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KALDENS PUBLIKATIONEN 06|2009

Nach 100 Jahren eine Feier? Der 18. Januar 1971 in der Bundesrepublik und das hundertjährige Jubiläum des Deutschen Reichs Von Sebastian Kalden1

„Unweit des Sachsenwaldes, wo Bismarck seinen erzwungenen Ruhestand verbrachte, hat sich ein anderer Staatspensionär niedergelassen – Karl Dönitz, des Reiches letzter Präsident. So eng im Raum begegnen sich hier Anfang und Ende einer Epoche.“2 Mit diesen Worten endete der Artikel Karl-Heinz Janßens in der Wochenzeitung Die Zeit zum Gedenken an den 18. Januar 1971. Er nannte das Deutsche Reich eine Epoche. Nicht die Titulatur war dabei entscheidend, sondern die Bezeichnung für einen temporären Abschnitt. Am 18. Januar 1971 rundete sich der Geburtstag des Deutschen Reichs zum hundertsten Mal und ein großes Jubiläum für Deutschland stand an. Doch was war zu diesem Zeitpunkt Deutschland? Zwei Jahre zuvor hatten die Sozialdemokraten in der Bundesrepublik nach der großen Koalition von 1966 die Regierungsmehrheit mit dem Juniorpartner FDP erlangt. Brandt trat seine Zeit als Bundeskanzler mit einer Regierungserklärung an, die neue Ziele auch für die Außenpolitik ausgab. Die Politik des westdeutschen Staates befand sich im Wandel. Drängendes Thema seit den beiden deutschen Staatsgründungen 1949 war die so genannte ‚deutsche Frage‘3: Wie konnten nach den Verlusten ‚alter‘ Reichsgrenzen zumindest West- und Ostdeutschland koexistieren oder vielmehr ‚wiedervereinigt‘ werden? Die Vorläufigkeit der Bundesrepublik als provisorisches Staatsgebilde wurzelte in deren Verfassung, im Artikel 23 des Grundgesetzes. Mit den vergangenen 22 Jahren bis 1971 hatten sich aber eigene, in ihren Strukturen von einander unterschiedliche deutsche Republiken gebildet. Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik manifestierten sich zu


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politischen Realitäten. Ihr gemeinsamer Ursprung lag im ersten deutschen Nationalstaat, dem Deutschen Reich, begründet. Diese Kriegsgeburt, die im Krieg zwischen deutschen Staaten und Frankreich 1870/71 geschaffen und im Zweiten Weltkrieg 1945 begraben wurde, wird oft als Staat einer ‚verspäteten‘ Nation beschrieben. ‚Die‘ Deutschen hatten im Laufe der weiteren Jahre nach 1945 mit dem Begriff ‚Nation‘ und damit mit ihrer ‚Nationalgeschichte‘ Probleme.4 Durch die Ostverträge der Regierung Brandt akzeptierte die westdeutsche Politik zum ersten Mal die Zweistaatlichkeit und die Zweiteilung der Nation. Im Jahr 1972 ging dann das Deutsche Reich nach 101 Jahren eines mehr oder weniger Bestehens auch formal unter. Wie konnte in einer solchen Zeit dem hundertsten Tag der Reichsgründung 1871 am 18. Januar 1971 gedacht werden und was gab es zu ‚feiern‘?

Ereignisse und Geschehnisse Wer als Bundesbürger von seinem Alter oder historischem Interesse her mit der Kaiserreichszeit etwas anfangen konnte, vermochte den Impetus des 18. Januars 1971 begreifen. Es war ein Werktag, ein Montag, der im Großen und Ganzen wie andere Tage ablief. Doch symbolisierte dieser Tag eine 100-jährige Spanne zwischen der Gründung des Deutschen Reiches 1871 und der Existenz der Bundesrepublik 1971. Eine Analyse des Ereignisses ‚18. Januar 1971‘ muss zunächst nach dem fragen, was speziell an diesem oder im Kontext zu diesem Datum geschah, um im Anschluss auf die Hintergründe der Beziehung der Deutschen zu ihrer ‚kurzen Geschichte‘ eingehen zu können. Den Beginn für das Gedenken an die „100. Wiederkehr des Tages der Reichsgründung“5 setzte am Sonntag, den 17. Januar 1971, der Bundespräsidenten Gustav Heinemann, indem er eine im Rundfunk und Fernsehen übertragene Ansprache hielt. Am Montag, dem 18. Januar selbst, verliefen die ‚Gedenkfeiern‘ zentral an zwei Orten ab. Der Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen, Egon Franke, legte im Auftrag von Bundeskanzler Willy Brandt am Grab Bismarcks in Friedrichsruh einen Kranz nieder. Ebenso taten dies der Altkanzler und CDUVorsitzende Kurt Georg Kiesinger und die schleswig-holsteinische Landesregierung.6 Am Sarkophag des deutschen Kaisers Wilhelm I. im Mausoleum im Berliner Charlottenburger Schlosspark gedachten der Prinz Louis Ferdinand von Preußen und der ehemalige Präsident des Bundes der Vertriebenen, Reinhold Rehs, mit einer Kranzniederlegung des hundertsten Jahrestags.7 Die Vertriebenenverbände traten ebenso als Akteur des Gedenkens an das Deutsche Kaiserreich hervor. So traf sich zum Beispiel der Berliner Landesverband der Vertriebenen vor dem Bismarck-


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Denkmal am Großen Stern im Tiergarten zu einer Kranzniederlegung.8 Es bleibt zu vermuten, dass auf lokaler Ebene solche Veranstaltungen stattfanden – man denke nur an Standort des großen Bismarckdenkmals in Hamburg – und die Verbände mit der Ehrung Bismarcks den Gebieten gedachten, aus denen sie fliehen mussten und die zum Deutschen Reich gehörten. Bundespräsident Gustav Heinemann gab die Tendenz seiner Rede9 gleich zu Beginn vor: „Gedenktage kommen ungerufen.“10 Für Heinemann war lediglich die runde Zahl des hundertsten Geburtstags Anlass, sich zur Reichsgründung zu äußern. Denn nach einer Hundertjahrfeier sei den Deutschen nicht zu Mute gewesen. Die Veränderungen der letzten Jahrzehnte zuerst mit der Bildung zweier Staaten von Kleindeutschen und Deutschösterreichern und dann mit den Staatsgründungen auf dem Boden des zerfallenen Deutschen Reiches mit der Teilung der Hauptstadt Berlin ließen keine Feiern vergangener Zeiten zu. Heinemann bemühte sich um eine genaue Betrachtung der geschichtlichen Ereignisse, um die für ihn uninteressierte Jugend aufzuklären. Er zeigte die Unterschiede zwischen der Bewegung, die durch national-demokratischen Impuls getrieben aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon hervorgegangen war, und der durch Bismarck erlangten Einheit der deutschen Fürstenstaaten auf. So gehöre Bismarck nicht „in die schwarzrotgoldene Ahnenreihe derer, die mit der Einheit des Volkes zugleich demokratische Freiheit wollten“11. Der Bundespräsident wandte sich hier gegen ein Kontinuitätsdenken, das die 100 Jahre von 1871 bis 1971 über die verschiedenen Staatsformen hinweg als gewachsene Einheit der Deutschen mit ihrem Staatswesen sah. Die Reichsgründung sei ohne die Demokraten von 1848 von Statten gegangen: wichtige ihrer Vertreter, wie August Bebel und Wilhelm Liebknecht und andere Sozialdemokraten, saßen zu dieser Zeit in Gefängnissen. In Versailles versammelten sich deutsche Fürsten, Generäle und Hofbeamte, aber keine Volksvertreter. Nach Heinemann habe die Reichsgründung die Verbindung von demokratischem und nationalem Wollen zerrissen. Die Staatsgewalt ginge nicht vom Volke aus, sie läge bei den Fürsten und den Senaten der Hansestädte. Die demokratische Opposition, die eine andere Einheit der Deutschen gewollt hatte, befand sich mit dem Kaiserreich später in Konflikt: die Liberalen, die Katholiken und die Sozialdemokraten. Diese ehemaligen ‚Reichsfeinde‘ versuchten nach 1918 die Weimarer Republik als demokratischen Staat aufzubauen. Heinemann verwies darauf, dass hundert Jahre Deutsches Reich eben nicht ‚einmal Versailles‘ hieße. Vielmehr stehe es für „zweimal Versailles, 1871 und 1919, und dies heißt auch Auschwitz, Stalingrad und bedingungslose Kapitulation von 1945“12. Er ging in seinen Betrachtungen noch vor


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1871 zurück. Denn wenn auch Deutschland vor der Reichsgründung zerklüftet war, so lebten deren Menschen in ähnlichen gesellschaftlichen Ordnungen. Im Jahr 1971 aber sei dies anders. „Nicht nur zwei Staatsgewalten, sondern zugleich auch zwei Gesellschaftssysteme von harter Gegensätzlichkeit“13 bestimmten das Leben der beiden deutschen Staaten. Die Lösung dieses Gegensatzes sah Heinemann nicht in einer Bezugnahme auf alte, vergangene Staatsgrenzen des Kaiserreichs, sondern in der Schaffung einer gesamteuropäischen Grundordnung. Für die Zukunft gelte es, die errungenen, demokratischen Werte der jungen Bundesrepublik weiter zu entwickeln und zu fördern. Nach der Festigung der Demokratie stünde als Aufgabe für die Gesellschaft vor allem die Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit an. Heinemann zieht als Lehre aus dieser – an diesem Tag gedachten – hundertjährigen Geschichte der Deutschen, dass nicht viel aus dem Kaiserreich in die Zukunft mitzunehmen sei, und er versuchte, Nostalgiker zu bremsen und den Blick auf gegenwärtige Probleme zu richten. Durch seine kritischen Anmerkungen bemühte sich Heinemann, die demokratische Qualität der Bundesrepublik von derjenigen des Kaiserreichs abzugrenzen.

Die Bedeutung als Gedenktag Der 18. Januar als so genannter ‚Reichsgründungstag‘ schrieb als Markpunkt der deutschen Nation Geschichte. Was aber stand hinter diesem Datum? In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren in der Frage nationaler Gedenktage heutzutage im internationalen Vergleich vor allem der französische Nationalfeiertag des 14. Juli 1789 und der amerikanische Unabhängigkeitstag des 4. Juli 1776. Konnte sich der 18. Januar 1871 ebenfalls in dieser Weise durchsetzen oder welche Gründe gab es, die es verhinderten? In welcher Konkurrenz zu anderen Gedenktagen hatte er sich zu behaupten? Letztlich geht es um die Frage, welche Überlebenschance das Datum vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in die Bundesrepublik besaß. Hierbei muss das Verhältnis der Bundesrepublik zu Gedenktagen bis in die Zeit der 1970er Jahre generell nachgefragt werden. Der 18. Januar war mit Mythos behaftet, noch vor der Reichsgründung. Am 18. Januar 1701 erhob sich Friedrich I. in Königsberg zum ‚König in Preußen‘ und schuf damit das Königreich Preußen.14 Seitdem hielt dieses Datum Einzug in den preußischen Geschichts- und vor allem Festkalender. Denn Friedrich I. hatte für diesen Tag das Fest des Schwarzen Adlerordens gestiftet. Jedes folgende Jahr wurden preußische Soldaten am 18. Januar mit Orden ausgezeichnet. Die Überschneidung 170 Jahre später mit dem ‚Reichsgründungstag‘ war gewiss nicht zufällig ge-


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wesen, trug doch ihr symbolischer Gehalt schwer: Preußen ging in Deutschland auf und Deutschland erhielt einen preußischen Anstrich. Bis heute ist es unbekannt geblieben, wer es damals entschieden hatte, an diesem Tag das Deutsche Reich symbolisch auf der Taufe zu heben.15 Die preußische Tradition, die dort heraufbeschworen wurde, sieht Salewski in dem Ereignis selbst. Der Spiegelsaal war Teil des Lazaretts der deutschen Truppen im Schloss, der nur für den 18. Januar geräumt wurde und in dem einen Tag später die Verwundeten wieder einquartiert wurden. Die Fürsten in ihrer Funktion als Offiziere und alle weiteren für die Kaiserproklamation wichtigen Personen waren schon in Versailles anwesend. Da mit dem Ordensfest ein Ereignis obligatorisch stattfand, verbanden die Verantwortlichen die beiden Feiern in einem Tag – sparsam preußisch. Dennoch fand eine Inszenierung im Spiegelsaal von Versailles statt. Immerhin rief man das Deutsche Reich an der Krönungsstätte der feindlichen eben der französischen Könige aus, was beide Seiten als Demütigung für die Franzosen verstanden. Zugleich waren alle Fürsten versammelt, um einen ‚aus ihrer Mitte‘ zum deutschen Kaiser zu küren und zu huldigen. Was sich idealtypisch darstellt, verlief in Wirklichkeit sehr viel nüchterner. Denn die versammelten Fürsten wussten nichts recht damit anzufangen, warum sie sich nach der Gründung des Deutschen Reiches am 1. Januar 1871 zwei Wochen später noch einmal trafen. Als der Zweck erkannt war, fielen die Lobreden auf Kaiser Wilhelm I. hölzern aus und nur das Hoch des kaiserlichen Schwiegersohns, dem Großherzog von Baden, auf „Kaiser Wilhelm“, in das die Fürsten einstimmten, konnte der Zeremonie einen Hauch von Würde verleihen. Anders erschien die Stimmung dagegen in den Gemälden Anton von Werners, der insgesamt drei Versionen von dem 18. Januar 1871 gestaltete. Die erste ‚Kaiserproklamation‘ fertigte er im Auftrag des Großherzogs von Baden 1877 zum 80. Geburtstag des Kaisers an.16 Die zweite Fassung 1880–1882 war für die Ruhmeshalle des Berliner Zeughauses bestimmt. Letztlich die populärste und in Kopien und anderen Veröffentlichungen am weitesten verbreitet setzte sich die Friedrichsruher Fassung von 1885 durch, die ein Geschenk der kaiserlichen Familie an Bismarck gewesen war. Alle drei Werke unterschieden sich in ihre Darstellung der Personen. Die Urfassung von 1877 war als Bild der Einheit konzipiert, auf dem sich keine Person besonders hervorhob. Bismarck trug dort, wie in Versailles auch, eine blaue Uniform.17 Mit den zwei weiteren Gemälden erhöhte sich die Stellung Preußens zunehmend und verdrängte andere Fürsten in ihrer Darstellung. Am Ende dominierten in ihrer bildlichen Präsenz Kaiser Wilhelm, der Kronprinz, der Großher-


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zog von Baden, der preußische Kriegsminister Roon und Otto von Bismarck durch seine weiße Kürassiersuniform hervorgehoben die dritte Version.18 Das Gedenken an 1871 oder auch 1701 hatte es schwer, sich in der nun kleindeutschen Bevölkerung zu etablieren. Zum einen konkurrierte es mit zwei weiteren Tagen, die sich ab der Reichsgründung herausbildeten, mit dem Sedanstag und mit dem Geburtstag des Kaisers. Zum anderen waren viele traditionelle Gedenktage nicht durch die Ereignisse 1870/71 aus dem Lebensalltag der Menschen getilgt. So wählte man zum Beispiel für Eröffnungen oder Einweihungen am häufigsten den 18. Oktober, jenen Tag des Sieges bei Leipzig 1813.19 Am ‚Reichsgründungstag‘ wurden lediglich in Behörden und Schulen Feierstunden abgehalten.20 Zu mehr reichte es nicht. Erst nach 25 Jahre konnte der 18. Januar als Gedenktag im Kaiserreich wieder größere Aufmerksamkeit erfahren. Kaiser Wilhelm II. inszenierte die Szene von Versailles nun erneut, indem er zum Schluss seiner Rede bei einem großen Festakt im Berliner Schloss feierlich sein Gelübde erneuerte, mit aller Kraft für die Wohlfahrt des Reiches eintreten zu wollen. Dann brachten die Gäste ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus und so nahm der Kaiser jene Huldigung entgegen, die sein Großvater in Versailles empfangen hatte.21 Am 40. Jahrestag 1911 gedachten man wieder dem Tag der Reichsgründung, allerdings ohne ein Fest für und mit der Bevölkerung zu veranstalten.22 So scheint es mehr Verklärung als klare Erinnerung zu sein, wenn Erhard Eppler zum Volkstrauertag 1961 sprach: „Was waren das für Zeiten, als man den 18. Januar, den Reichsgründungstag, oder den 2. September, den Sedanstag, mit aufdringlichem Gepränge feiern konnte.“23 Diese Zeiten existierten für den ‚Reichsgründungstag‘ schlichtweg nicht. Nur die große Preußenfeier 1901 an Erinnerung an das 200-jährige Krönungsjubiläum war die Ausnahme, die aber in der Deckung der beiden Daten begründet war.24 Nach der Zeit des Kaiserreichs verlor der Tag dann gänzlich an Bedeutung. Nachdem es 1921 eine schlichte Gedenkfeier zum 50-jährigen Jubiläum gegeben hatte, regte die Deutsche Volkspartei Stresemanns im Juli 1922 an, den 18. Januar als Nationalfeiertag einzuführen.25 Der Vorschlag scheiterte. An dem nächsten Jubiläum 1931 erfolgte wieder eine schlichte Feier zum Gedenken26 und im nationalsozialistisch regierten Deutschland trat der 18. Januar sowohl als ‚Reichsgründungstag‘ als auch als preußischer Krönungstag hinter den neu eingeführten Feiertagen der Nationalsozialisten zurück. Bei der Betrachtung fällt auf, dass im Grunde nur bei den Jubiläen das Datum wieder im Bewusstsein auftauchte und nach der Feier verschwand. In der Bundesrepublik wurden die


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weiteren runden Geburtstage, etwa der 80. oder 90., nicht gefeiert. Erst mit der dreistelligen Zahl schien das Ereignis virulenter zu werden. Die Politik der Gedenktage in der Bundesrepublik fiel anders aus. Sie reichten nie weit zurück. Deren Bedeutung erwuchs zum einen aus der nationalsozialistischen Vergangenheit und zum anderen aus der Betonung der eigenen Identität. So gab es Gedenktage, die auf die deutsche Teilung Bezug nahmen, wie den 17. Juni in Erinnerung an den Arbeiteraufstand in der DDR 1953 oder mit an den Mauerbau erinnernd den 13. August 1961. Der Tag der Verkündigung beziehungsweise des Inkrafttretens der Verfassung am 23./24. Mai 1949 sollte auf die eigenstaatliche Identität hinweisen. Vor allem wurde den Tagen gedacht, die mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zusammenhingen. Hierzu gehörten der in der deutschen Geschichte vielfach besetzte 9. November in Erinnerung an die Pogrome 1938, der 20. Juli 1944 oder der Volkstrauertag im Gedächtnis an die Toten beider Weltkriege.27 Gedenktage sollen neben den staatlichen Feierlichkeiten auch ein emotionales Bedürfnis nach Erinnerung in der Bevölkerung fördern. Ziele sind Staatsintegration, Identifikation mit dem politischen System, Konsensstiftung, Erschaffung von Massenloyalität oder Stabilitätssicherung.28 Die Aneignung der Inhalte politischer Symbolik geschieht aus einer Selbstverständlichkeit, die im Konsens der Bevölkerung ruhende Überzeugung, sich selbst über Ereignisse der gemeinsamen Vergangenheit zu definieren. Mit der öffentlichen und rituellen Feier eines Gedenktags wird die Frage nach der Identität sinnstiftend auf wenige Zeitpunkte im Jahr konzentriert beantwortet.29 Um diese Sinnstiftung auch entfalten zu können, muss die Bevölkerung oder müssen die Massen etwas mit dem Gedenken oder dem Bezugspunkt aus der Vergangenheit anfangen können. Gelingt dies nicht, erscheint ein solcher Tag inszeniert, ‚von oben‘ angeordnet und in einer demokratischen Gesellschaft wie der Bundesrepublik nicht durchsetzbar. Gedenktage verlieren nicht unbedingt mit zunehmendem Abstand von ihrem Ursprungsdatum ihre Integrationskraft, sie müssen aber in ihrer Aussage auf die aktuelle Situation übertragbar sein.30 Der 18. Januar 1971 war von seiner Aussage der Reichsgründung nur mittelbar auf die Situation der Bundesrepublik zu transformieren. Gerade dort offenbart sich die Schwäche dieses Tages, wenn die bundesdeutsche Bevölkerung nur noch wenig mit dem Bezug auf das Deutsche Kaiserreich anfangen kann. Als andere Möglichkeit verblieb, den Tag als Geschichtsfeier zu begehen mit einer Präsentation der Vergangenheit in der Gegenwart.31


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Mediale Aufbereitung Eine Präsentation war es nicht, doch mehr ein Gedächtnis. Dies erfolgte auch in den Medien. In der Medienlandschaft der 1970er Jahre dominierte die Presse in viel größerem Maße als heute in Konkurrenz zu den elektronischen Medien die öffentliche Meinung. Der Umgang mit dem 18. Januar 1971 erschließt sich vielfach aus den Beiträgen der Redakteure der großen Zeitungen. Dabei spielt es eine Rolle, wie das Thema des Gedenktags aufgemacht wurde und welche inhaltlichen Unterschiede innerhalb der Presse hervortraten. Der 18. Januar 1971 als 100-jähriges Jubiläum war ein Ereignis von vielen, über das die Medien berichteten. Die Presse der Bundesrepublik widmete sich auf verschiedener Weise dem Gedenktag. Auf die Titelseiten schaffte es das Thema in der Wochenzeitung Die Zeit32 am Freitag, den 15. Januar zentral und den 22. Januar am Rande platziert, im Rheinischen Merkur33 am Freitag, den 15. Januar, mit einem Kommentar auf Seite 1 und am Montag, den 18. Januar, in der Tageszeitung Die Welt34, der Süddeutschen Zeitung35 und in der Frankfurter Rundschau36, die zudem am Dienstag, den 19. Januar, zur Thematik einen Bericht auf der ersten Seite veröffentlichte. In sichtbaren Umfang berichteten die Wochenzeitung Die Zeit, die Tageszeitungen Die Welt und die Frankfurter Rundschau. Drei unterschiedliche Historiker-Generationen37 ließ Die Zeit zu Wort kommen, sie kommentierte den Inhalt der Rede Heinemanns und steuerte Beobachtungen über die Szenerie der Kranzniederlegungen bei. Ähnlich verhielt es sich in der Frankfurter Rundschau. Im Zuge des Gedenktags über hundert Jahre deutscher Nationalstaat nutzten Die Welt und die Süddeutsche Zeitung neben den Kommentaren zum Tagesgeschehen durch laufenden Serien diesen Kontext mit zu berücksichtigen.38 Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hielt sich bis auf die Meldungen über Kranzniederlegungen und den Abdruck der Rede des Bundespräsidenten weitest gehend zurück.39 Im Wochenmagazin Der Spiegel befand sich in der Nummer 4 von 1971 eine Betrachtung des Kaiserreichs und eine Woche zuvor ein Kommentar Rudolf Augsteins.40 Kleinere Zeitungen, wie Der Tagesspiegel aus Berlin, wandten sich lediglich mit den dpa-Meldungen und vereinzelten Kommentaren an ihre Leser. Insgesamt erstreckte sich die Berichterstattung über den Gedenktag von der Mitte der zweiten Januarwoche bis zum darauf folgenden Mittwoch. Mit einigen Artikeln zum Gegenstand und vertreten in zwei Karikaturen41 konnte der 18. Januar nicht zum bestimmenden, aber zu einem gleichwertigen tagespolitischen Thema in der Presse werden.


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In den Programmen der Fernsehlandschaft der 70er Jahre zeigte sich eine Bezugnahme auf den hundertsten Jahrestag. Am Sonntag, den 17. Januar, strahlten der Hessische Rundfunk eine Sendung um 20.15 Uhr aus mit Titel „100 Jahre Reichsgründung“ und der Norddeutsche Rundfunk um dieselbe Zeit „Geburt und Tod des Deutschen Reiches 18. Januar 1871“.42 Das Zweite Deutsche Fernsehen verlagerte in seiner Titelgebung den Akzent auf die Person Bismarcks mit seiner Sendung am Dienstag, den 19. Januar, um 20.15 Uhr (bis 21 Uhr) „‚Was uns Bismarck einst erstritt […]‘ Die Deutschen und ihr Reich“. Diese Sendung bestand aus einer Diskussionsrunde namhafter Historiker43, die sich dem Thema auf dem Hintergrund des aktuellen Forschungstandes nähern wollten. Im Gegensatz dazu strahlte eine Woche zuvor das ZDF mit „Preußen über alles“ einen Beitrag aus, den Der Spiegel auf Grund seiner unwissenschaftlichen Darstellungsweise später verriss.44 Die Thematik um den Gedenktag war somit im Fernsehen vertreten, auch wenn sie es nicht in das erste Programm, die ARD, schaffte. Zusätzlich kam der am Sonntag in allen Rundfunk- und Fernsehanstalten ausgestrahlten Rede des Bundespräsidenten Heinemanns im ZDF eine Sendewirkung zu. Denn Ansprachen des Bundespräsidenten wurden und werden nicht häufig als direkte Liveübertragung unternommen. Heinemann machte in seiner Rede allerdings deutlich, nicht recht zu wissen, was man als Bundesdeutscher mit dem ungerufenen Gedenktag anzufangen habe. Diese Negierung des Anlasses als Botschaft der Rede zeigte seine Wirkung: die Resonanz und Breitenwirkung erschöpfte sich in deren Abdruck in Zeitungen und der gut gemeinten Forderung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, diese in Schulen zu verbreiten.45 Der Inhalt der Rede Heinemanns wirkt aus heutiger Sicht der ‚Besserwissenden‘ nicht sonderlich spektakulär. 1971 erfuhr sie dennoch von Seiten der Opposition kritische Äußerungen.46 Der Generationenwechsel von den Zeitzeugen hin zu den Enkeln der Erinnerung an die Zeit des Kaiserreichs bestimmte zwei Grundrichtungen historischer Betrachtung. Deutsche Geschichte wurde zum einen als verhängnisvolle Verkettung von widrigen Umständen verstanden, die aber auf einer soliden Basis fußte. Diese Basis erschuf Bismarck mit der Einigung der „deutschen Stämme und Staaten“47 im Deutschen Reich. Sein Bündnissystem garantierte Frieden über eine Dauer von über 40 Jahren zwischen den Großmächten in Europa. „Bismarck war [deshalb] ein Mann des Friedens“, schrieb am 19. Januar WeltChefredakteur Herbert Kremp.48 Mit diesem Fundament hätten verständige Staatsmänner Deutschland in eine bessere Zukunft führen können, als dies mit der Absetzung Bismarcks 1890 der Fall war.49 Dieser Gedanke mit einer unverkennbaren


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und offen zugestandenen Bismarckverehrung trat zum Beispiel beim Altkanzler Kurt Georg Kiesinger als ein Hauptmotiv dieser Argumentation auf.50 Die Kommentatoren, die zu dieser Richtung tendierten, gingen diesen Schritt aber nicht gänzlich mit. In der Tageszeitung Die Welt meinte Walter Görlitz, „der 18. Januar [ist] einfach ein großer Tag in unserer Geschichte, unbeschadet aller späteren Schuld“.51 Für das eine Lager der Deutschen sei das Kaiserreich „ein Höhepunkt deutscher Geschichte“52 gewesen. Die zweite Grundrichtung betrachtete die Reichsgründung unter anderen Aspekten. Nicht der für die Deutschen ‚verhängnisvolle Verlauf‘ ihrer Geschichte stand im Mittelpunkt. Vielmehr untersuchten die Verfasser der Zeitungsartikel die Grundbedingungen der Nationalstaatsgründung an Hand der Demokratiekriterien der Bundesrepublik. Ein Punkt, den Gustav Heinemann in seiner Rede ansprach, gewann eine starke Bedeutung: die Reichsgründung fand ohne die entscheidenden Kräfte der Demokratiebewegung in Deutschland statt. Worauf baute ein solches Reich auf, wenn sich von vorneherein Demokratie als politische Forderung und deren Umsetzung in der Minderheit befand, war eine der Hauptfrage dieser Richtung. Das Bismarckbild stellte sich entsprechend anders dar. Wolfgang Bartsch unternahm dahingehend den Versuch, mit alten Geschichtsbildern im Hinblick auf das Deutsche Reich aufzuräumen.53 Er sah Bismarck nicht primär als Konstrukteur der deutschen Einheit, sondern vor allem als findigen Strategen und Politiker. Das Demokratiedefizit im Kaiserreich stellte für Bartsch einen Grund für die Bewertung der Unterschiede zwischen Reich und Republik dar.54 Die Trias der Historiker in der Zeit wies auf die aus ihrer Sicht Ungereimtheiten von 1871 hin: „Die Reichsgründung stand im Zeichen der Entfremdung des deutschen Staatsdenkens von der westlich-demokratischen Entwicklung“ (Schieder). „Heute […] erscheinen überall […] seine [des deutschen Staates] fundamentalen Konstruktionsfehler und Ungleichgewichtigkeiten“ (Bracher). „Was die Zeitgenossen als die Erfüllung der deutschen Geschichte […] feierten, erscheint hundert Jahre später als der Beginn eines Prozesses der Selbstzerstörung[…]“ (Kielmansegg).55 In dieser Grundhaltung waren die Jahre des Reichsbestandes 1945 endgültig vorbei. Die 74 Jahre hindurch mussten die Kräfte der Demokratiebewegung auf einen Neuanfang warten, der mit der Gründung der Bundesrepublik gelang. Insgesamt waren diese Artikel kritisch zur deutschen Frage verfasst. Zu sehr waren die Katastrophen der Vergangenheit präsent, die sich unmittelbar mit der deutschen Nation befassten. Aus dieser Zurückhaltung über die Zukunftsaussichten eines vereinten


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Deutschlands nahmen die Redakteure die Gedenkfeier zum Anlass, über einen anderen Ausweg nachzudenken. Mit der Zäsur von 1945 musste ein neues Kapitel deutscher Geschichte geschrieben werden. Eine ‚Rückkehr‘ zum Zustand der Nation von 1871 erschien nur rechten Ausläufern eine Alternative. Mit der drängenden Berlin-Frage, der Auseinandersetzung der beiden Weltmächte, USA und UdSSR, war die Antwort des Bundespräsidenten in der europäischen Integration zu suchen. Denn die „unauflösliche Verbindung von deutscher und europäischer Frage bestätigt sich auch insofern, als jede neue Nuance auf der europäischen Szene auch neue Perspektiven für die Zukunft Deutschlands als Nation eröffnet […]“56 Die Alternative lautete, die deutsche Frage als solche nicht mehr zu behandeln. Im Verlauf ihrer Geschichte wurde sie zu oft gestellt und falsch beantwortet. Durch ihre Implementierung in einen größeren Kontext, der nun europäischen Frage, lag die Verantwortung für die Zukunft Deutschlands nicht mehr allein auf deutschen Schultern. Diese Perspektive schien für die Zeitgenossen beruhigend zu sein. Aus der Sicht Rudolf Augsteins sollte so nämlich „kein ‚Reichsgründer‘ à la Bismarck“57 über ein vereintes Europa entscheiden. Dilemma der deutschen Nationalgeschichte „Die Szene vom 18. Januar 1871 wirft einen langen Schatten auf die kommende Geschichte dieses Reiches.“58 In dem düsteren Bild der Nipperdeyschen Beschreibung geht es um die beiden deutschen Staaten respektive die beiden Teile Deutschlands. Die ungenaue Begrifflichkeit in Bezug auf Deutschland offenbart die unabgeschlossenen Veränderungen eines deutschen Nationalstaates Anfang der 1970er Jahre. Dessen Geschichte begann am Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 mit der Kaiserproklamation in Versailles. Die Nation im Wartestand, die ihr eigentliches Profil durch den Erbfeind Frankreich erfuhr – sei es in den Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts oder dem Krieg 1870/71, schuf sich ihren Staat und damit den Nationalstaat. Das Bewusstsein, einer Nation zugehörig zu sein, bildete sich in der Bevölkerung, vor allem bei den bürgerlich-bäuerlichen Massen, langsam aber stetig heran.59 Nach Renans These vom täglichen Plebiszit60 über die Nation bedarf dieses gewachsene Nationalgefühl immer wieder seiner Bestätigung. Wie ging die Öffentlichkeit der Bundesrepublik mit ihrem Dilemma um, einen Gedenktag zu begehen, der die nationale Einheit in Erinnerung rufen sollte, wenn gegenwärtig keine nationale Einheit bestand? Kann es dann überhaupt


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ein Gedenken geben, das eine Kontinuität beschwört? Ist die Nationalgeschichte nicht doch ein Irrtum gewesen, den die Gegenwart der 1970er Jahre nicht zulässt? Oder entstand von 1949 bis 1971 eine eigene, bundesrepublikanische Identität, die eine solchen Tag, wie den 18. Januar ad absurdum führte? Der Gedenktag konnte keine positive Verbindung zur Identitätsbildung der Deutschen herstellen. Immerhin lag seine Funktion in dem Gedächtnis an den ersten deutschen Nationalstaates, von dem 1971 keine Rede mehr sein konnte. Erinnert wurde man in dieser Zeit an die Teilung West- und Ostdeutschlands und die Gebiete ‚unter sowjetischer und polnischer Verwaltung‘ im Osten. Jubelfeiern wurden deswegen nicht abgehalten; eher schien das Bild einem Trauertag zu gleichen. Die konservative Seite, wie CDU und Teile der FDP, gedachten der verloren gegangenen Größe eines Reichskanzlers Bismarck. Die SPD hielt sich weitgehend zurück, Brandt ließ sich durch seinen Minister Franke vertreten und erinnerte an die eine Nation, die vor 1871 existierte und noch immer existiere.61 Der Grund für die Verlegenheit der Feiern ergab sich aus der Identitätsleere des verbliebenen Deutschlands. Der 18. Januar 1971 als Gedenktag zeigte den Deutschen in der Bundesrepublik das Dilemma ihrer Nationalgeschichte auf den Punkt gebracht auf. Das Dilemma begann im Ursprung schon vor der so genannten Nationalstaatsbildung 1871. Nicht eine deutsche Geschichte, sondern mehrere deutsche Geschichten konnte man beobachten. Denn, wie die Kranzniederlegungen am Bismarckgrab in Friedrichsruh oder am Sarkophag Wilhelms I. in Charlottenburg zeigten, kreisten die Gedanken der Gedenkenden mehrheitlich um die Preußen, die zu den Führern Deutschlands wurden. Berichte über mögliche Ehrungen süddeutscher oder anderer Förderer der ‚Reichseinheit‘ gab es nicht. Die Person Bismarcks stand im Zentrum der Presseartikel über den 18. Januar. Kontrovers diskutiert dominierte der ehemalige preußische Ministerpräsident und Feder führende Mann des Einigungsprozesses die Sicht auf die Nationalstaatsgründung. Vergessen waren die Auseinandersetzungen mit den ‚Reichsfeinden‘ am Anfang des Deutschen Reiches, zu denen nicht nur Katholiken, Sozialdemokraten oder liberale Demokraten zählten, sondern auch Nationalisten ganz anderer Art. Vor 1871 existierten in ‚Deutschland‘ mehrere deutsche Nationen, die zum Beispiel in Hannover, Sachsen oder Württemberg ihren Ausdruck neben Preußen fanden.62 Sie sollten ihrer Bevölkerung in der ersten Phase des Kaiserreiches mehr Identifikationsmöglichkeiten bieten als die preußisch-deutsch Option. Mit zunehmendem Abstand von den Ereignissen vor 1945 konnte das Dilemma der Deutschen begriffen werden. Bis 194563 war die Betrachtung der Ereignisse von 1871 klar: unter preußischer Füh-


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rung wurde das bis dahin in viele Einzelstaaten aufgeteilte Deutschland als so genannte ‚verspätete‘ Nation geeint. Nun besaß die deutsche Nation ihren Nationalstaat, der abgeschlossen alle Deutschen umfassen sollte. Das deutsche Kaiserreich stellte in diesem Bild den Idealtypus eines deutschen Staates dar. Alle Veränderungen, die nach dem Ersten Weltkrieg stattfanden, sah man als Verstümmelungen und Verletzungen der deutschen Seele. Dieses Motiv konnten die Nationalsozialisten in ihrer Expansionspolitik wieder aufgreifen. Erst in der neueren Forschung konnte dieses Denkmuster widerlegt werden. Die Einigung von 1871 war keine Geschichtsverheißung der Deutschen. Denn bis 1945 konnte sich dieses Bild in seinen Traditionslinien halten. Mit der aus der Sicht vieler Deutschen ‚Zerschlagung‘ des ‚Großdeutschen Reiches‘ durch die Alliierten mussten sich die Anhänger des territorialen Ideals Deutschlands an die Vergangenheit und den Beginn des Kaiserreichs halten. Als Störung empfanden sie es, wenn an diesem Bild gerüttelt wurde. Im Zuge der ‚Fischer-Kontroverse‘64 änderte sich das. Der „Historiker des Übergangs“65 Fritz Fischer räumte zuerst 1961 mit seinem Werk Griff nach der Weltmacht66 mit alten preußischen Geschichtsmythen auf. Durchsetzen konnte er sich anfangs nur schwer. Er stoß dennoch eine Debatte innerhalb der Geschichtswissenschaft über die Rolle der preußisch-deutschen Machteliten im Kaiserreich und ihre Rolle im Bezug auf den Ersten Weltkrieg an, die unter seinem Namen bekannt wurde. Dieser allmähliche Wechsel in der Betrachtung der deutschen Geschichte war durch aktuelle Entwicklungen begünstigt. Ereignisse, wie der 17. Juni 1953 und der Mauerbau am 13. August 1961, verdeutlichten die zunehmende Entfernung beider deutscher Staaten voneinander. Mit der gegenseitigen Distanzierung stellte sich die Frage nach zwei unterschiedlich verlaufenden deutschen Geschichten. Zudem hatte die borussische Geschichtsschreibung dazu geführt, dass beim Gedenken das Hauptaugenmerk der Öffentlichkeit 1971 auf dem preußischen Anteil an der Reichsgründung lag. Ein Problem in der öffentlichen Wahrnehmung im Januar 1971 lag darin, dass nach den hundert Jahren Preußen längst aufgelöst und als Kern einer identitätsstiftenden Nation schlichtweg nicht mehr vorhanden war. An die Stelle der ehemals preußisch-deutschen Nation musste ein Ersatz treten. Die Bundesbürger befanden sich 1971 noch nicht in einer postnationalistischen Zeit. „Keine Rede kann […] davon sein, daß die Idee der Nation im mitteleuropäischen Raum seit 1945 nicht mehr virulent sei“.67 Wie dieser Satz zeigt, schien ein regelrechtes Bedürfnis nach Identifikationsmuster der Nation bestanden zu haben. Mit dem Ende der „Reichsnation“68 blieb die deutsche Nation, wie vor 1871, allerdings im Wartestand. Das Bild von der deutschen Nation hatte


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sich über die 74 Jahre so gefestigt, dass man nur davon ausgehen konnte, im Zusammenschluss beider deutscher Staaten wieder eine einige Nation zu konstruieren. Für einen solchen Zusammenschluss fehlten aber die Triebkräfte.69 Vielmehr wuchs mit zunehmender zeitlicher Distanz zur ‚Trennung‘ Deutschlands die Wahrnehmung der Gemeinsamkeiten. Die Pariser Tageszeitung Le Figaro schrieb in dieser Hinsicht zum 18. Januar 1971: „Hundert Jahre nach der Reichsgründung kann man zu Recht die Frage aufwerfen, ob für die Deutschen […] die Bundesrepublik und die DDR noch derselben Nation gehören.“70 Nach dem konstruktivistischen Ansatz von Benedict Anderson ist eine Nation nichts Ewiges, sie ist konstruiert.71 Die Nation basiert auf der Vorstellung einer Gemeinschaft. Auf der abstrakten Ebene dem konkreten Leben des Bürgers vorgestellt, erhält sie eine Form, wenn in ihrer Gesellschaft Konsens zum Beispiel über gemeinsame Normen, Werte, politische Systeme und Identitäten herrscht. Der Begriff einer Nation kann sich demnach wandeln. Die deutsche Nation von Bismarck hatte nichts mehr mit derjenigen der Bundesrepublik gemein.72 Gerade als obersten Werte galten nach 1945 nicht mehr Nation oder Nationalstaat, sondern eher Freiheit, Frieden und Toleranz. Die Begriffe ‚Nation‘ oder ‚Nationalismus‘ waren extrem negativ besetzt und bildeten im Gegensatz zum neutralen ‚Patriotismus‘ die Antithese freiheitlicher Demokratie.73 Die Forderungen der Zeit, sich wieder mehr als Deutscher zu bekennen, klangen nur in den Ohren einiger Altkonservativer nach.74 Ihre Identität suchten die Bundesbürger nicht in einem wieder erweckten Nationalbewusstsein. Die Bonner Republik konnte sich ihre Identität zunächst an den wirtschaftlichen Erfolgen ihres Marktsystems bilden. Mit steigendem Erfolg und Stabilität der politischen Verhältnisse erhielt sie weiter einen starken Rückhalt in der Bevölkerung. Schließlich entwickelte sich über die erfolgreichen Jahre hinweg eine bundesrepublikanische Identität, die sich von derjenigen der DDR unterschied. Also existierten zwei Identitäten75 derselben Nation, woraus sich die Problematik des Umgangs mit dem 18. Januar 1971 ergab. Schwerlich konnte ein Geburtstag einer Nation gefeiert werden, wenn diese Nation geteilt war und auf Grund des Einheitsprinzips in der Nationalismustheorie ohne Nationalstaat bestand. Jegliche Diskussion über die hundert deutschen Jahre ließen immer wieder das Zahlenspiel zu, nach dem der deutsche Nationalstaat fast exakt nach hundert Jahren aufgehört habe zu existieren.76 Natürlich verwiesen dabei die Meisten auf die Spanne des Reiches von 1871 bis 1945, also nur die 74 Jahre. Aber formal bestanden die Ansprüche seitens der Bundesrepublik zum Beispiel in den Ostgebieten


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immer noch, die in den westdeutschen Atlanten der Zeit mit dem Zusatz ‚unter sowjetischer‘ oder ‚unter polnischer Verwaltung‘ gekennzeichnet waren. Ebenso erkannte die Bundesrepublik die DDR als eigenständigen Staat nicht an. Mit der neuen Ostpolitik der sozial-liberalen Koalition, an deren Ende der Grundlagenvertrag von 1972 stand, änderte sich die Lage völlig. Dass dieser Moment im Januar 1971 abzusehen war, ließ der Bundeskanzler Willy Brandt schon in seiner Antrittsrede 1969 erkennen.77 Rudolf Augstein schrieb in seinem Essay über die Reichsgründung: „Was Brandt und Scheel 1970 anerkannt haben, waren die Realitäten von 1945. Die Bevölkerung der Bundesrepublik, man kann es nicht treffender ausdrücken, hat durch ihre Führer erst jetzt sich selbst erkannt und anerkannt. 100 Jahre nur ein ‚Seufzer der Geschichte‘, währten Realität und Vorstellung des Bismarck-Reiches.“78 Der Bruch war nach Augstein schon längst vollzogen. Die Bundesrepublik hatte ihre eigene Identität ausgestaltet und konnte nicht mehr hinter sie treten. Nun wurde letztlich das Realität, was schon existent war. Wer sich vor dem Hintergrund der neuen Ostpolitik Brandts dem Reiche verbunden fühlen wollte, konnte seine Bindung nur noch in der Geschichtsverklärung suchen. Mit der Entspannungspolitik Brandts zwischen den beiden Teilen Deutschlands zeigte er vielen Zeitgenossen den Anachronismus einer Hundertjahrfeier auf. Wenn nämlich das Deutsche Reich absehbar 1972 durch eigenes Handeln formal unterging, wie konnte man kurz zuvor dessen Gründung gedenken?

Fazit In der Bundesrepublik Deutschland wurde am 18. Januar 1971 dem Tag der Reichsgründung vor hundert Jahren gedacht. Dies geschah mit einer Ansprache des Bundespräsidenten Gustav Heinemann, übertragen in allen Rundfunk- und Fernsehanstalten, mit Kranzniederlegungen am Grabe des ersten Reichskanzlers, Otto von Bismarck, und am Grabe des deutschen Kaisers Wilhelm I. und mit einem Echo in der Presse. Das Echo hielt sich über ca. drei Tage lang, bis das Thema wieder in der tagespolitischen Versenkung verschwand. Einige Zeitungen veröffentlichten Beiträge und Geschichtsdokumentation zum Thema des Kaiserreichs und den Geschehnissen 1871. Die ehemalige Bedeutung des preußischen Krönungstages in Verbindung mit dem ‚Reichsgründungstag‘ spielte dabei keine Rolle. Grundtenor der Presse und der Rede Heinemanns war die Aufgabe der Bundesrepublik, ihre Ursprünge im ersten deutschen Nationalstaat zwar nicht zu leugnen, aber kritisch zu überprüfen. Viel zu viele Unterschiede machten sich in den Vergleichen zwi-


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schen dem Reich und Republik erkennbar, als dass Traditionslinien und Kontinuitäten ohne Brüche gezogen werden konnten. Anfang der 1970er Jahre war die Präsenz alter Eliten, die dem Preußentum und den Gedanken der ‚alten‘ deutschen Nation noch verhaftet waren, deutlich spürbar. Die Trennlinie verlief in Bevölkerung und Tagespresse entlang den politischen Richtungen. Die Konservativen traten bei den Kranzniederlegungen, dem „Pilgern zum Reichsahn“79, sichtbarer in Erscheinung als Liberale und Linke. Alle zusammen verband an diesem Gedenktag die Frage nach der Zukunft der deutschen Nation. Das bundesrepublikanische Selbstverständnis war noch im Begriff zu wachsen, bot aber schon genug Identifikationsmöglichkeit, um sich von dem anderen deutschen Staat im Osten abgrenzen zu können. Die Ostverträge schließlich, die eine beiderseitige Anerkennung der zwei deutschen Staaten beschlossen, führten zum formalen Ende des Deutschen Reichs und nahmen im Nachhinein dem hundertjährigem Jubiläum genau jenes Reiches ihre Substanz. Wie im Oktober 1989, als das 40-jährige Jubiläum der DDR gefeiert wurde und sie ein Jahr später nicht mehr existent war, so mutet das Szenario an, kurz vor dem Grundlagenvertrag 1972, dem formalen Ende des Deutschen Reiches, noch einmal dessen hundertsten Geburtstag zu feiern. Die Groteske der Zukunft fand am 18. Januar 1971 nicht statt. Die Kranzniederlegungen und das nicht übertriebene Medienecho zeigten, dass dieser Tag vor allem eines war: keine Feier. Zum ‚ungerufenen Gedenktag‘ musste sich die Bundesrepublik insgesamt äußern. Aus ihrer kurzen, eigenen 22-jährigen Geschichte heraus tat sie sich mit Gedenktagen an sich schwer – und das aus gutem Grund. Nicht die Nation stand im Vordergrund, sondern die Einbindung in die westeuropäische Gemeinschaft. Einen Gedenktag für jene hundert Jahre deutscher Geschichte zu begehen, in denen ein fatales Verständnis von Nation negativ folgenreich endete, passte nicht in das Selbstverständnis des Nachfolgerstaates, der ‚Bundesrepublik‘ Deutschland. In dieser Hinsicht schrieb Henning in seinem ironisch unterlegten Artikel über das Nationalbewusstsein: „Auf dem Rezeptblock der Verhaltensforscher, die in ihrem Werturteil über das Nationalbewußtsein vorsichtig, abwägend und zurückhaltend sind, steht: Erziehung zur Toleranz, striktes Meiden von Feiertagen, an denen eines für die jeweilige Gruppe günstig ausgegangenen aggressiven Ereignisses gedacht wird.“80


17 Quellen „Brandt: Die deutsche Nation wird weiterleben. Erklärung zum 100. Jahrestag der Reichsgründung / Kiesinger: Weder glorifizieren noch verwerfen“, in: Frankfurter Rundschau, 19. Januar 1971, S. 1. „Gedenken ohne Heldenkult. Ansprache Erhard Epplers zum Volkstrauertag 1961“, in: 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland: Daten und Diskussionen, hg. v. Eckart Conze u. Gabriele Metzler, Stuttgart 1999, S. 328-331. „Heinemanns Sicht“, in: Die Zeit, 22. Januar 1971, S. 1. „Heinemann geht mit Bismarck-Kult ins Gericht. Der Bundespräsident: Hundert Jahre deutsches Reich heißt auch Auschwitz und bedingungslose Kapitulation“, in: Frankfurter Rundschau, 18. Januar 1971, S. 1. „Kritik Lummers an Heinemanns Gedenkrede“, in: Der Tagesspiegel, 20. Januar 1971, S. 5. „Politiker gedenken der Gründung des Deutschen Reiches“, in: Die Welt, 18. Januar 1971, S. 1-2. Augstein, Rudolf: „Das 100jährige Reich“, in: Der Spiegel, 11. Januar 1971, S. 38-39. Bracher, Karl Dietrich: „Ein zerstörter Mythos“, in: Die Zeit, 15. Januar 1971, S. 3. Görlitz, Walter: „Das Symbol Reichstag“, in: Die Welt, 16. Januar 1971, S. 7. Ders.: „Hundert Jahre Deutsches Reich“, in: ebd., 18. Januar, S. 4. Henning, Gustav Adolf: „Das sogenannte Nationalbewußtsein. Über die Biologie und den Selektionswert des ‚Wie-ein-Mann-Zusammenstehens‘“, in: Die Zeit, 8. Januar 1971, S. 30. Janßen, Karl-Heinz: „Was blieb vom Deutschen Reich“, in: ebd., 15. Januar 1971, S. 1. Ders.: „Pilgern zum Reichsahn. Bismarck-Feier mit Kranz und Gloria“, in: ebd., 22. Januar 1971, S. 9. Kielmansegg, Peter Graf: „Nur eine Episode“, in: ebd., 15. Januar 1971, S. 3-4. Köhler, Otto: „Für Blut und Eisen“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 64. Kremp, Herbert: „Gerechtigkeit gegenüber der Geschichte und Gegenwart. Der hundertste Geburtstag des Deutschen Reiches“, in: Die Welt, 19. Januar 1971, S. 4. Malanowski, Wolfgang: „Verspielte Bismarck das Reich?“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 88-102. Rosenberg, Ludwig: „Jedesmal ist Deutschland kleiner geworden. Gedanken zur Reichsgründung im Schloß von Versailles am 18. Januar 1871“, in: Frankfurter Rundschau, 14. Januar 1971, S. 6. Schieder, Theodor: „Hoffnung für die Zukunft?“, in: Die Zeit, 15. Januar 1971, S. 3. Sillner, Leo: „Vor 100 Jahren: Das deutsche Reich unter Preußens Adler“, in: Süddeutsche Zeitung, 16./17. Januar, S. 11. Wenger, P.W.: „Hundert Jahre“, in: Rheinischer Merkur, 15. Januar 1971, S. 1-2. Zehm, Günther: „Die Deutschen: Nation unter Nationen“, in: Die Welt, 16. Januar 1971, S. III.


18 Literatur Becker, Franz: „2. September 1870 / 18. Januar 1871: Selbstbestätigung einer labilen Nation?“, in: Tage deutscher Geschichte. Von der Reformation bis zur Wiedervereinigung, hg. v. Eckart Conze u. Thomas Nicklas, München 2004, S. 156-176. Beyme, Klaus von: „Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus“, in: Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays, hg. v. Manfred Hettling u. Paul Nolte, München 1996, S. 80-99. Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland: 1770–1990, München 1993. Ebbinghaus, Angelika/Roth, Karl Heinz: „Ein abtrünniger Konservativer: Fritz Fischer“, in: 1999 1 (2000), S. 7-11. Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht: die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961. Ders.: „Twenty-Five Years Later: Looking Back at the ‚Fischer Controversy‘ and Its Consequences“, in: Central European History 21 (1988), Nr. 3, S. 207-223. Krüger, Peter: „Einleitung: Über die Schwierigkeiten der Deutschen mit der politischen Nation“, in: Deutschland, deutscher Staat, deutsche Nation: historische Erkundungen eines Spannungsverhältnisses, Marburger Studien zur neueren Geschichte 2, Marburg 1993, S. 9-24. Kunze, Rolf-Ulrich: Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005. Langewiesche, Dieter: „Was heißt ‚Erfindung der Nation‘?“, in: HZ 277 (2003), S. 593-617. Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, 2 Bde., München 1992. Rödder, Andreas: Die Bundesrepublik Deutschland 1969–1990, München 2004. Roth, Florian: Die Idee der Nation im politischen Diskurs: die Bundesrepublik Deutschland zwischen neuer Ostpolitik und Wiedervereinigung (1969–1990), Baden-Baden 1995, zugl. Diss. München 1995. Salewski, Michael: „Jubel und Jubiläen: Der 18. Januar als mythisches Datum der deutschen Geschichte“, in: Tage deutscher Geschichte. Von der Reformation bis zur Wiedervereinigung, hg. v. Eckart Conze u. Thomas Nicklas, München 2004, S. 134-155. Schellack, Fritz: Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945, Europäische Hochschulschriften 3, Bd. 415, Frankfurt a. M. – Bern – New York – Paris 1990, zugl. Diss., Mainz 1989. Schieder, Theodor: „Nation und Nationalstaat in der deutschen Geschichte“, in: Aus Zeitgeschichte und Politik. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 12 (1971), S. 3-15. Ders.: Das Deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Göttingen 1992. 2

Schiller, Dietmar: „Politische Gedenktage in Deutschland. Zum Verhältnis von öffentlicher Erinnerung und politischer Kultur“, in: Aus Zeitgeschichte und Politik. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 25 (1993), S. 32-39. Schoeps, Julius H.: „Die Deutschen und ihre Identität“, in: Deutschland, deutscher Staat, deutsche Nation: historische Erkundungen eines Spannungsverhältnisses, Marburger Studien zur neueren Geschichte 2, Marburg 1993, S. 85-98. Witt, Peter-Christian: „Die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 oder dreimal Kaiserfest“, in: Das Fest: eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, hg. v. Uwe Schulze, München 1988, S. 306-317.


19 Anmerkungen

1

Dieser Artikel basiert auf einer Hausarbeit vom April 2005 im Rahmen des Hauptseminars „Eine ‚bleierne Zeit‘? Die Bundesrepublik Deutschland in den 1970er Jahren“ unter der Leitung von Prof. Dr. Eckart Conze, im Fachbereich 06 an der Philipps-Universität Marburg. 2 Janßen, Karl-Heinz: „Pilgern zum Reichsahn. Bismarck-Feier mit Kranz und Gloria“, in: Die Zeit, 22. Januar 1971, S. 9. 3 Der Begriff lehnt sich an die ‚Deutsche Frage‘ des 19. Jahrhunderts, bei der Wege gesucht wurden, Deutschland zu einen. 4 Vgl. Kunze, Rolf-Ulrich: Nation und Nationalismus, Darmstadt 2005, S. 47. 5 6 7

Damalige Bezeichnung in den Berliner Notizen; vgl. Der Tagesspiegel, 16. Januar 1971, S. 7. Vgl. die dpa-Meldung, abgedruckt in Der Tagesspiegel, 19. Januar 1971, S. 9. Ebd.

8

Ebd. Im Folgenden beziehe ich mich auf den Wortlaut der Rede, der in mehreren Tageszeitungen erschien, hier: Frankfurter Rundschau, 18. Januar 1971, S. 14. 10 Ebd. 9

11 12

Ebd. Ebd.

13

Ebd. Vgl. Salewski, Michael: „Jubel und Jubiläen: Der 18. Januar als mythisches Datum der deutschen Geschichte“, in: Tage deutscher Geschichte. Von der Reformation bis zur Wiedervereinigung, hg. v. Eckart Conze u. Thomas Nicklas, München 2004, S. 134-155, hier S. 134. 15 Vgl. ebd. 14

16

Vgl. Becker, Franz: „2. September 1870 / 18. Januar 1871: Selbstbestätigung einer labilen Nation?“, in: Tage deutscher Geschichte. Von der Reformation bis zur Wiedervereinigung, hg. v. Eckart Conze u. Thomas Nicklas, München 2004, S. 156-176, hier S. 162. 17 Die später dargestellte weiße Uniform sollte Bismarck vor all den anderen blauen Uniformen herausheben. Bewusst hatte Anton von Werner diese Mittel eingesetzt, um dem Betrachter sofort auf den eigentlichen Reichsgründer aufmerksam zu machen. Vgl. Witt, Peter-Christian: „Die Gründung des Deutschen Reiches von 1871 oder dreimal Kaiserfest“, in: Das Fest: eine Kulturgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart, hg. v. Uwe Schulze, München 1988, S. 306-317, hier S. 308. 18 Becker: „Selbstbestätigung“, in: Tage, S. 162. 19 Ebd., S. 163. 20 Ebd. 21 Ebd., S. 164-65. 22

Ebd., S. 165.

23

„Gedenken ohne Heldenkult. Ansprache Erhard Epplers zum Volkstrauertag 1961“, in: 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland: Daten und Diskussionen, hg. v. Eckart Conze u. Gabriele Metzler, Stuttgart 1999, S. 328-331. 24 Vgl. Salewski: „Jubel und Jubiläen“, in: Tage, S. 154. 25 Schellack, Fritz: Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945, Europäische Hochschulschriften 3, Bd. 415, Frankfurt a. M. – Bern – New York – Paris 1990, zugl. Diss., Mainz 1989, S. 161. 26 Ebd., S. 262. 27 Vgl. zu der Entwicklung der Gedenktage in der Bundesrepublik Schiller, Dietmar: „Politische Gedenktage in Deutschland. Zum Verhältnis von öffentlicher Erinnerung und politischer Kultur“, in: Aus Zeitgeschichte und Politik. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 25 (1993), S. 32-39, hier S. 35. 28 Ebd., S. 32. 29

Ebd., S. 33. Schiller spricht von der „irreversiblen Erosion“, denen Gedenktage zeitlich ausgesetzt sind. Doch bei Betrachtung einer weiterhin bestehenden Tradition eines 4. Juli 1776 in den USA oder des 14. Juli 1789 in Frankreich erweist sich diese These zumindest als nicht allgemein gültig. Vgl. ebd., S. 34. 31 Vgl. ebd. 32 Janßen, Karl-Heinz: „Was blieb vom Deutschen Reich“, in: Die Zeit, 15. Januar 1971, S. 1.; „Heinemanns Sicht“, in: ebd., 22. Januar 1971, S. 1. 33 Wenger, P.W.: „Hundert Jahre“, in: Rheinischer Merkur, 15. Januar 1971, S. 1-2. 30

34

„Politiker gedenken der Gründung des Deutschen Reiches“, in: Die Welt, 18. Januar 1971, S. 1-2.


20

35

Anlässlich der Rede Heinemanns ist auf der Titelseite der Ausgabe ein Foto des Bundespräsidenten, wie er während seiner Ansprache vor einer Reproduktion der dritten Version Anton von Werners sitzt; vgl. Süddeutsche Zeitung, 18. Januar 1971, S. 1. 36 Pressemitteilung der dpa: „Heinemann geht mit Bismarck-Kult ins Gericht. Der Bundespräsident: Hundert Jahre deutsches Reich heißt auch Auschwitz und bedingungslose Kapitulation“, in: Frankfurter Rundschau, 18. Januar 1971, S. 1; „Brandt: Die deutsche Nation wird weiterleben. Erklärung zum 100. Jahrestag der Reichsgründung / Kiesinger: Weder glorifizieren noch verwerfen“, in: ebd., 19. Januar 1971, S. 1. 37 Schieder, Theodor: „Hoffnung für die Zukunft?“, in: Die Zeit, 15. Januar 1971, S. 3; Bracher, Karl Dietrich: „Ein zerstörter Mythos“, in: ebd.; Kielmansegg, Peter Graf: „Nur eine Episode“, in: ebd., S. 3-4. 38 Vgl. Sillner, Leo: „Vor 100 Jahren: Das deutsche Reich unter Preußens Adler“, in: Süddeutsche Zeitung, 16./17. Januar, S. 11; in Die Welt war die Sicht der Serie nicht primär auf das Jubiläum gerichtet, sondern mehr auf die Geschichte des Reichtags, vgl. Görlitz, Walter: „Das Symbol Reichstag“, in: Die Welt, 16. Januar 1971, S. 7. 39 Einschränkend zu der Darstellung der Berichterstattung der Frankfurter Allgemeinen sei gesagt, dass die Ausgabe vom 19. Januar 1971 mir nicht zur Verfügung stand. 40 Vgl. Malanowski, Wolfgang: „Verspielte Bismarck das Reich?“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 88-102; Augstein, Rudolf: „Das 100jährige Reich“, in: ebd., 11. Januar 1971, S. 38-39. 41 Nimmt man Karikaturen als Indiz für eine gewisse Relevanz eines Themas, vgl. Die Welt, 19. Januar 1971, S. 4; Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Januar 1971, S. 6. 42 Dem Fernsehprogramm der Frankfurter Rundschau entnommen, vgl. Frankfurter Rundschau, 16. Januar 1971, S. IX. 43 Es waren dabei Karl-Heinz Janßen als Diskussionsleiter, Arnulf Baring, Waldemar Besson, Fritz Fischer, Andreas Hillgruber, Eberhard Jäckel, Hans-Adolf Jacobsen, Peter Graf Kielmansegg und Kurt Sontheimer; vgl. Süddeutsche Zeitung, 19. Januar 1971, S. 17. 44 Vgl. Köhler, Otto: „Für Blut und Eisen“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 64. 45 Vgl. Frankfurter Rundschau, 19. Januar 1971, S. 1. 46

So sah der CDU-Fraktionsvorsitzende des Abgeordnetenhaus in Berlin und Rechtskonservative Heinrich Lummer nach Ansicht des Tagesspiegel einen wesentlichen Aspekt in Heinemanns Rede vernachlässigt. Das Reich sei nicht 1918 untergegangen, sondern die staatliche wie auch nationale Einheit sei noch nicht verspielt, gerade im Hinblick auf den Status Berlins; vgl. „Kritik Lummers an Heinemanns Gedenkrede“, in: Der Tagesspiegel, 20. Januar 1971, S. 5. 47 Rosenberg, Ludwig: „Jedesmal ist Deutschland kleiner geworden. Gedanken zur Reichsgründung im Schloß von Versailles am 18. Januar 1871“, in: Frankfurter Rundschau, 14. Januar 1971, S. 6; den Artikel Rosenbergs, dem ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kommentierte die Redaktion der Rundschau, die sich von seiner Haltung distanzierte, mit den Worten: „Die Vorstellungen der Mehrheit [der Deutschen] decken sich mit denen unseres Autors [Rosenberg].“, ebd. 48 Kremp, Herbert: „Gerechtigkeit gegenüber der Geschichte und Gegenwart. Der hundertste Geburtstag des Deutschen Reiches“, in: Die Welt, 19. Januar 1971, S. 4; Kremp war selbst bei der Bismarck-Feier in Friedrichsruh zugegen, vgl. Janßen: „Pilgern zum Reichsahn“, in: Die Zeit, 22. Januar 1971, S. 9. 49 Dieser Argumentation trat Malanowski sich auf Hans-Ulrich Wehler berufend entschieden entgegen: „Was zahlreiche Historiker unfähigen Bismarck-Nachfolgern anlasteten, hatte in Wirklichkeit Bismarck selber vertan.“, Malanowski: „Bismarck“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 92. 50 Kiesinger, Kurt Georg: „Wenn die Nachfolger Bismarcks das fortgesetzt hätten, was er begonnen und zäh durchgehalten hat […], dann hätten wir den Ersten Weltkrieg und in seinem Gefolge wohl auch den Zweiten Weltkrieg nicht erlebt“, zitiert nach: Die Welt, 18. Januar 1971, S. 1. 51 Görlitz, Walter: „Hundert Jahre Deutsches Reich“, in: ebd., S. 4. 52 Wenger: „Hundert Jahre“, in: Rheinischer Merkur, 15. Januar 1971, S. 1. 53

Bartsch, Wolfgang: „Das verkrüppelte Reich“, in: Frankfurter Rundschau, 16. Januar 1971, S. 3. Ebd.: „Abgesehen von den wirklich Reaktionären […] kann es heute, da jenes Gebilde, das zwar Nachfolgerin des Reiches ist, aber eben Nachfolgerin und nicht die einzige, sich um Verbindungen mit draußen bemüht, eine Sympathie für die Reichsidee von damals nicht mehr geben.“ 55 Zitiert nach Die Zeit, 15. Januar 1971, S. 3. 56 Zehm, Günther: „Die Deutschen: Nation unter Nationen“, in: Die Welt, 16. Januar 1971, S. III. 54

57

Augstein: „Das 100jährige Reich“, in: Der Spiegel, 11. Januar 1971, S. 39.


21

58

Nipperdey, Thomas: Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. 2: Machtstaat vor der Demokratie, 2 Bde., München 1992, S. 80. 59 Ebd., S. 259. 60 Vgl. Kunze: Nation, S. 13. 61

Vgl. Frankfurter Rundschau, 19. Januar 1971, S. 1.

62

Vgl. Kunze: Nation, S. 6. Langewiesche verweist zudem darauf, dass viele den deutschen Nationalstaat in seiner preußisch-protestantischen geformten Gestalt nicht gewollt hatten, weil er mit der Haupttradition deutscher Geschichte brach, vgl. Langewiesche, Dieter: „Was heißt ‚Erfindung der Nation‘?“, in: HZ 277 (2003), S. 593-617, hier S. 615. Die ältere Forschung sah diese nationalistischen Kräfte schwächer und nannte sie „Partikularismus“, eine lang anhaltende Nachwirkung der borussischen Geschichtsschreibung, vgl. zum Beispiel Schieder: Das Deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat, hg. v. Hans-Ulrich Wehler, Göttingen 1992, S. 21-22. 63 Vgl. Beyme, Klaus von: „Deutsche Identität zwischen Nationalismus und Verfassungspatriotismus“, in: Nation und Gesellschaft in Deutschland. Historische Essays, hg. v. Manfred Hettling u. Paul Nolte, München 1996, S. 80-99, hier S. 80. 64 Einen Überblick über die langsam abgeflaute Debatte gab 1988 Fischer selbst, vgl. Fischer, Fritz: „Twenty-Five Years Later: Looking Back at the ‚Fischer Controversy‘ and Its Consequences“, in: Central European History 21 (1988), Nr. 3, S. 207-223. 65 Ebbinghaus, Angelika/Roth, Karl Heinz: „Ein abtrünniger Konservativer: Fritz Fischer“, in: 1999 1 (2000), S. 7-11, hier S. 10. 66 Fischer, Fritz: Griff nach der Weltmacht: die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914/18, Düsseldorf 1961. 67 Zehm: „Die Deutschen“, in: Die Welt, 16. Januar 1971, S. III. 68 Otto Dann prägte diesen Begriff, um allgemein die deutsche Nation von der Nation in den Jahren 1871–1945 zu unterscheiden, vgl. Dann, Otto: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990, München 1993, S. 310-12. 69 Auf die fehlende Nationalbewegung in den Jahren 1949–90 weist Dann hin, vgl. ebd., S. 317-18. 70 Zitiert nach Der Tagesspiegel, 20. Januar 1971, S. 2. 2

71

Vgl. Kunze: Nation, S. 74. Schoeps, Julius H.: „Die Deutschen und ihre Identität“, in: Deutschland, deutscher Staat, deutsche Nation: historische Erkundungen eines Spannungsverhältnisses, Marburger Studien zur neueren Geschichte 2, Marburg 1993, S. 85-98, hier S. 86. 73 Nach Peter Alter, vgl. Kunze: Nation, S. 47. 72

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In einer Abhandlung über das Nationalbewusstsein stellte Gustav Adolf Henning ironische Überlegungen an, wie die Forderung nach mehr Deutschsein im Gruppenverhalten des Menschen von jeher verankert war, vgl. Henning, Gustav Adolf: „Das sogenannte Nationalbewußtsein. Über die Biologie und den Selektionswert des ‚Wie-ein-Mann-Zusammenstehens‘“, in: Die Zeit, 8. Januar 1971, S. 30. 75 Schieder mühte sich dahingehend mit dem Begriff ‚Nationalitäten‘ ab, um die Nation in diesen Identitäten nicht gänzlich zu verlieren, vgl. Schieder, Theodor: „Nation und Nationalstaat in der deutschen Geschichte“, in: Aus Zeitgeschichte und Politik. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament 12 (1971), S. 3-15, hier S. 15. 76 Roth verweist auf das von deutschen Zeitungen häufig verwendete Zitat der englischen Times: „daß der Vertrag die Zerlegung von Bismarcks Reich besiegelt, nur 101 Jahre nachdem er es zusammenfügte.“, vgl. Roth, Florian: Die Idee der Nation im politischen Diskurs: die Bundesrepublik Deutschland zwischen neuer Ostpolitik und Wiedervereinigung (1969–1990), Baden-Baden 1995, zugl. Diss. München 1995, S. 95. 77 Im Spiegel rechnete Malanowski vor, dass mit der Regierungserklärung Brandts, das Reich genau 98 Jahre, neun Monate und zehn Tage bestanden habe, vgl. Malanowski: „Bismarck“, in: Der Spiegel, 18. Januar 1971, S. 92. 78 Augstein: „Das 100jährige Reich“, in: ebd., 11. Januar 1971, S. 39. 79

Janßen: „Pilgern zum Reichsahn“, in: Die Zeit, 22. Januar 1971, S. 9. Henning: „Das sogenannte Nationalbewußtsein“, in: ebd., 8. Januar 1971, S. 30; Hervorhebung durch Kalden.

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