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Zeitschrift der JUSO Kanton Z端rich November 2013, Nr. 13, www.juso.org

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GenossInnen des Quartals

Der Kanton Zürich ist bekanntlich ein konservativer Kanton. Der ganze Kanton? Nein! Zwei kleine Zürcher Stadtkreise leisten Widerstand. Der berüchtigte «Chreis Cheib» und das alte bzw. neue (Ausgangs-)Industrieviertel wehren sich mit aller Kraft gegen die konservativen Invasoren. Unsere «Gallier» nahmen das Ausländerstimmrecht an und lehnten die Asylgesetzrevision ab. Doch nicht weil ihnen die Fremden fremd sind: Die beiden Kreise haben den grössten Ausländeranteil der Stadt Zürich. Auch in Sachen Landesverteidigung haben die BewohnerInnen eigene Ansichten: Sie wollen nicht etwa lernen, sich gegen Cäsar und seine Albisgütli-Centurien mit Waffengewalt zu verteidigen. Nein, auch für den Pazifismus brachen sie eine Lanze und nahmen die Abschaffung der Wehrpflicht an. Hoffentlich wird der Widerstand weiter aufrechterhalten, bis Brutus – lateinisch für «Stumpfsinniger» – sein Werk vollendet hat.

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JUSO-Agenda Kulturtipps Di 19. November 2013, 19 Uhr Vollversammlung JUSO Kanton Zürich SP-Seki, Gartenhofstr. 15, Zürich Sa 23. und So 24. November 2013 Abstimmungsfest 1:12-Initiative Bern Fr 29. November 2013, 19 Uhr PolitZnacht JUSO Stadt Zürich Gartenhofstr. 7, Zürich Do 5. Dezember 2013, 19 Uhr Linker Stammtisch Kulti, Zürcherstrasse 42, Wetzikon Fr - So 6. - 8. Dezember 2013 Wahlkampflager JUSO Kanton Zürich (Anmeldung erforderlich) Elgg

Andreas Pantermarakis Diesmal stellen wir euch drei Computerspiele vor.

Papers, Please – A Dystopian Document Thriller In diesem einzigartigen Computerspiel schlüpft man in die Rolle eines Grenzbeamten des fiktiven Ostblocklandes Arstotzka. Nach dem Ende eines langen Krieges mit dem Nachbarland öffnen sich nun die Grenzen und der Spieler muss entscheiden: Wer kommt rein und wer nicht? Um dies zu klären, werden Dokumente geprüft und Hilfsmittel wie etwa Körperscanner benutzt. Trotzdem sind die Entscheidungen oftmals grosse moralische Dilemmas, die schliesslich eines der 20 möglichen Enden des Spiels bestimmen. Erhältlich für PC und Mac

Call of Duty: Ghosts Sa 14. Dezember 2013 DV JUSO Schweiz St. Gallen Sa 25. Januar 2014 Parteitag JUSO Kanton Zürich SP-Seki, Gartenhofstr. 15, Zürich

Die berühmt-berüchtigte Shooter-Serie geht in die 10. Runde. Einmal mehr werden Verbote gefordert und die Kommerzialisierung der Videospielbranche verflucht, aber es ändert nichts: Auch dieses CoD wird von Millionen von jungen (und zu jungen) Spielern auf der ganzen Welt im Multiplayer verschlungen werden – Stunden über Stunden. Erhältlich ab November 2013 für PC, PS3, PS4, Xbox 360, Xbox One und Wii U

Minecraft

Arschloch des Quartals

Ulrich Bigler ist Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes. Der Gewerbeverband führt die Gegenkampagne zur 1:12-Initiative an. Diese Rolle hat Bigler zu einem neuen Spitznamen verholfen – LügenBigler. Der Gewerbeverband trickst nämlich bei jeder Gelegenheit und schraubt gerne an Zahlen und Studien rum, bis sie das gewünschte Ergebnis vorweisen. So geschehen bei einer Studie der HSG, bei welcher der Gewerbeverband mit dem Geld von Economiesuisse eine Studie kaufte, die völlig realitätsferne Zahlen hervorbrachte. Einige Wochen später präsentierte er ein KMU-Komitee gegen die 1:12-Initiative. Gemeldet haben sich nur 600 Unternehmen, das sind gerade mal 0.2% der gesamten KMU in der Schweiz. Und auch da hat Lügen-Bigler kräftig geschummelt: von angeblich 600 sind nur 375 tatsächlich Unternehmen. Verwunderlich ist dies nicht; Lügen-Bigler ist jedes Mittel recht, um die Abzocker zu schützen. Lügen-Biglers grösste Lüge: Er behauptet nach wie vor unerschrocken, die KMU zu vertreten.

Das vielleicht kreativste Spiel der letzten Jahre. Es wurde zu einem der erfolgreichsten Indiegames und verkaufte sich weltweit über 30 Millionen Mal. Das Spielprinzip ist einfach und trotzdem hochkomplex: Man beginnt in einer zufällig generierten Endloswelt, die komplett aus quadratischen Blöcken besteht. Diese Blöcke kann man abbauen und anderswo wieder platzieren, oder untereinander kombinieren, um neue Gegenstände und Block-Typen zu erhalten. Ein eigentliches Ziel kennt Minecraft nicht, die Grenzen liegen nur in der eigenen Kreativität. Manche langweilen sich nach kurzer Zeit, andere bauen im Spiel funktionierende Computer. Aus Blöcken? Man muss es gespielt haben, um es zu glauben. Erhältlich für PC, Mac, Linux, Android, iOS und Xbox 360

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Schlussspurt

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für

1:12!

Dario Schai Am 24. November ist es soweit: Die Schweiz entscheidet darüber, ob der Abzockerei endlich Schranken gesetzt werden sollen. Viel Zeit bis dahin bleibt nicht mehr – deshalb heisst es nochmals Vollgas geben! Wie kannst du dich engagieren? Die Bürgerlichen und ihre Abzockerfreunde fürchten sich vor der 1:12-Abstimmung. Denn die Umfragen zeigen: Die 1:12-Initiative erhält viel mehr Zustimmung als der Wirtschaftslobby lieb ist. Mehrere hundert JUSO-AktivistInnen gehen mehrmals die Woche auf die Strasse, verteilen Flyer und organisieren Aktionen. Auch die SP und die Gewerkschaften mobilisieren ihre Basis. Wir haben keine Millionen, dafür haben wir Menschen, die auf die Strasse gehen und für die 1:12-Initiative werben! Es kommt auf jede Stimme an. Damit wir die Abzockerei endlich stoppen können, brauchen wir auch deine Hilfe! Bis zur Abstimmung geben wir deshalb nochmals Vollgas. Wie kannst du dich engagieren?

1. Aktiv werden auf der Strasse!

Nimm Kontakt auf mit deiner Sektion oder schreib uns ein Mail an info@juso.org. Die JUSO organisiert regelmässig Aktionen auf der Strasse.

2.

Bestelle auf www.1-12.ch Flyer und wirf sie in die Briefkästen in deiner Nachbarschaft.

3.

Stecke einen 1:12-Button an deine Tasche oder deinen Pullover, so dass immer alle deine Überzeugung sehen. (Buttons sind erhältlich auf www.1-12.ch.)

4.

Poste auf Facebook und/oder Twitter deine Abstimmungsempfehlung oder schreibe deinen Kontakten eine Mail und zeige so deinen Freunden, wie man richtig abstimmt.

5.

Überzeuge deine Familie und Freunde am 24. November Ja zu stimmen für 1:12. Und vor allem: Abstimmen nicht vergessen und am 24. November ein Ja zur 1:12-Initiative in die Urne legen.

Gemeinsam stoppen wir die Abzocker!

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reiräume statt

Nyima Tsering Hunderte wollten am 21. September in Winterthur friedlich tanzend gegen eine städtische Standortpolitik protestieren, welche sich nur an Marktbedürfnissen orientiert und die Räume für Jugendliche immer enger macht. Doch soweit sollte es an diesem Abend nicht kommen. Mit dem Vorwand, dass die OrganisatorInnen keine Bewilligung eingereicht hatten, wurde die Stadt dichtgemacht, die Tanzkundgebung am Bahnhof eingekesselt. Fazit des «Standortfucktors»: 11 Verletzte und 93 Verhaftete. Am Tag nach dem massiven Polizeieinsatz stellte sich die Stimmbevölkerung hinter die Forderungen der DemonstrantInnen und lehnte den Verkauf des städtischen Zeughausareals an Immobilienspe-

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lbträume

kulanten ab. Die Polizeivorsteherin Barbara Günthard-Maier (FDP) liess am nächsten Morgen dennoch verlauten, dass die Polizei «alles richtig» gemacht habe. Die Protestierenden hätten eine «erschreckende Gewaltbereitschaft» an den Tag gelegt. Um diese «Gewaltbereitschaft» aufzuzeigen, wurde ein Tisch voller «gefährlicher Gegenstände» präsentiert. Diese gehörten jedoch grösstenteils zum Musik-Equipment und Teile davon wurden von der Polizei sogar aus einem abgeschlossenen Auto konfisziert. Unter den Beweisbildern für Sachbeschädigungen finden sich zwei Jahre alte Graffitis. Auf der anderen Seite tragen viele DemonstrantInnen Verletzungen vom Polizeieingriff davon; ein jun-

ges Mädchen verliert durch Gummischrot auf einem Auge 80% ihrer Sehkraft. Die eingekesselten Jugendlichen wurden zeitweise aus drei verschiedenen Richtungen beschossen. Weder wurde der Mindestabstand von zwanzig Metern für Gummischrot eingehalten noch das Verbot auf Kopfhöhe zu zielen. Die JUSO fordert eine lückenlose Aufklärung des Polizeieinsatzes. Dazu gehören die Offenlegung der Einsatzpläne sowie die Untersuchung durch eine externe Untersuchungskommission. Barbara Günthard-Maier hat fahrlässig gehandelt und durch ihre Machtdemonstration die Leben hunderter Personen gefährdet. Wir fordern deshalb auch ihren sofortigen Rücktritt als Stadträtin.

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Die

Explosion

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der Managerlöhne

An der Spitze der wachsenden Lohnungleichheit stehen die Topmanager. Ihre Gehälter explodierten Ende der 90er-Jahre förmlich. Dafür verantwortlich sind die Boni und die Macht der Manager, ihre Gehälter selbst festzulegen. David Gallusser

Noch in den 80er-Jahren wurden die Direktoren von grösseren Schweizer Unternehmen in ähnlichem Rahmen bezahlt wie Bundesräte. Sie bezogen 386’000 bis 692’000 Franken pro Jahr (zu heutigen Preisen) beziehungsweise 6 bis 11 Mal so viel wie die Arbeitnehmenden in der Schweiz im Durchschnitt. Ende der 1990er-Jahre explodierten dann aber ihre Gehälter. Innert Kürze liessen sie die Millionengrenze weit hinter sich. So betrugen die durchschnittlichen Höchstlöhne der grossen Börsenkonzerne (SMI und SMIM) 2011 durchschnittlich 4.77 Millionen Franken – normale Arbeitnehmende müssten dafür 66 Jahre arbeiten.

Selbstbedienung in den Chefetagen Voraussetzung für diese Explosion ist die Macht der Manager. Sie können weitgehend selbst über ihre Gehälter verfügen. Denn an den Konzernspitzen stellt sich ihnen kaum jemand entgegen. Die Verwaltungsräte erachten die exorbitanten Summen nämlich oft als standesgemäss oder stören sich nicht weiter daran, weil sie ihnen persönlich finanziell nicht schaden. Häufig nicken sie die SalärWünsche der Manager auch ab, weil sie mit ihnen persönlich verbandelt sind oder ihnen Gefälligkeiten schulden.

Nachahmung und Boni Der Filz an den Konzernspitzen ist aber nicht neu. Zur eigentlichen Explosion kam es erst, als die Manager begannen, ihre Macht in höhere Löhne umzu-

münzen. Das geschah Ende der 90er-Jahre. Damals schauten sich die Manager von ihren USamerikanischen Kollegen die Boni ab. Sie erlaubten es ihnen, sich direkt an den Profiten zu beteiligen und sich bisher ungesehene Summen auszuschütten. Das war ganz im Interesse der Aktionäre. Sie sahen nämlich in den Boni zusätzliche Anreize für die Manager, die Gewinne und Aktienwerte (auch «Shareholder Value» genannt) weiter in die Höhe zu treiben.

Mit 1:12 Gegensteuer geben Das Nachsehen haben die übrigen Beschäftigten. Ohne ihre Arbeit würde zwar kein Manager auch nur einen Franken Umsatz erzielen. Für sie bleibt dennoch weniger, wenn sich die Manager bereichern. Damit die grosse Mehrheit wieder mehr von der Wertschöpfung erhält, die sie erarbeitet, muss die Macht der Teppichetage gebrochen werden. Die 1:12-Initiative macht einen ersten Schritt. In Zukunft soll eine demokratische Regel über die höchsten Löhne entscheiden – und nicht mehr die Manager selbst.

Die Explosion Ende der 90er-Jahre Der durchschnittliche CEO- bzw. Höchstlohn* in grösseren Schweizer Unternehmen im Verhältnis zum mittleren Lohn (Median) in der Schweiz.

* 1984 und 1998 beziehen sich auf einen CEO in einem Referenzunternehmen mit 350 bis 900 Millionen Umsatz im Jahr 1990. 2011 basiert auf dem durchschnittlichen Höchstlohn in den SMIM-Konzernen. Quelle: Schweizerischer Gewerkschaftsbund 2013

Seite 5 Wir möchten in jeder Ausgabe jungen IllustratorInnen die Gelegenheit geben, ihr Schaffen zu präsentieren. Wärst du daran interessiert, auf Seite 5 dein Werk zu sehen? Dann melde dich bei redaktion@juso.org.

Illustration «Nelke» von Timon Wüthrich Rote Nelken sind seit dem internationalen Sozialistenkongress von 1889 in Paris weltweit ein Symbol für den Sozialismus. Am Revers getragen dienen sie als Erkennungssymbol unter SozialistInnen. Viele sozialistische Parteien haben – wie die JUSO – eine rote Nelke in ihrem Logo.


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Unser Jahrestag – 125 Jahre SP Schweiz Auch die Geschichte der SP kann man an den «normalen Etappen» einer europäischen Sozialdemokratie messen – mit schweizerischen Besonderheiten, natürlich. Beat Fehr

Gründerzeit (1880er - 1890er)

Das Gründungsjahr, das wir gefeiert haben, ist 1888, die Gründung einer schweizweiten Partei. Arbeiterorganisationen gehörten zu den Gründern, aber auch liberale Radikaldemokraten. Die meisten Kantonalparteien wurden erst später gegründet, normal waren vorher kombinierte Dachorganisationen von Arbeiterorganisationen.

Entstehen und Versagen einer Kultur

(1900er - 1910er)

Erste Wahlerfolge kamen in den 1910er-Jahren in grösseren Städten und industrialisierten Gegenden. Die SP etablierte sich als Grundsatzopposition gegenüber den Bürgerlichen. Mit dem internationalen Trend in der Sozialdemokratie wurde auch in der SP die marxistische Denkströmung dominant. Das 2. Parteiprogramm von 1904 zeigte das in der Analyse und Sprache. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, bei dessen Verhinderung die Linke versagte. Die «neutrale» schweizerische SP musste sich nicht zwischen Patriotismus und Widerstand entscheiden, und hielt mit allen Linken Kontakt, als Spaltungen überwunden wurden und neue entstanden. Doch die globale Unzufriedenheit zeigte sich mit dem Generalstreik 1918 auch hierzulande.

Spaltung, Reformismus, Krise (1920er - 1940er)

Das neue SP-Programm von 1920 wur-

de ziemlich revolutionär. Trotzdem spaltete sich ein Teil des linken Flügels ab und wurde kommunistisch. Die Partei mit radikalem Programm und reduziertem linkem Flügel wandte sich wieder der reformistischen Praxis zu und perfektionierte ihr sozialdemokratisches Milieu. Damals konnte die SP erstmals in Gross- und Industriestädten Mehrheiten gewinnen und eine soziale Gemeindepolitik umsetzen. Es kam aber auch die Zeit der Weltwirtschaftskrise und der faschistischen Bedrohung. Man musste Firmen retten, Arbeitslose verpflegen und auf Rückschläge gefasst sein. Das Programm von 1935 wurde um eine Faschismus-Analyse erweitert und um radikalreformistische Pläne um die Demokratie zu erhalten und dazu Koalitionen zu schmieden. Die Bürgerlichen brauchten bis 1943, bis sie reagierten und Ernst Nobs zum ersten SPBundesrat wählten.

und die Bürgerlichen wurden wieder weniger kompromissbereit. Gegenüber den neuen linken Generationen war die SP aufnahmebereiter als sozialdemokratische Parteien in anderen Ländern. Sie brachten eine Revitalisierung, die man auch im Programm von 1982 merkt, aber auch die Entwicklung zur heutigen «Partei der Lehrer und Sozialarbeiter».

Wirtschaftswunder,

Und jetzt?

Erschlaffung, Neue Linke (1950 - 1970)

Die halbe Einbindung machte Hoffnung auf mehr nach dem Kriegsende. Doch der heisse ging in den Kalten Krieg über und der Nachkriegs-Konsens brachte zwar Fortschritte wie die AHV, ging aber nicht über eine etwas fairere Verteilung des schnell wachsenden Reichtums hinaus. Längst fällige Reformen, wie etwa das Frauenstimmrecht, blieben hingegen stecken und das angestammte sozialdemokratische Milieu zeigte unter dem materiellen Wohlstand Auflösungstendenzen. In den 60ern und 70ern kam die Zeit der gesellschaftlichen Reformen wie z.B. endlich das Frauenstimmrecht, dafür geriet das Wirtschaftswachstum ins Stocken

Orientierungsverlust (1980er - 2000er)

In den 80ern fing der Zeitgeist an, neoliberal zu werden. Die SP reagierte zum Glück langsam darauf, daher ihr linker Ruf. «New Labour» und Ähnliches wurden erst anfangs der 00er-Jahre auf dem rechten Flügel modisch und konnten sich nicht offiziell durchsetzen. (Das «Inoffizielle» ist wohl eine andere Frage...)

In der aktuellen Krise ist es wieder einfacher, rhetorisch klar links zu sein. Wir haben bescheidene Erfolge mit einem «linken Populismus» («Abzocker», etc.), zu dem – nicht im Inhalt, aber in der Form – die 1:12-Initiative gehört. Zwar sind wir programmatisch nicht wirklich weiter gekommen, aber das Programm von 2010 hat immerhin in neuen Worten den Stand von 1982 gehalten. Das ist nicht berauschend, aber immerhin eine Grundlage von der aus man weiterdenken kann – und zurück.


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Was sind gerechte Löhne? Yves Chopard Ein Lohn wird bekanntlich durch eine Einstufung nach mehreren Faktoren festgelegt: Anstellung, Erfahrung, Ausbildung, getragene Verantwortung und die Art der verrichteten Arbeit sind ausschlaggebend. Die Bezahlung sollte bei gleicher Arbeit unabhängig von Geschlecht und Herkunft gleich sein und darf parallel dazu eine gewisse Grenze zur Ungerechtigkeit nicht überschreiten. Ein Lohn muss einerseits ein Ansporn, aber auch eine Belohnung sein. Im Optimalfall ist ein Arbeitsverhältnis ein zu gegenseitiger Zufriedenheit führendes Geben und Nehmen, das dem Arbeitnehmer ein Leben in Würde ermöglicht. Es ist wohl klar, dass so etwas wie Lohnparität in der heutigen Gesellschaft nicht möglich ist. Eine massvolle Lohndifferenz muss als Anreiz dienen, um höhere Ausbildungen oder Fortbildungen anzustreben und Verantwortung oder Erfahrung gerecht zu belohnen. Studien haben gezeigt, dass tiefere Löhne zu einer geringeren Produktivität führen können. Die Wirtschaft selbst müsste also ein Interesse haben, gerechte Löhne zu bezahlen. Das ist jedoch nicht der Fall. Die Lohnschere

geht stetig auseinander. Top-Manager und Banker garnieren ab, während 120’000 Menschen in der Schweiz, obwohl sie arbeiten, an der Armutsgrenze leben. Viele Löhne sind ganz oder teilweise variabel geworden. Die Folgen davon sind Druck auf die Angestellten, sowie teilweise lächerlich hohe Saläre und falsche Anreize für unnötige Risiken. Die Wirtschaft hat es nicht geschafft für gerechte Löhne zu sorgen. Folglich muss der Staat in Form von Mindestlöhnen und Lohnbegrenzungen einen Rahmen setzen. Mit der Mindestlohninitiative und 1:12 bieten wir dazu das vollständige Paket. Das Volk muss nur noch die Chance ergreifen!

Klimawandel & Kapitalismus Lucia Thaler Im September hat der Weltklimarat IPCC seinen fünften Bericht veröffentlicht. Darin kommen die WissenschaftlerInnen zum Schluss, dass die Klimaerwärmung unvermindert weitergehen wird und die Ursache dafür klar die menschlichen Treibhausgasemissionen sind. Im Gleichschritt mit der Steigerung der wirtschaftlichen Produktion über die letzten Jahrzehnte steigen die weltweiten Treibhausgasemissionen weiterhin kontinuierlich an. Versuche, das Wirtschaftswachstum von einem Wachstum der Emissionen und weiteren Umweltzerstörungen zu «entkoppeln», sind gescheitert. Ausserdem führt Wirtschaftswachstum in Industrieländern wie der Schweiz längst nicht mehr zur Erhöhung des allgemeinen Wohlstands. Es herrscht ja insgesamt kein Mangel an Materiellem, sondern die krasse Ungleichverteilung davon ist das Problem und die Ursache von Armut. Die Eliten wollen das Wachstum aber verzweifelt fortführen, um das kapitalistische System vor dem Kollaps zu bewahren und ihre Profite weiter zu steigern – je mehr verkauft wird, desto mehr Geld fliesst in die Taschen der Kapitaleigner, während die daraus resultierenden Umweltschäden die ganze Bevölkerung und zukünftige Generationen belasten.

In den letzten Jahrzehnten hat die Produktivität dank technologischem Fortschritt enorm zugenommen. Pro geleistete Arbeitsstunde kann immer mehr produziert werden. Während im Laufe des 20. Jahrhunderts die Arbeiterbewegung schrittweise Senkungen der Arbeitszeit erkämpfen konnte, steigt die Arbeitszeit seit den 90er-Jahren wegen der neoliberalen Hegemonie wieder an. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität und verschärft die Überproduktionskrisen des Kapitalismus, da immer noch mehr produziert wird, obwohl die grundsätzlichen materiellen Bedürfnisse längst befriedigt sind. Um ihre Produkte doch noch verkaufen zu können und ihre Profite zu sichern, setzen die Kapitalisten immer aggressivere Werbung ein. Das Festklammern der Eliten am längst überholten wirtschaftspolitischen Ziel des Wachstums und am Kapitalismus belastet Menschen und Natur. Umweltschutz muss bei der Ursache des Problems ansetzen und daher antikapitalistisch sein. Arbeiter- und Umweltbewegung vereinigt euch!

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ein gedicht Anonym Daniel Vasella «verdient» 42 Millionen Franken im Jahr. Er allein? Hat nicht wenigstens ein Chemiker die Medikamente mitentwickelt? Hat nicht jemand seine Termine organisiert, sein Büro geputzt, sein Haus gebaut? Haben wir nicht seine Medikamente gekauft? Hat ihm nicht jemand Lesen und Schreiben beigebracht? Hat nicht ein Informatiker den Computer erfunden? Hat er alle Strassen selber gebaut? Holt er seine Post beim Absender selber ab? Telefoniert er auf einem privaten Telefonnetz? Stehen in der Novartis nicht auch andere Menschen jeden Morgen früh am Arbeitsplatz? So viele Fragen. So grosse Boni. Das Gedicht ist eine Anspielung auf Bertolt Brechts «Fragen eines lesenden Arbeiters».

Lexikon Krise, die; ist ein Begriff, der sich in den verschiedensten Lebensbereichen verwenden lässt und derzeit gerade im Zusammenhang mit der Wirtschaft besonders beliebt ist. Aber egal für welche Situation das Wort benutzt wird, eine Sache bleibt: Krisen sind schlecht. Das war nicht immer so, denn wenn man dem Wort in die Vergangenheit folgt, lernt man Erstaunliches. Die Ursprungsform ist das altgriechische ϰρισις (krisis), was sich mit «Wendung» oder «Entscheidung» übersetzen lässt. Mit dieser Bedeutung wurde das Wort dann auch in anderen Sprachen übernommen. In seiner lateinischen Form crisis wurde es zunächst in der Medizin verwendet, um den entscheidenden Teil eines Krankheitsverlaufs zu bezeichnen. Die rein negative Verwendung von «Krise» ist tatsächlich ein vergleichsweise junges Phänomen.

Impressum: Herausgeberin: neuland ist das offizielle Publikationsorgan der JUSO Kanton Zürich und ihrer Sektionen: JUSO Kt. Zürich; Postfach 3015; 8021 Zürich; www.juso.org. Redaktion (erreichbar unter redaktion@juso.org): Jonas Banholzer, Yves Chopard, Beat Fehr, Marco Geissbühler, Samuel Haffner, Lena Lademann, Rafael Mörgeli, Andreas Pantermarakis, Rachel Plüss, Severin Pomsel, Dario Schai, Larissa Schüller, Anna Serra, Lucia Thaler, Simon Walter Layout und Titelbild: Samuel Vonäsch Druck: spescha e grünenfelder, Ilanz Auflage: 1000 Ex. Abos: Mitglieder der JUSO Kanton Zürich erhalten neuland gratis zugestellt. Alle anderen können unter www.juso.org/neuland_soli für einen Beitrag von min. 50 Franken ein Jahresabo bestellen.

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