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Apparat Sie sah auf ihr Handgelenk, doch da war keine Uhr. Der Himmel über dem Geäst schien wie eine Schraffur aus Bleistift. Es half Za's Orientierung nicht, dass bei längerer Betrachtung desselben kleine türkise Quadrate im Grau bemerkbar wurden und ein allmählicher Farbwechsel eintrat. Im unbestimmten Licht schwankte ein Weberknecht auf haardünnen Beinen über den Arm im Blattwerk. Za kniete sich neben die reglose Gestalt. Zwischen bleichen, in den Grund gekrallten Fingern sammelten sich die verflüssigten Überreste toter Blätter. Der andere Arm der Leiche verlief angewinkelt gegenüber des Profils, die halb geschlossene Hand kam hinter dem Kopf zu liegen, am Rande einer schwarzen Senke, über der die Wurzelfasern eines ausgerissenen Baumstumpfs hingen, deren Schattenmuster sich wie Risse auf die kalte Haut schlugen. Am Waldboden fand sie keine Anzeichen von Spuren, nur Furchen und Rinnen in denen das Regenwasser wie Quecksilber stand und die schwarzen Stämme reflektierte. Hat es sich hier zugetragen? Einzig Spritzer dunklen Schlamms auf dem Hemd, den grünvioletten Venen des Genicks- nichtmal eingetrocknet kriecht die Masse wie Teer herab... Aber... Was? Sie lenkte ihren Blick entlang des rechten Arms, betrachtete die gebeugten Finger der Hand, die nur wenige Millimeter erstarrt über dem feuchten Laub hing. Unter den brüchigen Nägeln war ein Streifen fleckig grünen Gewebes gepresstZa wurde unvermittelt schwarz vor Augen. Während sie sich blind aufrichtete, um die Stockung des Kreislaufs zu lösen, breitete sich ein Kopfschmerz -synchron zu ihrem Herzschlag- in ihrem Hirn aus, wie Wellen von Metallscharten. Ihre Sicht in diffusen Lichtflecken wiederkehrend, beugte Za sich über die Hand. Der grüne Film bedeckte auch teilweise die Fingerkuppen, der Struktur nach erinnerte er mehr an Schimmel, denn Gras, sich graduell entlang der feinen Hohlwege der Haut fortpflanzend, eine schäumende Flut, die Konturen verschwindenden Fleischs langsam verwischend. Za stürzte zu ihrer Tasche. Sie fand zwischen ledernen Falten das Taschenmikroskop. War der Körper jetzt noch bleicher geworden? Ihr schien die Haut weiß wie Kalk. Sie richtete die Linse auf die Fingerspitzen und hob mit einigen Drehungen am Mikroskop aus verzerrten Lichtschlieren ein Bild zufriedenstellender Schärfe. Die unregelmäßig grüne Farbfläche wurde unter dem Mikroskop plastisch; statt eines Organismus blickte sie aber in ein Gewirr feinen Drahts, der sich in Schleifen wand wie Stahlwolle. Zwischen Verläufen metallischer Fäden hingen, in dicht geflochtene Nester gebettet, Kristallfragmente, bei denen Za an Splitter geborstener Spiegel dachte. Sie setzte das Mikroskop ab. Ihre fielen die Augen zu. Das ergibt keinen Sinn. Über die Lider und Augenfalten der Leiche, bis an die Ausläufer der Retina, zog sich ein feines Netz grüner Ablagerung, wie mit Feder gezeichnet. Za stützte sich mit einer Hand im Schlamm ab, das Mikroskop in der anderen, und senkte ihren Kopf über das Gesicht der Leiche; versehentlich stieß sie mit einem Knie an deren Oberarm. Scheiße, ich sollte ja nichtEin Knirschen beutelte den Raum; ihr Sichtfeld brach wie Splitter zerschmetterter Glühbirnen;


etwas traf sie- zerriss in ihrem Hirn. Sie sah zwei schwarze Metallträger in der Umklammerung undenkbarer Kräfte aneinander reiben, aus atomaren Klüften anschwellendes Geheul ausstoßend; Materie gefaltet an der Schwelle dunkler Geburt... Za schnellte wie aus einem Alptraum hoch; Laub fiel aus ihrem Haar zur nassen Erde. Ihr Stand war unsicher, auf ihrem Gesicht ein Film kalten Schweißes. Schock durchdrang ihre Wahrnehmung wie Fieber, sie fuhr sich mit der Hand über Hals und Gesicht, als um zu prüfen ob sie nicht zerbrochen war, dachte gehetzt: Bin ich getroffen, bin ich getroffen... bis die Ausläufer der Panik sich zurückzogen, das Hämmern in ihren Schläfen abebbte und Za, auf die schwarzen Dornenranken, gewunden um umstehende Büsche, starrend, verblieb, die Hyperaktivität unmittelbarer Angst in Stille versinkend, langsam ihr Ohr zum Gestrüpp neigte als lauschte sie nach dem schwingenden Glas, das noch von der Detonation kündete. Wieder tastete sie ihr Gesicht ab. Eine Droge? Krachendes Holz. Ihre Hand suchte den Holster an der Hüfte, während sie sich durch die Schatten auf die Geräuschquelle zubewegte. Wie lange war er schon da? Hat er mich beobachtet? War ich ohnmächtig? Wie lange?... Als sie mit einem weiten Schritt plötzlich loszurennen begann, tönte wenige Meter vor ihr aus den schwarzen Löchern des Geästs das Knacken brechender Zweige. "Stehenbleiben!", brüllte sie im Laufen aus voller Kehle, durch einen Graben taumelnd, in den Augenwinkeln glatte Birkenstämme schwimmend, nach denen sie vergeblich griff; sie hörte Rascheln, Stoff zerfetzen- schwungvoll brach sie noch halb stehend druch eine Wand aus Dickicht, bevor sie in die Kälte tauchte. Keuchend versuchte sie sich hochzustämmen, klatschte einige Male nieder, da sie am rutschigen Gestein den Halt verlor. Das Gewässer war nur einige Zentimeter tief - irgendeine Au- doch die andere Seite schien, in dichten Nebel gehüllt, gut hundert Meter entfernt zu sein. Eine undefinierbare Gestalt watete in gewissem Abstand von Za durch die Wellenmuster und verschwand in den grauen Zungen der Wolkenfetzen. Alles war unwirklich still. Sie fühlte sich schwerelos als sie gegen den Strom stapfte; von irgendwo fiel ihr ein Tropfen Blut auf die Lippen. Das Echo von Schritten schwingt durch den grauen Raum. Za driftet unter seiner Leitung durch Schichten zerfetzten Nebels. Unmenschliche Laute sind zuweilen hörbar und versinken rasch wieder in der Stille zwischen den Dunstfragmenten. Es klingt wie ein blechernes, endlos wiederholtes „Ä“, dessen Lautstärke von Gebrüll zu mechanischem Flüstern wechseln kann. Wie der Sterbelaut einer Maschine. Jedes „Äääääääääääääää“ aus rostdurchfressener Kehle projiziert auf die dunklen Ränder überlappenden Nebels die Kontur einer Form, die sich nach Za umdreht- mit dem nächsten Schritt verschwindet die Gestalt, doch im Dunkel ihres Denkens war kurz ein Gesicht aufgeflackert: eine grünstichige Röntgenmaske, skelettiert und verpixelt. Am Rande der elektrischen Klagen und Visionen von Verfall erkannte Za eine Linie, die gestrichelt über den Boden aus Stein lief. Sie fühlte, dass sie ihr schon lange gefolgt war ohne es zu bemerken. Alles liegt in den Abschnitten der Linie, sie birgt den Alptraum in sich und Za tastet sie ab wie ein magnetisches Band. Sie bewegte sich durch eine Sphäre der Trance, richtungs und zeitlos, nur das stockende


Heulen und die Fratze stets wiederkehrend. Wie Nadeln in ihrer Haut schallte vor ihr das ratternde Jammern des Verfolgten: „Ääääääää... ä-ääää-ääääää...ä-ä-ääää-ä-ää-ääääää ...“ Sie ging rechts neben einer fleckigen Betonwand entlang der gestrichelten Linie die parallel dazu lief. Manchmal sah sie im Nebel, der sich überall wie graues Feuer ausbreitete, stumpfes Licht und schiefe Laternenpfähle. Za hatte aufgehört zu rennen, da sie wusste, dass ihr Ziel am Ende der Linie wartete und der Mörder nirgendwo sonst hingehen konnte. Die Wunde an ihrer Stirn schickte Impulse durch ihre Nerven wie allgegenwärtiges Hintergrundrauschen, verwirrte zuweilen ihre Gedanken. Ihre Schritte erzeugten auf dem Steinboden kein Geräusch. Sie hatte kaum Zeit überrascht zu sein, dass gegenüber des Steins zu ihrer Linken jetzt eine weitere Mauer, zunächst nur in Schemen sichtbar, im Nebel begann, der jedoch allmählich ausgesperrt wurde. Za blieb erstmals einen Moment stehen, gelähmt unter der bedrückenden Einsicht eingeschlossen zu sein, zwischen den Wänden jenes gesichtslosen Korridors. Da hörte sie nicht weit vor sich ein fast... komisch anmutendes Geräusch. Wie ein unter großer Anstrengung unwillkürlich ausgestoßenes Seufzen. Es riss jedoch nicht ab und die kleine Karikatur eines Menschen, die sie dabei erst vor Augen gehabt hatte, schwoll an zu einer Gestalt zerstörerischen Wahnsinns: sich tobend gegen die Gitter schleudernd bis alles deformiert in Trümmern und Blut niederkäme, so laut brüllend, dass das eigene Gewebe reißt... Sie zuckte unter den widerstrebenden Reflexen von Flucht und Verfolgung, verharrte dann unentschieden auf der Linie stehend, allein im ursprungslosen Licht des Betonkorridors. Dieser Psychopath... der verdammte Psychopath... Sehr langsam folgte sie den Strichen, bemerkte dass die Wände auseinanderliefen –mehr in planlosen Zacken denn symmetrisch- und eine Art Platz bildeten. Irgendwo hing aus dem Steine eine verbogene, schwarze Lampenfassung. Nicht ganz im Zentrum des Platzes lag ausgestreckt ein Körper. Die Linie verlief darunter hindurch und wand sich dahinter in plötzlich verrückten Schlingen weiter. Za bewegte sich gerade auf die Leiche zu, es war als wäre sie schon dort, wie in einem Traum, befand sich an zwei Punkten, kannte die Form des Todes... Die Haut pinken Plastiks glänzte wie ein neues Spielzeug. Eine nichtssagende Regung des Gesichts stand für immer gefroren unter der Schicht aus Kunststoffmolekülen. Dem Körper ging jegliche Dimension verloren, eingebunden in seine glatte, anorganische Hülle. Er war aber keine vollständige Symbiose mit dem Plastik eingegangen; unterhalb der Hüfte suggerierten die Lichtreflexe auf dem spiegelnden Pink Flüssigkeit, die menschliche Form war dort verloren, in einer Lache aus Kunststoff verschmiert. Der Irre, der Wahnsinnige- ist doch komplett GESTÖRT, so ein scheiß Irrer wobei, wie du weißt doch nichteinmal zu sagen ist, ob das Mord war, ein Todesschrei... oder das Bersten einer instabilen Konfiguration, eine verunglückte Schöpfung... Die Linie zog nach mehreren Verknotungen zu einer beschatteten Ecke des asymmetrischen Platzes. Doch Za will nicht in die Ecke und von Kunststoff verschlungen werden. Will keine Spritze ins Genick, will keine Drähte hinter den Augen... Ist das ein Gas? Eine Droge in der Luft?! Ich nicht denken... Warum sollte er warten, plötzlich


warten... er flieht doch. Ich habe ja meine... Die Linie führte in den Schatten. Za riss sich aus der Schleife ihres Zögerns und folgte ihr. Am Saum der Mauer, da sie in der Dunkelheit ihren Körper nur mehr als Hülle schwarzen Geflimmers wahrnahm, lag ein Schädel. Za fuhr sich durchs Haar, rastete den Handballen auf der schmerzenden Stirn. Knochenränder um leere Augensockel. Gelbliches Farbgewölk um Nähte wie gezackte Frequenzen. Das ist alt... Er war schon hier? Er lebt hier, tötet hier... Sie drückte sich unwillkürlich an die Wand, fixierte die Leere des Platzes in Erwartung von Bewegung. Umrisse flackerten vor ihren Augen. Die Vergilbung schälte sich vom Totenkopf; darunter virtuelle Einteilungen in grelle violette und grüne Quadrate. Der fleischlose Kiefer herabgeklappt, Farben verschwammen im Dunkel. Sie trat gegen den Schädel und er rollte ins Licht. Seine Oberfläche war fast vollständig violett- selten durchsetzt von kantigen, grünen Elementen. Alles an ihm war falsch; Form und Farbe unverknüpft. Reduziert und von irrealer Künstlichkeit lag er zu Za’s Füßen, die klaffenden Augenlöcher unscharf. Aus dem Hohlraum des Inneren quoll ein zusammengeschnürtes Bündel Kabel -blau, gelb, grün, rot- die in einen Stecker transparenten Plastiks übergingen. Sie beugte sich zur Öffnung aus der die Kabel liefen; sah in den Augenwinkeln die grob gerasterten Farben des Schädels. Irgendwo darin schimmerte eine Mikrochip. Ich kann nicht sehen... die Farben sind eine Lüge, ein Hologramm? Er versteckt seine Leichen in diesen Maschinen... oder- oder ER versteckt sich in dem Schädel, er ist im Schädel! Sie fuhr mit den Handflächen über die Nähte des Totenkopfs- da, kleine Unregelmäßigkeiten... Erhebungen. Die Finger kneteten und tasteten entlang knöcherner Wölbungen. Ein Relief: Za, steht das wirklich da?, Za Za Za Za Als würde ihre Haut von ihr fließen griff der Alptraum wieder nach ihr. Ich bin tot? ICH bin tot... das sind meine... das war meine Leiche? Warum bin ich dann aufgewacht, wenn ich tot bin, warum habe ich Licht in meinen Augen... Es ist eine Droge. Ich bin im Delirium. Ich muss aufhören das alles zu glauben, das ist meine Vernichtung. Sie zog sich eine Zigarrette aus der Manteltasche, legte sich das Papier zwischen die Lippen. Za genoss es den Speichel darauf übertreten zu fühlen. Sie führte das Feuerzeug darunter, drückte hart mit dem Daumen auf das Metallrädchen, es entglitt ihrer Hand, fiel zu Boden. Ihre Hände zitterten. Wie ein kleines Kind. Es ist doch ganz einfach. Sie bückte sich; schaudernd und furchtsam wie vor der Präsenz eines unsichtbaren Inquisitors. Nachdem sie ein paar Schritt weiter gegangen war hielt sie wieder inne. Drehte das Rädchen. Funken regneten auf das Zigarrettenpapier. Wie an einem knöchernen Finger zu lutschen, an dem loses Gewebe von Muskeln und Haut hing; glatt, von falscher Wärme. Das Zigarrettenpapier schwärzte sich, dicker Qualm umgab ihre tränenden Augen als sie hustend das Feuerzeug fallen ließ. Es ist ganz einfach. Jeder kann es verstehen. GANZ EINFACH. Totenfinger fuhren ihr Zahnfleisch entlang, glitten über ihren Gaumen und wühlten sich in die Höhle ihres Rachens. Wo ist das Feuerzeug? Sie taumelte zwischen den Strichen umher und prallte an die Wand, es ist so einfach, dass es nicht verständlich ist. Simpel, EINFACH. Die Linie lief hier die Mauer hinauf, die sich geborsten und gewellt diagonal in die Endlosigkeit beugte. Aus den Bruchstellen ragten rostige Eisenstangen wie Rippen hervor. E + C ... Nein es ist viel EINFACH-er. „+“. Was hat mich verrückt gemacht... warum habe ich Angst?... ich hatte


so lange keine Angst. Wo ist das Feuerzeug? Da steht Za unter einem Ast voll nasser Spinnweben, sie lächelt sich zu und zündet eine Zigarrette an. Du bist dumm. Du verstehst nicht wie einfach... Sie umgriff die gerippte Oberfläche der Metallstange und zog ihren Körper an der Mauer hoch. Das Profil von herabhängenden Haaren bedeckt kniete eine gekrümmte Form über der nackten Za, die die Augen geschlossen hatte, Tränen aus dem unsichtbaren Gesicht in ihren aufgerissenen Mund fallend. Dazu ein durchdringendes Jammern und Schluchzen: weiter stürzen die Tränen wie in einen Brunnenschacht. Za klappte die Augen auf, streckte steif die Hände aus und begann unter mechanischem Lachen den Weinenden an den Schultern zu schütteln. „Ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha...“ Ihre Fingerkuppen stießen an eine Rolle Papier. Sie öffnete sie; sah erst nur ein unscharfes Feld in schwarz-weiß. Ihre Augen waren nur als kleine Schlitzen sichtbar, unter Lidern geschwollen von Rauch und Elend. 010011010100001110100101010101001110101010001011010110110011111110010110001100011[...] Es brachte Stille in ihr Denken. Sie ließ das Papier aus den Fingern gleiten und kletterte weiter die schiefe Wand empor. Nicht lange und sie erreichte ein erstes Plateau wo in einer kleinen Mulde eine Glühbirne brannte. Za kroch neben sie und schloss in den Wogen ihrer Wärme die Augen, der gleißende Draht das letzte das sie vor dem einschlafen sah. Gedanken, die wie Lichstrahlen durch die Decke eingestürzter Häuser fallen. Sie sitzt vor einer unverputzten Mauer voll Bleistiftmarkierungen und Farbspritzern. Undefinierte Stimmen sind hörbar. Ihr Gesicht ist idealisiert, wächsern und bleich. Hohle Wangen spannen sich weiß um die geöffneten Lippenränder. Augen und Mund sind versiegelt mit glänzend blauen Flächen. Das goldene Licht einer Glühbirne wirft die Projektormaske auf ihr offenes Hirn. Ein Schmetterling flattert hindurch und sein Schatten zieht gigantisch über die graue Landschaft. Er setzt sich auf den Glaskörper und schmilzt. /repeat Wie spät ist es? Ihre innere Stimme klang für sie selbst wie ein Geist. /repeat Sie kalibrierte das Mikroskop und blickte in das Auge der Leiche. Eisschollen, Eisschollen! /repeat [...]


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