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K3 Literaturpreis 2012 Beitrag 01 Codewort: "Schmunzeln" Mutters Geburtstag Ein Tag, von vielen Müttern sicher mit Freude erwartet, aber auch in der Hoffnung, dass er ohne gröbere Pannen vorübergehen möge und der Erwartungshaltung der ganzen Familie Rechnung trägt, indem man als Mutter den ganzen Tag lang nur Freude und Glückseligkeit ausstrahlt. Als ob es so einen Tag wirklich gäbe. Andererseits erwarten Mütter von ihren Familien oft eine geradezu übertriebene Fürsorge und Aufmerksamkeit, was dazu führt, dass an diesem Tag in der Familie hektische Aktivität ausbricht, vorbereitete und gut versteckte Geschenke verzweifelt gesucht werden und darüber gestritten wird, wer welche Aufgaben übernimmt. Aber ein Geburtstag ist etwas Besonderes. Ich erinnere mich noch gut an einen Geburtstag meiner Mutter aus der Zeit meiner Kindheit. Schon Wochen vorher hatte ich am Kirchtag mit meinem schwer ersparten Taschengeld ein wunderschönes Lebkuchenherz gekauft. „Alles Gute zum Geburtstag“ war mit einer weißen Zuckerglasur darauf geschrieben. Zwei Schillinge und fünfzig Groschen hatte es gekostet, was ein großes Loch in meiner Taschengeldkasse hinterlassen hatte. Ich malte mir bereits das freudige Gesicht meiner Mutter aus, wenn ich es ihr überreichen würde. Ein gutes Versteck mußte ich finden, denn wenn es meine Geschwister entdeckten, war es nicht mehr sicher. Gut versteckt auf der Toilette, hinter alten Schachteln ganz hoch oben auf einem Regal würde Mutter es sicher nicht vorzeitig entdecken und auch meine beiden jüngeren, naschhaften Geschwister hätten keine Gelegenheit, meine Überraschung zu verraten oder gar daran zu knabbern, da man erst hinaufsteigen musste um an mein Geschenk heranzukommen. Mutters Ehrentag war angebrochen. Am Vorabend war ihr schon befohlen worden, am Morgen ja nicht zu früh das Bett zu verlassen. Wir Kinder hatten uns die Arbeiten für diesen Tag bereits aufgeteilt, wobei der Streit lediglich um das Waschen des Geschirrs entstanden war, der zugunsten unserer kleinen Schwester Ute entschieden wurde, da eine solche Tätigkeit nur geschickten Mädchenhänden anzuvertrauen war. Bruder Gert war für die Gestaltung eines festlich gedeckten Tisches zuständig, und ich für das leibliche Wohl. Kaffee, Brot, Margarine und Erdbeermarmelade würde es heute geben. Ute wollte als Tischschmuck auf der Wiese hinter dem Haus auch noch einen Blumenstrauß pflücken. Es lief eigentlich alles ganz gut. Der verschüttete Zucker war bald wieder in seinem angestammten Behältnis, das Wasser aus der umgestoßenen Blumenvase aufgewischt und die nass gewordenen Servietten gleich zum Trocknen aufgehängt. Gert und Ute hatten mit ihren Buntstiften Zeichnungen gemacht, zu deren Interpretation man schon einige Fantasie benötigte um darauf Blumen, Hunde, Vögel und sonstige Gestalten auszumachen. Ich durfte dann den Text schreiben: „Alles Liebe zum Geburtstag“ und „tausend Bussi Deine Ute, dein Gert“. Bei den vielen Nullen, welche die beiden dann noch an die Eins anfügten, müssen es wesentlich mehr als tausend gewesen sein. Die krumm geschnittenen Brotscheiben waren am Tisch, ebenso Margarine und Marmelade, und der damals übliche Feigenkaffee gekocht. Beim Einschenken in die Tassen passierte dann allerdings ein Missgeschick. Ich goss daneben und Utes Hand bekam einen Schwall des heißen Gebräus ab. Das Gebrüll war dann so arg, dass Mutter vorzeitig aus dem Zimmer geeilt kam um nach der Ursache zu sehen. Sie nahm das schreiende Kind in die Arme, versuchte es zu beruhigen und blies immer wieder auf den verbrühten Handrücken, der eine leichte Rötung aufzeigte. Ich glaube, es war mehr der Schock, der die Ursache für das Geschrei war. Nachdem sich die Kleine beruhigt hatte, war es an der Zeit Mutter zu feiern. „Ich komme gleich“, rief ich und stürmte hinaus um das Lebkuchenherz zu holen. Hinaufgestiegen, nach dem Herzen gelangt, es ausgewickelt und – ich konnte es nicht fassen. Nur mehr ein bruchhaftes Stück des Lebkuchenherzens war in meiner Hand. Von „Alles Gute zum Geburtstag“ war nur mehr zu lesen:

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„ ..Gute...Geburt“, alles andere war nicht mehr da. Genau links oben und auf der rechten Seite fehlten wichtige Teile. Sogar die Spuren gieriger Zähne waren zu sehen. Jetzt war es an mir, in Entrüstungsschreie auszubrechen. Mäuse konnten es wohl nicht gewesen sein, da hinauf wäre keine gekommen, Ute auch nicht, die war noch zu klein. Blieb als Übeltäter also nur Bruder Gert. Wie hatte der mein Versteck entdeckt? Laut schreiend und wild gestikulierend rannte ich zurück ins Zimmer, den unansehnlich gewordenen Lebkuchenherzenrest anklagend vor mich hinhaltend. Ich konnte meine Tränen nicht mehr länger zurückhalten. „Du Mutter, du, der Gert, dein Herz, alles kaputt, so gemein“, heulte ich stockend, da ich vor Aufregung kaum mehr Luft bekam. „Na, na, beruhige dich, was ist denn passiert?“ fragte Mutter besänftigend. Laut schluchzend begann ich meine Abscheu über dieses elende Verbrechen hinauszuklagen. Aus den verheulten Augenwinkeln sah ich, dass sich Gert ganz leise in das Eck hinter dem Kasten verdrückt hatte. „Na warte, dachte ich mir. Das werde ich dir noch heimzahlen“! Mutter drückte mich an sich, besah sich den traurigen Lebkuchenrest und meinte lächelnd, dass sie sich sehr über mein Geschenk freue, auch wenn keine Geburt zu erwarten wäre. Es käme schließlich darauf an, dass es mit Liebe gekauft worden wäre. „Ja, und der Gert hat es mit Liebe aufgefressen“, schrie ich laut hinaus. „Du Gauner, kriegst von mir eine feste Abreibung“! „Wisst ihr was Kinder, heute ist mein Geburtstag, da wollen wir friedlich sein“, beruhigte Mutter. „Gert wird halt das nächste Mal zur Strafe kein Taschengeld bekommen“. Der so Angesprochene schaute jetzt ganz dämlich hinter dem Kasten hervor. „So, das geschieht dir ganz recht, du Dieb du“, schleuderte ich ihm voll Genugtuung entgegen. „Kinder vertragt euch jetzt, setzt euch alle her und lasst uns das Frühstück schmecken. So schön ist der Tisch gedeckt, die schönen Blumen und das gute Essen“. „Den Tisch hab ich gedeckt“, stotterte ganz kleinlaut Gert. „Die Blumen habe ich geholt“, erklärte Ute voller Stolz. „Und, schau die Zeichnung. Das ist ein Garten mit viel Blumen, da ist eine Ziege“, und, und, und. Alles wurde detailliert erklärt. „Mutter, dein Kaffee wird kalt“, versuchte ich mich wieder in den Vordergrund zu schieben. Anscheinend war mir der Kaffee zu dünn geraten, er schmeckte wirklich nicht besonders. Gert war bereits wieder keck geworden und meinte: „Der schmeckt ja wie Abwaschwasser“. Ich drohte ihm verstohlen mit der Faust. Mutter war es jedoch hoch anzurechnen, dass sie darüber keine Miene verzog. Sie lobte uneingeschränkt unsere Bemühungen, womit für uns Kinder Mutters Geburtstag, mit einigen Einschränkungen, gut gelaufen war. Ob Mutter diesen Tag auch so empfand? Sie räumte nämlich das Geschirr weg, besorgte den Abwasch, räumte auf und entsorgte letztendlich den ungenießbaren Kaffee. Für meinen Bruder gab es am nächsten Tag doch noch die von mir versprochene Abreibung. Sie schien ihn aber nicht sonderlich beeindruckt zu haben, denn mit „ätsch, bäh, bäh, hat eh nicht wehgetan“, rannte er davon. Für mich war klar: Das nächste Mal würde ich meine Geschenke, besonders die essbaren, besser verstecken.

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