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Das Studentenmagazin JUNI/JULI 13 AUSGABE #3 WWW.KAEPSELEMAGAZIN.DE GRATIS

PLAGIATEN AUF DER SPUR UNIS SETZEN AUF DIGITALE SPÜRHUNDE

Seite 28 ALS DEBÜTANT NACH CANNES ALEX HERINGER UND SEIN AUSGEZEICHNETER FILM

Seite 55

Ausland: KULTUR IN DER KRISE LEBEN UND STUDIEREN IN MADRIDDI

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www.big-fm.de www.facebook.com/RadiobigFM

R E I L R E V R E N B H E A I „L Z N “ . E T N H I C E I S H E IC G N I ICH. D E N E R M S IR H W L D A RST UNS. UN Ö

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Liebe Leserin, lieber Leser, nicht im Ernst, oder?! Jetzt ist es tatsächlich doch noch Sommer geworden. Wir hatten ja schon vermutet, dass der Frühling den Sommer übersprungen hat und direkt in den Herbst übergegangen war. Tja, so kann man sich täuschen. Allerdings: Wir wussten das schon vorher. Oder besser: Wir haben dafür gesorgt. Das superduper Sommerwetter ist nämlich ... TROMMELWIRBEL ... die sommerliche Überraschung für diejenigen, die unser letztes Editorial durchgelesen haben. Okay, kleiner Scherz. Die Überraschung war ein Eis. Falls ihr das jetzt wieder lest, Leute: Wir besorgen euch Gutscheine oder so. Na ja, und da wir dann sicher welche übrig haben werden und das irgendwie Spaß macht, Sachen zu verschenken, wenn man das Editorial liest, haben wir beschlossen, wieder eine E-Mail an redaktion@kaepselemagazin.de oder eine Nachricht auf Facebook einzufordern. Diesmal machen wir es euch aber nicht so einfach. Nein. Wir wollen wissen, wo ihr eure vorlesungsfreie Zeit verbringt, und zwar mit eurem Käpsele. Also: Smartphone zücken und fotografieren, an welchem Strand (oder auf welchem Balkon) ihr gerade seid, eingesandt und - ZACK - gibt es auch für euch ein Eis auf Kosten des grünen Vogels. Geil, was? Nichtsdestotrotz wollten wir schon immer einmal „Nichtsdestotrotz“ schreiben. Hier sind die Themen der aktuellen Ausgabe: wir haben uns für euch mit Plagiaten beschäftigt und den Versuchen der Unis, etwas dagegen zu tun. Wir haben uns für euch auf die Rückbänke fremder Autos gequetscht, wieder einmal Bücher gelesen und Filme geschaut, nach denen wir manchmal sogar gedacht haben: Wäre ich stattdessen doch lieber in die Kirche gegangen, es wäre spannender gewesen. Aber wie auch immer: jetzt seid ihr dran, euch eine Meinung zu bilden.

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Viel Spaß wünschen

Das Studentenmagazin

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28 Guttenberg brachte den Stein ins Rollen: Unis wehren sich verst채rkt gegen Plagiate.

22 Die Armen! Zwei Studentinnen verraten, wie sie mit begrenztem Budget umgehen.

26 Gefahr f체r die Demokratie? Jan-Werner M체ller widmet sich den schwarzen Schafen der EU.

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AUS DEN HOCHSCHULEN 06

Tanzt den Schuhplattler!

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Kickende Historiker

Aiesec - befremdlich oder nützlich?

Tübinger Fußballer fahren nach München

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Alex kann Cannes

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Beifahrer bei Fremden

Kampf gegen Plagiate

Die Unis setzen auf Technik

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Wie ein Student Justin Timberlake traf

Im Westen was Neues

Studentinnen gestalten Stuttgart

AUS DEM LEBEN 10

Der erste Medienpreis

Christian Saathoff und die Burschen

Unterwegs auf Deutschlands Straßen

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Wie ist es eigentlich ...

Studieren im Ausland

... in der Wüste zu überleben?

Heute mit: Madrid

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Arme Studenten

Zwei Tübingerinnen erzählen, wie sie mit wenig Geld auskommen müssen

Termintipps

Was geht in diesem Monat?

AUS DER REIHE 13

Unnützes Stuttgart-Wissen

Was du wirklich nicht erfahren musst

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Zwischen Hörsaal und Rathaus

Hannes Rockenbauch: Zeit ist wertvoll

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Die Tochter des Chefs

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Filme des Monats

Eine Kurzgeschichte von Marc Bensch

Die neuesten Tipps und der Liebling der Redaktion

Bücher des Monats

Der neueste Tipp und der Liebling der Redaktion

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Mit Schuhplattler ins Ausland Ein Betriebspraktikum in China, Englisch lehren in Mexiko oder lieber ein soziales Praktikum in Kolumbien? Aiesec schickt Studenten in die Welt. Die Mitglieder sind von der Organisation begeistert. Auf manch anderen wirkt sie befremdlich. Von Katrin Bohnenberger

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zieren können“, sagt Siddhartha. Wer in das Programm aufgenommen wird, erhält Zugang zur Praktikumsdatenbank. Kostenpunkt: 350 ie Abkürzung Aiesec steht für Euro. „Die Gebühren werden zum Beispiel „Association Internationale des Etudiants en für die Vor- und Nachbereitungsseminare der Sciences Economiques et Commerciales“. Praktikanten und die Pflege der Datenbank verWas 1948 als internationale Vereinigung von wendet“, erklärt Siddhartha, „wir Mitglieder Studenten der Wirtschaftswissenschaften arbeiten ehrenamtlich.“ Die Organisation begann, ist heute eine fachunabhängige, stelle dafür außerdem die Bezahlung der weltweite Organisation. In mehr als 110 Betriebspraktika sicher. Im Rahmen sozialer Ländern ist die Gruppe vertreten. Weltweit Praktika werde die Unterkunft, teilweise auch zählt Aiesec rund 90.000 Mitglieder. Ihr Ziel: die Verpflegung gestellt. den kulturellen Austausch vorantreiben und Studentin Katharina Krummel ist ebenfalls verantwortungsbewusste Führungskräfte ausMitglied bei Aiesec und war bis vor kurbilden. zem selbst mit der Studentenorganisation in „Aiesec bietet zwei Produkte: Auslandsder philippinischen Hauptstadt Manila. Dort praktika und die Führungskräfteentwicklung“, absolvierte sie ein soziales Praktikum. Der sagt Siddhartha Gosavi, Mitglied von Arbeitgeber: Die „Telecentre.org Foundation“, Aiesec Stuttgart-Hohenheim. Die eine NGO, die der armen Bevölkerung Zugang Studentenorganisation vermittelt deutsche zu Informations- und Studenten ins Ausland, wo Kommunikationsmitteln sie in einem Betrieb oder verschafft – vom Telefon an einem sozialen Projekt bis zum Computer. „Ich arbeiten. Umgekehrt habe in einem der ‚oberen‘ organisiert Aiesec für Unterschichtsviertel ausländische Studenten Unsere Praktikanten gelebt, bin täglich Praktika in Deutschland. mit den öffentlichen „Unser lokales Team ver- sind in gewisser Weise Verkehrsmitteln gefahren netzt sich mit Firmen Botschafter von Aiesec und habe direkt mit im Raum Stuttgart, die den Filipinos zusamPraktika anbieten. Unsere und Deutschland.“ mengearbeitet“, sagt Teams im Ausland machen Katharina. Ein Rundumdasselbe in ihren Ländern sorglos-Paket sei ein Praktikum mit Aiesec und Städten“, erklärt Siddhartha. Über eine nicht, Eigeninitiative und Selbstständigkeit Datenbank werden die Angebote der Firmen seien gefragt. „Wer sich um nichts küman interessierte Studenten weitergegeben. mern möchte und ein fertiges Paket inklusive Um Zugriff zu den Ausschreibungen zu bekomFlug, Visum und Praktikum auf dem goldenen men, gilt es jedoch einige Hürden zu überTablett serviert bekommen möchte, der sollte winden. lieber etwas mehr Geld in die Hand nehmen“, Eine Mitgliedschaft ist nicht notwensagt die Studentin. „Wir haben natürlich den dig, um mit Aiesec ins Ausland zu gehen. Anspruch, genauso professionell und verWer sich für ein Auslandspraktikum intelässlich wie jede andere Organisation zu arressiert, muss sich aber zunächst für die beiten, doch wir sind und bleiben Studenten.“ Aufnahme in das Aiesec-Programm bewerben. Wer mit Aiesec ins Ausland gehe, werde dafür In einem sogenannten „Expectation Talk“, von „Aiesecern“ des jeweiligen Landes vom einer Mischung aus Bewerbungsgespräch und Flughafen abgeholt, am ersten Praktikumstag Erwartungscheck, werden die passenden begleitet und jederzeit betreut. Nach Bewerber ausgewählt. „Unsere Praktikanten der Rückkehr gehe die Unterstützung in sind in gewisser Weise Botschafter von Aiesec Deutschland weiter. Der Aufenthalt werde und Deutschland. Deshalb ist es uns wichtig, etwa in Nachbesprechungen reflektiert. dass die Programmteilnehmer Interesse an Wegen der häufigen Veranstaltungen und anderen Kulturen und dem Austausch haben. Gespräche wird die Studentenorganisation Sie sollen sich mit unseren Werten identifi-

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von Unbeteiligten oft misstrauisch beäugt. „Viele denken, man müsse Mitglied werden, um mit uns ins Ausland zu gehen“, sagt Katharina, „das sind allerdings zwei völlig unterschiedliche Aspekte.“ Das AiesecMitglied arbeite in einer der lokalen Stellen der Studentenorganisation und erlerne dabei Führungskompetenzen und Softskills. „Der Praktikant profitiert dann von genau diesen Leuten, die die Organisation im Hintergrund managen“, sagt sie. „Wir werden von Außenstehenden sogar gerne mal als Sekte bezeichnet“, sagt Pamela Sturm, Leiterin von Aiesec StuttgartHohenheim. Das läge an der Kultur der Organisation. „Für viele wirkt es komisch, dass wir Tänze und Motivationsrufe, sogenannte ‚Shouts‘, haben“, sagt Pamela. Tänze gebe es bei Aiesec, seit die ersten afrikanischen Länder Teil der studentischen Organisation sind. „Die afrikanischen

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Studenten fanden die Anwesenheitskontrolle bei den internationalen Treffen mit einem ‚Ja, hier‘ nicht genügend und haben mit den Tänzen angefangen“, sagt sie. Wegen der guten Stimmung habe sich das inzwischen für die zahlreichen Mitgliedsländer durchgesetzt. Aiesec Deutschland tanze bei den internationalen Treffen beispielsweise den Schuhplattler. Auch das lokale Komitee habe seinen Tanz, mit dem es sich identifiziere. „Für Außenstehende wirkt das befremdlich. Dabei hat das keinen tieferen Sinn, wir finden es einfach witzig.“

40 Studenten kümmern sich um das Bürokratische Bei den Firmen sei Aiesec etabliert. Bosch, der größte Partner von Aiesec StuttgartHohenheim, habe im letzten Jahr etwa 14 Praktikanten aus unterschiedlichen Ländern aufgenommen. „Für die Unternehmen ist die Zusammenarbeit eine Erleichterung, wir übernehmen den gesamten Papierkram“, sagt Pamela. Rund 40 Studenten der unterschiedlichen Hochschulen arbeiten für die Organisation in Stuttgart. Wird ein ausländischer Student an ein Unternehmen in der Region vermittelt, übernehmen sie den bürokratischen Aufwand. „Das wird von den Unternehmen sehr geschätzt, aber auch von den Studenten“, sagt Pamela. Gerade in den Entwicklungsländern sei Aiesec eine sehr große Chance für die Studenten. „Ich habe lange in Indien für Aiesec gearbeitet. Dort ist es oft die einzige Möglichkeit, Auslandserfahrungen zu sammeln“, erzählt Siddhartha Gosavi und fügt an: „Ich war in Japan und habe erlebt, dass durch die weltweite Vertretung von Aiesec überall auf der Welt die Türen für Studenten offen stehen.“


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Ausgezeichnet, der Bursche Christian Saathoff ist kein Journalist. Trotzdem hat der 24 Jahre alte T체binger Student schon seinen ersten Medienpreis abger채umt. In einer Radioreportage setzte er sich mit Burschenschaften auseinander. Von Christian Ignatzi

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rwartungen hatte Christian Saathoff eigentlich keine. „Ich dachte mir, ich ziehe mir ein schönes Hemd an und das Essen ist auch noch umsonst, das reicht mir schon.“ Dass es dann an diesem Abend im April im Stuttgarter Apollo-Theater auch noch zum ersten Medienpreis in der noch jungen journalistischen Karriere des 24 Jahre alten Tübinger Studenten gereicht hat – umso besser. „Es war dann schon ein schönes Gefühl, dass meine Arbeit von offizieller Seite so gewürdigt wird“, erinnert er sich an den Abend der Preisverleihung. Den LFK-Medienpreis, den die Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg jährlich vergibt, hat er für seinen Radiobeitrag „Rechtsradikale Burschenschaften“ erhalten, der in der UniWelle Tübingen ausgestrahlt wurde. Doch von vorne: Alles begann im vergangenen Sommer, als der Dachverband, unter dem viele Burschenschaften in Deutschland und Österreich miteinander vernetzt sind, die Deutsche Burschenschaft (DB), in der Kritik stand. Auf dem jährlichen Treffen, dem sogenannten Burschentag, wollte der Verband eine Mannheimer Gruppe ausschließen, die einen jungen Mann mit chinesischen Wurzeln aufnehmen wollte. Christian Saathoff verfolgte die Debatte in den großen Medien: „Mir ist damals aufgefallen, dass Tübingen als altehrwürdige Studentenstadt ja sehr viele Burschenschaften hat“, erinnert er sich. „Deshalb wollte ich einmal recherchieren, wie man hier so über das Thema denkt.“ Gesagt, getan. Nach einer kurzen Absprache mit der Leiterin des Tübinger Uniradios, Sigi Lehmann, machte er sich ans Werk. Fast den kompletten Juli und August verbrachte er mit Recherchen, während andere Studenten die Semesterferien genossen und sich um andere Dinge wie Feiern oder Ausruhen kümmerten. Saathoff suchte den Kontakt zu den Burschenschaftlern in der Stadt – und bekam eine Absage nach der anderen. „Zunächst wollte niemand mit mir sprechen“, erinnert er sich. Erst nach vielen Versuchen war es endlich so weit. Er bekam einen Interviewtermin bei der Burschenschaft Germania von 1816. „Das hat mich besonders gefreut, weil ihr Haus, das zentral an der

Neckarbrücke liegt, eigentlich jeder in der Stadt kennt“, sagt er – vor allem wegen der Farbflecken, die so mancher Anschlag an der Fassade hinterlassen hat. Beliebt sind die Burschenschaften nicht. Das liegt vor allem an ihrer konservativen Einstellung. Drei Stunden verbrachte Christian Saathoff mit zwei Burschen im Haus. Er ließ sich durch die Räume führen und stellte anschließend seine Fragen, sortiert nach Brisanz. „Ich wusste nicht, ob sie alle Fragen beantworten würden, aber sie haben es getan.“ Vorsichtig habe er sich herangetastet, stellte Fragen nach Tradition, dem Sinn und Zweck der Mützen, die die Burschen tragen. Er fragte nach der Mensur, dem Fechtkampf, den sie bis heute führen. Und schließlich, als er das Vertrauen spürte, fragte er mehr und mehr nach Rechtsextremismus. Was würden

Ich habe einen Burschen auf dem Dach gesehen, der mit dem Hitlergruß dastand.“ die Burschen tun, wenn einer aus ihren Reihen sich offen zum Rechtsextremismus bekenne? „Ich habe erzählt, dass ich auf dem Dach der Burschenschaft nachts mal jemanden gesehen habe, der mit Hitlergruß dastand und die erste Strophe des Deutschlandlieds gesungen hat“, sagt Saathoff. Die Burschen reagierten scharf. Das könne nicht sein. Und wenn es so gewesen wäre, dann hätten sie ihn rausgeschmissen. Saathoff reichte das für seinen Beitrag nicht aus. Er vertiefte seine Recherchen, wollte andere Meinungen hören. Etwa die eines Mitglieds der Verbindung Stuttgardia, die nicht Farben tragend ist und auch Frauen aufnimmt. Seinen Namen wollte es nicht im Beitrag hören. „Er meinte, dass es in Tübingen keine explizit rechtsextremen Burschen gebe, aber durchaus interessante Tendenzen zu erkennen sind“, sagt Saathoff.

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Auch beim Dachverband der Burschen hörte er sich um. Deren Sprecher, Walter Tributsch, der im Übrigen aus Österreich kommt, fand es wichtig zu erwähnen, dass Demokratie aus allen Farben des Spektrums bestehe, auch aus der rechten Seite. „Er hat vieles gesagt, was für sich spricht“, sagt Christian Saathoff. „Das habe ich dann im Beitrag auch so stehen lassen.“ Als Letztes interviewte Saathoff Christian Becker, einen ehemaligen Burschenschafter, der auf seiner Webseite auspackt und schreibt, was hinter den Kulissen passiert. Becker wurde von seiner Burschenschaft, den Raczeks zu Bonn, die als stark am rechten Rand stehend gelten, ausgeschlossen. „Dass er aber behauptet, nichts von rechten Tendenzen mitbekommen zu haben, finde ich naiv“, sagt Saathoff. Trotzdem: Der Student hatte für seinen Beitrag zusammen, was er brauchte. In den Studioräumen des Tübinger Uni-Radios schnitt er seinen Beitrag zusammen, schrieb seinen Sprechertext und mischte alles zu einem Gesamtpaket. „Ich musste dann sogar etwas kürzen, weil der Beitrag, den ich bei der LFK eingereicht habe, höchstens zehn Minuten lang sein durfte“, erklärt er.

Wohin die Reise gehen soll ist noch nicht klar Eingereicht hat ihn Sigi Lehmann, die von der Arbeit ihres Nachwuchsmitarbeiters überzeugt war. „Nach der Preisverleihung habe ich viel Zuspruch bekommen, auch von Journalisten, die mir dazu gratuliert haben“, freut sich Christian Saathoff. Doch nicht nur positive Reaktionen bekam er. „Ein stadtbekannter Neonazi hat von der Preisverleihung wohl mitbekommen und sich danach auf dem Verteiler unseres Radios angemeldet“, sagt er. „Aber Sigi Lehmann kannte seinen Namen und hat ihn gleich blockiert.“ Wohin die Reise für den frisch gebackenen Preisträger gehen soll, weiß er noch nicht. Momentan absolviert er ein Praktikum beim ZDF-Fernsehen in London. Ob er wirklich im Journalismus landen wird, steht in den Sternen. „Ich werde jetzt erst einmal im

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Christian Saathoff September einen Masterstudiengang beginnen“, erzählt er. „Irgendetwas im Bereich der Internationalen Beziehungen.“ Aber ob Journalist, oder UN-Diplomat. Eines ist sicher: Christian Saathoff wird seinen Weg gehen. Das Preisgeld von 1500 Euro wird er dafür nutzen: „Ich mache bald ein Praktikum bei den Vereinten Nationen in New York. Dazu kann ich das Geld gut gebrauchen.“


Die Bernhartshöhe am Autobahnkreuz Stuttgart ist der höchste Punkt der Landeshauptstadt. Der Berg erlangte jedoch erst in den 1970er Jahren seine heutige Höhe von 549 Metern über Normalnull. Die Bernhartshöhe erreichte durch das Aushubmaterial beim Bau der S-Bahn und U-Bahn ihre heutige Höhe. Paternoster – oder Umlaufaufzüge – sind selten geworden in Deutschland. In Stuttgart sind gleich mehrere dieser Aufzüge noch in Betrieb. Einer der bekanntesten befindet sich im Rathausfoyer. Weitere Paternoster befinden sich beispielsweise in der Markthalle, dem Literaturhaus und dem Arbeitsgericht im Westen. Die Stadtbibliothek Stuttgart ist weit mehr als „nur“ der Neubau am Mailänder Platz. Zu ihr zählen ebenfalls 17 Stadtteilbibliotheken, vier Krankenhausbibliotheken und die Rathausbücherei. Zudem werden Stadtteile ohne Bibliothek von den beiden Bücherbussen Max und Moritz bedient. Weitere unnütze Fakten über Stuttgart gibt es im Netz auf www.unnuetzes-stuttgartwissen.de oder auf Facebook. 13 15


Wer nur studiert, um hinterher mehr Geld zu verdienen, tut mir leid.“

Vom Luxus Zeit

Stuttgart 21, OB-Kandidatur, Architekturstudium: Hannes Rockenbauch hat bewegte Jahre hinter sich - und sie genossen. Von Markus Brinkmann

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Herr Rockenbauch, Sie haben Architektur studiert, doch bekannt geworden sind Sie durch die Proteste gegen Stuttgart 21, die Schlichtung und Ihre OB-Kandidatur. Warum haben Sie sich für die Politik entschieden? So eine richtig bewusste Entscheidung war das wohl nicht. Ich habe als Jugendlicher von meinen Eltern gelernt, dass es unheimlich viel Freude bringt, wenn man gegen Zustände, die man als ungerecht empfindet, etwas aktiv unternimmt. Sich zu beschweren ist einfach, macht aber nicht glücklich. Wie heißt es so schön: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Zu tun gab es immer genug, ob in der Schule, im Stadtteil, für die Umwelt oder gegen Stuttgart 21. 1997 habe ich mich an der offenen Bürgerbeteiligung zu S21 beteiligt, seitdem bin ich kommunalpolitisiert, denn die Kommunalpolitik stellt die spannende Frage an uns alle: „Wie wollen wir in Zukunft gut leben?“

Ihre Studienzeit verlief nicht geradlinig, Sie haben bis zum Vordiplom Philosophie und Physik studiert, sind dann zur Architektur gewechselt. Warum? Nach meinem Vordiplom, als der Prüfungsstress vorbei war, ist mir klar geworden, dass mir im Studium und damit in meinem Leben eine Seite fehlte. Intellektuell konnte man sich in Physik und Philosophie zwar total auspowern, aber mir fehlte der Zugang zum Fach, um darin auch meine soziale, intuitive oder kreative Seite auszudrücken. Mit Architektur und Stadtplanung habe ich die ideale Symbiose zu meinem kommunalpolitischen Engagement gefunden.

Welche technischen Fähigkeiten helfen Ihnen bei Ihrer politischen Arbeit am besten weiter? Gerade in der Kommunalpolitik ist es wichtig, dass man was von Planung und Bauplänen versteht. Das Tolle war aber, wie sich Studium und Politik ergänzt haben. Die Politikpraxis als Art Realitycheck für das Studium und der akademische Freiraum, der meine politischen Denkkategorien kreativ erweitert hat.

Schlichtung und Studienabschluss dürften sich überschnitten haben, außerdem sind Sie seit 2004 bereits als Stadtrat tätig. Blieb da genügend Zeit für ein Studentenleben? Für mich war mein Engagement immer mehr Bereicherung als Belastung. Sicher versteht jeder unter „Studentenleben“ was anderes. Architektur und Stadtplanung und mein politisches Engagement sind neben Familie und Freunden mein Leben. Was gibt es besseres als das intensiv zu leben?

Wenn Sie an Ihre Studienzeit denken, was hat Ihnen am besten gefallen? Der Luxus, Zeit zu haben, um zu lernen und sich auszuprobieren. Und natürlich die Zusammenarbeit mit spannenden Menschen.

Welche Tipps haben Sie für Studenten? Das Studium ist eine der spannendsten Lebenserfahrungen, die sollte man ausnutzen. Der Weg ist das Ziel und nicht das ewige Schielen auf Noten und den Abschluss. Wer nur studiert, um hinterher mehr Geld zu verdienen, tut mir leid.

Während der Schlichtung haben Sie sich in die Unterlagen der Bahn einarbeiten müssen. Hat Ihnen dabei Ihr Studium geholfen? Ja, ich denke schon. Aber es war ja leider nicht so, dass uns die Bahn genaue Pläne oder präzise Unterlagen zur Finanzierung überlassen hat. Selbst die Daten des Stresstests sind geheim und man bekommt nur das Ergebnis präsentiert. Da nützt einem ein Studium auch nichts. Ein genauer Faktencheck war nicht möglich.

Hannes Rockenbauch, geboren 1980 in Stuttgart, studierte bis 2011 an der Uni Stuttgart, an der er heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Grundlagen der Planung tätig ist. Seit 2004 ist er Stadtrat für das Parteifreie Bündnis SÖS (Stuttgart Ökologisch Sozial).

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Ohne Information h채ltst Du das vielleicht f체r die ne

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Alle Menschen haben das Recht auf Information. m f端r Pressefreiheit auf reporter-ohne-grenzen.de


Wie ist es eigentlich... ... in der Wüste zu überleben?

Die Takla Makan in Asien gilt als die Wüste des Todes. Bei einer Luftfeuchtigkeit von null Prozent sind hier bereits unzählige Karawanen im ewigen Sand verschwunden. Den Elementen zum Trotz wagte der Abenteurer Bruno Baumann den Versuch, die zweitgrößte Wüste der Welt zu Fuß zu durchqueren. Von Manuel Scholze

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erfüllt er sich nach einem Geschichts- und Völkerkundestudium seinen Lebenstraum und wird Abenteurer. erbst 1989: Es ist die optimale Die Wüste ist auf seinen zahlreichen Jahreszeit, um eine der gefährlichsten Reisen stetiger Anlaufpunkt. Der Wüsten der Erde zu durchqueren. Und Grenzgänger Baumann erklimmt nicht nur genau das hat Bruno Baumann vor, die heimischen Alpen, als einer der ersten sondern auch Sanddünen Europäer, der nach auf der ganzen Welt. Das einer hundertjährigen größte Überlebensrisiko Schließung der Grenzen in allen Wüsten der Welt von China auf den Spuren sei der Wassermangel. von Marco Polo wandeln Das größte Risiko fürs Wo in afrikanidarf. Ein Privileg und schen Wüsten noch 30 genug Anreiz, die Risiken Überleben in allen Prozent Luftfeuchtigkeit der Todeszone auf sich Wüsten der Welt ist der herrscht, liegt sie in zu nehmen. Asien bei null. „Das „Wir waren außerhalb Wassermangel.“ bedeutet, du trocknest der Sandsturmsaison mit jedem Schritt aus. unterwegs, und die Da lernst du erst, was es bedeutet, wenn Temperaturunterschiede im Oktober sind Wasser nicht aus dem Hahn kommt. erträglich. Am Tag wird es bis zu 60 Grad Jeder Schluck ist kostbar, und wenn heiß, in der Nacht gehen die Werte nicht ich in der Zeit einmal nur an duschen unter null. Sonst ist die Differenz größer“, gedacht hätte – das wäre undenkbar geerinnert sich der damals 34-Jährige. wesen“, erinnert sich der Lebenskünstler. Er ist zu dem Zeitpunkt kinderlos und Bei seinem ehrgeizigen Ziel, die Wüste unverheiratet. Was ihn antreibt, ist der zu Fuß zu durchqueren, begleiteten ihn Wunsch, dem Kleinbürgertum seiner ein Schulfreund, dessen Freundin und Heimat Österreich zu entfliehen. Also 19


zwei weitere Europäer. Dazu kommen Kamele, von den chinesischen Behörden ausgewählte Führer und zusätzliche Sicherheitsleute - ein wichtiger Schutz, denn am Rande der Takla Makan testet China zu dieser Zeit Atombomben. „Wir hatten Glück“, betont Baumann, „aber wir waren auch für alles gerüstet. Wir hatten durch die Kamele eine mobile Oase dabei und natürlich Messgeräte, die schon bei der kleinsten Strahlenbelastung ausgeschlagen hätten.“ Aber warum ein Trip durch die Sandhölle in einer Zeit, in der es zwischen dem Westen und Asien so große Probleme gab? „Ich war damals in meiner Sturmund-Drang-Phase. Natürlich wusste ich, dass wir in ein echtes Gefahrengebiet gehen. Allerdings denkt man sich in jungen Jahren immer: Das kann mir doch nicht passieren. Warum sollte meine Karawane untergehen?“

Erste Abenteuer in China nach 100 Jahren Der größte Anreiz für die Reise sei die Öffnung der chinesischen Wüsten Ende der Achtziger gewesen. „China hat sich rund 100 Jahre komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Wir waren die

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Ersten, die rein durften. Wir konnten uns auf die Spuren von Marco Polo machen, entlang der Seidenstraße. Natürlich mit hohen Auflagen.“ Baumann und seine Weggefährten, damals auch ein Kamerateam des ZDF, waren unter ständiger Beobachtung der Behörden. „Wir hatten eigentlich nie ein gutes Verhältnis zu unseren Begleitern. Wir mussten die Expedition richtig durchkämpfen.” Immer wieder sei von einem Abbruch die Rede gewesen. „Es war kein freies Reisen – trotz der unendlichen Weite der Wüste. Das Kamerateam musste nach Problemen mit Landesvertretern irgendwann die Dreharbeiten abbrechen. Unsere Unternehmung wurde nie wie geplant ausgestrahlt.“ Sein persönlich maßgebendes Erlebnis war die Faszination der Wüste selbst. Besonders die Qualität der Stille hatte es ihm angetan. „Ich war diese Ruhe überhaupt nicht gewohnt. Wenn ich in den Bergen bin, ist es auch still. Aber irgendwo sind immer Geräusche.” In der Wüste gelte das nicht. „Zuerst war das beklemmend, dann aber sehr befreiend. Man hat so viele Stunden und Tage Zeit, Gedankenketten zu spinnen und weiterzuspinnen.“ Baumann sagt, er sei gemacht für die Wüste. Selbst das Gehen im Sand habe ihm nicht sehr viel ausgemacht. „Ich war von Anfang an


Sparkassen-Finanzgruppe leistungsfähiger als andere. Ich konnte mit dem Durst, der Eifersucht auf das Wasser umgehen. Und dann kommt diese Weite, diese Freiheit. 360 Grad siehst du nur zwei Elemente. Wüste und Himmel.” Trotz all seiner Liebe zum Sandmeer bewertet er die Wüste als absolut lebensfeindlichen Raum. „Ohne Kamele und ständig genau geplante Wasserreserven gibt es kein Überleben.“ Neben ausreichender Flüssigkeit gehörte auch festes Schuhwerk, eine Schaufel, Equipment für die Nacht und ein genaues Auge dazu. „Wir haben damals die Dünen gelesen. Die haben eine ganz bestimmte Struktur. Wer sich die einprägt, läuft schon mal nicht Gefahr, im Kreis zu gehen.“ Heute ist Baumann 57 und noch immer sicher: „Ich könnte einen solchen Trip zu Fuß durch die Wüste wieder schaffen. Allerdings nur mit Begleitung und einer Karawane.“ In seinem Münchener „Basislager“ plant er ständig neue Unternehmungen. Der Abenteurer macht weiter – bis er nicht mehr laufen kann. Ein typisches Rentnerdasein jenseits der 60 kann und will er sich nicht vorstellen.

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Wie-ist-es-eigentlich.de ist ein Blogprojekt von Journalismusstudenten. Sie befragen Menschen, wie sich bestimmte Erlebnisse, Situationen oder Geschehnisse anfühlen. Im Internet gibt es eine Sammlung dieser Geschichten. Im Käpsele erscheint monatlich ein Text aus der Reihe als Serie.

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Fastfood ist ein Luxusgut Studenten sind arm dran. Im Durchschnitt haben sie 812 Euro im Monat zur Verfügung, Rebecca* und Pauline* haben weniger. Das reicht schon zum Leben, aber große Sprünge können sie nicht machen. Von Sanja Döttling

*Namen geändert 22


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ebecca trinkt das Wasser aus dem Wasserhahn. In Paulines WG ist die Dusche gegenüber dem Herd in der Küche. „Dafür zahle ich aber auch nur 290 Euro Miete in der Tübinger Innenstadt“, sagt sie. Beide machen nur selten Urlaub. „Ich gehe bald aufs Southside-Festival, das ist die erste Reise seit dem Abitur“, sagt Rebecca. Pauline geht es ähnlich: „Ich war kürzlich drei Tage in Berlin, einmal noch für eine Woche in Prag. Das war billig, weil wir mit einer Mitfahrgelegenheit gefahren sind.“ Rebecca und Pauline sind Studentinnen. Und sie sind nach deutschen Richtlinien armutsgefährdet. Die Grenze liegt bei 930 Euro. Rebecca hat gerade einmal 545 Euro im Monat zur Verfügung, bei Pauline sind es 776 Euro. Davon müssen die jungen Frauen alles bezahlen: Miete, Handy, Essen und Klamotten. Auch das Studium selbst ist teuer: Bücher, Exkursionen und massenweise Kopien. Laut der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks vor vier Jahren haben Studenten im Durchschnitt 812 Euro im Monat zur Verfügung. Unterstützung der Eltern, Bafög, das Kindergeld und der Nebenjob sind die häufigsten Geldquellen für Studenten. Dieser Betrag ist zumutbar, sagt das Ministerium für Bildung und Forschung. Schließlich haben die Studenten Aussicht auf ein hohes Gehalt im späteren Arbeitsleben, lautet die Begründung.

Krank zu sein kann sie sich nicht leisten Pauline bekommt 402 Euro Bafög. „Ohne dieses Geld würde es nicht gehen“, sagt sie. Ihr Kindergeld überlässt sie ihrer Mutter, „sie braucht das für das Haus, denn die Mieter zahlen entweder gar nicht oder unpünktlich“, erklärt sie. Pauline hat einen Nebenjob, sie ist studentische Hilfskraft. Ihr Stundenlohn liegt bei 8,67 Euro. Bis zu zehn unbezahlte Überstunden arbeitet sie zusätzlich zu den angebenden 24 Stunden pro Monat. „Man muss diszipliniert sein“, sagt sie, „dann sind Job und Studium gut zu vereinen.“ Aber krank sein – das kann sie sich auf keinen Fall

leisten. Universität und Arbeit müssen dann nachgeholt werden. Rebeccas Eltern waren zeitweise arbeitslos. Sie bekam Anfang des Semesters 350 Euro Bafög. Weil ein Dokument fehlte und nachgereicht werden musste, wurde der Bafög-Satz noch einmal neu berechnet. Das zu viel ausgezahlte Geld wurde gleich abgezogen. Jetzt bekommt Rebecca 65 Euro Bafög. Rebecca kommt mir ihrem Geld ganz gut zurecht, einen Nebenjob hat sie nicht. Aber: „Wenn es einen Monat mit vielen Geburtstagen gibt, wenn man dann Geschenke kaufen geht … Dann kann es knapp werden.“ In den Semesterferien geht sie zu ihrer Mutter nach Hause, da muss sie das Essen nicht selbst zahlen. „Man muss schon zurückstecken, bei Luxusgütern wie Videospielen und DVDs.“ Belastend sei vor allem die Rechnerei vor jedem Einkauf, das Vorausplanen jeder Ausgabe. „Ständig muss man darüber nachdenken, ob man sich das noch leisten kann. Einfach kaufen – das geht nicht. Nur manchmal“, gibt Rebecca zu, „manchmal gehe ich einfach so mit Freunden abends weg, ein oder zwei Bier trinken. So etwas muss man sich dann einfach leisten.“ Pauline hat zwar monatlich mehr Geld auf dem Konto, doch ihre Familie kann sie finanziell kaum unterstützen. Sie ist kürzlich umgezogen, die Kaution haben die Eltern ihres Freundes übernommen. „Das ist purer Stress – wenn man weiß, das Geld reicht nicht, man kann die Rechnung nicht zahlen“, sagt sie. Wie letzten Monat, als die Universität das Gehalt nicht überwiesen hat. „Sobald etwas aus der Reihe anfällt, dann wird es eng.“ Belastend ist für sie vor allem die Ungewissheit. Das Bafög ist nur für die Regelstudienzeit von drei Jahren im Bachelor gedacht; oft lassen die Stundenpläne gar nicht zu, dass man das Studium in dieser Zeit überhaupt abschließen kann. „Meine Mutter geht bald in Rente, sie kann mir mit dem Geld auch nicht aushelfen“, sagt Pauline. Was dann wird? Als Ergänzungsangebot bietet das Studentenwerk den sogenannten KfWStudienkredit an. Anders als beim Bafög müssen hier die Studenten, die die Unterstützung erhalten, den vollen Kreditbetrag zurückzahlen. Nachdem im Sommersemester 2012 auch in Baden-Württemberg die

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Studiengebühren wieder abgeschafft wurden, ist die Ausbildung an der Universität fast vollständig vom Staat finanziert. In anderen Ländern schlagen Studiengebühren viel mehr zu Buche. In Großbritannien etwa zahlen Studenten pro Jahr bis zu 12.000 Euro Studiengebühren. Fast unverschuldet zu studieren, wie hier in Deutschland, ist in anderen Ländern oft gar nicht möglich. Da stehen die deutschen Studenten im internationalen Vergleich eigentlich ganz gut da.

Mit Second-HandKlamotten spare ich. Mein Oberteil hat fünf, mein Rock drei Euro gekostet.“ Gespart werden muss bei Rebecca trotzdem. „Second-Hand-Klamotten, damit spare ich Geld. Mein Oberteil hat fünf, mein Rock drei Euro gekostet“, sagt Rebecca, „außerdem versuche ich, nicht zu viel für Essen auszugeben. Mensa, und daheim Fertigsuppen und Brot, das geht.“ Auch Pauline spart beim Essen: „Ich würde gern mehr Obst und Gemüse kaufen.

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Meistens kaufen wir eben Billigmarken. Ein Fastfood-Menü für vier Euro – das ist Luxus“, sagt sie. Pauline hat bei solchen Ausgaben oft ein schlechtes Gewissen. „Klamotten sind so teuer. Ich kaufe mir erst neue Schuhe, wenn die anderen fast auseinanderfallen“, sagt sie. Für Sonderausgaben, einen neuen Computer beispielsweise, gehen beide in den Semesterferien arbeiten. Wenn sie mal mehr Geld haben, nach dem Studium, wollen sie sich auch mal etwas mehr leisten. „Auf ein Konzert meiner Lieblingsband Rammstein gehen – das wäre toll“, sagt Rebecca. Pauline war nach dem Abitur zum Arbeiten in Kanada und hat dort viele Freunde gefunden: „Meine Gastfamilie dort und meine Freunde einmal wieder zu sehen, wäre schön.“ Arm fühlen sich die beiden Studentinnen trotz allem nicht. „Man muss das doch in Relation mit den anderen Studenten sehen, das ist normal, man muss eben zurückstecken. Manchmal, wenn ich sehe, dass andere Studenten dreimal im Jahr in den Urlaub fahren, und ich meine Zeit mit arbeiten verbringe – da bin ich etwas neidisch“, sagt Pauline. Und Rebecca ergänzt: „Ich mache Sport, gehe weg. Außerdem habe ich doch alles: einen Fernsehen, eine Konsole, einen guten Computer. Ich studiere, weil ich mir das so ausgesucht habe und bekomme das Geld dafür vom Staat und den Eltern. Das Geld will ich nicht zum Fenster rausschmeißen.“


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9.2013 9. – 20.0 013 .0 6 1 Detroit: – 27.09.2 3 1 i: 23.09. Shangha 30.09. – 04.10.20 : lo u a São P erben 013 bew 2 i n u J . Bis 30

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Buch des Monats

Die schwarzen Schafe Europas

Über jene zumeist als Euro-Krise bezeichkönne man EU-Beitrittskandidaten kaum hohe neten Erscheinungen wird allenthalben beRechtsstaats- und Demokratiestandards abverrichtet. Dass nicht nur Informationen darüber langen, wenn im eigenen Haus keine Ordnung wichtig sind, sondern auch eine Debatte, die herrscht. Zweitens, und wichtiger, regieren fruchtbar sein kann und soll, haben jüngst Ungarn und Rumänien auf europäischer Ebene Wolfgang Streeck und Jürgen Habermas bemit. Wollen die Bürger Europas autoritäre wiesen (Blätter für deutsche und internatioRegime über ihre Geschicke mitbestimmen nale Politik, Heft 4 und 5/2013). lassen? Ein anderes europäisches Nur folgerichtig schließt der Autor, Problem dagegen läuft medial die EU müsse, trotz der berechtigim Windschatten der großen ten Diskussion um ihre eigenen Krise: der Um- bzw. Rückbau Defizite, als Hüterin der Demokratie von Demokratie und Rechtsstaat auftreten können. Da die derzeit in Ungarn und Rumänien. In verfügbaren Werkzeuge bestenfalls „Wo Europa endet“ nimmt sich ungenügend sind, entwirft Müller Jan-Werner Müller, Professor Wo Europa endet eine Reihe von Erweiterungen für für Politische Theorie und Ungarn, Brüssel und das Schicksal „Europas Instrumentenkasten“. der liberalen Demokratie Ideengeschichte in Princeton, Jan-Werner Müller Man muss diesen Vorschlägen nicht edition suhrkamp digital USA, des Themas an. zustimmen. Im Gegenteil darf, Dabei interessieren ihn wenisoll und muss darüber diskutiert ger die Ereignisse in den betref- SV werden. Die dahinterstehenden fenden Staaten als vielmehr die Gedanken überzeugen jedoch. Konsequenzen, die daraus zu Bei aller Sachlichkeit legt ziehen sind. Daher zeichnet er nur in aller Müller ein leidenschaftliches Plädoyer Kürze die Vorgänge in Ungarn seit der Wahl für den Schutz der Demokratie vor, das 2010 nach und beginnt dann die eigentlieine große Leserschaft verdient hat. (phd) che Argumentation. Diese wird sehr akademisch vorgetragen, was aber kein Nachteil Jan-Werner Müller, Wo Europa endet. Ungarn, sein muss. In unaufgeregtem Ton gelingt Brüssel und das Schicksal der liberalen Müller der Beleg, warum die genann-ten Demokratie – Sachbuch, Suhrkamp, 79 Seiten, Umbrüche alle Europäer angehen: Erstens ISBN: 978-3-518-06197-8, 7.99 Euro

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Der Liebling der Redaktion

Hinter den Grenzen des Verstands Es gibt zwei Arten von Menschen, die in den vergangenen Wochen die Verfilmung von Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“ auf der großen Leinwand gesehen haben: die einen kennen das Original, die anderen tun es nicht. Wer es kennt, bei dem dürfte die Wahrscheinlichkeit gewaltig sein, von dieser weichgezeichneten KinoVersion abgrundtief enttäuscht zu sein, weil sie sich größtenteils auf eine seichte Liebesgeschichte konzentriert, weil sie die Essenz des Buches völlig ignoriert und weil sie bei der notgedrungen erforderlichen Kürzung des Stoffs fatale Fehlentscheidungen trifft. Denn in diesem Roman steckt so viel mehr, als der Film suggeriert. Bücher von Pascal Mercier zu lesen ist nicht immer leicht. Der Schweizer, der bis 2007 unter seinem bürgerlichen Namen Peter Bieri an der Freien Universität Berlin Philosophie lehrte, hat zuweilen einen gewöhnungsbedürftigen Stil. Im „Nachtzug nach Lissabon“ fällt das deswegen nicht so stark ins Gewicht, weil das Buch in Amadeu Inácio de Almeida Prado eine Figur hat, die allein durch die Strahlkraft ihrer Gedanken fesselt. Bittersüß sind diese Gedanken vor allem für Menschen, die von einer Sehnsucht getrieben sind, von einem Fernweh, von der Suche nach Aufregung, Spannung und Glück fern des

Alltags. Fasziniert von einem Werk Prados, das ihm in die Hand fällt, bricht einem Impuls folgend auch der vom Leben frustrierte Nachtzug-Protagonist, der Lehrer Raimund Gregorius, nach Lissabon auf. Er fragt sich, ganz im Geiste des Phantoms, das er jagt: „Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?“ Auf der Suche nach Beschreibungen wurde für Merciers Nachtzug häufig „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón als Referenzwerk herangezogen. Der Vergleich aber hinkt: wo der in seiner Sprache wundervoll bildgewaltige Spanier seine äußere Handlung vorantreibt, blickt Mercier eher nach innen. Seinem Roman schadet das nicht – im Gegenteil. (ben) Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon – Roman, Hanser/btb, 496 Seiten, gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3446205550, 24,90 €, Taschenbuch, ISBN: 978-3442734368, 9,99 € 27


Hohenheim macht Schummeln schwer Vier von fünf Studenten schummeln. Das belegt eine Studie, die zudem zeigt: Jeder fünfte Student hat mindestens einmal plagiiert. Die Uni Hohenheim hat jetzt eine Software, die alle Dozenten nutzen können. Von Mia Bergmann

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lädt die Arbeit auf dem Computer hoch, die „Docoloc“ mit Texten im Internet abgleicht. Das Ergebnis erhält der Professor per ie heißen Guttenberg, Schavan, KochE-Mail als Protokoll. Eins zu eins abgekupferte Mehrin oder Pröfrock und haben drei Dinge Stellen und Passagen, die Ähnlichkeiten mit gemeinsam: Sie haben in ihren Dissertationen Dokumenten aus dem Netz aufweisen, sind abgeschrieben, sie sind aufgeflogen und markiert. „Klicke ich die Stelle an, poppt haben ihren Doktorgrad verloren. Man kennt der Originaltext oder die Internetadresse die Personen nicht mehr nur als (zurückdazu auf“, sagt Brettschneider. Er getretene) Politiker, sondern vor allem als betrachtet es als Vorteil, dass das Institut Plagiatoren. Studenten, die fremdes geisfür Kommunikationswissenschaft sehr jung tiges Eigentum als eigene Gedanken ausgeist: Die Literatur gibt es in digitaler Form. ben, gibt es an jeder Universität. Das legt Brettschneider schätzt den Mehraufwand die Studie „Fairuse“ nahe: Soziologen der durch das Programm auf 15 Minuten pro Universität Bielefeld haben zwischen 2009 Arbeit. Denn ob ein Student wirklich abgeund 2012 tausende Studenten und Dozenten schrieben hat oder die Quelle korrekt zitiert, zum Thema Schummeln befragt. Spicken muss der „Docoloc“-Anwender selbst abgleiund schreiben Studenten bei Klausuren beim chen. Nachbarn ab? Verwenden sie unerlaubte Brettschneider will seine Studenten, die Hilfsmittel wie Spickzettel? Kopieren sie in er extrem motiviert nennt, nach außen Haus- und Abschlussarbeiten? Fälschen sie in hin schützen. Nur weil der Forschung Messwerte? Politiker als Plagiatoren Herausgekommen ist unter auffliegen, seien nicht anderem, dass vier von alle Studenten automafünf Studenten (79 Prozent) tisch Betrüger. „Und bei innerhalb eines Semesters uns schon gar nicht“, mindestens einmal geEs wird kommuniziert, be-tont Brettschneider. schummelt haben. Knapp Ein solches Bild passt jeder fünfte Student hat dass wir prüfen. Betrüger auf 99,99 Prozent der im vergangenen Semester wissen, dass sie ziemlich Studenten nicht. Sollte zumindest ein Plagiat doch einer in Versuchung abgeliefert - obwohl die sicher erwischt werden.“ geraten, schrecke das Hälfte der Studenten Wissen um den Einsatz Plagiieren moralisch vereiner Anti-Plagiats-Software ab. werflich findet. Oft haben die Betrüger In der Tat: Brettschneider hat vor sechs nichts zu befürchten: Laut der Studie bleiJahren das letzte Mal eine plagiierte Arbeit ben 94 Prozent aller Plagiatsfälle unentgelesen. Google hat festgestellt, dass der deckt. Das liegt vielleicht an der Einstellung Autor unverfroren aus dem Internet abgeder Dozenten: Die „Fairuse“-Studie besagt, schrieben hat. „Es wird kommuniziert, dass dass nur 17 Prozent der Dozenten, die eine wir prüfen. Betrüger wissen, dass sie ziemlich entsprechende Software einsetzen könnten, sicher erwischt werden“, sagt Brettschneider. das auch tun. Suchmaschinen im Internet Auch uniweit kann die Zahl der Plagiatsfälle wie Google nutzt immerhin jeder vierte, um an einer Hand abgezählt werden. „Im stichprobenartig Sätze zu prüfen. Durchschnitt wurden in Hohenheim in den Professor Frank Brettschneider, vergangenen Jahren ein bis zwei Plagiatsfälle der am Hohenheimer Institut für bei Bachelor- und Masterarbeiten im Jahr verKommunikationswissenschaft den Lehrstuhl zeichnet“, sagt Sprecher Florian Leonhardmair. für Kommunikationswissenschaft, insbeBei Dissertationen seien in den vergangenen sondere Kommunikationstheorie inneJahren keine Plagiatsfälle entdeckt worden. hat, gehört zu den eifrigen Plagiatsjägern. Anders sieht es bei Hausarbeiten aus. „Dort Er nutzt für alle Arbeiten das Programm sind Täuschungsversuche häufiger. Die Zahlen „Docoloc“, entwickelt von der Technischen werden aber nicht zentral erfasst“, sagt Universität Braunschweig. Brettschneider

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Leonhardmair. Erst vor kurzem ist ein Student aufgeflogen: Er hat in seiner Hausarbeit aus dem Internet abgekupfert. Dass Studenten bei Hausarbeiten öfter betrügen als bei Abschlussarbeiten, liegt an der Strafe. Sie fällt vergleichsweise gering aus. „Natürlich sind auch gefälschte Hausarbeiten ein gravierender Verstoß und werden nicht toleriert. Die Hausarbeit gilt als nicht bestanden, kann aber wiederholt werden“, sagt Brettschneider. Verständnis für Betrüger hat er keines. Seiner Meinung nach sollten alle exmatrikuliert werden. „Das Grundverhalten bleibt das gleiche, ob Hausoder Doktorarbeit. Die Person hat nicht begriffen, dass man nicht betrügt. Wer bei mir einmal schummelt, muss sich einen neuen Dozenten suchen.“ Was mit Studenten passiert, bei denen ein Plagiat nachgewiesen wird, regelt die Prüfungsordnung der einzelnen Studiengänge, sagt Leonhardmair. „Wer mehrfach erwischt wird, dem droht der Verlust des Prüfungsanspruches, also das faktische Aus für das Studium.“ Solche Entscheidungen

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treffe der Prüfungsausschuss der Fakultät. Prüfungsordnungen regeln auch, ob Arbeiten auf Plagiate überprüft werden. Studenten müssen einer Überprüfung ihrer Arbeiten mit einer Software grundsätzlich zustimmen und sich zudem bereiterklären, ihre Arbeit auch digital abzugeben. Das Institut für Kommunikationswissenschaft etwa hat den Aspekt ebenso wie die Fakultät Agrarwissenschaften in der Prüfungsordnung verankert. „An der Universität Hohenheim liegt es im Ermessen der jeweiligen Dozenten, ob sie eine Software einsetzen oder nicht“, sagt Leonhardmair. Für die Zukunft sei aber ein Leitfaden mit Empfehlungen geplant, wie stark die Software eingesetzt werden sollte. Die Uni Hohenheim hat vor kurzem die campusweite Lizenz für die Anti-Plagiats-Software „Turnitin“ gekauft. „Durch eine zentrale Finanzierung steht das Programm der gesamten Hochschule zur Verfügung. Pro Student kostet es im Jahr rund einen Euro“, sagt Dr. Andreas Janßen vom Kommunikations-, Informations- und Medienzentrum. Er hat sich zusammen mit einer fakultätsübergreifenden


Arbeitsgruppe wegen der umfangreichen Datenbasis für „Turnitin“ entschieden. Anders als andere Programme greift es nicht nur auf frei verfügbare Quellen im Internet zu. „Prüfungsleistungen wie Hausoder Bachelorarbeiten sind im Netz meist nur als Abstract oder Zusammenfassung auffindbar“, erklärt Janßen. Das führt dazu, dass Programme Plagiate aus solchen Prüfungsleistungen nicht erkennen. Das Gleiche gilt für kostenpflichtige Veröffentlichungen von Verlagen. „Im Internet bekommt man in diese Arbeiten nur so weit eine Einsicht, wie der Verlag es zulässt“, sagt Janßen. Und die beschränkt sich meist auf eine Zusammenfassung. „Turnitin“, sagt Janßen, kooperiert mit allen wichtigen nationalen und internationalen Verlagen. Es speichert zudem - sofern die Studenten es erlauben oder Prüfungsordnungen es vorgeben - hochgeladene Arbeiten aller Universitäten, die ebenfalls „Turnitin“ benutzen, in dem riesigen Daten-Pool als digitale Fingerprints. Findet das Programm Übereinstimmungen, meldet es aber nur, dass die zu prüfende Arbeit mit einer Arbeit der Universität x Ähnlichkeiten aufweist. „Um in die Arbeit einzusehen, muss ich mich an die jeweilige Universität wenden. Der Autor bleibt wie der Inhalt anfangs anonym“, sagt Janßen. Trotz üppiger Datenbank stößt auch ein Programm wie „Turnitin“ an seine Grenzen. Es bemerkt weder umformulierte Texte noch Gedanken, die einer ausspricht und ein anderer weiterdenkt. Aus einer Fremdsprache übersetzte Texte soll „Turnitin“ bald erkennen können. „Wer perfekt fälscht, wird nicht ertappt“, gibt Janßen zu. Ohne den Dozenten geht es also nicht. Kommunikationswissenschaftler Brettschneider machen einige

Prominente Überführte: Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und Silvana Koch-Mehrin.

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Dinge stutzig. „Wenn sich plötzlich der Stil ändert oder die Schreibweise, also ein Wort plötzlich mit oder ohne Bindestrich auftaucht.“ Die Universität Tübingen sieht Programme zur Plagiatserkennung wegen ihrer Schwächen kritisch. „Eine Software kann nur eine zusätzliche Unterstützung bei einer kompetenten Begutachtung sein“, sagt Sprecherin Antje Karbe. Die Beurteilung einer Arbeit und geistigen Leistung lasse sich nicht automatisieren. Dozenten entscheiden selbst. Die Juristische Fakultät verlangt alle Hausarbeiten auch digital, die sie dann überprüft. „In der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät erhält jeder Gutachter die Arbeit auch auf CD. Bei Verdachtsmomenten überprüft er sie mit einer Software“, sagt Karbe. Daneben müssten Studenten in den meisten Fachbereichen ab dem ersten Proseminar jede Hausarbeit mit einer Anti-PlagiatsErklärung versehen.

Seit Jahren keine Plagiatsfälle bei Doktorarbeiten, zwei bis drei Fälle pro Jahr bei Abschlussarbeiten, etwas mehr bei Hausarbeiten: Die Universität Stuttgart hält angesichts der geringen Zahl von Plagiatsfällen eine zentrale Software für nicht erforderlich – obgleich sie eine Dunkelziffer vermutet. „Die Anschaffung einer Software stünde trotzdem in keinem Verhältnis zum Aufwand“, sagt Sprecher Hans-Herwig Geyer und fügt hinzu: „Wenn wir alle Arbeiten einer Prüfung unterziehen würden, käme das einem Generalverdacht gleich.“ Es bleibt auch hier den Dozenten überlassen, ob sie eine Software einsetzen oder nicht. Der Sprecher ist davon überzeugt, dass die öffentliche Diskussion sowie die Sanktionen Studenten sensibilisieren. „Man setzt ein Zeichen, wenn man jemandem den Doktortitel aberkennt.“ Gerade bei Dissertationen findet Geyer Betrügen schwierig. „Der Prüfer kennt das Leistungsniveau des Studenten.“

Wer täusche, dem sei nicht zu helfen, sagt Brettschneider

Frank Brettschneider Besonderes Augenmerk legt die Uni Tübingen auf die Promotionsordnungen. „In den vergangenen 15 Jahren haben wir siebenmal den Doktortitel entzogen“, sagt Karbe, darunter im Juli 2011 dem CDU-Politiker Matthias Pröfrock. „Die Uni hat als Reaktion auf die Plagiatsfälle der jüngsten Zeit alle Promotionsordnungen überprüft und gegebenenfalls ergänzt, um griffige Regelungen hinsichtlich Täuschung und Ablehnung der Dissertation beziehungsweise der Möglichkeit, einen verliehenen Doktorgrad zu entziehen, sicherzustellen“, sagt Karbe.

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Doch warum schummeln Studenten? An mangelnder Aufklärung kann es nicht liegen. Universitäten bieten Seminare an, in denen sie korrektes wissenschaftliches Arbeiten lernen. Ebenso gibt es Sprechstunden und Kolloquien. Der Kommunikationswissenschaftler Brettschneider vermutet eine Kombination aus Dummheit und Überforderung. „Ich kann es nachvollziehen, wenn jemand sein Pensum wegen eines Todesfalls oder Krankheit nicht schafft.“ Wer dann aber täuscht, statt eine Fristverlängerung zu beantragen, dem sei nicht zu helfen. Am System liegt es nach Ansicht von Brettschneider auch nicht. „Studenten bekommen bei uns die maximale Betreuung. Wir haben den Bachelor reformiert und damit den Druck minimiert. Und 99,99 Prozent der Studenten kommen ja zurecht.“ Für UniStuttgart-Sprecher Geyer gehört Druck zum Studium dazu. „Studieren ist kein Kinderspiel, aber das soll es auch nicht sein. Man muss sich anstrengen, das kann einem keiner abnehmen.“


Kurzgeschichte

Die Tochter des Chefs von Marc Bensch

Ganz sicher war es nicht seine beste Idee gewesen, mit der Tochter des Chefs zu schlafen und sie dann für ihre beste Freundin sitzenzulassen. Oder genauer: ehemals beste Freundin. Aber eigentlich war es nicht seine Schuld. Welcher halbwegs vernünftige Chef und Vater brachte seine Tochter schon zu einer Weihnachtsfeier mit, selbst wenn sie Praktikantin war? Und die Verbindung zwischen Kati und Marie war nichts weiter als ein grausamer Zufall. Nun saß Simon im Zimmer der Chefsekretärin, und es blieb viel Zeit, über alles nachzudenken, weil das Gespräch mit dem Herrn und Gebieter wegen wichtiger Telefonate nach hinten rückte, wie das Fräulein Haberland ihm eben berichtet hatte – ein Gespräch, das in einem verdächtigen Zusammenhang mit Gerüchten über neue Sparpläne in der Redaktion stand. Heftige Sparpläne. „Sie wissen nicht zufällig, worum es geht?“, fragte er. Sonja Haberland, im Haus nur die strenge Sonja gerufen, hob ihr duttgeschmücktes

Köpfchen. „Nein, Herr Wagenknecht, das weiß ich nicht. Aber es schien mir, als gehe der Chef davon aus, dass Sie es wissen.“ Sie zog ihre schmalgezupften Augenbrauen hoch, und er musste ihrem Blick ausweichen. Dabei mochte er seinen Job doch. Eigentlich war Konrad Winkler schuld an allem. Schließlich war es sein Ressortleiter, der ihn zum Kindermädchen bestimmt hatte, damals, Anfang Dezember, als Simon noch ein unbekümmerter, ungebundener Lokalredakteur war. „Der Chef schickt uns seine Jüngste. Hat im Sommer Abi gemacht und will unbedingt Journalistin werden. Glaubt, das wär‘ ein Traumberuf“, hatte Winkler gesagt und sich mit seinem Stofftaschentuch den Schweiß von der Stirn gewischt. Das Tastaturklappern der drei Kollegen, mit denen sich Simon eine Großraumnische teilte, erstarb. „Und was hat das mit mir zu tun?“ „Ich möchte, dass du die Prinzessin morgen früh in den Gemeinderat mitnimmst.“

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„Aber das ist doch nichts für sie“, protestierte Simon, der eigentlich der Ansicht war, dass das nichts für ihn war. „Werden morgen nicht die neuen Robbenbabys im Zoo präsentiert? Das passt doch viel eher.“ „Nix da“, erwiderte Konrad. „Die kommt nicht zum Vergnügen zu uns. Aber wenn du willst: verhandle doch mit ihrem Papa.“ So kam es, dass Simon am nächsten Morgen um 8.30 Uhr neben Kati im Rathaus saß, die, statt zuzuhören, auf ihrem Handy herumdrückte und die immer gleichen Strähnen ihrer blonden Mähne am linken Zeigefinger aufwickelte, während ein grauhaariger Beamter mit gelber Fliege den Stadträten über die Entwicklung der Abfallgebühren, Schmutzwasserentgelte und Niederschlagswasserbeiträge Bericht erstattete. Simon verfolgte ihr entrücktes Kaugummikauen eine Weile und beugte sich dann zu ihr rüber. „Du solltest dir vielleicht ein paar Notizen machen, wenn du nachher einen Probeartikel schreiben willst.“ „Darüber schreibst du?“, quiekte sie. „Aber das ist doch stinklangweilig. Wen interessiert’n das?“ „Den Leser“, antwortete Simon. „Und könntest du bitte das Ding aus deinem Mund tun oder wenigstens nicht so schmatzen. Das gehört sich nicht.“ „Kleiner Spießer, oder was?“, murmelte sie, tat ihm aber den Gefallen. Und er stellte bald zweierlei fest: dass sie in ihm mehr sah als einen kleinen Spießer und dass sie mit ihrer Zunge noch ganz andere Dinge anzustellen wusste. Ein kräftiges Klopfen holte Simon ins Reich der strengen Sonja zurück. Ein paar Meter neben ihm wurde die Tür aufgerissen und ein Oberkörper drängte herein. Johannes Felicius‘ pechschwarze Ringellöckchen saßen wie gewohnt perfekt. Mit zwei entschlossenen Schritten stand der Betriebsratschef vor dem Schreibtisch der Haberland. „Sonja, so geht das nicht. Das ist absolut inakzeptabel. Und das weiß er ganz genau. Ist er zu sprechen?“ „Nein“, antwortete sie und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Er telefoniert mit dem Geschäftsführer. Und danach hat er 34

einen Termin.“ Erst da entdeckte Felicius den zweiten Mann im Raum. „Herr Wagenknecht“, entfuhr es ihm. Simon hob die Hand, der Feuilletonist starrte ihn fragend an, drehte sich nach einer gefühlten Minute wieder um und brachte seinen Rücken in eine aufrechte Position. „Ich schreibe ihm eine E-Mail“, sagte er an die strenge Sonja gerichtet. „Das werden wir so nicht hinnehmen.“ Mit den Worten rauschte er hinaus. Die Chefsekretärin rollte erklärungslos an ihre Tastatur zurück. Eigentlich war Kati selbst schuld an der Misere. Sie war auf der Weihnachtsfeier völlig nüchtern gewesen und er komplett betrunken – die Erniedrigung, bei Sarah aus der Wirtschaft abzublitzen, ließ sich nur im Alkohol ertränken. Dummerweise ertrank dabei auch die Einsicht, von manchen Dingen besser die Finger zu lassen. Die Erinnerung an die entscheidenden Details in der alten Dunkelkammer kehrte im Laufe der Wochen zaghaft zurück. Im neuen Jahr gab es in der Redaktion dann keine Kati mehr, die jeden Tag mindestens einmal ankam und „Simon, kannst du mir mal helfen“ säuselte oder ihn zu überreden versuchte, mit ihr in die Cafeteria zu gehen. Sie schrieb ihm zweimal eine SMS, die er ignorierte, rief ihn einmal an, ohne dass er abnahm, und stellte ihm einen Freundschaftsantrag bei Facebook, den er nicht annahm, weil er unglücklicherweise auch mit ihrem Daddy befreundet war, der das soziale Netz als Quelle des Überlebenstrunks für die Zeitungen von heute erachtete. Irgendwann gab sie auf und schrieb ihm per E-Mail Dinge, die sich keine Zeitung zu drucken getraut hätte. Und als Simon im Fantasy Club Marie in die herausfordernd blitzenden grünen Augen schaute und sie einige erstaunlich erfolgreiche Annäherungsversuche später Schritt an Schritt auf der Tanzfläche zappelten, wurden aktuelle und ehemalige Praktikantinnen unwichtig für ihn. Bis Marie und er, die inzwischen geknutscht, geredet, gevögelt und gekuschelt hatten – exakt in dieser Reihenfolge – zwei Wochen darauf zufällig in der Stadt Kati über den Weg liefen, die gar


nichts vom neuen Lover ihrer besten Freundin wusste. Und genauso wenig, dass es sich bei dem just um den Typen handelte, wegen dem sie sich tagelang bei ihr ausgeheult hatte. „Kati, es ist einfach passiert. Es tut mir leid“, rief Marie ihrer davonwankenden Freundin hinterher. Seit dreieinhalb Monaten herrschte nun Funkstille zwischen den beiden. Das Telefon der strengen Sonja kündigte einen internen Anruf an. „Ist gut, ich sag’ ihm Bescheid“, sprach sie in den Hörer. „Sie können jetzt reingehen“, sagte sie zu Simon und enthüllte ein Lächeln, über dessen Bedeutung er lieber nicht nachdenken wollte. Das letzte Mal war er bei seinem Vorstellungsgespräch im Büro des Chefredakteurs gewesen. „Herr Wagenknecht, nehmen Sie Platz“, rief ihm Konstantin Groß zu, ohne von den Unterlagen aufzuschauen, unter die er im Akkord sein Autogramm malte. Simon setzte sich und schob, weil er nichts mit ihnen anzufangen wusste, seine Hände unter seinen Hintern. „Wie lange sind Sie jetzt bei uns, Herr Wagenknecht?“, fragte der Chefredakteur, immer noch mit gesenktem Blick. „Zwei Jahre“, antwortete Simon. „Und sind Sie zufrieden?“ „Ja, es gefällt mir sehr gut. Ich meine, die Lage ist schwierig, das wissen Sie ja, und die Stimmung nicht immer prima, aber mir macht der Job trotzdem Spaß.“ „Das freut mich“, sagte Konstantin Groß und legte das letzte Schriftstück zur Seite. Jetzt hob er den Kopf, rückte seine leicht verrutschte Krawatte zurecht, faltete die Hände über seiner Glatze und fixierte Simon.

„Herr Wagenknecht, ich habe vorhin die Ressortleiter darüber informiert, dass wir in der Redaktion Stellen abbauen werden. Ich gehe davon aus, dass die Information inzwischen durchgesickert ist. Die offizielle Verkündung erfolgt morgen in der großen Konferenz.“ Na toll, jetzt kommt’s, dachte Simon. „Sie wissen, dass es die jungen Kollegen mit einer kurzen Betriebszugehörigkeit in solchen Fällen als Erstes trifft.“ Hin und wieder pflegten hohe Tiere aus der Politik oder der Wirtschaft der Redaktion einen Besuch abzustatten. Man saß in großer Runde zusammen und plauderte ungezwungen. Manchmal stellte Konstantin Groß Fragen oder machte Bemerkungen, die so scharf waren wie ein Brotmesser. Seine Augen ließen den Gast stets wissen, wie gespannt er auf dessen Reaktion war. Ein solcher Moment ging gerade vorüber. Und Simon war sich sicher, den Test nicht bestanden zu haben. Er wich dem Blick seines Chefredakteurs aus. Doch der sprach unbeirrt weiter. „Ich habe mich erfolgreich dafür eingesetzt, dass sie Ihre Stelle behalten dürfen.“ Simons Kopf schnellte zurück in die Ausgangslage. „Sie werden in Zukunft Ihr Redakteursgehalt brauchen.“ „In Zukunft?“, fragte Simon vorsichtig. „Ja, meine Tochter ist schwanger, vierter Monat. Da kommen ein paar Unterhaltszahlungen auf sie zu.“ Simon öffnete seinen Mund, ohne dass ein Wort herauskam. Er wusste in diesen Sekunden nur eines: Es war jetzt keine gute Idee, seinen Chef zu fragen, ob er sicher sei, dass das Kind von ihm war.

Unter dem Pseudonym Marc Bensch schreibt Ben Schieler seit 2009 Romane und Kurzgeschichten. Weitere Informationen und Texte auf www.buchbensch.de

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Unterwegs auf Deutschlands Beifahrersitzen

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Das Portal Mitfahrgelegenheit.de hat ein Buchungssystem eingef端hrt. Elf Prozent muss jeder Fahrer nun an das Unternehmen als Provision abdr端cken. Auf Deutschlands Autobahnen gibt es seitdem kaum ein anderes Thema. Von Christian Ignatzi

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raune Locken, Wuschelkopf, strahlende Augen. Dominik Hölzl ist ein Typ, zu dem Frauen gern ins Auto steigen. Und das Beste: Sie geben ihm auch noch Geld dafür. Der 22 Jahre alte Bayer pendelt regelmäßig zwischen Stuttgart und München. „Keine Ahnung warum, aber bei mir fahren mehr Frauen mit als Männer“, sagt er. Vorteile kann das durchaus haben. Etwa dann, wenn er allein mit vier Frauen im Auto sitzt. „Du kommst nicht leichter an die Handynummer einer Frau als bei einer Mitfahrgelegenheit“, sagt er und lacht. Darum geht es dem charmanten Bayer aber nicht. Schließlich fährt er an den Wochenenden seine Freundin besuchen. An diesem sonnigen Freitagvormittag wollte nur ein Mann mit ihm im Auto sitzen. „Es ist viel zu früh, um diese Zeit zu fahren, aber eine Vorlesung ist ausgefallen“, sagt er und erzählt, dass sein Auto eigentlich fast immer voll ist. Das Radio stellt er trotzdem schon zu Beginn der Fahrt leise. Dominik freut sich auf die Unterhaltung. Die ist ihm fast genauso wichtig wie die Fahrtkosten, die er sich durch die Mitfahrten, die er anbietet, wieder hereinholt. Jedes Wochenende ist der Student zwischen Stuttgart und München unterwegs.

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Erlebt hat er schon einiges. Kein Wunder. Auf Deutschlands Straßen herrscht dichter Pendlerverkehr. Dominik hat in seiner Karriere als Fahrer schon etwa 60 Mitfahrer mitgenommen, sagt er. Allein beim Portal Mitfahrgelegenheit.de sind es über 4,5 Millionen registrierte Nutzer, die nach Angaben der carpooling.com GmbH, die das Portal betreibt, angebotene Fahrten nutzen. Kürzlich war das Unternehmen in die Kritik geraten, als es eine verbindliche Buchungsgebühr für Strecken über 100 Kilometer eingeführt hat. Elf Prozent der Fahrtkosten bekommt es seitdem in die eigenen Kassen gespült. „Das war notwendig, um unser Unternehmen weiter finanzieren und weiter ausbauen zu können“, sagt der Sprecher der Firma, Thomas Rosenthal. Glaubt man den Mitfahrern auf Deutschlands Straßen, hat dieser Schachzug dazu geführt, dass es kaum mehr ein anderes Gesprächsthema auf den geteilten Fahrten gibt. „Man redet jetzt nur noch vom neuen Buchungssystem und den Problemen, die es mit sich bringt“, sagt Dominik Hölzl. „Wenn man elf Prozent mehr zahlen muss, schreckt das manche ab, und das bedeutet, dass ich weniger Mitfahrer habe.“ Außerdem sei das System abschreckend, weil man erst ein-


mal seine Kreditkartendaten angeben müsse. einen Anteil abgeben, als ich begann zu arDominik umgeht das System. Er bittet seine beiten“, erinnert er sich. Als 2009 die Firmen Mitfahrer in den Inseraten, ihm eine private Earlybird und Daimler bei dem Mitfahrerportal Nachricht zu schreiben. Bei Carpooling ist einstiegen, wollte er den Weg nicht mehr man nicht begeistert, kann aber wenig dagemitgehen, verkaufte seine Anteile und grüngen tun. dete ein neues Portal. Fahrgemeinschaft.de Spontane Fahrten auf Deutschlands Straßen bringt ihm noch keinen Gewinn, hatte aber sind trotzdem immer noch ohne Anmeldung nach dem Beginn der Debatte einen Sprung möglich. Freitagabend, 18.20 Uhr am von 3000 täglichen Nutzern auf 30.000. Die Münchner Hauptbahnhof. Eine Zugfahrt nach Kommerzialisierung seines alten Portals stört Stuttgart würde knapp 40 Euro kosten. Auf ihn. Er glaubt, dass die beteiligten Firmen Fahrgemeinschaft.de bietet Mary Orendi (31) Gewinn machen wollen und die Gebühr auch aus Stuttgart noch Plätze an. Die Fahrt bei deshalb eingeführt wurde. ihr kostet zehn Euro. Ein Anruf genügt. Sie Alles Unsinn, sagt Thomas Rosenthal. „Sven hat noch freie Plätze in ihrem Transporter, Domroes hatte mit dem Grundgedanken der den sie gemeinsam mit Mitfahrgelegenheit nichts ihrem Freund Sebastian zu tun. Er hat die Domain Schwanitz (34) für lediglich verpachtet.“ Auch Sommerurlaube gekauft die beteiligten Firmen häthat. Die beiden studieren in ten nichts mit der Erhöhung München und arbeiten am zu tun. „Das ist Quatsch.“ NIcht jeder fährt so oft, Wochenende in Stuttgart. Unabhängig von den Durch die Mitfahrer, die deshalb ist ein prozentuStreitigkeiten boomt der sie in ihrem Minibus hin- aler Anteil an der Fahrt Mitfahrermarkt auf den und herfahren, haben Autobahnen weiter. Ob das sie schon so manchen fairer.“ Portal etwas kostet oder Euro gespart. „Wir haben nicht. Der Drang nach bilaber auch schon Tüten ligem Reisen von A nach B mit Lebensmitteln nach München gefahren, und dem gleichzeitigen Schonen der Umwelt oder einen Australier mit einem Cello nach zieht vor allem junge Menschen immer wieder Stuttgart“, sagt Schwanitz und lacht. In den auf die Beifahrersitze fremder Menschen. Jahren, in denen sie nach München gepenMeist sind sie zwischen 20 und 30 Jahren delt sind, haben sie viel gesehen. Der ganz alt. Dominik erinnert sich an eine ältere normale Wahnsinn. Geärgert haben sie sich Mitfahrerin: „Das ist komisch. Dann denkt selten. Vom Portal Mitfahrgelegenheit.de sind man, eigentlich sollte die fahren und ich sie aber enttäuscht. Die beiden haben ausauf dem Beifahrersitz sitzen.“ Wildfremde, gerechnet, was es sie kosten würde, wenn die für Hunderte Kilometer aneinander sie ihre Fahrten über das Buchungssystem gefesselt sind. Auf engstem Raum, wenige anbieten würden. „80 Euro im Monat, da ist Quadratmeter, in einem fahrenden Auto. jede Haftpflichtversicherung billiger“, ärgert Immer kann das nicht gutgehen. sich Schwanitz, der gegen einen geringen Kornwestheim bei Ludwigsburg, vier Uhr Jahresbeitrag für jeden Nutzer nichts einzumorgens. Es ist stockdunkel, als Viktoria in wenden hätte. Sprecher Thomas Rosenthal das Auto eines wildfremden Mannes steigt. Ihr wehrt sich: „Nicht jeder fährt so oft, deshalb Bruder, ein durchtrainierter Hüne mit finsterist ein prozentualer Anteil an der Fahrt er Miene, bringt sie vor die Tür. Viktoria hat fairer.“ ihn besucht, wie sie es schon so oft gemacht Auch Sven Domroes ist enttäuscht. Der hat. Eine hübsche junge Frau, Anfang 20. Die Heimsheimer hat 1998 als Student die Domain Fahrgemeinschaft macht sich auf den Weg gekauft und Mitfahrgelegenheit.de gegründet, nach Köln - nachdem Viktorias Bruder den sagt er. „Mit den Gründern der Carpooling Fahrer mit einem Blick begrüßt hat, der wohl habe ich dann so eine Art Biergartenvertrag unmissverständlich klarmachen sollte, dass gemacht, dass sie das Portal aufbauen und mir er ihm die Nase brechen würde, sollte sei-

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Mary und Sebi sind in Stuttgart angekommen.

ner kleinen Schwester etwas passieren. Drei Stunden dauert die Fahrt über die nächtliche Autobahn. Viktoria schläft fast die ganze Zeit. Seelenruhig. Ein komisches Gefühl hat sie nicht. „Ich habe das schon viele Male gemacht, und mir ist noch nie was passiert“, erklärt sie. Keine Angst, nachts zu einem fremden Mann ins Auto zu steigen? „Nein.“ Auf dem Weg nach München erinnert sich Dominik an eine Mitfahrerin, die es ihm besonders angetan hat. „Sie war erst 16 und kam aus Berlin“, sagt er. Das Mädchen habe ihn die ganze Fahrt lang unterhalten, und die Zeit sei vergangen wie im Flug. „Sie hat erzählt, wie sie einmal mit 14 alleine mit einer Freundin von Berlin nach Stuttgart gefahren ist, bei einem fremden Mann. Das würde ich meiner Tochter dann doch nicht erlauben“, sagt er und richtet seinen Blick nachdenklich auf die Autobahn. Auch Mary Orendi ist schon so manches Mal alleine zwischen München und Stuttgart gependelt, wenn ihr Freund einmal nicht dabei sein konnte. „Unsicher habe ich mich dabei noch nie gefühlt“, sagt sie. Dabei ist es bei der hohen Anzahl an Fahrten, die täglich über die deutschen Autobahnen führen, nahezu ausgeschlossen, dass nichts passiert. „Meine Schwester zum Beispiel“, beginnt Mary Orendi zu erzählen, während sie durch ihre Scheibe vor lauter Regenwasser kaum mehr etwas sieht. Durch die Mischung aus Regentropfen, die aufs Dach prasseln, und dem Motorenlärm hören die Mitfahrer in der letzten Reihe ohnehin nichts davon, was die Fahrerin erzählt. Die mittlere Reihe hört dagegen gebannt zu. „Meine Schwester 40

ist letztes Jahr von München nach Stuttgart gefahren und das war gar nicht lustig.“ Der Mitfahrer, erzählt sie, sei damals mit zwei vollen Flaschen Vodka und schon ordentlich torkelnd an dem Kleinbus angekommen. Er durfte trotzdem mitfahren. Eine schlechte Entscheidung. Nachdem der Mitfahrer die erste Flasche in ein paar kräftigen Zügen geleert hatte, packte er eine Tüte Kokain aus, genehmigte sich eine Nase und bot seinen Mitfahrern höflich etwas davon an, die mit entsetzten Blicken dankend ablehnten. Bis dahin eine ungewöhnliche, aber ungefährliche Situation. Auch als der Mann unter Drogeneinfluss seinen Kopf gegen einen Campingtisch hämmerte, machten sich seine Mitfahrer zwar Sorgen, aber um ihn, nicht um sich. Erst als er den Fahrer von hinten würgte, wurde es zu viel. „Zum Glück sind sie heil in Stuttgart angekommen. Ich hätte ihn jedenfalls rausgeschmissen“, sagt Mary. Meist sind es aber nicht die schlimmen Geschichten, die Fahrten etwas unangenehm machen können. „Ich hatte auch schon Mitfahrer, die gestunken haben“, erzählt Dominik Hölzl. Trotzdem: Nach einem Tag auf Deutschlands Straßen bleibt der Eindruck: Die schönen Fahrten überwiegen. Ob Buchungssystem oder nicht. Auf den unterschiedlichen Portalen suchen die unterschiedlichsten Menschen nach günstigeren Alternativen zu reisen. Auch Dominik kümmert sich schon wieder um die nächste Fahrt. Vielleicht wird sein Auto wieder voll mit hübschen Frauen sein, ob ihm das was nützt oder nicht. Er freut sich: „Langweilig wird es sicher nicht.“


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Sein und Werden

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Der Bismarckplatz im Stuttgarter Westen bietet kaum Aufenthaltsqualität. Eine Bürgerinitiative will das ändern – und hat sich Rat bei Masterstudenten der Stadtplanung an der Hochschule für Technik geholt. Von Ben Schieler

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s gibt Plätze, die gibt es gar nicht. In Stuttgart weiß man das. Und wer es nicht glaubt, muss nur mal auf den Österreichischen Platz treten. Aber Vorsicht: er könnte überfahren werden. Im Land von Porsche und Daimler wurde in den Sechzigern und Siebzigern die Gestaltung des öffentlichen Raums dem Schlagwort „autogerechte Stadt“ untergeordnet – auf dass das Heilig’s Blechle rollen mag. Auch der Bismarckplatz im Westen wird vom Verkehr dominiert. Die Schwabstraße schneidet ihn in zwei Hälften, auf der westlichen Seite mit der Kirche St. Elisabeth, auf der östlichen Seite mit einer kleinen Anlage. Aufenthaltsqualität angesichts von Lärm und Zustand: eher gering. Das dachte sich auch eine Initiative von Bürgern, die der Wunsch nach einem ansprechenden urbanen Charakter des Platzes in der Mitte ihres Bezirks antreibt. Auf ihren Vorschlag hin beschäftigen sich zurzeit 20 Drittsemester im Master-Studiengang Stadtplanung an der Hochschule für Technik (HFT) mit dem Platz und der näheren Umgebung. Ziel: Ideen entwickeln, frei von Zwängen und Vorgaben.

Auseinandersetzung in freier Wildbahn Das Projekt „Update West“ ist Teil des Semesterprogramms, in dem der Praxisbezug eine große Rolle spielt. Nicht am Reißbrett, sondern in der freien Wildbahn kommt es zur Auseinandersetzung mit dem, was später täglich Brot sein wird. Weitere Beispiele: für die Stadt Nürnberg entwickeln die Studenten Ideen zur Umgestaltung eines sozialen Brennpunktviertels, in Kooperation mit dem Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart geht es unter dem Titel „Fohlengart“ um

die Bedürfnisse Jugendlicher im öffentlichen Raum. Der Lohn: mal mehr, mal weniger Credit Points. „Wir können schon allein aus Zeitgründen keine großen umsetzbaren Konzepte liefern“, sagt die HFT-Professorin Christina Simon-Philipp. „Das wollen wir aber auch gar nicht.“ Dennoch laufe alles auf eine Win-win-Situation hinaus: die „Auftraggeber“ erhalten frische und unverbrauchte Visionen junger Köpfe, die wiederum sammeln neben den Credit Points auch Erfahrung.

Die Teammitglieder ergänzen sich perfekt Dieser Praxisbezug kommt bei den Studenten gut an. Kamila Streit gefällt die ästhetische Komponente des Studiums, Charlotte Schweyer schätzt die Verbindung von Kreativität und Technik, ebenso die Möglichkeit, „etwas Bleibendes zu schaffen“. Ihre Kommilitonin Iris Hemmen freut sich speziell beim Projekt „Update West“ über die Berührungspunkte quasi zur eigenen Haustür: „Es ist schön, hier zu arbeiten. Es fühlt sich echter an“, sagt Hemmen, selbst WestBürgerin. Streit, Schweyer und Hemmen bilden eines von mehreren Teams beim „Update West“ – und sie ergänzen sich aufgrund ihrer Vorgeschichte perfekt: Streit war vor dem Master-Studium als Landschaftsarchitektin tätig, Schweyer hat ihren Bachelor in der Stadtplanung gemacht, Hemmen als Geografin. Die vielen Welten, die in dem Studiengang zusammenprallen, wertet Professorin Simon-Philipp als Zeichen für dessen Beliebtheit und Vielschichtigkeit – und gleichzeitig als Gewinn, weil einer nur von den Erfahrungen des anderen profitieren könne. Und die sind bei manchen noch reichhaltiger als bei anderen. Nicht wenige ihrer Studenten arbeiten parallel, einige gar in Teilzeit, eine 43


Professorin Christina Simon-Philipp

Möglichkeit, die von der HFT eingeräumt wird. Seit dem Start des Studiengangs hat man sich ein starkes Renommee erarbeitet. „Unsere Absolventen“, sagt die Professorin, „sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt.“

Als ich hier ankam, haben mich die Autobahnen durch die Stadt schon sehr irritiert.“ In jedem Fall, sagt Charlotte Schweyer, schärfe das Studium den Blick auf die Welt. „Wenn du dich mit Stadtgestaltung beschäftigst, verändert das die Perspektive. Du fängst sogar im Urlaub an zu analysieren.“ Und so manche Städte, ergänzt Kamela Streit lächelnd, erkenne sie am Pflasterbelag. Just jener, in seiner Funktion als Gestaltungselement, spielt für das Trio auch bei der Beschäftigung mit dem Bismarckplatz 44

eine Rolle, ebenso der Kirchvorplatz, den sie besser an den Rest des Platzes anbinden wollen. Ende Juni gibt es eine Präsentation, die Ideen der Master-Studenten könnten dann Grundlage für eine Bürgerbeteiligung sein, die im Stuttgarter Westen geplant ist. Bis dahin bleibt noch ein wenig Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, der Schwabstraße ihren trennenden Charakter zu nehmen und sie zu „integrieren oder sogar zu inszenieren“, wie es Schweyer ausdrückt. Denn wenn man ihnen freie Fahrt ließe, könnten sie sich in der noch immer sehr autogerechten Stadt Stuttgart schier grenzenlos austoben. „Als ich hier ankam“, sagt die gebürtige Kasselerin Iris Hemmen, „haben mich die Autobahnen durch die Stadt doch schon sehr irritiert.“

Vor etwas mehr als zehn Jahren entstand an der HFT Deutschlands erster modularisierter Master-Studiengang der Stadtgestaltung. Inzwischen betreuen vier feste Professoren den Fachbereich. Weitere Informationen gibt es im Internet auf www.hft-stuttgart.de/ Studienbereiche/ArchitekturGestaltung/ Master-Stadtplanung


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Neu im Kino:

Ein Ouzo auf die Krise

Papadopoulos & Söhne – Komödie, Großbritannien, Start: 27.6.2013. Regie: Marcus Markou. Mit: Stephen Dillane, Georges Corraface, Cosima Shaw, Ed Stoppard u.a. (109 Minuten)

Vom Tellerwäscher zum Multimillionär, das geht auch in Großbritannien. Doch dann kommt die Finanzkrise, und Harry Papadopoulos, der sich mit einem Immobiliendeal verspekuliert, verliert fast alles. Was ihm bleibt, beschränkt sich auf einen verstaubten Fish-und-Chips-Shop mit zugeklebten Fensterscheiben, ein Erinnerungsstück an alte Tage. Zu allem Überfluss gehört der zur Hälfte seinem abgedrehten Bruder Spiros. Die gemeinsame Neueröffnung soll ein Zwischenschritt sein, für den alleinerziehenden Harry und seine drei Kinder wird sie zum Lehrgang in Sachen Lebenswirklichkeit. Diese herrlich authentische Komödie, zuweilen eher Drama, ist vielleicht der europäischste Film des Jahres: da wimmelt es von Steuerwitze reißenden Griechen, rivalisierenden Türken und schmierigen Beratern. Und mittendrin: Protagonist Harry, der sich, mehr Brite als Grieche, langsam den Stock aus dem Arsch ziehen lässt. Am Ende herrscht vielleicht etwas zu viel Sozialromantik, aber warum sollte, trotz des ernsten Hintergrunds, ein Film das Leben nicht zeigen, wie es sein sollte? Die Wirklichkeit ist deprimierend genug. (ben)

Nichts für Weicheier Jordan Turner (Halle Berry) arbeitet als Operator bei der Polizeinotrufnummer 911 von Los Angeles. Eines Tages führt ein fataler Fehler von Jordan dazu, dass ein Mädchen während seines Notrufs von einem Einbrecher getötet wird. Sechs Monate nach dem Vorfall versucht Jordan noch immer, diese grausame Erfahrung zu verarbeiten, als sie erneut vor eine ähnliche Situation gestellt wird. Nun geht es um das Leben der jungen Casey (Abigail Breslin), die entführt wurde und vom Kofferraum eines Autos aus anruft. Der Wettlauf mit der Zeit beginnt. Was zunächst klingt wie eine einfallslose HollywoodStandardgeschichte, ist ein nervenaufreibender Film, in dem Brad Anderson gekonnt mit den Gefühlen der Zuschauer spielt. Statt großer Fiktion inszeniert der Regisseur eine Situation, die tatsächlich passieren kann und in ähnlicher Form täglich passiert. Kinder werden entführt und getötet. Halle Berry brilliert in ihrer Rolle als einfühlsame Helferin. Dass manche Szenen der Entführten im Kofferraum schließlich doch eher unrealistisch sind – geschenkt. „The Call“ ist nichts für schwache Nerven, definitiv aber einen Kinobesuch wert. (ci) 46

The Call - Leg nicht auf! – Thriller, USA, Start: 11.7.2013. Regie: Brad Anderson. Mit: Halle Berry, Abigail Breslin, Michael Eklund, Morris Chestnut u.a. (94 Minuten)


Peinliche Sexwitze Ein Flugzeug, das nicht landen kann, weil ein Fahrwerk nicht funktioniert. Zahllose Randgeschichten, die alles in allem irgendwie keinen großen Sinn ergeben. Irgendwann beginnen alle Passagiere der Business-Class, die man an einer Hand abzählen kann, Sex zu haben. Vermutlich war es gut gemeint. Vielleicht findet Regisseur Pedro Almodovar es auch lustig, wenn homosexuelle Flugbegleiter sich gegenseitig mit der weiblichen Form anreden und darüber philosophieren, wer wessen Penis im Mund hatte. Vielleicht gibt es Menschen, die das außer dem Regisseur lustig finden. Vielleicht gibt es auch Menschen, die es nicht komisch finden, dass Penélope Cruz und Antonio Banderas als Erste auf dem Filmplakat stehen, obwohl sie nur fünf Minuten im Film zu sehen sind. Vielleicht findet manch Kinobesucher die abgedroschenen Sexwitze lustig, auf denen der Film aufgebaut ist. Vielleicht gehen manche Menschen ins Kino, sehen sich „Fliegende Liebende“ an und lachen. Ich habe es kein einziges Mal getan. Halb so schlimm. Zum Glück darf ich in dieser Ausgabe noch „Findet Nemo“ rezensieren. Den Film kann ich ruhigen Gewissens empfehlen. (ci)

Fliegende Liebende – Komödie, Spanien, Start: 4.7.2013. Regie: Pedro Almodovar. Mit: Javier Cámara, Lola Dueñas, Blanca Suárez, Paz Vega u. a. (90 Minuten)

Der Liebling der Redaktion:

Haihappen, Uh Ha Ha!

Findet Nemo – Komödie, USA, Start: 20.11.2003. Regie: Andrew Stanton, Lee Unkrich. Mit: Alexander Gould, Albert Brooks, Ellen DeGeneres, Andrew Stanton u.a. (96 Minuten)

„Findet Nemo“ war der fünfte abendfüllende Film der Pixar Studios. Und trotzdem ist den amerikanischen Kreativköpfen ein absoluter Meilenstein gelungen. Das Einspielergebnis von 70 Millionen Dollar am Eröffnungswochenende war der größte Erfolg eines Animationsfilms zum damaligen Zeitpunkt. Und wer hat sich damals nicht in den süßen kleinen Clownfisch Nemo verliebt, der seinem Vater seinen Mut beweisen will und dabei dummerweise von einem Taucher verschleppt wird. Oder in Dori, die dümmliche Paletten-Doktorfischdame, die ständig alles vergisst, so vor sich hin hilft und mit sympathischen Mottos durchs Leben schwimmt („Einfach schwimmen, einfach schwimmen ...“) Legendär sind auch die Möwen, Haie und Schildkröten, die Pixar mit Liebe zum Detail und Realismus animiert hat, so dass man fast vergisst, dass Fische in echt eigentlich gar nicht sprechen können. Mittlerweile haben die Pixar-Macher einen Film nach dem anderen nachgeschossen, doch schon jetzt freuen sich die „Findet Nemo“-Fans auf 2015. Dann soll der zweite Teil in die Kinos kommen: „Findet Dori“. (ci) 47


Der dribbelnde Quartärökologe Sachen gibt’s. Ein Fußballturnier der archäologischen Institute: der Winckelmann-Cup. Auch von der Uni Tübingen ist eine Mannschaft dabei. Professor Nicholas Conard und Stefan Baumann erzählen von ihren Erlebnissen. Von Markus Brinkmann

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enn Nicholas Conard von Fußball redet, dann glänzen seine Augen. Er erzählt vom wöchentlichen Training, das ihm gut tue und das er als Ausgleich für die viele Arbeit sieht. Und er spricht davon, wie sehr er es genießt, mit Studenten zum Kicken zu gehen, „weil mich die Hierarchien an der Universität nie wirklich interessiert haben“. Conard ist Institutsleiter und Professor für ältere Urgeschichte und Quartärökologie in Tübingen. Sein Büro ist im Schloss, wo alle archäologischen Institute untergebracht sind. Es ist ein kleiner rechteckiger Raum mit einem runden Tisch, vielen Büchern in den Regalen, einem großen Schreibtisch und einem kleineren, auf dem der Computer steht. 2006 sind seine Studenten auf ihn zugekommen. Sie hatten eine Mannschaft gemeldet. In Bern fand der Winckelmann-Cup statt, ein Fußballturnier, bei dem sich alljährlich Archäologen und Althistoriker aus ganz Europa treffen. „Natürlich habe ich zugesagt“, erzählt Conard. „Ich habe schon an allen Universitäten, an denen ich war, Sport mit Studenten gemacht.“ Basketball hat der Professor gespielt, aber auch Volleyball. „Ich spiele gerne“, erzählt er. „Ich hasse es, immer am Schreibtisch oder in der Bibliothek zu sitzen.“ Also ließ er sich auf das Abenteuer Winckelmann-Cup ein. Benannt ist das Turnier nach Johann Joachim Winckelmann. Er war der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie. Die Teilnehmer sind Studenten und Dozenten von archäologischen und altertumskundlichen Fächern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Tschechien, den Niederlanden, Belgien, Italien und Wales. Die Idee für das Duell zwischen den Instituten hatten Studenten in Bonn im Jahr 1991. Ausrichter ist in der Regel immer das Seminar, das im Vorjahr durch Akklamation durch das Auditorium bei der abschließenden Siegerehrung bestimmt wurde. In den Anfängen des Cups war immer der jeweilige Gewinner für die Ausrichtung des nächsten Turniers zuständig, doch das wurde 1997 schließlich aufgegeben. Auch Stefan Baumann ist begeisterter Teilnehmer am Winckelmann-Cup. Die

Tübinger Mannschaft nennt sich Festung Tübingen und existiert seit Herbst 2001. Damals saßen die Teamgründer auf der Terrasse des Schwärzlöcher Hofs an Tisch 27 und kamen auf die Idee, endlich eine Mannschaft zum Winckelmann-Cup zu entsenden. Aufgekommen war der Gedanke durch einen Kommilitonen, der bereits an dem Turnier teilgenommen hatte – allerdings mit Ragnarök Bamberg. Bei der folgenden Weihnachtsfeier wurden dann die Mannschaftsmitglieder verpflichtet, und im Frühjahr wurde schließlich ein Sportplatz beim Sportinstitut ergattert. „Seit dieser Zeit spielen wir jeden Mittwoch Fußball“, erzählt Stefan, der 2004 das erste Mal dabei war. Außerdem treffen sich die Tübinger Spieler immer noch am Sonntag. „Eigentlich hat das mal als Match zwischen dem Landestheater und dem Schloss angefangen.“ Doch heute sei das Team ein bunter Mix aus Leuten, „die immer kicken gehen wollen. Bei jedem Wetter – es gibt keine Ausrede!“

In den vergangenen Jahren hat sich viel geändert. „Mittlerweile sind Mannschaften mit richtig guten Kickern dabei“, sagt Stefan. Früher habe der Spaß im Vordergrund gestanden. „Heute herrscht oft ein großer Leistungsdruck.“ Und auch die Anzahl der Mannschaften ist ständig gestiegen. Mittlerweile gibt es sogar eine maximale Teilnehmeranzahl. In diesem Jahr findet der Cup in München statt. Die 48 Startplätze waren direkt am ersten Tag der Anmeldung vergeben. Bis zur Gründung des Winckelmann-Cups war das Turnier – soweit sich das überhaupt zurückverfolgen lässt – eher eine improvisierte Angelegenheit. In den 70er Jahren gab 49


Professor Conard (rechts) und sein Team 2010 in Freiburg. es locker abgesprochene Spiele zwischen diversen Instituten. Bekannt sind vor allem die Duelle zwischen Köln und Bonn sowie Bonner Gastspiele in München. Belegt sind darüber hinaus auch kleinere eintägige Turniere, an denen oft mehrere Institute teilnahmen. Dabei verabredete man sich auf einem Bolzplatz, von dem man hoffte, dass er gerade frei war. Abends gab es dann das obligatorische Beisammensein, bei dem die Sieger voller Stolz die Trophäen erhielten. Am ersten Winckelmann-Cup nahmen schließlich neun Mannschaften teil. Bis zur Jahrtausendwende lief das mehrtägige Turnier von Freitag bis Sonntag in einem überschaubaren Rahmen ab. Mittlerweile ist der Cup allerdings zu einem europäischen Event geworden, der der Verständigung junger Archäologen europaweit dient. Er findet jedes Jahr an einem anderen Ort statt. „Das ist es ja auch, was den Cup ausmacht“, sagt Stefan. „Wenn man sich die Zeit nimmt und auch die Städte noch anschaut, dann lernt man dabei auch noch was.“ Die Mannschaften des Turniers tragen Namen wie Spartacus Berlin, Hybris Bochum, Pilsener Ur- und Frühquell, Vienna Underground oder Stuttgart Ciceroos Ala I. Scubulorum. Neben dem Turniersieg werden die Ehrenpreise „lapis impetus“ (Mannschaft, die als erste vollständig erscheint), „Uschi-Cup“ (Mannschaft 50

mit den attraktivsten Spielern), „WillemCup“ (Mannschaft mit den attraktivsten Spielerinnen), „Rob-Cup“ (Preis für den Ausrichter), „Jabba the Cup“ (Preis für beste Fans) und „Copa Archeol“ (Sonderpreis für das Team auf dem letzten Platz) vergeben. Festung Tübingen hat in den vergangenen Jahren immer auf den vorderen Tabellenplätzen mitgespielt. „Wir haben eine gute Mannschaft“, sagt Conard. „Und ich freue mich immer wieder, mit guten Spielern zu spielen.“ So werde man selbst auch besser. Dennoch erinnert er sich an die schlimmste Niederlage. „Das war in Bamberg“, sagt er. „Im Halbfinale haben wir gegen Napoli gespielt.“ Das Team habe das Spiel dominiert und sei in der zweiten Halbzeit offensiver geworden, um endlich ein Tor zu schießen. „Am Ende haben die Italiener einen Fehler von uns ausgenutzt und das 1:0 gemacht.“ Schon im darauffolgenden Jahr konnten die Tübinger aber alles wieder gutmachen. „In Freiburg haben wir dann im Elfmeterschießen gewonnen.“ Er habe sogar den ersten schießen dürfen. „Die Mannschaft war sehr nervös“, erinnert sich Conard. „Ich bin kein wirklich guter Spieler, ich bin immer gleich schlecht, aber ich habe durch meine Erfahrung ein bisschen Ruhe und Sicherheit reingebracht – und den ersten Elfmeter im Tor versenkt.“


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BENEFIZ KONZERT


Sch旦nheit in der Krise Die Sehnsucht trieb sie nach Spanien zur端ck. Eigentlich wollte sie in Madrid nur den Master machen, nun unterrichtet Anita Dahlinger nebenher Deutsch. Ihre Sch端ler fl端chten vor Hoffnungslosigkeit. Von Ben Schieler

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ie Erinnerungen an das Wintersemester 2008/2009 haben Anita Dahlinger nicht losgelassen. In Sevilla hat sich die Stuttgarterin verliebt. Verliebt in die spanische Seele, die spanische Sonne, das spanische Lebensgefühl, diese expressive und tänzelnde Art, seinen Alltag ins Freie zu tragen. Dahlinger kam, um ihr Bachelorstudium der Literatur-, Kunst- und Medienwissenschaften an der Uni Konstanz mit der Erasmus-Erfahrung zu veredeln. Als sie ging, nahm sie einen Koffer voll Wehmut mit. „Die Atmosphäre, die Sprache, die Musik – das hat mir wunderbar gefallen“, sagt sie. Nach dem Studienabschluss arbeitete sie zweieinhalb Jahre in der Verlagswelt, realisierte für den Münchner Kunstbuch-Verlag Prestel Projekte und betreute in ihrer Heimatstadt Stuttgart Marco-Polo-Reiseführer. Dort war sie wieder konfrontiert mit diesem Fernweh, mit dieser Sehnsucht, auch mit einem Gefühl, noch nicht bereit zu sein für einen Job mit zu viel Routine. Dahlinger grübelte eine Weile – und beschloss schließlich, nach Spanien zurückzukehren. Das Ziel: den Master in Kulturmanagement zu machen. Die Wahl fiel nicht zufällig auf Madrid. Die Hauptstadt ist Quell des kulturellen Lebens.

Doch das Land, in das sie im Herbst 2012 zurückkehrte, war nicht mehr dasselbe, das sie im Frühling 2009 verlassen hatte. Die Krise, damals vor allem im ärmeren Andalusien so richtig zu spüren, war über das gesamte Königreich geschwappt. Spricht man heute in Europa von Jugendarbeitslosigkeit, kommt man an Spanien nicht vorbei, dem Land, in dem mindestens jeder zweite junge Mensch in Perspektivlosigkeit versinkt. „Der Frust und die Wut auf Regierung und Troika sind groß“, hat Dahlinger festgestellt – in vielen Gesprächen mit ihren Kommilitonen oder ihren beiden Mitbewohnerinnen, einer spanischen Verkäuferin und einer kolumbianischen Kellnerin. Selbst beobachtet die 29-Jährige die kontinuierlichen Demonstrationszüge aus der Entfernung. „Ich will nicht vorne dabei sein, wenn es eskaliert“, sagt sie. Die Stimmung ist explosiv. In ihrem sehr praxisorientierten Studium auf dem Campus von Getafe der erst 1989 gegründeten Universität Carlos III hat sie erlebt, was es bedeutet, Kultur in einer Zeit aufrechtzuerhalten, in der die öffentliche Hand andere Sorgen hat. Sie hat auch erlebt, welches Deutschland-Bild ihre Mitstudenten haben, deren Blick in die Zukunft von Tristesse geprägt ist. Sie spürt keinen Hass auf das


Feindbild der Merkel-Regierung, das vielerDeutschland, bedrückt die tief verwurzelten orts in Südeuropa mit von außen diktierten Spanier. „Die Bindung zur Familie ist hier drastischen Sparmaßnahmen verknüpft ist, sehr stark“, weiß Anita Dahlinger nicht erst besonders dort, wo ohnehin kaum noch etwas seit diesem Jahr. Für viele ihrer Schüler, die einzusparen möglich scheint. Im Gegenteil: aus allen Teilen Spaniens zusammengekomsie sei überall herzlich aufgenommen worden. men sind, bedeutete schon die Reise in die „Auch Neid ist das falsche Wort“, sagt sie. Hauptstadt einen schweren Gang. Wie solle Doch Deutschland gilt im das erst aussehen, sobald Vergleich als nahezu parasie rund 2000 Kilometer diesisches Ziel, als ein Ort, von der Heimat trennen? an dem es noch reichlich „Wenn sie es sich ausArbeit gibt. „Das Bild ist suchen könnten“, glaubt ziemlich idealisiert.“ Dahlinger, „würden sie Wenn sie es sich ausSeit kurzem ist Anita nicht gehen.“ suchen könnten, würden Dahlinger noch tiefer einWann es derweil für sie getaucht in die Welt der sie nicht gehen.“ wieder zurückgeht und Leute, die den deutschen was dann auf sie zukomFachkräftemangel milmt, steht noch nicht fest. dern sollen. Über ihre Anita Dahlinger möchte Arabischlehrerin kam die Stuttgarterin an eine noch so viel wie möglich mitnehmen an Sprachschule. Dort, so hieß es, würden drinErfahrungen, an Eindrücken, an Gefühl und gend Muttersprachler gesucht, die Spaniern auch an Demut, bevor sie in den Flieger Deutsch beibringen könnten. Dahlinger ist steigt. Sie möchte das Leben in ihrem zu nun selbst zur Lehrerin geworden, für 15 Unrecht als verrucht geltenden Stadtbezirk Krankenschwestern und drei Pfleger, die Ende Usera auskosten, bevor es zu spät und das des Jahres nach Frankfurt am Main kommen Jahr vorbei ist. Sie will ihren Speicher an sollen, um dort Lohn und Arbeit zu finden. Erlebnissen weiter füllen. Denn die Sehnsucht Für die 20- bis 25-Jährigen ist es der wird irgendwann wiederkommen. Und die einzige Ausweg – und doch hält sich die Krise mag Spanien verändert haben, die Vorfreude bei so manchem in Grenzen. Denn Schönheit in ihren Augen hat sie dem Land die Aussicht auf das Leben im kalten, fremden nicht genommen. 54


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Eine Szene aus dem Film von Alex Heringer

Alex kann Cannes Auf dem roten Teppich lief Justin Timberlake an ihm vorbei. Doch der HdM-Student Alex Heringer fuhr nicht als Tourist zu den Filmfestspielen von Cannes. Er holte sich einen Preis ab – für seinen ersten Kurzfilm „Fortune Faded“. Von Ben Schieler

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s sind inklusive Abspann 3:11 Minuten für die Ewigkeit. 3:11 Minuten in einem Look, einem Erzählstil, den selbst eingefleischte Filmfreaks selten so gesehen haben. Inspiriert durch den preisgekrönten Internet-Werbespot „Carousel“ für Philips von Adam Berg schuf ein 14-köpfiges Team für ein ViertsemesterProjekt im Studiengang Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien (HdM) den Kurzfilm „Fortune Faded“ mit der FreezeFrame-Technik. Die wie eingefroren wirkenden Bilder der rückwärts erzählten Geschichte um einen folgenschweren Ehestreit brennen sich einem förmlich ins Gedächtnis. Das sahen einige Menschen, die vom Handwerk etwas verstehen, offensichtlich ähnlich. Nachdem das experimentelle Werk bereits auf dem renommierten HollywoodFestival des American Film Institutes (AFI) sowie bei den nicht minder bedeutenden L.A. Shorts lief, wurde der Regisseur Alexander

Heringer nun nach Cannes geladen, ins Rahmenprogramm der dortigen Festspiele. Dabei war dem 27-jährigen gebürtigen Allgäuer bis zu seinem Studienbeginn gar nicht klar, dass er jemals etwas mit Film zu tun haben würde. Klar, diese Begeisterung für bewegte Bilder, die spürte Alex Heringer schon immer, ging deswegen früher gerne auch dreimal die Woche ins Kino. Doch sein eigener Weg von Marktoberdorf nach Hollywood führte über eine Verpackungsfirma. In der machte er eine Ausbildung zum Mediengestalter und bekam Lust auf mehr, Lust auf ein Studium, Lust auf die HdM. „Mein Studiengang ist wie ein riesiges Regal. Man kann sich herauspicken, was man möchte“, sagt er. Heringer landete auf dem Regiestuhl, ohne sich vorher ausführlich mit der Materie beschäftigt zu haben. Natürlich gibt es große Kollegen, die er bewundert, deren Werke ihm gefallen – die Art und Weise zum Beispiel, wie Chris Nolan und David Fincher in den


vergangenen Jahren dem Thriller-Genre Ties“ beinahe in die Arme. Eher lag es an ihren Stempel aufdrückten. Steven Spielberg der Menge an einflussreichen Profis, die wie und „Zurück in die Zukunft“-Macher Robert bei einer Messe in der kleinen südfranzöZemeckis verehrt er ebenfalls. Bücher über sischen Stadt einfielen. „Du kommst in einen das Handwerk wälzte er aber nicht, agierte Riesenstrudel und versuchst nicht unterzugeeher aus dem Bauch heraus. Es scheint nicht hen, willst immer zur richtigen Zeit am richgeschadet zu haben. tigen Ort sein“, sagt Heringer. Vier Tage Drehzeit sowie wochenlange Sein primäres Ziel, den einwöchigen Ausflug Vorbereitungen und Feinarbeiten in der Postzum Austausch mit Filmförderern und Kollegen Produktion waren nötig, zu nutzen, konnte er bis „Fortune Faded“ stand. verwirklichen. Der wohl Der Kurzfilm landete auf wichtigste neue Kontakt dem Videoportal Vimeo, ist der zu einem Kölner wurde dort schnell von Du kommst in einen Drehbuchautoren Anfang Usern bejubelt und von den 30, mit dem Heringer Riesenstrudel und Vimeo-Machern geadelt, sein nächstes Projekt verbegeisterte die HdM- versuchst nicht wirklichen will, jenes für Professoren – und nahm dann seine Bachelorarbeit. Es seinen steilen Aufstieg. unterzugehen.“ soll wieder etwas stilisEin halbes Jahr nachdem tisch Besonderes werden. Heringer ein Formular ausEtwas, bei dem seine gefüllt und an die Filmvermarkter German Handschrift sichtbar wird – und erneut ein Films, Veranstalter des Wettbewerbs „Next Kurzfilm. Allerdings einer, der das Potenzial Generation Short Tiger“, geschickt hatte, hat, als Grundlage für einen Spielfilm zu erwischte ihn an einem Samstagvormittag ein dienen, vergleichbar mit „Alive in Joburg“. Anruf im Bett. Die Jury, in der unter anderem Mit dem Kurzfilm des südafrikanischen der neue deutsche Regie-Held Jan Ole Gerster Regisseurs Neill Blomkamp dürften die wenig(„Oh Boy!“) saß, verlieh ihm einen von fünf sten etwas anfangen können, mit dem AlienPreisen. Streifen „District 9“ aus Blomkamps Feder So kam er an die Côte d’Azur, in eine eher, dem mit Rassismus-Themen spielenden Welt, die ihn zunächst einschüchterte. Nicht Überraschungshit aus dem Jahr 2009. Als wegen der Stars, die ihm begegneten – Justin Drehbeginn peilt Heringer den Spätsommer Timberlake lief ihm vor die Linse, Clive Owen an. 5000 Euro stehen ihm zur Verfügung - das und Zoe Saldana bei der Premiere von „Blood Preisgeld für den Triumph beim Short Tiger,

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das an die Verwendung für ein neues Projekt geknüpft ist. Sein zweites Ziel für Cannes lautete genießen. War in den ersten Tagen ein VierEuro-Regenschirm von einem Straßenhändler noch die beste Investition, schaute gegen Ende der Woche die Sonne heraus. Auf der Promenade de la Croisette und im Rest des Städtchens tobte dann das Leben. „Wenn es dunkel wird und du siehst die vielen Menschen in Abendgarderobe oder im Smoking, ist das schon ein tolles Gefühl“, sagt er und schwärmt von der Betreuung. Heringer nahm die Einladungen auf die Yacht des Fernsehsenders Arte wahr, schnupperte Glamour-Flair, besuchte Partys, Empfänge – und die Weltpremiere des späteren Festivalsiegers „La vie d’Adèle“, der mit einer zehnminütigen Lesbensex-Szene das Publikum wahlweise verstörte oder zum Kichern brachte. „Ich kann nachvollziehen, warum dieser Film die Goldene Palme gewonnen hat“, sagt er.

Plaudereien mit dem Macher von „Fast & Furious“ Inzwischen ist dem zurückgekehrten Alexander Heringer fast ein bisschen peinlich, dass er als der Macher von „Fortune Faded“ im Mittelpunkt steht, dass er sämtliche Lorbeeren abgreift. Hollywood mit dem

Besuch in den Universal Film Studios und dem Gespräch mit dem Macher des „Fast & Furious“-Franchise bleibt unvergessen. Doch diese Erfahrungen seien eben Teil des Glücks und des Schicksals eines Regisseurs, der ähnlich wie ein Fußballtrainer für Erfolg und Misserfolg seines gesammelten Teams verantwortlich gemacht wird. Alexander Heringer ist der Jupp Heynckes des Filmprojekts – und blickt erwartungsfroh, aber auch mit ein wenig lakonischer Selbstironie in die Zukunft: „Ich war mit meinem ersten Film schon an den wichtigsten Orten der Welt: Hollywood und Cannes. Die Latte liegt hoch.“ Den Film im Netz gibt es auf der Videoplattform Vimeo unter: http://vimeo.com/35796070

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Termine

STUTTGART PARTY

KONZERTE

KULTUR

MR. BOJANGLES Montag, 17.06. 20.30 Uhr Tonstudio

BON JOVI Freitag, 21.06. 18 Uhr Cannstatter Wasen

FETTES SCHWEIN Montag, 17.06. 20 Uhr Altes Schauspielhaus

TREFF Donnerstag, 20.06. 23 Uhr Schräglage

DIE ZUKUNFT Freitag, 21.06. 20.30 Uhr Goldmark’s

WOLFSGESCHICHTEN Mittwoch, 19.06. 10.30 Uhr Dreigroschentheater

ROCK’N’ROLL SAFARI CLUB Samstag, 22.06. 20 Uhr Goldmark’s

BETWEEN THE BURIED AND ME Samstag, 22.06. 20 Uhr Universum

AFRIKA, MON AMOUR Freitag, 21.06. 20 Uhr Theater Tri-Bühne

OUR DARKNESS Samstag, 22.06. 22 Uhr Club Zollamt

JOE SATRIANI Samstag, 29.06. 20 Uhr Theaterhaus

IN JEDER BEZIEHUNG Samstag, 22.06. 20 Uhr Komödie im Marquardt

IRIE SUNDAY Sonntag, 23.06. 18 Uhr Universum

THE MONSTERS Samstag, 29.06. 20.30 Uhr Goldmark’s

EIN STÜCK ERWACHSEN Freitag, 28.06. 18 Uhr Jes

HIPHOP-DONNERSTAG Donnerstag, 27.06. 23 Uhr Tonstudio

MISERY INDEX Sonntag, 30.06. 20.30 Uhr dasCann

OIFACH ABHEBA! Freitag, 28.06. 20.30 Uhr Theater unterm Dach

NEW KIDS Samstag, 29.06. 23 Uhr Zwölfzehn

CALEXICO Donnerstag, 04.07. 19.30 Uhr Freilichtbühne Killesberg

DIE WELT IST MONDEN Sonntag, 30.06. 19 Uhr Theater Tredeschin

80ER JAHRE PARTY Freitag, 05.07. 21 Uhr LKA

ZAZ Donnerstag, 04.07. 19 Uhr Schlossplatz

COMEDY KING Sonntag, 30.06. 20 Uhr Cue Club

FRIDAY DELUXE Freitag, 12.07. 19 Uhr 7 Grad

JOE BAUERS FLANEURSALON Samstag, 06.07 16 Uhr Neckarhafen

SUCHE IMPOTENTEN MANN FÜRS LEBEN Donnerstag, 04.07. 20 Uhr Theaterschiff

MAX-KADE SEENACHTSFEST Freitag, 19.07. 21 Uhr Mensa Stadtmitte

ODD FUTURE WOLF GANG KILL THEM ALL Dienstag, 09.07. 20 Uhr LKA

MORD-GEDÄCHTNIS Freitag, 05.07. 20 Uhr Die Krimifabrik

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Termine

TÜBINGEN KONZERTE

KULTUR

BIERKELLER KNEIPENQUIZ Montag, 17.06. 21 Uhr Bierkeller

OHRENKINO: KASHEW Samstag, 22.06. 21.30 Uhr Café Haag

HOMO FABER Samstag, 22.06. 20 Uhr Zimmertheater

DINE, DRINK & DJ Freitag, 28.06. 20 Uhr Ludwigs

25 JAHRE SUDHAUS Freitag, 28.06. 20 Uhr Sudhaus

DAS ERDBEBEN IN CHILI Freitag, 28.06. 20 Uhr LTT

MY HEART GOES BOOOM! Samstag, 29.06. 22 Uhr Bierkeller

PIANO DINER Mittwoch, 03.07. 20 Uhr Ludwigs

LENZ Mittwoch, 03.07. 20 Uhr Zimmertheater

RADAU & RABATZ KLUB Freitag, 12.07. 23 Uhr Tangente

KURT FESTIVAL Freitag, 05.07. 15 Uhr Bruderhausgelände, Reutlingen

ICH HÖRE WAS, WAS DU NICHT SIEHST Freitag, 05.07. 11 Uhr LTT

SPENDENAUFRUF!

PARTY


Termine

LUDWIGSBURG PARTY

KONZERTE

KULTUR

POP UND ROCK NIGHT Montag, 17.06. 20 Uhr Rockfabrik

TASTE OF LIFE Dienstag, 18.06. 20 Uhr Pädagogische Hochschule

DIE RÄUBER MIttwoch, 19.06. 20 Uhr Freilichttheater

TRANCE.MISSION Freitag, 21.06. 22 Uhr Four Runners Club

CAFE 612 Dienstag, 25.06. 20 Uhr Pädagogische Hochschule

MOMO Sonntag 30.06. 15 Uhr Freilichttheater

THIS IS DEUTSCH Samstag, 22.06. 20 Uhr Rockfabrik

YOUTH GONE WILD Sonntag, 07.07. 19 Uhr Rockfabrik

SPECIAL GOTHROCK NIGHT Donnerstag, 27.06. 20 Uhr Rockfabrik

SEEFESTSPIELE Sonntag, 07.07. 19 Uhr Seeschloss Monrepos

SEESUCHT Dienstag, 09.07. 20 Uhr Pädagogische Hochschule

PARTY

KONZERTE

KULTUR

DIESEL SALSA PARTY Montag, 17.06. 21 Uhr Dieselstraße

SO78 Donnerstag, 20.06. 20 Uhr Vier Peh

DER ABENTEUERLICHE SIMPLICISSIMUS Samstag, 22.06. 20 Uhr Freilicht am Kessler-Platz

URBANICED FRIDAY Freitag, 21.06. 22 Uhr One

FRIENDLY ELF Samstag, 22.06. 21 Uhr Oscar’s

WASEN PARTY Freitag, 28.06. 18 Uhr Eishalle

WASEN PARTY Freitag, 28.06. 18 Uhr Eishalle

AGNOSTIC FRONT Mittwoch, 26.06. 20 Uhr Komma

PHILIPP WEBER Freitag, 28.06. 20.30 Uhr Dieselstraße

LATINO MUSIC MIT DJ TONI Freitag, 05.07. 21 Uhr Joe Pena’s

FLOWERS IN SYRUP Freitag, 28.06. 20.30 Uhr Komma

FREILICHTSPEKTAKEL Donnerstag, 04.07. 20 Uhr WLB Freilichtbühne

PHOETRYSLAM Dienstag, 02.07. 20 Uhr Pädagogische Hochschule

ESSLINGEN

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Das nächste Käpsele erscheint am 15. Juli. Die Themen: - Tierversuche und Medizin: Tübingen diskutiert - Ausland: Ein Stuttgarter auf der grünen Insel - Forschung im All: Fische im Weltraum

Impressum: Käpsele – Das Studentenmagazin

Christian Ignatzi (Seiten 35, 38, 40)

Käpsele GbR Theodor-Heuss-Straße 109 71067 Sindelfingen redaktion@kaepselemagazin.de

Besondere Foto- und Lizenzhinweise: S. 06/08: Foto © Aiesec Stuttgart-Hohenheim S. 10: Foto gemeinfrei, gefunden bei Wikipedia S. 12: © Christian Saathoff S. 14: Foto © Hannes Rockenbauch S. 19/20: © Bruno Baumann (www.bruno-baumann.de) S. 24: Foto CC Joey (www.flickr. com/photos/joo0ey) S. 26: Foto und Cover © Suhrkamp Verlag S. 27: Foto © Peter-Andreas Hassiepen, Cover © btb S. 28: Foto CC dotmatchbox (www.flickr.com/photos/7944769@N03) S. 30: Foto CC fotografiona (www.flickr.com/photos/fotografiona) S. 31: Foto Guttenberg CC Bundeswehr-Fotos Wir.dienen. Deutschland. (www.flickr.com/ photos/augustinfotos), Foto Schavan CC wissenschaftsjahr (www.flickr.com/photos/ wissenschaftsjahr), Foto KochMehrin CC Patrick Meinhardt (www.flickr.com/photos/

Herausgeber(V.i.S.d.P.): Markus Brinkmann und Christian Ignatzi Anzeigen: Chris O’Connor anzeigen@kaepselemagazin.de Redaktion: Markus Brinkmann (msb) Christian Ignatzi (ci) Ben Schieler (ben) Autoren: Mia Bergmann (mia) Katrin Bohnenberger (kbo) Philipp Deeg (phd) Sanja Döttling (sad) Gastautoren: Manuel Scholze Fotografen: Thomas Wagner (Cover) Ben Schieler (Seiten 03, 33, 42, 44, 53) Sanja Döttling (Seite 22)

patrick-meinhardt) S. 32: Foto © Uni Hohenheim S. 36/37: Foto CC Dennis Yang (www.flickr.com/photos/dennis) S. 46/47: Plakate © Verleiher S. 48: Foto CC I_Believe_ (www. flickr.com/photos/purple-lover) S. 49/50: Logo und Foto © Festung Tübingen S. 52: Foto CC DavidHT (www. flickr.com/photos/davidht) S. 54: Foto CC Brocco Lee (www.flickr.com/photos/ brocco_lee) S. 56/57: Fotos © Alexander Heringer S. 58/59: Foto CC yves Tennevin (www.flickr.com/photos/styeb) Ein Dank für das Erfinden, Entwerfen und Designen des Käpsele (der Vogel) geht an seinen Schöpfer Timo Rehm. Vertrieb: Flyertyre Gymnasiumstr. 43 70174 Stuttgart www.flyertyre.de Auflage/Erscheinungsweise: 30.000 Stück/monatlich Das Käpsele ist auf Recyclingpapier gedruckt

dieses Exemplar wurde bei www.dierotationsdrucker.de gedruckt

dierotationsdrucker 63


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KaepseleJuni13  
KaepseleJuni13  

Ausgabe #03 des Studentenmagazins.

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