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Editorial

»contre jour«. Klingt schön, oder? So nach Porsche-Neuwagen-Geruch, nach teurem französischem

Lifestyle. Allerdings verliert der Titel dieses Magazins schnell seinen Glanz, wenn man seine wahre Bedeutung kennt. Was bleibt, ist kein Porsche mehr oder Kaviar, sondern Ford und Thunfisch.

Und das deutsche Wort »Gegenlicht«. Aber so ist das Leben. Gut verpackt ist die halbe Miete. Wir lassen uns blenden von äußerer Schönheit und von Klischees. Dabei wollen wir es gar nicht anders. Blenden und geblendet werden ist fester Bestandteil unseres Alltags. Wir müssen nur wissen, woher das Licht kommt und es als solches erkennen. Wo viel Gegenlicht ist, verlieren vielleicht Gegenstände und auch Personen ihre Details, doch das Wesentliche wird um so deutlicher sichtbar. Und so steht man irgendwann vor der Frage, ob man nicht selbst Gegenlicht ab und an nutzt, um das eigene »Ich« ins richtige Licht zu rücken.


Inhalt

Alter Ego

Editorial »contre jour«. Klingt schön, oder? So nach Porsche ...

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Impressum Herausgeber/Chefredaktion Juliane Köbler, Prof. Erich Schöls, FH Würzburg-Schweinfurt

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»Duziiii, duzi, duuuuuuuzi du!«, sagt die ältere Dame zu dem Kind im Kinderwagen und lacht es an. »Kulliiiii kulliiii!«. Das Kind grinst. Die Frau ist zufrieden. »Müssen Sie hier parken?«, blafft sie einen Augenblick später den jungen Mann an, der gerade aus dem Auto steigt und etwas irritiert blinzelt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde in einer Person, würde ein Außenstehender in diesem Moment vielleicht denken. Oder sich wundern. Darüber, dass es innerhalb von Sekunden möglich ist, sein komplettes Erscheinungsbild zu ändern ...

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Statussymbol Sta|tus|sym|bol, das: etw., was jmds. gehobenen Status dokumentieren soll. Rolex SA: Daytona, 1961. Das Uhrenmodell Daytona von Rolex SA verkaufte sich in den Jahren bis zur Einstellung ...

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Willkommen im Leben

Positive Illusionen

Würde man nach dem Bild gehen, das uns die Werbung vermittelt, könnte man meinen, alle Mütter wären gutaussehende Frauen Ende zwanzig, die ihre Bilderbuchkinder morgens perfekt geschminkt und in rosa Stöckelschuhen zum Kindergarten bringen ...

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Beauty Truth is not beauty, beauty is not love. Drei Zehntel der ...

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»Liebe beruht auf einer starken Übertreibung des Unterschiedes zwischen einer Person und allen anderen«, meint der irische Schriftsteller George Bernard Shaw. Nach diesem Zitat entsteht Liebe durch verzerrte Wahrnehmung. Der oder die Geliebte werden als einmalig und allen anderen meilenweit überlegen erlebt obgleich die ...

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Inhalt

Inside out How to become a pick up-artist Es ist Hochsommer, Sie sitzen in einem Café, genießen Ihren Cappuccino, und beobachten die Menschen, die vorbeigehen. Es macht einfach Spaß, den unauffälligen Voyeur zu geben, und sich an dem geschäftigen Treiben zu erfreuen. Doch dann passiert das Unerwartete: SIE, die Eine, von der man(n) gehofft hat, sie zu ...

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Ein Profil in einer Community hat fast jeder. Dort geben die User eine so große Zahl an Grundinformationen preis, die bei anderen ein recht klares, wenn auch nicht immer realistisches Bild von sich selbst entstehen lassen. Da alle Informationen von den Usern selbst herausgegeben werden und keine außenstehenden Faktoren den vermittelten Eindruck trüben können, haben die User plötzlich größtmögliche Kontrolle ...

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Trick 17: Selbstüberlistung »Kindchenschema« ist der Begriff für den Aufbau eines Kleinkindergesichts. Merkmale sind ein großer Kopf, eine rundgewölbte Stirnregion und damit einhergehend eine relativ tief liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich ...

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Von der Analogie der menschlichen Natur

An Freud vorbei geforscht

Viele biographische Geschehnisse lassen sich nicht restlos aus dem Gedächtnis verbannen, sondern führen ein Eigenleben im Unterbewussten. Von diesem Ort aus, so SigNach der verbreitetsten evolutions- mund Freuds Annahme, entfaltet biologischen These hat sich der Bu- die nur vermeintlich »vergessene sen als sexuelles Lockmittel entwik- Vergangenheit« ihre unheilvolle kelt. Und zwar nach dem Vorbild Wirkung und stört das psychische eines prallen Hinterteils: Wie andere Wohlbefinden. Denn unwillkürlich Primaten auch paarten sich unse- holt einen das Verdrängte irgendre Vor-Vorfahren in der Hundestel- wann ein – zum Schaden der Seele. lung; ein ... Die Freudsche Verdrängungslehre 72 galt lange Zeit als spekulativ und wurde allenfalls von Psychoanalytikern propagiert. ... 78

Die Rampensau Betrachtet man Selbstinszenierung noch einmal so, wie es der allgemeine Konsens ist, spricht man von einer auffälligen Verhaltensweise. Psychologen sprechen von einer »histrionischen Persönlichkeitsstörung«. Kriterien dafür sind, dass sie ständig im Mittelpunkt stehen wollen. Diese Personen suchen ununterbrochen ... 86

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ter Ego


Schon im alten Rom ließen die Kaiser Statuen von sich bauen oder Gedichte über sich schreiben. Keine Anstrengung war zu viel, um der Nachwelt als großer Herrscher in Erinnerung zu bleiben. Woher kommt es, dass wir ständig damit beschäftigt sind, uns selbst ins richtige Licht zu rücken?

»Duziiii, duzi, duuuuuuuzi du!«, sagt die ältere Dame zu dem Kind im Kinderwagen und lacht es an. »Kulliiiii kulliiii!«. Das Kind grinst. Die Frau ist zufrieden. »Müssen Sie hier parken?«, blafft sie einen Augenblick später den jungen Mann an, der gerade aus dem Auto steigt und etwas irritiert blinzelt. Dr. Jekyll und Mr. Hyde in einer Person, würde ein Außenstehender in diesem Moment vielleicht denken. Oder sich wundern. Darüber, dass es innerhalb von Sekunden möglich ist, sein komplettes Erscheinungsbild zu ändern. Und mit Erscheinungbild ist nicht das Schnittmuster eines Pullis oder die Fülle der Oberschenkel gemeint, sondern scheinbar wesentliche Züge, die einen Charakter definieren. Doch tut die ältere Da­ me in der Situation nichts, was wir nicht täglich selbst tun würden. Für das Kind ist sie die freundliche, ältere Dame, die es zum Lachen bringt. Für den Fahrer des Wagens die autoritäre Person, die ihn auf Recht und Ordnung hinweist. Oder zumindest ist es das, was sie in dem Moment unter- Oskar Wilde bewusst will. Für Außenstehende ist sie wahrscheinlich eher eine durchgeknallte Tante, die so komisch kuckt und deren unechte Zähne man sieht, wenn sie »Kulliiiiii kulliiiii!« quietscht. Und eine hysterische Alte, die man ruhig zetern lassen kann, weil sie ja sonst nichts zu tun hat. Und wir tun täglich genau dasselbe. Wir stellen uns selbst dar, passen unser Erscheinungsbild dem Gegenüber an. Wäre im Beispiel der älteren Dame der Falschparker ein Polizist gewesen, oder vielleicht ein gutaussehender Mann ihres Alters, hätte sie anders reagiert. Das liegt daran, dass sich unser Verhalten nicht nur mit der Situation zusammenhängt, sondern in erster Linie mit dem Gegenüber. Je nachdem in welcher Position sich dieses zu uns befindet. Steht es in der Rang- und Hackordnung über uns, legen wir ein anderes Verhalten an den Tag, als vor Menschen, die auf Augenhöhe oder unter uns stehen. Einen Chef beispielsweise würden wir in der Regel

nicht angiften, während uns das beim Praktikanten oder dem neuen Auszubildenden weniger schwer fällt. Auch wie wir sprechen verändert sich. Je höher und fremder uns das Gegenüber ist, desto mehr Fremdwörter benutzen wir, desto weniger Dialekt sprechen wir. Leider ist es in unserer Gesellschaft tatsächlich so, dass jemandem, der die Hochsprache nicht korrekt beherrscht, fachlich weniger zugetraut wird. Deshalb passen wir uns an. Es werden mittlerweile sogar Kurse angeboten, die den Teilnehmern ihren Dialekt abtrainieren. Auf der anderen Seite verfallen wir stärker in den »Heimatslang« und benutzen eine viel derbere Ausdruckweise, wenn auch unser Gesprächspartner das tut. Das macht uns sympathischer und eröffnet uns die sofortige Mitgliedschaft in der Gruppe des anderen. Es ist wie mit einer Clubkarte, die man nur dann ausgehändigt bekommt, wenn man ein Teil der Einheitsmasse wird. Diese Art der Anpassung geschieht größtenteils unbewusst und intuitiv. Wir fügen uns ein in ein System, das funktioniert, weil es leicht zu verstehen ist. Oft wird einfach nur ein bestehendes Rollenbild bestätigt. Wir ordnen uns selbst in eine soziale Struktur ein und machen somit für alle das Begreifen dieser Struktur leichter. Die ältere Dame an der Straße ist in der einen Rolle eine Frau mit Beschützer- und Mutterinstinkt, die das Bedürfnis hat, von dem Kind gemocht oder gar geliebt zu werden. Zum anderen ist sie die brave Bürgerin und die Ältere in der Konstellation, die die Regeln befolgt und, wenn notwendig, darauf aufmerksam macht. Ist unser Gegenüber ein potentieller Sexualpartner, so entwickeln wir eine erotische Ausstrahlung. Schon sitzen wir gerader, Bauch rein, Brust raus, fangen an, uns im Haar herumzuspielen und erzählen von anderen Dingen. Denn in diesem Moment schreit unser Instinkt nach Fortpflanzung. Als Angestellter ist es wieder ein anderes Bild, das man dem Chef zu vermitteln versucht. Meist ein sehr positives:

Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen.

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fleißig, zuverlässig, kompetent ... Neben den unterbewussten Faktoren, verfolgt dieses Handeln ganz klare, bewusste Zielen: eine Gehaltserhöhung, bessere Aufgaben, Urlaub. Was man eben gerne hätte. Dieses »was man eben gerne hätte« ist beim bewussten Sich-selbst-darstellen ein großer Faktor. Eine bewusst produzierte Selbstdarstellung möchte diese Anpassung an die Sozialstruktur entweder stärken oder schwächen. Wir stellen uns ins richtige Licht, also das Licht, das wir persönlich am passendsten finden. Ein höheres Ziel über der eigentlichen Handlung. Kompetenz, sexuelle Attraktivität, Sympathie, die Liste ist beliebig erweiterbar. Es gibt keine Kommunikation ohne ein Kommunikationsziel. Wir sind stets darauf bedacht, die öffentliche Wahrnehmung von uns zu kontrollieren. Jedoch verfügen wir tatsächlich über denkbar wenig kontrollierbare Faktoren. Wir können uns auf eine bestimmte Art und Weise kleiden. Das sagt schon einiges aus. Uniformen wirken auto- Bauernweisheit ritär und strahlen Macht aus, während ein weißer Kittel beispielsweise »Reinheit« und zugleich »Weisheit« konnotiert. Deshalb tragen Ärzte und Schwestern weiße Kleidung. Die soll dem Patienten sagen: »Sieh, auf uns haften keine Keime und außerdem sind wir allwissend, du kannst uns vertrauen!« Ein Anwalt trägt einen Anzug, er signalisiert uns Seriösität, und ein Nerzmantel soll uns etwas über das Vermögen des Trägers sagen. Wir können anpassen, was wir sagen, wie wir uns ausdrücken, unsere Körperhaltung oder Mimik. Aber das alles nur begrenzt. Wir wissen beispielsweise nicht, welche Vorurteile unser Gegenüber hat. Welche Vorkenntnisse, welche Erfahrungen. Wir können unseren Körpergeruch nicht steuern und der ist ganz ausschlaggebend für Sympathie oder NichtSympathie. Die Komplexität eines Erscheinungsbildes erschließt sich daraus, wie die Rewaktion auf Wahrnehmung abläuft: Erst nimmt das Gegenüber die Sinneseindrücke wahr. Also optische, akustische, olfaktorische (Geruchssinn), haptische (Taststinn) und andere Reize. Meist wirken mehrere zugleich. Dann erkennt er Muster, das heißt er schematisiert und vergleicht bereits bekannte Strukturen. Zuletzt werden die gewonnenen Erkenntnisse beurteilt und interpretiert und somit das Vorurteil bestätigt oder abgeschwächt. Da so viele Faktoren in diesen Prozess hineinwirken, ist er trotz großem Bemühen fast nicht steuerbar. Der Instinkt ist stärker als der Verstand und das Bewusstsein. Von wegen jahrtauendlange Evolution der Menschheit. Ein Beispiel für den Wunsch nach der kompletten (optischen) Beeinflussung des Erscheinungsbildes ist die Beauty-

Retusche. Mit ihrer Hilfe werden unter anderem biometrische Merkmale geändert, um das (optische) Erscheinungsbild einem virtuellen Ideal anzunähern. Auch bei Bewerbungsfotos wird nichts anderes getan, als das »Ich« möglichst positiv aussehen zu lassen. Niemand schickt ein Bild los, das einem selbst nicht gefällt. Auf Grund des Gleichheitsgrundsatzes ist niemand verpflichtet, ein Bewerbungsbild mitzuschicken. Trotzdem raten in Deutschland fast alle einschlägigen Publikationen zu seiner Verwendung, da es einen wesentlichen Teil der Reaktionen auf das Erscheinungsbild bewusst und positiv beeinflussen können. Die typische Bewerbung enthält viele Worte, die einen rationalen Inhalt (Zeugnisse, Lebenslauf usw.) transportieren sollen. Dagegen ist die Darstellung sogenannter »weicher Qualifikationen« wie Disziplin, Umgangsformen, Motivation, Teamfähigkeit, Pünktlichkeit usw. ohne persönliches Kennenlernen nur sehr schwer zu übermitteln. Hier dient das Bewerbungsfoto der Andeutung dieser Qualifikationen, denn es transportiert nonverbale Informationen. Dient eine Selbstdarstellung ausschließlich der Zurschaustellung in einer großen Öffentlichkeit, spricht man von Selbstinszenierung. Diese Art der Inszenierung findet in vielen Bereichen des Alltags statt: Künstler portraitieren sich selbst, Politiker lassen ein Bild von sich entstehen, um Wählerstimmen zu gewinnen und bezahlen zu diesem Zweck viel Geld für PR-Profis. Schauspieler leben ebenfalls davon, sich selbst in Szene zu setzen und streuen beispielsweise gezielt Gerüchte über sich selbst. Ob nun hauptberuflich oder nur unterbewusst: wir alle stellen uns täglich dar. Wir wechseln die Rollen, wie es uns passt, versuchen ständig uns in einem positiven Licht darzustellen. Das Gute daran ist, dass es immer eine Vision von uns selbst ist, die wir kreieren. Ein Idealbild unserer Persönlichkeit, das wir versuchen zu verkörpern, auch wenn wir es nicht sind. Aber ein Stückchen weit macht uns genau das zu besseren Menschen. Denn das Idealbild, das wir von uns selbst haben, ist Teil unseres Charakters. Nicht nur unsere Gene und unser Umfeld beeinflussen wer wir sind, sondern ein Stück weit auch wir selber: mit unserer Vorstellung und dem Bild, das wir von uns selbst haben, wie wir gerne wären. Lang lebe die Selbstdarstellung und vielleicht wird ja auch von uns einmal eine goldene Statue gebaut.

Wem du ein Licht aufstecken willst, den sollst du nicht blenden.

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Sich selbst darstellen bedeutet nicht, sich selbst zu beweihr채uchern, sondern auch unterbewusstes, instinktives Ver채ndern des Charakters, je nachdem mit wem man es zu tun hat.


Sta|tus|sym|bol das: etw., was jmds. gehobenen Status dokumentieren soll.

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Rolex SA: Daytona, 1961 Das Uhrenmodell Daytona von Rolex SA verkaufte sich in den Jahren bis zur Einstellung der Produktion ca. 1988 端beraus schleppend. Heute ist dieses Modell ein Sammlerobjekt und erzielt auf Auktionen einen Kaufpreis von bis zu 50.000 Euro.

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Apple Inc: iPhone, 2007 Das iPhone ist ein von Apple entwickeltes Smartphone, das die Funktionen eines BreitbildVideo-iPod-Medienspielers mit denen eines Telefons, einer Digitalkamera und eines Internetzugangs vereint. Ende 2009 war das iPhone in insgesamt 86 L채ndern erh채ltlich.

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Chuck Taylor: All Star, 1917 Chuck Taylor All Stars, kurz auch »Chucks« oder »Connies« genannt, waren ursprünglich nur als Basketballschuhe gedacht, verkauften sich aber seit 1917 über 600 Millionen Mal. Damit sind sie das bislang erfolgreichste Schuhmodell der Geschichte.

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Dieter Leipold: Bionade, 1995 Bionade ist ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk der Bionade GmbH aus Ostheim vor der Rhön, das aus kontrolliert-biologisch gewonnenen Rohstoffen hergestellt wird. Während in den Jahren 2002 und 2003 der Absatz bei zwei Mio. Flaschen lag, betrug er fünf Jahre später 200 Mio. Flaschen.

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Kirche: Crux immissa, 4. Jahrhundert Das »Crux immissa«, auch lateinisches Kreuz oder Passionskreuz, ist ab dem 4. Jahrhundert während der Zeit Kaiser Konstantins des Großen, 324–337 n. Chr. als Symbol nachweisbar, und ist mit der Verehrung des Kreuzes Christi aufgekommen. Es symbolisiert den Opfertod Jesu Christi.


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en Weg frei.

Alles super.

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Geennuussss.. ddeerr G

Willkommen im Leben. Sie lächelt uns aus Zeitschriften entgegen, von Plakatwänden oder aus dem Fernseher: Die pastellfarbene, lebensfrohe Familie beim gemeinsamen Frühstück oder beim Ausflug. Niedliche Kinder, schlanke Mutter, erfolgreicher Vater. Woher kommt dieses Idealbild, das so offensichtlich fernab jeder Realität ist? Würde man nach dem Bild gehen, das uns die Werbung vermittelt, könnte fast meinen, alle Mütter wären gutaussehende Frauen Ende zwanzig, die ihre Bilderbuchkinder morgens perfekt geschminkt und in rosa Stöckelschuhen zum Kindergarten bringen. Sogar Kinder haben ein Familienbild wie in alten Kinderbüchern. Vater, Mutter, Kind, Kind ist die am häufigsten genannte Variante. In Wirklichkeit aber gibt es gleichgeschlechtliche Eltern, die Kinder adoptiert haben, alleinerziehende Mütter oder verwitwete Väter. Viele Familien bestehen aus Partnern, die schon einmal anderweitig verheiratet waren. Alle diese Konstruktionen sind im Prinzip geeignet, um Kinder großzuziehen. Und es zeigt sich, dass diese Unterschiede für die Kinder relativ unbedeutend sind. Trotzdem besteht von klein auf der Wunsch nach einer intakten Familie – dem perfekten Glück. Das glatte Gegenteil der Familienidylle findet sich im Fernsehprogramm. So ist das vorherrschende Lebensmodell der Serien, Krimis und Fernsehfilme das großstädtische Singledasein; Familien mit Kindern, insbesondere mit kleinen Kindern, kommen kaum vor. Die klassische Kleinfamilie mit zwei leiblichen Kindern, wie sie in der bundesdeutschen Traumvorstellung vorherrschend ist, erscheint in der TV-Fiktion praktisch gar nicht. Das Familienbild im Fernsehen wird stattdessen geprägt von weitverzweigten Großfamilien in den Serien, von Alleinerziehenden und multi-tasking-begabten Power-Frauen im Fernsehfilm und von melancholischen einsamen Wölfen und Wölfinnen im Krimi. Die Geburtenrate der weiblichen und männlichen Kriminal-Ermittler und Filmprotagonisten

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Waschmittel, Fr端hst端cksmargarine oder Brotaufstrich verkaufen sich einfach nicht, wenn die Floddermutter mit der Kippe und dem Damenbart darauf hinweist, dass Nahrungsmittel nur 117 Kalorien haben.

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Sie sind frei.

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Der Moment gehĂśrt Dir.

Leben Sie, wir kĂźmmern uns um Details


Die dt. Geburtenrate liegt in Krimis bei 0,29, in der Realität bei 1,3 und in den Werbepausen bei 2,0 Kindern pro Frau.

Frauen getauscht. Und tatsächlich erhält man dort den Eindruck, das wahre Leben bestünde ausschließlich aus ungewollten Schwangerschaften, heruntergekommenen Großfamilien und schwer erziehbaren Kindern. Trotz der unterschiedlichen Darstellungen wird die perfekte Familie in den Werbepausen mit wehenden Fahnen propagiert und zum Verkaufsmedium. Werbeslogans werden zu austauschbaren Floskeln und das Idealbild einer Familie aufrecht erhalten. »Alles super!«. Reden wir hier von einer Tankstelle oder von dem neuen Putzmittel? Beides möglich. Ist nämlich immer alles super. Wird die Werbeindustrie heimlich gesponsort vom Familienministerium, um endlich die Geburtenrate anzuheben? Oder steckt sie tief in jedem von uns: Die Sehnsucht nach der heilen Welt? Waschmittel, Frühstücksmargarine, Brotaufstrich oder Süßigkeiten verkaufen sich einfach nicht, wenn die Floddermutter mit der Kippe und dem liegt noch weit unter der bereits sehr niedrigen deutschen Damenbart darauf hinweist, dass Nahrungsmittel nur 117 Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau. Sie erreicht im Kri- Kalorien haben. Denn es ist Tatsache, dass wir uns nur mit mi knapp ein Viertel (0,29), im Fernsehfilm gerade knapp die gutaussehenden Romanfiguren identifizieren und niemals mit Hälfte (0,48) dieser Fortpflanzungsrate. Bis zu Dreiviertel aller der dicklichen, verzweifelten Mutter, die ihr Kind nicht unter Kontrolle bekommt, oder dem schmuddeligen, bierbauchtProtagonisten in den fiktionalen Formaten sind kinderlos! Der aktuelle Trend der »Reality-Soaps« versorgt immer ragenden Papa, der den ganzen Tag auf der Couch sitzt und wieder mit voyeuristischer Nahrung, die sehr am Niveau des Chips isst. Das ist Kopfkino. Unsere persönliche heile Welt. deutschen Fernsehens zweifeln lässt. Mehr als 60 solcher Soaps werden mittlerweile pro Woche ausgestrahlt und das Angebot ist breit: Täglich werden Schuldner beraten, Kinder erzogen, Häuser umgebaut, Schwiegertöchter gesucht und

Ein Stück heile Welt. Wir gehören zur Familie.

Die sind immer für mich

da.

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Positive Illusionen »Liebe beruht auf einer starken Übertreibung des Unterschiedes zwischen einer Person und allen anderen«, meint der irische Schriftsteller George Bernard Shaw.

Text: Eva Wunderer Nach diesem Zitat entsteht Liebe durch verzerrte Wahrnehmung. Der oder die Geliebte werden als einmalig und allen anderen meilenweit überlegen erlebt, obgleich die Unterschiede zum Rest der Menschheit vielleicht gar nicht so groß sind. Die amerikanische Beziehungsforscherin Sandra Murray prägte für solcherlei Überschätzung des Partners den Ausdruck »positive Illusionen«. Sie fand heraus, dass diese der Beziehung zuträglich sind, stärken sie doch die Auffassung, den einzig Richtigen, die einzig Richtige gefunden zu haben. Wer seinen Partner positiver wahrnimmt, als dieser sich selbst sieht oder gute Freunde ihn sehen, und die Schwächen des Partners herunterspielt, ist zufriedener und erlebt die Beziehung als weniger konflikthaft. Für den Partner ist die Aufwertung in der Regel ebenfalls positiv, solange sie ihm noch realistisch erscheint und er über einen guten Selbstwert verfügt – Personen mit geringem Selbstwert werden ungern überschätzt. Frisch Verliebte profitieren dabei in stärkerem Maße von den positiven Effekten einer solchen »rosaroten Brille«. Paare, die ihr Leben seit längerem miteinander teilen, schätzen es, wenn ihr Partner sie ähnlich sieht, wie sie sich selbst, da sie dann das Gefühl haben, dass ihr Partner sie gut kennt und sie miteinander vertraut sind. So weicht unsere Wahrnehmung systematisch von der Realität ab, in eine Richtung, die unser gegenwärtiges Empfinden und Erleben in der Partnerschaft verstärkt. Die USForscher Susan Osgarby und W. Kim Halford ließen in einer Studie Paare Tagebücher führen über negative und positive Beziehungsereignisse. Einige Zeit später baten sie die Partner, die Ereignisse zu erinnern, ohne dabei freilich das Tagebuch zur Hand zu nehmen. Das Resultat: Glückliche Paare gaben mehr

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positive Ereignisse an als im Tagebuch verzeichnet, beurteilten die negativen Ereignisse dagegen realistisch. Unglückliche Paare unterschätzten positive Ereignisse und überschätzten negative, sahen ihre Beziehung also durch eine rabenschwarze Brille. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, denn durch die negativ gefärbte Wahrnehmung sinkt die Beziehungszufriedenheit weiter. Glückliche Paare hingegen befinden sich im »Engelskreis« und haben dank ihrer »rosaroten Sicht« auf die Beziehung allen Grund, noch zufriedener zu sein. Dies gilt auch für die Beurteilung länger zurückliegender Ereignisse. Der Beziehungsforscher John Gottman konnte zeigen, dass Paare, die ihr erstes Rendezvous und die Zeit, in der sie sich kennen lernten, im Rückblick sehr negativ bewerten, auf dem besten Wege zu Trennung und Scheidung sind. Ein letztes Beispiel: Jeder kennt die hohe Scheidungsrate, aber keiner fühlt sich selbst betroffen. So unterschätzen Paare in glücklichen Beziehungen, aber auch Singles, dramatisch das Risiko, selbst zukünftig einmal mit einer Scheidung konfrontiert zu sein. Und das, obwohl sie recht genau sagen können, wie groß das Wagnis rein statistisch ist. Was wir wahrnehmen, ist also kein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt, sondern immer unsere eigene Konstruktion aus einer ganz subjektiven Perspektive. Vor diesem Hintergrund erübrigt sich so manche Diskussion darüber, wer denn Recht hat und was in einer Situation wirklich geschah. Denn: Was wir wahrnehmen, sollten wir nicht automatisch auch für wahr nehmen. Unglückliche Paare stimmen in ihrer Beurteilung von Beziehungsereignissen übrigens weniger überein als glückliche Paare – hier ist vermutlich wieder die »schwarze« Brille im Spiel, die das Verhalten des Anderen durch einen dunklen Schleier wahrnehmen lässt.


Positive Illusionen »Liebe beruht auf einer starken Übertreibung des Unterschiedes zwischen einer Person und allen anderen«, meint der irische Schriftsteller George Bernard Shaw.

Text: Eva Wunderer Nach diesem Zitat entsteht Liebe durch verzerrte Wahrnehmung. Der oder die Geliebte werden als einmalig und allen anderen meilenweit überlegen erlebt, obgleich die Unterschiede zum Rest der Menschheit vielleicht gar nicht so groß sind. Die amerikanische Beziehungsforscherin Sandra Murray prägte für solcherlei Überschätzung des Partners den Ausdruck »positive Illusionen«. Sie fand heraus, dass diese der Beziehung zuträglich sind, stärken sie doch die Auffassung, den einzig Richtigen, die einzig Richtige gefunden zu haben. Wer seinen Partner positiver wahrnimmt, als dieser sich selbst sieht oder gute Freunde ihn sehen, und die Schwächen des Partners herunterspielt, ist zufriedener und erlebt die Beziehung als weniger konflikthaft. Für den Partner ist die Aufwertung in der Regel ebenfalls positiv, solange sie ihm noch realistisch erscheint und er über einen guten Selbstwert verfügt – Personen mit geringem Selbstwert werden ungern überschätzt. Frisch Verliebte profitieren dabei in stärkerem Maße von den positiven Effekten einer solchen »rosaroten Brille«. Paare, die ihr Leben seit längerem miteinander teilen, schätzen es, wenn ihr Partner sie ähnlich sieht, wie sie sich selbst, da sie dann das Gefühl haben, dass ihr Partner sie gut kennt und sie miteinander vertraut sind. So weicht unsere Wahrnehmung systematisch von der Realität ab, in eine Richtung, die unser gegenwärtiges Empfinden und Erleben in der Partnerschaft verstärkt. Die USForscher Susan Osgarby und W. Kim Halford ließen in einer Studie Paare Tagebücher führen über negative und positive Beziehungsereignisse. Einige Zeit später baten sie die Partner, die Ereignisse zu erinnern, ohne dabei freilich das Tagebuch zur Hand zu nehmen. Das Resultat: Glückliche Paare gaben mehr

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positive Ereignisse an als im Tagebuch verzeichnet, beurteilten die negativen Ereignisse dagegen realistisch. Unglückliche Paare unterschätzten positive Ereignisse und überschätzten negative, sahen ihre Beziehung also durch eine rabenschwarze Brille. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, denn durch die negativ gefärbte Wahrnehmung sinkt die Beziehungszufriedenheit weiter. Glückliche Paare hingegen befinden sich im »Engelskreis« und haben dank ihrer »rosaroten Sicht« auf die Beziehung allen Grund, noch zufriedener zu sein. Dies gilt auch für die Beurteilung länger zurückliegender Ereignisse. Der Beziehungsforscher John Gottman konnte zeigen, dass Paare, die ihr erstes Rendezvous und die Zeit, in der sie sich kennen lernten, im Rückblick sehr negativ bewerten, auf dem besten Wege zu Trennung und Scheidung sind. Ein letztes Beispiel: Jeder kennt die hohe Scheidungsrate, aber keiner fühlt sich selbst betroffen. So unterschätzen Paare in glücklichen Beziehungen, aber auch Singles, dramatisch das Risiko, selbst zukünftig einmal mit einer Scheidung konfrontiert zu sein. Und das, obwohl sie recht genau sagen können, wie groß das Wagnis rein statistisch ist. Was wir wahrnehmen, ist also kein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt, sondern immer unsere eigene Konstruktion aus einer ganz subjektiven Perspektive. Vor diesem Hintergrund erübrigt sich so manche Diskussion darüber, wer denn Recht hat und was in einer Situation wirklich geschah. Denn: Was wir wahrnehmen, sollten wir nicht automatisch auch für wahr nehmen. Unglückliche Paare stimmen in ihrer Beurteilung von Beziehungsereignissen übrigens weniger überein als glückliche Paare – hier ist vermutlich wieder die »schwarze« Brille im Spiel, die das Verhalten des Anderen durch einen dunklen Schleier wahrnehmen lässt.


Positive Illusionen »Liebe beruht auf einer starken Übertreibung des Unterschiedes zwischen einer Person und allen anderen«, meint der irische Schriftsteller George Bernard Shaw.

Text: Eva Wunderer Nach diesem Zitat entsteht Liebe durch verzerrte Wahrnehmung. Der oder die Geliebte werden als einmalig und allen anderen meilenweit überlegen erlebt, obgleich die Unterschiede zum Rest der Menschheit vielleicht gar nicht so groß sind. Die amerikanische Beziehungsforscherin Sandra Murray prägte für solcherlei Überschätzung des Partners den Ausdruck »positive Illusionen«. Sie fand heraus, dass diese der Beziehung zuträglich sind, stärken sie doch die Auffassung, den einzig Richtigen, die einzig Richtige gefunden zu haben. Wer seinen Partner positiver wahrnimmt, als dieser sich selbst sieht oder gute Freunde ihn sehen, und die Schwächen des Partners herunterspielt, ist zufriedener und erlebt die Beziehung als weniger konflikthaft. Für den Partner ist die Aufwertung in der Regel ebenfalls positiv, solange sie ihm noch realistisch erscheint und er über einen guten Selbstwert verfügt – Personen mit geringem Selbstwert werden ungern überschätzt. Frisch Verliebte profitieren dabei in stärkerem Maße von den positiven Effekten einer solchen »rosaroten Brille«. Paare, die ihr Leben seit längerem miteinander teilen, schätzen es, wenn ihr Partner sie ähnlich sieht, wie sie sich selbst, da sie dann das Gefühl haben, dass ihr Partner sie gut kennt und sie miteinander vertraut sind. So weicht unsere Wahrnehmung systematisch von der Realität ab, in eine Richtung, die unser gegenwärtiges Empfinden und Erleben in der Partnerschaft verstärkt. Die USForscher Susan Osgarby und W. Kim Halford ließen in einer Studie Paare Tagebücher führen über negative und positive Beziehungsereignisse. Einige Zeit später baten sie die Partner, die Ereignisse zu erinnern, ohne dabei freilich das Tagebuch zur Hand zu nehmen. Das Resultat: Glückliche Paare gaben mehr

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positive Ereignisse an als im Tagebuch verzeichnet, beurteilten die negativen Ereignisse dagegen realistisch. Unglückliche Paare unterschätzten positive Ereignisse und überschätzten negative, sahen ihre Beziehung also durch eine rabenschwarze Brille. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, denn durch die negativ gefärbte Wahrnehmung sinkt die Beziehungszufriedenheit weiter. Glückliche Paare hingegen befinden sich im »Engelskreis« und haben dank ihrer »rosaroten Sicht« auf die Beziehung allen Grund, noch zufriedener zu sein. Dies gilt auch für die Beurteilung länger zurückliegender Ereignisse. Der Beziehungsforscher John Gottman konnte zeigen, dass Paare, die ihr erstes Rendezvous und die Zeit, in der sie sich kennen lernten, im Rückblick sehr negativ bewerten, auf dem besten Wege zu Trennung und Scheidung sind. Ein letztes Beispiel: Jeder kennt die hohe Scheidungsrate, aber keiner fühlt sich selbst betroffen. So unterschätzen Paare in glücklichen Beziehungen, aber auch Singles, dramatisch das Risiko, selbst zukünftig einmal mit einer Scheidung konfrontiert zu sein. Und das, obwohl sie recht genau sagen können, wie groß das Wagnis rein statistisch ist. Was wir wahrnehmen, ist also kein wirklichkeitsgetreues Abbild der Welt, sondern immer unsere eigene Konstruktion aus einer ganz subjektiven Perspektive. Vor diesem Hintergrund erübrigt sich so manche Diskussion darüber, wer denn Recht hat und was in einer Situation wirklich geschah. Denn: Was wir wahrnehmen, sollten wir nicht automatisch auch für wahr nehmen. Unglückliche Paare stimmen in ihrer Beurteilung von Beziehungsereignissen übrigens weniger überein als glückliche Paare – hier ist vermutlich wieder die »schwarze« Brille im Spiel, die das Verhalten des Anderen durch einen dunklen Schleier wahrnehmen lässt.


»Du hast nur drei Sekunden Zeit, dann musst du loslegen. Sonst kommt die analytische Lähmung. Frauen spüren die Angst, da sind sie wie Hunde.«

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seduction/pick up-community Der Begriff seduction community bezeichnet eine Gruppe von Menschen (hauptsächlich Männern), die sich durch Anwendung verschiedener Methoden bessere Chancen in der Kunst der Verführung versprechen. Die Mitglieder der Pickup-Szene nennen sich Verführungskünstler (Pickup Artist, kurz: PUA) und sind über das Internet in Foren, Blogs, Newsgroups sowie in vielen Ländern und Städten in organisierten Gruppen, sogenannten Lairs, miteinander verbunden. Die Ansichten und Praktiken werden zudem in zahlreichen Seminaren, Workshops, auf Kongressen sowie in Büchern und als DVD vermarktet. PUAs haben eine eigene Form von Code entwickelt. Die Frau wird beispielsweise als »Target« bezeichnet, gibt sie eine falsche Telefonnummer heraus, ist sie ein »Flake«. Der größte Teil der Theorien bezieht sich auf die Möglichkeiten eines Mannes zum PUA, um damit sexuell attraktiv für Frauen zu werden. Ein kleiner Teil dieser Community beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer Frau, einen Mann zu gewinnen und (langfristig) an sich zu binden. Bekannte Vertreter dieser Subkultur sind z. B. Erik von Markovik alias »Mystery« und Neil Strauss alias »Style«. Das Buch »The Game« (deutsch: »Die perfekte Masche«) und die Reality-TV Show »The Pickup-Artist« haben diese Subkultur der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht.


How to become a pick up-artist: Wie werde ich vom Nerd zu Casanova? Text: Tobias Pokorny

Es ist Hochsommer, Sie sitzen in einem Café, genießen Ihren Cappuccino und beobachten die Menschen, die vorbeigehen. Es macht einfach Spaß, den unauffälligen Voyeur zu geben, und sich an dem geschäftigen Treiben zu erfreuen. Doch dann passiert das Unerwartete: SIE, die Eine, von der man(n) gehofft hat, sie zu erblicken, geht an Ihnen vorbei. Sie ist eine atemberaubende Mischung aus Megan Fox und Eva Longoria, ein Eye-Catcher, der für den kurzen Moment ihrer Anwesenheit die Welt in den Zeitlupenmodus zu versetzen scheint. Doch leider sind auch diese Momente vergänglich und Sie bleiben völlig überwältigt zurück. Sekunden später durchfährt es Sie wie ein Blitzschlag –warum zum Teufel hab ich sie nicht angesprochen? Das wäre die Chance meines Lebens gewesen! So geht es Tausenden von Männern, die aufgrund ihrer angeborenen oder durch die strenge Mutterstube erworbene Schüchternheit nicht fähig sind, Frauen anzusprechen. Sobald sie das Objekt ihrer Begierde erblicken, sind sie von einer rasch einsetzenden Paralyse betroffen, die eine vernünftige Kommunikation mit dem weiblichen Geschlecht unmöglich macht. Doch nun naht die Rettung in Gestalt einer Bewegung, die als Zielsetzung die Transformation des Mannes von Joe Average zu George Clooney vorgegeben hat. Nach erfolgreichem Training avanciert man zu einem sogenannten „Pickup Artist“, einem Mann, dem aufgrund seiner erlernten Verführungskünste keine Frau mehr widerstehen kann. Doch wie funktioniert diese grandiose Verwandlung? Um ein Pickup-Artist zu werden, muss der Mann sich grundlegend in seiner Darstellung verändern. Einerseits muss er bestimmte Kriterien erfüllen: Er soll beruflich erfolgreich sein, körperlich topfit und über einen großen Freundeskreis verfügen. Sind diese Punkte erreicht, wird Phase 2 eingeleitet. Mit Hilfe von ausgewählten psychologischen Methoden soll der Erfolg bei Frauen bis zu einem

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Maximum gesteigert werden. Dabei bedient man sich etwa der Hypnose oder der Neurolinguistischen Programmierung (NLP). Bei letzterem wird vor allem mittels der Kommunikation das weibliche Gegenüber beeinflusst. Zunächst passt man sich dem Stil der Frau an, indem man ihre Sprachmerkmale, etwa die Geschwindigkeit und den Tonfall imitiert. Spricht die Frau Dialekt, so tut man das auch. Trinkt die Frau aus ihrem Glas, so wird auch diese Geste imitiert. Im weiteren Verlauf ergreift der Mann dann die Initiative und drängt der Frau den eigenen Sprachstil auf. Das Machtverhältnis ist somit wieder ge- aus »Die perfekte Masche« von Neil Strauss klärt und der Stärkere – der Mann – übernimmt die Führung. So wird sie manipuliert, ohne es zu realisieren. Durch diese vielgepriesenen Methoden soll das weibliche Opfer schließlich zum Sex mit dem „Verführungskünstler“ animiert werden. Klingt alles zu schön, um wahr zu sein: Nach dem Besuch einiger Seminare bekommt man jede Frau ins Bett! Leider scheinen die Begründer der Pickup-Artist-Bewegung ein essentielles Kriterium übersehen zu haben. Die Gesellschaft, in der wir uns heute bewegen, unterteilt nicht mehr in das klassische Rollenbild von Mann und Frau. Die Emanzipation hat dafür gesorgt, dass Frauen nicht mehr auf den reinen Fortpflanzungstrieb reduziert werden können, wie es die Bewegung zu vermitteln sucht. Betrachtet man die Orte, an denen die Manipulationsversuche stattfinden, so spielt auch der Faktor Drogen und Alkohol eine immense Rolle. In Diskotheken funktioniert dieses Prinzip selbstverständlich besser als in einem Restaurant oder Café. Als weiterer Nachteil erweist sich die Tatsache, dass uns Männern ein schneller Erfolg zu Kopf steigen würde. Wir würden zu reinen Trophäenjägern und Sammlern verkommen, so dass wir am Schluss wahrscheinlich wieder allein und noch unglücklicher sind als zuvor. Wenn wir nun unser Innerstes betrachten, so kommen die meisten Männer zu dem Schluss, dass sie lieber eine Frau mit Klasse haben wollen. Und eine Beziehung, die auf mehr basiert als Sex. So etwas steigert das männliche Selbstbewusstsein um ein Vielfaches mehr, als sich mit stumpfen Betthäschen zu zeigen. Ganz ehrlich, würden Sie Paris Hilton daten wollen? Dann werden Sie Pick-up-Artist. Da bevorzuge ich persönlich doch meine Position, kein Verführungskünstler zu sein und nicht zu einem Leben als Dauersingle verurteilt sein zu müssen.

Regel 10: Ruf eine Frau immer an, nachdem du mit ihr geschlafen hast. Sonst verdirbst du sie für die anderen.

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Inside out Ein Profil in einer Community hat fast jeder. Dort geben die User eine so große Zahl an Grundinformationen preis, die bei anderen ein recht klares, wenn auch nicht immer realistisches Bild von sich selbst entstehen lassen. Da alle Informationen von den Usern selbst herausgegeben werden und keine außenstehenden Faktoren den vermittelten Eindruck trüben können, haben die User plötzlich größtmögliche Kontrolle über das, was andere über sie denken. Dennoch kann man diese Informationen schematisch auslesen und neu interpretieren. Aus 1 und 0 wird plötzlich ein reales Bild.

Single

feste Beziehung

keine Angabe

Christ

lebe allein

Atheist

auf der Suche

lebe mit Partner

Jude

Moslem

frisch verliebt

lebe bei Eltern

Buddhist

andere

lebe in WG

Jungfrau

verheiratet

alternativ

Stier

offene Beziehung

hard rock

Skorpion

Schütze

verwitwet

klassisch-elegant

Fische

geschieden

emo

Waage

hip hop

Löwe

Zwilling

Kinder

metal

Widder

sportlich

Vegetarier

vegan

Trinke regelmäßig

Trinke in Gesellschaft

kein Alkohol

Gelegenheitsraucher

elektro

Krebs

Steinbock Wassermann

Raucher

Nichtraucher

* Esse alles

keine Kinder

*


gretchen2 Hallo. Ich bin Gretchen aus Wien, 57 Jahre alt. Ich interessiere mich für Volksmusik, Schlager und vor allem Rock'n'Roll und Boogie. Meine Lieblingsmusiker sind ABBA, Die Amigos, Elvis Presley und Semino Rossi. Ich lese alles über Tiere und Märchenbücher. Meine Lieblingsfilme sind Die Dornenvögel, Dracula, Titanic und Vom Winde verweht. Außerdem mag ich Dancing Stars, Mensch-Tier-Doktoren und Reich und Schön. Ich spiele gerne Mensch-ärgere-dich-nicht und sonst wo ich gut mogeln kann ggg. Und Skipo. Ich trinke gerne Cocktails, Cola Zero und Sekt und esse am liebsten chinesisch und alles, was ich koche lol. Am liebsten mag ich Katzen und Hunde, Boogie tanzen, Rad fahren, schwimmen und wandern. Außerdem habe ich einen weißen Kater. Mein Ziel im Leben ist es, immer jung zu bleiben. Gerne treffen würde ich nette, gute Freunde, mit denen man Pferde stehlen kann. Ich möchte noch nach Argentinien, Griechenland und Spanien und war schon in Frankreich, Italien, Kreta, Mallorca, Rhodos, überall auf dem spanischen Festland und auf Tunesien.

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hardbass710 Ich bin nicht einfach, aber wer weiß mit mir umzugehen, ist reif für ein Leben zu zweit? Ich bin nicht Mutters Liebling, bin gepierct und tatoowiert, also falle ich für alle lieben Mädchen schon mal aus dem Profil ... doch ich bin ganz lieb, wenn ich will ... liebe es zu küssen, kuscheln und schmusen und – na klar – zu allem anderen was zu zweit Spaß macht ... bin schlank und trainiert, da ich Fußball spiele ... verfüge also über ein Six-Pack ... naja, wer mehr wissen will, soll sich einfach melden ... Als Moses an die Berge klopfte Gleich Wasser aus dem Felse tropfte Doch viel größer ist das Wunder hier Man ruft nur Wirt und schon kommt das Bier

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sweet-emo12 Ich habe eine Katze und einen Hund. Und ne Ratte names Rocky. Bin immer f端r jemanden da, bin sehr empfindlich.

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Trick 17: Selbstüberlistung Anne-Geddes-Kinder, Puppen oder Knut, der Eisbär – der gemeinsame Nenner ist klar: süß. Aber süß ist kein Zufall, sondern ein natürlicher Schlüsselreiz, auf den jeder Mensch instinktiv reagiert.

Kindchenschema ist der Begriff für den Aufbau eines Kleinkindergesichts. Merkmale sind ein großer Kopf, eine rundgewölbte Stirnregion und damit einhergehend eine relativ tief liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich zum Körper größer als beim Erwachsenen und die Gliedmaßen (Arme, Beine, Finger) sind kürzer. Das verleiht den Kindern ihr typisches Aussehen – und ist ihnen zugleich von größtem Nutzen. Denn dadurch wirken sie hilfsbedürftig und schwach und lösen bei Erwachsenen den Instinkt aus, sich schützend, fürsorglicher und weniger aggressiv zu verhalten, als sie es bei Ebenbürtigen tun würden. Dieses Prinzip funktioniert nicht nur bei Menschen, sondern auch im Tierreich. Jungtiere fast aller Tierarten werden weniger fürsorglich behandelt, wenn sie nicht dem Schlüsselreiz des Kindchenschemas entsprechen.

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Aber nicht nur große Augen funktionieren bei uns Menschen als Schlüsselreiz. Es heißt nicht umsonst »sex sells«. Besonders Männer reagieren beispielsweise auf ein Taille-HüfteVerhältnis, das kleiner ist als 0,7. Denn diese sogenannte »Sanduhr-Silhouette« ist ein Hinweis auf die Fruchtbarkeit und Gesundheit einer Frau. Mit dem Eintritt in die Pubertät wachsen Brust- und Hüftumfang, während er in den Wechseljahren wieder abnimmt. All das passiert, um den Bestand der Art zu sichern, denn wären die höheren Ziele nicht die Fortpflanzung oder das Überleben, wären Schlüsselreize nicht notwendig. Das macht die Natur schon ganz schlau. Sie lässt uns in dem Glauben, wir wären selbstbestimmte Individualisten. Doch in Wahrheit sind wir in unserer Handlungs- und Denkweise kein Stück weiter als noch in der Steinzeit.


Trick 17: Selbstüberlistung Anne-Geddes-Kinder, Puppen oder Knut, der Eisbär – der gemeinsame Nenner ist klar: süß. Aber süß ist kein Zufall, sondern ein natürlicher Schlüsselreiz, auf den jeder Mensch instinktiv reagiert.

Kindchenschema ist der Begriff für den Aufbau eines Kleinkindergesichts. Merkmale sind ein großer Kopf, eine rundgewölbte Stirnregion und damit einhergehend eine relativ tief liegende Platzierung der Gesichtsmerkmale. Darüber hinaus zählen große, runde Augen, eine kleine Nase, ein kleines Kinn, rundliche Wangen und eine elastische, weiche Haut zu den Charakteristika. Der kindliche Kopf ist im Vergleich zum Körper größer als beim Erwachsenen und die Gliedmaßen (Arme, Beine, Finger) sind kürzer. Das verleiht den Kindern ihr typisches Aussehen – und ist ihnen zugleich von größtem Nutzen. Denn dadurch wirken sie hilfsbedürftig und schwach und lösen bei Erwachsenen den Instinkt aus, sich schützend, fürsorglicher und weniger aggressiv zu verhalten, als sie es bei Ebenbürtigen tun würden. Dieses Prinzip funktioniert nicht nur bei Menschen, sondern auch im Tierreich. Jungtiere fast aller Tierarten werden weniger fürsorglich behandelt, wenn sie nicht dem Schlüsselreiz des Kindchenschemas entsprechen.

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Aber nicht nur große Augen funktionieren bei uns Menschen als Schlüsselreiz. Es heißt nicht umsonst »sex sells«. Besonders Männer reagieren beispielsweise auf ein Taille-HüfteVerhältnis, das kleiner ist als 0,7. Denn diese sogenannte »Sanduhr-Silhouette« ist ein Hinweis auf die Fruchtbarkeit und Gesundheit einer Frau. Mit dem Eintritt in die Pubertät wachsen Brust- und Hüftumfang, während er in den Wechseljahren wieder abnimmt. All das passiert, um den Bestand der Art zu sichern, denn wären die höheren Ziele nicht die Fortpflanzung oder das Überleben, wären Schlüsselreize nicht notwendig. Das macht die Natur schon ganz schlau. Sie lässt uns in dem Glauben, wir wären selbstbestimmte Individualisten. Doch in Wahrheit sind wir in unserer Handlungs- und Denkweise kein Stück weiter als noch in der Steinzeit.


Von der Analogie der menschlichen Natur

Evolutionär gesehen ist die Entwicklung der vollen, weiblichen Brüste ein ziemliches Rätsel. Um die Nachkommenschaft zu säugen, reicht auch eine flache Brust, deren Drüsen zur Laktationszeit etwas anschwellen. Woher kommt dieser Reiz? Und weshalb haben sich diese Objekte der Begierde in der Menschheitsgeschichte überhaupt entwickelt?


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Bei manchen Primaten bietet ein geschwollenes Hinterteil evolutionäre Vorteile. Nach der verbreitetsten evolutionsbiologischen These hat sich der Busen als sexuelles Lockmittel entwickelt. Und zwar nach dem Vorbild eines prallen Hinterteils: Wie andere Primaten auch paarten sich unsere Vor-Vorfahren. Neue Stellung, festere Bindung? Nun habe sich im Laufe von Mutation und Auslese diese Form mit dem Anschwellen der Brust ein zweites Mal gebildet. Die Männchen bekundeten mit den neuen, vorderseitigen Reizen Lust, sich mit dem Weibchen von Angesicht zu Angesicht zu paaren. Das habe für das Weibchen – und den Nachwuchs – den Vorteil eines intimeren Verhältnisses und in der Folge einer festeren Bindung gehabt. Deshalb hätten Weibchen mit praller werdendem Busen einen evolutionären Nutzen besessen. Auch heute funktionieren sowohl Po als auch Brüste noch als Schlüsselreiz. Der menschliche Körper reagiert instinktiv auf die Form und differenziert erst im zweiten Moment. Der Instinkt ist eben stärker als die Vernunft.


Im Prinzip hat sich seit der Steinzeit an unserer Denkweise nichts ver채ndert.


An Freud vorbeigeforscht Tod, Krankheit, Liebeskummer - das Leben ist gekennzeichnet von einer Vielzahl belastender Ereignisse, von denen einige »verdrängt« werden.

Von Nikolas Westerhoff, SZ vom 4.9.2007 Doch viele biographische Geschehnisse lassen sich nicht restlos aus dem Gedächtnis verbannen, sondern führen ein Eigenleben im Unterbewussten. Von diesem Ort aus, so Sigmund Freuds Annahme, entfaltet die nur vermeintlich »vergessene Vergangenheit« ihre unheilvolle Wirkung und stört das psychische Wohlbefinden. Denn unwillkürlich holt einen das Verdrängte irgendwann ein – zum Schaden der Seele. Die Freudsche Verdrängungslehre galt lange Zeit als spekulativ und wurde allenfalls von Psychoanalytikern propagiert. Doch das hat sich nun geändert: Einige führende Psychologen sind davon überzeugt, dass es experimentelle Beweise für die Verdrängung gibt. Mit dieser Behauptung lösen sie eine Kontroverse um eine mehr als 100 Jahre alte Theorie aus, die Freud für den Grundpfeiler seiner Psychoanalyse hielt. Die Fronten sind verhärtet: Während die einen von einer Renaissance der Verdrängungslehre sprechen, machen die anderen gegen ebendiese Lehre mobil. Aufseiten der Kritiker gibt es zwei Lager: jene, die meinen, man könne die Freudsche Theorie experimentell gar nicht beweisen. Und jene, die das gedankliche Gebilde »Verdrängung« für pure Fiktion halten. Nicht an Schokolade denken Der Psychologe Matthew Hugh Erdelyi von der City University of New York stellte vor einem Jahr in seiner programmatischen Schrift »The unified theory of repression« unmissver-

ständlich fest: »Die Verdrängung ist ein Faktum« (Behavioral and Brain Sciences, Bd.29, S.499, 2006). Seiner Ansicht nach gibt es mittlerweile genügend Befunde, die das Freudsche Verdrängungskonzept untermauern.Vor kurzem haben die Psychologen Richard Bryant und Fiona Taylor von der University of New South Wales eine Studie veröffentlicht, die das Freudsche Theoriegebilde gleichfalls zu stützen scheint (Behaviour Research and Therapy, Bd.45, S.163, 2007). Die Forscher forderten 100 Probanden vor dem Schlafengehen auf, ein unangenehmes Ereignis zu schildern. Daraufhin sollten die Versuchspersonen fünf Minuten lang ein Gedankenprotokoll verfassen, also ungefiltert eigene Gefühle und Überlegungen zu Papier bringen. Die Hälfte der Probanden durfte schreiben, worüber sie wollte; die andere bekam die Auflage, beim Schreiben nicht an das zuvor genannte kritische Lebensereignis zu denken – sie sollten es »verdrängen«. Am nächsten Tag wurden die Versuchspersonen gebeten, ihre Träume aufzuzeichnen. Die These der Psychologen lautete: Wer sein Lebensereignis im Gedankenprotokoll verschweigen musste, den holt ebendieses Ereignis im Traum wieder ein. Das vermeintlich mit Freud kompatible Resultat:

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Jene Probanden, die von sich behaupteten, Negatives häufig zu »verdrängen«, wurden im Schlaf besonders oft an die zuvor unterdrückten biographischen Episoden erinnert. Vergleichbare Befunde hatte der Psychologe Daniel Wegner von der Harvard University bereits vor drei Jahren vorgelegt. Der Experimentalpsychologe bat seine Probanden vor der Nachtruhe, nicht an eine bestimmte Person zu denken oder den Gedanken an diese Person absichtlich zu unterdrücken. Die willentliche Zurückweisung solcher Gedanken, so Wegner, führte dazu, dass die Person im Traum vermehrt auftauchte. Schmerzliches wegschieben Diese Ergebnisse belegen auf den ersten Blick Freuds Verdrängungslehre. Doch Kritiker wie der Psychologe Richard McNally von der Harvard University wenden ein: Einen Gedanken auf Kommando zu unterdrücken, habe nichts mit Verdrängung zu tun, wie Freud sie verstand. Verdrängung sei ein unbewusster Vorgang – also ein nicht willentlich gesteuertes Abblocken von hoch emotionalen, schambehafteten oder tabuisierten Inhalten. In den Experimenten wird aber lediglich erfasst, ob vorsätzlich unterdrückte Gedanken wiederkehren. Es gehe somit nur um die Frage, ob Menschen ihre Gedanken per Willenskraft aus ihrem Bewusstsein entfernen können. Der Vorsatz, nicht an eine Tafel Schokolade zu denken, sei eben kein Akt der Verdrängung, sondern Ausdruck eines mentalen Kontrollprozesses, der dazu dient, eigene Ziele zu verwirklichen. Wer eine Diät macht, will möglichst nicht an Süßigkeiten denken, damit der Plan vom Traumgewicht gelingt. »Freud wird sicherlich nicht deshalb als gewagter und origineller Denker verehrt, weil er die Ansicht vertrat, dass Menschen manchmal versuchen, nicht an unerfreuliche Dinge zu denken«, sagt McNally. Bisher sei keine experimentelle Methode bekannt, mit der es möglich wäre, das unbewusste Verdrängen von Gedanken oder Vorstellungen zu erfassen. In ihrer Not würden Psychologen deshalb, so McNally, eine Light-Version der Freudschen Verdrängung prüfen, nämlich die Gedankenunterdrückung (»supression«). Unbelegt ist auch die These Freuds, dass im Schlaf die Zensur durch das alles kontrollierende Über-Ich gelockert sei, weshalb Tabuisiertes im Traum wieder auftauchen würde.

Die Experimente des Psychologen Daniel Wegner zur Unterdrückung von Gedanken zeigen nämlich: Ob es gelingt, einen Gedanken abzuweisen, hängt nicht von seiner emotionalen Qualität ab. Sexuelles und Schamhaftes wird weder schneller noch häufiger zurückgedrängt als das Triviale und Alltägliche. Für die Kritiker ist klar: Ob der Mensch unbewusst verdrängt, lässt sich nicht experimentell prüfen. Andere Forscher gehen noch einen Schritt weiter. Sie halten die Verdrängung für ein kulturelles Produkt ohne biopsychologische Basis. Eine Ansicht, die etwa der Psychiater Harrison Pope von der Harvard University teilt. Die Vorstellung, so Pope, wonach Menschen ihre als traumatisch erlebte Biographie verdrängen, gäbe es seit etwa 200 Jahren. Vor dem 19. Jahrhundert würden sich weder wissenschaftliche noch literarische Schriftstücke finden, in denen das Phänomen der Verdrängung beschrieben worden wäre. Der Typus des Verdrängers sei folglich eine Erfindung der modernen Psychiatriegeschichte. Tatsächlich gibt es für die Theorie der Verdrängung keine stichhaltigen Belege. So müsste Freud zufolge das Ausmaß des Vergessens bei jenen Menschen besonders groß sein, die Schlimmes erlebt haben und deshalb gewillt sind, das Erlebte aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Das Gegenteil ist der Fall: Sogar jene Erwachsene, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, können sich gedanklich nicht von den Inhalten lösen, die an das Trauma erinnern (Behaviour Research and Therapy, Bd.44, S.1129, 2006). Das Problem ist nicht das Verdrängen, sondern das NichtVerdrängen-Können. So sind etwa Angst- und Zwangspatienten außerstande, blasphemische, aggressive oder aufsässige Gedanken beiseite zu schieben. Auch ist es nicht der »Verdränger«, der Gefahr läuft, seelisch zu erkranken, sondern derjenige, dem es nicht gelingt, Krankheitsgedanken aus seinem Bewusstsein zu verscheuchen. Gesund ist demnach, wer negative Gedanken an Vergangenes oder an Schmerzliches wegzuschieben vermag und aktiv unterdrückt.

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Die Rampensau Wird jemand als »Rampensau« bezeichnet, so entsteht sich gleich ein klares Bild im Kopf, vermutlich sogar eine konkrete Person, die man als Rampensau belächelt. Tatsächlich spricht man in der Psychologie aber von einer Persönlichkeitsstörung.

Betrachtet man Selbstinszenierung noch einmal so, wie es der allgemeine Konsens ist, spricht man von einer auffälligen Verhaltensweise. Psychologen sprechen von einer »histrionischen Persönlichkeitsstörung«. Kriterien dafür sind, dass sie ständig im Mittelpunkt stehen wollen. Diese Personen suchen ununterbrochen Aufmerksamkeit und Bewunderung. Um dies zu erreichen, legen sie ein übermäßig theatralisches Verhalten an den Tag, kleiden und benehmen sich betont verführerisch. Ihr Verhalten und ihre Überzeugung kann dabei sehr schnell wechseln, je nachdem, was dem Gegenüber gerade am meisten imponiert. Sie neigen dazu, alles zu dramatisieren und ihre Gefühle richtig auszuleben. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und die Störung zeigt sich in verschiedenen Situationen. Die histrionisch gestörte Persönlichkeit (»Rampensau«) fühlt sich unwohl in Situationen, in denen er/sie nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Sie zeigt eine Interaktion mit anderen, die oft durch ein unangemessen sexuell verführerisches oder provokantes Verhalten charakterisiert ist. Sie zeigt rasch wechselnde und oberflächliche Gefühlsausdrücke. Außerdem hat sie einen übertrieben impressionistischen, wenig detaillierten Sprachstil und neigt zu Selbstdramatisierung, Theatralik und übertriebenen Gefühlsausdruck.Weiterhin ist die »Rampen-

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sau« suggestibel, d.h., leicht beeinflussbar durch andere Personen oder Umstände, fasst Beziehungen enger auf, als sie tatsächlich sind. Das klinische Bild wird vervollständigt durch Egozentrik, Selbstbezogenheit und dauerndes Verlangen nach Anerkennung. Auch ist andauerndes manipulatives Verhalten typisch für einen histrionisch-gestörten Charakter. Er strahlt immer und überall mit gleißend hellem Licht auf seine Umwelt. Als Gegenüber befindet man sich in der Position des Geblendeten. Man steht in dem Licht, das die »Drama-Queen« aussät, und das ist für einen selbst meist kein besonders positives. Typische Reaktion ist das Zusammenkneifen der Augen, nicht unbedingt ein vorteilhaftes Bild. Die eigene Kontur fängt an wegzubrechen, während die »Rampensau« sich im eigenen Glanz sonnt. Der Geblendete wird automatisch klein und schwächlich, denn mit dem Tempo, dem Niveau einer »Rampensau« kann er einfach nicht mithalten. Doch sollte man in Momenten tiefster Bewunderung für die Selbstinszenierung anderer nie vergessen, dass »histrionische Persönlichkeitsstörung« nicht so glamourös klingt wie »schillernde Persönlichkeit«.

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Impressum Herausgeber/Chefredaktion Juliane Köbler Prof. Erich Schöls, FH Würzburg-Schweinfurt Sitz der Redaktion Erthalstr. 4 97074 Würzburg Tel.: +49 [0]176 64 66 30 02 juliane.koebler@gmx.de Art-Direktion und Grafik Juliane Köbler Texte Juliane Köbler, Tobias Pokorny, Nikolas Westerhoff (SZ), Eva Wunderer (IFP) Bilder Martin Kess & Juliane Köbler Make-up Stefanie Ockert Models Franziska Jocham, Elena Schädel, Katharina Ries, Jakob Runge, Daniel Jaroschik, Dominik Hofmann, Juliane Köbler Korrektur (Grafik) Jakob Runge, Denise Henning, Claudia Wieser Lektorat Franziska Jocham, Eva-Maria Schorno, Xaver Schorno Druck Genheimer Druck, Lohr am Main Tim Bingnet, FH Würzburg-Schweinfurt Bindung Horst Joest, FH Würzburg-Schweinfurt Schriften Stempel Schneidler Roman/Italic Bauer Bodoni Regular Akkurat Regular Alle Rechte sind vorbehalten. Jegliche Vervielfältigung oder Weiterverbreitung in jedem Medium als Ganzes oder in Teilen bedarf einer schriftlichen Zustimmung des Herausgebers.

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