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Zeitschrift der JUSO Kanton Z체rich August 2013, Nr. 12, www.juso.org

Deutschland 150 Jahre SPD

T체rkei Reportage von den Protesten in Istanbul

Abstimmungen JA zum Ausl채nderstimmrecht JA zur Aufhebung der Wehrpflicht

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GenossInnen des Quartals

Der längste Streik im Detailhandel ist vorbei. Elf Tage lang haben die Verkäuferinnen den Spar-Tankstellenshop in Dättwil AG stillgelegt. Sie kämpften gegen tiefe Löhne, miese Arbeitsbedingungen und fehlenden Respekt. Tag und Nacht haben sie zusammen mit der UNIA und Freiwilligen, darunter vielen JUSOs, die Filiale blockiert. Zu keiner Zeit wurden die Streikposten durchbrochen, auch nicht von einer Armee von 70 Streikbrechern. Dann folgte die fristlose Kündigung und die Polizei drohte auf Anweisung des Managements die Räumung an. Weil die UNIA keine Eskalation wollte, gab sie die Blockade auf. Die Verkäuferinnen hätten weiter gekämpft. Jetzt ist ein Einigungsverfahren zwischen Managern und Gewerkschaft im Gang. Ihre Arbeit bekommen die Verkäuferinnen wohl aber nicht wieder. Diese Schlacht gegen die Manager haben wir verloren, aber nicht den Kampf. Und er hat erste Heldinnen hervorgebracht: die Verkäuferinnen von Dättwil. Sie hatten den Mut aufzustehen gegen dieses System der Ausbeutung. Sie haben gezeigt, dass Widerstand nötig und möglich ist. Gäbe es mehr Menschen wie sie, wäre die Welt eine andere – eine bessere.

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JUSO-Agenda Kulturtipps 23./24. August 2013 Röntgenplatzfest Röntgenplatz, Zürich 30. August 2013 PolitZnacht JUSO Winterthur 7. September 2013 Jubiläumsfest 125 Jahre SP Schweiz Waisenhausplatz, Bern www.125jahresp.ch 22. September 2013 Abstimmungssonntag Ab an die Urne! 24. September 2013, 19 Uhr VV JUSO Kanton Zürich SP-Seki, Gartenhofstr. 15, Zürich

Rote Revue Die SP hatte einst eine Theoriezeitschrift, die «Rote Revue», die viermal jährlich erschien und Raum bot, sich über sozialdemokratische Sichtweisen und die Aufgaben der Partei auszutauschen. Die Hefte drehten sich um Themen wie die Revision des Parteiprogramms (2/08), Energiepolitik (2/06), die Regierungsbeteiligung (1/04) oder auch politische Musik (4/04). Ende 2009 war Schluss. Der Zeitgeist findet Marketing und Medienmitteilungen wichtiger als Theoriediskussionen. Kürzlich hat sich jemand die Mühe gemacht, die Ausgaben der letzten Jahre wieder ins Internet zu stellen: www.sp-ps.ch/ger/Medien/Publikationen/ Rote-Revue

Pester Lloyd 28. September 2013 DV JUSO Schweiz Zug

Arschloch des Quartals

Der griechische Ministerpräsident Antonis Samaras hat sich den Titel «Arschloch des Quartals» mehr als verdient. In einem für einen demokratischen Staat beispiellosen Schnellverfahren schaltete er die seit 1938 bestehende öffentlich-rechtliche Sendeanstalt ERT ab – nur Stunden nach der offiziellen Ankündigung. Die Aktion erlaubte es Samaras gleich zwei Fliegen mit einer Klatsche zu schlagen: Er würde die lästigen Kritiker vom ERT los und gleichzeitig auch den europäischen Sparforderungen nachkommen, da über 2600 Angestellte ihren Job verlieren würden. Das Personal des Nachfolgesenders NERIT würde dann selbstverständlich nur aus von der Regierung handverlesenen Personen bestehen. Zu Samaras Pech wehrten sich die Entlassenen aber: Sie besetzten das ERT-Hauptgebäude und sendeten weiter, während landesweit protestiert wurde. Als die Regierung das Signal dann mit Polizeigewalt stoppte, wich man auf Streams und Satellit aus, mit Unterstützung aus ganz Europa.

Zu den europäischen Ländern, in denen besonders viel schief läuft, gehört Ungarn. Insbesondere seit dem Amtsantritt von Viktor Orbán 2010 hört man von Autoritarismus und einem Vormarsch der extremen Rechten in Staat und Gesellschaft. Eine Sicht von aussen aus zweiter oder dritter Hand lässt vieles unklar, aber es gibt Alternativen für diejenigen, die eine interne Sicht möchten, ohne gleich ungarisch lernen zu müssen, etwa den «Pester Lloyd». Dieser ist eine traditionsreiche deutschsprachige Zeitung aus Budapest mit einem linksliberalen Standpunkt und einem grossen Vorrat an kritischer Ironie, wenn sie die Regierung und andere aufs Korn nimmt und über Alternativen und auch ganz alltägliches informiert. www.pesterlloyd.net

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Jahrestage Beat Fehr In diesem Jahr feiern zwei Parteien Geburtstag. Die eine ist die SP, unsere 125-jährige Mutterpartei, die andere ihre Schwesterpartei, die 150-jährige SPD aus Deutschland. Beide stammen aus der klassischen Zeit der Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert. Mit unserer SP müssen wir uns immer wieder auseinandersetzen und sie sich mit uns. Wir als JUSOs gehören im Guten wie im Schlechten zu ihr und sind dazu da, zu verbessern, was uns an ihr stört. Ihre Geschichte zu erzählen, muss auf das nächste Heft warten. Ein Fest gibt es am 7. September in Bern.

SPD Die SPD war lange für viele Sozialdemokraten ein Vorbild, aber auch, besonders in den letzten 20 Jahren, ein abschreckendes Beispiel. Am 23. Mai 1863 wurde der «Allgemeine Deutsche Arbeiterverein» gegründet. 1875 schloss er sich mit der «Sozialdemokratischen Arbeiterpartei» zur «Sozialistischen Arbeiterpartei» zusammen, die sich 1890 schliesslich «Sozialdemokratische Partei Deutschlands» nannte. Obwohl sie in den 1880er-Jahren illegal war, wuchs die Organisation stets und wurde bis 1912 zur wählerstärksten Partei des Landes. Der von Karl Kautsky geprägte «orthodoxe» Parteimarxismus, der offizielle Doktrin wurde, blieb theoretisch bis in die 1950er-Jahre bestimmend. Er hatte zwar oft wenig Wirkung auf die tägliche Praxis, wirkte aber als Minimalkonsens der verschiedenen internen Strömungen. Das grösste Versagen der SPD, wie auch ihrer europäischen Schwesterparteien, wurde ihre Unfähigkeit, den Ausbruch des 1. Weltkriegs zu verhindern. Als Antwort darauf entstanden vielerorts linke und pazifistische Absplitterungen, von denen sich viele auf die Revolution der russischen Bolschewiki ausrichteten und so dem demokratischen Sozialismus verloren gingen. Die SPD fand sich nach dem 1. Weltkrieg in einem Dilemma wieder. In der neuen demokratischen Republik, die sie verteidigte, war sie an Regierungen beteiligt, konnte aber, nach links wie nach rechts kämpfend, diese weder entscheidend prägen noch ihr Ende in Krise und Faschismus ver-

hindern. Nach diesem Trauma und der Befreiung 1945 waren die Optionen begrenzt. Im neuen Ostblock wurden die Sozialdemokraten unterdrückt; im Westen, unter amerikanischem Schutz, wurde sozialistische Veränderung unmöglich. So wurde die SPD die Mit-Aufbauerin einer «Sozialen Marktwirtschaft», wandelte sich in eine pluralistische linke Volkspartei und fand ihre Rolle darin, den neuen wirtschaftlichen Reichtum zu verteilen und die grösste Liberalisierung des gesellschaftlichen Lebens aller Zeiten mit vorwärts zu treiben. Das ging, bis das Stottern der Wirtschaft in den 70ern und das Aufkommen des Neoliberalismus in den 80ern die nächste Identitätskrise mit sich brachten. Dieses geistige Klima und der Frust von 16 Jahren in der Opposition führten zu dem, an das wir uns noch erinnern. 1998-2005 regierte eine rot-grüne Regierung, die es als ihre Aufgabe ansah, fast sämtliche Überzeugungen über Bord zu werfen und eine Politik zu betreiben, wie sie eine bürgerliche Regierung kaum anders betrieben hätte. Nun ist diese «neue Mitte» schon längst wieder verbraucht und abgewählt. Eine neue Idee ist nicht wirklich da. Die mit Marketing übertünchte Ratlosigkeit ist schlimmer als zuvor.

August Bebel Eine gemeinsame Gedenkaufgabe der beiden Parteien dreht sich um August Bebel. Am 23. August 1913 verstarb er 73-jährig bei einem Kuraufenthalt in Graubünden und wurde unter grosser lokaler Anteilnahme auf dem Friedhof Sihlfeld in Zürich beerdigt. Bebel kam in den 1860er Jahren über die Arbeiterbildungsvereine in die Bewegung. Bei der Fusion der Vorgängerorganisationen zur SPD spielte er eine wichtige Rolle und wurde bis zu seinem Tod einer der wichtigsten Parteiführer. Einfluss nahm er auch über seine vielgelesenen Schriften, darunter «Die Frau und der Sozialismus».

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Her Yer

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Taksim – Her Yer Direnis¸

Die scheinbar islamisch motivierte und neoliberale Partei AKP boxt taktweise Gesetzesreformen durch. Sie prägt die Türkei durch moralische Bigotterie, Privatisierungen, Repression, Klientelismus und politische Schickane von Minderheiten. Jüngst hiess es, die öffentliche Grünfläche des Gezi-Parks soll einem Einkaufszentrum weichen. Friedliche Proteste wurden von der Polizei mit brachialer Brutalität niedergeschlagen. Leute begannen sich zu solidarisieren und organisierten den Widerstand. Seyhan Kâhya

Mitgerissen von den Geschehnissen habe ich für die erste Gelegenheit einen Flug nach Istanbul gebucht. Angekommen bin ich am Dienstag, 11. Juni, jenem Abend, als der Taksim-Platz durch exzessiven Einsatz von Gasgranaten geräumt wurde. Das Gas verunmöglichte mir das Erreichen des Taksim-Platzes. Am nächsten Morgen stand ich dann im Park. Zelte von Leuten und Organisationen färbten den Park. Um die Zelte wurden Bücher und Zeitschriften verkauft, Workshops angeboten, Live-Streams aufgesetzt und aus Backsteinen wurden Bibliotheken gebaut.

Zusammenhalt aller Organisationen Organisationen, die sich kurz vor den Ereignissen noch bekämpft hatten, hielten hinter gleichen Barrikaden Wache. Fangruppen von Istanbuler Fussballclubs, die sich einst verprügelt hatten, versöhnten sich für den Widerstand. Jeder, der zur Regierung kritisch steht, hatte seinen Platz im Park: Gewerkschaften, Sozialisten, Anarchisten, Revolutionäre, Fussballfans, LGBT, Feministinnen, Nicht-Organisierte; die Liste lässt sich ellenlang weiterführen. Die zentrale Koordinationsstelle «Taksim Solidaritätsplattform» sicherte die Versorgung des Parks mit Nahrungsmitteln, Wasser, aber auch Schutzausrüstung und das Aufräumen. Erste-Hilfe-Zelte standen mitten im Park. Eimer voll Wasser, um allfällige Gasgranaten abzulöschen, waren im Park ver-

Solidarisieren wir uns für den Fortschritt

teilt. Talcidlösung gegen Auswirkungen der Gasgranaten wurde verteilt. Kurz: Der Park wurde zum lebendigen Treffpunkt des Widerstands und der Solidarität. Die folgenden Tage verliefen ruhig und luden zu Diskussion, Tanz und Kultur ein. Der kämpferische Zusammenhalt war spürbar.

Räumung des Parks Nachdem ich mich am letzten Abend meines Aufenthalts, am 15. Juni, verabschiedet hatte, detonierten Knallgranaten. Wenige Sekunden später flogen Gasgranaten in die Menschenmenge. Sofort schnellten Hände in die Luft und «Keine Panik!» wurde gerufen. Die Menschen entfernten sich ruhig von den Granaten. Wer Masken hatte, setzte sie auf, den anderen ging es miserabel. Mit aller Kraft entgegneten wir der Polizei: «Das war erst der Anfang – jetzt folgt der Kampf.» Noch nie hatte ich so etwas Beeindruckendes erlebt. Dank hervorragender Koordination eilten Leute mit professionellen Gasmasken und Handschuhen herbei und löschten die Granaten ab. Leute stellten sich hinter die Barrikaden und versuchten das Eindringen der Polizei zu verhindern – erfolglos. Der Park wurde geräumt.

Selbst wenn die Proteste langsam abnehmen, haben sie sehr vieles erreicht: Solidarität und Klassenbewusstsein. Den Leuten wurde bewusst, dass sich nur durch das Abtreten Erdogans allein kaum etwas ändert. Die Leute solidarisierten sich mit den Revolutionären. Ein Bruch des Systems und die historische Aufarbeitung der letzten Jahrzehnte ist eine Notwendigkeit. Der Umgang der Türkei mit Minderheiten ist ein Thema für sich. Die Demonstranten sind ein Konglomerat breitesten Spektrums für eine fortschrittliche Wende. Wenn wir in der Schweiz auch einen Fortschritt erkämpfen wollen, müssen wir uns über die Parteigrenzen hinaus organisieren. Solidarisieren wir uns mit fortschrittlichen Kräften, wo wir können, und hindern uns nicht gegenseitig, wo wir nicht dieselbe Ansicht haben. Es braucht eine breite, zusammenhaltende Linke gegen den bürgerlichen Staat und neoliberale Kräfte. Denn «überall ist Taksim – überall ist Widerstand».

Seite 5 Wir möchten in jeder Ausgabe jungen IllustratorInnen die Gelegenheit geben, ihr Schaffen zu präsentieren. Wärst du daran interessiert, auf Seite 5 dein Werk zu sehen? Dann melde dich bei redaktion@juso.org.

Verfasser unbekannt Während bereits internationale Nachrichtenkanäle von den Protesten in der Türkei berichteten, zeigte CNN Türk einen Dokumentarfilm über Pinguine. Berichte über die Proteste folgten erst Tage später. Pinguine wurden dabei zu einem Symbol der Feigheit der Medien.


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Fussball - JUSO

1:12

Yves Chopard Der Bankensektor ist nicht die einzige Branche mit horrenden Löhnen. Auch im Sport gibt es Lohnexzesse. In vielen Belangen ist ein Sportler jedoch nicht mit dem Durchschnitts-Arbeitnehmenden zu vergleichen. Einerseits arbeitet ein Profi-Fussballer effektiv etwa 15 Jahre und steht danach meist ohne Ausbildung mit einem kaputten Körper da. Andererseits haben Sportler dafür die Möglichkeit, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. In der Schweiz sind die Löhne im Fussball im Vergleich zum Ausland niedriger. Alex Frei gehört mit seinen 1.5 Millionen Franken zur Schweizer Spitze. Trotzdem liegt die Lohnschere beim FCB sowie einigen anderen Vereinen ziemlich sicher über der 1:12-Grenze. Die Klubs haben nun Angst, bei einer Annahme der 1:12-Initiative ebenfalls von

der Lohnbandbreite betroffen zu sein und keine teuren Spieler mehr verpflichten zu können. Folgenlos wäre 1:12 im Fussball nicht. Doch es ist fraglich, ob es einen Einfluss auf das Niveau der Schweizer Ligen hätte. Im Sport ist Geld nicht gleichbedeutend mit Erfolg. Vielmehr tut eine Lohndiskussion auch dem Sport gut. Ist es berechtigt, dass der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo im krisengeschüttelten Spanien, wo Fussballvereine Steuerschulden anhäufen, 30 Millionen Euro im Jahr verdient? Oder dass der korrupte FIFA-Präsident Sepp Blatter 1.5 Millionen erhält? Bei anderen, weniger beliebten Sportarten, müssen die Sportler oft neben ihrer Leidenschaft zusätzlich einem Job nachgehen. Die Fussballer sollten es also als ein Privileg ansehen, vom Fussball leben zu können. Und das geht durchaus auch mit Löhnen, die 1:12 entsprechen.

Neue Medien Andreas Pantermarakis PCs, Smartphones, Tablets – wir alle benutzen sie und könnten uns ein Leben ohne sie kaum mehr vorstellen. Das gilt auch für die JUSO. Umso wichtiger ist es daher, kritisch zu bleiben. Wenn Google, Facebook und Co. unsere Informationen speichern und in einen versteckten Datenhandel einfliessen lassen; wenn wir uns immer stärker von proprietären Formaten und Programmen abhängig machen, obwohl es quelloffene Alternativen gäbe, muss uns das interessieren. Wenn die Videospielbranche ihre Arbeiter ausbeutet und ihre Kunden abzockt, ist das genauso wichtig, wie bei unseren «traditionellen» Gebieten. Die-

se Themen bewegen Millionen von Menschen und können zu weltweiten Bewegungen führen, wie etwa 2012 bei den Protesten gegen die geplante ACTA-Reform. Die sogenannten «Neuen Medien» können ein machtvolles demokratisches Instrument sein, aber gleichzeitig werden wir auch permanent dafür kämpfen müssen, dass dies so bleibt. Es gibt mehr als genug bürgerliche Akteure, die in diesen Medien am liebsten nur eine weitere inhaltslose Werbe- und Verkaufsplattform sähen. Auch wir können in der digitalen Welt unsere Interessen vertreten. Ein Anfang wäre ein Blick auf das eigene Konsumverhalten. Aus diesem

Grund haben wir auf unserer Website einige Open-Source-Alternativen zu kommerzieller Software aufgelistet. Freie Standards sind ein Gegenentwurf zu den intransparenten Methoden der grossen Hard- und Softwaremultis. Sie stehen für das Prinzip, Marktinteressen nicht über alles andere zu stellen. Ausserdem würde es bei einem frei einsehbaren Quellcode schnell auffliegen, wenn im Programm etwa ein Hintertürchen zur Überwachung der Benutzer seitens diverser Geheimdienste eingebaut wäre. Die neuen Medien prägen die Gesellschaft – nutzen wir sie und verteidigen wir ihre Errungenschaften!

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Bollwerk der National-Konservativen brechen

Wehrpflicht aufheben!

Nikolai Prawdzic Am 22. September stimmen wir über die Aufhebung der Wehrpflicht ab. Während der Abstimmungskampf unter Linken noch nicht so richtig begonnen hat, sind national-konservative Kreise seit Monaten im Begriff, regionale Komitees auf die Beine zu stellen, Geld zu sammeln und einen Frontalangriff auf die gesellschaftsliberale Forderung zu planen. Die Angst vor Traditionsverlust, vor einer Schweiz ohne gedrillte, auf Befehl gehorchende Männer lässt Offiziersgesellschaften und Schützenvereine auf die Barrikaden steigen. Mit Sicherheit haben diese Argumente allerdings wenig zu tun. In den neunziger Jahren erstritten sich

pazifistische und antimilitaristische Kreise den Zivildienst. Nicht länger sollten Wehrdienstverweigerer ins Gefängnis gehen. Die Einführung des zivilen Ersatzdienstes hatte zur Folge, dass sich seither Armeekritische für den Zivildienst entscheiden oder den blauen Weg gehen. Die Wehrpflicht wird von diesen Kreisen nicht mehr als Zwang wahrgenommen. Dabei geht vergessen, dass Zehntausende nicht wissen, wie sie den Militärdienst umgehen können. Für diese ist der Zwang, der Drill, die Kasernierung noch immer real. Max Frisch bezeichnete den obligatorischen Armeedienst als «Eintrainierung der Klassengesellschaft». Wo blei-

ben also die Linken, die Klassenkämpfer? Fakt ist, uns steht eine Abstimmung bevor, die für nachfolgende Generationen wegweisend ist. Entweder schaffen es die gesellschaftsliberalen und antimilitaristischen Kräfte, das Bollwerk der National-Konservativen zu sprengen, oder wir werden weiterhin Milliarden an Steuergeldern in ein Massenheer stecken. Darum: Ja zur Aufhebung der Wehrpflicht und weg mit bedingungslosem Gehorsam, Schluss mit Gesetzen, die klassische Rollenbilder fördern und Schluss mit dem Zwang zum Erlernen des Kriesghandwerks!

Demokratie für ALLE statt für wenige Fabian Molina Die Gründung der modernen Schweiz 1848 war ein Sieg der Demokratie. Denn nun bestimmten nicht mehr einige wenige adlige Herren, nein, alle Schweizer besassen dasselbe Wahl- und Stimmrecht und konnten von nun an gemeinsam über die Entwicklung unserer Gesellschaft entscheiden.

stimmen, bekommen oft die schlechteren Jobs oder werden ausgegrenzt. Dies ist die Folge der bürgerlichen Sündenbockpolitik, deren Ziel nicht die Sicherheit der Schweiz, sondern ein Klima der Angst und des Misstrauens ist. Denn wo Angst und Misstrauen regieren, lassen sich Solidarität und Gemeinsinn zerstören und die Gewinne maximieren.

Trotzdem blieben weite Teile der Bevölkerung von der Demokratie ausgeschlossen. Allen voran die Frauen, die weiterhin nicht mitbestimmen durften, aber auch die Jugend und eben die niedergelassene Bevölkerung. In jahrelangen Kämpfen gelang es, diese Ungerechtigkeiten Schritt für Schritt abzubauen. 1971 erhielten die Frauen ihre demokratischen Rechte und 1991 wurde das Stimm- und Wahlrechtsalter auf 18 Jahre gesenkt.

Deshalb brauchen wir eine Schweiz des Miteinanders! Nur wer Verantwortung übernimmt, an der Gesellschaft teilnimmt und sich dadurch integriert, fühlt sich auf- und ernst genommen. Rechte und Pflichten müssen gleich verteilt sein. Am 22. September hat die Bevölkerung des Kantons Zürich nun die Möglichkeit einen Schritt in diese Richtung zu machen, und es mit der Initiative «Für mehr Demokratie» auch AusländerInnen, die seit 10 Jahren in der Schweiz leben, das Wählen und Abstimmen zu ermöglichen, sofern die entsprechende Gemeinde das beschliesst.

Nur die ausländische Bevölkerung muss nach wie vor auf ihr Recht warten. AusländerInnen bezahlen zwar Steuern, sind in Vereinen engagiert, können aber nicht mitbe-

Mehr Demokratie ist historisch überfällig und ermöglicht Solidarität und Gemeinsinn.

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Kurzgeschichte: Anonym Es regieren hunderte Götter. An jedem Tag einer. Der Gott des Konsums. Der Gott der Hörigkeit. Der Gott der Ehrfurcht. Ja, es regiert sogar der Gott der Gottgläubigkeit an einem Tag. Ich weiss nicht mehr, wer an welchem Tag regiert; ich weiss nicht mal mehr, wie sie alle heissen. Wir haben's eigentlich mal in der Schule gelernt. Aber bei 365 ist das auch schwierig. Es bräuchte eigentlich so etwas wie Facebook für Götter. Ein Godbook. Dann kriegte ich immer den Hinweis, wer wann regiert, quasi wann welcher Gott Geburtstag hat. Ich weiss ja kaum, wann meine Geschwister Geburtstag haben. Aber ich weiss, dass jeder Tag regiert wird. So genau kommt das ja nicht drauf an. Ich weiss ja auch, dass mein Bruder einmal im Jahr Geburtstag hat.

Lexikon Mittelstand, der; auch Mittelschicht. Inhaltsloses, antisozialistisches Schlagwort. Eigentlich nur kleine und mittlere Unternehmen, sowie Selbstständige bzw. Bevölkerungsschicht mit einer gewissen sozialen Sicherheit (vgl. das Bürgertum). Im geläufigen Gebrauch umfasst es aber die Gesamtheit der Gesellschaft. Negiert die Klassengesellschaft: Lohnabhängige; Unterer Mittelstand. Abzocker; Oberer Mittelstand. Die Schweiz als Land des Mittelstandes. Ist in sich widersprüchlich: geht von einer Ständegesellschaft bestehend aus einem Stand aus. Konsequenterweise müsste auch von der Unter- und Oberschicht gesprochen werden. Besonders aber der Begriff Unterschicht findet kaum Verwendung. Begriff wird vor allem von bürgerlichen Parteien zur Verschleierung ihres Klassencharakters verwendet (vgl. Partei des Mittelstandes). Zunehmend aber auch vom rechten Flügel der Sozialdemokratie zur Vermeidung klassenkämpferischer Rhetorik.

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Götter Meine Familie erinnert mich schon rechtzeitig daran. Ansonsten kann ich ja auf Facebook schauen. Genau wie wenn ich mal dem falschen Gott huldige. Die Gesellschaft sagt mir schon, wem ich glauben muss. Jetzt ist mir doch ein weiterer Gott und Tag eingefallen: der Facebook-Gott. Manchmal sieht man den Wald vor Bäumen nicht mehr. Aber ich will eigentlich nicht über Facebook reden. Dafür haben wir ja einen eigenen Tag. Ach ja, es gibt noch den Gott der Arbeit. Der ist aber nicht etwa am 1. Mai. Der war da mal. Jetzt regiert dort der Gott der Sauberkeit. Der Tag der Arbeit, der ist jetzt an einem Sonntag. Und es wird gearbeitet. Wie bei uns eigentlich jeden Tag im Jahr. Es arbeitet ja auch immer ein Gott, oder? Also ich will nicht rumsitzen, und andere für mich schuften lassen. Das macht man ja nicht. Aber ich rede schon wieder über den falschen Tag. Das liegt wohl daran, dass es für heute keinen Gott gibt. Ich weiss nicht mehr, was ich glauben soll. Dieses Jahr hat nämlich 366 Tage. Schaltjahr nennt man das. Und das ist eine grosse Katastrophe. Wir haben nämlich nur 365 Götter. Übrigens keine Frauen. Manche sehen aus wie Frauen, aber es sind eigentlich Männer. Auf jeden Fall haben wir nicht 366.

Impressum: Herausgeberin: neuland ist das offizielle Publikationsorgan der JUSO Kanton Zürich und ihrer Sektionen: JUSO Kt. Zürich; Postfach 3015; 8021 Zürich; www.juso.org. Redaktion (erreichbar unter redaktion@juso.org): Jonas Banholzer, Yves Chopard, Beat Fehr, Marco Geissbühler, Samuel Haffner, Lena Lademann, Rafael Mörgeli, Andreas Pantermarakis, Rachel Plüss, Severin Pomsel, Dario Schai, Larissa Schüller, Anna Serra, Lucia Thaler, Simon Walter Layout und Titelbild: Samuel Vonäsch Druck: spescha e grünenfelder, Ilanz Auflage: 1000 Ex. Abos: Mitglieder der JUSO Kanton Zürich erhalten neuland gratis zugestellt. Alle anderen können unter www.juso.org/neuland_soli für einen Beitrag von min. 50 Franken ein Jahresabo bestellen.

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