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Ausgabe 23 (November 2011) www.noirmag.de

Glaube Fluch oder Segen?

Querbeet

Thema

Kolumne

Aberglaube hinter der Theaterb端hne

Glaubensansichten: Sieben Geschichten

Freitags auf der Speisekarte: Backfisch & Co.


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Editorial

Heiliger Bimbam!

Man kann viel glauben. An Gott und die Welt. Ich persönlich glaube, mich tritt ein Pferd. Diese NOIR ist noch spiritueller: Sie wird von vielen Pferden getreten. Pferden in Form von Artikeln, die mit ihren Hufen euren Horizont anstupsen. Und wo wir schon im Tierreich sind, Elefanten dürfen auch nicht fehlen. Von denen waren zwei auf der Arche Noah. Ein weiterer Elefant kommt in einer buddhistischen Legende vor, in der er blinden Männern vorgeführt wird. Der Legende zufolge tastete ein Blinder nach dem Elefantenfuß. Er dachte, der Fuß sei ein Baumstamm. Ein anderer tastete nach dem Rüssel und dachte, es sei eine Schlange. Wo bleibt die Quintessenz? Wenn wir in einer Reihe stehen, in der gleichen Uniform, der gleichen Pose, mit den haargleichen Frisuren, so sind die Bilder in unseren Köpfen doch Welten auseinander. Wir pinseln unsere Welt in den Farben unseres Glaubens an. Rotgrünblau in allen Mischprodukten. Überall schimmert Glauben durch, er muss ja nicht immer himmlisch sein: in der Glückssträhne, im Orakel von Delphi, in Verschwörungstheorien, in der großen Liebe. Er steckt auch in der Wimper, die an unserer Wange klebt. NOIR pustet diese weg und wünscht euch was: viel Spaß beim Lesen!  Anika Pfisterer, Chefredakteurin

aUS DEM rEDAKTIONSLEBEN ...

Wenn Andreas nicht für NOIR arbeitet, sieht er sich die Welt an. Als Praktikant war er bei der Süddeutschen Zeitung. Einmal suchte er verzweifelt eine Pressekonferenz. »Da sind Sie hier völlig falsch«, sagte ihm eine rüstige Großmutter. »Steigen Sie ein, ich fahr Sie hin.« Sein Fazit: München ist eben eine andere Welt.

Als Atheistin amüsierte sich Leonie über einen »Gott-lieben«-Flyer der »Christen ohne Organisation«. »Die sind perfekt für die NOIR-Ausgabe«, dachte sie sich. Make-Up aufgefrischt und ab gings zum Interview. Doch dort hörte sie, dass Gott uns wertvoll findet, wie er uns erschaffen hat. Also auch ohne Make-Up.

Anika amüsiert sich köstlich über Wort-Kreationen wie die »Denkerstirn« aus dem Porträt über Deppendorf. Jetzt hat sie mit ihren Kollegen einen Slogan für die NOIR gesponnen: »Aus Liebe zum Journalismus.« Ihr amüsiert euch, findet es gelungen oder doof? Schreibt ihr:  anika.pfisterer@noirmag.de NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

04 Titel

24 Querbee t

23 Kommentar 19 Pro - Contr a

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Editorial. Aus der Redaktion Porträt. Ulrich Deppendorf

12 14 16 17 18

Porträt. pop-Art in der Kirche

Interview. Wissenschaft VS. Glauben

Titel. Wissen. Ansichten des Glaubens Fankult und Satanismus Reportage. Hirte im Knast

Lifestyle. Kirche im Web

Wissen. Kolumne. Pizza statt fisch Jungfrauengeburt und Co. Impressum

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19 20 23 24 24

Pro-Contra. Glauben ohne Kirche?

NOIR Nr. 23 (November 2 011)

Interview. Ausgestiegen ... Kommentar. Der Terrorist in Uns

Querbeet. Fleischverzicht? Querbeet. Aberglaube


Portr ä t

Der Neugierige mit der Denkerstirn Ulrich Deppendorf arbeitet am Puls der Politik: Seit vier Jahren leitet er das ARD-Hauptstadtstudio. Neugierde ist sein Antrieb. Text: Lisa Kreuzmann | Foto: Fabian Vögtle | Layout: Sebastian Nikoloff

V

ertraut man auf die Richtigkeit von Tierkreiszeichen, könnte der Wassermann folgendermaßen beschrieben werden: »die Nase klein, ein wenig rund, die Stirn eine hohe Denkerstirn.« Ulrich Deppendorf ist Wassermann. Er wurde am 27. Januar 1950 in Essen geboren. Und tatsächlich, bei genauem Hinsehen trifft es zu: Die hohe Stirn wird durch das lichte Haar noch betont. Sieht man Deppendorf zum ersten Mal nicht in der üblichen Sitzhaltung vor blauem Hintergrund, dann fällt eines zuerst auf: Der TVJournalist ist nicht nur beruflich, sondern auch körperlich in die Höhe geschossen. Seine Körpergröße von 1,93 Meter scheint den Eindruck zu begünstigen, den Durch- und Überblick zu haben. »Engelsgleich« beschreibt die Sternzeichen-Expertin den Wassermann. Ob überirdisch oder nicht, fest steht: Ulrich Deppendorf hat journalistisch Karriere gemacht. Seit 1976 arbeitet er beim Fernsehen. Als Volontär begann er beim Westdeutschen Rundfunk, Anfang der 1990er Jahre wechselte er zur ARD nach Hamburg. Schließlich zog es ihn nach Berlin. Dort wurde er zum ersten Mal Chef des ARDHauptstadtstudios. Nach einem Intermezzo in seiner rheinländischen Heimat als Programmdirektor beim WDR in Köln lockte ihn die Hauptstadt im Frühjahr 2007 erneut. Deppendorf erhielt seine alte Position als Studiochef zurück und blieb dort bis heute. Warum er Journalist geworden ist? Weil er so neugierig sei, antwortet der 61-Jährige. Neugier, Umtriebigkeit und Voraussicht. Stets auf

der Lauer, was der Morgen bringen wird und der Tag bereit hält. Sind das die Geheimnisse eines so erfolgreichen Journalisten? Aktuell sieht Deppendorf die He­ rausforderung der ARD darin, gezielt junges Publikum anzusprechen. Die Konkurrenz ist bekanntlich hellwach. Jetzt fragt er sich, ob die Tagesschau künftig in einem weniger konservativen Licht erscheinen soll. Eine Begrüßung nach dem Motto »Hallo, Hallöchen und hier die Tagesschau« möchte er dennoch ausschließen, sagt er und lacht. Deppendorf wirkt entspannt, aber nicht abgeklärt. Selbstsicher, aber nicht arrogant. Ganz der Wassermann, charakterisiert durch seinen »wachen, neugierigen Geist« und seinen »Hunger nach neuen Erfahrungen«. Ist es dieser Hunger, der ihn antreibt? Bis hin zur Perfektion, bis an die Spitze. So sagt man

es ihm nach. Wenn die Konkurrenz besser ist, heißt es in einem Artikel der ZEIT, ärgere er sich. Was seine Person angeht, bleibt er dennoch bescheiden. Auf die Frage, wie er denn geworden sei, was er heute ist, winkt er lächelnd ab, beginnt die Antwort mit einem »Joa, also«. Dem Eindruck, dass sein Erfolg mehr als eine glückliche Zusammenreihung von Zufällen ist, entkommt man nicht. Das Brillieren scheint ihm Spaß zu machen, dabei bescheiden und geradlinig zu bleiben ebenfalls. Ein Journalist der nüchternen Nachricht. Und er sei gerne Journalist, betont er. Richtig abschalten könne er als Hauptstadtstudio-Chef allerdings nur schwer; Urlaub mache er deshalb gerne weit weg. Am liebsten in den USA. Ein Tag ohne Nachrichten? Käme für ihn aber trotzdem nicht in Frage.

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titelthema

Daniel is t ein »Christ ohne org anisation« Judith feiert Weihnachten ohne Got t

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R affael s Vater is t Pfarrer Jonas gl aubt nicht mehr an Got t


titelthema

Ansichten des Glaubens Sieben Geschichten von Menschen und ihrem Glauben, ihren Religionen und ihren übersinnlichen Erfahrungen. Layout: Tobias Fischer

Gemeinde statt Volkskirche

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ie sind ein Beispiel dafür, wie Glaube heute oft gelebt wird: die »Christen ohne Organisation«. Jeden Abend nach der Arbeit treffen sie sich bei einem Mitglied im Wohnzimmer, um über Gott und die Bibel zu diskutieren. Ihr Wunsch: »das Leben mit Gott ernst nehmen.« Dieses Leben beinhalte mehr als den sonntäglichen Gang zur Kirche und die Predigt eines Pfarrers. »Bei uns stehen Gott und die Gemeinde an erster Stelle«, sagt Daniel*, 35 Jahre alt. Seit zwölf Jahren trifft sich die Gruppe täglich, redet im kleinen Kreis über ihre Erlebnisse, ihre Gedanken und ihr Leben mit der Bibel. Es gibt kein festes Programm und keinen Leiter. Zurück zum Ursprung, das ist ihr Ziel. Die »Christen ohne Organisation« zeugen von einer Entwicklung in der Gesellschaft: die Auflösung kirchlicher Strukturen. Ihnen gehe es nicht um evangelisch oder katholisch, nicht um den sonntäglichen Gottesdienst in der Kirche. Aber sie wollen den Glauben umsetzen, wie sie glauben, dass Jesus ihn vorgelebt hat. Obwohl viele Menschen immer mehr den Glauben an ihre Bedürfnisse anpassen, wollen die Christen ohne Organisation gerade mit ihrem Leben ein Zeichen setzen, indem sie ihr Leben auf Grundlage der Bibel führen. »Sie dient uns als Ratgeber und Leitfaden in allen Lebenslagen«, sagt Anja*, 41 Jahre, und holt eine kleine Bibel im Taschenbuchformat Text: Leonie Müller aus ihrer Tasche.

Gott mit Käfervorliebe?

A

ls Kind ging Jonas Pfeiffer* jeden Sonntag in die Kirche. Aufgewachsen im Pfarrhaus der kleinen Gemeinde, kannte er es nicht anders. Jonas’ Eltern sind beide Theologen. Als bei Jonas die Konfirmation anstand, beschäftigte er sich zum ersten Mal intensiv mit dem Glauben. Vieles machte ihn stutzig: Als überzeugter Naturwissenschaftler fand er kein rationales Argument für Gott. »Warum sollte ich mich dafür rechtfertigen?«, fragte er sich. Eigentlich müsse das in unserer von Logik geprägten Gesellschaft doch das Normale sein. Jonas erzählt, wie er bekannte Bücher zum Thema Atheismus gelesen hat und sie ihn stärker fesselten, als die Bibel es jemals geschafft hatte. Über Glauben zu streiten, findet Jonas zwecklos. Diskussionen müssen offen geführt werden und das sei mit überzeugten Kirchengängern unmöglich, meint er. Deswegen werden Gespräche zu diesem Thema am Esstisch der Familie Pfeiffer tunlichst vermieden. Schlimm findet Jonas das nicht, denn Glauben ist für ihn nichts anderes, als eine »minderwertige Form von Wissen« und somit schlicht unwichtig. Und falls es Gott doch gibt? »Dann hat er jedenfalls eine übertriebene Vorliebe für Käfer«, zitiert Jonas mit einem Augenzwinkern den Evolutionsbiologen J.B.S. Haldane. Im Gegensatz zu der Spezies Mensch gibt es hiervon immerhin über 500 000 Arten. Text: Maria Graef 

* Namen von der Redaktion geändert

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titelthema

Der Pfarrerssohn Weihnachten ohne Gott

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ch gehe nicht einmal an Ostern in die Kirche. Aber an Weihnachten, das muss schon sein. Warum eigentlich? Ich habe Religion abgewählt; gehe in den Ethikunterricht. Beten ist mir fremd, und auch meine Eltern leben ihren Glauben nicht im Alltag. Aber Weihnachten ist ein zentrales Fest unserer Familie. Ich freue mich jedes Jahr darauf, baue die selbstgetonte Krippe auf, schmücke den Baum und backe Plätzchen. An Heilig­abend kommt meine ganze Familie zu Besuch, dann sitzen wir im Wohnzimmer und singen Weihnachtslieder: »Es ist ein Ros’ entsprungen«, »Kommet ihr Hirten« und »Vom Himmel hoch«. An Weihnachten ist in den Kirchen eine besondere Stimmung. Es ist das Fest der Liebe. Jeder ist willkommen und man einigt sich auf ein Gefühl: Egal, was wir sonst für Sorgen haben, hier in dieser Stimmung sind wir gut aufgehoben. Ob das Leuchten in allen Augen nun göttlich ist oder von Glühwein und Kerzen herrührt, ist auch egal. Weihnachten ist wie eine Umarmung. Es gibt Wärme und Sicherheit. Und der Gedanke, dass vor langer Zeit jemand geboren wurde, der dieses Weihnachtsgefühl sein Leben lang verbreitete, ist doch schön. Über seinen Titel »Sohn Gottes« darf man sich dann im neuen Jahr wieder streiten.  Text: Judith Daniel

Die Kraft der Meditation

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lles, was ich weiß, habe ich von meiner Mama«, sagt Liv. Sie habe ihr früh beigebracht, die großen Religionen kritisch zu hinterfragen. Stattdessen zeigte ihre Mutter ihr eine andere Form von Religion: Meditationsübungen und spirituelle Riten. Heute hat Liv ihren eigenen Glauben, ihr eigenes Bild von der Welt. Sie suche den Halt, der zu ihr passt. Am Tag ihrer ersten Periode hielt ihre Mutter einen Ritus ab, der den ganzen Tag andauerte: Mit der Verbrennung eines heiligen Tabaks wurde sie in die Gemeinschaft der Frauen aufgenommen. Die Überzeugung bleibt, dass es Lebewesen und Energien gebe, die »wir als normale Menschen« nicht wahrnehmen können. Liv hat in dieser Welt aus Meditationen und indischen Riten einen Platz gefunden, an dem sie sich

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affael, diesen Namen gaben ihm seine Eltern vor 19 Jahren. Übersetzt bedeutet er »Gott heilt«. Ein christlicher Name, denn Raffaels Vater ist Pfarrer in einer Kirche in Leinfelden-Echterdingen. »Als Kind hatte ich kein Pro­blem damit, ein Pfarrerssohn zu sein –  jeder kannte dich und jeder mochte dich«, erzählt er. Christliche Werte bedeuten ihm viel, weil diese »wichtig sind für die Entwicklung eines gesellschaftstauglichen Wesens«. Doch in der Pubertät wollte Raffael sich von seinen gläubigen Eltern abgrenzen. Obwohl er von Kinderkirche bis Jungschar alles erfahren hatte, begann für ihn eine gottlose Zeit. »In der Pubertät ist das Leben als Sohn eines Pfarrers nicht einfach«, sagt er und erinnert sich an sein erstes Bier auf einem Straßenfest. Die Leute redeten über den Pfarrerssohn, »wenn ich die ein oder andere Sache in der Pubertät ausprobiert habe«. Nicht nur gegen seine Eltern, sondern auch gegen das Bild des typischen Pfarrerssohns hat er rebelliert. Doch der Glaube hat ihn auf seinem Weg wieder eingeholt: Irgendwann kam in seinem Leben der Punkt, an dem er über die Existenz eines Gottes nachdenken musste. »Wie im Leben eines jeden Menschen«, sagt er und grinst. »Ich wäre auch ohne meine Eltern Christ geworden. Aber ich musste einfach meinen eigenen Weg finden.«  Text: Melanie Michalski

aufgehoben fühlt. Sie will noch viel ausprobieren, Neues erfahren und damit umgehen lernen. Sie sei immer wieder selbst überrascht, welche Kräfte in ihr und ihrer Umwelt stecken, erzählt sie. Jeder Mensch könne das nutzen. »Man muss es nur an sich heranlassen.« Wenn es ihr schlecht geht, stellt ihre Mutter ihr Aufgaben, die ihr helfen. »Ich musste meine böse Energie benennen und zähmen lernen. Ich soll sie zu meinem Freund machen, damit ich ihre Kraft positiv nutzen kann.«  Text: Judith Daniel


titelthema

»W

Glaube mit Humor

ir haben zwei Heimaten«, sagt Angie, 57 Jahre alt. »Drei bis vier Monate im Jahr sind wir in Indien, den Rest des Jahres verbringen wir in Deutschland.« Seit 34 Jahren sind sie und Sriram, 60, ein Paar. Kennengelernt haben sie sich in Indien. Die indische Kultur hatte es Angie schon lange angetan, ebenso der Hinduismus. »Ich fühle mich mit dem Hinduismus verbunden, weil er im Gegensatz zu anderen Religionen keine ›Sekte‹ ist, bei der man durch Taufe eintritt. Die Geschichten des Hinduismus sind außerdem voller Humor und Doppeldeutigkeiten und finden sich somit im täglichen Leben wieder. Das Pendeln zwischen der westlichen und der asiatischen Welt stellt für das deutsch-indische Ehepaar kein Problem dar: Überall können sie ihren Glauben leben. Dazu gehört zum Beispiel das Aufstellen von Blumen vor Figuren, Bildern und Symbolen des Hinduismus und das Opfern von Essen. Das sei wichtig, um sich bewusst zu werden, dass das Essen nicht mein Eigentum, sondern nur ein

Geschenk ist. Angie und Sriram zeigen, wie sich auch der Glaube mit der Globalisierung verändert hat. Die Religionen werden dezentraler, sind nicht mehr gebunden an Orte und Gegebenheiten. Sie werden globaler, flexibler und damit auch persönlicher. Der Glaube begleitet die Menschen überall hin – und verbindet sie über den ganzen Globus.  Text: Leonie Müller

Studieren mit Gott

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heologie? Ägyptologie? Oder vielleicht doch vor dem Studium ein FSJ in Israel? Tashina, 21 Jahre, hatte sich viele Gedanken gemacht für die Zeit nach dem Abitur. »Aber ich hatte nie das Gefühl ›Ja, das ist es!‹«, erzählt sie. Bis die Zusage vom »Europäischen Theologischen Seminar« kam. Das ist eine Ausbildungsstätte der »Gemeinde Gottes«, einer evangelisch-freikirchlichen Pfingstgemeinde, die in den meisten Ländern Europas und anderen Teilen der Welt vertreten ist. Seit letztem Jahr studiert Tashina hier Theologie mit pastoralem und musikalischem Schwerpunkt. »Meine Mutter war anfangs etwas kritisch. Schließlich kann ich mit einem solchen Studium nicht unbedingt viel Geld verdienen«, erzählt

Tashina. »Aber sie war trotzdem happy; schließlich ist sie selbst sehr christlich.« Das besondere am ETS ist, dass viele Schüler auch in der Schule wohnen. Die Schüler kommen von überall her: USA, Indonesien, Rumänien. Man verbringt viel Zeit miteinander und wird geformt durch all die Konflikte und schönen Erlebnisse, die man zusammen hat. Tashinas Tag an der Schule beginnt um kurz vor Acht, da springt sie aus dem Bett und eilt nach unten zum Unterricht. Viel Freizeit bleibt der jungen Theologiestudentin aber nicht: Mindestens eine Stunde am Tag muss sie Klavier üben, eine weitere Altgriechisch lernen, damit sie später die Urschriften der Bibel lesen kann. Trotzdem würde sie das Leben, das sie hier hat, gegen kein anderes eintauschen wollen. Sie genießt die Zeit in Gemeinschaft, sagt Tashina. »Und meine Beziehung zu Gott ist viel intensiver geworden!« Text: Bettina Schneider  NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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Reportage

Ein Hirte zwischen Knastmauern Der katholische Gefängnisseelsorger Peter Knauf kümmert sich auch um muslimische Gefangene. Weil viele Moslems seinen Gottesdienst besuchen, liest er an Heiligabend auch aus dem Koran. NOIR-Autor Martin Zimmermann hat den religiösen Arbeitskreis im Gefängnis besucht. Text: Martin Zimmermann | Layout: Tobias Fischer

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er Petrusfigur im Dom genügt ein einziger Schlüssel, um die Himmelstür aufzuschließen. Gefängnisseelsorger Peter Knauf aber braucht einen schweren Schlüsselbund, um in seine Kirche zu gelangen. Wenn er morgens mit seinem Auto durch die Gefängnisschleuse fährt, muss er zwischen den beiden Toren, die sich nicht gleichzeitig öffnen lassen, Ausweis und Handy abgeben. Lastwagen, die ihm aus dem Gefängnis entgegen kommen, werden in der Schleuse an einen Herzfrequenzmesser angeschlossen. Hätte sich

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ein Häftling im Lkw versteckt, würde das Gerät seinen Herzschlag anzeigen. Die Kirche liegt im obersten Stock von Haus eins, einem Gebäude aus der Kaiserzeit. Die Zellen sind hier als Einzelzellen gebaut, trotzdem meist doppelt belegt, die Toiletten sind nicht abgetrennt. Weil diese Überbelegung eigentlich gegen die Menschenwürde verstößt, muss jeder Gefangene vorher eine schriftliche Einverständniserklärung unterzeichnen. Vorbei an den schweren, mit einem kleinen Guckloch versehenen Eisentüren der Zellen gelangt man über das Treppenhaus in die


reportage

Gefängniskirche. Die Kirche ist ein Ort, der schon architektonisch Gemeinschaft stiftet –  im Kon­ trast zu den Gefängnismauern. Die Kirchenbänke sind nicht im rechten Winkel, sondern parallel zum Gang rechts und links angeordnet. Die Gottesdienstbesucher sitzen sich gegenüber. Die Deckenlampen sind in einem Leuchtkreis angeordnet, der Zusammengehörigkeit symbolisiert; einer Zusammengehörigkeit, die vor Religionsgrenzen nicht Halt macht. Im Heiligabendgottesdienst liest Peter Knauf die Sure Maryam aus dem Koran vor. In dieser 19. Sure ist von der jungfräulichen Geburt Jesu die Rede. Rund ein Drittel seiner Gottesdienstbesucher sind Moslems. »Dazu kommen einige Russisch-Orthodoxe und einige, die nicht genau wissen, was sie sind«, sagt Knauf. Jeden Montag kommen die Gefangenen zu Peter Knauf in den Nebenraum der Kirche. Er liest mit ihnen in der Bibel und dem Koran und diskutiert Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Religionen. »Die Häftlinge kommen freiwillig. Das ist mir wichtig«, sagt Peter Knauf. »In anderen Freizeitgruppen werden die Gefangenen ausgeschlossen, wenn sie unentschuldigt fehlen. Das ist hier bewusst nicht so.« Der Arbeitskreis »Bibel und Koran« gilt als religiöse Veranstaltung, von der Gefangene nicht aus disziplinarischen Gründen ausgeschlossen werden können. Früher leitete Knauf die Gruppe gemeinsam mit dem afghanischen Religionsgelehrten Hossein Fatimi aus Pforzheim, doch der hörte vor zehn Jahren aus Al-

Sechs Häftlinge sitzen mit Peter Knauf an einem Tisch. Es gibt Kaffee und Kekse. tersgründen auf. Seither ist Knauf auf der Suche nach einem islamischen Pendant. Einer der Gefangenen, Yussuf (Namen geändert), rollt vor Beginn der Veranstaltung den Gebetsteppich aus und neigt sich gen Mekka. Der junge Algerier hat noch neun Monate wegen Körperverletzung abzusitzen. »Ich habe gegen ein Gebot Gottes verstoßen und Alkohol getrunken. Im Rausch bin ich gewalttätig.« Er glaubt, die Strafe wegen der Sünde gegen Gott und das Opfer »zweifach verdient« zu haben. Dieses Mal sind sechs Häftlinge gekommen: ein Deutscher, ein Bosnier, ein Algerier, ein Türke, ein Marokkaner und ein Tunesier. Man sitzt an einem großen Tisch. Es gibt Kaffee und Kekse, die Knaufs Ehefrau gebacken hat. Der Vater von drei Söhnen hat sich einst gegen die Priesterweihe und für die

Gründung einer Familie entschieden. Der Theologe liest Stellen aus der Bibel und vergleichbare Koransuren in deutscher Übersetzung vor. Er legt Wert darauf, nicht missionieren zu wollen. Auch geht es nicht um Unterricht, sondern um einen Dialog, bei dem sich jeder einbringen kann. Zum Anfang des Jahres fängt er mit der Schöpfungsgeschichte wieder von vorne an. Sehr weit kommt

In der Arbeitsgruppe geht es nicht nur um religiöse Diskussionen. Die Gefangenen erzählen Peter Knauf auch ihre Sorgen und Nöte. er nicht, denn die Gefangenen sind aufgefordert nachzufragen und zu diskutieren. Davon machen sie regen Gebrauch. Yussuf will wissen, ob die Christen wirklich glauben, dass der Mensch vom Affen abstammt. Schließlich sei Charles Darwin doch ein Christ gewesen. Er könne dies nicht glauben, schließlich stünde im Koran, dass Affen keine Seele haben. Schnell findet er im Koran eine entsprechende Sure, um dies zu belegen. In der Sure al-Baqara, liest Yussuf vor, sagt Allah zu denen, die den Sabbat nicht befolgen: »Werdet verstoßene Affen«. Es entspinnt sich eine Diskussion über die Begriffe Seele und Geist und darüber, was Tiere von Menschen unterscheidet. Bei Wolfgang hat die Gruppe das Interesse an islamischer Kultur geweckt. Er hat sogar angefangen, Arabisch zu lernen. Yussuf und Ali dagegen nutzen die Gruppe, um besser Deutsch zu lernen. »Ob da die neun Monate, die ihr noch abzusitzen habt, ausreichen«, frotzelt Deniz. Er sitzt eine langjährige Strafe ab. Religiöse Diskussionen sind aber nicht der einzige Aspekt der Arbeitsgruppe. Peter Knauf ist auch ein Ansprechpartner für die Sorgen und Nöte der Gefangenen. Ali, ein Tunesier, wird gefragt, wie er die Lage in seiner Heimat sieht. »Gut und nicht gut«, meint Ali. »Gut, dass der Diktator Ben Ali weg ist. Nicht gut, dass man nicht weiß, was nachkommt.« Hassan und Deniz beschweren sich, dass sie beim Freitagsgebet erst spät in den Gebetsraum gelassen wurden. Peter Knauf empfiehlt ihnen, den Gefängnisdirektor zum nächsten Freitagsgebet einzuladen und ihm im Gespräch zu erklären, wie wichtig ihnen der Ablauf dieses Gebets sei. Als das Treffen zu Ende ist, wartet bereits ein Vollzugsbeamter vor der Kirche, um die Häftlinge wieder in ihre Zellen einzuschließen.

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Wissen

Unsterblich? Himmel, Hölle, Wiedergeburt? Warum lässt Gott Böses geschehen? Und kann es sein, dass die Jungfrauengeburt ein Übersetzungsfehler war. Diese drei großen Glaubensfragen nehmen wir genauer unter die Lupe. Texte: Leonie Müller | Foto: Harriet Hanekamp | Layout: Tobias Fischer

G

ibt es ein Leben nach dem Tod? Diese Frage beschäftigt Menschen aller Kulturen seit Jahrtausenden. Die Auferstehung Jesu Christi wurde bei uns zum gesetzlichen Feiertag. Kinder lieben die Gruselgeschichten von Geistern, die um Mitternacht auf dem Friedhof rumspuken. Aber was steckt dahinter? Die großen Weltreligionen haben sehr eigene Ansichten: Der Hinduismus glaubt an die Wiedergeburt in verschiedenen Körpern, im Buddhismus kann man aus dieser Wiedergeburts-Kette ausbrechen und das Nirwana, die vollendete Seelenruhe, erreichen. In Christentum, Judentum und Islam gibt es das Paradies und die Hölle, wenn auch in sehr unterschiedlichen Formen. Aus der christlichen Hölle gibt es kein Entkommen, während im Islam Allah die Dauer des Aufenthaltes bestimmt. Für Forscher ist dieses Thema ebenfalls ein spannendes Feld. Wissenschaftlich lassen sich

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viele Vorgänge nicht erklären − zum Beispiel die Nahtoderfahrungen, die Menschen überall auf der Welt machen und die oft sehr ähnlich ablaufen. Die Seele des Sterbenden scheint den Körper zu verlassen und von oben auf ihn und den ganzen Raum blicken zu können. So konnten klinisch Tote, die wiederbelebt wurden, im Nachhinein genau beschreiben, wie der Raum oder der Ort ausgesehen hat. Sie wussten sogar, wo der Krankenwagen geparkt hatte, während sie klinisch tot waren. Ebenfalls unerklärlich bleiben Tonbandaufnahmen und Fotos, auf denen Personen erscheinen, die bei der Aufnahme nicht anwesend waren. Auch gibt es Menschen, die unter Hypnose in ein vermeintlich früheres Leben zurückversetzt wurden und von dieser Zeit erzählen konnten. Das Leben nach dem Tod bleibt mysteriös – und wohl eine persönliche Glaubensangelegenheit.


Wissen

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ie Bibel – ein altes und besonderes Schriftstück, das für viele Menschen die Grundlage ihres Glaubens darstellt. Doch unter welchen Bedingungen ist sie entstanden? Ist sie wörtlich zu verstehen oder symbolisch? Die Bibel ist in einem fast unüberschaubar langen Zeitraum entstanden, 2 000 Jahre haben Spuren hinterlassen. Immer wieder wurden Form und Inhalt verändert, Texte ausgeschmückt, weggelassen – und übersetzt. Was das für die Bibel in ihrer heutigen Form bedeutet, versuchen Forscher seit langem herauszufinden. Das wohl prägnanteste Beispiel für diese Forschung und ihre Folgen ist die Jungfrauengeburt. Dass Maria bei der Geburt Jesu noch Jungfrau war, ist besonders in der katholischen Kirche zentraler Bestandteil

des christlichen Glaubens. Vom wissenschaftlichen Aspekt her ist jedoch von einem Übersetzungsfehler auszugehen: Im hebräischen Bibeltext ist die Rede von »alma«, einer jungen Frau im heiratsfähigen Alter. In der Übersetzung ins Altgriechische wurde daraus »parthenos«, was sowohl junge Frau, als auch Jungfrau bedeuten kann. Bei weiteren Übersetzungen wurde daraus Jungfrau. Ein gewaltiger Unterschied – erregt diese biologisch fragwürdige Geschichte doch überall auf der Welt die Gemüter und distanziert den modernen Menschen wohl eher von der Kirche, als sie mit ihm zu verbinden. Während die evangelische Kirche diese Lehre als irrelevant für den christlichen Glauben bezeichnet, tut sich die katholi-

Die Theodizee-Frage. Gott und das Übel in der Welt

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Die Jungfrauengeburt – ein Übersetzungsfehler?

o war Gott, als es mir schlecht ging? Wie kann Gott das Böse zulassen? Die Theodizee-Frage (griechisch »theós« (Gott) und »diké« (Gerechtigkeit)) behandelt die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes angesichts des Bösen in der Welt. Seit der Antike wird diese Frage diskutiert. Schon vor 2 300 Jahren formulierte der griechische Philosoph Epikur die Problemstruktur dieses Themas: »Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft. Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist. Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zu-

sche mit diesem Sachverhalt deutlich schwerer. Der heutige Papst Joseph Ratzinger schrieb bereits 1967 in seinem Buch »Einführung in das Christentum«, die Lehre vom Gottsein Jesu würde nicht angetastet, wenn Jesus aus einer normalen menschlichen Ehe hervorgegangen wäre. Diese theologische Aussage verdeutlicht bis heute, dass die Kirchen mit der Bibelforschung so manches Problem haben und versuchen, unangenehme Ergebnisse irgendwie zu umgehen. Dauerhaft werden Kirche und Wissenschaft einen Weg finden müssen, miteinander umzugehen.

gleich, also nicht Gott. Oder er will es und kann es, was sich allein für Gott ziemt.« Die Religionen antworten alle sehr unterschiedlich auf dieses Problem. Die Bibel widmet der Sache ein ganzes Buch (die Hiob-Geschichte). Dort verspricht Jesus letztendlich Gerechtigkeit im Paradies. Das Judentum sieht Leid als strafende Konsequenz der Sünde an. Der Islam lehrt den Glauben an das Jenseits; damit ist das Leben eine Prüfung, in der vom Menschen auch falsche Entscheidungen getroffen werden. Eine umfassende Erklärung aber liefert keine Religion. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich ebenfalls verschiedene Meinungen herausgebildet: Manche sagen, Gott habe sich von den Menschen zurückgezogen, weil sie ihn ablehnen. Andere sehen in der fast unbegrenzten Freiheit des menschlichen Willens die Ursache allen Übels. Für den deutschen Philosophen Gottfried Leibniz, der im 18. Jahrhundert den Begriff »Theodizee« prägte, bedeutete das Böse die Chance zur eigenen Vervollkommnung und Verbesserung der Welt. Wieder andere meinen einfach: Gottes Wege sind eben unergründlich. NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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Reportage

Maria aus der Spraydose Zwei Künstler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: STEFAN STRUMBEL ist derzeit der bekannteste Pop-Art Künstler Deutschlands. Wie Leonardo da Vinci im 14. Jahrhundert verändert er heute den Kirchenstil: Er sprayt schrille Graffiti in Kirchen. Text: Laura Wolfert | Layout: Borris Golinski

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eonardo da Vinci rebellierte im 14. und 15. Jahrhundert mit seiner Kunst gegen die traditionelle Art der Kirche. Er malte das Gemälde »Die Madonna in der Felsengrotte«, das eine Auftragsarbeit der »Bruderschaft der Unbefleckten Empfängnis« für die Kirche San Francesco in Mailand war. Da Vinci zeichnete Jesus ohne Gold und Heiligenschein. Das Bild entsprach nicht mehr dem kirchlichen Dogma und wurde deshalb nie der Kirche übergeben. Was hätte aber die Kirche damals wohl gesagt, wenn ein ehemaliger Graffiti-Künstler die heilige Maria in bayerischer Tracht darstellen und eine Kirche mit bunten Farben ausmalen würde? Der moderne da Vinci heißt Stefan Strumbel. Mit zwölf Jahren begann er, Graffiti auf Wände und Züge zu sprayen. »Der U-Bahn-Raum ist eine offene Kunstszene. Dort kommen selbst Leute mit Kunst in Berührung, die nie in eine Gallerie gehen würden. Züge und ICE-Züge machen dich und deine Werke dort bekannt, wo sonst Keiner seine Kunst zeigt«, sagt Strumbel. Heute sprayt er aber nicht mehr an Züge oder Wände. Seit 2001 ist Strumbel ein freischaffender Künstler und befasst sich mit dem, was jeden betrifft: »Heimat. Das hat für jeden eine andere Bedeutung. Das ist auch gut so, denn jeder sieht in meinen Arbeiten etwas anderes.« Der Schwarzwald inspiriert ihn. Strumbel malt Bommelhutmädchen mit Gewehren und fiesen Sprüchen, erschafft pinkfarbene Kuckucksuhren mit Handgranaten. Darüber sprayt er Sprüche, die

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schocken. »Heimatdroge« oder »Who killed Bambie?« sollen ausdrücken, dass einen die Heimat ein Leben lang beschäftigt. Er kombiniert seine Ideen auch mit Religiösem. Eine Provokation? Für Stefan Strumbel nicht. »Ich habe noch viele weitere Ideen, die ich umsetzen werde und die vielleicht noch mehr schocken werden.« Doch wie kam Strumbels Kunst in eine Kirche? Es war eine normale Kirche in Goldscheuer bei Kehl, die verändert werden sollte. Das Gotteshaus stand kurz vor der Schließung. »Es kamen zu wenig Besucher. Die Kirche füllte sich nur zu zwei bis drei Prozent. Da hat man sich


Reportage

schon überlegt, wofür man die Kirche gebrauchen ihr Geld zurück«, erinnert sich Renate Hauer aus könnte, aber die Gemeinde wollte sie behalten dem Pfarrgemeinderat. Strumbels Kunst wurde und spendete«, erzählt Thomas Braunstein, Pfar- als Gottesverspottung deklariert. Doch Pfarrer rer von Goldscheuer. Auch im Pfarrgemeinderat Thomas Braunstein verstand, was der Künstler überlegte man, wie man mehr Besucher anlocken aussagen wollte und half, seine Absicht mit Artikönnte. Man kam auf Herrn Strumbel, der durch keln im Amtsblatt zu vermitteln. »Ich habe mit dem einen Mann berühmt wurde: Karl Lagerfeld. Lied ›Maria ist im Volke‹ gezeigt, dass Strumbels Der war begeistert, als er Strumbels Uhr geschenkt Maria in Tracht durchaus berechtigt ist. Er hat sie bekam. Als im Stern zu Lagerfelds 75-jährigem mit einem Zeichen unseres Volkes verbunden. Das Geburtstag ein Bild davon veröffentlicht wurde, haben sie verstanden. Die Gemeinde steht mittlerschlug Strumbels Sternstunde. Er gewann 2007 das weile voll hinter ihm«, sagt Pfarrer Braunstein. erste Graffiti-Stipendium der Welt und arbeitete So konnte Strumbel der Kirche einen neuen immer häufiger im Ausland. Der Anstrich verleihen. ehemalige Graffiti-Sprayer hatte »Es war ein tolles Gefühl, mit der Wo früher Empörung Einzelausstellungen in der »One aufkam, wegen eines Spraydose in der Kirche zu steMan Show«, Galerie Springmann Bildes, das dem Dogin Freiburg und auch Ausstellun- hen. Ihre Macht fasziniert mich!« ma nicht entsprach, gen in New York, Basel und Polen. kommen heute Leute Die New York Times ernannte ihn jedes Alters in die Kirzum zurzeit besten Pop-Art-Künstlers. Die Kirche che. Sie finden sich in der modernen Gestaltung engagierte ihn als ihre letzte Rettung. Sie über- wieder – mehr als je zuvor. Das Haus Gottes. Die ließ ihm die komplette Innenraumgestaltung der Heimat Gottes. Von einem zweiten da Vinci revoKirche. lutioniert. Mit seinem Hauptthema verbunden, will er nicht nur die Kirche retten. Er will einen Ort schaffen, wo Menschen ein Stück Heimat finden: Heimatgefühle in das Gotteshaus bringen. Strumbel kleidet seine heilige Maria kurzerhand in eine Tracht. Die Gemeinde ist empört: »Ein Teil wollte NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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InteRview

Die Sinne täuschen nicht Wo endet die Wissenschaft, wo beginnt der Glaube? Es ist eine Debatte, die so alt ist wie die Menschheit. NOIR lud den Theologen Albert Biesinger und den Neurobiologen Boris Kotchoubey zum Streitgespräch. Text & Fotos: Sanja Döttling | Layout: Tobias Fischer

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arum glauben Menschen? Biesinger: Zum einen haben sie die Kompetenz, über das hinauszufragen, was empirisch verstanden werden kann. Sie treffen die Option: »Es muss mehr als alles geben.« Der zweite Grund ist, dass Menschen sich sagen: »Ich kann mich zwar darauf einlassen, dass mit dem Tod alles aus ist – das ist mir aber zu kurzschlüssig. Ich frage noch weiter, über den Tod hinaus.« Ein anderes Beispiel ist die Entstehung des Universums. Ich gehe selbstverständlich vom Grundmodell Evolution aus, frage aber als Theologe noch weiter. Nach der Bedingung der Möglichkeit, dass etwas ist. Die religiöse Frage ist deshalb immer die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit der Wirklichkeit und der Existenz des Menschen. Kotchoubey: Ich frage mich eher, warum manche Menschen nicht glauben. Und zwar deshalb, weil ich mir den Glauben etwas breiter vorstelle: über den religiösen Rahmen hinaus. Menschen glauben, weil sie prinzipiell nicht alles wissen können. Sie brauchen eine Basis, die sie nicht genau prüfen können. Was gehört für Sie zur breiteren Definition von Glauben? Kotchoubey: Der Glaube zum Bei-

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spiel, dass mich meine Sinne normalerweise nicht täuschen. Wenn ich Sie jetzt sehe, dann existieren Sie tatsächlich. Und daran glaube ich. Wenn man tiefer geht, dann kommt man zu dem Punkt, dass man das nicht beweisen kann, dass sie vor mir sitzen. Ich muss also bestimmte Glaubensinhalte haben. Biesinger: »Was glaubt, wer nicht an Gott glaubt?« – So haben es Kardinal Carlo Martini und Umberto Eco im Dialog thematisiert. Wenn ein Mensch sagt, es gibt keinen Gott, dann glaubt er eben, dass Gott nicht ist. Man kann weder beweisen, dass Gott existiert, noch dass er nicht existiert. Gott ist weiter und komplexer als unsere menschlichen Gehirnstrukturen. Kotchoubey: Die Ursache des Glaubens ist die unendliche Komplexität der Welt. Wir tendieren dazu, die Komplexität zu unterschätzen, um Vorhersagen zu treffen. Dazu vereinfachen wir Prozesse der Welt, die eigentlich viel komplexer sind. Die Begründer unserer modernen Wissenschaft, wie Galileo, haben einen Weg der Vereinfachung gefunden. Darin liegt ihre Genialität. Jeder kann sehen, dass ein Stein schneller fällt als eine Feder. Man muss aber, um wissenschaftliches Wissen aufzubauen, gewisse Aspekte vernachlässigen, wie den Luftwider-

stand – dann fallen Feder und Stein gleich schnell. Aber wenn wir mit dem Fallschirm springen, können wir vom Luftwiderstand nicht absehen, denn er entscheidet über Leben und Tod. Man darf diese Vereinfachung nur bis zu einem gewissen Punkt betreiben. Es gibt zum Beispiel chemische Systeme, bei denen man keinen Schritt auslassen kann. Die Systeme kann man im Nachhinein zwar erklären, mit dem Ursache-Wirkung-Prinzip. Aber in die Zukunft kann man sie nicht vorhersehen. War die Entstehung des Glaubens eine Form, die Wirklichkeit zu vereinfachen? Kotchoubey: Gott ist für mich ein Begriff, der auf der gleichen Stufe steht wie die Welt als Ganzes. Wenn es Gott gibt, dann ist er nach Definition also unendlich komplex. Das heißt, wir können ihn nicht verstehen und damit auch nicht wissen. Biesinger: Ich sehe das so: Alles, was Naturwissenschaften entdecken, hilft mir als Theologe, den Schöpfer der Welt, also Gott, besser zu verstehen. Gerade weil ich davon ausgehe, dass Gott die Welt in Prozessen der Evolution erschaffen hat. Der Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Glaube muss aufgebrochen werden, sie schließen sich nicht aus.


Interview

Albert Biesinger wurde 1948 in Tübingen geboren, studierte katholische Theologie und Pädagogik. Seit 1991 ist Biesinger Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen und seit 2001 Leiter des Instituts für berufsorientierte Religionspädagogik.

Boris Kotchoubey wurde 1952 in Russland geboren. 1992 kam er nach Deutschland und ist heute Professor am Institut für medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie an der Universität Tübingen.

Herr Kotchoubey, sind Sie gläubig? Wie vereinen Sie das mit Ihrem Beruf? Kotchoubey: Ich sehe darin keinen Widerspruch, solange man Gott nicht auf bestimmte Bilder reduziert. Es gibt einen Punkt, an dem ich an die Grenzen der Unvereinbarkeit komme. Glauben immer weniger Jugendliche an Gott? Biesinger: Der Religionsmonitor des Bertelsmann-Verlages zeigt: Die Hälfte der deutschen Jugendlichen ist in verschiedener Ausprägung religiös. Das andere größere Segment ist nicht atheistisch sondern agnostisch. Sie wissen nicht, ob es Gott gibt oder nicht. Die Statistik verändert sich durch die hohe Anzahl an Migranten, die tendenziell religiöser sind als die Jugendlichen der Mehrheitsgesellschaft. Kotchoubey: Die Zunahme des Atheismus ist ein kulturspezifisches Phänomen, das nur in ganz bestimmten Gesellschaften existiert. In Westeuropa sehen wir, je stärker entwickelt die Wissenschaften sind, desto weniger herrscht der Glaube vor. In Amerika, Afrika, Osteuropa

oder in asiatischen Ländern sehen wir diesen Zusammenhang nicht. Biesinger: Vielleicht hängt das auch mit der Erfahrung zusammen, dass in den reicheren Ländern die Leute ihr Leben auch ohne Gott gestalten können. Man sagt: »Not lehrt beten.« Meine Theorie, warum Jugendliche zu Atheisten werden: Sie wollen mehr Selbstbestimmung und niemand anderen über sich stellen. Kotchoubey: Teilweise stimme ich zu. Es gibt in jedem das Bedürfnis, selbstbestimmt zu leben. Aber auch das Bedürfnis nach einer bestimmten Regelmäßigkeit. Viele Bücher in der Erziehungswissenschaft sagen aber, dass wir Jugendliche mit Selbstbestimmung überfordern. Sie fühlen sich in einer Welt ohne Regeln verloren. Welche Rolle kann hier eine Religion spielen? Wenn wir die russisch-orthodoxe Kirche mit der lutherisch-evangelischen Kirche

vergleichen, schreibt die eine viel und die andere fast gar nichts vor. Das ändert nichts daran, dass die Jugendlichen auch aus der evangelischen Kirche aussteigen. Wenn Ihre Theorie stimmen würde, würden sie der evangelischen Kirche zulaufen. Und wenn Jugendliche in der Kirche nach Regeln suchen? Biesinger: Es gibt zwar Zulauf zu den Freikirchen, die große Gottesdienste feiern und klarere Orientierung in einer komplexen Welt bieten. Aber auch in den beiden großen Kirchen gibt es große religiöse Jugendtreffen. Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen sich allgemein vom Glauben zurückziehen. Es gibt einen gewissen Rückzug von den Kirchen, aber auch von den Parteien. Also allgemein einen Rückzug aus der Verbindlichkeit. Vielen Dank für das Gespräch.

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Reportage

SüSS, Sexy, Synthesize Text: Judith Daniel | Layout: Sebastian Nikoloff

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ie Luft vibriert, es ist unglaublich laut, dabei hat das Konzert noch nicht begonnen. Tausende von kleinen Leuchtstäben bringen eine unwirkliche Atmosphäre in die dunkle Arena. »Hatsune! Hatsune!« brüllt das Publikum, bis sich der Rhythmus ändert und »Miku! Miku! Miku!« aus den Reihen tönt. Kurz wird es ganz still, dann antwortet eine glockenhelle Stimme über die Lautsprecher. Alles Weitere geht im Grölen unter. Hatsune Miku wächst aus dem Bühnenboden wie eine türkis leuchtende Blume.

Sie sieht zart und zerbrechlich aus mit ihren großen Augen. Zur Schuluniform trägt sie Zöpfe, die fast bis zum Boden fließen, Strapse und Plateauschuhe. Kindchenschema und Sexappeal bis zur Gänze ausgereizt. Ein perfektes 16-jähriges Mädchen. Ein Hologramm. Doch was macht Hatsune Miku, eine Synthesizer-Illusion, so erfolgreich, dass sie durch die Welt tourt? Sie ist vollständig erdacht und programmiert: ihr Körper, ihre Bewegungen und auch ihre Stimme. Miku wiegt 42 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,58 Metern. Ihre Macher feiern jedes Jahr am 31. August ihren 16. Geburtstag – und über eine Viertelmillion Facebook-Nutzer feiern mit. Es werden Kuchen gebacken, Liebesgeständnisse gemacht und Ständchen gesungen. Was bringt uns Menschen dazu, das Privatleben einer fremden Person dermaßen zu verfolgen und ihr gegenüber von Zuneigung oder gar Liebe zu sprechen? So absurd der Kult um Hatsune Miku ist: Sie unterscheidet sich kaum von anderen Idolen. Auch deren Image kann völlig frei erfunden sein. Wir sind auf der Suche nach jemandem, an den wir glauben können. Wir haben die Eltern als Vorbilder verloren und suchen auf den Bühnen der Welt nach Idolen.

Teufelszeug Text: Henrike W. Ledig | Layout: Sebastian Nikoloff

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uch der Teufel hat Anhänger: Satanisten. Im Zentrum deren »Religion« steht natürlich er selbst. Verehrt wird der Teufel entweder alleinstehend oder als »höllische Dreifaltigkeit«, bestehend aus Satan, Luzifer und Beelzebub. Aber nur für einen Bruchteil der bekennenden Satanisten gehört die Teufelsanbetung zum Glaubensprogramm. Vielmehr wird sich auf die eigentliche Absicht des Teufels zurückbesonnen: die Menschen vom Glauben an eine überirdische

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Macht zu befreien. Die Aufmerksamkeit wird auf das Individuum gelenkt, der Teufel rät zu einem gesunden Egoismus. Da wäre allerdings ein simples Problem: Es gibt kein Buch wie die Bibel oder den Koran. Der Teufel ist entgegen der geläufigen Annahme kein sehr gesprächiger Geselle. Sämtliche Werke sind ausnahmslos von Menschen verfasst. Dazu gehört auch »Die schwarze Bibel«, die die Zehn Gebote des Satanismus beinhaltet. Somit existiert nur eine Orientierungshilfe auf der Suche nach einer Religion, der man oft mit Vorurteilen begegnet.


Reportage

Kirche 2.0 Wie cool wäre es, nicht mehr in die kalte Kirche gehen zu müssen, sondern von zu Hause aus zu beten. NOIR-Autorin Silke Brüggemann präsentiert: Die Kirche im Internet. Text: Silke Brüggemann | Layout: Sebastian Nikoloff

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ottesdienst am Sonntagmorgen, Weihrauch und Orgelmusik: Religion leben geht heute auch anders. Dank Handy-Applikationen und Internet können Christen sich heute online austoben. Silke Brüggemann hat getestet, wie man im Web 2.0 beichtet und ob ein Handy-Tagebuch einen besseren Menschen aus einem macht. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, tönt es aus den Lautsprechern meines Laptops. Eine Homepage, gestaltet in schwarz und lila, lädt mich ein, »online mit Jesus« zu gehen. So soll aus mir ein besserer Mensch werden –  per Online-Beichte. Durch Klicks auf zwei Kästchen bestätige ich, dass ich etwas bereue und gelobe mich zu bessern. In anderen OnlineBeichtstühlen kann ich meine Sünden als Foreneinträge direkt veröffentlichen. Andere Benutzer können die Beichten nicht nur lesen, sondern auch bewerten und ihren Senf dazu geben. Die Beichten reichen von Lügen über Betrug bis zu Tierquälerei. Online beichten ist nichts für mich, merke ich. Und suche weiter: nach einem religiösen Angebot, das zu mir passt. Ich google »pray« und lande auf einer Seite, die mich zum Online-Beten einlädt. Eine Oase der Ruhe im grauen Büroalltag; so soll die Seite wirken. Doch die Homepage ist ebenfalls grau. Dazwischen eine ockerfarbene Wiese mit einem

blätterlosen Baum und einem Hauch von Kirchenmusik. Das soll wohl beruhigend wirken, auf mich wirkt es farblos. Per Mausklick startet eine Stoppuhr, die genau eine Minute abzählt, in der ich die Augen schließen und beten kann. Ich spule meine Sorgen und Hoffnungen gedanklich runter und bin nach zehn Sekunden fertig. Online-Absolution von »gesegneter IP« Beichten und beten online ist noch lange nicht alles: chen. Auf einer Seite soll man fünf Kirchengemeinden laden ihre Ver- christliche Ziele eingeben. Ich gebe anstaltungen auf Videoplattformen »mehr Nächstenliebe« und »mehr hoch, Gläubige bloggen über ihre beten« ein. Die »Bibelstellen zur In­ Lieblingsbibelstelle und Geschäfts- spiration« sind sehr ermutigend, leute wollen ihre Jesus-Produkte aber helfen mir nicht, meine anderen loswerden, zum Beispiel christliche drei Ziele zu finden. Zwei Ziele reiHandy-Applikationen. Orgelmusik chen für den Anfang, beschließe ich. und ein Wasserfall aus Bibelzitaten Immer wenn ich es schaffe, eines der reißen mich aus dem Schlaf, als ich Ziele einzuhalten, darf ich mir einen einen christlichen Wecker teste. Lei- Stern schenken. Sich ständig beobder bin ich so müde, dass ich dem achten zu müssen, ist lästig und der Sprecher mit der monotonen Stimme Stern lässt sich nur schwierig einnicht folgen kann. Kein Zitat bleibt geben. Ich gebe auf ­–  und erwische mir im Kopf und die Orgelmusik mich dabei, wie ich bei einer langen erinnert mich an den Soundtrack Autofahrt anbiete, auf meine Beineines schlechten Vampir-Films. Ein freiheit auf dem hinteren Mittelsitz Tagebuch als Handy-App soll aus zu verzichten. Vielleicht funktioniert mir einen besseren Christen ma- das Tagebuch ja doch. NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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KOLUMNE

Pizza statt Fisch Jeden Freitag pulen Bettina Schneiders Mitschüler in der Kantine Gräten aus Backfischen. Ob sie dabei an Karfreitag denken und bewusst Verzicht üben? Text: Bettina Schneider | Layout & Illustration: Tobias Fischer

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h nein, heute ist Freitag. Ich riech‘s!«, plärrt meine Freundin Jasi, als wir die Schulkantine betreten. Eine Duftwolke von frischem Backfisch weht uns in die Nase. Wem es schmeckt, der pult Gräten aus seinem Tierchen. Immer wieder freitags – und keiner weiß wieso. »Kein Fleisch zu essen, soll eine Einschränkung sein, weil der Freitag an den Karfreitag erinnert, an dem Jesus umgebracht wurde«, lese ich online im »Typisch katholischen Lexikon«. Ahja. Was hat

Jesus davon, wenn wir auf Schnitzel, Burger und Co. verzichten? Das Internet sagt: »Das ungute Gefühl, das jeder ungerecht Verurteilte in uns anklingen lässt, verbindet sich mit der Einschränkung, die an jedem Freitag daran erinnert, dass jeder eine Mitschuld an dem Tod hat.« Ich sehe mich an jenem Freitag in der Kantine um. Dort entdecke ich vieles – nur keine schuldbewussten Gesichter. Mit Appetit werden Pommes und Backfisch verdrückt. Nur Jasi und mich macht das nicht an. Wir gehen guten Gewissens in die nächste Pizzeria. Wie jeden Freitag. Danke, Jesus!

Impressum NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 23 – November 2011 Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

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Chefredaktion Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Anika Pfistereranika.pfisterer@noirmag.de Susan Djahangardsusan.djahangard@noirmag.de Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de Chef vom Dienst Alexander Schmitz Lektorat Dominik Einsele

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Redaktion Silke Brüggemann (sbr), Judith Daniel (jd), Sanja Döttling (sdl), Marie Graef (mg), Friederike Hawighorst (fh), Lisa Kreuzmann (lkr), Henrike Ledig (hl), Melanie Michalski (mm), Leonie Müller (lm), Elisabeth Omonga (eo), Anika Pfisterer (apf), Bettina Schneider (bs), Lena Schubert (lsb), Nanda da Silva (nds), Andreas Spengler (as), Kevin Weber (kwe), Laura Wolfert (lw), Martin Zimmermann (mz)  redaktion@noirmag.de Layout & Art Director Tobias Fischer

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Layout-Team Tobias Fischer, Borris Golinski, Sebastian Nikoloff  layout@noirmag.de

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NOIR Nr. 23 (November 2 011)

Druck Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de

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titelthema

Brauchen wir die Kirche? Kann man Glaube ohne Kirche und Kirche ohne Glauben leben? Zwei NOIR-Autorinnen, zwei Meinungen: Die Kirche schränkt uns in unserem Glauben ein, sagt Nanda da Silva. Glauben muss man gemeinsam leben, hält Friederike Hawighorst dagegen und fordert auf, die Kirche selbst positiv zu prägen. Layout: Sebastian Nikoloff

Pro: Ich glaube, wie ich will.

Contra: Glauben braucht keine Kirche!

Text: Friederike Hawighorst

Text: Nanda da Silva

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s gibt viele Gründe, der katholischen Kirche den Rücken zu kehren. Ihre von Grausamkeiten gepflasterte Geschichte zum Beispiel, von Kreuzzügen über den Ablasshandel bis hin zu Skandalen um pädophile Prügelpriester in jüngster Vergangenheit. Der reaktionäre Papst an der Spitze eines Apparates männlicher Dominanz, die Kirchensteuer und, nicht zu vergessen, die unchristlichen Gottesdienstzeiten. Warum ich nicht ausgetreten bin? Weil ich glaube, dass die Kirche zu einem Zweck geschaffen wurde: den Geist Jesu zu verwirklichen, ihm als Gemeinschaft nachzufolgen und auf diese Weise Nächstenliebe zu leben. Das geht gemeinsam einfach besser als alleine. Übersteigerter Individualismus ist im christlichen Glauben fehl am Platz. Natürlich ist fast jeder einmal von der Kirche enttäuscht. Es wäre vermessen, zu glauben, die Geschichte der Kirche wäre nicht auch durch fehlbare Menschen geschrieben. Und fehlbar sind wir ausnahmslos alle. Eine Gemeinschaft ist nur so gut wie die Menschen, die sie gestalten. Anstatt zu nörgeln, sollten wir besser selbst anpacken, um die Missstände zu beheben.

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st nur der gläubig, der sonntags in den Gottesdienst geht und die Kirchenfeiertage im Schlaf aufsagen kann? Der Glaube jedes Menschen sollte individuell auf seinen eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen beruhen und das ausfüllen, was er für sich und für sein Leben als Stärkung empfindet. Die Kirche hält sich an Regeln und Traditionen, die den Menschen in seinem Glauben mehr einschränken als ihn darin zu unterstützen. Kein Wunder, denn wie kann man 2 000 Jahre alte Regeln in einer Zeit anwenden, die sich so komplett verändert hat – Moral und Werte mit eingeschlossen. Wieso sollte Gott mit den Menschen nur über die Kirche in Kontakt treten. Laut dem christlichen Glauben ist er doch allgegenwärtig. Die Freiheit jedes Einzelnen steht im Vordergrund. Wer die Regeln und die Kirche braucht, um seine Idee von Glauben ausleben zu können, dem stehe das frei. Auf der anderen Seite sollte Glaube nicht von der Kirche abhängig sein. Jeder persönliche Glaube sollte respektiert werden. Das sollten auch die vielen Glaubensrichtungen einsehen. Gläubig ist, wer glaubt. Egal ob mit oder ohne Kirche. NOIR Nr. 23 (November 2 011)

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Reportage

» Es verfolgt mich Tag Barbara Kohouts Leben war bestimmt vom Glauben. Sie fand Erfüllung bei den Zeugen Jehovas. Doch als sie deren perfide Methoden durchschaute, stieg sie aus. Heute spricht sie von Pest und Cholera und menschlichem Abfall. Interview: Lena Schubert | Foto: Eva Katrin Hermann | Layout & Illustration: Sebastian Nikoloff

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on klein auf waren Sie bei den Zeugen Jehovas. Nun sind Sie scharfe Kritikerin der Organisation. Wie kamen Sie zu den Zeugen Jehovas? Frau Kohout: Ich war seit meinem zehnten Lebensjahr mit den Zeugen Jehovas verbunden. Ich war evangelisch, blass und klapperdürr, weil ich mit knapper Not dem Hungertod entronnen war. Bitterarmen Flüchtlingen – und Heiden – wie uns begegnete man oft unfreundlich im katholischen Oberbayern. Wann fand der erste Kontakt statt? Es kam ein freundlicher Herr an unsere Türe. Er erzählte uns von einer wunderbaren Zukunft: Gott würde bald alle Ungerechtigkeit von der Erde beseitigen. Er lud uns zu einem Treffen ein. Auch dort waren die Leute freundlich zu uns. Wir kannten so eine Herzlichkeit nicht. Und was waren deren erste Aussagen über ihren Glauben? Sie glaubten alle, dass sie »in der Wahrheit« sind. Denn sie wären die Einzigen, die die Bibel rich-

tig auslegen könnten. Sie wussten ganz sicher, dass bald Harmagedon kommt und alles Böse von der Erde schafft. Wer sich für die Wahrheit der Zeugen Jehovas entscheidet, würde gerettet werden. So begann mein Lebensweg innerhalb einer Gemeinschaft mit extremen Ordensregeln. Erst nach Jahrzehnten gelang es mir, die Ungereimtheiten zu durchschauen. Warum ist es gerade für Neu-Einsteiger so schwer, wieder Abstand zu finden? Menschen in Ausnahmesituationen stehen in der Gefahr, arglos in die Umgarnung extremer Gruppen zu geraten. Es sind Situationen, in denen man nach Trost, Halt oder nach Antworten auf die Frage nach dem »Warum« sucht. Wird so etwas erwähnt, wenn über die Anfänge anderer Mitglieder gesprochen wird? Die Veröffentlichungen der »Wachtturm-Gesellschaft« (Anm. der Red.: Herausgeber der Zeitschrift

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Reportage

und Nacht «

»Wachtturm«) sind gespickt mit sogenannten Erfahrungen. Sie geben euphorische Berichte ab, wie man durch die Güte Jehovas zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen könne. Diese Erfahrungen erzeugen das starke Gefühl, zu einer ganz besonderen, auserwählten Gruppe zu gehören. Man fühlt sich dankbar und verpflichtet, diese Dankbarkeit durch besondere Taten unter Beweis zu stellen. Von welchen Taten ist die Rede? Beispielsweise das Bibelstudium oder auch das Werben um Neumitglieder. Es wird von den Zeugen Jehovas Predigtdienst genannt. Jeder Zeuge ist zu diesem Dienst verpflichtet und wird aufgefordert, über den Zeiteinsatz und die verbreiteten Wachtturm-Schriften genauen Bericht zu erstatten. Die Wachtturm -Organisation stellt es so dar: Alles, was man in ihrem Auftrag tut, geschieht zur Förderung der Interessen des Königreiches Gottes. Ich habe es als Gnade und Vorrecht gesehen, freiwillig alles zu tun, um die Inte­

ressen des Königreiches zu unterstützen. Wie weit sind Sie gegangen und wie viel Anstrengung haben Sie schlussendlich für die Zeugen Jehovas aufgewendet? Als Schülerin habe ich monatlich mindestens 60 Stunden eingesetzt. Als Sonderpionier wurden es neben dem regulären Predigtdienst von 150 Stunden noch mindestens 50 Stunden mehr für die Versammlungsaktivitäten. In der Zeit verzichtete ich auf eine Berufstätigkeit und begnügte mich mit einem Taschengeld von 150 Mark monatlich. Nach der Geburt meiner Tochter reduzierte ich den Stundeneinsatz zwar, war aber trotzdem weiter bis zur Erschöpfung tätig, sogar mit meinem Baby im Dienst von Haus zu Haus. Sie erwähnen einen Aufstieg. Gibt es eine klar sichtbare Hierarchie? Es gibt eine eindeutige Hierarchie. Die ist für gläubige Zeugen Jehovas aber nicht wahrnehmbar, weil

sie nicht daran zweifeln, dass nur Christus der Führer und das Haupt der Versammlung sei. Welche Rechte ergeben sich aus einem Aufstieg? Die Ernennung ist ab einem bestimmten Status mit Vollmachten verbunden. So können die Ältesten innerhalb der Versammlungen über Verfehlungen der Zeugen Jehovas urteilen. Sie sind dabei Ankläger und Richter in einem und verhandeln nicht öffentlich. Wie haben Sie es geschafft, von den Zeugen loszukommen? Nachdem unsere Kinder die Wachtturm-Organisation verlassen hatten, interessierte ich mich für die Gründe. Mein Sohn zeigte mir anhand der Wachtturm-Schriften, wie wir gezielt manipuliert wurden und mit welchen Unwahrheiten die Zeugen Jehovas operierten. Die Erkenntnis, dass wir von Menschen benutzt und betrogen wurden, veranlasste mich, die Organisation zu verlassen. ▶

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Reportage

Wann war das? Im August 2008 beschloss ich zusammen mit meinem Mann den Ausstieg. Wir gingen nicht mehr zu den Zusammenkünften und gaben auch keinen Bericht mehr über unsere Tätigkeit für die Wachtturm-Organisation ab. Leider haben die Ältesten diese Entscheidung nicht akzeptiert. Sie bestanden darauf, uns die Gemeinschaft zu entziehen, mit der Begründung dass wir Abtrünnige seien und man somit keinen Kontakt mehr mit uns haben dürfte. Wie waren die Reaktionen? Ein Jahr später wurde uns die Gemeinschaft entzogen. Von diesem Zeitpunkt an konnten wir keinen Kontakt mehr mit unseren Freunden und Verwandten pflegen, die noch Zeugen Jehovas sind – auch nicht mit meiner Mutter, den Geschwistern und Verwandten. Es ist ein Trauma, von einem Tag auf den anderen alle sozialen Bindungen zu verlieren. Häufig folgen langwierige psychotherapeutische Behandlungen und leider nicht selten Suizid.

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Wären Sie auch von sich selbst aus ausgestiegen? Für mich war das niemals denkbar. Ich wäre nie bereit gewesen, Schriften von Ex-Zeugen zu lesen. Da ich mich außerstande fühlte, »dem vom Geist geleiteten treuen und verständigen Sklaven« ungehorsam zu sein. Wie empfanden Sie das Leben mit den Zeugen Jehovas im Nachhi­ nein? Weil ich bereits als Kind gefischt wurde, gab es für mich keinen Alltag vor oder außerhalb der Sekte. Ich lebte in einem Kokon, abgeschirmt wie mit unsichtbaren Mauern. Wie schwierig war es, vollständig mit dem Thema abzuschließen? Für mich ist es bislang unmöglich. Es verfolgt mich Tag und Nacht. Ich fühle mich verpflichtet, meine Erfahrungen, mein Wissen und meine Erkenntnisse an andere weiterzugeben. Ich muss auf totalitäre Strukturen und Regeln eines Systems aufmerksam machen, das gegen unsere Verfassung verstößt, weil

es keine wirkliche Gewissens-, Glaubens- und Meinungsfreiheit gewährt. Ich setze mich auch dafür ein, ehemalige Mitglieder nicht zu diskriminieren. Die Methode der Zeugen Jehovas, missliebige Mitglieder mit der Bestrafung durch sozialen Tod zu bedrohen und damit unter Druck zu setzen, ist menschenunwürdig. Es ist mittelalterlich. Das von einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes ist öffentliches Unrecht. Vielen Dank für das Interview!


Kommentar

Der Terrorist in uns Islamismus, der Medienbegriff, wenn es um Terrorismus, Gewalt und Frauenunterdrückung geht. Doch nur wenige unterscheiden noch zwischen Religion und Fanatismus findet Elisabeth Omonga. Ein Kommentar. Text: Elisabeth Omonga | Layout: Tobias Fischer

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ie Lehre des Islams: Kopftuchbedeckung à la Burka, muslimische Männer als Tyrannen und die Schweinefleischphobie. Und natürlich Töchter, die zur Heirat gezwungen werden oder im Namen der Ehre sterben müssen. Soweit die Klischees. Mit weltweit über 1,3 Milliarden Anhängern ist der Islam die zweitgrößte Religionsgemeinschaft der Welt. Dahinter stehen eine Vielzahl unterschiedlicher Lebenseinstellungen. Dennoch werden Muslime zunehmend als eine homogene Masse wahrgenommen: bedrohlich und meist rückständig. Der Ruf des Islams ist schlechter denn je. Wie kommt es, dass nicht die Vielfalt sondern die Einfalt Einzug in unsere Vorstellungen gehalten hat? »Was lehrt die Bibel über die Hölle?« Die Antwort auf diese Frage würde wohl lauten: »Frag doch einen Pastor!« Anders bei der Frage: »Was lehrt der Koran über den Jihad?« Hier denken sich viele Menschen: »Der Dönerverkäufer wird es bestimmt wissen.« Ein Schwamm saugt alles auf, er weiß nicht was und warum, aber er tut es. Und wir Menschen? Wir saugen alles auf, was wir im Radio hören, in der Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen, ohne zu reflektieren, gehen wir unserer wachsenden Sensationslust nach. Die Medien leisten Vorarbeit und wir sind ihre Sklaven; ein primitiver Gedanke, um sich von seiner eigenen Verantwortung der Selbstreflexion zu entziehen. Doch drehen wir den Spieß mal um: Angenommen, nicht Muslime hätten am 11. September 2001 das World-TradeCenter bombardiert, sondern Christen. Schon die Vorstellung scheint zu irritieren? Christentumismus als neuer Medienbegriff? Eine Bedrohung für die ganze Menschheit – eine Religion, die die Instrumentalisierung als Mittel nutzt, einen sogenannten »Heiligen Krieg« gegen alle Nichtchristen durchzuführen. Nein, da hört sich Islamismus

doch viel besser an. Islamisten passt doch. Kein Wunder, dass sogenannte Islamophobe uns mit ihrer Sicherheitspolitik Angst vor vollbärtigen Männern machen wollen. Es sind nicht nur die überspitzten Medien, es ist nicht nur die Ungewissheit. Es ist der Terrorist in uns, der uns dazu verleitet, eine Religion, Gruppen und dementsprechend Menschen zu beurteilen, noch bevor es die Sachkenntnis erlaubt. Was lehrt der Islam? Was bedeutet es, ein Muslim zu sein? Wer war Muhammad? Diese Religion, die heute als Quelle vieler Gewalt genannt wird, legt Wert auf die Unverletzlichkeit des menschlichen Lebens, auf Frieden und auf die Hingabe an Gott. Ohne unser Schubladendenken wäre das Zusammenleben einfacher, friedlicher und harmonischer.

Elisabeth Omonga (19) studiert Regionalstudien Asien/Afrika und Portugiesisch an der Humboldt-Universität zu Berlin. Die gebürtige Aachenerin interessiert sich für kulturelle Themen und politische Konflikte, vor allem im arabischen Raum. Sie bekennt sich keiner Religion an, setzt sich aber für Vielfalt und Toleranz gegen Diskriminierung und Vorurteile ein.

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Querbee t

Pechmarie Kein Menschenschlag ist abergläubiger als Schauspieler: Aus fremden Stücken zitieren ist verboten und wehe, man vergisst das rituelle Über-die-Schulter-Spucken vor der Aufführung. Henrike W. Ledig hat damit so ihre Erfahrungen gemacht. Text: Henrike W. Ledig | Layout: Tobias Fischer

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enn man an Dinge glaubt, die man nicht versteht, dann leidet man«, hat Stevie Wonder vor fast 40 Jahren in seinem Lied »Superstition« (Aberglaube) gesungen. Das kann ich mit gutem Gewissen unterschreiben, denn ich laufe fröhlich unter Leitern durch, mache mir keinen Kopf um zerbrochene Spiegel und streichele schwarze Katzen, wenn sie meinen Weg kreuzen. Außerdem bin ich an einem Freitag dem 13. geboren und habe mich ganz gut entwickelt – obwohl ich dem Astro-TV nach die geborene Pechmarie bin. Was kann man sich über abergläubige Menschen nur amüsieren! Kein Menschenschlag allerdings ist aber-

gläubischer als Schauspieler: Da darf hinter der Bühne nicht gepfiffen, aus fremden Stücken nicht zitiert und nach der Generalprobe nicht geklatscht werden. Zudem folgt vor jeder Aufführung eine Art rituelles gegenseitiges Über-die-Schulter-Spucken aller Schauspieler. Bäh! Spucke auf dem Boden gegen Vergesslichkeit. Auf diesen Zug könnten die Pharmariesen aufspringen, das Zeug in Flaschen ziehen und teuer als Wundermittel gegen Demenz verschachern! Ich spiele selbst seit drei Jahren Theater und habe mich an die merkwürdigen Rituale vor jeder Aufführung gewöhnt. Sie sind mir sogar richtig ans Herz gewachsen:

Nichts hilft so sehr gegen mörderisches Lampenfieber wie das Überdie-Schulter-Spucken, bevor man auf die Bühne geht. Ob ich an die glückbringende Wirkung glaube, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur zwei Dinge: Erstens ist bisher jede unserer Aufführungen ein voller Erfolg gewesen und keiner hat davor aus einem fremden Stück zitiert. Im Gegenzug haben wir einmal ein Toi-ToiToi vergessen und prompt im ersten Akt von Dürrenmatts »Die Physiker« Einstein nicht auf die Bühne gelassen, da wir ihr Stichwort vermasselt haben. Das muss reichen als Beweis! Gelitten habe ich unter diesem Aberglauben meines Wissens nicht. Zeit für ein neues Lied, Stevie!

Fleischlos Text: Kevin Weber

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it der Erfahrung, einem toten Tier den Weg durch menschliche Innereien erspart zu haben, kann man sich mit olympischen Göttern messen. So meine Vorstellung. Wer Gutes tut, dem wird schließlich Gutes widerfahren. Deswegen wagte ich einen ungeheuren Versuch: zwei Monate ausnahmslos vegetarische Kost! Bei stechender Hitze am See geht es los. Und die Sonne ist nicht mein einziger Peiniger: Ein

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NOIR Nr. 23 (November 2 011)

Tropfen Fett verdampft mit einem von mir innig geliebten Zischen an der Grillkohle. Der himmlische Duft von bissfesten Steaks eingelegt in süßer Paprikasauce tanzt in meiner Nase Jive. Und ich greife zu. Nehme mir den daneben deponierten kaugummiartigen Grillkäse, der so schmeckt, wie er aussieht. Doch wo bleibt die gesteigerte Lebensqualität? Was ist mit dem erwarteten guten Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben? Nicht da. Dafür geht nach über acht Wochen mein alltäglicher Traum vom Fleischverzehr endlich in Erfüllung und ich esse den Vegetariern nicht mehr ihr Gemüse weg. Nur als Fleischfresser bin ich unabhängig und glücklich. Und nun zwei Monate im Rückstand.


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NOIR - Ausgabe 23: Glaube - Fluch oder Segen?  

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