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Kultur & Gesellschaft  29

Tages-Anzeiger – Montag, 13. November 2017 

Warum Bequemlichkeit obsiegt Wir verzichten auf Raschelsäckli, weil sie 5 Rappen kosten – ignorieren aber andernorts das Zehnfache an Rabatten. Ein Wirtschaftspsychologe erklärt die Milchbüechli-Rechnung in unseren Köpfen.

Tina Huber Eigentlich sollte man jetzt ablehnen. Das Plastiksäckli koste dann 5 Rappen, sagt die Kassiererin und hört für einen Moment auf, Erdbeerjoghurt und Krustenkranz über den Scan-Bildschirm zu ziehen. Kein Problem, antwortet man, trotzdem gerne ein Säckli. 5 Rappen – wohl nichts bekommt man in der Schweiz günstiger als die dünnen Raschelsäcklein von Migros, Coop & Co. Und doch sind die wenigsten bereit, dafür zu bezahlen: Um über 80 Prozent ist die Nachfrage eingebrochen, seit die Migros vor einem Jahr als erster Schweizer Detailhändler die Gratisplastiksäcke an der Kasse abgeschafft hat. Beim Konkurrenten Coop, der Anfang Jahr nachzog mit der Säckli-Gebühr, ist der Verbrauch gar um 85 Prozent gesunken, wie SRF kürzlich berichtete – das ist mehr, als sich der Grossverteiler erhofft hatte. Ein anderes Bild bietet sich frühmorgens an den Take-aways der Bahnhöfe, wo Pendler für einen «Coffee to go» anstehen. Auch hier versuchen die Detailhändler, erzieherisch auf ihre Kunden einzuwirken: Viele von ihnen geben seit Jahren Rabatte, wenn jemand seinen eigenen Mehrwegbecher mitbringt. 80 Rappen günstiger ist der «Coffee to go» bei Starbucks – bei den Gastrobetrieben von Coop und teilweise auch Migros sind die Heissgetränke bis zu 60 Rappen günstiger. Die Wirkung: bescheiden. Bei der Migros heisst es, die Anzahl der Kunden mit eigenem Kaffeebecher sei «nicht sehr hoch», Coop erwähnt lediglich «viele positive Rückmeldungen». Der Teeanbieter Tekoe sagte auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA, 2016 hätten nur rund 10 Prozent der Kunden ihr eigenes Trinkgefäss mitgebracht. Selbst beim Take-away Hitzberger, der Nachhaltigkeit grossschreibt und nur kompostierbare Gabeln, Kartonbecher und Salatschalen verwendet, wird das Angebot «relativ selten genutzt». Die Kunden bekämen doppelte Treuepunkte – also jeden sechsten anstatt jeden elften Kaffee gratis. Vielleicht sei das Angebot zu wenig bekannt, sagt Mitgründer Andy Schwarzenbach, und räumt im nächsten Satz ein, «aber für viele ist es wohl zu umständlich, einen eigenen Becher mitzubringen.»

Mentale Konten

Eine Einschätzung, die Wirtschaftspsychologe Christian Fichter teilt: «Finanzielle Anreize wirken zwar, aber letztlich will jeder Mensch vor allem Ressourcen schonen.» Heisst: Aufwand vermeiden. Geld sparen und die Umwelt schützen finden wir wohl gut, aber am Ende wollen wir möglichst bequem zu unserem Kaffee kommen. Warum also wirkt die Säckli-Gebühr, wenn uns Geld offenbar weniger wichtig ist als Bequemlichkeit?

TV-Kritik «Tatort»

Solide Ermittlungen

Promis wie sie machten den Starbucks-Pappbecher chic: Die Starstylistin Rachel Zoe. Foto: Alo Ceballos (FilmMagic/Getty)

«Der Sprung von gratis auf 5 Rappen ist viel grösser als die 50 Rappen, die man beim Take-away-Kaffee spart», sagt Fichter. Er spricht von «mentaler Kontoführung»: «Wir führen im Kopf verschiedene Konten für Essen, Kleider – eben alles, was kostet.» Werde nun das Raschelsäckli plötzlich kostenpflichtig, «muss ein neues Konto eröffnet werden» – das schrecke ab. Ein weiterer pschologischer Trick, den sich Migros und Coop zunutze machen: die «pain of paying». Fürs Raschelsäckchen müssen wir bezahlen, das schmerzt – für den Kaffee im Pappbecher geht, zumindest in unseren Köpfen, kein Geld verloren. Ein effektiverer Weg, die Kundschaft zu umweltfreundlichen Mehrwegbechern zu erziehen, wäre also, den Spiess umzudrehen: Normalpreis für Kaffee im Mehrwegbecher, 50 Rappen mehr für je-

Der coole Papi am Samstagnachmittag

Stilfrage

Der Vater trug hippe Turnschuhe und eine ebensolche Brille, als er mit seiner Tochter am Fussgängerstreifen wartete. Neben die beiden stellte sich eine kleinwüchsige Frau. Das Mädchen war fasziniert von der Frau, die kleiner war als es selbst, aber offensichtlich erwachsen. «Papi, schau die kleine Frau», sagte deshalb erwartungsgemäss das Kind. Dem Papi war das nicht recht, weshalb er sich unbeteiligt gab und auf den hippen Turnschuhen wippte. Das Kind starrte weiterhin ungeniert die Frau an. «Papi», sagte es noch einmal und sicherheitshalber lauter als vorher, «schau, die kleine Frau.» Der Papi schwieg weiter, schien aber zu ahnen, dass weiteres Ignorieren die Situation nicht entschärfen würde. Man konnte daher hören, wie es grübelte. Wie der Vater hektisch darüber nachdachte, welches nun die politisch korrekte Antwort sei, die von ihm als aufgeschlossenem, coolem, urbanem Erziehungsberechtigten erwartet wür­de. War da nicht ein Fremdwort, ein rettendes, weil Fremdwörter sich immer gut machen? Und so erklärte er wichtig: «Ja, das ist ein Liliputaner.» (bwe)

Immer wieder bei Einladungen, sei es im privaten Rahmen oder im Restaurant, gibt es Paare, die sich beim Anstossen der Gläser demonstrativ küssen. Frei nach dem Motto: «Schaut her, wie glücklich und harmonisch wir sind», was uns eigentlich immer amüsiert. Ich liebe meinen Mann nach 31 Jahren immer noch wie am ersten Tag, trotzdem kommt es uns nicht in den Sinn, uns beim Klirren der Gläser zu küssen. Sind wir langweilig? A. T.

nen im Kartonbecher. Allerdings ist auch hier die Wirkung beschränkt. Eine unlängst vorgestellte britische Studie ergab, dass eine Gebühr auf Wegwerfbecher den Verbrauch von Mehrwegbehältern nur um gut 3 Prozent steigerte.

Kaffee trinken wie die Promis

Denn das wichtigste Druckmittel ist der soziale Zwang: Wer an der Migros-Kasse vor allen Leuten in der Schlange ein Säcklein verlangt, macht sein umweltschädigendes Verhalten öffentlich. «Coffee to go» aus dem Starbucks-Pappbecher hingegen entspricht nicht nur der Norm, sondern drückt einen Lifestyle aus: urban, zu beschäftigt, um zu frühstücken, den gleichen Kaffee trinkend wie die Promis in Hollywood. Aus dem gleichen Grund sieht Christian Fichter Chancen für das neuste Nachhaltigkeits-

produkt von Migros und Coop: Sie bieten Mehrwegbeutel für Früchte und Gemüse an, als Ersatz für die Plastiksäcklein. Bei beiden Detailhändlern kosten die Beutel um die 1.70 Franken. Wer soll dafür bezahlen, wenn schon 5  Rappen für ein Raschelsäckli zu viel sind? Der Preis sei nicht entscheidend, sagt Fichter. Solange die Mehrwegbeutel praktisch seien, überwiege der Lifestyle-Faktor: «Wer sie verwendet, zeigt, dass er umweltfreundlich ist.» Ein letzter Grund, weshalb die SäckliGebühr so erfolgreich ist: Der Kunde hat weiterhin die Wahl. Als Konsumenten lassen wir uns zwar mit verkaufspsychologischen Tricks breitwillig lenken, die Anreize müssen nicht einmal versteckt sein. «Aber der Kunde will die Wahlfreiheit», sagt Fichter. Oder zumindest glauben, dass er sie hat.

Sollten sich Paare beim Anstossen küssen?

Liebe Frau T., wo denken Sie hin! Es verhält sich gerade umgekehrt. Zunächst aber: Wir sind hier in dieser unserer kleinen Rubrik total pro Küssen. Es sollte dringend mehr geküsst werden; wenn man guckt, wie die alle immer schäumen und keifen auf Twitter und

auf Facebook, dann wird einem ganz elend. Die küssen eindeutig alle zu wenig. Deshalb haben die auch so verkniffene Münder, die sind vom permanenten Zetern und Gifteln ganz hart und schmal geworden. Solche Münder sehen überhaupt nicht einladend aus, da wundert man sich nicht, dass die ungeküsst bleiben, wobei man jetzt natürlich nicht weiss, was zuerst war. Jedenfalls: Küssen ist gut. Aber eben nicht auf die Art, die Sie beschreiben. Das ist wahnsinnig trauriges Küssen. Das ist Pflicht-Küssen. Automaten-Küssen. Reflex-Küssen. Das kommt meist mehr wie eine Trockenübung daher, wie eine flüchtige Bewegung, bei der zufälligerweise die Lippen zusammenstossen. Nach Liebe oder Zuneigung oder Engagement sieht das nicht aus. Und mit Verlaub: nach Leidenschaft schon gar nicht. Man denkt vielmehr, diesen Paaren sei das mit dem Küssen schon lange abhandengekommen. Und dass das denen nur noch beim Anstossen einfällt und auch nur deshalb, weil man das halt so macht; sie könnten sich geradeso gut die Hand schütteln oder auf die Schulter

klopfen. Und weil sie ja aus der Übung sind, macht das nichts her, sieht das irgendwie ungelenk aus mit diesen gespitzten Lippen und nur so schnell, schnell. Das ist Küssen ohne Unterleib sozusagen und daher lahm und langweilig. Deshalb, liebe Frau T., können Sie sich dem ungeniert verweigern. Oder aber dagegenhalten. Das dünkt mich noch besser. Schlagen Sie einen Pflock ein, und gehen Sie in die Offensive. Knutschen Sie! Und zwar so richtig. Halten Sie das Weinglas mit der einen Hand, mit der anderen umschlingen Sie den Hals Ihres Gatten, und dann knutschen Sie! Seien Sie leidenschaftlich, dehnen Sie das aus, zeitlich gesehen – also jetzt nicht so, dass es unappetitlich wird, es geht mehr ums innige Verharren –, und schliessen Sie dabei die Augen. Trocknen Sie diese Demo-Küsser ab, und zeigen Sie denen, wie das nach 31  Jahren Ehe wirklich geht. Bettina Weber Haben Sie Fragen? Schicken Sie sie an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

Der Rechtsgrundsatz «Auge um Auge» ist ein einfacher. Er sorgt, alttestamentarisch betrachtet, für ein Gleichgewicht zwischen Rachsucht und Verhältnismässigkeit. Mehr als ein Auge für ein ausgeschlagenes Auge sollte es beim Rächen und Strafen eben nicht sein, und die kriminelle Energie, mit der jemand im Dresdner «Tatort» «Auge um Auge» Verbrechen an einigen Angestellten der Versicherungsfirma Alva beging, schöpfte geradezu moralische Legitimation aus diesem Prinzip. Im Prinzip. Denn die Pläne – das ist ja dramatische Tradition – fielen zurück auf der Erfinder Haupt. Was durchdacht schien, lief aus dem Ruder. Jemand nahm sich jedenfalls mehr als ein Auge. Mangelnde Versicherungsleistungen wurden mit dem Tod bestraft. Deshalb beugten sich hier nun die sehr sympathischen und schnörkellos klugen Ermittlerinnen Sieland (Alwara Höfels) und Gorniak (Karin Hanczewski) samt ihrem verkniffenen Chef Schnabel (Martin Brambach), der aber auch einen gescheiten Kopf und die Sonne im Spiessbürgerherzen hat, über die Leiche des erschossenen Abteilungsleiters Gebhardt, welcher im Leben ein Kotzbrocken gewesen war. Ringsum hätten viele die Gelegenheit gehabt, manche hatten ein Motiv, einige einen Nutzen, niemand ein Recht, und fast alle waren verdächtig. Wir nennen: den Harald Böhlert in seinem Rollstuhl, weil die Alva, «ihr Partner für ihre Sicherheit», ihn im Stich liess. Die Frau Böhlert, weil sie rauchte. Den reizbaren Restaurator Rossbach, dem der Gebhardt auf die Simulation von Arbeitsunfähigkeit gekommen war. Den AlvaMann Ellgast ferner, weil er schiesstechnisch ausgebildet war und einen berufsbedingten Hass auf den Gebhardt hatte, aber kein Alibi. Kurzum, eine hübsche Auslegeordnung zu verifizierender und falsifizierender Verdachte. Wer wars also? Man darf diesen «Tatort» mit konservativer Freude einen der fadengraden Kriminalistik gewidmeten Krimi nennen. In einer «Tatort»-Stilkunde gehörte er ins Kapitel «Solidität, Lakonie und Niet- und Nagelfestigkeit». Und in ein Unterkapitel über eine kühle Dialogkunst, die nicht auf seelenkundliche Pointen aus war, aber mit diskretem Humor sächsische Seelen öffnete in ihrem Widerspruch von Grosszügigkeit und Morosität. Einige Hinweise auf die privaten Befindlichkeiten der Kommissarinnen Sieland und Gorniak waren zurückhaltend menschelnde Farbtupfer. Zu debattieren ist hier auch nicht über ambitionierte oder überambitionierte Filmkunst. Der Handlung (Regie: Franziska Meletzky) – sagen wir noch einmal: im Prinzip – genügten Totale, Schnitt und Gegenschnitt, der visuellen Spannung die Nahaufnahmen vom Ladevorgang bei Pistolenmagazinen und Revolvertrommeln. Und was die Lösung betrifft: Es gab eine. Sie hatte unter den vorgegebenen dramatischen Umständen ihre Logik. Sie verband Kritik am Versicherungssystem mit der sinngemäss angewandten Regel, dass der Mörder immer der Gärtner ist. Das darf ja auch einmal sein. Christoph Schneider

Gesellschaftsrelevanz Blutzoll Spannung Humor Gesamteindruck

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Artikel: "Warum Bequemlichkeit obsiegt"  

Wir verzichten auf Raschelsäckli, weil sie 5 Rappen kosten – ignorieren aber andernorts das Zehnfache an Rabatten. Ein Wirtschaftspsychologe...

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