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Ausgabe 1 • März 2014

JPN Journal

Themen

Krieg & Krise Integration + neuer Vorstand! www.deinejpn.de

Das Magazin der Jungen Presse Niedersachsen Landesverband der Jugendpresse Deutschland


Prolog Liebe Medienbegeisterte, in letzter Zeit gab es viele Veränderungen bei der JPN. Wir haben einen neuen Vorstand, den ihr auf den nächsten Seiten etwas besser kennenlernen könnt, außerdem ein neues Büro. Wer Lust hat, mit beim Umzug zu helfen, ist am 6. April herzlich willkommen! In diesem Journal findet ihr die Texte, die bei den Seminaren „Journalistisches Schreiben: Integration“ und „Journalismus extrem. Krieg und Krise“ entstanden sind. In diesem Heft könnt ihr erfahren, was IntegrationslotsInnen so machen, was „embedded journalism“ ist und was für Traumata JournalistInnen nach der Arbeit in Krisengebieten davontragen können. Wenn ihr euch fürs Moderieren interessiert, solltet ihr die Rezension in der Rubrik „Kennste Schon“ durchlesen. Denn darin geht es genau um das Thema: Moderation. Außerdem gehen die Vorbereitungen fürs Jugendmediencamp voran. Das Camp-Team freut sich schon riesig darauf, euch auf dem Loxstedter Zeltplatz zu sehen. Ganz viel Spaß beim Lesen wünscht euch eure JPN

Impressum JPN Vorstand Meret Haack Seminare

meret@jungepresse-online.de

Luisa Meyer

Bundesangelegenheiten

luisameyer@jungepresse-online.de

Johannes Booken

johannes@jungepresse-online.de

Sonja Bakes

sonja@jungepresse-online.de Junge Presse Niedersachsen e.V. Rückertstr. 10 30169 Hannover

Marvin Uhde

Fon (05 11) 83 09 29 buero@jungepresse-online.de www.deinejpn.de

Theresa Kruse

www.twitter.com/deinejpn & bei facebook Die namentlich gekennzeichneten Artikel geben nicht die Meinung der Redaktion bzw. des V.i.S.d.P. wieder. Für Mitglieder der JPN ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten. Alle anderen können das JPN-Journal für EUR 10,- im Jahr abonieren. Bestellungen bitte direkt an die JPN. Titelfoto: Szene aus „War Photographer“

Journal

marvin@jungepresse-online.de JugendPresseTreff Hannover theresa.kruse@jungepresse-online.de

JPN-Journal 1/14 1. Quartal 2014 Herausgeberin & Verlag Junge Presse Niedersachsen e.V. (JPN) RÜCKERTSTR. 10 30169 Hannover Auflage 1.000 & Online Druck Papierflieger Telemannstr. 1 38678 Clausthal-Zellerfeld Redaktion: Luisa Meyer Theresa Kruse Konrad Materne Layout & Illustration uhdebuff wuag V.i.S.d.P. Marvin Uhde Findorffstr. 68 28215 Bremen Bankverbindung Konto-Nr.: 7001-306 Postbank Hannover BLZ: 250 100 30 Erscheinungsweise Einmal pro Quartal


Das viele Neue

Integration

Krieg & Krise

Inhalt Alles neu..................................................................................4

An alle Freunde und Freundinnen der gediegenen Wohnkultur!..............................4 Das ist der neue Vorstand........................................................................................................... . 4

Integriert?................................................................................6

Die besten LotsInnen sind am Ufer.......................................................................................... 7 Es ist der Beginn von etwas Neuem ......................................................................................... 8 Von wegen „an den Rollstuhl gefesselt“................................................................................... 9 Integration ist keine Einbahnstraße....................................................................................... 10

Krieg & Krise......................................................................... 12

Unter Lebensgefahr ..................................................................................................................... 12 Mythos KriegsjournalistIn?..................................................................................................... 14 „Im Fahrstuhl zur Hölle“ ........................................................................................................... 15 „Wenn ihr Bock darauf habt, dann macht das!“ �����������������������������������������������������������16 JournalistIn im Krisengebiet: Traum oder Trauma? ����������������������������������������������������18 Was bleibt, ist die Erinnerung ................................................................................................. 19 Embedded Journalism............................................................................................................... .20 „Der Blick auf die Machtlosen fehlt“............................................................................. .20 „Für manche Reportagen ist embedding hilfreich“ ��������������������������������������������� 20 Und wie geht's ohne Militär?............................................................................................. 21

Kennste das schon?........................................................... 22

Von A wie Anmoderation bis Z wie Zuschauerinteraktion ����������������������������������������22


Alles neu. von Silke von Meding

NEU! NEU! NEU!

Die JPN zieht um! Nach gefühlten 100 Jahren im Gleisdreieck betreten wir mit einem neuen Büro #Neuland. Das Büro liegt im Bezirk Hannover-Mitte, genauer in der Calenberger Neustadt. Ihr erreicht uns in Zukunft mit der Linie 10 und einem Kurzstreckenticket ab Bahnhof (Haltestelle Goetheplatz). Unser direkter Nachbar ist das unabhängige Jugendzentrum Glocksee, einigen von euch sicher durchs Indigo oder das Café Glocksee bekannt. Außerdem liegt das neue Büro nur ein paar Schritte von der Ihme mit ihrer neu angelegten breiten Uferzone entfernt. Das Büro ist ein kleines Ladenlokal mit 50 Quadratmetern Bürofläche, aufgeteilt auf einen Ladenraum mit großem Schaufenster, zwei weitere Räume sowie Mini-Küche und Klo. Wir werden also ausreichend Platz für einen kleinen Tagungsraum für Vorstandssitzungen und andere Treffen haben, einen Büroraum mit Schreibtischen und einen Mehrzweckraum mit (Schlaf-)Sofaecke, falls es abends mal später wird… Kurzum: Ab dem 7. April erreicht ihr uns unter unserer neuen Adresse in der Rückertstraße 10 in 30169 Hannover. Das Datum für unsere gigantische Einweihungsfeier verraten wir euch rechtzeitig im Newsletter. Wir freuen uns schon jetzt über reichlich Besuch eurerseits!

Das ist der neue Vorstand! Bei schönstem Sonnenwetter halten wir am 8. März unsere Mitgliederversammlung im Gleisdreieck in Hannover ab. Die Anzahl der stimmberechtigten Teilnehmenden ist mit acht zwar eher überschaubar, aber nichtsdestotrotz ist die Stimmung gut und produktiv. Nach einer eher kurzen Debatte über einen Satzungsänderungsantrag (das Protokoll findet ihr im Wiki) wird der alte Vorstand politisch und finanziell entlastet und der neue gewählt. Ein paar werdet ihr sicher schon von Seminaren kennen, Meret, Marvin und Luisa waren auch schon im letzten Jahr im Vorstand. Was sie machen und in der JPN vorhaben, erfahrt ihr auf dieser Seite. Die Kassenprüfung wird im nächsten Jahr von Patrick und Mareike übernommen.

Wir danken Patrick, Eike, Ramona, Kevin, Lukas und Nele für ihr Engagement bei der JPN im letzten Vorstands und hoffen, dass sie uns als Aktive erhalten bleiben.

Foto: die Silke (freut sich auch übers neue Büro!)

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JPN Journal 14-1

von Meret Haack und Luisa Meyer

An alle Freunde und Freundinnen der gediegenen Wohnkultur!


Marvin

Meret

Seitdem mir in der sechsten Klasse während  eines  Referates gesagt wurde, dass der Beruf des Journalisten gut zu mir passt, verfolge ich das Ziel,  mit Journalismus irgendwann auf eigenen Beinen zu stehen.  Seit meinem 15. Lebensjahr schreibe ich daher  für die Lokalredaktion der Emder Zeitung. Zurzeit absolviere ich  eine Ausbildung zum Medienkaufmann für digital und print. In meiner Freizeit  jogge ich gerne und  messe mich mit anderen bei Volksläufen in der Region. Seit mehr als drei Jahren bin ich Mitglied in der JPN und habe an  vielen tollen Seminaren teilgenommen. Nun ist die Zeit gekommen, in der ich so einiges in der jungen niedersächsischen Medienlandschaft verändern möchte. 

Schon 3 Jahre hält mich die JPN bei der Stange! 2011 begann es mit einem FSJ (damals war ich 18, heute 20), irgendetwas rief mich dann in den Vorstand. Weil ich das Journal layoute, kann ich meine Texte immer als allerletztes abgeben – das ist sehr praktisch. Ich studiere Digitale Medien in Bremen. Ansonsten lege ich gern schwarze Scheiben auf zwei drehende Teller und erfreue mich am Zusammenklang. Seit neuestem bin ich nicht nur Gestalter, sondern auch schreibend vertreten. Auf einem kleinen BLOG über elektronische Tanzmusik. Ich wäre also der ideale Beitrittskandidat für eine Mitgliedschaft bei der JPN, hätte ich diese nicht schon. Ich freue mich immer, wenn sich etwas bewegt und über die ein oder andere Tradition nachgedacht und mit ihr gebrochen wird. Das ist spannend. So wie der schier unvorstellbare Umzug der JPN in ein neues Büro.

„Ich bin 20 Jahre alt und seit zwei Jahren Mitglied der JPN-Familie. Seit Oktober studiere ich Psychologie in Bremen. Neben dem Studium noch etwas Sinnvolles zu tun, was mich erfüllt und Ausgleich zum Lernalltag bringt, war meine Motivation, noch einmal in den Vorstand zu gehen. Ich habe große Lust auf Seminare und auf den gemeinsamen Diskurs zu verschiedenen Themen und Inhalten. Zudem fände ich es schön, wenn wir uns als Verein öfter mit unseren internen Strukturen auseinandersetzen und sie kritisch reflektieren. Themen für die ich brenne sind Geschlechtergerechtigkeit, Globalisierung und Bildung(-spolitik). In meiner Freizeit bin ich sehr gerne draußen (joggen, wandern Fahrrad fahren), ich lese viel und koche (am Liebsten vegan) leidenschaftlich. Ich freue mich auf ein spannendes, inspirierendes und inhaltsreiches Jahr mit der JPN.

Theresa

Luisa Im Sommer werde ich hoffentlich meinen Bachelor in Mathe und Deutsch beenden. Danach wird es für mich mit einem Lehramtsmaster weitergehen. Ob ich später aber in der Schule lande oder etwas anderes mache darauf bin ich auch gespannt. Wenn ich es richtig überblickt habe, bin ich mit 21 Jahren die Älteste im Vorstand, aber trotzdem erst seit Anfang 2013 in der JPN aktiv. Im letzten Jahr war ich mit auf der Recherchefahrt in Bosnien, habe am Journal redigiert und Stammtische mitorganisiert. Nebenbei schreibe ich für verschiedene Jugendmagazine, tanze Rock‘n‘Roll und versuche möglichst viele Bücher zu lesen. Im nächsten Jahr freue ich mich auf viele spannende Seminare, interessante Journale und überhaupt eine tolle JPN. JPN Journal 14-1

„Ich studiere seit einem halben Jahr Politikwissenschaften an der FU Berlin. Im Fernbus oder in der Bahn zwischen Hannover und Berlin kann man mich darum regelmäßig treffen. Ich bin 19 Jahre alt und habe im letzten Jahr ein FSJ Politik bei der Evangelischen Zeitung in Hannover gemacht. Im letzten Jahr habe ich im JPN-Vorstand zum Beispiel am Journal mitgearbeitet und zwei Seminare geteamt. Das möchte ich im nächsten Jahr fortführen. In meiner Freizeit stecke ich meine Nase gerne in Bücher, reise leidenschaftlich gerne, singe und schreibe Artikel für unterschiedliche Zeitungen.“

NEU! NEU! NEU!

Johannes

Sonja

Ich bin Sonja, 19 Jahre alt und mache gerade ein FSJ Politik beim Lokalsender oeins in Oldenburg, für den ich als Kamerafrau, Moderatorin, Cutterin oder Redakteurin unterwegs bin. Mein Herz schlägt trotzdem für den Printjournalismus – aus guten Ideen können bei mir ganze Romane werden. Nebenbei lerne ich gerade Französisch und arbeite an meinen Koch- und Backkünsten. Die JPN kenne ich aus dem Gefängnis (Reportage-xtreme-Seminar) und solche Erlebnisse schweißen zusammen. Im Vorstand hoffe ich demnächst ein paar Seminare als Teamerin zu erleben und bin gespannt, was das Jahr sonst noch bereit hält. 5


Integriert?

von Theresa Kruse

Integriert? Deutschland unterzeichnete als eines der ersten Länder die UN-Kovention über Rechte von Menschen mit Behinderung. 2008, also ein Jahr später, trat sie in Kraft. Die Konvention sichert die Menschenrechte und gesellschaftliche Teilhabe für alle MitbürgerInnen. Zudem soll sie Diskriminierung vorbeugen. Wie das Ganze umgesetzt wird, liegt in der Hand der einzelnen Länder. So beschreitet beispielsweise Niedersachsen den Weg zur inklusiven Schule. Niemand soll mehr in eine Förderschule abgeschoben werden, sondern jede/r darf mit den anderen Kindern in seinem Alter lernen. Doch was unterscheidet Inklusion von Integration? Wer sich in eine Gruppe integriert, muss ja vorher ausgeschlossen gewesen sein. Dieses Stadium der Exklusion muss also erst überwunden sein, damit Integration erfolgen kann. Im Konzept der Inklusion hingegen gibt es so eine Trennung gar nicht mehr: Hier gehören alle von Beginn an zusammen. Für Menschen mit Behinderung hat sich dieser Terminus schon durchgesetzt. An anderer Stelle dominiert noch der Begriff der Integration: Es geht um Menschen mit Migrationshintergrund. Auch sie müssen in unsere Gesellschaft integriert werden. Dabei können sprachliche oder kulturelle Hürden im Weg stehen. Wie es aktuell um Integration und Inklusion in Deutschland steht, recherchierten die Teilnehmer bei dem Seminar „Journalistisches Schreiben: Integration“

Caroline, Fee, Konrad, Theresa, Lara, Leona, Leonie, Saskia, Luisa, Meret, Reja (vlnr & vonu)

Die Teilnehmerinnen (und Konrad) des Seminars

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Die besten LotsInnen sind am Ufer Wie kommen Menschen zurecht, die ohne große Sprachkenntnisse nach Deutschland kommen? Sie müssen sich anmelden, sie müssen eine Wohnung finden, vielleicht ein Schul- oder Kindergartenplatz für die Kinder. Das Sozialamt wird sie auf diese Formalia hinweisen, kann ihnen aber schlichtweg nicht helfen, diese Sachen dann auch zu bewältigen. Doch eine immer größere Gruppe nimmt sich diesem Problem an: Die IntegrationslotsInnen.

Als Viatchlav Chepel im stilvollen schwarzen Anzug den Raum betritt, bringt er nicht nur kalte Luft, sondern auch viel zum Erzählen mit. Viatchlav kommt aus Riga. Seit vielen Jahren ist er jedoch in Deutschland, arbeitete sich wie er selbst sagt „vom Tellerwäscher zum Betriebsleiter“ und wechselte vor einigen Jahren in den sozialen Bereich. Er arbeitet heute als Hospizhelfer, in der Notfallseelsorge, bei den Maltesern, bei der Bahnhofsmission und als Integrationslotse. Doch er muss nicht wie ein klassischer Lotse Flugzeuge oder Schiffe navigieren, sondern hilft wo er kann, damit Integration in Hannover besser gelingt. Von der Landesregierung wurde dieses Projekt 2007 gestartet. Hintergrund war ein lokaler Integrationsplan, der vorsah, dass Integration verbessert werden und das Ehrenamt gefördert werden müsse. Beide Zielsetzungen verbindet das Projekt der IntegrationslotsInnen. JPN Journal 14-1

Das Spektrum der Aufgaben ist groß: IntegrationslotsInnen unterstützen MigrantInnen und AsylantInnen bei Kindergartenplatzsuche, der Schulanmeldung oder bei der Wohnungssuche. Bei vielen ganz alltäglichen Dingen, die für die betroffenen Personen aber wegen mangelnder sprachlicher Fähigkeiten weit komplizierter sind. An der Lotsen-Ausbildung, die 25 Euro kostet und sich aus mehreren Seminaren zusammensetzt, hat auch die gebürtige Sri-Lankerin Rajiny Kumaraiah 2009 teilgenommen. Rajiny hat schon, bevor sie sich entschloss für wildfremde Personen mit Verständigungsschwierigkeiten Hilfe zu leisten, in ihrem privaten Umfeld Menschen mit Sprachproblemen unter die Arme gegriffen. Viatchlav und Rajiny haben beide unterschiedliche Geschichten zu erzählen. Viatchlav ist Christ und will das Prinzip der Nächstenliebe leben. Rajiny merkt man an, dass sie der rücksichtslose Umgang mit MigrantInnen und AsylantInnen in Deutschland, den sie teilweise beobachtet, traurig stimmt, sie aber auch motiviert, zu helfen. Menschen aller Couleur engagieren sich als IntegrationslotsInnen. Meist sind es MigrantInnen, aber auch Deutsche mit exzellenten Fremdsprachkenntnissen. Vom Studierenden bis zum/zur RentnerIn sind alle Altersgruppen vertreten.

IntegrationslotsInnen als Putzhilfe? Rajiny erzählt von einem Fall, bei dem sich eine alte Frau mit Migrationshintergrund gemeldet hatte, die Hilfe beim Putzen von den IntegrationslotsInnen verlangte. Ein ParadeBeispiel für eine Missinterpretation der Aufgabe der LotsInnen. Es handelt sich nicht um bloße Dienstleistung, sondern darum, „Impulse zu geben und Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten“, sagt Rajiny. Für sie sind es kleine Freuden im Leben, wenn sie eine Angelegenheit für jemand anderes regeln kann. Daraus schöpft sie auch Kraft für ihre Arbeit. Sie weiß nur von einem Fall zu berichten, den sie abbrechen musste. Viatchlav wirft ein, dass es wichtig sei „Nein“ zu sagen, wenn man sich einem Fall nicht gewachsen fühle. Die Sri-Lankerin findet klare Worte dafür, was sich in Deutschland ändern muss. „Die Menschen müssen begreifen, dass AsylantInnen nicht Sündenböcke sein dürfen, sondern mit negativen Erfahrungen und Erwartungen nach Deutschland kommen.“ Die beiden IntegrationslotsInnen blicken nach eigenen Worten nicht darauf, was der Staat tun kann, sondern was sie tun können. Erst wenn sie keine Aufträge mehr hätten, sei Integration gelungen.

Integriert?

von Konrad Materne

Sprachbarrieren im Alltag

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Es ist der Beginn von etwas Neuem

Integriert?

von Lara Schiffbauer

Die Initiative „Eine Schule für Alle“

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„Zu wissen, dass man anders ist, macht einen das zu einer anderen Person? Haben nicht alle das Recht gleich behandelt zu werden, egal wer oder wie man ist?“ Ute Wrede, Initiatorin des Fördervereins „Eine Schule für Alle“ spricht über Inklusion an Schulen. Widerspricht die Chance auf gleiche Förderung von Aller nicht der individuellen bestmöglichen Förderung und Weiterentwicklung? „Nein, ganz im Gegenteil, “ sagt Ute Wrede. „Es ist jedem Kind vergönnt, von anderen zu lernen und sich somit weiter zu entwickeln. Auf einer Förderschule würde so etwas nicht funktionieren.“ Deswegen geht ihre Tochter Rosa auf die öffentliche Gebrüder-Körting-Grundschule. Rosa ist jetzt zehn Jahre alt. Sie konnte mit vier Jahren nicht sprechen, musste sich mit der Gebärdensprache verständigen. Ihre motorischen Fähigkeiten waren nicht komplett entwickelt, womit es ihr nicht gelang, Aktivitäten die ihre FreundInnen machten, in der gleichen Zeit zu bewältigen. Ihre Mutter meint, dass sie auf einer Förderschule nie die Dinge gelernt hätte, die sie heute kann und sich nicht in der Form weiterentwickelt hätte. „Ob es jetzt die Grundschule, die Kindergärten, die weiterführenden Schulen oder die Unis sind, ich hoffe, dass irgendwann überall das gleiche Recht für alle gilt und keiner

mehr ausgeschlossen wird. Denn je mehr jedes Kind gefördert wird, desto schneller wächst auch die Gesellschaft zu einer weiter voraus denkenden und sich verstehenden Gruppe zusammen.“ Dies ist ein Ansporn für jedes Elternteil, ein Kinder nicht von vorneherein zu unterfordern, sondern zu probieren, was es alles erreichen kann. „Es ist besser, alle Kinder miteinander arbeiten zu lassen und so ihre Entwicklung untereinander zu beobachten und draus Schlüsse zu ziehen“, sagt Wrede. Zum Beispiel, dass so die Gemeinschaft viel besser „zusammenwächst“ und nicht klare Grenze gezogen und gesehen werden.

„Denn jedes Kleinkind, jeder Jugendliche und jeder Erwachsene hat ein Recht darauf, mit in den Alltag und das Leben eingebunden zu werden.“ Der Fortschritt ist sichtbar: Immer mehr Schulen beteiligen sich an der Initiative und entwickeln sich weiter. Der nächste Schritt wäre, dass auch weiterführende Schulen daran mitwirken. Alle Beteiligten haben Vorteile davon, zum Beispiel lernen sie besser mit einander umzugehen, egal ob mit Beeinträchtigung oder ohne. Ist das nicht für jeden hilfreich, um um

Leben und Alltag aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und sich in die Lage anderer zu versetzen? „Ja“, sagt Ute Wrede, „das ist eines der vielen Ziele, die wir damit erreichen wollen. Auch aber, dass man nicht nur wegen Herkunft, Krankheit und anderer Eigenschaften, dem täglichen Leben „ferngehalten“ wird.“ Auch Schüler einer Förderschule sollte man fragen, ob es ihnen überhaupt dort gefällt und ob sie sich wohlfühlen. „Jedes Kind ist eine Schöpfung Gottes und so sollte man sie auch behandeln. Nämlich mit Zuneigung, Zuversicht und dem Glauben in denjenigen, dass er alles schaffen kann, wenn er es auch schaffen will. Das ist der Ehrgeiz und von dem steckt in jedem Menschen auf der Welt etwas. Wir sind alle geboren um andere Menschen glücklich zu machen.“ Ute Wrede hofft in Zukunft darauf, dass die Welt und die Menschen einen Schritt weitergehen, um das Gleichgewicht wiederherzustellen. Auch die Politik sollte sich Gedanken machen, wie man Menschen mit Beeinträchtigung helfen kann, ohne sie auszuschließen. Denn wenn alles so klappt wie wir es uns vorgestellt haben, dann wird sich mit der Zeit vieles ändern.

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Von wegen „an den Rollstuhl gefesselt“ von Luisa Meyer

Lili Masuhr von Leidmedien.de gibt Tipps, wie man sensibel über Menschen mit Behinderung schreiben und Floskeln vermeiden kann

Michael Z. fühlt sich überhaupt nicht „an den Rollstuhl gefesselt“. Foto: leidmedien.de

Inneren“, sagt sie. Wenn man mit einer Person ein Interview führen möchte, die Rollstuhl fährt, kann die Internetseite wheelmap.org hilfreich sein. Dort wird angezeigt, ob bestimmte Gebäude barrierefrei sind oder nicht. Egal, ob „Behinderte“ oder „Ausländer“: Generell sollte man darauf achten, niemanden in Schubladen zu stecken. Denn wenn die „Behinderten“ und die „Ausländer“ als die Anderen gesehen werden, heißt dass, dass „wir“ nur Menschen ohne Behinderung bzw. Migrationshintergrund sind.

Noch ein paar einfache Praxistipps von leidmedien.de Bitte vermeiden:

Bitte besser so formulieren:

Person XY leidet an. . .

Person XY hat die Behinderung ABC. . .lebt mit Krankheit ABC

der/die Behinderte, die Behinderten

Mensch mit Behinderung oder behinderter Mensch

Handicap / gehandicapt

Behinderung / behindert

invalide, schwerbeschädigt

behindert

gesund / normal vs. krank

nichtbehindert vs. behindert

das Leben / die Behinderung „meistern“

mit der Behinderung leben

Zeichensprache

Gebärdensprache

„Sorgenkind“, „Schützling“, „Du“ statt „Sie“

Nehmen Sie die Person ernst (sowohl Kinder als auch Erwachsene)

Pflegefall

Mensch mit Assistenzbedarf

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Integriert?

Der Film „Ziemlich beste Freunde“ war ein Kinoerfolg. Die Paralympics sind gerade zu Ende gegangen, täglich wurde im Fernsehen darüber berichtet. Es gibt ein neues Bild von Menschen mit Behinderung. Trotzdem kommt es noch vor, dass abwertend über sie berichtet wird. „Es gibt keine Normalität, Menschen mit Behinderung sind entweder Helden oder Opfer“, sagt Lili Masuhr von Leidmedien.de ist ein Projekt von Aktion Mensch, das Journalistinnen und Journalisten dafür sensibilisieren will, auf angemessene Art und Weise über Menschen mit Behinderung zu berichten. Das „d“ in Leidmedien ist beabsichtigt. Denn das Projekt will darauf aufmerksam machen, dass Menschen mit Behinderung nicht immer als Leidtragende abgestempelt werden sollen. Lili Masuhr appelliert daran, ihnen keine Opferrolle zuzuschreiben. Die Behinderung solle nicht ständig im Fokus stehen. „Wir wollen aber nicht auftreten wie die Sprachpolizei“, sagt sie. Vielmehr will sie, dass sich JournalistInnen Gedanken machen, wie sie selbst dargestellt werden wollen würden – um dann diese Maßstäbe an die eigenen Artikel anzulegen. Außerdem gibt Lili Ratschläge für Interviews. Ihr wichtigster Tipp: auf Augenhöhe gehen. „Ich gehe nicht nur mit meinen Augen auf Augenhöhe, sondern auch mit meinem

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Integration ist keine Einbahnstraße

von Fee Joanna Hehmann

Integriert?

Ein beeindruckender Weg nach vorn

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Ferdos Mirabadi sitzt am Kopfende des Holztisches. Sie hat sich einen Zettel mit Notizen gemacht, auf dem steht, was sie alles über den Verein und sich erzählen möchte. Dennoch guckt sie nicht auf das Papier, sondern sucht den Augenkontakt zu uns, ihren Zuhören. Die Frau, die ursprünglich aus dem Iran stammt, ist bei Kargah hauptsächlich für die Bereiche Verwaltung und Koordination zuständig und kennt die Ängste und Befürchtungen von den Menschen, die Hilfe und Unterstützung bei dem Verein suchen, nur allzu gut. Denn auch sie musste 1979, nach der Iranischen Revolution aus politischen Gründen ihr Heimatland verlassen. Da sie sich schon damals politisch sehr engagiert hat, stellten ihre Eltern sie vor die Wahl: Entweder heiraten oder das Land verlassen. Und Mirabadi entschied sich für die zweite Möglichkeit. Ferdos Mirabadi unterstützt das, was sie sagt, mit vielen Gesten. Vor allem, als sie von den Erfolgen, die Kargah schon erreicht hat, zu erzählen beginnt. Denn seit der Verein 1980 gegründet wurde, hat das Team

sich auf über 40 MitarbeiterInnen vergrößert. Das ist für einen so interkulturellen und sprachlich bunt durchgemischten Verein wie Kargah laut Mirabadi einzigartig in Europa. Ursprünglich war Kargah von iranischen Flüchtlingen als “Selbsthilfegruppe für Alltagsprobleme” gegründet worden.

„Neue Projekte sind immer spannend aber auch aufwendig“ Für Ferdos Mirabadi ist besonders wichtig, dass die MigrantInnen sowohl beim Lernen von Deutsch, als auch von ihrer Muttersprach unterstützt werden. Denn sie ist der Meinung, dass, wenn man seine Muttersprache korrekt beherrscht, auch das Lernen einer anderen Sprache wesentlich leichter fällt. Außerdem hat Kargah ein bestimmtes Konzept für Jugendliche entwickelt, die bei ihnen ihre gerichtlich verordneten Sozialstunden ableisten: Anstatt Arbeiten im Vereinsleben zu übernehmen sollen die Jugendlichen an der angebotenen Nachhilfe teilnehmen.

Als während des Gespächs eine junge Frau in den Raum herein kommt und Ferdos Mirabadi um Hilfe bei einer organisatorischen Sache bittet, steht Mirabadi sofort auf um zu helfen. Sie ist schon seit 2004 hauptamtlich im Verein tätig und ist immer da, wenn jemand ihren Rat benötigt. Als sie zurück zum Gespräch kommt, hat sie aber die Fragestellung nach der Finanzierung des Vereins nicht vergessen, sondern beginnt das Förderungsystem von Kargah zu erklären: Der Verein finanziert sich sowohl mit Hilfe der institutionellen Förderung, die sich auf durchgehend bestehen Projekte wie das Krisentelefon bezieht, als auch durch projektbezogene Förderung, die jedoch immer neu beantragt werden muss. Dies sei laut Mirabadi zwar sehr spannend, weil es immer neue Projekte gäbe, jedoch auch aufwendig, besonders auch durch den damit verbunden häufigen Mitarbeiterwechsel. Und gerade die MitarbeiterInnen stellen bei Kargah eine Besonderheit da: Denn der Verein beschäftigt JPN Journal 14-1


ausdrücklich deutlich mehr Frauen als Männer. Hierbei ist die geschlechtliche und religiöse Orientierung der Frauen jedoch kein Thema.“ Wir beschäftigen bewusst homosexuelle Frauen“ erklärt Mirabadi und verweist darauf, dass diese „privaten Sachen“ in diesem Verein keine Rolle spielen.

„Du musst das Gefühl haben, du gehörst dazu“

JPN Journal 14-1

Kargah e.V. ist in vier Teilbereichen tätig. Diese bestehen aus Beratung, Bildung, der Stadtteilarbeit und der kulturellen Arbeit. Die Beratung setzt sich aus der Flüchtlingsarbeit und der Frauenarbeit zusammen. Bei der Flüchtlingsarbeit hilft der Verein beim Asylverfahren, der Sprache und dabei ihre Deutschen Rechte kennenzulernen. Außerdem gibt es das Projekt Suana, das sich mit der häuslichen Gewalt und der Zwangsheirat von Frauen beschäftigt. Das Netzwerk „haip“ (Hannoversches-Interventions-Programm) ist zusätzlich zur Unterstützung von Frauen da. Haip existiert seit 2007 niedersachsenweit und hilft gegen Gewalt von Männern in der Familie. Die Hilfe durch ein Krisentelefon, was für Frauen und Flüchtlinge meist zur ersten Kontaktaufnahme benutzt wird, wird anschließend durch weitergehende persönliche Begleitung fortgesetzt. Zum Bereich der Bildung gehören Sprachkurse, PC-Kurse, Zusammenarbeit mit Schulen, Universitäten und Arbeitsagenturen sowie Nachhilfe und Hausaufgabenhilfe für MigrantInnen. In dem Büro für Stadtteilarbeit in Hannover Linden werden zum Beispiel besondere Angebote für Mütter und Kinder angeboten. Im vierten Bereich der kulturellen Arbeit sorgt der Kargah e.V. dafür, dass es im Zentrum des Vereins täglich warme Küche gibt, regelmäßige Ausstellungen stattfinden, Vorlesungen in vielen verschiedenen Sprachen, sowie politische Veranstaltungen. von Leonie Martin

Integriert?

Als die Frage gestellt wird, wie sie den Begriff „Migration“ definiert, muss Ferdos Mirabadi einen kurzen Moment nachdenken. „Integration muss von beiden Seiten kommen, es darf keine Einbahnstraße sein“, beginnt sie und erklärt, dass es immer noch viele ungerechtfertigte Vorurteile im Bezug auf Migranten gibt, die wenn möglich schon zur Schulzeit widerlegt werden sollten. Auch hätte die Integrationsarbeit eigentlich schon wesentlich früher beginnen müssen, erklärt Mirabadi und verweist dabei auf die Gastarbeiter, die schon in den 1960ern nach Deutschland gekommen waren. Gleichzeitig müssten sich ihrer Meinung nach aber auch die Migranten engagierter im Bezug auf die Politik in ihrer Heimat zeigen, weshalb Kargah viele politische Veranstaltungen zu verschiedensten Themen anbietet. Besonders die Stadtpolitik in Hannover steht hierbei im Vordergrund, bei der sich Feros Mirabadi künftig ein kommunales Wahlrecht auch für nicht EU Migranten wünscht. „Denn wenn du dich für etwas interessieren willst, musst du das Gefühl haben, du gehörst dazu.“

Info: KARGAH E.V.

Ferdos Mirabadi Fotos: Luisa Meyer

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Unter Lebensgefahr Krieg & Krise

von Johannes Booken

Kriegsjournalistin oder Kriegsjornalist – der Traumberuf für viele angehende Medienmachende. Wie jedoch der berufliche Alltag aussieht, ist vielen nicht bewusst. Junge Medienmachende trafen sich in Berlin, um mit Journalisten und Fotografen zu sprechen, die unter Lebensgefahr gearbeitet haben.

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Ein Anblick, den jedeR kennt: Es ist 20 Uhr und Millionen Deutsche schauen sich die Tagesthemen an. Erneute Anschläge im Nahen Osten, Krieg im Jemen, in Syrien, im Irak und in Mali. Die Liste der andauernden Kriege und Konflikte ist lang. Doch damit es überhaupt möglich ist, dass die Zuschauenden Nachrichten und Bilder aus den Krisengebieten erhalten, müssen ReporterInnen vor Ort sein und über die Ereignisse berichten. „An gewissen Punkten ist mein Beruf der Fahrstuhl in die Hölle”, sagte James Nachtwey in einem Videointerview zum Thema Kriegsjournalismus. Die erste Fotoreportage von Nachtwey, der zu den bedeutendsten Vertretern der zeitgenössischen Dokumentarfotografie, insbesondere der Kriegsfotografie, zählt, entstand im Jahre 1981 in Nordirland. Dort dokumentierte er die Unruhen in Belfast. Seitdem arbeitet Nachtwey fast ausschließlich in den Krisengebieten der Welt (siehe Rezension auf Seite 15). Dass der Beruf eines Kriegsjournalisten oder einer Kriegsjournalistin gefährlich ist, wird jährlich durch die Statistik der Organisation Reporter ohne Grenzen verdeutlicht. Allein im vergangenen Jahr sind weltweit mehr als 71 JournalistInnen bei ihrer Arbeit getötet, 87 entführt und 39 BloggerInnen und BürgerjournalistInnen in Haft genommen worden. Im Jahr 2012 hatte die Zahl der Getöteten mit 88 JournalistInnen und 47 BloggerInnen ihren Höchststand seit Beginn der Aufzeichnung 1995 erreicht.

Im Jahr 2013 wurden allerdings weltweit mehr als doppelt so viele JournalistInnen entführt als in 2012. Die Zahl der Entführungsopfer stieg auf 87 im Vergleich zu 38 im Vorjahr. „Wenn wir uns alle Fakten ansehen, dann ist die Arbeit von Journalisten weltweit keineswegs sicherer geworden”, heißt es im Jahresbericht der Reporter ohne Grenzen. Das verdeutlicht nicht zuletzt die um neun Prozent auf 2160 gestiegene Zahl der Angriffe und Drohungen gegen JournalistInnen. Im Gefängnis sitzen wegen ihrer Arbeit momentan 178 JournalistInnen weltweit, die meisten von ihnen – so wie auch 2012 – in China, Eritrea, der Türkei, dem Iran und Syrien . Vor allem in Syrien würden JournalistInnen systematisch zum Schweigen gebracht. Es sei derzeit das gefährlichste Land für Medienschaffende, heißt es von Seiten der Organisation. Dort starben zehn professionelle Berichterstattende und 35 BürgerjournalistInnen. In Indien ging 2013 Gewalt von Mafiagruppen, Demonstrierenden und AnhängerInnen politischer Parteien aus. Auf den Philippinen schießen immer öfter Bewaffnete von Motorrädern aus JournalistInnen nieder, ohne Strafen befürchten zu müssen. Um miteinander zum Thema „Kriegsjournalismus“ zu recherchieren und sich eine Meinung bilden zu können, waren mehr als 20 junge Medienmachende aus dem gesamten Bundesgebiet in Berlin zusammengekommen. Dabei hatten sie die Möglichkeit, mit mehreren ReferentInnen zu sprechen. Mit

dabei war auch der Pressesprecher von Reporter ohne Grenzen in Berlin, Christoph Dreyer. Der gelernte Journalist hielt sich gerade während seiner Studienzeit in Krisengebieten auf und hat einiges erlebt. Doch im Gespräch mit den jungen MedienmacherInnen wollte er den Beruf des Kriegsjournalisten oder der Krisenjournalistin keineswegs schlecht reden. „Es steht jedem frei, das Risiko einzugehen und aus Krisengebieten zu berichten“, sagte Dreyer. Eine These des Vereins Reporter ohne Grenzen laute: „In den Ländern, in denen es keine Pressefreiheit gibt, leiden die Menschenrechte“. Aktuell ist dies nach Worten von Dreyer in Russland im Blick auf die Olympischen Spiele in Sotschi der Fall: „ArbeiterInnenrechte werden missachtet, die Umwelt wird belastet und Homosexuelle werden in ihren Rechten mächtig eingeschränkt.“ Die Reporter ohne Grenzen wurden in Deutschland vor 20 Jahren gegründet. Hintergrund für das Entstehen der Deutschen Sektion war der Tod eines Journalisten der Süddeutschen Zeitung, Igon Scotland, der in Kroatien erschossen wurde. Seitdem ist der Blickwinkel der Organisation weiter geworden. Das heißt, dass nicht nur hauptberufliche JournalistInnen unterstützt werden, sondern auch sogenannte BürgerjournalistInnen, die nicht unbedingt gelernte JournalistInnen sind und nicht alleine von der Arbeit als KrisenjournalistInnen leben können. Eines der wichtigsten Instrumente, mit der die Reporter ohne Grenzen auf die Missstände JPN Journal 14-1


Grafik: Reporter ohne Grenzen. je dunkler die Markierung, desto schlechter steht es um die Pressefreiheit im Land

JPN Journal 14-1

stehen. Darüber hinaus könne der Bundesnachrichtendienst (BND) eingeschaltet werden . Ein Beispiel ist der deutsche Journalist Arno Weerts, der im vergangenen Jahr in Aleppo festgenommen wurde und im Gefängnis war. „Unsere Aufgabe war es in diesem Fall unter anderem, zu jeder Zeit die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand zu informieren, so dass Weerts nicht in Vergessenheit gerät“, berichtete Dreyer. „Doch wie sieht es aktuell mit Putin aus, der die Pressefreiheit mit Füßen tritt – ist er bereits zu einem Feind der Pressefreiheit erklärt worden?“, fragte Teilnehmer Jonas. Diese Frage beantwortete Dreyer mit Blick auf die Olympischen Spiele in Sotschi mit einem klaren Ja .

Was geschieht mit Kopf und Körper? Dass das Ergebnis eines Auslandsaufenthaltes anders als gewünscht aussehen kann, ist vielen KonsumentInnen der Nachrichtensendungen nicht bewusst. Die Therapeutin Fee Rojas hat sich auf das Gebiet Journalismus und Trauma spezialisiert. Doch oft, so erzählt Rojas, benötigt der Zusammenhang zwischen den Begriffen „Trauma” und „ Journalismus” zunächst ein wenig Erklärung: Bei mehr als der Hälfte aller Nachrichten ist der Kern der Nachricht, dass Menschen in Extremsituationen oder traumatische Situationen geraten sind. „Gleichgültig ob über Gewaltverbrechen, einen Unfall oder eine Naturkatastrophe berichtet wird”, so Rojas. Für die

journalistische Arbeit sei es wichtig, dass sich JournalistInnen darüber im Klaren sind, was in Kopf und Körper geschehen kann, wenn man extreme Belastungssituationen erlebt. Dies ist nicht nur wichtig für den korrekten Umgang mit den Menschen, über die berichtet wird, sondern auch für den richtigen Umgang mit sich selbst. Auch bei JournalistInnen hinterlassen Traumata Spuren. Dabei ist es laut Rojas egal, ob die JournalistInnen über ein Erdbeben, ein Zugunglück, aus einem Kriegsgebiet oder über einen Gerichtsprozess um Kindesmissbrauch berichten. Seit über neun Jahren widmet sich Rojas bereits dem Thema Krisenjournalismus. Sie realisierte im Jahr 2006 die erste deutsche Konferenz zum Thema Trauma und Journalismus für die Medienakademie von ARD und ZDF . Während ihrer Arbeit hatte sie schon mehrere Patienten behandelt, die eine seelische Verletzung durch ihre Arbeit davontrugen. Einer dieser Patienten ist Rojas besonders in Erinnerung geblieben. „Ein Journalist kam aus einem Kriegsgebiet und hatte eines Tages während der Arbeit Kinder gesehen, die eine Katze steinigten. Im Vergleich zu den anderen Ereignissen im Krisengebiet ist dieser Vorfall eher unwichtig, der betroffene Journalist hatte jedoch Alpträume davongetragen”, berichtete Rojas. Die Verbindung von Trauma und Journalismus ist momentan noch kein sonderlich beachtetes Thema in unserer Gesellschaft. Trotzdem ist Fee Rojas der Meinung, dass sich etwas tut - und zwar in die richtige Richtung.

Krieg & Krise

aufmerksam machen, ist die so genannte Rangliste der Pressefreiheit, die jährlich veröffentlicht wird. Die dazugehörigen Zahlen werden mit einem umfangreichen Fragenkatalog ermittelt, der an JournalistInnen, VerlegerInnen und MenschenrechtlerInnen, die sich mit Kriegsjournalismus beschäftigen, verschickt wird. Dabei wird abgefragt, wie das Presserecht gestaltet ist, wie die Arbeitsbedingungen in den jeweiligen Ländern sind, inwieweit sich Medien finanzieren können und ob JournalistInnen bedrängt oder bedroht werden. „Es fließt hierbei ein ziemliches weites Spektrum ein“, betonte Dreyer. So wolle man Genauigkeit gewährleisten. Das Anklagen, die Anwaltshilfe und Kautionshilfe gehören zu den vielen Arbeitsfeldern, die von Reporter ohne Grenzen bearbeitet werden. Über deutsche Zeitungen, Facebook und Twitter werde auf Missstände der Pressefreiheit hingewiesen und vieles an die Öffentlichkeit gebracht. Sollte nun der Fall eintreten, dass ein deutscher Journalist oder eine deutsche Journalistin in Gefangenschaft gerät, wäre es „unwahrscheinlich, dass deutsche Truppen eingeschaltet werden, um den Journalisten zu befreien. Wir können nicht so einfach die Spezialeinheit nach Syrien schicken“, beschreibt Dreyer die Möglichkeiten seiner Organisation. Zunächst werde versucht, den genauen Aufenthaltsort des Journalisten/der Journalistin ausfindig zu machen. Danach werde das Auswärtige Amt aktiv, dem diplomatische Mittel zur Verfügung

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von Lukas Herbes

Mythos KriegsjournalistIn? Von Kollegen beneidet, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und von den Ereignissen überschattet, denen sie nachreisen. Wenn wir Antonia Rados und ihre KollegInnen im Fernsehen sehen, erkennen wir meist nicht, welch komplexes Berufsbild hinter dem Mythos ‚Kriegsund KrisenjournalistIn‘ steckt. Dabei sind sie zwar nicht das einzige, aber das lauteste Sprachrohr für uns, wenn es um Konflikte oder Katastrophen in allen Teilen der Welt geht. Obwohl – wie viele Bereiche des modernen Journalismus – von akuten Budgetkürzungen betroffen, ist die Auslandsberichterstattung entsprechend nach wie vor eine relevante Sparte der Nachrichten. Für junge Medienmachende bietet dieser Weg eine vielversprechende Perspektive im ohnehin schon schwierigen Berufseinstieg. Nicht in der Lokalredaktion am Kaninchenzuchtverein verzweifeln, sondern sich durch Geschichten der Extreme oder abseits des Mainstream einen Namen machen und so die feste Stelle in der Heimat verdienen.

Berufliches Schlachtfeld Krieg & Krise

Schön wäre es, wenn es so einfach wäre. Neben der Konkurrenz durch alteingesessene SerientäterInnen, die in vielen Fällen ihre gesamte Karriere damit verbracht haben, den Krisen der Weltgeschichte hinterherzureisen, stehen die Risiken. Sprengfallen, Kugelhagel und Geiselnahmen sind das eine – die Bundeswehr bietet zur Vorbereitung auf diese Situationen entsprechende Bootcamps für ZivilistInnen auf dem Weg in Kriegsgebiet, Reporter ohne Grenzen arbeitet an Leitfaden und hilft bei Inhaftierung und ähnlichem. Kontakte im fremden Land und Anpassung an die neue Situation erleichtern ein gutes Netzwerk von Kontakten zu KollegInnen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGO). Die psychischen Folgen sind oft das wahre Übel mit dem jeder alleine ist. Tod, Verstümmelung und menschliches Leid; leicht redet man sich – vielleicht auch als KonsumentIn ebensolcher Berichterstattung abgestumpft – ein, es ertragen zu können. Vor Ort dann die Krise; nicht helfen können, vielleicht auch nicht helfen wollen. Der Beruf wird zum Schutzschild und in der Heimat

kommt dann der Zusammenbruch. PBS, die posttraumatische Belastungsstörung. Niemand versteht das Erlebte, niemand will hören, wie schlimm es war, dieses Abenteuer an der Front, um das man von vielen Kollegen beneidet wird.

FrührentnerInnen an der Front Neben der psychischen ist es vor allem die physische Gesundheit, die der Arbeit selbst bei größter Begeisterung für die Sache Grenzen setzt. Die Arbeit in einem Krisengebiet, sei es durch Naturkatastrophen oder Konflikte, ist selten geprägt durch Komfort, nie durch Luxus. Der Körper stößt schnell an seine Grenzen durch die Strapazen der Situation, aber auch banale Herausforderungen wie die Anpassung an extremeres Klima. Daneben die akute Gefahr für Leid und Leben im Fronteinsatz. Kriegsphotograph James Nachtwey wurde beispielsweise Anfang Februar in Bangkok angeschossen. Abhalten von der Arbeit sollte ihn das jedoch tatsächlich nicht. Den glatten Durchschuss durchs Bein ließ er zwar im Krankenhaus untersuchen, hing aber sofort wieder an der Kamera. Durch solche Erfahrungen und etwas weniger Glück, Ermüdung durch die regelmäßigen und wechselnden Strapazen oder die schlichte und nicht seltene Ohnmacht, das Leid der Opfer nicht ändern zu können. Sicher ist, meistens sitzen die Reporter bald wieder im Flieger in Richtung Heimat und alt werden in dem Beruf die allerwenigsten.

Foto: Jayel Aheram // flickr

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„Im Fahrstuhl zur Hölle“ von Tim Ruben Weimer

Filmkritik zu „War Photographer“

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dazu führte, dass er im Januar diesen Jahres bei den Unruhen in Bangkok angeschossen wurde. Dabei wirkt der zurückhaltende Mann mit den weißen Haaren und dem ordentlichen Scheitel gar nicht wie ein Draufgänger. Regungslos und fast schon apathisch erzählt er über seine Reise nach Südafrika, bei der sein Kollege Ken Oosterbroek erschossen wurde: „Es war, als säße ich im Fahrstuhl zu Hölle!“

Szene aus dem Film

„Ich gebe den Menschen eine Stimme“ James Nachtwey ist sein Beruf anzusehen. In den Interviews wirkt er verschlossen, scheint seinen Gefühlen nicht mehr den Weg nach außen einzuräumen. „Er ist ein anderer geworden durch das, was er 25 Jahre erlebt hat“, meint Hans-Hermann Klare, Auslandsredakteur beim „Stern“. „Angst ist nicht, was wichtig ist. Wichtig ist, damit umzugehen“, meint Nachtwey. „Es ist wirklich schwierig, darüber hinwegzukommen.“ Was ihn antreibt, ist das Bewusstsein, ein Teil des Guten zu sein. Jene Menschen, die er fotografiert, sehen in ihm einen Hoffnungsschimmer und verhalten sich ihm gegenüber offen. So entstehen seltene im Film dokumentierte Einblicke in das Privatleben von Kriegsopfern und Ghettobewohnern. Einem einbeinigen Mann folgt Nachtwey über mehrere Tage, ohne dass dieser sich auch nur einmal gegen ihn wendet. „Sie verstehen, dass ein Fremder, der mit einer Kamera zu ihnen gekommen ist, um dem Rest

der Welt zu zeigen, was ihnen angetan wird, ihnen eine Stimme gibt.“ Seine Fotos, meist in schwarz-weiß gehalten, sprechen für sich. Der Film endet mit der NachtweyAusstellung „Testimony“ in New York. Zukunftsweisend füllen die Scharz-Weiß-Aufnahmen mehrere Museumswände: „Ich glaube, die Menschen wollen, dass darüber berichtet wird, wenn gerade eine schlimme Katastrophe in dieser Welt passiert.“

Krieg & Krise

Eine Schwefelmine irgendwo in Indonesien. Dichte Rauchschwaden entweichen dem grünlich schimmernden Gesteinsberg, verdecken die Sicht auf das hier wartende Elend, machen jede Orientierung unmöglich. Zeitweise, wenn der giftige Nebel die Sicht ein wenig freigibt, lassen sich die abgemagerten Minenarbeiter erkennen. Mit einfachen Stangen ausgerüstet und unter ständigem Hustenreiz gehen sie Tag für Tag ihrer Arbeit nach, ruinieren ihre Gesundheit für ein paar Stücke Brot, die sie sich von ihrem Lohn kaufen können. Mitten in diesem Elendsbild: James Nachtwey, renommierter Fotograf aus den Vereinigten Staaten. „War Photographer“, veröffentlicht im Jahr 2011, ist sein Film. Der Regisseur Christian Frei, ein bekannter Dokumentarfilmer, begleitete Nachtwey mit der Kamera und bekam dabei Bilder zu sehen, die vor Hass und Gewalt nur so strotzen. Denn James Nachtwey ist Kriegsfotograf. Sein Beruf ist es, sich in jene Gebiete zu begeben, in die sich kaum ein Mensch traut, und genau jene Momente festzuhalten, von denen andere Augenzeugen schwere traumatische Erlebnisse davontragen. Der mehrfach Oscar-nominierte Film führt den Zuschauenden in die Krisenherde des Kosovokrieges, in die Ghettos von Jakarta oder in syrische Straßenschlachten, drückt sich nicht vor Bildern von Leichenhaufen und schaltet, wenn das Leid nicht mehr zu ertragen ist, um in die Hamburger Redaktionszentrale des „Stern“, für das Nachtwey gelegentlich arbeitet. „War Photographer“ macht große Worte nicht mehr notwendig. Ein Großteil des Films besteht aus unkommentierten Aufzeichnungen einer Videokamera, die Nachtwey an seinem Fotoapparat befestigt hat. Die entstandenen Mitschnitte sind oftmals verwackelt und der Zeigefinger, der nervös am unteren Bildrand auf dem Auslöser wippt, lenkt ein wenig ab. Und dennoch beeindrucken die Bilder mit einer fassungslos kühlen Neutralität. „If your pictures aren’t good enough, you aren’t close enough“, erklärt Nachtwey seine Strategie, die ihn immer wieder in brenzlige Situationen lockt und auch

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„Wenn ihr Bock darauf habt, dann macht das!“

Krieg & Krise

von Denise Eisenbeiser

Jens Borchers über seine Arbeit als Auslandsreporter

„Ich komme jetzt nicht aus einem Krisengebiet, sondern aus dem Parlamentsbüro in Berlin“, so Jens Borchers, Leiter des Berliner Hauptstadtstudios des Hessischen Rundfunks (HR). Bereits mit 16 Jahren hat er beschlossen, Auslandsreporter zu werden. Und es hat – zu seiner eigenen Verwunderung – geklappt. So war er unter anderem in Thailand, Spanien, Washington und in Afghanistan unterwegs. Doch wie gelangen Reporter an wichtige Informationen im Ausland? „Die Redaktionen im Ausland sind primär der Meinung: du weißt alles. Das kann ganz schön problematisch sein“, sagt er. Daher rät er dazu, in jedem Fall Kontakte zu Einheimischen herzustellen sowie mit anderen Reportern zusammenzuarbeiten. Außerdem sollte man immer auf eine/n verlässliche/n ÜbersetzerIn zurückgreifen können, da die ReporterInnen sonst oftmals aufgeschmissen sind. Insbesondere AuslandsreporterInnen können unverhofft von Ereignissen überrascht werden, daher ist auch eine Zusammenarbeit mit Nachrichtenagenturen sehr wichtig. Einige Informationen bekommen JournalistenInnen auch dadurch, wenn sie „embedded“, das heißt, wenn sie gemeinsam mit dem Militär unterwegs sind. Journalisten müssen jedoch darauf achten, dass sie sich in ihrer Arbeit dann nicht einschränken lassen. „Die Bundeswehr will nicht, dass du alles mitbekommst.“ AuslandsreporterInnen sollte sich gut überlegen, in welches Land sie gehen möchten; ob man es dann tatsächlich kriegt, ist eine andere Frage. Entmutigen lassen sollte man sich allerdings nicht: „Wenn ihr Bock darauf habt, dann macht das, probiert es aus!“.

langen Zeitraum Kenntnisse über das Land anzueignen. Außerdem gibt es noch einen einwöchigen Vorbereitungskurs der Bundeswehr, der insbesondere KrisenreporterInnen auf den Auslandseinsatz vorbereitet. Borchers selbst hat den Kurs erst sehr spät belegt, ist aber dankbar für die nützlichen Tipps und wird bei seinem nächsten Einsatz auf jeden Fall umsichtiger sein. Er betont, dass kein Sender seine ReporterInnen dazu zwingen kann, in ein Krisengebiet zu gehen. Er selbst hat einmal erlebt, wie neben ihm ein Journalist erschossen wurde oder wie in 800 Meter Entfernung eine Bombe explodiert ist. „Man lernt, wie schnell eine Situation kippen kann. Insbesondere empfehlen sich Gespräche mit Soldaten, Diplomaten und Kollegen, um Anzeichen für eine gefährliche Situation besser zu erkennen.“ Generell sei er jedoch nur in wenig ernstzunehmenden Situationen gewesen.

Wie gehen KrisenreporterInnen mit dem Erlebten um? Darauf hat Borchers keine Antwort. Die Reporter sollten das Erlebte jedoch nicht mit sich selbst

ausmachen. Die ReporterInnen sollten nach dem Einsatz von der Situation zurücktreten, sich ordnen und versuchen, keine „Emotionsbomben“ zu erzählen. Er selbst würde nie sein Leben riskieren, nur um seinem Sender oder seiner Hörerschaft eine Freude zu bereiten.

Alltag Als KrisenreporterIn oder AuslandskorrespondentIn sollte man sich bewusst sein, dass es so etwas wie einen Lebensmittelpunkt nicht gibt. „Ich erfahre viele Sachen, die andere nie erfahren werden. Es gibt so etwas wie einen inneren Mechanismus, der mir sagt: ich bin nur auf Zeit hier, also grabe ich mich nicht so tief ein. Freundschaften zu halten ist zwar schwierig, aber machbar.“ Borchers wird ab Juni 2014 für ein Jahr in der Zentrale des Hessischen Rundfunks arbeiten- das sei obligatorisch. Danach kann er sich entscheiden, ob er weiterhin in Frankfurt bleiben will oder wieder als Korrespondent in Marokko arbeitet. Seinen Entscheidung hat er schon lange getroffen: Marokko!

Vorbereitung Für einen Einsatz in Krisengebieten bedarf es allerdings einer richtigen Vorbereitung. Dazu gehören – neben Sprachkenntnissen – zum Beispiel auch, sich über einen 16

Foto: Jonas Nolden JPN Journal 14-1


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JMC:nw 2014

Der Ruf der Pampa.

** Das echte JugendMedienCamp NordWest in Loxstedt 28. Mai bis 1. Juni www.jmc-nw.de

*rot **gr端n


JournalistIn im Krisengebiet: Traum oder Trauma?

Krieg & Krise

von Maja Mainka

„Machen Sie deutlich darauf aufmerksam, dass Sie ein Journalist sind, und zeigen Sie Ihre Ausrüstung, sodass man Sie nicht mit einem Kriegsteilnehmer verwechselt. Beobachten Sie die Gewohnheiten der Einheimischen. Stellen Sie sich tot, falls Sie verwundet werden.“

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Dies ist nur ein kleiner Auszug aus dem Handbuch von „Reporter ohne Grenzen“. Es wurde speziell für JournalistInnen entwickelt wurde, die sich dafür entschieden haben an die Front zu gehen, um direkt vor Ort von den neuesten Geschehnissen berichten zu können. Von einem Traumberuf kann jedoch nur in den seltensten Fällen gesprochen werden. Zunächst klingt es jedoch wie ein Traum für viele junge Menschen, die heiß auf ein Abenteuer sind. Morgen in Afghanistan, nächste Woche im Iran und in einem Monat schon in Syrien. Immer dabei die Kamera oder der Notizblock, um die Eindrücke vor Ort bestmöglich festhalten zu können, sodass sich die Daheimgebliebenen ein Bild von den Nachbarn im Ausland machen können. Schnell die Tasche gepackt, ab zum Flughafen, hinein in den Ferienflieger und los geht’s. STOPP! Ferienflieger? Nicht wirklich. In die meisten Krisengebiete fliegt schon lange kein touristisch ausgelegtes Flugunternehmen mehr. Aus gutem Grund, denn wer ist schon besonders scharf darauf in ein Krisengebiet zu fliegen? „Da kann man sich gleich eine Zielscheibe auf die Stirn tätowieren lassen“, wie der junge Fotojournalist Ruben Neugebauer es passend beschrieb. Die Vorbereitung ist deine persönliche Lebensversicherung. Schnell die Tasche gepackt? Auch das ist ein Irrtum. Wer sich nicht vor Antritt der Reise über sein Ziel informiert, kann auf der Stelle den Rückwärtsgang einlegen oder sich gleich mehrere der besagten Zielscheiben auf den Körper tätowieren lassen, denn Ansprechpartner vor Ort sind das A und O. Wer es hierbei besonders bequem mag, der kann natürlich auch „embedded“ in ein anderes Land seiner

Wahl ziehen. Das ist an und für sich ganz schön. In dem fernen Land hast du stets bewaffnete Freunde, die gut acht auf dich geben, eine moderate Unterkunft, ausreichend Verpflegung und man erhält sogar eine persönliche Beratung für seine spätere Berichterstattung. Wenn du jedoch meinst aus der Reihe tanzen zu müssen, hat dein Ausflug bald ein jähes Ende und du erhältst einen persönlichen Shuttle zum nächsten Flugzeug, das dich dann postwendend Richtung Heimat befördert. Damit ist dann weder deiner persönlichen journalistischen Karriere geholfen, noch den Menschen, die vor Ort unter den Folgen des vergangenen, bzw. immer noch andauernden Krieges leiden. Bedenke: Als guter Journalist oder gute Journalistin gehst du nicht unbedingt in ein Land, um deinem persönlichen Wohlstand zu erweitern, sondern um die Situation der Menschen zu beleuchten, die mit einem Bruchteil dessen schon glücklicher wären. Ein weiterer Punkt, der gerne vergessen wird, besonders von jungen Menschen, die davon überzeugt sind, dass sie so leicht nichts vom Hocker hauen kann: Kindersoldaten, die gezeichnet sind von den schrecklichen Auseinandersetzungen und bereits zusammenzucken, wenn ein LKW an der provisorischen Straße vorbeizieht. Eltern, die am Grabe ihrer Kinder stehen, denen Tränen die Wangen hinunterlaufen und deren Gesichter bleich von Trauer und Angst sind. Jugendliche, die vor Schmerz zusammenzucken und deren Leben auf ewig von den Ereignissen im Krieg geprägt seien wird. Wirst du immer noch derselbe sein, wenn du von deinem Einsatz wieder Heim kehrst? Wirst du immer noch in das mit Liebe gebackene Stück

Kuchen deiner Oma beißen können, wenn du weißt, dass es anderen schlechter geht? Wirst du die Bilder der Kinder vergessen können, die vor Angst schreiend am Boden liegen? Du wirst lernen müssen, unterscheiden zu können, zwischen dem, was in anderen Ländern geschieht, was du siehst und was du nicht von heute auf Morgen wirst ändern können. Sobald dich die Bilder nicht mehr loslassen, sie dich gar verfolgen, spätestens dann solltest du überdenken ob es noch Traum oder schon Trauma ist.

JPN Journal 14-1


von Lisa Pramann

Was bleibt, ist die Erinnerung Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt. Jeder hat einen Traum für den es sich lohnt zu kämpfen. Und JournalistInnen an vorderster Front in Krieg- und Krisengebieten kämpfen für die Wahrheit. Doch was sie dort erleben, welche Bilder sie dort sehen, lässt sie oft nicht mehr los. Das Geräusch der anrollenden Panzer, das Schreien kleiner Kinder, Hunger, Elend, Blut, Tod. Diese Bilder brennen sich ein und sind der Stoff, aus dem Albträume gestrickt werden. Wenn einE JournalistIn aus einem Krisengebiet heimkehrt, ist sie/er ein anderer Mensch. Die Erinnerungen an das Erlebte haben sich fest im Kopf eingebrannt. Wie er/sie

damit umgeht, hängt allein von der psychischen Belastbarkeit ab. Eine traumatische Reaktion auf eine traumatisches Erlebnis ist ganz natürlich. Schlafstörungen, Flashbacks und erhöhte Reizbarkeit können erste Anzeichen für eine traumatische Reaktion sein. Der Mensch muss das Erlebte verarbeiten, jeder auf seine Weise. Besonders wichtig ist der Rückhalt im sozialen Umfeld und die Möglichkeit über das Erlebte zu reden. Wenn sich die Situation nach einigen wwWochen nicht verbessert und physische Probleme auftreten, kann von einer Posttraumatischen Belastungsstörung geredet wer-

Wieso gerade JournalistInen betroffen sind Natürlich sind nicht nur JournalistInnen in Gefahr durch Krisensituationen traumatisiert zu werden. Aber anders als SoldatInnen, Hilfskräfte und ÄrztInnen sind sie oft kaum auf solche Extremsituationen vorbereitet. Andrea Hanna beschreibt in einem Augenzeugenbericht für die „ZEIT“ die Situation im Tunnel JPN Journal 14-1

Fotos: Ruben Neugebauer

Krieg & Krise

den. Im schlimmsten Fall kann ein Trauma zu einem sozialen Abstieg führen.

der „Duisburger Loveparade 2010“. Eigentlich war sie dort um über die Musik zu berichten. Doch stattdessen kommt alles anders und sie findet sich selbst in einem Ausnahmezustand wieder, in dem sie nicht nur mitbekommt wie Menschen sterben, sondern auch ihr eigenes Leben in Gefahr ist. Eine unvorhergesehene Situation prägt sich oft nur noch tiefer ein. Da besonders der soziale Rückhalt wichtig ist, um ein Trauma zu verarbeiten, sind KriegsreporterInnen besonders gefährdet. Durch ihre Arbeit müssen sie ständig aus neuen Krisengebieten berichten und haben so häufig kein funktionierendes soziales Netzwerk, das ihnen Rückhalt geben kann. Dazu kommt der Druck „zu liefern“. Nur die perfekte Geschichte wird gedruckt und wer nicht mit Nahaufnahmen von weinenden Müttern, die sich über ihre toten Söhne beugen, heimkehrt, steht in Gefahr mit der Konkurrenz nicht mehr mithalten zu können und seinen Job zu verlieren. So kann es passieren, dass schnell mal psychische Belastungsgrenzen überschritten werden, nur für das perfekte Bild. Wenn SoldatInnen oder Hilfskräfte aus einem Krisengebiet heimkommen, werden sie oftmals psychologisch betreut, doch von ReporterInnen erwartet man, dass sie funktionieren und gleich am nächsten Tag wieder in der Redaktion erscheinen. Das Problem eine Traumatisierung wird häufig nicht in Betracht gezogen und die ReporterInnen trauen es sich oft nicht zu sagen, wenn es ihnen nicht gut geht, aus Angst ihren Job zu verlieren.

Wie kann man einem Trauma vorbeugen? Egal wie sehr man sich auf eine Ausnahmesituation auch vorbereitet, ein Trauma lässt sich nie hundertprozentig ausschließen. Wichtig ist aber, dass man seine Grenzen kennt und diese auch nicht überschreitet, auch wenn man dadurch seinen Job riskiert! Denn lieber verliert man seinen Job in der Redaktion als die Achtung vor sich selbst. 19


Embedded Journalism Eingebunden ins Militär

Wie arbeiten KriegsjournalistInnen eigentlich vor Ort? Eine Möglichkeit ist „embedded journalism“. Als „embedded journalist“ (eingebundene/r JournalistIn) begleitet man das Militär und lebt mit den SoldatInnen zusammen in den Unterkünften der Bundeswehr. Diese Art der Berichterstattung aus Krisengebieten ist unter JournalistInnen höchst umstritten, wird aber mittlerweile von vielen als Möglichkeit genutzt, aus Krisengebieten zu berichten. Erstmalig tauchte der Begriff während des Irakkriegs 2003 auf, als das US-amerikanische Militär 775 internationale JournalistInnen „einbettete“. Auch die Bundeswehr bietet JournalistInnen an, die SoldatInnen zum Beispiel nach Afghanistan zu begleiten. Wie bei einer Pauschalreise fliegen die JournalistInnen dann mit der Bundeswehr in das Krisengebiet, wohnen gemeinsam mit den SoldatInnen und können sich ein Bild von der Lage vor Ort machen. Die Frage ist nur: Wie enseitig ist dieses Bild? Jana Smela und Luisa Meyer wägen die Vor- und Nachteile von „embedded journalism“ ab.

Krieg & Krise

von Jana Smela

„Der Blick auf die Machtlosen fehlt“

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ReporterInnen in Kriegsgebieten stellen wir uns als Sprachrohr derjenigen vor, die keine Stimme haben. Denen die Kontrolle über die Situation entglitten ist, die leiden, kämpfen, sterben. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, sich einer Krisensituation zu nähern als an der Seite der Machtlosen. Mit „embedded journalism“ verändert sich maßgeblich die Perspektive, aus der berichtet wird und womöglich auch die Motive der ReporterInnen. Um abzuwägen, aus welcher Situation heraus sie berichten wollen, müssen sie sich mit der Frage beschäftigen, welche Motive sie antreiben. Ein Blick hinter die Kulissen der Berichterstattenden verrät eine im Grunde optimistische Haltung: Sie glauben, mit ihrer Arbeit etwas verändern zu können, wenn es auch vorerst nur das Bewusstsein der Gesellschaft ist. In der Regel versuchen JournalistInnen, den Konflikt zu verstehen, sie suchen dessen Grund und seine Eigendynamik, indem sie sich mitten hinein begeben. Die vermeintlich äußere, distanzierte Sicht des Militärs bewahrt vielleicht Neutralität den Konfliktparteien gegenüber, verhindert aber auch tieferes Verständnis. Das Einzige, was „embedded journalists“ wirklich von innen betrachten, sind gepanzerte Wagen und Vorzeigeprojekte des ausländischen Militärs. Wird das dem Anspruch gerecht, mithilfe des Journalismus die Betroffenen aus ihrer Machtlosigkeit zu befreien? Erfüllen JournalistInnen damit die ihnen anvertraute Verantwortung, in den Zeugenstand gegen das zu treten, was sie in ihrem Inneren als Unrecht empfinden? Wenn es das Motiv eine/r KriegsberichterstatterIn ist, Unbeteiligte

über das Geschehen zu informieren und sie dazu anzuregen, sich für eine Besserung einzusetzen, dann ist es besser, auch mit den Machtlosen in Kontakt zu treten, denen sie eine Stimme geben will.

Journalisten sollten ungebunden sein Das allein macht die Dokumentation zweifellos weder objektiv noch qualitativ hochwertig, aber es ist ein Versuch, der Situation gerecht zu werden. Laut Duden bedeutet dokumentieren „manifestieren, belegen, nachweisen“. Diese Synonyme deuten an, dass es nicht nur eines der Ziele des Journalismus ist, auf die Gegenwart einzuwirken, sondern auch für die Zukunft ein Zeugnis abzulegen. Es ist eine Dokumentation, die Auslandseinsätze des deutschen Militärs zu fotografieren und darüber zu berichten, aber dabei handelt es sich nicht um den Konflikt, der die militärische Intervention ausgelöst hat. Der eigentliche Grund, warum sich die Berichterstattenden in die Krisenregion begeben haben, sind die inakzeptablen Lebensumstände der einheimischen Bevölkerung. Das darf bei der Berichterstattung nicht kurz kommen. Bei „embedded journalism“ besteht allerdings die Gefahr, dass sich der Journalismus von diesen auf Gegenwart und Zukunft gerichteten Motiven entfernt. Darum sollten JournalistInnen niemals ausschließlich eingebunden, sondern vorrangig ungebunden sein, sowohl in ihrer inneren Haltung, als auch in ihrer Dokumentation. JournalistInnen sein – wenn sie sie gut und reflektiert zu nutzen wissen.

„Für manche Reportagen ist embedding hilfreich“ von Luisa Meyer

„War reporting is easy to do, but difficult to do well“, schreibt der britische Journalist Patrick Cockburn in einem Artikel im „Independent“ (Über Kriege berichten ist leicht, es gut zu machen, ist schwer). Kriegsjournalismus ist in der Tat schwierig: JournalistInnen brauchen Kontakte vor Ort, ÜbersetzerInnen, falls sie die Sprache nicht können, Unterkunft, Fahrzeuge. „Embedded journalism“ stellt einen wesentlich komfortableren Weg dar, in Krisengebiete zu kommen. Der aber auch Tücken mit sich bringt. Für freie JournalistInnen ist „embedded journalism“ vor allem daher eine gute Möglichkeit, weil es sie nicht viel kostet. Schließlich bezahlt die Bundeswehr von vorne bis hinten alles – von Verpflegung bis zum Flug. Das ermöglicht zum Beispiel auch LokaljournalistInnen, die SoldatInnen aus der Region in das Krisengebiet zu begleiten. Allerdings kann die bloße Möglichkeit, auf diese Art und Weise über Kriege und Konflikte zu berichten, dazu führen, dass eine Reflexion darüber ausbleibt. Und JournalistInnen berichten dann embedded aus diesen Gebieten, einfach weil sie es können. Gleichzeitig können sie schnell dazu verführt werden, Konflikte als ausschließlich militärische Auseinandersetzungen zu sehen – obwohl die politischen Auseinandersetzungen möglicherweise wesentlich relevanter sind. Zudem gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, um tiefe Einsichten JPN Journal 14-1


Und wie geht's ohne Militär?

Wie sich JournalistInnen auf die Arbeit in Krisengebieten vorbereiten können von Konstantin Tönnies

Krieg & Krise

Eine Reportage in einem Krisengebiet sollte gut geplant sein: Das Reportagethema sollte vor der Abreise klar sein. Zur Vorbereitung eines Einsatzes sollte ich mich fragen, welche Geschichte ich erzählen will- oder was kann ich aus diesem Land überhaupt noch berichten? Ohne festes Konzept irrt man planlos in einem fremden Land umher und begibt sich Einen Einblick in die Zivilbevölkerung bekommen – das schnell in Gefahren. ist oft nur möglich, wenn man sich unabhängig vom Die politische Situation darf nicht Militär bewegt. Dieses Foto hat Ruben Neugebauer unterschätzt werden. Eine Quelle könnte in Syrien aufgenommen. das Auswärtige Amt sein. Zudem sollten sich JournalistInnen bei KollegInnen, die schonmal in dem Land waren, gründlich in die Strukturen des Militärs vor Ort zu bekommen. Wer eine informieren. Dokumentation oder eine Reportage über die Situation der SolKenntnisse der geographischen Lage datInnen vor Ort machen will oder über einzelne Projekte der von Krisengebieten sind von großem Vorteil. Bundeswehr vor Ort berichten will, für den bietet sich „embedded Ebenso sollte man sich vorher mit der Kultur journalism“ durchaus an. und den Gebräuchen der Region vertraut Ein anderer Vorteil von „embedded journalism“ ist die Sichermachen. heit, die die Nähe zum Militär bietet. Im Zweifelsfall können die „Stringer“ sind meist Einheimische und SoldatInnen einen beschützen. Diese Nähe zum Militär kann ankennen sich sehr gut im Land aus. Ein „Strindererseits zu einer gewissen Solidarisierung mit den SoldatInnen ger“ ist unersetzlich. Er leitet die Journalistführen – die wiederum für eine möglichst unabhängige BerichtnInnen durch das Land und versorgt sie mit erstattung gar nicht gut ist. Darum ist es besonders wichtig, dass Kontakten zu Einheimischen. Stringer sind sich JournalistInnen, die „embedded“ in Krisengebiete fahren, Guides, die einen sicher durch das Land führt nicht als PR-Menschen für das Militär einspannen lassen und und Gespräche übersetzen kann. Sobald man Informationen, die sie vom Militär erhalten, doppelt gründlich im Land ist, ist man komplett abhängig von prüfen. Und sie sollten sich immer bewusst sein, dass das, was sie ihnen. Vor Einreise in das Land, sollte man zu sehen bekommen, nur ein kleiner Ausschnitt des Ganzen ist. prüfen, ob ein guter Stringer schon mit anLetztendlich kann „embedded journalism“ eine Chance für Jourderen Kollegen zusammen gearbeitet hat. nalistInnen sein – wenn sie sie gut und reflektiert zu nutzen wissen. Das Schwerste ist einen Stringer zu finden, der bei den Rebellen und dem Regime noch nicht bekannt ist. „Er ist Teil des Teams“, so Solche Bilder bekommt man, wenn man als „embedded Ruben Neugebauer, ein Fotograf, der schon journalist“ unterwegs ist: Panzer und SoldatInnen. Ob aus Syrien berichtete. Ein Stringer setzt sich diese Fotos einen realistischen Blick auf die Lage in Krisengebieten darstellen – und was sie vielleicht sogar oft größeren Gefahren aus als ReporterInnen für ein verfälschendes Bild vermitteln, steht auf einem vor Ort, schließlich kann er das Land nicht wie der/die ReporterIn wieder verlassen. anderen Blatt. Hier ein Foto aus Afghanistan. Ein Notfallplan macht besonders in Gegenden Sinn, in denen häufig JournalistInnen entführt werden – wie zum Beispiel Syrien. Ruben berichtet von Kontakten vor Ort, die sich auf die Suche nach ihm gemacht hätten, falls er sich nicht regelmäßig zurückgemeldet hätte. Außerdem nahm er einen GPS-Peilsender mit. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz sind in vielen Gebieten vor Ort und versorgen Menschen mit Wasser und Nahrung. An sie kann man sich wenden, um Kontakte vermittelt zu bekommen. Kleidung: Gerade in Krisengebieten ist es wichtig nicht aufzufallen, da JournalistInnen schnell selbst zur Zielscheibe werden können. In manchen Ländern macht es Sinn, auf die Weste mit der „PRESSE“-Aufschrift zu verzichten. Fotos: Ruben Neugebauer JPN Journal 14-1

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Kennste das schon? Von A wie Anmoderation bis Z wie Zuschauerinteraktion Das Handbuch „Moderieren“ im Check

Kennste das schon?

von Konrad Materne

Die stehen vor einer Gruppe oder der Kamera, quatschen ein bisschen und gehen dann wieder nach Hause.“

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– So denken sicherlich einige Menschen über den Beruf des Moderators/ der Moderatorin. Dass man über diesen Job jedoch ein ganzes Buch schreiben kann, zeigt Markus Tirok, selbst Moderator. Seine Veröffentlichung trägt schlicht den Titel „Moderieren“ und ist für angehende ModeratorInnen sicherlich empfehlenswert, für Laien über 238 Seiten jedoch nur wenig aufschlussreich. Gleich zu Beginn des Buches stellt Tirok klar, dass er eine journalistische Ausbildung für ModeratorInnen als notwendig erachtet, am besten sogar ein abgeschlossenes Studium. Damit nimmt er schon mal allen Lesenden, die dachten, sie könnten durch die Lektüre dieses Buches das Moderieren erlernen, den Wind aus den Segeln. Gleichzeitig kristallisiert sich damit auch schon ein großes Problem heraus: Dieses Buch ist wirklich nur was für Menschen, die ernsthaft gedenken, den Beruf des Moderators oder der Moderatorin zu erlernen. Tirok richtet sich schon auf den ersten Seiten nicht vorrangig an Laien, die einfach nur etwas über das Moderieren lernen wollen, sondern an Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen wollen. Tirok fährt damit fort, den Leser in einem kleinen Kapitel aufzufordern, sein Ziel festzulegen. Damit wendet er sich wieder an Menschen, die professionell als ModeratorIn arbeiten wollen und nicht an NeueinsteigerInnen. Letztere können dieses Kapitel getrost überspringen. Auf mehreren Seiten ergeht sich der Autor darin, den angehenden ModeratorInnen dabei zu helfen, zielstrebiger zu werden. Das Ganze wirkt leider arg aufgesetzt und so als hätte Tirok bloß mal ein paar

Wochenendcrashkurse zu diesem Themengebiet absolviert

Wie verhindere ich Lampenfieber? Wenn der Leser diesen Abschnitt nun hinter sich gebracht oder nicht, folgt der große Teil „Fernsehmoderation“. Von A wie Anmoderation bis Z wie Zuschauerinteraktion wird dieses Themenfeld ausgebreitet. Tirok hat einige durchaus prominente ModeratorInnen interviewt und lässt die Interviewfetzen sehr sinnig in seine Ausführungen einfließen. Zu den Interviewpartnern zählen deutsche TV-Größen wie ZDF-Moderator Johannes B. Kerner oder ARDTalkmasterin Sandra Maischberger. Die Interviews kann man sogar mithilfe von im Buch enthaltenden Login-Daten auf seiner Homepage in ganzer Länge einsehen. Aber nicht nur das: Auch mit erhellenden und teilweise amüsanten Beispielen aus der Fernsehgeschichte weiß Tirok sein Buch ansprechender zu machen. Das Buch ist keine Textwüste. Neben Checklisten nach jedem Unterkapitel punktet das Buch mit einer Menge Grafiken (z.B. einer Floskelsammlung). Größtenteils sind diese Ausführungen auch für Laien interessant, aber oftmals setzt Tirok auch einfach zu viel Wissen bei dem Leser voraus. Wie soll ich als AnfängerIn ein Kapitel über das Drehen von TV-Einspielern nutzen, um meine Fähigkeiten als Laienmoderator zu verbessern? Für jeden lesenswert sollte dagegen das anschließende Kapitel „Mentale Vorbereitung“ sein, wo Tirok auch ganz stark seine eigenen Erfahrungen einfließen lässt. So gibt er

beispielsweise hilfreiche Tipps, um Lampenfieber zu verringern. Dieses Kapitel ist für Neulinge eindeutig interessanter als die Ausführungen über die TV-Moderation. Dem Genre Interview widmet sich der Autor im Anschluss auch sehr ausführlich: Von Krisenmanagement über Interviewarten bis hin zur richtigen Fragetechnik – dabei kommt wirklich nichts zu kurz.

Nichts für Laien Dann folgt ein großes Kapitel unter dem Titel „Selbstvermarktung“, wo Tirok rät, einen Agenten zu engagieren, eine gute Homepage aufzubauen und sein Facebook-Profil zu pflegen. Hierbei wird auch wieder die größte Schwäche dieses Buches deutlich. Mit den Problemen und den Ansprüchen von LaienmoderatorInnen haben diese Ausführungen nichts zu tun. Auch das Kapitel „Eventmoderation“ ist für ModeratorInnen geeignet, die schon Produktpräsentationen für BMW moderieren. Aber für den/die JungjournalistIn, der ganz kleine Events moderiert, ist diese Lektüre fast überflüssig – bis auf ein Unterkapitel über das richtige Halten des Mikrofons. Mit der (unvollständigen) Liste der Lokalfernsehsender aus Deutschland kommt das Buch zu einem versöhnlichen Ende – ohne jedoch ein Wort über die Radiomoderation zu verlieren. Für (fest entschlossene) angehende ModeratorInnen legt Tirok ein hilfreiches Werk vor, für Menschen, die bei den Basics anfangen, ist dieses Buch jedoch zu weiten Teilen nicht nutzbar. Mein Rat an diese lautet daher: Das Buch selektiv lesen oder es gleich lassen! JPN Journal 14-1


Epilog

So langsam schleicht sich eine richtige Routine bei der Journal-Produktion ein. Ob diese Routine sich nochmal mit dem neuen Vorstand verändert? Eines gilt jedenfalls nach wie vor: Wenn ihr Lust habt, etwas zum Journal beizusteuern, seid ihr herzlich willkommen! Meldet euch einfach bei uns, die Mailadressen stehen gleich links, wenn ihr das Journal aufschlagt. In nächster Zeit hat die JPN wieder viel mit euch vor. Wir wollen Berlin unsicher machen und BILD, taz und ZDF logIn besuchen. Außerdem beschäftigen wir uns mit Datenschutz. Und dann gibt’s da ja noch das große, unbeschreibliche Camp. Für mehr Infos: einfach umblättern. Auch die Facebook-Seite der JPN versorgt euch regelmäßig mit Neuigkeiten rund um den Verein und aus der Jugendpresseszene. Was gibt’s sonst noch zu sagen? Behaltet eure journalistische Neugierde, stellt Fragen, seid kritisch, engagiert euch und verliert euer Interesse fürs Medienmachen nicht! Liebste Grüße und bis bald, eure JPN


Rechercheseminar Abgehört, ausgespäht, abgespeichert...

Aktiventreffen 25. bis 27. April in Sievershausen „Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie an und handelt“, sagte schon der große Dante Aligihieri. Meckern? Mosern? Ätzen? Ja, bitte! Anpacken? Selber machen? Ideen einbringen? Noch besser! An diesem Wochenende hast du die Chance, deinen Senf dazuzugeben: Welche Seminare sollen im nächsten Halbjahr laufen? Wie kann die JPN auf sich aufmerksam machen? Welche Themen und Projekte soll die JPN in Zukunft anpacken? Es wird gegrübelt, heftig diskutiert und fleißig am Kunstwerk JPN gewerkelt. Es erwartet dich ein Wochenende in gemütlicher Runde – JPN-Denksport inklusive. Sei dabei, wenn es in Sievershausen heißt: Heal the JPN, make it a better place; for you and for me an the entire human race! Teilnahme kostenlos!

16. bis 18. Mai in Hannover

Datenschutz endet bei den meisten Menschen nach dem Download eines kostenlosen Virenscanners. Anschließend hinterlassen sie gedankenlos ihre digitalen Fußabdrücke im Netz. Draußen geht’s dann munter weiter mit dem Daten-Striptease, z.B. bei der Videoüberwachung öffentlicher Plätze, Kaufhäuser und Schultoiletten oder beim Sammeln von Bonuspunkten, beim Fahren mit dem Navi oder der Teilnahme an Gewinnspielen. . . Leichtes Spiel für den Staat, Kriminelle oder Unternehmen, hemmungslos im Privatleben normaler BürgerInnen zu schnüffeln. Wir werden herausfinden, wo, wie und von wem überwacht und ausgeforscht wird. Wir inspizieren die Videoüberwachung in Hannover, sprechen mit PolitikerInnen, JournalistInnen und VerfassungsschützerInnen und lassen uns von HackerInnen zeigen, wie sie den Spionen die virtuelle Tür vor der Nase zuschlagen.

Termine& Veranstaltungen

Teilnahmebeitrag: € 25,- (€ 20,-) Ein Veranstaltung in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (Landesbüro Niedersachsen) im Rahmen der JugendMedienAkademie

April

Mai

Rechercheseminar Medienstadt Berlin

Juni

JugendMedienCamp NordWest

8. bis 10. April in … Berlin!

28. Mai bis 1. Juni in Loxstedt

Berlin ist ein Zentrum der aktuellen und politischen Medienberichterstattung, und nirgends in Deutschland gibt es so viele Tageszeitungen wie hier. Den Berliner Zeitungsmarkt dominiert zwar der Springer-Verlag mit Titeln wie BILD, Die Welt, Berliner Morgenpost oder BZ, doch auch die TAZ, der Tagessspiegel, die Jungle World oder die Berliner Zeitung sind hier zuhause. Alle großen deutschen Tageszeitungen, Radiosender oder Fernsehanstalten haben zudem KorrespondentInnen oder Hauptstadtstudios in Berlin. Nicht zu vergessen die Vielzahl an BerichterstatterInnen von ausländischen Medien, die aus der deutschen Hauptstadt in ihre Heimatländer berichten. Es gibt also viele gute Gründe, um uns in den Redaktionen der Hauptstadtmedien umzusehen, mit KorrespondentInnen und JournalistInnen zu sprechen und hoffentlich viele Kontakte zu knüpfen. Teilnahmebeitrag: €25,- (€20,-)

Mal was Neues machen. Mal #Neuland sehen. Mal zelten. Mal Medien machen. Mal Pampa erleben! Das alles könnt ihr beim 12. Jugendmediencamp. In neun spannenden Workshops gemeinsam mit 100 Gleichgesinnten und unter Anleitung erfahrener TeamerInnen werdet ihr eine tolle Zeit verbringen. Ob Kunstpausen (also Pausen, die mit Kunst gefüllt sind), eine offene Bühne mit selbst gemachtem Programm, ein Bandabend mit Lagerfeuer oder Diskussionsrunden mit JournalistInnen unter freiem Himmel – das JugendMedienCamp NordWest 2014 lässt keine Wünsche offen. Meldet euch an und macht mit! Teilnahmebeitrag: € 49,- (€ 39,-) Ein Veranstaltung in Kooperation mit der Jugendpresse Hessen. Das JMC:nw ist peer3-Modellprojekt.

Juli

LUMIX Festival für Fotojournalismus 20. bis 22. Juni in Hannover Wer sich für Reportagen und für Fotografie interessiert, ist beim LUMIX Festival für jungen Fotojournalismus genau richtig. Fünf Tage lang werden in den Hallen rund um die Expo-Plaza skurrile, anrührende, erschreckende, komische und erhellende Fotoreportagen aus aller Welt gezeigt. Außerdem werden Multimediageschichten erzählt, Preise vergeben, Vorträge von Fotografielegenden gehalten und Mappen gesichtet. Wir stricken für euch rund um das LUMIX Festival ein spannendes Seminar, bei dem ihr nicht nur die Ausstellung besucht, sondern auch exklusiv mit ausstellenden FotografInnen sprecht und im kleinen Kreis mit ExpertInnen über eure eigenen Fotos fachsimpeln könnt. Teilnahmebeitrag: € 25,- (€ 20,-)

Journal 14-1  

Themen: Krieg & Krise Integration + neuer Vorstand

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