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Ausgabe 21 (August 2011) www.noirmag.de

Nachhaltig verunsichert Wenn alles öko wird … LIFESTYLE

REPORTAGE

THEMA

Was du diesen Sommer unbedingt tun solltest

Selbstversuch: eine Woche ohne Mülleimer

Besuch bei Berlins nachhaltigstem Gebäude


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EDITORIAL

DIE SUSU UND IHR ÖKOBROT

Ich bin ein richtiges Bio-Kind. Meine Klassenkameraden bekamen Weißbrot mit Nutella, ich nur Vollkornbrot mit vegetarischem Brotaufstrich garniert. Bei Aldi war ich mit meiner Mutter noch nie, dafür ziemlich oft im Naturkostladen; ihren Bio-Tick konnte ich nie verstehen. Meine Freundinnen amüsierten sich über »die Susu und ihr Ökobrot«. Doch irgendwann waren sie mutig genug, von meinem Brot zu probieren. Von da an blieb mir maximal die Hälfte. Das hat bleibende Spuren hinterlassen. Mittlerweile leide nicht mehr ich unter meiner Mama, sondern meine Mitbewohnerin unter mir. Regelmäßig holt sie mich zurück in die Studentenrealität. »Du sollst unsere gemeinsame Haushaltskasse nicht für soviel Öko-Gemüse verscherbeln«, befiehlt sie mir. Meine unterschwellige Überzeugungsarbeit hat dennoch Erfolg: Ökoäpfel schmecken einfach besser. Wie öko nicht nur ich bin, sondern unsere ganze Welt heute ist, darüber lest ihr in dieser NOIR. Viel Spaß beim Schmökern! Susan Djahangard, Chefredakteurin

Art Director Tobias träumte schon lange von einem neuen NOIR-Design –  luiger, frischer, edler. Wochenlang feilte er, entwarf Skizzen und diskutierte mit der Chefredaktion. Seinen wahr gewordenen Traum habt ihr vor Augen. Tobias freut sich über Lob, Kritik und Anregungen: tobias.fiser@noirmag.de

Alexander macht sein Hobby zum Beruf: Im September beginnt er eine Fotografen-Ausbildung in Stugart. Der NOIR bleibt Alexander natürlich treu und schenkt ihr sogar die Idee ür eine neue Serie: »Journalistische Vorbilder«. Im ersten Teil geht es –  wer häe es anders gedacht – um einen Fotografen.

Alles beginnt mit einem Buch über Müll, über die Bedrohung des Planeten und die Gefahr ür unsere Gesundheit. Nach der Lektüre ist Silke entsetzt –  und ühlt sich schuldig. Für sie gibt es nur einen Weg: Sie muss den Selbstversuch wagen. Eine Woche ohne Mülleimer. Kann das gut gehen? Ihr erfahrt es auf Seite 8. NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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INHALT

INHALTSÜBERSICHT

07 DISKUSSION

12 LIFEST YLE

0 4 TITEL

19 QUERBEE T

       2

EDITORIAL NOIR INTERN PORTRÄT. DER »BILDERFABRIKANT« THOMAS HÖPKER TITEL. DER ÖKO – PHILOSOPHIE, STIL, EINSTELLUNG TITEL. PRO & CONTRA UMWELTBEWUSSTSEIN REPORTAGE. LIEBER EKLIG ALS UMWELTSCHÄDLICH INTERVIEW. ROSI GOLLMANN ÜBER ENTWICKLUNGSHILFE TITEL. JUNGE WELTVERBESSERER IM PORTRÄT

NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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LIFESTYLE. TO-DO-LISTE: IM SOMMER SOLLTE MAN … WISSEN. HOCHBEGABTE: DAS RECHT AUF BILDUNG WISSEN. DIE KURTAXE ALS SAHNEHÄUBCHEN REPORTAGE. DAS INTELLIGENTE HAUS MITTEN IN BERLIN TITEL. ÖKO-SCHICK: FAIRE KLEIDUNG IST IM TREND

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TITEL. VEGI VODOO KING: FALAFEL »FRANZ JOSEF« KULTUR. VOM TEILEN: LIEBER WENIGER ALS VIEL QUERBEET. HOCHZEITSFIEBER IMPRESSUM QUERBEET. MODERNE WELT: OPA LERNT E-MAIL QUERBEET. PAARWEISE KAPUTT – DER SOCKENZYKLUS


PORTR Ä T

DER BILDERFABRIKANT Mit seinen Fotografien prägte er das Bildgedächtnis des vergangenen halben Jahrhunderts: Thomas Höpker gehört zu den bedeutendsten deutschen Fotojournalisten. Heute noch ist der 75-Jährige Vorbild für junge Fotografen. Text: Alexander Schmitz | Layout: Tobias Fischer

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lauer Himmel über New York. Am Ufer des Hudson sitzen ünf junge Erwachsene und unterhalten sich, umgeben von sattem Grün. Im Hintergrund steigt eine dunkelgraue Rauchwolke auf; es ist der 11. September 2001. Thomas Höpkers Foto zeigt den Kontrast zwischen dem Terroranschlag auf das World Trade Center und der Idylle des amerikanischen Alltags. Seine Bildsprache ist einühlsam und zurückhaltend, nicht bloßstellend. Seine Bilder sind weder überdeutlich noch sensationsgierig oder schockierend; sie stehen in der Tradition der »human interest photography«, sind oftmals gesellschaftskritisch und spiegeln ein humanistisch geprägtes Weltbild wider. Geprägt wurden die Fotografien des gebürtigen Münchners auch durch seine Überlegung: »Ein Bild kann nur dann ehrlich sein, wenn der Fotograf sich von seinem Motiv angesprochen ühlt, wenn er sich quasi selbst in seinem Motiv erkennt. So gesehen ist jedes gute Foto ein Selbstporträt.« Grünheide, Ost-Berlin, 1974. Turniertänzer vor einem Webewerb. Drei junge Männer im schwarzen Anzug posieren mit ihren Tanzpartnerinnen in knalligen Kleidern. Als einer der ersten westdeutschen Fotografen dure omas Höpker das

Alltagsleben in Ostdeutschland dokumentieren. Zusammen mit seiner Frau, einer Journalistin, berichtete er zwei Jahre ür das Magazin Stern aus der DDR. Seine Bilder zeigen ein Land, das nicht den gängigen Klischees entspricht. Sie zeigen den Alltag, der sich mehr im Verborgenen, im Familiären und Privaten abspielt. Als Fotojournalist arbeitete omas Höpker nicht nur ür den Stern, sondern auch ür die Zeitschrien Kristall, twen und Geo. Als Art Director war er bei der amerikanischen Ausgabe von Geo und dem Stern. Von 2003 bis 2007 war er Präsident der renommierten Fotoagentur Magnum Photos. Auf die Authentizität und den dokumentarischen Charakter der Fotografie legt er Wert. Er versteht sich nicht als Künstler, sondern als Auragsfotograf: »I am not an artist. I am an image maker.«

Einen Überbli über sein Werk bietet das Bu »omas Hoepker – Photographien 1955-2005«, ersienen im Sirmer / Mosel Verlag.

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TITELTHEMA

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DER ÖKO Eine Philosophie, ein Stil, eine Einstellung; wo er hin wollte und wo er jetzt ist. Text: Lisa Kreuzmann | Layout: Tobias Fischer

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erzaustes Haar, weite Leinenklamotten, Birkenstock-Latschen – so sah er aus, der Stereotyp eines »Ökos« in den 70er und 80er Jahren. Birkenstocks trägt jener umweltbewusste Typus heute noch, nur sind diese nicht mehr tarnbraun, sondern aufällig chic – in glänzender Lack-Optik. Steckt im 21. Jahrhundert noch Überzeugung hinter einem öko-bewussten Leben oder nur heiße Luft? Es hat sich einiges getan, seit die erste grüne Welle Deutschland erreichte. Waren Ökos vor vielen Jahren noch verschrien und wurden müde belächelt, so können sich Bio-Supermärkte heute vor Ansturm kaum noch reen. Erste Umweltschutzbewegungen gab es bereits in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert aus romantischer Überzeugung: Man wollte die Heimat erhalten. Die Heimat, das waren verträumte Dörfchen inmien unberührter Natur  –  ein Ideal. Heimatvereine wurden gegründet, um die Natur vor den Folgen der Industrialisierung zu schützen, genauer: vor einer Verstädterung. In den 70er Jahren entstand eine zweite Öko-Bewegung. Inspiriert von den Studentenbewegungen der 60er Jahre gab es in Deutschland eine Welle von sogenannten »neuen sozialen Bewegungen«  –  darunter auch die Umweltschutzbewegung. Was wollte sie? Vor allem die Atomenergie abschaffen. Umweltschutz ist demnach ein Ergebnis des technischen Fortschris und der Industrialisierung. Und tatsächlich, die Anti-Atomkra-Gegner entwickelten sich zur größten Gruppierung der neuen Protestbewegungen. eoretisch gibt es aber auch eine andere Begründung: den Postmate-

rialismus, ein Begriff aus der Soziologie. Postmaterialisten sind Menschen, denen es nicht genügt, nur materielle Dinge zu besitzen. Sie wollen mehr. Sie wollen wissen, was hinter den Dingen steckt. Sie wollen kein Geld, keine teure Uhr, keinen schicken Sportwagen; Postmaterialisten streben nach Glück, Freiheit, Liebe und eben auch nach Umweltschutz. So ist dieser eorie nach zwar die Industrialisierung in den westlichen Ländern Ursache ür die Öko-Bewegung, aber nicht deren Folgen ür die Natur – sondern vielmehr deren Auswirkungen auf die menschliche Psyche. Ronald Inglehart, ein amerikanischer Politologe, ist der Überzeugung: Menschen streben immer nach dem, was sie nicht besitzen. Im Alltag mögen das Dinge wie ein araktives Äußeres, ein volles Konto oder ein schicker Wohnort sein. Sind Grundbedürfnisse wie Hunger, Hygiene und Unterkun gestillt, möchten wir mehr. Nach Inglehart gehört auch der Umweltschutz zu diesem »Mehr«. So haben sich durch den neu gewonnenen Wohlstand die Werte verschoben; der Schutz unserer Umwelt hat an Bedeutung gewonnen, jetzt, da unsere Grundbedürfnisse gestillt sind. Mit der Partei Bündnis 90 / Die Grünen fand Umweltschutz schließlich auch politische Repräsentation. Bei McDonald‘s würden Parteimitglieder der Grünen sicherlich nie dinieren und wenn, sollten sie sich zumindest nicht dabei erwischen lassen. Für den umweltbewussten Menschen des 21. Jahrhunderts jedoch kein Problem. Schließlich gibt es bei der Fast-Food-Kee inzwischen nicht nur Salat; das goldene »M« möchte sich in Zukun in ei▶ nem anderen Licht präsentieren. NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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TITELTHEMA

Vorbei das ungesunde Fast-Food-Image – selbst die fettigsten Burger werden Bio

Ein grüner Hintergrund muss her, damit BioBurger ür »Ökos« araktiv werden. Wenn selbst die Fast-Food-Kee McDonald‘s versucht, auf das neue grüne Boot aufzuspringen, wird klar, dass Umweltbewusstsein im 21. Jahrhundert eine neue Dimension erreicht hat. Grün zieht, Bio boomt. Der moderne Öko muss sich im Gegensatz zu seinem Pendant aus den 70ern nicht mehr daür rechtfertigen, Brot selbst zu backen und ausschließlich in Bio-Supermärkten oder auf Bauernhöfen einzukaufen. Im Gegenteil: Daür findet er sogar Anerkennung. Ein modernes Produkt, das in keiner SzeneKneipe fehlt: Bionade. Sie ist seit 1997 auf dem Markt und seit einiger Zeit auch im Angebot von McDonald‘s. Der Name ist Programm: eine Bio-Limonade. Doch nicht überall, wo »Bio« draufsteht, ist auch Bio drin. Die Zeitschri Öko-Test bewertete das Szenegetränk nur mit einer drei. Dennoch, Bionade und Co scheinen Teil eines neuen Lebensstils geworden zu sein. Mode-Label locken damit, ihre Kleidung aus ökologischen Materialien anzufertigen, Restaurants hängen voller Stolz Bio-Zertifi kate auf, die garantieren, dass hauptsächlich Produkte aus »kontrolliert-biologischem Anbau« verwendet werden. Öko-Designer versprechen, dass Lampe, Schreibtisch und Gartenmöbel ökologisch vertretbar sind. Bio-Dessous, Bio-Kosmetik bis hin zur Öko-Kfz-Versicherung, bio soweit das Auge reicht. Das Konzept geht auf: Laut dem Öko-Barometer gaben 2010 49 Prozent der Befragten an, Bio-

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Produkte zu kaufen. Die Neu-Ökos haben mehrere Namen: Neo-Ökos, Lohas, Ökos 2.0, Öko-Yuppies, Bioheme oder Scuppies werden sie tituliert. Da verliert Öko schnell den Überblick – umweltbewusst und Bio-Einkäufer, doch welcher der Gruppen gehört Öko nun an? Die Abkürzung Lohas steht ür das Englische »Lifestyles of Health and Sustainability«, ein Lebensstil, der Wert auf Gesundheit und Nachhaltigkeit legt. Ein Lebensstil also – doch steckt auch eine Überzeugung dahinter? Hat der besser verdienende »Loha«, der bio kau, Porsche ährt und iPod hört, denn auch politische Ziele? Ein Porsche fahrender Träger eines Atomkra-Nein Danke-Stickers? Wohl eher nicht – die Lohas wollen nicht mehr die Welt reen, sondern ihr Gewissen, heißt es. Woher kommt also der neue Öko-Wahn? Laut Öko-Barometer wollen Loha, Scuppie und Co mit dem Kauf von Öko-Produkten unter anderem eine »artgerechte Tierhaltung« sowie eine »geringe Schadstoff belastung« unterstützen. Nun ist es doch so, dass das neue Öko-Bewusstsein nicht mehr das von armen Leuten ist. Ein Öko-Trend als Folge des Wohlstandes? Wie Ronald Inglehart formulierte: Würden Ökos noch um den Sonntagsbraten bangen müssen, wäre eine artgerechte Tierhaltung sicherlich zweitrangig. Demnach rührt unser neues Umweltbewusstsein daher, dass wir uns mit banalen Dingen wie der Aufnahme von genügend Nährstoffe nicht mehr beschäigen müssen. Wenn Öko tatsächlich zu einem Lebensstil geworden ist, bleibt nicht aus, dass der ein oder andere Bio-Fan vielmehr den Stil als die Bio-Produkte genießt. Die Nachfrage nach Bio-Produkten ist inzwischen so groß, dass heimische Bauern den Bedarf nicht mehr decken können. Bleibt die Frage nach der Nachhaltigkeit. Nicht nach der von ÖkoDesign und Co, sondern nach der Nachhaltigkeit des neuen Öko-Trends. Wie lange wird er andauern? Flaut die Trendwelle wieder ab, muss sich unsere Umwelt eben auf den Alt-Öko in Leinen und Birkenstocks verlassen; diesen Überzeugungstäter gibt es nach wie vor.


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NACHHALTIGKEIT – EIN SCHLAGABTAUSCH NOIR-Autoren zum Thema Nachhaltigkeit: Clara Dupper fordert nicht nur umweltfreundliches Denken, sondern entsprechendes Handeln. Der Mensch sei nicht zum Verzicht geboren, hält Jan Zaiser dagegen. Text: Clara Dupper & Jan Zaiser | Layout: Sebastian Nikoloff

PRO: WIR MÜSSEN ÖFTER MAL DEN STECKER ZIEHEN.

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ie Bereitschaft zum Engagement ür die Umwelt steigt, das zeigt eine Umfrage des Bundesumweltministeriums vom März 2010. Der Anteil derer, die sich ür die Umwelt engagieren, habe sich von vier (2008) auf neun Prozent (2010) mehr als verdoppelt. Das ema Umweltschutz landet als eine der wichtigsten politischen Aufgaben auf Platz drei. Die Bereitscha hierzu kann ich nur bei wenigen Bürgern feststellen. Die Grünen zu wählen und über Energie-Effizienz und Nachhaltigkeit Bescheid zu wissen, reicht nicht aus. Das Handeln ist ausschlaggebend. Mit kleinen Handgriffen im Alltag kann jeder einen Beitrag leisten: im Wohnzimmer die Heizkörper nicht zustellen oder Elektrogeräte nicht im Stand-by-Modus laufen lassen. Die Dusche beim Einseifen abstellen, die Stopptaste der Toileenspülung benutzen und beim Kochen einen Deckel auf die Töpfe setzen. An sich banal, doch viel zu wenige setzen diese Punkte wirklich um. Zeigt Umweltbewusstsein –  zieht öer mal den Stecker!

CONTRA: WIR SIND NICHT ZUM VERZICHT FÄHIG!

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s gibt Dinge, ür die lohnt es sich zu kämpfen: eine Welt ohne Krieg, keine Machtmonopole in der Wirtschaft oder Bildung ür alle. Da bleibt keine Zeit ür Utopien! Wir werden nie in einer Welt ohne Armut leben und das Böse vernichten. Daür ist der Mensch nicht gemacht. Ebenso wenig wie ür echte Nachhaltigkeit. Machen wir uns nichts vor: Wer würde auf das Licht beim Abendessen verzichten, weil Windräder nicht durchgängig Strom produzieren? Wer würde auf sein leckeres, preiswertes Salamibrot verzichten, weil ohne Massentierhaltung der Preis ür das Fleisch zu hoch wird? Wer würde auf das stundenlange Shoppen bei H&M verzichten, weil plötzlich auch Kleidung bio sein muss? Wer will 549 Euro ansta 19,99 Euro ür seinen Flug nach Griechenland zahlen, weil teurer Biosprit vorgeschrieben wird? Wer würde auf all das verzichten, was sein Leben ausmacht? Nachhaltig lebt der, der nicht nur einen Teil seines Kuchens abgibt, sondern den ganzen Kuchen. Und das geht gegen die Natur des Menschen.

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REPORTAGE

LIEBER EKLIG ALS UMWELTSCHÄDLICH Kaufen und Wegwerfen trägt nicht gerade dazu bei, die Welt zu retten. NOIR-Autorin Silke Brüggemann hat eine Woche lang versucht, absolut nachhaltig zu leben. Text: Silke Brüggemann | Layout: Tobias Fischer | Illustration: Sebastian Nikoloff

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in gemütlicher Abend auf der Couch mit dem Buch »The Story of Stuff«. Autorin Annie Leonard schreibt über Recycling und eine Reise nach Bangladesch. Denn dort gibt es keine Mülltonnen. Was nicht mehr gebraucht wird, wird weiterverwendet oder verschenkt. Nach der Lektüre bin ich schockiert und ühle mich schuldig. Ich bin froh, wenn Schmierzettel, Verpackungen und abgenutzte Filzstie auf Nimmerwiedersehen in der Tonne verschwinden. Kann ich etwas von dem System in Bangladesch lernen? Ich entscheide mich, eine Woche ohne Mülleimer zu leben. Mein erster Morgen beginnt mit einem Fehltri. Sechs Uhr ist eindeutig zu früh, um nachhaltig zu sein. Mein Kosmetiktuch fliegt ein paar Mal übers Gesicht und dann ab in den Mülleimer neben dem Waschbecken. Mein Arm kann einfach nicht anders. Das war das letzte Mal in dieser Woche – versprochen! Nachmiags flaniere ich über den Stugarter Schlossplatz. Die Sonne scheint, ich laufe durchs grüne Gras, geselle mich zu den anderen Sonnenanbetern und schlürfe meinen Lae Macchiato to go. Kaum ist der Kaffee weg, habe ich ein Problem: Wohin mit dem leeren Becher und dem Strohhalm? Ich stelle ihn erstmal vorsichtig in meine Tasche und hoffe, dass die Bibliotheksbücher keinen Kaffeefleck abbekommen. Zum Pappbecher kommt an diesem Tag noch einiges dazu: Papiertüten, Yoghurtbecher, gebrauchte Spielsachen. Zeit, den Müll gleich zu verarbeiten, habe ich nicht. Das Re-

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sultat: Abends quellen mir Plastikfolien aus der Hosentasche. Ich hole mir eine Kiste, schleudere alles hinein und setze einen Müllverarbeitungstermin in den Kalender. Auf dem Balkon finde ich den alten Spielzeugbaukasten meines Bruders. Früher häe ich das in hohem Bogen in die Mülltonne geworfen. Heute putze ich die Sachen liebevoll, bis alles glänzt. Aus feuerwehrautorot ist bei meinem Eifer blassrosa geworden. Trotzdem suche ich ein Kind, dem ich das schenken könnte. Mein neues nachhaltiges Ich merkt sich: »Kauf nichts, was du nicht später irgendwie loswirst.« Später durchsuche ich meine Müllkiste und frage mich, was ich mit dem Strohhalm denn jetzt machen soll. In Zukun werde ich wohl als zickige Ökodiva mit eigenem mitgebrachten Strohalm die Bedienung im Cafe zur Weißglut treiben. Bleibt vom Lae to go noch der Becher. Was ich damit machen soll, weiß ich nicht. Das nächste Mal trinke ich meinen Kaffee nur dort, wo es echte Porzellantassen gibt, beschließe ich. Plötzlich verstehe ich, warum es Leute gibt, die ohne ermokaffeebecher nicht leben können. In meianer Kiste glitzert mir ein Haufen Schokoladenpapierchen, Hundefuer- und Chipstüten entgegen. Mir ällt ein, dass ich als Kind Bastelanleitungen ür Folienperlen hae. Früher fand ich das doof, heute ist die Idee meine Reung. Bleibt nur noch die Frage, wer so eine Perlenkee tragen würde. Was mache ich aber mit den durchsichtigen Folien? Ich packe sie in meine Kiste mit gebrauch-


REPORTAGE

tem, aber wieder verwendbarem Versandmaterial. Die hae ich zwar früher schon, richtig benutzt wird sie aber erst jetzt. Meine gebrauchten Kosmetiktücher kann ich, in Folie eingewickelt, als Polster benutzen, wenn ich dass nächste mal ein Paket verschicke. Ich selbst ände es eklig, wenn mir jemand seine gebrauchten Badabälle schickt. Aber diese Woche bin ich lieber eklig als umweltschädlich. Drei Kilogramm Prospekte sammle ich in dieser Woche. Ein Stapel so hoch wie eine Fußbank und so unhandlich wie ein Aal im Einkaufszentrum. Prospekte bläern ist mein Samstagsritual, so gemütlich wie ein Schaufensterbummel von der Couch aus. Aber ich weiß nicht, was ich mit den Resten machen soll. Häe ich Kinder, würde ich die abgebildeten Produkte ausschneiden, auf den Karton meiner Keksschachteln kleben und ihnen die als Produkte eines Kaufsmannsladen zum Spielen geben. Ob ich den Kindern in der Nachbarscha damit eine Freude machen kann, bezweifle ich und traue mich nicht, »diesen Müll« – ich höre die Stimmen schon  –  zu verschenken. Deshalb mache ich aus

dem Papier Füllungen ür meine Dekokissen. Ich sehe, wie der Schredder die Bläer verschluckt und feine Schnipsel ausspuckt, die sich im Auffangeimer ineinander verheddern. Doch die Prospekte werden immer dicker, der Schredder quält sich durch das Papier. Irgendwann kommt er nicht mehr durch und bleibt hängen. Nun scheint der Schredder selbst ein Fall ür die Mülltonne zu sein, aber ich lasse nicht locker. Ich suche jemanden, der ihn reparieren könnte. Aber alle Hobbybastler, die ich kenne, sind im Urlaub. Welch tragisches Ende ür eine umweltbewusste Woche. Nach dem Experiment finde ich es entlastend, die Mülltonne wieder benutzen zu dürfen. Mein nachhaltiges Ich meldet sich trotzdem immer wieder und flüstert, wenn ich den Mülltonnendeckel hebe: »Nein, tu das nicht. Kannst du deinem Müll nicht ein neues Zuhause geben?« Obwohl die Woche vorbei ist, überlege ich mir, wer was gebrauchen könnte. Ein Weiterverschenksystem ür Müll, das wäre doch etwas ür die Zukun, denke ich. Und stehe jetzt schon beim Hausschuhkauf vor einem Problem, weil ich selbst

durch mein Experiment nachhaltig geschädigt wurde: Das billige Paar, das bestimmt in zwei Monaten wieder kapu ist oder die teuren Ökolatschen? Vielleicht laufe ich einfach barfuß – das ist günstig, gesund und umweltfreundlich.

Annie Leonard ist Umweltexpertin und arbeitet unter anderem ür Greenpeace. Ihr Projekt »e Story of Stuff« begann mit einer Reihe von Internetfilmen. Später sammelte sie ihre Ergebnisse in einem Bu, in dem sie aufzeigt, wie die Konsumgesellsa die Umwelt geährdet. Sie sildert die Stationen des Lebens eines Gegenstandes: von der Planung, Herstellung und dem Vertrieb über die Benutzung bis zum Recycling. Dazu gibt es viele Fakten, Zahlen, Beispiele und Zitate von Experten. Trotzdem bleibt es au ür Laien gut verständli. Ein Bu, das au Shoppingfreaks zum Nadenken anregt.

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INTERVIE W

» NIEMAND LEBT ALLEINE! « Rosi Gollmann hat das Helfersyndrom und steckt damit andere Leute an. Mit NOIR spricht sie über ihr Engangement, falsche Entwicklungshilfe und egoistische Esel. Text: Sophie Rebmann | Layout & Illustration: Carolina Schmetzer

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it 18 Jahren verkündet Rosi Gollmann ihren Eltern, dass sie keinen Mann will. Sie möchte sich ganz sozialen Aufgaben widmen. Heute ist Gollmann 84 Jahre alt und ährt ür die Hilfsorganisation AndheriHilfe regelmäßig durch Deutschland. Immer wieder kommen ehemalige Schüler zu der Lehrerin, um von ihrem eigenen Engagement zu erzählen. »Ich habe es geschafft, sie sozial zu infizieren«, meint Rosi Gollmann.

Frau Gollmann, wie infiziert man junge Mensen sozial? Junge Leute haben ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit und schauen über den eigenen Tellerrand. Ich erzähle, was ich sehe und woran ich arbeite. Zwischen Hören, Wahrnehmen und Umsetzen ist aber ein Unterschied. Man muss die Hürde nehmen, selbst aktiv zu werden. Warum helfen Sie? Niemand lebt ür sich alleine. Menschen, die um sich selbst kreisen, sind nicht die glücklichsten. Auch ür mich war es nicht immer einfach. Heute habe ich es nicht gescha, die Vorträge ür nächste Woche vorzubereiten, das werde ich heute Nacht tun. Aber ein Seniorenheim wäre nichts ür mich. Und was man gibt, bekommt man auch zurück. Zuwendung ist ja keine Einbahnstraße. Vor vielen Jahren bekam ich einen Anruf aus Indien. Fast eine komplee Familie war an einer schweren Krankheit gestorben. Nur ein 14-jähriges Mädchen lebte noch, sie brauchte aber ein Medikament. Dann bin ich eben erst zur Apotheke gegangen, 10

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dann zum Flughafen, habe das schicken lassen und die Geschichte schon fast vergessen. Nach Jahren kam eine Mail. Die Frau lebte nun in Amerika und bedankte sich bei mir. Glauben Sie, dass jeder das Bedürfnis hat, zu helfen? Dann müsste ja jeder helfen wollen. Nein, das ist eine persönliche Entscheidung. Das Allerwichtigste ist zu merken: Ich bin kein Esel, ich lebe nicht ür mich alleine, sondern ich habe in der Welt meinen Platz einzunehmen. Man wird nur glücklich, wenn man miteinander und üreinander lebt. Au in Deutsland haben wir jede Menge Probleme – warum sind Sie gerade in Indien tätig? Man kann nun wirklich nicht sagen, dass ich mich in Deutschland nicht engagiere. Ich kümmere mich hier um die Nachbarschashilfe und mache Altenbesuche. Aber man kann nicht auf allen Hochzeiten tanzen, man muss sich auf etwas konzentrieren. Was muss beatet werden, um gute Entwilungshilfe zu leisten? Man muss vor allem Respekt haben vor den Menschen. Die Spenden nicht aus Barmherzigkeit von oben herab regnen lassen, sondern den Menschen die Hand reichen. Man muss sie solange an der Hand halten, wie sie es brauchen. Aber sobald sie selbst laufen können, die Hand loslassen. Gibt es Projekte, die sie son loslassen konnten und die nun alleine laufen? Aber natürlich. Wir haben über 3 000 Projekte abgeschlossen. Wir würden nie ein Projekt beginnen, in dem die Menschen von unserer Hilfe abhängig sind. Wir versuchen sie immer zur Selbstständigkeit zu ühren.


TITELTHEMA

KLEINE WELTVERBESSERER Was haben ein Pfandbecher, ein Schuh und ein Aufkleber gemeinsam? Sie alle sind Ursprung eines Projektes von jungen Menschen, die die Welt ein bisschen besser machen wollen. Warum haben sie damit Erfolg? Text: Meike Krauß | Layout: Carolina Schmetze.

VIVA CON AGUA Mit wehenden Fahnen und großen blauen Mülltonnen sind sie mien drin bei Festivals und Konzerten: die Unterstützer von Viva con Agua (»Lebe mit Wasser«). Sie fordern die Besucher auf, ihre Pfandbecher in die Tonnen zu werfen, um somit Geld zu sammeln. Während eines Trainingslagers auf Kuba fielen dem Fußball-Spieler Benjamin Adrion die Missstände dort auf. 2005 gründete er Viva con Agua. Der Verein versteht sich als offenes Netzwerk, bei dem alle mitmachen können. In Kiel, Kassel, Köln, Berlin und Osnabrück haben sich bereits Menschen zusammengeschlossen, um gemeinsam Veranstaltungen zu organisieren und damit Spenden zu sammeln. Sie organisieren BenefizKonzerte und informieren auf Konzerten und Festivals. Zentrales Ziel von Viva con Agua ist der Brunnenbau in Entwicklungsländern. Dabei kooperiert das Projekt mit der Welthungerhilfe, die vor Ort Trinkwasser-Projekte umsetzt. Inzwischen kann man sogar Vivacon-Agua-Wasser kaufen, um seinen Durst zu löschen – und den von vielen anderen Menschen gleich mit.

die Idee, Papier zu sparen und so die Ressourcen langfristig zu schonen. Mit einer Testseite kann man herausfinden, wie man das Bla speziell ür seinen Drucker wenden muss, um doppelseitig zu drucken. Zusätzlich bieten sie Au leber an, die man am Drucker platzieren kann, damit das Blawenden nicht zum einmaligen Ereignis wird.

TURN THE TIDE Die Studenten Tobias Baenberg und Marcel Kamps gründeten das Projekt Turn the tide. »Wir wollten uns nachhaltig verhalten. Beim Blawenden ür einen doppelseitigen Druck hatten wir immer Ärger durch Fehldrucke«, sagt Baenberg. So entstand

TOMS SHOES Der Unternehmer Blake Mycoskie ist Schuhhersteller und gleichzeitig Initiator von One Day without Shoes. Mit dieser Aktion will er in der westlichen Welt ein Bewusstsein daür schaffen, wie es ist, keine Schuhe zu haben –  so wie viele Menschen in

Einsatz für ein »Leben mit Wasser«: Die Helfer der Organisation zeigen Flagge.

Entwicklungsländern. Die Menschen müssen o weite Strecken laufen und ziehen sich durch Steine Schrammen und Wunden zu, die zu Infektionskrankheiten ühren können. Während seines Urlaubs in Argentinien traf Blake Mycoskie einen Sozialarbeiter, der ihm das Problem erklärte. Mycoskie entschied sich daür, ein Unternehmen zu gründen sta einer Hilfsorganisation. So ist er nicht von Spenden anderer abhängig und kann durch den eigenen Profit helfen. Der Vertrieb von simplen Stoffschuhen, die von Künstlern kostenlos aufgewertet werden, läu nach dem Oneby-One-Prinzip: Kau ein Kunde ein Paar Stoffschuhe, so bekommt ein bedüriges Kind ebenfalls welche. NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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LIFEST YLE

IM SOMMER SOLLTE MAN … Die Sonne brennt, die Luft flimmert, der Sommer treibt die verrücktesten Ideen in die Köpfe. NOIR hat in Stuttgart nachgefragt, was man zu dieser Jahreszeit unbedingt tun sollte. Text: Clara Dupper | Fotos: Clara Dupper | Layout: Carolina Schmetzer

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Moritz (18): Man sollte unbedingt einen Handstand auf einem Bierfass machen. Noch ein Muss: sich in einem Campingstuhl vom Balkon abseilen.

Paul (19): Longboard fahren und sich einen Sonnenbrand holen.

Estelle (18): Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, mit einer Kuh zum Southside oder zum Summer Jam zu trampen. Was bei mir für einen gelungenen Sommer auch nicht fehlen darf: Schule Schwänzen.

Ashley (19): Ich möchte im Sommer gerne die hässlichen Wände in Stuttgart ansprayen und schöner machen. Als Vorbild habe ich eine Frau, die Laternenlampen in der Stadt mit Selbstgestricktem verziert.

NOIR Nr. 21 (August 2 011)

Salomé (21): Schmelzkäse mit Chips essen.

Olli (21): Kühles Bier trinken.

Melanie (15): Im Sommer sollte man nackt durch die Sprenkleranlage der Nachbarn rennen.


WISSEN

WER IST HOCHBEGABT ? Text: Karla Markert | Layout: Carolina Schmetzer

Das Recht auf »eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung« hat jeder Mensch, so sagt es Artikel 11 der Landesverfassung BadenWürembergs. Aber wie misst und klassifiziert man Begabung, gar Hochbegabung? Eine einfache Definition von Intelligenz lautet: Intelligenz ist, was ein Intelligenztest misst. Auffassungsgabe,

logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen, Gedächtnisähigkeit und der Umgang mit Zahlen, Worten und Bildern sind entscheidend. Das alles wird überprü und verglichen mit den Ergebnissen gleichaltriger Menschen, um so auf die kognitiven Fähigkeiten schließen zu können. Also auf die Fähigkeit, mit Informationen umzugehen. Etwa zwei Driel der Menschen haben einen Intelligenzquotienten (IQ) zwischen 85 und 115. Als hochbegabt gilt, wer einen IQ von 130 oder mehr hat. Dies tri auf zwei bis drei Prozent der Bevölkerung zu. Allerdings liefert der IQ keine Aussage darüber, was die betreffende Person aus ihrem Potenzial macht: Intelligenz an sich ist laut dem berühmten Psychologen William Stern nur ein »Rüstzeug«.

KURTAXE ALS SAHNEHÄUBCHEN Wer in den Urlaub fährt, der kennt die Kurtaxe. Doch warum müssen wir sie in vielen Touristenorten zahlen und was bringt sie uns überhaupt. Text: Fabian Vögtle | Layout: Carolina Schmetzer

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m schönen Schwarzwald lassen Urlauber ihre Seele baumeln. Der »Black Forest« ist nicht nur wegen seiner Kirschtorte und der Kuckucksuhren bekannt. Der Campingplatz in Kirchzarten bei Freiburg gleicht in der Hochsaison schon mal einem holländischen Dorf. Damit die Gäste im Erholungsort alles nutzen können, erhebt die Gemeinde, wie viele andere auch, eine Kurtaxe. Diese zahlen die Urlauber meist schon mit ihrer Ferienwohnung, dem Hotelzimmer oder ihrem Campingstellplatz an ihren Gastgeber. Der gibt die Kurtaxe dann an die Gemeinde weiter. Im Gegenzug erhalten die Touristen die sogenannte Schwarzwald-Gästekarte. Sie gilt während des Aufenthaltes als Freifahrschein ür Busse und Bahnen in der Region. Wer will, bekommt freien oder ermäßigten Eintritt in Museen und Erlebnisparks. Woanders gibt‘s kostenlose Veranstaltungen mit Musik und Tanz sowie Themenabende. Für oftmals einen Euro pro Tag und Person kann

sich die Kurtaxe damit am Ende sogar richtig ür den Urlauber lohnen. Der Touristenort kann mit den Einnahmen der Gebühr sein touristisches Angebot verbessern und ausbauen, was sich wiederum ür die Gäste auszahlt. Wer zuhause Übernachtungsgäste aufnimmt, müsste im Prinzip genauso eine Kurtaxe an die Gemeinde zahlen, in der er wohnt. Doch wer macht das schon, wenn gerade der Freund aus Spanien zu Gast ist oder die Oma aus Berlin? Wohl kaum einer hat bisher auch nur im Traum daran gedacht, seinen privaten Gästen eine Kurtaxe abzuknöpfen. Das wäre wirklich mal ein feines Sahnehäubchen. NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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REPORTAGE

DAS INTELLIGENTE GEBÄUDE Wenn Susan Djahangard an nachhaltiges Bauen denkt, hat sie sich bisher ein massives Holzhaus in idyllischer Landschaft vorgestellt. Doch mitten in Berlin steht ein weißer Betonklotz, der mit Computerwärme, einem kühlenden Grill und einer Gebäudelunge eines der nachhaltigsten Gebäude der Stadt ist. Text: Susan Djahangard | Layout: Paul Volkwein

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chumannstraße 8 in Berlin, um die Ecke liegt die Bundeszentrale der FDP, zwei Straßen weiter der Bahnhof Friedrichstraße. Hier steht das Gebäude der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung. Das Stiftungshaus soll, so lese ich in einer Broschüre, die Werte der Stiftung widerspiegeln. Das sind besonders Ökologie und Nachhaltigkeit. Ein Ökohaus in Berlin Mitte? Wenn ich an nachhaltiges Bauen denke,

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sehe ich eher ein massives Holzhaus in idyllischer Landschaft vor mir, mit einem Ofen und unbehandelten Dielen. Aber hier, in der Schumannstraße, steht ein moderner, weißer Betonklotz mit großen Fensterfronten. Im zweiten Stock ragt eine grün verglaste Etage über die Seitenwände heraus, als hätte man den Klotz wie ein Sandwich aufgeschnitten und eine Salatscheibe dazwischen geschoben. »Das Gebäude setzt Maß-

stäbe ür umweltgerechtes Bauen«, steht in dem Flyer. Von außen deuten lediglich die viele Fahrräder vor dem Eingang auf Umweltbewusstsein hin. Ähnlich wie mir geht es anscheinend vielen anderen Besuchern. »Wir werden o gefragt, wo denn jetzt die Holzschnitzel-Anlage ist. So ein Betonklotz kann doch kein ÖkoHaus sein«, meint Bert Bloß schmunzelnd. Der Leiter des Technischen Dienstes der Heinrich-Böll-Stiung


REPORTAGE

will mir das Haus von innen zeigen und die komplizierte Technik näherbringen. Als erstes ührt er mich in den Keller. In einem Raum stehen zwei Geräte, die aussehen wie große Grills. Ein grüner Kasten aus Metall, der auf der einen Seite offen ist. Dort befindet sich der Grillrost. Hinter dem Grillrost, unten im grünen Kasten, sind zwei Ventilatoren angebracht, darüber kleine Wasserdüsen.

Die Ventilatoren pusten Luft durch den Grill  »Wenn es im Haus zu warm wird, spritzen die Düsen Wasser auf den Rost«, erklärt Bert Bloß. Die Ventilatoren pusten Lu unter den Grill. Mit den Wasserspritzern von den Düsen kühlt sich die Lu ab. »Das funktioniert, wie wenn man mit einem nassen T-Shirt Fahrrad ährt«, erklärt Bloß. Ein Kühlsystem ist in der Heinrich-Böll-Stiung besonders wichtig. Das Haus sei sehr gut gedämmt, damit die Heizungen nicht die Straße mitheizen, erklärt mir Bloß. Das heiße allerdings, dass auch im Sommer kaum warme Lu nach draußen entweichen kann. Die Raumtemperatur in der Stiung soll 25 Grad aber nicht übersteigen. »Heute ist nicht mehr das größte Problem, wie man ein Gebäude heizen kann, sondern wie man es kühlt«, sagt Bloß. Das grüne Gerät im Keller sieht aus wie ein Grill und heißt adiabatischer Rückkühler. Durch diesen

Der Heizungskeller befindet sich im zweiten Stock Rückkühler verlaufen Wasserleitungen, die mit Leitungen im ganzen Gebäude verbunden sind. Durch die kalte Lu im Kasten kühlt sich auch das Wasser in den Rohren im Rückkühler ab. Das kalte Wasser ver-

teilt sich dann in den Leitungen im ganzen Haus und kühlt so die Lu. Im Winter muss das Gebäude trotz guter Isolation beheizt werden. Der Heizungskeller der Böll-Stiung befindet sich im zweiten Stock. Hoch gehen wir durch ein knallgrün angestrichenes Treppenhaus, aber auch einen Aufzug gibt es im Haus. In einem Raum stehen die Computerserver der Stiung. »Was anderswo lästige Wärme ist, nutzen wir hier als Heizung«, sagt Bloß. Die Server befinden sich in sogenannten Cool-Racks, einer besonderen Art von Kühlschrank: vier Türme hinter Glas, aus denen ein bunter Kabelsalat ragt. Durch die Cool-Racks verlaufen Wasserleitungen, genauso wie durch die Rückkühler im Keller. Hier wird das Wasser durch die Abwärme der

Die Server dienen als Heizung Server gewärmt. Legt man die Hand auf, spürt man, wie warm die Server sind. Das System ist so effektiv, dass die Stiung nur wenig über Fernwärme, also mit Wärme von außen, beheizt werden muss. Als ich mir das Gebäude anschaue, hat es draußen noch 12 Grad. Bei dieser Temperatur reicht die Serverwärme aus, die Fernwärmeanzeige steht auf null. »Mit möglichst wenig Technik, daür aber umso innovativer, ein nachhaltiges Gebäude zu schaffen, war das Ziel beim Bau des Stiungshauses«, betont Bloß. Ganz bewusst habe die Stiung neue Techniken eingesetzt, um als Vorbild ür andere zu dienen – Vorbild ür ein nachhaltiges Haus mien in einer Großstadt. Das Energiekonzept kommt von einem Schweizer Ingenieurunternehmen. Entworfen wurde das Gebäude vom Architekturbüro »eckert eckert«, ebenfalls aus der Schweiz. Vor der Fensterfront im Büro von Bert Bloß steht ein grauer Holzkasten, der aussieht wie eine praktische Bank. Die Bank ist ein sogenann-

tes Brüstungsgerät, Heizung und Klimaanlage in einem. Hier laufen Wasserleitungen durch, die mit dem Rückkühler im Keller und den Cool-Racks im Serverraum verbunden sind. Ein Hochleistungswärmetauscher gibt die Wärme oder Kälte aus dem Wasser an die Lu im Brüstungsgerät ab, das die Lu dann durch einen schmalen Spalt ins Büro pustet. Streckt man die Hand über den Spalt, ühlt man, wie die Lu entweicht. Automatisch hält das Brüstungsgerät die Raumtemperatur unter 25 Grad. Ferngesteuert wie die Heizung sind in den Büros der Böll-Stiung auch die Lampen und Jalousien an den Fenstern. »Der Mensch ist nunmal die größte Fehlerquelle«, meint Bloß. Schon wer das Licht aus Versehen anlässt, verschwendet Energie. Wird es dunkel in der Böll-Stiftung, gehen die Lampen automatisch an. Allerdings nicht gleich auf volle Power, sondern gedimmt, je nachdem, wie viel Licht benötigt wird. Auch die Jalousien gehen automatisch auf und zu. »Wir haben versucht, hier die Balance zu halten und zu überlegen, was man den Mitarbeitern noch zumuten kann und was nicht«, sagt Bloß. Er ergänzt: »Lüen dürfen wir schon noch selbst.« Gelüet wird

 Lüften dürfen wir schon noch selbst aber über eine Art Innenhof im Gebäude, das sogenannte Atrium. Im Winter wird hier die Abwärme aus der verbrauchten Lu gewonnen und zum Aufwärmen der frischen Lu verwendet. Finanziert wurde das Gebäude der Heinrich-Böll-Stiung aus öffentlichen Mieln. Für die Stiung ist es eine Verpflichtung, mit verschiedenen Veranstaltungen den Bürgern »einen möglichst großen Gegenwert zurückzugeben.« NOIR Nr. 21 (August 2 011)

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KULTUR

ÖKO-SCHICK Der Begriff klingt schlüssig, doch was verbirgt sich wirklich hinter der Bezeichnung »globale und faire Mode«? Text: Florian Carl | Layout: Simon Staib

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ie Welt hat sich in den letzten Jahren so schnell verändert wie nie zuvor. Heute noch zu Hause können wir bereits morgen früh unter Palmen auf Fuerteventura liegen, uns die eingeflogene Mango aus Brasilien schmecken lassen oder eine in China produzierte Jeans kaufen. Wen wundert es, dass bei diesem Wachstum anderes auf der Strecke bleibt? Schließlich leben wir auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen. Zahlreiche Menschen stellen unseren Lebenswandel heute in Frage und versuchen, jeder auf seine Art, dem entgegenzuwirken. Besonders im Modesektor hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Sogar große Konzerne wie H&M und Levi‘s sind auf den Zug des BioBooms aufgesprungen. Allerdings gibt es auch bei fairer Mode Unterschiede: Klamoen können fair im

Umgang mit der Natur hergestellt werden. Einige Marken achten zusätzlich auf faire Arbeitsbedingungen ür die Menschen, die die Kleidung produzieren. Wie fair die Klamoen hergestellt wurden, lässt sich an verschiedenen Gütesiegeln feststellen. Der Global Organic Textile Standard (GOTS) ist das weltweit gültige Siegel ür umweltverträglich hergestellte Kleidung. Es erfasst die ganze Herstellungskee; vom biologischen Anbau über umweltfreundliche Verarbeitungsmethoden bis hin zum fairen Handel. Das FairtradeLabel ür Baumwolle zertifiziert in erster Linie den fairen Handel. In den Fairtrade-Kriterien sind besonders umweltschädliche Anbaumethoden aber ausgeschlossen. Bio und Fairtrade sind schön und gut ür das Gewissen, aber wir sollten uns in unserer Kleidung wohlühlen, und gut aussehen sollte sie

GUTMENSCHENTUM Text: Maria Graef | Layout: Simon Staib

Orange leuchtende Wände, alternative Musik und eine ökologisch korrekte Speisekarte: Das sind die Markenzeichen des Vegi Voodoo Kings in Stugart. Ausschließlich vegetarisch und vegan ist hier das Essensangebot. Es reicht von abenteuerlichen Kreationen wie der Falafel »Franz Josef« (mit sü16

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auch. Hier lässt der Markt milerweile keine Wünsche mehr offen. Ob handbedruckt im Berliner Kleinbetrieb oder in einer Münchner Wohnung, ob aus studentischem Leichtsinn oder lang geplanter LabelGründung: Die Macher der heutigen Global Responsible Fashion Szene lassen sich nicht einfach abstempeln, weder modisch noch menschlich. Eines verbindet sie alle: Eines Tages ist ihnen klar geworden, dass es so nicht weiter gehen kann. Sie wollen etwas verändern in dieser Welt.

Tipp: Global Responsible Fashion wird unter anderem von Greenality, Armed Angels und Kuyii produziert. Eine ausührlie Liste gibt es unter: hp://bit.ly/ltzVW1

ßem Sen) oder »Obama« (mit Majo, Ketchup und Röstzwiebeln) bis hin zu selbst gemachten Pommes. Das Ambiente ist trendig im Retrostil gehalten. Allein wegen dieser Atmosphäre kommen viele Kunden immer wieder gern in den kleinen Imbiss neben der Königstraße. Die Schlange reicht o bis auf den Gehweg – der Imbiss kann offenbar von dem Trend zum Vegetarismus profitieren. Von seinen Kunden erwarten die Inhaber allerdings genauso viel Gutmenschentum wie von sich selbst: In der Online-Community Qype berichtete eine Kundin, dass sie in dem Imbiss nicht bedient worden sei. Der Grund: Sie trug einen Pro-Stugart-21-Buon.


KULTUR

DER BARMHERZIGE MILLIONÄR Von der Luxusvilla in die Alpenhütte: Ein erfolgreicher Geschäftsmann berichtet in seiner Autobiographie von seinem Sinneswandel. Eine Kritik von Sanja Döttling. Text: Sanja Döttling | Layout: Sebastian Nikoloff

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arl Rabeder aus dem österreichischen Leonding hat es geschafft: Aus dem Marktstand der Familie entwickelt er ein erfolgreiches Unternehmen ür Wohnaccessoires und verdient damit Millionen. Aber irgendwas, so sein Geühl, ist nicht richtig. Rabeder beschließt, sein Geld zu teilen. Er verwendet seine Energie und seinen Einfallsreichtum seitdem darauf, unter anderem das Projekt MyMicroCredit aufzuziehen, das kleine Kredite an Menschen in Entwicklungsund Schwellenländern vermittelt. Interessierte können ab 25 Euro Kredite vergeben und Projekte unterstützen. Seine Villa verlost Rabeder, sein Geld steckt in seinen Projekten. Zurzeit wohnt er in einer kleinen Hütte in Tirol, reist viel und gibt Seminare. In seinem autobiografischen Buch »Wer nichts hat, kann alles geben« erzählt er seine Lebensgeschichte und die Entwicklung, die zu seinem

»Wer nits hat, kann alles geben« Karl Rabeder, 19,99 €, Ludwig Verlag

Sinneswandel ührte. Dabei versucht er, anderen Menschen den Anstoß zu geben, über ihr Leben in der kapitalistischen Gesellscha nachzudenken. Als Leser entwickelt man schnell ein ambivalentes Verhältnis zu dem Buch: Der autobiografische Aspekt wirkt gekünstelt, geradezu unecht. Es interessiert nicht, wieso er sich von seiner Frau trennte und welche anderen Frauen er danach kennenlernte. Oder warum Segelfliegen seine große Leidenscha ist. Der Leser kann sich nicht dem Geühl entziehen, dass hier ein Rier von seinen Heldentaten schwärmt. Nicht von seinem Reichtum – auf den gibt er nichts – sondern von der Geschichte seiner Einsicht. Doch ist die persönliche Beziehung zur Hauptfigur Karl nicht der Hauptpunkt der Lektüre. Wenn das Buch als ein Beispiel daür angesehen wird, wie ein Mensch sein komplees Leben auf den Kopf stellt, finden sich einige interessante Denkanstöße. Trotz allem: Seine ese vom »gezielten Abbau des Bruoinlandsprodukts« , in der er darlegt, dass es allen besser ginge, wenn sie weniger kauen und auch weniger arbeiteten, da sie das Geld ja nicht mehr zum Einkaufen brauchten, wirkt weltfremd. Es ist wie eine Fabel von Rabeder, der auszog, um ür andere zu lernen. Doch leider lernt der Mensch nur, was er selbst falsch macht. Und Rabeder lernt auch nicht ür den Durchschnisbürger: Wer nicht in die Bredouille kommt, extrem viel Geld zu haben und damit unglücklich zu sein, ür den hat das Buch keinen Mehrwert. Was Rabeder seinen Lesern sagen möchte: Bist du reich, dann teile! Bist du es nicht, dann kaufe wenigstens mein Buch.

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DIE PROBLEME DER ANDEREN Muss man mit Mitte 20 einen Ehering tragen und sich auf die Zubereitung von Babybrei spezialisieren? NOIR-Autorin Miriam Kumpf findet das zu früh. Text: Miriam Kumpf | Layout: Tobias Fischer

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ails, die das Stichwort »Hochzeit« enthalten, steigen in letzter Zeit explosionsartig an. Und wer nicht heiratet, bekommt Kinder. Mittlerweile verüge ich über eine ansehnliche Zahl von Ultraschallbildern, die mir mit Betreffs wie »Hallo, Tante Miri« zugeschickt wurden. Ich muss Beiträge ür Hochzeitsbücher schreiben, mir peinliche Spiele überlegen, einen Junggesellinnenabschied organisieren, mich mit 15 Leuten auf ein gemeinsames Hochzeitsgeschenk einigen, die Frage klären, ob bei 15 Leuten jeder seine eigene Karte schreibt oder man eine Sammelkarte beilegt und mir über die Frage den Kopf zerbrechen, ob Lebensabschnittsgeährten von Freundinnen den gleichen Beitrag zum Gemeinschaftsgeschenk leisten müssen, obwohl sie das Brautpaar kaum kennen. Eng verbunden mit der Kinder- und Ehe-Thematik sind Fragen wie: Eigenheim bauen oder Wohnung mieten? Aufs

Land ziehen oder in der Stadt bleiben? Master oder zweites Kind? Diese Fragen prasseln auf mich ein, während ich in meiner WG sitze. Hier würde ein Kind beim Wickeln im Badezimmer ohne gescheite Heizung erfrieren und ein Mann beim Anblick meiner Mitbewohnerin die Flucht ergreifen. Dennoch bin ich froh darüber, noch die Ich-Form zu kennen und nicht ständig von »wir« zu sprechen. Bevor ich mich auf die Zubereitung von Babybrei spezialisiere, will ich richtig kochen können. Und bevor ich mit einem Lebensabschnisgeährten darüber diskutiere, ob er weniger zum Hochzeitsgemeinschasgeschenk beisteuert, weil er das Brautpaar nicht so gut kennt, gehe ich lieber alleine auf Hochzeiten. Ja, vielleicht verdoppelt sich das Glück, wenn man es teilt. Aber definitiv verdoppeln sich auch Probleme. Die Frage, ob Einzeloder Sammelkarte ist noch nicht beantwortet.

IMPRESSUM NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 21 – August 2011 Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

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Chefredaktion Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) anika.pfisterer@noirmag.de Anika Pfisterer Susan Djahangard susan.djahangard@noirmag.de Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de Chef vom Dienst Alexander Schmitz Lektorat Dominik Einsele

Redaktion Silke Brüggemann (sb), Florian Carl (fc), Susan Djahangard (sd), Clara Dupper (cd), Sanja Döttling (sdl), Fabienne Kinzelmann (fk), Meike Krauß (mkr), Lisa Kreuzmann (lkr), Miriam Kumpf (mk), Karla Markert (km), Anika Pfisterer (apf), Sophie Rebmann (srm), Alexander Schmitz (als), Fabian Vögtle (fv), Jan David Zaiser (jz) redaktion@noirmag.de Layout & Art Director Tobias Fischer

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Layout-Team Tobias Fischer, Pascal Götz, Luca Leicht, Sebastian Nikoloff, Carolina Schmetzer, Simon Staib, layout@noirmag.de Paul Volkwein

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Druck Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de

Titelbilder Titel: seraph / photocase.com; Links: Clara Dupper; Mitte: banger1977 / flickr.com [CC-Lizenz]; Rechts: Susan Djahangard Bildnachweise S. 1 (oben): misterQM / photocase.com; S. 1 (unten, v.l.n.r.): Privat; Peter Scheerer; Privat; S. 2 (v.l.n.r.): shadowtricks / photocase.com; jarts / photocase. com; aussi97 / photocase.com; Hanna Ieva / www. jugendfotos.de; S. 3: Thomas Hoepker, courtesy Schirmer / Mosel; S. 4: shadowtricks / photocase.com; S. 5: kadluba / flickr.com (CC-Lizenz); S. 7: Privat (2x); S. 8/9: srlsguys / flickr.com (CC-Lizenz); S. 10: RosiGollmann-Andheri-Stiftung; S. 11: Viva con Agua de Sankt Pauli, 2011 S. 13: mgroenne / photocase.com; S. 14: Jan Bitter; S. 17: Verlag Ludwig, Kiel; S. 20: urlauber_xt / jugendfotos.de NOIR kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 Euro im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 0711 912570-50 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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OPA LERNT E-MAIL Vor einem halben Jahr hat NOIR-Autorin Fabienne Kinzelmann die Umzugskartons zu ihrem Opa nach Stuttgart geschleppt. Nun wird sie nicht nur liebevoll umsorgt, sondern muss sich auch an die vielen Eigenarten ihrer Großeltern gewöhnen. Text: Fabienne Kinzelmann | Layout: Luca Leicht

»S

ag mal, hast du auch so eine Adresse im Internet?«, fragt mich Opa. Innerlich grinse ich schon. Ganz neumodisch will er sich Thermoaufnahmen seines Hauses auf meinen Mail-Account zuschicken lassen. Man kann nicht sagen, Opa wäre kein technik-affiner Mensch. Aber das Internet ist ür ihn ein Buch mit sieben Siegeln. Die Vorteile eines Laptops hat er dagegen längst erkannt. Man kann darauf DVDs mit Filmmaterial von 1927 anschauen. Auch Google Street View ist ihm dank aufmerksamer Zeitungslektüre ein Begriff. »Kannst du da mal unser Haus ran holen?«, fragt er. Das aber ist komplett unkenntlich. Opa grinst

vergnügt. Hat er natürlich gleich machen lassen, über so ein Formular in der Zeitung. Ich notiere ihm meine Mailadresse. »Oh Gott, das kann ich ja gar nicht lesen!« Logisch, das @ hat er noch nicht gekannt. Also üben wir die Aussprache, wie man in der ünften Klasse Englischvokabeln lernt: langsam, deutlich und im Chor. Opa geällt es nicht, der Dumme zu sein – schließlich hat er mir über 60 Jahre Lebenserfahrung voraus. Einen Tag später wagt er sich an das Telefonat mit dem Thermofotografen, dem er meine Mail-Adresse übermittelt. Geduldig erkläre ich ihm danach, dass er mich nicht täglich fragen muss, ob die Bilder denn

SOCKENZYKLUS Text: Anika Pfisterer Layout: Luca Leicht

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s gibt gute und schlechte Zeiten ür Sockenträger. Gute Zeiten sind die, in denen man vor Überfluss in seiner Sockenschublade baden könnte. Schlechte Zeiten sind die, in denen man nicht in seiner Schublade baden könnte, auch nicht wenn man von Sinnen wäre, weil da nichts ist außer löchrigen Fetzen. Man macht sich also Gedanken über die Extreme dieser Welt: Gibt es einen Sockengott und wenn ja, wer ist dann der Teufel? Der Massenkonsum! Achter-Packs in Sonderaktion zu Zehner-Packs hochgezüchtet, auf die es 25 Prozent Rabatt gibt, wenn man drei davon

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schon angekommen sind. E-Mail kommt nicht wie die Post zu festen Zeiten und hat eine viel geringere Lieferdauer. Außerdem könne ich quasi sofort sehen, wenn sein »Bilderpaket« in mein Postfach purzelt: Smartphone sei Dank. Drei Tage später holt mich Opa ans Telefon; der Fotograf ist dran. Die Bilder konnten nicht gesendet werden. Opa schaut wieder ganz verzweifelt auf die Notiz mit meiner Mail-Adresse. Er habe doch alles richtig vorgelesen: Meinen Vornamen, den Nachnamen, das @ und das gmx.de. Den Punkt zwischen Vor- und Nachnamen hat er allerdings vergessen. Er dachte, der sei bestimmt nicht so wichtig.

kauft. Ein aberwitziger Kauf und wir sehen vor lauter Socken den Wald nicht mehr, behandeln unsere wohl wichtigste Ressource, als würde sie auf Bäumen nachwachsen. Wir laufen, laufen, laufen die Socken in Grund und Boden und ahnen nichts vom Loch, das von hinten anmarschiert. Eine fatale Phase, gleich der Marmelade, die noch lockt, wenn sie schon leise schimmelt. Da wir uns durch den zuälligen Sockengriff einer Normalverteilung des Paargebrauchs nähern, also allen Socken eine gleich starke Reibung verpassen, tritt der geheime Kurz-vor-Loch-Status im Chor auf … und bähm, Strumpf-Katastrophe! Der Sockenchor singt das Lied vom Loch. Wir sollten unseren Hochmut ablegen oder ein Alarmsystem entwickeln, das der Unterversockung zuvorkommt. Zweiteres bitte! Aber wo bleibt die Sockenforschung? Kein Mucks, kein Nix. Was soll’s, gehen wir eben barfuß und überlassen das Socken-Problem anderen. Soll der Adel sich damit rumschlagen.


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NOIR - Ausgabe 21: Nachhaltig verunsichert  

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