Issuu on Google+

Titel: 1986. Palimpsest mit Schildkröte Codewort: Schildkröte

1986. Palimpsest mit Schildkröte

Auf dem Weg durch den Park, an einer schattigen Stelle, dort, wo die Baumkronen dunkel über mir zusammenschlagen, stehe ich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder mitten im weißen Flaum der frühen Pappeln. Ich stoße die Schuhspitze leicht hinein und ziehe sie hoch, wirble die Flocken auf. Langsam sinken sie zurück, bedecken neu die noch feuchte Erde unter mir.

Märzensunn, sagt meine Mutter und nimmt meine Hand fester in ihre. Ich schaue zu ihr hinauf und warte darauf, was jetzt kommt. Märzensunn bringt Kinder um, sagt sie nach einer Pause. Ich denke an gelbe Sonnenstrahlen, die, scharf gewetzt und mit blitzender Spitze ein Kind nach dem anderen aufspießen. Käsewürfel, Weintraube, Wurstrad, Kinderkopf, Käsewürfel. Aber ist ja schon April, ergänzt sie nun. Wir marschieren über den matschigen Untergrund, der wie mit Watte überzogen ist. Von den Pappeln, sagt sie und zieht mir die Jacke zurecht, die mir schon wieder über den Hosenbund gerutscht ist. Machen wir bald wieder einen Partyigel?, frage ich und sie schaut mich verständnislos an. Wie kommst du jetzt da drauf? Ich zucke mit den Schultern. In der Pappelwatte hinter mir sind meine Fußabdrücke zu sehen. Ich sehe, wo wir hergekommen sind, doch in einigen Schritten Entfernung wird alles ganz undeutlich.

Ich liege am Wohnzimmerboden auf dem Bauch, das Buch vor mir. Im Fernseher laufen die Nachrichten, die ich wie gewöhnlich ignoriere. Das Gemurmel eines Mannes, dann undefinierbare Geräusche, wie Schlachtenlärm, der an mein Ohr dringt. Mama kommt herein und setzt sich auf die Lehne des Sessels hinter mir. Irgendetwas ist passiert. Ich halte die Zeile in meinem Buch fest, damit ich weiß, wie weit ich gekommen bin und blicke wie sie auf den Fernsehschirm. Hinter dem Nachrichtensprecher und seinem Gemurmel hängt eine Landkarte. Auf dem dunkelgrünen Grund ist ein Stern eingezeichnet. Mitten in dem dunkelgrünen Land, das von hier aus gesehen sehr weit weg sein muss, denn hier ist woanders.

Die Katastrophe entfaltete sich langsam. Tag um Tag wurden die Meldungen zahlreicher, länger, aufgeregter. Immer mehr und immer unbegreiflichere Informationen fluteten über uns hinweg. Ich ertappe mich heute noch dabei, wie ich eine Schachtel mit Pilzen umdrehe und auf dem Aufkleber zwischen Firmennamen und Chargennummer nach dem Herkunftsort suche. Der Helikopter kreiste einige Male um die Stelle, mindestens tausend Mal, wenn ich

1


Titel: 1986. Palimpsest mit Schildkröte Codewort: Schildkröte

alle Bilder zusammenzähle, die sich in meiner Erinnerung zu einem Palimpsest verkleben, in dem Vorher und Nachher, Wirklichkeit und Traum ununterscheidbar geworden sind.

Mama nimmt mir die Packung aus der Hand und legt sie zurück auf den Stapel. Die Pilze speichern das Gift, sie sammeln es. Wie die Organe. Die Leber, zum Beispiel. Ich tippe mit meinem Finger den blutigen Klumpen an, den sie aus dem Huhn geholt und in ein selbst gebasteltes Schüsselchen aus Alufolie gelegt hat. Im Ofen wird die Leber neben dem Huhn langsam graubraun. Mama sticht mit der Gabel hinein, rötlich-brauner Saft rinnt heraus. Dann schneidet sie ein Stück herunter und hält mir die Gabel hin. Ich zögere, dann blase ich das Stück an und bekomme es in den Mund geschoben. Zuerst halte ich die Luft an, denn dann schmeckt man weniger. Doch beim Schlucken kommt der Geschmack sowieso, ob ich will oder nicht. Weich und salzig schmiert sie über meine Zunge. Ist das giftig?, will ich wissen. Mama schüttelt erstaunt den Kopf. Ich schleiche mich hinter ihrem Rücken aus der Küche und spucke die Reste, mit Spucke vermischt, in meine Handfläche.

In meiner Erinnerung kreist der Hubschrauber noch immer um den Betonkasten, in die die Explosion ein Loch gerissen hat. Sand wird abgeworfen, er staubt in kompakten, schweren Wellen durch die Luft.

Mama schließt das Fenster und sagt: Heute bleibst du herinnen. Märzensunn, Märzensunn. Zu spät. Die Sandkiste werden wir ausschaufeln. Das muss alles weg, sagt sie jetzt. Da fällt mir plötzlich ein, dass ich meine hölzerne Schachtel dort vergraben und dann vergessen habe. Jetzt kommt alles heraus. Auch im Radio reden sie schon davon. Von der Wetterlage und vom Regen. Er bildet schmale Rinnsale im Sand, sickert nach unten zu meiner Schachtel aus Holz, durch das die Würmer kriechen. Und in den dunklen, immerfeuchten Waldboden hinab, aus dem die Pilze ans Licht drängen. Mama macht sich Sorgen. Sie schließt die Fenster. Dann legt sie ihren Arm um meine Schultern. Ich schleiche in den Keller und öffne die schwere Tür zum Schutzraum. Dort finde ich aber nichts als zwei Dosen Bohnen, ein Glas Kirschenkompott und drei Paar Schischuhe, die muffig riechen. Zwei Tage könnten wir davon leben, rechne ich mir aus. Aber nur, wenn wir sparsam sind. Und dann der erste Schritt hinaus in die Luft. Ich stelle mir vor, dass draußen alles wie leergefegt ist, die Bäume nur mehr dürres Geäst, das sich dunkel in den roten Himmel reckt. Die Pappelwatte ist schwarz geworden und hart und mit dem Untergrund zu einer teerigen Masse verschmolzen.

2


Titel: 1986. Palimpsest mit Schildkröte Codewort: Schildkröte

Das Bild bleibt mir stehen, unbewegt, ein einziges, grobkörniges Schwarz-Weiß-Bild mit Frauen, die nichtsahnend den Ersten Mai feiern. Sie lachen in die Kamera.

Aber nicht barfuß gehen, ruft mir Mama nach, als ich in den Garten laufe. Als ich, nach Tagen oder Stunden in meinem Versteck in der Thujenhecke, zurückkomme, steckt sie mich in die Badewanne und sagt, ich solle mich mit dem Schwamm abschrubben. Sie zupft einen Zweig aus meinen Haaren. Ich werfe in der Zwischenzeit die Schaumwolken hoch. Sie plumpsen, tropfenschwer, herab, hinterlassen flockige Spuren auf den Fliesen und dem Badewannenrand. Lass das, wasch dich, sagt sie wieder. Oder willst du krank werden?, fragt sie mich. Ich suche in dem dicken Buch nach den paar Seiten mit den Reptilien. Links Echsen, rechts Schlangen, auf der nächsten Seite: Schildkrötenkrebs, hat die Frau im Fernsehen gesagt. Darüber muss ich aber erst noch nachdenken.

Die Bilder, die ich mir heute davon mache, sind vielleicht vor allem solche, die ich Jahre danach gesehen habe. Ich blätterte mich durch eine Fotostrecke in einem Magazin. In der rechten oberen Ecke noch einmal das Schwarz-Weiß-Foto des turmbewehrten Betonklotzes, der in eine seltsame Unordnung geraten ist. Der Rest der Bilder waren Variationen über die Einsamkeit einer überhastet verlassenen Gegend, eines entvölkerten Landstriches, der mich an Pompeji erinnerte.

Ich hänge die Decke in das gekippte Fenster und schließe es mit meiner ganzen Kraft. In meinem Zimmer ist es nun fast ganz dunkel, ein rötlicher Schimmer erhellt undeutlich Bett, Tisch, meine Füße. Das Atmen fällt mir schwer. Aschenregen, Sandsturm, Strahlenwolke. Ich wälze mich, nach Luft ringend, auf dem Teppich, die Hände auf meinem Hals. Ich kann kaum noch sprechen. Hör auf mit dem Blödsinn, sagt sie. Essen ist fertig. Sie reißt das Fenster auf und zieht die Decke herunter. Ich hüpfe fröhlich hinter ihr die Treppe nach unten. Nacheinander, Stufe für Stufe, Silbe für Silbe, skandiere ich: Leber, Bohnen, Kompott, Schildkrötensuppe. Und dann alles noch einmal von vorne.

3


32_1986-palimpsest-mit-schildkrote