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Ausgabe 15 (Mai 2010) www.noirmag.de

Der Mensch und die älteste Faszination

Vom Himmel gefallen

Titelthema

Interview

Kultur

Teuflisch: Für mehr Hölle im Leben

Nachgefragt: Was ist Wohlfühlwetter?

Handarbeit: Was die Oma noch konnte


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~ Editorial ~

UM HIMMELS WILLEN Vom Himmel zu fallen, ist für Sternschnuppen ein Todeskampf. Mehr auf Seite 007

Inhalt – NOIR 15

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or einigen Ausgaben schrieb das ZEITMAGAZIN in seinem Editorial: „Immer wenn etwas Neues begann, wenn es galt, etwas prägnant zu machen, war Schwarz die Farbe der Stunde“. So gesehen war die NOIR schon immer ein Kind ihrer Zeit und das sogar schon, bevor Tilmann Prüfer im ZEITMAGAZIN Schwarz zur „Farbe des neuen Jahrzehnts“ machte. Die NOIR ist schwarz seit 2007. Ob sich der Vulkan auf Island dieser Theorie bewusst war, als er anfing, Asche in den Himmel zu pusten? Immerhin passen die schwarzen Aschewolken farblich zum neuen Jahrzehnt. Vielleicht war es ein Willkommensgeschenk. Unsere Autoren haben im Himmel mehr gesehen als nur eine Aschewolke – eigentlich alles, nur nicht schwarz. Sie schreiben über Sternschnuppen, Stewardessen, Brieftauben und Mondbewohner. Sie haben überlegt, wann wir ein Engel sein sollten und wann ein teufliches Benehmen angebracht ist. Bekanntlich liegen gut und böse nah beieinander: „Engel links, Teufel rechts“, um mit den Worten von „Fettes Brot“ zu sprechen. In den Himmel zu schauen ist schön. Aber auf die Dauer verursacht es Nackenschmerzen. Deswegen sind wir mit einem Teil der Artikel auf dem Boden geblieben: Zwei Autoren kommentieren die Diskussion um den Datenschutz, ein anderer hat Verständigungsprobleme. Ob sich diese in Luft auflösen, wenn man in den Himmel schaut?

Fotos: "Nina Vollmer" (groß); "Katharina Bernhardt" (o.re.) / www.jugendfotos.de (beide)

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Lifestyle. Farbenlehre

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Kultur. Handarbeit

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Thema. Dem Himmel so nah

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Thema. Sternschnuppen

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Thema. Teufelszeug

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Interview. Wettervorhersage

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Thema. Willkommen an Bord

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Porträt. Mondbewohner

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Intern. So tickt die Redaktion

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Politik. Gläserne Schüler

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Politik. Datenschutz und ich

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Querbeet. Moin oder Grüß Gott

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Editorial Impressum

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Babyblau und rosarot

ROSAROT Cyan Magenta Yellow Black

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Zwei Farben im Wandel der Zeit

Blaue Kinderwagen, rosa Himmelbetten, blaue Strampler und rosa Rasseln. Das ist das Bild, das einen beim Betreten eines Geschäfts für Babyausstattung erwartet. Für die einen ist es die rosa Hölle; andere sind ganz begeistert

BABYBLAU Cyan Magenta Yellow Black

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eder weiß, wenn er einen Säugling in blauer Kleidung sieht, dass es ein Junge ist. Blau steht aus farbpsychologischer Sicht für Männlichkeit. Rosa vereint vor allem weibliche Eigenschaften: Sanftheit, Zartheit, Romantik, Naivität und symbolisiert etwas Kleines und Weiches. Aber niemanden interessieren die Farben Blau und Rosa weniger als die Babys selbst, denn diese können erst mit ungefähr vier Monaten Farben erkennen. Allerdings wählen Kinder bis zum fünften Lebensjahr am ehesten rote Spielsachen und Kleidung. Doch wie kam es überhaupt zu dieser „klassischen“ Farbverteilung? Rosa wurde bis 1920 den Jungen zugeordnet, denn seit jeher galt Rot als die Farbe der Männlichkeit. Im Römischen Reich und im Mittelalter war Rot den Kaisern und Königen vorbehalten. Rot war die Militärfarbe, denn der Gegner sollte durch die farbenkräftige Tracht erschreckt werden. Auch Jesus ist mit rosa oder roter Kleidung in der Malerei dargestellt. All dies änderte sich, als man feststellte, dass Tarnfarben strategisch günstiger sind. Im alten Orient wurden Neugeborene mit blauen Tüchern umwickelt. Selten kam diese Ehre Mädchen zu teil, da sie in damaligen Augen weniger wert waren. Im Christentum stand Blau für die Jungfrau

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Maria, die in den mittelalterlichen Darstellungen einen blauen Mantel trägt. So wurden in Europa Mädchen blau eingekleidet. Rosa gilt als das „kleine Rot“ und Himmelblau als das „kleine Blau“. Weniger farbintensive Töne, sehr oft auch weiß, wurden schon früh für Kinderkleidung gewählt. Da diese häufiger gewaschen wurde, verblassten die Farben schneller. Dies änderte sich erst im 19. Jahrhundert, als chemische Farben entwickelt wurden. Kleidung konnte dann effektiver und billiger gefärbt werden. Zum Ersten Weltkrieg hin nahm die Bedeutung der Marine zu. Matrosenanzüge waren vorwiegend blau wie das Meer, und auch an Land schufteten Arbeiter in Blaumännern. Jungen Frauen blieb als Kontrast Rosa. Ab 1920 setzte sich die neue Farbverteilung durch. Nach und nach standen in den Haushalten Waschmaschinen. Da die Farben mittlerweile kochfest waren, wurde das sterile Weiß überflüssig. Die Kinderkleidung wurde farbenfroher. Und die Farbverteilung blieb bis heute erhalten.

Zunehmend entdeckten auch junge Frauen rosa für sich: „Hello Kitty“ ist aus den Regalen nicht mehr wegzudenken – es gibt alle erdenklichen Produkte mit der rosa Katze zu kaufen. Anfangs galten kleine Mädchen als Zielgruppe, inzwischen hat sich die Altersgrenze aufgelöst. Auch Blau ist stark in Mode: Bob der Baumeister taucht, kombiniert mit der „männlichen“ Farbe, auf und ziert die Kinderzimmer vieler kleiner Jungen. Josephine Dietzsch

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Definition: CMYK CMYK ist das Farbmodell aller Druckverfahren. Mit den vier Grundfarben Cyan, Magenta, Gelb (Yellow) und Schwarz lässt sich jede Farbe auf Papier darstellen.


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MACH’S DOCH SELBST! M

eine Mitbewohnerin trägt neuerdings einen prachtvollen grauen Wollschal, selbst gestrickt. Und eine meiner Kommilitoninen häkelt im Hörsaal eine Hülle für ihr iPhone. Handarbeit ist definitiv en vogue! Nur ich, so scheint mir, bin noch nicht bekehrt. Kein Wunder – meine Eltern haben meine Wollpullis gekauft, und meine Oma hat mir die Kunst der Masche vorenthalten. Ich beschließe, mir radikale Hilfe zu besorgen und einen echten Experten auf dem Gebiet aufzusuchen. „Ich kann dir genau sagen, wie lange eine meiner Omas braucht, um diese Handyhülle zu häkeln“ verspricht mir Manfred Schmidt. Er muss es wissen, denn er beschäftigt immerhin über 40 häkelnde und strickende Omas. Pardon: Ein Häkelopa macht auch mit. Schmidt ist der Erfinder und Inhaber der „Mascherie“, einem Laden für Strick- und Häkelunikate im Stuttgarter Westen. Vor gut vier Jahren kam ihm die Idee, dass die Geschenke seiner Oma – Klopapierhüte und Taschentuchtäschchen – auch anderen Leuten gefallen könnten.

Foto: Emilia von Senger

„Gestartet haben wir mit gehäkelten Kleinkramtäschchen, Handy- und Digicamtaschen“, erzählt der Selfmade-Mann Schmidt. Der diplomierte Architekt gründete die Firma „Oma Schmidts Masche“, parallel dazu baute er einen Onlineshop auf. Mit steigender Kundschaft kamen immer mehr handarbeitende Omas dazu, deutschlandweit. Ende 2007 eröffnete er

“Handarbeit ist definitiv en vogue. Nur mir hat meine Oma die Kunst der Masche vorenthalten“ seinen Laden in Stuttgart – „sein Baby“, wie Schmidt mit einem Lächeln sagt. Mittlerweile finden sich im Laden die vielfältigsten Modelle: gehäkelte Kinderschuhe,

Schlüsselanhänger in Brezel- oder Pistolenform und Topflappen mit Totenköpfen. „Die Designs entwerfen wir gemeinsam: die Häkelomas, ich und die Kunden“, sagt Schmidt. Auch Aufträge nimmt er an; zuletzt wünschte sich eine Kundin einen gehäkelten Hirschkopf als Geburtstagsgeschenk für ihren Mann. „Produkte aus der Heimat werden von den Kunden geschätzt, außerdem ist jedes Stück einzigartig“, sagt Manfred Schmidt. Langsam geht mir auf, warum meine Generation die Handarbeit wiederentdeckt. Nicht Mode von der Stange, sondern Selbstgemachtes beweist Individualität. Manfred Schmidt geht also voll mit der Zeit; und nebenher gibt er vielen Omas die Möglichkeit ihre Kreativität einem breiten Publikum zu präsentieren: „Durch den Verkauf hat die Handarbeit meiner Häkelomas einen ganz anderen Wert – sie werden oft darauf angesprochen.“ So wie meine strickenden und häkelnden Freundinnen. Wer stolzer lächelt, kann ich nicht sagen. Emilia von Senger

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KEINEN SCHRITT OHNE DEN EINFLUSS DES HIMMELS Heute ist der Himmel grau. Zeit für himmlische Gedanken: Welche Bedeutung hat der Himmel für Menschen und Tiere, für Religion. Und was haben Frischkäse und Kräutergarten damit zu tun?

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er Blick in den Himmel bringt heute keine Aufmunterung, so blättere ich durch die Tageszeitung; Regierungsknatsch, Unwetter, Lokalveranstaltungen. Halt! Eine Meldung zieht meine Aufmerksamkeit auf sich: Im Burj Chalifa soll es eine Explosion gegeben haben und jetzt ist die Aussichtsplattform geschlossen. Burj Chalifa? Da war doch was, denke ich mir. Am Jahresanfang erst wurde der Turm in Dubai noch groß umjubelt eröffnet. Das Ereignis ging über Tage durch die Presse; Der Burj, was auf Arabisch Turm heißt, hatte mit einer Höhe von mehr als 800 Metern den bisherigen Rekord-Wolkenkratzer der Welt in Taipeh als höchstes Gebäude auf unserem Planeten abgelöst. Der Turm ist mit seinen 200 Etagen so hoch, dass er bei gutem Wetter noch aus hundert Kilometer Entfernung gesehen werden kann. So ist der Burj Chalifa nach der Palmeninsel und den Fünf-SterneHotels zur neuen Attraktion des Wüstenstaats geworden. Er stellt nicht nur ein Symbol des neuen Luxus und Wohlstandes dar, sondern setzt auch einen Wettbewerb der Superlative fort. Architekten und Städteplaner wollen immer höher hinaus, immer weiter in Richtung Himmel. Dabei erreichen die Gebäude in rasantem Tempo unvorstellbare Höhen. Vor etwas mehr als hundert Jahren, bis zum Jahr 1907, war die City Hall in Philadelphia mit 167 Metern das höchste Gebäude der Welt. Der damalige Rekordhalter maß also nicht einmal ein Viertel des Burj Chalifa. Auch in Deutschland wachsen Türme

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weiter gen Himmel. Besonders lässt sich das in Frankfurt am Main beobachten, wo elf der zwölf höchsten Gebäude der Bundesrepublik stehen. Sieben von ihnen sind in den letzten zwanzig Jahren entstanden.

Zwei Himmel statt einem So schnell bin ich aus meinem gemütlichen Frühstück direkt „in den Himmel“ katapultiert worden. Glücklicherweise aber nicht in dem Sinne, den der religiöse Volksmund kennt. Selten hat der Himmel eine so große Bedeutung wie für die Religionen: Gott, die Toten, Engel, Jesus – alle scheinen sie sich irgendwo dort oben im Himmelreich aufzuhalten. Dies wird an vielen Stellen in der Bibel belegt. So steht beispielsweise geschrieben: „Es ist wichtig zu sehen, dass Gott, als er das gegenwärtige Weltall schuf, zu dieser Erde einen Himmel schuf, damit die Erde vom Himmel aus regiert werden sollte.“ Woher aber genau kommt diese Auffassung? Johanna Nanko aus Tübingen studiert Religionswissenschaften und ist mit Fragen dieser Art vertraut. „Die Vorstellung im Christentum, dass Gott sich im Himmel befinde, stammt aus dem Judentum“, erklärt sie. In dieser Religion habe sich schon vor langer Zeit die Vorstellung bewahrt, dass Gott im Himmel sitze. „Es wird vom Firmament als ‚Thron Gottes’ geschrieben“, nennt Johanna ein Beispiel. Die Idee ist also schon sehr alt. Genauso alt scheint auch die Vorstellung, dass die

Toten in den Himmel kommen. „Christen glauben, ihre Ruhe und Belohnung bei Gott zu finden, wenn sie sterben“, erzählt Johanna. Da Gott im Himmel ist, folgen die Verstorbenen, logisch, nach oben. So hat sich in unseren Köpfen das Bild gefestigt, Gott und die Verstorbenen befänden sich irgendwo „dort oben“ zwischen den Wolken. Oder doch nicht so ganz? „Wichtig ist“, erklärt Johanna, „dabei zu beachten, dass wir in der deutschen Sprache nicht zwischen dem kosmologischen und dem religiösen Himmel unterscheiden, wie es beispielsweise im Englischen mit ‚sky’ und ‚heaven’ ist.“ Daher komme, besonders bei Kindern, die Vorstellung auf, dass Gott und Engel in den Wolken wohnen. Aber wie sieht das in anderen Religionen aus? „Auch im Judentum und im Islam stellt man sich Gott als Bewohner des Himmels vor“, weiß die Tübinger Studentin. Im Shintoismus in Japan glaube man hingegen an Götter und Geister in der Natur auf der Erde. Im Hinduismus geht es sogar noch weiter: Hier können Götter sich auch direkt unter den Menschen befinden. Und auch die alten Griechen stellten sich ihre Götter in der Antike nicht im Himmel, sondern auf dem Olymp vor. „Auch hier war die Vorstellung von Gott nicht immateriell“, macht Johanna mir zum Abschluss verständlich. „Dadurch war die Vorstellung von Halbgöttern möglich.“ Dass der Himmel besonders in der Sprache von Bedeutung ist, hat sich schon mit der fehlenden Unterscheidung im

Illustration: Gabriel Rausch


Deutschen zwischen „heaven“ und „sky“ angedeutet. Dafür haben wir aber umso mehr Redewendungen in unsere Alltagssprache aufgenommen, die sich dem Himmel ausführlicher widmen. Leider „fällt Geld nicht vom Himmel“, dafür könnte jeden Moment jemand wie „ein Blitz aus heiterem Himmel“ vor unserer Tür auftauchen. Am Besten natürlich derjenige, mit dem wir gerade „auf Wolke sieben schweben“. Den würden wir dann auch „himmelhochjauchzend“ begrüßen mit „dich schickt der Himmel“. Kämen aber „aus allen Himmelsrichtungen“ Unbekannte, die uns „das Blaue vom Himmel versprechen“ wollten, würden wir wohl eher schreiend davon rennen: „Der Himmel beschütze uns!“ Noch schlimmer, falls uns ein „himmelschreiendes Unrecht“ widerfahren wäre. Die ganze Sache würde dann wohl „zum Himmel stinken“. Aber dabei sollten wir beachten: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Und das ist ja ein „himmelweiter Unterschied“. „Weiß der Himmel“, ob wir es jemals schaffen würden, das besser zu machen, aber in diesem Fall würden wir wohl „in den Himmel gelobt“ werden.

Das Geschäft mit dem Himmel „Um Himmelswillen!“ Eindeutig zu viel Himmel in den letzten Sätzen. Ich beschließe, mir eine kleine Pause zu gönnen, mache es mir auf dem Sofa bequem und schalte den Fernseher ein. Nach wenigen

Minuten Film kommt auch schon die verhasste Werbepause. Genervt möchte ich weiterschalten, als sich George Clooney ins Bild drängt und mit Gott im Himmel verhandelt. Die Kaffeewerbung kenne ich bereits zu genüge, nur etwas Neues ist mir aufgefallen: schon wieder Himmel! Hört das denn heute gar nicht mehr auf? Wo ich jetzt schon ins Grübeln gekommen bin, merke ich: Clooney und seine Kaffeemaschine sind bei Weitem nicht die einzige Werbung, die sich den Himmel zu nutzen macht. Vielmehr scheint das himmlische Geschäft richtig aufzublühen: Für einen Frischkäse schweben blonde Engel samt Kräutergarten auf einer Wolke dahin und beißen genüsslich in ein Brot, bestrichen mit der neuen „himmlischen“ Sorte. Ein fertiges Dessert trägt den himmlischen Namen „Wölkchen“, und eine der bekanntesten deutschen Automarken wirbt mit Schutzengeln. Das erinnert mich an andere florierende Geschäfte mit himmlischem Beistand. Denn nicht nur in der Werbung gibt es Schutzengel: Als Glücksbringer sind sie schon länger ein beliebtes Geschenk. Auch in der Kunst ist der Himmel seit hunderten von Jahren ein Objekt der Begierde, nicht nur als Hintergrund zahlreicher Naturgemälde, sondern auch als bewusstes Motiv. Vincent van Gogh hat es der Sternenhimmel besonders angetan. So gibt es von ihm den „Zypressenweg unterm Sternenhimmel“, den „Sternenhimmel über Saint-Rémy“, die „Sternennacht“ genauso wie die „sternenklare Nacht“. In

allen Bildern zeigt er den Mond charakteristisch als Halbmond und kringelige Lichtschweife der Sterne.

Von Dädalus und Ikarus zu ihren großen Nachfolgern Aber schon vor Ewigkeiten gab es Menschen, denen es nicht gereicht hat, den Himmel aufs Papier zu bringen. Sie wollten sich hinauf in den Himmel schwingen und frei fühlen wie ein Vogel. Schon in der griechischen Mythologie ist der Traum des Fliegens von großer Bedeutung: Dädalus und Ikarus versuchten, sich mit Flügeln aus Wachs und Vogelfedern bewegen zu können wie ihre Vorbilder aus dem Tierreich. Auch Leonardo da Vinci skizzierte Entwürfe einer Flugmaschine. Da Vinci und andere Wissenschaftler nach ihm versuchten, eine funktionierende Maschine zum Transport von Menschen in der Luft zu konstruieren. Doch die Umsetzung scheiterte am Gewicht – bis ins 19. Jahrhundert. Den französischen Brüdern Joseph Michel und Jacques Étienne Montgolfier wie auch Ferdinand Graf von Zeppelin gelang es als erstes, Menschen in Heißluftballons beziehungsweise Luftschiffen zu transportieren. Diese Flüge waren aber auf Grund ihres hohen Preises nur einem kleinen Publikum zugänglich. Besonders nach der Explosion des längsten Zeppelins „Hindenburg“ 1937, die mehr als dreißig

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Für die Umwelt gar nicht himmlisch!

Menschen in den Tod riss, wurde der Zeppelinverkehr stark eingeschränkt. „Schon früh arbeiteten Konstrukteure trotz des Aufkommens von Ballons und Luftschiffen überall in Europa an Entwürfen von Flugmaschinen mit Flügeln“, erklärt Claudio Müller, Autor der Bücher „Flugzeuge der Welt“, der heute als einer der besten Kenner der internationalen Raumfahrt angesehen wird. Es war schließlich ein Brite, Sir George Cayley, der als Erster die Funktionsweise von Flügeln erkannte. „Die naturgegebene Form der Flügel bewirkt, dass die Luft an der Oberseite schneller fließt und der Luftdruck sinkt. An der Unterseite des Flügels fließt die Luft dagegen langsamer und weist daher einen höheren Luftdruck auf. So entsteht an der Oberseite Sog und an der Unterseite Druck. Aus diesem Grund können Vögel auch ohne Flügelschlagen in der Luft gleiten“, schreibt Müller. Das ausschlaggebende Ereignis in der Entwicklung der Luftfahrt war die Erfindung des Benzinmotors. „So gelang auch die erste Überquerung des Ärmelkanals“, erzählt Müller. Wenig später wurde die erste Flugzeugfabrik der Welt eröffnet. Heute ist das Flugzeug zum normalenTransportmittel geworden. Dank Billigflügen kommt man zu Spottpreisen in beinahe alle europäischen Großstädte und wer etwas drauflegt, kann auch den Rest der Welt erkunden.

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Was man dabei aber nicht vergessen sollte: Fliegen schadet der Umwelt. „Durch den Verbrennungsprozess von Kerosin in so großer Höhe sind die Abgase sogar deutlich schädlicher, als wenn die Verbrennung auf der Erde stattfinden würde“, erklärt Hannes Huber, Pressesprecher des Naturschutzbundes NABU in BadenWürttemberg. „Dieser Faktor wird für den Klimawandel immer schlimmer“, betont er. „Gerade hier sollte sich jeder an der eigenen Nase packen. Ich verurteile Flugreisen nicht prinzipiell, aber man sollte sich schon fragen: Muss ich jetzt über das Wochenende nach München oder Rom fliegen, womöglich nur zum Einkaufen?“ Umweltverschmutzung durch den enorm gestiegenen Flugverkehr ist aber nicht der einzige Beweis dafür, wie rücksichtslos und unbedacht viele in den letzten Jahren mit dem Himmel umgegangen sind. Auch der Bau immer höherer Gebäude schadet der Umwelt. „Ein Phänomen kennen viele Leute selbst“, erzählt Huber. „Da sitzt man zu Hause am Kaffeetisch und plötzlich donnert ein Vogel gegen die Glasfassade und bricht sich das Genick.“ Dass Vögel gegen Scheiben fliegen, liege vor allem daran, dass sich der Himmel in der Fensterscheibe spiegelt und Vögel so annehmen, hoch in den Himmel zu fliegen. „Den Himmel zubauen, das ist für die Umwelt in diesem Falle wortwörtlich tödlich.“ Dies betreffe nicht nur Einzelfälle, sondern riesige Zahlen, betont der Pressesprecher. Es gebe allerdings eine Lösung um dem „Vogelschlag“, wie im Fachjargon genannt, entgegenzuwirken: „Mittlerweile gibt es spezielle Gläser, die für die Vögel nicht durchsichtig sind, da sie ein anderes Lichtspektrum sehen als wir“, erklärt

Huber. „Daher sind diese Gläser vogelsicher.“ Aber nicht nur für Vögel, auch für das Mikroklima sind hohe Gebäude gefährlich, weil sie so genannte Frischluft-Schneisen zu Siedlungen blockieren. Simpel gesagt: Es kann keine Luft mehr aus dem kühlen Wald in die heiße Stadt fließen und andersherum. Hierbei gelte die Faustregel: Je höher die Gebäude sind, desto größer ist dabei der Einfluss. „Ein ganz spannendes Thema ist auch, dass der Himmel in der Stadt heute nicht mehr richtig dunkel ist.“ Die sogenannte „Lichtverschmutzung“ störe vor allem nachtaktive Tiere. „Oft beobachtet man, dass Insekten, die sich sonst am Mond als Fixpunkt orientieren, im Kreis um eine Straßenlaterne herum fliegen.“ Das sei bedenklich, da das Leben der Stadtinsekten so gehörig durcheinandergebracht werde. Ähnliches lässt sich bei in den Himmel gerichteten Scheinwerfern, beispielsweise vor Diskotheken, beobachten: „Vögel, die nachts über die Städte ziehen, werden abgelenkt und gestört, weil der Himmel nicht mehr so ist, wie ihn die Vögel eigentlich kennen.“ Auch würden Vögel durch Flugzeuge irritiert. So lässt sich beobachten, dass Zugvögel, wenn ein Flugzeug über ihnen vorbeifliegt, ihre Formation auflösen, völlig durcheinander geraten und sich erst langsam wieder sammeln. „Sie sind es nicht gewohnt, dass etwas über ihnen fliegt“, erläutert Huber. „Wenn dann ein Flugzeug auftaucht, denken sie, es sei eine Bedrohung, zum Beispiel ein Greifvogel.“ Ob in der Sprache, der Werbung, der Kunst oder dem Bau – überall scheint der Himmel eine Rolle zu spielen. Der schwedische Wissenschaftler Emanuel Swedenborg hat im 18. Jahrhundert einmal gesagt: „Der Mensch kann keinen Schritt tun ohne den Einfluss des Himmels.“ Treffender kann unser Bezug zu unserer ältesten Faszination kaum formuliert werden. Susan Djahangard


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TODESKAMPF AM STERNENHIMMEL A

bends durch die Straßen laufen und in den Himmel blicken. Wer von uns hat sich nicht schonmal auf der Suche nach Sternschnuppen ertappt? Aber was sind Sternschnuppen und woher kommt der Mythos, dass man sich etwas wünschen darf, wenn man eine am Sternenhimmel entdeckt? Zwischen den Planeten im Weltraum schwirren eine Menge Staubkörnchen umher. Wenn diese in die Lufthülle der Erde gelangen, verglühen sie in einer Entfernung von etwa 100 Kilometern über unseren Köpfen. Es gleicht einem kleinen Todeskampf, den wir dann verfolgen dürfen. Das Gute daran: Sähen wir dieses Leuchten nicht, fielen uns wahrscheinlich tausende Steinchen auf den Kopf. An manchen Stellen im Weltall ist viel Staub an einer Stelle versammelt, meistens in den Flugbahnen von Kometen. Dadurch kann es passieren, dass wir in manchen Nächten viele Sternschnuppen hintereinander sehen können. Es gibt unzählige Mythen um die sagenhaften Sternschnuppen: Eine Sage des Volksmundes erzählt von dem Mönch Laurentius. Dieser soll am 10. August 258 auf Befehl des Kaisers Valerian auf einem glühenden Rost zu Tode gefoltert worden sein, weil er die Kirchenschätze unter den Armen verteilt hatte. In jener

Foto: privat

Nacht soll es einen besonders starken Sternschnuppenregen gegeben haben: die Tränen des Laurentius. Doch es gibt weitaus schönere Mythen. Küsst man einen Menschen unter einer Sternschnuppe – so wird erzählt – bleibt man für immer zusammen. Ein wichtiger Punkt ist aber das richtige Wünschen: Man muss seinen Wunsch auf jeden Fall für sich behalten. Eine italienische Sage besagt: Wenn eine junge Frau an einem klaren Sternenhimmel eine Sternschuppe entdeckt, und dabei an Heiraten denkt, hat sie gute Chancen, dass ihr Wunsch in den nächsten zwölf Monaten wahr wird. Aber auch für die Herren der Schöpfung gibt es eine Sage: In Westfalen geht man davon aus, dass wenn ein Mann auf dem Weg zu seiner Liebsten eine Sternschuppe am Himmel entdeckt, seine Chancen auf ein Schäferstündchen an diesem Abend gleich Null stehen. Ich finde: Von solchen Sagen sollte man sich nicht davon abbringen lassen, an einem klaren Abend seine Decke zu schnappen und sich auf ein Wiese zu legen, um die Sterne zu beobachten. Vielleicht geht ja der eine oder andere Wunsch in Erfüllung, aber das steht ja bekanntlich in den Sternen. Irina Bernhardt

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Sei ein Teufel! Menschen, die nur harmonisch leben wollen, sollten endlich ihre Engelsflügel einklappen, fordert Anna Ruppert

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ie stellten wir uns den Himmel vor, als wir Kinder waren? Als einen Ort der Idylle, wo wir mit den Engeln auf Wolken tanzen und die Sterne zum Greifen nahe sind? Als eine Welt, die vor Schönheit glänzt und einen für alle Zeit glücklich macht? Über die Hölle dachten wir lieber gar nicht nach. Auf die Idee, dass sich die beiden Kontraste schlichtweg auch im wahren Leben finden, kamen wir damals nicht. Doch spätestens, als die Illusionen aus der Kindheit verblassten, stellten die meisten – vielleicht auch nur unbewusst – fest, dass auch im Hier und Jetzt Himmel und Hölle samt Engeln und Teufel existieren. Wie sagt das Sprichwort? Man kann sich das Leben zur Hölle machen. Aber das Leben zum Himmel machen, das sagen wir nicht. Schade eigentlich, denn der Himmel ist doch viel schöner als die Hölle. Wer braucht schon Streit, Probleme, schlechte Laune, Kritik oder „himmlisch“ gute Partys, bei denen man sich so sehr betrinkt, dass man den ganzen nächsten Tag im Bett verbringen muss? Vielleicht wäre es ja viel schöner, immer in Harmonie und Anstand zu leben, bis man irgendwann in den Himmel kommt. Doch dann wäre das Leben höllisch langweilig: Wer hat schon Lust, immer diplomatisch nachzugeben und nie zu streiten? Wer könnte sich vorstellen, Partys zu feiern, bei denen man sich benimmt wie bei Oma zum Kaffeetrinken? Kaum jemand könnte immer strahlend vor Freude, dauerlächelnd durch die Gegend laufen und gar keine Emotionen außer Harmonie mehr spüren. Wo wäre dann der Spaß geblieben? Höhen und Tiefen gehören zu einem bunten Leben. Deshalb können wir froh sein, dass es im Leben auch immer ein bisschen Hölle gibt. Und dieses Bisschen sollte man genießen dürfen, solange man lebt. Menschen, die in der Welt immer nur das Gute sehen wollen und können, für die praktisch nur ein Himmel mit ein paar kleinen Kratzern existiert, sollten ihre Engelsflügel einklappen. Sie würden bald feststellen: Es macht Spaß, ab und zu ein kleiner Teufel zu sein!

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VON WEGEN WARMES GRIECHENLAND! Prof. Andreas Matzarakis lehrt an der Universität Freiburg und erklärt: „Der griechische Winter wird nicht von der südlichen Lage geprägt, sondern in erster Linie durch Kältehochs aus Sibirien.“ Mehr Verblüffendes erzählte er Joel Ibrahim und Anika Pfisterer im Interview

Prof. Andreas Matzarakis ist in Griechenland geboren und aufgewachsen – und zwar mit viel Schnee.

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err Matzarakis, Ihr Fachgebiet ist die Biometeorologie. Was steckt hinter diesem Begriff? Die Biometeorologie ist ein Fach, in dem neben Meteorologen und Klimatologen auch Mediziner und Biologen am Werk sind. Sie untersuchen die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Tier, Pflanzen und Klima, zum Beispiel den Einfluss des Wetters auf unsere Gesundheit. Zwar sind alle Menschen wetterreagierend und fühlen sich bei Sonnenschein wohler als bei Kälte, aber jeder zweite ist zusätzlich wetterfühlig Was konnten Sie herausfinden, wann fühlt sich der Mensch am wohlsten? In Deutschland liegt der Wohlfühl-Faktor zwischen 18 Grad und 23 Grad Celsius, in Taiwan dagegen zwischen 24 und 29 Grad. Diese Unterschiede hängen von Faktoren wie Geschlecht, Gefühlslage und Gewohnheit ab. Deshalb empfindet ein Finne einen warmen Spätsommertag bei uns als besonders heiß, während ein Afrikaner schnell ins Frösteln gerät.

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Man hört überall vom Klimawandel, meistens in einem negativen Zusammenhang. Könnte es auch sein, dass die Deutschen in Zukunft vom Klimawandel profitieren? Man muss es regional betrachten. Höher gelegene Regionen werden profitieren, da es dort wärmer wird. Die niedrigeren Regionen werden im Sommer eher unter Niederschlag und mehr Trockenheit leiden. Die Hitzetage können sich im Laufe dieses Jahrhunderts verdoppeln. Das wird besonders die Landwirtschaft zu spüren bekommen. Weinbau wird sich zum Beispiel in höhere, wärmere Regionen verlagern können. Man kann beim Klimawandel auf gar keinen Fall von Gewinnern und Verlierern sprechen. Der Landwirt, der in zehn Jahren als Gewinner dasteht, könnte plötzlich mit einer neuen Insektenplage zu kämpfen haben. Gegenden wie Florida oder die Karibik sind wegen Wirbelstürmen immer wieder in den Nachrichten. Warum ist das Wetter bei uns vergleichsweise harmlos? Damit Wirbelstürme entstehen, muss genügend Wasserdampf in der Luft vorhanden sein. Für Verdunstung muss das Wasser eine Temperatur von mindestens 26 Grad Celsius haben. Außerdem braucht

es eher flaches Wasser. Wenn sich das Klima hier nun erwärmen sollte, ändern sich auch die Bedingungen. Aber nicht so stark, dass auch hier wie in Nordamerika Hurrikans entstehen könnten. Moskau, zum Beispiel, spielt gerne den Wettergott zu großen Feiertagen. Für einen blauen Himmel lässt es Wolken einfach an anderer Stelle ausschneien. Wie kann man das Wetter manipulieren? Niederschlag kann man durch Wolkenimpfen mit Flugzeugen beeinflussen. Damit eine Wolke regnet, braucht sie Kondensationskerne. Wenn ich Wolken mit Kondensationskernen versehe, kondensiert das Wasser: Die Wolke regnet aus. Auch bei Hagelwolken können mehr Kondensationskerne hinzugefügt werden, dann verteilt sich das Wasser auf mehrere Kerne, die Hagelkörner werden kleiner und richten auf der Erde weniger Schaden an. So ein Einmischen in die Natur wirft ethische Fragen auf. Zum Schutz vor großen Hagelschäden halte ich diese Methode für sinnvoll, darüber hinaus finde ich sie problematisch. Billig ist das Wolkenimpfen auch nicht: Man braucht viele Flugzeuge, die wiederum Schadstoffe ausstoßen. Das künstliche Wetter wirkt wie eine Tablette, deren Nebenwirkung wir nicht kennen. Kalter Winter, heißer Sommer: Was ist dran an Wetterweisheiten? Wie weit im Voraus kann man das Wetter vorhersehen? Solche Regeln stimmen in jedem zweiten Fall. Ob Vorhersagen eintreffen oder nicht, ist Zufall. Natürlich steckt in jeder Regel ein bisschen Wahrheit und Erfahrung, aber das gilt nicht global, sondern immer nur für einzelne Regionen. Der Wetterdienst bei uns kann das Wetter mittlerweile bis zu fünf Tage und manchmal etwas länger vorhersagen.

Foto: privat


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KRANICH AUF ZEIT Nach 13 Jahren auf der gleichen Schulbank zieht es viele in die Ferne. Manche gehen nach Berlin oder London, werden Au-Pair in Paris oder reisen durch Australien. Nur wenige fliegen um die Welt

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rlaub ist der Job nicht, das stellen sich viele falsch vor“, erzählt Julia* mit einem Lächeln auf den Lippen. Die 23-Jährige hat nach der Schule sechs Monate als Stewardess gejobbt. Im Sommer, wenn das Touristenherz für Palmen und Sandstrände schlägt, sind auch Flüge gefragter. Um den zusätzlichen Personalbedarf zu decken, engagieren immer mehr Fluggesellschaften sogenannte „FAZ“ – Flugbegleiterinnen auf Zeit. Und das ist ein attraktives Angebot für Abiturientinnen. „Als Nesthäkchen der Crew“, erinnert sich Julia, „durfte ich oft am Eingang stehen und die Fluggäste begrüßen“. Gefühlte 350-Mal „Hallo – Herzlich Willkommen an Bord“ sagen, – und das auf verschiedenen Sprachen – gehört zum Arbeitsalltag einer Stewardess. „Bevor ich auf die Uhr geschaut habe, waren schon vier Stunden herum“. Kein Wunder: Julia brachte die Fluggäste zu ihren Sitzen, half Gepäck zu verstauen, erläuterte die Sicherheitshinweise, servierte Essen und Getränke und stand immer für eine nette Unterhaltung zur Verfügung. „Mein Arbeitgeber legt extremen Wert auf Freundlichkeit, das wurde uns schon in der Ausbildung beigebracht“, berichtet Julia. Julias Ausbildung zur Flugbegleiterin auf Zeit dauert neun Wochen. Sieben Wochen lang haben sie und ihre zukünftigen Kolleginnen von morgens bis abends Unterricht. Auf dem Stundenplan stehen Konfliktlösungsstrategien, Notfalltraining und Erste Hilfe Lektionen. Erst in den letzten beiden Wochen wird es ernst: Julia und ihre Mitauszubildenden begleiten das erste Mal eine Crew an Bord. „Meine ersten Flüge gingen nach Japan und Bahrain“, erzählt Julia, auf deren Weltkarte im Facebookprofil 43 Orte in 21 Ländern markiert sind. Am besten hat ihr New York gefallen: „Wenn wir dort

*Name von der Redaktions geändert

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ankamen, habe ich meine Uniform von mir geschmissen und bin in die Stadt gerannt“, erinnert sich Julia, die gerade wieder für ein Praktikum in der Weltstadt ist. Nach einem Langstreckenflug brauchen Flugbegleiter ein paar Tage Zeit zum Erholen. Je nach Flugplan halten sie sich ein bis vier Tage am Zielort auf. „Zwölf Stunden Arbeit an Bord gehen nicht spurlos an einem vorbei: entweder ich war wie high oder total erledigt nach einem Flug“, sagt die junge Flugbegleiterin. Julia lernte schon in der Ausbildung, dass manche Menschen stärker auf die Höhenunterschiede und den ständigen Wechsel der Schlafzeiten reagieren als andere. Deswegen werden die Bewerber einer sorgfältigen medizinischen Prüfung unterzogen. Das alleine reicht aber noch nicht: Julia durchlief ein komplexes Bewerbungsverfahren. Neben guten Sprachkenntnissen werden die Abiturientinnen auch auf ihre Teamfähigkeit und interkulturelle Kompetenz getestet. „In einer Simulation musste ich einen Passagier von der EconomyClass in die Business-Class setzen“, beschreibt Julia. Dadurch testet die Fluggesellschaft die Fähigkeit der Bewerber zu „Einsatzbereitschaft auch

Foto: soulstormer / photocase.com

unter Stress“ und „Diplomatie auch in schwierigen Situationen“. Strapazierfähige Nerven sind also unbedingt notwendig, ebenso wie eine gewisse Offenheit anderen Menschen und Kulturen gegenüber. „Ich habe Länder kennen gelernt, in die ich als Tourist nie gefahren wäre“, erzählt Julia. Beispielsweise war die jetzige Studentin der Kulturwirtschaft in Eritrea, einem der ärmsten Länder der Welt. Die krassen Unterschiede zwischen dem Crewhotel mit vier Sternen und dem Leben auf der Straße haben sie zum Nachdenken gebracht: „Ich habe in Eritrea Waisenhäuser besucht und so gelernt, unsere Welt anders zu sehen“. Manche von Julias Kollegen sind so sehr auf den Geschmack der Lüfte gekommen, dass sie sich entschieden haben, Vollzeit als Stewardess zu arbeiten. Julia würde gerne in ihren Semesterferien wieder eingesetzt werden, allerdings hat die akute Wirtschaftskrise das Flug- und damit auch das Personalaufkommen stark reduziert. Aber der nächste Aufschwung kommt bestimmt. Emilia von Senger

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DIE MONDFRATZE Als man 2007 in einem Berliner Abgeordnetenbüro Abhörwanzen findet, sind die Damen und Herren Politiker empört: Wer macht denn sowas? Siegfried Kauder von der CDU hat eine Idee: Er könne sich „vorstellen, dass es der Mann im Mond gewesen ist“

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Wicht“, denkt sich darauf der Mann im Mond und dreht weitere leidenschaftslose Runden am Firmament. Für einen Spion ist er viel zu gleichgültig, nicht aber für die hässliche Fratze mit Knollennase und pockennarbiger Haut. Die Pockennarben hat der Mann im Mond, weil ihn keine Atmosphäre umgibt, sondern nur unsägliche Langeweile, die Meteoriten im Härtefall wenig entgegensetzt. Punkt um Punkt und Komma um Strich schlug sich das Gestein in die Mondkruste, etwas Lava drüber, fertig war die Fratze! „Verleiht mir einen Sinn!“, schreien seitdem seine aussagelosen Flecken. Und siehe da, kein Volk, das bei Dämmerung nicht einen passenden Mondschwank wie ein Träumelein aus dem Ärmel schüttelt, keine Kultur unterm Sternenzelt, die dem umnachteten Fantasiereigen fernbleibt. „Hase!“, tönt der Chinese, „Krokodil!“ die Riesenhamsterratte in Gambia und „Die Geschwister Bil und Hiuki, Kinder des Wildfinnr, mit Eimer und Eimerstange!“ ein Dreikäsehoch aus dem Norden, dem seine kindgerechte Sprache abhandenkam. Eine baltische Sage hält die dunklen Stellen für Teerbatzen, die der Teufel dem Mond aus Sympathiemangel aufhalste.

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Südafrikaner dagegen könnten schwören, eine Frau mit Feuerholz auf dem Rücken zu sehen. In einer deutschen Sage ist es ein Sonntagsünder, der das Holz trägt und zur Strafe in den Mond muss. Zwei Länder endlich auf der richtigen Spur beim Pockennarben-Lesen? Zweifelhafte Einigkeit; für einen Betrachter der Südhalbkugel steht die Mondfratze auf dem Kopf und sieht entsprechend verdreht aus. Südafrikaner und Deutsche können also nicht annähernd das Gleiche sehen. Überhaupt, was erkennen die Europäer denn jetzt im Mond, ein Gesicht oder den gesamten Inhaber, vielleicht Herrn Kauder? Kann mal bitte einer die Grundsatzdiskussion lostreten? Es ufert aus. Dem Mondmann ist der Wirbel um seine Narben eine Last, das schreibt er auch in sämtliche Poesiealben. Was er mag: seine Ruhe. Was er nicht mag: Tratsch. Lieber fixiert er den Erdling bei seinen Spaziergängen und Einbrüchen. „Geh mir aus den Augen!“, stöhnen die ewig Schlaflosen. Das Mondantlitz aber zittert weiter in Friedhofspfützen und spickt durch die falsche Seite der Teleskope. Was im Hinterkopf der Fratze vorgeht, bleibt im Dunkeln, denn der Mond zeigt der Erde stets sein lachendes oder auch weinendes Gesicht – so genau weiß das keiner – und wenn das seine Schokoladenseite sein soll, dann gute Nacht! Vielleicht zu stoisch, vielleicht zu träge treibt der Mondmann

sich auf seiner Umlaufbahn voran, aber was geht uns seine Gesinnung an, solange er leuchtet? Bei Vollmond ist die Trägheit auf einmal ausgeblendet; im Lichtrausch und unter Sonnenstich steht dem Mann im Mond der Sinn nach Rebellion. Er plant einen Flashmob in Form der Quadratur Plutos oder eine Stunde Diskoleuchten mit Mars, bietet den irdischen Horoskoplesern Kokolores zum Lunatischwerden. Doch genauso plötzlich, wie die Phase gekommen ist, verpufft sie im All und mit ihr Heldentum und Hochgefühl. Neumond. Schon kehrt die Euphorie zurück. Der Mann im Mond ist nun ver-la-lelu-liebt! Gut, dass ihn keiner stottern hört oder gar sieht mit seinen tief geröteten Kratern. Er dagegen hat den besten Panoramablick auf unseren Planeten, auf dem aus seiner Warte gerade Vollerde herrscht. Die Sicht wirft den Mondmann aus seiner Bahn, raubt ihm seinen, seinen, was noch gleich, selten so wirr … seinen Verstand, das raubt ihm die Sicht auf … auf … auf? Auf die Mamsell in der Erde! Wenn der Mondmann eines Tages mondän genug ist, mopst er sie uns. Auf die Frage „Kind, was siehst du im Mond?“ kann der altkluge Dreikäsehoch aus dem Norden dann antworten: „Zwei pockennarbige Fratzen.“ Alles andere ist erfunden. Anika P fisterer

Foto: ”Martin Seeger” / www.jugendfotos.de


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Impressum

nsleben Meldungen aus dem Redaktio

NOIR ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 15 – Mai 2010

Nachwuchssorgen und zu wenig Frauen in Führungspositionen? Solche Probleme kennt die NOIR nicht. Anika und Susan verstärken ab sofort das Team und haben beim Redigieren und Feedbacken der Artikel geholfen. Wenn das so weiter geht, braucht die Redaktion bald einen Männerbeauftragten …

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Rosenbergstraße 50 70176 Stuttgart Tel.: 0711 993389-73 Fax: 0711 993389-74

Kalter Erasmus Welche Vorstellung hat man von Studenten, die ein Erasmus-Semester ins Ausland gehen? Richtig: Sie gehen jeden Abend auf eine andere Party, und den Rest der Zeit reisen sie im Land rum. So gesehen ist NOIR-Chefredakteur Andreas ein typischer Erasmus-Student. Untypisch ist, dass er sein Erasmus-Semester freiwillig im kalten Finnland verbringt. Während diese NOIR-Ausgabe entstanden ist, hat er sogar eine Klausur geschrieben. Manchmal arbeiten Erasmus-Studenten also auch tatsächlich etwas …

www.jpbw.de buero@jpbw.de

Chefredaktion Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de Mitarbeit: Susan Djahangard, Anika Pfisterer

Lektorat Dominik Einsele

dominik.einsele@noirmag.de

Layout & Art Director Tobias Fischer

tobias.fischer@noirmag.de

Layout-Team Luca Leicht, Benjamin Leiser, Gabriel Rausch, Simon Staib, T. Fischer layout@noirmag.de

Wurm drin? Eigentlich war Fotograf Stefan damit beschäftigt, Mäuse, Maden und Würmer kunstvoll in Lebensmittelverpackungen zu positionieren und für eine Hochschul-Bewerbung zu fotografieren. Trotzdem hatte er Zeit, sich um das NOIR-Titelfoto zu kümmern. Die Tiere hat er nach dem Fotoshooting übrigens zurück in die Zoohandlung gebracht.

Redaktion Irina Bernhardt (ib), Josephine Dietzsch (jd), Susan Djahangard (sd), Joel Ibrahim (ji), Miriam Kumpf (mk), Anika Pfisterer (apf), Sophie Rebmann (srm), Anna Ruppert (ar), Emilia von Senger (evs), Katharina Tomaszewski (kt), Jan David Zaiser (jz) redaktion@noirmag.de

Anzeigen, Finanzen, Koordination Sebastian Nikoloff sebastian.nikoloff@noirmag.de

Titelbilder Stefan Franke / www.stefanfranke.eu (Titel); "Frauke Dicker" / www.jugendfotos.de (links); "Moritz Wahl" / www.jugendfotos.de (mitte); "Leonard Billeke" / www.jugendfotos.de (re.)

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Illustration: Simon Staib

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Du bist süchtig nach Facebook? Wir auch! Werde auf www.facebook.de/jugenpresse Fan der Jugendpresse BW, lerne andere Jugendpressler kennen, vernetze dich mit ihnen und erfahre als Erster, was es bei der Jugendpresse Neues gibt.

Druck Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de

NOIR kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 Euro im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 0711 993389-73 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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Erika Klinger (85) fĂźhlt sich im Altersheim pudelwohl. Lisa BrĂźckner (17) auch.

Ausbildungsplätze in der Altenpege

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*ETZTBEWERBEN WWWALTENPÄŒEGE HAT ZUKUNFTDE


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VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN Der gläserne Bürger: für die Einen der pure Albtraum, für die Anderen eine reine Sicherheitsmaßnahme. Doch abseits von Gesetzen und staatlicher Überwachung geben wir selbst oft persönliche Daten preis – mit einer erschreckenden Leichtsinnigkeit, wie die Autoren Sophie Rebmann und Jan Zaiser finden. Zwei Beispiele, zwei Kommentare

Gläserne Schüler?

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nser Hausmeister weiß, wann ich Geburtstag habe. Mein Religionslehrer weiß, wo meine Eltern wohnen, und meine Deutschlehrerin weiß, dass ich einen Sprachkurs besuche, um ihrem Unterricht folgen zu können. Die neue Schülerdatenbank in Potsdam soll Bürokratie abbauen – doch sie bewegt sich in der rechtlichen Grauzone des Datenschutzes. Was in Bayern und Berlin längst möglich ist, wird nun auch in Brandenburg eingeführt: Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport (MBJS) hat einen Entwurf für eine „automatisierte und zentrale Schülerdatei“ vorgelegt. Diese Schülerdatei speichert 16 Angaben eines jeden Schülers bis zu 20 Jahre nach Verlassen der Schule zentral auf einem Computer in Potsdam. Betroffen sind von dieser neuen Ver- ordnung circa 300.000

Schüler in ganz Brandenburg. Gespeichert werden nicht nur Name, Geburtsdatum, Anschrift und Telefonnummer sondern auch sehr persönliche Daten. Zum Beispiel die Frage, ob man nichtdeutscher Herkunft ist oder welchen beruflichen Bildungsgang man einschlagen will. Unter den Begriff „personenbezogene Daten“ fallen nebenschulische Informationen, wie die Schwimmfertigkeit, Fehlzeiten oder Gesprächsprotokolle mit Lehrern. Insgesamt werden durch dieses Gesetz 16 verschiedene Eigenschaften über e i n e n S chü ler gespeicher t. Auf elf dieser Ei-

genschaften kann jede Person zugreifen, die eine „im Zuständigkeitsbereich liegende Schule“ besucht. Dazu zählen auch Hausmeister, Sekretärinnen, Putzfrauen und Bibliothekare. Die restlichen fünf Eigenschaften können nur von den Schulämtern im näheren Kreis abgerufen werden. Die Senatsverwaltung hingegen hat vollen Zugriff auf jegliche Informationen, die sich auf die berufliche Orientierung nach der Schule bezieht. So weiß die Senatsverwaltung zum Beispiel, welchen beruflichen Bildungsgang man einschlagen will und hat das Recht darauf, zu erfahren, bei welchem Betrieb man seine Ausbildung anfängt. Zu betonen ist hierbei: Jede Schülerin und jeder Schüler ist ab sofort gesetzlich dazu verpflichtet, seine persönlichen Daten preiszugeben und macht sich strafbar, wenn er die Auskünfte verweigert. Des Weiteren wird für jeden Schüler als Erkennungsmerkmal eine eigene Schülernummer angelegt. Diese Nummer ist für alle anderen Schulen zugänglich, damit diese Doppelungen von Schulanmeldungen erkennen. Veranlasst durch das MBJS, gefördert und durchgesetzt mit der Unterstützung einer rot-roten Regierung, soll die Schülerdatenbank in erster Linie Bürokratie abbauen und die Schulorganisation erleichtern. Das Ministerium be- gründet die

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Einführung damit, dass weder die Schulen, noch die Politik die ihnen zugewiesenen Aufgaben derzeit erfüllen könnten. Es gäbe erhebliche Defizite bei der Verwaltung sowie der Statistik, die durch die Masse an Bürokratie und hohe Fehlerquoten zustande komme. Behörden und Jugendämtern fällt es nun leichter, die Schulpflicht durchzusetzen. Der Einblick in eine Liste mit den Fehlzeiten enttarnt selbstverständlich jeden Schulschwänzer sofort. Mit Name und Anschrift. Die Befürworter der Schülerdatenbank legen großen Wert auf Datenschutz. So können Lehrer nur auf Daten zugreifen, die sie zur „Erfüllung ihrer Dienstaufgaben benötigen“. Außerdem ist in dem Gesetzesentwurf die Rede von sehr hohen Sicherheitsmaßstäben. Genau an diesem Punkt fangen jedoch die Kritiker an, ihre Stimmen zu erheben. Welche Daten braucht ein Lehrer, um seine Aufgaben zu erfüllen? Was sind hohe Sicherheitsmaßstäbe? Wo stehen detaillierte Informationen darüber, wer Zugriffsrechte hat? Wer kontrolliert das ganze System? Wie viel kostet das und wer bezahlt es? Der Landesrat der Schülerinnen und Schüler (LSV) Brandenburg spricht sich ausdrücklich gegen die Einführung der Schülerdatei aus und führt viele berechtigte Gründe dagegen auf. Der Sinn und Zweck dieser zentralen Schülerdatei sei nicht gegeben, da keine Notwendigkeit erkennbar sei und sich der bürokratische Aufwand nicht verringere. Im Gegenteil: Er vergrößere sich, denn zur Kontrolle der Datenbank sei ein großer Aufwand und viel Personal nötig. Außerdem seien Programmierung, Bereitstellung, Pflege und Wartung mit laufenden Kosten verbunden. Wer das bezahlen soll und wie hoch diese Kosten sind, stehe noch nicht fest. Laut des vorliegenden Gesetzesvorschlages können auch pädagogisches Personal der Schulen, Jugendamt oder Behörden auf die Schülerdatei zur Vollstreckung oder zur Verfolgung von Straftaten zugreifen. Dies greife definitiv in die Persönlichkeitsrechte der Schüler und deren Eltern ein. Die Entwicklung, so die LSV Brandenburg, sei ein „Schritt hin zum gläsernen Schüler“. Moralisch sei das nicht zu vertreten.

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Jeder Schüler hat das Recht, selbst zu bestimmen, welche Informationen er preisgibt. Durch die personenbezogenen Daten der zentralen Schülerdatei wird er gezwungen, persönliche Informationen preiszugeben, die eigentlich nur der eigenen Schule von Nutzen sein kann. Warum also eine zentrale und keine lokale Speicherung? 20 Jahre sind eine verhältnismäßig lange Zeit. Genau darin steckt auch der größte Kritikpunkt der LSV Brandenburg. So sei die Art und der Umfang der gespeicherten Daten mehr als unverhältnismäßig. Die Dateien seien 20 Jahre später nicht mehr von Nutzen – weder für die Schule noch die Politik. Die LSV, die alle Schülerinnen und Schüler aus Brandenburg vertritt, ist für eine Löschung der Datensätze nach Beendigung der Schulpflicht. Jeder Schüler solle außerdem seine Daten nur freiwillig angeben können und das unter einem Pseudonym. Auch die Eltern, die von dem Gesetzesvorhaben erfahren haben, sind strikt dagegen. So gab es nie eine öffentliche Diskussionsrunde oder eine Pressekonferenz zu dem Thema. Die Gegner der Schülerdatei waren klar in der Minderheit, was mit der schlechten oder nicht vorhandenen Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Thema zu tun hat.

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Indessen beginnt die Gesellschaft langsam aufzuwachen. Im Internet lassen sich vorgefertigte Schreiben für Eltern finden, die eine Preisgabe der Daten verhindern wollen, und zahlreiche Alternativen zur Schülerdatei. So könnte man laut der LSV Brandenburg den Umfang der gespeicherten Dateien auf ein Minimum verringern und diese Dateien mit einem Code verschlüsseln, dem sogenannten „Hash-Wert“. Anhand dieses Hash-Wertes würden sich Doppelanmeldungen verhindern lassen. Rückschlüsse auf den Namen des Schülers seien technisch fast nicht möglich. Es gäbe einen Abbau der Bürokratie und die Gefahr von Missbrauch würde veringert. Nach Datenskandalen von SchülerVZ und Steuersünder-CDs erwarten Eltern und Schüler einen angebrachten Umgang mit streng vertraulichen Daten. Jede Datenbank ist eine mögliche Gefahr. Auch die Schülerdatei. Ein Kommentar von Jan Zaiser


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Von Stürmen, Wellen und Luftmatratzen

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ach endlosem Gezeter und angeregten Diskussionen unterstützen 34.000 Bürger eine Klage gegen das Gesetz zur Speicherung von Telefon- und Internetdaten ein beim Bundesverfassungsgericht ein. Am 2. März 2010 wurde das Gesetz für verfassungswidrig erklärt; der Sturm flaute ab, die Wogen glätteten sich. Wer jetzt aber glaubt, sich zufrieden und unbesorgt auf seiner Luftmatratze zurück lehnen und unbeobachtet und frei über das nun ruhige Wasser dahingleiten zu können, der liegt falsch. Die vielen persönlichen Daten und Infos, die wir anderen, oftmals Unbekannten hinterlassen, meist freiwillig und ganz bewusst, gefährden unseren Datenschutz viel mehr als ein Gesetz, das die Speicherung der Uhrzeit, der Länge und des Standorts eines Gesprächs erlauben würde. Denn der beruhigte Luftmatratzen-Urlauber wird vom iPod aus seinen Freunden auf Twitter von den spektakulärsten Heldentaten seines langweiligen Alltagslebens vorzwitschern. Er kann sich nur glücklich schätzen, dass die von Spaßvögeln installierte Seite „please rob me“ nicht ernst gemeint ist. Denn die zeigt leer stehende Häuser anhand von Twitternachrichten über die Abwesenheit des Hausbewohners. Kurz darauf wird der Urlauber seinen FacebookStatus ändern. Wie gut, dass die flüchtige Bekannte einer Freundin von Peter nun weiß, dass dieser „Schule. Essen. Training. Bett&Schlafen!“ ist, und dass sowohl Hinz als auch Kunz dies „gefällt“... Warum veröffentlichen wir so persönliche Informationen für alle sichtbar im Internet? Und warum akzeptieren wir, dass diese für alle Ewigkeiten in den Tiefen des World Wide Webs gespeichert werden? Vor allem aber: Warum steht eine solche Frage nicht einmal im Facebook-Status? Sein Feriendomizil begutachtet der Badegast über Google Earth und freut sich,

Illustrationen: Luca Leicht

dass das Google-Auto so weit gekommen ist, sieht er doch, dass sich gleich an der nächsten Straßenecke ein Eiscafé befindet. Außerdem entdeckt er eine Familie, die unbemerkt dabei fotografiert wurde, als sie Eis schleckte. Nur die Gesichter sind unkenntlich. Später ärgert sich der Feriengast, dass sein eigenes Haus auch aufgenommen wurde und seine Wäsche auf der Wäscheleine deutlich sichtbar ist. Er weiß aber nicht, was er dagegen tun kann. Dabei würde eine Klage bei Google sein Haus möglicherweise unkenntlich machen.) Die Luftmatratze, auf welcher der Herr nun im Wasser gleitet, hat er zuvor im Real gekauft, wo er – na, klar! – seine Payback-Karte zückte, um Punkte zu sammeln. Mit denen leistet er sich später ein neues Fahrrad. Nebenbei flattert in Zukunft Werbepost in sein Haus, speziell auf seine getätigten Einkäufe abgestimmt. So wird er in seinem Kaufverhalten beeinflusst – beeinflusst in dem, was er einkaufen wird, und in welchen Mengen. Denn das Shampoo einer speziellen Marke hat er nur mitgenommen, da es in einer Sonderaktion mehr Punkte brachte. Überhaupt wäre er nicht mehr am Samstag vor Abfahrt so viel einkaufen gegangen, hätte es nicht wieder die Aktion „10-fach Punkte sammeln“ gegeben, die den Einkaufsberg in seinem Wagen steigen ließ. Noch ist unser Staat demokratisch strukturiert und die Grundfreiheiten eines jeden Menschen gegeben. Falls dies mal nicht mehr der Fall sein sollte, werden wir kontrollierbarer werden als früher. Wir sollten uns daher schon jetzt die Frage stellen: Wieviel Freiheit geben wir für Sicherheit auf? Und wie viele Freiheiten geben wir ganz naiv und unbesorgt tagtäglich von uns? Übrigens: „Found the missing spark & finally putting the finishing touches on my article. Yeah!“ schrieb ich soeben in meinen Facebook-Status. Und drückte den Button doch nicht. Ein Kommentar von Sophie Rebmann

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GUUURU, GUUURU – SIE HABEN POST Eine weiße Brieftaub Brieftaube ist nicht nur ein Symbol für Frieden, sondern würde auch die Brie Briefbeförderungsproblematik lösen

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Sprachbarrieren

Norddeutsche essen nur Fisch und Süddeutsche gehen nur mit ihrer Tracht ins Geschäft. Doch das ist nicht das einzige, was uns unterscheidet. Gibt es klare Grenzen, wo Süddeutschland und Norddeutschland beginnen? Ja! Süddeutschland beginnt südlich der Elbe, Norddeutschland nördlich der Donau. Es genügt ein Blick ans andere Ufer, um das zu verstehen. Im besten Fall sind Blicke auch das einzige, was Nord- und Südlichter austauschen. Nach bestandenem Abitur und 13 Punkten in Deutsch dachte ich, sprachlich meinem Auslandsaufenthalt gewachsen zu sein. 200 Tage und 5.000.000 Missverständnisse später weiß ich, wie weltfremd ich war! Als Schwabe in Kiel war Sprache für mich plötzlich nicht mehr das Mittel zur Verständigung. Die Horrorgeschichte beginnt am Stuttgarter Hauptbahnhof, als ich auf diese Menschensorte treffe, die einen mitten in der Nacht mit einem kräftigen „Moin moin“ begrüßt. Konnte sich dieser Bahnfahrer nicht bis zum Sonnenaufgang gedulden? Oder hat Rolf Zuckowski Recht, wenn er über die Sonne singt: „Im Norden ist sie nie zu sehen“? Wer in Dunkelheit aufwächst, tut sich schließlich schwer mit Tageszeiten und den passenden Grußformeln. Nach weiterem Rätselraten weihte mich ein Eingeborener in das Geheimnis ein: „Moin moin“ kommt nicht von „Guten Morgen“, sondern von „Na, mein Guter“. Ist doch sonnenklar. Sind Norddeutsche möglicherweise doch ganz okay? Mal unter uns. Was ist schlimmer: Jemand Fremden als „meinen guten Freund“ zu bezeichnen, oder ihm zu sagen, er möge doch bitte Gott von mir grüßen? Jan Zaiser

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ontags bis samstags, sa wenn ich mit fast Angst einflößender Genauigkeit um 9.15 Uhr vor Schreck fast aus dem Bett falle, hätte ich gerne eine Brieftaube. Denn eine Brieftaube klingelt morgens nicht an der Haustüre, um an die im Hausflur anmontierten Briefkästen zu kommen, sondern kommt leise und unbemerkt durch das Fenster herein geschwebt. Am liebsten hätte ich eine schneeweiße Brieftaube. Ich könnte durch die weiße Brieftaube, ein anerkanntes Symbol für Frieden, endlich Frieden mit der Briefbeförderung schließen. Die Brieftaube verstopft keine Straßen und setzt kein CO2 frei. Sie würde nur leise „Guru guru“ machen, anstatt zu unmenschlichen Uhrzeiten die Klingeln aller im Haus lebenden Parteien zu betätigen. Sie würde auch keine Ansprüche auf Mindestlohn stellen, sie fliegt sicherlich gerne, ist schließlich ein Vogel. Ich finde einen Taubenzüchter auf YouTube. Er schwärmt von seinen Tieren und seinem liebsten Hobby. „Die muss ein bisschen zutraulich sein, wir wollen keine scheuen Tiere“, erklärt er. Währenddessen sitzt eine Taube auf der Schulter des Züchters. Wie ein Papagei. Der Taubenzüchter erinnert mich an einen Pirat, wie er da so steht, mit der

Taube auf der Schulter. Sind Tauben die Papageien der modernen Großstadtpiraten? Ich habe nie verstanden, warum Piraten Papageien auf der Schulter sitzen haben. Sind die für irgendwas nützlich? Eine Brieftaube wäre sehr nützlich. Akku leer, Handy vergessen, Funkloch? Kein Problem – die Brieftaube fliegt immer. Viele Regierungen wussten sich das zu Nutze zu machen und setzten Brieftauben für militärische Zwecke ein. Von unseren eidgenössischen Nachbarn müssen wir allerdings keinen Angriff der Brieftauben mehr befürchten: Die Schweizer Armee löste ihren militärischen Brieftaubendienst 1997 auf. Ob die Tiere dann in die Freiheit entlassen wurden? Bei weißen Brieftauben wäre das sicher ein schönes Bild gewesen – und die Symbolik erst: keine weißen Tauben mehr für militärische Zwecke, sondern, genau: Weltfrieden. Zurück zu meiner Briefbeförderungsproblematik und den Taubenzüchtern. Wenn Tauben weiß werden sollen, muss man sie kreuzen. Und dadurch verlieren sie oft ihre Orientierungsfähigkeit. Na toll! Vielleicht kaufe ich mir doch lieber Ohrenstöpsel oder stelle einfach die Klingel ab. Miriam Kumpf

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Schwaben-Pasta Eine durchsichtige Plastikflasche mit aufgedrucktem Rezept und Mengenangaben, ein Aufsatz mit Löchern, ein Deckel und zwei Metall Kugeln – fertig ist der Spätzle Shaker. Wird das Leibgericht der Schwaben damit revolutioniert oder geht ein Stück Hausfrauenkultur kaputt? Gemeinsam mit zwei Spätzle-Expertinnen wird das Gerät getestet. Zuerst Mehl Wasser, ein Ei und eine Prise Salz bis zum jeweiligen Strich einfüllen und schütteln. Die Metall Kugeln lockern den

Teig auf. Dann Inhalt durch die Löcher des Verschlusses in kochendes Wasser drücken. So einfach kann schwäbische Kochkunst sein. Fazit: Sogar absolute Kochnieten kriegen damit leckere Spätzle hin. Pflegeleicht ist der Spätzleshaker auch, da Spülmaschinenfest. Doch die Teigmenge reicht höchstens für zwei. Das Schütteln ist ein gutes Training – führt aber bei häufigem Gebraucht zu Muskelkater. Wer den Deckel nicht festhält, muss anschließend neu streichen. Den Spätzle Shaker gibt es ab sofort im Einzelhandel zu K a t h a r i n a To m a s z e w s k i kaufen.

Foto: dtaeubert / photocase.com


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