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Zeitung der JungsozialistInnen Journal de la Jeunesse socialiste Giornale Della GioventÙ sOCIALISTA

rot | rouge | rosso #190, Juni 2010, JUSO Schweiz, Postfach 8208, 3001 Bern, www.juso.ch

UBS-freie Zone! Meine Gemeinde ist UBS-CS frei

Keine Geschäfte mehr mit verantwortungslosen Banken. Die JUSO will, dass die Gemeinden auf ­Geschäfte mit UBS und CS ­verzichten.

Uetendorf machts vor! Es geht auch ohne Grossbanken. Die beiden Banken CS und BS verhalten sich gegenüber der Öffentlichkeit und Gesellschaft beispiellos arrogant. Die überrissenen Löhne der Topkader und die krassen Lohnsscheren gefährden zunehmend den sozialen Zusammenhalt. Diese Politik ist von Verantwortungslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber unserem Land und der Welt geprägt. Die öffentliche Hand kann dieses Verhalten der Grossbanken nicht länger tolerieren. Solange sie nicht einsichtig sind, sollen die Gemeinden daher auf geschäftliche Beziehungen mit ihnen verzichten. In der ganzen Schweiz werden jetzt von JUSOs Anfragen und parlamentarische Vorstösse eingereicht, die die Gemeinde auffordern, bis auf weiteres alle geschäftlichen Beziehungen mit den Grossbanken UBS und Credit Suisse einzustellen. Diese sollen erst wieder aufgenommen werden, wenn sich die Grossbanken zu einer bedingungslosen Weissgeldstrategie im In- und Ausland Fortsetzung auf Seite 2

der NEUE

GAYNOSSINNEN

BILDUNG

Fabio Höhener hat mit dem Solothurner Postangestellten Yves Fankhauser gesprochen, dem neusten GL-Mitglied.

Die aktivste Arbeitsgruppe der JUSO feiert ihr erstes Jubiläum. Nadia Olloz erzählt, was in diesem Jahr passiert ist und wohin die GaynossInnen streben. Seite 4

Clau Dermont über die Tücken des Schweizer Hochschulsystems, der Ein­­schränkung der Chancengleichheit und eine Initiative, die Abhilfe schaffen will. Seiten 6 / 7

Seite 3

AZB 3900 Brig

sommerlager meldet euch jetzt an, plätze beschränkt (S. 4) Partisanen­wanderung auf den spuren der Partisanen in Graubünden (S. 5)  sparhysterie deutschland will 35 milliarden euro sparen (S. 5)

Adressänderungen an JUSO Schweiz, PF 8208, 3001 Bern

INFRA


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INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

Fortsetzung von Seite 1 bekennen und ihre Lohnpolitik wieder in einem vernünftigen Rahmen halten. Du willst eine Anfrage an deine Gemeinde schreiben? Dann melde dich per Mail an ino@juso.ch.

Auf der Website www.ubsfrei.ch werden laufend die Gemeinden aufgeschaltet, in denen Anfragen oder Vorstösse eingereicht werden.

Espace non-UBS ! La JS dépose des demandes dans 100 communes suisses afin qu'elles vérifient si elles ont une quelconque relation professionnelle avec les deux grandes banques UBS et Crédit ­Suisse. Si tel est le cas, nous demandons que le Conseil municipal /communal annule toutes ces relations professionnelles. Celles-ci doivent seulement être reprises si les banques se prononcent en faveur d'une stratégie d'argent propre à l'intérieur ainsi qu'à l'étranger et tiennent leur politique salariale dans un cadre raisonnable. Le comportement des deux ban­ ques envers le public est d'une arrogance sans précédent. Les salaires outrageux des managers et les écarts salariaux extrêmes mettent de plus en plus en danger la cohésion sociale. Sur le site web www.sansubs.ch vous trouvez un plan avec les communes où les demandes seront déposées.

Überall hier wurden schon Anfragen oder Vorstösse eingereicht. ANZEIGE

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INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

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INTERVIEW Fabio Höhener spricht mit dem neuen Geschäftsleitungsmitglied Yves Fankhauser.

«Die JUSO ist die Partei, die sich für die Anliegen der Lehrlinge einsetzt.» einzelnen Mitgliedes weiterhin gross bleibt. Welche politischen Themen sind für dich zentral? Momentan ist das Thema Lohngerechtigkeit und die Abzockerdebatte sehr wichtig. Wirtschaftspolitik ist für mich zentral. Die Auswirkungen für die Menschen, wenn der Lohn klein ist oder ausbleibt, sind enorm. Hier gibt es für uns auch noch einige Arbeit zu erledigen.

Was war deine Motivation, um für die GL zu kandidieren? Für mich waren mehrere Punke ausschlaggebend. Als Angestellter bei der Post bringe ich eine neue Perspektive in die GL, die noch zu wenig vertreten ist. Wichtig war für mich auch, dass ich der Partei helfen kann. Natürlich profitiere ich auch persönlich von der Arbeit. Diese Erfahrung ist sehr bereichernd. Wie warst du in der JUSO aktiv, bevor du in die GL gewählt worden bist? Ich war bis anhin vor allem aktiver Teil der Basis. In der JUSO Solothurn übernahm ich den Posten als Revisor. Ausserdem engagiere ich mich in der SP und in der Gewerkschaft. In meiner Wohngemeinde sitze ich in der Natur- und Umweltkommission. Was sollte die JUSO tun, um mehr Lehrlinge anzusprechen? Da gibt es leider kein Universalrezept. Wir müssen weiterhin den Jungen klar machen, dass die JUSO die Partei ist, die sich für die Lehrlinge einsetzt und ihnen gute Ausbildungen und Weiterbildungen ermöglichen will. Wir setzen uns auch für die jugendlichen Freiheiten ein und wehren uns beispielsweise gegen Ausgangssperren. Die Jungen werden vorwiegend von uns vertreten.

«Als Postangestellter bringe ich einen neue ­Perspektive in die GL.»

Liegen dir gewisse politische Projekte besonders am Herzen? Ja. Die Liberalisierung des Postmarktes muss gestoppt werden. Als Postangesteller bin ich natürlich selber betroffen. In ländlicheren Gemeinden erkennt man bereits den Zusammenbruch des Service Public. Der freie Markt hat hier total versagt. Doch nicht nur dort. Ich

Wie sehen deine weiteren politischen Ambitionen aus? Was sind deine Pläne für die Zukunft? Im Frühling 2013 stehen die Kantonsratwahlen in Solothurn an. Es ist mir wichtig, dass die SP und JUSO dort zusammen gewinnen. Ob ich von der Partei nominiert werde, weiss ich noch nicht. Auf jeden Fall will ich sie im Wahlkampf unterstützen. Sei es als Wahlhelfer oder Kandidat. Yves Fankhauser Alter: 20 / Beruf: Informatiker bei der Schweizerischen Post / Wohnort: ­Lüterswil / Sektion: JUSO Solothurn

«Ich empfinde das Verhältnis zwischen GL und Basis als gut.»

engagiere mich deshalb auch für eine Einheitskrankenkasse. Was ist die Rolle der JUSO in der Sozialdemokratischen Familie? Wir müssen Themen ansprechen, die heikel sind und an die sich die SP nicht immer rangetraut. Natürlich soll es auch unser Ziel sein, besonders Jugendliche mit unseren Themen anzusprechen und auf die Sozialdemokratie aufmerksam zu machen. Wie empfindest du die Beziehung zwischen der Basis und der GL? Zurzeit ist es noch schwierig zu beurteilen, da ich noch zu wenig lange Teil der GL bin. Ich empfinde das jetzige Verhältnis aber als gut. Wir müssen vielleicht noch mehr die Basis in Projekte integrieren, damit das Mitspracherecht eines

Die JUSO ist in 5 Jahren… … die grösste Jungpartei und die stärkste linke Bewegung. Sie wird bis dahin auch viele personelle Wechsel durchgemacht haben, was aber ihren Erfolg nicht schmälern wird.

YVES FANKHAUSER Yves Fankhauser a été élu au comité directeur le 15 mai à Bâle. Yves est membre de la JS Soleure et travaille à la poste. Il veut s’engager pour la représentation des apprenti-e-s au sein de la JS Suisse.


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INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

Gaynossinnen

Sichtbar, selbst­ bewusst und selbstverständlich Ein Jahr nach der Gründung sind die GaynossInnen eine der aktivsten Arbeitsgruppen der JUSO. So waren die GaynossInnen selbstverständlich an der Gründung eines schweizweiten Netzwerks für lesbisch, schwule, bisexuelle und transgender (LGBT) Jugendliche im April dabei. An der Konferenz «Go for

LGBT Youth!» haben 100 junge LGBT AktivistInnen Erfahrungen ausgetauscht, Probleme und Bedürfnisse geklärt, sowie mögliche Lösungen diskutiert. Eröffnet wurde die Konferenz vom ersten offen schwulen kantonalen Exe­ kutivpolitiker Bernhard Pulver. Er erinnerte daran, dass Gleichstellung nie er-

reicht ist. Toleranz und Menschenrechte müssen immer erkämpft werden. In unserer Gesellschaft ist eine starke LGBT Bewegung wichtig. Weiterhin gibt es Diskriminierung in der Schule, im Job, beim Adoptionsrecht usw. Zudem haben LGBT höhere Depressions- und Suizidalraten. Nicht weil sie LGBT sind, sondern wegen der fehlenden gesellschaftlichen Akzeptanz. Gerade für uns SozialistInnen ist die Gleichheit aller Menschen, egal welcher Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung eines der wichtigsten Ziele und damit die GaynossInnen eine Speerspitze in diesem Kampf. Die GaynossInnen konnten an der Konferenz ihre vergangenen und zukünftigen Projekte vorstellen, wie die Aktion gegen das Blutspendeverbot für Schwule oder das Kiss-in beim Bahnhof Bern, welches am 19. Juni unter dem Motto «Kiss for equal rights!» stattfindet. Das Engagement der GaynossInnen ging nach der Konferenz an der Zürich Pride weiter. Zahlreiche GaynossInnen liefen mit dem Slogan «Pervers sind nur Managerlöhne» mit selbstgemachten T-Shirts und Buttons mit. Diese können auf www.gaynossinnen.ch bestellt ­werden. Nadja Olloz

SOMMERLAGER

CAMP D’éTé

Schon fürs Sommerlager angemeldet? 26. – 31. Juli 2010, in Wangs (SG)

Déjà inscrit pour le camp d’été ? 26 – 31 juillet à Wangs (SG)

Bald findet das zweite Sommerlager der JUSO Schweiz statt! Und auch dieses Jahr erwartet uns eine Woche mit Bildung, Parties, Diskussionen, spannenden Menschen und feinem Essen! Auf der Homepage kannst du dich noch anmelden. Beeil dich, die Plätze sind begrenzt!

Une semaine pleine de formation et de plaisir avec des jeunes socialistes de toute la Suisse nous attend ! Inscris-toi au site web. Mais dépêche-toi ! Places restreints !


INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

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Partisanenwanderung in Graubünden – so lautete der Ruf, dem schliesslich nur zehn Personen folgten. Diese kleine Enttäuschung trübte unsere Freude aber nicht lange. Unglaubliche Geschichten, die erwachende Natur und eine einzigartige Unterkunft zogen alle in ihren Bann.

«Grabe, wo du stehst» Maloja, ein 300-Seelen-Passdörfchen auf 1800 Meter über Meer, liegt zwischen dem Oberengadin und dem italienischsprachigen Bergell. Nachdem 1943 Norditalien von deutschen Truppen besetzt wird, flohen immer wieder WiderstandskämpferInnen ins nahe und sichere Engadin. In Maloja beginnt die Geschichte direkt vor der Tür. Ein wenig ausserhalb vom Dorf befindet sich das Haus Salecina, in dem wir nächtigen. Das von Gästen selbstverwaltete Haus ist ein Relikt der 68er-Bewegung, das auch 30 Jahre später immer noch quicklebendig ist. Gleich nach unserer Ankunft beginnen wir zu «graben». Zugegebenermassen, Jürg Frisch-

knecht, Journalist und Partisanenexperte, hat für uns bereits vorgearbeitet. Er erzählte uns getreu seinem Motto «grabe, wo du stehst» während der Wanderung auf dem Partisanen-Fluchtweg und auch bis tief in den Abend von ihm ans Licht gebrachte, höchstspannende Geschich-

ten, die sich alle in Maloja abspielen. Von italienischen PartisanInnen, Genossenschaftsgründenden Dorfschullehrern und Bähnlern, die geschlagene AntifaschistInnen nach der Flucht aufpäppelten und gleichzeitig auch in grossem Rahmen Waffen und Geld zur Unterstützung der Bewegung schmuggelten (und, wie sich herausstellt, noch die Urgrosseltern eines früheren Klassenkameraden von Engadiner Genossen sind). Geschichte wird umso faszinierender, je stärker man sich selber damit verbunden fühlt. Direkt vor Ort, in einer faszinierenden Umgebung und schliesslich in einem geschichtsträchtigen Haus ist diese Identifikation ein Kinderspiel. Salome Bay

Über den Tellerrand

Sich bedienen bei den Schwächsten «Ein Sparprogramm wird nur dann auf Akzeptanz stossen, wenn es dabei gerecht zu und hergehe», so seit Wochen der O-Ton der schwarz-gelben Koali­ tion. Jetzt liegt vor, wie Deutschland bis 2014 das strukturelle Defizit um 32,4 Milliarden Euro verringern will. Nägel mit Köpfen werden vor allem bei den Kürzungen am Sozialstaat gemacht, weitere Mehreinnahmen oder Einsparungen sind «Luftnummern», da nicht klar ist ob und wie sie umgesetzt werden können. Bei den Arbeitslosen aber ist das Sparen leicht, denn wer keine Lobby hat, kann sich nicht wehren. Schnipp, Schnapp Wiedereingliederungsprogramme weg, El­terngeld weg, Rentenzuschuss weg, Übergangsgeld weg, Heizkostenzuschuss weg, Arbeitslosengeld I gekürzt. Das Sparen bei den Langzeitarbeitslosen schmerzt die CDU und die FDP nicht; von

Angela Merkel und Guido Westerwelle: Die beiden haben gut lachen. ihnen werden sie sowieso kaum gewählt. Desaströs ist das Geizen aber für die Betroffenen. Die paar Euro weniger treiben die ohnehin schon Gebeutelten noch näher an die Grenze des Untragbaren. Arbeitslos – selber schuld? Ist man mit einer Arbeitsstelle beglückt, treffen einen die Kürzungen ungleich weniger. Ausgespuckt von einem zynischen

System der Profitmaximierung, das unsere Gesellschaft zugleich charakterisiert und bestimmt, baden die Arbeitslosen die misslungene Politik der letzten Jahre aus. Anstelle von Solidarität wird ein neues Feindbild, die Unterschicht, geschaffen. «Sollen sie doch arbeiten gehen!» – Dieser Ratschlag wird mit der Streichung der Wiedereingliederungsprogramme umso spöttischer. Was gänzlich im Sparprogramm fehlt, sind Mehreinnahmen aus den obersten Etagen. Dies ist auch nicht weiter erstaunlich, denn dort sitzen die CDU und die FDP selber. Wie auch in der Schweiz vertreten die Bürgerlichen nicht das Volk, sondern vielmehr die Mächtigen. Der Matthäus-Effekt wird zelebriert, für das eigene Wohl und für den politischen «Leistungsausweis» wird an fremdem Fleisch geschnippelt und gestutzt. Was es jetzt braucht, ist ein Veto des Volks. Auf die Strassen und an die Urnen! Salome Bay


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INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

BILDUNG Mehr als 70 Prozent der Studierenden in der Schweiz geht einer regelmässigen oder unregelmässigen Erwerbstätigkeit nach – oft, weil sie sonst nicht die Möglichkeit haben, sich ihr Studium zu finanzieren. Dies auch dank 26 verschiedenen Systemen in der Schweiz.

Darf Bildung kosten? Die föderalen Strukturen fördern auch im Stipendienwesen eine Pflästerlipolitik. Nachdem vierzig Jahre lang versucht wurde, ein Vorschlag für die Harmonisierung des Schweizer Stipendienwesens zu erarbeiten, ist das Resultat ein schwaches Konkordat. Anstatt einem materiellen Ausbau und einheitlichen Kriterien suchen die Kantone nun den kleinsten gemeinsamen Nenner. Papi / Mami hilft nicht immer Die Zahlen zeigen, dass die heutigen Ausbildungsbeihilfen nicht genügend

«Stipendien sind eine Investition in gute Bildung – eine Investition in die Zukunft der Schweiz.» sind. Mehr als 70 Prozent der Studierenden geht nämlich einer regelmässigen oder unregelmässigen Erwerbstätigkeit nach. Bei einem Studium an einer Fachhochschule und je nach Studiengang auch an einer Universität bedeutet dies jedoch eine starke Einschränkung, Studienzeitverlängerungen und mangelnde Zeit für Prüfungsvorbereitungen und Arbeiten sind die Folge. Darunter leidet auch die Bildung. Nur 14 Prozent der Studierenden bekommt Ausbildungsbeihilfen (insgesamt bekommen nur 0.6 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Ausbildungshilfe). Und dies auch noch in stark unterschiedlichen Ausmassen. Der Durchschnittsbeitrag pro Semester beläuft sich auf 3200 Franken – im Kanton Neuenburg sind es jedoch nur knapp 1200 Franken! Dabei kriegen nur 29 Prozent der Studierenden monatlich von den Eltern einen kostendeckenden Betrag aufs Konto überwiesen, um damit Studiengebühren, Bücher, Büromaterial, Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Miete, Energieverbrauch, Kehrichtgebühren, Gesundheitspflege, Krankenkasse, Verkehrsauslagen, Telefon, Internet und elektronische Geräte zu finanzieren.

Dauernd Rückschritte Stipendien sind eine Investition in gute Bildung – eine Investition in die Zukunft der Schweiz. Gerade auch Studierende an Fachhochschulen, deren Eltern oft nicht an einer Universität waren, sind auf die finanzielle Unterstützung durch Stipendien angewiesen. Die geltenden Standards sind zu tief und führen nicht zu mehr Chancengleichheit. Auch haben die Realwerte der Stipendienbeträge in den letzten zwanzig Jahren um 15 Prozent abgenommen, dies bei einem gleichzeitigen Anstieg des BIPs um rund 30 Prozent. Werden die geltenden Standards jetzt in einem Konkordat zementiert, dürfen wir auch in den nächsten Jahren mit weiteren Rückschritten rechnen. Der Verband der Schweizer Studierendenschaften lanciert deshalb bereits zum dritten Mal in seiner Geschichte eine Initiative zur Harmonisierung des Stipendienwesens in der Schweiz (siehe Box). Ziel sind einheitliche Kriterien für die ganze Schweiz – damit Studierende nicht je nach Herkunftskanton diskriminiert werden. Ziel ist es auch, Stipendien zu dem zu machen, was sie sein sollen: Eine Ausbildungsbeihilfe, die auch hilft.

Damit neben dem Studium nicht gearbeitet werden muss und damit auch Studierende ohne dickes Portemonnaie oder fetten Bankkonti der Eltern sich an

«Auch Studierende ohne ­Eltern mit fetten Bank­ konti sollen sich einer Uni oder Fachhoschule bilden dürfen.» eine Universität oder eine Fachhochschule bilden dürfen. Und ja: Bildung hat Wert – für jeden einzelnen und für die Gesellschaft. Bildung darf auch den Staat etwas kosten. Clau Dermont Infos und Statistiken zu Stipendien und zum Studium: Kantonale Stipendien und Darlehen 2008. Bundesamt für Statistik, Neuenburg. Studieren nach Bologna – die Sicht der Studierenden 2008. Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS), Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS), Bern

Die Stipendien variieren stark zwischen den Kantonen: Wohnst du am richtigen Ende der Leiter?


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Interview avec Dominique Arlettaz Quelles sont vos motivations de vous engager en tant que recteur de l'Université de Lausanne pour une initiative pour une harmonisation du système des bourses d'études ? En ma qualité de Recteur de l'Université de Lausanne, je tiens à placer les étudiants au centre des préoccupations de l'Université. Or, je sais que certains d'entre eux ont des difficultés matérielles qui les ralentissent dans leurs études, et dans certains cas qui les font interrompre leurs études, voire même ne jamais commencer. Cette situation n'est pas acceptable et c'est donc la responsabilité des autorités politiques et académiques de faire un pas de plus dans la progression des ressources mises à disposition des aides aux études. Selon vous où est-ce que vous voyez la plus grande nécessité d'agir ? En matière de financement de l'aide aux études, même si la Suisse est très en retard en comparaison internationale, il faut reconnaître que certains cantons ont fait de gros efforts au cours des dernières années. De plus la CDIP (EDK) a réussi à élaborer un concordat qui vise à harmoniser les critères d'octroi et les montants des bourses d'études. Ce concordat doit encore être ratifié, mais c'est un beau progrès et un signe clair de la volonté politique des autorités cantonales en charge de la formation. Ce-

KOMMENTAR

pendant, trop d'étudiants sont et seront encore obligés de subvenir de manière importante à leurs besoins tout en suivant un cursus dans une haute école. Il est donc impératif que Cantons et Confédération se donnent les moyens d'offrir une aide financière suffisante à toutes celles et à tous ceux qui en ont besoin et qui ont la capacité d'entreprendre des études universitaires. Comment est-ce que vous estimez les chances de cette initiative de changer réellement la donne ? C'est très difficile à dire. Mais je crois que l'objectif premier est d'amener sur la place publique un débat sur la mission de la Confédération en matière de bourses d'études. L'enjeu est important car en fait, c'est la perception du rôle des étudiants au sein de la société qui sera décisive. Est-ce que le concordat aspiré par les cantons n'est il pas suffisant ? Comme indiqué plus haut, le Concordat intercantonal sur les bourses d'études est remarquable et il sera très utile. Mais le problème est suffisamment grave pour que l'on accepte d'inscrire la problématique de l'aide aux études comme une tâche nationale, et donc de l'ancrer dans la constitution fédérale. C'est cela que veut l'initiative.

«Manche haben sie, haben viel davon, manche haben ‹ganz wenig› und dehnen ­dabei ihre Augenbrauen und so viele haben gar keine. Diejenigen, die welche haben, meinen ‹Es ist schwierig, schwieriger als ich gedacht habe› und ‹wenn man sich zu sehr bemüht, wird viel verloren. Wer zu ehrlich ist, wird bestraft›. Diejenigen, die keine haben und keine wollen können, meinen, es gar nicht verstehen zu müssen, und einige von denen sagen auch: ‹Nur mit Fleiss kommt der Preis› und der Preis meint die Arbeit. Diejenigen, die welche haben, hätten sechsundzwanzig Möglichkeiten, welche zu haben, und ein geschätztes Intervall von zweitausend, um zu differenzieren. Diejenigen, die keine haben können und keine anderen wollen, die welche haben, sollten wissen, dass dies der grösste Verrat an unseren Vorvätern und unserem Gemeingut bedeutet. Ich hätte jetzt an Stipendien gedacht, und du?»

INITIATIVE Bereits zwei Mal hat der Verband der Schweizer Studierenden VSS eine Initiative lanciert, um das Stipendienwesen in der Schweiz zu verbessern. Die erste Initiative, bekannt als das Lausanner Modell, wurde 1972 gegen den Willen des VSS zurück­ gezogen. 1993 scheiterte das zweite Projekt an einem zu komplizierten Text bereits in der Sammelphase. Jetzt soll alles besser werden: Mit einem konsens­orientiertem Text und einem Komitee mit vielen Studierenden soll aus den Fehlern gelernt werden. Der VSS ist überzeugt, dass die Bolognareform die Lebensumstände der Studierenden durch die stärkere Verschulung noch verschärft hat. Dem schleichende Rückgang der Stipendienbeiträge soll jetzt entgegengewirkt werden: In die Schweizer Verfassung soll festgeschrieben werden, dass Ausbildungsbeihilfen von den Kantonen einen minimalen Lebensstandard während der tertiären Erstausbildung garantieren (tertiär bedeutet sowohl Unis, ETHs, Fachhochschulen als auch höhere Fachschulen, so genanntes Tertiär B). Damit soll erreicht werden, dass Bildung nicht mehr von der familiären Herkunft abhängig gemacht wird. Der Sammelstart ist im Juli geplant, auch die JUSO ist mit dabei und unterstützt die Forderungen der Initiative. Infos gibt’s auf www.vss-unes.ch.

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Samira Marty

IMPRESSUM Herausgeber: Infrarot – Infrarouge – Infrarosso Spitalgasse 34, PF 8208, 3001 Bern, www.juso.ch, www.jss.ch Kontakt: infrarot@juso.ch, 031 329 69 99 Redaktion: Clau Dermont, Salome Bay, ­Fabio Höhener, Samira Marty, Tanja Walliser Design: art.I.schock GmbH, Zürich, www.artischock.net Layout: Atelier Kurt Bläuer, Bern Druck: S & Z Print, 3902 Brig-Glis Abo: Fr. 20.– / Jahr – Das Infrarot erscheint 6 Mal pro Jahr


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INFRAROT | JUSO | JUNI 2010

Cleantech-Initiative Die neue Initiative der SP Schweiz ist ein ursozialdemokratisches Anliegen. Die Cleantech-Initiative ist eine Investition in den Werkplatz und Industirestandort Schweiz und schafft qualifizierte Arbeitsplätze. Sie soll in den nächsten Jahren bis zu 100 000 neue Arbeitsplätze schaffen. Nur wie?

Cleantech – 100 000 Arbeitsplätze und Fortschritt dank erneuerbaren Energien Die Initiative ist die Antwort auf die Wirtschafts- und Finanzkrise. Denn nur reale Werte schaffen nachhaltigen Wohlstand. Wenn wir jetzt auf Sonnenenergie, Wind, Geothermie oder Biomasse umsteigen und die Schweiz mit neuen, sauberen Technologien, eben Cleantech, voranbringen, schaffen wir neue Arbeitsplätze, neue Forschungsgebiete und neue Ausbildungsplätze. Von den Investitionen in erneuerbare Energien profitieren Klein- und Mittelbetriebe im ganzen Land – insbesondere auch in den Randregionen, wo ein grosses Potenzial an Wind- und Solarenergie sowie Biomasse brachliegt. Der ökologische Wandel ist im Gang Zukunftsgerichteter Umgang mit Ener­ gien bedeutet, auf die erneuerbaren Energien zu setzen und die Energie effizient zu nutzen. Hierfür schafft die Cleantech-Initiative die nötigen Rahmenbedingungen. In der EU liefern neue erneuerbare Energien einen substanziellen Beitrag an den Stromverbrauch. Über 60 Prozent der neu installierten Kraftwerke arbeiten mit erneuerbaren Energien. Die Schweiz hat es noch einfacher als die EU – dank dem bereits hohen Anteil an Wasserkraft. Das Potenzial an neuen erneuerbaren Energien übersteigt unseren Energieverbrauch um ein Vielfaches. Und wenn wir clever mit der einheimischen Energie umgehen, schonen wir die Umwelt ebenso wie das Portemonnaie. Deshalb verlangt die Initiative, dass bei neuen Gebäuden, Fahrzeugen und Geräten immer die beste verfügbare Technologie zum Einsatz kommt. Konsumentinnen und Konsumenten werden so endlich nicht mehr für die Energieverschwendung bezahlen müssen, die ihnen keinen Nutzen bringt. Unser Potenzial besser nutzen Die Bereitschaft, in erneuerbare Energien zu investieren, ist enorm. Heute

stehen über 5000 Projekte für sauberen Strom auf der Warteliste des Bundesamts für Energie und warten auf den Bescheid für Vergütungen. Hier geht es um Milliarden privater Investitionen, die unser Land aus eigener Kraft und mit eigener Technik meistern kann. Und in der Cleantech-Forschung und Entwicklung sind wir international schon lange an der Spitze. Doch der Heimmarkt ist wenig entwickelt. Die meisten europäischen Solarfabriken stehen in Deutschland, obwohl viele Patente aus der Schweiz stammen. Heute werden weder unser Fachwissen noch unsere Investitionsmöglichkeiten genügend genutzt. Mit der Cleantech-Initiative schaffen wir die nötigen Innovations- und Investitionsanreize. Den Anschluss nicht verpassen Neue Windturbinen ersetzen momentan weltweit alle zwei Wochen ein AKW. Solarzellen werden immer billiger. Erneuerbare Energien setzen sich durch. Deutschland baut an einem Tag so viele Solarstromanlagen wie wir in einem ganzen Jahr. Wichtige Wirtschaftsnationen wie Deutschland oder die USA haben es verstanden: wer sich in Zukunft im internationalen Standortwettbewerb durchsetzen will, muss heute auf Energieeffizienz und erneuerbare Energien setzen. Die Schweiz muss jetzt handeln, will sie im Bereich von Cleantech nicht nur forschen, sondern auch produzieren und Wohlstand für alle schaffen. Es handelt sich um einen Weltmarkt mit vielversprechender Zukunft. Die Umsätze im Umweltschutz steigen rasant. Die Schweiz kann sich aus der ­Erdölabhängigkeit lösen Wir sind heute zu 80 Prozent vom Erdöl-, Erdgas- und Uranimport abhängig. Das kommt uns immer teurer zu stehen. Viele Milliarden Franken fliessen jährlich ins Ausland ab. Und Erdöl, Erdgas und

Atomkraftwerke sind punkto Sicherheit riskant. Ein Grossteil der Ölimporte kommt aus politisch instabilen Regionen wie dem mittleren Osten. Die fossilen Energien verschmutzen die Umwelt und belasten die Atmosphäre mit Treibhausgasen. Erdöl wird knapp und darum immer teurer. Aus dieser Abhängigkeit kann sich die Schweiz lösen, wenn sie auf erneuerbare Energien und effizienterer Energienutzung setzt. Wir haben die politischen Mittel dazu – packen wir diese Chance. Das will die Eidgenössische Volksinitiative «Neue Arbeitsplätze dank erneuerbaren Energien (CleantechInitiative)»: 1. Bund und Kantone stellen zusammen mit der Wirtschaft unsere Energieversorgung mit erneuerbaren Energien sicher. 2. Der Bund unterstützt Innovationen im Energiebereich und auch private und öffentliche Investitionen zugunsten erneuerbarer Energien und der Energieeffizienz. Das schafft mittelfristig rund 100 000 neue Arbeitsplätze, vorab in kleinen und mittleren Unternehmen in allen Regionen. 3. Der Bund erlässt Vorschriften über den Energieverbrauch von Anlagen, Fahrzeugen und Geräten. Bei Vorschriften für neue Anlagen, Fahrzeugen und Geräte wird immer die beste verfügbare Technologie berücksichtigt. 4. Unser Land soll sich von der einseitigen Abhängigkeit vom Erdöl befreien. In 20 Jahren wollen wir uns mindestens zur Hälfte aus erneuerbaren Energien versorgen. Der Initiativbogen lieg dem Infrarot bei. Unterschreiben und sofort einschicken! Patrick Angele, JUSO-Mitglied und Kampagnenleiter Cleantech-Initiative

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Infrarot 190  

infrarot 190 : Zeitung der JUSO Schweiz vom Mai 2010

Infrarot 190  

infrarot 190 : Zeitung der JUSO Schweiz vom Mai 2010

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