerikanerin in Berlin......................25 EU/Mongolei: Unter den Straßen.......................................26 ZEITDRUCKs neues Buch: ...aber Mama weinet sehr... ......................28 Irgendwo: Wiebke/Patricia . .....................30 Märchenland: Uhrwaldprobleme ...........31


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Schweiz

Auf den Spuren einer Kurvengängerin Zürich- Aus einem Heim entwichene Kinder und Jugendliche werden meist polizeilich gesucht. Ihr Dasein gleicht deshalb einem Versteckspiel vor Polizei und Behörden, weil sie berechtigterweise fürchten, sofort ins Heim zurückgeführt zu werden. Das Beispiel von Sabrina zeigt, daß es für Kinder und Jugendliche besonders schwierig ist, Unterstützung für ihre Anliegen zu finden. Von Mark Riklin und Sabrina*

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onntagabend. Sabrina befindet sich auf dem „Heim“-Weg, aus dem Wochenendurlaub zurück in die halboffene Abteilung eines Jugendheimes. Tausend Gedanken und Fragen schießen durch ihren Kopf: Sich freiwillig in die Höhle des Löwen zurückbegeben? Sich wieder einschließen lassen? Weit weg von ihren Freunden? Ihren 16. Geburtstag im „Tierheim“ feiern?....Innerhalb Minuten reift der Ent­schluss, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen, nach neuen Wegen in ihrem Leben zu suchen. Zürich Hauptbahnhof. Unaufhaltsam ver­ lässt der Zug das Bahnhofsgebäude in Richtung Unfreiheit und Fremdbe­stim­ mung. Ohne Sabrina. Sie steht da, ohne Geld und Papiere. Ihre Ausweise sind Bestandteil der Heimakten; einer allfälligen Ausreise ins Ausland soll kein Vorschub geleistet werden. Faktisch handlungsunfähig ist sie auf fremde Hilfe angewiesen. Sabrina hat Glück: Vorerst kann sie bei Freunden untertauchen.

Auf „Kurve“ Sieben Tage später. Seit einer Woche ist Sabrina auf „Kurve“, wie es im Fachjargon heißt. Heimverantwortliche und Amtsvormund haben eine polizeiliche Ausschreibung veranlasst. Ihren Unterschlupf verläßt Sabrina deshalb nur selten. Ihr Dasein gleicht einem Versteckspiel vor der Polizei und anderen Behörden, weil sie sich berechtigterweise vor dem Aufgegriffenwerden und der damit verbundenen Rückführung ins Heim fürchtet. Auf der Strasse fühlt sie sich unsicher, beobachtet. Ihre wichtigsten Devisen: sich unauffällig verhalten - Konfliktsituationen vermeiden - keine Angst zeigen. In „Bullen“-Nähe bleibt sie äußerlich ruhig; innerlich möchte sie davonrennen, sich am liebsten in Luft auflösen. Der Druck, ein neues Obdach zu finden, wird täglich größer. Der bisherige Unterschlupf ist nur als Notlösung gedacht. Beratungen beim „Mädchenhaus“ und beim „Schlumpfhaus“ zwei nieder­ schwel­lige Anlaufstellen für Kinder und Jugendliche ergeben, daß eine Aufnahme nur unter der Vorraussetzung möglich

ist, daß die polizeiliche Ausschreibung aufgehoben wird. Ein Monat später. Sabrina vermisst ihre persönlichsten Habseligkeiten: ihr Tagebuch, Gedichtebuch, Schreibzeug, ihre Lieblings-CD‘s. Zudem ist die Frage nach einer Bleibe weiterhin ungelöst. Die Suche nach einem Schlafplatz ohne Meldepflicht und ohne Entrittskarte geht deshalb weiter. Doch nullschwellige Über­ nachtungseinrichtungen im Sinne eines „Bettes ohne Bedingung“, wie aus größeren Städten in Deutschland bekannt sind, fehlen in Zürich. Die vorhandenen Schlafangebote sind untrennbar mit der Aufgabe der Anonymität verbunden. Fällt Sabrina damit durch alle Maschen des städtischen Aufangnetzes? Bieten einzig besetzte Häuser Alternativen zum Leben auf der Strasse?

Appell an Zivilcourage Ein Blick in die Statistik des Jugenddienstes der Stadtpolizei Zürich zeigt, daß Sabrinas Beispiel kein Einzelfall ist: Im Jahre 1996 kam es in 46 Fällen zu einer Anzeige bei Entweichung von Minderjährigen aus Heimen oder Antstalten. Die Dunkelziffer ist zudem um ein Vielfaches höher. Im Gegensatz zu früher warten heute viele Eltern und Erziehungsberechtigte mit einer Anzeige auf. Die Nachfrage nach einem Schlafangebot ohne Ausschluss­kri­terien ist offensichtlich vorhanden. Einmal mehr erweist sich die Züricher Arbeitsgemeinschaft für Jugendprobleme (ZAGJP) als Anwältin für Menschen in Notsituationen. Sabrina findet dort jene moralische Unterstützung, die sie so dringend braucht. Mehrmals wöchentlich trifft sie sich mit Pascale Navarra, einer Gassenarbeiterin, um Abklärungen zu treffen und neue Perspektiven zu entwickeln. Weder Jugendheim noch Amtsvormund sind jedoch bereit, die Ausschreibung zu stoppen. Einziges Angebot: Rückkehr ins Heim, wo über alles diskutiert werden könne. Für Sabrina ein unanehmbarer Vorschlag. Andreas Jakob, Beauftragter für Jugendfragen der Zürcher Landeskirchen wünscht

sich von Menschen in sozialen Berufen eine Erneuerung der Zivilcourage: „Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die in Notsituationen den Mut haben, ein Gesetz im positiven Sinne zu brechen.“ Sabrina wünscht sich nichts sehnlicher als endlich auch mit ihren Wünschen ernstgenommen zu werden. „Eigentlich geht es doch bei der ganzen Sache um mich! Nur bin ich nie gefragt worden, was ich will.“ Immer wieder sei im Verlaufe ihrer langen Heimkarriere über sie hinweg entschieden worden. Sabrinas Vorstellungen von einer sinnvollen Lösung des Problems klingen konkret und einleuchtend. Sie wünscht sich einen Platz in einer betreuten Jugendwohnge­ meinschaft, möglichst in der Nähe ihre wichtigsten Freunde. Dort möchte sie die Schule abschließen und danach eine Lehre machen. Für später träumt Sabrina von einer Familie mit zwei bis drei Kindern. Nichts habe ihr in den letzten Jahren so gefehlt wie die Geborgenheit einer Familie. Von Sabrina geht viel positive Energie aus. Der Wille und die Bereitschaft, ihre Situation zu verändern und ihr Leben aktiv zu gestalten, sind spürbar und glaubhaft. Pascale hofft, daß diese Ressourcen nicht im Keim erstickt werden!

Berliner „Sleep In“ Übernachtungsmöglichkeit mit Meldepflicht scheiden für all jene Kinder und Jugendlichen, die polizeilich gesucht werden, von vornherein aus. In Berlin besteht seit diesem Jahr ein neuer Trend in Richtung nullschwelliger Übernachtungseinrich­ tungen. Das Sleep In richtet sich an Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren, die keine andersweitige Aufnahme finden und andere Einrichtungen als zu hoch­ schwellig erleben. Die vorbehaltlose Aufnahme soll dazu beitragen, vorhandenes Mißtrauen abzubauen. Jeder Jugendliche kann bis zu acht Übernachtungen im Mo­nat in Anspruch nehmen. Eine Inkog­ nitoübernachtung ist bis zu viermal im Monat möglich. Damit soll ein Unterlaufen der regulären, immer noch vorran­gingen Einrichtungsangebote der Inob­hutnahme vermieden werden.

* Name von der Redaktion geändert


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Strassenkinder in der Schweiz?

Eine versteckte Randproblematik

In den Medien taucht der Begriff „ Strassenkinder “ vorwiegend im Kontext mit der Dritten Welt oder osteuropäischen Ländern auf. Während in Deutschland das Phänomen „Strassenkinder“ die Medien und die Fachwelt seit einigen Jahren beschäftigt, ist in der Schweiz die Diskussion und Forschung noch nicht so weit fortgeschritten. Im Rahmen einer Diplomarbeit an der Höheren Fachhochschule für soziale Arbeit Solothurn haben sich Flavia Schenker und Thomas Etter näher mit Frage „ Strassenkinder“ in der Schweiz beschäftigt. ZEITDRUCK: Ihre Untersuchung bestätigt, dass in der Schweiz eine begriffliche und zahlenmässige Diffusion des Phänomens „ Strassenkiner vorliegt, die allgemeingültige und verbindliche Schlussfolgerungen erschwert. Welche Definition liegt Ihrer Studie zugrunde? Schenker: Der Begriff „Strassenkinder“ ist eher unpassend für die Verhältnisse der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz , da er Dritte-Welt-Assoziationen auslöst und es hauptsächlich Jugendliche und nicht Kinder betrifft, die auf der Strasse „leben“. Bei der Beschreibung der Zielgruppe gingen wir davon aus, daß es sich bei Strassenkindern um Minderjährige handelt, die für eine kürzere oder längere Zeit im Strassenmilieu leben. ZD: Nach einer Studie des Bonner Familienministeriums leben in Deutschland rund 7000 nichtsesshafte Kinder und Jugendliche. Sind auch in der Schweiz Angaben über das Ausmass dieses Phänomens möglich? S: Bisher fehlen zuverlässige Zahlen. Einzig Polizeibehörden, die aufgrund ihres Auftrages nach ausgeschriebenen Kindern und Jugendlichen fahnden, führen teilweise interne Statistiken. Dabei unterscheiden sie zwischen Entlaufenen (aus dem Elternhaus), Entwichenen (aus dem Heim) und Vermissten. Die Erfassung solcher Fälle durch die Polizei ist freiwillig, weil „Weglaufen“ kein Fall für’s Strafgesetzbuch ist.

Gemessen an obiger Definition kommt unsere Studie zu dem Schluss, daß es tendenziell Strassenkinder in der Schweiz gibt. Allerdings stellt das Phänomen bisher eine versteckte und zahlen­mäs­sig geringe Problematik dar. ZD: Beim Phänomen „ Strassenkinder“ scheint es sich, wie auch bei der wachsenden Zahl an armen Menschen, um ein weitgehend unsichtbares Phänomen zu handeln. S: Diese Unsichtbarkeit hat verschiedene Gründe: Zum einen versuchen polizeilich gesuchte Kinder und Jugendliche, möglichst nicht aufzufallen und Polizei-Kontakte zu vermeiden. Zum anderen werden Aufgegriffene meist sofort in die Familie bzw. ins Heim zurückgeführt oder den entsprechenden Sozialstellen zugewiesen, um eine Sogwirkung zu verhindern. ZD: Strassenkinder in süd- und mittel­ amerikanischen Ländern suchen den Weg auf die Strasse vornehmlich aus materieller Not. Weshalb laufen Kinder und Jugendliche von zu Hause oder aus dem Heim weg? S: Als häufigste Ursache wurden in den Experten-Interviews Konflikte, Probleme und Zerrütung in der Familie genannt. Das Spektrum an Weglauf-Motiven reicht aber von kulturellen Konflikten über Autonomiebestrebungen und Pubertätskrisen bis hin zu Gewalterfahrungen oder sexuellem Mißbrauch. Meistens wirken mehrere

Ursachen zusammen. Das wohl wichtigste Ergebnis ist, daß sich das Phänomen quer durch die Gesellschaft zieht, also nicht schichtspezifisch ist. ZD: In der Dritten Welt hat die Stras­se als Lebensraum einen hohen Stellenwert. Die Strasse ist als Aufenthaltsort, Treffpunkt und Wohnraum Teil des alltäglichen Lebens. S: In der Schweiz hat die Strasse vor allem eine funktionale Bedeutung als “Weg-Raum“. Die Strasse dient weniger als Kontakt- und Aktionsraum zur Pflege von sozialen Beziehungen und Aktivitäten. Man­gels anderer Frei- und Erlebnisräume weichen Kinder und Jugendliche immer häufiger auf die Strasse aus, die Kontakte mit Gleichaltrigen ermöglicht und den Eindruck von Freiheit vermittelt. ZD: Welche Forderungen resultieren aus Ihrer Untersuchung? S: Voraussetzung für die Erforschung des Phänomens „Strassenkinder“ und für die Bereitstellung von geeigneten Maßnahmen ist eine allgemeingültige Definition. Im Weiteren müssen die Bedeutung und der Stellenwert von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft verbessert, deren Anliegen und Bedürfnisse von den Erwachsenen ernster genommen werden. Gerade in Städten müssen wieder Freiräume geschaffen werden, wo Jugendliche sich ausprobieren und ausleben können. Mit Flavia Schenker sprach Mark Riklin

Suchen tut mich keiner Texte, Interviews und Protokolle von Straßenkindern in Deutschland

»Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Eltern und Politiker erklärt werden«

UNICEF Deutschland

Zu bestellen beim ZEITDRUCK-Verlag, Kaskelstr. 15, 10317 Berlin Tel.: 030-55 48 95 -26; Fax: -27, oder unter der ISBN-Nr.: 3-932003-00-4


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Thomas

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in sehr starker Mensch, der am Leben immer etwas Gutes findet, kann einen schon sehr beeindrucken. Und den allerstärksten von ihnen habe ich in London getroffen. Wir sitzen am Straßenrand und haben schlechte Laune. Shia, meine Freundin, ich und Leute, die ich nicht kenne. Und plötzlich stellt sich ein Mann breitbeinig vor ihr auf, um die 40, ist er nicht wunder­schön, wie er so freundlich lächelt, und hat er nicht gütige Augen. Er hält sich einen platten Pappkarton vor die Brust wie eine Gitarre und läßt die an einer Seite losen Deckelpappe wackeln. “Then I saw her face”, singt er, schaut Shia an, springt hoch und gibt ein Pappgitarrensolo, daß man denkt, die Saiten müßten reißen. ”Now I’m a believer”, und er springt wieder und spielt Pappgitarre. ”Then I saw her face”... Sprung, Solo... ”Now I’m a be­liever”... ”Now I’m a believer”. Shia lacht und ich auch. Er beginnt zu tanzen. Seine Bewegungen verraten Geschmeidigkeit, seine Stimme verraucht Lebensumstände. Dann hört er auf, verbeugt sich, um sich zum Gehen zu wenden. Shia hält ihn auf und gibt ihm ihr belegtes Brot. Er ist dankbar und ißt,

went England

während seine Augen Shia anlächeln. Gibt ihm jemand Geld? Wir wollen einen Menschen, der uns so aufheitert, nicht gehen lassen, suchen das Gespräch. Er sucht es auch, und wir finden uns mitten im dunklen London am Straßenrand. “Dieser Karton ist mein Haus. Er ist mein Bett, mein Schlafzimmer, mein Dach, wenn es regnet, und meine Küche. Ich bin ein reicher Mann.” Er setzt sich den Karton auf den Kopf, unser Lachen freut ihn, er singt wieder sein Lied, tanzt und spielt Gitarre. Dann fragt er nach einer Zigarette, jemand bietet ihm eine an, er bedankt sich überschwenglich. Er fragt uns, woher wir kommen. ”Berlin”. ”Germany?” erwidert er, er war mal dort, in Hamburg und auch in, ach wie heißt das noch, er kann ein paar Worte deutsch. Erwähnt er eine Ehefrau? Wir wollen ihn noch nicht gehen lassen, er ist so sympathisch, er heitert uns auf, erschreckt Mädchen mit wackelnden Pappkartondeckeln und Jungen mit dem Pappkarton auf dem Kopf. Ein paar von ihnen machen ihn auf deutsch nieder, er versteht nicht, lächelt, er hat doch nur nach einer Zigarette gefragt. Der von vorhin gibt ihm eine, wir lenken ihn mit

einem Gespräch zu uns. Dann noch eine Vorstellung mit der Gitarre, seine Hände sind aufgeschürft, sicher ist er hingefallen. Ein gefallener Mann. Er verabschiedet sich mit einem Lächeln, geht davon. Wir sehen ihm nach, er verschwindet. Und kommt zurück, wir müssen lachen, vor Freude und auch weil er etwas gefunden hat, ich weiß nicht mehr was, er zeigt es uns. ”Das ist ein Möbelstück für mein Haus.” ”Entschuldigen sie, mein Herr, wie ist ihr Name?” frage ich. “Thomas”, sagt er, fragt uns nach unseren Namen, gibt jedem die Hand, verabschiedet sich und geht. Als er nicht mehr zurückkommt, mischt sich ein bißchen Trauer in mein Lächeln. Wir sprechen nicht viel, wie wir da so sitzen, wir sind einfach nur froh, ihn getroffen zu haben. Und wir lächeln, so wie ich heute noch lächle, wenn ich an ihn denke. Thomas hat mir gezeigt, daß nichts so schlimm ist, daß man sich nicht irgendwie über das Leben freuen kann, und sei es nur, daß man einen Karton hat, aus dem man sich ein Haus bauen will. Thomas wird sein Haus haben, das weiß ich, und ich werde ihn nie vergessen. Aleks

Eine interaktive CD-Rom zum Thema Minderjährige am Rande unserer Gesellschaft, herausgegeben von KARUNA e.V. Fotos, O-Töne, Texte u. Hintergrundinfos, Animationen, Videosequenzen. Zu bestellen beim ZEITDRUCK-Verlag, Kaskelstr. 15, 10317 Berlin ,Tel.: 030/55 48 95 26, Fax: - 27


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KARUNA und ZEITDRUCK sind auch im Internet präsent. Wer Lust hat, uns auf diese Weise zu besuchen: Hier eine Anleitung, wie man sich z.B. zur Thematik »ZEITDRUCK goes Europe« durchnavigieren kann.

Hier unsere Internet-Adresse:

http://www.snafu.de/~karuna


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Wohnungslosigkeit in Europa * Mängel, Verluste ** Brandmarkung *** versteckt vorhanden

S

oziale Ausgrenzung bringt eine ganze Reihe von Deprivationen* mit sich, die einige zentrale Bereiche menschlicher Lebensgestaltung betreffen: Arbeit, Bildung, Konsum, Familie und informelle Netzwerke, Kommunikation, gesellschaftliche Institutionen, Freizeit und Erholung. Ausgrenzung geht einher mit gesellschaftlicher Stigmatisierung** und Isolierung, vermindertem Selbstwertgefühl und dem Empfinden, nicht dazuzugehören und niemals die Chance erhalten zu haben, sich gesellschaftlich zu integrieren. Die nächstliegenden oder subjektiven Ursachen der Wohnungslosigkeit bilden ein ganzes Bündel von Faktoren, das durch die Lebensgeschichte und die Persönlichkeit von Individuen geprägt ist. Diese Faktoren können soziale Isolation und Wohnungslosigkeit begünstigen. Dazu zählen:

durch mangelhafte Institutionen gezeichnete Lebensgeschichte (Waisenhaus, Abfolge von Jugendheimen, Pflegeeltern, Nervenheilanstalten, Gefängnisse, etc.

• •

Familienprobleme

Drogen - bzw. Medikamentenmißbrauch

geistige Behinderung oder Persön­lich­keitsstörung

Abruch der schulischen Ausbildung

Wenn ein oder zwei Risikofaktoren wirksam werden, können sie zu vorübergehenden Lebensbedingungen führen, die latente*** Risiken verstärken und neue Risiken schaffen. Auf der Straße, in einer Notunterkunft oder einem besetzten Haus zu leben und seiner Familie entfremdet zu werden, kann mit kleineren kriminellen Handlungen und Identifizierung mit der Protestkultur der Straße einhergehen. Falls die Gesellschaft nicht während dieser Frühphase des Prozesses der Aus­ grenzung eingreift, kann der Zustand der

Wohnungslosigkeit führen zu:

• •

Prostitution

schwerem Drogen- bzw. Medikamentenmißbrauch

Menschen Mißbrauch, Verbrechen und selbstzerstörerischen Tendenzen begegnen, kann zu einer Bestimmungsgröße für einen langfristigen, ja lebenslangen Abbruch sozialer Bindungen und einer Loslösung von den Werten der herrschenden Kultur werden.

schwerer geistiger Behinderung Die Erfahrung, auf der Straße oder in Notunterkünften gelebt zu haben, wo

Geschätzte Anzahl der Menschen, die in den frühen 90er Jahren im Jahres-

größeren kriminellen Handlungen


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durchschnitt auf soziale Dienste für Wohnungslose angewiesen waren: Österreich Belgien Deutschland 876000 Dänemark Spanien Finnland Frankreich Griechenland 7700 Irland 3700 Italien 78000 Luxemburg Niederlande Portugal Schweden Gr. Britannien 460000

8400 5500 4000 11000 5500 346000

200 12000 4000 14000

In bezug auf Wohnungslosigkeit betrifft dieses in den 15 europäischen Länder jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen, die zwischen Freunden und Verwandten, möblierten Zimmern mit kurzfristigen Mietverträgen und sozialen Diensten für Wohnungslose hin- und herpendeln. Forschungsergebnisse bestätigen, daß nur ein kleiner Teil der völlig verarmten Bevölkerung wohnungslos wird, daß aber anderseits alle wohnungslosen Menschen arm sind. Notdienste und grundbedürfnisorientierte Hilfen werden typischerweise von Wohl­tätigkeitsorganisationen, gemeinnützigen Organisationen und freien Verbänden angeboten.

Homelessness in Skandinavien und Großbritannien

E

ine Analyse der Politik im euro päischen Vergleich zeigt, daß die Wohnungsbaupolitik, wenn der entsprechende politische Wille vorhanden ist, mit durchaus effektiven Maßnahmen aufwarten kann, die Wohnungs­lo­sig­keit im großen Maße verhindert werden können. In fortgeschrittenen Wohlfahrtsstaaten zeigt, daß Maßnahmen zur Bekämpfung von Armut wirkungsvoller sind, wenn der Einkommensschutz durch ein umfassendes System von Wohnraumversorgung, Wohnbeihilfen, Wohngeld und Mietzuschüssen begleitet wird. Den nordischen Ländern Dänemark, Finnland und Schweden ist es gelungen, nach und nach die Hindernisse aus dem Weg räumen, die einkommensschwachen Gruppen den Zugang zu einer Wohnung erschwerten. Sie unterhalten ein großzügiges System von Einkommensübertragung, das den Menschen ermöglicht, ihre Wohnung zu behaupten. All diesen Ländern ist es gelungen, strukturelle Ausgrenzung einzudämmen und Bestimmungsgrößen für Woh­nungslosigkeit auf die sozio-psychologischen Faktoren zu reduzieren. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre, als beinahe 20.000 Menschen von

goes Europe

Wohnungslosigkeit betroffen waren, machte Finnland die Beseitigung der Wohnungslosigkeit zum erklärten Ziel seiner Ploitik. Diese Grundsatzerklärung wurde von einer wirkungsvollen Politik begleitet, so daß die finnische Regierung und die örtlichen Behörden 1987 begannen, den Wohnungslosen 18000 Wohnungen zugänglich zu machen. In nur sieben Jahren, also bis 1994, sank die Zahl derer, die auf der Straße oder in Nachtquartieren schliefen, auf ein Drittel der Ausgangszahl von 1987. Die Zahl der Familien, die wohnungslos waren, war Mitte der 90er Jahre viermal geringer als in den späten 80ern. Je höher die Zahl der wirkungsvoll Unterstützten - um so geringer die Zahl der Wohnungslosen in einem Land. BAG Bundestagung 1997 (Dr. Dragana Avramov) Zwischen 1978 und 1993 stieg in Großbritanien die Zahl der Haushalte, die seitens der Behörden als wohnungslos anerkannt wurden, von 63.000 auf 160.000. Das bedeutet, daß die Zahl der Haushalte, die offiziell als wohnungslos und daher dringend einer Wohnung bedürftig erkannt wurden, um das Zweieinhalbfache stieg.

Wie schon in der Vergangenheit, so liegen auch in der Zukunft die politischen Handlungsmöglichkeiten im Bereich der Vorbeugung und Wiedereingliederung. Der eigentliche Erfolg von Maßnahmen zur Bewältigung der Wohnungslosigkeit läßt sich nicht an der Zahl derer messen, die in der Lage waren, soziale Dienste in Anspruch zu nehmen, sondern vielmehr an der Zahl derer, die sich nicht an Suppenküchen und Nachtquartiere wenden mußten. Das eigentliche Ziel von Notdiensten ist, daß sie überflüssig werden. Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. Bundestagung 5.-7. November 1997 Dr. Dragana Avramov, Auszüge

Ein Ende der Jugendobdachlosikeit? aus The Big Issue

Heute, am 3.Februar 1997, startet die Kampagne „House Our Youth 2000“ von der Hilfsorganisation NCH Aktion für Kinder, die Obdachlosigkeit Jugendlicher bis zum Jahr 2000 beseitigen soll, während die Beweise sich häufen, daß die Kürzung der Sozialhilfe für unter 25jährige naturgemäß Jugendliche betrifft. Die Organisation behauptet, daß die richtige Mischung von Verfahrensweisen und praktischen Lösungen seitens staatlicher und privater Organisationen und Individuen, die Situation von Jugendlichen, die auf der Straße schlafen, beenden kann. Ihre Forschung zeigt, daß die letzten Kürzungen der Regierung im Bereich der Sozialhilfe für unter 25jährige schon verheerende Folgen haben. „Access Denied“, ein Bericht von der Organisation, der diese Woche veröffentlicht wurde, betont, daß die letzten Veränderungen, den meisten unter 25jährigen das Recht auf ausreichend Sozialhilfe nimmt, um eine eigene abgeschlossene Wohnung zu bezahlen. Das bedeutet, daß Vermieter, die früher bereit waren, Jugendliche unterzubringen, dies nicht mehr tun wollen. Die Association of London Government hat schon mit Ministern Kontakt aufgenommen, um ihre Sorge zum Ausdruck zu bringen, über die vielen Jugendlichen Singles, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, und auch ihre Angst vor der Aussicht, daß noch viel mehr dazukommen werden, wenn die weiteren, bereits angekündigten Sozialhilfekürzungen jeden betreffen, der unter 60 ist. THE BIG ISSUE Coming up from the streets e-mail: london@bigissue.co.uk By Jane Cassidy (übersetzt von Anne, 17 Jahre)


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Angst vor dem Wiedersehen

M

it 14 Jahren bin ich vor dem Terror zu Hause abgehauen. Meine Mutter hat viel getrunken, mir keine Freiheiten gegönnt. Ich durfte keine Freunde haben, abends mußte ich schon 19 Uhr da sein. Sie schämte sich, weil ich schon damals ein buntes und auffälliges Outfit bevorzugte. Schon mit zehn Jahren fand ich die Leute mit den bunten Haaren interessanter als die in der Nachbarschaft, später zog es mich zu ihnen. Bei ihnen fand ich diesen Zusammenhalt, den ich zu Hause so sehr vermißt habe. Wir saßen zusammen, waren wie eine Familie. In unserem kleinen Nest bei Kufstein in Osterreich war ich damit eine Außenseiterin, in der Schule verprügelten mich meine Mitschüler, bei meiner Mutter hatte ich keinen Rückhalt. Nur meinem Vater zuliebe bin ich noch einige Jahre geblieben, aber dann mußte ich weg. Seit meinem 14. Lebensjahr lebe ich auf der Straße. Anfangs in Bayern, im Laufe der Zeit verschlug es mich aber immer mehr in nördliche Richtung, seit einigen Jahren lebe ich in Berlin. Ab und zu hatte ich später noch Kontakt zu meiner Mutter. Wenn ich Hilfe oder Trost gebraucht hatte, war sie nicht für mich da. Einige Male wollte sie mir Päckchen oder sogar Geld schicken, aber nie kam etwas an. Mit Schnorren schlug ich mich durchs Leben, nur mit Schnaps habe ich das ausgehalten. Nicht aus Spaß habe ich viel getrunken, sondern um nichts mitzubekommen. Zwischendurch hatte ich auch mal kleinere Jobs, bei Kaufhof habe ich im Lager gearbeitet. Die Frauen dort waren zwar ganz nett zu mir, aber wenn man von der Straße kommt, ist so ein Betrieb eine ganz andere Welt. Ich war immer Außenseiterin. Die Frauen in so einem Betrieb denken und reden ganz anders. Für die ist es wichtig, die Schule zu beenden, kurz zu arbeiten und dann möglichst bald einen Mann zu finden, am besten mit viel Geld, und dann Kinder zu kriegen. Dann, glauben sie, haben sie etwas geschafft und sind stolz. Auch ich wollte einen Beruf, eine Familie. Aber solch ein Leben, das wollte ich nicht führen. Ich war immer schon anders, als die meisten Menschen meiner Umgebung. Als Österreich noch kein EU-Mitglied war, hatte ich es in Deutschland noch viel schwerer als jetzt. Daß ich überhaupt mal Arbeit bekam, war reine Glückssache. Von Sozialämtern bekam ich keinerlei UnterÖsterreich

stützung. Statt Hilfe bekam ich nur die Drohung zu hören, man könne mich auch ausweisen. Mit Zahnschmerzen brauchte ich mich bei keinem Zahnarzt melden, schließlich konnte ich mich hier nicht behandeln lassen. Lediglich die Caritas half mir, als ich schwanger wurde. Das Leben auf der Straße wollte ich einem, meinem Kind nicht zumuten. Doch für eine Schwangerschaftsunterbrechung war es zu spät, als ich merkte, daß ein Kind unterwegs war. Deshalb gab ich meine Tochter zur Adoption frei, obwohl ich es am liebsten gekidnappt hätte. Doch ohne jegliche Unterstützung was hätte ich dem Kind denn bieten können? Meine Jaqueline kam bei einer Familie unter, die schon ein Adoptivkind hatte. Sie ist jetzt vier Jahre alt, ich weiß, daß es ihr dort gut geht. Das beruhigt mich einigermaßen. Zwar haben ihre Adoptiveltern geschrieben, ich könne meine Kleine sehen, aber ich bin noch nicht so weit. Ich habe riesige Angst vor dem Wiedersehen. Ich wußte damals noch nicht, daß auch ich Obdachlosenzeitungen verkaufen kann. In diesem furchtbaren

Winter 1995/96 habe ich vom Schnorren auf der Straße gelebt. Ich hatte mich damals unterkühlt, ich hatte ziemlich lange Unterleibsbeschwerden. Doch ohne Krankenversicherung und ohne Unterstützung durch das Sozialamt konnte ich keinen Arzt aufsuchen. Schließlich ging ich doch zur Caritas. Ich wurde schnell in ein Krankenhaus eingewiesen, den Ärzten blieb nichts weiter übrig als eine Totalope­ration. Für eine Frau, die sich trotz dieser Lebensumstände eine eigene Familie wünscht, ist das ein furchtbarer Schock. Ein Leben in Würde habe ich nie kennengelernt. Auf der Straße gibt es dafür keine Chance. Für mich ist es wichtig, daß ich den Strassenfeger verkaufen kann. Ich brauche die Beschäftigung, sonst gehe ich unter. Sicher hat es nicht viel mit Würde zu tun, wenn man den Leuten sagt, ich verkaufe diese Zeitung, weil ich obdachlos bin. Aber hier werde ich wenigstens freundlich und fair behandelt. Leider scheinen aber viele Menschen zu glauben, daß eine Frau, die die Zeitung anbietet, zugleich Freiwild für sie ist. Ständig muß ich mir eindeutige oder versteckte Anzüglichkeiten oder Angebote ge­fallen lassen. Ich muß ehrlich sagen, daß es mir recht schwer fällt zu sagen, was das eigentlich ist, die Würde der Frau. Ich denke, daß alle Menschen, egal ob Mann oder Frau, egal wie er oder sie aussieht, gleich behandelt werden müßte, daß man als Mensch akzeptiert wird. Bei meinem derzeitigen Freund spüre ich die Geborgenheit und Fairneß, die ich brauche und die wohl auch zur Würde gehört. Ich hoffe, daß es mir die Ärzte ermöglichen können, daß ich doch noch Kinder bekomme, daß ich mir meine Lebensträume erfüllen kann. C.


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Schweizer Pinwand

Marc Riklin war Lehrer in der Klasse S3a der Sekundarschule Kreuzlingen (CH) gewesen, bevor er nach Berlin ging und im Rahmen seiner Magisterarbeit bei Karuna mitwirkte. Er informierte die Klasse (9. Schuljahr) anhand von zwei Einzelschicksalen, womit sich Jugendliche auseinanderzusetzen haben, wenn sie versuchen, ihrem Leben eine radikale Wende zu geben, indem sie ihre Eltern verlassen. Er zeigte auf, wieviel es braucht, bis ein junger Mensch ins vรถllig Ungewisse aufbricht. Er stellte uns auch die Hilfemรถglichkeiten vor, die Karuna anbietet. Hier sind einige Gedanken, welche die Auseinandersetzung mit dem Problem in uns Zuhรถrern auslรถsten.

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ch heiße Elke, bin 20 Jahre alt und bin in Gratwein geboren. Der Grund, warum ich Euch schreibe, ist der, daß ich 6 Jahre in Graz gewohnt habe (1990-1996) und wirklich weiß, was Obdachlosigkeit und Hunger bedeuten, da ich selbst kein richtiges Dach über dem Kopf hatte. Ich möchte Euch mitteilen, wie es solch einem Menschen wirklich geht. Es begann alles im September 1990, ich bin damals ins Heim gekommen, weil meine Mutter in mir einen hoffnungslosen Fall gesehen hat. Ich wollte mich in diesem Heim nicht anpassen und wartete jede Gelegenheit ab, um endlich wieder in ”Freiheit” zu gelangen. Mein Ziel war immer der Bahnhof Graz. Und dort war es passiert: ich verliebte mich in einen Mann. Er stand vor mir so hilflos und doch so lieb, sein unrasiertes Gesicht, seine dunklen Augen und seine etwas zerlemperte Kleidung, alles in allem: ich hatte Feuer gefangen und liebte einen Obdachlosen. Er hatte keinen festen Wohnplatz und keine Arbeit. Ich blieb immer in seiner Nähe und allmählich waren wir unzertrennlich. Ich verzichtete seinetwegen auf einen gesicherten Schlafplatz und auf die tägliche Mahlzeit. Ich hatte ja die Möglichkeit, immer wieder ins Heim zurückzugehen, aber die Liebe war stärker. Ich wollte ihn nicht allein lassen. Ich schloß auch eine wunderbare Freundschaft mit all seinen Genossen. Darunter war auch ein langjähriger Freund von uns, nämlich Adi. Ich bedauere heute noch seinen Tod. Er war so ein tapferer und guter Freund. Gott segne Adi! Unser gemeinsamer Tagesablauf sah etwa so aus: Um ca. 6 Uhr früh wurden wir von den OBB-Beamten aus dem Zug geworfen, der unser nächtlicher Schlafplatz war. Wir versammelten uns in der Halle am Bahnhof, schnorrten Zigaretten und warteten sehnsüchtig, bis es 9 Uhr wurde. Um 9 Uhr waren wir im damaligen Ma­ rien­kloster und bekamen von den freundlichen Schwestern Kaffee und Brot. Schwester Sonja hatte immer nette Worte für uns übrig und auch ein offenes Ohr, wenn es einem wirklich schlecht erging. Nach dem Frühstück schlenderten wir quer durch Graz, schauten uns die Auslagen an und machten einfach gute Miene zum bösen Alltag. Um 12 Uhr waren wir wieder Gäste im Kloster, denn es gab für uns alle ein warmes Mittagessen. Vorher sprachen wir immer ein Gebet und im Innersten hofften wir alle, Gott erhöre dies und helfe uns über die schweren Zeiten hinweg. Beim Mittagessen waren die Gesichter der Leute richtig glücklich, jeder war einfach froh, daß es Schwester Sonja und ihr beherztes Team gibt. Den Nachmittag verbrachten wir im Winter oft in der Wärmestube hinter der Stadtpfarrkirche. Die nette Frau sprach uns immer Mut zu und versorgte uns mit Tee und Broten. Neben Brot und Tee gab es auch oft warme Kleidung oder Decken. Pfarrer Pucher nahm mich auch oft in die Arme und sagte mir, daß ich was Besonderes sei, denn wegen einer Liebe auf ein Heim zu ver-

Foto: Anja Lehmann

zichten wäre sehr mutig. Dabei nahm er meinen Freund bei der Hand und drückte sie fest. Wir saßen oft zusammen und erzählten uns Geschichten. Ein paar Obdachlose öffneten einen Doppler. Wir tranken manchmal mit und alberten auch rum. Mein Freund und ich malten uns oft aus, wie schön es wäre, im trauten Heim zu sein und nicht auf die sozialen Einrichtungen angewiesen zu sein. Unsere Freunde hatten auch schon öfter einen Rausch und kippten mitten in der Bahnhofshalle um. Wir schafften es aber meistens, die Jungs in den abgestellten Zug zu bringen, denn die Polizei sah es nicht gern, wenn sich ”Sandler” in der Halle aufhielten. In den Zügen suchten wir uns immer einen beheizten Waggon. Die Nächte machten mir immer Angst, denn wir wurden oft mitten in der Nacht von der Polizei rausgeschmissen. Im Winter war es besonders grausam. Aber wir alle hielten zusammen, so schwer es auch war. Nach Monaten bekam mein Freund ein Zimmer. Wir wohnten zusammen darin. Mit der Absprache des Heimes durfte ich bei ihm einziehen. Wir besuchten weiter das Marienkloster, denn wir hatten wenig Geld, da wir beide arbeitslos waren. Unsere Freunde ließen wir trotzdem nicht im Stich, oft ließen wir einige bei uns übernachten. Ich hatte die Tränen in den Augen, denn ich wußte, wie es war, obdachlos zu sein. Wir halfen uns gegenseitig und gaben unsere Freundschaft nie auf. Nach einem Jahr waren mein Freund und ich aus privaten Gründen getrennt. Ich leide seit fast vier Jahren an psychischen Problemen. Meine Therapeutin sagt, es hängt mit dem zusammen, was ich früher erlebte. Vielleicht hat sie recht, ich weiß es nicht. Ich weiß eines, ich bin froh, daß es Pfarrer Pucher geschafft hat, den Leidensweg der Obdachlosen zu beenden. Pfarrer Pucher ist für mich der Engel auf Erden. Noch heute, wenn ich den Bahnhof durchquere, kommen all diese Erinnerungen von damals und oft treffe ich einen ”alten Freund” und wir reden von der Vergangenheit. Mit meinem damaligen Freund habe ich sehr guten Kontakt und bei jedem zufälligen Treffen frischen wir die alten Zeiten auf. Ich arbeite seit einiger Zeit im ATZ (Arbeitstrainingszentrum) wegen meiner psychischen Probleme, ich kann dort einfach mit jemandem reden, auch von früher, und freue mich, wenn mir jemand zuhört. Im allgemeinen war mein Leben auf der Straße nicht zu bedauern, ich empfand vielleicht etwas Abenteuer und auch Liebe meinen Mitmenschen gegenüber. Für mich bleibt diese harte Zeit ewig in Erinnerung. Ich danke allen, besonders Werner Z., Toby T., Adi, Richi, Thomy, Ronny, Werner K., Sigi A., Vroni, Gaby, dem ganzen Team des Marienklosters, besonders Schwester Sonja, und dem Engel auf Erden Pfarrer Pucher. Auch wenn man schwer mit mir mitfühlen kann, weiß ich, was es bedeutet, obdachlos zu sein. Elke

Österreich

Das Leben auf der Strasse


Siehst Du... Siehst Du das junge Mädchen dort? Sie ist noch nicht mal 15! Ich habe sie hier schon ein paar mal gesehen, und neulich stieg sie bei einem Freier aus und lief genau auf mich zu: sie blieb vor mir stehen und blickte mich einen Moment zögernd an, dann fragte sie mich: „Kannste mich zu jemandem bringen, der gutes Dope und Koka hat?“ fassungslos starrte ich sie an, und mir schossen die Gedanken nur so durch den Kopf... Sie ist noch so jung, sie ist hübsch und unschuldig sieht sie aus nur Dealer, Junkies und Bullen, sie paßt nicht hierher Was will sie? Koka und Dope? Sie wird gutes Geld gemacht haben. Ich bin völlig affig, ich werde sie abziehen, vielleicht rafft sie ja, daß sie hier nicht hergehört Ich bin noch völlig mit meinen Gedanken beschäftigt, als sie sagt: „Was´n nun?“ „Verschwinde hier!!!“ sage ich. Lena

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Geburtstag Gestern bin ich 23 geworden, mein dritter Geburtstag im Knast. So pervers sich das jetzt auch anhören mag, aber wißt Ihr, was das Schöne an einem Geburtstag im Knast ist? Man bekommt nicht eine Geburtstagskarte, die noch auf schnell bei Karstadt gekauft wurde, kein Geschenk aus dem NANU - NANA oder irgendeinen lieblos gebundenen Blumenstrauß, es gibt keinen Kuchen von ALDI oder vom Bäcker nebenan. NEIN...die Frauen lassen sich was einfallen!!! Sie malen und kleben selber Karten, sie kochen und backen, stricken Socken, machen Perlenarmbänder...EGAL, was es ist, es wird mit so viel Liebe gemacht - ist Wahnsinn. Natürlich werden auch Lieblingstassen, Ohrringe, die man nie weggeben wollte, Kettenanhänger, eigene Glücksbringer und und und verschenkt... es wird mit soviel Liebe überreicht, in diesen Augenblicken weiß man einfach: „Dieses Geschenk kommt von Herzen“. ES IST EINFACH WUNDERVOLL!!!! Man merkt hier drin sehr doll, welche Frau an einem - als Mensch - interessiert ist und welche nicht. Und man merkt auch, welche Menschen hinter der Mauer noch an einen denken. Lena

Fragen Ich frage mich, was ist der Sinn des Lebens? Ich weiß es nicht, niemand will mir die Antwort geben. Warum bin ich, wie ich bin? Warum kann ich nicht anders sein? Wo führt mich mein Leben hin? Schaff ich es überhaupt allein? Wer weiß die Antwort auf meine Fragen, wer wird mir helfen, mein Ziel zu sehen? Wann, in hundert oder tausend Tagen, werde ich den richtigen Weg begehen?

Ich blickte in seine Augen und tief darin sah ich ein anderes Land. Lena

„Geh nur voran, schau nicht zurück!“ hat mir mal irgendwer erzählt. „Irgendwo wirst Du Dein Glück auch finden.“ Ich hoffe, daß er recht behält. Babette

Die Texte auf dieser Seite entstanden in der Frauenhaftanstalt Berlin - Plötzensee...


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von Ceyan

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enn ich an Europa denke, schiessen mir folgende Worte durch den Kopf: Krieg, Festung, Abschiebung. Europa macht seine Grenzen zur sogenannten Dritten Welt, an dessen Kriegen und Elend, somit an den Gründen der Flucht es selbst schuld ist, dicht. Die sozia­len und ökonomischen Strukturen der armen Länder sind nachhaltig schon von den Kolonialzeiten weitgehend zerstört, und ihre Entwicklung zu autonomen, gesunden Wirtschaftsformen wird heute noch bewußt von den europäischen und amerikanischen Wirtschaftsmächten behindert. Denn ein autonomer, unabhängiger Staat ist nicht so leicht auszubeuten, dabei sind die reichen Länder para­doxerweiser ökonomisch total abhängig von diesen Ländern. Schon allein ohne ihre Bodenschätze würde hier nix mehr laufen, kein Auto würde anspringen. Das ist den Wirtschaftsmächten natürlich sehr bewußt. Und diese große Schwachstelle versuchen sie auf verschiedene Weisen abzudichten. Sie setzen tyrannische Regierungen ein, die ihnen aus der Hand fressen und jegliche Freiheitsbestrebungen des Volkes mit schärfsten Maßnahmen zerschlagen wollen. Das führt zu ständigen Klassenkriegen. Das heißt also, daß zu Hunger und Elend durch die Ausbeutung der reichen Länder noch Krieg, Verfolgung, politische Morde

goes Europe

an Andersdenkenden und Folter hunzukommt. Deswegen ist es völliger Blödsinn anzunehmen, daß es Unterschiede gibt zwischen Wirtschafts- und politischen Flüchtlingen, wie es zu Anfang der unglaublichen Greuelpropaganda gegen Flüchtlinge in Europa hieß. Mit dieser Propaganda, deren Wurzel im Rassismus Rechtfertigungsideologie aus Kolonialzeiten, zu suchen sind, begann die Installierung der Verriegelungs- und Abschiebemaschinerie. Um nochmal den Finger auf die große Schwachstelle zu legen: Es wird nicht nur Krieg und Elend geschürt, um den Blick von der Abhängigkeit der reichen Länder und scham­­lose Ausbeutung der armen Länder abzulenken, sondern auch die Grenzen martialisch abgeriegelt, um die Bewoh­­nerInnen der ausgebeuteten Länder daran zu hindern, hier in dem Überfluß das zu holen, was ihnen völkerrechtlich zusteht: ein Leben in Sicherheit und Würde. Die Bundesrepublik hatte die Genfer Flüchtlingskonvention und die Allgemeinen Menschenrechte in ihre Verfassung auf­genommen. Das war die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg, wo unzählige Deutsche Asyl in anderen Ländern gesucht hatten. Doch das ist jetzt Geschichte. Deutschland versucht den dritten Griff zur Weltmacht. Seine ganz eigene Vision von Europa sihet in etwa aus, wie die Vereinigten Staaten als Wirtschaftsblock mit Deutschland

als Kopf. Zum Glück werden sich die anderen Europäischen Länder dagegen wehren, noch sind die Erinnerungen an den singularen Holocaust frisch genug, um Deutschland seinen Platz zuzuweisen. Ich hoffe es. Aber einig ist man sich in der Asylpolitik, wobei sich Deutschland vorstrebend profiliert. Die Innen- und Justizminister der EU-Staaten haben sich schon vor langer Zeit in ihren geheimen und demokratisch nicht kontrollierbaren zwischenstaatlichen Foren zusammengetan, um Flüchtlinge von Europa fernzuhalten und von denjenigen, die nach Europa gelangt sind, möglichst viele so schnell wie möglich auszuweisen. Die Ergebnisse werden den nationalen Parlamenten präsentiert, aufgrund derer Veränderungen der nationalen Gesetze, und eben manchmal auch der, Verfassungen erforderlich werden. Die Grenzkontrollen werden verstärkt und militarisiert, und die besagte Rechtfer­tigungspropagandamaschinerie ausgelöst, indem Flüchtlinge fälschlicherweise als illegale Einwanderer, Kriminelle, Betrüger und Terroristen abgestempelt und damit zum Rassenhaß aufgestachelt wird. Diesen Rassenhaß wissen sie auch innenpolitisch zu nutzen. Auch innerlich wird abgeriegelt, und zwar zwischen Privilegierten und Nichtprivilegierten, zwischen Autorisierten und Nichtautori­ sierten. Davon kann gerade jede/r hier in


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Berlin ein Lied singen. Eine große Umverteilung von unten nach oben wird durchgezogen, dessen Ende noch niemand absehen kann. Der Reichtum ist da, das Bruttosozialeinkommen in Deutschland hat sich seit dem Mauerfall VERDOPPELT. Ganz klassisch: die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Obwohl die Wirtschaft in Blüte steht, wird der Lebensstandart, die Bildung immer mehr runtergefahren. Die diesbezüglichen Entwicklungen in Deutschland sind exemplarisch,: Zuerst waren die „Ossis“ schuld, aber um die völkische Blutsgemeinschaft herzustellen, wurde das Feindbild des Fremden konstruiert, um den Blick von den wirklichen Schuldigen, den wirklichen Sozialschmarotzern, den ArbeitgeberInnen und PolitikerInnen abzulenken. Gerade die Ostjugend wird am meisten benachteiligt. Seit der Wende ihrer Indentität beraubt, haben sie eine orientierungslose, unsichere Zukunft, der Arbeitsmarkt sieht jetzt schon im Zuge der Globalisierung düster aus, es fehlen 250000 Ausbildungsplätze. Sie haben so richtig die Arschkarte gezogen. Was bietet sich denn mehr an, als eine arme Gruppe gegen die andere auszuspielen. Es ist nicht verwunderlich, daß ein Verfassungsschützer sich am Pogrom in Rostock aktiv beteiligt hat. Mölln und Solingen beweisen, daß das Feuer der Wut, die die rigide Politik hervorruft, auch in normalen AusländerInnen schwelt. Die AusländerInnen standen am Anfang genauso beschissen da, sie hatten jedoch 40 Jahre mehr Zeit, sich zu assimilieren. Das ruft Neid hervor. Aber die zweite und dritte Generation der Gastarbeiterfa­milien stehen noch identitätsloser und orientierungsloser da. Sie haben ja keinen Zugang zur deutschen Blutsgenos­senschaft, alle machen mit sechzehn die erniedrigende Erfahrung auf dem Ausländeramt, wo man sich morgens um drei an eine Schlange anstellen muß, die drei Mal um das Ge­bäude geht, um den Au­fent­haltsstatus zu sichern, wo, wenn man endlich reinkommt, einem verkündet wird, daß es keine Nummern mehr gibt. Kriegt man noch eine Nummer, sitzt man drin beim Warten wie Vieh aufeinander, und man hat das Risiko, falsch geschickt worden zu sein. Denn dann geht es am nächsten Morgen um drei von vorne los. Durch die selektiven Instrumente des Drei-Typen-Schulsystem, die die Integration nicht gerade fördert, haben die meisten ausländischen Jugendlichen keine besonders hohe Bildung und werden zusätzlich bei Bewerbungen für Ausbil­dungs- und Arbeitsplätze benachteiligt.

Vor ihrer Wut und Gewalt haben selbst rechte gewaltbereite Jugendliche große Angst. Während die sozialen Konflikte auf der Straße „jeder gegen jeden“ sich entladen, lachen die MacherInnen sich ins Fäustchen und können unbehelligt an ihren Plänen weiterbasteln. Einer ihrer unglaublichsten Himmelfahrtsunterneh­men- im wahrsten Sinne des Wortes- ist der Euro­fighter 2000. Alle, die schreien, für Flüchtlinge, Sozialhil­fe­emp­fän­gerInnen, Obdachlose u.s.w. gäbe es kein Geld und sie wären Schmarotzer, die ihren Steuerzahlenden auf der Tasche lägen, sollten sich folgendes an den Spiegel pinnen, immer wieder lesen und ihre Entrüstung gegen die wahren Schuldigen richten: Wohin fließen die Massen an Geldern, die sie mit dem Sozialabbau uns vom

Halse absparen? In Kriegsvorbereitungen. Derzeit plant die Bundesrepublik den Kauf von 180 Eurofightern, ein teures indu­strie­politisches Programm von zweifelhaftem Nutzen. Der Stückpreis beträgt 170 Millionen DM, somit laufen Kosten auf insgesamt 30 Milliarden DM, plus Nutzungskosten von 60 Milliarden DM, plus Entwicklungskosten von 8 Millarden DM. Also insgesamt rund 100 Milliarden DM. Ich glaube, die kostenmäßige Dimension dieser Frechheit ist kaum vorstellbar. Es ist derzeit die teuerste Menschenverachtung. Aber die braven Steuer­zahlerInnen kriegen die Fresse natürlich nicht auf und geizen lieber mit einer Mark, um die ein Mensch sie auf der Straße bittet. Ceyan, 18 Jahre


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Basteln mit ZEITDRUCK Wie Ihr hier sehen könnt, ist ZEITDRUCK mit einer Urkunde der Bundestagspräsidentin, Frau Süssmuth versehen worden. Damit verbunden war eine Prämie von sage-und-schreibe 1.000 DM. Zur Preisverleihung gab es eine extra Presssekonferenz. Zum Vergleich: Ein betreuter WG-Platz für Jugendliche in Not kostet am Tag ca. 180 DM, ein Therapie-Platz für ein drogenabhängiges Straßenkind kostet ca. 250 DM, Steuern und Versicherungen für ein Versorgungsfahrzeug für Obdachlose betragen jährlich etwa 3.000 DM, eine Monatsmiete für unsere Redaktion beläuft sich auf 1.800 DM...

Layout der Urkunde: Wahrscheinlich irgendein Bonner Beamter

Und so zeigt Euch heute Kerstin von ZEITDRUCK, wie man aus einer Urkunde unserer Bundestagspräsidentin eine prima Papiertaube basteln kann...

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6) Und ganz zum Schluß lassen wir die Taube nach Europa oder wohin auch immer fliegen...


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ZEITDRUCK goes Sweden von Uli Niebergall

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ch wanderte Mitte der 80er Jahre aus verschiedenen Gründen von der BRD nach Schweden aus. Zum grössten Teil geschah es aus persönlichen Gründen, teilweise aber auch, weil mir die politische Situation in Deutschland nicht mehr gefiel und ich neue Inspiration brauchte. In meinem damaligen Traumland Schweden hoffte ich, solche zu finden. Im Laufe der Zeit gelang es mir auch schließlich, mein Lehrerexamen zu machen, und nun bin ich seit vier Jahren Deutsch-, Englisch- und Informatiklehrer hier in der schwedischen Hauptstadt. Die Idee einer Zusammenarbeit zwischen ZEITDRUCK und unserer Schule, dem Viktor Rydbergs Gymnasium in Djursholm, entsprang eigentlich einem Zufall. Als ich noch Referendar an einer anderen Schule war, erreichte mich auf irgendwelchen Umwegen über die Deutsche Welle ein Brief von Sonja Böhme, der u. a. auch eine Ausgabe eurer Zeitschrift enthielt. Das Konzept und die Arbeitsweise von ZEITDRUCK beeindruckten mich sofort, und ich unterbreitete meinem damaligen Chef den von Sonja geweckten Vorschlag, mit Euch aktiv zusammenzuarbeiten. Tja, und damit verschwand Sonjas Brief erst mal in dem Schreibtisch des Direktors, und wenn er nicht zu Staub zerfallen ist, dann liegt er da immernoch. Vor zweieinhalb Jahren aber bekam ich einen neuen Job an einer anderen, moderneren Schule, wo mir als Deutschlehrer grössere Freiheiten zustehen. Daher beschloss ich eigenhändig, den leider unterbrochenen Kontakt zu Euch wieder aufzunehmen. Meine jetzige Schulleitung fand die Idee gut, und es wurde beschlossen, jedem Schüler dieser Schule ein ZEITDRUCK- Abo anstelle eines gewöhnlichen Lehrbuchs zu bestellen. Und seitdem besteht eine unserseits nicht gerade rege, aber doch ziemlich regelmässige Mitarbeit an Eurer Zeitschrift. Eigentlich würde ich die Schüler viel lieber noch mehr an ZEITDRUCK mitwirken lassen, aber leider gibt es da so einige Hindernisse. Zum einen sind es der Lehrplan und die Zeugnisnoten, sowie die Forderungen von Eltern und auch Schülern nach kon­ven­ tionellerem Unterricht. Zum anderen sind es eher soziale Gründe. Wir hätten eigentlich eine vertiefte Zusammenarbeit mit Euch sehr nötig, denn es kann behauptet werden, das unsere Schüler in einer Umgebung leben und aufwachsen, die sich von Eurer Wirklichkeit (und der von etwa 5000 wohnungslosen

Stockholmern) stark unterscheidet. Obwohl es auch bei uns Probleme subtiler Art gibt, geht es allen verhältnismässig sehr gut, finanzielle Probleme gibt es kaum, und liberale Parteien. Umso stärker ist meiner Meinung nach der Bedarf an einem Austausch mit Menschen, die anders leben, um somit die Chance auf eine differenzierte Lebensanschauung zu wahren. Voriges Jahr bekamen wir Besuch von Euch: Würfel, Daisy und Jule kamen zusammen mit Jörg und Karsten, um über KARUNA und ZEITDRUCK und vor allem von sich selbst zu erzählen. Mehrmals gab es Gelegenheit, unsere Schüler in grös­seren Gruppen zu treffen und zu diskutieren. Die schwedischen Jugendlichen waren von Eurem Besuch sehr beeindruckt, und so einige wurden ziemlich aufgerüttelt. Vorher war sich eigendlich niemand so richtig über das Problem der Wohnungslosigkeit bewusst, aber plötzlich sahen viele ein, daß die Situation in Stockholm der in Berlin durchaus gleicht. Allerdings müssten wir viel öfter noch solche Treffen und gegenseitigen Besuche arrangieren, denn aufgrund der räum­lichen (und vielleicht auch sozialen) Distanz geht irgendwie der richtig intensive Kontakte miteinander doch verloren. Dem können wir vieleicht ein bisschen abhelfen, wenn wir Anfang Mai im Rahmen einer Studienfahrt nach Berlin kommen. Wir würden dann nämlich gern auch einmal Euch besuchen und uns die ZEITDRUCK Redaktion ansehen.

in Schweden

Schweden? Ich sage: Yo!


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160 Jahre clean


Foto: Anja Lehmann

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Ein Pulsieren Wie der Fotograf Daniel Rosenthal Kuba erlebte...

Folgender Text entstand nach einem Gespräch zwischen Daniel Rosenthal, der über unsere Internet-Seiten auf uns gestoßen war und der ZEITDRUCK-Redaktion

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ls ich im Frühjahr dieses Jahres in Kuba ankam, wußte ich nur das, was einem die Medien hier in Europa vermitteln. Ein ziemlich katastrophales Bild, seit die Sowjetunion zusammengebrochen ist. Als würden die Leute hungern, die Infrastruktur zusammenbrechen... Mein erster Eindruck war jedoch sehr gut. Fröhliche Menschen. Ein Pulsieren. Einfach positiv. Ich hatte bei meinem xxxxwöchigen Aufenthalt auf der Insel eigentlich konkrete fotografische Projekte vor. So gibt es in Tarara, 20 km von Havanna entfernt, seit 1986 medizinische Versorgung für Kinder aus Tschernobyl - zu vollen Teilen vom kubanischen Staat bezahlt. Das wollte ich fotografieren. Außerdem wollte ich die Zuckerrohrverarbeitung dokumentieren. Leider scheiterten diese Vorhaben scheiterten daran, daß ohne öffentliche Akkreditierung im internationalen Pressezentrum nichts läuft. Man ist in dieser Hinsicht sehr dogmatisch und mißtrauisch ausländischen Journalisten gegenüber. Es gab mit Medien wie dem Focus oder dem Spiegel einfach zu viele miese Erfahrungen. Eine offizielle Akkre­di­tie­ rung aber kostet 150 Dollar, außerdem bekommt man einen ständigen Aufpasser neben sich gestellt. So bin ich einfach nur durch’s Land gezogen und habe fotografiert, was ich interessant fand. Entstanden sind eher Reiseimpressionen und Stimmungen - keine Reportage.

Ich war die zunächst in Havanna und später auch in Santiago de Cuba, in mittleren Städten und Bergdörfern. Ich habe Not gesehen, sicher. Aber nicht so, wie es bei uns geschildert wird. Bis auf wenige Ausnahmen habe ich z.B. keine Menschen bemerkt, die hungern oder betteln. Es gibt auch keine Straßenkinder auf Kuba, obwohl Jugendliche zunehmend die Schule vernachlässigen um im Tou-

rismusbereich etwas Geld zu verdienen. Dabei spielt die Familie eine sehr große Rolle auf Kuba. Ich denke, der Familienverbund ist noch zu 100 Prozent intakt. Ich habe bei ganz vielen Familien erlebt, daß alte Menschen nicht in Altersheime abgeschoben werden, sondern zu Hause gepflegt werden. Auch sehr viele junge Leute wohnen noch bei ihren Eltern. Erstens, weil sie sich dort wohlfühlen, zwei-


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tens aber auch, weil sie sich eine eigene Wohnung gar nicht leisten könnten. In letzter Zeit läßt vor allem der Tourismus soziale Probleme stärker hervortreten. So verdient ein Arbeiter z.B. umgerechnet 10 Dollar (der Dollar ist als Zweitwährung zugelassen) pro Monat, ein Taxifahrer dagegen bis zu 30 Dollar am Tag! Ich habe Taxifahrer getroffen, die eigentlich Doktoren oder Uni-Professsoren waren. Gesundheits- und Bildungswesen sind immer noch kostenlos in Kuba. Daran wird hartnäckig festgehalten. Ich war in einem Bergdorf mit etwa 100 Einwohnern in der Sierra Maestra; es hatte eine Schule und einen eigenen Arzt. Lebensmittel sind zum großen Teil rationiert. Jeder Bürger bekommt die Libretta, ein Heft mit Lebensmittelmarken. Diese Art der Zuteilung gab es auch früher schon, entsprechend dem sozialistischen System, an alle gleich viel zu verteilen. Seit 89 sind diese Leistungen jedoch stark gekürzt worden. Viel Leute sagten mir, daß es schwer ist, davon anständig zu leben. Hungern muß niemand, aber es ist knapp, sehr knapp geworden. Die Menschen in Kuba habe ich freundlich, offen und herzlich erlebt. Ich bin auf die Leute zugegangen und habe ein paar Takte geredet, nicht gleich die Kamera gezückt. Wenn man versucht, Kontakt zu bekommen, ist das Fotografieren

überhaupt kein Problem. Es ist oft eher so, daß die Leute zu euphorisch sind, daß man einfach abwarten muß, bis sie sich beruhigt haben um dann zu fotografieren. Sie haben diesen kleinen Drang zur Selbstdarstellung, das gehört zu ihrer Mentalität. Sie freuen sich unheimlich wenn ein Fremder Interesse für sie hat. Politik, die Revolution, Fidel und Che spielen in den Köpfen der Menschen immer noch eine sehr große Rolle. Ein Großteil der Bevölkerung hat ja damals den Aufstand gegen den Diktator Batista unterstützt. Diesen Kampf um ihre Freiheit haben sie gewonnen. Da wurde zunächst nichts von der Sowjetunion übergestülpt. Erst 61 als die USA mit einer Invasion gedroht haben, mußte sich Castro der Sowjetunion zuwenden um Schutz zu bekommen. Im Denken über diese Ereignisse und ihre Geschichte gibt es vor allem Unterschiede zwischen Stadt und Land. In Havanna oder Santiago, wo es die meisten Touristen gibt, stehen vor allem Jugendliche, die die Revolution nicht selbst erlebt haben, der Sache viel kritischer gegenüber als die Alten. Die Kids sehen natürlich die Touristen mit ihren Swatch-Uhren und Nike-Schuhen und sagen, ich will das auch. Auf dem Land stehen die Leute vielmehr hinter der ganzen Sache. Aber natürlich geht es den Leuten dort auch materiell etwas besser,

weil sie sich selbst versorgen können. Sie sind fast autark. Sie müssen ein Soll abgeben, den Rest können sie auf freien Bauernmärkten - die seit kurzem wieder erlaubt sind - selber verkaufen. So haben sie einfach genügend zu essen. Es gibt natürlich Leute, die die Nase voll haben. Aber fast alle, auch die Jugendlichen, glauben zu wissen, was passieren würde, wenn die Amerikaner zurückkämen - wie vor 59. Sie sind durch ihre Bildung, und ihr Wissen über ihre Geschichte einfach sehr stolz. Sie haben Kritik an Castro und auch an dem System. Aber sie glauben, es ist der richtige Weg für Kuba. Nur so können sie souverän bleiben. Und Castro wird vor allem verehrt, weil er selbst seinen Kopf hingehalten hat, damals. Natürlich hat das Land auch seine Schattenseiten. In Baracoa, einem kleinen Ort im Osten, sprach ich mit jemandem, der auf Grund seiner Homosexualität keine Ausreisegenehmigung bekommen hat. Eine andere Sache ist, das HIV-positive Menschen in Krankenlager gesteckt werden, in denen die Verpflegung zwar sehr viel besser ist, die aber praktisch wie Gefängnisse sind. Das finde ich schon ziemlich bedenklich. Ich habe Prostitution gesehen, die gibt es seit einigen Jahren. Aber man darf Kuba - das ist das Problem hier in den

Kuba via Internet


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westlichen Medien - nicht an Europa messen. Vergleicht man das Land mit Honduras oder Nicaragua schneidet es in sozialer Hinsicht immer noch sehr viel besser ab. Es wird viel getrunken auf Kuba. Man kann bei Rum fast schon von einer Volksdroge sprechen. Die Leute feiern unheimlich gern und abends wird Rum getrunken, ganz einfach. Von harten Drogen dagegen habe ich überhaupt nichts bemerkt. Das liegt, denke ich, zum einen an der Abschottung des Landes aber auch am Aufklärungs- und Bildungsgrad der Menschen. Den meisten wird eben die

stoffproblem, das Lebensmittelproblem, die Verschuldung im Ausland, das nahezu totale Wirtschaftsembargo machen die Situation höllisch schwer für Kuba. Von der Partei werden permanent Durchhalte-Dekrete und Parolen herausgegeben. Es lassen sich auch immer noch Leute mobilisieren. Trotzig glauben sie, wenn diese Sache zusammenbricht, werden die Yankees kommen und dann wird es ganz schlimm. Über die Zukunft Kubas kann man nur spekulieren, besonders seit es freie Hand für ausländische Investoren gibt. Sie stellen zunehmend politische Forderungen,

so daß der Staat in einer Zwickmühle ist. Natürlich braucht er einerseits dringend die Devisen, andererseits aber will er sich nicht abhängig machen. Die Auslandsverschuldung Kubas ist derart hoch, daß keine neuen Kredite aufgenommen werden können. Dabei bäuchte gerade die vernachlässigte Industrie riesige Investitionen. Es wird sehr schwer sein, diesen Spagat zwischen vorsichtiger Öffnung und Souveränität aufrechtzuerhalten. Auf lange Sicht wird sich die Abhängigkeit von ausländischem Kapital verstärken. Wie in anderen lateinamerikanischen Ländern auch werden die USA durch Investitionen an Einfluß gewinnen. Ob es dann demokratischer wird, bezweifle ich. In der Kommunistischen Partei gibt es verschiedene Strömungen. Es gibt die Kräfte auf Castros Linie und noch härtere, die für eine totale Abschottung plädieren. Und es gibt diejenigen, die sehr viel liberaler eingestellt sind als Fidel. Der ist immer noch die Integrationsfigur. Schwer zu sagen, was nach Castro kommt. Ich habe oft ganz verschiedenen Menschen in der Stadt, auf dem Land, Alten, Jungen immer wieder die Frage gestellt: ‘Was glaubst Du, wenn wirklich freie Wahlen wären, wie würde Castro, wie würde die KP abschneiden?’ Die einhellige Antwort war immer, sie würden wahrscheinlich die Mehrheit kriegen.

Möglichkeit geboten, eine ordentliche Schulausbildung, ein Studium oder eine Lehrstelle zu bekommen. Perspek­tiv­lo­ sig­keit und Zukunftsängste sind so nicht an der Tagesordnung. Außerdem drohen natürlich drakonische Strafen. Im Verkehrswesen hat sich die Situation auch verändert: Nach dem Ausbleiben der Öllieferungen durch die Sowjetunion gab es Riesen-Engpässe beim Treibstoff. Heute ist es so, daß das Verkehrsnetz mit Bussen und Bahn immer noch sehr eingeschränkt ist, aber läuft. Es fährt z.B. nur einmal am Tag ein Zug von Havanna nach Santiago, der zweitgrößten Stadt, aber man kommt durchs Land. Alte Autos werden immer wieder von vorne bis bis hinten zusammengeflickt, die Häuser werden notdürftigst renoviert, es gibt kaum Neubauten. Außnahmen bilden Hotelanlagen mit ausländischem Kapital. Das Treib-


Selbsthilfe 23

Das internationale Netz der Strassenzeitungen ­INSP der 2. Konferenz waren bereits über 20 weitere Zeitungsprojekte aus Europa, Amerika, Australien und Südamerika mit Beobachterstatus anwesend. Der Jahresbericht zeigt die eindrucksvolle Tätigkeit des Netzes auf: Die Adoption von Na Dnye, der Strassenzeitung aus St. Petersburg war äusserst erfolgreich. Die gut funktionierenden Stras­­senzeitungen unterstützen Na Dnye mit über 50.000 Fr. Eine Ausstellung der INSP gab dem Zeitungsprojekt eine grosse Öffentlichkeit. Die Stadtverwaltung von

mehr. Speziell in Kapstadt kommen viele Alko­holkranke dazu, denn noch immer bezahlen 40% der Weinproduzenten der Wein­bauregion mit Naturallohn, sprich Alkohol. Die Initiative von Big Issue South Africa, welche neben der Zeitung noch weitere Projekte vorbereitet, ist dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Auch Surprise wird sich an der Adoption beteiligen. Weiteres Thema war das Austauschprogramm. Im vergangenen Jahr konnten auch wir davon profitieren. Einmal mit

St. Petersburg entschloss sich daraufhin, den Zeitungsleuten, die vorher in einem ungeheizten Keller produzierten, Büroräumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Ein Bericht über die Menschenrechtsverletzungen an Obdachlosen in Russland konnte in Amerika den Vereinten Nationen vorgelegt werden. Für das Jahr 1997 wurde nun The Big Issue South Africa adoptiert. Debi Diamond stellte die Situation in Südafrika vor. Trotz der gewaltigen Umbruchsituation können die riesigen sozialen Probleme nicht kurzfristig gelöst werden. Es gibt viele Obdachlose: Ex-Gefangene, Flüchtlinge und Township-Bewohner. In den Grossstädten funktioniert die gegenseitige Gemeinschaftshilfe nicht

der Teilnahme an einem Layout-Kurs in München, einmal mit der Teilnahme an einer Austauschwoche in Mailand bei der Zeitung Terre di Mezzo. Auch dieses Jahr sind wieder Austauschprogramme geplant. Auch am europäischen Marsch gegen Armut und Ausgrenzung wird das INSP sich beteiligen. • Die Berichte der einzelnen Projekte aus all den verschienen Ländern zeigte einmal mehr in beeindruckender Vielfalt der Ideen, wie auf unkonventionelle Weise in Selbsthilfe viel bewegt werden kann. Vielerorts werden diese Initiativen von staatlicher Seite gefördert, da sie mit grossem Erfolg Arbeit und Wohn­möglichkeiten für Obdachlose schaffen. Hans-Georg Heimann

Folgender Artikel erreichte uns über das Internet. Das Netzwerk INSP wurde im Juli 1994 gegründet. Es repräsentiert eine Gesamtauflage von über einer Mio. Hefte im Monat und arbeitet mit -zigtausend sozial ausgegrenzten Menschen in ganz Europa zusammen und lässt die Strassenzeitungen mit gemeinsamer Sprache sprechen.

I

m September 1991 wurde in London The Big Issue, die erste Strassenzeitung Europas ins Leben gerufen. Die Body Shop-Stiftung unterstützte das Projekt von Anfang an. Das Blatt, das von Obdachlosen auf der Strasse verkauft wird, gibt den Verkäufern Hilfe zur Selbsthilfe, indem sie sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und somit wieder Selbstachtung erlangen können. The Big Issue half bei der Gründung von Schwesterblättern in Schottland und Irland. Der Erfolg des Blattes ebnete den Weg für weitere Strassenzeitungen in 13 europäischen Ländern. Auf bisher einzigartige Weise sehen es diese Medien als ihren Auftrag an, sich für eine soziale Veränderung der Gesellschaft einzusetzen. In der Charta vom 8. Oktober 1994 verpflichten sich die dem INSP angeschlossenen Zeitungen, alle ihre Gewinne, die ihnen nach Abzug für notwendige Investitionen noch verbleiben, für die Unter­stützung der Verkäufer zu verwenden. Der Gewinn darf nicht in private Taschen abfliessen. Die Arbeit des INSP wird von der Europ. Kommission finanziell unterstützt. Bei


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Motten

Motten werden sie genannt. Oder auch Ratten. Für unnütz gehalten. Als lästig empfunden. Wie Ungeziefer. Kinder. Armut treibt sie auf die Straße. rechtlos sind sie dort. benutzt und mißbraucht. Weggeworfen und vergessen. Von der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Millionen von ihnen organisieren ihr Leben. Voller Phantasie. Und Energie. Solange sie können. Auch Straßenkinder haben Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Und auf unsere Solidarität.

Kinderherz

Ich wühle mich in Dein Haar und luge daraus hervor wie aus jenem Versteck der mir ein sicherer Ort war in meiner Kinderzeit Ich lehne mich an Dich wie an diesen Baum der groß und stark war in jenen Tagen Ich halte Dich wie die Katze die mir ein treuer Freund war damals in meiner Kinderzeit Und jetzt sehe ich Dich wie Dir schwer wird ums Herz Du - mit meinem Kinderherz in Deiner Hand Augen schließen sich fallen lassen schließ die Tür und halt mich fest

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von terre des hommes

Ein Gruss Trug

Die Wolken ziehen am Himmel vorbei, lautlos und so weich und zart, man könnte fast meinen, mit ihnen kuscheln zu können. Doch leider ist alles nur ein Trug. Sie sind naß und kalt, und man könnte sie niemals greifen. Du dachtest auch, Du könntest auf einer Wolke schweben. Doch auch Du wurdest betrogen. Du wolltest nur ein bißchen Glück und Freiheit genießen, und wurdest eiskalt fallengelassen. Sie haben Dir Dein Glück und Deine Freiheit genommen. Ein Sommer nach dem anderen vergeht. Ein Winter verstreicht nach dem anderen. Keine der Zeiten wird mehr sein, wie sie einst mit Dir waren. Es tut weh zu wissen, daß jemand aus meinem Leben verschwindet, den ich sehr gut kannte, respektierte und liebte. In Liebe, Deine A.!

Ninive New York Babylon Berlin Köln Frankfurt wie ihr auch alle heißt Babylons dies Zeit das Haupt dieses Täufers auf meinem abgetrennten Rumpfe Gorgonenkälte starrt aus meinen ausgestochenen Augen Seid mir gegrüßt Strandgüter der Großstädte Brüder und Schwestern der Slums unserer Neo - Metropolen Huren und Strichjungen Straßenkids die ihr jungfräuliches Gewissen für 30 Mark die Stunde auf ihrem Rücken tragen festgenagelt am Kreuz des kalten Beton der Millionenstädte Seid mir gegrüßt Koksschnüffler Alkoholleichen Penner und Stadtneurotiker der Slums dieser verkommenen Welt Höhlenbewohner Brooklyns seid mir gegrüßt Aussätzige Aidskranke Kriegsinvaliden unvereinigte einige Gemeinschaft der Einsamen der Straßen des ewigen Wohlstandsgeierfraß Lumpenproletariat Straßenkids GroßstadtkriegerInnen seid gegrüßt von einem obdachlosen Poeten aus dem Pfälzer - Wald der heute Nacht im Wald den aufgehenden Mond anlächelt und mit seinen Gedanken bei euch ist! Hans Wagner


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November in Europa Nieselregen Nebelschwaden selbst der Mond der kriecht gebeugt von den Novembertagen Und wie jedes Jahr um diese Zeit träum ich diesen einen Traum von viel Wärme Freundschaft Helligkeit und viel Grün an jedem Baum

Über den Gebrauchswert von Gedichten Eines der ersten Gedichte, das ich schrieb verfaßte ich vor über zwanzig Jahren auf Toilettenpapier im Knast von Griechenland es war ein sogenanntes Langgedicht Als man uns die Rationen kürzte unter anderem auch Toiletten + Schreibpapier als ich vom Selbstangesetzten Dünnschiß bekam konnte ich mein erstes politisches Zwangsgedicht auf seinen Gebrauchswert hin untersuchen. Hans Wagner

Du sagst Du hast mich zum Fressen gern und ich wäre gern 100 Kilo schwer damit Du Dich richtig satt essen kannst goes lyric


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Der GROSSE Platz Die Kontakte zur italienischen Straßenzeitung PIAZZA GRANDE bestehen seit Gründung von ZEITDRUCK. Schon in der ersten ZD-Ausgabe 1994 druckten wir eine Grußadresse der PIAZZA ab. Bald gab es auch persönliche Kontakte...

I

m Frühjahr dieses Jahres waren Luggi und ich für die Redaktion zu Besuch bei der Obdachlosenzeitung Piazza Grande in Bologna. Bei der Piazza Grande (der große Platz) sind vom Chefredakteur bis zum Zeitungsverkäufer alle obdachlos. Die Zeitung trägt sich allein durch den Verkauf. Der Preis der Zeitung entspricht dem einer Tasse Kaffee, je nach Stadtviertel zwischen 1900 und 3200 Lire (1,50/2,60 DM). Die Zeitung existiert seit fünf Jahren und erscheint einmal im Monat. In Bologna gibt es ca. 6000 Obdachlose, und ich hatte den Eindruck, daß jeder in irgendeiner Weise mit der Zeitung zu tun hat. Wir wurden sehr herzlich in Bologna empfangen und hatten gleich ein volles Programm. Zuerst zeigte uns Angelo, unser Dolmetscher, die Stadt. Bologna ist die älteste Universitätsstadt Italiens und wimmelt daher von Studenten. Die Stadt wird von einem kommunistischen Bürgermeister regiert. Es gibt dort erstaunliche Straßennamen, wie Via Stalingrado oder Via Lenin. In der Redaktion herrschte reges Treiben. Einige Obdachlose ruhten sich hier vom Streß der Straße aus, die meisten aber arbeiteten an der nächsten Ausgabe. Wir nahmen an einer Redaktionssitzung teil, und obwohl wir kein Wort verstanden,

»Ohne P ersonala lassen usweis die un s nicht wäh-

spürten wir, wie sehr alle bei der Sache waren. Beeindruckend war für uns, wie sie versuchten, ihre eigenen Probleme in den Griff zu bekommen. Man hatte für uns einen Besuch im einzigen Obdachlosenheim Bolognas organisiert. Am Eingang standen Polizisten und kontrollierten die Ausweise. Auf Grund des starken Drogenkonsums ist das Heim ständig verschlossen und überall sind Videokameras angebracht. Es war wie im Knast. Das Heim bietet Platz für rund 100 Wohnungslose, aber der Aufenthalt ist auf ein halbes Jahr begrenzt. Als wir uns an einer Bushaltestelle an eine Schaufensterscheibe lehnten und dabei den Alarm auslösten, kam sofort die Polizei. Dazu muß man wissen, daß die Drogenkriminalität in Bologna sehr hoch ist. Nach kurzer Zeit wurden die Beamten aber sehr freundlich und wir unterhielten uns eine ganze Weile über das Essen. Währenddessen stand ihr Streifenwagen auf der Straße und blockierte den Verkehr. Abends in einem Club lernten wir eine Punkband kennen. Sie gefielen uns so gut, daß wir für sie in Berlin gleich ein Konzert orgnisierten. Ralf + Luggi

n wir ebe ehmen n n n a .« »D arte Kreditk unsere

Freiheit Freiheit kann Himmel und Meer sein Freiheit kann Feuer und Wasser werden Freiheit kann Mensch oder Welt sein darin verliert man und dort gewinnt man jeden Tag aber man kann keinen Sonnenstrahl berühren Freiheit kann man nicht besitzen. Manchmal tut auch weh, was man nicht besitzen kann. Im Namen der Freiheit kann man nichts erhalten FREIHEIT ist wie der Rauch einer Zigarette und macht tausend Kreise in der Luft, wallt auf wie das Salz und verschwindet. In den Wind geschrien gibt sie kein Echo Freiheit zerstört, vernichtet aber dann spürst du sie, Herrscher deiner Gedanken, Herrscher deiner Wünsche. Freiheit ist kein Anklageindex aber ist Freude und Schmerz. Ist Freiheit gut oder schlecht? Sie geht durch deine Venen. Freiheit hat keinen Preis und keine Worte sie hat nur eine Stimme, die nur dein Herz hören kann. Aber es gibt immer Taube, die sie nicht hören können, es gibt den Bösen, der nicht fühlen kann es gibt den Bösen, der nichts verstehen kanr es gibt den Auserwählten der sie nur lieben kann. von Giovanna, die mit 15 Jahren von zu Hause fortlief, aus PIAZZA GRANDE

: Viva Italia!

Cartoon: PIAZZA GRANDE


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Eine

M

in Berlin

orgens fahre ich zur Arbeit tief an zu wundern, warum ich überhaupt ich, daß einige Organisationen hier in in den Osten und dabei wohne hier bin. Berlin ist die interessanteste Deutschland versuchen, Jugendlichen in ich ganz im Westen. Ich möchte Stadt, wo ich bis jetzt drin gewohnt habe. Not zu helfen ein Leben mit Arbeit und immer auf der rechten Bank von der Es gibt unendlich viele Möglichkeiten. vielleicht noch einer eigenen Wohnung S-Bahn sitzen, aus dem Fenster schau- Das Tollste daran ist, das es ständig ab- aufzubauen, weg von ihre schlechte en, um mich zu erinnern wo „ick“ bin. wechselt. Berlin ist erfrischend. Seit ich Zustand und in schlimmere Fälle, von Ich komme aus die Vereinigten Staa- hier bin, habe ich Leute aus überall von ihre Drogensucht sie zu befreien. Bei der Welt kennenge- uns gibt es auch weniger Möglichkeiten ten. Dank die finanziellernt, und an ver- für die Jugendliche, und sie langweiligen le Unterstützung von Alien schiedene Küchen sich. Es wundert mich nicht, daß der der Konrad Adenauer Manchmal fühle ich mich wie Indisch oder Drogenkonsum sich bei die Jugendlichen Stiftung kann ich hier wie in diesem Sting-Song, Türkisch probiert. in die Staaten sich gesteigert hat. Wenn studieren, wohnen und nur daß ich kein Engländer bin, Persönlich ist mir immer gesagt wird „Finger weg!“ und gleich­zeitig ein neuen und nicht in New York lebe. was passiert, das „Du bist viel zu jung“, dann wächst die Blickwinkel aufbauen. Aber jeder kann dieses Lied wohl irgendwie auf sich beziehen. wäre vor zehn Jah- Neugier und die Gedanken: „Irgendwas Ich bin seit April hier in Man hängt an seinen re unmöglich ...ich will ich gegen diese eingeklemmte Leben Berlin und fühle mich Gewohnheiten, so wie er singt: habe sehr gute tun“. Dazu kommt, auch in Amerika ist schon eingewohnt. Hab „Ich trinke ich keinen Kaffee, mich bei den Anmel- ich bevorzuge Tee, meine Liebe...“. Freundschaften die Kernfamilie ausgestorben und viele mit einige ehema- Jugendliche haben kaum Bezugspersodeamt als „Berlinerin“ Zum Beispiel bin ich nicht lige DDR Bewoh- nen. Sie nehmen Drogen, um aus diese umgeschrieben, bei der an Vollkorn-Brot gewöhnt, ner und fand mei- Realität zu entfliehen. Einige werden Uni immatrikuliert, be- zu Hause ist es immer wunderbar weiß. Ich bin auch mit Oompahne beste Freundin leider süchtig. Folgeerscheinung ist eine zahl meine Miete. Habe Bands nicht sonderlich vertraut, Elena aus Rußland. steigende Jugendkriminalität, immer eine tolle Freundeskreis aber kennst Du z.B. In der Schule, wur- mehr laufen von zu Hause weg, lehnen aufgebaut, geh öfters die letzte Platte von LL Cool J? de uns immer vor- offen die Gesellschaft ab. weg, die Stadt unsicher I’m an American in Berlin. Wo-oh. geworfen, daß die Der Politik fällt zu dieser Entwicklung machen. I’m an Alien, I’m a legal Alien. Kommunisten Feinde sehr wenig ein. Außer dem Allheilmittel Es kommt aber vor, daß seien. Ich hätte nie ge- „ null Toleranz“, was nichts anderes beich Heimweh bekomme. Berlin ist Arbeit im Lauf. Ich glaube manch- dacht, daß ich „Glasnost“ erlebe, daß die deutet als Repressionen gegenüber den mal, Deutschland und die Einwohnern Mauer runter kommen würde und daß Schwächeren in dieser Gesellschaft. Eine laufen wie eine Uhr, mit kein Zeit oder ich sogar täglich von West in Ost fahren kurze Zeit half diese Haltung gegen die Kriminalität, aber jetzt Raum für Variation. Die Berliner arbeiten, dürfte. werden die Probleme arbeiten, arbeiten und am Wochenende Ja, diese Freiheit ist, was Freunde noch größer. Einige ist es absolut „heilig,“ alles dicht. Es gibt mir am liebsten hier Freunde sind wie Kerzen. Polizisten sehen sich jetzt ein Gedrängel bei mir, schnell zum gefällt und was bei Sie erhellen dein Leben, als Mitglieder der BürSupermarkt am Freitag zu gehen, sonst uns fehlt. Wenn meine haben verschiedene Formen, gerwehr, daß die arme würde ich am Wochenende verhungern. Freunde zu mir sagen, können sehr romantisch schwarze GesellschafIch vermisse billige Levis, Kaffee im Amerika sei „das Land oder tröstlich sein, wenn etwas nicht stimmt ten aufräumen muss. Becher zum Mitnehmen, Filme in die der unbegrenzten Mögmit der Elektrizität. Die Mord Zahlen, rasoriginell Sprache und Feiertage wie lichkeiten oder Freiheit“, Leider brennen manche muß ich lachen. Die an beiden Enden, sistische Gewalt und „Halloween“. Anzeigen an die PoNoch eine Sache, die mich stört ist reden über die gleiche einige haben kürzere Leben, lizei sind gestiegen, die Bürokratie. Es gibt Prozeduren für Land, wo erst ab 21 Uhr und das Wachs die Jugendkriminalität alles, ein Millionen Blättern ausfüllen, darf man in die meisten von so manch einer in Amerika ist viel verschiedene Ämter besuchen mit ihren Klubs gehen. Kein Bier, bekleckert dich, und es ist schwer, höher als in Deutschverschiedenen Sprechstunden, lange Wein, oder sonst was es herauszubekommen. land. Anstatt mehr warten und dann erst bekommst du, was alkoholisches darf in Trotzdem hältst du Öffentlichkeit gezeigt nach immer Polizisten, soll man du brauchst. mehr Sozialarbeiter In die Ämter ist Unfreundlichkeit. Leute werden. Man kann be- neuen Kerzen Ausschau, einsetzen. Berlin übersind mir lebendiger und freundlicher zu haftet werden, wenn denn ohne sie legt sich, ob sie dieses Hause. Es gibt hier fast nur lange Ge- man am Strand nackt bliebest du in der Dunkelheit. Modell übernehmen will. sichter in U-Bahn, keiner lächelt auf der um läuft. Du darfst fast Ich frage mich bloß warum. Straße, keiner grüßt dich in die Läden. nirgendwo eine Zigarette anHier, glauben die Deutschen, daß die zünden. Du darfst nicht zu laut sein, auch Sollten wegen vieler ängstlicher Gründe „Amis“ mit ihrem Lächeln und Grüßen tagsüber, sonst stehen die Polizei bei dir eventuell tausende Jugendliche mehr zu sind oberflächlich. Vielleicht hängt es an der Tür. Du darfst nicht zu schnell Hilfebedürftigen werden, sollen noch mit dem Wetter zusammen, weil es in mit deinem Auto fahren, sonst steht die mehr im System verloren gehen? Glaub´s Polizei schon wieder bei dir. mir, es würde noch teurer werden. Deutschland viel bewölkt und grau ist. Karen O.K., genug. Vielleicht fängt ihr als Leser Seit ich bei ZEITDRUCK arbeite, sehe Amerika goes


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Unter den Straßen Zwei Jahre lang half KARUNA in Zusammenarbeit mit der Europäischen Union mongolischen Straßenkindern. Anja Lehmann fotografierte und beschrieb das Leben der Kinder in Ulan-Bator.


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D

er Tag beginnt für den 14jährigen Mungensuch, die silberne Axt, wie jeder andere seit 3 Jahren auch. Er denkt an seine Familie in Dachan, der zweitgrößten Stadt der Mongolei. Seine Mutter hatte gesalzenen Tee zum Frühstück gekocht. Auch wenn seine Familie in einer ärmlichen Jurte lebte, er den ganzen Tag, wie viele Kinder der Stadt, Limonade für ein paar Pfennige verkaufen mußte, der Vater abends brüllte, warum er so wenig verkauft habe und ihn manchmal dafür verprügelte, so gab es doch so etwas wie Geborgenheit. Er hat 9 Geschwister. Sein Vater, der früher in einer Schuhfabrik arbeitete, hat seine Arbeit mit der Werksschließung zu

um noch einmal, wenigstens für ein paar Minuten, der Realität zu entfliehen. Es ist zwar warm hier unten, aber naß, es hat die ganze Nacht geregnet und der Wasserspiegel ist gestiegen, und mit ihm der ganze Dreck der Stadt. Gestern Nacht vergaß er seine Schuhe hochzustellen, deshalb sind sie jetzt klitschnaß. Mungensuch stellt sich vor, wie er von der Polizei zu seinen Eltern gebracht wird. Das Gesicht seines Vaters, rot vor Zorn, weil er damals das wenige Geld, daß er eigentlich zum Limonaden-Einkauf benutzen sollte, um diese dann wieder zu verkaufen, mit seinem Bruder in „Archi“ umgesetzt und versoffen hatte. Nach dem kurzen Rausch war beiden klar ge-

wirklich eine Leistung bei seinem „Verdienst“, der kaum zum Leben reicht. Seit Mungensuch seinen Bruder im Gefängnis besucht hat, ist es bei ihm vorbei mit „krummen Geschäften“. Sein Bruder hatte sich sehr verändert, er sah so alt aus, nie hat er gelacht oder auch nur gelächelt, als er ihm erzählte, daß er tagsüber auf dem Feld arbeiten muß, daß die Mahlzeiten aus Wassersuppe mit Kar­toffelstücken bestehen. Es gibt für jeweils 3 oder 4 Kinder eine Metallschlüssel und jeder muß so schnell essen wie er kann, denn der nächste Durchgang wartet schon. Damals hatte sich Mungensuch geschworen, sich niemals ins Gefängnis stecken zu lassen, auch wenn er dadurch manchmal gar

Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs in den Ostblockstaaten verloren. Damals fing alles an. Nur dunkel erinnert er sich an diese Zeit. Und ungern. „Archi“, der mongolische Wodka, ist seiner Meinung nach an allem Schuld. Getrunken wurde zwar schon immer viel, aber auf einmal reichte das Geld der Familie nicht mal mehr zum Essen. Jetzt sieht er sich um, und ihm wird wieder mal schmerzlich bewußt, daß er sich nicht in der heimischen Jurte, sondern unter den Straßen Ulan-Bators in den Heizungs- und Kanalisationsschächten befindet. Keinen Tee und keine Decke, in die er sich jetzt gern einkuscheln würde,

worden, es gibt kein Zurück nach Hause. Vater würde toben wie noch nie. Da beschlossen die beiden, nach Ulan-Bator zu gehen, und sich von „krummen Geschäften“ zu ernähren. Sie waren immer zusammen, stritten sich nie, bis sie seinen Bruder beim Stehlen einer Lederjacke aus einer Jurte heraus erwischt haben. Zum Gerichtstermin sind ihre Eltern nicht erschienen sein. Wahrscheinlich hat das Geld nicht gereicht. Das ist jetzt 1 Jahr her. Und dafür bekam sein Bruder 4 Jahre Kindergefängnis. Mungensuch besuchte seinen Bruder einmal im Gefängnis und dafür mußte er lange sparen, denn jede Besuchsstunde kostet Geld. Und das ist

kein Geld verdient. Daß es inzwischen im Kindergefängnis ein mongolischkoreanisch-deutsches Projekt na­mens „Scheideweg“ gibt, durch die Europäische Union finanziert, welches sich um eine Liberalisierung der Gesetze und um humanitäre Veränderungen kümmert, und u.a. erreicht hat, daß Besuche kostenlos sind, weiß Mungensuch natürlich nicht. Ein zweites Projekt, ein Wohnhaus für Straßenkinder mit dem Namen Temuulel wurde von KARUNA in Zusammenarbeit mit der EU aufgebaut. 40 Straßenkinder haben nun ein schönes Zuhause. Vielleicht auch für Mungensuch, die silberne Axt, eine Hoffnung? Anja Lehmann

Europa hilft


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...aber Mama weinet sehr... Im Frühjahr 1998 veröffentlichen KARUNA und ZEITDRUCK das Buch »Wenn das Leben uns scheidet - Eltern von Straßenkindern in Deutschland reden«... Das Vorwort zu diesem Band wird Herman van Veen schreiben.

W

o ist Sabine? Ist ihr was pas siert? Unruhig rannte Ute durch ihre Wohnung. Früh war ihre Tochter wie gewöhnlich zur Schule gegangen. Der Mutter sagte sie nur, sie hätte eine Stunde später. Und jetzt dieser Anruf: Sabine sei nicht in der Schule. Ute wußte nicht, was sie denken, was sie tun sollte. Ein Unfall? Eine Entführung? Muß sie ins Krankenhaus? Zur Polizei? Bis die Freundin der Tochter mit ihrer Ahnung rausrückte: ‘Die ist bestimmt in Berlin.’ Beide Mädchen hätten einmal darüber gesprochen, wie sie auf Zoff daheim reagieren würden. Für Sabine gab es nur eines: Abhauen. Ute konnte es nicht begreifen. „Wir hatten doch gar keinen Streit!“ Erst allmählich schränkte sie ein: „Höchstens wegen ihrer Haare. Als sie die sich blond färbte, sagt niemand etwas dagegen. Aber die eine Seite kahl geschoren! Da ging mein Mann hoch.“ Gleichzeitig wollte die 14jährige nichts mehr mit den Eltern unternehmen. Lieber mit der Freundin zur Disco gehen, irgendwo übernachten. „Ich spürte, sie wollte selbständiger werden. Ich erlaubte manches“, erzählt die 45jährige Frau aus einer sächsischen Kleinstadt. „Trotzdem wollten mein Mann und ich uns auch durchsetzen. Wir glaubten, ihr gegenüber sonst an Ansehen zu verlieren.“ Also hieß es ‘Um zehn Uhr bist Du da. Punktum.’ Für Sabine überhaupt nicht einzusehen. Eine Weile machte sie das Kräftemessen mit den Eltern mit. Gehorchte manchmal. Ein anderes Mal kam sie nicht zur vorgegebenen Zeit. Dann packte sie ihren Rucksack voll Sachen, nahm ihr Sparbuch, fuhr nach Berlin, um dort auf der Straße zu leben. Mehr als 7.000 Straßenkinder gibt es offiziell in Deutschland. Die Minderjährigen hausen in leerstehenden oder Be­setzerhäusern, schlafen in Kellern, auf Dachböden oder Parkbänken, leben in zwanghaften Beziehungen bei Zuhältern oder Drogendealern. Sie schnorren, klauen oder schlauchen sich bei Freunden mit Sozialhilfe durch, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. In diese Szene tauchte Sabine ein. Schmiß das Gymnasium und warf ihre eigenen Pläne von einer Banklaufbahn über den Haufen. Nur nicht so werden wie die Eltern! Der ganze Tag

war bei ihnen geregelt. Noch zu Hause fragte Sabine ihre Mutter vorsichtig: „Warum putzt und machst du denn immer nur für die anderen?“ Aufgetankt durch die Punkszene verlor sie Behutsamkeit. „Dieses scheißbürgerliche Leben kotzt mich an. Arbeit, einkaufen, Essen kochen. Immer dasselbe. Ich brauche meine Freiheit“, warf Sabine dann der Mutter an den Kopf. Zweimal wurde das Mädchen mit Irokesenschnitt und schwar­­zen Klamotten von der Polizei aufgegriffen und mußte von den Eltern abgeholt werden. Jedes Mal eine kränkende Situation für beide Seiten, die doch keine Lösung brachte. Nur wieder Konfrontation. „Sie konnte uns nicht sagen, was sie anders machen wollte. Vielleicht hätten wir ja unser Leben umgekrempelt“, meint Ute rückblickend. Fast zwei Jahre lebte sie in Angst und Ungewißheit um ihr Kind. Immer wieder stellte sie sich die Frage, die die Leute auf der Straße tuschelten: ‘Die S. sind doch ganz anständige Leute. Die haben doch noch den Sohn. Warum macht das Mädchen solche Sachen?’ Ja, warum? • Hartnäckig hält sich das Vorurteil, die Eltern von Kindern auf der Straße könnten nur asozial sein, würden saufen und hätten gewiß ihre Kinder geschlagen, mißbraucht. Kinder aus normalen Verhältnissen würden niemals auf der Straße leben. Immer wieder hörte auch Thea solche Sätze von ihren Kollegen im Krankenhaus. Sollte sich die Mutter zweier Kinder eingestehen, daß Jenny abgehauen war? In der Zeitung las die 49jährige über Eltern von Straßenkindern, sie hätten ihren Kindern zu wenig Liebe und Vertrauen entgegengebracht. „Wo sich mein ganzes Leben um meine Kinder drehte. Gemeinsam mit meinem Mann mühte ich mich, ihnen beste Chancen auf den Weg zu geben.“ Rosemarie, die Buchhändlerin, mußte, als ihre Tochter Corinna auf die Straße ging, sich von ihrer Mutter sagen lassen: „Wenn mit dem Kind was passiert, ist immer die Mutter schuld!“ Solche Sprüche sitzen und lassen eine Mauer des Schweigens wachsen, hinter der die Eltern ihre Geschichten verbergen: Geschichten von Liebe und Zuneigung, von Streit, Wut und Überforderung, aber

auch von Hoffnung für das Kind: „Einmal “ - so erinnert sich eine Mutter - „wurde meine Tochter auf der Straße von Zeugen Je­hovas angehalten und gefragt: ‘Gibt es jemanden, der sie wirklich liebt! ‘ Ja, meine Mutter!’ antwortete darauf mein Kind mit Rastazöpfen und schlumpiger Latzhose...“ „...Oft konnte mir mein Junge einfach nicht ausweichen, wenn ich deprimiert oder wütend war und nicht weiter wußte. Wenn ich lieber einen Schreikrampf gekriegt hätte, als mich mit ihm auseinanderzusetzen...“ „Sie ist nicht die leibliche Tochter von meinem Mann. Er war gut zu ihr. Dennoch wünschte sie sich immer, von ihm genauso anerkannt zu werden wie ihr Bruder. Mein Mann konnte ihr dies nicht geben...“ „Noch als 40jährige erstickte mich meine Mutter mit ihrer Autorität. So wollte ich zu meinem Kind nie sein ...“ Satzfetzen aus Geschichten, zu denen Millionen von Müttern und Vätern ihr Erleben hinzufügen könnten. Und doch kommt bei jenen tausenden noch etwas hinzu. Etwas, was dem Geschehen eine Zuspitzung verleiht, was von ihnen nicht mehr beeinflußbar ist. Warum wurden ausgerechnet sie zu Eltern von Straßenkindern? Ganz normale Mütter und Väter: Erzieherin, Mechaniker, Architekt.... Aus Berlin und Kiel, Köthen und München.... Bei Rosemarie und ihrer Tochter Corinna verlieh die Wende in Ostdeutschland ihrem Zusammenleben eine besondere Dynamik. Von ihrem Kinderzimmer aus, sah die zehnjährige, wie die Rechten mit ‘Heil Hitler’-Gebrüll vorbeizogen, die Polizei sie jagte. Sie dachte, es sei der Krieg. Nicht nur von der Mutter, auch von den Lehrern wollte sie wissen, wie sie wählen, die Welt sehen, wollte ihr menschliches Profil erkennen. Doch am Gymnasium ging es nicht um Lebensfragen, nur um Zensuren. Das lebenshungrige Mädchen lief ins Leere. In eine Leere geriet auch Anna aus dem Westen, nach dem Schul­ wechsel in der sechsten Klasse. 30 neue Klassenkameraden und keine Freunde. Auch kein Hobby mehr. Ihr Pony war für die Dreizehnjährige zu klein geworden. Ein Pferd zu teuer. Nichts mehr mit Reiten. Dafür traf sie Punker, die sie in ihre Welt mitnahmen: Abhängen, Partys organisieren, bis mittags schlafen, ein-


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fach zusammensein. Irgendwann landete so auch dieses Mädchen in der Berliner Szene. Und irgendwann bekam auch sie Berührung mit „Karuna e.V.“, einer Or­ ganisiation, die suchtgefährdeten und suchtkranken Kindern und Jugendlichen hilft; der erste Verein Deutschlands, der sich speziell Straßenkindern zuwandte. 1990 entstanden, sind heute 22 Street­ worker und Sozialarbeiter bei KARUNA tätig und vollführen ständig einen Balanceakt: Die Mädchen und Jungen, für die sie da sind, sind oft nicht volljährig, Kinder, die laut Gesetz nach Hause oder in ein Heim geschickt werden; dahin gehören, von wo sie ausbüxten. Sie verstecken sich lieber, leben illegal, als immer wieder diese erniedrigenden Zuführungen zu riskieren. In diesem Dilemma bietet KARUNA den Kids auch Rechtsbeistand. An vier Tagen in der Woche ist eine Gruppe von Mitarbeitern mit einem Fahrzeug

men. Doch um mehr Bedürftigen helfen zu können, müßte dringend eine neue WG zur Hilfe für suchtmittelkonsumierende Jugendliche er­öff­net werden, braucht KARUNA e.V. weitere Suchttherapeuten, mehr Sozialarbeiter... Doch davon können die Mitarbeiter bei der angespannten Haushaltslage nur träumen. Statt dessen stellen immer wieder einzelne Leute die beschwerliche Basisarbeit des Vereins in Frage: „Wenn ihr nicht da wärt, würden die Kinder nicht auf der Straße leben, sondern nach Hause kommen“. Jörg Richert, der 35jährige Vereinsvorsitzende von KARUNA ist anderer Meinung: „Wenn die Jugendlichen abhauen, nehmen sie dem unausgesprochenen Konflikt daheim erst einmal die Luft. Ihn wirklich auszusprechen und zu lösen, fehlt sowohl den Eltern als auch den Kindern das Vermögen...“ Die Jüngsten neun Jahre alt, andere 14,

in denen vor allem die Mütter nur mit Tabletten schlafen können, bei jedem Anruf zusammenschrecken, von der Angst geplagt, ihrem Kind könnte etwas zugestoßen sein. Wochen und Monate, die vor allem die Väter glauben, zu Tagen verkürzen zu können, indem sie von den Sozialarbeitern verlangen: ‘Schickt mir mein Kind zurück. Und zwar sofort!’ Wochen und Monate, die das Kind doch braucht, um sich selbst zu entdecken und abzunabeln. • Ute blieb ein Jahr ohne jedes Zeichen von Sabine, bis ein Sozialarbeiter bei ihr anrief: „Ich soll sie von ihrer Tochter grüßen!“ Gemeinsam vereinbarten sie eine Begegnung mit dem Mädchen. Fröhlich strahlend wie früher trat die Tochter der Mutter gegenüber, drückte sie, machte ihre Späße. Nach Hause zurück wollte sie nicht. Sabine entschloß sich, in einer »Wenn das Leben uns scheidet Eltern von Straßenkindern in Deutschland reden« erscheint im Frühhjahr 1998 beim ZEITDRUCK-Verlag. Barbara Leitner führte Interviews und verfaßte Protokolle nach Gesprächen mit Betroffenen. Das Vorwort zu diesem Buch stammt von Herman van Veen. Die Fotos fertigte Rüdiger Disselberger. Sie können diese Veröffentlichung mit ihrer Spende für „Karuna - Hilfe für suchtgefährdete und suchtkranke Kinder und Jugendliche e.V.“ als anerkanntem Träger der Jugendhilfe auf das Konto 35 406 07 bei der Bank für Sozialwirtschaft, Bankleitzahl 100 205 00 Stichwort „Elternbuch“ unterstützen.

zu den Treffpunkten der Straßenkinder unterwegs, gibt ihnen warmes Essen, Kondome, erste medizinische Hilfe. Am KARUNA-Mobil hören die Mädchen und Jungen von den Hilfeeinrichtungen DrugStop und KOMMA, wo sie billig etwas essen, sich duschen, Wäsche waschen, telefonieren, zu einem Arzt vermittelt werden können. In diesen Läden treffen sich die Kids, bringen ihre Hunde mit, schlürfen einen Kaffee, hören ihre Musik - sind einfach da. Vorausgesetzt, Drogen bleiben draußen. Hier bahnen sich auch die ersten Gespräche an, wenn ein Mädchen, ein Junge merkt, ich brauche Hilfe. Manch ein Jugendlicher fand von hier den Weg zu einer Wohngruppe, einem Schulund Ausbildungsprojekt, schaffte es, von der Straße und den Drogen weg zu komFoto: Rüdiger Disselberger

15, tauchen die Mädchen und Jungen in eine völlig neue Welt ein und spüren oft erst dann, wer sie sind - ohne Vorgaben, Rahmen und Zuwendungen. Sie schlagen sich unter extremen Bedingungen durch und bestehen. Das schafft Selbstvertrauen. Darin stabilisiert KARUNA die Jugendlichen, ist ganz Anwältin für Straßenkinder. Jörg Richert: „Wir sehen zwar, die Mädchen und Jungen sind minderjährig. Doch deshalb nicht minderbemittelt. Wir nehme sie ernst, wenn sie Traurigkeit, Not, Wut, Hoffnung schildern. Sie sollen zu Hause nicht gleich wieder rückwärts laufen, mit dem, was ihnen durchzusetzen wichtig war. Erst dann ist ein neues Zugehen auf das normale Leben und auch auf die Eltern möglich.“ Aber das braucht Zeit. Wochen und Monate,

WG bei einem sozialen Projekt in Berlin zu leben, dort die Schule zu beenden, eine Lehre zu beginnen. Ihre Mutter Ute stimmte schweren Herzens und ohne Zögern zu, die inzwischen 17jährige damit vorzeitig in die Selbständigkeit zu entlassen. • Neulich besuchten die Eltern ihr Kind. Brachten ein Auto voll Hausrat. Halfen ihr, das Zimmer zu renovieren. Gingen zusammen Essen - Mutter, Vater, Sohn und Tochter, eine Punkerin, mit drei Hunden. „Klar“, sagt die 46jährige Mutter trotzig und traurig zugleich, „andere Kinder in dem Alter leben noch zu Hause. Trotzdem denk ich froh an mein Kind. Wir fanden uns wieder und sie führt jetzt das Leben, so wie sie es will und kann.“ Barbara Leitner


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goes darkness

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Wenn ich einmal sterbe Wenn ich sterbe, möchte ich mein Leben gelebt haben. Das heißt aber nicht, daß ich dazu alt werden muß. Ich möchte viel Spaß und Party gehabt haben. Aber ich will auch was erreicht haben. Irgendwas, wo ich sagen kann, das es mir etwas gebracht hat. Wie ich aus dem Leben will, weiß ich noch nicht, aber es soll am besten sanft sein. Am allerbesten wär es nach gutem Sex zu sterben.

Eine kleine Geschichte

Erwachsen werden bedeutet- die Distanz zwischen unseren Träumen und der Wirklichkeit zu verringern. Ich weiß nicht, was der Sinn des Lebens ist aber in meinen besten Momenten habe ich eine Ahnung. Versuche nicht die Splitter meines zersprungenen Herzens aufzusammeln und zusammenzufügen -

ia ic r t W

ie

Durch die grauen Gassen läuft ein kleines Mädchen. Sie schaut in die grauen Gesichter der Menschen. Das kleine Mädchen ist anders. Ihre Augen leuchten bunt in dieser grauen Welt. Sie hat ihre innere Kraft, sie hat ihren Willen. Das kleine Mädchen hofft, daß ihre Augen nie grau werden. Sie hofft, daß ihre Seele nicht stirbt, in dieser grauen Welt.

In meiner kleinen, schwarzen Welt ist immer genug Platz für Träume. Wenn ich mich wegträume , gibt es keine Probleme mehr.

a

Grau/Bunt/Leben

Träume

P

Der Tod grinst in ihnen. Leben. Sterben. Lächeln. Kann man sagen, was leben ist?

e

Traurige Augen.

k

Was heißt Leben? Ist Glück Leben? Wie mißt man Glück? Was heißt Leben?

b

Leben

Vor Jahren war einmal ein junges Mädchen. Sie hatte lange, lockige Haare. Sie sah hübsch aus. Doch wegen ihrer Haare wurde sie ausgelacht und gehänselt. Das tat ihr innerlich sehr weh, doch sie ließ sich nichts anmerken. Sie verstand nicht, was sie getan hatte. Sie verstand nicht, daß sie für die anderen anders war. Die anderen brauchten aber jemanden als Sündenbock und darunter mußte das junge Mädchen leiden bis lange in ihr späteres Leben. Diese Geschichte wiederholt sich immer wieder in ähnlichen Fällen.


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von Anke

E

s gab da mal ‘nen uhrig großen und dichten Uhrwald. Die Tiere lebten mehr oder weniger glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende, z.B. bis sie an Altersschwäche starben oder eben von irgendeinem anderen Tier gefressen wurden . . Als dann mal wieder der Strom ausgefallen war, kamen ein paar Monate später viele kleine Nachwüchse auf die Welt. Mama Uhrvogel hatte eigentlich mit der Pille verhütet, deshalb bemerkte sie nicht, daß sie schwanger war. Sie flog ma wieder so durch die Gegend, da bekam sie plötzlich ihr Ei. Das Ei fiel aus‘n paar Metern Höhe runter, hatte aber zum Glück ‘ne harte Schale, allerdings hat Baby Uhrvogel irgendwie was abbekommen. Als Baby Uhrvogel dann geschlüpft war bemerkte erst keiner, daß er manchmal aushakte. Eines Tages, Baby Uhrvogel war jetzt schon Teenie Uhrvogel, drehte er wieder durch. Ein Affe gaffte ihn blöd an und da schmiß er mit dem nächstbesten Gegenstand und, oh Schreck, es war die Uhr­walduhr. Die ging dabei kaputt, und nun war alles anders. Die Tiere waren völlig irritiert, so ganz ohne Plan wie spät es war. Sie bekamen nicht mehr genug Schlaf, weil sie ja nicht wußten wann es Zeit war pennen zu gehen. Durch diesen Mangel an Schlaf waren alle total gereizt und streßten sich gegenseitig total ab. Da die Arbeitszeiten jetzt nicht mehr geregelt waren, gabs ‘nen Aufstand. Die Arbeitstiere (Faultiere, faule Säue u.s.w.) kamen, nach Ansicht der Oberkamele, zu spät, nur, wie sollten sie das beweisen .Naja, schlußendlich entschied man, eine neue Uhr muß her. Da Papa Uhrvogel für seinen mindervögligen Sohn verantwortlich war, sollte er eine neue Uhr besorgen. Der sah das aber gar nicht ein und schickte Teenie Uhrvogel los. Teenie Uhrvogel flatterte also los. Auf seinem Weg begegnete er vielen unheimlichen Dingen. Als er in der Nähe einer Stadt Namens nilreB war, sah er viele, riesengroße Dinos und Drachen. Teenie freute sich, seine alten Kumpels ma wiederzusehen, aber die wollten sich nicht mit ihm unterhalten und knurrten ihn nur komisch an. Traurig flog er weiter. Er sah dann noch viele große, harte, sogar glänzende Vögel und solche mit ‘nem Mixer obendrauf. Das verwirrte den armen

so sehr, daß er in Ohnmacht fiel. Als er wieder erwachte sah er ein wunderschönes Vogelfräulein. Er musterte sie von oben bis unten, als sein Blick an ihrem Flügel hängenblieb. Ihm stockte der Atem vor Glück. Das Fräulein war zeitbewußt und hatte ‘ne Swatch am Flügel. So, jetzt kommt die übliche Schnulze :

zu spät... Die Luftbullen waren schon da und nahmen Teenie fest. Da Ampeln überfliegen ein Schwerverbrechen war, stand darauf die Ausstopfung. So endete Teenies kurzes Leben im Bioraum einer (V)erzie­hungs­anstalt für Kinder bis Jugendliche. Fräulein flog blind vor Tränen weiter, um

Ó sie verliebten sich Ó Teenie erzählte ihr die Geschich­­- te mit der Uhr Ó Fräulein sagte, sie will helfen und flog mit Als sie nun auf ‘m Weg nach Hause flatterten, war da auf einmal ‘ne rote Ampel. Teenie kannte sowas aber nich und flog weiter. Fräulein schrie: “HALT!”, doch

wenigstens Teenies “Mission” erfolgreich werden zu lassen. Sie überstand die ganzen Strapazen und brachte Glück und Liebe und dies und jenes ... in den Uhrwald. Alles ward wieder gut, die Löwen löwten wieder, die Bären bärten, die Affen afften, ach ja und Vögel gabs da ja dann auch noch...

Grafik: Fredow


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Zwei von drei Wohnugslosen in unserem Land sind jünger als 27 Jahre.

STIFTUNG BRÜCKENKINDER Hilfe für obdachlose Kinder und Jugendliche in Deutschland

Informationen unter 030 - 55 48 95 26 Kto.-Nr.: 35 406 10 BLZ: 100 20 500, Bank für Sozialwirtschaft Kennwort: „Zustiftung Brückenkinder“


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ZEITDRUCK-Ausgabe Europa