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Ausgabe 17 (September 2010) www.noir-online.de

Die Welt im Wandel Und wo bleiben wir?

Reportage

Politik

Querbeet

Geldnot: Wenn jeder Cent zählt

Chaotisch: Das fĂśderale Bildungssystem

Saft weg: Was tun bei Stromausfall?


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~ Editorial ~

GLOBALE SOCKEN Grüne Oase? Vielleicht nicht mehr lange. Mehr zum Patient „Baum“ auf Seite 016

Inhalt – NOIR 17

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hinesen kaufen Grundstücke in Afrika, um ihre eigene Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Eine 14-Jährige startet eine Weltumsegelung. Teenager fliegen zum Schüleraustausch um den ganzen Globus. Meine Socken kommen aus Kambodscha. Online suche ich mir meinen Studiengang aus und habe die Bewerbung nach drei Minuten ausgefüllt und abgeschickt. Im Urlaub bekomme ich die gleichen Burger wie zu Hause. Drei Klicks und schon winkt mir meine beste Freundin aus Chile durch die Webcam. Für mich? Alltag. Mein Opa meint dazu: „Ha, da komm i nemme mit.“ Er hat keinen Internetzugang, keinen Computer, kein Handy. Meine Mutter rät mir, auf der Suche nach Fremdwörtern, doch mal ins Lexikon zu schauen. Und für eine Telefonnummer die Auskunft anzurufen. Umständlicher geht es nicht, meiner Meinung nach. Unsere Welt hat sich verändert. Da brauche ich nur meine Familienmitglieder zu beobachten, die einer anderen Generation angehören als ich. Dieser Wandel ist wunderbar betitelt: „Globalisierung“. Offiziell meint das die zunehmende weltweite Verflechtung in allen Bereichen, wie der Wirtschaft, der Politik, der Kultur oder der Kommunikation. Unmöglich, das alles in eine einzige NOIR zu packen. Wir haben eine Auswahl getroffen. Wer danach noch nicht globalisiert genug ist: Im November finden die Jugendmedientage Stuttgart statt. Das Thema: „Globalisierung. Wir in der Welt." Bis dann!

Fotos: jean jannon / PIXELIO (groß); „Alexander Mohr“ / www.jugendfotos.de

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Lifestyle. Ende gut, alles gut

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Wissen. Musik verbindet

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Thema. Globalisierung Thema. Globaler Alltag Thema. Neues Schulfach

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Reportage. Mitgefangen

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Thema. 9 590 Kilometer

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Reportage. Thomas und Fraule

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Politik. Bildungsdschungel Politik. Obamas Amerika

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Politik. Waldsterben

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Reise. Nächtlicher Abriss

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Kultur. Weibliche Provokation

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Intern. Keine Überraschungseier

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Querbeet. Stromausfall Querbeet. Lautverschiebung Querbeet. Mehr Querbeet

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Editorial Impressum

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FRIEDE, FREUDE, BOLLYWOOD

Wer glaubt, dass amerikanische Filme keine Konkurrenz haben, der kennt Bollywoodfilme nicht. Ein Blick hinter die Kulissen des größten Albtraums der Traumfabrik Hollywood

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ber 2000 Jahre nach Christus: Eine Schwemme glitzernder Filme besetzt die ganze Welt. Zuschauer aus Südamerika, Osteuropa und Asien sind verrückt nach Bollywoodfilmen. Die ganze Welt? Nein! Die westlichen Zuschauer können sich noch nicht entscheiden: Sind diese Filme Kitsch für liebeskummergeplagte Frauen oder etwas für Filmkenner, denen ein normaler Film, der durchschnittlich 90 Minuten dauert, zu kurz ist? Vor einigen Jahren liefen erste Bollywoodfilme auf Festivals, als Beiträge zum „Dritte-Welt-Kino“. Das bedeutet nicht, dass diese Produktionen unterentwickelt sind. Die Filme aus Mumbai (früher Bombay, daher auch der Spitzname Bollywood) haben ihrer amerikanischen Konkurrenz vieles voraus: In Mumbai gab es die ersten Filmstudios elf Jahre bevor in Hollywood die erste Kamera lief. Heute produziert Bollywood doppelt so viele Filme wie Hollywood. Bollywoodfilme spielen mehr ein und kosten weniger als die aus der Traumfabrik in Kalifornien. Dabei sind sie mehr als nur seichte Märchenfilme mit schrägem Gesang. Sie sind auch ein Versuch, sich mit der indischen Identität und fremden Einflüssen auseinanderzusetzen. Die ersten Filme wollten die indische Literatur und den Tempeltanz vor den Überlegenheitsansprüchen der Engländer retten. Bollywoodfilme haben vielseitige Geschichten von den indischen Dramen geerbt. Ein Gesetz vom alten indischen

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Drama befiehlt, dass eine Geschichte immer folgende Elemente beinhalten muss: Liebe, Heldentum, Ekel, Komik, Schrecken, Wundersames, Wut, Pathos und Friedvolles. So etwas wie Genres gibt es in Bollywoodfilmen nicht. In einem indischen Western kämpft der Cowboy hart, aber nicht allzu lange, damit er rechtzeitig mit seiner Mutter abendessen kann. Später weint er, weil sein bester Freund gestorben ist. Zum Schluss singt er eine halbe Stunde, weil er die Liebe seines Lebens heiraten kann. Seit den neunziger Jahren sind die Helden meistens sehr westlich orientiert: Sie studieren im Ausland, trinken Bier, flirten gerne mit Mädchen. Bollywood liefert die Antwort auf die Frage: „Was geschieht mit den indischen Traditionen, wenn überall westliche Versuchungen lauern?“ Im Kampf zwischen Bollywood

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und Hollywood experimentieren beide Seiten mit den Waffen des anderen. So sind die Inder fasziniert von dem Angebot an US-Serien im Satellitenfernsehen. Bollywoodschönheiten wie Aishwarya Rai und Shilpa Shetty spielen öfters in amerikanischen Filmen mit. Kollege Shah Rukh Khan versuchte sich als Quizmaster in der indischen Version von „Wer wird Millionär?“ In der Zwischenzeit investieren amerikanische Firmen in Bollywoodproduktionen. Viele Filmemacher lassen sich von Bollywood inspirieren, zum Beispiel Baz Luhrmann („Moulin Rouge!“). Kylie Minougue und Snoop Dogg haben bereits in Bollywoodfilmen mitgesungen und mitgetanzt. Wie lange müssen wir auf unseren ersten singenden und tanzenden „Wer wird Millionär?“-Moderator und Shows mit Happy End warten? Silke Brüggemann

Drei Gründe, sich mehr Bollywoodfilme anzuschauen In Bollywoodfilmen weinen auch Männer. Mitfühlen kann sich unheimlich befreiend auswirken. Und im dunklen Kino sieht das niemand. Bollywoodfilme sind immer eine Mischung aus verschiedenen Stilrichtungen. Also gibt es keinen Streit um die Filmauswahl. Angeblich romantische Komödien bieten

immer wieder Szenen, die locker aus „Matrix“ stammen könnten. Bollywoodfilme sind optimistisch: „Sollte das Ende nicht gut sein, dann ist es nicht das Ende!“ ist das Motto des Films „Om Shanti Om“. Die Helden nehmen ihr Schicksal in die Hand und führen es bis zum wahren Ende – dem Happy End.

Foto: „Lea Maria Kiehlmeier” / www.jugendfotos.de


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KONZEPT KUSCHELROCK GEHT AUF Französische Psychologen bestätigten in einer wissenschaftlichen Studie, was schon mittelalterliche Troubadoure und die Kuschelrock-Fans wussten: Romantische Musik und Liedtexte erhöhen die Chancen, ein Rendezvous mit der Angebeteten zu ergattern.

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ie 87 Studienteilnehmerinnen, alle Singles im Alter zwischen 18 und 20 Jahren, sollten mit einem männlichen Teilnehmer ein Bio-Produkt bewerten. Zuvor mussten sie im Wartezimmer Platz nehmen, wo im Hintergrund das französische Liebeslied „Je l’aime à mourir“ oder das etwas neutralere „L’heure du thé“ lief. Das Liebeslied war von einer Testgruppe als beliebtestes französisches Lied mit romantischem Inhalt gewählt worden. Was die jungen Frauen jedoch nicht ahnten: Der junge Mann, der mit ihnen über Lebensmittel diskutierte, war ebenso wenig zufällig ausgesucht wie die Musik. Er war zuvor von anderen Frauen nach seiner Attraktivität bewertet worden und

Fotos: „Mariesol Fumy” / www.jugendfotos.de

erzielte fünf von zehn Punkten – „Mr. Null-Acht-Fünfzehn“ also. Nach dem Testgespräch mussten die beiden zusammen warten. Im Auftrag der Forscher lächelte der junge Mann nun die Testteilnehmerin an. Er sprach sie immer mit demselben Satz an und fragte sie nach ihrer Telefonnummer und einem Date. 52 Prozent der Frauen, die zuvor ein Liebeslied gehört hatten, gaben dem Durchschnittstypen bereitwillig eine Chance. Von den Frauen, denen ein neutraleres Lied vorgespielt wurde, gingen nur 28 Prozent auf den Flirt ein. Die Hörzentren im menschlichen Gehirn sind mit dem limbischen Zentrum verbunden, das unsere Emotionen steuert.

Deshalb wirkt Musik auf uns. Seit einigen Jahren wird viel auf dem Gebiet der Musikwissenschaft geforscht. Bisher lassen sich jedoch nur einzelne Reaktionen auf Musik wissenschaftlich belegen. Musik ist zu komplex, um ihre Wirkung physikalisch zu erfassen. Die französischen Forscher schließen aus ihrer Studie, dass Liebeslieder positive Emotionen bei weiblichen Singles auslösen und sie empfänglicher für Annäherungsversuche der Männerwelt machen. Das würde auch erklären, warum die Kuschelrock-Edition seit 1987 jährlich herausgegeben wird. Alessa Wochner

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DER TRAUM VON EINER FAIREN GLOBALISIERUNG Alle Welt redet von Globalisierung und wir selbst stecken mittendrin. Globalisierungsgegner und Befürworter schlagen sich auf politischer Ebene die Köpfe ein. Aber wie weit darf Globalisierung gehen?

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or drei Jahren hatte die Hälfte der Deutschen den Begriff Globalisierung noch nie gehört. Heute kennt ihn jeder. „Keine politische Debatte, keine Rede zur Zukunft der Gesellschaft, keine wirtschaftliche Analyse kommt ohne dieses Wort aus“, sagte der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau bei einer Rede zur

Globalisierung im Mai 2002. Hieß es früher noch „Du bist Deutschland“, müsste es heute längst „Du bist Globalisierung“ lauten; schließlich leben wir durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in einer durch und durch globalisierten Welt. Globalisierung ist heute die Rechtfertigung für radikale Bildungsreformen, für

Fremdsprachen lernen im Kindergarten, aber auch für den Abbau von Arbeitsplätzen, für die Lockerung von ethischen Standards, zum Beispiel in der Gentechnik, für die Verlagerung von Firmensitzen, für den Zusammenschluss von Unternehmen – und schließlich ein Grund dafür, dass es das ganze Jahr über Erdbeeren gibt.

Schwedische Rentierherde stößt in der Wüste auf Ölquelle!

Obama löst die Queen als Staatsoberhaupt von Australien ab!

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In Japan ist de r Pro-KopfVerbrauch von italienische Teigwaren dopp elt so hoch wie im Herkun ftsland

Verrückte Welt Erst nachdem Christoph Kolumbus 1492 Amerika entdeckt hatte, glich das Weltbild unserer gewohnten Ansicht. Doch heute verschwimmen die Grenzen, die Länder wachsen zusammen, manches wirkt unglaublich. Auch diese Karte wurde etwas manipuliert. Findest du die Fehler?

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Der Begriff ist in aller Munde, geht einem fast schon auf die Nerven – und trotzdem bleibt er für viele nur ein Wort, dessen Definition man im Politikunterricht durchkaut. Allgemein versteht man darunter die zunehmende Vernetzung in allen Bereichen weltweit. Tatsächlich aber beachten wir nur einen kleinen Teil der Globalisierung: den, der uns Vorteile bringt. Wir fliegen nach Amerika, telefonieren mit unseren Freunden in der ganzen Welt und schicken Mama via Internet Grüße von der Motorrad-Tour durch Indien. Wir schnippeln uns ganz selbstverständlich einen Obstsalat aus Südfrüchten zusammen, kaufen günstige H&M-Jeans und bestellen uns unsere Wohnungseinrichtung in schwedischen Möbelhäusern. Kurz: Globalisierung ist unser praktischer Alltag, den wir mit Konsum beständig fördern und unterstützen.

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Als vor zehn Jahren die globalisierungskritische Organisation Attac gegründet wurde, glaubte wohl niemand, dass sie eines Tages da stehen würde, wo sie heute steht: in der Mitte der Gesellschaft. Aus dem Französischen übersetzt steht Attac für „Vereinigung für eine Besteuerung von Finanztransaktionen zum Nutzen der Bürger“. Das geht auf die Idee der Tobin-Steuer zurück, die der Wirtschaftswissenschaftler James Tobin für Finanztransaktionen entwickelt hat. Dabei sollen internationale Devisengeschäfte besteuert werden. Das kann die Schnelllebigkeit auf den Märkten und spekulatives, internationales Agieren dämmen. Attac ist der Auffassung, dass Globalisierung anders funktionieren sollte, als es momentan geschieht. Immer mehr Menschen beschleiche ein ungutes Gefühl, wenn sie die Veränderungen in der Welt um sie herum betrachten. Immer weiter klafft die

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Querbeet

Schere zwischen Arm und Reich, Millionen von Menschen leiden an Hunger. Kinder werden in Armut geboren und wachsen darin auf, während Unternehmen und Konzerne Rekordgewinne schreiben und dennoch tausende Mitarbeiter entlassen. Bildung, Wissen, Gesundheit und Altersvorsorge dürfen nicht privatisiert und damit vom Allgemeingut zum Luxusobjekt gemacht werden, fordert Attac. Die Organisation prangert außerdem an, dass Kriege um gefragte Rohstoffe geführt werden, und das Klima sich in rasendem Tempo verändert, aber niemand eine Lösung für das Treibhausgas-Problem parat hat. In eine ähnliche Richtung denkt auch der katholische Theologe Hans Küng, der mit seinem „Projekt Weltethos“ die Meinung vertritt, dass das globale Zusammenleben nur durch Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit funktionieren kann. So formulierte er aus seinen

Bollywood expand iert: Drehorte ab jetzt vorrangig in Argentinien!

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Illustration: Tom Pannwitt, Tobias Fischer

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Theorien: „Diese eine Welt braucht ein Ethos; diese eine Weltgesellschaft braucht keine Einheitsreligion und Einheitsideologie, wohl aber einige verbindende und verbindliche Normen, Werte, Ideale und Ziele.“ Die Kritik an der Globalisierung ist salonfähig geworden. Längst gibt es andere Zweifler als althergebrachte Idealisten. An

Die Welt braucht verbindende Ziele und Werte! Theologe Hans Küng zum Projekt „Weltethos“

dem Problem ändert sich jedoch kaum etwas: Immer noch glauben zu viele Menschen dem verlockenden Versprechen von unbegrenztem Reichtum für alle. Sie feiern, dass der Markt und seine Gesetze bald überall und jederzeit Vorherrschaft genießen. „All das zeigt sich besonders deutlich an den Finanzmärkten: Der Handel mit Wertpapieren zwischen den Industrieländern war 1998 dreißigmal so hoch wie 1980. Ausländische Direktinvestitionen, also der Kauf oder die Gründung von Unternehmen in einem anderen Land, haben in den neunziger Jahren um vierhundert Prozent zugenommen. Das bedeutet, dass immer mehr Unternehmen immer stärker international agieren“, sagte Johannes Rau in seiner Rede. Internationale Vernetzung, das hieße mehr Arbeitsplätze weltweit? Mehr Aufmerksamkeit für strukturschwache Länder? „Überwinder der Weltarmut“ – ein Etikett, mit dem sich wohl jeder Politiker oder Unternehmer gern schmücken würde. Doch der Schein trügt. Niemand kann den Ärmsten der Armen helfen, ohne die eigenen Ansprüche zurückzuschrauben. Wenn der Kuchen erst einmal aufgeteilt ist, bleibt nichts mehr übrig außer ein paar Krümel. Um die Globalisierung für Nachhaltigkeit zu nutzen, müssen die Industrieländer ihre Ansprüche zurückschrauben. Denn wer 200 Millionen Menschen in Entwicklungsländern helfen will, die von weniger als einem Dollar am Tag überleben müssen, kann seinen eigenen Lebensstil nicht

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beibehalten. Über kurz oder lang müssen wir uns damit abfinden, nicht mehr auf Billigflüge und protzige Autos beharren zu können, sondern endlich vernünftige Alternativen zu nutzen. Globalisierung kann für Fortschritt und Gerechtigkeit sorgen. Doch momentan verschärft sie die Ungerechtigkeiten, den Hunger und die Armut auf der Welt. Ein Grund dafür: die Welthandelspolitik. Die Forderung der WTO nach einer Liberalisierung des Welthandels durch sinkende Zölle und Subventionen gilt meistens nur für den armen Süden der Erde. Seit den achtziger Jahren sank das Wirtschaftswachstum durch die Handelsliberalisierung in allen Ländern. Aufgrund der hohen Agrarsubventionen der Industrieländer müssen die Entwicklungsländer ihre Produkte zu Schleuderpreisen auf den Markt bringen, können sich im Gegenzug den Erwerb von Lebensmitteln aus dem Norden jedoch nicht leisten. In den westlichen Industrieländern geben die Haushalte zwölf Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aus, in den Entwicklungsländern sind es 80 Prozent; von Gerechtigkeit kann hier wohl kaum die Rede sein. Auch andere Zahlen zeigen deutlich, wo das Problem liegt: Obwohl es in Westafrika große Goldvorkommen gibt, haben die afrikanischen Staaten fast nichts davon; sie erhalten nur drei Prozent der erwirtschafteten Gewinne, der Rest geht an die industrialisierten Staaten. Trotz Rekord-Ernten in den Jahren 2008 und 2009 fehlte der Bevölkerung in den Entwicklungsländern Nahrung im Wert von 29 Milliarden Dollar. Die Länder aus dem reichen Norden fangen hingegen schon an, Lebensmittel als Kraftstoff zu verwenden. Man kann nicht behaupten, dass die Globalisierung, wie sie jetzt stattfindet, gerecht und fortschrittlich ist. Natürlich bringt sie viele Vorteile und Entwicklungen mit sich – aber dennoch: Etwas muss falsch sein in einer Welt, in der die Länder, die den größten Anteil ihres Brutto-Inlandsproduktes aus der Landwirtschaft erhalten, nicht genug Nahrung haben. Die Weltpolitik kann ihre momentanen Strategien nicht in dem Maße weiterführen, wenn eine Milliarde Menschen in den Entwicklungsländern chronisch unterernährt sind. Etwas muss falsch sein, wenn es bereits als Erfolg gefeiert wird, dass sich die reichsten Länder dieser Welt darauf einigen, ihren Anteil der Entwicklungshilfe am Brutto-Inlandsprodukt auf

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0,7 Prozent zu erhöhen. Es wird erst eine gerechte Globalisierung geben, wenn die Interessen der Reichen nicht mehr über die der Armen triumphieren. Aber man darf wohl kaum damit rechnen, dass die Menschen, die wirklich etwas verändern könnten, die Staatenlenker unserer Erde, dieses in absehbarer Zeit aus eigenem Antrieb tun werden. Oder, wie Johannes Rau es formulierte: „Die Globalisierung wird dann ein Erfolg, wenn die Dynamik der Marktkräfte politisch in gute Bahnen gelenkt wird.“ Müssen wir erst auf eine Wiederholung von Hungerrevolten warten, damit die gesamte Bevölkerung der Nordhalbkugel ihre eigenen Ansprüche in den Hintergrund stellt? Wird erst dann eine Globalisierung möglich sein, von der wirklich alle profitieren? Um das würdige Überleben aller Men-

Müssen wir erst auf die Hungerrevolten warten, bis sich etwas ändert? schen zu sichern, brauchen wir eine Welthandelspolitik, die auf dem Konzept der Ernährungssouveränität beruht: Durch eine stärkere Regulierung des Handels könnte den Entwicklungsländern die Möglichkeit gegeben werden, ihren Binnenmarkt zu schützen, ihre gesamte Bevölkerung zu versorgen und einen nachhaltigen, ökologischen, soziologischen und ökonomischen Fortschritt zu erzielen. Es müssen also Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden, dass zum Beispiel Kleinbauern nachhaltig und wirtschaftlich produzieren und ihre Produkte regional gut verkaufen können. Dann wäre vielleicht auch Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt möglich. Fa b i e n n e K i n z e l m a n n M i t a r b e i t : L u k a s R o s e n k ra n z

Fotos: Maximilian Hühnergarth / jugendfotos.de


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BIS AUF DIE HAUT Die Globalisierung liegt bei uns zu Hause im Kleiderschrank. Dafür muss mehr Bewusstsein her, findet Denise Eisenbeiser.

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ade in China“ oder „made in Hongkong“ steht auf den Etiketten unserer Kleidung. Wir kaufen ein, was nach unserem Geschmack am schönsten ist. Woher unsere Kleidung stammt ist sekundär. Der Preis spielt eine große Rolle. Ohne uns darüber im Klaren zu sein, liegt die Globalisierung bei uns zu Hause im Kleiderschrank. Wer an Globalisierung im Zusammenhang mit Kleidung denkt, dem werden Bilder von schwer arbeitenden Näherinnen oder unwürdigen Arbeitsverhältnissen durch den Kopf gehen. Bei den lokalen Produzenten kommt nur ein Bruchteil vom Gewinn an. Doch selbst wer diese Art der Produktion und Unterbezahlung nicht unterstützten möchte, wird es kaum schaffen, Produkten „made in China“ oder Vergleichbarem aus dem Weg zu gehen. 60 Prozent der hier verkauften Kleidungsstücke werden in sogenannten Billiglohnländern produziert. Dieses Problem ist zeitgleich ein großer Vorteil der Firmen: Sie wissen, dass es umständlich ist, an Produkte aus dem eigenen Land zu gelangen. So können sie sich darauf verlassen, dass ihren Kunden nichts anderes übrig bleibt, als die Produkte zu kaufen. Wir sollten uns nicht mit dem Argument „ Im Ausland zu produzieren ist billiger“ zu Frieden geben. Dennoch gilt: Die Unternehmen können uns stark beeinflussen und tricksen. Ein Wein, dessen Etikett verspricht, im Holzfass

gereift zu sein, kann genauso in Edelstahltanks, in die Eichenbretter eingelassen worden sind, seinen besonderen Geschmack erhalten haben. Ob das, was uns versprochen wird, auch der Wahrheit entspricht, kann nur schwer nachgewiesen werden. Die Globalisierung bringt jedoch auch Vorteile mit sich. Durch die Informations- und Kommunikationstechnik ist Wissen überall auf der Welt schnell verfügbar. Menschen, die sich an einem anderen Ort befinden, können wir jederzeit kostengünstig und einfach erreichen. Durch die weltweite Verbreitung von Bildern und Informationen werden Werte, Ideale und Trends vermittelt. Zu diesem Prozess tragen die Medien einen Großteil bei. Die Globalisierung scheint überall zu sein. Und wir stehen, wenn auch unbewusst, in ständigem Kontakt mit ihr.

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Global Studies für alle! Lukas Ramsaier plädiert dafür, dass ein Schulfach, das Globalisierungsthemen behandelt, an allen Schulen eingeführt wird.

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lobalisierung hier – Globaliserung dort! Ob in Gemeinschaftskunde, Geschichte, Deutsch oder Religion – kein Fach kommt mehr an der Globalisierung vorbei. Vielen Schülern hängt der Begriff zum Hals raus. Jedes Jahr wird aufs Neue, egal in welchem Fach, das Gleiche thematisiert: Die Globalisierung vergrößert die Schere zwischen Arm und Reich, sie ermöglicht weltweiten Handel, vernetzt die Welt, schafft Arbeitsplätze, beutet aber gleichzetig Arbeiter aus. Immer die gleichen leidigen Pro-Contra-Argumentationsketten. Ein Schulfach, dass das essentielle Thema „Globalisierung“ genauer hinterfragt, wird derzeit an Wirtschaftsgymnasien in Baden-Württemberg probeweise unterrichtet. Das Fach nennt sich „Global Studies“ – also auf Deutsch Globale Studien. Mindestens fünfzig Prozent des Unterrichts findet auf Englisch statt. In Klassenarbeiten kann das so aussehen, dass eine Frage auf Englisch gestellt ist, die Antwort aber auf Deutsch gegeben werden kann. Das Pro-Contra-Schema stellt höchstens den Einstieg in das Fach dar. Die Globalisierung wird viel weitreichender hinterfragt. Wieso gibt es verschiedene Kulturen? Wie begegnet man den Kulturen? Was charakterisiert unsere eigene Kultur? Es werden auch Fragestellungen unter dem Aspekt der Business-Kontakte besprochen. Wie werden in China die Hände geschüttelt? Was bringe ich einem Inder als Gastgeschenk mit? Die Schüler lernen, wie man einen amerikanischen Geschäftsbrief schreibt oder welche Kontakte das benachbarte Unternehmen nach Indien pflegt. Großer Wert wird auf Projektarbeit gelegt. Präsentationen auf Englisch bereiten den Schülern nach kurzer Zeit keinen Kummer mehr. Beim „Debating“ lernen die Schüler, eigene Argumente möglichst frei und überzeugend in der Fremdsprache vorzutragen. Global Studies sollte an allen Gymnasien in Baden-Württemberg angeboten werden. Die globalisierte Welt und ihre Auswirkungen müssen endlich einen anständigen Platz im Lehrplan bekommen.

Shoppen gehen wir alle gerne, solange der Preis stimmt. Wie er zustande kommt, wissen wir oft nicht.

Fotos: Privat; Sebastian Fechtrup / jugendfotos.de

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IN SIPPENHAFT Niemand ist alleine auf dieser Welt. Auch ein Straftäter nicht. Kommt er in Haft, bleiben außerhalb der Gefängnismauern traumatisierte Angehörige zurück. Familie und Freunde erleben einen ganz eigenen Freiheitsentzug.

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ie Haft ihres Sohnes kommt für Inge nicht überraschend. Sie selbst hat der Polizei den entscheidenden Hinweis über seine Machenschaften gegeben. In ihren Hecken im Garten lagerte Jens das Ecstasy, mit dem er dealte und das Inge in den Zwiespalt treibt. „Ich konnte nicht zusehen, wie sich mein Sohn mit seinen 24 Jahren in den Abgrund stürzt. Seine Freundin war zu dem Zeitpunkt schwanger, doch er ließ sich nichts sagen. Irgendetwas musste geschehen!“ Und trotzdem: Als der Richter Jens zu fünfeinhalb Jahren verurteilt, fühlt Inge Tonnen auf sich lasten. Ein erster Gruß von dem steinigen Weg, der jetzt eine lange Zeit ihrer sein sollte. Wenn man jemanden einschließt, schließt man auch jemanden aus. In Jens‘ Fall waren das neben Mutter Inge seine Freundin Gesa und das neugeborene Baby, die der Vermieter vor die Türe setzt, als die Ermittler im Haus auftauchen. Überall sprießen von nun an Mauern aus dem Boden. Auch Gesas Vater verlangt von seiner Tochter die Trennung vom Freund. „Was willst du mit dem Dealer? Von seiner Zelle aus ist er dir keine große Hilfe.“ Eine Haft stellt besonders Partnerschaften auf eine harte Probe. Die Entscheidung für den, der aus dem Blechnapf frisst, ist oft die gegen den Rest der Welt. Auch mit Inge will Gesas Vater nichts zu tun haben. „Die liegt nur zu Hause auf dem Sofa und säuft Wodka aus Flaschen.“

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NOIR Nr. 17 (September 2010)

Begegnet ist er der Arzthelferin bis dahin noch nie. Inge ist eine aufgeschlossene Frau, aber jetzt schweift ihr Blick müde ab und deutet die Abgründe an, die sie erlebt hat. Ihre Finger wandern nervös die Armlehne entlang, wenn sie an die vergangenen Demütigungen denkt. Leute, mit denen sie sich davor zu Kaffee und Kuchen getroffen hat, schauen hochnäsig an ihr vorbei, meiden sie. Der Spießrutenlauf ist oft leise, aber nicht immer. Als Inge für Jens ein Radio besorgt, trifft sie auf einen Bekannten, der durch das Elektrogeschäft schreit: „Dem Verbrecher kaufst du ein Radio? Der gehört doch totgeschlagen!“ Jens‘ Sohn Jan ist noch zu klein, um die Lage zu verstehen. Wäre er älter, stünde seine Mutter in Erklärungsnot, die oft skurrile Ausreden hervorbringt. „Papa liegt im Krankenhaus“, behauptet eine betroffene Mutter, bis das Kind beim Besuch feststellt, dass hinter diesen Mauern nicht viel an weiße Arztkittel und Spritzen erinnert. Barbara Welle erzählt diese Anekdote, lacht und wird sofort wieder ernst, denn sie kennt die Not zu gut, die in solche Lügenmärchen treibt. Sie ist Sozialarbeiterin und leitet zusam-

men mit einem Kollegen das Projekt „Mitgefangen“ in Freiburg, das Angehörige von Gefängnisinsassen betreut. „Die Angehörigen fühlen sich die ersten Monate, als würde um sie herum ein falscher Film ablaufen. Sie sind nicht mehr alltagsfähig.“ Ein enormer Druck lastet auf Familie und Freunden. Die Umgebung darf nicht erfahren, was Sache ist, sonst droht die Verachtung der Nachbarn, der Verlust des Arbeitsplatzes, der Rauswurf aus dem Verein. Oder hat es sich gar schon herumgesprochen? Ein tägliches Schweißbad, das die Betroffenen in die Isolation treibt. Wenn mit dem Inhaftierten der Ernährer der Familie wegfällt, droht zudem der finanzielle Absturz, bis hin zur Obdachlosigkeit. Plötzlich alleinerziehende Mütter oder Väter sind gezwungen, arbeiten zu gehen. Doch wer passt solange auf die Kinder auf? Wie organisiere ich Knall auf Fall den Alltag ohne den, der immer da war? Kinder ziehen sich zurück, werden

Foto: great barrier thief / photocase.com


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verhaltensauffällig oder „stellen alles an, um zum Vater ins Gefängnis zu kommen“. Die Gesellschaft hat wenig Verständnis für die unschuldig Betroffenen. „Für Kinder von krebskranken Eltern spenden Firmen Millionen. Für Kinder von Inhaftierten fließt kein Cent, das schadet dem Ruf“, so ist Welles Erfahrung. Freunde und Familie quält auch die Ungewissheit, was ihre Angehörigen in der Parallelwelt des Gefängnisses durchmachen. Hinter Gitterstäben wird keiner mit Samthandschuhen angefasst, das erfährt auch Inge. Einmal bekommt sie einen anonymen Anruf, Jens sei von anderen Häftlingen zusammengeschlagen worden und läge blutend in seiner Zelle. Inge setzt Himmel und Hölle in Bewegung und trotzdem dauert es Tage, bis die Wächter nach ihrem schwer verletzten Sohn sehen. „Die Zustände in Gefängnissen sind schrecklich. Die Gefangenen leben in ihren eigenen Hierarchien. Gewalt tagein, tagaus. Manche werden sogar in den Duschräumen von anderen Gefangenen vergewaltigt.“ Um nachzuvollziehen, was der Freiheitsentzug für

i Foto: FFoto Fot Fo oto oot ttoo : XXX XXX XX XX

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ihren Sohn bedeutet, wagt Inge ein Experiment: Zwei Tage will sie sich auf ihrem Zimmer einschließen. „Nach einem halben Tag fiel mir die Decke auf den Kopf, ich musste raus.“ Es ist nicht immer Mitgefühl, was diejenigen in Freiheit für den Häftling übrig haben. Bei ihrem ersten Besuch platzt Inge der Kragen. Sie wirft ihrem Sohn vor, seine gesamte Familie im Stich gelassen zu haben. Jens wehrt sich: „Du willst, dass ich vor dir zu Kreuze krieche? Sitz du erst mal an meiner Stelle!“ Es kommt zum Eklat, den die anwesende Psychologin beendet. Bei anderen Besuchen sitzen beide nur da von Angesicht zu Angesicht und schweigen. Manchmal will der Sohn auch über seine Tat reden, doch das ist verboten. Dann schlägt ein Wachbeamter mit der Faust auf den Tisch. Vieles bleibt ungesagt in den Besucherräumen der Gefängnisse

„Mitgefangen“, das war eines der diesjährigen Reportage-Themen. Am Institut zur Förderung Publizistischen Nachwuchses (ifp), der katholischen Journalistenschule in München. Anika Pfisterer hat sich mit diesem Text beworben. Weitere Infos zur Schule findet ihr unter www.ifp-kma.de.

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Hass, Wut, Trauer. Die Geisterbahnfahrt durchläuft viele Stationen und von Anfang bis Ende sitzen die Angehörigen alleine im Wagen. Das wird Inge deutlich, wenn sie anderen Betroffenen begegnet. Selbst unter Leidensgenossen wird nur das Nötigste gesprochen, jeder bleibt mit seinen Sorgen für sich. Gabi erinnert sich an eine alte Frau, die 16 Jahre lang ihren Ehemann im Gefängnis besuchte, ohne dass jemand aus ihrer Umgebung etwas ahnte. „Sagt das nicht schon alles?“. Eine Gefängniszelle ist acht Quadratmeter groß. Ein Tabu kennt keine Grenzen. Anika P fisterer

Journalistenschulen werden oft als Königsweg in den Journalismus gesehen. Neben den beiden renommiertesten Schulen, der Henri-Nannen-Schule und der Deutschen Journalistenschule, gibt es eine Vielzahl kleinerer Schulen. Eine Übersicht aller Schulen gibt es hier: www.journalismus.com/ ausbildung/journalistenschulen.

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LIEBE FERNE, FERNE LIEBE Megan und Christina lieben sich. Das Einzige, was ihre Liebe trennt, sind 9 590 Kilometer. Die Geschichte einer Fernbeziehung, die vor ein paar Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre.

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ber 9 500 Kilometer, das ist 18 Mal die Strecke Stuttgart– Hamburg. „Wir sind seit zwei Jahren zusammen“, erzählt Christina*, „in der ganzen Zeit haben wir uns einmal gesehen.“ Eine Fernbeziehung, in der die Betonung auf „fern“ liegt: Christina wohnt in Wien, Megan* in Modesto bei San Francisco. Weiter kann man kaum auseinander leben. Kann man dabei überhaupt von einer Beziehung sprechen? Und kann eine solche ferne Beziehung funktionieren? Ja, sie kann! Dank Internet, MSN und Skype. „Wir haben uns auch im Internet kennen gelernt. Auf einer Seite namens fanpop.com.“ Megan und Christina sind kein Einzelfall: Immer mehr Paare lernen sich im Internet kennen. Der Vorteil ist unübersehbar: Im Internet fällt es nicht nur leichter, sich zu öffnen und sich so darzustellen, wie man gerne will, auch die Auswahl an potenziellen Partner ist enorm, verglichen mit der Auswahl in der Dorfdisko. Aber der Nachteil ist genauso offensichtlich: Wer will schon, dass die große Liebe tausende von Kilometern entfernt wohnt? Christina erzählt weiter: „Megan war damals schwanger mit 19 Jahren, doch sie lebte getrennt vom Vater des Kindes. Keine glückliche Situation. Ich habe dann begonnen, sie anzuschreiben, ob sie darüber reden will.“ Und so kamen sich die beiden Mädchen näher, bis sie sich ihre Liebe gestanden. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie sich kein einziges Mal gesehen. Dann endlich schaffte es Megan, nach Wien zu kommen. Denn Flüge sind teuer und Christina leidet zudem unter extremer Flugangst. Wie ist es, nach so langer Zeit zum ersten Mal seiner Partnerin zu begegnen? „Ich war einfach nur nervös. Ich hatte so Angst, dass es irgendwie nicht passt, dass wir doch nicht zusammenpassen, dass wir beide zu schüchtern sind, um uns näherzukommen.“ Denn plötzlich stand ein Mensch vor ihr, den sie bisher nur von Fotos und den Chat-Gesprächen kannte. „Das Komische war, sich selbst klarzumachen, dass die Person, mit der man geschrieben hat und die Person, die jetzt da ist, die gleiche Person ist.“ Aber es funktionierte. Vier Wochen lang konnten die beiden sich sehen, das Leben miteinander teilen, bevor Megan zurückfliegen

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musste. „Wenn sich an der Entfernung nichts ändert, wird die Beziehung früher oder später natürlich ein Ende finden. Wer will oder kann bis an sein Lebensende mit jemandem zusammen sein, der am anderen Ende der Welt lebt? Geplant ist aber, dass wir in ein paar Jahren zusammenziehen.“ Eine Fernbeziehung – meistens getragen von dem Traum, irgendwann keine mehr zu sein. Ein Traum, der auch schief gehen kann, wie das Beispiel von Frau Dorn* zeigt. Sie lernte ihren vermeintlichen Traummann, einen Kanadier, im Urlaub kennen. Nach einem Jahr Bedenkzeit beschloss sie, dass es an der Zeit war, ihr Leben in Hannover aufzugeben und nach Kanada zu ziehen. Sie packte Kind und Kegel, verkaufte ihre Möbel und kündigte die Wohnung, um endlich mit ihrem Lebensgefährten zusammenleben zu können. Nach nur einem Jahr kam sie zurück. Verlassen und enttäuscht. Es hatte nicht funktioniert mit ihr und ihrem Lebensgefährten. Die Unterschiede waren zu groß. Doch Christina und Megan sind jünger, aufgeschlossener. Sie gehören einer Generation an, in der Gleichgeschlechtlichkeit und Ländergrenzen kein unüberwindbares Hindernis mehr darstellen. Und man hofft, dass die beiden es tatsächlich schaffen, irgendwann ein normales Paar zu sein, das sich um den Abwasch streitet. Sanja Döttling

*Namen von der Redaktion geändert

Foto: Martin Funck / jugendfotos.de


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Er macht seinen Job gern. Doch irgendwann bleibt er zu Hause. Berufsunfähig. Der Alkohol als Tröster. Ist das gerecht?

18 Jahre alt. Schwanger. Das Kind wird behindert, sagen die Ärzte und raten zur Spätabtreibung. Ist das gerecht?

Foto: madochab / photocase.com

Foto: Pedro Kirilos / photocase.com

IST DAS GERECHT?

15 Jahre alt. Vom Vater verprügelt, von der Mutter verstoßen. Obdachlos und ohne Arbeit; ein Leben auf der Straße. Ist das gerecht?

Foto: Yves Krier Photography / photocase.com

Foto: fabsn / photocase.com

Foto: french_03 / photocase.com

Riesige Hände stoßen das Mädchen auf die Straße. Sie knöpft sich die Bluse zu. Scham und Schmerz. Ist das gerecht?

Ständig die Angst zu kentern. Das kleine Boot, das sich durch die Wellen des Mittelmeers kämpft. Die große Hoffnung, dass in Europa alles besser wird. Ist das gerecht?

www.ist-das-gerecht.de Foto: XXX

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» DAS KÖNNEN WIR UNS NICHT LEISTEN « 359 Euro bekommt ein Mensch, der von Hartz IV lebt. Politiker streiten über Regelsätze, Namensgebung und spätrömische Dekadenz. Doch fern der politischen Machtspiele leben Menschen am Existenzminimum im Kampf gegen ihr Schicksal.

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as machen wir hier? Iris versteht nicht, warum sie in einem Café sitzen, an der teuersten Straße Stuttgarts. Zur Wiese am Schlossplatz wollten sie gehen, doch Thomas hat sie hierher geschleppt. „Jetzt bestellst du dir einen Cappuccino und ich mir einen Kaffee. Wir werden das trinken und dann bezahlen“, sagt Thomas. „Das können wir uns nicht leisten“, sagt sie, weil sie weiß, dass die Tasse drei Euro kostet. „Zähl‘ das Geld und schau‘, was übrig bleibt“, sagt Thomas und legt sein Geld dazu, das er die letzten Tage eingenommen hat: zusammen fast hundert Euro. „So, reicht das für einen Cappuccino?“ Er blickt in Iris‘ Augen und sieht ihre Tränen. „Den Tag werde ich nie vergessen“, erzählt Thomas Schuler. „Jetzt geht

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es aufwärts, hab‘ ich damals meinem Fraule gesagt.“ Und sein Fraule, die Iris, hat gelacht aus Erleichterung und geweint vor Freude. Thomas und Iris sind zwei von 5,8 Millionen Menschen, die in Deutschland Sozialleistungen bekommen. Hartz IV steht umgangssprachlich für das Arbeitslosengeld II, die Grundsicherung für Menschen, die fähig sind zu arbeiten, aber über lange Zeit keinen Job finden. Früher blieben Thomas und Iris zusammen 20 Euro pro Tag. Schwimmen oder ins Kino gehen, war da nicht möglich. Das Leben eine Geldnot. Am Morgen leerten sie den Kaffeefilter aus, spülten und trockneten ihn für den nächsten Morgen. Manchmal pickte Thomas die Zigarettenstummel aus den Aschenbecher

im Bahnhof, um den restlichen Tabak zu rauchen. Heute sitzt Thomas bei der Straßenzeitung Trott-War. Ärmelloses T-Shirt, Mönchsglatze und Schnauzbart. Die Augen müde, aber von einem strahlenden Blau. Hinter ihm liegt ein Berg von Zeitungen, die der 44-Jährige auf der Straße verkauft und damit sein Hartz IV aufbessert. Jede Zeitung ein kleiner „Hoffnungsstern“. Außerdem zeigt er Gästen bei seinen Stadtführungen die sozialen Brennpunkte Stuttgarts. Und Thomas weiß, wovon er erzählt; eine Ausbildung zum Koch hat er abgeschlossen, sich hochgearbeitet bis zu den exquisiten badischen Restaurants, im Monat fast 2 000 Euro verdient, aber keine

Fotos: Dr. Frank Post; Andreas Spengler; Stefan Händler (pixelio.de); Collage: Gabriel Rausch


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Zeit für Frau oder Hobbys; immer geschuftet, geschuftet, geschuftet. Das Geld warf er in Spielautomaten, oder kaufte sich Schnaps. Dann kam die Nacht, die sein Leben veränderte: Ein Streit mit dem Chef, Thomas betrinkt sich bis zum Vollrausch und verspielt alles: Geld, Beruf und am Ende fast sein Leben. Am Morgen steht er an der AutobahnAuffahrt, noch immer betrunken, streckt den Daumen raus, ein Student nimmt ihn mit. Thomas schläft auf der Rückbank, als er aufwacht, fragt er Passanten: „Wo bin ich?“ In Stuttgart, sagen sie. Thomas ist obdachlos, von einem Tag auf den anderen. Sein Leben liegt vor ihm wie ein Trümmerhaufen. „Da kam das böse Erwachen, junger Schwede! Da habe ich richtig dicke Angst bekommen“, erzählt er. Am Bahnhof greift er nach Münzen aus den Luftschächten, sammelt Geld vom Boden und aus den Schließfächern. „Komm, ich bin auch obdachlos und zeig' dir, woher man Essen bekommt“, sagt ihm ein „Kollege“. Er zeigt Thomas das kostenlose Frühstück bei der Bahnhofsmission, die McDonalds-Mülltonne, „wenn du Hunger hast, ist dir egal woher das Essen kommt“, und die Kirchen in der Stadt. „Von einem Pfarrer bekommst du immer etwas zu Essen“. Bald zahlt ihm das Sozialamt ein Tagesgeld, rund zehn Euro. Doch das Geld reicht kaum länger als einen Tag.

Mit 6,9 Promille ins Krankenhaus. Ich oder der Alkohol, sagt seine Frau. Thomas trinkt morgens, geht zum Amt. Mittags trinkt er und bettelt auf der Straße. Abends trinkt er und schläft auf einer Parkbank. Für einige Jahre lebt er in betreutem Wohnen, dort lernt er sein Fraule, die Iris, kennen. Am Tag, der beinahe sein letzter wurde, trinkt er und wird eingeliefert: 6,9 Promille, sagen sie im Bürgerhospital. Und sein Fraule, die Iris, sagt: „Ich oder der Alkohol!“ Dann kam die Entgiftung und eine Therapie. „So eine Frau wie die Iris, die lässt man nicht einfach laufen.“ Thomas strahlt. Seit acht Jahren ist er trocken, seit zwei Jahren zahlt er seine Miete selbst. Heute fehlt ihm nur noch eines zu

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seinem Glück: „Ich möchte mein Fraule kirchlich heiraten. Sie in Weiß und ich in Schwarz.“ Uwe Mayer hat keine Frau mehr. Mitten in der Nacht kam die SMS: Claudia ist tot. Überdosis. Nie hatte sie Drogen geschluckt, seine Ex-Freundin, und dann beim ersten Mal zu viel. Danach lebte er in einer Ehe. Vier Jahre lang. „Meine Frau war eifersüchtig, wenn ich nur zu spät vom Einkaufen kam“, sagt Uwe. „Aber ich bin nicht der Mann, der den ganzen Tag Händchen hält.“ Uwe und seine Frau stritten sich oft. Am Ende zeigt sie ihn an wegen Beleidigung und Bedrohung. Das Gericht verbot ihm, auch nur in die Nähe seiner Frau zu kommen. Sie ließen sich scheiden. Heute wohnt Uwe in Stuttgart-Rot. Er schließt seinen Briefkasten auf, doch für ihn ist keine Post dabei. „Nicht einmal eine Rechnung“, sagt er und fährt mit dem Aufzug nach oben. 13 Stockwerke hat das Immanuel-Grözinger-Haus in Stuttgart, 140 alleinstehende Männer wohnen hier. Im neunten Stock wohnt Uwe, zehn Quadratmeter. Der Blick aus dem Zimmer reicht vorbei an Reihenhäusern und Plattenbauten bis zu den Hügeln der Schwäbischen Alb. Vor dem Fenster zwitschern die Vögel. Uwe setzt sich auf das Bett, sein Stuhl ist voll mit Tabakresten. Er schimpft über seinen Bruder: „Der ist 33 Jahre alt und hat nicht ein Jahr gearbeitet. Der kriegt das Geld vom Staat und sagt sich: ‚Was soll ich da arbeiten?’. Den würde ich mit einer Eisenkugel am Fuß in den Steinbruch schicken.“ Uwe hat gearbeitet, als Verpacker bei einem Autozulieferer, als Elektrohelfer, Malerhelfer und Lagerarbeiter. Der 39-Jährige wirkt agil: drahtiger Körper, Glatze und Dreitagebart. Noch verkauft er Zeitungen bei Trott-War, aber ein „richtiger“ Job wäre ihm lieber. „Ich kann nicht den ganzen Tag in der Wohnung rumsitzen, da werde ich bekloppt, das ist wie im Knast.“ Fast drei Jahre saß er im Gefängnis. Autodiebstahl, Drogenschmuggel, einmal hielt er einer Polizistin eine 40-ZentimeterKlinge an den Hals. „Ich habe was gegen die Polizei, und wenn mir einer dumm kommt, raste ich aus.“ Und was wäre sein Traumberuf? „Das hört sich komisch an, aber ich wollte Polizist werden.“ Lachend wirft sich Uwe auf die Bettdecke. „Das war mein kleiner Traum. Nach den Straftaten hatte sich das erledigt.“

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Heute würde Uwe vieles anders machen: einen Schulabschluss und eine Lehre, und nicht mehr aus dem Heim abhauen. Und sähe er seinen Vater, würde er ihm eine verpassen. Früher verprügelte sein Vater seine Mutter, jedes Mal wenn er besoffen war. Und Uwes Vater war oft besoffen.

Zuviel Geld vom Staat unterstützt die Faulheit der Menschen „Man kann das Leben nicht zurückdrehen“, sagt Uwe und bläst den Rauch an die Zimmerdecke. Er wirkt nicht resigniert, er sieht die Dinge realistisch. Sein Hartz IV ist knapp, meist reicht das Geld nur bis zum 20. eines Monats. Mehr Geld vom Staat? Davon hält Uwe nichts. Zu viel Geld unterstütze die Faulheit der Menschen. Mancher Sozialhilfe-Empfänger bekomme mehr als jemand, der arbeitet. „Aber weniger Geld“, sagt Uwe und atmet tief ein, „das wäre auch nicht gut. 359 Euro – das ist doch oft ganz ganz knapp.“ Auf seinem Tisch stapeln sich die Rechnungen. Ein Stapel voller Sorgen. Bankschulden, Telefonkosten, Ratenzahlungen. Zurzeit muss Uwe Sozialstunden leisten, weil er nichts mehr bezahlen kann. Die nächsten Monate werden hart für ihn. „Ich sage mir, jetzt musst du Gas geben!“ Uwe will einen richtigen Job, eine eigene Wohnung und irgendwann wieder eine Frau. „Wenn’s eine gute ist.“ Eine, die ihn akzeptiert und ihn Fußball schauen lässt. „Aber das weiß man auch nie.“ Und wenn Uwe Geld hätte, also richtig viel Geld, dann würde er sich seinen großen Traum verwirklichen: Auswandern nach Spanien oder Australien. Ein Bistro aufmachen und ein Haus am Strand kaufen. „Da würde ich bleiben. Für immer.“ Uwe bläst den Rauch zur Decke. Vor dem Fenster zwitschern die Vögel.

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Andreas Spengler

„Leben mit Hartz IV“ war eines der diesjährigen Reportage-Themen am Institut zur Förderung Publizistischen Nachwuchses (ifp), der Katholischen Journalistenschule in München. Andreas Spengler hat sich mit einer Version dieses Textes beworben. Mehr Infos dazu auf Seite 9.

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GLEICHE CHANCEN FÜR ALLE ! Mehr als 400 000 Studienanfänger stürmen im Oktober die deutschen Universitäten. Fast alle haben das Abitur in Tasche und doch haben sie, je nach Bundesland, einen unterschiedlichen Schulweg hinter sich. Höchste Zeit, das zu ändern, findet Susan Djahangard.

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ünfzehn Länder haben das Zentralabitur eingeführt. Bayern 1854, Schleswig-Holstein 2008. Lediglich Rheinland-Pfalz hält heute noch am dezentralen Abitur fest. Wer aus Baden-Württemberg kommt hat in der Oberstufe Mathematik, Deutsch und eine Fremdsprache als vierstündige Kernkompetenzfächer belegt und darin drei von vier schriftlichen Abiturprüfungen geschrieben. Studierende aus Thüringen waren nur zwölf Jahre in der Schule. Abiturienten aus Schleswig-Holstein haben zwei Jahre lang in Grund- und Leistungskursen gelernt. Die Hauptunterschiede zwischen den verschiedenen Bundesländern liegen bei der Fächerwahl und Gewichtung der verschiedenen Kurse, der Anzahl und Gestaltung der schriftlichen und mündlichen Abiturprüfungen und der Tatsache, ob nun 12 oder 13 Jahre zum Abitur führen. Eben diese Unterschiede können große Auswirkungen haben. Wer Probleme in Mathematik hat, hat auch ein Problem in Baden-Württemberg: Vier Halbjahre, vier Wochenstunden, vier Klausuren pro Schuljahr und schlussendlich die Abiturprüfung. In einem anderen Bundesland könnte Mathe als Grundkurs belegt werden, die schriftliche Endprüfung würde wegfallen. Sicherlich

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würde sich das auch in der Abschlussnote widerspiegeln. Anderes Beispiel: In BadenWürttemberg werden seit diesem Jahr alle Kurse gleich gewertet. Wer seine Stärken in den Hauptfächern hat und in den Nebenfächern kämpfen muss, versaut sich in Baden-Württemberg den ganzen Schnitt. Mehrfach gewertete Hauptfächer würden anderswo den Schnitt anheben. Auch die zeitliche Verschiebung spielt eine wichtige Rolle. Ein Abiturient aus Rheinland-Pfalz hat im März sein Zeugnis in der Hand, der aus Baden-Württemberg erst Anfang Juli. Der eine kann sich in aller Ruhe um die Studienwahl kümmern, ein Praktikum machen, jobben und reisen, dem anderen bleibt kaum Zeit für die Unibewerbung. Laut einer Erhebung der bayerischen Landesregierung wechseln knapp zehn Prozent der deutschen Bevölkerung jährlich ihren Wohnort. Dass sich darunter auch schulpflichtige Kinder und Jugendliche befinden, versteht sich von selbst. Welcher Unterstufenschüler entscheidet sich bewusst dafür, in welchem Bundesland er sein Abitur ablegt? Es erscheint absurd, wie viele verschiedene Bildungssysteme sich in Deutschland angesammelt haben, einem Land, das man in weniger als zehn Stunden Fahrzeit von Norden nach Süden durchqueren kann. In Zeiten der Globalisierung, in denen die Distanz zu

anderen Kontinenten und Ländern wie China oder Brasilien ständig schrumpft, scheinen die deutschen Bundesländer immer weiter auseinanderzudriften. Um allen Abiturienten die gleichen Chancen zu ermöglichen, ist es nun höchste Zeit für Landes- und Bundespolitiker, von alten Machtverteilungen abzurücken. Ein bundesweites Schulsystem muss her! Ein Schulsystem, das sämtliche Gymnasiasten zum gleichen Abitur führt. Berlin und Brandenburg haben sich dieses Jahr an das erste länderübergreifende Abitur gewagt. Die Zeit berichtete bereits 2008 von Plänen Bayerns, zunächst ein Südabitur einzuführen. Die Süddeutsche gab vor drei Jahren bekannt, dass unionsgeführte Länder bis 2012 das bundesweite Zentralabitur einführen wollten. 2012 ist nun utopisch, trotzdem scheint es wichtiger denn je, die alten Ideen aus der Schublade zu kramen. Damit aus 2012 vielleicht ein 2015 werden kann.

Foto: kallejipp / photocase.com

Susan Djahangard


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KEEP YOUR CHANGE! Barack Obama hat Amerika verändert. Doch die Veränderungen sind nicht überall angekommen. Vor allem im Süden des Landes brodeln noch immer rassistische Vorurteile.

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pledge allegiance to the flag of the United States of America and to the republic for which it stands one nation under God, indivisible with liberty and justice for all.” Millionen von Kindern in Amerikas Schulen sprechen ihn jeden Morgen, den Flaggenschwur. Ein Treueeid auf die amerikanische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, in der jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen kann. Vom Sohn eines Kenianers und einer US-Bürgerin zum Präsidenten der USA. Im “Land of the free and home of the brave” ist so etwas möglich. Yes we can! 1963, als Barack Obama zwei Jahre alt war, wurde der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King mit seiner Rede „I have a dream“ berühmt. Seine Vision: Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Er träume davon, dass alle Menschen die gleichen Eine Begegnung auf der Route 66: Nicht überall kommt Obamas „Change“ bei den Bürgern an. Rechte haben würden. Dass seine Kinder mit den Kindern von Weißen spielen und niemand mehr diskriminiert würde. Doch löschen können. Im Gegenteil: Auf You- Die Anhängerschaft jubelt. Bei einem AusMartin Luther King durfte die Vision nie Tube findet man Videos von so genannten flug in Georgias Norden bietet sich eine erleben – 1968 wurde er von einem fana- „Cross burnings“ aus dem Jahre 2008 im Attraktion an: Helen, ein Dorf, gegründet tischen Weißen erschossen. Stone Mountain Park in Atlanta, Georgia. von deutschen Siedlern. Als eine kitschige Heute ist angeblich alles anders: Mit Oba- Auf dem Relief des riesigen Granitfelsen Kopie einer bayerischen Kleinstadt zieht ma wurde der erste Afroamerikaner ins sind die konföderierten Bürgerkriegs- es massig Besucher an. Hier kann man höchste Amt gewählt. Sein Wahlsieg wur- helden Jefferson Davis, Robert E. Lee und in Bäckereien und Cafés deutsche Spezide nicht nur zu Hause bejubelt – auf der Thomas Jackson eingemeißelt. Ein ge- alitäten genießen und deutsche Produkte ganzen Welt fanden Obama-Wahlpartys schichtsträchtiger Ort für eine rassistische erwerben. statt. Seine Präsidentschaft soll eine neue Kundgebung – war die Rassentrennung Doch im Souvenirshop gibt es nicht nur Ära einläuten. Gerechtigkeit und Frieden doch mit einer der Gründe für den ameri- bayerische Bierkrüge und Lederhosen; sollen Einzug erhalten. Obama soll die kanischen Bürgerkrieg. besonders beliebt ist ein T-Shirt mit dem US-Truppen aus dem Irak abziehen, das Die Geburtsstadt von Martin Luther Aufdruck: „I will keep my money, my freeGesundheitswesen reformieren, neue Ar- King ist nicht der einzige Ort, in dem dom and my gun and you can keep your beitsplätze schaffen der Ku-Klux-Klan change!“ und nebenbei noch aktiv ist. Am Man lebt in den Südstaaten, und darauf I will keep my money, my noch Frieden in den 20. Februar 2010 ist man stolz. Dass es in der Gegend rund Nahen Osten brinfindet in Nahu- um Atlanta, Boomtown des Südens, Profreedom and my gun and gen. Die Erwarta, Georgia, eine bleme mit Rassismus gibt, ist kaum veryou can keep your change! Kundgebung des wunderlich; rund 60 Prozent der Einwohtungen sind hoch. Deutlich wurde Klans statt. Die ner hier sind farbig. das auch am 10. Teilnehmer sind Entfernt man sich von der Großstadt, Dezember 2009: Nach Theodore Roose- in Südstaaten-Flaggen gehüllt. Verkündet betritt man ländliches Idyll. Hier glaubt velt, Woodrow Wilson und Jimmy Carter werden alte Vorurteile: Illegale Einwande- man noch an die Tradition und die alten wurde Obama als vierter US-Präsident mit rung und die Verbreitung von Spanisch Werte. Dass ein junger, schwarzer Senadem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. seien eine Bedrohung, Ausländer nähmen tor aus Illinois etwas zum Guten ändern Doch Obamas Präsidentschaft hat den den US-Bürgern die Arbeit weg und trü- kann, daran glaubt hier kaum jemand. Sabrina Huck lodernden Rassismus in den USA nicht gen das Vermögen der USA in ihr Land.

Foto: cymbale / photocase.com

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HATSCHIE, DER WALD IST KRANK

In den 80er Jahren war es das große Umweltthema: das Waldsterben. Viel wurde dagegen unternommen; der Patient ist geheilt, behaupten Politiker heute. Doch ist das die Wahrheit?

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raurig lässt er seinen Kopf hängen. Seine Glieder sind so geschwächt, dass sie nur noch schlaff herabbaumeln. Er ist müde und kraftlos. Um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, muss er sich an einen Mitleidenden anlehnen. Sein geheimnisvolles Strahlen hat der Baum schon vor langer Zeit verloren. Erst 1981 schafften es Autoren des Spiegels, das Bewusstsein für das Waldsterben zu wecken: Mit dem provokanten Titel „Das stille Sterben“ wiesen sie auf den katastrophalen Waldzustand in Deutschland hin. Eine Welle der Umweltbewegung brach los. Nicht nur in den Medien entwickelte sich das Waldsterben zu einem der populärsten Themen, auch in den Köpfen der Menschen setzte es sich fest. Damals. Heute scheint die Besorgnis um den sterbenden Wald abgeklungen zu sein. Inzwischen hat sich die „grüne Welle“ weiterentwickelt. Im Fokus der Medien sind Themen wie der Klimawandel und Umweltkatastrophen. Wo ist der deutsche Wald geblieben? Stirbt er noch oder lebt er schon wieder? Selten stößt man auf einen aktuellen, ausführlichen Bericht über den Zustand der heimischen Wälder. Lediglich Stürme wie Lothar und Wiebke haben es geschafft, die Aufmerksamkeit kurzzeitig auf unsere Wälder zu lenken. Große Waldflächen fielen ihnen zum Opfer, Wälder glichen einem Schlachtfeld. Da fällt es schwer, die Augen weiterhin vor den Missständen zu verschließen. Nur gesunde Wälder können

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Stürmen dieses Ausmaßes trotzen. Förstern gelang es durch eine nachhaltige Forstwirtschaft, den Wald zu regenerieren. Das Statistische Bundesamt verkündete, dass die Waldfläche in Deutschland jährlich um etwa 176 Quadratkilometer gewachsen sei. Dass Quantität jedoch nicht immer Qualität bedeuten muss, wurde dabei vergessen. Auch Renate Künast, Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen, sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. „Der Wald wächst wieder gesünder, die Flächen nehmen zu, im Fokus steht die Holzwirtschaft hat in Deutschland eine gute Zukunft. Unsere Wälder sind schöner geworden. Ich kann nur dringend empfehlen, einen Waldspaziergang zu unternehmen“, sagte sie der Welt am Sonntag 2003. Erschreckende Neuigkeiten bringt dagegen die seit 1984 eingesetzte Wald-Zustandserhebung. Wissenschaftler setzten sich damals ein Ziel vor Augen: Klarheit schaffen über den Zustand der Wälder. Jährlich überprüfen Förster die Zustände der Baumkronen, die viel über das Wohlbefinden der Bäume aussagen. Es scheint, als ob das bedenkliche Ergebnis der Öffentlichkeit nicht ausreichend kommuniziert wurde: Die Kronenverlichtung 2009

ist im Vergleich zu 1984 um vier Prozent angestiegen. Die Anzahl der Bäume, die als gefährdet eingestuft werden, nahm ebenfalls um vier Prozent zu. Warum hat sich die Gesundheit unserer Bäume nicht verbessert – trotz vieler Maßnahmen, die vor allem in den 1980er Jahren getroffen wurden? Die Werte laufen nicht mehr Gefahr, sich deutlich zu verschlechtern. Aber um von einer Entwarnung zu sprechen, ist es zu früh. Was nützt es, wenn der Wald größer, die Bäume aber immer weniger widerstandsfähig werden? Wo liegt der Fehler im Vorgehen gegen das der Klimawandel Waldsterben? Bisher wurden nur die Symptome und nicht die Ursachen bekämpft. Immer mehr Umweltorganisationen machen wieder auf die große Gefahr aufmerksam, finden aber bisher kaum Gehör. Sie fordern mehr Initiative und schnelles, verantwortungsvolles Handeln. Für Politiker ist es an der Zeit, sich an die Arbeit zu machen und nicht über die alarmierenden Ergebnisse hinwegzusehen. Für welche Art von Waldspaziergang würden wir uns entscheiden? Einen Weg durch strahlendes Grün oder den Gang durch Baumruinen, unter denen wir unser Umweltbewusstsein begraben haben?

Der Wald ist nicht mehr wichtig.

Ronja Most

Foto: „Maximilian Hühnergarth“ / www.jugendfotos.de


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GUTEN MORGEN, GEORGIEN! Georgiens Regierung bemüht sich, ihr altes sowjetisches Erbe abzustreifen und entfernt die letzte Statue Josef Stalins im Land. Bedeutet dieser nach Westen gerichteter Kurs für die Menschen in Georgien eine neue Freiheit?

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ur eine kahle Säule erinnert noch an die Statue des ehemaligen sozialistischen Führers Josef Stalin, an diesem Samstagmorgen auf dem ehemaligen Platz des Diktators. Von einem Tag auf den anderen entfernten die georgischen Behörden den bekanntesten Bürger der Stadt von dem Hauptplatz am Rathaus von Gori. Damit wollten sie die Ausschreitungen und Proteste der Menschen verhindern, die gegen eine Abschaffung der Statue waren. Ein ehemaliger Einwohner der Stadt erzählte mir, dass Josef Stalin von vielen, besonders den älteren Bürgern, noch immer als Teil ihrer Geschichte verehrt wird. Die letzte Statur Stalins steht jetzt in einem kleinen Museum am Rande der Stadt Gori. Wenn der Präsident Georgiens, Micheil Saakaschwili, sowjetische Denkmäler von öffentlichen Plätzen entfernen lässt, zeigt er dadurch den politischen Kurs seiner Regierung. Saakaschwili macht sich stark für eine Aufnahme Georgiens in die NATO und möchte das sowjetische Erbe ablegen. 2003 erklärte er in

seiner Regierungsansprache, dass er eine Demokratie nach westlichem Vorbild errichten wolle. Auf meiner Reise komme ich der Grenze zu Abchasien näher. Nach dem Krieg vor zwei Jahren zwischen Russland und Georgien haben sich die Provinzen Südossetien und Abchasien als unabhängig erklärt. Nur Russland, Nicaragua, Venezuela und Nauru erkennen die Gebiete an. Auf meinem Weg säumen eingezäunte Wohnsiedlungen die Landschaft. Es sind die Häuser der Internally Displaced People (IDP); Menschen, die gezwungen wurden ihre Häuser im eigenen Land zu verlassen. Die kleine Stadt Kobuleti am Schwarzen Meer ist vom Krieg nicht direkt betroffen. Mich beschäftigt die Frage, was die Menschen hier über den Krieg denken und was für eine Stimmung gegenüber den Russen, Abchasen und Osseten herrscht. Zu meiner Überraschung treffe ich hier auf eine starke Verbundenheit. „Wir sind alle Brüder hier im Kaukasus. Ich habe viele Verwandte in Abchasien, die ich nun leider nicht mehr besuchen kann. Der Krieg war ein Machtspiel zwischen Putin

und Saakaschwili.“ Auf diese Weise reagieren viele Menschen hier. Sie wünschen sich Frieden und ein Ende der Auseinandersetzungen. Das wünscht man dem kleinen Land zwischen dem großen und dem kleinen Kaukasus und dem Schwarzen Meer, doch die Stimmung bleibt in weiten Teilen des Landes angespannt. Für die Menschen in den Grenzgebieten heißt das vor allem eines: Ihre Situation wird sich so bald nicht ändern. Journalisten, die frei und objektiv berichten möchten, haben ebenfalls schwere Bedingungen in Georgien. Nino Zhizhishvilli ist eine von ihnen. Seit 13 Jahren arbeitet sie als Fernsehjournalistin in Georgien und für internationale Fernsehkanäle. „Als ich für einen nationalen georgischen Sender arbeitete, stand ich unter großem Druck. 2007 wurde die Situation unzumutbar für journalistische Prinzipien,“ erzählt sie. „Es war die Zeit, als ich mich entschieden habe, den kontrollierten Raum zu verlassen und eine freie Journalistin zu werden.“ Ann-Kathrin Kühner

Es geschah nachts. Die georgischen Behörden entfernten die Stalin-Statue aus der Geburtsstadt des sowjetischen Diktators. Fürs Erste bleibt nur der Sockel auf dem Hauptplatz stehen.

Fotos: flickr.com / „Henning(i)“ (CC-Lizenz); Ann-Kathrin Kühner

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MADAM, WHAT KIND OF FLOWERS DO YOU SHOW? Ein Kleid voller Vaginas, das ist das Kostüm von Alexandra Fly. Dahinter steckt die Künstlerin Alexandra Holownia. Sie liebt die Provokation – und kämpft für Frauenrechte. Die NOIR-Autoren Paul Volkwein und Andreas Hensler trafen sie auf der Kunstmesse „Art Basel“.

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rau Ho Holownia, was ist Ihr künstlerisches Motiv? Kun ist skandalös, weil die Welt „Meine Kunst für mich ein Skandal ist.“ Dieser Satz, der eigentlich vo von Hans Bellmer stammt (deutSurre scher Surrealist, Autor, Fotograf, Maler. Re spricht mir aus der Seele. Anm. d. Red), Kunst Ihre Kunstfigur Alexandra Fly ist, egal wo sie auftr auftreten, kaum zu übersehen. Wo da sind Sie damit bisher aufgetreten? Neben Langstreckenflügen auch auf Kuns Kunstmessen, in Bussen oder zeitgenöss nössischen Museen. Nach den Anschl schlägen im Jahr 2001 erweckten Kun Kunstaktionen im Flugzeug leider den Verdacht eines Attentats. Die Angs vor Terroristen war so groß, Angst vo dass vorerst weltweit auf allen Fluglijeg nien jegliche Kunstaktionen verboten I Frühling 2007 wollte ich wurden. Im nach New York fliegen und im Flugzeug mein Ku Kunstprojekt Alexandra Fly vorstellen. Für diese Erlaubnis musste ich ge jede geplante Bewegung detailliert beschre beschreiben. Am Ende sagten sie mir telefon telefonisch, dass die Aktion mit der Zustim Zustimmung des Piloten durchgeführt w werden kann. So kam auf der Strecke von Berlin nach New York die Akt erste Aktion Alexandra Fly zustande. Später bin ich oft im Kostüm geflogen, ohne dies anzukündigen. Es gibt keine Vorschrift welche Kleidung, Frisuren, Vorschriften, Hüte oder Mützen getragen werden dürfen. Diese persönliche Freiheit habe ich P für meine Performance genutzt. welch Kriterien wählen Sie diese Nach welchen Orte aus? mac Zurzeit mache ich die Walking PerforAlex mance Alexandra Fly nur in Westeuropa und in den USA. Dort, wo Demokratie herrscht un und Toleranz und der Respekt für das Ind Individuum garantiert sind. ManMensch fragen mich, warum ich che Menschen nicht in de den Iran, nach Afrika oder die

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Arabischen Emirate fliege. In Staaten, in denen Frauen Burkas tragen und sich ohne Mann nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, da könnten mich Menschen für meine Aktionen verhaften oder umbringen. Auch in den osteuropäischen Ländern, in denen sich die Demokratie noch in der Entwicklung befindet, könnte mein Projekt missverstanden werden. Weshalb könnte Ihr Projekt in osteuropäischen Ländern missverstanden werden? Nach dem Umbruch hat sich beispielsweise die polnische Bevölkerung stark mit katholischen Werten identifiziert. Wenn ich an den Christopher-Street-Day in Warschau denke, dann bekomme ich Angst. Dort wo intolerante Passanten anfingen, die feiernden Personen zu schlagen. Oder bei dem Gedanken an den Moskauer Kurator Jerofejev, der wegen einer Ausstellung über erotische Kunst verhaftet wurde. Wie fallen die Reaktionen auf die Aktion aus? In vielen Ländern und Städten vergleichen Zuschauer das genähte Kostüm mit der Form einer Blume. Sie schämen sich, laut zu sagen, dass sie Geschlechtsteile sehen. Chinesen und Koreaner waren fast immer begeistert. Die asiatischen Zuschauer wollten oft mein Kostüm und die einzelnen Teile anfassen. Manchmal werde ich von Jugendlichen ausgelacht oder ausgepfiffen, wenn ich nach meiner Kunstaktion kostümiert mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück in mein Hotel fahre. Dies passiert sowohl in Berlin als auch in London oder Paris. Denken Sie, dass die Öffentlichkeit Ihr Anliegen versteht? Der Großteil schon. Zu dem Projekt gehören auch Aufklärungen und Diskussionen. Aber sogar nach den Diskussionen habe ich Damen getroffen, die nicht wahr

Foto: Sebastian Hill


S U M S A R E r e t Kal L if es ty le

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Wissen

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Ti te lth e ma

haben wollten, dass in der deutschen Gesellschaft Gewalt gegen Frauen existiert. Auf welche Art tragen Sie zum feministischen Diskurs bei? Mein Ziel ist es, Frauen in ihrer Selbstständigkeit und das Vertrauen zu ihren Geschlechtsteilen zu stärken. Das Kostüm zeigt die „geheime” Vagina als ein normales, schönes Körperteil, das Freude und Glück bringen kann. Ich wünsche mir, dass die Vagina nicht als geheimer Teil des menschlichen Körpers betrachtet wird und nicht tabuisiert wird. Dass die Vagina kein Grund für das Unglück der Frauen ist und nicht mehr mit Erniedrigung und Mord in Zusammenhang gebracht wird. Sie sagen, es findet eine schleichende Konservatisierung statt. Dies schiebe die Erfolge der 68er Bewegung beiseite.

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Reportage

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Po l i t i k

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Reise

An welchen Faktoren machen Sie dies fest? Frauen, die in feministischen Zeiten aufgewachsen sind, haben großes Glück. Sie sind fähig, ihr Leben unabhängig vom Mann selbst zu gestalten. Der Erfolg der 68er war wichtig für die Westeuropäer. In anderen Teilen der Welt sehen wir kaum Veränderungen in der strikten Rollenzuweisung von Mann und Frau. Der starke Zuzug von Menschen anderer Kulturen gefährdet diesen Erfolg. Damit meine ich Kulturen, in denen die Frau benachteiligt ist oder sogar Gewalt gegen Frauen verübt wird. Diese Gewalt muss endlich beendet werden. Wenn wir diese Bösartigkeiten nicht bekämpfen, dann verlieren wir die Menschlichkeit. Wer Gewalt an Frauen ausübt, sie schlägt, verletzt, verbrennt, terrorisiert, der vernichtet die Lebensenergie auf der Erde!

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Kultur

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NOIR-Intern

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Querbeet

Impressum NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 17  – September 2010

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Fuchseckstraße 7 70188 Stuttgart Tel.: 0711 912570-50 Fax: 0711 912570-51

www.jpbw.de buero@jpbw.de

Chefredaktion Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de Susan Djahangard susan.djahangard@noirmag.de

Lektorat Dominik Einsele

dominik.einsele@noirmag.de

Layout & Art Director Tobias Fischer

NOIR Intern

Layout-Team

nsleben

Meldungen aus dem Redaktio

Treue Jugendmedientage-Fans kennen das: Am Sonntag bekommt jeder Teilnehmer eine druckfrische NOIR in die Hand gedrückt. Die Lektüre für die Heimreise war gesichert. Dieses Jahr wird alles anders: Die NOIR zum Thema der Jugendmedientage haltet ihr mit dieser Ausgabe in euren Händen, damit ihr euch auf das Thema einstimmen könnt. Während der Jugendmedientage wird ein Team von NOIR Online die Ergebnisse der Workshops online stellen. Und auf der Heimreise? Da müsst ihr sowieso schlafen, weil ihr am Samstag zu lange auf der Party gefeiert habt. Darauf freut sich übrigens auch das NOIR-Team: Endlich Party anstatt Nachtschicht mit Computern, Red Bull und Überraschungseiern -

JUGEND MEDIEN TAGE

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Luca Leicht, Tom Pannwitt, Gabriel Rausch, Simon Staib, Paul Volkwein layout@noirmag.de

Redaktion Silke Brüggemann (sbr), Susan Djahangard (sd), Sanja Döttling (sdl), Denise Eisenbeiser (de), Bianca Göpfert (bg), Andreas Hensler (ah), Sabrina Huck (shk), Fabienne Kinzelmann (fk), Ann-Kathrin Kühner (akk), Miriam Kumpf (mk), Ronja Most (rm), Anika Pfisterer (apf), Lukas Ramsaier (lr), Andreas Spengler (as), Paul Volkwein (pv), Alessa Wochner (awn), Jan Zaiser (jz) redaktion@noirmag.de

Anzeigen, Finanzen, Koordination Sebastian Nikoloff sebastian.nikoloff@noirmag.de

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G

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Die letzte Ausgabe haben wir zum ersten Mal in einer gemeinsamen Schlusssitzung finalisiert. Wo sonst jeder alleine vor seinem Computer saß, kamen Layouter und Chefredakteure in Stuttgart zusammen. Text zu lang, Bild passt nicht, Zwischenüberschrift fehlt? Die NOIR bekam auf dieser Sitzung sowohl optisch als auch inhaltlich ihren Feinschliff. Wir finden, die gemeinsame Sitzung hat nicht nur dem Heft gut getan, sondern auch der Redaktion. Deswegen haben wir es bei dieser Ausgabe wiederholt. Ihr wollt in Zukunft dabei sein? Dann verfolgt unsere Aktivitäten auf Facebook: www.facebook.de/noirmag

Illustration: Simon Staib

www.horn-druck.de NOIR kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 Euro im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 0711 993389-73 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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Reportage Re poo r ta tage

Lautverschiebung mit Folgen

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Po Politik

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Reise R ise Re

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Querbeet Qu Q u er e rrb b eet e ett

STROMAUSFALL & POPCORN

E in Sc hwa be im Norden

„Preisend mit viel schönen Reden ihrer Länder Wert und Zahl," erzählt uns das bekannte Schwabenlied von Justinus Kerner, dem großen Dichter aus Ludwigsburg. Und ja, wir können schöne Reden halten, um von unserer faszinierenden Heimat zu erzählen. Doch wer tut das heutzutage noch? Wer kann heute noch eine Liedzeile aus der Württembergischen Hymne? Niemand. In anderen Bundesländern sieht das anders aus. Radio Schleswig-Holstein beschallt seine Hörer jeden Tag mit der Hymne Schleswig-Holsteins. Wie patriotisch, könnte man denken. Wir sind doch alle Deutsche, sprechen die gleiche Sprache und sind seit Jahren nicht mehr geografisch getrennt. Sichtlich nicht – sprachlich hingegen schon und diese Grenze hat Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückreichen. Das Deutsche Reich teilte sich zu Beginn des Mittelalters durch die Lautverschiebung in ein oberdeutsches und ein niederdeutsches Gebiet. Die „Benrather Linie“ verlief von Düsseldorf nach Osten hin. Südlich dieser Linie veränderten sich plötzlich die Laute – im Norden blieben sie gleich. Daraus entstanden zwei Sprachen: das Hochdeutsche und das Niederdeutsche. Den Kontrast im Norden sieht man heute noch an den Unterschieden zwischen dem Hochdeutschen und dem Englischen oder dem Plattdeutschen. Aus „t“ wurde beispielsweise „ss“ oder „z“: water zu Wasser, cat zu Katze – aus „f“ wurde „p“: Affe zu ape, gape zu gaffen, um nur einige Beispiele zu nennen. In Süddeutschland entwickelte sich aus dem Althochdeutschen das Mittelhochdeutsche, das sich zum Beispiel in der Minnelyrik eines Dichters wiederfindet, der jedem Schüler bekannt ist: Walther von der Vogelweide. Wir Süddeutschen können eben alles. Außer Jan Zaiser Hochdeutsch.

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Ein plötzlicher Stromausfall konfrontiert die WG mit latschigem Popcorn, Feierabend-Wein und gescheiterter Liebe.

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acht nichts, ich wollte mir gerade sowieso was zu essen machen“, denke ich, als meine Mitbewohnerin Louisa entsetzt im Türrahmen steht und feststellt, dass der Strom ausgefallen ist und deswegen das Internet nicht funktioniert. Zeitgleich höre ich Raiko durch das Haus rufen: „Da ist bestimmt die Sicherung rausgeflogen, ich kümmere mich darum.“ Während ich mir auf dem Weg zur Küche überlege, welches Gericht ich ohne die Hilfe von Online-Kochbüchern zubereiten kann, kommt Raiko aus dem Keller hochgeschnauft. Er legt seine Stirn in Falten, stützt sich mit der Hand an der Stirn am Türrahmen ab, atmet demonstrativ laut aus und verkündet: „Mit der Sicherung ist alles in Ordnung. Das ist ein Stromausfall.“ In der Zwischenzeit ist sich Louisa sicher, dass wir nicht der einzige Haushalt sind, der diese Schreckensnachricht verkraften muss: „Die Temperatur- und Datumsanzeige bei der Volksbank funktioniert auch nicht. Bestimmt hat die ganze Straße keinen Strom.“ Keinen Strom. Mir dämmert, dass kein Strom der Grund ist, warum mein warmes Abendessen heute ausfallen muss. „Ich habe noch Popcorn von gestern“, erwidert Louisa meinen entsetzen Blick.

Kurze Zeit später sitzen wir etwas hilflos im Hausflur. Im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzen ist doof ohne Fernseher. Durch die offene Haustüre weht abendlicher Sommerwind. Das Mikrowellen-Popcorn vom Vortag schmeckt latschig, aber immer noch nach Käsearoma. Eine Flasche Wein und Schokolade machen das Festmahl perfekt, dazu dudelt leise Musik. Wir unterhalten uns über gescheiterte Beziehungen, nippen Wein, und das latschige Popcorn mit Käsearoma bleibt zwischen unseren Zähnen hängen. So könnte es zwei Stunden weitergehen – denn so lang hält der Akku meines Laptops, das einzige technische Gerät, das noch funktioniert. Wie gut es der WG tut, sich zu unterhalten – und zwar persönlich und nicht per Skype oder mit Post-its! Plötzlich verstehe ich, warum die Geburtenrate neun Monate nach großen Stromausfällen nach oben schnellt. So weit kommt es in unserer WG aber nicht: Plötzlich zeigt die Temperatur- und Datumsanzeige bei der Volksbank 23 Grad an. Die Rückkehr des Stroms beendet unsere Versammlung im Hausflur. Aber Popcorn, Schokolade und Wein sind sowieso leer. Miriam Kumpf

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Noch mehr auf noir-online.de Du möchtest mehr Texte von unserem Schwaben im nordischen Exil lesen? Klicke auf www.noir-online.de für mehr Texte der Serie „Ein Schwabe im Norden“. Ebenfalls im Web: alle bisher erschienenen Einblicke ins studentische Wohnen unter „Alltäglicher WG-Wahnsinn“ und viele Premieren bei „Mein erstes Mal“. Zum Beispiel berichtet Bianca Göpfert von einer abenteuerlichen Irrfahrt durch Paris – bleibt zu hoffen, dass es die erste und letzte Irrfahrt dieser Art für die Autorin war.

Foto: Miss X / photocase.com


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26. bis 28. November 2010 Melde dich jetzt an: www.jugendmedientage-stuttgart.de

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NOIR - Ausgabe 17: Die Welt im Wandel