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Graz 27.3.2012

K3 Literaturpreis 2012 Beitrag 22 Codewort: "ROSA"

Vom Süßen. Vom Leben. Vom süßen Leben. Ich esse Punschkrapfen. Eine Art von Gebäck die viel mehr über das Leben und Menschsein aussagt, als man auf den ersten Blick und Biss vermuten möchte. Eine Liebeserklärung. Der eruptierten Erde eines Bebens gleich ziehen feinste Risse durch die rosa leuchtende Umhüllung. Hervorgerufen durch eine zielsichere Attacke durch das kleine Gäbelchen. Langsam, ganz langsam gleitet das metallene Besteck durch die Schichten. Feinste, fruchtige Marillenmarmelade und flaumiges Biskuit vermögen nicht die führende Hand zu hindern hindurchzustechen durch die charakteristische ockerfarbene Schicht, dem Herzstück, der Identität der kubusförmigen Köstlichkeit. Zarte Glasur umgibt ihn, welche im Munde die Zunge umschmeichelt und Aromen von Zucker und Rum preisgibt. Das Biskuit, frisch. Leicht befeuchtet durch die noble Nässe der Marmelade, golden glänzend, verführerisch duftend und der Glasur geschmacklich Paroli bietend. Und schließlich – die Fülle. Eine Sinfonie, geschmackliche Besonderheiten unterschiedlicher Backwerke, sich vereinigend zu einem unvergleichlichen Ganzen. Jede Note stimmt. Der Gaumen ist erfreut, möchte den Geschmack nie wieder missen. Geh nicht! Ach, könntest du doch ewig wehren. Du, mein Punschkrapfen.

Zugegeben, die noblen Worte mögen einem Unwissenden übertrieben erscheinen, geht es doch „nur“ um ein Stück österreichische Mehlspeise. Doch der Punschkrapfen, dessen Urrezeptur den K&K-Hofzuckerbäckern und gewürztechnischer Einflussnahme der belagernden Türken nachgesagt wird, ist für mich viel mehr als das. Früher mochte ich diese österreichische Traditionskonditorenware eigentlich nicht. Als ich aber eines Tages aufgrund enormen Zuckerbedarfs einen Kakao samt Punschkrapfen in einer Liebenauer Konditorei bestellte, war es um mich geschehen. Wie konnte etwas so banales so fein schmecken? So wohl tun? Komme ich jetzt in eine Konditorei, egal ob örtlich nah oder in fremden Städten, können mich üppige Torten, Schnitten , Bisets und Pralinen in noch so fein-deliziöser Ausführung nicht locken. Mein suchendes Auge schweift über sie hinweg. Es sucht etwas viel schlichteres, klareres, etwas, das den Sehnerv umgehend trifft. Rosa, in Würfelform – manchmal gerundet – steht er da. So einfach, fast ein wenig ordinär, rosig verrucht, neben cremigen Torten und vielfarbigen Confiserien. „Einen Punschkrapfen bitte.“ Bekomme ich in einem Betrieb meine Leibmehlspeise nicht, so verlasse ich ihn. Maximal einen Kaffee trinke ich dort. Und schweife weiter, immer auf der Suche nach dem nächsten, dem besseren Punschkrapfen. Der Bessere. Wo ist der? Noch kenne ich nur den Besten. Wie in der Liebe zwischen zwei menschlichen Individuen ist es auch hier die erste Liebe die am intensivsten empfunden wird. Ich habe nirgends bessere Qualität gefunden als in jener Konditorei in Graz. Bestellen muss ich längst nicht mehr. Betrete ich die angenehm lichtdurchflutete Räumlichkeit wird mir meine rosa Leidenschaft umgehend an den Tisch gebracht. Sonst heißt es nur „Wie immer?“ Manchmal denke ich, bin ich mit 24 nicht zu jung um beim sonntäglichen Cafehausbesuch als Stammkunde empfangen zu werden, der immer wegen „seinem“ Punschkrapfen kommt? Hätte ich mir das nicht für die Pension aufsparen sollen, um als greiser Denker den letzten Abend der Woche stets bei Kaffee und Kuchen zuzubringen? Doch diesen Gedanken verwerfe ich stets rasch. Ich suche ja nach anderem Punschgebäck, überall, doch es scheint aussichtslos. Das erste Mal. Es ist das schönste. Und mittlerweile darf ich mit Fug und Recht behaupten wahrlich viel durchprobiert zu haben. Immer nur hausgemachte Ware, der fertigen Müll der großen, gesichtslosen Firmen schert mich nicht. Eine Frechheit was einem da zugemutet wird. Immerhin bin ich durch die Vertriebschefin des Grazer Traditionsbackhauses Hubert Auer 2011 sogar zum offiziellen Punschkrapfentester geadelt worden – mit Ausweis! – und teste in den städtischen Filialen


Graz 27.3.2012 ob es Qualitätsunterschiede gibt. Doch auch in namhaften Betrieben kann man enttäuscht werden, wenn Temperatur, Glasur oder pampige Fülle nicht entsprechen. Namen möchte ich keine nennen. Denn falsch machen kann man vieles bei einem Punschkrapfen! Der Mensch glaubt immer: Kuchenrestln zusammenpantschen, Rum dazu, zwischen zwei Biskuitschichten packen und pickige Glasur drüber schwappen – fertig. Ein Hohn! Blasphemie gleich wird die hohe Kunst der Punschkrapfenerzeugung maßlos unterschätzt. Bei manchen Produkten scheint die genannte Vorgehensweise trotzdem Produktionsmaxime zu sein. Fürchterlich, wenn man in der Fülle nichts mehr wahrnimmt als inhaltslose Süße. Grauenhaft wenn das Biskuit hart, der Überzug klebrig ist. Wie kann man nur?! Die Fülle ist immerhin das Herzstück des rosanen Wunders. Jemand der tatsächlich Ausschussware und Übriggebliebenes herzlos zergatscht kann kein guter Mensch sein. Die Mitarbeiter in „meiner“ Konditorei sind sehr gute Menschen. Der Punschkrapfen also. Gibt es eine Mehlspeise die mehr Parallelen zu Soziologie im Speziellen und dem Leben im Allgemeinen aufweist? Mit dem Zitat „Die Mentalität der Österreicher ist wie ein Punschkrapfen. Außen rot, innen braun, und immer ein wenig betrunken.“ wusste schon der große Thomas Bernhard die nach außen hin sozialdemokratisch-tolerante und im Inneren doch oft massiv fremdenfeindliche Gesinnungsprägung des heimischen Menschenschlags zu karikieren. Verfolgt man politische Debatten auf der einen und Stammtischgeplärre auf der anderen Seite, ist dem Literaten und Kunstschaffendem Recht zu geben. Doch auch an unser aller Dasein an sich wird man in der Auseinandersetzung mit dem Punschgebäck in melancholischer Art und Weise erinnert. Das Leben bietet einem so viel Verführerisches. Dinge die uns durch Äußerlichkeiten konditioniert anspringen lassen, glänzen sie doch so schön – rosa etwa. Und lässt man sich alsdann auf diese Verführung ein bricht die rosa Fassade und offenbart nichts als bräunliche Dunkelheit. Der schöne Schein nutzt eben oft nur um Finsteres zu verhüllen. In einem prachtvoll errichtet und gepflegten Haus können sich hinter den seidenen Vorhängen die abscheulichsten Dramen abspielen. Doch wir sehen nur die Hülle. Dies kann dem Mehlspeisenliebhaber nun denn auch widerfahren, erwirbt er in freudiger Erwartung einen mit Marzipanfigürchen und Schokoladennetz besonders schön veredelten Punschkrapfen. Enttäuscht der Biss ins Innere, wozu ist dann all das Schöne Drumherum noch nütze? Der Punschkrapfen hat also auch etwas biestiges, eine verlogene Hinterfotzigkeit an sich die dem Menschen seine Fehlbarkeit erbarmungslos unter die Nase, oder in jenem Fall, an den Gaumen reibt. Und wer hat sich nicht schon dabei erwischt zu sagen „Damit hätte ich nicht gerechnet!“? Unser irdisches Dasein ist eine Lotterie. Eine ‚Pralinenschachtel‘, wie im Filmklassiker Forrest Gump euphemisiert. „Man weiß nie was man kriegt.“ sagt Forrest Gump alias Tom Hanks, wie er auf der Parkbank sitzt um einer, mit halben Ohr hinhörenden, alten Dame seine Lebensphilosophie zu erklären. Auch bei einem Punschkrapfen ist man immer zur Unwissenheit verdammt wenn es um die Fülle geht. Niemand kann sagen wie diese schmeckt, niemand ahnen was der Erzeuger beigemengt hat. Da steh‘ ich nun ich armer Tor. Und so weiter. Der Punschkrapfen ist die Extrawurst unter den Mehlspeisen. Niemand kann mit Sicherheit beweisen was drin ist. Wie im Leben sind wir nicht allwissend, müssen dem Gutdünken des Schicksals vertrauen. Ob wir nun vor einschneidenden Entscheidungen unser Leben betreffend stehen, oder vor der Vitrine in der Konditorei um die Ecke.

Philipp Braunegger


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