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im interview Krimi-Inspiration bekommen Sie zum Beispiel bei Vortrags- und Lesereisen auf Kreuzfahrtschiffen. Ist es für einen Autor quasi unausweichlich, immer daran zu denken, was die Person wohl getan haben könnte, mit der man gerade am Mittagstisch sitzt?

Durch das Schreiben, Ihre Vorträge und Seminare beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren auch mit Psychologie. Sind menschliche Verhaltensweisen eigentlich leicht zu durchschauen oder im Prinzip nicht zu bändigen?

(Schmunzelt) Ja, irgendwie schon. Das passiert natürlich nicht immer, aber wenn man sich so viel mit Psychologie und dem Menschen an sich beschäftigt, leuchtet man recht oft ‚dahinter’. Ich brauche immer Inspiration, deshalb führe ich manche Unterhaltung auch in bestimmte Richtungen, um zu sehen, wie die Menschen reagieren – Studie am ‚lebenden Objekt’ sozusagen. Zum Thema Mensch und was er getan haben könnte: Unter bestimmten Bedingungen traue ich jedem Menschen alles zu.

Für jemanden, der sich wie ich damit beschäftigt, schon. Ich höre auch das, was die Menschen nicht sagen bzw. eigentlich sagen wollten. Nicht „was“ die Menschen sagen, sondern „wie“ sie es sagen, ist das Interessante. Ich sehe ihre Körpersprache – auf 1.000 Worte kommen 4.000 Körpersprachensignale – da erfährt man sehr viel über den Gegenüber, denn sie ist ehrlicher als das Wort. Wir sind die Summe dessen, was wir erlebt haben, was klar unser Verhalten bestimmt. Doch bei aller Analyse, Psychologie und Menschenkenntnis: Die Psyche ist mit Logik nicht zu erklären. Sehen Sie, es gibt einige Menschen, denen tut Glück weh und sie empfinden Genugtuung dabei, andere Menschen zu töten, Terroristen zum Beispiel. Dieses Verhalten ist nicht so leicht zu durchschauen und gar zu bändigen.

Seit dem Jahr 2000 sollen etwa 200 Passagiere und Crewmitglieder von Überseedampfern und Fähren über Bord gegangen sein. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen? Ich glaube, dass die Dunkelziffer viel höher ist! Und es ist kein Phänomen: Menschen verschwinden immer und überall, ob „beim Zigaretten-holen“ an Land, in fremden Ländern oder „einfach so“. Nur die Seefahrt hat, ob auf Kreuzfahrtschiffen, Hochseefischerei, Expeditionen oder Segeln, immer noch etwas Abenteuerliches, hier bist du den Naturgewalten ausgesetzt. Und z. B. bei der Kreuzfahrt verbinden die Menschen das mit Urlaub und Träume erleben. Da passt es nicht rein, wenn ein Mensch – freiwillig oder unfreiwillig – mal von Bord „verschwindet“. Es muss auch nicht immer an Bord passieren. Es ist doch eine gute und einfache Gelegenheit, in der Karibik auszusteigen und nicht mehr zurückzukehren, einfach sein Leben hinter sich zu lassen, das vielleicht nicht gut läuft. Das hat dann nichts mit Verbrechen oder Unfall zu tun, aber diese Zahlen nähren auch die Statistik.

Leben wir also in guten Zeiten für kriminalistische Stoffe? Kriminelle Menschen hat es schon immer gegeben, denn die wichtigsten Triebfedern für Straftaten – wie die Liebe, Neid, das Geld, die Religion - sind so alt wie die Menschheit selbst. Heute wird es nur mehr kommuniziert und durch unsere Moderne gibt es mehr Möglichkeiten, wie Terror, Internet und Cyberattacken. Nebenbei finde ich, dass die Welt im Moment ziemlich kaputt ist, es „brennt“ an allen Ecken, was aber auch von Menschen gemacht ist. Unsere Welt wurde von zwei Handvoll Männern in Anzügen zu dem gemacht, was sie heute ist, wobei es im Grunde nur um Geld oder Religion geht. Aber wir alle sind Mittäter: das Böse gewinnt allein, weil das Gute nichts unternimmt.

Welche Tugenden von Miss Marple hat unsere Ermittlerin aus der „Kreuzfahrt Schnüfflerin“?

Wie überlistet Viola Möbius das berühmte leere weiße Blatt, das immer beschrieben werden will, egal in welcher Tagesform man sich gerade befindet?

(Schmunzelt wieder) Sie hat vor allem eines: eine gute Wahrnehmung! Sie ist echt wach, achtet auf alles, sieht alles und SIEHT die Menschen – bei guter Beobachtung wird uns vieles bewusst. Sie ist auf eine charmante Art recht frech und direkt: ein Umstand, der ihr gegenüber den Menschen, die oft so sehr gehemmt und angepasst sind, einen Vorteil verschafft. Und die Kreuzfahrt Schnüfflerin nimmt vieles mit Humor und als gegeben – was das Leben ungemein erleichtert und von den ganzen ständigen persönlichen Befindlichkeiten befreit.

Eine Art Schreibblockade kenne ich nicht. Vielleicht, weil ich es etwas anders mache. Ich kenne das Thema, über das ich schreiben will und gebe es meinem Kopf auf. So trage ich es tagelang mit mir rum, achte und höre auf alles, was dieses Thema nährt und speichere es in meinem Gedächtnis ab, dazu recherchiere ich natürlich. Dann setze ich mich irgendwann hin und fange an, es aufzuschreiben. Im Prinzip ist es dann schon fast fertig. Ich füge es nur noch zusammen, ordne und überarbeite es, mache den Feinschliff und das ist es dann.

Wie funktioniert es, Ihre Leser „hinter die Kulissen“ eines Buches mitzunehmen?

Zum heiteren Abschluss: Wie weit würden Sie persönlich aus Rache oder Leidenschaft gehen?

Im Prinzip erfährt der Leser das eher bei meinen Krimi-Events, die keine Lesungen im herkömmlichen Sinn sind. Bei der „Kreuzfahrt Schnüfflerin“ auch durch mein Vorwort. Aber auch durch die Handlungen und Denkweisen der Protagonisten im Buch – jeder Autor lässt viel Persönliches mit einfließen. Bei meinen Buch-Events erzähle ich das, was der Leser im Grunde nie erfährt: wie man auf Story und Charaktere kommt, was dazu gehört, ein Buch zu schreiben und zu veröffentlichen. Und über die Recherche, die am spannendsten ist – zumindest, wie ich sie mache. Man erlebt, erfährt und lernt so viel. Unbezahlbar! Denken Sie nur, was man z.B. mit all den Menschen in all den Ländern auf einer Kreuzfahrtreise erlebt! Oder indem ich ungewöhnliche Menschen treffe für meine Recherchen. Dazu zählen auch Kriminelle und was ich z.B. von ihnen gelernt habe, was mir bis heute einen Vorteil verschafft. Und genau über diese Erlebnisse berichte ich.

(Lacht) Für die wahre, schöne Leidenschaft und Liebe sehr weit. Nicht sehr weit für Rache- oder Leidenschaftsakte, die mir oder anderen wirklich schaden könnten. Ich bin sehr ausgeglichen und habe ein absolut tolles, glückliches Leben (was ich mir selbst so eingerichtet habe). Ich bin im Grunde nicht angreifbar für so etwas. Aber auch wenn ich immer lustig und gut gelaunt bin - wenn mich mal irgendetwas stört, bin ich schnell not amused, denn ich passe sehr gut auf, wie man mit mir umgeht und wie ich mich fühle. Alles, was mich „schmerzt“ oder meine Harmonie irgendwie stört, wird von mir beseitigt, aus meinem Leben „verbannt“. Das habe ich mir antrainiert – eine tolle Sache, die echt Gelassenheit mit sich bringt. Das hat für andere Menschen oft etwas Geheimnisvolles, wodurch sie wohl dann zu Leidenschaftsakten animiert werden ... (Lacht) Interview: Ricky Laatz Fotos: Viola Möbius

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KaffeeZeit Magazin Frühling 2016 Rostock  
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