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Das Studentenmagazin APRIL/MAI 13 AUSGABE #1 WWW.KAEPSELEMAGAZIN.DE GRATIS

WIEDER BLECHEN FÜRS STUDIUM? JAHR EINS NACH DEN GEBÜHREN: EIN FAZIT

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WILDE PARTYS, HEISSE KÖPFE CLAUS KLEBER ÜBERS STUDIEREN IN TÜBINGEN

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Ausland: DAS MÄDCHEN AUS DER HÖHLE LEBEN UND STUDIEREN IN GRANADA

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Liebe Leserin, lieber Leser, das Ding, das du nun in deinen Patschepfoten hältst, ist unser Käpsele, unser Baby. Nicht neun Monate, sondern mehr als ein Jahr sind wir mit der Idee schwanger gegangen. Jetzt ist es endlich so weit: Unser Traum vom eigenen Magazin ist wahr geworden. Vielleicht denkst du jetzt: Warum setzen junge, gut aussehende Journalisten wie wir auf so was Altertümliches wie ein Printheft und stecken ihre Energie nicht in ein trendiges Online-Magazin. Nun, die Antwort ist einfach: Wir wollen, dass ihr schmökert, in fetzigen Reportagen, informativen Hintergrundberichten und

wir den Begriff Studenten, übrigens nicht als einziges Medium –

spritzigen Interviews. Im Internet regiert das Oberflächliche, nicht

eine Frage der Wertschätzung.

überall, aber vielerorts. Rein, raus, schnell, schnell, fertig. Unsere Geschichten würden da untergehen.

3. Warum erscheint das Käpsele auf Recyclingpapier? Ihr merkt: wir haben Grundsätze. Noch so einer: warum benutzen

Unser Ziel ist es, über die Vielfalt der Hochschulregion Stuttgart

wir kein tolles, dickes Hochglanzpapier? Hat unsere Druckerei

und Tübingen zu berichten. In unserer Studienzeit waren wir

das nicht? Ist das zu teuer? Ganz ehrlich ist der Grund über-

oft baff, was um uns herum so passiert. Beispielsweise wusste

haupt nicht spektakulär, sondern hängt mit unserer monatlichen

man als Student in Stuttgart-Stadtmitte oft schon nicht, was in

Erscheinungsweise zusammen. 30.000 Magazine, Monat für Monat,

Vaihingen abging – geschweige denn in Ludwigsburg, Esslingen

das ist ein Haufen Holz. Wir finden den Wald schön. Da gibt es

oder Tübingen. Und dabei geht es nicht nur um Partys, sondern

Hasen, Füchse und viele andere tolle Tiere. Wir wollen nicht dafür

um Forschungsprojekte, Angebote oder einfach nur, wo man als

verantwortlich sein, dass ein kleines Eichhörnchen irgendwann

Student etwas beantragen oder bekommen kann.

einmal kein Zuhause mehr hat. Mal im Ernst, Eichhörnchen haben es halt echt schwer genug. Kennst du Grauhörnchen? Die kom-

Bevor es jetzt losgeht, wollen wir noch ein paar Dinge klarstellen.

men aus Nordamerika, wurden eingeschleppt und halten keinen

So eine Art Leitfaden für das Käpsele. Und zwar:

Winterschlaf. Diese Viecher essen den „richtigen“ Eichhörnchen ganz dreist die Nüsse weg, die sie vor dem Winterschlaf versteckt

1. Wer sind die Typen eigentlich, die diese verrückte Idee hatten?

haben. Also wir ... wir finden das nicht okay. Deshalb haben wir

Wir sind Journalisten aus Stuttgart, 33 (Markus) und 25 Jahre

beschlossen, unser Magazin auf Recyclingpapier zu drucken, um

(Chris) alt und kennen uns aus unserer gemeinsamen Zeit bei

es den Eichhörnchen nicht noch schwerer zu machen.

den Stuttgarter Nachrichten. Andere Journalisten halten uns für ziemlich bescheuert, weil wir ein Magazin in einer Auflage von

Wir hoffen, du bist mit all unseren Punkten einverstanden. Aber

30.000 Stück rausbringen. Und genau das sind wir. Aber wir haben

wenn du Anregungen oder Kritik hast, dann melde dich unter

ein tolles Team, aus Studenten und Kollegen, die genauso brennen

redaktion@kaepselemagazin.de. Gemeinsam können wir hier

wie wir und mit denen wir dieses Ding stemmen.

noch viel rausholen.

2. Warum schreiben die im Käpsele nie „Studierende“?

Und jetzt genug geschwätzt:

„Ein Team aus Studenten?“, fragst du dich. „Obwohl auch Frauen

Viel Spaß mit dem Käpsele wünschen

schreiben?“ Klar. Es ist ein Team aus Studentinnen und Studenten. Im Käpsele wirst du den Begriff „Studierende“ in der Regel nur in Zitaten lesen. Warum? Das Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht der Universität München hat das sehr schön zusamGenerated by CamScanner

mengefasst: „Student ist unmittelbar abgeleitet vom lateinischen studere (streben nach, sich bemühen um, auf etwas aus sein). An Universitäten strebt man nach Erkenntnis, und zwar auf wissenschaftliche Weise. Wer dies tut, heißt Student“, schreibt es. Das Studentenmagazin

Studierende dagegen streben nicht, die sitzen nur. Und komisch wird es dann, wenn wir im Partizip Präsens schreiben würden: „In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende“. Deshalb verwenden

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AUS DEN HOCHSCHULEN 10

Moderieren statt Dozieren

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Hilfe für Doktorennachwuchs

Die Hochschule der Medien setzt neue Maßstäbe.

Welches Stipendium für wen?

Ein neues Café für Hohenheim.

Die Finnen und die Hochschule Esslingen.

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Was ist hier denkbar?

Ein Jahr gebührenfrei

Stuttgarts Rektor und Student Dominik Schlechtweg im Doppelinterview.

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Nordisch by Nature

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Am Café hängt das Herz

Das Literatur-Café an der PH Ludwigsburg.

AUS DEM LEBEN 06

Wo Taxifahrer Boxauto spielen

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Zwischen Uni und Bundesliga

Ein Verein lässt Studenten über die Grenzen blicken.

Florian Schöbinger und sein Nebenjob.

... nicht hören zu können?

Bea hat in Granada studiert - und in einer Höhle gelebt.

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Wie ist es eigentlich ... Der Hip-Hop Doktor

Holunder von der Münchener Band Blumentopf hat promoviert.

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Studieren im Ausland Termintipps

Was geht in diesem Monat?

AUS DER REIHE 13

Unnützes Stuttgart Wissen

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Sara und die Dunkelheit

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Filme des Monats

Was du wirklich nicht über die Landeshauptsstadt erfahren musst.

Eine Kurzgeschichte von Marc Bensch.

Der ZDF-Moderator im Interview.

Die neuesten Tipps und der Liebling der Redaktion.

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Wie war Ihr Studium, Herr Kleber? Bücher des Monats

Der neueste Tipp und der Liebling der Redaktion.

Die Käpsele Release-Party

Diese Bands feiern mit uns.

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Wo Taxifahrer Boxauto spielen Wer verstehen will, was in der Welt passiert, muss sie sehen. Der Verein „Global Learning“ besteht aus 20 Alumni der Uni Stuttgart, die sich für akademischen Austausch und die Belange der Geisteswissenschaften starkmachen – mit viel Knowhow und eigenem Geld. Von Eric Hanson (Mumbai)

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Der Marine Drive ist einer der beliebtesten Boulevards in Mumbai.

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ie Geschichte des Stuttgarter Vereins beginnt 2009 in Indien, genauer gesagt in der 18-Millionen-Metropole Mumbai. Bernhard Minke, heute Vorstand von „Global Learning“, stand damals kurz vor seinen MagisterPrüfungen. „Ich habe als Projektassistent einige Exkursionen in der Amerikanistik mitorganisiert“, erzählt er. Zehn Englisch-Studenten aus Stuttgart haben an der Forschungsreise nach Indien teilgenommen. Zusammen mit zehn Kommilitonen vom St. Xavier’s College in Mumbai haben sie zuerst Themen der Globalisierung mithilfe einer Online-Plattform gemeinsam bearbeitet und diskutiert. „Auf der Reise wurde die Riesenstadt am Indischen Ozean dann regelrecht erforscht“, sagt Minke, der heute in der Verwaltung der Hochschule arbeitet. Eine aus der Stuttgarter Gruppe war Maria Konstantinidou. Auch sie ist Gründungsmitglied

von „Global Learning“ und sitzt im Vorstand des Vereins. „Wir haben uns in Mumbai in vier Gruppen aufgeteilt und verschiedene Themen bearbeitet“, erzählt die junge Frau, die ihren Lebensunterhalt heute als Lektorin ver­ di­ ent. „Die einen haben sich mit der indischen Kultur und Musik auseinandergesetzt, die nächsten mit der Wirtschaft, andere mit der Kolonialgeschichte des Landes. Im Hintergrund standen immer der amerikanische Einfluss und die Folgen der Globalisierung.“ „Wir haben auf der Reise zusammen mit unseren indischen Studienkollegen so viel gelernt, erlebt und gesehen, dass wir beschlossen haben, uns dafür einzusetzen, dass auch andere Studenten solch eine Chance bekommen“, erklärt der Vereinsgründer Bernhard Minke. Die enge Kooperation mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis, mit anderen Zeitvorstellungen und Arbeitsweisen hat den Stuttgarter Studenten viel gegeben, sind die beiden Vereinsgründer überzeugt.

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Deutsche und indische Studenten posieren gemeinsam auf einer Treppe in Mumbai für ein Gruppenfoto.

Die Eindrücke aus Mumbai sind drastisch. Eng geht es zu in der Millionenstadt. Knapp 30.000 Menschen leben im Schnitt auf einem Quadratkilometer – die Straßen sind ständig verstopft, die Taxifahrer spielen regelrecht Autoscooter auf den großen Kreuzungen, nur um ein paar Meter voranzukommen. Extreme Armut ist allgegenwärtig, bettelnde Kinder verfolgen die deutschen Studenten auf jedem Schritt. „Gleich an der nächsten Straßenecke herrschte dann aber extremer Luxus“, sagt Minke, „auf der einen Straßenseite baut einer der reichsten Männer der Welt eines der teuersten Wohnhäuser der Welt“ – gemeint ist das architektonisch spektakuläre, 27 Stockwerke hohe Eigenheim des Chemie-Tycoons Mukesh Ambani – „und nicht weit davon entfernt befindet sich ein Slum, der mehr Einwohner hat als ganz Stuttgart.“ Ziel der Forschungsreise war es, zu verstehen, welche Effekte Amerika und die Globalisierung auf die Welt haben. „Da bewirken solche Erfahrungen mehr als noch so viele Seminare“, sagt auch Konstantinidou. Seit der Gründung vor zwei Jahren hat „Global Learning“ bereits zwei Tickets für Exkursionen nach Mumbai gesponsert, dazu

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kommen regelmäßige Buchstipendien. „Wir fördern Projekte mit amerikanistischem Hintergrund“, sagt Minke, „doch das bedeutet nicht, dass ausnahmslos Sprachwissenschaftler auf uns zukommen dürfen. Egal aus welcher Fakultät, eine gute Idee, die zu unserem Verein passt, wird von uns unterstützt.“

Nicht nur akademische Reisen Im Gegenzug für eine kurze Projektbeschreibung vergibt der Verein zwischen 100 und 300 Euro Buchgeld. „Wir erwarten dann einen netten Text, etwa eine Seite, aus dem hervorgeht, was mithilfe des Geldes geleistet wurde. So können wir unsere Mitglieder auf dem Laufenden halten, was mit ihren Mitteln passiert“, sagt Konstantinidou, „die geförderten Exkursionsteilnehmer berichten uns ebenfalls von ihren Erfahrungen.“ „Global Learning“ versteht sich nicht allein als akademischer Reiseveranstalter. „Meine


Idee war es, ein Netzwerk für Amerikanisten und Geisteswissenschaftler aufzubauen“, sagt Minke, „das ist in den USA speziell im Bereich BWL oder Jura ganz selbstverständlich.“ Alumni, die nach dem Studium einen guten Job gefunden haben, geben ihre Erfahrungen an Studenten weiter. „Wir haben Lehrer, Journalisten, Manager, Lektoren und Leute aus der Verwaltung der Uni oder von großen Unternehmen im Verein“, sagt Konstantinidou, „ihre Erfahrungen können den Studierenden helfen.“ Manche Studenten seien regelrecht baff, wenn sie erfahren, was Leute mit einem Abschluss in Amerikanistik, Linguistik oder Literaturwissenschaft nach der Uni erreicht haben.

Die besten Events gibt es bei uns:

Wir haben so viel gelernt, erlebt und gesehen, dass wir auch anderen so eine Chance geben wollen.” Den Jahresbeitrag bestimmen die Mitglieder von „Global Learning“ selbst. „Jeder gibt, was er kann und will“, sagt Minke, „und je mehr wir werden, desto mehr Projekte und Ideen können wir unterstützen.“ „Ich finde es wichtig, dass möglichst viele Studenten Erfahrungen im Ausland sammeln können“, ergänzt Konstantinidou, „wir haben alle an längeren Forschungsreisen teilgenommen und die meisten haben sogar im Ausland studiert. Das hat uns alle enorm weitergebracht.“ Mit ihrem Knowhow und der finanziellen Hilfe wollen die Alumni von „Global Learning“ künftig weiterhin Studenten helfen, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

by Stuttgarter Nachrichten

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Moderieren statt dozieren Die HdM strukturiert den Studieneinstieg um, weil viele Erstsemester das wissenschaftliche Lernen erst lernen müssen. Dafür gibt’s 300.000 Euro Fördermittel vom Land. Doch was sagt die Notwendigkeit eines solchen Projekts über unser Bildungssystem aus? Von Philipp Deeg

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ir hatten mit unserer Aufgabe ein Problem. Wir sind mit der Recherche nicht weitergekommen“, fängt ein Mitglied einer der Arbeitsgruppen an. Der Tutor hakt nach, gibt aber keine Antwort, sondern reicht die Frage an alle Teilnehmer der Veranstaltung weiter. Eine offene Diskussion soll die Lösung bringen. Moderieren statt dozieren. So etwa stellt man sich an der Hochschule der Medien (HdM) Stuttgart modernen Hochschulunterricht vor. Umgesetzt werden soll diese Idee im Pilotprojekt „Anak – Anders ankommen an der HdM“, das die Professoren Udo Mildenberger und Bettina Schwarzer für die Grundlagenveranstaltungen in BWL entwickelt haben. Start ist zum Sommersemester. In den ersten beiden Semestern entfällt der Frontalunterricht komplett. Stattdessen arbeiten die Studenten in Kleingruppen an Aufgaben, in den Veranstaltungen geht es ausschließlich um Probleme. Professoren, Dozenten und Tutoren leiten im Idealfall nur die Debatte. So sollen die Studenten den Erwerb von akademischen Erkenntnissen zügig einüben. Zwar zeichnet Mildenberger

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seine Vorlesungen auf, damit Studenten sie sich auch zukünftig online anhören können. Doch die reine „Konsumhaltung“, die viele aus der Schule mitbringen, will er abschaffen. Dazu kommen an der HdM außerordentlich heterogene Bildungsbiographien zusammen. Im Wintersemester 2010/2011 wiesen die Erstsemester 34 unterschiedliche Schulabschlüsse vor. Andere Unterschiede wie beispielsweise das Alter kommen hinzu.

Im Test geht es nicht um Dummheit und Intelligenz Das selbstständige Arbeiten soll allen gerecht werden. Um niemanden zu über- oder unterfordern, unterteilt ein Eingangstest die Erstsemester in Anfänger und Fortgeschrittene. Das hat nichts mit Dummheit und Intelligenz zu tun. Es geht nur um Vorwissen und Lerngeschwindigkeit. Die Fortgeschrittenen sollen von Beginn an Zusatzkompetenzen erwerben können, die ihnen einen schnelleren Studienabschluss ermöglichen. Die Anfänger erhalten das


Rüstzeug, um die Regelstudienzeit von dar. Mildenberger hat viele Studenten erlebt, sieben Semestern nicht zu überschreiten. Die die laut Zeugnis nicht weit hätten kommen Bewertung des Projekts übernimmt das HdMdürfen. Wurde ihr Engagement geweckt, zeigDidaktikzentrum. ten sie häufig enorme Leistungssteigerungen Der Ansatz kam im Landesministerium für im Laufe des Studiums. Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) Diesen Fehler im System soll „Anak“ gut an: Es fördert Anak im Rahmen des abfedern. Aufgrund früherer Erfahrungen ist Projekts „Willkommen in der Wissenschaft“ Mildenberger optimistisch. Das Projekt werde mit 300.000 Euro aus sicherlich so erfolgreich, dem Innovations- und dass die HdM nach Ablauf Qualitätsfonds (IQF). Dass der Förderdauer Mittel zur das Geld ausgegeben wird, Weiterfinanzierung bereitwofür es vorgesehen ist, stellen werde. Die Kollegen stellen jährliche Nachweise an anderen Lehrstühlen und ein Abschlussbeleg würden dann eher zur sicher. Mildenberger Nachahmung geneigt sein. und Schwarzer müssen Selbst eine flexiblere, trotzjede Planänderung ans dem verwaltungsrechtlich Ministerium melden. tragfähige Studienordnung Einmal war das schon hält er für machbar. nötig. Ursprünglich hätte Bei aller Zuversicht „Anak“ bereits zum warnt Mildenberger jedoch Wintersemester 2012/2013 auch: Als Modell für alle starten sollen. Was fehlte, Hochschulformen tauge war Personal. Mitarbeiter „Anak“ seiner Meinung nach Udo Mildenberger und Tutoren sollten didaknicht. An der HdM seien die tische Kompetenzen mitbringen und willens Gruppen überschaubar. An einer Universität sein, diese zu erwerben, zugleich aber fachlichsind die Erstsemesterzahlen ungleich größer, inhaltlich gute Berater für die Studenten die Adaption von „Anak“ würde sehr viel mehr und schließlich zu längerer Zusammenarbeit Personal verlangen, daher unverhältnismäßig bereit sein. Nur die lohnt sich für alle – nicht teurer werden. Neben der Bildungspolitik zuletzt für die HdM. Die Fördersumme ist wird also auch weiterhin die Kreativität der bereits verplant. 24.000 Euro stehen für SachHochschullehrenden gefragt sein, um den und Reisekosten zur Verfügung, der große Rest Studieneinstieg so anspruchsvoll wie ansprefließt ins Personal. Müssten jedes Semester chend zu gestalten. neue Didaktikschulungen angeboten werden, würde der Finanzrahmen zu eng. Bei aller Planung und trotz oder wegen der Weitere geförderte Projekte von Förderung des Landes drängt sich doch eine „Willkommen in der Wissenschaft“: Frage auf: Was sagt die Notwendigkeit eines solchen Projekts über unser Bildungssystem Uni Stuttgart: Das Digitale Archiv (DDA) aus? „Dass Verbesserungen der Studienqualität besonders in der Studieneingangsphase notPH Ludwigsburg: Forschungswerkstatt wendig, aber auch möglich sind“, sagt ein Bildungswissenschaften (ForBi) Sprecher des Ministeriums. Mildenberger sieht es anders: Das Erreichen von Planzahlen Hochschule für Technik: Erfolgreich sei offenbar wichtiger als der tatsächliche studieren durch angewandte Wissenschaft Lernerfolg der Schulabgänger. Anders gesagt: und Nachhaltige Entwicklung. den Studienanfängern fehlt es an Wissen und Fähigkeiten – sowie am Anreiz, sich diese zu Duale Hochschule: MINT-MOTION – erarbeiten. Eben der Mangel an Motivation – der duale Weg zum wissenschaftlichen nicht der an Wissen – stelle das große Problem Nachwuchs.

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Der Flughafen Stuttgart befindet sich auf der Gemarkung von fünf Städten. Da wundert es nicht, dass man in Leinfelden-Echterdingen in das Flugzeug einsteigt, über Stuttgart zur Startbahn rollt, um in Filderstadt abzuheben. Zu Neuhausen und Ostfildern gehören dann immerhin noch ein paar Quadratmeter Grünfläche. Eine schottische Punkrock-Band nennt sich „Stuttgart Traffic“, da der Großvater des Bassisten als junger Mann einmal in Stuttgart war und sich bei Erzählungen immerzu über den Verkehrslärm der Stadt beschwerte. Kein Bandmitglied hat jedoch bis dato Stuttgart jemals besucht. Die amerikanischen Truppen hatten nach ihrer Niederlassung in Stuttgart das Opernhaus für sich entdeckt. Jedoch nicht für kulturelle Zwecke. Sie richteten hier ihren PX Club ein, in dem sie ihre Freizeit verbrachten und unter anderem Ping Pong spielten. Weitere unnütze Fakten über Stuttgart gibt es im Internet auf www.u0711w.de. 13


Nur weit weg von Papa Der “heute-journal”-Moderator und gebürtige Reutlinger Claus Kleber erinnert sich an wilde Partys, inspirierende Persönlichkeiten und lange Diskussionen während seiner Zeit als Jura-Student an der Uni Tübingen.

Von Ben Schieler Herr Kleber, Sie wurden in Reutlingen geboren. Welche Beziehungen bestehen noch zu Ihrer Heimat? Oder verstehen Sie, der ja früh aus Reutlingen wegzog, unter Heimat etwas anderes? Oh nein. Das ist Heimat. Obwohl ich eher zufällig in Reutlingen geboren wurde und dann immer nur besuchsweise dort war, bei meinen Großeltern. Das änderte sich dann im Studium in Tübingen. Das habe ich ja sehr ausführlich genossen, 14 Semester lang. Tatsächlich war ich da meistens als rasender Reporter für das SWF-Studio – damals hieß der SWR noch so – im Ländle unterwegs. Da ist es meine Heimat geworden. Eine andere habe ich nicht. Wenn ich von der Autobahn abfahre und bei schönem Wetter am Horizont die Alb erscheint, klopft das Herz höher.

Was hat Sie nach dem Abitur in Köln zum Jura-Studium nach Tübingen geführt? Mein Vater hatte immer gesagt: Mir ist egal, wo du studierst, aber es muss mindestens vier Autostunden von zu Hause weg sein. Das war damals halt in der Nähe von Köln. Dabei hatte ich ein super Verhältnis zu meinen Eltern. Aber er meinte halt, dass es Zeit wird, sich von zu Hause abzunabeln. Das war im Grunde sehr aufopferungsvoll. Er hatte selbst in Tübingen studiert und immer begeistert davon erzählt. Drum habe ich mir das mal aus der Nähe angesehen, an einem herrlichen Sommerwochenende, und war sofort Feuer und Flamme.

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Zeit? Gab es einen Menschen oder eine Erfahrung, die Sie besonders geprägt hat? Viele, sehr viele. Das war eine andere – und

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ich finde: schönere – Zeit. Viel freier als heute. Ich habe diese Freiheit ganz besonders genossen. Niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Umso mehr, als ich als Reporter mein eigenes Geld verdienen konnte. Und dann die großen Namen hören: Bachof, Dürig, Eser, Gernhuber, Baumann, sie waren ja alle da. Und nicht nur die Juristen. Theodor Eschenburg, Walter Jens, Ernst Bloch. Dass man da einfach reinspazieren, sich hinsetzen und zuhören konnte, das war unglaublich. Und bis heute bin ich meinem Doktorvater, dem großen Thomas Oppermann, verbunden und dankbar. Ein wunderbarer akademischer Lehrer. Geduldig und verständnisvoll, aber dann doch auch einer, der einem Richtung gibt.

Was war zu Ihrer Zeit der “Place to be” in Tübingen? Wo haben Sie sich abends, nachts, am Wochenende mit Ihren Freunden und Kommilitonen getroffen? Das war bei mir ein bisschen speziell, weil ich ja Verbindungsstudent wurde bei den Tübinger Guestfalen. Bis heute ist das herrliche Haus auf dem Österberg ein zweites Zuhause für mich. Natürlich haben wir dort heftig gefeiert. Aber nicht nur. Es war auch ein Platz, an dem wir uns über die Fragen der Zeit die Köpfe heiß redeten. Das war – nach ‘68 – eine sehr politische Zeit. Und wer denkt, dass Verbindungsstudenten ein reaktionärer Haufen sind, hätte da was lernen können. Es war und ist übrigens bis heute so, dass man dort ganz selbstverständlich mit Studenten aller Fachrichtungen zusammenkommt. Eine super Hilfe gegen das Fachidiotentum, das ja leider in den engen Studiengängen heute immer eine Gefahr ist. Wenn dann Juristen, Theologen, Mediziner und alle möglichen anderen ihre Sicht dazugeben, wenn zum


Beispiel über den Abtreibungsparagraphen 218 StGB geredet wird, ein ganz heißes Thema damals, dann ist das eben nicht mehr Schmalspur.

Sie haben schon vor Ihrem Studium und auch währenddessen journalistisch gearbeitet, waren nach dem Staatsexamen aber eine Zeit lang als Anwalt tätig. Was gab letztlich den Ausschlag für die Nachrichtenwelt? Die Neugier. Meine Familie war nicht in der Lage, große Reisen in die Welt zu unternehmen. Und ich habe immer davon geträumt, das alles eines Tages mal zu sehen. Deshalb brauchte ich einen Job, in dem man fürs Reisen und Menschen-Kennenlernen bezahlt wird. Ist super gelaufen (lacht).

Auf dem Österberg haben wir uns die Köpfe heiß geredet.”

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Wie ist es eigentlich... ...nicht hören zu können?

Darios Rall weiß nicht, wie Regen klingt, der auf die Scheibe prasselt. Das Geräusch von knisterndem Holz im Kamin kennt er nicht. Noch nie hat er erlebt, wie frisch gefallener Schnee unter den Füßen knirscht. Darios Rall ist gehörlos. Trotz seiner Behinderung hat er sich seinen Platz in der Welt der Hörenden erkämpft. Von Dominik Harsch

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onntagmorgen fünf Uhr in der Stuttgarter Diskothek „Toy“. Dröhnende Bässe hämmern durch den Technoclub. Langsam leert sich die Tanzfläche. Darios Rall hat noch jede Menge Energie. Unermüdlich tanzt der 38-jährige Nürtinger seit Stunden, als hätte er einen Extra-Akku eingebaut. Sein Stammplatz ist direkt vor der meterhohen Bass-Box, ganz dicht an der Musik. Mit geschlossenen Augen saugt er sie in sich auf. „Ich liebe Techno. Das ist der einzige Sound, den ich so richtig fühlen kann“, schwärmt er. Das meint er so, wie er es sagt. Denn hören kann Darios Rall die Musik nicht.

Schuld ist eine Röteln-Erkrankung der Mutter Die Sinneszellen in seinem Innenohr können keine Schallinformationen ans Gehirn weiterleiten. Schuld daran ist eine Röteln-Erkrankung seiner Mutter während der Schwangerschaft: Darios kam gehörlos zur Welt. Ein Schock für die Familie. Schlimmer noch: Ein Kind, das keine Worte hört, kann auch keine Sprache entwickeln. Verzweifelt suchten die Eltern einen Weg, um ihrem Sohn ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Der Vater

erfuhr von einer Lehrerin in der Schweiz, die als Meisterin der Lautspracherziehung galt. Eine Methode, bei der Gehörlose unter großer Mühe lernen, Laute zu bilden und daraus Wörter zu formen. Viele Jahre fuhren seine Eltern mit ihrem Sohn jedes Wochenende in die Schweiz. Oft weinte der kleine Darios auf dem Weg, denn die Therapeutin war sehr streng und forderte viel. „Das war damals

Ohne diesen harten Weg und die Unterstützung meiner Eltern könnte ich jetzt nicht reden.” schlimm für mich“, erinnert sich Rall. Heute ist er dankbar dafür. „Ohne diesen harten Weg und die Unterstützung meiner Mutter und meines Vaters könnte ich jetzt nicht reden.“ Darios kann mit den Augen zuhören. Heute quasselt er gerne und mit großem Selbstbewusstsein. Ihn zu verstehen fällt anfangs jedoch schwer. Bestimmte Laute kann er nicht korrekt bilden, weil er sich selbst kaum hört. Nach längerem Gespräch ist er

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jedoch immer besser zu verstehen, und die die Welt der Hörenden geworden. Für viele Unterhaltung läuft flüssig. Er selbst kann der rund 80.000 Gehörlosen in Deutschland problemlos folgen. Seinem Gesprächspartner bildet sie eine unüberwindbare Mauer. schaut er nicht in die Augen, sondern nur auf Richtig verständigen können sie sich nur den Mund. Auch Menschen, die ihn länger in der Gebärdensprache. Eine lebhafte, kennen, sind fasziniert, wie perfekt er von körperbetonte Zeichensprache, die wie eine den Lippen abliest. Er sagt: „Ich höre mit den Mischung aus Dirigieren und Pantomime Augen.” Doch es gibt Grenzen. Etwa wenn der wirkt. Die Gehörlosengemeinschaft sieht sich Daimler-Toolmanager abends mit Freunden als sprachliche Minderheit. Ihre Mitglieder in einer Bar bei einem Radler sitzt. Hitzig bleiben oft unter sich und leben in einer diskutieren sie Pa r a l l e l w e l t über die Euroohne Ton. Krise. Rall Freundschaften kann nicht folzu Hörenden, gen. Alle reden wie Rall sie durcheinander pflegt, lehnen und drehen viele ab. Für dabei immer sie ist das wie wieder den Fremdgehen. Kopf weg. „Ich wurde Er sieht ihre sogar als Lippen nicht. Ve r r ä t e r Das Gespräch beschimpft“, ist für ihn „wie sagt er, streicht ein Puzzle, bei sich über seine dem wichtige Glatze und Teile fehlen“. blickt traurig Er nimmt ins Leere. Auch wenn er nicht hören kann: Darios Rall geht gerne tanzen. es aber mit Doch seine Humor: „Die haben eh keine Ahnung. Ich bin Miene hellt sich schnell wieder auf, als froh, dass ich das dumme Geschwätz nicht er erzählt, wie viele Komplimente er für hören muss.“ Seine Kumpels lachen. „So den offenen Umgang mit seiner Behinderung wie Darios mit seiner Behinderung umgeht, bekommt. „Ich bin manchmal sehr stolz, dass vergessen wir manchmal einfach, dass er ich etwas Besonderes bin“, gibt er zu und uns nicht hört“, sagt sein Freund Marc. nippt an seinem Bierglas. Darios Rall führt Für Darios Rall ist Sprache eine Brücke in ein abwechslungsreiches und aktives Leben.

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Er hat das Grab von Che Guevara auf Kuba besucht, die Tempel von Mumbai bestaunt und ist mit dem Rucksack durch Thailand gereist. Früher war er oft nächtelang auf Partys. „Aber langsam werde ich alt“, sagt er, lacht und kratzt sich an der einzigen grauen Stelle seines Dreitagebartes. Seine hörende Frau Verena freut sich darüber: „Inzwischen genießt er es, auch mal mit mir auf der Couch zu sitzen oder mit seiner Tochter einen Film anzuschauen“. Aber ein Leben ohne Technopartys ist für ihn undenkbar.

für ihn Musik, die er mit seinem Körper hören kann. Mit wilden Gesten feuert er den DJ an, „mehr Gas“ zu geben, und freut sich über jeden Bassschlag, den er im Magen spürt.

Musik, die er mit dem Körper hören kann Am nächsten Wochenende steht er wieder im Club, direkt vor dem Lautsprecher. Hier hat er seinen Freunden sogar etwas voraus. Sie brüllen sich gegenseitig ins Ohr und verstehen einander doch falsch. Er hingegen kann aus fünf Metern Entfernung mit den Augen zuhören. Behindert durch den Lärm sind nur die anderen. Das Gedonner aus der Box ist

Wie-ist-es-eigentlich.de ist ein Blogprojekt von Journalismusstudenten. Sie befragen Menschen, wie sich bestimmte Erlebnisse, Situationen oder Geschehnisse anfühlen. Im Internet gibt es eine Sammlung dieser Geschichten. Im Käpsele erscheint monatlich ein Text aus der Reihe als Serie.

I Love You, sagen diese Hände in der Gebärdensprache, der Zeichensprache, mit der Gehörlose kommunizieren.

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Plakatschichten auf kaputten Scheiben, gähnende Leere. Seit mehreren Jahren ist die Ladenzeile des ehemaligen Kiosks auf dem Campus in Hohenheim verlassen. Das ändert sich ab dem 22. April 2013. Dann eröffnet ein Alumni das Café Denkbar: Eine Mischung aus Bistro, Bar und Lounge. Von Katrin Bohnenberger


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en Kiosk mit der warmen Theke kenne ich noch, ein Zusatzangebot zur Mensa fehlt hier seit der Schließung“, sagt BWL-Student Fabian. Dem stimmt Agrar-Studentin Ulrike zu: „Ich hoffe, es wird faire Preise geben, finde es aber echt gut, dass es wieder ein größeres Angebot auf dem Campus geben wird.“ Für eine vielfältige Palette wollen die Betreiber des Café Denkbar sorgen: Von Kaffee und Frühstück über Tagesmenüs bis zu Cocktails und Snacks soll das Angebot reichen. „Das Herzstück wird die Kaffeebar. Es ist uns wichtig, guten, nachhaltigen Kaffee anzubieten, der nicht einfach aus dem Automaten kommt“, sagt Nadja Betzler, Betriebsleiterin des Cafés. Die Produktionsund Menschenkette des Kaffees könne sie vollständig nachvollziehen und benennen. „Daneben wird es einen Bistround einen Lounge-Bereich geben“, sagt sie. Insgesamt werden damit 148 Sitzplätze geschaffen. „Hier bieten wir täglich zwei frisch gekochte Tagesmenüs und eine feste Auswahl an Gerichten für fünf bis acht Euro an. Am Wochenende gibt es bis 15 Uhr ein Langschläferfrühstück, damit wir auch für alle Studierenden etwas anbieten können“, sagt Betzler.

Der Gründer hat selbst in Hohenheim promoviert Das ist auch die Intention des CaféGründers. Carl-Christian Vetter ist in der Immobilienwirtschaft tätig und hat selbst an der Universität Hohenheim promoviert. Damit kennt er die Stärken und Schwächen des Campus. „Ich habe in meiner Zeit an der Universität viel Freundschaft erfahren, die Bibliothek und der schöne Campus sind fantastisch“, sagt Vetter. Negativ sei ihm vor allem die schlechte gastronomische Versorgung aufgefallen. Warmes Essen gibt es in der Mensa nur bis 14 Uhr, zu späteren Uhrzeiten werden kleine Snacks angeboten. Je später die Uhrzeit, desto geringer ist die Auswahl. „Wenn man bis nachmittags in der Bibliothek saß und der Magen knurrte, gab es

auf dem Campus kaum noch etwas zu essen, einen guten Kaffee oder einfach einen Ort, um es sich gemütlich zu machen und den Kopf freizubekommen“, erinnert er sich. Sein Café wird deshalb bis 22 Uhr geöffnet sein. „Mit dem Café Denkbar möchte ich der Universität etwas zurückgeben. Es soll ein Wohnzimmer für Studierende und den Campus sein“, sagt der Alumni. Damit kommt der Investor des Cafés den Wünschen der Studenten entgegen. Nach einer Umfrage der Universität Hohenheim habe sich eine überzeugende Mehrheit für ein Projekt wie das Café Denkbar ausgesprochen: Rund 96 Prozent der Befragten äußerten, ein solches Gastronomieangebot zu begrüßen und nutzen zu wollen. Daraufhin sei die Entscheidung für das Konzept vonseiten der Universität und Dr. Vetter gefallen. Bis zur Verwirklichung des Lokals sind jedoch mehr als vier Jahre vergangen. Schon seit 2010 trägt das Projekt den Namen Café Denkbar. Verzögert habe sich das Vorhaben wegen Verhandlungen zwischen Land, Universitätsbauamt und Investor. Seit März 2012 ist der Pachtvertrag unterzeichnet und ein Kompromiss zu den baulichen Veränderungen gefunden. „Wir wollen den Studierenden eine hohe Aufenthaltsqualität bieten, sowohl mit unseren Produkten als auch mit den eingesetzten Materialien der Einrichtung“, sagt Vetter. Das Land beteilige sich mit einem Drittel der Kosten am Umbau, zwei Drittel trage er selbst. „Deshalb möchten wir mitbestimmen, wie wir die Ladenzeile verändern, das hat den Einigungsprozess verlängert. Aber inzwischen sind wir mittendrin“, sagt er. Ausgestattet werde das Café unter anderem mit einem Holzboden, einer Bar aus schwarzem Stahl und Ledersitzen. Die leeren Schaufenster des alten Kiosks sollen zu gemütlichen Sitzecken umgestaltet werden. „Dazu kommen bei schönem Wetter noch die zwei Außenbereiche mit Terrasse und Sonnensegel“, sagt Betriebsleiterin Betzler. Das schaffe 80 weitere Plätze. Für die Universität stellt das Café Denkbar eine große Chance dar, vor allem im Hinblick auf die steigende Studentenzahl. „Jedes zusätzliche Verpflegungsangebot ist hoch willkommen, und jede Belebung von Campus und Umgebung, gerade auch in Abendzeiten, ist sehr wertvoll“, sagt Florian Klebs,

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Kaum zu glauben: Aus solch einer Baustelle wird ein gemütliches Café.

Pressesprecher der Universität. Das Rektorat habe das Vorhaben von Anfang an befürwortet und im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt. „Auch das studentische Projekt ‚unsere TMS‘ ist der Universität sehr willkommen. Wir sehen diese Angebote als sinnvolle Ergänzung an, die mit ihren verschiedenen Konzepten eine wertvolle Vielfalt schaffen, von der alle profitieren“, sagt Klebs. Eine Konkurrenz gegenüber den Projekten des AStA, wie der Cafete in der ThomasMünzer-Scheuer (TMS), soll das neue Lokal den Betreibern zufolge nicht sein. Vielmehr wolle man die Studenten so gut es geht einbinden. „Unser Werbekonzept lassen wir zum Beispiel von einer studentischen Unternehmensberatung entwickeln, dem Junior Business Team. Auch unser Logo ist durch sie entstanden“, sagt Vetter. Er könne sich weitere Zusammenarbeiten mit den Studenten vorstellen, zum Beispiel mit den Ernährungswissenschaften. „Das Café Denkbar stelle ich mir durchaus auch als eine Art Praxisfeld des Campus vor, in dem die Studierenden mitarbeiten können. Wir sind jederzeit offen für neue Ideen“, sagt er. Arbeitsplätze für Studenten seien bereits ausgeschrieben, für Küche, Bar und

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Service-Bereich. „Wir wissen ja, wie das Studentenleben ist. Je nach Stundenplan können deshalb die Schichten vergeben werden. Wir möchten auch in dieser Hinsicht flexibel sein“, sagt Nadja Betzler. Den beiden Gründern schwebe ein Team von 15 bis 20 Personen vor. „In mir brodelt es vor Ideen. Aber jetzt müssen wir zunächst einmal das Geschäft aufnehmen und in den Arbeitsablauf kommen“, sagt Vetter. Events und Aktionsabende hat Betriebsleiterin Betzler schon im Sinn: „Eine Idee ist zum Beispiel, einen Bier-Abend zu veranstalten mit einem Braumeister aus der Region.“ Auf dem Campus blicken die Studenten neugierig auf die Baustelle. „Ich bin leider schon im sechsten Semester und habe dementsprechend nicht mehr viel vom Café Denkbar. Aber ich freue mich trotzdem darauf“, sagt Biologie-Student Tobias. „Dann ist es hier abends wenigstens nicht so ausgestorben“, ergänzt seine Kommilitonin Desirée. Auch online macht sich die Vorfreude bemerkbar. „Wir konnten auf Facebook schon über 400 Likes sammeln, und das, obwohl man bislang nichts vom Café Denkbar sieht, außer der Baustelle. Das ist überwältigend“, sagt Betriebsleiterin Betzler und lächelt.


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Buch des Monats

Täter, Opfer, Traumata Es ist nicht überliefert, wie die Idee entstand – bei einem Kaffee vielleicht, womöglich auch bei einem Wodka oder einem Slivovic? Es könnte natürlich auch ganz anders gewesen sein. Und den Eindruck zu erwecken, das Ganze sei eine Schnapsidee, wäre ohnehin unfair. Fakt ist: Christian Schünemann und Jelena Volić haben zusammen ein Buch geschrieben – rund 25 Jahre nachdem sie sich in einem Russischkurs der Uni Münster kennenlernten. „Kornblumenblau“ heißt das Werk der kosmopolitischen Belgraderin, die an zwei serbischen Hochschulen Neuere Deutsche Literatur und Deutsche Kunstgeschichte lehrt, und des gebürtigen Bremers, der dem einen oder anderen Krimifreund bereits ein Begriff ist. In Schünemanns bisherigen vier Romanen geht der Münchner Starfriseur (!) Tomas Prinz auf Verbrecherjagd, im Debüt des Duos heißt die Heldin Milena Lukin und untersucht in Belgrad Kriegsverbrechen aus der jüngeren Geschichte Ex-Jugoslawiens. Der Begriff, der bei diesem Stichwort automatisch aufpoppen muss, ist Srebrenica. Und tatsächlich spielt das 1995 während des

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Bosnienkrieges verübte Massaker an 8000 muslimischen Bosniern eine gewisse Rolle in „Kornblumenblau“. Gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Sinisa Stojkovic will Milena Lukin die wahren Hintergründe des Todes zweier Gardisten der serbischen Eliteeinheit herausfinden – und stößt dabei naturgemäß auf einige Widerstände in einem Land, in dem der Stachel der Erosion auf dem Balkan noch immer tief sitzt. Ist „Kornblumenblau“ zuvorderst ein Krimi mit ordentlicher, wenn auch nicht herausragender dramaturgischer Spannung, spielt sich das wirklich Interessante am Rand ab. Jelena Volić ist zuzutrauen, serbische Verhältnisse bis zu einem gewissen Grad authentisch zu schildern. Auch wenn man nie vergessen darf, dass es sich um ein fiktionales Werk handelt: der Roman macht Traumata spür- und nachvollziehbar, er zeigt Täter unter Opfern und Opfer unter Tätern. Christian Schünemann und Jelena Volić arbeiten bereits an weiteren Folgen. (ben) Christian Schünemann und Jelena Volić Kornblumenblau – Roman, bei Diogenes, 368 Seiten, ISBN 978-3-257-06833-7, 19.90 €


Der Liebling der Redaktion

Von der Fähigkeit, sich zu wundern „Woher kommt die Welt?“ und: „Was passiert eigentlich nach dem Tod?” Mit solchen Fragen beschäftigt sich Jostein Gaarder in seinem Roman „Sofies Welt“. Alles beginnt mit einem mysteriösen Brief, den die Hauptakteurin Sofie Amundsen zu ihrem 15. Geburtstag bekommt: Was sich daraus entwickelt, ist eine Reise durch die Geschichte der Philosophie. Sie beginnt, über sich und ihr Verhältnis zur Welt nachzudenken. Unterstützt wird sie dabei durch neue Briefe mit weiteren Fragen und Denkaufgaben. Es stellt sich heraus, dass ein älterer Mann namens Alberto Knox der Verfasser ist. Er möchte Sofie Denkschulen der Philosophie beibringen. Jeder Brief ist einer wichtigen Epoche der Philosophie oder einem bekannten Denker gewidmet. Doch das ist nicht alles: Zeitgleich bekommt Sofie mysteriöse Postkarten, die an ein Mädchen namens Hilda adressiert sind. Gemeinsam mit Alberto und mit Hilfe der Philosophie kommt sie dem Geheimnis um das andere Mädchen auf die Spur. „Sofies Welt“ war bereits im ersten Hanser-Kinderbuchprogramm und wird wie der Hanser-Kinderbuchverlag dieses Jahr 20 Jahre alt. Dem Norweger Jostein Gaarder ist es gelungen, ein Buch über die Anfänge des Denkens zu schreiben und die zentralen philosophischen Fragen einer Epoche immer in ihrem historischen

Kontext zu erklären. Der Roman ist aber kein trockenes Lehrbuch. Vielmehr gelingt dem Autor ein erstaunliches Kunststück: Auf mehr als 600 Seiten schreibt Gaarder ein spannendes Buch und vermittelt dem Leser Wissenswertes zur Geschichte der Philosophie. Er macht sie auch für Nichtphilosophen interessant. Obwohl „Sofies Welt“ ein Kinderbuch ist, eignet sich die Geschichte durchaus auch für Erwachsene. Die Entwicklung der Philosophie und des europäischen Denkens wird einfach und mit anschaulichen Beispielen erklärt. Gleichzeitig wird das Buch nie banal oder anspruchslos. Der Leser erhält einen Überblick über die Philosophen des alten Griechenland bis hin zu den Existenzialisten der Neuzeit. (msb) Jostein Gaarder, Sofies Welt – Roman, gebundene Ausgabe erschienen bei Hanser, 613 Seiten, ISBN 978-3446173477, 23.50 €. Taschenbuch erschienen bei dtv. 622 Seiten, ISBN 978-3423125550, 9,90 €

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Dominik Schlechtweg (links) diskutiert mit Wolfram Ressel (rechts), im Hintergrund lauschen die KäpseleRedakteure Christian Ignatzi und Ben Schieler sowie Uni-Sprecher Hans Herwig Geyer.

“Die Studiengebühren werden ein Revival erleben!” Sie sollten der Verbesserung der Lehre dienen und stießen teilweise auf heftige Widerstände. Fünf Jahre lang knöpften Baden-Württembergs Hochschulen ihren Studenten 500 Euro Studiengebühren pro Semester ab – bis der Regierungswechsel alles änderte. Im Doppelinterview blicken der Rektor der Uni Stuttgart, Wolfram Ressel, und Dominik Schlechtweg von der Studierendenvertretung FaVeVe auf das erste Jahr ohne Gebühren zurück, diskutieren über die Verwendung der ausgleichenden Qualitätssicherungsmittel und spekulieren über zukünftige Finanzierungsmodelle. Von Christian Ignatzi, Ben Schieler (Fragen) und Thomas Wagner (Fotos) 26


Herr Ressel, die bayerische Landesregierung hat nach einem erfolgreichen Volksbegehren angekündigt, die Studiengebühren abzuschaffen. In Niedersachsen, dem letzten verbliebenen Bundesland, stehen sie nach dem Regierungswechsel ebenfalls vor dem Aus. Warum ist das Konzept ihrer Meinung nach gescheitert? Ressel: Ich glaube, das muss man aus der Historie sehen. In Deutschland war Bildung weitgehend kostenfrei, zumindest Bildung im Studium. Wenn Sie über Jahrzehnte hinweg etwas bekommen, ohne dafür zahlen zu müssen, gibt es naturgemäß Restriktionen gegen das neue System. Die Frage ist, wie man mit den Protesten umgeht. Der am nächsten liegende Grund dafür, dass die Studiengebühren jetzt in den letzten beiden Ländern verschwinden, ist natürlich der politische Wechsel. Die beiden Parteien, die in Niedersachsen regieren, sind per se gegen die Gebühren. Bayern wäre dann alleine verblieben.

Herr Schlechtweg, wie Genugtuung bei Ihnen?

groß

ist

die

Schlechtweg: Ich bin kein kompromissloser Gegner der Studiengebühren. Die Unis müssen sich finanzieren, und zwar unabhängig vom Länderhaushalt. Aber ich sehe auch die Probleme, besonders die sozialen: Bildung darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Zuletzt gab es ja in der CDU und sogar in der FDP immer mehr Stimmen dagegen. Fakt ist: wir leben in einem Land mit einer sozialpolitischen Tradition. Dann haben wir den auch von Deutschland ratifizierten

Sozialpakt der Vereinten Nationen, der ganz klar bestimmt, dass der Zugang zu Bildung frei zugänglich und einkommensunabhängig sein muss. Beides ist mit Studiengebühren nicht zu vereinbaren. Ressel: Hinzu kommt, dass sie zu einem unglücklichen Zeitpunkt eingeführt wurden, in dem die Wirtschaft sehr stark nach unten fiel. Das Geld war knapp, die Arbeitslosigkeit nahm zu, viele Familien hatten Existenzängste.

Ist das deutsche Modell der Studiengebühren sozial unverträglich? Schlechtweg: Die These ist unter Experten umstritten. Aber Untersuchungen haben gezeigt, dass in einzelnen Ländern kurz nach Einführung der Gebühren die Studienanfängerzahlen zurückgingen. Auf lange Sicht hat sich das ausbalanciert. Aus meiner Sicht ist es eher ein psychologisches Problem. Das System macht von außen den Eindruck, als sei es sozial unverträglich. Es stellt vor allem für potenzielle Studienanfänger, die finanziell nicht so gut dastehen, eine Hürde dar. Die Ausgleichsmaßnahmen, die ganz gut gegriffen haben, wurden meistens gar nicht bedacht. Da hat die Bringschuld der Gebühren zu sehr abgeschreckt. Ressel: Ich glaube, der größte Fehler war, die

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Schlechtweg: Zumindest seit ich an der Uni Stuttgart bin, also seit 2009, gab es das nicht. Die Verwendung der Mittel wurde immer transparent aufgeschlüsselt und konnte online nachvollzogen werden. Es gibt auch Aufkleber für Inventar oder Stempel in Büchern, die finanziert wurden.

Von anderen Hochschulen war zu lesen, dass Studiengebühren nachweislich zur Renovierung von Parkplätzen und für Heizkosten verwendet wurden . . . Ressel: Das gab es bei uns nicht. Definitiv nicht.

Aber solche Schlagzeilen haben doch sicherlich wehgetan?

Studiengebühren pro Semester eingesammelt zu haben. Die Härtefallfonds waren maßlos zu hoch angesetzt. Man kann Gebühren aber gestalten. Dann können sie sozial verträglich sein. Da gibt es viele Modelle. Zum Beispiel nachträgliche Zahlungen. Ein Hochschulabsolvent ist im Schnitt privilegierter hinsichtlich seines Einkommens und könnte in Raten etwas zurückgeben, natürlich gestaffelt nach Einkommen.

Herr Schlechtweg, welche Fehler sind aus Ihrer Sicht bei dem Versuch gemacht worden, Akzeptanz für die Studiengebühren herzustellen? Schlechtweg: Ich glaube nicht, dass es an der Kommunikation lag. Es war eher die Idee an sich, die vielen sauer aufgestoßen ist.

Sie sehen keine Probleme wie etwa Intransparenz bei der Verwendung der Gebühren?

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Ressel: Natürlich. Es ist wie überall im Leben. Da wurde auch Missbrauch getrieben vom einen oder anderen; nicht in Stuttgart, das möchte ich betonen. Und es lag vielleicht ein wenig daran, dass die Gebühren von heute auf morgen da waren und sich die Unis überlegen mussten, wie sie die Vergabe steuern. Die Beispiele, die Sie genannt haben, wurden hochgekocht. Aber ich glaube nicht, dass sie für den negativen Touch verantwortlich waren. Es ist schwierig zu erklären, wie der Gruppenprozess in Deutschland in Gang kam und den Gebühren einen solchen Makel brachte.

Ist das Ende der Studiengebühren in Deutschland besiegelt? Ressel: Nein. Ich glaube, dass wir ein Revival erleben werden, hoffentlich dann intelligent. Nicht, dass ich dafür wäre oder dagegen. Ich sage das ganz neutral. Aber wir haben die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse, die Haushaltstöpfe werden schmäler. Man kann natürlich sagen, Bildung hat die höchste Priorität. Aber ob sich das auch finanzieren lässt? Und schauen Sie mal: wenn wir ganz unten anfangen, im Kindergarten. Was die jungen Familien da für Belastungen haben, die sind gewaltig. Da sagt keiner was. Später im Studium ist wieder alles frei. Das ist keine konsequente Bildungspolitik.


Schlechtweg: Die Gerechtigkeitsfrage ist berechtigt. Wenn wir den Vergleich ziehen zu einem Gesellen, der seinen Meister machen will. Der zahlt das auch selbst, und das ist kein geringer Betrag. Da frage ich mich, ob den Studenten, die demonstriert haben, klar ist, wie andere Berufsgruppen für eine höhere Ausbildung zur Kasse gebeten werden. Aber in einem Punkt muss ich einhaken. Auch wenn das Rektorat der Uni Stuttgart die Verwendung der Gebühren immer sehr wohlwollend abgestimmt hat und offen war für unsere Vorschläge, wurden Studiengebühren und werden jetzt die Qualitätssicherungsmittel teilweise in einer Art verwendet, die nicht im Sinne der Studenten ist.

Zum Beispiel? Schlechtweg: Wenn wir sechsstellige Beträge in die Erneuerung von Beameranlagen stecken, ist das eine bauliche Maßnahme und hat mit der Lehre zunächst nichts zu tun. Zudem gehört es zur Grundausstattung eines Hörsaals. Das sollte nicht aus Qualitätssicherungsmitteln finanziert werden. Ressel: Herr Schlechtweg hat natürlich grundsätzlich recht. Beamer gehören in die Grundfinanzierung einer Universität. Und 150.000 Euro sind viel, keine Frage. Aber wir haben seit 1997 einen gedeckelten Haushalt, weil wir hoffnungslos unterfinanziert sind. Seit 16 Jahren frisst uns die Inflation so viel weg, dass wir immer weniger Geld bei immer mehr Studenten zur Verfügung haben. Ohne unseren sehr hohen Anteil an Drittmitteleinnahmen sähe es zappenduster aus. Deshalb müssen wir Mittel für die Qualitätssicherung auch einmal für solche Dinge verwenden.

Wurden die verpassten Einnahmen durch Studiengebühren vom Land eins zu eins ersetzt? Ressel: Die Politiker kennen das Problem. Ihr Bekenntnis zur Bildung ist hervorragend, manchmal fehlen ein bisschen die Taten. Aber ich muss ein hohes Kompliment aussprechen. In Baden-Württemberg wurde alles kompen-

siert. Pro Studierendem erhalten wir 280 Euro. Weil in Stuttgart fast 50 Prozent von den Gebühren befreit waren, geht das auf. So etwas gibt es, soweit ich weiß, in keinem anderen Bundesland.

Bayern ist auch ambitioniert, das zu schaffen. Ressel: Ja, die sind aber noch nicht so weit (lacht). Ich kann nur von den Ländern reden, in denen es die Kompensationszahlungen tatsächlich schon gibt. Das reißt ein riesiges Loch in den Haushalt. Ich glaube, es sind 180 Millionen jährlich. Davor habe ich Respekt. Schlechtweg: Politikhistorisch waren die Studiengebühren tatsächlich das Beste, was uns passieren konnte. Hätte es sie nicht gegeben, gäbe es jetzt keinen Ausgleich. Eigentlich müssten wir alle der CDU und der FDP für die Einführung dankbar sein. Und die Bereitschaft

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der Landesregierung zur Kompensation der Studiengebühren aus dem Landeshaushalt ist tatsächlich beachtlich. Man darf aber eine Sache nicht außer Acht lassen: die freche Erhöhung des Verwaltungskostenbeitrages durch die Landesregierung um 50 Prozent auf 60 Euro kurz vor Weihnachten. Das sind quasi Studiengebühren über Umwege, die direkt zum Land gehen und der Uni nichts bringen. Das sehen Studierende aller politischen Lager kritisch.

teurer, auch Regierung und Parlament müssen schauen, dass sie die Staatskassen füllen. In dem Fall war das aber zeitlich nicht geschickt. Und wir Unis waren die Bösen, weil wir das Geld einziehen.

Ressel (nickt): Das verstehe ich. Ich war, glaube ich, der einzige Rektor, der gesagt hat: Da bin ich nicht glücklich drüber. Ich habe nicht verstanden, warum das sein musste, aber die Politik hat entschieden und umgesetzt. Natürlich wird auch fürs Land alles

Ressel: Das können Sie auf der einen Seite so sehen, auf der anderen Seite auch nicht. Ich glaube, das Land Baden-Württemberg hat damals gesehen, dass wir unterfinanziert sind, und versucht, zusätzliche Einnahmequellen zu ermöglichen.

Hatten Sie bei der Einführung der Studiengebühren das Gefühl, dass der Staat sich ein wenig aus der Verantwortung stiehlt und sagt: Wir machen eine Umverteilung und lassen die Studenten selbst zahlen?

Aber grundsätzlich ist das Land in der Pflicht und entzieht sich der auch nicht? Ressel: Na ja, ein bisschen entzieht es sich schon. Ich sehe nicht, dass da jetzt was obendrauf kommt. Ich befürchte, der neue Solidarpakt, der dieses Jahr ausgehandelt wird, wird uns nichts bringen, obwohl wir dringend Mittel bräuchten. Schauen Sie mal unsere Infrastruktur an. Die ist sehr stark in die Jahre gekommen. Es gibt ein Gutachten des Rechnungshofs - ich betone Rechnungshof - aus dem Jahr 2003. Das sah damals für Stuttgart einen Sanierungsbedarf von etwa 450 Millionen Euro. Seitdem sind zehn Jahre vergangen, da sind wir locker bei 600 Millionen. Wo soll das Geld herkommen? Das betrifft nur die Uni Stuttgart. Auf Dauer brauchen wir vernünftige Finanzierungsalternativen.

Wie könnten die aussehen? Ressel: Zum Beispiel patenschaftsähnliche Endorsements, wie es sie in den USA gibt. Ich bin da aber vorsichtig, weil das bei uns keine Kultur hat. Die müsste erst wachsen, und das dauert Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Eine andere Möglichkeit wären sozial verträgliche Studiengebühren. Oder die Politik nimmt es wirklich ernst, wenn sie sagt: Bildung hat oberste Priorität. Dann spare ich eben anderswo, etwa bei Subventionen für die Landwirtschaft.

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Schlechtweg: Ich sehe das genauso: Der Stellenwert für Bildung muss noch höher werden. Wobei man weniger die Länder in die Pflicht nehmen kann. Deren Haushalte sind begrenzt und durch Pflichtausgaben etwa für den Sozialhaushalt stark belastet. Ein Finanzierungsmodell wäre, das im Grundgesetz festgeschriebene Kooperationsverbot aufzuheben. Der strikte Föderalismus macht bei der Bildung keinen Sinn. Am besten wäre eine zusätzliche Grundfinanzierung der Universitäten durch den Bund. Ressel: Dem stimme ich zu. Der Bund hat die Gelder ja. Schauen Sie sich mal den Etat vom Bundesbildungsministerium an. Der steigt seit Jahren. Wenn jetzt die Länder stärker davon profitieren könnten, ginge das zum Wohle aller.

sollte nicht aus Qualitätssicherungsmitteln finanziert werden, zumal die Stellen über kurz oder lang nicht mehr befristet sind und die Studierenden dann faktisch keine Wahl mehr haben, als Gelder für die Stelle freizugeben. Da muss man auch Kritik üben dürfen. Ressel: Das ist ein Problem, ja. Man kann jemanden nur auf zwei Jahre befristet einstellen. Danach sagt der Personalrat “Njet!”, und die Stelle muss dauerhaft finanziert werden. Wir sind der Meinung, das kann aus den Qualitätssicherungsmitteln geschehen, die Studierenden wollen das nicht. Aber auch da werden wir Lösungen finden.

Droht den Hochschulen langfristig zwangsweise eine Fokussierung auf profitable Forschung?

Kehren wir zu den tatsächlichen Einnahmen durch die Studiengebühren und die Qualitätssicherungsmaßnahmen zurück. Nennen Sie uns konkrete Beispiele für die Verwendung. Schlechtweg: Das StudLab der Elektrotechniker ist ein gutes Beispiel. Oder E-LearningProjekte sowie zusätzliche Tutorien. Ressel: Die Tutorien sind tatsächlich ein wichtiger Punkt. Fast 4000 Studenten hören bei uns Höhere Mathematik I, die müssen unterteilt und gefördert werden. Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen Mitteln, die zentral vergeben werden und in Einrichtungen wie die Bibliothek, das Rechenzentrum oder das Sprachenzentrum gehen, und den dezentralen Mitteln, bei deren Vergabe die Studierenden selbstverständlich mit am Tisch sitzen. Da werden Projekte gefördert, die der Lehre dienen sollen. Nicht so gut kommen längerfristige Projekte an, sprich: Personal wie die Studiengangsmanager. Schlechtweg: Das Problem dabei ist, dass wir uns über mehrere Studentengenerationen hinaus binden. Der Studiengangsmanager ist ja eine relativ neue Erfindung, aber schon eine sehr wichtige Position. Er gehört eigentlich schon zur Grundsicherung und

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Ressel: Das wäre ganz schlecht. Universitäten müssen einen forschungsorientierten Ansatz finden. Die Forschung, die in Stuttgart sehr stark ist, muss in die Lehre integriert werden. In Einzelfällen können sie das trennen und eine Forschungsprofessur für fünf Jahre vergeben. Aber grundsätzlich geht das nicht, das wäre fatal. Was passiert dann in der Lehre? Die, die Lehre machen müssen, haben 18 Semester-Wochenstunden und können keine Forschung mehr machen. Und die, die Forschung machen, machen keine Lehre mehr. Forschung und Lehre befruchten sich gegenseitig. Das ist nicht umsonst seit Jahrhunderten so. Schlechtweg: Seit Humboldt!

Diese Bluttat ist garantiert straffrei

Ressel: Genau. Das humboldtsche Ideal hat seinen Sinn, und das sollte man auch weitermachen.

Herr Ressel, Herr Schlechtweg, vielen Dank für das Gespräch. Kommen Sie zur Blutspende in die Blutzentrale des Klinikums Stuttgart. Werden Sie Blutspender auf Dauer. Helfen Sie Leben retten. Blutspendezeiten Mo 7.00 –10.00 Uhr 15.30 –18.30 Uhr Di 7.00 –12.45 Uhr

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Neuspender bitten wir, spätestens eine Stunde vor Ende der Spendezeit zu kommen. Informationen zu zusätzlichen Öffnungszeiten und der Möglichkeit zur Terminvereinbarung unter www.klinikum-stuttgart.de Blutspende jetzt auch im Klinikum Ludwigsburg im Ambulanten Tumorzentrum (ATZ), jeden Donnerstag von 16 bis 18.30 Uhr. Ein Angebot des Instituts für Transfusionsmedizin und Blutspendedienst Klinikum Stuttgart Weitere Informationen: Telefon 0711 278-34701

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Bei uns ist Ihre Blutspende nicht umsonst.

Wolfram Ressel, 1960 in München geboren, wurde im Oktober 2006 fast einstimmig vom Rat der Uni Stuttgart zum Nachfolger von Dieter Fritsch als Rektor gewählt. In seiner Heimatstadt studierte er zunächst an der TU und promovierte 1994 am Lehrstuhl für Verkehrswesen und Straßenverkehrsanlagen der Münchner Bundeswehruni. Vier Jahre später kam der Ingenieurwissenschaftler ins Ländle. Dominik Schlechtweg, 1988 in Stuttgart geboren, schloss 2011 sein Bachelorstudium in Linguistik und Anglistik an der Universität Stuttgart ab und studiert dort seit Oktober 2011 Computerlinguistik auf Master. Er ist Initiator und Koordinator des Arbeitskreises Qualitätssicherungsmittel der Studierendenvertretung FaVeVe+, in der er sich seit Anfang 2010 engagiert. Im Wintersemester 12/13 war er Mitglied des Senats der Universität.


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Kurzgeschichte

Sara und die Dunkelheit von Marc Bensch

Der Opa mit dem grünen Anstecker geisterte orientierungslos durch den Ersatzzug. Statt eines ICE war es ein IC - mit Waggons vom Abstellgleis der Ausrangierten. Außen bröckelte der Lack, innen erinnerten kackbraune Sitzpolster mit fleckigen Mustern an wilde Geschmacksverirrungen untergegangener Zeiten. „Typisch“, murrte der Wutrentner und stand im Weg. „Das ist so typisch für diese Gauner.“ Das Gesicht seiner Frau bestand nur aus Sorgenfalten. Simons Hilfsbereitschaft schrumpfte zu Partikeln. „Darf ich mal?“, fragte er und wartete auf keine Antwort. Er schob sich vorbei und fand seinen Platz in einem leeren Abteil. Rollkoffer und Laptop verstaute er in der Ablage, dann ließ er sich fallen und versank tief ausatmend in seinem Sitz. Erst beim Grollen der Tür öffnete er die Augen wieder. Der Duft erinnerte ihn an seine Ex nach dem Baden. Er rang sich ein Lächeln ab. Als die beiden Frauen saßen, stand er auf, entledigte sich des Mantels und des Sakkos, fischte das Buch aus seiner Tasche und

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befreite es von der Schutzfolie. Er strich sein Hemd glatt und nahm wieder Platz, ohne in ihre Richtung zu schauen, ohne die Blicke zu erwidern, die er auf sich lasten spürte. Der Zug setzte sich in Bewegung und seine Fantasie begann zu rasen. Wie beim Tennis: hin und her. Der IC wiegte und holperte, seine Gedanken zischten und galoppierten. Das Buch in seiner Hand war nur Dekoration. Seine Augen huschten mechanisch über die Seiten, sein Geist malte ein Bild seiner Begleiterinnen, wie sie für ihn untergeben tanzten - und ihn doch überlegen auslachten. Die Blondine erweckte nicht den Eindruck, als verschenke sie ihr Lächeln freigiebig. Das Stupsnäschen im schmalen Gesicht zeigte flankiert von Sommersprossen permanent nach oben, der Kajalstrich verlieh den verkniffenen Augen etwas Mondänes. In ihrem skeptischen Blick ruhte die Gewissheit ihrer Wirkung. Begierde und Neid mussten ihr ewiger Begleiter sein. Vermutlich begegnete sie beidem mit Geringschätzigkeit. Sie saß auf ihrem Platz, als meditiere sie, ihr schlanker Körper blieb in wunderlicher Balance.


Die Freundin trug ihr Haar offen und ließ auch sonst den Bewegungen ihres Körpers freien Lauf. Ihre Finger huschten über das Smartphone, umgriffen dann das LifestyleMagazin mit dem Channing-Tatum-Cover, in dem offenbar viel stand, was ein Giggeln rechtfertigte. Sie war eine Frau mit mehr Rundungen als Kanten, doch schien sie das nicht arg zu stören. Die Schokokekse, denen ihre Nebensitzerin nur einen verächtlichen Blick schenkte, aß sie mit Genuss. In ihrem Abteil funktionierten weder die Klimaanlage noch die Innenbeleuchtung. Die Kälte kroch Simon die Füße hoch, die Dunkelheit erschwerte das Lesen, auf das er sich noch immer zu konzentrieren versuchte. Es sollte nicht so wirken, als wisse er nichts mit sich anzufangen. Alle paar Minuten musste er absetzen. Auf dem Weg von Stuttgart nach Nordwesten gab es – schon jetzt – viele Tunnel. Irgendwann ergab er sich und legte das Buch weg. Draußen zogen weite Felder vorbei, die der kampfeslustige Winter in ein friedfertiges Weiß hüllte. Er vermisste Wärme. Am Rande der Natur tauchten erste Schornsteine auf, er entdeckte den verrußten Glanz der Industrie. „Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Mannheim Hauptbahnhof“, rauschte es durch die Lautsprecher. Reflexartig schauten sich seine Reisebegleiterinnen an. Im nächsten Tunnel machte er die Augen zu und hielt sie geschlossen. Die neuen Monatslinsen kratzten gegen sein Lid. Seine Ohren übernahmen die Herrschaft über seine Sinne. Sie hörten ein Flüstern, gefolgt von einem Kichern, einer gewisperten Antwort und einem erneuten Kichern.

Er spürte, wie sie aufstanden. Er spürte, wie sie sich näherten. Statt seine Augen aufzureißen, kniff er sie stärker zu. Nichts geschah, sekundenlang – bis es geschah. Die zarten Finger einer cremegepflegten Hand streichelten über seine Bartstoppel. Der Zwang zu denken zersplitterte, er verlor die Kontrolle über sein Tun und registrierte mit Verspätung, wie angefeuchtete Lippen vorsichtig seinen Mund berührten und er seinen Kopf neigte. Nicht lange danach nahm seine Zunge Kontakt auf. Zum Abschied fuhr ihr Finger wie eine Feder über seine Wange. Er lehnte sich zurück, nach wie vor durch die selbst auferlegte Dunkelheit tapsend. Er traute sich nicht zurück ans Licht, noch nicht. Was, wenn die Falsche über ihm stand? Die andere riss die Tür auf, wortlos verließen die Frauen das Abteil. Er war allein, physisch betrachtet. In seinem Geist bewunderte er die Tänzerinnen. Wie sie sich bewegten, wie sie ihn herausforderten, wie sie um ihn warben. Nur in seiner Fantasie nahm er sich immer, was er wollte. Das Grollen der Tür riss ihn fort. Ein Fleischkoloss mit zerzausten Haaren und Krümeln auf dem zerknitterten Hemd stemmte seinen Körper ins Abteil. Er röchelte. „Ist hier noch frei?“ „Nur zu“, antwortete Simon und schaute woanders hin. Auf dem Platz neben ihm lag das LifestyleMagazin. Über Channing Tatums breiter Brust stand eine Telefonnummer. Darunter: „Ruf mich an. Sara.“ Blieb die Frage, welche der beiden eher nach einer Sara aussah.

Unter dem Pseudonym Marc Bensch schreibt Ben Schieler seit 2009 Romane und Kurzgeschichten. Weitere Informationen und Texte auf www.buchbensch.de

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“Allein aus Karrieregründen zu promovieren ist unsinnig”

Holunder ist Teil der Münchner Hip-HopGruppe Blumentopf. Nebenbei hat er seine Doktorarbeit in Physik geschrieben. Im Interview verrät er, wie er Musik und Wissenschaft unter einen Hut gebracht hat und welche Tipps er für Studienanfänger hat. Von Markus Brinkmann

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Das Studentenmagazin


Holunder, du schreibst Rap-Texte und hast deine Doktorarbeit in Physik beendet. Wie passen diese unterschiedlichen Dinge zusammen?

solche Flüssigkeiten ist Ketchup: Wenn ich schnell rühre, wird er flüssiger – bei Treibsand passiert das Gegenteil. Für Flüssigkeiten mit Polymeren, das sind langkettige Moleküle, habe ich ein Modell entwickelt.

Gar nicht. Rap wie Physik sind zwei meiner Leidenschaften, und ich gehe einfach beiden nach. Sind aber ganz klar zwei verschiedene Bereiche in meinem Leben.

Warum sollte man heutzutage seinen Doktor machen?

Als Teil der Band Blumentopf bist du auf Tour, spielst Alben ein, hast Promotermine, Proben – wie hast du es geschafft, beides unter einen Hut zu bekommen?

Was hat das Promovieren mit „heutzutage“ zu tun? Ich empfehle jedem, der von seinem Studienfach fasziniert ist und sich tiefgehend mit der Materie beschäftigen möchte, zu promovieren. Allein aus Karrieregründen zu promovieren ist unsinnig.

Das ging nur so, dass ich Abstriche machen musste. Erstens habe ich länger als üblich für die Promotion gebraucht. Dann haben meine Bandkollegen einen größeren Teil der OrgaAngelegenheiten übernommen – somit konnte ich mich intensiver ums Kreative kümmern.

Viele deiner RapperKollegen spielen mit ihrem Image, ohne Schulabschluss zu sein. Du hast sogar promoviert. Warum bist du diesen Weg gegangen? Oberstes Ziel war natürlich, endlich Doktoranden-Rap zu machen, um sich vom Image der Studentenrapper zu lösen.

Wie bist du zur Physik gekommen? Mit der Band haben wir schon in der Schulzeit angefangen. Physik hat mich auch damals schon fasziniert, ich wollte wissen, wie die Natur funktioniert. Das lief also schon immer beides parallel.

Du hast in Physik promoviert. Was hast du genau untersucht? Es war eine experimentelle Arbeit, bei der ich das Fließverhalten verschiedener komplexer Flüssigkeiten mikroskopisch untersucht habe. Ein klassisches Beispiel für

Wie geht es nun weiter? Siehst du dich mehr als Rapper oder eher als Physiker? Das kann ich so nicht genau sagen. Gerade ist unsere Live-DVD erschienen, und im April gehen wir noch mal auf Tour. Im Sommer folgen dann noch einige Festivals. Für die Physik ist noch nichts sicher. Also schaun mer mal, dann sehn mer scho.

Welche Tipps hast du für jemanden, der gerade erst mit dem Studium angefangen hat? Ich glaube, viele der jetzigen Studienanfänger haben einen genaueren Lebensplan, als ich den damals hatte. Die fangen mit einem mehr oder minder genauen Berufswunsch oder Karriereziel ihr Studium an. Das war bei mir nicht so. Ich habe Physik rein aus Interesse studiert. Vielleicht ist es auch das, was ich Leuten bei ihren Überlegungen zum Studium raten würde: Denkt an erster Stelle an eure Leidenschaften und nicht nur an den optimierten Lebenslauf.

Die aktuelle CD “Nieder mit der GbR-Live” von Blumentopf ist Anfang April erschienen. Sie ist im Handel als 51-Track-Doppelalbum erhältlich. Mehr Infos im Internet auf www.blumentopf.com.


Viele Programme unterstützen Doktoranden und frischgebackene promovierte Wissenschaftler unterschiedlicher Richtungen. Eine Auswahl: Deutsche Bundesstiftung Umwelt

Alexander von Humboldt Stiftung

Für wen? Bewerber aller Fachrichtungen, deren Promotionsarbeit einen eindeutigen Bezug zur Umweltsituation in Deutschland hat, können sich bewerben.

Für wen? Die Stiftung fördert nach der Promotion Auslandsaufenthalte. Wer seine wissenschaftliche Karriere im Ausland starten will, ist hier richtig.

Wie? Die Förderung dauert maximal drei Jahre und umfasst eine Grundförderung von 940 Euro monatlich. Dazu gibt es eine Aufwendungsersatzpauschale von 210 Euro monatlich für Sach- und Reisekosten.

Wie? Die Stiftung fördert einen sechs- bis 24-monatigen Forschungsaufenthalt an einem Institut im Ausland für hochqualifizierte Wissenschaftler, deren Promotion höchstens vier Jahre zurückliegt.

Bis wann? Die Bewerbungsfristen für die Stipendien der DBU sind der 15. Januar und der 15. Juni.

Bis wann? Vier bis sieben Monate vor dem gewünschten Termin sollten die Unterlagen bei der Stiftung eingegangen sein.

Kontakt: www.dbu.de/stipendien Kontakt: www.humboldt-foundation.de

Stiftung der deutschen Wirtschaft Für wen? Für das allgemeine Förderprogramm des Studienförderwerks Klaus Murmann der Stiftung der deutschen Wirtschaft sind Studenten aller Fachrichtungen zugelassen. Wie? Die Stiftung fördert Promotionsstudenten mit höchstens 1050 Euro monatlich. Zusätzlich gibt es eine Forschungskostenpauschale von 100 Euro und bei Bedarf einen Familienzuschlag von 155 Euro.

Deutscher Akademischer Austauschdienst Für wen? Der DAAD vergibt Stipendien an Studenten aller Fachrichtungen, die im Ausland promovieren wollen. Die Stipendien stehen deutschen, vollimmatrikulierten Studenten zur Verfügung, die an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule studieren. Wie? Der DAAD unterstützt die Auslandsreisen der angehenden Doktoren finanziell.

Bis wann? Die Bewerbungsfrist endet zweimal im Jahr. Nächster Termin ist der 15. August.

Bis wann? Bewerbungsfristen hängen von den unterschiedlichen Programmen ab.

Kontakt: www.stipendiumplus.de

Kontakt: www.daad.de


Fraunhofer-Gesellschaft

Max-Planck-Gesellschaft

Für wen? Das Programm Fraunhofer Attract bietet Perspektive und Freiheit der Weiterentwicklung von grundlegenden Ideen und Erkenntnissen in industrienaher Forschung und Entwicklung bei Fraunhofer für Nachwuchswissenschaftler, die möglichst schon Post-Doc-Erfahrung mitbringen.

Für wen? Das Stipendium der Max-PlanckGesellschaft richtet sich an motivierte Nachwuchswissenschaftler unterschiedlicher Fachrichtungen.

Wie? Forscherteams, die ihr Projekt bei der Fraunhofer-Gesellschaft erfolgreich vorgestellt haben, erhalten eine Förderung von etwa 500.000 Euro pro Jahr.

Wie? Mit dem Stipendium können Doktoranden weisungsfrei in einem Max-Planck-Institut für ihre Dissertation forschen. Sie haben kein Beschäftigungsverhältnis mit dem Institut, deswegen besteht keine Anwesenheitspflicht. Urlaub muss nicht genehmigt werden.

Bis wann? Zwei Ausschreibungsrunden pro Jahr finden statt. Die erste Frist der Antragsstellung 2013 endet am 26. April.

Bis wann? Die Fristen sind in den einzelnen Instituten unterschiedlich. Das Max-Planck-Institut für Immaterialgüter und Wettbewerbsrecht schreibt etwa drei Monate Vorlauf vor.

Kontakt: www.fraunhofer.de

Kontakt: http://www.mpg.de/institute

Deutsche Forschungsgemeinschaft

Marie-Curie-Maßnahmen der Europäischen Kommission, KoWi

Für wen? Bewerber sollten unabhängig von der Fachrichtung ihr Studium zügig und mit sehr gutem Erfolg abgeschlossen haben. Wie? Die maximale Förderungsdauer beträgt 36 Monate. Dabei fördert die DFG Promotionsstudenten indirekt in Graduiertenkollegs, Schulen und Projekten. Finanzielle Unterstützung gibt es in Höhe von bis zu 1365 Euro, zuzüglich eines Sachkostenzuschusses von 103 Euro im Monat. Bis wann? Anträge können jederzeit eingereicht werden. Kontakt: www.dfg.de/wissenschaftliche_karriere

Für wen? Netzwerke aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Wie? Die Maßnahmen der EU-Kommission umfassen Fellowships für Nachwuchswissenschaftler (Doktoranden und Postdoktoranden am Beginn ihrer Karriere) für drei bis 36 Montate. Bis wann? Die Ausschreibungen erfolgen jährlich, die nächste ist gegen Ende 2013 geplant. Kontakt: www.kowi.de/de/mariecurie-itn


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Nordisch by Nature Aussprechen auf eigene Gefahr: Jyväskylä heißt die mittelfinnische Stadt, mit deren Universität die Maschinenbauer der Hochschule Esslingen seit zehn Jahren kooperieren. Im Wintersemester wurde die Zusammenarbeit auf eine neue Ebene gehoben. Bachelor-Studenten können seitdem im Austausch mit den Skandinaviern einen Doppelabschluss machen. Von Sanja Döttling

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wölf Monate lang verbringen die Esslinger in ihrem dritten Studienjahr an der JAMK University of Applied Sciences in Jyväskylä. Aber nicht nur deswegen ist das Programm hochwertiger und verpflichtender als ein Erasmus-Austausch, wie der Fakultätsdekan der Maschinenbauer, Walter Czarnetzki, verrät. Für den Doppelabschluss müssen die Studenten entweder ihre Bachelorarbeit, meist in Zusammenarbeit mit einem Betrieb, oder ihr Praxissemester in Finnland absolvieren. Momentan sind vier Studenten angemeldet. „Formale Voraussetzung ist, den ersten Studienabschnitt bestanden zu haben“, sagt Czarnetzki. Bei mehr Bewerbern entscheiden nicht nur die Noten. „Für uns muss klar sein, dass der einzelne Student erfolgreich an dem Programm teilnehmen kann.“ Ziel ist es, den Studenten schon im Studium zu vermitteln, wie internationale Firmen und Projektgruppen arbeiten. „Es geht nicht nur darum, dass die Studenten bereit sind, ins Ausland zu gehen. Es geht auch darum, in einem anderen Land zu arbeiten und zu lernen“, erklärt Czarnetzki. Aber auch abseits des Studiums soll der Aufenthalt eine Bereicherung sein. „Man lernt Land und Leute kennen“, sagt Czarnetzki. Dafür müssen die Studenten nicht unbedingt Finnisch lernen, auch wenn die Angebote dafür natürlich bestehen. „Die Dokumentation und

das Studium laufen auf beiden Seiten auf Englisch ab“, sagt Czarnetzki, die finnischen Sprachkenntnissen seien empfehlenswert, aber nicht obligatorisch. Damit haben die deutschen Studenten einen kleinen Vorteil gegenüber den Austauschpartnern, die Deutsch lernen müssen. In Finnland wird Deutsch von einem Viertel aller Schüler als Fremdsprache in der Schule gelernt. Das ist vor allem für den Maschinenbau sinnvoll, da viel Fachliteratur auf Deutsch verfasst ist.

Maschinenbauer sind die Nummer eins im Land Der Grund dafür ist einfach: Maschinenbau ist der größte Industriezweig in der Bundesrepublik. Dennoch ist eine internationale Zusammenarbeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Die MaschinenbauIndustrie ist exportorientiert, und die Firmen arbeiten häufig mit Anliefer-Unternehmen aus dem Ausland. Außerdem ziehen deutsche Unternehmen immer mehr ausländische Mitarbeiter an. Das Doppelstudium soll den Studenten die Möglichkeit bieten, Kompetenzen für eine länderübergreifende Zusammenarbeit früh zu erlernen. „Bei großen Unternehmen sind die Projektgruppen oft international aufgestellt.

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Egal, ob die Studenten später im Ausland oder hier arbeiten werden: eine internationale Zusammenarbeit wird sehr wahrscheinlich auf sie zukommen.“ Die JAMK University of Applied Sciences sei dabei aus vielen Gründen ein guter Partner. „Finnland liegt zwar in Europa, aber auch nah an Russland. Die Studenten haben die Möglichkeit, eine andere Kultur und ein anderes Arbeitsumfeld kennenzulernen.“ Der Doppelabschluss zeige die große Bereitschaft der Studenten, weltweit tätig sein zu wollen – und ermögliche es ihnen, „nicht alles so deutsch nehmen, wie wir es gewohnt sind“, ergänzt Czarnetzki halb im Scherz. Die Kooperation ist durch die langjährige Partnerschaft vielseitig aufgestellt, etwa auch durch gemeinsame Projektarbeiten. Nach einem zweiwöchigen Aufenthalt in Finnland müssen Studenten von beiden Universitäten zusammen an einer Aufgabenstellung aus der Industrie arbeiten. So können die Studenten vorfühlen, ob sie später für einen längeren Zeitraum nach Finnland wollen. „Wer dann Blut geleckt hat, kann einen Austausch anschließen“, erklärt Czarnetzki. Und hochschulinterne Nachahmer hat das Konzept auch bereits gefunden: Die Fakultät Mechatronik strebt ebenfalls eine Kooperation mit Jyväskylä an.

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Über das Studium Die Hochschule Esslingen bietet den siebensemestrigen Studiengang Maschinenbau an, der mit dem Bachelor of Engineering (BEng.) abgeschlossen wird. Die beiden Schwerpunkte sind „Entwicklung und Produktion“ sowie „Entwicklung und Konstruktion“. Teil des Studiengangs ist auch ein halbjähriges praktisches Semester. Weitere Informationen: www.hs-esslingen.de.


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Neu im Kino:

Bittere Pillen

Side Effects – Thriller, USA, Start: 25.4.2013. Regie: Steven Soderbergh. Mit: Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum u.a. (105 Minuten)

Steven Soderbergh war 26, als er 1989 in Cannes die goldene Palme für „Sex, Lügen und Video“ gewann. Ein Wunderknabe. Nun, 24 Jahre, 25 Spielfilme und eine Vitrine voller Preise (darunter der Oscar, den er 2001 für „Traffic – Die Macht des Kartells“ erhielt) später, ist Soderbergh dann mal weg. Geht in Kinorente. Mit 50. Weil er malen will. Oder vielleicht doch nur in eine filmische Kreativpause machen, genaues weiß er wohl selbst nicht. Mit „Side Effects“ hat er noch mal einen feinen Thriller hingezaubert – auch wenn das anfangs gar nicht so scheint. Eher dramatisch geht’s los, auf niederer Flamme köchelnd. Protagonistin Emily (zum Knuddeln: Rooney Mara) fällt nach der Rückkehr ihres Gatten Martin (Mädchenschwarm Channing Tatum) aus dem Knast ins Depressionsloch. Ihr Doc (Jude Law) verschreibt ihr viele Psychopharmaka mit grausigen Nebenwirkungen, bis das richtige Mittel gefunden zu sein scheint und nicht nur im Bett die Luzie abgeht. Dann aber fließt Blut – und der Film wird zur Wilden-Maus-Fahrt, wendungsreich und fesselnd. Das lohnt. (ben)

Schwindelnde Höhen Ein Berg wie eine Bestie ist der Mount Roraima im Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana, ein 2810 Meter hoher Tepui, ein „Haus der Götter“. Für die Freikletterer Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert ist die Bestie eine Schönheit. Ende Februar 2010 brechen die Abenteurer zwischen 44 und 55 Jahren ohne hochtechnisierte Ausrüstung in den Dschungel auf, begleitet von ein paar stummen einheimischen Gepäckträgern, die sie bald verlassen, und einem österreichischen Kamerateam, das an ihrer Seite bleibt. Das Ziel: die 600 Meter steil nach oben ragende rotschimmernde Felswand La Proa zu bezwingen. Was die Kameramänner Franz Hinterbrandner und Kolja Brandt leisten, ist schlicht atemberaubend. Wie die Männer am Fels kleben, wie sie greifen, klettern, fallen: Spannung pur! Dass der Musikeinsatz von Regisseur Philipp Manderla zur Heroisierung verführt? Geschenkt. Ob die „Gefangenen ihrer Träume“ tollkühn oder übermütig sind, ob man sie beneiden soll ob ihrer Freiheit oder bemitleiden ob ihres Fanatismus? Man urteile selbst. (ben)

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Jäger des Augenblicks – Dokumentation, Österreich, Start: 25.4.2013. Regie: Philipp Manderla. Mit: Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert u. a. (102 Minuten)


Wackere Trinker So was! Da lebt der US-Boy Matt Sweetwood, geprägt von seiner Jugend im konservativen Missouri, zehn Jahre in Deutschland und steht vor dem heiligen Nationalgetränk noch immer wie vor einem Mysterium – erst recht nach einem befremdlichen Oktoberfest-Besuch mit Mama und Papa. Also geht Sweetwood auf Tour zu Menschen, die ihn lehren sollen, was es auf sich hat mit uns und unserer Bierkultur. Die oberbayerischen Lederhosenjodler, niedersächsischen Schützengildesäufer, Berliner Stammtischkrakeler und Kölner Karnevalsversacker lässt er reden bis zur Selbstentlarvung, stößt aber dennoch stets brav mit an. Der Satz, der in Sweetwoods Off-Kommentaren am häufigsten fällt, ist dann zwar „Ehrlich gesagt: so richtig verstanden habe ich das nicht“. Am Ende seiner zweijährigen Recherche kommt er dem Phänomen des flüssigen Brotes aber einen alkoholgetränkten Atemhauch näher. Und der trinkfeste Zuschauer? Der wird in diesem kurzweiligen Dokuspaß solide unterhalten – und lernt vielleicht sogar etwas Neues über Kühlschränke. Prost! (ben)

Beerland – Dokumentation, Deutschland, Start: 25.4.2013. Regie: Matt Sweetwood. Mit: Matt Sweetwood, Martin Flieher, Aurel von Bassewitz, Karl-Rudolf Päffgen u. a. (85 Minuten)

Der Liebling der Redaktion:

Entwaffnende Komik

Jay and Silent Bob schlagen zurück – Komödie, USA, Start: 18.4.2002. Regie: Kevin Smith. Mit: Jason Mewes, Kevin Smith, Jason Lee, Ben Affleck u.a. (105 Minuten)

„Jay und Silent Bob schlagen zurück“ – die Geschichte zweier Kiffer, die nach Hollywood wollen, um einen Film über sich zu verhindern. Klingt schräg und ist es auch. Nicht wenige Kritiker bemängelten die platten Witze. Doch damit verfehlen sie die Wahrheit: Regisseur Kevin Smith sucht geradezu lustvoll immer den flachestmöglichen Gag. Liebevoll werden „Star Wars“, „Scooby Doo“ und viele mehr durch den Kakao gezogen – nicht zuletzt Smiths eigene Filme. Der Regisseur lacht schlicht ganz ordentlich über sich selbst. Dasselbe gilt für die etlichen Gaststars wie Mark Hamill, Ben Affleck, Matt Damon oder Wes Craven. Zum Brüllen, wenn Letzterer als Auflösung der „Scream“-Reihe einen Affen als Mörder anbietet, denn: „Die Leute lieben Affen!“ Diese entwaffnende Selbstironie macht den Film sehenswert – wieder und wieder, bis man die Dialoge mitsprechen und sich einen Alltag ohne Jay-und-Silent-Bob-Zitate kaum noch vorstellen kann. Den meisten, die den Streifen schauen, entgeht diese Facette leider. Ihr Pech. (phd)

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Zwischen Uni und Bundesliga

Florian Schรถbinger hat einen ungewรถhnlichen Nebenjob. Der BWL-Masterstudent spielt beim TV Bittenfeld in der Zweiten HandballBundesliga. Von Christian Ignatzi

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ie Halle ist ausverkauft. Über 2000 Zuschauer klatschen und trommeln im Rhythmus und peitschen ihre Mannschaft an. Der TV Bittenfeld spielt im Derby der Zweiten Handball-Bundesliga gegen die SGM Bietigheim. Einer der Hauptakteure und wieder einmal einer der besten Werfer seines Teams ist Florian Schöbinger. Immer wenn er trifft, leuchten ein Foto von ihm, seine Nummer drei und sein Name auf der Videowand in der Stuttgarter Scharrena. Einen Tag vorher sitzt Florian Schöbinger im Café des Studentenwerks, im K2 am Campus Stadtmitte der Uni Stuttgart. Er trägt ein T-Shirt und eine Jeans. Von den anderen Studenten ist er nicht zu unterscheiden. Nur größer und breiter als die meisten ist der durchtrainierte Sportler. Von seinem ungewöhnlichen Nebenjob muss er trotzdem oft erzählen. „Mittlerweile hat es sich schon herumgesprochen, dass ich in der Zweiten Handball-Bundesliga spiele“, sagt er. Zwar redet er gerne mit seinen Kommilitonen über seine Leidenschaft, zu viel darf es dann aber nicht sein. „Mein ganzes Umfeld, mein Leben, meine Freunde sind auf Handball ausgerichtet.“ Zwischen Handball-Bundesliga und Universität. Was schwer zu vereinbaren klingt, ist in Wirklichkeit noch schwerer zu vereinbaren. „Wir trainieren siebenmal in der Woche“, erzählt Florian Schöbinger, als wenn er über Spaziergänge im Wald reden würde. „In der Vorbereitung kann es dann auch schon mal auf zehn Einheiten hochgehen.“ Klar ist das anstrengend, räumt der 27-Jährige mit den wuscheligen braunen Haaren ein, aber schließlich könne nicht jeder mit seinem Hobby Geld verdienen. „Handball würde ich so oder so spielen“, sagt er. Und wenn er dann in der Porsche-Arena in einem Heimspiel vor über 6000 Zuschauern ein Tor wirft, ist das schon ein ganz besonderes Gefühl. „Das ist natürlich geil“, sagt er. „So etwas kann nicht jeder erleben.“ An der Uni Stuttgart ist er jetzt im zehnten Semester. Er macht den Master in technisch orientierter Betriebswirtschaftslehre. Nebenbei ist er studentische Hilfskraft. Freundin und Hobbys müssen auch noch unter einen Hut gebracht werden. „Ich reise sehr

gerne“, sagt Florian. Wie das alles klappt? „Da bleiben schon mal Vorlesungen auf der Strecke.“ Oft kann er sie nicht besuchen. Meistens lernt er abends nach dem Training auf eigene Faust. Dann kam das vergangene Semester. Florian Schöbinger durfte etwas machen, was im deutschen Profisport wohl einzigartig ist. „Ich habe das Semester mit Erasmus in Bergen in Norwegen verbracht“, erzählt er. „Mitten in der Vorbereitung auf die Meisterschaft bin ich abgezischt.“ Eigentlich sei so etwas unmöglich, „aber bei mir haben sie eine Ausnahme gemacht, weil ich seit Ewigkeiten im Verein bin“, sagt Schöbinger. Anstrengend war es trotzdem. Während sich der Handballer bei einem norwegischen Bundesligisten unter der Woche fit hielt, hielt ihn sein Verein für so wichtig, dass er ihn jedes Wochenende zu den Spielen einfliegen ließ. „Zu den Heimspielen bin ich direkt nach Stuttgart gereist“, erinnert sich Florian Schöbinger. „Bei unserem Auswärtsspiel in Rostock bin ich dann aber zum Beispiel auch mal nach Hamburg geflogen.“ Jeweils acht Stunden war er unterwegs, um bei den Spielen seiner Mannschaft dabei zu sein. Vier bis fünf Stunden im Flugzeug, dazu die Anfahrt zum Flughafen. 47


Florian Schöbinger in der Stuttgarter Unibibliothek.

Trotzdem spielt er gerne in der HandballBundesliga. Eines ist ihm aber klar: „Beruflich will ich das nicht machen. Der Sport ist und bleibt mein Ausgleich, und das ist wichtig.“ Ein Ausgleich, der dafür sorgt, dass Florian nicht in jeder Vorlesung ist. „Wenn wir viel trainieren, lerne ich den Stoff dann einfach zu Hause aus den Büchern nach“, sagt er. Er lernt vor dem Training, nach dem Training und dazwischen. Hart sei es vor allem in den Prüfungsphasen, alles unter einen Hut zu bekommen. „Das ist dann eine Phase des Wollens“, sagt Florian, der zugibt, kein „Einser-Absolvent, aber zufrieden“ zu sein. Nach dem Masterstudium wird ihn sein Weg ins Berufsleben führen, oder er hängt noch ein Studium an, um so lange wie möglich seiner Leidenschaft Handball auf professionellem Niveau nachgehen zu können. „Ich werde schauen, dass irgendetwas geht“, sagt er. „Eine 50-Prozent-Stelle kommt aber nicht infrage.“ Noch dauert es aber einige Zeit, bis Florian Schöbinger sich endgültig entscheiden muss, wohin ihn sein Weg schließlich führen wird.

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Jetzt steht erst einmal das Ziel im Raum, irgendwann mit seiner Mannschaft den Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Im Derby gab es für dieses Vorhaben zunächst einen Rückschlag. Am Ende hat Bittenfeld das Heimspiel gegen Bietigheim verloren. Knapp mit 30:31. Auch Florian Schöbinger konnte in den letzten Sekunden nicht mehr helfen, doch noch den Ausgleich zu erzielen. Zum Glück ist Handball nicht alles. Nach der HBL steht nun wieder BWL auf dem Programm.

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Das Studentenmagazin

Der TV Bittenfeld und das Käpsele verlosen 5x2 Karten für das Heimspiel des TV Bittenfeld in der Scharrena gegen Henstedt am 8.Mai 2013 um 20 Uhr. Wenn du das Spiel gerne sehen und Florian Schöbinger anfeuern willst, dann like die Käpsele-Facebook-Seite und drücke beim Posting zum Gewinnspiel auf „Gefällt mir“. Wir wünschen viel Erfolg!


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Am Literatur-Café hängt das Herz Ein Ort, viele Funktionen: Das vor fast 30 Jahren etablierte Literatur-Café der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg ist längst kein reines Literatur-Café mehr. Es ist ein Multifunktionsraum.

Von Mia Bergmann 50


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n der Hochschule gibt es für die Studenten kaum Arbeitsund Rückzugsmöglichkeiten“, sagt Michael Gans. Er leitet das Café seit 2007 und ist der Kulturbeauftragte der PH. Viele Studenten verabreden sich deshalb in dem verglasten Raum. Aber nicht nur zum Kaffeetrinken, Plaudern, Lesen, Durchatmen. „Das Literatur-Café ist auch ein Seminar- und Probenraum und eine Kleinkunstbühne“, sagt Gans. Lesungen, (Impro-)Theater, Filme, Konzerte, Kabarett, Karaoke. Die Liste der Veranstaltungen ist lang. Über den Raum als Kleinkunstbühne spricht der 44-Jährige, der beispielsweise mit dem Musikkabarett-Trio Allerliebst selbst gern auf der Bühne steht, am liebsten. Und über Idealismus. Gans’ Herz und das der Studenten hängt an dem Café. Sie stecken viel Leidenschaft und Arbeit rein. Andernfalls gäbe es die Einrichtung gar nicht mehr. „Das Café wird vom Engagement der Studenten getragen“, sagt Gans. Damit meint er vor allem die Fachschaft Deutsch. Sie veranstaltet unter anderem den „PHoetry sLam“, die Veranstaltung mit dem größten Zuspruch. „Das Café ist voll. Der Slam ist Kult“, sagt Gans. Den Abendbetrieb – bestuhlen, kassieren, bedienen, putzen – übernehmen ebenfalls Studenten. „Wer hier arbeitet, tut das gern.“ Die Arbeitszeiten seien wie in der Gastronomie üblich ungünstig, der Verdienst schwer kalkulierbar. „Man weiß nie genau, wie viel Geld man verdient.“ Auch die Künstler werden bezahlt. „Kultur soll wertgeschätzt werden“, sagt Gans. Er geht davon aus, dass das Literatur-Café jedes Jahr 20.000 bis 25.000 Euro kostet. Die Summe trägt größtenteils die Hochschule. „Das Geld aus den Veranstaltungen wird reinvestiert. Und wir zapfen auch mal den AStA-Kulturetat an.“ Gans blickt zufrieden auf den Raumbelegungsplan für das Sommersemester. Im Programm stehen 30 Veranstaltungen. Dienstags bis donnerstags. Wer spontan auftreten wolle, dessen Chancen stünden schlecht. So ausgebucht war das LiteraturCafé, das seit 2008 einen regelmäßigen Kulturbetrieb hat, nicht immer. „Unser Ziel war

damals möglichst an jedem Dienstagabend eine Veranstaltung zu haben. Pro Semester kamen wir auf etwa zehn“, erinnert sich Gans. Der Erfolg stellte sich allmählich ein. Es brauchte Geduld. Enthusiasmus. „Man muss von einer Sache begeistert sein, um andere mitzureißen.“ Werbung. „Wir verteilen in Ludwigsburg 2500 Flyer.“ Die richtige Einstellung. „Ich freue mich über jeden, der kommt, und ärgere mich nicht über die, die wegbleiben.“ Den Kulturbeirat. In ihm sitzen die Kulturschaffenden der Hochschule. Dank der Vernetzung arbeiten alle zusammen oder besuchen ihre Veranstaltungen gegenseitig.

Nur für Künstler mit Verbundenheit Ein weiterer Vorteil für das Café: „Die Hochschule hebt sich von anderen PHs ab, indem sie Schwerpunkte setzt und Studiengänge wie Kulturwissenschaft und -management oder Kultur- und Medienbildung anbietet“, sagt Gans. Und dann braucht es natürlich das richtige Konzept. „Wir laden nur Künstler ein, die etwas mit der PH zu tun haben.“ Seien es ehemalige, aktuelle oder solche Studenten, die irgendwen kennen. Gans will talentierten Nachwuchskünstlern die Möglichkeit geben, Bühnenerfahrung zu sammeln. Und er will Publikum. Abends gehen an der PH die Lichter aus. Viele Studenten wohnen nicht um die Ecke. Wenn sie aber einen Künstler kennen, oder zumindest den kennen, der den Künstler kennt, bleiben sie eher dort. Regelmäßig begeistern etwa der Musiker Johannes Weigle oder Slammer Hanz. Der Sprachkünstler Timo Brunke war ebenso schon zu Gast wie die Stuttgarter Band Yasmine Tourist. Im Sommer 2014 schließt das LiteraturCafé. Vorübergehend. Die Hörsäle und die Aula werden renoviert. Der Hörsaal hinter der Bühne soll ebenfalls ein Multifunktionsraum werden. Und dann auch als Konzert- und Kinosaal dienen. Stillstand ist für das Literatur-Café ein Fremdwort. Wachsen lautet das Motto. Alle Termine stehen im Internet auf www.ph-ludwigsburg.de/literatur-cafe.html.

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DI E KÄ BAN D P TE SELE S DE IL -PA R 1: RT TH Y EA VE RA

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Ganz so oft standen die Punkrocker von The Average aus Sindelfingen im letzten Jahr nicht auf der Bühne. Manchmal ist es eben nicht so einfach, den Job mit der Musik zu vereinbaren, wenn man sie nicht beruflich macht: „Es ist irgendwie dumm gelaufen“, sagt Sänger Chris, „aber wir haben irgendwie alle nebenher noch einen Beruf, in dem wir ab und zu mal was arbeiten müssen, um von irgendwas leben zu können.“ Und wenn man, wie in seinem Fall, nebenher ein Studentenmagazin aufzieht, dann bleibt nicht immer viel Zeit für die Musik. Vor allem dann, wenn auch Schlagzeuger Timo seine Finger im Spiel hat. Er ist der Schöpfer des Käpsele und hat den kleinen grünen Vogel quasi geboren. Timo beendete gerade sein Bachelorstudium an der FH Esslingen, Bassist Thommy arbeitet in der Motorenentwicklung bei Porsche. Mit der Musik aufhören, nur weil er zu den Gründern des Magazins gehört, das würde er aber nicht, sagt er. „Wir haben in fast zehn Jahren viele Höhen und Tiefen erlebt“, sagt er und ist sich sicher: „Wir werden auch wieder Phasen haben, in denen wir öfter Konzerte spielen. Ganz ruhig war es um die drei 25 Jahre alten Sindelfinger in den vergangenen Jahren aber auch nicht. Trotz ihrer Nebenjobs brachten sie 2012 ihr zweites Studioalbum „Paranoia“ raus

und basteln schon wieder am Nachfolger. Die ersten fünf Songs sind im Kasten, im Frühling und Sommer wollen die Musiker wieder auf die Bühne. Im Herbst planen The Average ihre zweite Deutschlandtournee, nachdem sie 2010 schon einmal mit ihrer ersten CD durch das ganze Land getourt waren. Auf das Konzert bei der KäpseleReleaseparty im Universum freuen sich die Jungs. Ihren bisher größten Auftritt hatten sie vor drei Jahren in der Röhre. Das Uni könnte die Größenordnung noch einmal sprengen. „Wir lassen uns einfach mal überraschen und freuen uns auf einen guten Abend mit einigen tollen Bands“, kündigt Chris an. Bis dahin muss er noch einiges organisieren, und daneben werden auch The Average das Proben nicht vergessen. Musikalisch bietet die Band Melodic Punkrock mit deutschen Texten mit Einflüssen von Bands wie Muff Potter und Wizo. „Zumindest sagen das immer viele“, sagt Chris, „die eigene Musik will man nämlich nie so gern in eine Schublade stecken.“ Zu hören gibt’s The Average spätestens im Juni im Uni. Dann kann sich jeder gern ein eigenes Bild von der Käpsele-Hausband machen. (msb) www.theaverage.de - www.facebook.com/ theaveragesindelfingen 53


R DE H SC Y N RT RPA MA A A O -P EB IE DI SELE WE NDR Z P A KÄ L 2: KH I + TE DS

Bislang sind Till und Felix Neumann, die beiden Rapper des deutsch-französischen Duos Zweierpasch, vor allem in der Region um Freiburg bekannt. Das ändert sich nun: Bei der Release-Party des Käpsele treten die Zwillinge mit der Jazz- und Prog-RockGruppe Khándroma auf, die ebenfalls aus Freiburg kommt. Ganz getreu dem Motto: „Zwei Sprachen, zwei Acts, zwei Rapper, kurz: Zweierpasch.“ Zweierpasch mischt in den Songs nicht nur verschiedene Musikstile (Hip-Hop, Reggae, Funk und Jazz), sondern auch die Sprachen. Wie selbstverständlich springen Till und Felix in ihren Songs immer wieder vom Deutschen ins Französische und wieder zurück. In ihren Texten erzählen sie von ihrer Sicht auf die Welt, von Geschichten, die beide erlebt haben, und von der Sprache und ihrer Macht – Rap mit Verstand also. Mit ihrer Musik wollen die beiden Rapper helfen, Sprachbarrieren zu überwinden. „Wenn du rappst und im Rhythmus der Musik bist, dann vergisst du, dass du das gerade in einer anderen Sprache tust“, sagt Till. Seit 2005 sind Till und Felix als Rapper unterwegs, zuerst unter dem Namen Buddah Woofaz. „Wir rappen schon, seit wir 16 sind“, erzählt Till. „Am Anfang aber nur auf Deutsch.“ Als beide in Lons le Saunier im französischen Jura in einer Einrichtung für 54

behinderte Kinder arbeiten, lernen sie eine französische Band kennen. „Mit ihr haben wir einen französischen Song aufgenommen“, sagt Till. „Und so war die Idee geboren, zweisprachige Musik zu machen.“ Mittlerweile haben Till und Felix bereits vier Alben veröffentlicht. Im September 2011 erschien ihre Single „Grenzgänger/Frontalier“. Beim Konzert im Juni haben die beiden ihr neues Album „Alle guten Dinge sind zwei/Toutes les bonnes choses arrivent par deux“ im Gepäck. Doch nicht nur mit ihren Konzerten versuchen Till und Felix das Verständnis für unsere französischen Nachbarn zu wecken. Mittlerweile bieten sie auch Rap-Workshops an, die schon so beliebt sind, dass die Brüder etwa alle zwei Wochen unterwegs sind. Steinzeit-Rap für die Stadt Freiburg, Rap-Safari durch Mauretanien oder Workshops an Schulen: Till und Felix haben viele Ideen – immer mit dem Ziel, das Interesse für die Sprache des Nachbarlandes zu wecken. Denn das sei nur sporadisch vorhanden. „Es wäre größenwahnsinnig, wenn wir sagen, dass wir in der Gesellschaft generell etwas verändern können“, sagt Till. „Aber wir merken schon, dass die Kinder großen Spaß daran haben, wenn wir ihnen die jeweils andere Sprache näherbringen.“ (msb) www.zweierpasch.blogspot.com


Studieren im Einklang mit der Natur Studieren unter Palmen - für viele ein Traum, für die Studenten in Granada Alltag und Realität. Doch die südspanische Stadt hat noch manch andere Überraschung zu bieten. Von Christian Ignatzi (Text)und Thomas Wagner (Fotos)


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eit zwei Jahren wohnt sie schon in einer Höhle, sagt sie. Bea ist 30 Jahre alt. Sie ist Spanierin, aber sie spricht fließend Deutsch. Zwei Jahre hat sie in Berlin gewohnt. Dort hat sie in einem Dönerladen gearbeitet und in einer WG gelebt. Ein typisches Studentenleben eben. Ein Nebenjob und eine Wohngemeinschaft. Heute sieht ihr Leben anders aus. Als Studentin in einer Höhle zu leben, das gibt es vermutlich nur in Granada. Bea wohnte zum ersten Mal in den Hügeln am Rand der Stadt, als sie gerade in Philosophie promovierte. Vorher hatte sie schon Kunstgeschichte studiert und ihr Diplom in Rom abgelegt. In der Theatergruppe der Universität lernte sie jemanden kennen, verliebte sich und zog zu ihm. Seit der Trennung lebt sie alleine, mitten im Wald. Auch ihr Studium hat Bea abgeschlossen. Eigentlich wollte sie als Lehrerin arbeiten. Die staatliche Prüfung hat sie bestanden. Ihr Problem ist das gleiche, das viele Spanier im Moment vereint: „Es gibt einfach keine Arbeit“, sagt sie. Reihenweise werden Lehrer entlassen, die Berufsfelder Ausbildung und Gesundheit Schritt für Schritt zurückgefahren. Zwar hat Bea eine staatliche Prüfung abgelegt, am Ende in einen Beruf zu kommen sei aber sehr schwer. Das Studentenleben ist in Granada trotzdem nach wie vor florierend.

Das Nachtleben hat es in sich Die Stadt in Andalusien im Süden Spaniens ist beliebt für Studentenaustausche. Vor allem das Nachtleben hat es in sich. Wer ein alkoholisches Getränk bestellt (ein kleines Bier kostet 1,80 Euro), bekommt ein Tapa dazu. Das ist etwas zu essen, für alle Leute, die mit am Tisch sitzen. Die Tradition fördert das Miteinander und wurde schon vor Jahren von den ersten Studenten in der Universitätsstadt eingeführt. Studentenfreundlich ist das allemal. Wer sich geschickt anstellt, kann mit fünf Euro abends durch die Kneipen ziehen und kommt danach pappsatt und ohne Durst wieder zurück ins

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Wohnheim. Oder in die Höhle. Bea kommt mit noch weniger Geld aus. Wenn es nötig ist, fährt sie mit einer Freundin zum Großmarkt Mercagranada. An einem Tag im Winter ist es wieder so weit. Frühmorgens schon sortieren die Händler aus, was sie nicht mehr brauchen. Was auf den Boden fällt oder zu viel ist, kommt weg. Ein Paradies für diejenigen, die wissen, wo die mannshohen Container stehen, an denen man sich bedienen kann, wenn man sich nicht vom Sicherheitsdienst erwischen lässt. „Der macht aber nichts“, sagt Bea. „Er sagt nur, dass man nichts mitnehmen darf, weil er es aus Sicherheitsgründen muss“, sagt sie. „Dann geht er wieder.“ An diesem Tag liegen die frischesten Lebensmittel in den Containern.


Rot leuchtende Paprika, grüner Spargel und haufenweise Orangen. Bea deckt sich mit mehreren Kisten ein. Ein lukratives Geschäft, bei dem viel herumkommt, ohne dass die Spanierin viel Geld zum Leben braucht. Zurück in ihrer Höhle bereitet sie mehrere Pakete vor, die sie mit den anderen Menschen teilt, die in der Höhlengemeinschaft wohnen. Es sind Hunderte, die teilweise illegal dort leben oder im Grundbuch der Stadt Granada eingetragen sind. Neben besetzten Wohnräumen ohne Strom und Wasser gibt es andere, die sogar mit Whirlpools und Flachbildfernseher ausgestattet sind. Als Bea als Studentin in ihre erste Höhle zog, war es für sie als Studentin gut, keine Miete mehr zahlen zu müssen. „Von hier ist man

in 15 Minuten an der Universität“, erzählt sie. „Das soziale Leben bleibt ja bestehen. Ich ging in Bars, ins Theater und jeden Tag an die Uni.“ Komische Blicke oder dumme Sprüche von ihren Kommilitonen hat sie nie bemerkt, sagt sie. Bea, die Höhlenstudentin, war ein ganz normaler Teil des Campuslebens in Granada. Auch die Körperpflege musste unter den Lebensbedingungen nicht leiden. „Morgens habe ich in der Bibliothek geduscht, und nach der Uni habe ich es mir in der Höhle gemütlich gemacht“, sagt sie. Romantisch sei es gewesen, im Kerzenschein und absoluter Ruhe. Traumhaft für eine Philosophiestudentin. Ihr Leben bestand aus „Lesen, Leben und Versuchen, im Sommer etwas Geld für den Rest des Jahres zu ver-

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uns oft und reden viel.“ Unzufrieden mit ihrem Leben scheint Bea aber nicht zu sein. „Hier lebt man im Einklang mit der Natur“, sagt sie und lächelt. Ob sie etwas aus dem Leben in der Zivilisation vermisst? Bea muss wieder nicht lang überlegen: „Nein.“ Höchstens eine regelmäßige warme Dusche in einem richtigen Badezimmer, sagt sie. „Aber die kann ich auch bei Freunden haben. Ich habe viele Freunde.“

Studieren in Granada: Natürlich gibt es in Granada viele Möglichkeiten für Studenten, für ein Semester unterzukommen. Wer ein Erasmusjahr in Granada anstrebt, kann sich informieren unter www.erasmus-granada.com. Wer mehr darüber erfahren will, wie die Höhlen entstanden sind, wer über die Jahrhunderte dort gelebt hat und wie sie heute aussehen, kann sich darüber in einem Museum informieren. Die Öffnungszeiten des Museo de las Cuevas stehen im Internet unter www.sacromontegranada.com. dienen“, sagt sie. Heute ist das immer noch so, bis auf das Studium, das sie nicht mehr verfolgt. Schwieriger ist es jetzt, an Wasser zu kommen. „Ich muss immer den Hügel hoch zur Kirche San Miguel Alto. Dort gibt es einen Brunnen, an dem ich Wasser hole“, sagt sie. Wenn sie heute duschen will, macht sie das Wasser auf dem Herd heiß und geht damit in den Wald vor die Höhle. In die Unibibliothek kommt sie nicht mehr. Strom hat sie in ihrer Höhle nicht. Wenn sie nicht bei Kerzenlicht in ihren Büchern liest oder die Ruhe genießt, hört sie Radio. Das kleine grüne Gerät, das von Solarzellen angetrieben wird, ist ihr wichtig geworden. Ist sie einsam? „Nein“, sagt sie. „Es gibt viele Menschen, die hier in der Nachbarschaft in anderen Höhlen wohnen, und wir besuchen

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Termine

STUTTGART PARTY

KONZERTE

KULTUR

MUMIS PALACE Donnerstag, 18.04. 21 Uhr Muttermilch

HANNES WADER Donnerstag, 18.04. 20 Uhr Theaterhaus

LA FRANCE EN TRANCE Mittwoch, 17.04. 20 Uhr Erdgeschoss

ELECTRO SWING Freitag, 19.04. 23 Uhr Mono

TIEFLADER Freitag, 19.04. 23 Uhr Mono

KREUZZUG DER SCHWEINE Donnerstag, 18.04. 20.30 Uhr Fitz

INDIE-DISCO Freitag, 19.04. 23 Uhr Zwölfzehn

MEAT LOAF Freitag, 03.05. 20 Uhr Hanns-Martin.Schleyer-Halle

EFFI BRIEST Mittwoch, 24.04. 20 Uhr Altes Schauspielhaus

CAMPUS SHAKE Freitag, 19.04. 23 Uhr Stereo Lounge

PHRASENMÄHER Freitag, 10.05. 20 Uhr das Cann

DEAD OR ALIVE POETRY SLAM Donnerstag, 27.04. 20 Uhr Theaterhaus

BIG FUN Samstag, 20.04. 23 Uhr Tonstudio

ORIENT CLUB Samstag, 20.04. 22 Uhr Mash

DER SAMSTAG Samstag, 20. 04. 21 Uhr Kowalski

PUNKROCK NIGHT Dienstag, 30.04. 23 Uhr Goldmarks

7 JAHRE SCHRÄGLAGE Mittwoch, 01.05. 1 Uhr Schräglage

FOREIGN BEGGARS Dienstag, 07.05. 21 Uhr Universum


TÜBINGEN PARTY

KONZERTE

KULTUR

CUBA-NIGHT Freitag, 19.04. 21 Uhr Club 27

THE DINOSAUR TRUCKERS Donnerstag, 18.04. 20 Uhr Blauer Salon

ES GIBT KEIN ENDE Donnerstag, 18.04. 20 Uhr Zimmertheater

LUSCHT PARTY Samstag, 20.04. 22 Uhr Sudhaus

RON DIVA Freitag, 26.04. 21 Uhr Zimmertheater

WINTERREISE Freitag, 19.04. 20 Uhr LTT

KUHLUMBUS Freitag, 26.04. 21 Uhr Partykeller der Stuttgardia

NEWCOMER METALFEST Dienstag, 30.04. 20.30 Uhr Epplehaus

IMPRO AM STÜCK Samstag, 20.04. 20 Uhr LTT

VOLLMONDTANZ Samstag, 27.04. 22 Uhr Sudhaus

ROCKING DADDIES Dienstag, 30.04. 21 Uhr H.A.U.P.T.Bahnhof

HOMO FABER Dienstag, 23.04. 20 Uhr Zimmertheater

DAS BIERKELLER KNEIPENQUIZ Montag, 29.04. 21 Uhr Bierkeller

GROSSSTADTGEFLÜSTER Samstag, 04.05. 20.30 Uhr franz.K (Reutlingen)

JUDAS! Samstag, 27.04. 20 Uhr Zimmertheater

MAYNIGHT Dienstag, 30.04. 22 Uhr Sudhaus

FÜENF SINGEN KRIWANEK Samstag, 04.05 20.30 Uhr Sudhaus

GESPENSTER Dienstag, 30.04. 20 Uhr Zimmertheater

SACKVILLE SWINGS Samstag, 04.05 22 Uhr Bierkeller

JONATHAN KLUTH Mittwoch, 08.05. 20 Uhr franz.K (Reutlingen)

EINTRITT FREI! Dienstag, 07.05. 19 Uhr Wilhelmstraße 19-23, Raum 0.21 (nur mit Voranmeldung)

PUNKROCK-PARTY Donnerstag, 11.05. 20.30 Uhr Epplehaus

PRAG Freitag, 10.05 20.15 Uhr Sudhaus

ZUSAMMEN Freitag, 10.05. 20 Uhr LTT

Wohnzimmer - Hier ist der Name Programm. Wir möchten vor allem eins: Unsere Gäste sollen sich bei uns im Stuttgarter Westen ganz wie zu Hause fühlen. www.unserwohnzimmer.de

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LUDWIGSBURG PARTY

KONZERTE

KULTUR

AVANTASIA AFTERSOW Donnerstag, 18.04. 22 Uhr Rockfabrik

AVANTASIA Donnerstag, 18.04. 20 Uhr MHP-Arena

MICHAEL FITZ Freitag, 19.04. 20 Uhr Altes Schulhaus

KARAOKE NACHT Freitag, 19.04. 20 Uhr No Problem

EMMELLY UND SOUCETTE Sonntag, 20.04. 21 Uhr Brückenhaus

MY FACE Samstag, 20.04. 20.00 Uhr Kunstzentrum Karlskaserne

WALPURGISNACHT Dienstag, 30.04. 21 Uhr Rockfabrik

The Australian Pink Floyd Show Mittwoch, 24.04. 20 Uhr MHP-Arena

IMPROSHOW Donnerstag, 25.04. 20 Uhr Die Luke

TANZ IN DEN MAI Dienstag, 30.04. 20 Uhr No Problem

ELÄKELÄISET Donnerstag, 25.04. 20 Uhr Rockfabrik

VOM KLEINEN ONKEL Sonntag, 05.05. 16 Uhr Kunstzentrum Karlskaserne

SUMMER CLOSING Mittwoch, 08.05. 20 Uhr Four Runners Club

VOODOO CIRCLE MITTWOCH, 15.05. 19 Uhr Rockfabrik

Hip-Hop Streetdance Sonntag, 12.05. 15 Uhr Tanzschule Labyrinth

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ESSLINGEN PARTY

KONZERTE

KULTUR

BATTLE OF THE BEATZ Freitag, 19.04. 22 Uhr One

GUNTER GABRIEL Sonntag, 21.04. 20 Uhr Neckar Forum

KABALE UND LIEBE Dienstag, 16.04. 19.30 Uhr WLB

DIESEL-DISCO Freitag, 19.04. 21 Uhr Kulturzentrum DIeselstraße

ROSARIO GIULIANI QUINTETT Freitag, 26.04. 20 Uhr Jazz Keller

DEUTSCHPOP, HALT’S MAUL! Freitag, 26.04. 20 Uhr Komma

GUT AUFGELEGT Samstag, 20.04. 22 Uhr One

LIEBMANN/SWALLOW/NUSSBAUM Freitag, 10.05. 20 Uhr Jazz Keller

Die Gerechten Dienstag, 30.04. 19.30 Uhr WLB

DIESEL-SALSA-PARTY Montag, 29.04. 21 Uhr Kulturzentrum Dieselstraße

EVENING HYMNS Donnerstag, 16.05. 20 Uhr Kulturzentrum Dieselstraße

DIE GESCHICHTE VOM SOLDATEN Dienstag, 30.04. 20 Uhr Scala

Achtung Verlosung! Zum Start in den Frühling verlosen das Käpsele und der Europa-Park Rust 3x2 Karten für den Freizeitpark. Weitere Infos auf unserer Facebook-Seite. Einfach liken und beim Gewinnspiel-Posting auf „Gefällt mir“ klicken. Viel Erfolg!

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Das nächste Käpsele erscheint am 15. Mai. Die Themen: - Was kann die Verfasste Studierendenschaft? - Was filmt der Stuttgarter Lucien Förstner? - Was macht Oscar W. Gabriel im Ruhestand?

Impressum: Käpsele – Das Studentenmagazin Käpsele GbR Theodor-Heuss-Straße 109 71067 Sindelfingen redaktion@kaepselemagazin.de Herausgeber(V.i.S.d.P.): Markus Brinkmann und Christian Ignatzi Anzeigen: Chris O’Connor anzeigen@kaepselemagazin.de Redaktion: Markus Brinkmann (msb) Christian Ignatzi (ci) Ben Schieler (ben) Autoren: Mia Bergmann (mia) Katrin Bohnenberger (kbo) Philipp Deeg (phd) Sanja Döttling (sad) Eric Hanson (eha) Gastautor: Dominik Harsch

Fotografen: Thomas Wagner (Titel, Seiten 26-31, 55-58) Ben Schieler (Seiten 03 und 34) Eric Hanson (Seite 08) Dominik Harsch (Seite 19) Christian Ignatzi (Seiten 20, 22, 34 und 48) Mia Bergmann (Seite 50)

S. 42 und 58: Karten © OpenStreetMap-Mitwirkende (www.openstreetmap.org) S. 44/45: Poster © Verleiher S. 46/47: Fotos © TV Bittenfeld S. 53: Foto © The Average S. 54: Foto © Zweierpasch S. 62: Foto und Logo © Europa-Park Rust

Besondere Lizenzhinweise: S. 06/07: Foto CC Steve Evans (www.flickr.com/photos/ babasteve) S. 11: Foto © HdM S. 13: Logo © Patrick Mikolaj S. 15: Foto © ZDF, Montage Kerstin Bänsch S. 18: Foto © Darios Rall S. 20: Foto CC daBinsi (www. flickr.com/photos/dabinsi) S. 24: Foto Nathan Beck/ © Diogenes Verlag S. 25: Foto © Carolin Seeliger S. 36/37: Fotos © Christoph Neumann S. 40: Foto CC Antti T. Nissinen (www.flickr.com/photos/veisto) S. 42: Foto © Sina Meixner/ Hochschule Esslingen

Ein Dank für das Erfinden, Entwerfen und Designen des Käpsele (der Vogel) geht an seinen Schöpfer Timo Rehm. Vertrieb: Flyertyre Gymnasiumstr. 43 70174 Stuttgart www.flyertyre.de Auflage/Erscheinungsweise: 30.000 Stück/monatlich Das Käpsele ist auf Recyclingpapier gedruckt.

dieses Exemplar wurde bei www.dierotationsdrucker.de gedruckt

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zu finden auf www.miketraffic.com oder auf Facebook

KaepseleApril13  
KaepseleApril13  

Ausgabe #01 des Studentenmagazins

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