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Ausgabe 24 (Februar 2012) www.noirmag.de

SPORT

REPORTAGE

QUERBEET

Olympia vor Augen: David Rudisha

Lange nur Propaganda: Kino in Rum채nien

Lange Tage, kurze N채chte: Studium als Vollzeitjob


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Editorial

Hakuna Matata!

Mein erster Kinofilm war »König der Löwen« – eine tränenreiche Disney-Angelegenheit. Noch tränenreicher war der nächste Geburtstag: Mein Papa schenkte mir den Soundtrack und der war nur instrumental. Kein Hakuna Matata für mich, nur schnödes Karaoke-Getrommel auf Kassette. Trost fand ich wieder im Kinosessel: Bequem gepolstert in der Parallel-Welt des Kinos. Im Dunkeln Cola schnorren durch Nachbars Strohhalm, heimlich mit Taccos werfen, sich auf bessere Plätze vorschummeln, das Unmögliche wagen … schüchterner Kuss von rechts, der Mörder von links! War das jetzt im Film? Popcorn-knisternde Kinorituale bis man im Bilderrausch vergeht, mitgerissen von trampelnden Hufen in Dolby-Surround und einer Schlagfertigkeit, die sonst erst auf dem Heimweg triumphiert. Hier auf der Leinwand spielt das wahre Leben. Moment – wo sind wir gleich? Schließlich den Saal und Müll zurücklassen, geschoben von der Masse über Popcorn-Reste stolpernd, beseelt vom Happy-End. Mit einem Fuß im Film und einem Ohr im Soundtrack. Dann grausam ausnüchtern bei der leblosen Karaoke-Version. Wenn ihr jetzt diese Film- und Theater-NOIR in den Händen haltet, seid euch sicher: Sie ist mehr als Karaoke, die Texte sind dabei.

Anika Pfisterer, Chefredakteurin

auS dEM rEdaktionSlEBEn ...

»Als ich im Theater anrief, freuten sie sich, dass sich ein junges Magazin für das Thema interessiert«, erzählt Franziska. Die NOIR-Autorin schaute genau hin; entdeckte MöchtegernRocker und Liebesuchende, aber wenig Jugendliche. Wie Theater mit dem Jugend-Mangel umgehen, erfahrt ihr in ihrem Feature ab Seite 4.

Sebastian hat sich einen SeemannsBart wachsen lassen. Den braucht er: Als NOIR-Layouter und Bundesvorstand der Jugendpresse bläst ihm oft stürmischer Wind ins Gesicht. Doch Sebastian trotzt allen Widrigkeiten. Jetzt hat er nur einen Wunsch: den NOIR-Oskar für sein "grandioses" Fliegen-Layout auf Seite 14.

Katharina lief viele tausend Schritte. Neben ihr der Olympiasieger David Rudisha – in ihrem Kopf die Idee von einem Interview. Doch nach dem Lauf war der Medienrummel zu groß. Zufällig traf die NOIR-Autorin Rudisha am nächsten Tag im Elektromarkt und bekam schließlich ein Interview per E-Mail. Ihr lest es auf Seite 22. NOIR Nr. 2 4 (Februar 2 012)

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Editorial. auS dEr rEdaktion kultur. argEntiniEr iM kino kultur. ScHülEr auf dEr BüHnE titEltHEMa. BuHlEn uM ZuScHauEr intErviEw. tHEatEr in MoSaMBik titEltHEMa. filMkliScHEES

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kultur

trotZ BEHindErung auf dEr BüHnE text: Judith daniel | layout: Jan Zaiser

D

er Vorhang hebt sich ein letztes Mal, Applaus ertönt. Auf der Bühne stehen zehn Schüler Hand in Hand und lachen. Die Jüngste ist sechs und der Älteste 18 Jahre alt. Das ist die Altersspanne der Schüler an der Gustav-Werner Schule, einer Sonderschule für Jugendliche mit geistiger Behinderung. »Die Bestätigung durch den Applaus ist aufregend und motivierend”, weiß Bettina Rose, die als eine von drei Lehrerinnen die Theater-AG mitbetreut hat. Zuerst musste für jeden Schüler eine Rolle gefunden werden, in der er seine Fähigkeiten optimal einsetzen kann, ohne überfordert zu werden. »Man muss sehr aufpassen, die Aufgaben an die Schüler anzu-

passen, sonst wirkt es schnell lächerlich”, sagt Bettina Rose. Es gehe nicht darum, die Defizite der Schüler zu zeigen, um zu belustigen oder Mitleid zu erzeugen. Am Ende soll jedes Kind mit Recht sagen können: »Ich habe zum Erfolg beigetragen!” Geistige Behinderungen sind oft Wahrnehmungsstörungen oder Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Also entwickelte die Gruppe kleine Szenen mit Schwarzlicht. Wer nicht laufen kann, kann tolle Bewegungen mit den Armen machen. Wer nicht sprechen kann, darf eine leuchtende Blume sein. Im Dunkeln können viele Hilfsmittel benutzt werden, ohne aufzufallen. Man kann einander helfen und die Lehrerin kann unterstützen, ohne dass es der Wirkung

schadet. »Es ist wichtig, mit wenig Stress eine gute Außenwirkung zu erzielen.” Dazu sind auch technische Mittel und das Know-How der Lehrer gefragt. So entstehen für die Kinder neue Möglichkeiten, sich auszudrücken. Durch Theater lernt man zu verstehen und eigene Ideen zu entwickeln. Die Aufführung sei wichtig. Nicht nur um ein Ziel zu haben, sondern auch der Präsentation wegen. Das »Zu-Sich-Selbst-Stehen«, wie es Lehrerin Rose nennt »Das erfahren die Kinder nicht oft. Viele Eltern schämen sich für ihr behindertes Kind und wollen es nicht auf einer Bühne sehen. Es ist wichtig, dass die Kinder diese Einstellung nicht für ihr eigenes Leben übernehmen.”

argEntiniScHES popcorn text: Meike krauß

In Argentinien ist Popcorn für alle da und wird deshalb überall verkauft. Auch im Park. Dort brauchen es Vorbeigehende entweder für sich oder für die Enten. Man kann Popcorn aber auch klassisch im Kino konsumieren. Dort sollte man allerdings die Lesebrille nicht vergessen, wenn man was vom Film mitbekommen will, denn der ist meistens auf Englisch und mit spanischen Untertiteln. In den Kinos ist es laut. Betritt ein schöner Schauspieler oder eine schöne Schauspielerin die Leinwand,

hört man Mädchen kreischen und Männer grölen. Während des Films tönt »Que lindo!« (Wie schön) genauso oft wie »Che que Bolodu!« (So ein Idiot). Ein Paradies für alle leidenschaftlichen Film-Kommentatoren und Besserwisser. Denen kommt das Popcorn übrigens besonders zu Gute: Beim Popcornwerfen kann man nämlich Frust und Lob gleichermaßen ausdrücken. Also sparsam mit dem Popcorn umgehen, es ist Argentiniens wichtigste Ressource!

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titEltHEMa

BuHlEn uM au f

Altbacken, eingestaubt, uncool: Dem The a bares Image an. Seit Jahren sinken die Zus ch neue Konzepte, um wieder junge M e

text: franziska Schwarzma nn

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onntagabend in einer kleinen Theaterbar in Stuttgart. Hier im »Erdgeschoss« verkörpert Sebastian Schwab auf der Bühne gleichzeitig sechs Personen. »Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot«, heißt das Stück. Die dargestellten Personen sind unterschiedlichen Alters, hadern jedoch alle mit dem Leben und hinterfragen seinen Sinn. Jeder Figur verleiht Schwab in den ersten Minuten Charakter, eine Verhaltensweise mit Wiedererkennungswert: Die liebesuchende Mitt-Vierzigerin raucht pausenlos, die Magersüchtige sitzt mit verschränkten Armen in der Ecke, der erfolglose Möchtegern-Rocker fährt sich immerzu durch sein zerzaustes Haar. Nach fünf Minuten vergisst man, dass nur ein Mensch auf der Bühne steht. Nur wenige Meter von Sebastian Schwab entfernt beobachten ihn die Zuschauer. Sie sitzen auf einer der schwarzen Couches oder an silbernen Bistro-Tischen, die man eher in einer italienischen Eisdiele vermuten würde, trinken Sekt oder Bier. Es sind Studentinnen, junge und ältere Paare, alte Freundinnen, die sich für diesen Sonntag ein besonderes Programm ausgesucht haben: das LiveSchauspiel.

Alte Kunst mit neuem Anstrich Das erste Theater ist so alt wie die athenische Demokratie, 500 Jahre vor Christus. Schon in den ersten Spielstätten wurden aktuelle Probleme thematisiert: Die Geschichte um Troja diente oft als tragisches Beispiel für unmoralisches Verhalten der Menschen, das die Ungunst der Götter provo-

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zierte. In Athen belustigten sich die Zuschauer an der Komödie »Wolken«. Das Verhalten des berühmten Philosophen Sokrates und der athenischen Gesellschaft wurde hier satirisch aufgearbeitet. Seit dieser Zeit kritisieren Theaterstücke oft die Gesellschaft oder die Politik: William Shakespeare prangert im 17. Jahrhundert mit seinem Macbeth die Führungskultur der herrschenden Klasse an. Bertolt Brecht erarbeitet 1940 mit »Der gute Mensch von Sezuan« gar eine Kritik des gesellschaftlich-politischen Systems. Seit jeher liefern live gebotene Schauspiele, sei es Theater, Musiktheater oder Oper, dem Zuschauer Unterhaltung. Gleichzeitig bieten sie Denkanstöße  –  mal versteckt, mal offensichtlich inszeniert.

der steuerzAhler zAhlt mit Diese Aufforderung zum Denken erhalten auch die Zuschauer an jenem Sonntag im »Erdgeschoss«. Die Unzufriedenheit der Mitt-Vierzigerin in der Sinnkrise, die Blauäugigkeit des Nachwuchsrockers, der doch nicht das Zeug für die großen Bühnen dieser Welt hat, das Gefühl der Unzulänglichkeit einer essgestörten 17-Jährigen. Wie viel Anteil hat die Gesellschaft am Frust des Einzelnen? Theater an diesem Abend ist, als Zuschauer dabei zu sein. Zu erleben. Wenn der Schauspieler dem Zuschauer die Stimmung seiner Rollen aufdrängt. Theater ist ein Kulturgut. Ein teures allerdings. Der Staat subventioniert das Überleben deutscher Spielstätten. Der Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins ist zu entnehmen, dass die deutschen Theater im Jahr 2010 2,2 Milliarden Euro erhielten, sie selbst erwirtschafteten 484 Millionen. Bei jeder Karte zahlt der Steuerzahler mit.


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e ater haftet bei Jugendlichen ein undanks chauerzahlen. Doch einige Theater wagen M enschen vor die Bühne zu locken.

ma nn | layout: tobias fischer

Fast 19 Millionen Zuschauer besuchten in der Spielzeit 2009/2010 eine Vorstellung in einem der Theater, die der Staat finanziert. Rund 14 Millionen Menschen sahen sich im Januar 2010 einen Kinofilm an. Dieser Vergleich zwischen Theater, Oper und Kino hinkt aber, meint Julia Hörr, Pressesprecherin der Oper Stuttgart: »Wir sehen uns nicht in direkter Konkurrenz mit Kino oder Musical. Wir bieten dem Publikum etwas ganz Anderes.« Dennoch: Die Staatstheater in Stuttgart haben erkannt, dass Theater sehr wohl in Konkurrenz mit anderen Freizeitangeboten steht. »An allen Theatern ist die Frage: Wie bringen wir junge Leute ins Theater? Die Leute kommen nicht von selbst.« Früher war Theater Ausdruck des guten Stils: Man ging in die Theater- oder Opern-Premiere, nicht nur um zu sehen, sondern vor allem um gesehen zu werden. Das gehörte sich. Heute sind Theater und Oper eine von vielen Möglichkeiten, wie Menschen ihre Freizeit verbringen können. Das lernen die deutschen Spielstätten erst langsam – und oftmals schmerzvoll.

schlAflieder unterm sternenhimmel Die junge Oper Stuttgart hat einen neuen Weg eingeschlagen, um wieder einen Platz in den Köpfen junger Menschen zu reservieren. Die Dreijährigen übernachteten neulich beim Schlafkonzert im Opernhaus, über ihnen ein Sternenhimmel, Harfenklänge und Schlaflieder des Opernchors. Für Schulklassen erklären Theaterpädagogen vor der Vorstellung Thema und Handlung des Stückes, zielgruppengerecht je nach Alter. »Mit viel Liebe zum Detail« will Barbara Tacchini, verantwort-

lich für die Nachwuchsgewinnung, Theater an junge Menschen heranführen. Die Oper Stuttgart soll jeder Altersgruppe etwas bieten.

Online-Bühne Auf fAceBOOK Einen digitalen Zugang schafft sich das Maxim-Gorki-Theater in Berlin. Am 9. Januar zeigte es Theodor Fontanes »Effi Briest« auf der Online-Bühne auf Facebook. Rebecca Rasem, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, erklärt: »Für jede Rolle gibt es ein Facebook-Profil. Die Profile posten dann ihren Text.« Das Maxim-Gorki-Theater wollte die interaktiven Möglichkeiten nutzen und die Zuschauer miteinbinden. »Es gibt aber wie auch im richtigen Theater Hausregeln – ein spannendes Experiment für uns«, sagt Rasem. Eine Woche nach Effi Briest 2.0 wird zum ersten Mal Effi Briest am Theater gespielt – Effi Briest 1.0. Das »Erdgeschoss« war früher ein Ladengeschäft, die riesigen Schaufenster bezeugen das. Sie blicken auf die bekannte »Theo«-Partymeile, die Theodor-Heuss-Straße. Schräg gegenüber befinden sich die Innenstadtkinos. Fünf Minuten weiter der Schlossplatz, Zentrum der Einkaufsmeile »Königstraße« im Herzen Stuttgarts. Unzählige Möglichkeiten im Umkreis von fünf Gehminuten: Freizeitkonkurrenz. Während der Vorstellung können die Passanten zwar nicht eintreten, aber am ehemaligen Schaufenster verharrt an diesem Sonntag manch Verwunderter. Vielleicht treiben Neugierde, gute Kritik in den Medien oder mündliche Empfehlungen den ein oder anderen auch bald in die kleine Theaterbar.

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Ein Stück, ZwEi wEltEn Eine Stuttgarter Theatergruppe reiste nach Mosambik, zum Jubiläum des einzigsten professionellen Theaters. Sie traf auf eine andere Welt und ein Theater, das weit mehr ist als ein Ort des Spiels. Der Schauspieler Manoel war dabei, NOIR hat ihn interviewt. text: leonie Müller | layout: andreas Spengler

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in Theater Mosambik: Mal schauen, was hier so los ist. Am Kiosk eine Packung Erdnüsse kaufen anstatt Popcorn. Langsam trödeln die Zuschauer ein. Wenn alle da sind, beginnt die Vorstellung – ein paar Minuten hin oder her. Mit großen Augen verfolgen die Zuschauer, was auf der Bühne passiert. Sie klatschen, rufen, lachen laut. Ein Handy klingelt, der Anruf wird weggedrückt. Eine Sexszene wird angedeutet. »Ayayay!« schallt es aus dem Publikum. Hier und da raschelt es, jemand redet, die Erdnüsse werden aufgegessen; dasselbe Handy klingelt noch mal, irgendwann wird der Anruf weggedrückt. Tosender Applaus, sogar Standing Ovations am Ende des Stücks. Kurzes, lautes, herzliches Klatschen. Nach und nach leert sich der Saal, der ein oder andere bleibt noch kurz sitzen, die Gespräche gehen weiter. An der Bar trinken die Leute noch zusammen ein Bier, plaudern ein bisschen übers Stück, bis die Frage kommt: »Was machen wir jetzt?« Schnitt. Wie läuft das in einem Theater in Deutschland? Man geht ins Theater, vielleicht nur, um zu sagen, dass man da war. Man macht sich schick, legt den neuen Schmuck an. Vor der Vorstellung wird noch ein Glas Sekt getrunken. 19:55 Uhr, der Einlass beginnt. Punkt 20 Uhr wird es

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still. »Liebes Publikum, bitte vergessen Sie nicht, ihr Mobiltelefon auszuschalten. Danke.« Kurzes Rascheln im Publikum, noch mal sicher gehen. Die Scheinwerfer auf der Bühne gehen an. Konzentrierte Erwartung bei den Zuschauern. Sie beobachten genau, würdigen das Künstlerische, betrachten kritisch das Bühnenbild. In den vorderen Reihen klingelt ein Handy, man rümpft die Nase. Der letzte Satz. Applaus. Wenn die Nachbarn nicht mehr klatschen, hört man lieber auch auf. Jetzt schnell raus ins Foyer. Die Einen hetzen zur Garderobe, um die S-Bahn zu bekommen, morgen ist ja schließlich wieder ein Arbeitstag. Mosambik ist ein kompliziertes Land. 1975 erlangte es die Unabhängigkeit von Portugal und wurde ein Jahr später Schauplatz eines 16-jährigen Bürgerkriegs. Heute sind mehr als die Hälfte der Bevölkerung Analphabeten, es mangelt an sauberem Trinkwasser und die offizielle Aids-Rate von 12,5 Prozent ist in Wirklichkeit wohl viel höher. In Maputo, der Hauptstadt von Mosambik, gibt es das einzige professionelle Theater des Landes: das Teatro Avenida. Manuela Soeiro gründete es 1984 zusammen mit Afrikaliebhaber Henning Mankell, dem schwedischen Autor der Wallander-Krimis.


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Zum 25. Jubiläum des Teatro Avenida fand letzten November in Maputo ein Festival statt. Verschiedene Ensembles aus Europa und Afrika reisten in die Hauptstadt, um Koproduktionen mit dem Teatro Avenida aufzuführen; darunter auch eine Gruppe des Stuttgarter Theater tri-bühne. Mit dabei war der 26-jährige Manoel. Der geborene Brasilianer ist Schauspieler und Theaterpädagoge. Wie kann man sich das Teatro Avendia in Maputo vorstellen? Manoel: Sehr groß und abenteuerlich! Es liegt direkt an einer großen Straße im Zentrum von Maputo. Es gibt im Saal ca. 300 Plätze und im Foyer eine kleine Bar. Deutsche Sicherheitsstandards findet man dort nicht. Einer der Scheinwerfer, dessen Befestigung angebrochen war, wurde zum Beispiel mit Seilen flaschenzugartig gesichert. Das Theater hat nur einen kleinen finanziellen Spielraum. Nebenan gibt es eine kleine Bäckerei, die zum Theater gehört und zusätzliche Einnahmen bringt. Du warst viel unterwegs, hast dich zum Beispiel um die verschwundenen Koffer des Ensembles gekümmert und dabei Kontakt mit den Menschen in der Stadt gehabt. Haben die Mosambikaner Interesse an Theater? Das Interesse ist in allen Schichten da. Viele kennen das Theater, aber oft scheitert es am Geld, dem Eintrittspreis von circa 2 Dollar. Man kauft sich lieber einen Sack Reis. Wir haben viele Leute zum Festival eingeladen und ihnen Freikarten gegeben. Die Leute waren sehr interessiert, insbesondere daran, Theater aus anderen Ländern zu sehen. Im normalen Spielbetrieb ist der Saal höchstens drei Viertel gefüllt. Um welche Themen ging es in den Stücken? Unterscheiden sie sich sehr von den europäischen? Die Europäer hatten deutlich mehr Bühnenbild –  in den afrikanischen Stücken wurde der Ort des Geschehens oft nur angedeutet und ließ so dem Publikum viel Raum für die eigene Vorstellungen.Den afrikanischen Gruppen ging es darum, recht pädagogisch die aktuellen Themen des Landes aufzugreifen. Es ging oft um Tradition und Moderne, Verhütung und AIDS. In einem mosambikanischen Stück kommt zum Beispiel ein Mann, der lange in Südafrika war, wieder zur Familie in Mosambik zurück. Man erfährt, dass der Mann sich auf seiner Reise mit HIV infiziert hat. Wie es die Riten wollen, schläft er wieder mit seiner Frau. Die Sexszene – immer noch ein Tabuthema – wurde mit Hilfe eines Schattenspiels und ästhetischen Bewegungen dargestellt. Bald darauf stirbt der Mann, was ganz simpel durch ein hochgeklapptes Kreuz symbolisiert wurde. Natürlich hat er seine

Frau angesteckt – mit der nun, so will es die Tradition, der jüngere Bruder des Mannes schlafen muss. Der Opa lässt darüber keine Diskussion zu. Die beiden verschwinden widerwillig, auf einmal ertönt ein Schrei. Der Opa kommt hinzu, fragt »Was ist hier los?«. Der Bruder zeigt ihm das Kondom, das den Schrei des Mädchens ausgelöst hat. Der Opa schreit: »Halt dich an die Tradition!« und peitscht ihn mit dem Kondom aus. Das Publikum hat hysterisch gelacht -  in Deutschland unvorstellbar. Bald darauf stirbt das Mädchen ebenfalls. Die Moral von der Geschichte: Die Menschen können nichts für AIDS, aber sie müssen einen Weg finden, damit umzugehen. Wie hat das Publikum das Stück aufgenommen? Die Moral ist auf jeden Fall angekommen. Die Figuren hatten großen Wiedererkennungswert, deswegen hat das Publikum auch an diesen bestimmten Stellen so gelacht. Viele sehen in den Figuren die eigenen Eltern oder Großeltern, viele kennen die Problematik, den Mittelweg zwischen Tradition und der modernen Gegenwart zu finden, nicht nur was das Thema AIDS angeht. Der mosambikanische Zuschauer reagiert ja offensichtlich ganz anders als die Zuschauer in Deutschland. Woran liegt das? In Deutschland gibt es eine lange Theaterkultur, die in Mosambik erst am Anfang steht. Es ist für die Leute neu, dass im Gegensatz zum Kino echte Menschen auf der Bühne stehen, die auf die Stimmung im Publikum reagieren. Das Exotische ist die direkte Reaktion des Publikums auf das Geschehen auf der Bühne. Sie zeigen keine Scham davor, während das deutsche Publikum viel zurückhaltender ist. Außerdem war es ein relativ junges Publikum, viele zwischen 20 und 30 Jahren alt. Vielen Dank für das Gespräch.

Manoel, 26 Jahre, ist Schauspieler und theaterpädagoge

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wEr Hätt'S gEdacHt: Ein Happy End ... Immer dasselbe: Romeo erobert Julia, die Guten gewinnen und die Welt wurde wieder von Superhelden gerettet. Wie Filme ausgehen, ist meistens klar. Und trotzdem genießen wir Filmabende oder gehen ins Kino. Wie macht die Filmindustrie das nur? text: Sanja döttling | layout: pascal götz & tobias fischer

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s gibt nur eine Hand voll Filme, die sich nicht mit einem Happy End von uns verabschieden. Woran liegt das? Vielleicht sind Autoren und Regisseure einfach unfähig, neue Geschichten zu erschaffen. Oder sie hatten zu wenig Geld, um ihre Ideen in die Tat umzusetzen. Was soll diese Eintönigkeit in der Filmbranche? Ein Beispiel: Jede Science-Fiction-Verfilmung spielt in einem leeren, wüstenähnlichen Landstrich. Wie Star Wars oder Star Trek. Doch das Set ist nicht das einzige, was vor Ideenarmut strotzt. Was fehlt, ist meist eine kurzweilige Handlung. Als ich noch ein Kind war, sagte meine Mutter einmal etwas, das mich lange beschäftigte: »Ich kann das Ende von jedem Film vorhersagen«. Damals dachte ich, sie hätte magische Kräfte. Mit sechs Jahren hatte ich den Mythos dann widerlegt. Denn nach zwei Micky-Maus-Sendungen war mir klar: Do-

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nald Duck gewinnt immer und Dagobert Duck wird nie arm sein. Mit meinen sechs Jahren war ich ein kleiner Nostradamus. Mit der Zeit entwickelte auch ich eine Antwort auf andere Fragen: Bekommt der Held am Ende seine Angebetete? Natürlich. Werden die feindlichen Aliens besiegt, die sich erdreisten, inmitten amerikanischen Staatsgebiets zu landen? Sicher. Solange dazwischen noch wahllos ein paar Autos explodieren. Eine mögliche Antwort auf die immer wiederkehrende Eintönigkeit: Klischees. Wir alle kennen sie, denn Menschen denken eben gerne in Schubladen. Und obwohl das Augenrollen groß ist, wenn ein Film zu viele dieser altbekannten Szenen und Handlungsstränge aufweist, kommen Klischees nicht von ungefähr. Es sind hauptsächlich Blockbuster aus Amerika, aus der Traumfabrik Hollywood, die klischeever-


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dächtig daherkommen. Filme von Übersee prägen bis heute viele Länder. Laut einer Studie der Unesco haben die USA im Jahr 2009 knapp 700 Filme produziert. Amerika liegt damit auf dem dritten Platz der Weltrangliste. In Deutschland waren von den zehn erfolgreichsten Filmen im Jahr 2009 acht teilweise oder vollständig amerikanische Produktionen.

nOmen est Omen. Schon die Nennung des Genres lässt in unseren Köpfen unfreiwillig Bilder entstehen. Egal ob Western, Sci-Fi, Komödie oder Actionfilm. Dieses Schubladendenken ist wichtig für den Zuschauer: Man weiß, worauf man sich einlässt. In einem Actionfilm werden keine Aliens die Erde erobern, sondern ein menschlicher Bösewicht, meist russischer oder deutscher Herkunft. In einer Komödie stirbt selten der Protagonist. In Horrorfilmen hingegen schon. Und im Western gibt’s Pferde, keine Autos.

AristOteles gegen spielBerg. Die Filme aus Hollywood bedienen sich immer dem gleichen dramaturgischen Schema. An dem hat sich seit Aristoteles nichts geändert: Noch immer ist der Dreiakter in Filmen zu finden: Exposition, Konflikt und Auflösung sind seine zentralen Elemente. Mit Klischees werden die Handlungen vorangetrieben: Wir denken bei Horrorfilmen an die Jugendlichen, die prinzipiell nachschauen gehen, wenn nachts ein seltsames Geräusch zu hören ist. Würden sie es nicht, gäbe es ja keine Monster zu zeigen. Das selbe bei Actionfilmen: Bomben werden immer erst in letzter Sekunde entschärft – nie früher. Würden sie schon lange vor dem Countdown gestoppt – wo bliebe da die Spannung? So nervenaufreibend dieses Warten auf die Erlösung auch ist – eigentlich wollen wir ihn, den Nervenkitzel. Ein gutes Ende rückt die ganze Geschichte in das richtige Licht und bestätigt die Erwartungen des Publikums. Und wir können uns ein bisschen fühlen wie das Orakel von Delphi, weil wir es von Anfang an gewusst haben.

WunschdenKen. Das Publikum sieht, was es sehen will. Der eine hasst Horrorfilme, der andere vergöttert Fantasy. Die einzelnen Stereotypen lernt das Publikum mit der Zeit zu erkennen. Immer brennt zuerst das linke Triebwerk am Flugzeug. Wir trainieren uns bei jedem Kinogang neue Klischees an. Und erwarten auch, dass diese Klischees in allen darauf folgenden Filmen noch funktionieren. Damit verdient die Branche ihr Geld. Menschen sind Gewohnheitstiere. Wir wollen das sehen, was wir irgendwie schon kennen. Das gibt uns Sicherheit. Wir haben uns längst an eine Hollywood-Welt gewöhnt, in der Helden von Hochhäusern auf Hubschrauber springen und Polizisten als beziehungsunfähig gelten: Die Bedienung von Klischees ist die Logik der meisten Filme. Sobald ein Regisseur von den gegebenen Klischees abweicht, bekommt man Filme wie die von Quentin Tarantino, bei denen eine Einordnung schwer fällt.

Sind wir mal ehrlich. das Ende vom film kennen wir. ins kino gehen wir aber trotzdem.

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frEcHE dracHEn und JungtalEntE Theoretische Erklärungen und strikte Zeitpläne sind hier fehl am Platz – wie bringt man Kindern das Schauspielen bei? Susan Djahangard war in der Düsseldorfer Schauspielschule Nepumuck und hat sich den Unterricht angeschaut. text und fotos: Susan djahangard | layout: andreas Spengler

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auch das Spielen will gelernt sein

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an liegt auf dem Boden. »Machen Drachen manchmal nachts echt freche Sachen?«, ruft der 13-Jährige durch den Raum. Neben ihm liegen neun andere junge Schauspieler. Erst sagt jeder für sich den Zungenbrecher auf, dann alle gemeinsam. Am Anfang sind die Schüler noch eingeschüchtert. Jan spricht als einziger wirklich laut und deutlich. Als danach alle im Chor rufen, versteht man jede einzelne Silbe. »Wenn man auf dem Boden liegt, ist alles eingequetscht und es ist schwierig, deutlich zu sprechen. Aber so lernt ihr das«, erklärt Lehrerin Simone Servos. Sie unterrichtet an der Kinderschauspielschule Nepumuck in Düsseldorf. Seit sechs Jahren gibt es die Schauspielschule, seit Sommer vorherigen Jahres befindet sie sich in Unterbilk, einem bei Studenten und Kreativen beliebten Stadtteil. Die Räume wirken wie ehemalige Lagerhallen, Rohre verlaufen an den Decken. Mittelpunkt der Schauspielschule Nepumuck ist ein großer Raum, in dem geprobt und aufgeführt wird. Der Boden ist schwarz, grelle Neonröhren sorgen für ein helles Licht, rote und grüne Samtvorhänge schaffen die richtige Theaterkulisse. Außer einem Regal und einem Sofa gibt es keine Möbel. Nach dem ersten Warm-Up widmen sich die acht Theaterschülerinnen und zwei Schüler der nächsten Übung. Jan und Celina sollen sich jeweils auf einen Stuhl setzen und eine Minute lang machen, was sie wollen. Erlaubt ist alles, nur sprechen nicht. Gewonnen hat, wer die Aufmerksamkeit der anderen Schüler auf sich zieht. Celina läuft selbstbewusst um ihren Stuhl herum und fixiert das

Publikum. Jan hüpft mit dem Rücken zum Publikum um Celina herum. Am Schluss sind sich alle einig: Celina hat gewonnen. »Da seht ihr, wie wichtig es ist, dem Publikum nie den Rücken zu zeigen«, erklärt Simone Servos. »Wenn ich den Kindern erkläre, wo das Zwerchfell ist, das interessiert die doch nicht. Deshalb arbeiten wir spielerisch«, erklärt Katja Henkel. Sie will es Kindern ermöglichen, Theater zu spielen – ihnen eine Möglichkeit bieten, die sie selbst nicht hatte. »Ich komme aus einer Kaufmannsfamilie. Kunst hat da nicht gezählt«, sagt die 43-Jährige. Nach der Schule hat sie Management in Los Angeles studiert. Heimlich hat sie sich dort parallel dem Schauspielstudium gewidmet.

Große Gesten, blinzelnde Augen und die Suche nach einem Mörder.

Zehn Kurse werden laufend unterrichtet an der Nepomuk-Schule, dazu kommen Wochenendworkshops und Ferienkurse. Die Schüler sind zwischen acht und 18 Jahre alt. »In den Kursen konzentrieren wir uns auf Theaterschauspielerei, weil das das Fundament jedes Schauspielers ist«, sagt Henkel. Also lernen die Kinder, große Gesten zu machen, damit auch der Zuschauer in der letzten Reihe erkennt, was auf der Bühne passiert. Jan, Celina und die anderen spielen mittlerweile Augenblinzel-Mörder. Einer ist der Mörder, der die anderen per Augenblinzeln umbringt. Gemeinsam soll die Gruppe versuchen, den Killer zu finden, bevor ihm noch mehr zum Opfer fallen. »So lernen die Kinder, auf der Bühne zu beobachten, was um sie herum passiert«, erklärt


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Katja Henkel.Jugendliche kommen von selbst in die Schauspielschule, bei den jüngeren sind es die Eltern, die die Kinder das mitbringen. »Einigen geht es darum, ihre Kinder, die sehr schüchtern sind oder nicht deutlich sprechen, zu fördern«, sagt Katja Henkel. In der Theaterschule können sie ihre Hemmungen abbauen, sich in einem Team erproben und ausprobieren. »Die Schule soll für die Kinder ein geschütztes Umfeld sein. Deshalb gibt es normalerweise keinen Besuch während des Unterrichts, auch keine Eltern die zuschauen«, sagt Henkel. Jedes Kind soll so gefördert werden, dass es sich wohlfühlt. »Wir züchten hier keine extrovertierten Schauspieler und zwingen niemanden auf die Bühne«, sagt sie. Das zeigt sich im Unterricht: Zwei Schülerinnen wollen eine Übung nicht mit machen. Als Kompromiss dürfen sie immerhin die Hälfte weglassen. Danach gibt es für die Schüler zehn Minuten Pause, in der mir zwei Schülerinnen erklären, weshalb sie gerne Theater spielen. Celina spielt gerne Theater, weil einem da nichts peinlich sein muss. »Auch Ruhigere können mal aufbrausen«, meint die 12-Jährige. Das ist es auch, was Lucie so viel Spaß macht. »Da kann

ich als kleines Mädchen mal den bösen Familienvater spielen«, sagt sie. Aufregend ist es für die Mädchen natürlich, bei Aufführungen auf der Bühne zu stehen. »Aber wenn man spielt, vergisst man, dass alle da sind. Da sieht man einfach nur noch schwarz«, sagt Lisa. Lucie hat zwar manchmal Angst, dass sie etwas Falsches sagt. »Aber der Zuschauer weiß ja gar nicht, was richtig ist.«

Die Fortgeschrittenen kommen in die Master-Class. Der erste Schritte zur großen Karriere.

Nicht jeder Kurs endet mit einer Aufführung. »Wir wollen kein projektorientiertes Arbeiten, sondern eine umfassende Ausbildung bieten«, sagt Henkel. »Einen Zeitplan, bis wann ein Stück fertig sein muss, haben wir nicht.« Ausnahme ist die Aufführung einmal im Jahr im renommierten Düsseldorfer Theater an der Kö. Neben dem regulären Unterricht gibt es für Fortgeschrittene die Master-Class, in der sich die Jugendlichen auch auf die Aufnahmeprüfung an Schauspielschulen vorbereiten. Und für Filme und Serien vermittelt Ne-

pumuck Jungschauspieler an Agenturen. Auf der Homepage können sich die Caster Videos der Kinder anschauen und dann zu Castings einladen. Dafür ist es wichtig, dass die Kinder schon etwas über die Filmschauspielerei gelernt haben. »Wer nicht weiß, was ein Take, Amerikanische oder Close Up ist, der fliegt in der ersten Runde raus«, sagt Henkel. Am Ende der Unterrichtsstunde improvisieren Jan, Celina und die anderen zwei Szenen: In der ersten Impro geht es um ein Kind, das eine schlechte Note nach Hause bringt. In der zweiten um einen Psychologen, der Besuch von lauter Irren bekommt. Die Kinder hatten nur wenige Minuten Zeit, sich vorzubereiten. Es gibt keine Texte, die vorher auswendig gelernt wurden und keine Absprachen, wer wann spricht und was tut. »Aber wenn die drei W-Fragen, also ‚Wer bin ich? Wo bin ich? Und was mache ich da?‘ geklärt sind, kann man einfach frei spielen«, erklärt Katja Henkel. An manchen Stellen reden die jungen Schauspieler zwar durcheinander; aber sie schaffen es, dass man als Zuschauer sofort versteht, wer welchen Charakter darstellt. Ein erster Schritt auf dem Weg zur großen Schauspiel-Karriere.

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kriMi Mit BiEr Sonntag, Viertel nach acht. Die kleine, verwinkelte Kneipe im beliebten Kölner Stadtteil Sülz hat ihre Leinwand ausgefahren. Das Publikum drängt sich dicht davor und wartet auf das bestellte Bier. Auf die Suche nach dem Mörder. text: lisa kreuzmann | layout: tobias fischer

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üdööö, düdöö. Endlich: Die ersten vertrauten Töne des Jazz-Musikers Klaus Doldinger. Wie jeden Sonntag entfachen sie Nervenkitzel und Vorfreude auf die beliebteste Krimireihe der Deutschen: der Tatort. Seit über 40 Jahren sind die Leute ihm hierzulande verfallen und es werden immer mehr. Die Einschaltquoten von 2010 auf 2011 stiegen im Schnitt um eine halbe Million pro Folge. Kneipen locken die Zuschauer immer öfter aus ihren Sesseln zu »Tatort-Viewings«. In Berlin gibt es allein über 30 davon. Der Tatort entwickelt sich zum Social Event. Der Sonntagabend – als toter Abend verschrien – zum Abend der Begegnung. Medienpsychologe Professor Doktor Frank Schwab von der Universität Würzburg vermutet, dass sich das Phänomen »Tatort Kneipe« weiter ausbreitet. In Kneipen herrscht ein »Ansteckungsprozess«, wie man ihn vom Public Viewing unserer Fußball-Elf kennt. Die Zuschauer können ihre Begeisterung direkt austauschen. Wie war der Tatort heute? Erstaunlich dabei: Egal, wie das Urteil ausfällt, so der Medienpsychologe, die Zuschauer werden ihn das nächste Mal wieder einschalten. Was macht diese Krimireihe so populär, was unterscheidet sie von anderen unzähligen Krimi-Formaten? »Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, leben wir heute in einer eher friedlichen Zeit«, meint Schwab. Evolutions-

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psychologisch erwarten wir jedoch, dass »schlimme Dinge passieren«. der Mensch ist stets auch an schaurigen Geschichten interessiert. Im Krimi wird die dunkle Seite künstlich erzeugt. Was den Tatort dabei von anderen abhebt, ist vor allem die Gewohnheit, die Tradition und das Vertraute. Man kennt den Tatort schon von den Eltern, der Sonntagabend ist seit Jahrzehnten für ihn reserviert. Er ist deutsches Kulturgut. Das beliebteste der wechselnden Ermittler-Duos, das Münsteraner, lockt etwa zehn Millionen Zuschauer vor den Bildschirm –  doppelt so viele wie aktuell die Tagesschau. Das Münsteraner Geheimnis? »Eine schöne Dialektik«, meint Medienstudent Jakob Bahr aus Berlin. Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne, gespielt von Jan Josef Liefers, in der Rolle des eloquenten Egozentrikers, der die Welt versteht, das Leben genießt, guten Wein und klassische Musik und auf der anderen Seite Hauptkommissar Axel Prahl, gespielt von Frank Thiel, dem bodenständigen Ruhepol, der das kühle Blonde vorzieht. Das sorgt für Realsatire par excellence. Mal Stuttgart, mal Köln, mal Berlin – auch der Ortsfaktor macht den Tatort besonders, meint Schwab. Barfrau Anja der Kölner Kneipe Stauss bestätigt: Besonders voll wird es in der Kneipe bei den Kölner-Tatorten, wenn in der Nachbarschaft gedreht wurde.


titEltHEMa

früHEr war MEHr rotkäppcHEn! Waren die Kinderserien früher tatsächlich besser? Ja, findet Anna Ruppert und schwärmt von stupsnasigen Sommersprossen-Kindern aus dem TV. Elisabeth Adeyanju Omonga entgegnet, die Serien von früher seien einfältig; sie zelebrierten eine heile Welt. Mehr pädagogisches Feingefühl von den TV-Machern fordern beide. layout: pascal götz und tobias fischer

prO: früHEr ponyHof, HEutE gänSEHaut

cOntrA: HänSEl, grEtEl und raSSiSMuS

text: anna ruppert

text: Elisabeth adeyanju omonga

Früher gab es noch Kindersendungen, in denen freche, sommersprossige, stupsnasige Kinder auf einem Ponyhof wohnten, Streiche spielten und ein Leben hatten, wie es sich jedes Kind wünscht. Heute springen mir aus dem Fernsehen nur hektische Zeichentrickfiguren entgegen, die so hässlich sind, dass ich Gänsehaut bekomme. Sie sehen aus, als wollten sie Kinder zu Doppelkinn und Übergewicht motivieren. Sie können nicht mal normal kommunizieren, benötigen surreale Superkräfte, um sich halbwegs interessant zu machen und leben in einem gestörten Umfeld. Zweifelhafte Vorbilder. Wie negativ sie sich auf Kinder auswirken, haben genügend Studien bewiesen. Jetzt wird es Zeit, das Kinderprogramm gründlich umzustrukturieren. Sollte es sich weiter jenseits der Lebenswirklichkeit entwickeln, dann müssen wir Kindern bald erklären, dass keine Ananas im Meer wächst.

Kurze Rückblende: Pippi Langstrumpf, Rotkäppchen, Hänsel und Gretel. Und schon geistern vertraute Gesichter im Kopf herum. Eines haben diese Kinderfilme gemeinsam: Die Darstellung von Schwarz und Weiß, Held und Tyrann, Gut und Böse. Der durchaus einfachste Weg, Kindern vorzugaukeln, die Welt bestehe nur aus zwei Varianten. Neben den unterschwellig rassistischen Ressentiments in einigen Kinderserien versuchte man in den sechziger Jahren, die Kinder von allen Dingen des realen Lebens fern zu halten. Stattdessen berieselte Frau Holle sie mit einer schneeweißen, heilen Welt. Wie wäre es mit etwas pädagogischem Feingefühl? Kinderfilme sollten sich in keiner Weise instrumentalisieren lassen. Sie sollten den Kindern etwas über die Welt um sie herum erzählen und sie lernen lassen. Es wird Zeit, eine neue Ära einzuläuten – modern und pädagogisch korrekt.

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wiSSEn

StuBEnfliEgEn iM kino text: isabel Stettin | layout: Sebastian nikoloff

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er Hai schwimmt in den Kinosaal, Wasser spritzt von der Leinwand, der Zuschauer versinkt zwischen messerscharfen Zahnreihen. Die räumliche, dreidimensionale Wahrnehmung lässt uns in andere Welten eintauchen. Dahinter steckt etwas Technik mit einem im Grunde einfachen Prinzip. Das Auge ist der langsamste Muskel des Menschen. 25 Bilder muss es pro Filmsekunde verarbeiten. Bei 3D-Filmen wird diese Anzahl verdoppelt. Zwei Kamera-Objektive zeichnen jede Szene aus zwei leicht unterschiedlichen Perspektiven auf: ein Bild für das linke, eines für das rechte Auge. Durch den Augenabstand von sechs Zentimetern sehen wir die Welt aus leicht unterschiedlichen Perspektiven. Erst das Gehirn setzt dann ein Bild mit Tiefenwirkung zusammen, da es in der Lage ist, räumlich zu sehen und bestimmen kann, welche Objekte sich in unserer Nähe und welche sich in weiter Ferne befinden. Damit das auch im Kino funktioniert, braucht es spezielle Projektoren und beschichtete Kino-

Leinwände. 3D-Filme werden mit einer Kamera gedreht, die mit zwei Linsen stets zwei Perspektiven aufzeichnet. Diese werden später zusammengeschnitten. Damit die Augen die Bilder getrennt auffassen, gibt es besondere 3D-Brillen. Die Gläser der Shutterbrille zum Beispiel beinhalten Flüssigkristalle. Deren Lichtdurchlässigkeit wird elektronisch geändert, die Gläser werden im Wechsel geöffnet und geschlossen. Bei 60 Bildern pro Sekunde sieht jedes Auge 30, was eine flüssige Bewegung erzielt. Die andere gängige Variante sind Polarisationsfi lter-Brillen. Jedes Brillenglas lässt Lichtwellen nur in eine bestimmte Richtung hindurch. So nimmt das linke Auge nur die linke, das rechte die rechte Bildperspektive wahr. Um den Hai wirklich real zu sehen, bleibt uns also nichts anderes übrig, als mit großen Brillen wie Stubenfliegen im Kino zu sitzen.

JournaliStEn nacH norM? text: Sophia kümmerle

DIN A4, A5, A3 – die Abkürzungen kennen wir alle aus der Schule. Doch was bedeutet DIN genau? DIN ist die Abkürzung für das »Deutsches Institut für Normung«. Das Institut legt fest, welche Größe ein Papier haben muss, um als »A4« zu gelten oder wie eine Sprossenwand aufgebaut sein muss, um sich Sprossenwand nennen zu dürfen. Die Vorteile: Produkte lassen sich besser miteinander vergleichen; kaufen und verkaufen ist leichter. Es ist klar, aus welchen Stoffen ein Produkt besteht und welche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden. Doch nicht alles lässt sich in eine DIN-Norm

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pressen. Für großen Aufruhr sorgte im vergangenen Jahr Bundespräsident Christian Wulff mit dem Vorschlag einer neuen Norm. Bei der Rede, die er zur Eröffnung der neuen dpa-Zentralredaktion in Berlin hielt, forderte er »Qualitätsjournalismus«. Bis hierhin kein Problem. Um diesen jedoch zu gewährleisten und Falschnachrichten zu vermeiden, schlug er eine Art »Normierung« von seriösem Journalismus vor. Praktisch eine DIN-Norm für Journalisten, nur auf internationaler Ebene. Das jedoch würde schon an Zensur grenzen, empörten sich daraufh in viele Journalisten und Zeitungen.


portr ät

HErr üBEr rauM und filM Vor der Leinwand: gespannte Gesichter, Eiswerbung und heimliche Küsse. Hinter den Kulissen: Kinobetreiber wie Volker Lamm, Chef der Vereinigten Lichtspiele in Tübingen.

text & foto: caroline Haro | layout: Sebastian nikoloff

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hne ihn säßen die Tübinger vor einer schwarzen Leinwand: Volker Lamm ist Chef der Vereinigten Lichtspiele und kümmert sich mit 35 Mann um die Wartung der Kinosäle, die Filmauswahl und alles andere, was zum Kinobetrieb der zwei größeren Kinos der Studentenstadt, dem »Museum« und der »Blaue Brücke«, gehört. Der gelernte Fotograf wollte zunächst Kameramann werden, bevor er in den Bann des Kinobetreibens geriet. Das war vor vier Jahrzehnten. Seitdem ist er Geschäftsmann und Kinoliebhaber in einem. Er wählt Filme aus, verhandelt mit Filmverleihen wie »Walt Disney Studio Motion Pictures« und mischt sich am Abend unter die Kinobesucher, um zu spüren wie die Filme angekommen sind. Oft sprechen ihn die Zuschauer direkt an. Dann kann er sich ein Bild davon machen, wie der Zuspruch ist und welcher Film länger flimmern darf. Vor der Leinwand seiner zwei Kinos sitzen unterschiedliche Menschen. Während die Besucher in der »Blaue Brücke« eher Schauspielern aus Hollywood huldigen, besuchen das »Museum« vor allem Freunde von Kunstfilmen. Passend dazu wählt Volker Lamm das Programm. Er sieht sich die Filme der Filmverleihe an, manchmal direkt auf Filmvorführungen der Filmkunstmessen in Berlin oder Leipzig. Je nach den Schauspielern und der Kritik in den Medien wählt er die Filme für den Tübinger Filmgeschmack aus. Es sind mehrere Hundert pro Jahr.

»In den Wind schießen«, so bezeichnet Volker Lamm die Vorführungen, die sich des Geldes wegen nicht lohnen, die er aber trotzdem aus Liebe zum Film zeigt. Hier ist Raum für außergewöhnliche Themen, nicht nur für leichte Kost. Manche der Filme sind aktuell, manche sind Klassiker, die er weiterleben lassen möchte. Im Sommer 2007 wurden Filme von Rainer Werner Fassbinder gespielt. In diesem Jahr gibt es die Filmreihe »Film und Psychoanalyse«. Oft sind es nur zwei Dutzend Zuschauer, die »anbeißen«. »Wer kennt heute noch Fellini?« In seiner Frage schwingt ein Hauch Verachtung. Viele junge Menschen würden Quantität der Qualität vorziehen. Man könnte dem Kinochef entgegnen, dass junge Leute sich sehr wohl für Filme jenseits der »stars and stripes« interessieren, gerade in der Studentenstadt Tübingen. Man kann ihm entgegnen, dass sich seine Generation vielleicht auch nur wenig um die Filme der vorigen Generationen geschert hat. Doch Volker Lamms empörter Blick ist längst verflogen, jetzt leuchten seine Augen. Er denkt an seinen Lieblingsfilm: »Easy Rider«.

der film »Easy rider« liegt lamm besonders am Herzen. Er hat ein neues lebensgefühl in die spießige gesellschaft Ende der 60er Jahre gebracht: freiheit.

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pony für dicH Ein simpler Zeichenstil und schräger Humor machen eine Kinderserie um bunte Ponys auch bei Erwachsenen beliebt. Die Fangemeinde im Internet wächst stetig. text: Henrike w. ledig | layout: Sebastian nikoloff

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as Summen unzählige Laptops ist zu vernehmen, die Luft ist stickig und riecht nach Farbe. Der Flur des Shackspace, dem Treffpunkt der Stuttgarter Hackercommunity, wird neu gestrichen. Nicht mit dunklen Farben und schlauen Sprüchen, sondern mit Huftieren. Es handelt sich um die Hauptcharaktere einer Fernsehsendung aus Amerika: »My little Pony: Friendship is Magic«. Eine Sendung, deren Zielgruppe eigentlich Mädchen zwischen fünf und zehn Jahren sind. Seit Herbst 2010 läuft »My little Pony« auf dem Sender »The Hub« und verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Internet. Immer mehr fanden Gefallen an der Serie. Mittlerweile gibt es alle Folgen auch bei Youtube. In Foren unterhalten sich inzwischen unzählige Fans, die die Ponys als Avatare benutzen. Sie nennen sich »Bronies«, die Kurzform für »brother ponies«. »Es sind der simple Zeichenstil und der schräge Humor, die diese Serie so beliebt und ansteckend machen«, sagt einer der deutschen Hardcore-Pony-Fans und Stammgast im Shackspace, der sich »Reign« nennt. Saij, der neben ihm am Laptop sitzt, stimmt ihm zu: »Die Geschichte ist ausgewogen, jedes Pony hat einmal seinen großen Moment, in dem es zeigen kann, was in ihm oder ihr steckt. Die Charaktere ergänzen sich, sie sind unterschiedlich und trotzdem Freunde.« Produzentin der Serie ist Lauren Faust, eine junge Amerikanerin, gepierct und mit rot gefärbten Haaren. Sie entwarf auch die Hauptcharaktere und schrieb die Hintergrundgeschichte um Applejack, Pinkie Pie und Co. Das friedliche Leben im Land Equestria, in dem Erd-, Einhornund Pegasus-Ponys friedlich zusammenwohnen und von

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ihrer Prinzessin Celestia regiert werden, wird eines Tages von Celestias böser Schwester gestört, die das Land in ewige Dunkelheit tauchen will. »Natürlich ist es nicht die Handlung, die den Ponys zum Siegeszug geholfen hat«, meint Fan Rainbow-Dash. Der Erfolg liege darin, dass Faust und Hasbro die Fans mit in die Produktion weiterer Folgen einbezogen haben. Denn Produzentin und die Animateure sind ständig im Internet unterwegs. Sie haben Konten auf den Fanseiten und kommentieren regelmäßig Fan-Arbeiten oder geben Einblick in den Produktionsablauf der Serie. »Wir Fans sind ihnen wichtig«, sagt Reign. Ein Pony hat wegen einem Animationsfehler geschielt. Den älteren Fans gefiel das Pony mit dem beschränkten Gesichtsausdruck, sie gaben ihm einen Namen und eine Geschichte. Diese gefiel der Produzentin so gut, dass sie von da an in die Sendung integriert wurde. »Die Serie macht einfach Spaß. Natürlich ist sie einfach gestrickt, aber die jungen Zuschauer sollen am Ende immer noch etwas lernen. Und es wird gezeigt, wie wichtig der Wert der Freundschaft ist. Das ist toll!«, sagt Saij. Er hofft, dass noch viel mehr Menschen zu Bronies werden. Seine Chancen stehen gut: Die Seite Equestria Daily, das größte fanbetriebene Neuigkeiten-Portal über die Ponys, hatte mehr als 100 Millionen Besucher. Sogar das »Time Magazine« wählte die BronieKultur in einem Top-10-Ranking auf den 9. Platz. »Nächstes Jahr versuchen wir, auf den 8. Platz zu kommen!«, kommentiert Travis Smith, ein Benutzer von Equestria Daily. Ponys haben schließlich Ambitionen.


fotorEportagE

tHEatErStückS innEnlEBEn Zuschauer kennen das Bühnengeschehen eines Theaterstücks. Doch was geschieht hinter der Bühne, vor und nach der Vorstellung? Das bleibt ihnen verborgen. Die Reparatur der Sitze, der Aufbau der Kulissen oder das Vorbereiten der Schauspieler. Alexander Schmitz besuchte mit der Kamera das Theaterstück Elling im Theaterhaus Stuttgart und brachte dem Zuschauer sonst verborgene Eindrücke mit. fotos: alexander Schmitz | layout: tobias fischer

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vor der aufführung wird ein wackelnder Stuhl neu befestigt und der Szenenbildwechsel durchgegangen.

requisiten des theaterstücks liegen neben der Bühne bereit; jede rolle hat hierfür ihr eigenes körbchen.

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die frisur muss sitzen: Schauspielerin katja Schmidt-oehm vor ihrem auftritt. â–ś

Menschenleer sind die Stuhlreihen. noch; die auffĂźhrung ist fast ausverkauft.

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Schauspieler Stephan Moos bereitet sich auf seine rolle vor. Er bindet seine krawatte, vor ihm textbl채tter und ein tee gegen Erk채ltung.

die eingetroffenen Zuschauer erwarten den Beginn der auff체hrung.

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Editorial

in einem nebenraum der Bühne bereiten sich Schauspieler und techniker auf die aufführung vor.

und ab geht’s: Schauspiel mit körpereinsatz.

Fotografieren bei Dämmerlicht und Bühnenhektik – keine einfachen Bedingungen. Doch kein Problem für Alexander Schmitz, der gerade eine Ausbildung zum Fotografen macht. »In solchen Situationen muss man erahnen, was gleich passieren könnte – und dann blitzschnell reagieren«. NOIR Nr. 2 4 (Februar 2 012)

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Sport

goldaMBitionEn in tüBingEn David Rudisha hält mit einer Zeit von 1:43,91 Minuten den Weltrekord auf 800 Meter. In Tübingen trainiert er mit Hobbyläufern für den Stadtlauf. NOIR-Autorin Katharina Tomaszewski begleite den Kenianer und sprach mit ihm über Fastfood, Erfolgsdruck und Dieter Baumann. text & foto: katharina tomaszewski | layout: Jan Zaiser

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ie sind der aktuelle Weltmeister im 800 Meter Lauf. Wie sieht ein Trainingstag aus? Mein Trainingsprogramm wechselt im Laufe des Jahres. Im Winter laufen wir sehr viel und machen Intervalltraining. Dabei laufen wir zwei Mal pro Tag, um 6 und 10 Uhr morgens, und anschließend Turnübungen oder gehen ins Fitnessstudio. Je näher ein Wettkampf rückt, desto härter trainieren wir. Vor der Leichtathletik Weltmeisterschaft trainierten Sie im Schönbuch bei Tübingen. Das Lied »Tübingen, warum bist du so hügelig« wurde vor kurzen auf YouTube berühmt. Hilft die hügelige Landschaft beim Trainieren für Wettkämpfe auf ebenen Strecken? Die Strecken im Schönbuch sind sehr leichtgängig und super zum Laufen. In Kenia entstehen nach dem Regen Spurrillen auf den Straßen, dadurch werden sie uneben und man kann sich leicht den Knöchel verletzen. Sie haben ihr Talent zum Laufen offensichtlich von Ihrem Vater geerbt, der 1968 eine Olympische Silbermedaille in Mexiko gewann. War es schwer als Sohn eines berühmten Athleten aufzuwachsen, oder spornte Sie das an?

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Als Profisportler konnte mir mein Vater gute Tipps für das Training geben. Mein Talent wurde früh erkannt, weil ich ähnlich gebaut bin und einen ähnlichen Laufstil habe wie er. Der Erfolgsdruck war deshalb aber nicht stärker. Sie kennen Dieter Baumann, einen der berühmtesten deutschen Athleten. Vor einigen Jahren nahm er an einem Rennen in Kenia teil und landete auf dem 85. Platz. Sind alle Kenianer von Natur aus Lauftalente? Laufen ist unser Nationalsport und es gibt viele Läufer in Kenia. Als Olympiasieger ist Dieter bei uns ein angesehener Mann. Aber es ist nun mal schwer für einen Läufer vom Flachland beim National-Lauf XC im kenianischen Hochland teilzunehmen, weil die Luft in den Bergen dünner wird. Dieter ist mein Freund und ich kenne ihn und seine Familie sehr gut. Was ist Ihnen eigentlich wichtiger, eine Olympische Goldmedaille oder der Weltrekord? Olympisches Gold bedeutet mir alles. Ich war sehr enttäuscht, als ich wegen einer Wadenverletzung nicht an der Kenianischen Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking 2008 teilnehmen konnte. Weltrekorde sind toll und ich bin sehr stolz

darauf, dass ich bereits zweimal den Rekord gebrochen habe. Olympisches Gold bedeutet mir aber mehr und wird auch in Zukunft mein Ziel bleiben. Der somalische Läufer Abdi Bele hat einmal zu Dieter Baumann gesagt: »Du wird nie ein großer Läufer, wenn du Alkohol trinkst.« Gibt es irgendwelche Lebensmittel oder Getränke die Sie vermeiden? Ich esse gerne das gute und gesunde Essen meiner Heimat: Viel Fleisch, Gemüse und Ugali, ein Getreidebrei aus Maismehl. Kein Fastfood. Das kenne ich aus Kenia gar nicht. Außerdem trinke ich keinen Alkohol. Sind Sie religiös? Wie die meisten Kenianer bin ich Christ, aber ich mache ungern viel Aufhebens darum. Einige Athleten behaupten, dass der Sport für sie zu einer Religion wurde. Wie ist das bei Ihnen? Mein Laufen ist weit von allen spirituellen Gedanken oder Praktiken entfernt. Das harte Training benötigt viel Disziplin, aber es ist nicht vergleichbar mit Religion.

Vielen Dank für das Interview.


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land oHnE kinoS Propaganda statt Aufklärung, Zensur statt Freiheit: Lange wurde die Kinokultur in Rumänien unterdrückt. Das Land ist arm an Kinos und ebenso arm an eigenen Filmen. Die Folgen sind gravierend – bis heute. text: Silke Brüggemann | layout & collage: Jan Zaiser

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anchmal sagt ein Film alles über ein Land, auch wenn dieser Film in dem Land nie gezeigt wird. Der rumänische Film »4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage« ist ein Beispiel dafür. Er spielt zur Zeit des Diktators Nicolae Ceauşescu, bis 1989 war dieser Staatspräsident in Rumänien. Ein Ziel seiner Politik: mehr Kinder für Rumänien. Die politischen Mittel  –  erschreckend: Ceauşescu bestrafte Abtreibungen mit bis zu 25 Jahren Gefängnis. Vor diesem Schicksal fürchtet sich auch die Hauptperson des Films. Die Studentin Gabita möchte abtreiben. Doch sie ist wie gelähmt vor Angst, entdeckt zu werden. Nach etlichen Lügen, Bestechungsgeldern und einem erschütternden Tauschgeschäft mit einem Arzt endet die Handlung tragisch.

Der Film ist sehr minimalistisch gestaltet, wirkt fast wie eine Dokumentation. Auf ergreifende Weise zeigt er das Leben in einer Diktatur. »Lass uns nie wieder darüber reden«, ist der letzte Satz des Films. Es könnte ein Sinnbild sein – drückt er doch aus, wie viele Rumänen heute mit der Schreckenszeit Ceauşescus umgehen: Die Zwänge sind vergessen, die Vergangenheit wird verklärt. Filme können Erinnerung lebendig machen. Sie können Menschen zeigen, die den Mut haben, über die dunklen Erlebnisse zu sprechen. »4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage« hat weltweit Preise abgeräumt, nur eines hat der Film nicht erreicht: In Rumänien in einem richtigen Kino zu laufen. Schuld daran hat ausgerechnet die Person, auf die die Kritik des Films zielt: Nicolae Ceauşescu. Er zensierte während seiner Amtszeit die

Kinokultur zugrunde. Persönlich wählte er Filme aus, die im Kino gezeigt werden durften; fast immer entschied er sich für Propaganda. Als die Filmemacher nach der Hinrichtung Ceauşescus 1989 frei waren, war die Kinokultur bereits wie verbrannte Erde: Hier konnte nichts mehr wachsen. Schnell wurde sie überrollt von der Konkurrenz aus Hollywood. Heute leben in Rumänien etwa so viele Einwohner wie in Nordrhein-Westfalen, insgesamt gibt es aber lediglich 30 Kinos. Die Rumänen sehen heute hauptsächlich US-Filme. Der erfolgreichste europäische Film war »Good bye, Lenin!« Sicher kein Zufall, dass ausgerechnet ein Film über Kommunismus, Manipulation so populär ist – in einem Land, in dem das einzige Licht in den Kinos jahrelang Projektionen der Propaganda waren. NOIR Nr. 2 4 (Februar 2 012)

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QuErBEE t

voll, nicHt Blau text: Sanja döttling | layout: tobias fischer

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ch rate Ihnen wirklich, in der Fachschaft mitzuwirken«, sagt unser Professor und es fehlt nur noch der mahnende Zeigefinger. »Man wirft Ihnen doch immer vor, dass sie nur das machen, was sie machen müssen.« Hunderte Erstsemester ziehen den Kopf ein. »Natürlich könnte ich zu den Fachschaftstreffen gehen«, sagt meine Nebensitzerin mit hörbar sarkastischem Unterton, »vorausgesetzt, es findet zwischen 22 und 6 Uhr mittwochnachts statt. Da habe ich noch Zeit.« Ganz so schlimm ist es nicht. Und dennoch denke ich mit Wehmut an die aufregenden Tage vor dem Studiumsbeginn zurück. Als mir acht anderthalbstündige Veranstaltungen so wenig vorkamen. Als ich dachte, als Student schläft man aus und trifft am Wochenende Freunde. Heute klingelt

mein Wecker zweimal die Woche um 6.30 Uhr. Am Wochenende lese ich all die Texte, schreibe die Hausaufgaben, E-Mails, Rechnungen, zu denen ich unter der Woche nicht komme. Vollzeitstudium definiert sich im Modulhandbuch der Politikwissenschaft so: »Es wird von einer regelmäßigen Studienzeit von 35 Stunden in der Woche ausgegangen bei 28 Tagen Urlaub.« Also »voll« im Sinne einer sehr langen To-DoListe. Und nicht im Sinne von leeren Bierflaschen. Aber seien wir mal ehrlich: Wir sind ja auch da, um etwas zu lernen. »Studere« ist Latein und heißt »sich um etwas bemühen.« Die Vorurteile über faule Studenten sind schlimm genug. Sie sollten nicht auch noch stimmen.

iMprESSuM noir ist das junge Magazin der Jugendpresse Badenwürttemberg e.v. ausgabe 24 – februar 2012 Herausgeber Jugendpresse Baden-württemberg e.v. fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart tel.: 0711 912570-50 fax: 0711 912570-51

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Chefredaktion anika pfisterer anika.pfisterer@noirmag.de (v.i.S.d.p., anschrift wie Herausgeber) andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de Susan djahangard susan.djahangard@noirmag.de Chef vom Dienst alexander Schmitz

Layout & Art Director tobias fischer

tobias.fischer@noirmag.de

Layout-Team tobias fischer, pascal götz, Sebastian nikoloff, andreas Spengler, Jan Zaiser layout@noirmag.de Anzeigen, Finanzen, Koordination Miriam kumpf miriam.kumpf@noirmag.de

alexander.schmitz@noirmag.de

Lektorat alexander Schmitz, noir chefredaktion

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Redaktion Silke Brüggemann (sbr), Judith daniel (jd), Susan djahangard (sd), Sanja döttling (sdl), caroline Haro (ch), lisa kreuzmann (lkr), Henrike ledig (hl), Meike krauß (mkr), leonie Müller (lm), Elisabeth omonga (eo), anika pfisterer (apf), anna ruppert (ar), alexander Schmitz (als), franziska Schwarzmann (fs), andreas Spengler (as), isabel Stettin (is), katharina tomaszewski (kt) redaktion@noirmag.de

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Druck Horn druck & verlag gmbH & co. kg, Bruchsal www.horn-druck.de

Titelbilder titel: maiwind / photocase.com teaser-fotos, v.l.n.r: kallejipp / photocase.com, Julia vogt / jugendfotos.de, givany hecht / jugendfotos.de Bildnachweise (sofern nicht auf der entspr. Seite vermerkt) S. 1 (oben): Hanna urschler / jugendfotos.de; S. 1 (unten, v.l.n.r.): privat, paula klattenhoff / Jugendpresse deutschland, privat; S. 2 »fotoreportage«: alexander Schmitz; »wissen«: rudolf Mustermann / jugendfotos.de; »reportage«: Meng Josephine / jugendfotos. de; »titelthema«: Julia Englert / jugendfotos.de; S. 4: Zlatko guzmic / fotolia.com; S. 6: Mike Michelus; S. 7: frank deesz; S. 8: dima gavriliuk / jugendfotos. de; S. 9: fritz Schumann / jugendfotos.de; S. 12: rapunzeln / photocase.com; S. 13: privat (2x); S. 14: schiffner / photocase.com; S. 16: Hina ichigo / flickr. com (cc-lizenz); S. 21 »alexander«: peter Scheerer; S. 23: franzi Zetsche / jugendfotos.de noir kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im abonnement 1,70 Euro pro ausgabe (8,50 Euro im Jahr, vorauszahlung, abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der telefonnummer 0711 912570-50 oder per Mail an abo@noirmag.de. für Mitglieder der Jugendpresse Bw ist das abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.


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NOIR - Ausgabe 24: Vorhang auf  

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