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Codewort: SCHAUFEL

Späte Rache Die neue Wohnung. Alles noch neu, bis ganz hinauf in den dritten Stock wo wir, eine damals noch dreiköpfige Familie, nun wohnen sollten. Über die alte Wohnstätte wurde der Mantel des Schweigens gebreitet, möglichst Niemand sollte erfahren, dass wir aus dem Glasscherbenviertel, der einzigen Barackensiedlung von Graz hier her gezogen waren. Vater hatte eine Fixanstellung bei den Grazer Stadtwerken bekommen, ein mäßiges, aber regelmäßiges Einkommen. Mutter hatte ihre kleine Repassierwerkstatt am Grazer Färberplatz geschlossen und wollte sich fortan der weitaus aufreibenderen Berufung als Hausfrau und Mutter hingeben. Die neue Wohnung hatte westseitig und ostseitig jeweils einen langen Balkon der für mich ein absolut unnötiges Accessoire war da ich schon damals, mit knapp fünf Jahren an grässlicher Höhenangst litt. Für Mutter war der Balkon allerdings ein Paradies. Eine ihrer hausfraulichen Leidenschaften war das Wäschewaschen. Was sich ostseitig an Landschaft hinter der ständig dort baumelnden Wäsche verbarg, wusste ich lange nicht. Früh in den Morgenstunden verbargen schon leicht tropfende Wäschezeilen die Sicht auf den Schöckl und den Kalvarienberg. Westseitig war es allerdings nicht so beliebt Wäsche aufzuhängen, hier war der Verschubbahnhof und es gab noch echte Dampfloks, die zwar imposant anzusehen waren, die aber auch Dampf, Russ und Asche absonderten, was der frisch gewaschenen Wäsche nicht sehr zuträglich war. Mutter war von den neuen Nachbarn hier mehr als begeistert, in der Wohnung gegenüber wohnte sogar ein echter Professor der großen Wert darauf legte, mit „Herr Oberstudienrat“ angesprochen zu werden. Einen Stock tiefer wohnte ein Oberpostrat mit seiner Oberposträtin, auch die weiteren Mieter im Hause hatten interessante Titel und Berufe, ein Kapellmeister, ein Ingenieur – ich korrigiere: Ein Diplomingenieur, und es gab sogar einen Hausmeister. Der hatte keinen Titel aber alle hatten Respekt vor ihm. Ich musste lernen alle korrekt anzusprechen, also niemals zum Oberstudienrat „Herr Professor“ sagen, oder zum Herrn Diplomingenieur nur „Herr Ingenieur“ sagen. Immer ein freundliches „Grüß Gott“ vorangestellt. ** Ostersonntag. Heimatlos gewordene Rauchschwaden durchziehen das Grazer Becken. Blütenduft vermischt sich mit dem Geruch der noch glosenden Osterfeuer. Man könnte ein Parfum mit dem Namen „Ostersonntag“ kreieren. Basisnote glosendes Gestrüpp, Herznote Blüten, frisch, fröhlich, frühlingshaft. Die Herznote, ein harmonisches Potpourri aller Duftbestandteile, sie bildet den eigentlichen Charakter, das Herz des Parfums. Die Basisnote ist der Fond, der den Duft sanft und angenehm ausklingen lässt. Dieses Potpourri hat seinen Reiz. Vor allem Hustenreiz. Noch eine Komponente mischte sich in diese Duftsymphonie: Aufregung. Die Aufregung eines Fünfjährigen. „Geh` in den Hof spielen, mit den anderen Kindern, das wird sicher lustig. Was glaubst wie die staunen werden über deine schöne neue Schaufel“, sagte meine Mutter und mein Vater, den Mund voller Liköreier, nickte zustimmend. Der Osterhase, dieses wundersame Tier war erstmals hier in der neu bezogenen Wohnung zu uns gekommen. Der Glaube an Spielzeug bringende Wundertiere war damals bei mir durchaus noch vorhanden. Dass er, nämlich der Osterhase auch noch bunte Eier absonderte erhöhte den Reiz noch um einiges, dass er allerdings für die Erwachsenen auch noch Liköreier und sonstiges unbrauchbares Zeug brachte, na ja, er war eben, wie bereits erwähnt ein wundersames Tier. Die Schaufel war wirklich wunderschön, leicht und handlich, das Schaufelblatt gelb lackiert mit einem stabilen Holzgriff. Mit einem unverdorbenen Stolz


wie ihn nur Kinder haben können, verließ ich die Wohnung im dritten Stock Richtung Hof. Ich würde der König der Sandkiste sein, ein Antoni Gaudi der Sandburgen. Kathedralen aus Sand würde ich erbauen, bewundert von den anderen Kindern die unbekannterweise nun auf mich warteten. Mit anderen Kindern spielen, das war etwas gänzlich Neues für mich. In der alten Wohnung, dort in der Barackensiedlung hatten mich meine Eltern hermetisch gegen jeden Umgang mit anderen Kindern abgeschirmt. Mein einziger Kontakt zu anderen Personen war der zu meiner Großmutter, die mich beaufsichtigte wenn meine Eltern arbeiten waren, aber hier, in der neuen Wohnung war das etwas Anderes. Mit Kindern von Beamten, Ingenieuren, Kapellmeistern und Oberstudienräten musste man spielen. „Freu dich“ „Das wird sicher lustig“, die Worte meiner Mutter klangen mir noch im Ohr als ich, nun doch etwas zaghaft den Hof betrat. Die anderen Kinder waren schon länger hier zugezogen und kannten sich bereits untereinander. Christian und Walter, die Söhne des Ingenieurs, Inge, die Tochter des Kapellmeisters, Ingrid und Waltraud, die Postbeamtenkinder und Herbert und Helga, die Kinder des Hausmeisters vom Nachbarhaus. Ich war neu hier, ein Fremder. Meine erste Bekanntschaft mit Xenophobie. „Nichts, da musst du durch“ dachte ich mir und Mutters „das wird sicher lustig“ half mir ein wenig dabei. Wie ein Forscher der auf einen, bislang unbekannten Eingeborenenstamm trifft, wollte ich mir das Wohlwollen meiner zukünftigen Spielkameraden erkaufen und in Ermangelung von Glasperlen oder ähnlichem Tand reichte ich Christian, der anscheinen der Häuptling der skeptisch dreinblickenden Kinderschar war, meine schöne neue Schaufel. Der Osterhase würde stolz auf mich sein. Christian umklammerte mit festem Griff, wie es sich für einen wahren Häuptling gehört, den Stiel der Schaufel, in seinen Augen blitzte so etwas wie Freude auf. Sekunden später landete das Schaufelblatt, von starker Kinderhand geführt, auf meiner Nasenwurzel. Der Ausdruck von Freude im Gesicht des Kinderhäuptlings verstärkte sich. Etwas Warmes, Klebriges rann mir übers Gesicht, der momentane Schock ließ keinen Schmerz aufkommen fast wie in Zeitlupe drehte ich mich um und verließ den Hof. Das war also das so großartig angepriesene „Spielen mit anderen Kindern“. Ich fand es, im Gegensatz zu meinen Eltern, nicht lustig. In den nächsten Wochen nach diesem Vorfall lebte ich zurückgezogen wie ein Eremit. Meine Eltern schickten mich zwar zum Spielen in den Hof, ich aber verbrachte diese Zeit einsam aber glücklich im Stiegenhaus. Während die anderen Kinder in diesem Sommer eine gesunde Gesichtsfarbe bekamen, manche sogar richtig braun wurden, blieb ich blass. „Er ist halt blond, da wird man nicht so leicht braun“ sagten meine Eltern, ich aber wusste es besser. Meine Zeit im Stiegenhaus verbrachte ich damit, die Stufen zwischen den einzelnen Stockwerken zu zählen und ich grüßte höflich die Erwachsenen, die gesamte Litanei von „Grüß Gott Herr Oberstudienrat“ bis „Grüß Gott Herr Diplomingenieur“, den Kindern aber ging ich aus dem Weg, ich wollte es nicht mehr „Lustig“ haben. Ich wurde ein verschlossenes Kind. Meinen Eltern fiel das nicht auf, bekamen sie doch von allen Erwachsenen Lob für das brave, ruhige Kind das immer so höflich grüßte. Meine Kenntnisse, dass es vom ersten in den zweiten Stock neun Stufen, aber vom zweiten in den dritten Stock nur acht Stufen waren, behielt ich für mich. Bald lernte ich auch rückwärts zu zählen, addieren, subtrahieren, kurzum die Zahlen wurden meine besten und einzigen Freunde und so war es weiter nicht verwunderlich, dass ich später, viel später, Buchhalter wurde. Ein guter Buchhalter, einer der besten die es in Graz gab und so war es nur eine Frage der Zeit bis ein sogenannter „Headhunter“ mich kontaktierte und fragte, ob ich nicht Chefbuchhalter bei einem der größten Energiekonzerne der Steiermark werden wolle. Meine Qualifikationen waren mehr als ausreichend und so wurde ein Vorstellungstermin beim Chef des Unternehmens fixiert.


Als ich seinen Namen las dachte ich: „Sieh da, so trifft man sich wieder“. Christian, der damalige Kinderhäuptling hatte es auch hier ganz nach Oben geschafft. Er konnte sich nicht mehr an mich erinnern, es war schließlich und endlich mehr als 30 Jahre her, dass er mit seiner Familie in eine feinere Wohngegend fortgezogen war. Ich saß ihm gegenüber, korrekt gekleidet, sauber gescheitelt und gekämmt, den Blick leicht gesenkt und meine Aktentasche auf den Oberschenkeln. „Haben sie da ihre Bewerbungsunterlagen drinnen?“ fragte er mich. „Auch“ gab ich zur Antwort. „Was denn noch?“ erkundigte er sich mit einem jovialen Grinsen im Gesicht. Langsam und bedächtig öffnete ich meine Aktentasche und zog meine neueste Erwerbung heraus: Eine wunderschön gelb lackierte Sandschaufel mit stabilem Holzstiel.


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