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Ausgabe 12 (September '09) www.noirmag.de

Glück. Einem Gefühl auf der Spur

Wissen

Reportage

Politik

Wenn‘s hilft: Stinkesocken als Glücksbringer

Im Altersheim: Auf der Suche nach Glück

Diskussion: Tiere als Versuchsobjekte?


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~ Editorial ~

GLÜCK FÜR ALLE

Machen Hunde glücklich? Falls nicht: Mehr Wege zum Glück gibt es auf Seite 03

Inhalt – Noir 12

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er Schlaf dauerte mehr als tausend Jahre. Eingebettet zwischen nebelumhüllten Himalayagipfeln, schattigen Wäldern, urtümlichen Tempelbauten und tief eingefurchten Gebirgsbächen schlummerte das kleine Königreich Bhutan. Hier gab es bis in die 1960er Jahre keine Straßen, keine Autos und keine Elektrizität. Die Isolation führte zu großen wirtschaftlichen Problemen: Bhutan ist eines der ärmsten Länder. Doch ein König hatte eine geniale Idee: Er definierte den Begriff „Entwicklung“ neu. Statt vom „Bruttosozialprodukt“ sprach er fortan vom „Bruttosozialglück“. Das gemeinsame Glück definierte er als nachhaltige Entwicklung, Umweltschutz, Bewahrung der Kultur und verantwortungsvolles Regieren. Wer arm ist im materiellen Sinne, sollte wenigstens reich an Glück werden. Inzwischen ist das einstige „Schlummerland“ erwacht, das Land blinzelt verschlafen, blickt über seine Grenzen, lässt Touristen ins Land, wenn auch nur gegen gute Bezahlung, und seit 2006 gibt es sogar demokratische Wahlen in Bhutan. Der neue Premierminister wirbt auch in anderen Ländern für seine Botschaft vom „Bruttosozialglück“. Vielleicht sollten wir auch in Deutschland einmal über das Bruttosziaglück nachdenken? Die NOIR-Redaktion jedenfalls hat schon lange von Bhutan gelernt. Du hältst gerade unser persönliches „Bruttosozialglück“ in den Händen. Für uns gibt es kein größeres gemeinsames Glück als die fertige Ausgabe der NOIR.

Fotos: Bhutan360 / flickr.com (groß) (CC-Licence); Greta Hoppen / jugendfotos.de (klein)

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Lifestyle. Crashkurs Glück

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Lifestyle. Glück für Promis

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Thema. Glückskunde

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Thema. Untergangsstimmung

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Thema. Glück verstehen

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Thema. Glück ganz persönlich

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Porträt. Hirschhausen

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Reportage. Alt werden

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Reise. Willkommen in Malaysia

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Wissen. Aberglaube

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Kultur. Schatz, du wirst Vater

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Intern. Ganz persönlich

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Politik. Früher an die Wahlurne?

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Politik. Tierversuche

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Querbeet. Studentenküche

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Editorial Impressum

N o i r N r. 12 (S e p t e m b e r 2 0 0 9)

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MEHR GLÜCK ALS VERSTAND? G

lück ist genauso gut wie Verstand, wenn es funktioniert“, hat ein kluger Mensch mal gesagt. Wenn ich mich richtig erinnere, war es ein älterer Herr in einem Krimi aus dem Mittagsprogramm bei Kabel 1. Es sind noch drei Tage bis zu meiner letzten Klausur und ich denke an den älteren Herrn, weil mir mein Verstand bei dieser letzten Hürde nicht viel helfen wird. Glück muss her. In größeren Mengen, wenn möglich.

Ratgeber boomen und versprechen Hilfe in allen Lebenslagen. Georgia Hädicke ist unglücklich und schreibt bald eine Klausur. Hilfe muss her

1. Tag Wer das Glück sucht, findet es zwischen Sonja Kraus’ Schönheitstipps und der Kohlsuppendiät. Zumindest, wenn man im Buchhandel nachfragt. Ich entscheide mich für das Buch „Glück für Dummies“. Meine erste Erkenntnis über das Glück ist, dass es peinlich ist danach zu suchen. Die Verkäuferin fragt, ob ich das Buch als Geschenk eingepackt haben möchte. Ich setze mich mit dem Buch in die Sonne. Das Mädchen neben mir zieht die Augenbrauen hoch, als sie meine Lektüre sieht, rutscht ein Stück von mir weg und grinst fies. Ich versuche sie zu ignorieren und beginne mit dem ersten Tipp. „Suchen Sie sich einen ruhigen Ort und überlegen Sie sich, wie glücklich Sie sind und was Sie glücklich macht!“ Kein Problem. Ich sitze vor der Bibliothek. Was mich glücklich macht? Meine Freunde. Der erste Kaffee morgens in meiner Küche. Der Salzgeruch vom Meer. Das Mittagsprogramm bei Kabel 1 gucken. Wie glücklich ich gerade bin? Meine Freunde hocken irgendwo zwischen Bücherregalen in der Uni, das Kaffeepulver ist leer, das Meer ein paar Hundert Kilometer weit weg und ich habe keine Zeit, um Kabel 1 zu schauen. Ich schreibe bald Klausur, kann noch nichts und habe trotzdem keine Zeit für die Sachen, die mich glücklich machen. Es sieht mies aus mit dem Glück. Ganz mies.

Schlüssel zum Glück. Ist der passende dabei? Oder ist es vielleicht eine Haarnadel?

dritten Mal gebe ich auf. Ich bin offenbar kein Glückstyp. Dafür hat mein schlaues Buch auch einen Tipp: „Akzeptieren Sie, dass Sie kein Optimist sind, und kämpfen Sie nicht dagegen an.“ Gut, ich gebe es also zu: Ich bin kein Optimist. An guten Tagen bin ich Realist. Und denen rät mein Buch: „Stellen Sie Ihre Gedanken so um, dass Sie als letztes etwas Positives denken ...“ Okay, das ist nun wirklich dämlich. Entschuldigung. Das ist nun wirklich dämlich, aber es ist einen Versuch wert. „... und umgeben Sie sich mit positiven Menschen.“ Als ich in der Uni ankomme, erwartet mich Anna: „Klausuren sind ätzend“, sagt sie. „Die Welt ist schlecht und ich habe keine Lust mehr.“ Ich erkläre ihr, dass sie so etwas nicht sagen sollte. Dass sie ihre Gedanken so umstellen muss, dass sie am Ende etwas Positives denkt und dass ich mich mit positiv eingestellten Menschen umgeben soll. Anna sieht mich an als sei ich verrückt und sagt: „Dann musst du dir wohl neue Freunde suchen.“

2. Tag „Ich verdiene es, glücklich zu sein.“ Das soll ich sagen. Jeden Morgen zehn Mal. Beim ersten Mal komme ich mir albern vor, beim zweiten Mal bescheuert, nach dem

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3. Tag Ich gehe zur nächsten Lektion über: „Ärgern Sie sich nicht.“ Das ist gar nicht so einfach, wenn draußen der erste schöne

Tag seit Wochen ist, während man selbst in einer muffigen Bibliothek sitzt, wo die Klimaanlage kaputt ist. Außerdem muss ich zugeben, dass ich mich darüber ärgere, dass ich dem Schlüssel zum Glück einen Tag vor meiner Klausur immer noch nicht näher bin. Aber mein Buch sagt, ich solle nach vorn schauen und mich darauf konzentrieren, das zu bekommen, was ich will. Im Kleingedruckten steht: „Sie haben keinen Anspruch, auf die Dinge, die Sie glücklich machen. Die müssen Sie sich erarbeiten.“ Verdammt, es gibt also doch einen Haken!

4. Tag Die Klausur läuft. Ich habe natürlich nicht auf mein Ratgeber-Glück vertraut und auf alte Mittel zurückgegriffen: Maskottchen, Daumen drücken, schwarzen Katzen ausweichen. Als ich abgegeben habe und aus dem Saal gehe, als der Druck plötzlich weg ist, merke ich: Jetzt kann ich mit meinen Freunden Frühstücken gehen, ans Meer fahren, und wieder das Mittagsprogramm bei Kabel 1 gucken. Jetzt, wo ich gar kein Glück mehr brauche, ist es plötzlich da. Das hat nur leider nicht im Ratgeber gestanden. Georgia Hädicke

Foto: boing / photocase.com


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WEGE ZUM GLÜCK Berühmt sein heißt nicht unbedingt glücklich sein: Viele Berühmtheiten sind ständig auf der Suche nach dem Glück. Eine Starkunde über Glückstypen

Die Familienmenschen

Die Gelangweilten

Wie im Märchen: Katie, Angelina oder Giselle haben ihren Traumprinzen gefunden. Vielleicht heiraten sie in Weiß. Mit ein paar Kindern wäre der Traum perfekt. Eine Familie ist eine Höhle der Geborgenheit – sie sorgt dafür, dass Prominenten der Ruhm nicht zu Kopfe steigt. Und sie bietet viele Herausforderungen, zum Beispiel Kinder bekommen ohne hässliche Schwangerschaftsstreifen. Stars haben die Lösung: Dafür sorgen, dass eine andere Frau das Kind bekommt. Wer keine Lust auf Windeln wechseln hat, adoptiert ein älteres, stubenreines Kind aus einem Entwicklungsland, das einen nebenbei zum Vorbild für die Völkerverständigung macht.

Dieser Typ sucht Abwechslung und probiert gerne etwas Neues aus. Schauspieler werden zu Sportlern. Sportler fangen an zu singen. Andere Prominente gehen pilgern oder versuchen sich als Kandidaten in peinlichen Realityshows. Ihr Leben ist ein nie endender Schnupperkurs auf der Suche nach sich selbst.

Die Hundemütter/-Väter Berühmt zu werden ist der beste Weg, um Freunde zu finden. Ob Sie sich für einen als Person interessieren oder nur für den Zugang zu Filmpremieren und VIP-Partys, ist leider unklar. Der beste Freund des Stars ist deshalb der Hund. Er kann keine Klatschblätter lesen. Deshalb wird er nie wissen, wie berühmt sein Herrchen oder Frauchen ist. Hauptsache, dieser Mensch taugt als Dosenöffner. Niemals würde er für Geld peinliche Fotos seines Herrchens veröffentlichen. Gutmütig lässt sich der Hund als neuer, angesagter Schlüsselanhänger der Öffentlichkeit vorführen.

Die Arbeitstiere „Ich lieeeeeeeeeeebe meine Arbeit“, ist der Titel ihrer Biographie. Sie verbringen Monate an Filmsets, in Tonstudios und auf Sportplätzen. Einige von ihnen sind dankbar für ihren tollen Job und wollen denen helfen, die nicht so glücklich sind. So gründen sie Stiftungen, besuchen CharityGalas und versuchen nebenbei, die Welt zu retten. Ein Privatleben? Fehlanzeige. So etwas haben Arbeitstiere nicht. Brauchen sie auch nicht.

Foto: matze_ott / photocase.com

Die Materiellen Diese Gattung geht gerne shoppen. Ihnen ist das Feinste vom Feinsten gerade gut genug. Sie fliegen einen halben Tag um die Welt, um sich ein Armband zu kaufen. Ihre Häuser sind so riesig, dass sie eine eigene Postleitzahl brauchen. Ihre Autos könnten ein Parkhaus füllen. Dieser Konsumrausch scheint kein Ende zu finden. Größer, schneller, neuer und vor allem mehr lautet die Devise.

Die Anonymen „Ich hasse es, auf der Straße erkannt zu werden.“ Viele Stars sind sich einig: Am besten ist der Rückzug. Sie hecken Pläne aus, um Fans und Fotografen zu entkommen. Sie geben falsche Namen an und verkleiden sich. Andere wandern aus oder kaufen sich einsame Inseln, damit sie ein unbeschwertes, normales Leben führen können.

Die Öffentlichen Ihr Ziel ist es, auf möglichst viele Plakate zu erscheinen und in jedem Werbespot, den es gibt, mitzuspielen. Oder sie versuchen, sich möglichst auffallend anzuziehen, um in den Klatschspalten der Modemagazine zu erscheinen – egal, ob als positives oder negatives Beispiel. Als nächster Schritt folgen eigene Kollektionen: Parfüms, Klamotten, Schuhe, Küchenzubehör. Mehr Berühmtheit heißt mehr Aufmerksamkeit. Es tut gut, wenn Fans eine Zahnbürste kaufen, weil der eigene Name drauf steht. Silke Brüggemann


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LEBEN MIT LEICHTEM HERZEN „So glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne“, rief Hans im Glück, nachdem er alles verloren hatte. Doch die Sparkasse-Werbung „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ behauptet, nur wer Geld hat, wird glücklich. Woher kommt also das Glück? Und wem geben die alten Philosophen recht: Hans oder der Sparkasse?

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er vermutlich erste Philosoph, der eine komplette Glücksphilosophie entworfen hat, war Aristippos von Kyrene (435–355 v. Chr.). Für ihn ist Glück gleichbedeutend mit Lustgewinn. Das heißt: Alles, was dem Körper und der Seele gut tut, bringt Glück. Dabei unterscheidet er nicht zwischen verschiedenen Formen von Lust. Ob wir uns über einen warmen Sommerregen freuen, ein schönes Geburtstagsgeschenk oder die Geburt der kleinen Schwester, für Aristippos hätte das alles dieselbe Qualität. Sein Ziel war es, die Lust zu maximieren und keinen Schmerz zu haben. Ob andere dabei Glück empfinden, war nebensächlich. Was für ihn zählte, war nur das eigene Glück. Der einfachste Weg sei, so Aristippos, so viel Reichtum

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wie möglich anzuhäufen. 1:0 also für die Bankmethode. Dem steht Epikur (341–370 v. Chr.) gegenüber. Er sagt zwar auch, dass Glück durch das „Freisein von Unruhe und Freisein von Schmerz“ entsteht, aber nicht durch den übermäßigen Genuss weltlicher Güter, sondern durch die Konzentration auf die wirklich notwendigen Bedürfnisse, zu denen er vor allem Freundschaften zählt. In seinen Werken empfiehlt er immer wieder den „Weg des kleinen Glücks“. So schreibt er in einem Brief an seinen Freund Menoikeus: „Schicke mir doch einmal ein Stück kythischen Käse, damit ich, wenn ich Lust dazu habe, einmal recht schwelgen kann.“ Für ihn ginge der Punkt ganz klar an Hans.

Ein weiterer Verfechter des „Glücks im Kleinen“ war Sokrates (469–399 v. Chr.). Doch im Gegensatz zu Epikur betonte er bis zu seinem Tod durch den Schierlingsbecher, dass nur der, der tugendhaft lebt und sich frei von weltlichen Gütern macht, sich selbst glücklich nennen darf. Laut Sokrates sei es wichtiger, notfalls eigenes Unrecht zu erleiden, als anderen Böses zu tun. Wer also an einem heißen Samstagmittag in der Innenstadt einem Straßenmusiker oder Bettler ein bisschen Kleingeld gibt, anstatt sich ein Eis zu gönnen, lebt tugendhaft. Dieser Verzicht kann bis zur Askese ausgeweitet werden, also eine vollkommene Ausblendung der eigenen Bedürfnisse. 2:1 für Hans.

Illustration: Gabriel Rausch


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Glück ist ... in einer Tonne zu leben Diesem Grundsatz folgten auch die Vertreter der griechischen und römischen Stoa, die ab dem dritten Jahrhundert vor Christus bis ins zweite Jahrhundert nach Christus lehrten. Einer der bekanntesten Vertreter war Seneca. In seiner Abhandlung „Vom glückseligen Leben“ schlägt er eine Lebenshaltung vor, welche vollkommen im Einklang mit der Natur stehe, eine Geistwerdung sozusagen, wo sich jeder Einzelne darauf konzentriere, seine Stärken und Schwächen zu erkennen und seinen persönlichen Platz im Weltgefüge zu finden. Ein Leben also, wie es die Geschichte von Diogenes in der Tonne beschreibt, dessen angeblich einziger Wunsch es war, dass Alexander der Große ihm aus der Sonne gehen solle. Eigentlich 3:1 für Hans. Wenn man allerdings die mittelalterliche Vorstellung von Glück heranzieht, kommt ein entscheidender Faktor hinzu, den weder Hans noch die Bank beantworten können: das Glück durch Gott. Vor allem die Idee der Askese wurde in die Religion entlehnt und ist bis heute ein wichtiger Punkt, wie zum Beispiel der Zölibat in der katholischen Lehre, die Fastenzeiten in Christentum und Islam oder der Verzicht auf vorehelichen Sex in allen Religionen. Hinzu kommt eine uneingeschränkte Nächstenliebe, wie es zum Beispiel Mutter Teresa vorlebte. Wo die Stoa noch die Glückseligkeit im Diesseits versprach, sieht die Religion diese erst im Jenseits, also bei Gott: Wer sein Leben lang tugendhaft war, erhält seine Belohnung bei Gott.

Glück ist ... aus allem den größten Nutzen zu ziehen Anders sehen das viele Glücksphilosophen in den Anfängen der Moderne. Vor allem im angelsächsischen Raum verbreiteten sich die Ansätze von Jeremy Bentham (1748–1832) und John Stuart Mill (1806–1873). Sie definieren Glück abhängig von gesellschaftlichen Strukturen und ziehen damit das persönliche Glück jedes Einzelnen auf eine politische Ebene. Dabei gibt es zwei grundsätzliche Strategien: einmal „to maximize happiness“ (das Glück vermehren), zum anderen „to

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minimize suffering“ (den Schmerz minimieren). Die Aufgabe des Staates sei es, die Gesetzgebung so anzulegen, dass eine maximale Gruppe an Personen das maximale Glück erlebt. Daraus entwickelte sich der Utilitariusmus, der heute noch in Großbritannien und den USA als „Staatsphilosophie“ gilt. Nicht ohne Grund spricht die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung bereits im ersten Satz vom „Streben nach Glück“ („The Pursuit of Happiness“) als oberstem Gebot, das ein Staat einhalten soll. Doch im Gegensatz zu Bentham, der vor allem ökonomische Aspekte in den Vordergrund stellt, um Glück zu vermehren, sah Mill den Utilitarismus nicht als Gegenpol, sondern um anderen Menschen zu helfen, sich künstlerisch zu beschäftigen oder zu forschen. Bekannt ist Mills Auspruch: „Es ist besser ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr“. Mit diesem Ansatz wurden Bentham und Mill zu Vorreitern des modernen Liberalismus, vor allem durch ihre Befürwortung feministischer Bewegungen und der Legalisierung von Homosexualität. Viele der folgenden Glücksdenker sahen Benthams und Mills Theorie allerdings weniger positiv. So sagt der Utilitarismus zum Beispiel auch, dass es eine Form von Glück sei, wenn fünf Kinder Verstecken spielten und ein sechstes Kind hinzukomme, das die anderen aber nicht mitspielen ließen. Die fünf Kinder spielen lieber alleine, sind damit glücklicher und das Glück wurde maximiert.

Glück ist ... nicht mehr als die Abwesenheit der Langeweile Ein Skeptiker des Prinzips des maximalen Nutzens war der britische Philosoph Bertrand Russel (1872–1970). Laut Russel lebe der glückliche Mensch sachlich, habe freie Zuneigung und umfassende Interessen. Also wieder hin zu Religion und Askese, um sich selbst zu finden und zu bilden? Nein, denn „Selbstverkapselung führt ins Elend, wahrhaftes Interesse an Menschen und Dingen außerhalb unserer selbst“ sei wichtig. Also keine Chance für das Kloster. Er kritisiert: „Im täglichen Leben der meisten Menschen spielt Furcht eine größere Rolle als Hoffnung; sie sind

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mehr von dem Gedanken erfüllt, dass andere von ihnen Besitz ergreifen könnten, als von der Freude, die sie in ihrem eigenen Leben schaffen können oder in dem Leben anderer, mit denen sie in Berührung kommen.“ Eine ähnliche Auffassung hatte auch Arthur Schopenhauer (1788–1860), auch wenn er dachte, dass die ganze Idee mit dem Glück ein riesiger Irrtum sei. Für ihn war Glück „nicht mehr als die Abwesenheit von Langeweile“. Deshalb solle der Mensch all seine Energie darauf verwenden, sich auszubilden. Sein größter Feind: Langeweile und Schmerz. Für Schopenhauer, einen geborenen Pessimisten, kann man diese zwei Gefühlsregungen aber nur sehr schwer überwinden und auch nur durch das Anhäufen von Wissen. Genauso wenig überzeugt vom wahren Glück war der Psychoanalytiker Sigmund Freud (1856–1939). Er sagt schroff, „die Absicht, dass der Mensch glücklich ist, ist im Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“ Ein Seitenhieb für alle modernen Glücksgurus mit ihren Ratgebern. Wie nicht anders zu erwarten, sieht Freud das einzige Glück in der Erfüllung sexueller Bedürfnisse, wobei sie durch Instinkt getrieben sei und nicht aus freiem Willen des Einzelnen.

Glück ist ... Unsinn Eine ganz andere Auffassung von Glück vertritt Friedrich Nietzsche (1844–1900). Für ihn wird das Glück nicht erlernt oder kommt durch Reichtum, es hat auch nichts mit moralischem Handeln zu tun oder der Stoa. Er nennt das Glück „einen Hauch, einen Husch, einen Augenblick“ und bekräftigt Epikurs „Glück in den kleinen Dingen“. Für ihn heißt glücklich sein, sich geborgen fühlen, in gewohnter Umgebung zu sein und Ruhe zu haben. Nietzsche bringt auch einen ganz neuen Ansatz ins Spiel: den Unsinn. Denn „so weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall; ja man kann sagen, fast überall, wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn“. Ein Hoch also auf alle Komiker, die uns zum Lachen bringen. Ganz ähnlich sieht es auch Ludwig Marcuse (1894–1939), der in seinem LangzeitBestseller „Die Philosophie des Glücks“ (1949) schreibt, das vollständige Glück setze voraus, dass der Mensch den Sinn seiner Existenz begreife und darin Geborgenheit finde. Damit wäre „Hans im Glück“ wieder im Spiel. Marcuse

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stellt außerdem fest, dass es so viele Ansichten über das Glück wie Philosophen gibt und er fragt: „Liegt es an den Philosophen, dass sie sich nie einigen konnten? Das Wort Glück hat in allen Sprachen etwas Vieldeutiges. Es ist wie eine Sonne, die eine Schar von Trabanten um sich herum hat: Behagen, Vergnügen, Lust, Zufriedenheit, Freude, Seligkeit, Heil.“

Glück ist ... nicht greif bar Versucht man, alle Theorien in einem einzigen Beispiel zu vereinen, merkt man schnell, dass dies unmöglich ist. Schon der Fund eines Cent-Stückes würde eine lodernde Diskussion unter den Glücksphilosophen entfachen. Man freut sich, weil man es gefunden hat. Oder darf man sich erst freuen, wenn man es an einen Bedürftigen gibt? Oder sollte man es wegwerfen, um nicht den irdischen Versuchungen zu unterliegen? Aber nein, man muss natürlich einen Weg suchen, um noch mehr Cent-Stücke zu finden. Oder sollte man nur deshalb glücklich sein, weil man überhaupt weiß, was ein Cent-Stück ist? Oder soll man sich gar nicht freuen, weil es sowieso kein solches Gefühl wie Glück gibt? Unlösbar also die Frage nach dem Glück. Nicht umsonst findet man bei Internetsuchmaschinen unter dem Stichwort über 24 Millionen Einträge, und um ein Vielfaches mehr wären die verschiedene Ansichten, was für jeden persönlich Glück ist. Selbst wenn niemand so genau weiß, was es denn jetzt damit auf sich hat, scheint doch jeder danach zu suchen, zumindest wenn man den knapp 2 900

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Glücksratgebern glaubt, die man bei Internetversandhäusern findet oder den unzähligen Foren und Onlineauftritten, die Tipps und Tricks zum vollendeten Glück zu geben. Und was sagt der allseits bekannte Glücksbringer Günther Jauch dazu: „Es ist so: Wenn ich frage, was die Leute als erstes mit dem Geld machen, heißt es zum Beispiel: ‚Dieser veredelte Mercedes war immer mein Traum.‘ Und wenn ich ein halbes Jahr später nachfrage, was aus dem Mercedes geworden ist: ‚Der war auf einmal doch nicht mehr so interessant.‘“ Gerhard Schulze, Glücksforscher und Professor für Soziologie in Bamberg, kann sich dem nur anschließen: „Viele von uns träumen von einem großen Lottogewinn, weil sie glauben, ein großer Batzen Geld mache sie glücklich. Dem ist auch so – jedoch nur für kurze Zeit. Untersuchungen an Lottomillionären zeigen, dass das Glücksgefühl nur etwa ein halbes Jahr anhält.“ Keinen Punkt für die Bank. Tendenziell scheinen Menschen, die weniger Geld haben, sogar glücklicher zu sein. In einer weltweiten Studie der London School of Economics and Political Science von 1998 wurde eine Rangliste erstellt, die das jeweilige Glücksempfinden der Befragten zeigt. Die ersten fünf Plätze waren nicht, wie wahrscheinlich vermutet, die westlichen Industriestaaten, sondern Bangladesch, Aserbeidschan, Nigeria, die Philippinen und Indien. Deutschland kam erst auf Platz 42, die USA an 46. Stelle. Aber kein Grund zu verzweifeln. In einer Spiegelumfrage vom Januar 2009 gaben 19 Prozent der befragten Deutschen an, sie seien „sehr glücklich“, und 62 Prozent empfinden sich als „ziemlich glücklich.“ Nur 15 Prozent nehmen sich als

„weniger glücklich“ wahr und lediglich 3 Prozent sind „unglücklich“; also eine Positivbilanz von 81 Prozent. Ein Großteil der Befragten sagte auch, dass die Wirtschaftskrise keinerlei Auswirkungen auf ihr Glücksgefühl habe. Weg von der Bank und hin zu Hans.

Glück ist ... was du daraus machst Die Suche nach dem Glück geht schließlich soweit, dass sogar ein Heidelberger Wirtschaftsgymnasium seit zwei Jahren das Schulfach „Glück“ anbietet. Hier können Schüler zwischen 17 und 19 Jahren allerlei über das „schönste Gefühl der Welt“ lernen. Sie greifen all die Elemente auf, die seit mehr als zwei Jahrtausenden gelehrt werden: persönliches Glück und das Glück der anderen, Körperbewusstsein und Religion oder die Zusammenhänge mit der Philosophie. Fester Bestandteil: gemeinsames Kochen, das Loben von Mitschülern und das Erkennen von eigenen Stärken. Welche Strategie nun jeden am glücklichsten macht, sollte jeder selber ausprobieren. Die Lektion des Hans ist jedenfalls klar: Das Glück liegt in der Seele – und nicht in einem Klumpen Gold oder einer Kuh oder einem Schleifstein. Und „mit leichtem Herzen“ und „frei von aller Last“ hüpft er heim zu seiner Mutter. Oder wie der amerikanische Schriftsteller und Motivationstrainer Dale Carnegie sagt: „Glück hängt nicht davon ab, wer du bist oder was du hast; es hängt nur davon ab, was du denkst.“ Sabrina Kurth


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DIE WELT GEHT UNTER. LASST UNS FEIERN!

enise ist 30 Jahre alt und lebt noch bei ihren Eltern. Sie möchte nicht ausziehen, denn dies würde bei ihren Eltern Trauer und Schmerz hervorrufen. Vier Tage vor Denises 32. Geburtstag stirbt ihre Mutter, der Alltag gerät außer Kontrolle und Zuhause funktioniert nichts mehr. Mit ihren 32 Jahren stellt Denise fest, dass sie alleine nicht klarkommt und ihr halbes Leben verpasst hat. Der Mensch neigt dazu, seine Arbeiten und Konflikte vor sich herzuschieben – das wissen Psychologen schon lange. So verschiebt man die unangenehmen Mathehausaufgaben auf spät nachts und kehrt das Gespräch, in dem es um die Beziehungsprobleme gehen sollte, flux unter den Teppich. Allzu oft steckt der Gemütlichkeitsfaktor hinter den billigen Ausreden. Durch das Aufschieben bleiben einem die lästigen Gespräche und Konfliktsituationen erspart Deshalb muss bei festgefahrenen Problemsituationen eine Veränderung erzwungen werden. Schicksalsschläge und Unglücke bringen Menschen im Leben voran, indem sie den festgefahrenen Alltag aufsprengen und sie dadurch wachrütteln. Die Weltwirtschaftskrise war für die gesamte Bevölkerung ein immenses Unglück. Doch in was für einer Welt lebten

Jakuba / jugendfotos.de (unten); privat (oben)

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Genieße den Augenblick! Glückliche Momente nimmt man meist nicht richtig wahr. Dabei liegt das Glück so nah, findet Anna Ruppert

Krisen sind schrecklich und entmutigend. Aber sie können wichtige Wendepunkte im Leben sein. Warum Krisen wichtig für das Vorankommen einer Gesellschaft sind

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wir, als die endlose Gier mancher Banker toleriert und mit Renditen belohnt wurde? Wie kann man einen gierigen Banker besser aufwecken, als wenn man ihn feuert? Nachdem er seine Kündigungspapiere nach Hause bringt und mit seiner nichtvorhandenen Familie darüber reden will, fallen ihm wahrscheinlich zum ersten Mal die Dollarzeichen von den Augen. Durch Veränderungen im Leben verändert sich auch immer unser Bezugsfeld. Ist der Job weg oder sind die Freunde umgezogen, wandelt sich der Freundeskreis. Dieser Wechsel der Gesprächspartner führt zu neuen Ideen, neuen Themen und neuen Sichtweisen auf die Welt und wie man mit ihr umgehen sollte. Nur durch diese ständigen Umgestaltungen kann man sich als Individuum selbst verwirklichen. Der Alltag und die damit verbundene Routine geben dem Individuum jedoch Sicherheit und Stabilität im Leben. Da es jedem Lebewesen im Grunde nur ums blanke Überleben geht, erklärt sich die Angst vor Veränderungen mit unbekannten Folgen fast schon von selbst. Dadurch erklärt sich auch, warum Denise lieber im gemütlichen Hotel Mama gelebt hat, als die Anspannung des Auszugs und die Belastung der Unabhängigkeit auf sich zu nehvmen. Jan Zaiser

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usgerechnet ich sollte den Kommentar über Glück schreiben. Ich, deren glücklichster Tag an einem Freitag dem 13. war und deren Glücksschwein neulich mit einem lauten Knall zu Boden fiel und in tausend Scherben zerbrach. Trotzdem wollte ich einen fröhlichen Kommentar schreiben, einen Kommentar, der die Leser lachen und strahlen lässt. Leider bemerkte ich schnell, dass ich das wohl niemals schaffen würde. Unter Glück versteht jeder Mensch etwas anderes. Und ein glücklicher Text allein könnte wohl nie ausreichen, um jemanden dauerhaft glücklich zumachen. In der US-amerikanischen Verfassung steht, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, nach dem Glück zu streben: „The Pursuit of Happiness“. Doch seit wann interessiert es den Staat, ob seine Bürger glücklich sind? Natürlich geht es bei dem „Pursuit of Happiness“ nicht um das Glück selbst. Gemeint ist einzig und allein, dass jeder sein Leben selbst verbessern kann und zwar mit viel Willenskraft und Arbeit. Da stell ich mir unter Glück doch etwas anderes vor. Glücklich sein will jeder. Man hofft auf ein glückliches Leben, einen Traumberuf, den Traumpartner. Dabei fällt auf, dass die meisten Menschen ihr Glück nur in der Zukunft sehen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass man die glücklichen Augenblicke genießen soll. Doch das kann ganz schön schwer fallen. Goethes Faust, der den modernen Menschen symbolisiert, wollte lieber zugrunde gehen, als im Augenblick zu verweilen und wäre er noch so schön. Genau darin liegt der Knackpunkt: Augenblicke genießen nur die Wenigsten, und meist nimmt man einen glücklichen Moment nicht einmal wahr. Schade eigentlich, denn oft liegt das Glück so nah. Vielleicht genügen schon ein paar nette Worte oder Sonnenstrahlen. Glück ist kein Ziel, Glück kann man nicht herstellen, und ob man es finden kann, bleibt die Frage. Mein zerbrochenes Glücksschwein hat mich jedenfalls nie unglücklich gemacht!

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REINE GLÜCKSSACHE Dopamin, Serotonin, psychologisches Immunsystem – ganz schön kompliziert das „Glück“ zu verstehen. Ekaterina Eimer gibt einen Einblick in die Glücksforschung

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eute schon Mails gecheckt oder ge- Zwillingen ermitteln konnten. Somit gesimst? Maximale Mobilität, gigan- hört jeder Mensch von Geburt an einem tischer Informationsfluss und ständige bestimmten Glückstypen an, der sein Erreichbarkeit sind Alltag. Wohlbefinden tendenziell eher positiv Leistungsoptimierung? Ein Muss! Die oder negativ einstuft. Zum anderen neigen Kehrseite dieser Entwicklung ist Über- wir dazu, unser subjektives Wohl im Verforderung: Viele scheitern an den hohen gleich mit anderen zu messen. Da Glück Anforderungen, werden depressiv und kla- im Alltag schwer zu vergleichen ist, muss gen über Krankheiten wie das Burn-Out- Geld herhalten. Studien zeigen, dass MenSyndrom. Anti-Stress-Bücher und pseudo- schen in einer reichen Umgebung sich ärwissenschaftliche Glücksratgeber haben mer und unglücklicher fühlen als in einer Hoch konjunkt ur und werden nicht müde, uns zu erzählen, wie wir unser Glück finden können. Aber was ist Glück? Kann man das Glücklichsein lernen? Die Positive Psychologie – eine Wissenschaft, die die sich mit Liebe, Glück und Wohlbefinden beschäftigt – geht diesen Fragen nach. Der Glücks-Dozent der Harvard-Universität, Tal Ben-Shahar, sieht Glück nicht als einen Endzustand, sondern als ein Ziel, das man nie voll- Die Positive Psychologie beschäftigt sich mit Liebe, Glück und Wohlbefinden ständig erreichen wird. In seiner Vorlesung lehrt er die Studenten daher, nicht armen Umgebung, auch wenn sie in beiauf ein entferntes, großes Glück zu hoffen, den Fällen denselben Lohn erhalten. Ein sondern sich Zeit zu nehmen und die klei- weiterer Punkt ist, dass Glücksempfinden nen Dinge des Lebens schätzen zu lernen. mit der Zeit nachlässt. Jeder kennt das: Doch was und wie viel davon brauchen Man wünscht sich etwas mehr als alles wir, um glücklich zu sein? Der allgemeine andere. Hat man es aber, so verblasst die Wohlstand hat sich in der westlichen Welt Freude über den Besitz nach einer Phase in den letzten Jahrzehnten zwar verviel- der Euphorie relativ schnell. Ähnliches gilt facht, laut empirischer Glücksforschung auch für den Lebensstandard. Schließlich sind wir aber nicht glücklicher geworden benötigen wir etwas Neues, worauf wir uns sind. Forscher begründen das zum einen freuen können. dadurch, dass ein gewisses Maß an subDer Grund für die Anpassung liegt in jektivem Glücksempfinden genetisch fi- der Evolutionsbiologie. Als Reaktion auf xiert ist, wie sie in Studien an eineiigen Erfolgserlebnisse schüttet unser Gehirn

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Hormone wie Dopamin und Serotonin aus. Sie lösen das Glücksgefühl aus und begünstigen positive Erinnerungen sowie die Motivation, die Handlung zu wiederholen. Die Belohnung muss allerdings vorübergehend sein: Hätten unsere Vorfahren nach jeder erfolgreichen Jagd vom Glück berauscht tagelang nichts getan, wären sie wohl der natürlichen Selektion zum Opfer gefallen. Die gute Nachricht: Kein Glücksmoment ist umsonst. Positive Gefühle werden so kultiviert, das Selbstwertgefühl und ein psychologisches Immunsystem aufgebaut. Letzteres hilft uns, Rückschläge schneller wegzustecken und Positives intensiver wahrzunehmen. Das stärkt die allgemeine Belastbarkeit sowie das klassische Immunsystem. Klinische Studien haben sogar ergeben, dass Optimisten tendenziell besser genesen als Pessimisten. Ist es nicht paradox, dass ausgerechnet das, wofür im Arbeitsalltag wenig Zeit bleibt, uns motivierter und leistungsfähiger macht? Schaffen wir es also, die Anforderungen der Zeit, mit dem zu kombinieren, was Spaß macht, hätten Glücksratgeber wohl ausgedient. Auch ist es beruhigend zu wissen, dass die Glücksursache Dopamin egal ist, wahrnehmen muss man diese nur als solche! Setzt euch also Ziele und habt Freude an der Umsetzung. Genießt jeden sorgenfreien Moment und habt Spaß mit euren Freunden, denn geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Freude ist doppelte Freude.

Foto: Sternschnuppe1 / PIXELIO


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»Bei uns in Tschechien gibt es keine Masern mehr« Philipp (18)

»Baden-Württemberg schafft das auch« Sabrina (16)

www.mach-den-impfcheck.de E I N E I N I T I AT I V E VO N

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WAS BEDEUTET GLÜCK FÜR DICH? Jeder empfindet Glück anders. Doch kann man sich nicht doch auf ein Glücksgefühl einigen? Zwei Noir-Redakteure definieren ihr ganz eigenes Gefühl von Glück

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ie kleinen Momente im Leben machen für mich das Glück aus. Auch wenn sie noch so kurz sind, öffnen sie einem hin und wieder die Augen für das Wesentliche – es gibt immer Gründe unglücklich zu sein, aber genauso viele um glücklich zu sein. Wenn im Sommer nach einem Wolkenbruch zarte Sonnenstrahlen durch feucht glitzernde Tannenzweige auf den Boden fallen, dort kleine Lichtspiele erzeugen und es so gut nach feuchter Baumrinde und Kräutern riecht, kann ich nicht anders, als stehen zu bleiben und mit allen Sinnen zu genießen. Ich hole tief Luft, um diesen Duft so lange wie möglich in der Nase zu haben, streiche mit den Fingern durch die Zweige, betrachte, wie sich das Licht in den Regentropfen bricht und höre das Gezwitscher der Vögel, die froh sind, dass der Regen vorbei ist. Solche Momente scheinen vielleicht unwichtig im Kontrast zum rasanten Alltag. Doch mich machen sie glücklich. Gerade, weil sie so einfach und natürlich sind. Die Natur spielt bei meinem Glücksempfinden eine besondere Rolle. Man muss sie wahrnehmen und sich auf sie einlassen. Wenn ich sehr gestresst oder unglücklich bin und das Gefühl habe, dass alles über mir zusammenbricht, breche ich oft aus allem aus und gehe joggen. Ob ich dazu Zeit habe, ist mir dann egal. Man kann ja nicht immer ein Sklave der Zeit sein. Um glücklich zu werden, muss man sich Zeit für eine Erholung nehmen. Beim Joggen im Wald segeln im Herbst manchmal die Blätter wie im Film durch die Luft. Ganz langsam und irgendwie unwirklich. Diese verzauberte Szenerie gibt mir Kraft weiterzumachen. Am liebsten erlebe ich solche Momente aber mit Menschen, die ich gern habe. Oft reicht dann nur ein einziger Blick, um sich zu verstehen. Dadurch wird das Erlebte noch intensiver. Diese kleinen Eindrücke verschönern einem immer wieder den Tag. Man muss sie nur bemerken. Es gibt sie an manchen Tagen gleich mehrfach. Und dann bin ich am glücklichsten.

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lück ist für mich eine Kombination aus Freude und Zufriedenheit. Einerseits ist Glück ein tolles Gefühl für einen kurzen Moment, anderseits aber auch etwas, das man langfristig haben möchte. Doch was heißt Glück noch? Für mich ist Glück, wenn ich etwas, was ich mir vorgenommen habe, auch erreiche. Der Augenblick nach harter Arbeit oder großem Stress ist super. Es ist eine Form des Glückes, die auch rückblickend positive Gefühle weckt. Außerdem gibt es noch weitere Aspekte, die mich sehr zufrieden machen: Zum Beispiel Freundschaft, Zusammenhalt, Frieden oder schöne Träume. Dennoch gibt es auch kleine Dinge, die Glück hervorrufen. Für mich sind das Sonnenschein, Schnee, Tee oder manchmal auch der Schlaf. Nun zur inneren Zufriedenheit. Diese ist für mich das Wichtigste. Ich muss in meinem Leben immer zufrieden sein, mit dem was ich tue. Ich freue mich auch über eine schöne Reise, über neue Bekanntschaften, auf das Snowboarden in einer wunderschönen Winterlandschaft, auf eine Bootstour oder über schöne Kleidung. Dies ist aber auch nur ein kleiner Einblick in mein Verständnis von Glück, denn es ist unglaublich vielseitig. Lukas Ramsaier

A n n - K a t h r i n Fr e u d e

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Illustration: Simon Staib


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VOM KRANKENBETT ZUM K ABARETT Lachen macht glücklich und besitzt eine heilende Kraft. Eckart von Hirschhausen hat ein Kabarett-Programm, das besser ist als alle Medizin

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rüher war Eckart von Hirschhausen Arzt. Heute ist er Kabarettist, schreibt Gedichte und veranstaltet Humorseminare für Manager. In seinem Buch „Glück kommt selten allein...“ gibt er sein Wissen über das Glück humorvoll an die Leser weiter. Doch wie kam es, dass Hirschhausen das Thema „Glück“ für sich entdeckte? Ausgerechnet während seiner Arbeit als Arzt im Krankenhaus wurde das Thema für ihn interessant: Nach der Krankheit und der medizinischen Behandlung stellte sich stets die Frage nach der seelischen Verfassung, also dem Glück, der Patienten. Inspiriert von Studien und Forschungen zum Thema „Glück“ und von seinen eigenen Erkenntnissen bastelte er sein Kabarett-Programm.

Was heißt Glück für Hirschhausen? Zunächst entstehe Glück in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Dabei geht es vor allem um Familie, Liebe, Freunde und den Beziehungen zwischen Menschen. Als zweiten Punkt sieht Hirschhausen den Zufall: Lustige Begegnungen oder Fundstücke können unverhofft sehr glücklich machen. Außerdem sei es wichtig, einzelne Glücksmomente besonders auszukosten. Zum Beispiel ein Stück Schokolade zu essen, dabei aber nicht gleich die ganze Tafel zu vernichten, sondern nur ein kleines Stück davon und das richtig auszukosten und zu genießen. Hirschhausen rät auch, dass man sich ab und zu selbst überwinden sollte. Es sei besser, sich von Zeit zu

Zeit blamieren, als ein „todlangweiliges Leben“ zu führen. Ein wichtiger Aspekt für Hirschhausen ist „die Fülle“. Damit meint er die Schönheit der Natur und der Schöpfung, aber auch spirituelle Erfahrungen und das Auskosten der Stille. Nicht blind an den offensichtlichen Dingen vorbeizugehen, sondern die Augen offen zuhalten und die Schönheit in Kleinigkeiten wahrzunehmen. Mit Hilfe des Kabaretts hofft er den Leuten das Glück auf eine interessante, zwanglose Art weitergeben zu können. Da sich das Gehirn des Menschen zeitlebens verändert, könne man auch das Glück beeinflussen und trainieren, glücklicher zu werden. L i s a C ra m e r

Glück kommt selten allein!

Stille macht glücklich

Mache andere Menschen glücklich! Denn

Nimm dir jeden Tag ein paar Minuten

gute Laune ist ansteckend und kommt immer zu

Zeit und genieße einfach die Stille! Genieße alles

einem zurück.

einmal in Ruhe.

Finde deinen eigenen Weg! Erkenne deine Stärken und Schwächen! Sei bereit einen Kurswechsel zu riskieren und dich vor allem auf deine Stärken zu konzentrieren!

Glück ist kein Zufall! Schaffe gezielt Situationen in denen du glücklich bist! Du kannst dein Glück selbst beeinflussen. Fordere Glückssituationen heraus!

Fang dein Glück ein Führe ein Glückstagebuch. Du kannst dir jeden Abend ein bisschen Zeit nehmen und fünf Momente aufschreiben, in denen du an diesem Tag besonders glücklich warst. Dein Glück kannst du nicht festhalten, deine glücklichen Momente schon.

Foto: Frank Eidel / www www.hirschhausen.com hi chha hirs chhausen usen com

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AUF DER SUCHE NACH DEM GLÜCK Für Kinder kann Glück ein Nachmittag auf dem Spielplatz sein, für Jugendliche die erste große Liebe. Aber wie denken alte Menschen über Glück, die fremde Hilfe und Pflege benötigen oder von Krankheiten gezeichnet sind?

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er Eingang ist liebevoll und farbenfroh dekoriert. Ein Aquarium steht in einem kleinen Vorraum. Doch der Flur, der danach folgt, wirkt steril und leer. Obwohl vereinzelte Bilder an den Wänden hängen, kommt hier keine wohnliche Atmosphäre auf. Die wirkliche Villa Seckendorff wird seit April letzten Jahres bis voraussichtlich Ende 2010 neu gebaut, das backsteinrote Eckgebäude im Stuttgarter Westen ist also nur eine Übergangslösung. Doch in diesem Gebäude wollen wir Antworten finden, auf die Frage: „Was ist Glück?“ Für uns als Jugendliche, die fast ihr ganzes Leben noch vor sich haben, ist diese abstrakte Frage wohl nicht so einfach zu beantworten. Fällt die Antwort darauf vielleicht einfacher nach vielen Jahren Lebenserfahrung? Wir befinden uns in dem Alten- und Pflegeheim „Villa Seckendorff“ in der Stuttgarter Forststraße, die benannt ist nach ihrer Gründerin, der Freiin Henrietta von Seckendorff-Gutend. Die Einrichtung wird von der Bruderhaus Diakonie aus Reutlingen geführt, die mit den verschiedensten Angeboten in ganz Baden-

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Württemberg insgesamt 9000 pflege- oder hilfsbedürftige Menschen betreut. Markus Bartl, der Heimleiter der Villa

Das ist wirklich eine interessante Frage mit dem Glück. Seckendorff, zeigt sich überrascht, dass wir auf der Suche nach dem Glück ausgerechnet in seiner Einrichtung gelandet sind. „Das ist wirklich eine interessante Frage, ob unsere Bewohner hier ihr Glück finden können“, meint Bartl, der seit fünf Jahren in der Villa Seckendorff tätig ist. „Ich bin richtig gespannt, ob da Antworten gefunden werden können“ ergänzt er, und es klingt fast ein bisschen skeptisch. In der Villa Seckendorff leben derzeit 67

Bewohner. „Die meisten von ihnen sind pflegebedürftig, aber wir haben auch relativ fitte Senioren hier“, erzählt Bartl. Die Menschen lebten hier, weil sie sich selbst nicht mehr versorgen könnten und von der gut ausgebauten Infrastruktur der Einrichtung mit rund 60 Mitarbeitern profitieren können. Bartl selbst glaubt, dass tendenziell die Bewohner, die bisher ein überwiegend glückliches Leben hatten, sich auch in der Villa Seckendorff wohl fühlen. „Wir können hier keine glücklichen Menschen produzieren“, meint Bartl. „Aber ich hoffe doch, dass wir auch niemanden unglücklich machen“. Es sei ein hoher Anspruch, dass alle Bewohner glücklich seien. „Und unser Einfluss darauf als Mitarbeiter ist sehr begrenzt.“ Ausschlaggebend sei meistens auch, aus welchen Gründen und Motiven die Senioren in das Pflegeheim gekommen sind. „Die Minderheit ist aus Eigeninitiative hierher gezogen. Für manche ging es einfach nicht anders“, sagt er. Parallel zum Umbau der Villa Seckendorff will das Pflegepersonal aber auch ein neues Konzept einführen, mit dem die

Foto: Marie Frenzel / www.jugendfotos.de


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Bewohner selbstbestimmter und unabhängiger ihr Leben im Pflegeheim gestalten können. Davon erhofft sich die Heimleitung, die Atmosphäre aufzulockern und vielleicht auch das persönliche Wohlbefinden und Glück der Bewohner in der Villa Seckendorff zu steigern. Einen der „fitten Senioren“, wie Markus Bartl sie bezeichnet hat, ist Elfride Neuffer. Die 74-jährige Stuttgarterin lebt bereits seit fünf Jahren in der Villa Seckendorff. „Ich habe hier richtige Aufgaben, wie zum Beispiel Blumen gießen oder die Zeitung holen“, erzählt sie. Diese Tätigkeiten geben ihr Halt in ihrem Alltag. „Mir gefällt es hier gut. Und ich würde wirklich sagen, dass ich hier glücklich bin, denn es ist immer etwas geboten.“ Damit hat die rüstige Stuttgarterin Recht: In der Villa Seckendorff gibt es regelmäßig Programmpunkte wie zum Beispiel Gedächnistraining, Gymnastik oder Bastelstunden. Und da die Villa der Bruderhaus-Diakonie gehört, finden natürlich auch christlich geprägte Veranstaltungen statt. Dazu gehört der regelmäßige „Treffpunkt Lebenszeit“ mit Pfarrer Eckehard Blum. Das Thema an diesem Nachmittag ist „Unterwegssein“. Der Pastor gibt sich Mühe, laut, langsam und sehr anschaulich zu reden, damit ihm jeder der Gäste folgen kann. Gekommen sind fast ausschließlich Frauen, bis auf einen einzigen Mann. Es werden Fragen gestellt wie: Woher komme ich? Und wohin gehe ich? Die Senioren beteiligen sich rege, zwischendurch werden einige Lieder zusammen gesungen. Unter den Besuchern ist auch Annemarie Haas. Die 88-Jährige, die seit dem Jahr 2003 in der Villa Seckendorff lebt, kann auf ein aufregendes Leben mit vielen Höhen und Tiefen zurückblicken. „Geboren bin ich in

„Es ist doch nichts mehr gut auf der Welt“ Dresden“, erzählt sie. Aber aufgewachsen ist sie in Chemnitz bei ihren Großeltern, nachdem ihr Vater mit einer Geliebten in Brasilien abgetaucht war. Trotzdem habe sie eine glückliche Kindheit gehabt, sei immer verwöhnt und geliebt worden. „1952 wurde ich dann von den Russen

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ans Eismeer verschleppt und dort drei Jahre lang festgehalten“, schildert Annemarie Haas. Weil sie dem Kommunismus klar und öffentlich eine Absage erteilt hatte, musste sie als politischer Häftling in einem Lager Zwangsarbeit leisten. Schneestürme und Temperaturen von -76° Celsius habe sie dort erlebt. „Konrad Adenauer hat uns Kriegsgefangene dann aber zurückgeholt“, erzählt sie von ihrer Rettung. Noch heute sieht man ihr die Erleichterung an. „So konnten wir im September 1955 nach Deutschland zurückkehren.“ Ihr Bruder aus Stuttgart habe sie dann zu sich geholt. Kurz darauf habe sie geheiratet, einen Mann, den sie noch aus der Gefangenschaft kannte. Das Paar bekam bald schon einen Sohn. „Doch dann hat er mich betrogen“, äußert sie traurig. Es folgte die Scheidung. Aber Annemarie Haas lernte einen anderen Mann kennen, mit dem sie die darauffolgenden Jahre verbrachte. Immer wieder stockt die heute 88-Jährige in ihren Erzählungen oder springt plötzlich in der Zeit. „Ach, das Gedächtnis“, stöhnt sie dann. Sie hat kein einfaches Schicksal, die Liste ihrer Krankheiten ist lang: Ein Herzmuskelschaden, chronische Gastritis und Bronchitis, Osteoporose, Arthritis. Hinzu kommt, dass sie selbst sich im Pflegeheim nicht besonders wohl fühlt. „Das ist nicht meine Art zu leben“, betont Annemarie Haas mehrmals. Es fehle ihr an Hygiene und das Essen bekomme ihr nicht. „Auch die Umstellung von einer Wohnung auf ein einzelnes Zimmer hier ist mir sehr schwer gefallen“, erklärt sie. Mittlerweile sieht es in ihrem Raum in der Villa Seckendorff aber sehr wohnlich aus: An den Wänden hängen alte Familienfotos und Bilder, der Tisch ist vollgeladen mit Briefen, leeren Wasserflaschen, Schreibutensilien und einem Telefon, auf dem Fensterbrett stehen Pflanzen. Zu ihrer Familie pflegt sie kaum noch Kontakt, nur von einer Enkelin erzählt sie, die sie regelmäßig besucht und sie über die aktuellen familiären Entwicklungen auf dem Laufenden hält. „Von ihr weiß ich auch, dass mein früherer Mann vor Kurzem gestorben ist“, sagt die 88-Jährige. In ihrem Leben hat Annemarie Haas gelernt, dass für das persönliche Glück vor allem die Familie, Kinder und Freunde wichtig sind. Auch Frieden und Eintracht sei unbedingt notwendig. „Ich gebe selbst auch gerne ab und helfe“, erzählt sie. Das habe ebenfalls stets zu ihrem Glück beigetragen. Sie glaubt, trotz all der schwierigen

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Zeiten, die sie erlebt hat, nicht, dass das Leben heute einfacher geworden ist. Und dass es für die Jugend von heute einfacher sein könnte, dank materiellem Wohlstand oder Frieden glücklich zu werden. „Es ist doch nichts mehr gut auf der Welt“, stöhnt sie. Früher sei alles geordnet gewesen. „Da haben noch die Grundsätze meines Großvaters gegolten: Ehrlichkeit, Fleiß, Achtung vor dem Alter, Sauberkeit, Hilfsbereitschaft“, zählt sie auf. All das gebe es heute aus ihrer Sicht nicht mehr. „Ihr habt ja keine Vorstellung, was wir alles durchgemacht haben“, sagt sie mehrmals zu uns. Doch dann steht Annemarie Haas langsam auf. Sie kann nur noch schwer gehen oder selbstständig stehen,

Für das persönliche Glück sind vor allem Familie, Kinder und Freunde wichig geht mühsam zu einem Regal und zieht für uns ihre Fotoalben heraus. Bilder, die die schönen Momente ihres Lebens dokumentieren. Annemarie Haas als junge Frau im Kreis ihrer Freunde, bei ihrer Hochzeit oder mit ihrem Lebensgefährten unterwegs in den USA. Momente, in denen sie wirklich glücklich gewesen ist. Susan Djahangard

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Nur jung kann glücklich? Ganz im Gegenteil: Nach einer amerikanischen Studie, die über 540 Probanden befragte, fühlen sich Senioren im Schnitt glücklicher als junge Menschen

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ASIEN SATT Zwischen Religion und Tradition, Musik und Currygerichten: Malaysia hat viele verschiedene Gesichter und feste Regeln bei Tisch

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er Tradition und Asien liebt, gerne Fisch isst und Lebenslust spüren will, ist in Malaysia genau richtig. Mit einer Fläche von329.758 Quadratkilometern ist Malaysia ein wenig kleiner als Deutschland und mit fast 28 Millionen Einwohnern recht überschaubar. Westmalaysia grenzt im Norden an Thailand, Ostmalaysia im Süden an Indonesien. Zwischen der malaysischenn Halbinsel und der Insel Sumatra liegt die Straße von Malakka, heute eine der größtenSeefahrtstraßenn der Welt. Wer in Malaysia Urlaub machen möchte, sollte unbedingt einen Regenschirm dabei haben, denn das Klima ist äquatorial und ist von April bis Oktober und Oktober bis Februar durch den Nordostmonsun geprägt. Kuala Lumpur ist die Hauptstadt und das Aushängeschild Malaysias. Jeder Besucher, wenn er nicht gerade mit dem Boot kommt, betritt das Land über den KLIA, den Kuala Lumpur International Airport, der als sehr sehenswert gilt. Kuala Lumpur lebt von seinen Gegensätzen: alt und neu, arm und reich, preiswert und teuer. So befinden sich in der Stadt neben vielen Wolkenkratzern die höchsten Gebäude der Welt, die „Petronas Twin-Towers“, der KL-Tower und viele Shopping Zentren. Doch nicht nur die Hauptstadt ist einen Besuch wert. Die Insel Borneo mit der größten malaysischenn Moschee und die Stadt Malakka mit der größten malaysischenn „Christ Church“ sind ebenfalls lohnenswerte Reiseziele.. Übrigens: Wer in Malaysia unterwegs ist, sollte man darauf achten, nicht dem Zeigefinger auf Dinge und Gebäude zu zeigen. Wenn man auf etwas zeigen möchte, dann nur mit dem rechten Daumen. In Moscheen immer die Schuhe ausziehen und Frauen müssen sich mit einem Umhang oder Kopftuch bedecken. Doch nicht nur an den Regenschirm sollte man bei einem Besuch denken, sondern auch ans Umtauschen von Euros in die Landeswährung Ringgit. Auf keinen Fall sollte man bei einer Reise nach

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Malaysia eines der vielen Feste verpassen. Denn dann werden die Straßen lebendig und Musik und Tanz, die größten Bestandteile der Kultur, beleben die Gassen und Plätze. Neben vielen christlichen Festen haben die Malaisennnnnn auch viele Festivals und Paraden, beispielsweise das „Penang Street Festival“, „Colours of Malaysia“ (Fest über das kulturelle Erbe der 13 malaiischen Regionen) und das „Chinese New Year“. Das Essen ist eine wahre Geschmacksexplosition: In Malaysia kommt eine vielfältige Mischung aus exotischen Nahrungsmitteln und Gewürzen in den Kochtopf. Die Leibgerichte der Malaisennn sind vor allem Lamm, Huhn, Schrimps, Garnelen und Tintenfisch, gewürzt mit Curry,

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Pfeffer, Kurkuma, Schalotten, Knoblauch und Ingwer, dazu Reis oder Fladenbrot, scharfer Paprika, Morcheln und Auberginen. Als Nachtisch werden exotische Früchte wie Ananas, Mangos oder Kokosnuss serviert. Um nicht negativ aufzufallen, sollten sich Urlauber an einige Verhaltensregeln halten. Malaysische Knigge ist auf den ersten Blick eine ziemlich komplexe Sache, aber wenn man einige Grundregeln beachtet, ganz einfach. Zur Begrüßung ist Hände schütteln zwar erlaubt, manche Frauen bevorzugen es jedoch, Männern nur zu zunicken. Besuche bei einer malaysischen Familie sollten unbedingt angekündigt werden, alles andere gilt als unhöflich. Gästen wird immer etwas zu Trinken angeboten, was der Gast annehmen sollte, wenn er den Gastgeber nicht beleidigen möchte. Im Gegensatz zu uns wird in Malaysia nicht mit Besteck gegessen, sondern mit der rechten Hand, Gegenstände werden bei Tisch ebenfalls nur mit der rechten Hand gereicht. Ein wichtiges Wort sollte man sich merken, nämlich „Terima kasih“, was so viel wie „Danke“ heißt. In diesem Sinne: Wer eine andere Kultur kennen lernen möchte ist in Malaysia genau richtig. Christina Ott

Die Petronas-Towers in Kuala Lumpur, nur eine der vielen Sehenswürdigkeit der Stadt und des Landes

Foto: Trey Ratcliff / flickr.com (CC-Licence)


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ACHTUNG, SCHWARZE K ATZE Albinos töten, Hexen verbrennen oder Menschen mit dem Gestank mehrerer Tage getragener Glückssocken belästigen: Aberglaube bringt Menschen dazu, grausam-skurrile Dinge zu tun Dunkle Seiten

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enn sie morgens aufwachen, wissen sie nicht, ob an ihrem Körper noch alles dran ist. Das ist das Schicksal der rund 13.000 Albinos in Tanzania. Die Körperteile der „weißen Schwarzen“ sind eine beliebte Zutat für Zaubertränke. Aberglaube kann grausam sein: Abgehackte Hasenpfoten oder stinkende Glückssocken sind für Viele bewährte Rezepte gegen das Unglück. Dabei gab Aberglaube den Menschen zum ersten Mal, das Gefühl, den Gang der Dinge steuern zu können. Doch was ist Aberglaube genau?

Die ersten Menschen meisterten schwierige Situationen nicht durch rationales Denken. Lieber setzten sie auf eine Mischung aus Gefühl und Intuition. Unbewusst fragten sie sich „Was habe ich getan, als das passiert ist und alles gut gegangen ist?“ Dabei wiederholen sie auch Handlungen, die das Problem weder lösen noch verschlechtern. Sogar Tiere sind abergläubisch: Das beweist eine Studie mit Tauben. Dafür hat der US-amerikanische Psychologe Bhurrus Skinner 1948 die Tiere in einer blickdichten Kiste eingeschlossen. In regelmäßigen Abständen ließ er etwas

1933 sprach der Physiker Fritz Zwickyb zum ersten Mal von „Dunklen Kräften“: Manche Galaxien im All drehen sich so schnell, dass die Schwerkraft ihrer sichtbaren Materie sie nicht zusammenhalten können. 96 Prozent des Universums sind aus unsichtbarer Materie. Nur wegen ihrer Wirkung auf alles andere wissen wir überhaupt, dass sie existiert. Man unterscheidet zwischen der Dunklen Materie und Dunkler Energie. Die dunkle Materie ist wie eine Brezel, die mit Salzkörnern gespickt ist – den Sternen. Die Masse ebendieser ergibt die Schwerkraft, die notwendig ist, um die sich drehenden Galaxien zusammen zuhalten. Eine Abstoßungskraft hingegen, die das Universum auseinander drückt, wirkt der Schwerkraft der gewöhnlichen Materie, die es zusammen zieht, genau entgegen. Diese „Abstoßungskraft“ nennt hl man „dunkle Energie“.

Glücksmacher Schokolade?!

Wenn sonst nichts hilft: Aberglaube ist die älteste Form von Problemlösung

Jeder Brauch folgt einem gleichen Muster: Es gibt zwei Ereignisse, zum Beispiel das Tragen einer bestimmten Jacke und das Bestehen einer Prüfung. Beide Ereignisse treten gleichzeitig auf und eins davon ist besonders erwünscht oder besonders unerwünscht. Der Mensch, der diese Ereignisse erlebt, stellt also einen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen her. Er glaubt, dass das Tragen der Glücksjacke das Ergebnis seiner Prüfung beeinflusst hat.Während rituelle Morde an Albinos eine relativ neue Erscheinung sind, ist Aberglaube die älteste Form von Problemlösung.

Futter in die Kiste fallen. Nach kurzer Zeit fingen die Tauben an, sich seltsam zu bewegen. Diese Bewegungen hatten die Vögel bereits ausgeführt, kurz bevor Futter in die Kiste fiel. Die Tauben glaubten, sie könnten das Erscheinen der begehrten Körner durch ihre Bewegungen beeinflussen. Dass das nicht immer klappte, störte sie nicht. Das stört auch Menschen nicht. Das beste Beispiel dafür ist das Lottospiel: Über eine Million Menschen versuchen ihr Glück regelmäßig, obwohl die Wahrscheinlichkeit, 6 Richtige zu raten, 1 zu 139.838.160 Silke Brüggemann steht.

Fotos: Sandra Czok / jugendfotos.de (groß); kallejipp / photocase.com (o.r.)

Für viele Menschen ist Schokolade ein Dickmacher. Das liegt daran, dass die süße Versuchung reich an Zucker und Fett ist. Doch was ist dran an der Behauptung, dass Schokolade glücklich macht? Tatsächlich haben Wissenschaftler in Schokolade verschiedene Stoffe entdeckt, die sich positiv auf unsere Stimmung auswirken. Zum einen enthält Schokolade die Aminosäure Tryptophan, die im menschlichen Gehirn in den Botenstoff Serotonin umgewandelt wird. Serotonin verursacht gute Laune und hellt unsere Stimmung auf. Des Weiteren regt das aus den Kakaobohnen stammende Koffein unseren Kreislauf an und löst eine Erhöhung des Blutdrucks aus. Sogar Anandamid, ein ähnlicher Rauschstoff wie er in der Hanfpflanze vorkommt, konnten Forscher in Schokolade nachweisen. Allerdings ist umstritten, ob Schokolade ein Glücksmacher ist, da die genannten Stoffe nur in sehr geringen Mengen in der Schokolade vorhanden sind. Andere Lebensmittel hingegen, wie zum Beispiel Bananen, Walnüsse und Tomaten enthalten deutlich mehr Serotonin. Diese sind genauso wenig als Glücksmacher bekannt wie Kaffee, der viel mehr Koffein als Schokolade enthält. b l

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MELODIE IM HERZ UND PUNK IM SINN Sie haben Freude, Talent und Leidenschaft und geben nicht auf - selbst wenn die Gitarre versagt

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low, Sabi und Nici sitzen im Schloßpark und blinzeln verschmitzt in die Sonne. Alle drei sind 19 Jahre alt und haben gerade Abitur gemacht. Zusammen sind sie „Great Input, Folks“, eine IndieAlternative-Rock Band auf dem besten Weg zur eigenen Prominenz. Was Anfang 2008 auf kleiner Flamme begann, brennt inzwischen lichterloh: Great Input, Folks hat sich inzwischen, durch Auftritte in verschiedenen Clubs, vor allem in Stuttgart und näherer Umgebung einen Namen gemacht. „Zuerst war das Ganze nur ein Spaß und wir waren vor allem damit beschäftigt, unser Marketing zu organisieren.“ lacht Sabi und wickelt einen Grashalm um ihre Finger. „Doch dann haben wir bemerkt, dass ziemlich viel in uns steckt.“ Flow fährt sich durch ihre wilden Locken, „Und als Nici für den

Bass dazu kam, haben wir angefangen, richtige Lieder zu schreiben, aufzunehmen und plötzlich hatten wir den ersten Auftritt auf dem „Musifiz“.“ Letztes Jahr gewann „Great Input, Folks den „Local Vision Band Contest“. Auch dieses Jahr waren sie dabei, scheiterten jedoch auf Bundesebene. „Ja ja, immer hab ich Stress mit meiner Gitarre!“ schimpft Flow lächelnd. Besagte Gitarre hatte ihr während des ersten Liedes den Dienst versagt und verhinderte so das Weiterkommen der drei Außenseiterinnen unter den Bands. „Wir bekommen fast immer einen Mädchen-Bonus“ grinst die ansonsten sehr stille Nici und rollt die Augen. Allein am Geschlecht kann ihr Erfolg allerdings nicht liegen, und was ihnen Backstage einmal gesagt wurde, werden sie nie vergessen:

„Ihr drei habt alles, was man nicht erlernen kann: Freude, Talent und Leidenschaft!“ „Unsere Musik hat die Melodie im Herz und den Punk im Sinn und das gibt uns den Ansporn! Klar, der Local Vision Band Contest hat uns einen kleinen Schlag versetzt, aber um jetzt aufzugeben, haben wir einfach zu viel Spaß!“ Nur die Zukunft der Band bereitet ihnen Sorgen: Alle drei wollen ein Jahr ins Ausland, danach in Berlin studieren. „Wenn alles klappt.“, seufzt Sabi. Eins ist sicher: Von der Bildfläche Stuttgarts wird „Great Input, Folks“ nicht so schnell verschwinden, auch wenn es gerade nicht rosig aussieht. Aber wie die drei ihr Motto so schön aus ihrem Lied „White like a Pantomime“ zitieren: „We prefer taking our own colors to paint our faces!“ H e n r i k e W. L e d i g

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Elfte Woche „Du spinnst doch komplett! Kommst mir hier mit einem Kind an, ausgerechnet jetzt!“ Carolin ist für ihren Vater die neue Birgit Prinz. Er kann es kaum ertragen, dass seine Tochter sich etwas anderem als Fußball widmet. Vincent, Carolins Freund, kann Carolins Vater mit Mühe und Not akzeptieren, doch als er erfährt, dass sie schwanger ist, bricht für ihn seine Traumwelt zusammen. Carolin erlebt mit Vincent ihr erstes Mal. Für Carolin war es eine wunderschöne Nacht, doch an die Folgen des unverhüteten Sexes denkt sie erst, als sie ihre Tage nicht mehr bekommt. Die Frauenärztin rät Carolin, ihren Eltern und Vincent von der Schwangerschaft zu erzählen. Doch dieser Schritt ist für Carolin sehr schwierig. Sie hadert damit, ob sie das Kind, das sie liebevoll Schmetterling nennt, bekommen soll oder nicht. Sie hatte immer den Traum Fußballerin zu werden, doch jetzt? Carolin denkt, dass ihre Eltern über sie und das Baby entscheiden können, da sie noch minderjährig ist. In einer Beratungsstelle klärt Anke sie auf: „Wenn

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ein Mädchen den Eindruck erweckt, dass es seelisch und geistig reif genug ist, um zu wissen, was ein Schwangerschaftsabbruch für ihr Leben bedeutet, aber auch, was es heißt das Kind zu bekommen, braucht es die Zustimmung der Erziehungsberechtigten nicht.“ Da Carolin diesen Eindruck erweckt, entscheidet sie sich in der elften Woche ihrer Schwangerschaft schließlich alleine. Diese Entscheidung wird von der Autorin Christine Fehér sehr nachvollziehbar beschrieben. Dadurch dass die Autorin immer wieder aus der Sicht Carolins sowie aus der Sicht Vincents schreibt, kann der Leser die Gefühle sehr gute nachempfinden. Das Buch „Elfte Woche“ ist nicht nur ein Roman, der dem Leser die Tränen in die Augen steigen lässt, da Carolin oft sehr verzweifelt ist, sondern auch eine Geschichte, die wach rüttelt. Dieser Roman ist nicht einer der vielen Schwangerschaftsbücher, sondern einer der dem Leser den Zwiespalt zwischen Karriere und Verantwortung einem Kind gegenüber sehr anschaulich beschreibt. vs

Fehér, Christine: Elfte Woche. München: cbt 2008.

Cover: cbt-Verlag


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l n als f gebe Noir: Noir r r e e d d bei iel in Job astsp G ? riels b t a u G arum ayo und w ein L n r aus e e t w u stal Gur ervie t b n i e W ne kter u ger errüc est d v d r n i ü w on, e Wen Badim u e i h Matt , isseur reich : Reg n e Frank t r a nderg ur im Ki h genie c s n I nn swun a d f u n r n Be ild, wa tes B rgend i r e i r e m ani spät ium: Stud m i ächer ilch lingsf Flash Lieb ne M h d o n u e e ung Kaff Werb icht: n t p au überh n ich n a k Geinken Das en? s er tr s k i c w u l man abrie und Z t wie r ber G e ü i s i t l e an unorg die W muss ht so c s i a n W d gar er sin stalt ! denkt

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Impressum Noir ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 12 – September 2009

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Schlossstr. 23 74372 Sersheim Tel.: 07042 8155-35 Fax: 07042 8155-40

www.jpbw.de buero@jpbw.de

Chefredaktion Miriam Kumpf miriam.kumpf@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de

Layout & Art-Director Tobias Fischer

tobias.fischer@noirmag.de

Layout-Team Luca Leicht, Benjamin Leiser, Gabriel Rausch, Simon Staib, Tobi Fischer layout@noirmag.de

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Titelbilder Stefan Franke / www.stefanfranke.eu (Titel) Rona Keller (links), Johannes Ammon (mitte), Marie Frenzel (rechts) / jugendfotos.de (3x)

Redaktion Silke Brüggemann (sbr), Lisa Cramer (lc), Susan Djahangard (sd), Ekaterina Eimer (ee), Ann-Kathrin Freude (akf), Georgia Hädicke (gh), Sabrina Kurth (sk), Henrike W. Ledig (hl), Benjamin Leiser (bl), Christina Ott (co), Anna Ruppert (ar), Bettina Schneier (bs), Vanessa Sieck (vs), Katharina Tomaszewski (kt), Jan David Zaiser (jz), Lisa Zeller (lz) redaktion@noirmag.de

Anzeigen, Finanzen, Koordination Sebastian Nikoloff sebastian.nikoloff@noirmag.de

Druck Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de

Noir kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 07042 8155-35 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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PLANLOS VOR DER WAHLURNE? Wählen mit 16 Jahren? Bettina Schneider diskutiert das Für und Wider

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ei der ersten Wahl nach meinem achtzehnten Geburtstag wollte ich unbedingt wählen gehen. Nicht, weil ich viel von Politik verstand, sondern weil ich es jetzt durfte – sowie ich endlich nach Mitternacht in der Disco tanzen durfte und an der Tankstelle Zigaretten und Alkohol bekam. Es war eine neue Freiheit, die ich voll und ganz auskosten wollte. Wie mir geht es vielen Jugendlichen: Begriffe wie „Opposition“, „Große Koalition“ oder „BIP“ müssten sie erst einmal bei Wikipedia eingeben, um eine genauere Definition geben zu können, als „das hat irgendwas mit Politik zu tun“. Eine Studie der Uni Hohenheim hat bestätigt, dass viele Jugendliche nicht genau wissen, worum es bei politischen Wahlen geht. Auch die Schulpläne tragen ihren Teil zum Unwissen bei: Während man ausführlich die Französische Revolution und das amerikanische Wahlsystem durchkaut, bleibt aktuelle deutsche Politik auf der Strecke. Hinzu kommt, dass die meisten Jugendlichen nicht regelmäßig Zeitung lesen oder Nachrichten sehen. Befürworter des Wahlrechts mit 16 Jahren behaupten: Jugendliche, die mitmischen dürfen, interessieren sich mehr für Politik. Doch Jugendliche nutzen auch heute kaum ihre Möglichkeiten. Die Jugendräte zum Beispiel haben meist zu wenige engagierte Jugendliche. Natürlich gibt es die Überengagierten und Übermotivierten, die statt ins Fußballtraining in den Jugendgemeinderat rennen und mit glühenden Köpfen über Haushaltslöcher und neue Fenster für den örtlichen Kindergarten diskutieren. Doch sie sind die Ausnahme. Auch wenn man sich die Mitgliederzahlen großer Parteien ansieht, findet man kaum junge Menschen. Dafür findet man sie häufiger in extremen Randparteien, wie zum Beispiel in der NPD. Es gibt natürlich auch Erwachsene, die sich von leeren Versprechungen und Parolen beeindrucken lassen, doch gerade in der Pubertät ist man dafür anfälliger, da es

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Kann eine Herabsetzung des Wahlalters der Politikverdrossenheit vieler Jugendlicher entgegenwirken?

häufig eine Zeit der Zweifel und Sehnsucht nach Gemeinschaft ist. Einige Punkte sprechen dennoch für ein Wahlrecht ab 16 Jahren. So wären die Politiker dazu gezwungen, sich noch mehr mit jugendrelevanten Themen auseinanderzusetzen, um Stimmen aus dem neuen Wählerpool zu ergattern. Themen wie Bildung und Ausbildung, aber auch regionale Jugendzentren bekämen dadurch mehr Aufmerksamkeit. Widersprüchlich scheint, dass man Zigaretten und Alkohol laut Jugendschutz erst ab 18 kaufen kann. Jugendlichen traut man keinen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen zu. Warum also sollte jemand, dem man kein selbstverantwortliches Handeln zutraut, für eine ganze Gesellschaft mitbestimmen dürfen? Andererseits muss man aber auch bedenken, dass viele Jugendliche mit 16 Jahren schon im Arbeitsleben stehen, Steuern zahlen und

somit auch mitbestimmen dürfen sollten, was mit ihrem Geld passiert. Auch sollte man sich fragen, ob eine Heirat weniger Verantwortungsbewusstsein erfordert als das Recht zu wählen. Oder warum wird in Deutschland erlaubt, mit 16 Jahren zu heiraten (mit Einwilligung der Eltern), aber den Wahlzettel gibt es erst mit der Volljährigkeit. Österreich hat 2002 das Wahlrecht ab 16 Jahren eingeführt, in Deutschland findet das nur in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Berlin auf kommunaler Ebene statt. In Hessen wurde es wieder abgeschafft. Bevor man überlegt, das Wahlrecht weiter zu öffnen, sollte man meiner Meinung nach das Bildungsprogramm darauf abstimmen. Schüler sollten fit für Politik gemacht werden, damit sie nicht planlos vor der Urne stehen und auf und ab hüpfen, weil sie endlich 16 sind und lediglich wählen, weil sie es dürfen.

Foto: Alexander Hauk / www.alexander-hauk.de


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KOPF AB FÜR DIE FORSCHUNG Tierversuche sind aus der heutigen Forschung nicht mehr wegzudenken. Medizin, Kosmetik oder an Universitäten - zuerst testest man an Tieren, dann am Menschen. Tierschützer fordern, alle Tierversuche einzustellen. Katharina Tomaszewski hat zwei Studenten nach ihrer Meinung gefragt

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erhard Jansen* studiert seit vier Jahren an der Universität Tübingen Mikrobiologie. Er finanziert sein Studium als studentische Hilfskraft in einem Labor, in dem Tierversuche gemacht werden. Während seines Studiums muss er immer wieder Versuche an kleinen Tieren durchführen. Diskutiert, ob dies gut oder schlecht ist, hat keiner mit den Studenten. So musste er in einem Kurs ein Nervenexperiment machen, bei dem lebendigen Fröschen der Kopf abgeschnitten wurde, um zu sehen, wie der Körper minutenlang weiter hüpft. „Es gibt Leute, die das nicht machen wollen. Nicht nur weil sie es unmoralisch finden, sie ekeln sich“, erzählt der 25-Jährige. Sein Laborchef verließ das Labor nach zehn Jahren, weil er die Arbeit nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren kann. „Das Problem sind nicht die kleinen Tiere, sondern wenn in den großen Laboren Hunderte von Tieren pro Woche regelrecht geschlachtet werden. Ich finde es schade, dass man Tiere umbringen oder krank machen muss“, sagt der Student, während er an seiner Zigarette zieht und sein Blick aus dem Fenster schweift. Und doch tut er dies jede Woche. Er beruhigt sein Gewissen damit, dass seine Arbeit einen hohen Nutzen für die Forschung hat und irgendwann Menschenleben retten könnte. Sein Arbeitgeber bekommt Wirkstoffe und muss diese dann an Tieren testen, bevor sie für Medikamente verwendet werden. „Ich weiß, dass es für einen guten Zweck ist. Es ist besser, wenn eine Ratte stirbt als ein Mensch. Aber ich werde diesen Job nicht ewig machen können.“ Experimente werden zuerst an Zellen durchgeführt, dann an Tieren. Die Stammzellenforschung ist ein großes Thema in der Medizin. Das Ziel ist es,

Foto: karinclaus / photocase.com; Illustration: Tobias Fischer

eines Tages Organe im Labor züchten zu können. Doch auch die Lebensmittelindustrie sieht hier einen Nutzen. Billiger Pizzakäse wird aus Pflanzenöl hergestellt und Garnelen aus Fischmehl gepresst. „Im Labor wird sogar Fleisch gezüchtet. Ein Kilo Muskelfleisch kostet fünf Millionen Euro, “ erzählt Gerhard Jansen. „Es schmeckt aber nach gar nichts, weil es nicht von einem Tier ist, das durch seine Umwelt und Ernährung beeinflusst wurde.“ Martin Braun studiert an der Universität Tübingen seit neun Semestern Humanmedizin. Er ist der Meinung, dass die Forschung in ferner Zukunft vielleicht einmal ohne Tierexperimente auskommt. „Es gibt aber heutzutage noch kein Modell, weder in Form von Zellkulturen noch in Computersimulationen, welches die Komplexität des menschlichen Körpers widerspiegelt.“ Unerwünschte Nebenwirkungen von neuen Wirkstoffen oder Therapien können am Besten an Tieren festgestellt werden. Dennoch ist er gegen unnötig qualvolle Tierversuche und dagegen, mehr Tiere als notwendig dafür zu verwenden. In der Europäischen Union dürfen seit 2009 keine Kosmetika mehr vertrieben werden, bei denen die Bestandteile in Tierversuchen getestet wurden. „Diese Entwicklung heiße ich prinzipiell gut.“ Allerdings sollen nach neuen Bestimmungen mehrere zehntausend Chemikalien, deren Auswirkungen auf Mensch und Umwelt oft noch unklar sind, an Tieren getestet werden. Viele davon seien auch in Kosmetika enthalten. „Es ist wohl leider davon auszugehen, dass letztendlich die Anzahl der Tierexperimente in den nächsten Jahren ansteigen wird“, sagt Braun. * Name von der Redaktion geändert


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TV-HELDEN IM MUSEUM

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m Naturkundemuseum für Ur- und Frühzeit am Stuttgarter Nordbahnhof bin ich ein gern gesehener und geschätzer Gast. Denn ich greife den Kollegen aus der Museumspädagogik unter die Arme und mache Dino-Führungen mit Grundschulklassen und Kindergartengruppen. Wenn man jeden Tag mit Kindern zu tun hat, die meisten multikulturell und -medial aufgewachsen, stößt so manch eingesessene Führerin an ihre Grenzen. Donnerstagvormittag, etwa 11.30 Uhr. Ich stehe mit einer 25-köpfigen Gruppe Drittklässler vor dem WeißjuraDiorama. Hinter mir erstrecken sich die ersten Riffe der Welt und das Jura-Krokodil Dakosaurus fletscht seine Zähne. Seit einer Viertelstunde versuche ich verzweifelt, die Gedanken der Kinder auf die Vielfalt des Meeresbodens zu lenken. „So, Kinder. Wie ihr seht, wurden die Riffe damals noch nicht von Korallen aufgebaut, sondern von diesem knubbeligen Dingern hinter mir. Wisst ihr, was das ist?“ Als Antwort erhalte ich ein allgemeines verneinendes Gemurmel aus meiner Gruppe. „Gut, dann sage ich es

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A l l t ä g l i c h e r W G - W a h n s inn

Spaghetti auf Toast

euch. Das ist ein Schwamm.“ „SPONGEBOB!“ dröhnt es mir plötzlich wie aus einem Mund entgegen und 25 Kinder mit Rücksäcken drängen mich von der Glastrennwand weg. Dass die Schwämme in unserem Diorama weder Höschen noch Krawatte anhaben, stört sie nicht. Ich sehe meine Chance gekommen, doch noch mit den Kindern zu arbeiten. „Äh, ja, was könnt ihr noch sehen?“ „Da ist Patrick! Da ist Patrick!“, höre ich sofort von mehren Kinder, und sie zeigen aufgeregt auf einen kleinen rosa Seestern. Auch Thaddäus ist in der Weißjura ihrer Meinung nach vertreten, auch wenn es sie ein bisschen irritiert, dass dieser gleich vom Dakosaurus gemampft wird. Etwa 15 Minuten später falle ich erschöpft durch die Abteilungstür der Museumpädagogik. „Und, wie war's?“ fragt mich die Volotärin Anna. „Wir müssen SuperRTL anrufen,“ keuche ich „die sollen uns bitte für das ganze Product Placement hier bezahlen!“ Anna runzelt nur die Stirn. „Wir haben schon Mittag geholt“, sagt sie. „Tintenfischring?“ Ich lehne dankend ab, als sie mir die kleine Pappschachtel reicht.

Durch die geschlossene Wohnungstür riecht es nach Spaghetti Bolognese. Ich stehe im Hausflur, höre das Klappern der IKEAStarter-Kit-Töpfe und genieße den Moment von Heimat. Pures Glück. Es ist schön, nicht allein zu wohnen. Jule hat gekocht. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte kommt erst, als ich aufschlossen habe, in die Küche komme und sehe, wie meine Mitbewohnerin einen Löffel Spaghetti Bolognese zwischen zwei Scheiben labbrigen Toast matscht. Sie strahlt und hält mir den Haufen Pampe unter die Nase. „Auch was zu Essen?“ Mir dreht sich der Magen um. „Das sieht aus, als hätte es schon mal jemand gegessen.“ Jule zuckt mit den Achseln, stopft sich glücklich ihr Mamma-Miracoli-Massaker in den Mund und schmatzt: „Rezept is' aus Neuseeland. Schmeckt besser, als es aussieht.“ Ich möchte antworten, besinne mich aber eines besseren und schau angestrengt weg. Neuseeländer müssen sehr unglückliche Menschen sein. Ich habe Hunger. Jule verdreht die Augen. „Du bist zu wählerisch für jemanden, der nicht kochen kann“, sagt sie und wirft mir eine Tafel Schokolade zu. Dann klatscht sie sich eine zweite Portion Spaghetti Bolognese auf einen Toast und betrachtet die Kreation kritisch. „Irgendwie hast du recht, es sieht wirklich widerlich aus“, gibt sie zu. Dann beißt sie ab und etwas Tomatensoße tropft auf die Spüle. „Aber es schmeckt einfach Georgia Hädicke geil!“

H e n d r i k e W. L e d i g

Me in erstes (und l e tz te s) Mal

Abifeiern in der Disko

„Bitte gib mir deinen BH!“, fleht ein Typ mich an. „Sorry, nein!“, erwidere ich höflich, aber bestimmt. Ganz so primitiv habe ich mir die Abifeier in einer Großraumdisko in Tübingen nicht vorgestellt. Ich will doch nur feiern! Doch das Tanzgelage wird für

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die „Mr. und Mrs. Abi 09-Wahl“ unterbrochen. Es geht neben dem Titel auch um 100 Euro für Getränke. Der Veranstalter weiß: Dafür machen feierwütige Abiturienten alles! So sollen die Jungs unter den anwesenden Mädchen so viele BHs wie möglich sammeln. Den größten Erfolg hat Canpo aus meiner Stufe, der stolz und betrunken mit acht BHs wedelt. Schade! Der kandidiert doch gar nicht! Naja, dann sieht man ihn in Runde zwei schon

nicht an der Stange strippen. Für das Finale sind dem Veranstalter wohl die Ideen ausgegangen, denn die Kandidaten müssen Hula-Hoop tanzen. Da hilft nur eins: Freikondome verteilen, damit es sich auf keinen Fall zu wenig um Sex dreht. Mr Abi wird Momo, unser „Stufenbauer“, der das Ganze eher parodiert hat. Lustig ist das auf jeden Fall – auch bevor wir seinen Gutschein in Getränke umwandeln. Lisa Zeller

Foto: Kerstin Reinke / PIXELIO (groß); Søren / photocase.com (klein)


300 Teilnehmer 30 Workshops

JMT-Party Medienwelt-Exkursionen

planlos planlos motimotiviert. viert. 23.-25. Oktober 2009

Du machst selbst Medien bei deiner Schülerzeitung, einem Radio oder Online-Magazin? Dann bist du bei den Jugendmedientagen 2009 in Mannheim richtig! Mit 300 anderen Teilnehmern machst du in mehr als 30 Workshops selbst Medien. Von den Grundlagen in Print und Fotografie über Podcast bis hin zu Film bieten wir dir spannende Workshops zu den unterschiedlichsten Themen. Du wählst aus dem großen Angebot und nimmst am Ende deine selbst gestalteten Medien mit nach Hause.

„Wir: Generation Egoismus?“ lautet das Thema der Jugendmedientage. Bei der Podiumsdiskussion kannst du deine Meinung zu den Jugendlichen von heute loswerden. Ist sich heutzutage wirklich jeder selbst der Nächste? Triff dich mit 300 anderen jungen Medienmachern, tausche dich aus und lern spannende Leute kennen. JugendpresseMitglieder sind für nur 25 Euro dabei. Melde dich noch heute an unter www.jugendmedientagemannheim.de

Anmeldung:

www.jugendmedientage-mannheim.de


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NOIR - Ausgabe 12: Glück  

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