Issuu on Google+

K3 Literaturpreis 2012 Beitrag 34 Codewort: "Stehaufmännchen" Wie das Klausenbären Himpeln nach St. Jakob gekommen ist Codewort: „Stehaufmännchen“ St. Jakob an der Klause ist eine kleine Gemeinde, malerisch an einem der ältesten österreichischen Alpenübergänge gelegen. In einer Gegend, in der sich ansonsten höchstens Füchse einsam in den Schlaf heulen, da sie kaum jemanden zum „Gute Nacht“ sagen finden. Was die St. Jakobianer lange davon abgehalten hat, ihr Glück in den Großstädten des Alpenvorlandes zu suchen war, neben der unbestreitbar guten Luft und der an klaren Tagen beeindruckenden Fernsicht, vor allem die Passstraße und die von ihr herangeführten Touristen. Doch damit hatte es, an dem Tag, von dem hier erzählt sei, längst ein Ende. Die kurzsichtigen Flachlandbürokraten hatten den Klausenkogel durchtunnelt, eine Autobahn hinein gelegt und so führte der lebensnotwendige Verkehr jetzt an St. Jakob vorbei und mondäneren Urlaubszielen entgegen. Ägidius Oberbauer, seines Zeichens Bürgermeister, Besitzer der Tankstelle mit angrenzendem Rasthaus sowie Betreiber des St. Jakober Loipennetzes konnte ein laut klagendes Lied davon singen. Von den verblieben Touristen zwar begrüßt, verlor sich kaum noch ein Transitautomobil an seine Zapfsäule und von den Motorradenthusiasten konnte man schon im Sommer kaum leben, geschweige denn jetzt, im Winter. Wie trist die Lage geworden war, konnte man alleine an der Tatsache ablesen, dass bei der letzten Gemeinderatsitzung einstimmig - das bedeutet inklusive seines weltfremden Schwagers, dem Vertreter der Grünen Fraktion – einstimmig also, beschlossen worden war, eine Fremdenverkehrsoffensive zu starten. Dinge wie diese waren schnell beschlossen, aber auf konkrete Vorschläge wartete er noch immer. Da hatten sie sich ausgeschwiegen, die Herren Gemeinderäte, blieb also wieder einmal alles am Bürgermeister hängen. Als er zu diesem Zweck gerade eine Broschüre über unerschwingliche Sommerrodelbahnen studierte, ließ ihn ein stotterndes Brummen aufhorchen und seinen Automechanikerinstinkt anspringen. Selbst ein Laie musste erkennen, dass der Wagen, der da in langsamer Fahrt auf seine Tankstelle zusteuerte, in Schwierigkeiten war, wie auch sonst würde der sich in diese Gegend verirren. Keilriemen, Zündkerzen, vielleicht sogar ein Kühler, ein paar Euros waren allemal drin, und damit es sich auch richtig lohnte, dafür würde der Boss persönlich sorgen. Ein paar Minuten später war alles klar. Bis auf einen neuen Schlauch und zwei Liter Kühlflüssigkeit beim besten Willen nichts zu machen. Paul, der Mechaniker machte sich an die Arbeit, Fahrer und Beifahrer begaben sich solange ins Rasthaus und Ägidius Oberbauer folgte ihnen, denn wenn sie auch ganz gut Deutsch gesprochen hatten, so waren in den beiden die Amerikaner nicht zu verkennen gewesen und damit seine Neugier geweckt. An der Tür hatte er sie eingeholt: „Und meine Herren? Was führt sie in unsere Gegend?“ „Unser Auto. Wir wollten eigentlich nach Bad Christkindl, um über die dortigen Weihnachtsbrauch zu berichten.“ Oberbauer spitzte seine Ohren etwas mehr. „Aber bitte, setzten die sich doch. – Berichten, sagten sie. Über was wollen sie denn berichten?“ „Über Weihnachten. Unsere Leser stehen auf Bad Christkindl.“ Trotz seines verbindlichen Lächelns schluckte Bürgermeister Oberbauer merklich. Wie hatten sie damals nicht alle über die Kirchberger gelacht, als die vor acht Jahren ihren Graue-Maus-Ort umbenannt und Schritt für Schritt in etwas verwandelt haben, dass weiter von jedem gewachsenen Brauchtum entfernt lag als Las Vegas vom Kunsthistorischen Museum. Und wie stand St. Jakob heute da? Er konnte sich in den Hintern beißen, dass er nicht selbst diese Idee gehabt hatte. Dort unten verdienten sie sich eine goldene Nase und die einzige Tradition, auf die man sich in ein paar Jahren hier oben noch würde stützen können, würde der Tanz der leeren Taschen sein. „Yes“, mischte sich nun auch der zweite Amerikaner ein, um dessen Deutschkenntnisse es offenbar nicht ganz so gut bestellt war. „Bad Christkindel ist wunderfull. Die Weihnachtsmen und Krippens...“ Mehr und mehr verzog sich sein Lächeln, bis Ägidius Oberbauer schließlich den Kopf schüttelte und meinte: „Entschuldigen sie meine Herren, aber mit unserem traditionellen Weihnachten hat das alles doch rein gar nichts mehr zu tun.“ „So? Und wie schaut das bei ihnen hier aus?“


In diesem Moment trat die Bedienung an den Tisch und half ihrem Chef aus der Klemme. Denn so sehr er mit seiner Meinung über Bad Christkindl wohl recht haben mochte, so sehr musste er sich eingestehen, dass es mit der Tradition weder in seiner Familie, noch in der Gemeinde selbst weit her war. Natürlich gab es den Baum vor dem Rathaus, musste der Bürgermeister jedes Jahr die Mitternachtsmette besuchen, aber sonst? Von einer Sekunde zur nächsten brannte es ihm unter den Fingernägeln. Hatte er sich nicht eben erst den Kopf über passende Werbung zerbrochen und saß er jetzt nicht mit zwei internationalen Journalisten am Tisch, denen man nur einen kleinen Hinweis geben musste, einen kleinen Brotkrumen hinschmeißen, um sie vom ausgetretenen Weg abzubringen. Welcher Journalist schließlich zog es nicht vor, eine neue Sensation zu entdecken um das ewig Gleiche der Konkurrenz zu überlassen. Eine unwiederbringliche Chance also, wenn seine verdammte Gemeinde auf dem gefragten Gebiet nur nicht so verflucht wenig zu bieten gehabt hätte. Im Bürgermeisterlichen Gehirn arbeitete es im Akkord. Eine Idee jagte die andere und wurde ebenso schnell wieder verworfen. Inzwischen hatten die beiden Reporter ein großes und ein kleines Fernfahrerfrühstück mit Ei bestellt und Steve Tucker, dessen Deutsch bei weitem besser war, wandte sich an den Mann, der vollkommen unaufgefordert an ihrem Tisch platz genommen hatte. „Well. Wo wir waren stehen geblieben? Sie wollten uns von ihren Bräuchen erzählen.“ „Ja. Sie werden staunen, meine Herren.“ (2) Elvira und Petra Oberbauer lagen noch in ihren Betten, als sie der Ruf des Vaters kichernd herausspringen ließ. Dabei gab es eigentlich keinen Grund für schlechtes Gewissen. Schließlich hatten die Weihnachtsferien schon begonnen. Elvira war Zwölf und besuchte die nächstgelegene Hauptschule, Petra hatte schon bald das fünfte Semester ihres BWL Studiums in der Hauptstadt hinter sich gebracht. Noch ehe sie den Eindruck erwecken konnten, heute schon irgendetwas zum Erhalt der Familie beigetragen zu haben, hatte ihr Vater keuchend die Treppe in den ersten Stock erklommen und die Tür zu ihrem Zimmer aufgerissen. Er machte sich auch keinerlei Gedanken, warum seine Töchter so spät noch im Nachthemd anzutreffen waren. Er hatte ganz andere Probleme: „Mädchen, schnell, ich brauch euch.“ Da seine Frau voraussichtlich den ganzen Tag mit Erledigungen in der Stadt beschäftigt war, musste sich Bürgermeister Oberbauer heute voll auf seinen Nachwuchs verlassen, wollte er sich aus dem Schlamassel wieder herausbugsieren, in das er sich soeben hinein manövriert hatte. Zum Waschen sei jetzt keine Zeit, erklärte er den beiden und im weiteren gab er ihnen einen schnellen Überblick über die Ereignisse der letzten Viertelstunde, über die zwei Fremden, ihren Kühlschlauch, das Frühstück und schließlich über seine Antwort auf ihre Frage nach Weihnachtsbräuchen. Wenn er es auch nicht auf die Bibel beschwören würde, so dürfte sich dass, was er den Amerikanern in seiner Not beschrieben hat so angehört haben wie >Klausenbären himpeln<. „Klausenbären himpeln?“ fragte Petra fassungslos. Ja, nickte der Vater. Der Klausenbär war ihm noch als geniale Idee erschienen, aber kaum hatte er den Satz dahingehend begonnen, hatte ihn das mitten auf einen See gebracht, auf dem das Eis sehr dünn geworden war, er also verzweifelt nach einem Verb gesucht, an himmeln oder kämpeln oder weiß Gott was gedacht und dann gar nichts mehr gedacht sondern nur noch geredet. In diesem Zusammenhang war „Himpeln“ noch nicht einmal die schlechteste Lösung gewesen. Immerhin hatte er den Satz zu Ende gebracht ohne seine Zunge zu verschlucken. „Klausenbären Himpeln?“ Wiederholte Petra. „Und wie soll das ausschauen?“ „Keine Ahnung, das haben die Amerikaner auch gefragt und ich hab gesagt, dass man das nicht so leicht erklären kann, und dass sie sich das am besten anschauen sollen.“ „Und was haben die darauf gesagt?“ „Dass sie nicht so viel Zeit haben.“ „Gott sei dank.“, meinte Petra, „Da hast ja noch einmal Glück gehabt, sonst hättest dich schön blamieret.“ „Genau.“, fügte ihre kleine Schwester hinzu. „Aber warum machst du dann so einen Stress?“

2


Da grinste Ägidus Oberbauer wie das Christkind persönlich und meinte: „Weil ziemlich genau in dieser Sekunde der Paul zu den beiden Amis kommen wird um ihnen mitzuteilen, dass auf Grund des Kühlflüssigkeitsmangels die Pumpe schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde und man ihnen ein Weiterfahren nicht empfehlen kann.“ „Papa!“ ertönte es unisono aus zwei Kehlen. „Spinnst jetzt endgültig?“, fuhr Petra allein fort. „Papperlapapp! Ihr habts ja keine Ahnung vom Fremdenverkehr. Das ist die Chance, auf die wir gewartet haben. Wenn wir das richtig aufziehen, können wir uns nächstes Jahr vor lauter Amerikanern nicht mehr retten.“ „Von was sprichst du Papa?“ „Na vom Klausenbären himpeln.“ „Wo ist die Mama?“ Petra Oberbauer sah sich hilfesuchgend um. „In der Stadt und jetzt stehts da nicht so rum, wir haben viel zu tun.“ Die beiden Schwestern sahen einander kopfschütteln an und während die ältere nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte, tendierte die jüngere ganz eindeutig zum Zweiteren: „Sollen wir vielleicht einen Himpelmann manchen?“ „Himpelmann? Hm …. Super Idee Vira! Du bist ein Schatz. Genau, der Himpelmann himpelt den Klausenbären.“ So ging es noch ein paar Minuten weiter, aber schließlich kannten die Oberbauertöchter ihren Vater schon lange genug um zu wissen, dass es außer ihrer Mutter wohl niemanden gab, der ihn jetzt noch davon abbringen konnte, heute im malerischen St. Jakob an der Klause zum ersten Mal das traditionelle Klausenbären Himpeln über die Bühne zu bringen. Andererseits gab es uninteressantere Tätigkeiten für einen sinnlosen Spätadventtag. „Wenn das nur nicht die Mama erfährt.“ (3) Und so herrschte einen unscheinbaren Vormittag lang hinter der Fassade einer aus Verkehrstechnischen Gründen ins Abseits gedrängten, malerischen Alpingemeinde, hektisches Treiben an dessen Ende sich eine mehr an Verwandtschaftlichen Banden denn an politischen Gemeinsamkeiten geknüpfte schwarz/grüne Koalition stand und der Bürgermeister im Hinterzimmer des Rathauses höchstpersönlich seinen verschwägerten Oberzeremonienmeister in der Kunst des Himpelns unterrichtete. Eine Beschäftigung, die trotz aller Ernsthaftigkeit einer gewissen Komik nicht entbehrte, vor allem wenn man berücksichtigte, dass wegen der Unauffindbarkeit der beiden Bürgermeistertöchter das genaue Aussehen des gemeinen Klausenbärs noch niemandem bekannt war. Problemlos in die Reihe derjenigen Lebewesen, die sich den angesprochenen Vormittag anders vorgestellt hatten, darf man mit Sicherheit den 9-jährigen Hauskater Max einfügen. Friedlich auf dem Brett des breiten Küchenfensters dösend war es vor allem sein ruhiges Wesen in Verbindung mit seiner grenzenlosen Ergebenheit an die jüngere der beiden Bürgermeistertöchter, die ihm seine Hauptrolle in der sich rasch dramatisierenden Provinzposse sicherten. „So!“, meinte Elvira Oberbauer stolz: „Und jetzt fauch einmal, du Klausenbär.“ „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“, murmelte ihre Schwester und hatte es längst aufgegeben, sich über ihren Vater oder Elvira zu wundern. Der Letzteren konnte man wenigstens noch zu Gute halten, dass sie noch ein Kind war und daher ruhig Freude daran haben durfte, ihren Schmusekater mit Fetzen eines alten Pelzhutes, Enten- und Gänsefedern, sowie zu Monsterschnurrbarthaaren umfunktionierten Lamettafäden auszustaffieren. Wenn über die ganze Sache aber auch nur eine Silbe aus diesem Ort hinausgetragen werden würde, dann würde sie sofort das Land verlassen und ihren Namen ändern. Was Petra jedoch am allerwenigsten glauben konnte, war, dass offenbar auch ihr sonst so besonnener Onkel Josef vom Himpelvirus angesteckt worden war, kam dieser doch in jenem Moment, in seiner schönsten Festtagstracht mit dem Vater wild gestikulierend über den Hof geschritten. „Da seid ihr ja.“, begrüßte ein sichtlich gestresster Bürgermeister seine Töchter. „Schau Papa!“

3


„Oh mein Gott!“, entfuhr es dem Grün-Gemeinderat. Sein Ortsvorsteher hatte offensichtlich schon anderes gesehen. Er nahm seiner jüngsten Tochter die - nun wirklich nur noch von einem studierten Zoologen als solche erkennbare - Hauskatze aus den Händen und betrachtete sie von allen Seiten. „Gefällt mir. Vor allem das mit den Federn. Schreib auf Josef, wir brauchen mehr Federn!“ Der angesprochene schüttelte nur den Kopf: „Gidi, hör auf, bevor wir uns vor aller Welt blamieren. Was soll denn das für ein Bär sein?“ „Josef, du bist ein Idiot. Nur ein Grüner oder ein Amerikaner kann sich da einen echten Bären erwarten. Sollen ja schließlich auch Kinder mithimpeln.“ „Mithimplen“, wiederholt seine ältere Tochter entgeistert. „Der Klausenbär“, doziert ein mehr und mehr Oberwasser gewinnender Oberbauer derweil: „Der Klausenbär ist natürlich ein Fabelwesen, dass aus einer alten Sage herrührt. Apropos! Petra, rein ins Büro, an den Computer, Jahrtausende alte Sage, drei Seiten Minimum. Zack – zack! Wozu hab ich dich die Matura machen lassen.“ Sie würde den Kontinent verlassen und sich einer Gesichtsoperation unterziehen, dessen war sie die jetzt bald nicht mehr Petra Oberbauer heißende Angesprochene vollkommen sicher, als sie dennoch widerspruchslos das Zimmer verließ um wenigstens eine stabile Holztüre zwischen sich und dem lodernden Wahnsinn zu wissen. So hatte sie immer noch die Wahl, ihrem Vater zu gehorchen oder durch das Fenster zu klettern, zur Bundesstraße zu laufen, ein Auto anzuhalten und sich auf diese Weise das ganze Ausmaß des Debakels zu ersparen . Wenn andererseits die beiden jungen, großgewachsenen Fremden, die da gerade vor dem Bürofenster in ein Gespräch vertieft in Richtung Hauptplatz unterwegs waren, die zwei amerikanischen Journalisten gewesen sein sollten, dann wäre es vielleicht doch nicht zu falsch, selbst die Person zu sein, die sie über die genaue Herkunft des Himpelns und den Wortlaut der alten Sage informieren sollte. Und so fuhr die eine Oberbauertochter den Väterlichen Computer hoch, während die andere dem Computerbesitzer das feste Versprechen abnahm, dass ihrem Max im Zuge des noch näher zu definierenden Himpelns kein einziges Haar, sei es nun echt oder aufgeklebt, gekrümmt wurde. (4) Der Wind kam auf, die letzte Wolke verschwand hinter dem Klausenkogel und es versprach ein wundervoller Nachmittag zu werden, der die beiden gestrandeten Überseereporter geradewegs ins Zentrum eines der letzten unentdeckten Alpinen Bräuche führte, der aber deshalb nicht minder eine Pulitzerpreiswürdige Reportage wert war. Wie Petra Oberbauer im besten Englisch der Gemeinde Steve Tucker und seinem Kollegen, dem Fotografen Bob – „Bob, that’s enough“ zwischen Kaffe und Kuchen in der elterlichen Küche sinngemäß aus der frisch geschriebenen Stadtchronik übersetzte. Steve Tucker hörte aufmerksam zu, wartete aber seinerseits nur auf eine günstige Gelegenheit den allgegenwärtigen, ursprünglich extrem gastfreundlichen, jetzt aber wahnsinnig störenden Vater seiner hübschen Informantin loszuwerden, um dieser mitteilen zu können, dass es, was ihn persönlich betraf, gar keines Klausenbären mehr bedurfte, um ihn in diesem malerischen Ort festzuhalten. „Hey Bob, why don’t you go with Mister Oberhuber and take some shots of this gorgeous little town.” Der Angesprochene teilte zwar keines Falls die Begeisterung seines Freundes für die Schönheit St. Jakobs, war aber kein Idiot und nahm also einen letzten Schluck Kaffee ehe er sich mit einem Augenzwinkern erhob. „Yeah, that’s a very good idea Steve. Lets go!” Wenn der sonst so abgebrühte Bürgermeister die Situation völlig falsch einschätzte, so darf man ihm daraus bei seiner augenblicklichen Anspannung wirklich keinen Vorwurf machen. Immer das Wohl der Gemeinde vor Augen rieb er sich im Geiste schon die Hände und meinte begeistert. „Ja, kommen sie Herr Tatsinaff. Ich werde ihnen ein paar schöne Motive zeigen.“ (5) Es wurde Abend und die ersten Fackeln entzündet. Wer sich noch immer ob des hektischen Treibens rund um den Hauptplatz überrascht zeigte, der wurde schnell eingewiesen - wenn nach einigen

4


Etappen der mündlichen Weitergabe auch nicht mehr ganz eindeutig war, was denn da genau gehumpelt oder gehobelt werden sollte, nur dass die Zukunft der ganzen Gemeinde davon abhing. Die Lehrerin scharte ihre Schüler um sich und verteilte Wunderkerzen. Der Pfarrer erkundigte sich beim Bürgermeister persönlich, ob er denn das heidnische Treiben auch gutheißen konnte, erteilte daraufhin pflichtbewusst dem Klausenbären in der Sakristei seinen Segen, worauf selbiger vom innerlich über sich selbst den Kopf schüttelnden ökologischen Oberhimpelmann ins Freie getragen wurde, wo die feierliche Prozession von der wartenden Menge empfangen wurde, die nicht recht wusste, ob sie nun andächtig innehalten oder doch besser losgrölen sollte, was dann jeder auf seine Weise erledigte, ehe die Blasmusikkapelle das akustische Heft derart vehement an sich riss, dass der in seiner Eigenschaft als Klausenbär doch noch unerfahrene Hauskater Max endgültig die Fassung verlor, mit einer schnellen Bewegung dem Onkel seiner Besitzerin entkam und schon halb hinter der Bäckerei verschwunden war, ehe der Erste aus der verblüfften Menge noch schreien konnte: „Hinterher!“ „Aha.“, meinte Steve Tucker, „Und jetzt wird gehimpelt.“ „Ja.“, meinte jene Stimme verlegen, die zu der Hand gehörte, die er schon seit zwei Stunden und während des ganzen Festaktes nicht mehr losgelassen hatte. „Jetzt wird gehimplet.“ „Na dann los!“ Als ob der ganze Ort nur auf das Kommando des fernen Gastes gewartet hätte, kam von einem Moment zum nächsten Bewegung in die Menge. Junge voraus, Alte hinterher, dazwischen Fackelträger und je nach Gewicht ihrer Instrumente die Mitglieder der Blasmusikkapelle. Jeder himpelte (oder humpelte oder hobelte, je nach Informationsstand) so gut er konnte und vor allem die beiden Amerikaner zeigten ein bei Anfängern nicht vermutetes Talent für ein Brauchtum das einem um Bürgermeister Ägidius Oberbauer zu zitieren – eigentlich in die Wiege gelegt werden musste. Man himpelte von links nach rechts, von Osten nach Westen, dreimal um die Kirche, die ersten dann direkt ins Wirtshaus. Die Mutigen durch den Bach, die Ausdauernden bis hinauf zur Bundesstraße. Großvater und Enkeltochter himpelten Arm in Arm, man rannte, lachte, tanzte, schrie und sang bis man vor lauter Himpeln keine Luft mehr bekam. Bei all dem hat es gar nichts ausgemacht, dass man auf einen schließlich ganz vergessen hat. Nämlich auf den gemeinen Klausenbären selbst, der sich auf der Flucht sämtlicher Besatzstücke, bis auf einen besonders hartnäckigen Lamettafaden, wieder entledigt hatte. Hinter dem Altpapierkorb in der Küche Schutz fand, wo er schließlich von der jüngeren Bürgermeistertochter etwas verstört aber heil vorgefunden wurde. Längst hatte der Bürgermeister inzwischen stolz vor dem Rathaus verkündet, dass schon seit Menschengedenken kein Klausenbär mehr derart perfekt gehimpelt worden war, was von der Bevölkerung nun in einem gemeinsamen Umtrunk zu feiern sei. Da dieses Brauchtum keiner weiteren Erklärung bedurfte, wurde der Aufruf sofort umgesetzt, die beiden Gäste aus Übersee, ob mit oder ohne Hintergedanken in den Kreis aufgenommen, was in einem Fall auch so blieb, als der Kreis immer und immer enger wurde. Und so hat es sich ergeben, dass das Klausebärenhimpeln in St. Jakob Einzug gehalten hat. Längst nicht nur zu Weihnachten. Seit dem enthusiastischen Artikel, der in fast allen Überregionalen Tageszeitungen der USA abgedruckt worden war, muss der Klausenbär je nach Besucherandrang heute auch zu Lichtmess, Himmelfahrt, Karmittwoch, Mariä Geburt, Empfängnis und Hochzeitstag, sowie dem 1. 18. und 29. Mai oder sonstigen Publikumsträchtigen Terminen ausrücken. Die Spontaneität der Premiere wird jedoch für alle Zeiten unerreicht bleiben, einzig vielleicht noch herausgefordert von jenem Völkerverständigenden Himplen der Oberbauer und Tucker Großfamilien anlässlich der Verehelichung ihrer Kinder, die dann zwar in der Hauptstadt ihr Glück machen sollten, dafür aber der Heimat des Klausebären zu einer immerwährenden Einnahmequelle verholfen haben. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann himpeln sie noch heute.

5


34-Stehaufmännchen