Infrarot 187

Page 1

Zeitung der JungsozialistInnen Journal de la Jeunesse socialiste Giornale Della GioventÙ sOCIALISTA

rot | rouge | rosso #187, November 2009, JUSO Schweiz, Postfach 8208, 3001 Bern, www.juso.ch

AZB 3900 Brig

Jugendsession Clau Dermont berichtet von der diesjährigen JUGENDSEssion (S. 5)  | GaynossInnen Die GaynossInnen haben gegen einE homosexuellenfeindliche Gesetzesänderung vor der ugandischen Botschaft protestiert (S. 6)  |  Juso Kanton Zürich Das neue Co-Präsidium und der neue Sekretär stellen sich vor. (S. 7)

Adressänderungen an JUSO Schweiz, PF 8208, 3001 Bern

INFRA

«STUDENTiNNEN­ REVOLTENGEPOLTER»? Basel brennt zuerst Am Mittwochmorgen des 11. Novembers marschieren StudentInnen mit Transparenten und lautem Gejohle in die Aula der Universität Basel ein. «Diese Universität ist besetzt!», schreit ein Student ins Mikrofon, die grosse Menge klatscht begeistert. Eine Woche später wird der gleiche Satz ausgerufen- einige Personen in den ersten Reihen sind begeistert, die Zustimmung weiter hinten ist verhalten. Die Besetzung in der Uni Basel ist die erste in der Schweiz, sozusagen ein Pilotprojekt. Während weniger Stunden treffen massenweise Solidaritätserklä­ rungen aus ganz Europa ein- unter anderem auch von der JUSO Schweiz. Professorinnen und Professoren können sich lautstarke und hämische Kritik am Bolognasystem nicht verkneifen und fordern ihre StudentInnen auf, sofort an den Protestaktionen teilzunehmen. Die Aktionswoche läuft unter dem Motto «Education is not for sale – GeFortsetzung auf Seite 2

Europas Hochschulen sind in. Jedenfalls in der Presse. Seit Anfang November 2009 ist es nicht mehr die Schweinegrippe, sondern die Protestaktionen, die den Rektoren Kopfzerbrechen bereiten. Auch die Schweiz ist von der Besetzungswelle erfasst worden. Nach der Uni Basel (11.11.), sind auch die Hochschulen Genf, Bern und Zürich zur «Anti-Bologna-Zone» erklärt worden.

debatte

hausaufgaben

feminismus

An der DV vom 12. Dezember in Lausanne geht die Diskussion um das Religionspapier in die zweite Runde. Zwei Jusos erklären in diese Ausgabe, warum sie hinter dem Papier stehen bzw. warum sie das Papier ablehnen. Seite 4

Eine alte Forderung löst einen Aufschrei aus. Eine Petition zur Abschaffung der Hausaufgaben hat in Zürich für rote Köpfe gesorgt. Linda Bär, CoPräsidentin der JUSO Kanton Zürich erklärt worums geht. Seite 6

Und gleich noch ein Thema, das für rote Köpfe gesorgt hat. Tanja Walliser, hat mit ihren Buttons «Feministinnen haben besseren Sex» heftige Reak­tionen ausgelöst. In dieser Aufgabe erklärt sie, was sie mit der Aktion erreichen will. Seite 7

Infrarot_187_12.09.indd 1

27.11.09 08:32


2

INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

Fortsetzung von Seite 1 gen die Ökonomisierung von Bildung». Konkretere Forderungen werden erst in den folgenden Tagen ausgearbeitet. Für was demonstrieren denn Jusos an der Uni? «Gerade in der Uni Basel herrschen sehr undemokratische Strukturen – so sind im Unirat sieben von elf Mitgliedern Vertreter von Grosskonzernen. Mit dieser Besetzung wollen wir erreichen, dass die StudentInnenschaft auf diese Problematik sensibilisiert wird», meint Sven Boesiger, JUSO Basel Stadt. Ergänzend dazu Lukas Wiss, auch JUSO BaselStadt: «Ich bin hier aus Solidarität: Diese Aktion hat nur so lange Erfolg, wenn viele Leute anwesend sind und Medien angezogen werden.» Kritik an den Kritikern Die Aufmerksamkeit ist und war den BesetzerInnen jedenfalls sicher. Kaum eine StudentIn hat die aufgesprayten Sprüche an den Wänden und Statuen oder die grosse «Besetzungsküche» nicht bemerkt, die im Innenhof des Hauptgebäudes provozieren. Und natürlich die Flugblätter, Transparente und Ankündigungen per Megafon über laufende Veranstaltungen. Es ist jedoch nicht zu leugnen, dass in der Aula ein ziemliches Chaos ausgebrochen ist. Punks mit Hunden schlafen am Rand, Diskussionen um Forderungen verschlingen Stunden und Tage und jagen manch einem/einer AusdauerPhilosophIn aus dem Raum. Der Mitgliederschwund macht sich bemerkbar – auch, weil ausserhalb der Aula der Bildungsalltag normal weiterläuft. Das heisst Präsenzkontrollen, stetige Leistungsüberprüfungen und das Kämpfen um Sitzplätze in überfüllten Seminaren. Also genau das, was zukünftig verhindert werden will. Die herausgebrachten Forderungen lassen jedoch aufhorchen. Wiedereingliederung des Putzpersonals in den Universitätsbetrieb, mehr Mitspracherecht im Universitätsrat und eine Abschaffung der Einschreibegebühren zeichnen Ratlosigkeit auf viele Gesichter. «Ich habe die Befürchtung, dass die studentische Bewegung in der Aula abdriftet», meint Lukas Kissling von der Skuba (Studentische Körperschaft der Uni Basel). Auch kritische Stimmen innerhalb der JUSO werden laut. «Grundsätzlich stehe ich voll hinter den Zielen der Besetzung, bloss erweist sie sich etwas als Leerlauf. Ständig wird um den heissen Brei herumdiskutiert, anstatt sich den wichtigen Themen zu widmen», kritisiert David Suter von der JUSO Graubünden. Eine Zusammenarbeit mit dem Studie-

Infrarot_187_12.09.indd 2

rendenrat oder konkrete Forderungen direkt an verantwortliche Stellen lehnt das Plenum der Besetzer ab. Schliesslich wird am Mittwoch, eine Woche nach Besetzungsbeginn, die Aula geräumt. In Zukunft soll in einem von der Uni zur Verfügung gestellten Raum weiterdiskutiert werden. Potential Doch mit den abgehängten Transparenten in der Aula verschwindet die kundgetane Unzufriedenheit nur optisch, Verbesserungsvorschläge sind dringlich und bestimmt noch lange nicht vom Tisch. Die zukünftige Rolle unserer Partei sieht David Suter klar: «Die JUSO hat hier Potential: Der gute Output von den demonstrierenden StudentInnen soll unterstützt und die Forderungen übernommen werden». Ganz nach diesem Wunsch sind in einigen Städten wie zum Beispiel Bern oder Basel-Stadt sozialdemokratische Foren eingerichtet worden, die sich mit diesen Themen intensiv auseinander setzen wollen. Die Protestaktion der Uni Basel hat Wellen geworfen, auf jeden Fall. So sind eine Woche nach Basel die Universitäten Bern, Genf und Zürich besetzt worden. Bleibt nur zu hoffen, dass die neuen BesetzerInnen ihre Schlüsse ziehen können und die Proteste Früchte tragen werden, die nicht gleich am Baum verfaulen. Samira Marty

Was ist eigentlich Bologna? Im Jahre 1999 haben 29 BildungsministerInnen aus ganz Europa die Bologna-­ Deklaration unterschrieben, welche zwei Hauptziele anstrebte: Eine Harmonisierung der Strukturen in der Hochschullandschaft Europa, aber auch eine verbesserte nationale und internationale Mobilität. Dank Bologna haben wir jetzt Bachelor und Master statt Liz. Die Ziele von Bologna sind eigentlich für die Studis von Vorteil, aber leider wurde bei der Umsetzung gepfuscht. Um auch international vergleichen zu können, wurde ein System mit Punkten eingeführt, genannt ECTS. Ein ECTS entspricht etwa 25 bis 30 Stunden Arbeitszeit, was aber je nach Uni und Studienrichtung extrem variieren kann. Bologna hat es auch geschafft, dass viele Studienrichtungen verschult sind: es bestehen keine Wahlmöglichkeiten mehr, oder Präsenzpflichten verhindern Teilzeitarbeit. Viele Pflichtveranstaltungen schränken ein, wenn man ein Auslandssemester machen möchte (das oft sowieso nur teilweise angerechnet werden kann) oder zu einer anderen Uni wechseln möchte, da so gleichwertige Arbeit verloren gehen kann. Die ganze Reform wurde ohne Mitspracherecht der Studierenden durchgesetzt, obwohl dies ein zentrales Anliegen der Bologna-Deklaration wäre. Viele Reformpunkte wurden lieber mit Vorteilen für die Wirtschaft statt für die Studierenden umgesetzt. Mit der Lissabon-Deklaration 2007 wurde noch verstärkt, dass Unis sich mehr marktwirtschaftlichen Zielen wie Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsplätze und Wachstum unterordnen. Folge daraus ist, dass die Ziele einer Universität nicht mehr ein offener Zugang zum Studium sowie eine freie Wahl sind, sondern dass vermehrt «wirtschaftlich verwertbare» Studienrichtungen gebildet werden. Clau Dermont Weitere Infos zur Bolognareform gibts auf www.vss-unes.ch!

27.11.09 08:32


INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

3

1:12-Initiative Die Krise hat Druck ausgeübt auf die Managergehälter. Lösungsvorschläge kommen nun von verschiedenen Seiten. Warum es sich dabei aber nur um Scheinlösungen handelt, erklärt euch David Gallusser, Mitarbeiter des CampaTeams der 1:12-Initiative.

Weder Finma, noch Minder, sondern 1:12! Die horrenden Manager-Gehälter verschwinden nicht aus der öffentlichen Debatte. Kein Wunder! Ist es doch für die meisten unverständlich, wieso sich Manager immer mehr nehmen, während die Löhne aller anderen stagnieren. Dass die Manager mit ihren unverantwortlichen Risiken die aktuelle Krise auf den Finanzmärkten mitverursacht haben, trägt auch nicht zu einem besseren Verständnis bei. Vor allem, wenn die Krise nicht die Manager selbst, sondern viele andere mit tieferen Löhnen, ihren Jobs oder ihrem Ersparten ausbaden müssen. Das es nicht so weiter gehen kann, ist in weiten Kreisen unbestritten. Das Financial Stability Board (FSB), die Organisation der Finanzmarkt-Regulierer und Zentralbanken der mächtigsten Volkswirtschaften, empfiehlt darum, Boni-Zahlungen stärker zu regulieren. Boni sollen nicht mehr Anreiz für zu kurzfristig orientierte und risikoreiche Geschäfte geben und Manager stärker in die Verantwortung nehmen. Die ­Finma, als Schweizer Finanzmarktaufsicht FSBMitglied, nahm diese Empfehlungen in ihrem Rundschreiben auf, worin sie die Boni der hiesigen Banken und Versicherung regelt. Manager-Löhne müssen künftig deshalb am mehrjährigen Gewinn ausgerichtet werden und die Manager sollen auch Gehaltseinbussen in Form eines Malus hinnehmen, wenn es schlecht läuft. Dass dies aber genügen wird, um falsche Anreize auszumerzen, geschweige denn die Lohn-Exzesse zu stoppen, ist illusorisch. Die Regeln sind meist schwammig formuliert und beziehen sich nur auf die 12 grössten Banken und Versicherungen. Ausserdem tun sie nichts gegen die Netzwerke der Manager und Verwaltungsräte, die sich oftmals durch Ausbildung, frühere Stellen und informelle Treffen kennen. Dadurch sind sie in einer Machtposition, die es ihnen erlaubt, sich gegenseitig fast uneingeschränkte Gehälter auszuzahlen.

Infrarot_187_12.09.indd 3

Hier will der Mundwasser-Hersteller Thomas Minder ansetzen. Er versucht mit seiner Initiative die Macht innerhalb der Unternehmen von den Managern hin zu den AktionärInnen zu verschieben, indem er unter anderem die Generalversammlung künftig einzeln über die Löhne der Geschäftsleitung und des Verwaltungsrats abstimmen lassen will. Allerdings ist auch das bloss eine Scheinlösung gegen das AbzockerProblem. Zum einen wird die Generalversammlung oft durch Grossaktionär­ Innen und Chefs von institutionellen Anlegern kontrolliert, die in den gleichen Netzwerken verkehren wie die Manager und darum kein Interesse haben deren Löhne zu stutzen. Zum anderen sind die Leidtragenden der Abzocker nicht die AktionärInnen, sondern alle anderen ArbeitnehmerInnen. Denn sie bezahlen die Abzocker-Gehälter mit tieferen Löhnen. Mit der 1:12-Initiative geben wir deshalb die einzige richtige Antwort: Die Abzocker werden gestoppt, damit die Löhne aller anderen wieder steigen können. David Gallusser

Was kann ich für die 1:12-Initiative tun?  

1:12-Sammelstand Stand: 20. November 2009

Bestell jetzt auf www.1-zu-12.ch: – 1:12-Kleber – 1:12-Buttons Frag deine FreundInnen um ein Unterstützungs-SMS an:  Sammeln, sammeln, sammeln! Den Unter schriftenbogen gibt’s online. Alle weiteren Infos und die Sammeldaten findest du unter www.1-zu-12.ch.

27.11.09 08:32


4

INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

Debatte religionspapier Fabian Rousseau

Sabrina Bispo

est membre de la JSS vaud

ist Mitglied der JUSO Berner Oberland

PRO

CONTRA

Je croyais qu'être socialiste, c'était être pour l'égalité entre les hommes quelques soit leurs origines, leurs différences, leurs croyances. Je pensais donc que les socialistes prôner les valeurs de la laïcité. Or en octobre dernier, le comité directeur de la JUSO nous as proposé un papier de positionnement à ce sujet qui nous divise et nous fait débattre. Je pense que la séparation stricte de la religion et de l'état devient nécessaire à l'époque que nous vivons. Oui, car maintenant que nous sommes au 21ème siècles et que l'homme se déplace, immigre apportant avec lui sa culture et ses croyances. C'est le cas en Suisse, des vagues d'immigrations ont apportés différence croyances. Comme nous sommes socialistes et donc pour l'égalité entre les hommes, il me semble important que chacun puissent avoir les mêmes droits et devoirs en matière de religions. Pourquoi continuer a privilégier une religion par rapport à une autre? C'est ce que propose le papier religion du comité directeur de la JUSO. Il demande simplement une séparation strict de l'église et du gouvernement. En effet commence est-ce imaginable que certains enfants (musulman, juif ou même agnostique) apprennent, contre leurs grès, la prière chrétienne à l'école et étudie sous un crucifix. Pourquoi verser un impôt à certaines religions alors qu'elles s'en ont pas besoin, et que cet argent pourrait servir, en période de crise, d'aider les personnes dans le besoin. Après se pose la question des facultés de théologie. Il faut savoir que si nous demandons la séparation de l'église, celle-ci ferait partie du domaine privé, donc les universités publiques, régissant sous les lois du gouvernement, ne peut autoriser des institutions privées. Il serait donc plus judicieux, pour ne pas nous contredire, que la théologie soit enseignée dans les universités religieuses et privées comme c'est le cas actuellement pour les religions non chrétienne, comme les musulmans ou les bouddhistes, et cela ce passe très bien. Même si les facultés de théologie deviennent dans le secteur privés, il seront tout de même régis par les lois de la confédération ce qui empêcheras la radicalisation et l'extrémisme des religions comme le redoute certain. Ce papier n'est en rien un papier contre l'église et je ne pense pas que la JUSO soit contre les actions de caritas et autres associations catholiques qui sont bénéfiques pour notre société. Pour le respect de tous, je vous demande d'approuver le papier de positionnement de notre comité directeur.

IMPRESSUM Herausgeber: Infrarot – Infrarouge – Infrarosso Spitalgasse 34, PF 8208, 3001 Bern, www.juso.ch, www.jss.ch Kontakt: infrarot@juso.ch, 031 329 69 99 Redaktion: Clau Dermont, Salome Bay, ­Fabio Höhener, Samira Marty, Tanja Walliser Design: art.I.schock GmbH, Zürich, www.artischock.net Layout: Atelier Kurt Bläuer, Bern Druck: S & Z Print, 3902 Brig-Glis Abo: Fr. 20.– / Jahr – Das Infrarot erscheint 6 Mal pro Jahr

Infrarot_187_12.09.indd 4

Unser Religionspapier schlug hohe Wellen. Leider ist es aber kein Meisterwerk, im Gegenteil: Der Analyseteil war aus historischer, religionswissenschaftlicher und philosophischer Sicht mangelhaft und kaum publizierfähig. Was hätte man besser machen können? Ganz einfach: Man hätte die Ausarbeitung des Papiers den GenossInnen überlassen sollen, die in diesem Bereich ein fundiertes Wissen haben, unterschiedliche Weltanschauungen und das nötige Fingerspitzengefühl mitbringen, daraus ein überzeugendes Gesamtbild zu machen. Anders gesagt: Man hätte eine Arbeitsgruppe bilden sollen, um alle wichtigen Fakten zum Thema zusammenzutragen und um der Basis ein konsensfähiges, ausgewogenes Papier präsentieren zu können. Für ein derart komplexes Thema eine Arbeitsgruppe einzusetzen, sollte selbstverständlich sein. Weit gefehlt: Die GL bezeichnete diese Forderung an der DV sogar als «undemokratisch»! Völlig absurd – an derselben DV wurde ja zu einem anderen Thema auch eine Arbeitsgruppe eingesetzt. Das Religionspapier fordert den religiös neutralen, säkularen Staat. Das bedeutet, dass der Staat selbst keine Religion vertreten und keine Religion diskriminieren darf. Es gibt also jeweils zwei Möglichkeiten: Der Staat kann etwas allen Religionen verbieten – oder er kann es allen erlauben. Sollte unser Staat nicht statt einer Verbotskultur ein Klima schaffen, in dem jede/r jede/n respektiert, in dem man sich aktiv mit anderen Weltanschauungen auseinandersetzt und so die Toleranz und das Verständnis fördert? Durch diese Begegnung wird die Integration von Minderheiten verstärkt und der Entstehung von subkutanen Bewegungen entgegengewirkt. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Im Theologiestudium werden die angehenden Geistlichen wissenschaftlich mit Religion konfrontiert. In diesem Studium werden viele fundamentalistisch gesinnte Studierende liberaler, weil sie einsehen, dass die Bibel nicht vom Himmel gefallen, sondern historisch gewachsen ist. Gerade für die Integration des Islams wäre es essentiell, ihm einen Platz an unseren Unis zu gewähren. Hinter dieser Forderung stehen gemäss einer UZH-Studie alle Parteien (ausser SVP/ EDU), die Landeskirchen, die Unis und auch die Islamverbände. Es ist schlicht verantwortungslos bei den theologischen Fakultäten auf der strikten Trennung von Kirche und Staat zu beharren und darauf zu pochen, dass es nicht Aufgabe des Staates sei, liberale religiöse Strömungen zu fördern. Was ist die Alternative? Fundamentalistische Imame in der Schweiz predigen lassen, die nach wie vor zur weit verbreiteten Unterdrückung der Frau beitragen? Oder freikirchliche Pastoren indirekt zu unterstützen, die gegen andere Religio­nen hetzen? Ist es nicht Aufgabe des Staates, den liberalen Islam zu fördern und dem reaktionären Fundamentalismus entgegenzuwirken? Dieses Papier verweigert denjenigen die Solidarität, die sie am meisten benötigen. Man muss es an der nächsten DV noch deutlich verbessern oder ablehnen, wenn wir eine bessere und faire Beziehung zwischen den verschiedenen Weltanschauungen und dem Staat wollen.

27.11.09 08:32


INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

Eidgenössische Jugendsession

Nicht nur Kinderzoo

Die Eidgenössische Jugendsession ist im November volljährig geworden. 18 Mal fand diese nun statt. Die Jugendsession ermöglicht somit bereits schon seit langer Zeit Jugendlichen eine Auseinandersetzung mit politischen Themen im parteiunabhängigen Umfeld, und die Formulierung jugendlicher Forderungen an die «etablierte» Politik. Diese hat sich in den letzte 18 Jahren (leider) nicht sonderlich verändert. Tendenziell sitzt auf einem Nationalratsstuhl, aber besonders auf einem Ständeratsstuhl, ein alter Mann, oft grauhaarig. Wenn sich die Jugend dann mit Themen wie Suizidhilfe, Neue Internetmedien, Wohnen und Bauen, Bundesratsreform, Gesundheitswesen oder der Wirtschaftskrise befasst, kümmert das diese meistens auch nicht sonderlich. Gerade aber die Jugendlichen im Nationalratssaal zeigen, dass es nicht nur notwendig, sondern auch möglich ist, auf

Infrarot_187_12.09.indd 5

die Jugend zu hören. Auf seriöse Art und mit kritischen Diskussionen wurden die erarbeiteten Petitionen und Statements behandelt, und wurden nicht nur durch gewunken. So bleibt zu hoffen, dass die «etablierte», oder – besser gesagt – alte Politik auf die Stimme der Jugendlichen hört und die Lösungsansätze, welche an der Jugendsession verabschiedet wurden, auch seriös prüft. Etwas können die Alten sicherlich von der Jugend lernen: die unverkrampfte Art, zu politisieren. Und wie Reden interessant gehalten werden, beispielsweise die Interpretation der Metzler-Abwahl­ rede vom ersten Politstar und JUSOMitglied Adil Koller. Clau Dermont

5

Das unlösbare Dilemma des Ausländers von Fabio Höhener Dieser Jugo will von seiner Heimat nichts wissen. Er soll lieber wieder zurück in den Balkan, meinen die Xenophoben. Dieser Jugo liebt seine Heimat. Warum sitz er nicht schon lange im Flugzeug Richtung Osten?, fragen die Xenophoben. Dieser Jugo ist gar Muslim, dass sind die allerschlimmsten, nörgeln die Xenophoben. Ein anderer hat sich einbürgern lassen. Der will ja doch nur Geschäft oder Karriere machen, höhnen die Xenophoben. Dieser Jugo bleibt zum Trotz in der Schweiz, obwohl ihn die Gemeinde klar macht, dass er unerwünscht sei. Warum packt er nicht sein Bündel?, heisst es bei den Xenophoben. Jener Jugo schnürt sein Bündel und versucht sein Glück anderwärts anstatt in der «gastlichen» Schweiz. Seht!, der hat seine Franken gemacht, kreischen die Xenophoben, nun nimmt er das in der Schweiz erworbene Geld und verzehrt es im fremden Lande! Dieser Jugo bettelt seit Jahrzehnten vergebens um seine Sozialhilfe. Der aufdringlicher Schmarotzer soll sich zum Teufel scheren!, wünschen die Xenophoben. Jener Jugo hat das Einbürgerungsgesuch nach tausend Beispielen für nutzlos gehalten und gar nicht erst einzureichen gewagt. Da seht ihr’s ja, schimpfen die Xenophoben, die Jugos wollen gar nicht Schweizer sein! In Anlehnung an den Text «Das unlösbare jüdische Dilemma» von 1919 des Sozialdemokraten und Juden Georg Davidsohn. Er war Reichtagsabgeordneter während der Weimarer Republik und Redakteur der SPD-Zeitung «Vorwärts».

Nachzulesen, was die JungpolitikerInnen gehirnt haben: www.jugendsession.ch. Eine Hörvariante der Metzlerrede gibt's auf www.tink.ch.

27.11.09 08:32


6

INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

Petition Hausaufgaben sind ein Hindernis für die Chancengleichheit. Linda Bär, Co-Präsidentin der JUSO Kanton Zürich erklärt wieso.

Aufgabenstunden statt Hausaufgaben Die schulischen Leistungen der Kinder hängen bedeutend stärker vom Elternhaus ab, als von der Schule selber, dies belegt die neue Studie der PH Nordwestschweiz. Das zeigt, dass sich unser heutiges Bildungssystem nicht an den Fähigkeiten der Kinder orientiert, sondern an deren familiären Herkunft. Wer in eine Akademikerfamilie geboren wird, hat bedeutend höhere Chancen ebenfalls einen akademischen Abschluss zu erreichen, als Kinder aus bildungsfernen Schichten. Was wir schon lange wussten, manifestiert sich hier einmal mehr: die Chancengleichheit ist im Schulsystem nicht gegeben. Dies hat viele verschiedene Gründe, einer davon sind die Hausaufgaben. Wir dürfen nicht vergessen, dass es in der Schweiz unzählige Familien gibt, in denen Vater und Mutter weder Zeit noch Geld haben ihre Kinder selber oder durch private Nachhilfe zu stützen. Sei dies weil beide je 100 Prozent arbeiten müssen um über-

haupt über die Runden zu kommen, oder weil sie allein erziehend sind, oder weil ihnen dazu die nötige Ausbildung oder Sprachkenntnis fehlt. Kein Kind hat sich den sozio-ökonomischen Status seiner Eltern ausgesucht! Darum darf kein Kind für seine familiäre Herkunft bestraft werden. Hier setzten wir mit unserer Petition an. Chancengleichheit heisst, die ungleichen familiären Ausgangslagen der Kinder auszugleichen. Chancengleichheit heisst, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle Kinder nach ihren Fähigkeiten und nicht nach ihrer Herkunft gefördert werden. Damit schaffen wir ein Schulsystem, das allen Kindern, egal mit welchem familiären Hintergrund, ermöglicht ihre Fähigkeiten optimal zu entwickeln und zu nutzen. Ich kann verstehen, dass sich jetzt bildungsnahe, gut gestellte Eltern empören. Mit der Abschaffung der Hausaufgaben durch die Einführung von Aufgabenstunden nimmt man ihren Kindern

ein Privileg weg. Niemand verzichtet freiwillig auf einen Vorteil im Wettkampf um gute Ausbildungsplätze. Unsere Petition nimmt aber niemandem das Recht mit den Kindern über die Schule zu reden und Leistungen abzufragen. Die schulischen Leistungen sollen aber nicht so krass vom elterlichen Engagement ab-

«Ich kann verstehen, dass sich bildungsnahe, gut ­gestellte Eltern empören.» hängig sein. Den pädagogischen Sinn von Hausaufgaben verkennen wir auf keinen Fall: selbstständiges Arbeiten und Selbstverantwortung können aber an der Schule gelernt werden. Dies führt zu einer klaren Trennung von Schule und Freizeit. Denn Kinder sollen in ihrer Freizeit einfach nur Kindsein dürfen und Eltern sollen sich wieder voll auf ihre Erziehungsaufgabe konzentrieren, ganz ohne Leistungsdruck. Linda Bär

Gaynossinnen Es erinnert an schreckliche Zeiten: Das Parlament in Uganda befürwortet einen Gesetzesentwurf, der fordert, Homo-, Bi- und Transsexuelle mit dem Tod oder lebenslanger Haft für ihre sexuelle Orientierung und Identität zu bestrafen.

Die GaynossInnen schlagen Alarm: Uganda will die Todesstrafe Betroffen sind ebenfalls ihre Familien und ihr Freundeskreis sowie Menschenrechtsorganisationen. Sie riskieren bis zu drei Jahre Gefängnis wenn sie eine ihr bekannte homo-, bi- oder transsexuelle Person nicht innerhalb von 24 Stunden bei der Polizei denunzieren. Sieben Jahre gibt’s für «Förderung» von Homo­ sexualität. Konkret fallen alle Personen und Organisationen darunter, welche sich bei einer LGBTI-Organisation engagieren oder für die HIV- und AidsPrävention aktiv sind. In Uganda ist die Stimmung aufgeheizt. Die Arbeitsgruppe GaynossInnen ist in Kontakt mit der Organisation «Sexual

Infrarot_187_12.09.indd 6

Minorities Uganda». Wir antworteten auf ihren «call to action» und demonstrierten gemeinsam mit weiteren Jungsozia­ listInnen und lesbisch-schwulen Akti­ vistInnen vor der ugandischen Botschaft in Genf. Dem Botschafter überreichten wir einen Protestbrief, welcher unter anderen von ParlamentarierInnen unterschrieben wurde. Dass er ihn entgegengenommen (auch wenn nur im Korridor) und uns ein weiteres Treffen angeboten hat, weckte minimale Zuversicht. Eine Woche später hat er es sich anscheinend anders überlegt, – unser auf Diskussion eingestimmter Gaynosse erhielt keinen Einlass.

Das EDA dagegen hatte von Anfang an kein Interesse, sich mit der Situation in Uganda zu beschäftigen. Jedenfalls fiel ihr Statement auf unsere Anfrage ziemlich mager aus. Nun gut. Wir bleiben dran, auch wenn Uganda weit weg ist und wir befürchten müssen, dass unsere Kontaktpersonen dort bereits jetzt um ihr Leben und ihre Freiheit bangen müssen. Wuddri Rim ist Vorstandsmitglied der AG GaynossInnen und Mitglied der JUSO Stadt Bern www.gaynossinnen.ch info@gaynossinnen.ch

27.11.09 08:32


INFRAROT | JUSO | NOVEMBER 2009

7

Die JUSO Kanton Zürich hat eine neue Parteispitze – Die JUSO Schweiz möchte wissen, mit wem sie es nun zu tun hat. Clau Dermont hat mit Linda Bär und Fabian Molina, dem neuen Co-Präsidium und Stefan Rüegger, dem neuen Sekretär gesprochen.

Wer sind die Neuen in Zürich?

Linda Bär, 23 Studentin Politikwissenschaft, Geografie und Geschichte, JUSO Stadt Zürich, dabei seit sie 15 Jahre alt ist

Fabian Molina, 19 Gymnasiast (Wirtschaft & Recht), JUSO Illnau-Effretikon, seit April 2008 dabei

Stefan Rüegger, 21 Student Politikwissenschaften, JUSO Stadt Zürich, seit ungefähr ­sieben Jahre dabei

Was willst du mit der JUSO ZH in den nächsten Jahren erreichen? Viel: grösser, stärker und lauter werden.

Wieso hast du für dieses Amt kandidiert? Als JUSO-Junkie brauche ich ab und zu eine neue Herausforderung und das Amt des Co-Präsidenten der JUSO Kanton Zürich finde ich deshalb besonders spannend, weil es einen guten Mix zwischen Strassen-, Büro-, aber auch «Amtsstuben»-Politik bietet.

Was willst du mit der JUSO ZH in den nächsten Jahren erreichen? Wir wollen natürlich weiter wachsen. Um dieses Wachstum dann auch optimal zu nutzen, müssen wir die Sektionen besser untereinander vernetzen und Aktionen und Events kantonal koordinieren. Die Kantonalpartei soll quasi das Zugpferd für die JUSO-Arbeit im Kanton Zürich sein. Ausserdem müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Rolle die JUSO Kanton Zürich innerhalb der JUSO Schweiz haben soll.

Für welches politische Thema wirst du dich besonders einsetzen? Die Ebene des Kantons ist prädestiniert für Bildungsanliegen, dieses Thema werde ich besonders gerne und besonders ausführlich bearbeiten. Unibesetzungen sind … die logische Konsequenz der Sparmassnahmen im Bildungsbereich.

Welche sind deine politischen Vorbilder? Als Jungsozialist mit chilenischem Background bin ich natürlich ein grosser Bewunderer von Salvador Allendes Leistung. Aber auch Jean Ziegler finde ich einen brillanten Kopf und sein riesiges Wissen finde ich sehr beeindruckend. An der JUSO CH nervt mich … oft die GL, aber auch das ständige GL-Bashing.

Infrarot_187_12.09.indd 7

Die 1:12-Initiative ist … unsere endgültige Kampfansage an den Neoliberalismus. Und das Beste daran: Wir können nur gewinnen, er nur verlieren. Die SP braucht … eine Verjüngungskur. Das Durchschnittsalter der SP-VertreterInnen und -Kader muss um 15 Jahre runter – und zwar bereits für die nationalen Wahlen 2011.

27.11.09 08:32


8

infrarot | Juso | novemBer 2009

der Button ist Klein, der aufschrei riesig. die debatte um den Button mit der aufschrift «feministinnen haben besseren sex» sorgt für rote Köpfe. Worum geht’s also?

«feministinnen haBen Besseren sex» «Gleichstellung haben wir doch schon lange erreicht.» hört man heute von allen Seiten. Ach ja? Schauen wir doch mal genauer hin: Lediglich 28 Prozent der ParlamentarierInnen sind Frauen. Frauen verdienen durchschnittlich 20 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Die meisten Pflegeangestellten sind Frauen, die meisten Lastwagenchauffeure Männer. Frauen in Führungsetagen von Grossunternehmen sind selten gesehen. Die Liste könnte noch endlos weitergeführt werden. Zweifellos hat uns der Kampf um Gleichberechtigung schon weit gebracht. Das Frauenstimm-

«Wir sind immer noch Weit von einer tatsächlichen gleichstellung von mann und frau entfernt.» recht, die Mutterschaftsversicherung, bessere Aufstiegschancen, den Zugang zur Uni und vieles mehr. Aber wie obige Auflistung zeigt, sind wir immer noch

weit von einer tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau entfernt. sexualität – gleichstellungsfreie Zone? Für viele junge Frauen ist dies kaum ein Thema. Sie gehen zur Uni, machen Karriere, kriegen wenn’s gut geht sogar Familie und Beruf unter einen Hut. Sie fühlen sich nicht diskriminiert oder in eine bestimmte Geschlechterrolle gedrängt. In allen Bereichen? Wie sieht das denn im Privatleben aus? Und eben: im Bett? Nur zu oft höre ich den Satz: «Ich habe eigentlich fast nie einen Orgasmus beim Sex mit meinem Partner. Aber das ist ja nicht so schlimm.» Doch nicht nur die persönlichen Gespräche, sondern auch die harten Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Diverse Studien besagen, dass 70 Prozent aller Frauen schon mindestens einmal einen Orgasmus vorgetäuscht haben. Fast jede achte Frau empfindet Selbstbefriedigung besser als Sex mit einem Partner. Ganz offensichtlich hat die Gleichstellung vor der Schlaf-

zimmertüre halt gemacht. Viele Frauen sind unzufrieden mit ihrem Sexualleben. Sex hat immer noch hauptsächlich die Männer glücklich zu machen. Die Befriedigung der Frau steht an zweiter Stelle – wenn überhaupt. Das darf nicht sein, das muss ein Thema sein, gerade für Feministinnen und Feministen.

«Jede frau, die selBstBestimmt leBen und daBei spass haBen Will, ist eine feministin.» Feminismus ist aktueller denn je. Und er hat nichts mit Männerhass, Verbitterung oder Prüderie zu tun. Nein, Feminismus kann und muss eine lustvolle Sache sein. Wir müssen weiterkämpfen. Und jede Frau, die selbstbestimmt leben und dabei Spass haben will, ist eine Feministin. Tanja Walliser ist Parlamentarierin der Stadt Bern und JUSO-Zentralsekretärin

Drei JUSO Frauen präsentieren stolz ihre Buttons.

Infrarot_187_12.09.indd 8

27.11.09 08:32


Millions discover their favorite reads on issuu every month.

Give your content the digital home it deserves. Get it to any device in seconds.