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Ausgabe 18 (Januar 2011) www.noir-online.de

Zusammen

wachsen

Wo die Liebe hinf채llt.

Wissen

Reportage

Intern

Gerechte Strafe: Horror gegen Liebeskummer

Zeitreise: Zu Gast in einer Burschenschaft

Kisten packen: Wenn Chefredakteure umziehen


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~ Editorial ~

GEFRÄSSIGE OMA Euphemismen im Putzplan: Motivieren Titel wie Flotter Feger und Guter Geist die WG? Auflösung in unserer Kolumne auf Seite 20.

Inhalt – NOIR 18

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eine Oma hatte keine Reißzähne. Doch manchmal erinnerte sie mich an den bösen Wolf. Ich stand in der Küche, verschmiert mit Nutella vom Kinn bis zu den Ohren, und blickte sie mit blauen Enkelsaugen an. Meine Oma wischte die Hände an ihrer blumigen Schürze ab, hob mich in ihre Arme und drückte mich fest. Ganz fest, als würde die Welt in ihrer kleinen Küche für diesen Moment still stehen. „Ich hab dich so lieb, ich könnt‘ dich fressen!“, sagte sie und wuschelte mir durch die Locken. Schnell wickelte ich mich in ihre Schürze. Ich wollte nicht gefressen werden, weder aus Hunger noch aus Liebe. Dabei wusste ich, dass meine Oma nur auf Rindfleisch und Schweinesteaks stand und außerdem die beste Oma der Welt war. Aber was, wenn meine Oma wie der böse Wolf im Märchen …? Ein wenig fürchtete ich mich vor dem Gedanken. Die Liebe lässt meine Oma seltsame Dinge sagen. Aber so sind verliebte Menschen: Sie sprechen wie im Märchen und fühlen sich wie Prinzen und Prinzessinnen. Mit der Fertigstellung dieses Heftes fühlen wir uns wie im Märchen. Die NOIR steckt voller Liebe zu Buchstaben, Sätzen und Fotos. „Ich hab dich so lieb, ich könnt‘ dich fressen!“ Den Satz habe ich nie vergessen. Manchmal, wenn ich mich aus der Schürze meiner Oma ausgewickelt hatte und zum Fenster ging, sah ich, wie eine Katze eine zernagte Maus auf den Fenstersims legte. „Die Katze hat die Maus zermalmt“, dachte ich mir, „einfach gefressen – mit ihren kleinen Reißzähnen.“ Das muss wahre Liebe sein.

Fotos: behrchen / photocase.com (groß); bruzzomont / photocase.com (o.r.)

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Wissen. 200 Folgen Herzschmerz Wissen. Gerechtes Ende

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Titel. Lukas ist online

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Thema. Liebe zur Sprache Thema. Real oder virtuell?

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Thema. Regenbogenliebe

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Reportage. Generation Sorglos

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Thema. Zeichensprache

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Politik. In den Klauen der FARC Kultur. Riesenspinne

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Intern. Post-Depression

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Reportage. Verbindungen

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Querbeet. Ich putze hier nur Querbeet. Ohhh, wie schnulzig Querbeet. Doppelt karriert

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Editorial Impressum

NO I R N r . 18 ( J a n u a r 2011)

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Wi s s en

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Tit elthema

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GEHEIRATET WIRD AM ENDE IMMER Bei ,,Sturm der Liebe‘‘ finden sich seit fünf Jahren immer neue Liebespaare. Die frischen Paare wandern aus in ferne Länder, und ein neues Paar darf rund 200 Folgen lang um seine Liebe bangen. Das alles geschieht nach einem Drehbuch. Sanja Döttling über das Erfolgsrezept von Telenovelas.

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m letzten Moment, bevor Eva mit dem Italiener Gianni durchbrennen kann, fasst sich Robert ein Herz. Er zerrt Eva von Gianni weg, um ihr endlich seine Liebe zu gestehen. Dafür braucht er keine Worte: Er küsst sie einfach. Eva ist glücklich, und sie verbringen die Nacht und den Tag zusammen im romantischen Verona. Da, wo auch schon Romeo und Julia drei Tage lang glücklich waren. Vom ersten Aufeinandertreffen bis zu diesem Tag vergehen hundert Folgen. Robert und Eva haben bis zu diesem Tag einiges durchgemacht. Anfangs war Robert mit Miriam verheiratet, die aber bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Valentina verstarb. Eva, die zu dieser Zeit im Fürstenhof als Kellnerin arbeitete, steht ihm in seiner Trauer zur Seite und kümmert sich um Valentina. Wie schafft man es, Zuschauer über Wochen und Monate jeden Tag an den Bildschirm zu fesseln? Wir wissen doch, dass sie sich am Ende finden. Peter Süß, Chefautor der deutschen Telenovela „Sturm der Liebe“ beschreibt es so: „Bei Columbo weiß man auch fast immer, wer der Täter war und bleibt trotzdem dran, um zu erfahren, wie Columbo es schafft, den Mörder zu überführen.“ Ähnlich sei es bei Telenovelas: Obwohl bekannt ist, welches Paar füreinander bestimmt ist, schaut man weiter.

Drogen, Sex und Prostitution Telenovelas dienen auch der Aufklärung

„Wir setzen große Emotionen bewusst ein, um beim Zuschauer Neugierde und Empathie zu wecken“, erklärt er weiter. Telenovelas wurden in den 1950ern in Lateinamerika entwickelt und haben sich

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Liebe wie im Märchen: Telenovelas sollen vor allem unterhalten.

in den letzten Jahren auch in Deutschland etabliert. In Brasilien dient die Telenovela heutzutage auch der Aufklärung. So schoss die Zahl der Rückenmarkspenden in die Höhe, weil die Hauptfigur einer Telenovela an Leukämie litt. Desweiteren werden Drogenmissbrauch, Schwangerschaften bei Jugendlichen und Prostitution thematisiert. In Deutschland dient die Telenovela schlicht der Unterhaltung. „Es sind Märchen, Aschenputtel oder Schneewittchen, aber modern erzählt. Wir haben nicht die Absicht, die wirkliche Welt abzubilden, sondern wollen den Zuschauer unterhalten“, so Süß. Der Fürstenhof – das Hotel, in dem die Telenovela „Sturm der Liebe“ spielt – sei immer auch ein bisschen Urlaub, erklärt Peter Süß. „Terroristen haben in einer Telenovela nichts zu suchen, es geht um die Beziehungen der Charaktere untereinander, um das rein Zwischenmenschliche.“ Die momentane politische Lage im Land ist genauso unwichtig wie das

Aufzeigen sozialer Missstände. Stattdessen sind nur die Charaktere des Mikrokosmos wichtig, der nicht dazu dient, die Wirklichkeit abzubilden. Die Grundkonstellation erinnert wirklich sehr an ein Märchen: Eine starke, junge Frau beginnt ein neues Leben und

Emotionen fesseln uns am Fernseher Zuerst kommt die Liebe, dann das Baby

verliebt sich in den reichen Sohn des Geschäftsführers. Einmal spielt das Ganze in einem Hotel (Sturm der Liebe, ARD), dann bei einem Modekonzern (Verliebt in Berlin, Sat.1), oder in einer Firma für Optik (Alisa – Folge deinem Herzen, ZDF). Klingt langweilig, scheint aber dennoch die Gemüter der Zuschauer zu erregen: Nicht etwa Dokumentationen oder

Foto: Katharina Levy / photocase.com


W i ss en

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Reportage

Nachrichtensendungen, sondern die aktuellen Folgen der Telenovela sind die am meisten diskutierten Beiträge im Forum der ARD. Der übliche Telenovela-Fan ist Hausfrau, Rentner oder Schüler. Die Telenovela folgt einem anderen Konzept als komplexe Serien wie Doctor‘s Diary: „In den Dialogen wird viel erklärt, was eigentlich schon gezeigt wurde. Das mache ich bewusst so, weil selbst die treuesten Fans nicht jede Folge sehen. So kann man schnell wieder in die Handlung einsteigen“, sagt Süß. Das könnte ein Grund sein, warum Manche Telenovelas als langweilig bezeichnen: Sie sind es gewöhnt, dass ständig etwas Neues passiert. Aber wer eine Telenovela

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nur als endlos lang gezogenen Liebesfilm abtut, hat Unrecht: Denn bis zum Happy End kann es dauern. Entführer, Verführer und Mitfühler machen den Weg zum

Terroristen brauchen wir nicht Die Märchenwelt muss perfekt sein

Happy End steinig und halten viele Rückschläge bereit. „Es wird sehr viel gelitten“, fasst Peter Süß zusammen, denn in jeder Telenovela ginge es nicht nur um die

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Reportage

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Liebe, auch viele andere Genres flössen mit ein, zum Beispiel Aspekte einer Kriminalgeschichte oder eines Mystery-Thrillers. „Aber das Hauptaugenmerk liegt auf der großen Liebe.“ Und das ist auch nach weit über 1 000 Folgen noch spannend, findet Peter Süß: „Warum soll es langweilig sein? Das Thema Liebe wurde schon vor 2 000 Jahren behandelt und es wird immer noch darüber geschrieben.“ Aber auch der Tod hat in der Telenovela bereits Einzug erhalten: Mehrere Charaktere mussten schon dran glauben. Peter Süß kommentiert ironisch: „Nicht umsonst heißt es im letzten Satz im Märchen: Und wenn sie nicht gestorben sind …“

LIEBER EIN ENDE MIT SCHRECKEN Filmeabende tun der Seele gut. Doch welcher Film hilft bei Liebeskummer? Warum Frankenstein besser ist als Matthew McConaughe.

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arum soll ich mir einen Film mit Monstern anschauen? Wenn ich etwas Ekliges, Haariges und Fieses sehen will, kann ich gleich meinem Ex-Freund hinterherspionieren. Das will ich aber nicht. Ich verkrieche mich lieber auf meinem Sofa unter einer großen Decke, die die ganze Welt vor dem Angriff von Aliens schützen könnte – bis auf den Quadratmeter, auf dem er sich gerade aufhält. Andererseits hat mein Ex-Freund meine Hemmschwelle für Ekliges gesenkt: Er hat einmal seine Zehenzwischenräume mit einer Gabel gesäubert. Habe ich davon Albträume bekommen? Nein. Also. Warum sollte ich dann Albträume von Gummieingeweiden und ein paar Litern Tomatensauce bekommen? Horrorfilme helfen mir, die Freundinnen auszuwählen, die hunderprozentig deprimierende Sprüche meiden werden – allen voran die zart besaiteten Mädels, die mir von ihrer ach-so-tollen Beziehung

Foto: Anne Dobler / jugendfotos.de

zu ihrem „süßen Puscheltier“ erzählen. Die sollten besser mal aufpassen, dass das „süße Puscheltier“ nicht auf dem „Friedhof der Kuscheltiere“ landet. Was, wenn ich mich doch ekeln sollte? Nicht so schlimm: Wenn mir der Appetit vergeht, muss ich weniger Frustschokolade in mich hineinstopfen. Nach einem Matthew-McConaughey-Kate-HudsonFilm hingegen würde ich mich darüber ärgern, warum sie am Ende ihren Schwarm abbekommt und ich in meinen Tränen baden muss. Frustspeckröllchen werden mich ewig an den Horror mit ihm erinnern. Ich bin froh, dass er mit mir Schluss gemacht hat. Denn aus den Horrorfilmen habe ich gelernt: Pass auf bei der Wahl deiner Partner. Er könnte der Teufel in Person sein. Wenn du von ihm später Kinder bekommst, kann dir nicht einmal die Supernanny helfen. Nun weiß ich, dass es Schlimmeres gibt, als verlassen zu werden:

Zum Beispiel von einer Gruppe Kannibalen verfolgt zu werden, die ein Jahr auf Diät waren. Ich bin auf meiner Couch sicher. Im Gegensatz zur Figur, die einer Freundin den Freund ausgespannt hat: Sie wird als erstes verputzt. Nach vielen grausamen Szenen will ich kein Blut mehr sehen, auch wenn ich mir am Anfang vorgestellt habe, es wäre seins. Aber ich weiß: Sollten Aliens, Vampire oder Monster unsere Erde belagern, dann werden sie mich verschonen und ihn als erstes schnappen! Horrorfilme können erstaunlich gerecht sein. Silke Brüggemann

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LIEBE PER MAUSKLICK? Eine Kurzgeschichte von Denise Eisenbeiser

Ein Chatfenster öffnet sich auf dem Bildschirm. „Hey, alles klar bei dir?“ Ich, Sarah, 19 Jahre alt, groß und schulterlanges blondes Haar, blicke erstaunt auf die Buchstaben. Wer mich angeschrieben hat, weiß ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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ch streiche mein Haar zurück. Ein kurzer Klick auf den Namen „Robert Hauer“ und ein Profil öffnet sich in einem neuen Fenster. Ein Bild erscheint auf dem dunkelgrünen Hintergrund: braune Haare, grüne Augen und ein Lächeln strahlt mir entgegen. „20 Jahre alt, schlank, sportlich und auf der Suche nach Frauen“, entnehme ich der Profilbeschreibung. Als Haustiere hat er einen Hund und eine Katze. Außerdem interessiert sich Robert für Fußball, Kochen und Tennis. Gar nicht mal so übel. Auch das Profilbild sieht vielversprechend aus. Ich scrolle mit der Maus ein Stück herunter. Stolze 450 sogenannte „Freunde“ hat Robert. Meine Finger fangen an, nervös auf der Tastatur hin und her zu gleiten. Mit der Maus klicke ich unruhig auf den Bildschirm. Ich fange an zu grübeln und überlege, ob ich ihm antworten soll und vor allem, was ich schreiben soll. Denn warum schreibt ein gut aussehender Mann ausgerechnet mich an? Kenne ich ihn womöglich? Ich streiche meine ins Gesicht gefallene Strähne zurück. Nach einem kurzen Zögern antworte ich ihm hastig mit den Worten: „Hey, mir geht es gut und selbst? ;)“ Ich fange an, dem mir unbekannten Robert zu schreiben. Erneut begebe ich mich auf sein Profil. Ich klicke auf die Option „verlinkte Bilder“. Stolze 60 Stück sind dort

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aufz u finden. Wahllos öffne ich eines. Ich schrecke zurück. Auf dem Foto befinden sich vier Personen. Zwei Männer und zwei Frauen. Robert, der sich als schlank und sportlich ausgibt, ist klein, hat ungefähr 15 Kilogramm Übergewicht und die letzte Sporteinheit womöglich in der Grundschule absolviert. Ich nehme meinen Mut zusammen und frage indiskret, ob er die Person auf den Bildern sei. Stille. Eine Minute vergeht. Plötzlich antwortet er verwundert mit „Ja, wieso?“. Die Welt des perfekten Robert Hauers zerplatzt. Enttäuscht und mit leicht genervter Miene versuche ich ihn abzuwimmeln. Ohne ein Wort verlässt er wahrscheinlich zutiefst beleidigt den Chat. Oberflächlich, ja so mag mich nun ein mancher bezeichnen. Doch weshalb die Zeit mit einem Mann verschwenden, der meine Ansprüche auf äußerer Ebene nicht erfüllt,

wenn i m Netz lauter Schönlinge warten? Früher habe ich eine andere Ansicht vertreten. In Chatrooms mit Menschen zu schreiben, die ich noch nie zuvor gesehen habe, kam für mich nicht in Frage. Bis zu dem einen Tag. Vor einem halben Jahr war ich bei

Illustration: Paul Volkwein


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einer guten Freundin namens Clara zu Besuch und diese schrieb ihrer „großen Chatliebe“. Mit einem Grinsen auf dem Gesicht erklärte sie mir: „Sarah, das ist ganz einfach. Du suchst dir jemanden aus, der dir gefällt

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und schreibst ihn an. Ob er deinen Vorstellungen entspricht, wirst du schnell herausfinden. Und wenn nicht, verabschiedest du dich höflich. Somit hast du keinen Stress mit unerwünschten Liebhabern. Besser kennenlernen könnt ihr euch später im „echten“ Leben.“ Zwar war ich noch nicht endgültig überzeugt, aber angetan war ich allenfalls. Clara legte mir dann in einem sogenannten „sozialen Netzwerk“ ein Profil an. Mit Claras Worten im Ohr versuche ich, das Gespräch so schnell wie möglich abzuw ürgen unter dem Vo r w a n d , mich später noch einmal zu melden. Mit der Maus fahre ich über den Bildschirm in Richtung „Logout“. Genug für heute, sage ich mir. Doch dann passiert etwas Unerwartetes. Erneut öffnet sich ein Chatfenster mit den Worten: „Wow, wirklich hübsches Bild.“ Der Wunsch, mich aus dem Chat abzumelden, verfliegt und ich antworte höflich. Wer das diesmal wohl sein mag? Mit einem müden Blick starre ich auf den Bildschirm und klicke erneut auf ein Profil eines mir Fremden. Große Hoffnungen und Erwartungen habe ich nach dem eben geführten Gespräch nicht. Das Profil öffnet sich. Ein überwältigendes Anzeigebild strahlt mir entgegen, sein Name ist Lukas. Er hat blonde Haare, trägt eine Brille hinter der sich funkelnd grüne Augen verbergen. Neugierig wie ich bin, durchforste ich

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sorgfältig alle Bilder. Diesmal gibt es zum Glück keine böse Überraschung. Mit fixiertem Blick und schneller Tipptechnik beginne ich mit Lukas ein Gespräch. Er sagt, er habe gestern einen Job in derselben Firma angenommen, in der ich auch arbeite. Ich staune. Besser hätte es für mich nicht laufen können. Nach einer halben Stunde schlägt er mir vor, heute Abend mit mir auszugehen. Ein weiteres Mal wage ich einen Klick auf sein Profil: Er ist 21 Jahre alt und spielt Fußball im Verein. Mehr gibt er nicht von sich preis. Erstaunlich, denn viele veröffentlichen nahezu ihren ganzen Lebenslauf. Ich merke, dass mein Herz anfängt, schneller zu schlagen. Im Spiegel, der vor mir an der Wand hängt, sehe ich, dass mein Kopf anfängt, rot zu werden. Ich zögere, dennoch sage ich ihm zu. Heute Abend. 19 Uhr, HawaiiBar. Ich verlasse den Chat, drehe meinen Stuhl zur Seite und stehe auf. Meine Füße fühlen sich schwer an und meine Beine fangen an, leicht zu zittern. Ich laufe ins Bad, um mich dort ausgehfertig zu machen. Nervös greife ich nach dem Lidschatten, dieser öffnet sich und fällt zu Boden. Verdammt! Meine Nervosität steigt. Wie lange ist es her, dass ich ein Date mit einem Mann hatte? Ohne mir weiter Gedanken zu machen, fange ich an, Make-up und Wimperntusche sorgfältig aufzutragen. Fünf Minuten vergehen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Aufgeregt wage ich einen Blick auf die Uhr: Noch eine Stunde habe ich Zeit, um zu meinem Date in der Hawaii-Bar zu gelangen. Zum Glück befindet sich diese nur eine Bushaltestelle von mir entfernt. Ruhelos und in Gedanken an den heutigen Abend laufe ich zu meinem Kleiderschrank. Ich öffne die Türen und mir blicken zahlreichen Oberteilen und Hosen entgegen. Hastig ziehe ich ein Oberteil hervor. Es ist schwarz mit silbernen Strass-Steinen. Viel zu seriös. Ich zerre ein weiteres Oberteil aus dem Regal heraus. Diesmal ist es ein rosa-pinkfarbenes Top mit tiefem Ausschnitt. Zu übertrieben. Schließlich beabsichtige ich, Lukas näher kennenzulernen und nicht, ihn gleich zu verführen. Ratlosigkeit macht sich breit. Geschätzte 100 T-Shirts, 50 Tops und 60 Langarmshirts befinden sich in meinem Kleiderschrank. Das Richtige scheint aber nicht dabei zu sein. Ich steige auf einen Stuhl, um einen besseren Einblick in die Tiefen meines Kleiderschrankes zu bekommen. Und Tatsache: Ich ziehe ein lilafarbenes Langarmshirt hervor. Ein kleiner Rosenaufdruck befindet sich

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an der Seite. Eine schwarze, elegante und doch schlichte Hose ist schnell gefunden. Auch diese zerre ich heraus und werfe sie auf mein Bett. Ich steige vom Stuhl, begebe mich zum Bett und ziehe die schwarze Hose und das lilafarbene Oberteil an. Ein Blick auf die Uhr: 18:40. Ich haste in den Flur, ziehe mir meine schwarzen Absatzstiefel an, schnappe meinen Schlüssel und begebe mich ins Treppenhaus. Auf dem Weg nach unten gehe ich alle möglichen Szenarien durch: Was, wenn wir kein Thema finden, über das wir reden können? Was, wenn ich ihn total unsympathisch finde? Der Bus kommt um die Kurve und holt mich aus meinen Horrorvisionen. Meine Schritte werden schneller und schneller. Als ich ankomme, trifft mich der Schlag. An der Haltestelle sitzt ein Mann, der Lukas sehr ähnlich sieht oder gar Lukas ist. Ich werde langsamer. Der Bus fährt ab, doch das kümmert mich jetzt nicht mehr. Ich laufe ein Stück auf ihn zu. Jetzt bin ich nur noch wenige Schritte von ihm entfernt. Er trägt eine braune Lederjacke und dunkelblaue Jeans. Seine Haare hat er leicht gegelt. In der Hand hält er einen MP3 -Player, die Stöpsel im Ohr. Sein Blick ist gesenkt. Ich beobachte ihn weiter. Plötzlich hebt er seinen Kopf. Sein Blick geht starr geradeaus Richtung Straße. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Es fühlt sich an wie nach dem ersten Kuss. Meine Hände fangen an zu zittern und werden kalt. Die Anzeichen dafür, dass ich ziemlich verliebt bin. Verliebt? Aber wie kann das sein? Ich kann mich wohl kaum in jemanden verliebt haben, den ich vor einer Stunde im Chat kennengelernt habe. Oder doch? Doch was ist Liebe überhaupt? Liebe ist nur eine Bezeichnung. Eine Bezeichnung für eine sehr starke Zuneigung zu einem anderen Menschen. Liebe ist das Gefühl oder mehr noch eine innere Haltung, die geprägt ist von einer innigen Verbundenheit zu einer Person. Das wäre meine Definition von Liebe. Auch wenn ich Lukas nicht kennen

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mag, fühle ich mich mit ihm verbunden. Liebe auf den ersten Blick? Nein! So etwas existiert für mich nicht. Der nächste Bus hält an. Sowohl Lukas als auch ich steigen ein. Er hinten. Ich vorne. Eine Station und zwei Minuten später sind wir da. Meine Nervosität lässt nach. Von weitem sehe ich mein Ziel in blau leuchtenden Buchstaben: „Hawaii-Bar". Lukas läuft zehn Meter vor mir. Mein Schritt wird langsamer. Ich sehe, wie er die Tür öffnet und hineingeht. Ich bleibe stehen. Was mache ich hier überhaupt? Ich gehe mit einem völlig fremden Mann aus. Doch jetzt wieder nach Hause zu gehen, wäre ziemlich feige. Ich fasse allen Mut zusammen, öffne die Tür und trete ein. Lukas sitzt an einem Tisch für zwei Personen. Er sieht mich; lächelt mich an und winkt mir zu. „Nur keine Panik“, rede ich mir ein und gehe selbstbewusst auf ihn zu. Er steht auf und begrüßt mich

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herzlich. Meine Hände schwitzen. Wir setzen uns. Die Kellnerin kommt und wir beide bestellen Cocktails. Wir fangen an zu reden. Währenddessen blicke ich ihm in seine wunderschönen grünen Augen. Faszinierend. Es vergehen Minuten, Stunden. Wir lachen zusammen, essen, trinken. Plötzlich greift er nach meiner Hand und streichelt sie. Volltreffer! Ich genieße seine Streicheleinheiten. Erneut beginnt mein Herz, schneller zu schlagen. Mein Bauch kribbelt. Sind das die Schmetterlinge im Bauch, von denen alle reden? Ich glaube schon. Um 23 Uhr verabschieden wir uns. Er sagt, er müsse noch zu seiner Mutter. Ich habe Verständnis und gehe den kurzen Weg nach Hause. Dort angekommen befreie ich meine Füße aus den hohen Schuhen und lege mich aufs Bett. „Sarah, du bist verliebt“, sage ich leise zu mir. Glücklich und zufrieden schlafe ich ein. In voller Montur.

Illustration: Paul Volkwein


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» SÜSS UND HERB ZUGLEICH «

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Lover_BoyXXX „Ein Online-Flirt ist ein Spiel, das sich in der Realität erst beweisen muss“, findet Fabienne Kinzelmann.

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Je t’aime, te quiero, I love you oder doch eher ich liebe dich? Welcher Sprache erklärst du deine Liebe? NOIR-Redakteurin Clara Dupper hat sich auf die Suche nach der Liebe zur Sprache gemacht. Was sie gefunden hat? Eine Sprache, die weint, und einen Griechen, der eine Liebesaffäre mit Buchstaben hat.

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s gibt heute zwölf Weltsprachen. Das Ethnologue, ein Sammelwerk, das Sprachen der Welt katalogisiert, schätzte 2009 Mandarin, Spanisch und Englisch als Spitzenreiter ein. Englisch wird in 112 Ländern gesprochen, Spanisch „nur“ in 44, Mandarin in 20. Wodurch entwickelt sich die Liebe zu einer Sprache? Wieso behaupten viele, sie hätten eine enge Bindung zu einer gewissen Sprache? Sebastian Heine studierte an der Universität Bonn Indogermanistik, Indologie und Keltologie. Seine Magisterarbeit schrieb er 2007 über seine Lieblingssprache Pashto. Eine Sprache, die zwölf Millionen Paschtunen im Süden Afghanistans sprechen. Gegenüber dem SPIEGEL sagte er: „Pashto ist süß und zugleich herb. Es kann sehr feinfühlig sein und andererseits sehr hart und männlich. Es lebt, es schreit, es weint, es freut sich, es stöhnt, es stirbt. Pashto ist ein Lebensgefühl.“ Kultur, Land und Leute prägen eine Sprache. In verschiedenen Foren kann man lesen, Italienisch sei melodisch und verwende viele Wörter. Chinesisch

Fotos: Memephoto / pixelio.de (o.l.); Brian Bailey (o.r.)

habe einen schönen Klang, die Schriftzeichen würden Eindruck machen, die Höflichkeit der Chinesen schlage sich in der Sprache nieder. Mit Englisch könne man sich elegant ausdrücken und mit Französisch am besten lügen. Den einen ist Italienisch zu laut und aufdringlich, andere vergleichen Chinesisch mit Katzenmiauen. Geschmäcker sind verschieden. Eines steht fest: Wer Kultur, Land und Leute einer Region interessant findet, wird auch die Sprache mögen. Ioannis Ikonomou ist Dolmetscher im Europaparlament. Der 45-jährige Grieche schreibt und spricht 32 Sprachen. In einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung hat er erklärt: „Ich will die Geschichte der Wörter kennen.“ Ioannis Ikonomou spricht von einer sinnlichen Beziehung zu Wörtern und Buchstaben. Jede neue Sprache vergleicht er mit einer Liebesaffäre. Durch den multikulturellen Austausch, den er in Brüssel gut pflegen kann, hält er die Sprachen für sich selbst am Leben. Als persönlichen Gewinn sieht er die vielen Einblicke in fremde Welten: „Jede Sprache öffnet die Tür zu einer neuen Kultur.“

nline ist alles so einfach: Profilbild nach den wichtigen Kriterien (Gesicht, Figur) checken, Hobbys und Lieblingsfilme durchforsten (erste Gemeinsamkeiten feststellen) und anschreiben. Neun Millionen Menschen in Deutschland haben laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Aris bereits online einen neuen Partner gefunden – das sind 18 Prozent aller deutschen Internetnutzer. Die Wahrscheinlichkeit, über soziale Netzwerke und Partnerbörsen jemanden kennenzulernen, mit dem man halbwegs zusammenpasst, ist tatsächlich höher als in der Uni, im Supermarkt oder im Zug. Wir haben quasi einen weltweiten Zugriff auf unendlich viele User, die wir per Mausklick selektieren können. Und für Messages muss man sich nicht stundenlang vor dem Spiegel überlegen, was man anzieht. Man ist bereit, sich online auf Menschen einzulassen, die man im Alltag als potenzielle Partner ignorieren würde, weil sie eben, nun ja, Alltag sind. Wir kennen ihre Freunde (die wir nicht mögen), wir kennen ihre Mama (unsere Stammfriseurin), den Papa (der mit unserem Papa Fußball guckt) und den Bruder sowieso (der hat uns nämlich unseren ersten Kuss gegeben). Ich will mir doch keine Mühe machen, mehr über die Typen zu erfahren, als sie mir schon im Kindergarten offenbarten; damals, als sie mir die Bauklötzchen zum Spielen weggenommen haben. Ohne diese ganzen Vorab-Eindrücke werden wir online viel neugieriger und offener. Dennoch ist ein Online-Flirt ein Spiel, das sich in der Realität erst beweisen muss. Auch wenn sich hinter dem im Chat so eloquenten Lover_BoyXXX nicht immer ein pädophiler älterer Herr versteckt, tauchen nach dem richtigen Kennenlernen Probleme auf, die man vorher ignoriert hat: die Entfernung, die Zeit, das doch unbekannte Umfeld von ihm oder ihr. Mag sein, dass viele User kurzzeitig glauben, online das ganz große Glück zu finden. Doch bei wie vielen das Glück auch Bestand haben wird, das ist die Frage. Sorgen machen muss man sich um die neun Millionen aber nicht – die Auswahl zum Weiterprobieren ist ja groß genug.

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HEIRATEN IN DER KFZ-STELLE Verliebte Pärchen, die händchenhaltend durch die Straßen gehen, sind ein alltäglicher Anblick. Dennoch werden nicht alle Liebenden gleich behandelt. David (21) und Julius (17) sind seit einem Jahr ein Paar. Sie lernten sich über eine Gay-Community kennen und lieben. Obwohl das Paar von seinem Umfeld akzeptiert wird, gehen nicht alle Leute tolerant damit um. Sogar unsere Gesetzeslage diskriminiert Homosexuelle.

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igentlich laufe das Kennenlernen übers Internet wie in einer Castingshow ab, stellt Julius fest. Der User entscheidet selbst über Top oder Flop aufgrund von Bildern und Profildaten. David und Julius wurden in der Gay-Community Funkyboys aufeinander aufmerksam. Kurz darauf trafen sie sich zum ersten Mal. „Richtig lernt man sich ja eh nur persönlich kennen“, findet David. Das Internet sei aber eine gute Hilfe, Leute kennenzulernen, „gerade wenn man sich noch nicht geoutet hat und noch unsicher ist.“ Nach dem ersten Treffen waren sich beide sicher, dass sie mehr als Freundschaft füreinander empfinden. Zwar kamen sie etwas unromantisch am Telefon zusammen, aber dennoch war es der Beginn einer glücklichen Beziehung. Julius bekam nach dem zweiten Date eine SMS von David mit dem Ende „Ich lieb‘ dich“. Das Internet sei für Schwule klasse, um die Liebe zu finden. Homos fänden sich nicht einfach auf der Straße, schließlich sei die Mehrheit heterosexuell. Schwule sind bei der Partnersuche auf die Szene und das Internet angewiesen.

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Hamburg ist, wie viele Großstädte, eine sehr offene Stadt was Homosexualität angeht. Es gibt jede Menge Möglichkeiten zum Kennenlernen, sei es auf Partys, in Bars oder auf Messen. Hamburg ist auch bekannt für die Lange Reihe („Schwulenstraße“) und den jährlichen Umzug am Christopher Street Day. Obwohl die Menschen auf der Straße sehr offen und tolerant mit homosexuellen Paaren umgehen, gibt es Bezirke oder andere Städte, in denen sie nicht so gerne gesehen werden. „Klar gibt es immer noch Idioten, die einen dumm anmachen“, sagt David. „Und dass man in der Stadt angeschaut wird, wird wohl auch immer so bleiben.“ Homosexuelle Paare haben es im Alltag nicht leicht. „Ich selber halte höchstens mit meinem Liebsten Händchen, wenn wir mit meinem Hund im Wald sind“, sagt Julius. Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit hängen für ihn vom Umfeld, der Situation und dem Wohlbefinden ab. „Wo Harun und Eische sich 'Hallo' sagen, ist eine negative Reaktion eher zu erwarten“, weil der Islam die Homosexualität nicht anerkennt.

Unterbewusst hatte David schon immer das Gefühl, dass er auf Männer steht. „Ich hatte zwar in der fünften Klasse gemerkt, dass ich einen Jungen aus meiner Parallelklasse süß finde, aber das war damals für mich noch kein Thema.“ Mit 14 Jahren hatte er sogar mal kurzzeitig eine Freundin, um auszuprobieren, wie sich das anfühlt. Als er 16 Jahre alt wurde, hatte sich sein unterbewusstes Gefühl verstärkt und von da an stand für ihn fest, dass er schwul ist. Mit 18 Jahren hat er angefangen, sich zu outen. David wusste aber nicht, mit wem er zuerst darüber sprechen sollte. „Zuerst war alles sehr schwer. Ich fühlte mich anfangs sehr hilflos.“ Dann vertraute er sein Geheimnis seiner besten Freundin an, danach seiner Mutter und dann seinem restlichen Umfeld. „Von da an war es wie ein Stein, der mir vom Herzen gefallen ist.“ In seiner Arbeit verschweigt er seine Homosexualität lieber, er denkt, dass es dort nicht hingehört. „Sollten die das mitbekommen, ist das okay. Aber ich muss es nicht allen sagen“, findet der 21-Jährige. Er würde allen Homosexuellen raten, dass sie sich zuerst

Illustration: Jan Zaiser


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dem besten Freund oder der besten Freundin anvertrauen. Danach fällt es einem leichter, auch die Eltern einzuweihen. Julius weiß seit dem Kindergarten, dass er schwul ist, konnte es in diesem Alter jedoch noch nicht einordnen. „Ich wollte ein Mädchen werden. Mir schien es, als würde das meine Probleme lösen.“ Er outete sich mit 14 Jahren bei seinen Freunden und ein Jahr später bei seiner Familie. Diese hatte es bereits geahnt und nahm es gut auf. Heute fühlt er sich wohl im Körper eines Jungen und geht selbstsicher mit seiner Sexualität um. Zum Thema Outing rät Julius Gleichgesinnten: „Macht euch keinen Stress!“ Es sei schöner, wenn man früh seine Sexualität lebt, vor allem, weil man in seiner Jugend die begehrteste Zeit unter den Schwulen durchlebt und sich am stärksten sexuell entwickelt. Der richtige Moment für das Outing ist dann gekommen, wenn man sich selbst dazu bereit fühlt. Sein Tipp: „Wenn ihr sehr verliebt seid, ist es am besten, denn da habt ihr den größten Mut dazu.“

Die Lesben- und Schwulenbewegung und der Christopher Street Day 1969 leisteten erstmals Lesben, Schwule, Transgender und Bisexuelle systematisch Widerstand gegen staatliche Diskriminierung und Repression. In jenem Jahr kam

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es nach einer Polizei-Razzia im Stonewall Inn in der Christopher Street im New Yorker Bezirk Greenwich Village zu massiven Protesten der Queer-Community (Homosexuelle Gesellschaft). In Erinnerung an diese Ereignisse finden seitdem in aller Welt jährliche politische Paraden, die Christopher Street Days beziehungsweise Gay Pride Paraden statt. Auf der Seite www.csd-hamburg.com lädt die Hamburg Pride zum Christopher Street Day ein. Dieses Jahr lief er unter dem Motto „30 Jahre CSD Hamburg – Gleiche Rechte statt Blumen!“. Neben der politischen Parade am 7. August fanden eine Woche lang zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen der Pride Week statt. Die verschiedenen Veranstaltungen erinnerten an die wichtigsten Ereignisse der Lesben- und Schwulenbewegung der vergagenen dreißig Jahre.

Gleiche Rechte für Homosexuelle Was für andere Paare selbstverständlich ist, bleibt homosexuellen Paaren bis heute verwehrt. Sie fordern daher die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften wie zum Beispiel beim Steuer- oder Erbrecht oder beim Heiraten. Während eine standesamtliche Eheschließung in BadenWürttemberg etwa 40 Euro kostet, zahlen homosexuelle Paare in manchen Landkreisen 140 Euro. Sie dürfen auch nicht in denselben Räumlichkeiten heiraten

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oder in jeder beliebigen Stadt. In BadenWürttemberg werden Verpartnerungen nicht wie Ehen vor dem Standesamt geschlossen, sondern im Ordnungsamt oder Landratsamt. In Bretten, Landkreis Karlsruhe, hat die Stadtverwaltung dafür zum Beispiel Räumlichkeiten in der Kfz-Zulassungsstelle angemietet. Auch setzt sich die Bewegung für das gleiche Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare wie für Heterosexuelle sowie den gleichberechtigten Zugang zur Reproduktionsmedizin ein. Eine andere Forderung ist die Ergänzung des Artikels 3 des Grundgesetzes, der sich gegen Diskriminierung richtet. Neben Rasse und Herkunft soll auch explizit das Merkmal „sexuelle Identität“ dem Gesetzesschutz unterstehen.

Homosexualität auf der ganzen Welt Es gibt zwar Schätzungen darüber, wie viele Menschen auf der Welt homosexuell sind, doch ist es schwierig, mit einer großen Dunkelziffer eine Statistik zu erstellen. Laut einem Artikel auf Focus Online vom 6. März 2008 lieben rund vier Prozent der Männer und zwei Prozent der Frauen gleichgeschlechtlich. Homosexualität wurde früher verachtet. Sexualität, die nicht zur Zeugung von Kindern vollzogen wurde, galt als schweres Verbrechen gegen Gott und die Natur des Menschen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat sich erst 1993 ausdrücklich von diesen Einschätzung distanziert und Homosexualität aus der „Internationalen Liste für Krankheiten“ gestrichen. Seit August 2001 gibt es in Deutschland für gleichgeschlechtliche Paare die eingetragene Lebenspartnerschaft als offiziell familienrechtliche Institution. Dennoch sind homosexuelle Menschen noch nicht gleichgestellt. 80 Prozent der Lesben und Schwulen berichten laut einer Umfrage des Lesben- und Schwulenverbandes von Diskriminierungen am Arbeitsplatz. Jeder vierte schwule Mann wurde bereits gewalttätig angegriffen. K a t h a r i n a To m a s z e w s k i

David und Julius sind seit einem Jahr ein Paar.

Foto: David Rödde

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ALLER ZWANG IST UNS VERHASST ! Unentschlossen, träumerisch und fahrlässig: An der jungen Generation haftet ein zweifelhaftes Image. Doch entsprechen diese Vorurteile der Realität? Ein Besuch auf der BuchBasel, bei kühnen Nachwuchsautoren, alten Verlegerhasen und jungen Gesellschaftskritikern.

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ie Suche nach der jungen Generation beginnt auf der Rolltreppe. Wir halten den „Beobachter“ in der Hand, die größte schweizerische Wissenszeitschrift. Der Titel war uns am Eingang aufgefallen: „Jugend, Sex und Pornos. Schon Kinder konsumieren Sexfilme. Was tun?“ Wir denken nicht an Sex, nicht an Pornos. Nicht jetzt, nicht hier. Die Rolltreppe schiebt sich vom dunklen Foyer der Messehalle in den oberen Stock. Vor uns tauchen Bücherberge auf. Wie Inseln stehen die bunten Messestände, weiches Deckenlicht spiegelt sich auf dem Boden. 150 Aussteller, tausend neue Buchtitel und das Gefühl der großen, der unendlichen Literatur. Wo, wenn nicht hier, können wir Antworten finden? Antworten auf die Frage: Wie sieht sich die heutige Generation? Unser Verdacht: Die Generation ist sorglos. Ein Wort mit zwei Bedeutungen: ohne

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Sorge, aber auch unbedacht und fahrlässig. Eine Generation der Träumer und Unbeholfenen. Eine Generation, in der Mädchen mit 13 Jahren Mütter werden. Eine Generation, die sich in Facebook-Profilen so hemmungslos entblößt, dass jeder ProfiExhibitionist neidvoll von Dannen ziehen würde. Doch stimmt unser Verdacht? Die Antwort soll uns die Literatur geben. Wir denken an Schiller, an Goethe: die jungen Rebellen, Vorbilder ganzer Schriftsteller-

„Die Generation ist sorglos“ Generationen. Schiller war 20, als er „Die Räuber“ schrieb. Goethe war 23, als ein Kollege über ihn sagte: „Er tut, was ihm gefällt, ohne sich darum zu kümmern,

ob es anderen gefällt, ob es Mode ist, ob es die Lebensart erlaubt. Aller Zwang ist ihm verhasst.“ War Goethe womöglich der erste Vertreter der Generation Sorglos? Ein Avantgardist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Welch verwegene These. Wir stürmen und drängen zwischen die Wühltische. Wie Spürhunde auf der Jagd; auf der Suche nach den Schillers und Goethes von heute. Unser erstes Jagdgebiet: der Büchertisch von Suhrkamp, einem der renommiertesten deutschsprachigen Verlage. Suhrkamp hat Hermann Hesse verlegt, Bertolt Brecht und Max Frisch. Hinter dem Büchertisch steht ein Verlagsmitarbeiter. Der muss es wissen, denken wir. „Sehen Sie bestimmte Themen, die junge Autoren bevorzugt aufgreifen?“, fragen wir. Nein, die sehe er nicht. Nein, keine eindeutige Richtung. Nein, keine Entwicklung in den letzten Jahren. Und außerdem seien die jungen

Foto: iSPOON / photocase.com


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Autoren des Suhrkamp-Verlags auch alle um die vierzig. Wenn der 20-jährige Schiller das hören könnte … Und dann fügt der Suhrkamp-Mitarbeiter hinzu: Es gehe doch irgendwie immer um Gesellschaftskritik, um „das Ich und die Gesellschaft“, oder? Zwanzig Meter vom Suhrkamp-Verlag entfernt sitzt ein Gesellschaftskritiker im Spielzelt. Seine Haare fallen knapp vor die strahlenden Augen und die Sommersprossen auf den Backen. Loris hat genug vom Streit; vom Streit zwischen seinen Eltern, den er zuhause erleben muss. „Ich helfe denen immer ein bisschen“, sagt er, „sozusagen aus der Krise.“ Loris ist neun Jahre alt. Im Streitschlichten hat er Erfahrung und deshalb kennt er auch seinen Traumberuf: Rechtsanwalt. Er ist optimistisch, eigentlich; grinst und lacht. Aber solange sich seine Eltern streiten, sagt er, solange plagen ihn die Sorgen. Vielleicht sollte er sich aufmachen zum Messestand des „Beobachter-Verlags“, um das passende Buch für seine Eltern zu finden. Hier reiht sich ein Ratgeberbuch an das andere. „,Scheidung‘ – zum Beispiel – läuft immer gut“, erklärt eine Verlagsfrau und fügt hinzu: Das Buchprogramm sei eher für die ältere Generation gedacht. Braucht denn die Jugend keine Ratgeber, fragen wir uns? Wo sind die Ratgeber für 13-jährige Mütter, für die Träumer, die Unbeholfenen? „Wir hätten da ein neues Buch: ‚Surfen ohne Risiko‘“, gerade für die Facebook-Generation, sagt sie. Wir bedanken uns. Endlich jemand, der annähernd den Nerv der Zeit getroffen hat. Aber Facebook, das hatten wir bereits, Exhibitionismus und so. Im Umgang mit Medien sind die Jugendlichen eben nicht so verklemmt wie ihre Eltern. Aber was ist denn jetzt mit Sex, Pornos und wahrer Liebe? Mit den großen Gefühlen; den Geschichten, die das Leben schreibt? Dalibor ist einer, der diese Geschichten erzählt. Der 34-jährige Poetry Slammer steht in einer Box mit der Aufschrift „Textbox: das kleinste Massenmedium der Welt“. Vor ihm die Zuschauer, getrennt durch eine Scheibe, verbunden über Kopfhörer. Sie hören, wie Dalibor seine Geschichten erzählt. „Gibt es eine Liebe nach dem Tod?“, fragt er, und kennt selbst keine Antwort: „Eine Liebe nach dem Tod? Keine Ahnung. Es gibt so selten eine davor.“ Dalibor wirkt wie ein Frustrierter, einer zwischen Spätpubertät und MidlifeCrisis. Doch Dalibor spielt mit den

Fotos: Alexander Schmitz und Ann-Katrin Wieland

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Mit dem Literaturkurs auf der BuchBasel: Lena (18) und Kathleen (17)


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Gewusel um die Büchertische: Über 16 000 Besucher, 150 Aussteller und tausend neue Buchtitel.

Gefühlen der Zuschauer. „Eigentlich habe ich fast keine Sorgen. Seit drei Monaten ist mein Sohn auf der Welt und er ist gesund. Das ist das Wichtigste“, erzählt er nach seinem Auftritt. Früher aber, da war das anders, in den 90ern, als Dalibor selbst jugendlich war. „In meinem Jahrzehnt war alles zerstörerischer. Die heutige Generation ist nicht unbedingt sorgenfreier, sie geht nur anders damit um. Das sieht man auch an ihren Klamotten, die sind viel bunter als früher.“ Vielleicht sei dies aber nur ein Versuch, die Depressionen zu vertuschen. Lena und Kathleen kennen Jugendliche, die unter Depressionen leiden. „Für viele ist es schwierig, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden“, sagen sie. Beide sind als Messebesucher mit ihrem Literaturkurs auf die BuchBasel gekommen. Sie stehen kurz vor dem Abitur. Lenas größte Sorge: Sie könnte die Entscheidung für ihren Berufsweg später bereuen. Dennoch blickt die 18-Jährige positiv in die Zukunft. Auch Kathleen kann es kaum erwarten, von zuhause auszuziehen; Neues sehen, neue Leute kennenlernen. Aber das Loslassen, betont sie, wird sicher ein schwerer Schritt.

Vor der 17-Jährigen liegt eine Einladung; „Eine Einladung an die Waghalsigen“. Der Debütroman der 25-jährigen Dorothee Elmiger; eine Geschichte über Jugendliche, die zurück bleiben in einer verschwindenden Stadt. „Nur wer seine Geschichte kennt, kann sich eine hoffnungsvolle Zukunft bauen“, schreibt der Verlag über das Buch. Es klingt wie ein Appell an eine Generation, die verlernt hat zu hoffen, verlernt die Vergangenheit als Teil ihrer Identität zu sehen. Ist das gar der Tenor der jungen AutorenGeneration? Am Ende bleibt ein fader Geschmack der Ratlosigkeit: 150 Aussteller, tausend neue Buchtitel und das Gefühl der großen, der unendlichen Unbestimmtheit. Die Rolltreppe bringt uns hinunter ins Foyer, die Drehtüren schieben uns ins Freie. Wir blicken in die Abendsonne, eine Straßenbahn rattert vorbei. Zwischen den Einkaufsläden eilen die Menschen. Einige Meter hinter der Messe treffen wir Kikko. Die 16-Jährige ist aus Deutschland zum Shopping hergefahren. „Es gibt viele Jugendliche, die faul sind, in den Tag hinein leben, sich um nichts kümmern.“ Außerdem wird viel

„Eine Einladung an die Waghalsigen“

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gesoffen. Aber das sei früher nicht anders gewesen. „Meine Eltern tun so, als seien sie nur in Teestuben gewesen.“ Damals nahmen die Jugendlichen mehr Drogen, glaubt sie. Ihre Freundin zündet sich eine Zigarette an, dann gehen sie weiter. Shoppen. Die Sonne ist beinahe untergegangen. Mitten auf dem Platz steht ein junges Paar, eng umschlungen. Sie küssen sich. Die Straßenbahn rattert vorbei, der Menschenstrom fließt weiter, die Sonne verschwindet hinter dem Horizont. Und sie küssen, küssen und küssen. Ganz sorglos. A n n - K a t r i n W i e l a n d, A l e x a n d e r Schmit z und Andreas Spengler

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24 Stunden Medienmachen Diese Reportage entstand bei dem Wettbewerb „24-Stunden Medianonstop“ der Jungen Medien Schweiz in Basel. Das Thema war vorgegeben: „Generation Sorglos?“ Von 12 Uhr bis 18 Uhr recherchierten die Autoren, anschließend verfassten sie den Text die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen um 5:30 Uhr.

Foto: Alexander Schmitz und Ann-Katrin Wieland


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KÖRPERSPRACHE Ohne Worte verraten wir beim Flirten oft mehr, als wir wollen. Wir merken an kleinen Gesten, wie das Gegenüber zu uns steht. Zum Interpretieren reichen meist einfache Regeln, die uns helfen, den anderen zu verstehen. Simon Anhorn hat natürliche Bewegungen beim Gespräch mit der Kamera festgehalten.

mplex, viduell und ko di in er id be r ßen gsmuste t. Was von au Sind Bewegun in der Regel gu harch n rä ei sp t Ge of t s et wird, is verläuf t da ht ac tr be “ en es, bei chmacht ter eines Paar us meist als „Ans m gs un eg w ches Be lich zeig t. monisches, glei ation sehr deut is on hr nc Sy e dem sich di

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Eine Berührun g am Unter- od er Oberarm ge im Gespräch vo schieht r allem von M ännern aus un wusst. Die Berü terbehrung wirkt äh nlich wie eine Umarmung un kurze d mindert sofo rt die Distanz. Sein Oberkörper „flüchtet“: Er w ill Abstand, während sie kö rperliche Nähe sucht.

Männer sind beim Flirten auf ein sehr selbstsicheres und souveränes Auftreten bedacht, Frau en hingegen kokettieren mehr und verfügen über ein viel breiteres „Werberepertoire“. Egal ob ein Griff ans Ohrläppchen oder eine Hand auf der Taille: beides unterstreicht die Weib lichkeit.

Die Haltung vermittelt Aufmerksamk eit und Neugierde.

Fotos: Simon Anhorn; Illustration: Luca Leicht; Text: Fabienne Kinzelmann

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IN DEN KLAUEN DER FARC Verschleppt von Rebellen irgendwo im Dschungel Kolumbiens: 88 Wochen war Ulrich Künzel in Gefangenschaft. Dann kam er frei. NOIR-Autorin Sabrina Huck hat mit ihm gesprochen.

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s ist ein Tag wie jeder andere auch. Juni 2001. Ulrich Künzel ist unterwegs zu seinem Projekt im Hinterland Kolumbiens, zusammen mit zwei Deutschen und einem kolumbianischen Kollegen. Sie sind Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. „Ausländische Projekte standen zwar im Fokus der FARC, aber wir hatten keine Angst, entführt zu werden“, erzählt Künzel. Wer Gebiete der FARC durchqueren wollte, traf sich zuvor mit einem Mittelsmann, erklärte das Vorhaben und bekam dann eine Rückmeldung. Hier gab es keine Polizei, hier herrschte die FARC. Es geht über unbefestigte, verlassene Straßen. Als ein Auto ohne Nummernschild vorbeirast, machte sich noch niemand Sorgen. Das ist hier nicht ungewöhnlich. Doch plötzlich stellt sich das fremde Auto quer und versperrt den Weg. Bewaffnete Männer springen heraus. Noch erkennt sie Künzel nicht als FARC-Rebellen. „Sie trugen

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Kampfanzüge, hatten aber keine Zeichen, die auf die FARC hindeuteten.“ Künzel geht ein Gedanke durch den Kopf: „Das kann nun zwei Stunden dauern … oder zwei Jahre.“ Mit Waffengewalt zwingen die Rebellen ihre Geiseln in das Auto. Die Fahrt führt sie in die Berge. Langsam wird es dunkel. Künzel kann noch die ungefähre Fahrtrichtung erkennen, doch bald verliert er die Orientierung. Die erste Nacht in Gefangenschaft verbringt er in einem Bretterverschlag. Die FARC bleibt meist drei bis vier Tage im gleichen Lager, dann zieht sie weiter. Dachte Künzel an eine Flucht? „Nein“, sagt er, „wir waren zu diesem Zeitpunkt alle um die 50 Jahre alt und unsere Entführer waren um die 20 und trainiert. Außerdem hatten wir immer die Kalaschnikows vor der Nase, da war nichts mit flüchten.“ Die drei Männer entschieden, nicht gemeinsam zu flüchten. Wenn es einer versuchen wollte, dann nur alleine. Und tatsächlich gelang seinem Bruder, Thomas Künzel, die Flucht. Eines

Nachts flüchtete er aus dem Lager und traf auf Kolumbianer, die ihm halfen und den Weg zur nächsten, sicheren Stadt zeigten. „Das war sehr viel Glück. Er kennt sich nicht aus und spricht kein Wort Spanisch.“ Erst nach drei Wochen gaben sich die Rebellen zu erkennen. Bis sie sich offiziell zur Entführung bekannten, dauerte es wohl noch länger. „Man verliert völlig das Zeitgefühl. Man fragt sich immer, warum geht das so lange, bis sie uns befreien? Wenn man einmal erfährt, wie viel im Hintergrund abläuft, dann merkt man, dass es eigentlich gar nicht so lange gewesen ist“, sagt Künzel. Das Schlimmste, so sagt er, war die Monotonie des Lageralltags. Aufstehen, Kaffee trinken, Zähne putzen, das war‘s. Die Männer bastelten sich ein Skatblatt aus leeren Zigarettenschachteln, um wenigstens etwas Unterhaltung zu haben. Mit ihren Entführern entstand keine engere Beziehung. „Bei uns gab es keinen Ansatz eines

Foto: mediam / photocase.com


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Stockholm-Syndroms“, sagt Künzel sarkastisch. „Wir haben sie spüren lassen, dass wir sie für Schweine halten.“ Trotz allem ist er der Meinung, dass sie Glück gehabt haben. Zu der damaligen Zeit betrug die Durchschnittsdauer der Gefangenschaften elf Monate. Zwischen der Regierung Pastrana und der FARC liefen Friedensverhandlungen. Die FARC hatte noch ihre entmilitarisierte Zone, in der sie frei walten konnte. Nach Abbruch der Verhandlungen im Februar 2002 wurden internationale Gefangene als besonderes Pfand und zum Austausch benutzt. Die Hintergründe seiner Freilassung kennt Künzel bis heute nicht genau. „Es gab Diplomaten, die sich eingesetzt und verhandelt haben, der Außenminister ist in die entmilitarisierte Zone geflogen“, sagt Künzel und fügt hinzu: „Man konnte mit einem Linienflug in die entmilitarisierte Zone fliegen. Daran erkennt man, wie absurd die ganze Situation war.“

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Noch heute reist Künzel mit seiner Frau nach Kolumbien. „Die Freundschaftsbezeugungen nach meiner Freilassung waren fantastisch und rührend“, sagt er. Auch die Sicherheit hat sich enorm verbessert. Die FARC ist zwar nicht ganz verschwunden, aber den Zenit ihrer Macht hat sie überschritten. „Die Regierung zeigt, dass es ihr nicht egal ist, dass die FARC in ihrem Land Polizei spielt. Mittlerweile gibt es in den Dörfern auch wieder staatliche Polizisten.“ Seit der Gefangenschaft ist Ulrich Künzel vorsichtiger geworden, wenn es um Gruppen geht, die eine Regierung stürzen wollen. „Es gibt zwar bestimmte Regime und Systeme, die nur mit Gewalt bekämpft werden können, aber Kolumbien gehört nicht dazu. Kolumbien ist ein wunderschönes Land. Nicht mal die FARC hat es geschafft, mir das auszureden.“

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FA ARC RC Diie FA FARCC (Fu Fuer Fu erza er zass Ar za A ma m das Revolucciion o arria on iass de d Col olom ol ombi om bia – Ejército del bi Pu ueb eblo loo = Rev evooluttionäre Streitkräfte Kolu Ko lumb mb bie iens ns / Vol ns olks lks k armee) sind eine lil nk nke, e, kollum u bi b an anisch ch che he Gu G er erilililla lala bewe be wegu we gung gu ngg Se ng. Seit it 196 964 fü führ hren e siee ein en nen en bewafffnete be ten te n Ka Kam mpf ge mpf gegeen den n St Staat und un d de dess ssen ss en Rep eprrä räse räse sent ntan nt nte ten n, jed e och ed wu wurd urden en auc ucch Unbeteiligte zum Ziel. Diee FARC wird untte Di te anderem von den ter USA und 27 EU-Staaten als terroristiisc sch he Organ a isatioon ei eing n estuft.

Stockholm-Syndrom Als Stockholm-Syndrom wird ein psychologisches Phänomen bezeichnet, bei dem Geiseln ein emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass Opfer mit den Tätern sympathisieren.

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» MAMA, PAPA, IHR HABT MICH MISSBRAUCHT ! « Ihre Mutter stellte sie bevorzugt als überdimensional große Spinne dar, ihren Vater reduzierte sie auf seine Geschlechtsorgane und sie träumte davon, die eigenen Kinder zu verspeisen: Louise Bourgeois war eine Künstlerin, die sich Zeit ihres Lebens über Reduzierung und Vernachlässigung hinwegzusetzen wusste.

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ouise wird als zweites von drei Kindern 1911 in Paris geboren. Ihre Eltern, eine bürgerliche Kleinfamilie, besitzen eine Manufaktur, in der sie alte Teppiche restaurieren. Hauptsächlich führt sie ihre Mutter, Joséphine Bourgeois. Der Vater, Louis Bourgeois, ist oft auf Reisen und knüpft Kontakte, um das Geschäft am Laufen zu halten. Schon bald ist Louise das Lieblingskind ihres Vaters: Sie hat nicht nur Namen und Gesichtszüge ihres Vaters geerbt, sondern auch dessen künstlerische Begabung. Mit acht Jahren hilft sie ihren Eltern, fehlende Teppichmuster durch Zeichnungen zu ergänzen. Ihre Mutter ist eine für die Zeit vergleichsweise emapnzipierte Frau, leidet dem Vater gegenüber aber unter neurotischen Verlustängsten. Als die Mutter erkrankt, unterrichtet das englische Kindermädchen Sadie Richard Gordon Louise in Englisch. Sadie wohnte fast zehn Jahre im Hause Bourgeois, wo sie eine Beziehung mit Louises Vater

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führte. Die Mutter tolerierte das und nutzte die Tochter, um dem Vater nahe zu bleiben. „Das war Kindesmissbrauch“, berichtet Louise später. Auch unter dem Vater leidet sie, der große Ansprüche an sie stellt, die sie niemals erfüllen kann. Sie soll so sein, wie er, ist aber ein Mädchen. Der Vater macht Witze über Frauen beim Abendessen. Dieser Szenerie widmet sie später ihr Werk „The Destruction of the Father“. Eine verstörende Konstellation, in der sie ihren Traum verwirklicht: Die Familie sinnt auf Rache, fällt über den Witze reißenden Vater her und frisst ihn auf. Ihr Studium bricht Louise ab und flieht 1938 nach Amerika. Dort heiratet sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater. Sie bekommen zwei Söhne und adoptieren einen dritten.

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Doch ihr Dasein als Hausfrau und Mutter bekommt Louise nicht. Sie wandelt die Dachterrasse ihres Appartementhauses in Manhattan in ihr Atelier um. Dort träumt sie frei zu sein, umgeben von ihren Skulpturen. Von den großen Surrealisten ihrer Zeit wird sie dafür nur belächelt. Eines der Szenarien, die sie sich immer wieder gern ausmalt, ist dass sie ihre Söhne und ihren Mann aufisst, um sich zu befreien. In den folgenden Jahren bis zu ihrem Tod am 31. Mai 2010, erschuf sie unzählige, teils verstörende Werke, die ihrer Aussage nach alle zur Selbsttherapie dienen. Mit Louise Bourgeois starb eine Künstlerin, die Zeit ihres Lebens versuchte, sich von den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit loszusagen und ein Beispiel für emanzipierte Frauen in aller Welt darstellt. H e n r i k e W. L e d i g

Illustration: Simon Staib


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Impressum NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V.

NOIR Intern nsleben Meldungen aus dem Redaktio

Ausgabe 18 – Januar 2011

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart

Immer mal wieder was Neues: Zwei Drittel der NOIR Chefredaktion haben ihren Wohnort gewechselt. Susan hat schweren Herzens das Ländle verlassen, um in Düsseldorf ihr Studium zu beginnen. Ihr Jugendpresse- und vor allem das NOIR-Herz schlägt trotzdem noch im Süden der Republik. Regelmäßig setzt sie sich in den Zug und besucht uns in Stuttgart. Außerdem hat man als Student sowieso die Hälfte des Jahres Semesterferien – äh, sorry: vorlesungsfreie Zeit.

Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

www.jpbw.de buero@jpbw.de

Chefredaktion Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de Susan Djahangard susan.djahangard@noirmag.de Anika Pfisterer anika.pfisterer@noirmag.de

Lektorat

Miriam ist ebenfalls umgezogen und fühlt sich im InterCity Zürich-Stuttgart schon fast zu Hause. Grund für die häufigen Fahrten ist Miriams Versuch, Jugendpresse-Engagement und Auslandssemester unter einen Hut zu bekommen. Der Plan: Einfach nicht so weit von Stuttgart weg. Ausland ist die Schweiz trotzdem – vor allem in sprachlicher Hinsicht. Noch bis Ende Februar versucht Miriam Zürideutsch zu lernen. Dann zügelt (Zürideutsch für „umziehen“, Anmerkung der Redaktion) sie zurück nach BadenWürttemberg.

Dominik Einsele

dominik.einsele@noirmag.de

Redaktion Silke Brüggemann (sbr), Sanja Döttling (sdl), Clara Dupper (cd), Denise Eisenbeiser (de), Sabrina Huck (shk), Fabienne Kinzelmann (fk), Ann-Kathrin Freude (akf), Meike Krauß (mkr), Miriam Kumpf (mk), Henrike W. Ledig (hl), Alexander Schmitz (as), Andreas Spengler (as), Katharina Tomaszweski (kt), Ann-Katrin Wieland (akw), Jan David Zaiser (jz) redaktion@noirmag.de

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Anzeigen, Finanzen, Koordination Sebastian Nikoloff sebastian.nikoloff@noirmag.de

Layout & Art Director Tobias Fischer

on i s s e r p e D t s o P

tobias.fischer@noirmag.de

Layout-Team Simon Anhorn, Luca Leicht, Tom Pannwitt, Simon Staib, Paul Volkwein, Jan David Zaiser layout@noirmag.de

Der Tag danach ist am schlimmsten. Aufzuwachen und zu merken, dass man nicht auf einer Isomatte liegt. Sich zu wundern, wo die ganzen vielen Leute um einen herum sind. Auf das Handy zu schauen und sich zu fragen, ob es kaputt ist, weil es nicht im Minutentakt klingelt. Nicht mehr zwei Mal an einem Wochenende Linsensuppe zu essen.

Titelbilder binski / photocase.com (Titel); YariK / photocase.com (links); boing / photocase.com (mitte); „Anne Dobler“ / jugendfotos.de (rechts)

Druck

Das NOIR-Team hat, genau wie alle anderen Kollegen, lange gebraucht, um die Jugendmedientage-Post-Depression zu überwinden. Geholfen hat uns diese NOIR-Ausgabe – Arbeit lenkt schließlich ab. Wer mit uns in tollen Erinnerungen schwelgen möchte: Auf www.facebook.com/Jugendpresse gibt es viele Impressionen der drei schönsten Jugendpresse-Tage im Jahr.

JUGEND MEDIEN TAGE

Illustration: Simon Staib

Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de NOIR kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 Euro im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 0711 912570-50 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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ES LEBE DIE TRADITION ! Altmodische Herrenclubs mit braunem Anstrich oder traditionsbewusste Studentengemeinschaften: In Deutschland gibt es über 100 Burschenschaften. Jan Zaiser hat einen Abend bei der Burschenschaft Germania verbracht: eine Zeitreise, 200 Jahre in die Vergangenheit.

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iemand hätte gedacht, dass in diesem Haus etwas Merkwürdiges vor sich geht. Von außen sieht das Haus aus, als lebe hier eine kleinbürgerliche Familie. Ein frisch renovierter Altbau mit einem gepflegten Garten in einem schönen Vorstädtchen im Westen Deutschlands. Der Rasen ist gemäht, das Unkraut gejätet, eine große Deutschlandflagge begrüßt uns beim Eingang. Moment. Ist die FußballWM nicht schon längst vorbei? Die kastanienbraune Wand im Wohnzimmer und der Duft von teuren Zigarren erinnern einen mehr an ein kleines, gemütliches Restaurant im tiefsten Schwarzwald als an ein Wohnzimmer, in dem tagtäglich Kinder spielen. Begibt man sich in den zweiten Stock, hört man durch die Tür eines Zimmers laute Bässe von Hip-Hop-Musik. Die Tür ist mit Eminem-Postern zugeklebt. Irgendwie passt nichts zusammen. In diesem Haus lebt keine Familie, auch wenn sich die Bewohner als „große Familie“ bezeichnen. Hier wohnen sechs Studenten der Universität. Sie sind alle Mitglied in der germanischen Burschenschaft – eine Gemeinschaft von Studenten. Anders als in

Eminem hören, Gott verehren? Merkwürdige Gewohnheiten

einem Verein ist eine Studentenverbindung jedoch eine Verbindung fürs Leben, aus der Freundschaften, Ideen und Pläne wachsen. Die Germanische Burschenschaft ist eine schlagende Verbindung. Um aufgenommen zu werden, muss man eine Partie gegen einen Bruder, ein Mitglied der Verbindung, fechten. Dann wird man

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vom „Fuchs“ zum „Burschen“. Bei der Partie handelt es sich um das „Mensurfechten“, bei dem es im Gegensatz zum „Duell“ nicht um das Gewinnen oder Verlieren geht. Der Adrenalinkick und das „gute Gefühl“ danach seien entscheidend. Bu r s chen s c h a f t en haben keinen guten Ruf. Sie würden rechtsradikales Gedanken- Die Deutsche Burschenschaft vereint Studentenverbindungen aus gut verbreiten, gegen Deutschland, Österreich und Chile. Ausländer hetzen und seien sexistisch, da sie Frauen aus ihrer Gemeinschaft ausschlie- niveauvoll und anregend sind auch die ßen. Doch was ist wirklich dran an an die- Gesprächsthemen. Ein weiterer Grundsen Vorurteilen? sind die „alten Herren“. Sie kümmern sich um das finanzielle und geistige Wohl ihrer Es ist 18 Uhr. Noch eine Stunde bis die „Bundesbrüder“. Finanziell, da sie vor Jahallmonatliche Versammlung, die „Stamm- ren das große Haus gekauft haben – und kneipe“, beginnt. In einem kleinen Zim- geistig, weil sie ihren Brüdern Fragen rund mer im zweiten Stock sitzt Martin*, der um das Studium und das Berufsleben bePressesprecher der Burschenschaft. In antworten: Ein Zusammenleben, in dem seiner Hand ein halbvolles Glas Bier. es vor Nächstenliebe nur so strotzt. Martin ist 26 Jahre alt, kommt aus Bonn, Ob es denn möglich wäre, alte Herren studiert Deutsch und Geschichte auf Lehr- nach ihrer Motivation zu befragen und ob amt, und macht einen sehr seriösen und die Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen kompetenten Eindruck. Seine Worte sind Netzwerken Früchte trägt? Weder wolwohlüberlegt und man merkt ihm seine len sie ihren Namen mit Bild im Artikel Routine beim Beantworten der Fragen wiederfinden, noch hat irgendeiner seine an. Wahrscheinlich ist das der Grund, Burschenmitgliedschaft in Facebook oder weshalb er der Einzige ist, der an diesem StudiVZ erwähnt. Es scheint, als gäbe es Abend über sein Leben in der Burschen- noch eine Kehrseite der Medaille. schaft sprechen wird. Hätte er nicht die Erfahrung, könnte er dann etwas ausplauNun ist es 18:30 Uhr. Zeit für ein zweites dern, was für die Ohren der modernen, Bier. Die Wörter kommen nun schneller toleranten Außenwelt nicht gedacht wäre? über die Lippen, die Atmosphäre lockert Fragt man Martin nach dem Grund, sich. Würde Martin nicht davon reden, warum er in die Burschenschaft eingetre- dass man beim Mensurfechten ohne ten ist, so erwähnt er zuallererst die gute Gesellschaft. Hier ist er nur von Akademikern umgeben und dementsprechend *Alle Namen von der Redaktion geändert

Fotos: Jan Zaiser


Wis sen

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Tit elthema

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Reportage

Gesichtsschutz gegen seine Brüder kämpfen muss, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, könnte man ihn für einen ganz normalen Studenten halten. Natürlich ist das Fechten nicht mehr zeitgemäß. Das gibt der Pressesprecher zu, verweist aber schnell darauf, dass gerade das Fechten zum Mythos der Studentenverbindungen gehört. Fechten sei ein Gentleman-Sport, bei dem keine Aggressionen abgebaut werden. Bei Imponiergehabe droht einem sogar der Rausschmiss. Daher gilt die Tradition nun weiter: Es war schon immer so und soll immer so bleiben. Sinn und Zweck des Kampfes sei vor allem die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Außerdem kann beim Fechten jeder lernen, was es heißt, auf sich allein gestellt zu sein. „Muss man sich dazu bekämpfen? Reicht hier nicht ein Kletterausflug?“, meint Thomas*, ein ehemaliges Mitglied einer Burschenschaft aus dem Norden Deutschlands. Als Thomas mit seinem Studium anfing und auf der Suche nach einer günstigen Wohnung war, stach ihm die Anzeige des Zimmers ins Auge, das nur halb so viel kostete wie die anderen. Schnell war ein Besichtigungstermin ausgemacht. Das große Haus beeindruckte Thomas, die anderen Bewohner machten alle einen netten Eindruck, also unterschrieb er den Vertrag noch vor Ort. Dass er nun Mitglied in einer Studentenverbindung wurde, war ihm zwar bewusst, störte ihn aber nicht, da er nun endlich ein billiges Zimmer hatte. „So ein paar Mal abends zusammensetzen und zwei Mal die Woche Sport schadet doch keinem“, dachte er. Nach einem halben Jahr hielt er es in der Burschenschaft jedoch nicht mehr aus.

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Ti te lth e m a

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Po l i t i k

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Kultur

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Um 18:45 Uhr und dem dritten Bier wird es tiefgründig. Burschen leben nach den Grundsätzen: „Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland“. Mit Gott ist die christliche Wertevorstellung gemeint. Selbstverständlich können auch Muslime in Verbindungen eintreten. „Mir wurde am Anfang etwas von Meinungs- und Religionsfreiheit erzählt. Natürlich fand ich das klasse!

Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland Eindrücke der Vollversammlung

Dass von den 62 Mitgliedern jedoch kein einziger einen Migrationshintergrund hatte, erfuhr ich erst später“, erklärt Thomas. Ehre ist wichtig, da in der Burschenschaft jeder jeden respektieren soll. Man respektiert die Meinungen, das Eigentum und die Privatsphäre seiner Mitmenschen. Ebenso respektiert man die Beziehungen seiner Brüder. Nie würde man einem Bruder die Freundin ausspannen. Wird das andere Geschlecht auch respektiert? Natürlich – außerhalb der Gemeinschaft. Martin erzählt dazu eine Geschichte, die alles klarstellen soll: „Stell dir vor du bist bei der Bundeswehr in einem Haus mit zehn Männern und es kommen zwei Krankenschwestern dazu. Natürlich gehen dann plötzlich alle zur Impfung. Dann gibt es Beziehungen, Stress, Freundschaften gehen auseinander; die Gemeinschaft zerbricht.“ Wie viel die Geschichte klarstellt,

Im Gemeinschaftshaus der Germanischen Burschenschaft hängen alle Mitglieder seit 1981 an der Wand

N O I R- I n t ern

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Reportage

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Querbeet

weiß Thomas: „Die Begründung, weshalb Frauen ausgeschlossen werden, passt nicht zum Grundverständnis der Burschenschaften. Wo bleibt hier der Respekt vor meinem Gegenüber? Wir sind doch keine hormongesteuerten Affen.“ Um 19.00 Uhr beginnt die „Stammkneipe“. Der Pressesprecher eröffnet die Zeremonie. Der Raum ist voll. Disziplin und Pünktlichkeit werden groß geschrieben. Im Wohnzimmer ist eine altertümliche Tafel aufgebaut, an der die dreißig Gentlemen sitzen. Sie tragen alle einen Anzug, eine Mütze, sowie ihr Band mit den Deutschlandfarben um die Brust. Jeder hat ein Bier vor und zwei in sich. Der Zigarettenverbrauch steigt proportional mit dem des Bieres an. Eröffnet wird die Versammlung vom Pressesprecher, der mit seinem Säbel auf den Tisch schlägt und „Silentium“ schreit. Als Außenstehender fühlt man sich wie im falschen Film. Eine Mischung aus „Herr der Ringe“ und „Der Untergang“. Auf dem Tisch liegen dicke Gesangsbücher aus einem anderen Jahrhundert. Sie haben vier große Nieten auf der Rückseite, damit sie nicht nass werden, wenn ein Bier umkippt. Alkoholgerechte Literatur. In altdeutscher Schrift stehen hier Texte wie „Für das Vaterland, kämpft für Deutschland meine Brüder und stoßt mit mir an.“ Zwischen jeder Strophe werden ein paar Gäste begrüßt. Ein Schluck Bier als Geste der Nächstenliebe für die Gäste. „Jeder muss mittrinken. Der Gruppenzwang ist enorm“, betont Thomas. Jan Zaiser

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Studentenverbindungen 1806 entwickelten sich aus einer studentischen Kultur und Lebensweise, die seit dem Mittelalter üblich war, die ersten Verbindungen, die Corps. Später bildeten sich die Burschenschaften, welche andere Schwerpunkte setzten. Unterschieden wird zwischen schlagenden und nichtschlagenden Verbindungen. Für Frauen gibt es erst wieder seit 1980 spezielle Damenverbindungen.

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W is sen

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Tit elthema

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Reportage

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Ti te lth e ma

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Po l i t i k

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Kultur

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EINE ODE AN DIE LIEBE L

iebe ist das Gefühl, jemandem nahe zu sein, auch wenn er weit weg ist, ihn nie mehr loslassen zu wollen, niemals verlieren zu können. Liebe ist das zarte, flatternde Ding, das einem durch Mark und Bein geht, wenn man den anderen sieht. Die Angst, nicht beachtet zu werden, sich zu blamieren und in Grund und Boden zu schämen. Liebe ist, dumme Sachen zu sagen, die in den Ohren anderer lächerlich klingen, aber doch einen Sinn ergeben in den Ohren derer, für die sie bestimmt sind. Sie ist der Grund innerer Ruhe und Harmonie, aber auch für Zerrissenheit und Unausgeglichenheit. Sie verleiht Flügel und lässt einen in den siebten Himmel entschweben. Oder sie wirft einen zu Boden und streut Salz in die Wunden. Liebe zaubert das glücklichste Lächeln auf die Lippen und lässt die Augen funkeln, oder sie bringt den größten Schmerz und ein Meer von

Tränen. Sie ist die Sehnsucht, die einen quält und das Verlangen nach mehr. Sie gibt Geborgenheit und Unsicherheit; sie gibt einem Freiheit und Enge, Sicherheit und Gefahr. Sie ist die Lebensversicherung, doch manchmal auch der Grund, das Leben nicht mehr zu wollen. Sie ist das Gefühl, vor lauter Liebe platzen zu müssen und die ganze Welt umarmen zu können. Sie verleiht die Leichtigkeit, alles im Leben zu schaffen. Liebe lässt sich nicht suchen und nicht einfangen, sie lässt sich nur finden. Sie ist das Höchste der Gefühle. Sie ist nebeneinander einschlafen, über die Wange streichen, ein zarter oder wilder Kuss. Sie überwindet alle Grenzen, doch mit Glück hat sie selbst keine. Sie handelt, ohne an Konsequenzen zu denken und plant doch glücklich die ganze Zukunft. Liebe macht blind und öffnet die Augen für wahre Schönheit. A n n - K a t h r i n Fr e u d e

N O I R- I n t ern

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Reportage

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Q ue r be e t

A l l t ä g l i c h er W G - W a h n s i n n

Prinzessin, Flotter Feger und Badenixe

Treppen, Treppen, Treppen erwarten mich bei meinem Einzug. Die hatte ich gar nicht wahrgenommen bei der Wohnungsbesichtigung, aber da war ich auch nicht mit schweren Kleidersäcken bepackt. Als ich endlich die vielen Stufen überwunden habe, öffne ich die Tür; doch nichts zu sehen von meinen neuen Mitbewohnern. War wohl nichts mit der Hilfe beim Kisten tragen. Also beschalle ich das ganze Treppenhaus eine Stunde lang mit Handymusik, während ich immer wieder in den vierten Stock laufe und mein neues Zimmer voll stelle. Wer jetzt noch nicht mitbekommen hat, dass ich da bin, ist taub oder tatsächlich nicht zuhause. Plötzlich steht eine Frau Ende dreißig vor mir, die sich als eine meiner Mitbewohnerinnen vorstellt. Ich erfahre interessante Details: Hier sei es immer dreckig und außer ihr putze niemand die Wohnung. Alle anderen seien zwar jünger als sie, aber ich sei ja doch mit Abstand die jüngste Bewohnerin. Dann zeigt sie mir den Putzplan, den sie entworfen hat. Badenixe, Flotter Feger, Küchenfrau, Guter Geist und Prinzessin sind die beschönigenden Namen für Abwaschen, Küche schrubben und Klo putzen. Ich frage mich, ob ich wirklich in einer WG oder in einem betreuten Kinderwohnheim gelandet bin. M e i k e K ra u ß

Mein erstes Ma l …

… auf einer Erasmus-Party

M

aya strahlt mich an: „Jetzt kennst du Carlos“, und erwidert meinen verdutzen Blick mit: „Jetzt bist du ein richtiger Erasmus-Student!“ Beruhigend, denke ich, lasse das Küsschen links„Auf geht’s, über ab geht’s, Stunden wach!“vor rechts-links mich neun ergehen. Eine Woche Mit dieser Einstellung steige ich in den franEnde meines Erasmus-Austauschsemesters habe zösischer Party-Zug IDNight ein. Es scheint ich die Feuertaufe bestanden und bin ein richKostümparty zu sein, denn die anderen tiger Erasmus-Student, weil ich Carlos kenne. tragen ulkige Verkleidungen: Krücken oderEin Klischee-Spanier: klein, dunkle RingellöckAktenkoffer, Lesebrillen undHaare, altmodische Regenschirme. Man könnte fast meinen, ich chen, breites Grinsen. Überhaupt entsprechen wäre mitten einem Seniorenausflug gelansämtliche aufinder Party anwesenden Personen

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nationalen Klischees: Die Franzosen sind klein, die Asiaten vertragen keinen Alkohol und als Maya an der Bar mit den Worten: „Einen Wodka-Cola – ich bin Polin!“ bestellt, kippt ihr der weihnachtsmannmützentragende Student mehr Wodka als Cola in den Plastikbecher. Die polnische Mischung sorgt für Übermut und det. Aber das ist unmöglich, ist verMaya scheint erpicht, mich anschließlich diesem Abend der IDNight ein Zug mit Disko und voller kuppeln zu wollen. Ihre Frage nach meinem Traumjunger Partygäste! Drinnen erwartet mich: typ beantworte ich mit „Größer, älter und intellinichts! Mein Abteil scheint der Quarantänegenter.“ merkt sich Partyzugs das erste Kriterium bereich desMaya abgefahrenen zu sein. und auf einen großgewachsenen Spargeltarzan. Ichzeigt bin allein. Die der Disko mit alsvier „Da, ist ist größer du.Besuchern Und er hatverein kagleichsweise Ichwie kaufe mir riertes Hemdgerammelt an, gleichesvoll. Muster deine Bluse.“

„Super“, denke ich mir, „coole Gemeinsamkeit.“ Außerdem spricht Maya mit meiner karierten Bluse einen wunden Punkt an. Seit ich damit die Party betreten habe, fühle ich mich deplatziert. „Nein, du musst dich nicht schick machen, viele kommen da nach der Vorlesung“, meinte Maya. Für sie kein Hindernis, sich trotzdem aufzutakeln: Kurzes ein tiefer Sandwich und mache Abflug – meiKleid, Ausschnitt, Pumps.den Ich sehe so aus, als ne Partylaune übrigens auch. Die restlichen würde ich gerade aus der Uni kommen und nähre neun Stunden der Fahrt vegetiere ich auf damit das Klischee der biederen Deutschen. Nach meinem Platz im Halbschlaf vor mich hin ihremTrotzdem zweiten Wodka-Cola findet Mayaden ihrePartyKupempfehle ich jedem pelpläne wohl selbst kleinkariert. Sie verschwindet zug, der eine billige Reisemöglichkeit für die sucht. Denn dann ist HauptmitSommerferien dem schöngetrunkenen Spargeltarzan höchstreisezeitum unddiedas Überqueren der Tanzfläche persönlich Ecke. Nichts für ungut. mk

Illustration: Luca Leicht; Foto: krockenmitte / photocase.com


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Das Stipendium In Kooperation mit der Karlshochschule schreibt die Jugendpresse BW zum Wintersemester 2011 / 2012 erstmals ein Stipendium für den Studiengang „Medien- und Kommunikationsmanagement“ aus. Das Stipendium umfasst die Studiengebühren für das dreijährige Bachelorstudium an der Karlshochschule. Bei Interesse richte deine schriftliche Bewerbung direkt an die Karlshochschule. Deine Motivation, dich für das Stipendium zu bewerben, kannst du in einem herkömmlichen Motivationsschreiben darlegen oder auch in einem anderen Formats wie beispielsweise einem Artikel oder einem Video darstellen. Bitte lege deiner Bewerbung

außerdem Dokumente bei, die deine bisherigen Praktika, Auslandserfahrungen, dein Engagement in der Schule oder Führungserfahrungen in ehrenamtlichen Tätigkeiten sowie ggf. deine Berufsausbildung belegen. Bei entsprechender Eignung laden wir dich im nächsten Schritt zur Teilnahme an einem Assessment Center ein, bei dem durch Vertreter der Jugendpresse BW sowie der Karlshochschule ein Stipendiat oder eine Stipendiatin ausgewählt wird.

Bewerbungsschluss ist der 30. Juli 2011.


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