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K3 Literaturpreis 2012 Beitrag 07 Codewort: "SDMH"

DER MYSTISCHE HELD SCHLIMMER KOMMT’S IMMER!

Codewort: SDMH

Er hielt sich den Kopf. Langsam kam er wieder zur Besinnung. Aber – wo war er? Er setzte sich auf. Sein strohblondes Haar stand in beinahe allen Himmelsrichtungen zu Berge. Seine himmelblauen Augen glitten über die warme, grüne Wiese, über die spitzen Berge bis hoch in den wolkenlosen Himmel, der geradewegs auf ihn hinab lächelte. Er blinzelte verwirrt. Ungläubig stand er auf, spürte, wie die Grashalme ihn kitzelten. Wie war er nur so plötzlich hier hergekommen? Als er sich nach hinten drehte, weiteten sich seine Augen erschrocken. Eine Horde von monströs mystischen Wesen stand ihm gegenüber, alle zusammengedrängt auf der großen Wiese! Er war verblüfft - gab es hier eigentlich irgendetwas, das man in einem guten Fantasy-Roman oder einer unterhaltsamen Fabelgeschichte nicht finden würde? Hier war es so voll, dass der arme Siegfried völlig unterging in dem Getümmel. Ein lautes Grollen war zu hören. Die Masse geriet in Panik, schnell drängten sie sich über die Wiese, weiter nach hinten. Aber wovor flüchteten sie? Was machte sie denn so nervös? Er bekam Antwort auf seine Fragen - denn die Übeltäter, eine Gruppe von bewaffneten Kerlen, kamen direkt auf ihn zu. Wie in Soldatenformatierung blieben sie synchron nebeneinander und hintereinander stehen. Die Personen der ersten Reihe (alle trugen dunkle Kleidung und schwere Waffen) hielten ihre Kampfausrüstung drohend nach vorne. „Ihr habt nur eine Chance.“, kam es hallend von einer finsteren Stimme. „Nur die eine!“, wiederholte eine noch dumpfere Stimme. „Wir werden euch testen.“, fuhren sie fort, „Und nur, wenn ihr besteht, werdet ihr Rettung erhalten.“


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Ein dumpfes Lachen war zu hören, es war ein kaltes, bitteres Lachen. Siegried war überfordert. Was hieß hier ein Test? Wer sollte getestet werden, und warum? „Los jetzt! Auf sie!“, befahl einer den Männer gnadenlos. Hysterisch flüchteten die quietsch-bunt-gemischten Wesen weiter zurück. „Wartet, Wartet!“, rief er hilfesuchend, doch ohne Erfolg. Ehe er richtig ausgesprochen hatte, wurde er schon gepackt und mitgezogen. Sie stiegen in die Luft. Verzweifelt klammerte er sich an die kleine, zierliche Person, die ihn in dieses Schlammassel gebracht hatte. Sie sausten schnell nach vorne, geradewegs über die vielen Drängler hinweg. Erst jetzt verstand er, dass er sich auf einem fliegenden Besen befand. Die junge, hübsche Person vor ihm sah ihn lächelnd an. Er musterte sie erstaunt. „Du bist tatsächlich... eine kleine Hexe!“ „Pardon - !“, er lächelte, „Eine süße kleine Hexe!“ „Oh! Nochmal Pardon!“, fiel es ihm auf, „Eine süße, kleine, lebensrettende Hexe!“ Sie blinzelte überrascht. Sie hatte lange, rote Haare, trug einen schwarzen, spitzen Hut, der für ihren Kopf viel zu groß war. Dafür passte ihre Spinnennetzkleidung wie angegossen. „Danke, dass du mir meinen güldenen Hintern gerettet hast!“ Sie nickte und ließ den Besen nach unten sinken. Nun wagte auch Siegfried einen Blick runter, doch das verschlug ihm buchstäblich die Sprache. „Ist das hoch!“, jammerte er verzweifelt, fuchtelte wild mit den Armen herum. Durch die Aufregung verlor er noch mehr sein Gleichgewicht. „Vorsicht!“, bat sie überfordert. Er klammerte sich nur noch verstörter und verkrampfter am Besenstiel fest. „Eben ging es doch noch?“, wollte sie ihn ermutigen. „Da – da hab ich auch noch nicht so weit runter geschaut!“, beteuerte er dramatisch, schnaufte nach Luft.


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Sie erreichten den Boden. „Was machst du da? Wir müssen hier verschwinden! Ganz weit weg fliegen!“, erinnerte er hastig. „Ich dachte, du hast Angst vorm Fliegen?“ „Nein – Ja! Ich meine, doch! Das habe ich! Aber noch schlimmer sind diese Muskelprotze, die uns umnieten wollen!“ „Was machen wir bloß?!“, raunte es durch die Menge, und jetzt erschienen die bewaffneten Männer von allen Seiten. „Hört zu! Wir müssen kämpfen!“, erklärte ein bleicher Herr in schwarzem Gewand und spitzen Zähnchen. „Sonst kommen wir nicht nach Hause!“, bestätigte ein riesiger Kerl. „Und wie sollen wir das bitte machen?“, maulte eine kleine Fee. „Hört mal!“, rief Siegfried, „Wir müssen zusammenhalten!“ „Wir müssen uns aufteilen, sonst erwischen sie uns alle!“ Siegfried nickte dem sprechenden Nilpferd zu: „Stimmt... Das ist wie beim Völkerball.“ „Aber wir müssen uns gegenseitig helfen! Was ist mit den Schwächeren?“, wandte eine zarte Pflanze ein. „Wir teilen uns immer zu zweit auf!“, zischte eine Kobra. „Wenn nur jeder dafür sorgt, dass sein Partner nicht verliert, haben alle gewonnen!“, schloss eine hübsche Elfe. Ehe Siegfried fragen konnte, zog die Hexe ihn auf den Besen. Sie stiegen in die Höhe, um nach hinten zu fliegen, damit sich die Gruppe aufteilen konnte. Sie sausten durch die Luft, er pfiff nervös eine Melodie vor sich her. „Wie heißt du?“, fragte sie, landete schon wieder aufgeregt. „Ich? Siegfried!“ Die Angreifer schossen mit Gewehren nach ihnen. Sie sprangen erschrocken zur Seite, knapp entkamen sie, doch einer der Schüsse schlug gegen den Besen. „Oh nein!“, rief sie verzweifelt, drückte das Holz fest an sich. „Geht es ihm gut?“, fragte Siegfried besorgt. Sie sah auf zu ihm, seufzte deprimiert: „Naja - den Umständen entsprechend...“


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„Pardon, ich vergaß, wie ist dein Name, Partnerin?“, wollte er wissen. „Cathy!“, antwortete sie, doch kaum hatte sie ausgesprochen, bekam er eine über den Kopf gebraten und knallte zu Boden. „Siegfried!“, rief sie erschrocken, sie wich zurück. Genau jetzt holten zwei andere nach ihr aus. Er blinzelte schwerlich, langsam kam er wieder zu sich. Wie sollte er nur helfen? Er hatte weder ein Besen noch ein Schwert, noch einen Zauberstab oder wenigstens ein paar ordentliche Muskeln... Nichts von all dem konnte er gegen sie verwenden! Und nun? Sie waren in der Überzahl, und noch dazu - „Spring auf!“, Cathy flog mit vollem Karacho an ihm vorbei, zog ihn hoch und sie schossen in die Höhe. „Wir können uns nicht ewig verstecken.“, erklärte sie ihm, „Wir müssen uns zur Wehr setzten!“ „Ja. Und ich habe da schon eine Idee.“, entgegnete er. Er ließ sie auf einem Baum runter. Dann schoss er mitsamt dem Besen zurück zu den Verfolgern. „Und einfach los!“, sagte er sich, „Umso länger ich überlege, umso mehr fürchte ich, es bleiben zu lassen.“ Er flog mit dem Besen haken, wirbelte über das Feld und stieß die Übeltäter dabei nicht gerade zimperlich an. Zwei von ihnen krachten haltlos zu Boden, der dritte sprang empört zurück. Plötzlich stieß sich Siegfried vom Besen ab und sprang in die Luft. Grazil und voller Schwung landete er mit beiden Füßen auf der Besenfläche und zischte ohne Stopp durch die Luft. „Attacke!“, verkündete er bei bester Laune. Er hielt das Gleichgewicht, flog blitzschnell durch die Luft, als wäre es ein fliegendes Snowboard. Verwirrt rappelten sich die beiden Männer auf, Siegfried erschien bei dem nächsten. Kurz vor ihm drehte er sich mitsamt dem Besen


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zur rechten Seite, das Hinterteil des Besens kickte den Mann glatt von den Socken. Dank des vollen Karacho überschlug er sich viele Male, bis er weit hinten auf den Rasen plumpste und völlig überrumpelt liegen blieb. Die anderen beiden Gegner zuckten erschrocken zusammen. Cathy kletterte vom Baum herunter, sah ungläubig zu. Der Held sauste nun auf die übrigen zwei zu. Panisch liefen die schon wild auseinander. Siegfried hatte sie sofort eingeholt. Er umkreiste seine Opfer mit High-Speed. Um nicht gegen Siegfried zu stoßen bremsten die Kerle ab, drehten sich erschrocken mit, aber dem ganzen Wirrwarr konnten sie keine Minute lang folgen. Ihnen wurde so schummrig, das sie schon freiwillig umkippten und sich die Köpfe hielten. Der Besen schlug einen Haken, schoss zurück, gerade noch so konnte Siegfried sich halten. Cathy kam begeistert auf ihn zugerannt: „Wie hast du das gemacht? Das war unglaublich!“ Er sprang vom Besen ab, verlegen kratzte er sich am Kopf: „Ach, das, das war doch nichts Besonderes.“ Cathy lächelte fröhlich: „Du bist ein wahrer Held!“ Siegfried lächelte. Sie hatten gewonnen! Die unheimlichen Kerle verzogen sich vom Platz. Sie alle hatten es gemeinsam geschafft! Und plötzlich wurde es windig um sie herum. Eisblaue Stränge wirbelten umher, und alle, bis auf ihre Angreifer, hoben vom Boden ab. Überrascht sahen die beiden sich an. Siegfried drückte ihr den Besen in die Hand: „Wir kommen wieder zurück nach Hause...“ „Ich hoffe es so sehr!“, flüsterte sie, „Sehen wir uns wieder?“ Sie wurden sanft von den Strängen erfasst. „Keine Ahnung.“, antwortete er ehrlich, „Aber ich würde mich darüber freuen!“ Sie sahen sich an, bis sie im hellen Schein der Sonne verschwanden.


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