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Schokoladenseiten

© AU 20121003_1700

Es ist eigentlich nicht meine Art, zurückzublicken allzu lange, allzu weit und allzu intensiv. Von den Tempi ist mir die Vergangenheit seit jeher die unwichtigste Zeit, jedenfalls dann, wenn ich zwischen ihr und der Zukunft mich zu entscheiden habe. Dann fällt meine Wahl doch eigentlich immer auf die Zukunft, die ob der vielversprechenden Möglichkeiten, die in ihrer schier unermesslichen Länge liegen, bedenklicherweise auch (und vielleicht allzu oft) die Gegenwart auszustechen weiß. Liegt mein momentaner (und sicherlich nur vorübergehender) Sinneswandel womöglich ganz unbewusst daran, dass mit 53 Jahren langsam der Verdacht in mir keimt, die Spanne der Vergangenheit könnte die Spanne der mir vergönnten Zukunft allmählich eingeholt und ohne jeden Warnhinweis heimlich gar schon überholt haben? Wer weiß schon, ob die eigentlich ermutigende Äußerung einer hübschen und engagierten Esoterikerin in einem Vortrag, sie stünde mit ihren 50 Jahren heute ja so ziemlich genau in ihrer Lebensmitte, pessimistisch genug war, um mir einen noch größeren Optimismus zu gönnen oder ob sie bereits die Grenzen einigermaßen realistischen optimistischen Wunschdenkens ausgelotet und markiert hat? Jedenfalls möchte ich mich hier ein wenig den Schokoladenseiten meiner Kindheit zuwenden. Ich bin in der Zeit aufgewachsen, in der jede eigentliche Schokoladentafel noch 4x6 Stücke hatte. Das war rechteckig, praktisch und gut! V.a. praktisch war es! Es war, dessen bin ich mir sicher, extra so gemacht für die Familien, die damals auch in der Mittelschicht ganz selbstverständlich 3, 4 oder 6 Kinder hatten, aber eventuell auch sogar 8, 12 oder auch ausnahmsweise nur mal 2 oder 1, womöglich gar auch 24. Ich kann mich nicht mehr recht an die Zeit erinnern, als wir 2 und dann 3 Kinder zählten, aber an die Zeit mit 4 Kindern erinnere ich mich lebhaft. Wenn dann, vielleicht alle 2 Wochen, vielleicht auch seltener, meine Mutter bei einem Wochenendausflug (jedes Mal ganz unerwartet und entsprechend überraschend) eine Schokoladentafel aus der Tasche zog, bekam jedes der 4 glücklich erfreuten Kinder einfach einen Riegel davon ab. Nun war es viel einfacher, die Riegel in der kürzeren Querrichtung zu brechen, als in der Längsrichtung und außerdem war es gerechter. So bekam jedes Kind 4 Stückchen und jeder Erwachsene ebenso, wobei mein Vater schon damals zugunsten seiner Frau meist verzichtete und diese dann nichts besseres mit dem Liebesbeweis anzufangen wusste, als diese 4 Stückchen auch noch unter den 4 betörten Kindermäulchen aufzuteilen, für die Schokolade noch eine seltene, fast exotische, Köstlichkeit war. Meinem Vater, der nur enttäuscht war, wenn seine gelegentlich seiner Frau mitgebrachten Pralinen nicht in der Familie blieben, sondern der Schwiegermutter weitergereicht wurden, verblieb dafür die Aufgabe, die braun verschmierten Kindermünder anschließend mit einem Stofftaschentuchzipfel und in hartnäckigen Fällen unter zusätzlicher Zuhilfenahme von Spucke zu säubern.


Es war auch die Zeit, in der die Schweizer Schokolade sicherlich mit Abstand die weltweit beste war, auch dann, wenn man dort die billigste Supermarkt-Schokolade kaufte. Sie konnte nicht ganz mit den ebenfalls dort ansässigen Nobelmarken Lindor und Co. mithalten, aber war gewiss trotzdem immer ein absoluter Hochgenuss und stellte jede (für uns) in Deutschland erhältliche Schokolade in den Schatten. Ich bin ziemlich sicher, dass ein vermutlich besonders hoher Gehalt an Milchzucker aus der dort damals weitgehend unbehandelten Milch dafür verantwortlich war. Heute gibt es wohl auch in der Schweiz kaum noch unbehandelte Milch zur Schokoladenherstellung und dafür in jedem europäischen Supermarkt Schokoladen mit reichlich Milchzuckerzusatz. Zudem ist der Gaumen abgestumpft, wenn täglich ungefähr eine ganze Tafel verdrückt wird (oder gar mehr) und zwar pro Person! Die Zeit, in der einer der seltenen Besuche der Schweiz mit einem ungewohnt umfangreichen Schokoladentafelbesatz im Kofferraum zu Ende ging, ist längst vorbei. Als ich einmal versuchte, bei einem Schweizbesuch an diese Art Höhepunkte meiner Kindheitserinnerungen anzuknüpfen, war ich maßlos enttäuscht vom zwischenzeitlichen Verfall der dortigen Schokoladenkultur. Nun, bei diesen ursprünglichen damaligen Schweizer Tafeln, die gerne auch einmal ein ungewöhnliches (und dann günstigeres) Riesenformat haben durften, verschmähte auch mein Vater seinen Riegel nicht. Nicht, dass er ein Schleckermaul gewesen wäre, dem nur das Edelste gut genug war. Nein, er begnügte sich bei seinem Vesper, das er zur Arbeit mitnahm, aus Kostengründen damals mit einfachen Graubrotscheiben (vom günstigen Laib zu 1 DM vom Vortag), auf die dünn bloß Margarine gestrichen war (denn Butter war meiner Mutter vorbehalten) und auf die ansonsten etwas Salz gestreut oder Sardellenpaste aus der Tube gestrichen war. Aber er weiß heute noch (und wahrscheinlich mehr denn je) vorzüglich gesund (und doch nach wie vor recht günstig) zu kochen, glücklicherweise großzügiger auch sich selbst gegenüber, als es ihm damals möglich war! Kinderreichtum war zu dieser Zeit auch in der Mittelschicht noch verbreitet und weckte nicht automatisch den Verdacht eines bedenklichen Sozialmilieus. Selbst wenn manches von dem, was ich schreibe, arm klingt, empfand ich es nie als ärmlich. Was es heißt, mit einem einzigen mittleren Einkommen eine schließlich 7-köpfige Familie zu versorgen, kann man heute (mangels Mut dazu) meist nur noch erahnen. Ich bin sicher, dass das uns damals verfügbare Einkommen trotz etwas Kindergeld und zwischenzeitlicher Geldentwertung umgerechnet kaum an heutige Hartz-IV-Sätze heranreichte, die nach Kinderzahl großzügiger aufgestockt werden, als sie je von einem Menschen einigermaßen durchschnittlicher oder allzu oft bloß deutlich unterdurchschnittlicher Bildung erwirtschaftet werden könnten. Meine nie von Sozialleistungen lebenden Eltern schimpften aber im Gegensatz zum heute üblichen Gejammer über angeblich unzureichende Sozialleistungen nie! Sie wiesen uns nur gelegentlich darauf hin, dass es manches aus Kostengründen bei uns eben nicht gebe, was manchen Klassenkammeraden damals selbstverständlich war und so freilich auch bei uns Kindern Begehrlichkeiten wecken konnte. Wir waren darüber natürlich nicht immer glücklich, wussten es aber zu verstehen und


hinzunehmen. Letztlich hat uns diese, aus der Situation heraus anerzogene, aber eigentlich doch ganz natürliche Bescheidenheit unbezahlbar reich für unser Leben beschenkt! Wie viel geistige Freiheit und unschätzbare Unabhängigkeit von der Verführung des Konsums gewährt doch solche Ertüchtigung zur eigentlich natürlich nötigen Sparsamkeit! Wie sehr würde man wenigstens eine Ahnung davon den heutigen europäischen Regierungen und Privatmenschen wünschen, die das Leben in der Gegenwart umso mehr propagieren, je weniger sie die Folgen ihres Tuns für die Zukunft verantworten können und wollen! Selbstverständlich besaßen wir auch kein (zu unnötigem Konsum ja erst richtig verführendes) Fernsehgerät und ein Autotelefon oder ein Funkgerät besaßen allenfalls Geschäftsleute in höherer Position oder dekadente Angeber. Auch wenn heute viel zu viele Betriebe auf eine Erreichbarkeit mittels Handy Wert legen, braucht man auch heute noch nicht unbedingt eines, solange man in solch einem Betrieb nicht auch entsprechend viel Geld verdient. Freilich ist die Ankurbelung des Konsums auch die einzige (wenn auch erschreckend einfältige) Idee, die selbst einst fortschrittlich(er) andersdenkende Parteien wie die Grünen heute zur Lösung von Problemen noch haben und propagieren. Der parlamentarische, aber nach meiner Überzeugung grundgesetzwidrige Beschluss, dazu in Zukunft das unsägliche Staatsfernsehen zwangsweise auch von überzeugten Fernsehboykotteuren gegen ihr Gewissen subventionieren zu lassen, zeigt diese Diktatur des Konsums und heillos verdummenden Medien-Opiums fürs Volk in erschreckender Deutlichkeit! Ist beispielsweise ein Fahrrad nicht manchmal das süßere Fortbewegungsmittel, als wenn man — wie selbstverständlich — meint, seinen durch Fast-Food zu Lahm-Fuß mutierten KonsumKindern auch noch ein Auto zur Kompensation der in die Hose und andere Kleidungsstücke gegangenen Verwöhnung schenken zu müssen, einer "Verwöhnung", die eigentlich mehr eine kaschierte Vernachlässigung ist? Nun, auch ich leiste mir heute deutlich mehr Schokolade als nötig und gesund ist. Aber ich weiß auch, wie glücklich man bei Bedarf mit weniger sein kann. Als wir 5 Kinder waren, gab es für die Kinder übrigens weiterhin einen ganzen Riegel und mein Vater verzichtete, wie längst gewohnt, obwohl ihm meine Mutter stets die Hälfte ihres Riegels anbot. Das Glück, zugunsten meiner Familie auf meinen Riegel verzichten zu dürfen, wird mir nie vergönnt sein werden. Die Zeiten ändern sich. Und der Reichtum an Kindern mit ihnen. Auch wenn wir früher Gefahr liefen, das schlimm aus dem Ruder laufende Bevölkerungswachstum auf der Welt noch zu forcieren, ist unsere heutige inländische Kinderarmut die vielleicht schlimmste Form von Armut. Freilich ist Kinder-Reichtum an sich noch lange keine Form von Reichtum. Im Gegenteil! Wo der Geist-Reichtum fehlt und durch Kinder-Reichtum zu kompensieren versucht wird, degeneriert bloß die ganze Gesellschaft in jeder Beziehung verarmend. Viel zu selten gelingt es schließlich, in solchen Fällen Geist-Reichtum zu pflanzen


oder gar erfolgreich zu etablieren und wachsen und gedeihen zu lassen. Geist-Reichtum ist die Voraussetzung für Kinder-Reichtum und umgekehrt ist nur dieser (und sei er auch noch so bescheiden) eine Garantie für das Überleben des Geist-Reichen, sein Weiterleben und seine Weiterentwicklung in der Zukunft. Aber uns fehlt heute der Mut, weil wir heute für unzumutbar halten, was wir einst Kindern und Erwachsenen zu ihrer beider Glück (und zum Glück deutlich mutiger) zugemutet haben. Wahrlich eine Frage des Mutes, wie man in den Worten aufscheinen sieht! Ein einziges eigenes Kind ist da bereits ein großer Segen und Reichtum, auch wenn es nur schwer lernen kann, wie man teilt, wenn der Vater womöglich selbstverständlich auf seine Riegel verzichtet, wie er es von seinem eigenen Vater so unbeschreiblich vorbildlich hat abschauen dürfen, ja, hat erfahren dürfen, richtig mit Haut und Haar, dass es in Fleisch und Blut hat übergehen können. Nein, es geht nicht darum, als sentimentales Ideal alles der Elterngeneration nachzumachen. Ich schätze Stofftaschentücher bspw. auch ohne Spucke, und andere mögen etwa papierne vorziehen; und ich transportiere meine Schokoladeneinkäufe in Fahrradtaschen statt im Kofferraum. Aber ein Leben ist uns nicht geschenkt nur, um es uns jeweils selbst darin gutgehen zu lassen. Es ist unsere Aufgabe, zukunftsträchtige Spuren zu hinterlassen, wenn wir uns einmal von dieser Welt verabschieden werden. Es wird uns zwar allen kaum gelingen, ganz spurlos zu verschwinden, wenn wir nur irgendwo irgendwie geliebt haben und entsprechend hoffentlich irgendeine Art von gutem Eindruck dabei irgendwo irgendwie hinterlassen haben. Aber mir ist das deutlich zu wenig! Nicht, dass ich unersättlich wäre in meinen Ansprüchen! Ich brauche nicht so viel Schokolade, aber mehr Gelegenheit, die Schokolade des Geistes und der Kreativität andere schmecken zu lassen und nebst ihrer Zubereitung weiterzugeben, richtig und innig verbunden und so wirklich und eigentlich in seiner Tiefe erfahrbar, an mein eigen Fleisch und Blut, das mich wirklich kennt und überdauert, das brauche ich schon, denn das ist der einzige Weg manchmal.


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