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Ausgabe 10 (Mai '09) www.noirmag.de

Macht und Einfluss Selbstbestimmt statt fremdgesteuert?

Politik

Kultur

Special

Gefährlich: NoirAutoren beim Nato-Gipfel

Hörenswert: Soha singt in drei Sprachen

Zum 10. Heft: Die Redaktion zieht Bilanz


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~ Editorial ~

BÜHNE DER MACHT

Hilfe, wie spreche ich sie an? Nina Deissler gibt auf Seite 8 Flirt-Tipps – für sie und ihn

Inhalt – Noir 10

A

braham Lincoln kannte weder Reality-Shows noch Rockfestivals. Zu Lincolns Zeiten funktionierte Politik anders als heute. Doch Lincoln sagte Sätze, die zeitlos sind: „Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ Heute, 150 Jahre später, steht Barack Obama auf der Bühne der Macht. Er versteht mehr von Reality-Shows und Rockfestivals als jeder andere Politiker vor ihm. Obama ist selbst ein Popstar. Bisher scheint sein Charakter nicht unter der enormen Macht zu leiden. Obama, so scheint es, möchte seine Wahlversprechen halten. Doch nicht immer sind die Mächtigen mit einem guten Charakter gesegnet. Viel zu oft wird Macht missbraucht. Viel zu oft sind die Mächtigen sich ihrer Verantwortung nicht bewusst: Banker, die Milliarden verzocken, Manager, die Unternehmen in den Konkurs treiben, Diktatoren, die ihr Volk unterdrücken.Doch es gibt Möglichkeiten, Macht zu begrenzen und die Mächtigsten zu kontrollieren. Eine davon ist eine funktionierende Presse. NOIR ist ein Teil der Presselandschaft in Deutschland. Zugegeben: Unsere Auflage ist nicht mit der ZEIT oder dem SPIEGEL vergleichbar. Doch NOIR hat andere Qualitäten: NOIR wird ausschließlich von Jugendlichen gemacht: Wir sind mal verspielt, mal ernst, und haben einen kritischen Blick – auch auf die Mächtigen unserer Gesellschaft. Und das seit 10 Ausgaben! NOIR gibt Jugendlichen die Macht, eigene Artikel zu schreiben. Doch wir haben unseren guten Charakter bewahrt. Wenn das Abraham Lincoln sehen könnte …

Fotos: "Nina L" / Jugendfotos.de (groß); photocase.de / User: "madochab" (o.r.)

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Lifestyle. Markenmacht

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Wissen. Tierische Nachbarn

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Thema. Massenveranstaltungen

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Interview. Flirttipps

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Thema. Unterbewusstsein

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Thema. Die Kirche im Dorf

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Reportage. Auf vier Rädern

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Politik. Gipfeltreffen

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Politik. Versammlungsfreiheit?

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Politik. Date am 7. Juli

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Kultur. Leichenschau

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Kultur. Ein Satz, drei Sprachen

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Kreativ. Kurzgeschichte

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Sport. Millionär macht Fußball

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Querbeet. Licht im Dunkeln

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Intern. Wer hinter Noir steckt

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Special. Die Noir und ich

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Editorial Impressum

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L ifesty le ~ Wissen ~ Ti te lth e ma ~ Reportage ~ Pol i t i k ~ K u l t u r ~ Kreativ ~ S p o rt ~ Q u e rb eet ~ N o i r- I n t e rn ~ Jubilä um

ALLES MARKE ODER WAS? Marken – tagtäglich sind wir von ihnen umgeben. Sie sind mitten unter uns. Und sie haben menschliche Charakterzüge

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arken verselbständigen sich. Bei manchen Produkten hat eine Marke die funktionelle Bezeichnung komplett verdrängt. Wir trinken „Cola“ statt „koffeinhaltiger Limonade“ und benutzen „Tempos“ statt „Papiertaschentücher“. Dieses Phänomen tritt übrigens auch in anderen Sprachen auf: Im Englischen sagt man „to hoover“ fürs Staubsaugen und in Frankreich kärchert nicht nur Monsieur Sarkozy die Straßen (symbolisch jene der Vorstädte – worüber die Firma Kärcher Hochdruckreiniger entsetzt war und sich distanzierte). Marken entwickeln ein Eigenleben. Vor zehn Jahren hätte niemand mit dem Begriff „googlen“ etwas anfangen können, heute wird er gleichbedeutend mit „im Internet suchen“ verwendet. Google ist unangefochtener Marktführer bei dieser Dienstleistung. Solch eine Vorherrschaft birgt allerdings auch ihre Schattenseiten: Keiner kann sagen, was mit all den Daten passiert, die die Firma in Profilen über jeden einzelnen Internetnutzer sammelt. Wir werden gläserne Menschen!

Wer hat das Geld dazu? Marken erobern die Welt. Wie kein anderes Produkt versinnbildlicht der Siegeszug von Coca Cola die Amerikanisierung der Erde. Selbst in entlegenen Winkeln von Afrika kann man sie kaufen. Mit dieser Dominanz der westlichen Kultur ging dort ein Wandel des Lebensstils einher. Doch kann man das auf die Kolonialisierung durch Marken zurückführen? Teilweise ja – sie haben mit ihrem Image sicherlich dazu beigetragen, den Westen so verlockend erscheinen zu lassen und nachzuahmen. Große Unternehmen wie Nestlé oder Coca Cola kaufen die lokale Wasserversorgung in Ländern wie Indien auf, um das

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„Läuft da nicht etwas falsch in dieser Welt?“

Wasser dann zu Geld zu machen, indem sie es zu überhöhten Preisen an die lokale Bevölkerung verticken. Ist diese weltweite Kommerzialisierung nicht zuviel Macht der Marken? Läuft da nicht etwas falsch in dieser Welt? Marken bekämpfen einander. Schon im Kindergarten herrscht der Kampf Adidas gegen Nike. Kaum ein Schulanfänger, der diese Teilung der Welt nicht kennt. Beim Fußball tritt sie offensichtlich zu Tage. Je nachdem, ob ein mit den drei Streifen ausgestattetes Team gewinnt oder verliert, steigt oder fällt der Aktienkurs. Ist das nicht pervers? Geht man nachts durch die Einkaufsmeilen einer beliebigen Großstadt, glänzen die Auslagen in den Schaufenstern: Funkelnde Edelsteine, blitzend polierte Gürtelschnallen, ausgefallene Outfits, das alles zu astronomischen Preisen. Dicht an dicht drängen sich die Markenschilder: Gucci, Prada, Hugo Boss.

Ich frage mich: Wer soll sich das alles kaufen? Wer hat das Geld dazu, ist bereit, für einen Fetzen Stoff ein halbes Vermögen zu zahlen? Marken sind ein Ausdruck von Qualität. Nicht immer jedoch entscheidet dabei allein die objektive Qualität, sondern auch die ihr zugesprochene. Man könnte sagen, eine Marke ist eine Erwartungshaltung: Sie zeigt an, was ich von einem Produkt erwarten kann. Klar steckt dabei auch immer Image mitdrin. Wer einen Porsche vor der Tür stehen hat, dem geht es bei weitem nicht allein um einen fahrbaren Untersatz. Es geht auch oft nur nachrangig um Leistung. Nein, es ist wohl das Design, vor allem aber das besondere Image, das man sich erkauft, und das berauschende Gefühl, sich etwas Besonderes leisten zu können. Marken schaffen Identifikation des Käufers mit ihr. Und dieses Gefühl ist bares Geld wert. Alexander Hoffmann

Foto: Jan Zaiser


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ZERSTÖRUNG EINER JUNGEN SEELE Zermürbt von Folter und isoliert von Mitgefangenen lebten Stasi-Häftlinge unter miserablen Bedingungen Auto an der Steckdose Ein Stückchen Zukunft gab es auf dem Genfer Autosalon zu sehen, als zum ersten Mal der Grüne Pavillon eröffnet wurde. Dass die Idee vom Elektroauto bald Realität sein könnte, bewies der MiEV von Vorreiter Mitsubishi. Es ist das erste in Serie produzierte Auto, das ausschließlich von einem Elektromotor angetrieben wird, und soll zwischen 2010 und 2011 reif für den Markt sein. Aber auch die anderen namhaften Hersteller wie BMW mit dem E-Mini oder Mercedes mit dem E-Smart lassen sich nicht lumpen und stehen mit ihren Studien auf den Teststrecken. Betrieben werden die Mobile der Zukunft von Lithium-Ionen-Akkus, die an der Steckdose geladen werden können. Um die dafür benötigten Strommengen bereitzustellen, werden derzeit Kooperationen mit Automobilherstellern und Energielieferanten gegründet, um ein europaweites E-Tankstellen-Netz aufzubauen. Für Sparfüchse ist die Anschaffung trotz der geringen Kosten im Verbrauch derzeit jedoch noch nicht zu empfehlen, da die Anschaffungskosten noch deutlich über dem vergleichbaren Modell mit VerbrennungsmoLuca Leicht tor liegen.

Animal Farm Waschbären, die Mülltonnen durchwühlen? Wildschweine auf unseren Straßen? Feldhasen auf Radwegen? Phänomene, die immer öfter zu beobachten sind. Immer mehr Wildtiere zieht es in die Stadt. Doch warum flüchten diese Tiere aus ihrer natürlichen Umgebung? Diese Flucht hat folgenden Grund: Im Laufe der letzten Jahrzehnte verschlechterten sich die Lebensbedingungen der Tiere in der freien Wildbahn immer mehr. Durch die Eingriffe des Menschen wurde ihr Lebensraum teilweise oder gar gänzlich zerstört. Ihnen wird Nistplatz, Rückzugsmöglichkeit und Nahrungssuche erschwert. Für viele Wildtiere ist es schlicht „bequemer“ in der Stadt zu leben. Auf eine gute Nachbarschaft, L i s a C ra m e r Familie Wildschwein!

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s ist dunkel. Im Hintergrund ist ein gleichmäßiges Fiepen zu hören. Woher es kommt, weiß er nicht, denn in diesem kleinen Raum ist kein Fenster, keine Lampe. Noch nicht einmal ein kleiner Türschlitz, durch den Licht fallen könnte. In seiner Zelle in der Haft-

ständen kaltes Wasser auf seine Stirn tropfen. Solch eine Anwendung über Stunden hinweg verursacht Stresszustände und schwere psychische Schäden. Freigang in einem Käfig in strömendem Regen oder systematischer Schlafentzug durch

anstalt Berlin-Hohenschönhausen sitzt der 18-jährige Rainer Dellmuth zusammengekauert auf seiner Holzpritsche. Warum er hier ist? Ihm wird „versuchte Republikflucht“ und „staatsgefährdende Hetze“ vorgeworfen. Plötzlich sind dumpfe Schritte zu hören, sie kommen näher und näher. Ein Schlüsselbund rasselt, dann öffnet sich die Tür der Isolierzelle. Eine raue, starke Stimme bestimmt: „Kommen se'! Los, geh'n se'!“ Es ist düster hier im „U-Boot“. So wird der Hochsicherheitstrakt im Keller der Haftanstalt genannt. Entkommen? Unmöglich. Ein alter, modrig stinkender Gang, links und rechts winzige Zellen aneinander gereiht. Rainer Dellmuth wird in einen kleinen Raum gebracht. Ihm steht eine Wasserfolter bevor: Er wird gefesselt, dann lassen sie ihm in unregelmäßigen Ab-

tagelanges Verhör waren weitere Methoden. „Es gab sogar Vorschriften, wie man schlafen musste.“, berichtet Dellmuth. Oft saß oder stand man beim Schlafen. „Wer liegen durfte, hatte Glück.“ „Tagsüber lief ununterbrochen eine Kreissäge, im Hochsommer wurde die Heizung auf volle Stärke aufgedreht.“ Heute versucht Dellmuth durch Vorträge über die Geschehnisse hinweg zu kommen. „So wie man rein kam, kommt man nicht wieder raus.“ Heute hasst er es beispielsweise, eine Tür hinter sich zu schließen. „In meiner Wohnung sind alle Türen offen.“ Das Ziel der Haft war die Zerstörung der Psyche des Menschen. „Die Stasi hat aus der Nazizeit gelernt und die Methoden verfeinert“, so Rainer Dellmuth. Sein bitteres Fazit: „Die waren besser als die GeStaPo.“ Christina Ott

Fotos: Egon Häbich / PIXELIO (o.l.); "Paul Fleischer" (groß), "Kai Döring" (u.l.) / Jugendfotos.de

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Noir Nr. 1 0 (Ma i 2 0 0 9 )


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WAHLKAMPF ALS REALITYSHOW Die Macht der Masse, die Beeinflussung der Wähler, die Inszenierung von Politik und Wahlkampfkandidaten: Der US-Wahlkampf 2008 war ein schillerndes Beispiel für die moderne Form der Politikvermittlung. Katharina Tomaszewski war zu dieser Zeit in Amerika und live bei den Wahlkampfreden dabei

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ehntausend kreischende Studenten und Schüler, Metalldetektoren, bewaffnete Polizisten und eine Marketingmaschinerie wie bei einem Popstar. Massenveranstaltungen mit Sicherheitskontrollen, bei denen nicht einmal eine Wasserflasche erlaubt war, Gastredner, welche mit ihren Anfeuer-Rufen die Massen bis zur Hysterie aufheizten, Scharfschützen auf den umliegenden Häuserdächern, T-Shirt-Wurfaktionen und eine Stimmung wie auf einem Rockfestival – so sah der Wahlkampf 2008 mit Obama, Clinton und Mc Cain aus. Ein hervorragendes Beispiel für den Einfluss von Massenveranstaltungen. Heiße Kampagnen mit Spitzenkandidaten und Massenpublikum auf dem Campus; Was in Deutschland kaum vorstellbar wäre, war hier tägliche Realität. Vor allem das Wahlrennen der Demokraten erinnerte an eine RealityShow.

Während meines Auslandsstudiums im US- Westküstenstaat Oregon konnte ich das hautnah miterleben. Hillary Clinton, Barack Obama und Bill Clinton haben hier ihre Wahlreden gehalten und ich war dabei. Allein die Wahlkampfwerbung kostete mehrere Milliarden Dollar. Ein Farbiger und eine Frau, die beide für das Amt des 44. amerikanischen Präsidenten kandidierten, so vielfältig war der Wahlkampf noch nie. Im Vorfeld wurden penibel die Pro- und Kontra-Listen mit Wahlargumenten für die beiden Demokraten gegenübergestellt und heftig diskutiert. „Sieht Obama nicht geil aus?“, fragte mich meine Freundin Lisa während der Wahlrede. Darüber hatte ich mir ehrlich gesagt noch nie Gedanken gemacht, schließlich geht es hier doch um Politik, dachte ich. „Bill, I love you!“, schreit mein linker Nebensteher und bester Freund Pierre-Anthony. Der Austauschstudent aus Annecy war bekennender Politik-Junkie. Mir war jedoch neu, dass er auch Männern Liebeserklärungen macht. Während ich mich bei Hillarys Rede schüchtern in den hinteren Reihen befand, steigerte sich mein Selbstvertrauen beim Auftritt Obamas; Ich drängelte mich durch die Menschenmassen, bis ich nur noch zwei Meter vom jetzigen US-Präsidenten entfernt war. Bei Bill Clinton stellte ich mich bereits am frühen Mittag in die Schlange, so dass ich am Schluss sogar in der ersten Reihe stand. Nach seiner Werberede für Hillary trat er zu der ersten Reihe vor und schüttelte jedem die Hand. In mir kamen noch nie dagewesene Gefühle auf; die große Ehre einem ehemaligen

Foto: Katharina Tomaszewski

US-Präsidenten die Hand zu schütteln, die aufgeheizte Stimmung und die jubelnden Hände von 2.000 Zuschauern hinter mir. Die Spannung war fast nicht auszuhalten und jedes einzelne Handschütteln schien für mich wie in Zeitlupe zu geschehen. Auf einmal stand er dann vor mir und reichte mir die Hand. Ich war in diesem Moment wie gelähmt und dachte nur: „Sag jetzt etwas Kluges, dies ist ein einzigartiger Moment und irgendetwas muss du ihm zu sagen haben“. Aber es kam einfach nichts aus meinem Hals, zu groß waren die Überwältigung und der Schock über das, was gerade passierte. Pierre-Anthony schrie die ganze Zeit: „Bill, I love you!“. Nachdem Bill die Bühne verlassen hatte, suchte ich Lisa und fand sie bei den Rettungssanitätern. Sie war nach der Rede in Ohnmacht gefallen, obwohl sie auch ganz vorne stand und ihm die Hand schütteln wollte. Das stundenlange Warten, der Druck der Massen und die Dehydrierung waren für sie, wie für viele andere, einfach zu viel gewesen. Auf einmal verstand ich die ganze Hysterie und das Staraufgebot der Präsidentschaftskandidaten. Es gab vor allem unter den Jungwählern viele, die sich nicht selbst informiert hatten und sich einzelnen Gruppen von Wählern angeschlossen hatten. Der Zauber der Massenveranstaltungen überdeckte die mehr oder weniger gleichen Wahlbotschaften bei Hillary und Obama. Die Macht der Massen reichte vielen Schüler und Studenten, um sich eine Meinung zu bilden. Viel Rummel, Aufregung und die Massenhysterie von tausenden von Menschen kann die politische Meinungsbildung stark beeinflussen. Dieses verrückte Verhalten konnte ich, als ich mitten drin stand, plötzlich nachvollziehen.

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Stimmung während der Wahlreden Die Rede Hillary Clintons habe ich im April 2008 in einer Highschool in Eugene, Oregon, miterlebt. Die Turnhalle der Highschool war mit über 3.000 Zuschauern fast überfüllt. Clinton-Fans aus dem ganzen Westküsten-Staat versammelten sich bereits in den frühen Morgenstunden, um ihre Wahlkampagne zu unterstützen. Vor der Rede wurden die Zuschauer mit Sprechchören von Clintons Wahlkampfteam angeheizt: „Wir schreiben heute Geschichte!“ und „Hillary hat die Lösung!“ schallte es aus der Turnhalle. T-Shirts wurden geworfen, Plakate verteilt (eigene waren verboten) und eine Telefonaktion gestartet. Dazu wurden Zettel mit jeweils fünf Telefonnummern ans Publikum ausgegeben mit der Bitte, diese Personen anzurufen und ihnen Clintons Wahlslogan aufzusagen. Damit sollten in 15 Minuten über 10.000 der rund 150.000 Einwohner von Eugene erreicht werden.

“Wir schreiben heute Geschichte!” Als Clinton endlich mit 90-minütiger Verspätung eintraf, wurde sie mit Standing Ovations empfangen. Die Demokratin sprach davon, dass Amerika immer mehr zu einem Land mutiere, in dem die Reichen privilegiert sind und Steuervorzüge bekommen, während die arbeitende Mittelklasse und ärmere Bürger ausgebeutet werden. „Nicht die Reichen haben dieses Land erbaut, sondern die hart arbeitende Mittelklasse“, sagte Clinton. Sie sprach über steigende Benzinkosten, hohe Studiengebühren, den Irak-Krieg, das unflexible Schul- und das schlechte Krankenversicherungssystem. Die Wahlinhalte waren ähnlich wie bei Obama und vergleichbar mit seiner Rede: positiv, überzeugend und hoffnungsvoll. Obama ging sogar noch einen Schritt weiter und startete eine Aktion, bei der Freiwillige gesucht wurden, die an Haustüren klingelten, um dort seinen Wahlslogan aufzusagen. Das Wort „change“ entwickelte sich dabei zum einem Ohrwurm, den bald jeder kannte, egal ob Obama-Unterstützer oder nicht. Obama hielt zwei Wochen später seine

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Rede. 10 000 Frauen und Männer hatten sich damals auf dem großen Rasen vor der Hauptbibliothek der University of Oregon versammelt. Bei Obama kamen die ersten Zuschauer zehn Stunden vor Redebeginn und er verspätete sich über zwei Stunden, bis er vor das angeheizte Publikum trat. Der Jurastudent James Cleavenger fuhr Obamas Eskorte in Eugene. Cleavenger hatte den ehemaligen Senator aus Illinois persönlich kennen gelernt, nachdem er 2001 seine Arbeit für die Al Gore-Kampagne in Chicago beendet hatte. „Ich hatte einige Male die Gelegenheit, mit ihm Zeit zu verbringen. Er ist eine tolle Persönlichkeit und man merkte schon damals, dass er eine große Zukunft vor sich hat“, sagte Cleavenger. „Er kann seine Botschaft überzeugender vermitteln als jeder andere amerikanische Präsident seit John F. Kennedy“. Cleavenger traf auch Hillary Clinton mehrmals während seiner Tätigkeit in Chicago. „Ich halte sie für eine ebenbürtige Konkurrentin, wir brauchen jedoch drastische Veränderungen in den USA und Obama scheint dieser großen Aufgabe eher gewachsen zu sein“, findet er. „Ich mache mir jedoch ein wenig Sorgen um Obamas Leben“, fügt er besorgt hinzu. Schließlich hätten viele große politische Führer wie Martin Luther King, John F. Kennedy und sein Bruder Robert ihr Leben verloren, trotz ihrer Beliebtheit. „Ich habe Obamas Bodyguards gesehen; er braucht momentan mehr Schutz als Al Gore während seiner Wahlkampagne vor vier Jahren“. Kritische Studenten Obama wurde gefeiert wie ein Star und hielt eine Rede, in der nicht ein negatives Wort über seine Konkurrenz fiel. Aber es gab auch kritische Zuhörer. Elizabeth Alford ging zu der Rede, um die Unterschiede zu Clintons Programm zu sehen. „Obwohl mich seine offene und ehrliche Art beeindruckt hat, bin ich nicht einverstanden mit einigen seiner Ziele, vor allem seiner Immigrationspolitik“, so die Medizinstudentin. Der 19-jährige Lewis Birdseye war von der Rede unbeeindruckt: „Obama hielt seine Rede und verließ hinterher die Stadt, sie war nicht so interaktiv wie die von Clinton“. Außerdem kritisierte der Romanistikstudent, dass Obama von einem ehemaligen Airforce-General angesagt wurde,

wo doch Frieden eine seiner wichtigsten Botschaften sei.

“Hetzaktionen in den Medien” Unfaire Hilfsmittel Neben dem ultimativen Obama Wahlspruch „Yes, we can“ sah man auch viele Anti-Hillary T-Shirts auf den Straßen mit Spürchen wie „Life is a bitch, don´t vote for one“ oder „Bro´s before ho´s“. Die politische Meinungsbildung wurde hier offensichtlich stark durch die täglichen Hetzaktionen in den Medien beeinflusst. Kein Tag verging, an dem nicht eines der Gesichter der Präsidentschaftskandidaten zu sehen war. In TV-Spots, auf den Wahlkampf-Postern, in den Tageszeitungen und Magazinen: Obama tanzend in der Talkshow „Ellen“ oder Hillarys Gatte Bill, der sich nicht einmal zu schade war, auf einer Hundeshow in Salem (Hauptstadt von Oregon) die Werbetrommel zu rühren. Während Hillary Clinton beim Aufzählen der Kernpunkte ihres Wahlprogramms gleichzeitig das von Obama kritisierte und an seiner Kompetenz zweifelte, glänzte Obama vor allem dadurch, dass er kein schlechtes Wort über seine Konkurrenz verlor. Hier zeigte sich eine eindeutige Strategie von Obama. Der richtige Wahlkampf kam aber erst in Gang, als im Juli 2008 das Wahlergebnis der Demokraten feststand: Obama war der klare Sieger. Nachdem mein Auslandsstudienjahr im Juni vorbei war, beschloss ich, drei weitere Monate im Bundesstaat Michigan, mitten im Land und angrenzend an Kanada, zu verbringen. Mc Cain hatte sich bis dahin dezent im Hintergrund gehalten. Gleich am nächsten Morgen wurde Mc Cains neuer Werbespot ausgestrahlt und erinnerte von der Art an den von Hillary: Eine Hausfrau, mitte 30, im Businesskostüm spricht in die Kamera: „Jetzt, wo Hillary aus dem Rennen ist, wähle ich McCain und das ist ok, denn die meisten Demokraten wählen ihn jetzt auch“. K a t h a r i n a To m a s z e w s k i


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DIE MACHT DES SOZIALEN UMFELDES In den ersten Jahren wird unsere Entwicklung vor allem von unseren Eltern beeinflusst. Später lösen wir uns immer mehr von ihnen. Vom hilflosen Baby entwickeln wir uns zu eigenständigen Persönlichkeiten

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isa und Max sind zwei fiktive Personen. Als sie auf die Welt kommen, haben sie dieselben Vorraussetzungen. Doch der Einfluss ihrer sozialen Umfelder und ihrer Familie sind verschieden. In den ersten drei Lebensjahren sind beide voll-ständig von ihren Eltern n abhängig. Mama und Papaa reden und spielen n mit ihnen und die Babys lernen ständig dazu. Im Alter von drei Jahren sitzt Max das erste Mal im Kinderndergarten. Hier hat er die Möglichkeit, Neues zu entdecken cken und zu lernen. Bald darauf werden Lisa und Max gemeinsam sam eingeschult. Sie treffen sich das erste Mal, als ls sie mit ihrer Schultüte in die Schule kommen. Hier lernen nen beide, was Leistungsdruck ck bedeutet: Gute Noten werden gelobt, schlechte müssen verbessert werden. Ihre Eltern unterstützen beide, wo sie nur können. Max hat die Möglichkeit, zu Nachhilfestunden zu besuchen. Lisa stattdessen muss zu Hause auf ihre kleine Schwester aufpassen. Mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule haben beide die Möglichkeit, einen kleinen Neuanfang zu starten. Sie können neue Freunde finden und die Lehrer von ihren Fähigkeiten überzeugen. In der Pubertät nimmt der Einfluss ihrer Eltern stark ab. Dafür werden die

Foto: privat; Illustration: Sebastian Nikoloff

Mein Meinungen der Freunde imme immer wichtiger. Markenkklamotten werden für Max zum Statussymbol. Lisa legt großen Wert auf ihr Äußeres. Nicht nur auf Grund des Freundeskreises, sondern auch wegen vieler Kleinigkeiten entfachen Streitereien mit den Eltern. Sie werden zu erklärten Feinden und sind an Stimmungsschwankun kungen schuld. Während dies dieser Phase entwickeln sich Max und Lisa in unt unterschiedliche Richtun tungen. Max fängt an, sich zu engagieren. Lisa dagegen sitzt stundenlang vor ihrem Computer. B Beide fiebern dem lang ersehnten Sc Schulabschluss entgegen. Ihre Schule entlässt sie, nach bestandenen Prüfungen, in die Selbstständigkeit. Lisa und Max haben nun die Möglichkeit, ihre Leben zu gestalten und ihre Träume zu verwirklichen. Max möchte Medizin studieren, Lisa weiß noch nicht, was sie machen möchte. Beide sind zu jungen Erwachsenen herangereift und können ihre Leben selbst in die Hand nehmen. Sie müssen lernen, dass die Eltern weiter eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielen, aber trotzdem vieles in ihrer eigenen Hand liegt. So haben sie sich von hilflosen Babys zu individuellen und eigenständigen Persönlichkeiten. Silke Steinbrenner

Wir sind nicht besser als Manager und Politiker! Ein Kommentar von Jan Zaiser

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enn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Windmühlen, die anderen Mauern. Was gebaut wird, hängt von den Mächtigen auf dieser Welt ab. Von ihren Sommerresidenzen auf Malle und Hawaii treffen sie zwischen Kaviar und Champagner Entscheidungen, die die Welt verändern. Dass ihnen das nicht immer gelingt, beweist die aktuelle Wirtschaftskrise. Gierige Banker, die nur auf Provision aus sind, zerstören unsere geliebte Weltordnung. Politiker, die des Kompromisses wegen keine klaren Entscheidungen treffen können, schaffen es nicht, die Ordnung wiederherzustellen. Wo soll das nur hinführen? Dabei sind doch wir, die Otto Normalverbraucher, diejenigen, die für diese machtvollen Positionen qualifiziert sind. Denn wir handeln intelligent, wägen alle Vor- und Nachteile gegeneinander ab, benutzten unseren Verstand und treffen am Ende rational die richtigen Entscheidungen. Was für eine utopische Vorstellung; Wir handeln gewiss nicht rational! Ein paar Beispiele: Wir schneiden uns mühselig Coupons aus Zeitungen aus, durch die wir zehn Cent bei einem Eis sparen. Andererseits akzeptieren wir bei unserer Partyrechnung von 500 Euro locker einen Zuschlag von 50 Euro für Eis als Nachtisch. Wir gehen einmal die Woche zum Starbucks, obwohl wir uns über die Wucherpreise bewusst sind. Diese Liste könnte man endlos weiterführen: Viele Menschen sind noch immer mit ihrem Partner zusammen, obwohl sie seit Monaten unglücklich sind. Viele Menschen schieben seit Jahren Termine auf, obwohl sie längst wissen, dass das nur zu Stress führt. Viele Menschen rauchen, obwohl sie ganz genau wissen, wie tödlich es ist. Viele Menschen kaufen sich für den Preis einer Spülmaschine moderne Markenklamotten, weil sie „in“ sein wollen. Viele Menschen besitzen AlleskönnerHandys, benutzen es dann aber nur um SMS zu verschicken. Viele Menschen beschweren sich über Manager und Politiker, obwohl sie keinen Deut besser sind. Wie gut, dass viele Menschen keine Macht haben. Bevor wir uns also über die Großen dort oben aufregen, müssen wir zuallererst selbstkritisch reflektieren, ob wir welche von denen sind, die Windmühlen statt Mauern bauen.

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„FLIRTEN IST WIE EIN SPIEL“ Wie beeinflussen wir das andere Geschlecht? Wie starte ich einen erfolgreichen Flirt? Und wer soll wen zuerst ansprechen? Hierzu befragt Noir-Redakteurin Ann-Katrin Wieland die Hamburger Flirt-Trainerin Nina Deißler

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Darf eine Frau einen Mann ansprechen? Wir leben heute in einer Zeit, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollen. Daher ist es eigentlich völlig legitim, wenn eine Frau einen Mann anspricht. Ganz viele Männer sagen auch: „Ich würde mich total freuen, wenn die Frau mich mal anspricht.“ Jetzt gibt es aber das Problem mit dem Gehirnareal, in dem alles gespeichert ist, was mit Anziehung zwischen Männern und Frauen zu tun hat. Es weiß nichts von dieser Gleichberechtigung. Wenn eine Frau einen Mann direkt anspricht, dann findet er das vielleicht auf der bewussten Ebene toll, aber etwas in ihm sagt: „Wäre das nicht deine Aufgabe gewesen? Das war jetzt eine komische Situation.“ Es gibt einige tolle Möglichkeiten, wie eine Frau einen Mann ansprechen kann, ohne dass er bemerkt, dass sie den Anfang gemacht hat. Wenn ich zum Beispiel in eine Bar gehe und einen Mann sehe, den ich toll finde, dann kann ich mich in seine Nähe stellen und ratlos in die Karte schauen. Dann frage ich ihn, ob er mir etwas empfehlen kann, da ich mich nicht entscheiden kann. Der Mann wird aufmerksam. Wenn er Interesse hat, dann wird er versuchen wollen, mit der Frau ins Gespräch zu kommen.

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Fast wie Hitch, der Date-Doktor: Nina Deißler ist Flirt-Trainerin und Buchautorin

Was kann ein Mann machen, wenn er eine attraktive Frau entdeckt hat und diese ihn ebenfalls bemerkt? Er sollte die Frau nicht anstarren, jedoch im Auge behalten. Und er sollte gucken, ob er einen zweiten Blickkontakt von ihr bekommt. Sie schaut nur dann, wenn sie ihn gut findet. Es ist nicht so wichtig, was er sagt, sondern wie er wirkt. Und das hat damit zu tun, was er denkt. Wenn ich mir als Mann denke: „Alter, versaue es bloß nicht!“, dann fokussiere ich mich in meinen Gedanken auf das Problem. Wenn ich aber denke: „Oh, die finde ich nett! Ich gehe da jetzt mal rüber und gucke, ob wir etwas gemeinsam haben“, dann gehe ich gedanklich von diesem Problem weg und ich denke in eine bessere Richtung und besitze eine bessere Ausstrahlung. Wie schaffe ich es, dass sich aus einem Flirt mehr entwickelt? Flirten ist keine Frage der Technik. Es ist wie ein Spiel. Und aus diesem Spaß kann irgendwann ernst werden – muss aber nicht. Das ist auch der Grund, warum man eigentlich keine Angst davor haben müsste. Das Problem ist, dass zu viele Menschen zu viel in den Flirt hineininterpretieren.

Sie habe bereits ein Endziel (Verführung, Partnerschaft oder Sex) im Kopf. Dadurch sind sie entsprechend nervös. Nobody is perfect. Wie kann ein Mann die Aufmerksamkeit einer Frau auf sich lenken? Bei Männern wird das Thema Verhalten groß geschrieben. Auch ein Mann, der im ersten Moment nicht so hübsch ist, kann trotzdem unglaublich bei Frauen punkten, wenn er charmant ist und wenn er Humor, Persönlichkeit und Stil besitzt. Und wie schafft es die Frau? Männer sind tierische Augentiere. Sie fühlen sich immer angezogen von der Betonung von bestimmten Attributen. Immer das, was an einem schön und weiblich ist, betone ich. Wenn ich zum Beispiel schöne Haare habe, dann mache ich etwas mit meinen Haaren. Wenn ich schöne Lippen habe, dann sollte ich meine Lippen betonen. Das wird den Männern auffallen. Der Mann wird sich denken: „Naja, die ist vielleicht ein wenig klein oder sie ist ein bisschen dünn oder ein bisschen dick. Aber wow, die hat ja tolle Augen oder ein tolles Lächeln.“

Foto: Gerd Altmann / PIXELIO (unten); Nina Deißler (oben)

ie schaffe ich es, selbstbewusster aufzutreten? Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Tipp 1: Sich selbst attraktiver finden. Schauen wir uns doch einmal an und stellen uns die Frage: „Was ist alles gut an mir?“ Tipp 2: Sich nicht zu viele Gedanken darüber machen, was andere Menschen denken könnten.


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DIE KRAFT AUS DEN TIEFEN UNSERER SEELE Das Unterbewusstsein beeinflusst unser tägliches Denken und Handeln: Es lenkt unsere Entscheidungen und Reaktionen. Doch mit Hilfe von Tricks können wir unser Unterbewusstein ganz bewusst nutzen

Im Entspannungszustand arbeitet das Unterbewusstsein am Besten. Den Tag über sammelt es Eindrücke, nachts werden sie verarbeitet

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iele Dinge, die wir im Alltag als Routine erledigen, machen wir automatisch, während wir uns auf ganz andere Sachen konzentrieren können. In solchen Momenten übernimmt unser Unterbewusstsein die Kontrolle. Das Unterbewusstsein ist die Summe aller Erinnerungen, Eindrücke, Motive, Einstellungen und Handlungsbereitschaften. Sie sind dem Bewusstsein nicht frei zugänglich, da wir sie ein Stück weit verdrängt haben. Sie können aber in einem neuen Zusammenhang leicht wieder geweckt werden. Das Unterbewusstsein ist zwar wissenschaftlich nicht nachweisbar, wird in der Psychologie aber als existierend angenommen. Visuelle und akustische Reize wie Farben, Formen, Geräusche, Stimmen, aber auch sensitive Reize, wie Berührungen, Wind, Schmerzen, Gerüche; Das Unterbewusstsein nimmt unheimlich viele Eindrücke auf, die wir bewusst nur zu einem Bruchteil wahrnehmen können. Da das Unterbewusstsein immer aktiv ist, sammelt es den ganzen Tag über Eindrücke, verarbeitet sie im Schlaf und gibt diese in Verbindung mit Erfahrungen und aktu-

eller Lebenssituation uns als Träume zu sehen. Seit dem frühen Kinderalter wird das Aufgenommene im Unterbewusstsein gespeichert und beeinflusst unser tägliches Tun und Denken. Unser Unterbewusstsein kennt uns viel besser als wir uns selbst, es kennt unsere Ängste, Wünsche und Ziele. Neue Eindrücke überlagern die alten, ohne sie zu zerstören. Deshalb handelt das Unterbewusstsein manchmal anders, als wir eigentlich wollen. Von falschen Entscheidungen bringt es uns durch die innere Stimme oder durch die Gefühle im Bauch ab, die wir als Intuition kennen.

Fotos: "Paul Fleischer" (oben), "Stefan Franke" (unten) / Jugendfotos.de

Das Unterbewusstsein ist dem Bewusstsein nicht frei zugänglich

Diese tiefenpsychologische Ebene kann nur durch psychoanalytische Verfahren oder Hypnose erreicht werden. Allerdings hat auch in diesem Bereich der Mensch eine Möglichkeit gefunden, unser Unterbewusstsein zu beeinflussen oder sogar Kontakt aufzunehmen. Am Morgen vor dem Aufwachen oder am Abend vor dem Einschlafen, eben im Entspannungszustand, arbeitet das Unterbewusstsein am besten. Diese Tatsachen machen sich zahlreichen Mental-Techniken zu Nutze. So nutzen Menschen das Wissen über ihr Unterbewusstsein zu ihren Zwecken. Das kann jeder von uns lernen, sagen Psychologen und Mentaltrainer. Man müsse sich nur ein bestimmtes Ziel als Momentanzustand vorstellen und durch farbige Bilder ausmalen. Dann werde das Unterbewusstsein sofort darauf hinarbeiten, dieses Ziel real werden zu lassen. In den Tiefen des Unterbewusstseins liege die Quelle der Weisheit, Gesundheit und inneren Kraft. Mit Hilfe von Mentaltechniken kann man diese Quelle erreichen, sie wahrnehmen und öffnen, so dass wir unser Unterbewusstsein für unsere Zwecke nutzen können. O x a n a Ly t u s

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»Bei uns in Tschechien gibt es keine Masern mehr« Philipp (18)

»Baden-Württemberg schafft das auch« Sabrina (16)

www.mach-den-impfcheck.de E I N E I N I T I AT I V E VO N

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Foto:


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SONNTAGS UM HALB ZEHN Junge Menschen, die regelmäßig einen Gottesdienst besuchen? In vielen Orten sucht man da vergebens. Die Kirche hat ein Nachwuchsproblem. Doch vor allem in ländlichen Regionen haben christliche Jugendverbände noch immer einen großen Einfluss

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s ist sonntagmorgens um halb zehn in einem kleinen Ort irgendwo in Deutschland: Gottesdienstzeit. Nur rund 40 Menschen haben den Weg in die Kirche gefunden: Neben Pfarrer und Organist haben die meisten Gottesdienstbesucher ergrautes Haar. Die einzigen jungen Teilnehmer am Gottesdienst sind die Konfirmanden – und die sehen verschlafen aus, beinahe so, als wären sie froh, nach ihrer Konfirmation sonntags wieder ausschlafen zu können. Die Kirche hat ein Nachwuchsproblem. Junge Leute sollen durch Jugendgottesdienste und eine modernere Liturgie in den Gottesdienst gelockt werden – mit mäßigem Erfolg. Bisher hatte die Kirche auf dem Land nie ein Problem: Man ging sonntagmorgens in den Gottesdienst und die Kinder mussten mit, ob sie wollten oder nicht. So ging das von Generation zu Generation. Wenn der Paul nicht in die Kirche ging, sprach sich das schnell herum, und ein Gemeindemitglied klingelte an der Haustüre, um nach den Gründen des Fernbleibens zu fragen.

So war das früher. Heute werden die Leute nicht mehr unter Druck gesetzt, aber man versucht ihnen den Glauben auf anderen Wegen schmackhaft zu machen: Das fängt im Krabbelalter an. Auf dem Land ist oft keinerlei Einrichtung für Mütter mit Kleinkindern vorhanden – bis auf den kirchlichen Krabbelkreis. Erste Geschichten aus der Bibel erzählen oft die Erzieherinnen, weil Kindergärten ebenfalls meist kirchlich sind und Kindertagesstätten zwischen Bauernhöfen und Dorfschulen noch ein Fremdwort sind. In der Schule gibt es Religionsunterricht, meist vom Dorfpfarrer persönlich gehalten – in weiten Teilen Deutschlands obligatorisch. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts forderte die Kirche Religion als festen Bestandteil des Lehrplans, da in dieser Zeit viele kirchliche Schulen verstaatlicht wurden. Spätestens in der Schule wollen die Jugendlichen immer mehr selbstständig ohne Eltern machen. Gerade in den kleinen Gemeinden auf dem Land, wie auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald, sind die christlichen Jugendorganisati-

onen meist die einzigen, die der Jugend ein Freizeitangebot bieten. So zum Beispiel der Christliche Verein Junger Menschen (CVJM) oder die Katholische Junge Gemeinde (KJG). Neben der Kinderkirche oder der Jungschar bieten sie häufig auch Sport-, Kultur- und Betreuungsangebote. So wird samstagabends die Kirche für das Konzert einer christlichen Rockband freigeräumt und beim Jugendtreff im Gemeindehaus gibt es die Möglichkeit, eine Runde Billard zu spielen oder mit dem anderen Geschlecht zu flirten. Die Ausbildung zum christlichen Jugendleiter lockt immer mehr Jugendliche an, weil sie hier mit Gleichaltrigen zusammen kommen können. Neben Sportvereinen und staatlichen Freizeitangeboten spielen die religiösen Jugendverbände also durchaus noch eine bedeutende Rolle. Schwieriger ist für die Kirche, Jugendliche für den Gottesdienst zu begeistern. Zu groß ist das Alternativangebot, zu gering oftmals das Interesse bei Jugendlichen an einem Gottesdienst teilzunehmen. Hier verliert die Kirche zunehmend an Einfluss. Lukas Ramsaier Foto: J a n Z a i s e r

Heutzutage fällt es der Kirche schwer, auf der Jugend aufzubauen

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PLÖTZLICH NICHT MEHR AUF AUGENHÖHE Wie fühlt es sich an, an einen Rollstuhl gebunden zu sein? Unsere Autorin Henrike W. Ledig startete einen Selbstversuch und ist schockiert über die Erfahrung

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echs Uhr, der Wecker klingelt: aufgestanden! Doch von stehen kann keine Rede sein, denn heute ist der Tag meines Selbstversuches; Langsam hieve ich mich in den Rollstuhl. Dann mache ich mich mit meinem ungewohnten Gefährt vertraut: Hinten zwei große Räder mit Handrädern zum selber drehen, dazu zwei Feststellbremsen und vorne zwei kleine Räder zum Manövrieren. Meine Größe von 1,83 wurde gerade auf 1,20 Meter gestutzt; eine ganz neue Erfahrung. Zuerst muss ich feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, sich im Sitzen das Gesicht zu waschen, wenn das Kinn gerade über den Rand des Waschbeckens reicht und der Waschlappen außer Reichweite auf einem Regalbrett liegt. Mit großer Gelenkigkeit, derer ich mir bis dato noch nicht bewusst war, schaffe ich es schließlich, die ersten Hürden zu überwinden. Meine Ankunft am Frühstückstisch erweist sich als eine rumpelnde Angelegenheit, da die Beine zu dicht beieinander stehen, um geschickt mit dem Stuhl davor zu parken. Auch der Griff nach der Zahnbürste 20 Minuten später, erweist sich als schwieriger als gedacht. Trotzdem schaffe ich es, pünktlich um sieben Uhr mich zum Hausausgang zu rollen. Dort erwartet mich bereits meine Freundin Ramona, die sich bereit erklärt hat, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen. Wir nehmen auf dem Weg zum

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Bahnhof extra einen Umweg, um nicht über das Blumenbeet des Vermieters zu rollen. Da der Stuhl über keinerlei Aufbewahrungsmöglichkeiten verfügt, balanciere ich unsere Schultaschen und noch einen Geburtstagskuchen schlicht auf dem Schoß.

Der Fußgängerüberweg am Bahnhof erweist sich schnell als Hindernis, da er auf keiner Seite über einen abgesenkten Bordstein verfügt und es mich, samt Taschen erst einmal auf den Asphalt schlägt. Wir lassen einige Passanten verdutzt zurück, als ich aufstehe, um mich wieder in den Rollstuhl zu setzen. Ohne große Probleme gelangen wir mit dem Aufzug auf unser Gleis. Unser Bahn-

steig erweist sich aber leider als gut 25 Zentimeter zu tief für einen problemlosen Einstieg in die S-Bahn. Zur Schule brauchen wir genau 20 Minuten länger als gewöhnlich, schlicht und einfach deswegen, weil so viele Stellen für uns nicht passierbar sind: Einmal ist der Bordstein zu hoch, dann ist die Steigung zu stark (alles über sechs Prozent Steigung ist nicht zu erklimmen), dann gibt es keinen Aufzug und erst recht keine Rolltreppe. Außerdem fällt uns auf, dass kein Gehweg wirklich gerade ist, alle neigen sich ein wenig zur Straße, wodurch der Rollstuhl sofort Schlagseite bekommt und man mit größter Mühe gegenlenken muss. Meine Schule verfügt zwar über einen Aufzug, dieser allerdings zu klein für einen Rollstuhl. Doch schließlich erreichen wir verschwitzt unser Klassenzimmer, wo dann, nach einigen Erklärungsversuchen meinerseits, der Unterricht beginnt. Zur Pause erwartet mich die nächste Herausforderung: Ich muss bis in den dritten Stock in die Kapelle gelangen. Erwähnenswert hierbei: Die einzige Person, die mir dabei frei- und bereitwillig hilft, ist meine Sportlehrerin. Alle anderen blicken zwar betroffen auf mich herab, gehen dann aber wortlos vorbei.

Illustration: Simon Staib


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25 Minuten später geht das gleiche Spiel wieder von vorne los, dieses Mal aber nach unten. Mich in den Schulgängen fortzubewegen ist dagegen kein Problem. Ich muss aber auf die energiegeladene Unterstufe und deren endlose Fangspiele achten, um nicht von einer plötzlich aus dem Klassenzimmer spurtenden Fünftklässlerin überrannt zu werden oder einen Verkehr sunfall mit Frontalschaden zu ver ursachen. Meine Klassenkameradinnen scheinen sich darüber keine großen Gedanken zu machen, und haben schon bald großen Spaß daran, nachzuprüfen, wie groß der Impuls sein muss, damit ich, nur einmal angestoßen, deb gesamten Gang entlang fahre. Alle, bis auf mich, hatten dabei großen Spaß. Leider habe ich vergessen, mir ein paar dünne Handschuhe mitzunehmen. Diese wären nützlich um mir zwar meine Feinmotorik beim Lenken zu bewahren, aber meine Hände nicht zu verschmutzen. Also rolle ich in jeder kleinen Pause zu unserem Waschbecken, um mir sämtlichen Straßen- und Schuldreck von Fingern und Handflächen zu waschen. Auch das hat so seine Schwierigkeit, denn unser Handtuchspender hängt von der Sitzposition etwas zu hoch und zu weit an der Wand, als dass man ihn, ohne einen weiteren Vorzeigeakt an Gelenkigkeit, erreichen könnte. Nachdem der restliche Schultag einigermaßen problemfrei überstanden ist, machen wir uns wieder auf den Weg in Richtung S-Bahn-Station. Inzwischen haben wir den Dreh raus und merken, dass bergab alles viel leichter geht. Wir müssen uns nur daran gewöhnen, dass man jetzt hin und wieder bremsen muss, was mir ganz schön in den Händen schmerzt. Mal

ganz abgesehen von dem Geräusch, das entsteht, wenn Haut über das Metall der Handräder rutscht. Gerade als wir den Aufzug zum Bahnsteig erreichen, sehen wir die Rücklichter unserer S-Bahn verschwinden. Nachdem wir eine Viertelstunde auf die nächste gewartet haben, macht uns wieder der Einstieg Probleme: Diesmal ist allerdings nicht der Höhenunterschied zwischen Bahnsteig und S-Bahn das Problem, sondern eine klaffende Lücke zwischen denselben, in welche die vorderen zwei Räder des Rollstuhls einfach hinein rutschen. Ich kann mich, während mein Rollstuhl in Richtung Gleise gleitet, zwar auf festen Boden retten, wäre ich allerdings wirklich mobil eingeschränkt gewesen, hätte das richtig gefährlich werden können. Den restlichen Tag kann ich mich, dank einer treppenlosen Wohnung und eines funktionsfähigen Aufzuges angemessener Größe, nicht über weitere Probleme klagen. Gegen 18 Uhr bringe ich meinen fahrbaren Untersatz zurück zu seinen Verleihern. Abschließend kann ich von meinem Selbstversuch sagen, dass ich schockiert bin, wie schwierig das Leben im Rollstuhl ist, trotz aller sogenannter „behindertengerechter“ Einrichtungen. Denn wer einmal einen Stadtplan für mobil eingeschränkte Menschen angesehen hat, wird feststellen, dass es zum Beispiel zwar etliche behindertengerechte Toiletten in Stuttgart gibt, diese aber einfach nicht zu erreichen sind. Schrecklich sind auch die Blicke der Menschen, die einem auf der Straße oder im Gang begegnen. Zuerst

schauen sie auf die Räder, dann prüfen sie mein Gesicht und suchen nach möglichen Zeichen der Behinderung, vielleicht noch einen mitleidigen Blick, dann schaut jeder schnell in eine andere Richtung. Hauptsache, man bekundet kein wirkliches Interesse an dem Mädchen im Rollstuhl, da das ja pietätlos wäre. Ist man sich dieses Ablaufes erstmal bewusst, widert er mit der Zeit nur noch an. Genauso schrecklich ist das Bewusstsein der vollständigen Abhängigkeit. Erst von den Menschen, die einen aufopferungsvoll durch die Gegend schieben, dann, wenn man alleine unterwegs ist, die absolute Abhängigkeit von dem Stuhl mit Rädern, den man niemals loswerden kann. Mir ist nach diesem Tag klar geworden, wie viel Charakterstärke man braucht, um das ertragen zu können. Außerdem habe ich gelernt, dass man Menschen mit Behinderung niemals bemitleiden sollte, sondern vielmehr bewundern, für das, was sie jeden Tag leisten, leisten müssen. Diese Erfahrungen lege ich übrigens jedem ans Herz. Auch wenn man vielleicht nur beim nächsten Einkaufsbummel durch die Stadt darauf achtet, ob der nächste Fußgängerüberweg einen abgesenkten Bordstein besitzt.

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Der Deutsche Rollstuhl-Sportverband 1974 als Arbeitsgemeinschaft Rollstuhlsport gegründet, wandelte er sich 1977 in den Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS) um. Der DRS ist ein Fachverband, der den Rollstuhlsport auf breiter Ebene fördert und fortentwickelt. Ihm gehören über 6.500 sporttreibende Rollstuhlfahrer an, die in mehr als 250 Vereinen organisiert sind. > www.drs.org

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„SPARGELSUPPE FÜR OBAMA“ Der Nato-Gipfel: Tränengasgeschosse, eine historische Brückenüberquerung, große Politik und gewaltbereite Randalierer. Anna Schmauder und Okan Bellikli waren mittendrin

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ntnervt aufgrund unserer ergebnislosen Suche nach dem Anti-NATOCamp im Straßburger Stadtteil Ganzau hören wir auf einmal einen lauten Schlag. Große Rauchwolken steigen keine 500 Meter vor uns auf. Um uns herum Kamerateams und Fotografen. Wir heften uns an die Fersen von drei dpa-Fotografen, um nicht in der Schusslinie zwischen bewaffneten Polizisten und Steine werfenden Mofafahrern zu sein. Die Luft ist erfüllt vom Rauch des Tränengases, unsere Augen brennen, die Atemwege fühlen sich an, als stünden sie in Flammen. Warum alle anderen Journalisten mit Masken, Schutzbrillen und Helmen herumlaufen, wird uns spätestens jetzt bewusst, als wir, begleitet vom durchgehenden Heulen der Sirenen und den ständigen Schüssen der explodierenden Tränengasgeschosse, feststellen, dass es den dpa-Fotografen gelungen ist, uns abzuschütteln. Abgeschottet von diesen Vorkommnissen fand in Baden-Baden und Straßburg der politische Teil des Gipfels statt. Dabei stand die Rückkehr Frankreichs in das Sicherheitsbündnis im Mittelpunkt. Als viertgrößter Beitrittszahler wollte Sarkozy Frankreich nicht länger eine Statistenrolle am Verhandlungstisch zukommen lassen. Mit dem Überqueren der Passerelle des Deux-Rives, einer Fußgängerbrücke, die Deutschland und Frankreich verbindet, wurde das Ende dieser Unmündigkeit gefeiert. Zudem wurden Kroatien und Albanien im transatlantischen Bündnis begrüßt. Mit dem Beitritt der beiden Balkanstaaten hat sich die Zahl der Mitgliedsstaaten von 26 auf 28 erhöht. Auch der erste Be-

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such von US-Präsident Barack Obama auf deutschem Boden war von großem öffentlichem Interesse. Die Demonstration in Baden-Baden verlief friedlich, der Großteil der Bevölkerung stand auf Obamas Seite. Entrüstet über die Rufe der Demonstranten „Keine Suppe für Obama!“, forderten einige Rentner lauthals „Spargelsuppe für Obama“. Alle 28 Mitgliedsstaaten konnten sich auf den dänischen Ministerpräsidenten-

Rasmussen als neuen NATO-Generalsekretär einigen. Dass die Türkei, die den dänischen Ministerpräsidenten aufgrund seiner Rolle während des Karikaturenstreits abgelehnt hatte, doch noch nachgab, ist zu einem entscheidenden Teil Präsident Obama zu verdanken. Ein großer Trost für die Türkei dürfte dabei die Zusicherung des Vize-Generalsekretärsposten gewesen sein. Wir sind währenddessen weit weg vom politischen Geschehen des Gipfels. Das Ibis-Hotel brennt und die hohe Temperatur der Flammen ist im Gesicht zu spüren. Einige hundert gewaltbereite Randalierer unter den etwa 20.000 Demonstranten haben das Gebäude angezündet. Man meint, die Luft bestünde nur noch aus Rauch, Tränengas und herumfliegenden Rußpartikeln. Kurz davor ist die Lage im Süden der Stadt eskaliert, Randalierer sind auf Polizisten getroffen. Erstere mit Steinen und Molotov-Cocktails, die Einsatzkräfte mit Gummigeschossen und Wasserwerfern. An uns vorbei ziehen Menschenmassen mit Transparenten, „N-at-O“ steht auf einem. Aus den Lautsprechern eines alten Lasters dröhnt rebellischer Reggae: Dancing Résistance. Scherben pflastern den Weg der Demonstranten, überall wurden Scheiben eingeschlagen. Am Ende bleiben Eindrücke, die wir sicher noch unseren Enkeln erzählen werden. Und die Erkenntnis, dass keine der Protestaktionen auch nur in die Nähe von Politikern kam. Der entstandene Schaden in den armen Vorstädten erregten großes Aufsehen. Die friedliche Protestaktion von einigen tausend Demonstranten blieb weitgehend unbeachtet; ihr Appell gegen die NATO ging unter. Wir sind entnervt.

Foto: Johannes Schäfer


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WIE VIEL SICHERHEIT VERTRÄGT EINE DEMOKRATIE? „Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz […] beschränkt werden.“ (Artikel 8 Grundgesetz)

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ie NATO-Sicherheitskonferenz in München im Februar 2007 sorgte für einige Proteste in Bayern. Noch mehr Proteste löste allerdings die Verurteilung der Versammlungsleiterin einer Großdemonstration zu 1.600 Euro Strafe durch die bayerische Justiz aus. Frau B. habe durch ihre Körpersprache eine „aggressive, hetzerische“ Stimmung erzeugt und sei nicht energisch genug gegen Seitentransparente und „nicht themenbezogene“ Beiträge aus einem Lautsprecherwagen vorgegangen. Dieses Urteil schreckte ab und bot einen kleinen Vorgeschmack auf das, was folgte: Gestärkt durch die Föderalismusreform

durch die Polizei nicht Folge leisten. Für polizeiliche Untersuchungen dürfen die Ordnungshüter Übersichtsvideos von der Veranstaltung anfertigen und beliebig lange speichern. Auch bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen darf die Polizei nun – ohne sich vollständig zu erkennen zu geben – anwesend sein. Diese und andere Auflagen zeigen: Der Straf- und Bußgeldkatalog für ehemalige Ordnungswidrigkeiten ist stark angehoben worden. Die Formulierungen der Vergehen sind so allgemein gehalten, dass Missbrauch entstehen könnte. Was ist ein einschüchternder Kleidungsstil? Kön-

kratische Schikanen“. Das Gesetz sei eine weitere Möglichkeit für „Bespitzelung und Einschüchterung“, so betitelt es der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung. Dieser wurde im Januar 2008 gegründet, nachdem das gleichnamige bundesweite Gesetz in Kraft getreten war. Er engagiert sich für mehr Datenschutz, das Recht auf Privatheit und unbeobachtete Kommunikation. „Staat und Unternehmen registrieren, überwachen und kontrollieren uns immer vollständiger. Egal, was wir tun, mit wem wir sprechen oder telefonieren, wohin wir uns bewegen oder fahren, […] der ,große Bruder‘‚ Staat und […] Wirt-

entwickelte die CSU ein verschärftes Versammlungsgesetz für Bayern und boxte es mit absoluter Mehrheit im Landtag durch, so dass es zum 1. Oktober 2008 in Kraft trat. Flächendeckend erschwert dieses Gesetz jeden Schritt von öffentlicher Meinungsäußerung; Der Veranstalter muss 72 Stunden im Voraus mit vielen persönlichen Daten die Versammlung ankündigen. Diese kann von der Polizei abgelehnt werden. Im Laufe der Versammlung muss der Verantwortliche gewalttätige Ausschreitungen unterbinden und mit der Polizei kooperieren. Die Teilnehmer können für ein einschüchterndes Auftreten belangt werden und mit 3.000 Euro Strafe rechnen, wenn sie der Auflösung der Versammlung

nen auch eine Mütze oder ein Kopftuch als Vermummung ausgelegt werden? Die Kompetenzerweiterungen der Ordnungshüter gehen klar zu Lasten der Grundrechte der Bürger, wenn sogar eine laute Unterhaltung zweier Personen auf offener Straße als unangemeldete Versammlung mit Bußgeld bestraft werden kann. Das schreckt ab. Die Einschnitte begründet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit „Schutz der Demokratie vor militanten Aufmärschen von Links- und Rechtextremen“. Die damalige politische Opposition (SPD, FDP und Grüne), die Gewerkschaften und andere Organisationen sehen das anders: Sie kritisieren Willkür, „überzogene Kontrollbefugnisse und büro-

schaft wissen es immer genauer“, heißt es in ihrer Erklärung. Das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich aufgrund der Klage der Opposition mit dem bayerischen Gesetz und setzte am 27. Februar 2009 Teile des Gesetzes per Eilantrag vorerst außer Kraft. Die Richter äußerten schwere Bedenken und wollten der Einschüchterung von Demonstranten durch Bußgelder und Filmaufzeichnungen entgegenwirken. Wann das endgültige Urteil fällt und wie es aussehen wird, ist unklar. Fakt ist, dass der Beschluss sich auch auf Baden-Württemberg auswirken wird, denn auch hier plant die Landesregierung ein Gesetz – in Anlehnung an Bayern.

Foto: "Michael Schulze von Glaßer" / Jugendfotos.de

Ekaterina Eimer

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VOM KUMULIEREN UND PANASCHIEREN Zwischen Europawahl und Bundestagswahl wirkt die diesjährige Kommunalwahl ziemlich unspektakulär. „Es lohnt sich trotzdem, seine Stimme abzugeben“, findet Jessica Christian

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s ist der 7. Juli 2009. Kai sitzt am Baggersee und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Dass heute Kommunalwahl ist, interessiert ihn nicht. Vom Gemeinderat hat er keine Ahnung, die Bürgermeisterkandidaten kennt er nur von den Wahlplakaten und in Gemeinschaftskunde hat er Kommunalpolitik schon vor drei Jahren behandelt. Den Unterschied zwischen Gemeinderat und Kreisrat hat er damals schon nicht ganz verstanden und Panaschieren hält er für einen Fachausdruck aus der Küche. Neulich hat ihm sein Vater erzählt, dass bald ein neues Schwimmbad gebaut werden soll. Welche Partei das unterstützt hat, weiß Kai nicht. Wenn das Bad fertig ist, ist er längst beim Studieren. Wozu also wählen? Kai ist kein Einzelfall. So wie ihm wird es am 7. Juli vielen jungen Erwachsenen gehen. Die Politikverdrossenheit der Jugendlichen ist ein ständiges Problem. Die Kommunen spüren das besonders. Wenn Jugendliche sich für Politik interessieren, dann meist für internationale und na-

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tionale. Der Besuch des neuen US-Präsidenten Barack Obama in Europa ist nun mal faszinierender als das Aufstellen neuer Bänke in der Innenstadt. Dabei soll Kommunalpolitik nah am Bürger sein. Junge Erwachsene können sich

In der Innenstadt werden neue Bänke aufgestellt Aber Obama ist interessanter

leichter für einen neuen Skaterplatz einsetzen, als für den Frieden im Gazastreifen. Nirgendwo wird ihnen eine bessere Möglichkeit geboten ihrem Engagement Taten folgen zu sehen. Auf der kommunalen Ebene werden Ziele sichtbar und greifbar: keine abstrakte

Steueränderung, sondern das neue Jugendzentrum neben der Schule. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten sich politisch zu engagieren, sei es in Vereinen oder den Jugendverbänden der Parteien. Außerdem gibt es in Baden-Württemberg eine weitere Möglichkeit sich nicht parteigebunden zu engagieren: Die Jugendgemeinderäte (JGR). In ganz Baden-Württemberg gibt es über 1.500 Jugendliche, die sich im Jugendgemeinderat engagieren Sie sind zwischen 14 und 18 Jahren alt, werden von den Jugendlichen der entsprechenden Gemeinde gewählt und vertreten die Stimme der Jugend vor dem richtigen Gemeinderat. Außerdem haben sie das Recht Anträge im Gemeinderat zu stellen. Sie haben Mitspracherecht bei allen Themen, die die Jugend betreffen, wie etwa Jugendzentren oder die öffentlichen Verkehrsmittel, und sie besitzen einen eigenen Etat für Öffentlichkeitsarbeit oder Veranstaltungen. So veranstalteten mehre JGR im letzten Jahr überregio-

Foto: Sebastian Nikoloff


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nale Open-Air-Konzerte unter dem Motto „Schöner leben ohne Nazis“, um ein Zeichen gegen Rechts zu setzen. Normalerweise nimmt ein JGR an sechs bis zehn öffentlichen Sitzungen im Jahr teil. Doch die wirkliche Arbeit passiert abseits der Öffentlichkeit. Die meisten JGR treffen sich ein bis zwei-wöchentlich, um Projekte und Veranstaltungen zu organisieren. Auch in Punkto Kommunalwahl planen die JGRs fleißig: Der JGR Göppingen beispielsweise ruft alle 14- bis 18-Jährigen auf am Online-Voting unter www. deinestimme.jugendnetz.de teilzunehmen. Auf der Seite können Jugendliche über die Situation in der eigenen Stadt in Bezug auf Jugendpolitik und Freizeitangebote abstimmen. Am 6. Mai sollen die Ergebnisse der Umfrage der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Außerdem

Kommunalwahlen in Baden Württemberg Wie funktioniert eigentlich kumulieren und panaschieren?

per Post

Stimmzettel mit den Wahlvorschlägen der Parteien.

Wähler

Wahltag

7. Juli: Treffen mit der Wahlurne werden die Gemeinderäte der verschiedenen Fraktionen ihre Arbeit vorstellen und die Erstwähler über die anstehende Kommunalwahl informieren. Und wie sieht‘s mit dir aus? Gehörst du zu den Kais dieser Welt? Oder kennst du dich aus mit Kommunalpolitik? Ja? Dann organisiere doch einen Informationsabend für Erstwähler. Oder eine Podiumsdiskussion mit Gemeinderäten. Oder mach es wie der JGR Göppingen und beteilige dich am Online-Voting. Vielleicht gibt es bei euch auch einen Jugendgemeinderat, der schon eine Idee für die Wahlen hat. Frag doch mal nach und biete ihnen gegebenenfalls deine Unterstützung an. Zu viel Stress? Keine Zeit? Dann geh zumindest am 7. Juli wählen. Denn jede Stimme zählt!

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Diese Seiten wurden im Rahmen des Projektes Jugend, Medien und Politik „Du hast die Wahl …“ erstellt und vom Landesjugendring Baden-Württemberg und der Landesanstalt für Kommunikation unterstützt.

Illustraion: Jan Zaiser, Idee: Miriam Kumpf

Jede Partei schickt eine Liste mit ihren Kandidaten – das nennt sich Wahlvorschläge

hat so viele Stimmen, wie Gemeinde- oder Kreisräte zu wählen sind

hat zwei Möglichkeiten 1

Gibt den Stimmzettel einer Partei unverändert ab.

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Er wählt „à la carte“ und stellt aus den verschiedenen Wahlvorschlägen zusammen.

dabei kann er Jeder Bewerber erhält jeweils eine Stimme

KUMULIEREN Stimmen häufen: Er kann einzelne Kandidaten besonders unterstützen und ihnen bis zu drei Stimmen geben. Jedoch dürfen nicht mehr Stimmen vergeben werden, als der Wähler insgesamt hat, sonst ist sein Wahlzettel ungültig.

PANASCHIEREN Der Wähler kann Bewerber verschiedener Stimmzettel mischen, indem er Namen von einem anderen Wahlvoschlag in die freien Zeilen seines Stimmzettels schreibt.

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MAKABRE LEICHENSHOW ALS KUNST? Gunther von Hagens stellt in seinen Körperwelten Ausstellungen Leichen aus und bezeichnet dies als Kunst. Anna Ruppert findet das geschmacklos und gegen alle Moralvorstellungen

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ine tote schwangere Mama liegt da und stützt ihren Kopf auf dem Ellenbogen ab. Ihr ganzer Bauch ist offen, bis zu den Brüsten: Dort ist ihr Baby zu sehen. Diese Mutter wurde „künstlerisch“ für die Körperwelten-Ausstellung von Gunther von Hagens plastiniert. Für die Plastination hat von Hagens sein eigenes Rezept, wie andere Leute zum Kuchenbacken und die „Zutaten“ hat er immer vorrätig. In einer Pressekonferenz erklärte er: „Ich habe früh gelernt, dass man immer ein paar Leichen vorrätig haben muss.“ Für eine Ausstellung benötigte Hagens noch 50 Leichen. Praktisch war, dass er schon 250 auf Vorrat hatte. Sein Rezept für die „Leichenbehandlung“ ist so simpel, dass man es auf seiner Webseite nachlesen kann: Als erstes findet die Fixierung statt und den Toten wird eine Formalin-Lösung in den Körper gepumpt. Es tötet die Bakterien ab. Dann geht's mit dem Skalpell zur Sache: Haut, Fett und Gewebe werden dem Menschen entnommen. Dieser kunstvolle Prozess kann bis zu tausend Stunden dauern. Danach wird die Leiche bis zu drei Monate in eine eisiges Azetonbad gelegt, anschließend kommt sie

in die Vakuumkammer, die mit flüssigem Kunststoff gefüllt ist. In maximal fünf Wochen kann eine Kunststofflösung bis in die letzte Zelle des Menschen eindringen. Weil der menschliche Körper danach durchtränkt und Eingelegt in Formalin-Lösung und haltbar bis in alle Ewigkeit beweglich ist, kann man ihn nun in die passende Pose biegen. In einem letzten Schritt wird der Mensch für seiner Firma im chinesischen Dailan 650 immer haltbar gemacht. Leichen mit Schussverletzungen gefunden Dies ist auch der entscheidende Unter- wurden, genauer gesagt: Hingerichtete. schied zur medizinischen Forschung, wo Doch Hagens erklärte lapidar, dass in seian den Leichen kein Geld verdient und die nem Institut für Plastination nur von der einzelnen Körperteile schließlich bestattet Polizei angelieferte Leichen benutzt werden. Der Spiegel musste den Vorwurf späwerden. Aber kann man von Hagens Körper- ter zwar zurücknehmen. Trotzdem scheint welten als Kunst bezeichnen? Mit welcher es merkwürdig, dass Hagens extra in ChiMoral steht er selbst dazu? Als Hagens' na arbeitet und immer so viele Leichen vorerste Ausstellung eröffnete wurde, veran- rätig hat. Interessant wäre auch zu wissen, staltete eine evangelische Pröpstin einen wie die angelieferten Leichen eingewilligt Gedenkgottesdienst für die Toten aus Ha- haben. Laut Hagens' Webseite sind in seigens' Menschenausstellung. Von Hagens ner Ausstellung nämlich nur die Leichen erklärt dazu nur, dass er am Bestattungs- von Menschen, die vorher gründlich über seine Ausstellung informiert wurden. Anmonopol der Kirche kratze. Aber muss Hagens für seine „Kunst“ kri- dere Quellen ergeben jedoch, dass ein norminell sein? Das Nachrichtenmagazin „Der maler Körperspenden-Ausweis ausreicht, Spiegel“ warf Hagens nämlich vor, dass in um in der Leichenshow zu landen.

L esenswert

Laugenweckle zum Frühstück – Bridget Jones auf Schwäbisch

Eigentlich wollte Elisabeth Kabatek als studierte Literaturwissenschaftlerin immer etwas „Hochliterarisches und Tiefschürfendes“ schreiben, wie sie im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung erzählte. Nun ist im Oktober letzten Jahres mit „Laugenweckle zum Frühstück“ ihr erster Roman erschienen, der eigentlich nur eine „Notlösung“ war. Denn außergewöhnlich tiefschürfend ist die Erzählung über eine junge Stuttgarterin namens Line nicht, dafür umso unterhaltsamer. Line, eigentlich mit dem klangvollen Namen Pipeline Praetorius geschmückt, hat kein leichtes Leben. Im Gegensatz zu ihrer perfekten

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Schwester Katharina hat die 31-jährige Schwäbin weder eine Arbeitsstelle noch ihren Traummann gefunden. Stattdessen ist sie mit dem „Katastrophen-Gen“ gesegnet, das sämtliche ihrer Kochversuche und Unternehmungen zu Abenteuern werden lässt. Als ihr dann auch noch Leon, ein charmanter Ingenieur und begeisterter Stäffelesjogger, und der interessante Fotograf Eric M. Hollister aus Amerika begegnen, ist Pipelines Leben vollkommen auf den Kopf gestellt und die Stuttgarterin stolpert von einer Katastrophe in die andere. Doch das Herausragende an „Laugenweckle zum Frühstück“ ist nicht unbedingt die Ge-

schichte. Auch wenn der Roman sehr witzig und flüssig geschrieben ist, so gibt es Beziehungsromane in ähnlicher Form bereits zuhauf. Das Besondere an „Laugenweckle zum Frühstück“ ist, dass die ganze Geschichte in Stuttgart spielt. So kommt einem als BadenWürttemberger so einiges bekannt vor: Leon arbeitet bei Bosch in Feuerbach, Line geht auf der Königsstraße shoppen und in Sindelfingen bei Ikea Möbel kaufen. Auch die schwäbische Mentalität bleibt nicht außen vor, amüsant und sehr realistisch dargestellt in Form von Tante Dorle und Lines Nachbarn Herrn Tellerle und Frau Müller-Thurgau. Fazit: Ein tolles Buch, das sich flüssig lesen lässt und bestimmt nicht nur weibliche Leser Susan Djahangard zum Lachen bringt. (Kabatek, Elisabeth: Laugenweckle zum Frühstück. Tübingen: Silberburg-Verlag, 2008)

Foto: photocase.de / User: "zielos.de"


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DARF MAN LIEBEN, WENN MAN STIRBT? B

ei Tessa wird im Alter von zwölf Jahren Leukämie diagnostiziert. Mittlerweile ist sie 16 und weiß, dass ihr Kampf um das Leben aussichtlos ist. Deswegen erstellt sie eine Liste von Dingen, die sie noch erleben möchte, bevor sie stirbt. Anstatt aufzugeben gibt sie ihrem Leben einen Sinn: Sie möchte einmal im Leben Sex haben, Drogen nehmen und Gesetze brechen. Das Buch beschreibt ein Mädchen, das sehr krank ist, aber auch seine Mitmenschen. Besonders ihrem Vater macht es Tessa nicht leicht, mit der Situation umzugehen. Daneben noch der jüngere Bruder Cal, der mit Angst und Kindlichkeit alles miterlebt. Im Endstadium ihrer Krankheit verliebt sich Tessa in ihren Nachbarn Adam. Es bleibt eine gewisse Sorge, dass es falsch sein könnte jetzt noch zu lieben und ihre Liebe dann allein zurück zu lassen, aber trotzdem lässt sich Tessa darauf ein. Adam begleitet sie bis zu ihrem Tod. Da die Autorin Jenny Downham und die Protagonisten Tessa sich im Lebensalter deutlich unterscheiden, wirken die Ge-

„Bevor ich sterbe“ von Jenny Downham nimmt den Leser auf eine Gefühlsachterbahn von Leben und Tod mit

danken einer Sechzehnjährigen hin und wieder unrealistisch. Denkt eine Sechzehnjährige wirklich so egozentrisch, dass sie keine Rücksicht auf ihren Vater und ihren Bruder nimmt? Auch die Frage, was in Adams Gefühlswelt vorgeht, wenn er seine Freundin sterben sieht, bleibt völlig außer Acht. Jedoch ist die Sterbeszene am Ende sehr liebevoll und berührend geschrieben. Mir sind die Tränen am Ende hinunter gekullert, nicht wegen des Todes, sondern wegen der zärtlich knisternden Beziehung der Protagonisten unteinander: „Adam streichelt meinen Kopf, mein Gesicht, er küsst meine Tränen. Wir sind selig. Lass sie alle los.“ Katrin Jaskulski (Downham, Jenny: Bevor ich sterbe. München: cbt Verlag 2008) Dieser Text stammt aus thema – Dem Magazin im Jugendnetz. w w w.th em a.jugen dn etz.d e

Hö renswert

D’ici et d’ailleurs

Wie kann man drei Sprachen in einen Satz packen, einen Song daraus machen und trotzdem noch authentisch wirken? Keine Ahnung, wie. Soha kann es einfach. In den einzigartigen Lyrics der französischen Neuentdeckung verschmelzen Englisch, Französisch und Spanisch zu einer Einheit: „On ne saura jamais whatever people say como empieza l´amour“. Wer jedoch denkt, Soha begnügt sich damit, Sprachen zu vermischen, der sollte sich schleunigst ihre Platte besorgen. Mit ihrem Debütalbum „D´ici et d´ailleurs“ („Von hier und anderswo“) gelingt der Französin, deren Vorfahren algerische Nomaden waren, auch ein einmaliger Stilmix: Neben Pop, Soul, Jazz und klassischem französischem Chanson finden sich in Sohas Musik jamaikanischer Reggae und Rap ebenso wie kubanische und lateinamerikanische Rhythmen wieder. Gekonnt vereint sie alle Einflüsse, die ihr Leben bisher geprägt haben.

Fotos: cbt Verlag (oben), EMi Music (unten)

In Frankreich bereits als neuer Star am Chanson-Himmel gehandelt, erfreut sich Soha, die sich musikalisch selbst als Nomadin versteht, auch hierzulande zunehmender Beliebtheit. Ihre Konzerte sind ausverkauft, das Publikum begeistert. Die erfrischende Ausstrahlung der jungen Künstlerin, ihre kräftige Stimme sowie ihr feuriges Temperament faszinieren sowohl Besucher als auch Kritiker. Sohas Texte handeln von Liebe und Schmerz, von Melancholie und Hoffnung. „D´ici et d´ailleurs“ macht Lust auf Urlaub, versprüht Lebensfreude und Exotik. Hits wie „Tourbillon“ und „C´est bien mieux comme ça“ laden dazu ein, sich den feurigen Rhythmen hinzugeben und die Hüften zu schwingen. Im Duett „Mil pasos“, das sie mit Antoine Essertier aufgenommen hat, verzaubert Soha mit ihrer vielseitigen Stimme und südamerikanischen Klängen. Bei den ruhigen Gitarrensounds von „Dream Club“ möchte man einfach nur entspannen und vor sich hin träumen. In „Heureuse“ („Glücklich“), dem letzten der zwölf Songs ihres Albums, stellt Soha ein letztes Mal ihr Stimmvolumen unter

Beweis und lässt zum Abschluss, wie der Titel schon sagt, noch einmal mit einer eingängigen Pop-Melodie Glücksgefühle aufkommen. Fazit: Sohas Musik ist natürlich und bewegend, ihr Stil neu und einzigartig. „D´ici et d´ailleurs“ überzeugt und macht neugierig auf Lisa Schof mehr!

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blind. fetzen Eine Kurzgeschichte von Maren Ochs

Ich bin ihnen ausgeliefert und meiner Angst. Ihre grinsenden Fratzen tanzen in dem Schwarz hinter meinen Lidern. Gebückt und krumm und verletzlich krabble ich über den klebrigen Boden, in Kreisen, immerfort. Ich höre das Tuscheln der Mädchen und manchmal ein fiepsendes Kichern. Das Schlimmste ist, sie nicht sehen zu können. Welche Richtung, frage ich leise, aber niemand will antworten. In tumber Dunkelheit steigt ein Gefühl von Schwindel auf und ich schlage mit meinem Holzlöffel gegen ein Stuhlbein. Topfschlagen, haben sie gejohlt, haben meine Augen mit einem Tuch verbunden. Ich habe mich nicht gewehrt. Ich habe mein T-Shirt in die Hose gestopft, dann bin ich in die Hocke gegangen. Ich schäme mich. Auf meinem Gesicht schwimmt die feuchtwarme Röte eines schrecklichen Momentes und ich ziehe mir das Tuch weit über Wangen und Nase, bis mir von seinem Geruch nach talgigem Haar übel wird. Weite Kreise, enge Kreise, immerfort. Niemand sagt Warm oder sagt Kalt. Niemand raunt mir einen kleinen Hinweis zu, wie Freundinnen das untereinander tun würden. Es ist kein lustiges Spiel, das Topfschlagen. Ich frage mich, ob es in diesem Spiel überhaupt einen Topf gibt. Ich denke, dass die anderen mich nicht mögen. Mir fällt nur nicht ein, weswegen sie sonst hier sein könnten. Oder nur einen Holzlöffel. Ich spüre ihre Blicke. Ich erinnere mich an die Menschen in der Fußgängerzone. Sie sind überrascht, wenn ihre Einkaufstüten gegen meine Unterschenkel schlagen. Sie schauen mich mit großen Augen an, als sei zu ihrer Rechten nie jemand gewesen. Sie vergessen, sich zu entschuldigen, so überrascht sind sie. Dabei habe ich mich schon seit vielen Minuten mit ihnen durch das Gewühl geschoben. Ich spüre die Blicke auf meinem Rücken und mich fröstelt. Vielleicht wissen die Mädchen, wie schlimm das alles für mich ist. Blind – blind – blind. Vielleicht auch nicht. Jetzt, da ich nicht sehen kann, sehen sie mich. Weite Kreise, enge Kreise, immerfort. Kreis. Kreis. Allmählich weichen Wut und Angst einem Gefühl von Ruhe. In gleichmäßigem Rhythmus patsche ich mit meinem Holzlöffel auf den Boden, in Kreisen, immerfort. Und allmählich verschwimmt das gleichmäßige Ticken unserer Wanduhr zu einem surrenden, knisternden Klangbrei, der sich auf meine Ohren und über alle Geräusche legt. Die kleinen, übersichtlichen Sekunden knicken verschüchtert ein vor der massigen Zeit. Meine Sinne scheinen verwirrt, schlagen wahnwitzige Kapriolen und stolpern dabei übereinander. Ich schmecke das Licht, das grell und ungedämpft durch die Fenster fällt. Ich beginne zu schwitzen, einen kalten Schweiß. Ich beschließe plötzlich, mich zu wehren. Ich streife mir die Augenbinde ab und blicke die anderen triumphierend an. Ich sage Durchschaut. Dann sehe ich den Topf. So etwas passiert mir manchmal.

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Illustration: Tobias Fischer


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DER DEUTSCHE ABRAMOWITSCH? Was Dietmar Hopp mit dem russischen Erdöl-Milliardär zu tun hat, der den FC Chelsea zum reichsten und unbeliebtesten Klub der Welt gemacht hat …

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a war dieses Interview, das Marcel Reif der Rhein-Neckar-Zeitung gegeben hat. Der Fernsehmann Reif nennt Hoffenheim einen Retortenklub und Hopp einen deutschen Abramowitsch. Hopp bezeichnet sich als Unternehmer im Ruhestand. Er ist 66 Jahre alt, ein großer Mann mit breiten Schultern und eisgrauem Haar. 1972 hat er den Softwarekonzern SAP mitgegründet, sein Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt. Hopp ist hier aufgewachsen und hat selbst für „Hoffe“ gespielt, wie die Einheimischen sagen. Sein schönstes Tor? „Flanke von rechts, ich stehe am Strafraum, ziehe voll ab und der Ball saust unter die Latte.“ Damals war der Fußballplatz eine lehmige Wiese. Er war als Spieler daran beteilgt, den Verein aus der Kreisklasse in die Regionalliga zu führen. Jahrelang fand Hoffenheim Erfüllung darin, mit selbst ausgebildeten Spielern in der dritten Liga zu spielen. Warum muss es auf einmal die erste sein? Dietmar Hopp antwortete leise und zurückhaltend. Er will nicht dastehen als gelangweilter Milliardär, der sich als Spielzeug eine Fußballmannschaft gekauft hat. Dafür hat er aus der

Foto: "yannick schulze" / Jugendfotos.de

Bundesliga den Trainer Ralf Rangnick geholt und einen Stab weiterer hoch geschätzter Spezialisten. Hopp investiert aber auch in Biotechnologie, er unterstützt die Heidelberger Uniklinik und hat so ziemlich jeden Sportplatz in der Gegend gesponsert. Hoffenheim ist ein Dorf im Kraichgau, Nordbaden. 3.300 Einwohner, von einem Ende bis zum anderen läuft man eine Viertelstunde. Der Kaufmann schließt seinen Laden zur Mittagspause und am Bahnhof wird die Schranke noch mit der Hand heruntergekurbelt. „Eine Fußballtradition wie in München oder Dortmund haben wir nicht“, sagte Hopp einmal. „Aber die Wurzeln des Vereins reichen zurück ins Jahr 1899.“ Vor acht Jahren hat Hopp ein Stadion gebaut, mit einer Tribüne und drei Steintraversen. Das Stadion trägt seinen Namen. Innzwischen ist der Klub ein paar Kilometer weiter in die Kreisstadt Sinsheim gezogen, in ein neues Stadion für 30 000 Zuschauer. Hopp wollte es eigentlich in Heidelberg bauen („eine Weltstadt!“). Aber die Heidelberger waren nicht sehr kooperativ und haben das ausgeguckte Gelände lieber einem Getränkefabrikanten gegeben. Der neue Standort in Sinsheim liegt direkt an der A6 zwischen Mannheim und Heilbronn.

Die vielen Blickkontakte der vorbeifahrenden Autofahrer sollen eine optimale Vermarktung des Stadionnamens ermöglichen. „Microsoft-Arena würde mir gefallen“, sagt Hopp. Im Fußball gibt es vier Sorten von Fans: Der Vereinsfan ist vor allem Anhänger eines Vereins, um den Fußball an sich geht es dabei recht selten. Die zweite Gruppe von Fans sieht sich alle Spiele im Fernsehen an und schmeißt mit Fachbegriffen um sich. Diese Fans wären am liebsten alle Sportjournalist geworden. Der Eventfan kommt nur ins Stadtion, wenn vor Anpfiff Shakira singt, während den Erfolgsfan nur der Sieg seiner Mannschaft interessiert. Hoffenheim bedient von diesen Fans gerade drei Kategorien: alle, bis auf den Vereinsfan. Sie sind oft in den Medien, das macht sie für Eventfans interessant. Sie spielen einen schönen, offensiven Fußball, das ist was für Feinschmecker. Und: Sie sind dabei erfolgreich. Zumindest noch. Dass so eine junge und unerfahrene Mannschaft eine Saison ohne zwischenzeitlichen Leistungseinbruch übersteht, wäre ungewöhnlich, und man sieht es derzeit deutlich am Tabellenplatz. Alles andere wird die Zukunft zeigen. Irina Bernhardt

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Mein erstes Ma l

LEUCHTE MIR DEN WEG

Ein Handy besitzen

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Ich fand es lange dumm und ner vig. Immer wenn jemand es in einer Sitzung mit hochrotem Kopf ausschaltete oder wenn jemand ein Gespräch unterbrach, war ich heilfroh, dass ich es nicht besaß. Nicht mehr die Möglichkeit zu haben, ab und zu nicht erreichbar zu sein, wenn ich mal ungestört, allein oder einfach mal weg sein wollte, hätte mir noch mehr Sorgen gemacht als Strahlen, die davon ausgehen und gesundheitsschädlich sein sollen. „Ich habe kein Handy“, antwortete ich immer auf die Frage nach meiner Nummer. Wenn ich die verschiedensten Klingeltöne mit den unterschiedlichsten Peinlichkeitsgraden – von Mozart über einen Kavallerieangriff, Bauchtanzmusik, eine Rede von Helmut Kohl hin zu Babygeschrei oder Furzgeräuschen – in der S-Bahn oder auf der Straße hörte, musste ich grinsen. Noch mehr grinste ich beim Anblick des Besitzers, der daraufhin seine ganze Tasche durchwühlte, um den Krachmacher ausfindig zu machen. Bis ich zum 18. Geburtstag mein erstes Handy bekam. Die erste Frage nach meiner Nummer zu beantworten, war mir fast peinlich. Mittlerweile habe ich mein Handy immer dabei. Mal kurz jemanden anzurufen, eine SMS zu verschicken oder das Handy sinnlos auf- und zuzuklappen, wenn ich Langeweile habe, ist doch geschickt. Eines habe ich mir aber gemerkt: Mein Handy ist dauerlautlos. Auch das Vibrieren spüre ich meistens nicht. Deshalb wundert sich niemand mehr, wenn ich erst etwas später zurückrufe. Sophie Rebmann

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enau das Richtige für Leute wie mich!“, dachte ich, als ich von dieser originellen Erfindung las. Ich, als Person, die seit Monaten im Dunkeln lebt, da ich zu faul bin, die Glühbirne im Zimmer zu wechseln. Inzwischen habe ich mich recht gut an die Lage angepasst. Es ärgert mich kaum, wie blind durchs Zimmer zu laufen, um die Nachttischlampe anzumachen. Von kleinen Unfällen mal abgesehen, bei denen ich es fertiggebracht habe, meine Brille zu zertreten. Anstatt zwei Minuten zu investieren, um meinem Zimmer wieder Licht zu verschaffen, suche ich immer wieder nach neuen Gründen, genau das nicht zu tun. Da kommen mir die Light Feet Slippers wie gerufen! Das sind Hausschuhe, die im Dunkeln den Weg leuchten. Angepriesen werden sie für diejenigen, die nachts mal raus müssen, ohne das Licht anmachen zu wollen und andere damit zu wecken. Darum teste ich diese vielversprechenden Hausschuhe – zugegeben, nicht ganz uneigennützig. Natürlich ist auch genau das wichtig, was für altherkömmliche Hausschuhe gilt: Sie müssen bequem sein. Nach einem Nachmittag kann ich sagen, dass sie anderen Hausschuhen in puncto Bequemlichkeit in nichts nach-

stehen. Im Tageslicht leuchten die vorn angebrachten LEDs übrigens nicht wegen einem Sensor in den Sohlen, der die umgebene Helligkeit ermittelt. Ob das stimmt, teste ich nun in Phase zwei: Als es dunkel ist, ziehe ich die Slipper an, trete auf und siehe da: Ich sehe! In den Sohlen ist dazu noch ein Gewichtssensor, der die Schuhe im Dunkeln nur leuchten lässt, wenn sie gebraucht werden. Ich laufe also mit den Slippern durchs Haus und bin so fasziniert, dass sie ihren Zweck erst nur halb erfüllen: Denn ich schaue nicht auf den Weg, sondern immer wieder nach unten. Schließlich hatte ich zuvor nicht oft das Vergnügen, Scheinwerfer an den Füßen zu haben. Doch ich schaffe es, nirgends gegen zu stoßen und blicke nun auf den beleuchteten Weg. Natürlich ist das Licht nicht sehr hell, aber es reicht, um sich im dunklen Haus zurechtzufinden. Schließlich stelle ich die Schuhe vorm Bett ab. Die Schuhe leuchten noch kurz weiter, dann erlischt das Licht. Mit den Bright Feet Slippern bin ich sehr zufrieden. Zumal ich wieder einen Grund mehr habe, die Glühbirne nicht zu wechseln. Fragt sich nur, was ich mache, wenn die austauschbaren Batterien leer sind. Lisa Zeller

Ge sc h i c h t en a u s d em L eb e n

Gesundheitsvorsorge verbindet

E

s ist Grippezeit. Ich möchte aber nicht krank werden. Deshalb trinke ich Kanister voller Orangensaft. Zum Abendessen gibt es eine wahre Vitaminbombe: Rote-Bete-Salat. Das riesige Glas denkt aber gar nicht daran, aufzugehen. Ich brauche Verstärkung. Vielleicht hat meine neue Nachbarin das passende Werkzeug? Es ist die Gelegenheit, sie besser kennen zu lernen. Sie rennt immer vor mir weg. Was ist ihr Geheimnis? Zehn Minuten später sitzt der Deckel immer noch fest, als es an der Tür klingelt. Die Nachbarin hat einen Freund mit einer zerstörungsfreudigen Portion Arbeitsfrust und einem Werkzeugkoffer.

Ein paar geschickte Handgriffe mit Zange und Schraubenzieher und das Glas ist offen. Die neu eingerichtete Küche gleicht der Kulisse eines Horrorfilms. Während wir das Rote-Bete-Blut wegputzen, finde ich das große Geheimnis heraus: Es gibt gar keins. Meine neue Nachbarin ist nett und hat viel zu tun, deshalb ist sie immer auf dem Sprung. Ich biete ihr von meinem Super-anti-Schnupfen-Salat mit Rote Bete, Zwiebel und Knoblauch an. Sie möchte aber nichts davon abhaben. Ob das vielleicht an einer vampirartigen Knoblauchallergie liegt? Silke Brüggemann

Foto: Kigoo Images / PIXELIO


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gen T ü b in in t n r e is t , de ln d , d 1, Stu e 2 if , e r w z e n g le a r t ig , as Sp e in z ig : Andre n e v kti f Adje ig In fün p f if f ä lt ig , f r r ie v akteu edakd ie R efred h n C e r : a IR w zum der NO NOIR: a ls ic h it der ob bei J l, m h n s ü i i n e f n M Ge r ie b e Erleb t o ll e gesch llstes s o a t ir d o n i nd Me für N gen u it z u n e lt e x t it T n t io n s s l e in e n Ma erste ig e n , rgste e B , . n re habe k if a h gen, S pen g o J F a m iil d c a m ten: ä W t i , v n i r ie r e , t e r k a a ib t e i K e r ch he Freiz li s t is c le n , S ourna r e s p ie r J a : t it f G Zukun s e in . für die c k li c h Pläne lü G Franz , arum? in d e r w K . d , e n li en u echen ie s p r erview t n n e i e G n en du ger krank ürdest in e m e it Wen w mal m e ll e r a . E in F is c h t r Kafk n hae t angeta m is c h s l e a g m r je e m Eltern : groß u e in e ten z meine sessen s g r a i n i k l m d b s n a a Lie ste, w sen-S hlimm e n R ie in e Das Sc m en ie h a b aut. ben: S umgeb h ic e ert Wass

Impressum Noir ist das junge Magazin der Jugendpresse BadenWürttemberg e.V. Ausgabe 10 – Mai 2009

Herausgeber Jugendpresse Baden-Württemberg e.V. Schlossstr. 23 74372 Sersheim Tel.: 07042 8155-35 Fax: 07042 8155-40

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Chefredaktion Andreas Spengler andreas.spengler@noirmag.de (V.i.S.d.P., Anschrift wie Herausgeber) Miriam Kumpf

miriam.kumpf@noirmag.de

Layout und Art-Director Tobias Fischer

tobias.fischer@noirmag.de

Layout-Team Sebastian Nikoloff, Simon Staib, Jan Zaiser, Tobias Fischer layout@noirmag.de

Titelbilder

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ch, chwa S s istis u r a e i r r le ar Schü nt, k a , r 7 e 1 l o , ch, t Czub i l n d a n i t s freu Sebas isten en: e r v u i m t t e f k kt ha ch dje , l e b IR: R e d a che i g a nf A i ü t m f s . u . e NO in rn . euerl der uf di a eie f s n n a b e n t Job bei ie te mil n meis ) Fa h Mei c i n e ilig arte gwe z w n n a e l r ( n. nfe Bei rinse eko g s . s g s i o e F o t iner Pr emen richt h e T i e n e er. ich Bei ervic nte. nehm … kann : S l r i e e b T otos mine o h ü r c i F P e : Auf ich n reib sch ere i hafte f n c a e s r t n g s e o t iss lieb n fo ftsw Polizist Am a ste h b c e s li er ik e s e l l rgarten: k t e u r Am Burg ngstechn at r: G e e e a n d i h d i u e c Kin sfä V-Re , aber k ranstalt Volontar im T ling h : b c e h s e e c t Li nd is , V wun heu ufs rikan schießen udium u e sch n m Ber u A n w ogen hschulst en: ufs chaue ubs : B ess Ber n c e s o e n g t H H ä on lin ft: ivit Lieb die S lugzeug, kun akt t u n i i Z e iz ht: die Fre en (F nic für Flieg upt ne ha en: ber lern h ü e c i n n er kan h g e ic Das d r wü Das er,…)

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Fotos: Privat

Ingo Neumann / PIXELIO (Titelbild); Johannes Schäfer (links); EMi Music (mitte); photocase.com / User: vandalay (rechts)

Redaktion Okan Bellikli (obl), Irina Bernhardt (ib), Silke Brüggemann (sbr), Jessica Christian (jc), Lisa Cramer (lc) Sebastian Czub (sc), Susan Djahangard (sd), Ekaterina Eimer (ee), Alexander Hoffmann (ahm), Katrin Jaskulski (kj), Miriam Kumpf (mk), Henrike W. Ledig (hl), Luca Leicht (ll), Oxana Lytus (ol), Maren Ochs (mo), Christina Ott (co), Lukas Ramsaier (lr), Sophie Rebmann (srm), Anna Ruppert (ar), Anna Schmauder (asd), Lisa Schof (ls), Andreas Spengler (as), Silke Steinbrenner (ssb), Katharina Tomaszewski (kt), Ann-Katrin Wieland (akw), Jan David Zaiser (jz), Lisa Zeller (lz) redaktion@noirmag.de

Anzeigen, Finanzen, Koordination Sebastian Nikoloff sebastian.nikoloff@noirmag.de

Druck Horn Druck & Verlag GmbH & Co. KG, Bruchsal www.horn-druck.de

Noir kostet als Einzelheft 2,00 Euro, im Abonnement 1,70 Euro pro Ausgabe (8,50 im Jahr, Vorauszahlung, Abo jederzeit kündbar). Bestellung unter der Telefonnummer 07042 8155-35 oder per Mail an abo@noirmag.de. Für Mitglieder der Jugendpresse BW ist das Abonnement im Mitgliedsbeitrag enthalten.

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Susan Djahangafrd

Lukas Ramsaier re mittler weile unEin Leben ohne Noir wä Beispiel wäre zum s denkbar für mich. Wa e die Noir? Es würmein E-Mail Postfach ohn de wohl verhungern.

W s ist das Reizvolle an Wa Noir? V le net te Menschen, Vie die zusammen e Magazin gestalten, ein an dem man a h selbst mit wirken kan auc n und seine e enen Ideen einbringe eig n kann.

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bei Noir bin ich Mit meinen zwei Ausgaben als g. Allerdings merkt man lin sch r sicherlich noch ein Fri hie es n ma wem r schnell, mit aufmerksamer Beobachte er und ativ kre r, kte rüc ver n ufe zu tun hat: Mit einem Ha tolalle für die Idee von einem toller Jungjournalisten, die len Heft leben. gemischten Redaktionst Noir lebt von seiner bun h diese ein wenig verschieden, doc und Layoutgruppe. Alle daktiRe e jed Ansichten machen verschiedenen Ideen und ebErg ein n affe sch d nnend un onssitzung unglaublich spa h dem nac es n ma n wen ist, lz sto nis, auf das man wirklich t. Druck in den Händen häl

Wa s wünschst du dir für die Zukunft von Noir? Noch viele weitere tolle Ausgaben, und dass Noir sich noch weiterent wickelt, zum Beispiel komplett in Far be erscheint.

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Jubiläum–

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Jan Zaiser

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ne die Noir? W s wäre dein Leben oh Wa gesellschaftein ich re wä ir O Ohne No sorglichen für ne lliches Wrack, hät te kei auseinanel tik Ar ine Freunde, die me te. Ich Beu ihre d dernehmen wie Wölfe nden Stu f fün me ntags grausa wüsste nicht, dass man son inlich che hrs wa te hät d un n kan lang in der Uni arbeiten bringt sohn-08 / 15-Leben. Noir ein potentielles Schwieger Abwechslung!

die Zukunft von Noir? Wa s wünschst du dir für . Wie her und dunkler werden Noir sollte noch französisc und tes uet sie, verbrannten Bag wäre es mit schwarzer Poe ? cht ern bei Na kleinen Eiffelt urmanhäng

Die Noir wird 10!

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Ann-Katrin TWieland

Wa s war dein aufregend stes Ereignis beii der Noir? Mein auf regendstes Ere ignis war, als ich die Nacht in verschiedene n Mini- Cars in n der Region verbrachte un d viele interessante Mitfahrer kennenlernte (siehe Noir Nr. 6).

Wa s waren Höhe- und Tie fpunkte? Ein Tiefpunkt war es, als das Essen in einem Du nkelrestaurant nicht klappte.

Welches Ausgabe hat dir besonders gefallen? Am Besten hat mir die Ausgabe zu den Jugend medientagen 2007 in Stuttgart gefallen.

Wa s hast du von der (M it-)Arbeit an Noir gelern t? Immer genau nachzufragen . Wa s wünschst du dir für die Zukunft von Noir? Ich wünsche Noir noch me hr Gefühls- und Musikthe men und nat ürlich ein langes Leben.

Noir? Wa s ist das Reizvolle an ☺ n uri kte Die Chefreda

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Fotos: Privat Illustration: Jan Zaiser, Tobias Fischer


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Noir 10  

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