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IM INTERVIEW MIT

JOHANNES ERNST Das Werk 3 ist ab Januar bezugsfertig. Wir haben uns mit Architekt und Stadtplaner Johannes Ernst (steidle architekten) über die Fertigstellung dieses `Urban Mother Fuckers´ sowie über viele weitere Mosaiksteine und Besonderheiten des Werksviertels gesprochen. MIT DER FERTIGSTELLUNG DES WERK 3 IST DER ERSTE MEILENSTEIN FÜR DAS WERKSVIERTEL GESETZT. AUF WAS FREUEN SIE SICH DANACH?

Auf die Fertigstellung des Werk 3 freu ich mich sehr – das ist ein wahnsinnig großes Projekt, ein richtiger `Urban Mother Fucker´, ein Gebäude, das sowohl aufgrund seiner schieren Größe, als auch aufgrund seines Programms zu einem Motor des Quartiers werden wird. 30.000 m2 Geschossfläche, da hätte man früher zehn Jahre dran gebaut. Und dann eine derartige Nutzungsvielfalt – ich hab schon 80 verschiedene Mieterplanungen gemacht! Danach werde ich an dem Hotel weiterbauen, auch darauf freue ich mich riesig. Neulich meinte der Werner Eckart, irgendwie hat er Bedenken, dass wir zu schnell fertig werden, wir müssten uns jetzt langsam was Neues suchen. Es geht doch alles rasend schnell. Sollten die Randbedingungen, wie wir sie jetzt haben, noch einige Zeit so weitergehen, ist das Quartier in spätestens zehn Jahren fertig. Auch der Wohnungsbau geht quasi von selbst. Das Werk 12 – ich nenn’s immer `Die kleine Oper auf dem großen Platz´, das machen meine Kollegen von MVRDV aus Holland. Ein Büro, das berühmt wurde mit dem holländischen Pavillion auf der Expo in Hannover. Die sind für Raumkonstellationen bekannt, wie wir sie hier genau fürs Werksviertel brauchen. Die sind mit ihrer Architektur nicht auf HightechHighend-Perfektion aus, sondern das hat eher was Zusammengebautes, im positiven Sinne Zusammengebasteltes – also nicht zu glatt, sondern rau und grob und ein bisschen direkt. Ein anderes Projekt macht der Kollege Andreas Hild mit seinen Partnern, der hat zum Beispiel in Berlin das so genannte Bikinihaus, ein denkmalgeschütztes Industrie- und Bürogebäude aus den 50er Jahren an der Gedächtniskirche gemacht. Das scheint mir einfach ideal, so jemandem die Pfanniezentrale (Werk 1), also einen ähnlichen 50er Jahrebau-Juwel, in die Hand zu geben.

steidle architekten (v.l.n.r.): Martin Klein, Johannes Ernst & Johann Spengler

bin, damals angefangen, weil der Otto Steidle als `AltGrunger der modernen deutschen Architektur´ bekannt war. Also einer, dem es darum ging, was zu machen, was `ne Seele und was Eigenes hat. Und dafür habe ich hier natürlich eine unglaubliche Grundlage vorgefunden. IHRE PLANUNG SIEHT DEN ERHALT EINES GROSSEN TEILS

MAL GANZ ABGESEHEN VON DER GIGANTISCHEN DIMENSION

DER HISTORISCHEN PFANNI-GEBÄUDE WIE ETWA DES WERK 3

DES WERKSVIERTELS MIT 39 HEKTAR – WAS MACHT FÜR SIE

VOR, DIE DURCH NEUE NUTZUNGSKONZEPTE REVITALISIERT

ALS ARCHITEKT UND STADTPLANER DEN BESONDEREN REIZ

WERDEN SOLLEN. GEHT ES IHNEN HIER UM „RECYCLING“?

DES WERKSVIERTELS AUS?

„Recycling“ – das hat natürlich eine ökologische Komponente. Wenn man die graue Energie, also die gebundene Energie, die im Beton steckt, rechnen würde, die durch Abrisse vernichtet wird, dann kann man das selbst mit den größten Energiemaßnahmen nicht mehr aufholen. Ich sehe das Gelände hier aber vor allem als geniale Inspiration. Es ist viel spannender mit Dingen zu arbeiten, die schon da sind. Das ist in ungefähr so als wenn man die Wahl hat, ein Haus an einem Hang oder auf einer Ebene zu bauen. Natürlich ist es leichter, ein Haus auf einer Ebene zu bauen, aber dann sind oft die Randbedingungen so langweilig, dass meist auch nur

Ich hatte davor mit dem Gelände nichts zu tun, bin auch nie der klassische Nightclubber gewesen. Also anders als etwa der Eigentümer Werner Eckart, habe ich mich in diesen Ort von außen verliebt. Ganz klassisch über eine visuelle Verbindung, die rein zufällig entstand, weil ich auf dem Nachbargrundstück gearbeitet habe. Diese ganzen Hütten da unten, die man von der Medienbrücke aus gesehen hat, die Hallen, das riesige Werk 3, das ganze Leben das da drin steckte, das hat mir gefallen. Schließlich habe ich in dem Architektur-büro, in dem ich arbeite und dessen Eigentümer ich inzwischen


K Magazin Januar/Februar 2016