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K3 Literaturpreis 2012 Beitrag 26 Codewort: "suz" Gestern. Früher Abend. Ich wollte mein Buch lesen, konnte es aber nicht finden. Mein Bücherregal war leer. Es könnte damit zu tun haben, dass es noch originalverpackt im Kofferraum meines Autos lag. Ich war eben erst im Begriff meinen Büchern etwas Gutes zu tun und sie in Regalen zu lagern. Derzeit lagen sie noch wild verstreut in meiner frisch bezogenen Wohnung herum. Mein Vorsatz auf artgerechte Buchhaltung umzustellen war noch sehr jung und meine Bücher wussten noch nichts davon. Wie es aber so mit Haustieren ist, versuchten sie die Räumlichkeiten auf eigene Faust zu erobern und ihren Stammplatz zu finden. Sie waren nicht gut erzogen, aber gut gepflegt und wurden einmal jährlich entwurmt. Bei aller Pflege halte ich aber nicht viel von der Bucherziehung und ging deshalb mit keinem meiner Bücher in die Schule. Man könnte sich jetzt natürlich in einer Grundsatzdiskussion über die Vor- und Nachteile einer Buchschule ergehen, aber ich lehne Buchschulen generell ab, da sie einer unnötigen Konformität Vorschub leisten und ein Buch in seiner Individualität einschränken. Schulbücher sind seelenlos, herzlos und somit reizlos. Ein Buch gehört nicht erzogen sondern erlesen! Das ist mein Grundsatz. Somit kann man davon ausgehen, dass ich nur mit erlesenen Büchern unter einem Dach wohne. Mir scheint allerdings, dass ich gerade etwas abschweife. Ich wollte also ein spezielles Buch lesen, nur musste ich es erst finden. Ich machte mich also auf die Suche, bewaffnet mit einem Buchbinder, den man bei widerspenstigen Büchern immer dabei haben sollte. Da. Eine Schleifspur. Jetzt muss es schnell gehen. Deckung hinter dem Türstock. Vorwärts. Sprung. Schnapp. Und ich hatte es. Fasste es mit beiden Händen und schlug es auf. Ich brach seinen Widerstand schlug es auf und ... Nichts. Leer. Ausgelesen. Ich hatte es ausgelesen, aber ich konnte mich nicht erinnern. Ich wusste nicht einmal mehr wie es hieß. Scheinbar hatte ich auch den Titel vom Einband und Buchrücken gelesen. Es war nur mehr die Werbung auf den letzten Seiten zu finden. „Weiters erschienen sind:“ Hat mich noch nie interessiert. Das war nun ein Problem. Das Buch war mir bekannt und der Inhalt offensichtlich auch. So klar mir aber war, dass ich den Stoff kennen müsste, da ja auch ausgelesen, war mir das, was es war, nun überhaupt nicht. Damit fasste ich den Entschluss, in mich und dort auf die Suche nach den verschwundenen Wörtern zu gehen. Jetzt stellten sich mir gleich mehrere Fragen. Wie komme ich in mich rein, wo ist der Einstiegspunkt und wenn ich einmal drin bin, wie komme ich da wieder raus?


Wo soll ich danach suchen, und wenn ich es gefunden habe, wie weiß ich, dass es das ist, wonach ich suchte. Wenn ich in mich gehe, verdopple ich mich dann inhaltlich, weil ich dann ja noch einmal in mir bin, oder bin ich dann draußen weg, weil ich dann ja drinnen bin. Kann es sein, dass jemand, der nicht da ist, wo er sein sollte, eigentlich schon da ist, aber nun schon so lange wartet, dass er nur kurz mal eben in sich gegangen und damit weg ist, obwohl er da ist? Ich suche also Eingang in die ewigen Jagdgründe meiner FSME Antikörper und plötzlich bin ich tatsächlich in mir. Eingegangen quasi. Moment, könnte es sein, dass mein jüngst beim Waschen eingegangener Pullover nur in sich gegangen ist, oder ist er doch eingelaufen und war er durch das Laufen konditionell so außer Puste, dass er den Weg zurück nicht mehr geschafft hat? Wo war ich? Ah ja, drin in mir! Auf der Suche nach dem Titel meines ausgelesenen Buches. Finster, aber meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit und meine Umgebung nimmt daher langsam Form und sogar ein bisschen Farbe an. Es dauert nicht lange und ich sehe wieder scharf, was aber noch lange nicht heißt, dass ich mich im Stande sehe, weil ich aus unerfindlichen Gründen auf dem wohltemperierten und angenehm weichen Boden knie. Dieses Problem behebe ich aber sofort , indem ich aufstehe und mich aufmache, um meine Suche zu beginnen. Ich ducke mich kurz, um einem tief fliegenden Blutplättchen auszuweichen. Das hätte ich ruhig spenden können, so orientierungslos, wie das herumtorkelt. Dann winke ich noch höflich einem L. Casei Immunitas Bakterium, das ganz offensichtlich eine ministerielle Flugerlaubnis auf seiner Brust trägt, zu und setze meinen Weg fort. Er ist lange und verschlungen, mein Weg, aber er hat ein Ziel und das verfolge ich. Ich komme zu einer Kreuzung und bleibe stehen, mein Fehler, wie sich herausstellt, ich habe ein schwebendes, rotes Blutkörperchen als Ampel interpretiert. Nachdem aber die Gelbphase unglaublich lang auf sich warten lässt und von einem grünen Signallicht weit und breit keine Spur ist, setze ich meinen Weg fort. Schnellen Schrittes, aber mit stets schweifendem Blick. Plötzlich ein Berg mit einer schier endlos gewundenen Strasse. Das musste es sein, mein Ziel, das Gehirn. Eine Windung nach der anderen. Im Grunde eine architektonische Meisterleistung, allerdings scheinbar touristisch gut erschlossen, denn die Straßenränder sind gesäumt, die Gräben gefüllt und die Kettenanlegeplätze übersät mit nicht artgerecht entsorgtem Unrat. Je größer die Zahl an Höhenmetern, die ich zurücklege, desto höher werden auch die Berge an offensichtlich nicht mehr Gebrauchtem am Straßenrand. Mich überkommt ein Bedürfnis, ein äußerst menschliches noch dazu, aber hier offenbart sich eine unübersehbare Ähnlichkeit zu unseren Autobahnen. Alle strategisch günstig gelegenen öffentlichen Bedürfnisanstalten sind geschlossen oder verlegt und leider habe ich am Beginn meiner Reise vergessen Kleingeld einzustecken, womit die Möglichkeit, ein Häusl in einer Raststätte aufzusuchen, auch entfällt. Ich wollte mich auch nicht irgendwo an den Straßenrand hocken und meine Notdurft verrichten. Dann hätte ich mir ja selbst ins Hirn geschissen und könnte nicht einmal mehr runterlassen. Was also kann ich machen? Es gibt nur mehr eine Chance meinem Drang nachzugeben. Ich brauche eine Notrufsäule, die, wie es mir logisch erscheint, mit der Zentrale, also meiner Hirnzentrale, verbunden sein muss. In diese könnte ich dann einen entsprechenden Befehl an meinen Pförtnermuskel und an meine Blase absetzen.


Ich beginne also im Müll zu graben und stelle fest, dass das von mir als Unrat identifizierte Straßenspalier nichts mit Abfall zu tun hat. Als ich nämlich die Hände ausstrecke und das erste Müllknäuel berühre, entpuppt es sich als Erinnerung. Ich greife also in den „Dreck“ und sehe mich plötzlich in einer Sandkiste, meine Windel nahezu an der Grenze ihrer Aufnahmefähigkeit, ich backe Sandtörtchen. Sehr schöne nebenbei bemerkt. Von ihrer Ästhetik fasziniert kommt, was kommen muss. Ich backe erneut ein absolutes Meisterwerk und weil das Auge bekanntlich einen Saumagen hat, esse ich das Backwerk. In dem Moment werfe ich das Erinnerungsknäuel wieder weg. Leider nicht früh genug, um nicht den Geschmack und das mahlende Geräusch zwischen den Zähnen zu spüren. Ich gehe spuckend weiter, kann aber den Drang noch ein Erinnerungsknäuel zu berühren nicht widerstehen. Plötzlich sehe ich mich im Kindergarten mit meiner ersten großen Liebe. Ich sehe ihr tief in die Augen, sie mir auch und wir küssen uns. Da ist er wieder, der sandige Geschmack, da die zukünftige Mutter meiner Kinder, wie ich mir damals dachte, unmittelbar zuvor auch meiner Konditorenkunst erlag. Ich verwerfe die Erinnerung wieder, stelle aber dabei fest, dass mit fortschreitendem Weg die Erinnerungen immer jünger werden. Ich wusste also, ich muss nahezu auf den Gipfel des Berges, um die Erinnerung an den Titel des Buches zu finden. Ich schreite also voran, vorbei an der Pubertät, vorbei an der Führerscheinprüfung bis kurz vor den Gipfel, also kurz vor dem Jetzt. Mir war klar. Jetzt. Schau genau! Da lag es. Ein ganz eigenartig geformtes Knäuel. Ein Knäuel aus dem Textstränge wie Oktopusarme ragten. Wie ein Knoten. Ein Knopf im Hirn also. Während die Erinnerungen bisher leicht zu entwirren waren, ist dieser Knopf so verwirrt, dass er nahezu nicht mehr zu entwirren war. Ich versuche es trotzdem und schaffe es soweit, um drei aufeinanderfolgdende Worte entziffern zu können. Und die waren: „SEIN und ZEIT“. Das war es. Das war der Titel des Buches, den ich gesucht hatte. Den Haufen nehme ich mit. Den fülle ich wieder in das leere Buch ein, damit ich weder Inhalt noch Titel wieder vergesse. Hebe ihn auf und stelle fest: Schwer, ziemlich schwer! Aha, das könnte der Grund sein, warum mein Kopf manchmal so schwer ist, warum er mir beim Fernsehen manchmal so nach hinten fällt und ich mit einem Hexenschuss aufwache. Natürlich wollte ich jetzt wissen, wie schwer so ein Knopf im Hirn ist. Ich wiege ihn und sehe. Es ist exakt ein Heideka! Nun bin ich zufrieden, obwohl ich nicht sagen kann, wie viel Heideka ein Kopf verträgt, bevor er unhaltbar wird, aber das kann man sicher nachlesen. Ich kann also gehen. Ich schlug meine Augen auf, das Buch in meinen Händen zu und las den Titel: „SEIN und ZEIT“ von Martin Heidegger. Ein gutes Buch. Das muss ich lesen, aber zuerst schlafe ich noch eine Runde.


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