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Momente Woran wird man sich erinnern können, wenn man alt ist? Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht. Wird es der erste Schultag sein? Der laue Sommerabend, den man mit Freunden im Freien verbracht hat, oder der Geschmack von süßen Zuckerln auf der Zunge? Grundsätzlich weiß man es nicht. Jeder Moment im Leben könnte entscheidend sein und zum Teil einer Erinnerung werden. Rückblickend stellt man fest, dass man so vieles vergisst, Teile seines Selbst, verloren auf dem Weg in die Zukunft. Die meisten wissen heute schon nicht mehr, was sie gestern gegessen haben, oder ob die Sonne geschienen hat. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir so krampfhaft versuchen, jedes noch so kleine Ereignis mit einer Kamera festzuhalten und alles genau in einem Tagebuch zu dokumentieren. Die Angst vor dem Vergessen ist groß und doch kann man es nicht ändern. Übrig bleiben Schlüsselmomente, die man damals als nicht Wichtig erachtet hat, lauter kleine Dinge, denen man nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Zum Beispiel der Fehler seinen Stoffhund gegen ein kleines Fläschchen Nagellack eingetauscht zu haben, die Schmerzen, als man sich das Knie aufgeschürft hat, der kurze Moment der Glücksseligkeit, als man in den Bäumen geklettert ist. Als Kind erkennt man nicht, dass die Zeit gegen einen arbeitet. Man geht davon aus, genug zu haben. Stunden verbringt man damit einen Käfer zu beobachten, oder legt sich mit den Händen im Nacken verschränkt in die Wiese und betrachtet den Sternenhimmel. Tage lang baut man an einem Baumhaus, oder verbringt die Osterferien lesend im Bett. Man unterschätzt die Veränderung. Jeden Tag sieht man gleich, spürt nicht, dass bereits alles dabei ist anders zu werden. Schwer kann man sich nur vorstellen, dass man seine Sommerferien nicht mehr bei seiner Oma am Land verbringen möchte, sondern lieber mit Freunden die Stadt unsicher macht. Genauso wie es selbstverständlich war, nach einem Alptraum sich ins Zimmer seiner Eltern zu schleichen und sich zu ihnen unter die Decke zu kuscheln. Man glaubt alles bleibt wie gewohnt. Und eines Tages stellt man plötzlich fest, dass man zu alt zum Verstecken spielen geworden ist, dass man die strengsten Eltern der Welt hat und der Großteil der Kleidung nicht mehr passt. Das alte Gewand wird abgelegt und durch neues ersetzt. Und genau das Selbe passiert mit unseren Erinnerungen. Fotos machen keinen Unterschied. Selten tut sich ein Mensch die Arbeit an alles feinsäuberlich in ein Album zu kleben. Die Technik macht das überflüssig und doch ist sie der Grund, warum so vieles verloren geht. Außerdem wird kein 80-jähriger seinen Enkeln mit dem Laptop auf dem Knie über sein Leben berichten. In manchen Momenten im Leben halte ich inne und versuche mir jede noch so kleine Einzelheit genau einzuprägen, wie etwa meinen letzten Sommerurlaub. Ich rieche noch ganz genau den salzigen Duft des Meeres, spüre die sanfte Brise, die mein Gesicht umschmeichelt, höre dumpf das Gelächter meiner Eltern, fühle, wie meine Finger, klebrig vom Eis über die rauen Steine streichen und das wohlige Gefühl, das sich wie eine warme Strömung einen Weg durch meinen


Körper bahnt. Ich versuche bewusst mir Erinnerungen zu verschaffen. Auch ich habe Angst vor dem Vergessen. Aus diesem Grund bin ich dankbar, wenn ich Menschen aus meiner Vergangenheit treffe, die mir einen Teil meiner Erinnerungen wieder zurückgeben. Sie erzählen mir, wie ich war, als ich als 4jährige wütend durch den Kindergarten gestapft bin, als ich keinen zweiten Nachtisch bekommen habe, oder wie viel Spaß wir hatten, wenn wir im Schulhof den Fußball vor den Buben versteckt haben. Ihre Erinnerungen werden zu meinen und der schönste Teil daran ist der Wechsel der Perspektive. Selbst kann man nur schwer sagen, wie man auf andere Leute gewirkt haben mochte. War ich launisch? War ich stur? Welche Erinnerungen hat meine beste Freundin aus dem Kindergarten an mich? Welche Frisur hatte ich? Worüber habe ich so oft mit meinen Eltern gestritten und verstehe ich heute, warum ich gewisse Dinge nicht tun durfte? Und wenn sie dann schließlich zu erzählen beginnen, füllen sich die leeren Stellen im Inneren wie ein Puzzel. Man stellt überrascht fest, dass man sich in manchen Situationen unpassend verhalten hat und auch die Eltern hatten in den meisten Fällen mit ihrer Entscheidung recht. Und so ändert sich dann auch die eigene Perspektive und man bekommt Teile seines Selbst zurück. Vielleicht ist es gut, dass man nicht mehr jede Einzelheit im Kopf hat, vielleicht sollten wir das einfach akzeptieren. All die Erinnerungen würden uns die Sicht auf jeden neuen Tag in unserem Leben vernebeln. Wir hätten keine Chance genug neue Eindrücke zu sammeln – unser Kopf ist ja bereits voll von all den alten. Wir würden Zeit verlieren, die wir damit verbringen in Erinnerungen zu schwelgen und uns nach dem damaligen Leben zu sehnen. Wir würden die Last der Erinnerungen in jeden neuen Lebensabschnitt mitschleppen, so allerdings haben wir die Möglichkeit, mit einem geringen Ballast auf unser Ziel zu zuschreiten und uns auf die Gegenwart und die Zukunft zu konzentrieren. Wenn mich heute jemand fragen würde, ob ich mich an meinen ersten Schultag erinnern würde, könnte ich lächelnd mit dem Kopf nicken. Ja, die Erinnerung ist da – bereits etwas verschwommen, aber gut aufbewahrt in einem kleinen Winkel in meinem Kopf. Es ist keine besonders starke Erinnerung, sie wird überlagert von so vielen anderen Facetten meiner Kindheit. All die Familienausflüge, das Schwammerlsuchen mit meiner Oma, das Kekse backen in der Weihnachtszeit, das DKT spielen mit meiner Cousine – Momente, die ich mir bildlich zu jeder Tageszeit vor Augen halten kann. Noch. In ein paar Jahren werden auch sie durch neue Erinnerungen ersetzt werden, langsam an den Rändern ausbleichen und schließlich ganz verblassen. Was bleibt ist ein schaler Geschmack im Mund und eine eigenartige Leere im Kopf mit der Gewissheit, dass man etwas Entscheidendes vergessen hat. Und am Schluss, wenn man zufrieden auf einem Schaukelstuhl auf seiner Veranda mit seinem Lieblingstee in den Händen vor- und zurückwippt, wird man entdecken, dass die stärksten und lebhaftesten Erinnerungen auch die sind, in denen man am meisten gefühlt hat. Nicht alle werden schön sein, aber alle werden Teil eines gelebten Lebens sein, das einen nicht vergessen lässt, was es heißt, erwachsen zu werden.


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