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Ausgabe 22 (September 2011) www.noirmag.de

StraรŸe der Freiheit Wo endet unser Horizont?

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KULTUR

POLITIK

REISE

Poesie und Wissenschaft. Wo gibt es sowas?

Politiker und Schรถnheit. Alles nur Kunst?

Reisen und Sparen. Ein echtes Abenteuer? 31.08.11 13:00


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EDITORIAL

DER FREIHEITSBRIEF

Mit Martin Luther King, Marianne oder Che Guevara könnte sie beginnen: die Freiheits-NOIR. Doch sie beginnt mit Paul aus der Kurzgeschichte »San Salvador«. Paul kauft sich Füller und Papier für einen wichtigen Satz. Er denkt an sein Leben und seine Frau Hildegard. Um halb zehn wird sie vom Kirchenchor heimkommen. Wird sich die Haare aus dem Gesicht streichen, mit dem Ringfinger der linken Hand die Schläfen entlang fahren, dann den Mantel aufknöpfen. Alles wird sein wie immer. Doch dann wird sie Pauls Brief lesen, den einen Satz: »Mir ist es hier zu kalt, ich gehe nach Südamerika.« Paul aber wird nie nach Südamerika gehen; er ist gefangen. Seine Mauern sind der Alltag, seine Ketten eine Beziehung ohne Leidenschaft. Sein einziges Fenster zur Freiheit: die Gedanken. Manchmal bin ich Paul. Dann nehme ich einen Füller, schreibe Honolulu, Mauritius und Panama auf die Tapeten meiner Fantasie. Und notiere: »Abflug morgen 9 Uhr«. Freiheit in Gedanken, damit muss alles beginnen, wie diese NOIR. Doch niemals darf Freiheit an dieser Stelle enden. Wir haben weitergedacht – und geschrieben. Voilà!

Andreas Spengler, Chefredakteur

Woher bekommt man einen Aussteiger? Aussteiger sind in keinem Verband, nicht auf Facebook, nicht im Branchenbuch. Lukas verzweifelte bei der Recherche. Am Ende half nur ein anderes Thema. Lukas ging in die Stuttgarter Königstraße und interviewte Jugendliche: »Was ist Freiheit für dich?« Antworten auf Seite 22.

15 Minuten für ein tolles ReportageThema? Kein Problem für Susan. Bei einem Seminar »Reportagen schreiben« in Berlin fand sie spontan das erste Didgeridoo-Festival auf einer Spree-Insel. Gelernt hat Sie, wie die Instrumente Mukoviszidose-Kranken helfen können. Ihre spannende Reportage lest ihr ab Seite 8.

»Die Querbeet-Seite spiegelt mein Leben wieder«, freute sich Layouter Luca. »Ich war am Tag vor Abgabe mit allen fünf Projektarbeiten um 17 Uhr fertig.« Ganz ohne Nachtschichten – das ist ungewöhnlich. Doch auch Miriam, der Autorin des Querbeet-Textes, ging es so. Warum? Lest weiter auf Seite 24. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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INHALT

INHALTSÜBERSICHT

14 KOMMENTAR

10 PORTR ÄT

15 WISSEN

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EDITORIAL. NOIR INTERN.

24 QUERBEE T

KULTUR. POETISCHE WISSENSCHAFTLER: SCIENCE SLAM TITEL. FREIHEITSSCHLUCHTEN EIN DEFINITIONSVERSUCH TITEL. ZWANGSKRANK. DAS ENDE DER FREIHEIT? REPORTAGE. DIDGERIDOO GEGEN SCHLEIM IN DER LUNGE PORTRÄT. F.C.GUNDLACH, DER FOTO-KOMPONIST POLITIK. ZENTRUM FÜR POLITISCHE SCHÖNHEIT TITEL. FREIHEIT MIT PFANDFLASCHENKOMMENTAR

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KOMMENTAR. UNKRAUT IM INTERNET WISSEN. VISUAL THINKING. SCHUHGRÖSSE 3500 WISSEN. DIE DEADLINE IM NACKEN: PROKRASTINATION REPORTAGE. WIE FREI SIND WIR? EIN SELBSTVERSUCH REISE. DEUTSCHLAND FÜR FAST UMSONST

20 21 22 23 24

LIFESTYLE. COSPLAY, FASCHING AUF JAPANISCH KULTUR. EINE LESUNG MIT MARIETTA SLOMKA UMFRAGE. WAS IST FREIHEIT FÜR DICH? KOLUMNE. KOPFMÜLLHALDE. VOM ACKER TASSE! QUERBEET. ZEITPLANUNG. DER FRÜHE VOGEL ...

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KULTUR

BLUTTROPFEN UND LACHTRÄNEN Wissenschaft ist trocken, öde und langweilig, könnte man meinen. Nicht so beim Science Slam: Da wird sogar der zweibeinige Präsenzmelder zur Showeinlage. Text: Silke Brüggemann | Layout: Pascal Götz

I

m Roxy in Ulm erklingt an diesem Abend die Titelmelodie der Kindersendung Löwenzahn. Dabei ist das Publikum eigentlich aus dem Alter herausgewachsen. Wir sind beim Science Slam. Hier treten Wissenschaftler gegeneinander an und erklären ihr Spezialgebiet auf lockere Art. »Hallo, ich bin der Falko und erzähle euch etwas über Nanotechnologie«, beginnt Falko Brinkmann. Er hat ein Verfahren entwickelt, das Bluttests mit nur einem Bluttropfen ermöglicht. Nach seinem Vortrag wirft der Slammer einen Eimer voller PapierBluttropfen ins Publikum. Beim Science Slam hat jeder Redner zehn Minuten Zeit, um ein selbst erarbeitetes wissenschaftliches Thema zu präsentieren. Mit Fachjargon und steifen Vorträgen ist hier niemandem geholfen. Der Vortrag soll so lustig und anschaulich wie möglich sein. Das Publikum muss nämlich hinterher eine Detailfrage beantworten können, um Kino-Karten und Gummibärchen zu ergattern. Im Laufe des Abends verschwindet jedes Vorurteil über den grauen, ausschließlich theoretisch denkenden Wissenschaftler. Was bleibt, sind die vielen Ahas und Witze, die aus einem Science Slam eine abwechslungsreiche Comedy-Show machen. Vor Überraschungen ist man nie gefeit: Ingenieur Rakesh Kasturi verbindet Physik mit Kochen und erklärt, dass die perfekten Pommes »außen eine Blondine und innen weich wie ein Plüschtier sind«. Mathematiker Martin Becker verbindet Mathematik mit einer Abenteuergeschichte à la Indiana Jones. Peter Knoll, Spezialist für Gebäudeoptimierung, verzichtet als Einziger auf Powerpoint-Bildchen und erzählt eine span-

nende Geschichte über die Abgründe intelligenter Gebäude und die Dummheit ihrer Benutzer. Diese »zweifüßigen Präsenzmelder« können beim pflichtbewussten Ausschalten von Lichtern ganze Versuche zunichte machen. Nach sechs Vorträgen kommt die Stunde der Wahrheit: Das Publikum muss den Gewinner bestimmen. Wer den lautesten Beifall bekommt, gewinnt. Es ist extrem schwierig, das Publikum einzuschätzen«, findet Klaus Schmeh, Informatiker und Experte für Kryptographie. Er forscht über das Voynich-Manuskript, ein 500 Jahre altes Buch, das in einer unbekannten Schrift geschrieben wurde. Genau diese Spannung, sich jedes Mal einem neuen Laienpublikum auszusetzen, ist es, was Schmeh an Science Slams liebt. Das Publikum klatscht, jubelt, stampft und lacht Tränen. Man kann den Gewinner mit bloßem Ohr kaum heraushören. Aber bei Jens Nickels war es laut Computerauswertung am lautesten. Der Medieninformatik-Student aus Ulm hat während seiner Bachelorarbeit eine Sicherheitslücke bei Google entdeckt, bei der jeder AndroidSmartphone-Besitzer zur Zielscheibe von Datendieben werden konnte. Diesen Abend hat Nickels seine Betreuer auf die Bühne geschleppt und mit ihnen eine Love-Story erzählt mit verteilten Rollen, selbst gebastelten Requisiten und absurden Sprüchen wie »Angreifer haben immer Hüte auf«. An diesem Abend werden die Zuschauer nach Hause gehen und wissen, was ein »zweibeiniger Präsenzmelder« ist und dass man nie ahnt, was ein Science Slam am Ende offenbart.

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TITEL

FREIHEITSSCHLUCHTEN Der Wunsch nach Freiheit beflügelt. Die ganze Menschheitsgeschichte ist ein Freiheitskampf. Doch was bedeutet Freiheit? Ein Definitionsversuch mit Revolutionen, Freiminuten und Zigaretten. Text: Judith Daniel & Gabriel Cioclea | Layout: Luca Leicht

»F

reiheit ist ein Kaugummibegriff geworden. An jedem Schlagbaum versteht man etwas anderes darunter«, sagte Oskar Kokoschka, ein österreichischer Expressionist. Geht es nach Jean-Jacques Rousseau, Philosoph der Aufklärung, »liegt die Freiheit des Menschen nicht darin, tun zu können, was er will, sondern darin, nicht tun zu müssen, was er nicht will«. 1789 erhob sich der Dritte Stand in Frankreich, um die feudal-absolutistische Gesellschaft mit ihren Herrschern zu stürzen. Er forderte damals radikale, heute selbstverständliche Menschenrechte: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Als 1917 die russische Oktoberrevolution siegte, prophezeiten die Revolutionäre »eine strahlende Ära der Freiheit und Gleichheit aller« mit dem Motto: »Alle Macht den Räten!« 1994 erhoben sich Teile der indigenen Bevölkerung in Mexiko. Sie wehrten sich gegen das nordamerikanische Freihandelsabkommen, das den mexikanischen Markt liberalisierte, und traten für die Rechte und die Selbstverwaltung der Ureinwohner ein. Die indigene Bevölkerung fühlte sich nicht nur benachteiligt, sondern in ihrer Existenz bedroht. Ob Frankreich, Russland oder Mexiko, eines hatten alle drei Fälle gemeinsam: Menschen, die unterdrückt werden. »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten«, sagte Rousseau. Dieser Satz zeigt: Absolute Freiheit kann es nicht geben. Wie soll der Mensch frei sein, wenn er doch überall von inneren und äußeren Faktoren beeinflusst wird, die ihm Zwänge auflegen? Die Gemeinschaft und die Sozialisierung des Menschen geben Regeln und Normen vor. In der Realität scheint absolute Freiheit ein zynisches Konstrukt. Und dennoch: Ideologien, vom Liberalismus über

die Idee klassenloser Gesellschaften, bis hin zum Faschismus, sie alle werben mit ihrem Verständnis von Freiheit. Freiheit darf aber nicht als loser Begriff verstanden werden. Rosa Luxemburg prägte 1918 in ihrer Schrift »Die russische Revolution« den Satz »Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden«. Damit kritisierte sie die Entwicklung der damals jungen Sowjetunion. Die Bolschewiki, die sozialistische Partei um Lenin und damit eigentlich Luxemburgs Gesinnungsgenossen, errichteten im Namen des Proletariats und im Namen der Freiheit eine Ordnung der Herrscher und Beherrschten. Es entwickelte sich eine Diktatur der Privilegierten, in der nach und nach alles Oppositionelle unterdrückt wurde. Obwohl Luxemburg euphorisch hätte mitziehen können, distanzierte sie sich vom sowjetischen Kurs und legte die Grundlage für einen radikalen Freiheitsbegriff, der die Freiheit in der Gleichheit fand und sie von dieser abhängig machte. Freiheit dürfe nicht zum Privilegium werden. Erst im Bestreben, anderen Freiheit zu gewähren findet man persönliche Freiheit, die die Freiheit einer ganzen Gemeinschaft sichert, so ihre Meinung. Unsere Gesellschaft feiert sich heute selbst als Bollwerk der Freiheit. Doch wie frei sind wir in ihr, frei von was und frei zu was? Welche Opfer werden dafür gebracht? Gehen wir heute durch die Straßen, wird uns stetig der Eindruck vermittelt, Freiheit an jeder Ecke zu finden: Freiheit als käufliches Gut. Freiheit als Freiminuten, als Smartphones, die Mahlzeiten zubereiten können, als modische Vielfalt inklusive Billigpreisen und nicht zuletzt in Form von Zigaretten mit dem Gefühl für die immerwährende Freiheit – Liberté Toujours. Erich Fromm, ein einflussreicher Denker des ▶ NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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REPORTAGE

20. Jahrhunderts sagte sinngemäß: Konsum diene für den modernen Menschen nicht mehr dazu, sich selbst einen Wohlgefallen zu tun, sondern vielmehr der Befriedigung von künstlich stimulierten Fantasievorstellungen, die durch die tägliche Präsenz der Massenmedien penetrant vermittelt werden. Der Motor unserer Konsumgesellschaft ist der unaufhörliche Erwerb. Die Voraussetzung für unaufhörlichen Erwerb wiederum ist eine maßgeschneiderte Mentalität, die solches Konsumverhalten billigt. Gelingen Freiheit und Wohlergehen durch Konsum? »Auch wenn man gut konsumiert, kann man dahinvegetieren«, war die Antwort Rudi Dutschkes, des Anführers der 68er-Proteste, darauf. Sicherlich darf man nicht nur einen Aspekt heranziehen, will man Gesellschaften nach frei und unfrei bewerten. Unsere Gesellschaft lässt eine persönliche Entfaltung zu, an die in vielen Gesellschaften dieser Welt nicht zu denken wäre. Zu dieser freien Entfaltung gehört auch eine möglichst freie Meinungsäußerung, ohne die ein Text wie dieser nicht gedruckt werden könnte. Doch diese historischen Errungenschaften fielen nicht vom Himmel. Sie mussten lange erkämpft werden und müssen das noch heute. Deshalb müssen wir immer wieder hinterfragen, wie Freiheit zustande kommt. Damit verbunden ist eine ganze Liste von Fragen: Wodurch

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wird das Leben, das wir heute haben, überhaupt möglich? Welche Bedingungen werden vorausgesetzt, welche Konsequenzen bringen sie mit sich? Wo befindet sich die gesellschaftliche Grenze der Selbstentfaltung? Wodurch und warum wird sie begrenzt? Wer kommt überhaupt in ihren Genuss und wovon ist das abhängig? Unser materieller Reichtum und Überfluss fußt oft auf materieller Armut und der Verletzung essenzieller Menschenrechte anderorts. Unsere Selbstverständlichkeit dieser Dinge setzt die Unmöglichkeit der freien Selbstentfaltung von Massen und unsere Privilegiertheit voraus, unabhängig davon, ob die mediale Welt dies thematisiert oder nicht. In diesem Kontext dürfte der Spruch, »Keine Hälfte der Welt kann ohne die andere Hälfte der Welt überleben«, eine ungemein tiefsinnigere Bedeutung bekommen. Als Rosa Luxemburg sagte, »Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden« und damit der Minderheiten, schaffte sie ein gesellschaftsübergreifendes Konzept. Doch letztlich wird sich jeder und jede Einzelne die Frage stellen müssen, was Freiheit bedeutet. Ob als großes Konzept oder als Suche nach dem Glück im Kleinen hat die Frage nach dem, was Freiheit ist und wie man sie erreichen kann, Menschen jeder Epoche beschäftigt. Eine Frage, die nach wie vor nach einer Antwort dürstet. Eine Antwort, die von jedem Individuum selbst gesucht und gefunden werden muss.

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TITEL

ZÄHLEN, PUTZEN, SAMMELN Text: Lisa Kreuzmann | Layout: Luca Leicht

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enn Leonie das Haus verlässt, tut sie das nie allein. Mit ihr sind die Gedanken: An den Föhn, das Glätteisen, den Herd, das Bügeleisen, das Haustürschloss. Es sind hartnäckige Biester, mit denen sie das Haus verlässt. Erst wenn sie all die Meter zurück zu ihrer Wohnung gelaufen ist und kontrolliert hat, dass das Glätteisen ausgesteckt ist und die Tür dreimal abgeschlossen, ist sie allein. Tick oder Zwang? Zwei Millionen Deutsche leiden an einer Zwangserkrankung, berichtet der Stern im Herbst 2010. Doch ab wann ist wirklich von einer Krankheit zu sprechen? Wenn Leonie immer nur das kleine Gartentor benutzt, obwohl ihr das größere einen breiteren Weg bietet, wird sie dafür belächelt. Wenn sich aber der Gang zum Waschbecken nicht mehr vermeiden lässt oder das Ekelempfinden vor Staubkörnern unerträglich wird, haben die Betroffenen keinen Grund zum Lachen mehr. Eins, zwei, drei. Geistige Zwangshandlungen wie Zählen oder Wiederholungszwänge gehören neben Sammelzwängen sowie Wasch- und Reinigungszwängen zu den häufigsten Zwangshandlungen, informiert die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen. Die Betroffenen wissen, wie irritierend das auf andere wirkt. Das macht es für sie aber nicht besser, da nun zu den Zwängen Scham, Angst und Isolation hinzukommen. Um diese zu kompensieren, wird weiter gezählt, geputzt und gesammelt. Ein Teufelskreis.

Nicht immer tritt das Leiden der Zwangskranken nach außen. Man unterscheidet zwischen Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, welche man den Kranken nicht ansieht. Die immer wiederkehrenden Gedanken sind meist sexueller, religiöser oder aggressiver Natur. Quält die Ehefrau beständig der Gedanke, ihren Mann mit dem Küchenmesser zu erstechen, stürzt sie das in Selbstzweifel und Schuldgefühle. Rational betrachtet sieht sie nämlich keinen Grund, ihren Mann umzubringen. Er ist ihr ein ebenso treuer Partner wie der Gedanke an seinen Mord. Zwangserkrankungen sind genetisch veranlagt. Doch auch Traumata und temporäre psychische Belastungen können einen Zwang hervorrufen. Dabei geht man in der Forschung davon aus, dass der Botenstoff Serotonin eine Rolle spielt. Der Zwangserkrankte handelt nicht mehr, wie er wirklich möchte. Medikamente, die den Serotoninspiegel im Gehirn beeinflussen, helfen, den Zwang zu lindern. Von einer Erkrankung ist erst zu sprechen, wenn der Zwang die Person im Alltag erheblich einschränkt und belastet. Leonie und das Gartentor gehören wohl nicht dazu. Bestimmte Rituale und Gewohnheiten finden sich in jedem Alltag. Wer sich also auch morgen früh gerne wieder die Zähne putzen möchte, braucht noch keinen Termin bei einer Zwangsberatung – und kann dabei ebenso beruhigt weiterzählen: Zwei Minuten sollten es schon sein. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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REPORTAGE

DIDGERIDOO GEGEN SCHLEIM IN DER LUNGE Andrea Lukas hat Mukoviszidose. Bei einem DidgeridooFestival in Berlin lernt sie, das traditionelle Blasinstrument der Aborigines zu spielen. Die Vibrationen des Didgeridoos helfen, ihre Atembeschwerden zu lindern. Text: Susan Djahangard | Layout: Simon Staib

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ndrea holt tief Luft, bläst ihre Backen auf, führt das Endstück zu den Lippen und pustet in das große Bambusrohr. Dem Didgeridoo entweicht ein schwaches »Pfft«. »Komm, probier es noch einmal«, ermuntert sie Jürgen Breuninger und trompetet zur Demonstration in sein eigenes Didgeridoo. Aus dem Rohr tönt ein eindringlicher, vibrierender Laut. Beim ersten Didgeridoo-Festival Berlins, dem Didgevent, möchte Andrea lernen, das Blasinstru-ment der australischen Aborigines zu spielen. Seit sie es das erste Mal bei einer Klassenkameradin entdeckt hat, ist sie fasziniert davon. Die 17-Jährige hofft nun, dass ihr das Instrument gesundheitlich helfen kann. Denn Andrea leidet an Mukoviszidose.

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Auf der Spreeinsel »Berlin« hat die internationale Didgeridoo-Szene für ein Wochenende ihr Quartier aufgeschlagen und ein kleines Zeltdorf errichtet. An einem Ort, an dem man schnell vergisst, dass man eigentlich in der deutschen Hauptstadt ist. Wo kein Bus mehr hält und man von der S-Bahnstation zwei Kilometer durch den Treptower Park laufen muss, bis eine Brücke auf die Insel führt. Auf dem Festivalgelände riecht es nach Bratwürsten, die auf dem Grill brutzeln. Leere Bierflaschen vom Vorabend liegen noch im Gras herum. Besucher schauen sich an Verkaufsständen um, an denen bunte Didgeridoos, Zubehör für die Instrumente, Ethnoklamotten und Holzschmuck angeboten werden. Die meisten tragen Leinenhosen, Batikshirts und Dreadlocks. In einem Seminarraum im ersten Stock des »Kulturhauses« am Rande des Geländes sitzt Andrea Lukas und ist nervös. Fest umklammert sie ihr rotes Didgeridoo, das mit bunten Echsen und Punkten verziert ist. Die schwere Krankheit sieht man der 17-Jährigen nicht an. Wie viele Teenager trägt sie dunkle Jeans und ein schwarzes Sweatshirt, die langen blonden Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, um den Hals baumeln Kopfhörer. Der Raum ist groß. Andrea und ihr Lehrer haben sich an einen kleinen Tisch gesetzt. »Du musst erst einmal deine Lippen aufwärmen«, erklärt Jürgen Breuninger. Das heißt, an den Lippen zupfen, den Mund aufmachen und wieder schließen, pusten und prusten. Bisher hat Andrea das Instrument nur zu Hause ausprobiert, professionellen Unterricht hat sie heute zum ersten Mal. Für das Didgeridoo gibt es keine Noten. »Darauf zu spielen, ist wie sprechen«, meint Breuninger. Er sagt Fantasiewörter in das Rohr, wenn er darauf musiziert. Docko, docko, töööö, iuiuiui. »Wenn du dir vorher überlegst, was du spielen willst, wird der Ton klarer«, erklärt er seiner Schülerin.

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REPORTAGE

Nach einer halben Stunde fragt Jürgen Breuninger, wie Andrea sich fühle. Er weiß, dass DidgeridooSpielen anstrengend für die Atmung ist, besonders für Mukoviszidosekranke. Aber genau das macht das Instrument für die Patienten so interessant. »Meine Lippen kribbeln,

aber sonst ist alles super«, sagt Andrea begeistert. Das Spielen trainiert die Bauchatmung. Durch die Vibrationen des Instruments und die besondere Atemtechnik wird das Zwerchfell trainiert und gestärkt. »Je kräftiger das Zwerchfell, desto besser können die Patienten atmen«, erklärt Breuninger. Außerdem entsteht beim Spielen ein Überdruck, der die Bronchien in der Lunge öffnet. Der Schleim, der sich in den Lungenbläschen bei Mukoviszidosepatienten ansammelt, kann entweichen und abgehustet werden. Wissenschaftlich ist die therapeutische Wirkung des Instruments noch nicht erwiesen. Jürgen Breuninger ist aber überzeugt, dass es den Patienten hilft. In Kiel betreut der 46-Jährige dauerhaft eine Gruppe Jugendlicher mit Mukoviszidose, auf der Nordseeinsel Amrum bietet er Sommercamps an. »Das Tolle ist, dass die Jugendlichen aus Spaß Didgeridoo spielen, gleichzeitig aber eine Therapie machen, die ihnen gar nicht richtig bewusst ist und sie so nicht unter Druck setzt«, erklärt Breuninger. Er ist studierter Sozialpädagoge und hat in der Drogenberatung gearbeitet, bis er vor

fünfzehn Jahren das erste Mal ein Didgeridoo in die Hände bekam. »Das war wie eine Lawinenbewegung, die mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat«, sagt er heute. Mit seiner gelassenen Art nimmt er Andrea schnell die Nervosität. Der hellgraue Kapuzenpullover, schlichte Bluejeans und braune Wanderschuhe lassen ihn bodenständiger wirken als viele Festivalbesucher. Jürgen Breuninger lobt seine Schülerin oft, gibt ihr Tipps und zeigt ihr mit detaillierten Nachfragen, dass er sich mit Mukoviszidose auskennt. Die Taktik geht auf. Bei der lockeren Atmosphäre im Workshop entspannt Andrea sich, macht Späße und plötzlich klingen auch die Töne aus ihrem

Didgeridoo kraftvoller. Schon nach kurzer Zeit spielt sie im Wechsel mit ihrem Coach kurze Rhythmen. Atembeschwerden machen der Schülerin aus dem brandenburgischen Dreetz bisher kaum Probleme. Trotzdem muss auch sie penibel auf Hygiene achten, damit sie sich nicht mit Bakterien und Keimen infiziert. Das gilt auch für das Didgeridoo: Das Mundstück muss nach dem Spielen an der Luft trocknen, bevor Andrea es wieder einpackt. Fünfmal täglich schluckt die 17-Jährige Medikamente, viermal die Woche geht sie zu therapeutischen Anwendungen. »Momentan geht es mir so gut wie nie zuvor«, sagt Andrea glücklich. Nach einer Stunde ist Jürgen Breuninger begeistert: »Es gibt nur wenige, die das so schnell lernen wie du.« Aus Andreas Didgeridoo erklingen

mittlerweile professionelle Töne, auch die richtige Atmung hat sie schon drauf. Deshalb macht Breuninger ihr einen Vorschlag: Am Nachmittag soll ein Weltrekord aufgestellt werden. So viele Didgeridoo-Spieler wie nie zuvor werden gemeinsam ein Stück spielen. Erst zweifelt Andrea, ob sie dafür gut genug ist. Für den Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde braucht es 239 Musiker. »Wenn dann nur 238 da sind und es wegen mir nicht reicht«, meint die Schülerin, dann mache sie mit. Also übt Jürgen Breuninger mit Andrea ihre Einsätze im DidgeridooOrchester. Das Stück für den Weltrekordversuch besteht aus der Tonfolge des bekannten Gitarrenriffs von »Smoke on the Water« und der Melodie aus der Haribo-Werbung. Eine Stunde später sitzt Andrea bei den Profis auf der Inselwiese und spielt mit. Für einen neuen Weltrekord reicht es am Ende nicht: Es sind 60 Musiker zu wenig. Doch Andrea ist dennoch zufrieden. Sie hat ein neues Hobby gefunden und eine Therapie, die sie glücklich macht.

Mukoviszidosekranke haben einen Gendefekt, der nicht geheilt werden kann. Die Funktionen der schleimbildenden Drüsen im Körper sind gestört. Die Drüsen der Bronchien in der Lunge, im Magen und im Darm bilden einen zäheren Schleim als bei Gesunden, der zu Verstopfungen führen kann. Das schlägt auf die Atmung und der Schleim ist ein gefährlicher Nährboden für Keime und Bakterien.

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PORTR ÄT

DER FOTO-KOMPONIST Vor der Kamera hatte er sie alle, die Stars des deutschen Nachkriegsfilms: ob Romy Schneider, Hildegard Knef oder Curd Jürgens. Er gilt als einer der stilprägendsten Modefotografen der Nachkriegszeit. Doch F. C. Gundlach ist nicht nur Fotograf, sondern auch Sammler, Galerist, Kurator und Stifter. Text: Alexander Schmitz | Layout: Simon Staib

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PORTR ÄT

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ode fotografierte er nicht nur – er inszenierte sie. Auch Architektur hat einen hohen Stellenwert in seinen Aufnahmen. Ein Grund dafür war sicherlich F. C. Gundlachs starkes Interesse daran; schon bei seiner Berufswahl schwankte er zwischen Fotografie und Architektur. Geboren wurde Franz Christian Gundlach 1926 im hessischen Heinebach. Nach seiner Ausbildung zum Fotografen in Kassel veröffentlichte er ab 1949 freiberuflich vor allem Theater- und Filmreportagen in Magazinen wie Stern und Quick. »Für mich war immer das wichtigste, dass ein Modefoto auch eine modische Information transportiert«, sagte F. C. Gundlach im Gespräch mit der dpa. Gleichzeitig war es ihm »immer wichtig, Impulse aus der Kunst in den Bildern aufzugreifen«. Drei Jahre nach Beginn seiner Laufbahn und Assistenzstellen in verschiedenen deutschen Studios gründete er mit zwei anderen Fotografen in Stuttgart ein eigenes Studio. Für Filmverleihe fotografierte er Standbilder, Pressefotos und Starporträts – und ab und zu auch Dreharbeiten. Aus der Zeit stammen auch seine Fotoreportagen aus den Bereichen Feuilleton und Kinder und Jugendliche. Seine Fotografien sind klar komponiert und auf das Wesentliche reduziert. Reportage-Elemente flos-

sen immer wieder in seine Modeaufnahmen ein. Dank eines für ihn glücklichen Abkommens mit der Lufthansa war F. C. Gundlach sehr

mobil und fotografierte viel an vor allem für die damalige Zeit ausgefallenen Orten wie den Pyramiden von Gizeh. Seine Reisen führten ihn in die USA, nachSüdamerika, in den Nahen, Mittleren und Fernen Osten und nach Afrika. Für die Zeitschrift Film und Frau machte er Starporträts. »Dann sagte der Chefredakteur, er würde gerne Modefotos von mir haben. Er glaubte, dass ich Mode fotografieren könn-

te, und damit begann meine Karriere als Modefotograf«, berichtete F. C. Gundlach der Online-Redaktion des Goethe-Instituts. Für Brigitte hat F. C. Gundlach 180 Titelbilder fotografiert. Seine Fotos erschienen auf über 5500 Modeseiten. Ab den 80er Jahren sammelte F. C. Gundlach vermehrt Fotografien und konzipierte Ausstellungen. Seine Fotosammlung »Das Bild des Menschen in der Fotografie« zählt zu den bedeutendsten privaten Fotosammlungen Deutschlands. Als Dauerleihgabe steht sie dem Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg zur Verfügung. Von 2003 bis 2005 war F. C. Gundlach dessen künstlerischer Leiter; weiterhin ist er im Aufsichtsrat und trägt den Titel des Gründungsdirektors. 1988 wurde er als Professor an die Hochschule der Künste in Berlin berufen.

Einen umfangreichen Überblick über das Lebenswerk F. C. Gundlachs und die Modefotografie von den 50ern bis zu den 80ern bietet der Fotoband »F. C. Gundlach. Das fotografische Werk« zur Retrospektive des Fotografen, erschienen im Steidl Verlag.

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Der Filmpark Babelsberg befindet sich auf dem Gelände der modernen Medienstadt Babelsberg. Seit fast 100 Jahren schreibt Babelsberg Filmgeschichte. Mit seiner einmaligen Mischung aus Entertainment, Information und wirklicher Film- und Fernsehwelt ist der Filmpark Babelsberg das ideale Ausflugsziel in der Region Berlin/ Brandenburg. Finden Sie heraus, mit welchen Tricks Film- und Fernsehprofis arbeiten im Traumwerker Atelier, während der spektakulären Stuntshow im Vulkan oder der TV-Show im Fernsehstudio 1. Erleben Sie die phantastische Welt von Film und Fernsehen in faszinierenden Kulissen und Ausstellungen, während der Rundfahrt durch die Medienstadt oder der Führung in das original GZSZ-Außenset.

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Foto: Mathwig

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POLITIK

AKTIONSKUNST MIT BOMBEN UND POESIE

Lackierte Fingernägel und sonnengebräunter Teint – endlich ein Schönheitssaloon für Politiker, mag man vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) denken. Doch was steckt wirklich dahinter? Text: Laura Orlik | Layout: Simon Staib

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ür den 30-jährigen Philipp Ruch ist politische Schönheit eine moralische Schönheit. Und er muss es wissen, denn Ruch ist GrünNina van Bergen, informelle Bundeskanzleder des ZPS und damit rin des ZPS. »Chefunterhändler der Schönheit«, so der offizielle Titel. Ruch und eine Gruppe von acht Aktionskünstlern legen ihren Fokus auf das bedeutende Thema »Völkermorde«. Wenn man an den Genozid der Nationalsozialisten an Juden und anderen Minderheiten denkt, werden ernste Gesichter gemacht, und Scham kommt auf für die deutsche Geschichte. Völkermorde im Hier und Jetzt scheinen jedoch ein sehr abstrakter Begriff zu sein: Man hört in den Nachrichten zum Beispiel von Genoziden in Ruanda und von drohenden Massakern in Libyen, doch es geht kein Aufschrei durch deutsche Wohnzimmer. Es hat sich eine beunruhigende Passivität hinsichtlich Genoziden entwickelt. Untätigkeit ist aber aktives Zuschauen, »Handlungslethargie« sei eine stille Zustimmung, meint die Künstlergruppe des ZPS. Sie will den abstrakten Begriff des Genozids fassbar machen und die Menschen zum Handeln bewegen. Aber nicht, indem sie den Genozid der Gesellschaft wie ein nasses Tuch ins Gesicht schlägt, sondern durch Kunstaktionen. Wie Ruch sagt: »Es braucht Poesie, um Menschen für Politik zu gewinnen.«

Bei Poesie geht es nicht um Stilleben oder Kätzchen am Klavier, es geht zum Beispiel um Bomben vor dem Reichstag. Diese Bomben wurden aus Lethe, dem Fluss des Vergessens, geborgen – natürlich nur metaphorisch. Tatsächlich waren es unbenutzte NATO-Bomben, die 1995 zur Verhinderung des Massakers im bosnischen Srebrenica hätten genutzt werden können. Damals vor 15 Jahren starben über 8.000 Menschen. Zur Mahnung platzierten die Aktivisten nicht nur Bomben, sondern verübten sogar einen Anschlag auf den Bundestag: einen Thesenanschlag. Die neugierigen Bundestagsbesucher machten sie zu »Helden der Zukunft«. Diese »Helden« konnten Thesen lesen wie »Eine Seele, die keine Schönheit empfunden hat, begeht emotionalen Selbstmord«. Oder »Seelen ohne Poesie sind eine unentdeckte Form der Geisteskrankheit«. Wahrscheinlich deshalb wollte das ZPS unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahr 2009 auf eBay versteigern. Mit mäßigem Erfolg: Ein benutztes Taschentuch von Scarlett Johansson brachte deutlich mehr ein als die mächtigste Frau der Welt in Person. Aber wer bietet schon auf jemanden, der in der Artikelbeschreibung als »Visionslos. Antriebslos. Uninspirierend« beschrieben und dessen Zustand als »gebraucht« bezeichnet wird? Diese medienwirksame Initiative war ein Appell an die Politik, aber auch an jeden einzelnen Bürger. Europa soll zu einer »humanitären Supermacht« werden und jeder Mensch zum Superhelden im Dienste der Menschlichkeit, so lautet zumindest die Vision des ZPS. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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TITEL

FREIHEIT MIT PFANDFLASCHEN Kaum ein Schritt ins Erwachsenenleben ist so einschneidend wie der Auszug von zu Hause. Und kaum ein Schritt verspricht so viel Freiheit. Text: Lisa Schmidt | Layout: Simon Staib

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s juckt in jeder Pore, wenn der Schulabschluss näher rückt: Endlich raus von zu Hause und auf eigenen Beinen stehen. Wenn man erst einmal ausgezogen ist, kann man heimkommen, wann man möchte, laut sein und die ganze Nacht vor dem laufenden Fernseher schlafen. Man muss nicht mehr jede Disko-Bekanntschaft seinen Eltern vorstellen oder erklären, wo man wann, wie lange und mit wem hingehen möchte. Nur die Eltern, so scheint es, haben einen bisher mit spießigen Moralvorstellungen davon abgehalten,

ein kreativer, spontaner und freier Mensch zu sein. Hat man diese Last erst einmal abgeschüttelt, sich aus ihren destruktiven Klauen befreit, wird sich schlagartig alles ändern – so der Traum vom Ausziehen. Dass das gar nicht so einfach ist, merkt man, wenn der Mietvertrag unterschrieben, die Möbel aufgebaut und die Einweihungsparty vorbei ist. Dann zeigt sich, dass WG-Mitbewohner doch keine Mama ersetzen können. Dass niemand da ist, der für genügend Klopapier im Haus sorgt und dass man eigentlich gar nicht

UNKRAUT IM INTERNET

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Ein Kommentar von Henry W. Ledig.

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as böse Internet. Als Sodom und Gomorrha der heutigen Zeit, als Versuchung 2.0, ist es verschrien. Und nicht erst seit Stephanie zu Guttenbergs Sendung »Tatort Internet«, die vor allem wegen skrupelloser Recherche-Methoden kritisiert wurde. Die Reaktionen der Politik? Internetseiten mit kinderpornografischem Inhalt zu sperren. Äußerst raffiniert, denn damit wird eine Vorgehensweise auf das Internet angewendet, die sich auch im »Real Life« immer ganz gut bewährt hat: Einfach wegsehen. Deswegen ist es auch legitim, zu behaupten, das Internet werde zensiert. Da müsste es im Grundgesetz Artikel fünf zur Meinungsfreiheit wohl eher heißen: »Eine Zensur findet ungewollt, aber nötigerweise leider doch

weiß, was die vielen Schalter an der Waschmaschine bedeuten. Zwischen nervigen Mitbewohnern und Putzplänen, Nebenkosten und leeren Kühlschränken hat man erst einmal keine Zeit, das neue tolle Leben ohne Eltern zu genießen. Vielleicht vermisst man seine Familie sogar ein bisschen. Aber spätestens, wenn man um vier Uhr morgens mit Freunden in der Küche sitzt und Wein trinkt, merkt man: Alleine wohnen lohnt sich doch. Selbst dann, wenn man seine Freiheit mit Pfandflaschen teilen muss.

statt.« Damit wir uns richtig verstehen: Natürlich darf das Internet kein gesetzfreier Raum sein, aber Sperren einzuführen, ist nicht der richtige Weg: Der Nutzen ist begrenzt, da sie leicht umgangen werden können und die rechtsstaatliche Grundlage fehlt. Ob eine Initiative wie die Piratenpartei, die sich für Internetfreiheit engagiert, das Unkraut an der Wurzel packt, darf bezweifelt werden. Gegen Informationsverteilung ist aber nichts einzuwenden. Deshalb stellen wir die Idee mit der Internetsperre besser mal unter das Motto der alten Römer: »Ut desint vires tamen laudanda voluntas.« Wenn auch die Kräfte fehlen, ist doch der Wille zu loben.

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WISSEN

SKIZZEN GEGEN DAS CHAOS Komplexe Sachverhalte sind grafisch dargestellt oft einfacher zu verstehen. Große Unternehmen wie Google haben das erkannt und präsentieren die Funktionsweise ihrer Produkte mit Symbolen und Zeichnungen. Text: Alexander Schmitz | Layout: Luca Leicht

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deen erklären, finden und weiterentwickeln, dabei hilft das sogenannte Visual Thinking. Gedanken werden gegliedert und Probleme sind deutlicher zu erkennen – und dadurch einfacher zu lösen. Mit Porträts, Tabellen, Karten, Zeitstrahlen, Ablaufdiagrammen und Schaubildern werden Informationen veranschaulicht. »Visuelles Denken gibt uns die Möglichkeit, Probleme nicht nur als endlose Abfolge von Pannen zu betrachten, sondern als kleine Gruppe untereinander verbundener visueller Herausforderungen, von denen jede für sich deutlicher gezeichnet werden kann«, erklärt Dan Roam in seinem Buch »Auf der Serviette erklärt«. Roam ist Gründer einer Beratungsfirma, die Managern hilft, Probleme durch Visual Thinking zu lösen. Der Mensch kann sich Inhalte in Verbindung mit Bildern leichter merken; davon profitiert Visual Thinking. Zuständig für alles Bildliche ist die

linke, kreative Gehirnhälfte. Die rechte Gehirnhälfte denkt eher logisch und abstrakt. Anstatt langer und trockener Powerpoint-Präsentationen setzen Unternehmen deshalb auf Live-Visualisierung und lassen zum Beispiel Meetings und Konferenzen zeichnerisch dokumentieren. Mit Stift und Papier, Whiteboard, Flipchart oder Tafel lassen sich Zusammenhänge, Abläufe und Situationen schnell vereinfacht und verständlich darstellen. Das kann auch in Schule und Uni bei Referaten oder im Verein bei der Planung von Projekten helfen. Wer wissen will, wie er selbst Ideen visuell erklären und Probleme lösen kann, der findet das dazu notwenige Wissen im Buch »Auf der Serviette erklärt« von Managementberater Dan Roam. Erschienen ist es im Redline Verlag.

SCHUHGRÖSSE 3500 Text: Christina Ott | Layout: Luca Leicht

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igentlich sollte die Freiheitsstatue zur Hundertjahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1876 aufgestellt werden. Den langen Weg in die USA schaffte sie aber nicht rechtzeitig – erst zehn Jahre später im Jahr 1886 wurde sie offiziell eingeweiht. Bevor die Franzosen die Statue an die Amerikaner verschenkt hatten, stand sie schon in Paris. Das Kupferskelett, welches die Statue von innen stützt, stammt

übrigens von Gustave Eiffel, der vorher auch schon den Eiffelturm konstruiert hatte. Die sieben Strahlen an der Krone stehen für die sieben Kontinente der Welt. Die Tafel, die die Freiheitsstatue in ihrer linken Hand hält, trägt eine Inschrift mit dem Datum der amerikanischen Unabhängigkeit, nämlich dem 4. Juli 1776. Die »Statue of Liberty« wiegt insgesamt 225 Tonnen, misst 46 Meter und bräuchte, wenn sie Schuhe anziehen würde, die Schuhgröße 3500. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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WISSEN

DIE DEADLINE IM NACKEN Die Idee, einen Artikel über das Phänomen der Prokrastination zu schreiben, entstand Ende Mai bei der Redaktionssitzung. Doch irgendwie lief etwas schief. Ich hatte ich mir das Thema meines Artikels zum Motto gemacht. Der Redaktionsschluss kam und verging, ohne dass ich eine Zeile geschrieben hatte. Text: Sanja Döttling | Layout: Luca Leicht

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rokrastination ist laut Max Goldt ein »nicht Zeitmangel bedingtes, aber umso qualvolleres Aufschieben dringlicher Arbeiten in Verbindung mit manischer Selbstablenkung, und zwar unter Inkaufnahme absehbarer gewichtiger Nachteile«. Der Begriff Prokrastination lehnt sich an das lateinische Wort »crastinus« an, das übersetzt »morgen« bedeutet. Allerdings wird Prokrastination erst seit kurzem erforscht. Davor wurde sie häufig mit schlechter Organisation oder bloßer Faulheit verwechselt. In jüngeren Studien haben Wissenschaftler herausgefunden, dass etwa 25 Prozent der Bevölkerung regelmäßig Aufgaben verschieben, obwohl sie Zeit dafür hätten – bei Studenten liegt der Wert mit 50 Prozent deutlich höher. Irgendwie kam meinem Plan, diesen Artikel zu schreiben, immer etwas dazwischen: Ich war einkaufen, eine Freundin in Wien besuchen und habe endlich meine Amazon-Empfehlungen optimiert. Einige Tage später bekam ich eine nette E-Mail von der Chefredaktion, die sich nach dem Verbleib des Artikels erkundigte. Das war an einem Samstag. Bis zum Montag ließ ich mein schlechtes Gewissen wachsen, dann aber raffte ich mich auf und antwortete: Am Donnerstag wäre der Artikel spätestens fertig. Und weil ich ja immerhin die E-Mail geschrieben hatte, gönnte ich mir bis Mittwoch einen kurzen Urlaub. Nur das letzte Viertel der Zeit vor einer Deadline wird tatsächlich genutzt, um zu arbeiten. Das meinen der Blogger Sascha Lobo und die Journalistin Kathrin Passing in dem Buch »Dinge gere-

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gelt kriegen«. Wissenschaftlich und witzig beschreiben sie den Alltag einer prokrastinierenden Person. Der Ratgeber ist allen Personen zu empfehlen, die das gleiche Problem haben wie ich. Lobo und Passing raten zum Beispiel, eine Aufgabe, die nur mit Selbstdisziplin zu bewältigen ist, lieber gleich zu lassen.

Denn Disziplin sei ein Zeichen dafür, dass es falsch ist, die Aufgabe zu erledigen. Einfach aufzugeben, schadet also nicht. Egal welche Übergangstätigkeiten ausgeübt werden, um sich vor einer anderen Aufgabe zu drücken: Ihnen allen entspringt irgendein Nutzen. Computerspielen fördert zum Beispiel das Konzentrationsund Reaktionsvermögen. Zeitverschwendung ist somit unmöglich. Das Buch ist freundlich zu allen Prokrastinatoren, weil die Tipps niemals zum Handeln auffordern; aber sie beruhigen das Gewissen. So kann getrost weiter prokrastiniert werden. Am Donnerstagabend um 21.45 Uhr hatte ich die letzte Zeile geschrieben. Mehr als zwei Stunden vor der Deadline bin ich fertig. Also eigentlich fast zwei Stunden vor der Deadline nach der Deadline. Das ist fast unheimlich pünktlich.

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REPORTAGE

DAS FREIHEITSEXPERIMENT Was passiert, wenn man Süßigkeiten im Geschäft isst, ohne zu bezahlen oder auf der Stuttgarter Königstraße meditiert? Laura Orlik und Sophia Bleher wollten herausfinden, was man sich in der Stuttgarter Innenstadt erlauben kann und wo die Freiheit aufhört. Text: Laura Orlik und Sophia Bleher | Layout: Pascal Götz

Laura und Sophia bei ihrem Selbstversuch in Stuttgart.

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nser Experiment beginnt am Stuttgarter Bahnhof. Schon hier legt sich die Aura der Peinlichkeit über uns. Als wir überlegen, was wir anstellen wollen, ziehen wir die Blicke auf uns. Das liegt wohl an unserem verrückten Kichern. Endlich im Zug bieten wir unseren Mitfahrern eine kleine Show. Ernsthaft sprechen wir über unsere Villen am Starnberger See und dem nur für uns aufgebauten Festzelt auf dem Gelände des Canstatter Wasen, in dem schon 300 Hähnchen für uns brutzeln – und schaffen es, noch nicht einmal zu lachen. Aber keine Angst, unser Experiment wird noch schräger. In Stuttgart angekommen erzählen wir uns lautstark, dass wir einen Baby-Eisbären gesehen haben. Und dann geht er richtig los: unser Test, wie frei wir wirklich sind. Mitten auf der viel besuchten Königstraße setzen wir uns hin und machen Yoga. Die Straße kennt wirklich je-

der und das heißt, dass auch gefühlt jeder da ist. Jeder schaut uns an. Die Passanten betrachten uns skeptisch, viele haben durchaus ernst gemeinte Kommentare übrig. Eine ältere Dame meint: »Ha, die mached do tatsächlich Yoga midda uff der Stroß!« Den Augenkontakt zu den Leuten zu halten, ist besonders schwierig. Sie werfen uns Blicke zu, die uns nicht darin bestärken, weiter zu meditieren und uns zum Depp zu machen. Schnell machen wir unsere Augen zu, um nicht lauthals loszulachen. Als wir endlich unsere innere Mitte gefunden haben, versetzen wir unsere Stimmbänder mit Singen in Schwingung. Laura pirscht sich an eine ahnungslose Passantin heran und fragt, ob sie ihr einen Euro abnehmen darf. Als Gegenleistung soll die Passantin eine einzigartige Vorstellung von Lauras Gesangskünsten erhalten. Die Frau traut wohl ihrer Brille nicht so ganz, die sie zweifelnd ▶ abnimmt und putzt. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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REPORTAGE

Doch sie bezahlt wirklich. Mit ihrem Gesang wäre Laura zwar vielleicht ins Viertelfinale von Deutschland sucht den Superstar gekommen, aber eine Opernsängerin steckt nicht in ihr. Stolz kommt sie mit dem Euro in den Fingern zurück. Die Überraschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Zu zweit versuchen wir es noch einmal. Diesmal fragen wir eine Gruppe von Freundinnen, die auf einer Bank Pause machen. Auch sie wollen uns singen hören und dafür bezahlen. Damit haben wir schon zwei Euro verdient. Leider reißt unsere Glückssträhne danach ab und niemand will unserem lieblichen Gesang mehr lauschen. Darum wagen wir uns an unser nächstes Projekt: Süßigkeiten schnorren. In jedem großen Kaufhaus befindet sich zum Glück eine kleine Abteilung, in der man Süßigkeiten selbst zusammenmischen kann. Und genau dahin führt uns unser nächster Weg. »Dürfen wir mal probieren? Wir können uns nicht entscheiden«, fragen wir dreist die Verkäuferin. »Ausnahmsweise«, meint sie und gibt uns die Erlaubnis, zu probieren, was immer wir wollen. Und das meiste schmeckt gut. So gut, wie nicht bezahlte Dinge schmecken. Viel gekauft haben wir trotzdem nicht. Bisher sind wir immer höflich gewesen und haben unsere Opfer um Erlaubnis gefragt, ob sie denn wirklich Opfer sein

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wollen. Das ändert sich nun. Auf einer Wiese sitzt unser nächstes Opfer. Einsam und allein, das ist sein Pech. Von hinten schleichen wir an ihn heran und setzen uns einfach neben ihn, eine auf die linke, die andere auf seine rechte Seite. Mittlerweile zu den Prinzessinnen der Peinlichkeit aufgestiegen und mit Pappkronen gekrönt, fragen wir ihn, was er von der Monarchie in Deutschland hält? »Isch bin Fransoose«, meint der Herr. Vielleicht auch ein Grund, weshalb er sich nicht über unsere peinlichen Pappkronen wundert. Laura strengt sich an, möglichst schönes Französisch mit ihm zu reden. Plötzlich stellt sich heraus, dass er fließend Deutsch spricht. Wie er die Monarchie in Deutschland findet, wissen wir bis heute nicht. Dafür wissen wir, dass er Monsieur Sarkozy persönlich wie beruflich nicht viel abgelingen kann. Mit seiner Frau Carla würde er hingegen sogar einen Kaffee trinken gehen.. Für unsere Aktionen haben wir nur verwunderte Blicke und überraschtes Lachen geerntet. Wirklich Ärger gab es nirgends. Ohrenvergewaltigung durch schiefes Singen ist ja auch noch keine Straftat. Welches Fazit wir aus unserem Experiment gezogen haben? Wir leben wirklich in einem freien Land. Solange man sich dabei nicht schämt, stehen einem alle Narrentüren offen.

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REISE

»I URLAUB FÜR IDEALISTEN Mit 100 Euro zwei Wochen lang durch Deutschland reisen, ist das möglich? Emily Wroblewski und Lucas Ott haben den Test gewagt: Mit einer Gruppe von Jugendlichen und Betreuern bereisten sie letzten Sommer Deutschland. Die Jugendlichen konnten unabhängig von ihrem Kontostand in den Urlaub fahren und sahen dabei ihre Heimat mit anderen Augen. Text: Marie Graef | Layout: Jan Zaiser

Wer mit 100 Euro durch Deutschland reist, macht etwas Alternatives.

n den zwei Wochen habe ich gemerkt, wie viele Dinge in meinem Alltag eigentlich überflüssig sind. Ich habe Selbstverständliches wieder zu schätzen gelernt«, erzählt der 17-jährige Lucas. Natürlich haben sie nicht gehungert, um ihr »100-Euro-Ziel« zu erreichen, nur gab es zwischendurch nicht mal schnell eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Chips. Die warme Dusche fehlte ebenso – zum Waschen blieb manchmal nur der kalte Wildbach. Dafür haben sie nachts nicht gefroren: Zu vierzehnt auf einer siebeneinhalb Meter breiten Fläche wurde es kuschelig warm. Laut Emily, der mittlerweile 20 Jahre alten Betreuerin, war das kein Hindernis. Die Gruppe ist auf der Reise schnell zusammengewachsen. Vermutlich liegt das daran, dass Jugendliche, die sich auf eine solche Freizeit einlassen, meist eine ähnliche Einstellung mitbringen: Sie mögen sichtbar das Alternative. Lucas hat lange rote Locken, die er als Pferdeschwanz trägt und ein Piercing an der Lippe. Emilys Haare sind kurz, verstrubbelt und die Löcher in ihren Ohren sind kaum zählbar. Beide sind umweltbewusst, gehen häufig demonstrieren und bezeichnen sich als konsumkritisch. Man muss einen gewissen Abenteuersinn verspüren, um sich auf das Projekt einzulassen. Gemeinsam entscheidet die Gruppe bei einem Vortreffen die grobe Richtung der Reise, alles andere bleibt offen. Emily und Lucas wollten mit ihrer Gruppe ans Donautal. Zehn Kilometer haben sie dafür am Tag zurückgelegt, abends klingelten sie bei Bauern und fragten nach einem Schlafplatz. Einmal fanden sie auch im Kloster Unterschlupf. »Es war unglaublich, wie freundlich die Leute sind!«, erzählt Emily. Auf Märkten bekamen sie Gemüse, das tagsüber nicht verkauft wurde, und als sie bei einem Fischereifest vorbei kamen und dort spontan einen »Fisch-Rap« vorführten, verdienten sie in kürzester Zeit 30 Euro. Von dem Geld konnten sie ins Freibad gehen. Doch es gab auch Ausnahmen. »Manche schimpften, wie unverantwortlich es von unseren Eltern sei, uns mit so wenig Geld losziehen zu lassen«, berichtet Lucas. Wer den Standard eines 5-Sterne-Hotels für sein Glück braucht, ist bei einer solchen Reise am falschen Ort. Aber dafür kann man hier Freunde fürs Leben finden und darauf kommt es Emily und Lucas an. Selbst jetzt, ein Jahr nach der Freizeit, haben Teilnehmer und Betreuer noch immer Kontakt zueinander.

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LIFEST YLE

FASCHING AUF JAPANISCH Ihr Hobby ist teuer, aufwändig und wird meist nur belächelt. Trotzdem gewinnt »Cosplay« immer mehr Anhänger. Henrike W. Ledig hat mit zwei Spezialisten gesprochen. Text: Henrike Ledig | Layout: Jan Zaiser

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elli und Jean-Cédric essen Onigiri. Das sind gefüllte Reisbällchen in Dreiecksform, ein traditioneller japanischer Snack. »Eigentlich soll es die Form von Fuchsohren imitieren«, erklärt Jean, der lieber JC genannt werden möchte. Inari, der japanische Gott des Reises, wird nämlich in der Gestalt eines Fuchses dargestellt. Nelli und JC haben ein Jahr in Japan bei Gastfamilien verbracht, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Beide haben ein außergewöhnliches Hobby aus Japan mitgebracht: »Cosplay«. »Cosplay« ist eine Abkürzung für »Costume Play« – Verkleidungsspiel. Prinzipiell gibt es beim Cosplayen zwei Kategorien von Geeks: Die, die selber spielen und dafür unzählige Stunden Zeit, Geld und Arbeit in ein Kostüm investieren. Und die, die davon Fotos machen. Der Hintergrund ist aber derselbe. Es geht darum, seine Lieblingsfigur aus einem Anime oder Manga möglichst detailgetreu nachzuspielen. Dabei gibt es mehrere Stufen: Vom bloßen Darstellen einer einzelnen Figur, über das Zusammenschließen in Gruppen, bis zum Beleben der Figur. »Das machen aber nur die wenigsten wirklich gut. Sich das Verhalten der Charaktere anzueignen und dabei niemals aus der Rolle zu fallen, verlangt schauspielerische Höchstleistungen«, betont Nelli. Die Japaner machen das deutlich stilvoller. In Japan gehört es zur Kultur, Mythologien nachzuspielen wie zum Beispiel die »Nachtparade der 100 Dämonen«, einen wichtigen Teil der Shinto-Mythologie. Daraus ist das Cosplayen entstanden. Während die Otakus außerhalb Japans den Großteil ihrer Kostüme selber basteln, kann man in Japan viele Dinge einfach kaufen. »Dort ist das ein Markt«, sagt JC. Deshalb ist auch die Qualität der japanischen Cosplays meistens besser. »Die Japaner gehen mit mehr Ernst an die Sache heran, dort ist Cosplay eine Kunstrichtung. In Deutschland macht man das eher aus Spaß, wie beim Fasching«, erklärt Nelli. In Japan wird das Cosplay auch praktiziert, um Individualität zu schaffen: Alle Schüler müssen eine Schulinform tragen, in

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Die zwei auslandserfahrenen Nelli und JC.

Ganztagsschulen fehlt der Raum für Individualität. Das Cosplayen bietet auf den zahlreichen Conventions, den Treffen der Cosplayer, eine Möglichkeit zur freien Entfaltung. Auch in Deutschland gibt es die sogenannten »Cons«, allerdings nicht in dem großen Stil wie in Japan. In Bonn und Kassel finden jedes Jahr die zwei größten statt: die »Animagic« und die »Connichi«. Über das Internetforum Animexx haben sich auch außerhalb der Cons schon Gruppen von deutschen Cosplayern zusammengefunden, die unregelmäßige Treffen abhalten und sich austauschen. Nachgespielt werden nicht nur Figuren aus Anime und Manga, sondern auch Charaktere aus Videospielen wie World of Warcraft oder Resident Evil. JC und Nelly ist eines wichtig: Cosplayer sind richtig nette Menschen, die sich über das Interesse von Außenstehenden freuen. Auch wenn sie manchmal einen sonderbaren Eindruck machen.

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KULTUR

DIE AFRIKA-BOTSCHAFTERIN Als Moderatorin des Heute-Journals ist Marietta Slomka eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Fernsehlandschaft. Während der Fußball-WM in Südafrika war die Journalistin auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs. Ihre Eindrücke und Erinnerungen hat sie in einem Buch festgehalten. Text: Susan Djahangard | Layout: Pascal Götz

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arietta Slomka sitzt an diesem Abend im Untergeschoss des Sternverlags in Düsseldorf zwischen deckenhohen Bücherregalen. Über 220 Zuhörer sind gekommen, um die Journalistin live zu erleben. Zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika war Marietta Slomka mit ihrem Team auf dem afrikanischen Kontinent unterwegs. Für eine Reportage-Reihe im ZDF hat sie verschiedene Länder bereist. Sie ist durch den Dschungel in Ruanda zu Berggorillas gekraxelt und vor der Küste Mosambiks mit Walhaien getaucht. Die Erinnerungen an diese fünfwöchige Reise hat sie in einem Buch festgehalten: »Mein afrikanisches Tagebuch«

heißt das Werk. »Es sind auch private Reisen in das Buch eingeflossen«, erzählt Marietta Slomka. Während der Lesung gibt Slomka ganz die Nachrichtensprecherin. Nach einer knappen Begrüßung beginnt sie zu lesen: Ausschnitte aus jedem der fünf Kapitel. Sie nimmt die Zuhörer mit nach Ruanda, Kenia, Mosambik, Angola und Äthiopien. Zwischendurch gibt es Applaus, dann geht es weiter. Sehr nüchtern und sachlich trägt sie vor, redet kaum frei. Dafür ist ihr Schreibstil umso witziger und sie erntet viele Lacher. Wenige Momente, in denen sie aufblickt und schmunzelt. In echt wirkt sie zierlicher und älter, als im Fernsehen. Falten, die im Fernsehen sonst überschminkt werden, fallen plötzlich auf. Schlicht gekleidet mit weißer Bluse und dunkler Jeans sitzt sie auf dem Podium. Auffällig sind ihre Schuhe: Pumps mit Schlangenledermuster, in denen sie ständig auf und ab wippt. Doch ansonsten strahlt Marietta Slomka Ruhe aus. Vor der Lesung taucht sie auf der Treppe auf, als wäre sie eine Zuschauerin. Am Schluss bleibt sie, bis die Stühle weggeräumt werden und scherzt mit den Angestellten der Buchhandlung. Die Atmosphäre bei der Lesung ist gemütlich, die Zuhörer lauschen gebannt. Doch was fehlt? Das Buch; Marietta Slomka liest von ihrem iPad. »Das ist praktischer, dann brauche ich nicht so viel zu blättern«, entschuldigt sie sich am Anfang. Das afrikanische Tagebuch ist sehr persönlich geworden. Marietta Slomka erzählt darin von ihren Eindrücken und Empfindungen. Als Journalistin und studierte Volkswirtin hat sie das Buch auch mit gesellschaftlichen, geschichtlichen und wirtschaftlichen Hintergründen gefüttert. »Mir war es wichtig, einen vielfältigeren Blick auf Afrika zu werfen«, betont die gebürtige Kölnerin. Afrika, das sei nicht nur Safari mit Giraffen, genauso wenig wie nur Krieg und Leid. Afrika sei nicht eine Masse. »Das ist wie mit Europa. Wenn Amerikaner sagen, sie waren in ‚Europe‘, dann ärgert uns das doch auch«, meint sie. Norwegen und Spanien sei schließlich auch nicht das Gleiche. Genauso wenig Ruanda, Kenia und Mosambik. NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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UMFR AGE

DER FREIHEIT AUF DER SPUR Seit es Menschen gibt, gibt es auch das Streben nach Freiheit. Doch was ist Freiheit überhaupt? Etliche Philosophen, Dichter und Künstler haben sich mit dem Thema beschäftigt und nach Definitionen gesucht. Trotzdem ist Freiheit ein individuelles Gefühl und bedeutet für jeden etwas Anderes. Lukas Ramsaier hat sich in Stuttgart umgehört, was für junge Menschen Freiheit ausmacht. Text: Lukas Ramsaier | Layout: Jan Zaiser

» Katharina, 25 und Corinna, 20: »Wir fühlen uns frei, wenn wir am Wochenende etwas mit unseren Freunden unternehmen und dabei keine drückenden Sorgen haben.«

Heike, 25: »Ich war in Südamerika und musste mich dort oft aus Angst vor Raubüberfällen in meiner Freiheit einschränken. Deshalb fühle ich mich schon frei, wenn ich hier in Deutschland beim Einkaufen keine Angst haben muss, überfallen zu werden.«

Paul, 19: »Mit unbegrenzter Geschwindigkeit auf der Autobahn rasen – da fühle ich mich richtig frei!« Anna, 20: »Bei einem Festival mit guter Musik und netten Leuten total gedankenlos sein, das ist Freiheit!«

Sebastian, 20: »Beim Sport fühle ich mich frei.«

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Daniel, 27: »Ich fühle mich frei, wenn ich mitten in einer beeindruckenden Naturlandschaft bin.«

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KOLUMNE

KOPFMÜLLHALDE Aus dem Jahr 1946 stammt die Beschreibung eines Patienten, der keine unbelebten Gegenstände wahrnehmen konnte, wie Möbel oder Autos. Ich dagegen sehe jede Menge tote Dinge. Als erstes am Tag meine unfähige Kaffeetasse, die nie lernt, vom Tisch ins Spülwasser zu springen. Die mich nie unterhält. Es ist sieben Uhr dreißig, mir platzt der Kragen.

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Text: Anika Pfisterer | Layout: Jan Zaiser

om Acker, Tasse!« Das Gebrüll weckt die Nachbarn, denn die Tasse ist nicht alleine in ihrer Trägheit. Mit ihr die nie-nie wiederaufladbare Batterie, die in Spinnweben gehüllte Fliegenklatsche, die Zahnpasta, die seit Wochen nicht leer geht und seit Wochen nicht schmeckt, der aufgeschwatzte Flyer in der Hosentasche, alles tritt auf die Bühne, spricht nicht zum gähnenden Publikum und schlimmer noch – vergisst, wieder abzutreten. Man kann es nicht schön reden, das Gegenstands-Pack ist weder hochbegabt noch dient es der allgemeinen Erheiterung. Der gegenseitigen vielleicht? Wenn das nicht eine eingeschworene Bande ist, die hinter unserem Rücken auf den Putz haut, Saufgelage, Gericht und Olympiaden hält, bis die Obstschale ein Machtwort spricht! Ist das so, kann der Schund was? Sich nachts regen, wenn wir schlafen oder wegsehen? Provozieren geht über studieren: »Der Lehrer schreibt an die Tafel …« Tobt die Toystory? Zackige Halb-Pirouette. Leider nein, nicht mal ein tanzender Toaster. Punkt. Früher war alles besser. Eine Betrachtung kleinwüchsiger Kinderwageninsassen beim Kulleraugenkreisen und Sabberrinnsaltrielen: Sie staunen, weil vor ihnen ein Hokus-Pokus der Objekte stattfindet, das nur sie sehen können. Gegenstände tauchen auf, wenn der Babyblick sie streift und verpuffen, wenn er weiterzieht. Sandmännchen, Karottenbrei, leicht verschluckbares Kleinteil. Zappzarapp! Keine Rauchwolke, kein gedankliches Überbleibsel erinnert an das Objekt von vor einer Sekunde. Im Kindswahn zwischen Krabbeln und Grasausreißen vergisst das Baby alles, was es nicht akut sieht, fühlt oder hört. Seine kognitive Vorstellung räumt hinter ihm auf, oder die Mama, es selbst schert das Kuddelmuddel jedenfalls nicht die Bohne, ist längst vergessen. Deshalb brauchen Babys auch keine Statussymbole wie teure Autos. Die könnten sie weder fahren noch kognitiv speichern. Wie, mein Porsche hinter dem Garagen-

tor, meine Gucci-Jeans im Kleiderschrank? Ulkig, Spielkamerad, du halli…hallo…halluzinierst! Doch dann kommt die kognitive Revolution und macht Licht im Kopf. Die leise Ahnung von einem Anti-Verpuffungsgesetz keimt auf, der sogenannten Objektspermanenz. Alles, was seitdem in unser Blickfeld gerät, entwickelt eine enorme Kopf-Haltbarkeit. Jeder Kekskrümel, jedes Bonbonpapierchen brennt sich ins Gedächtnis, schlägt Wurzeln, versenkt rostige Anker, wird unabschüttelbar, zum mentalen Fingerabdruck, zur Plage zum Mitnehmen. Die Ohrfeige der Objekte hat geschallt. Und während wir unsere brennende Wange halten, den Knall noch im Ohr hören, überrollt uns die Gewissheit: Die Gegenstände um uns führen ein Eigenleben! Auch wenn wir längst außer Sicht sind, über alle Berge geflüchtet, sie behalten ihren Platz. Wie Wackersteine – im Sitzstreik für weiß der Kuckuck. Der Umkehrschluss aber gefällt mir. Wenn es alles ewig gibt, das einmal unsere Aufmerksamkeit erhascht, dann gibt es nichts, was den Sinnen bisher fremd blieb. So wie Jäger. Die sind Humbug. Und solange keiner meinen Waldweg kreuzt, werden sie sich auch nicht in meinen Kopf quetschen und mein eBay-Passwort verdrängen. Da ist genug Schund. So viel Schund, dass man sich fragen muss, wohin das führt. Eine im Gedankenkrimskrams stapfende, im Kopfmeer ertrinkende Gesellschaft? Wir haben wenige Optionen. Eine Flatrate für Anti-Objektpermanenz ist eine. Die sollten wir uns was kosten lassen, ob Geldwert oder Kompromisse. Man müsste bereit sein, den Rest des Lebens nur noch drei Wörter zu verwenden, wenn es das fordert. Mach, Einen, Abgang. Weg, Du, Gegenstand. Oder man rüstet eine mürrische Altherrengruppe mit Golfschlägern aus. Komm in die Hufe und schlag das Zeug aus der Umlaufbahn, Opa! Oh weh, typischer Fall! Erziehung versinkt im Schund der Kopfmüllhalde.

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DER FRÜHE VOGEL ... Nachtschichten, Koffeinkollaps und ständige Zeitnot: Unter diesem Umständen schreibe ich normalerweise Hausarbeiten. Geht das auch anders? Text: Miriam Kumpf | Layout: Jan Zaiser

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ür meine Zulassungsarbeit muss ich 90 Seiten zu Papier bringen, dafür habe ich drei Monate Zeit. Während ich noch teste, ob Koffein-Tabletten, Guarana-Gummibärchen oder Grüntee besser beim Wachbleiben helfen, erfahre ich, dass die Arbeit nicht bei meinem Professor abzugeben ist, sondern beim Prüfungsamt. »Dort arbeiten unbarmherzige Verwaltungskräfte«, warnt mich eine Kommilitonin vor. Ich müsse die Arbeit pünktlich am Abgabetag abgeben, Und das während der 90 minütigen Sprechstunde. »Sonst?«, frage ich. »Bist du durchgefallen!« Die unbarmherzigen Verwaltungskräfte machen mir Angst. Im Gegensatz zu den meisten Professoren führen sie eine akribische Liste darüber, wer wann seine Arbeit abzugeben hat. Diese

Angst führt so weit, dass ich meinen Biorhythmus umstelle: Statt Nachtschichten zu schieben, stelle ich mir frühmorgens den Wecker und fange an, morgens zu arbeiten. Ich bin erschrocken vor mir selbst und rechne während der letzten beiden Tage mit einer Nachtschicht. Aber nichts da! Mit sieben Stunden Schlaf sehr ausgeschlafen, stelle ich am Tag vor der Abgabe die Arbeit fertig. Fünf Minuten, bevor die Sprechstunde beginnt, stehe ich mit zwei Exemplaren meiner Arbeit vor dem Prüfungsamt – und darf nicht eintreten: »Die Sprechstunde beginnt erst in fünf Minuten«, schallt es mir unbarmherzig entgegen. Ich erschrecke kurz – und muss dann schmunzeln: So einfach ist es also, Studenten Zeitmanagement beizubringen. Danke, liebe Damen vom Prüfungsamt!

IMPRESSUM NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 22  – September 2011 Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

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NOIR Nr. 22 (Se ptember 2 011)

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NOIR - Ausgabe 22: Straße der Freiheit - wo endet unser Horizont?