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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung. K O O P E R AT I O N E N M O D E L L E P E R S P E K T I V E N

Dokumentation des Fachtags vom 29. Juni 2011 in Stuttgart


Jugendstiftung Baden-Württemberg Abteilung Servicestelle Jugend und Schule Postfach 11 62 74370 Sersheim Im Auftrag des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport

Sersheim 2011 Redaktion: Stefanie Wichmann Lektorat: Lothar Stehle, Angelika Vogt Grafik: Oliver Müller – Visuelle Kommunikation, Mainz Druck: Printmedien Karl-Heinz Sprenger, Vaihingen/Enz Fotos: Projektfotos Jugendstiftung Baden-Württemberg; Frank Uhlig (S. 19), nobbe k pictures (S. 21), Marc Doradzillo (S. 36, 42, 47 und 62-66) Caplio R5 User (S. 45 unten rechts) Thomas Bartl (S. 75/Move it!); sowie Yuri Arcurs (Titel), Marek (S. 6), Photographer (S. 18), Gernot Krautberger (S. 37), Foto-Ruhrgebiet (S. 44), Varina and Jay Patel (S. 48), ALAIN VERMEULEN (S. 71), Dr. Lars Holzäpfel (S. 72), danlsaunders (S. 77), allesamt Fotolia.com

© Alle Rechte vorbehalten Jugendstiftung Baden-Württemberg


Vorwort

Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung. Kooperationen – Modelle – Perspektiven Wesentliche Elemente des Jugendbegleiter-Programms sind ehrenamtliches Engagement und die Vernetzung von Schulen mit außerschulischen Partnern. Ein zentraler und bedeutender außerschulischer Partner sind zweifellos die Träger, Vereine und Verbände der außerschulischen Jugendbildung. Hier finden sich vielfältig erprobte methodische Kompetenzen in der Arbeit mit Jugendgruppen, in der Arbeit im Gemeinwesen und in der Erprobung innovativer Arbeitsansätze. Mit Beginn des Schuljahrs 2011/2012 stehen den Schulen weitere Budgetmittel für Kooperationen mit Vereinen zur Verfügung. Damit werden bestehende Kooperationen gestärkt und neue Kooperationsmodelle ermöglicht. Ziel sollte dabei die Gestaltung lokaler Bildungsnetzwerke sein, die gemeinsam Bildungsziele formulieren. Diese gibt es erst vereinzelt. Die vorliegende Publikation stellt einige dieser bewährten Kooperationsmodelle dar und beleuchtet folgende Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln der einzelnen Akteure: Welche

Voraussetzungen benötigen und welchen sozialen Mehrwert schaffen lokale Bildungsnetzwerke durch freiwillig Engagierte? Wie vernetzen sich verschiedene Lern- und Bildungsorte lokal? Welche Kompetenzen verfügen dabei Träger der außerschulischen Jugendbildung, welche Rolle spielt die Schule? Im zweiten Teil der Publikation werden dann in ganz unterschiedlichen Praxisbeispielen das Zustandekommen solcher Kooperationen sowie dabei fördernde und hemmende Faktoren diskutiert. (S. 23). Abschließend finden Sie im Plenum gestellte Fragen und die Antworten der Referentinnen und Referenten (S. 62). Zudem bietet Ihnen das Glossar Jugendstiftung Baden-Württemberg einen Überblick über die wichtigsten Fachbegriffe.

Stefanie Wichmann Jugendstiftung Baden-Württemberg

Die Publikation „Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.“ ist im Zusammenhang zum gleichnamigen Fachtag am 29. Juni 2011 entstanden. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich bei allen Beteiligten bedanken, die den Fachtag mitgestaltet haben. Besonders danken möchten wir den Referentinnen und Referenten für die fachlichen Impulse. Ein ganz herzliches Dankeschön gilt den vielfältigen Projekten, die mit ihren Ideen die vorliegende Publikation vervollständigt haben.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Inhaltsübersicht

Vorwort Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung. Kooperationen – Modelle – Perspektiven Stefanie Wichmann

Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm Benjamin Wahl Seite 24 Seite 1

Das Jugendbegleiter-Programm – ein Angebot an der Schnittstelle zwischen schulischer und außerschulischer Jugendbildung Gabriele Warminski-Leitheußer Ministerin für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg Seite 4

Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft Lokale Bildungsorte vernetzen Sigrid Meinhold-Henschel Seite 6

Schule als Initiator lokaler Bildungsnetze Das Gymnasium Achern Paul Droll

Bildung ohne Lehrbuch Die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH Sieghard Kelle

Qualifizierung und Begleitung Netzwerk-Initiativen des BDKJ Anja Grießhaber

Seite 25

Schnittstelle zwischen Schule und Jugendarbeit Netzwerkarbeit beim Stadtjugendring Frank Stüber Seite 27 Ergebnisbericht Annika Müller

Seite 29

Kooperation zwischen Schule und Sportverein Der Württembergische Landessportbund WLSB Jürgen Heimbach Seite 30 Wir bewegen Die Turn- und Sportgemeinde Niefern 1884 e. V. Daniela Jakob Seite 32

Seite 16

Seite 19

Durch Vernetzung zum Erfolg für alle Der Sportkreis Pforzheim Daniela Jakob

Seite 34

Ergebnisbericht Daniela Jakob

Seite 36

Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit Berührungspunkte und Abgrenzungen Martin Bachhofer Seite 37 Die Wendlinger Trainingsinsel Christof Georgi/Karl Häberle

Seite 38

CityCult – ein Jugendtreff kooperiert mit Schulen Markus Tiemeyer Seite 40 Ergebnisbericht Anke Sudhoff

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Seite 42


Inhaltsübersicht

Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine Anne Kreim Seite 43 Förderverein der Grundschule Neckargröningen e. V. Kerstin Kober-Schiller Seite 45 Freundeskreis Burghof-Schule Ofterdingen e. V. Ute Heß Seite 46 Ergebnisbericht Jannis Carmesin

Mit Jugendlichen im Gespräch: „Der Qualipass hat bereits eine richtige Tradition“ Birgit Schiffers Seite 68

Stärken erkennen, Kompetenzen entwickeln, Qualifikationen nachweisen – Neu entwickelte Materialien für die Praxis Elisabeth Yupanqui Werner/Daniela Jakob Seite 71

Seite 47

Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung Elisabeth Yupanqui Werner Seite 48 Entwicklung eines Konzepts zur Ganztagsbildung Alice Weber Seite 50

Mappenweise Engagement – Der Jugendbildungspreis zeigt, was Jugendliche können Miriam Kumpf/Miriam Schmid Seite 74

Jugendbefragung im Land – Survey Jugend 2011 in Baden-Württemberg Miriam Schmid/Wolfgang Antes Seite 77

Ganztagsbetreuung im Kirchheimer Modell Christoph Tangl Seite 52 Ergebnisbericht Charlotte Pfeiffer

Seite 54

Glossar Jugendbildung Baden-Württemberg Seite 79

Peer-to-Peer-Konzepte im JugendbegleiterProgramm – Ansätze außerschulischer Partner Dr. Hermann Scheiring Seite 55 „KommLern! – Schüler für Schüler“ Dr. Hermann Scheiring

Seite 56

Neue Wege in der technischen Jugendbildung durch Peer-to-Peer learning an der Technikschule in Esslingen Dr. Hermann Klinger Seite 59 Ergebnisbericht Angelika Vogt

Seite 61

Fragen und Antworten

Seite 62

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

„Das Jugendbegleiter-Programm ist ein ideales Unterstützungsinstrument, um Kooperationen zwischen schulischer und außerschulischer Jugendbildung zu realisieren.“

Das Jugendbegleiter-Programm ist zwischenzeitlich fest in

sen über ihre reine Funktion als Lernort hinaus. Die bisher so

der Bildungslandschaft verankert. Die Programmevaluation

klare Trennlinie zwischen Phasen des Lernens und Phasen der

vom Dezember 2010 ergab, dass im aktuellen Schuljahr an

Freizeit verliert an Kontur. Daraus entstehen neue Gestaltungs-

1.269 Schulen von 17.244 Jugendbegleiterinnen und Jugend-

und Kooperationsmöglichkeiten, bei denen sich schulische

begleitern Angebote im Umfang von 30.406 Wochenstunden

und außerschulische Akteure hervorragend ergänzen können.

gemacht werden. Dank des Engagements so vieler Bürgerin-

Vereine, Verbände und Organisationen in der außerschulischen

nen und Bürger unseres Landes kann an den Schulen im Rah-

Jugendbildung werden so zunehmend wichtige Partner im

men des Jugendbegleiter-Programms eine Fülle von Angebo-

Schulleben.

ten gemacht werden, die weit über die Wissensvermittlung traditionellen Unterrichts hinausgeht.

Das Jugendbegleiter-Programm stellt ein geeignetes Instrument dar, um solche Kooperationen zu realisieren, um formale schuli-

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Sich ändernde gesellschaftliche Bedingungen sowie die Er-

sche Bildung durch non-formale außerschulische Bildung zu er-

gebnisse der PISA-Studien haben den Ausbau vieler Schu-

gänzen. Das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport hat zu-

len zu Ganztagsschulen stark befördert. Kinder und Jugend­

sammen mit der Jugendstiftung Baden-Württemberg ein Sys-

liche verbringen heute mehr Zeit in der Schule. Dabei darf der

tem von Unterstützungsmaßnahmen für die Programmteilneh-

gewachsene Zeitanteil der Schulen nicht gleichgesetzt wer-

mer aufgebaut. Neben einer Servicestelle, Handbüchern, Bro-

den mit mehr Lernzeit im traditionellen Sinne. Schulen wach-

schüren und einem umfangreichen Internet-Angebot gehören


dazu beispielsweise auch regionale Vernetzungskonferenzen

Ich wünsche allen, die am Jugendbegleiter-Programm be-

sowie Fachtage zu speziellen Themenschwerpunkten. Ziel des

teiligt sind, weiterhin viel Freude und Erfolg bei der Umset-

Fachtags „Jugendbegleiter.Schule.Jugendbildung“ ist es, die

zung.

unterschiedlichen Bildungsakteure im schulischen und außerschulischen Bereich zusammenzuführen, Kooperationsmodelle zu diskutieren und lokale und regionale Bildungsnetzwerke vorzustellen. Ich lade alle Beteiligten ein, schulische wie außerschulische Partner, diesen Prozess mitzugestalten. Mein Dank gilt allen, die sich im Jugendbegleiter-Programm engagieren und durch ihren Beitrag mithelfen, das Programm so erfolgreich zu machen. Er gilt der Jugendstiftung für die Vorbereitung und Organisation des Fachtags und ganz besonders allen Referentinnen und Referenten sowie den außerschulischen Partnern, die durch die Präsentation ihrer Ideen und Projekte

Gabriele Warminski-Leitheußer

entscheidend dazu beitragen, das Jugendbegleiter-Programm

Ministerin für Kultus, Jugend und Sport

weiterzuentwickeln und seinen Wirkungskreis zu erweitern.

des Landes Baden-Württemberg

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft Lokale Bildungsorte vernetzen Sigrid Meinhold-Henschel

Sigrid Meinhold-Henschel ist Projektleiterin bei der Bertelsmann-Stiftung.

Mit dem Konzept der Bildungslandschaften könnte gelingen, was an der mangelnden Vernetzung der verschiedenen Bildungseinrichtungen bislang scheiterte. Doch dafür müssen sich alle Verantwortlichen auf einen gemeinsamen Bildungsbegriff verständigen, und mit

Sie hat ein Studium der Geschichtswissenschaften, Germanistik und Pädagogik mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie sowie ein sozialwissenschaftliches Aufbaustudium an der Universität Bern abgeschlossen. Als diplomierte Verwaltungswirtin arbeitete sie mehrere Jahre in der Kommunalverwaltung. Seit 14 Jahren ist sie bei der Bertelsmann Stiftung mit den Schwerpunkten Bürgerbeteiligung, Jugendpartizipation und kommunale Bildungsarbeit beschäftigt.

ihren individuellen Stärken eine gemeinsame Verantwortung übernehmen – für optimale Bildungschancen, und ohne soziale und ethnische Hypotheken.

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PISA und die Folgen Die Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2001 hat deutlich gemacht, dass Deutschland von der Realisierung eines


Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft – Lokale Bildungsorte vernetzen

„Bürgerrechts auf Bildung“, von Dahrendorf Mitte der 1960er Jahre gefordert, fast vierzig Jahre später weit entfernt ist. Die internationale Vergleichsstudie belegt, dass im „Land der Dichter und Denker“ der schulische Erfolg wie in keinem anderen Land von der sozialen Herkunft abhängig ist, und Kinder aus sozial benachteiligten Familien oder mit Migrationshintergrund ein wesentlich höheres Risiko des schulischen Misserfolges tragen. Die Reform des Bildungswesens wurde in der Folgezeit zu einem Schlüsselthema in der öffentlichen wie in der politischen Diskussion. Nachdem 1964 Georg Picht durch seine Studie mit dem gleichnamigen Titel „Die deutsche Bildungskatastrophe“ ausrief, wird dem deutschen Bildungssystem zum zweiten Mal in weniger als 50 Jahren ein desolater Zustand bescheinigt und drängender Reformbedarf diagnostiziert. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass nach den Reformen der 1960er und 1970er Jahre in den Folgejahrzehnten Veränderungsmüdigkeit und Stagnation den Bildungsbereich kennzeichneten. Mit dieser Ruhe war es schlagartig vorbei, als deutlich wurde, dass Deutschland in den untersuchten Kompetenzbereichen1 im Vergleich der OECD-Staaten allenfalls Mittelmaß war.

Anschluss gefährdet Wie in den 1960er Jahren wird die Befürchtung laut, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb den Anschluss verlieren könne und die Zukunftsfähigkeit der auf technologischen Fortschritt setzenden Exportnation gefährdet sei, wenn die Bildungspotenziale der nachwachsenden Generation nicht in stärkerem Maße gehoben würden. In allen Bundesländern setzte eine intensive Diskussion über erforderliche Reformen im Bildungsbereich ein. In der ersten Phase der Auseinandersetzung mit dem „PISASchock“ dominierte die Frage, wie den Wissensrückständen deutscher Schüler begegnet werden kann? Viele Bundesländer entwickelten Ansätze frühkindlicher Sprachförderung, um den Übergang von der Kita in die Schule zu flankieren, verpflichteten Lehrer zur regelmäßigen Teilnahme an Fortbildungen, setzten Standards für Lernstandserhebungen und führten dort, wo es diese noch nicht gab, zentrale Abiturprüfungen ein2. Die Entwicklung von Bildungsplänen für den Elementar­ bereich, die Steigerung der Schulautonomie und der Ausbau der Ganztagsschulangebote waren weitere Bausteine, die den Reformprozess kennzeichneten. (Niemann: 71 – 79) Durch diese Maßnahmen hat sich die Situation deutscher Schulen wie auch das Selbstverständnis des Elementarbereichs als eigenständiger Bildungsbereich wesentlich geändert. Ob die Bildungslandschaft als Ganzes in den Blick genommen wurde, muss hingegen hinterfragt werden.

Viel Wissen – wenig Transfer Viele der in den ersten Jahren nach Veröffentlichung der PISAErgebnisse entwickelten Vorschläge waren ausgesprochen schulzentriert, und entsprechend auf den Erwerb von Wissen und die einseitige Stärkung von kognitiven Kompetenzen ausgerichtet (Rauschenbach und Otto 2004; Konsortium Bildungsberichterstattung 2006). Schon früh wurde von Akteuren der Jugendhilfe auf diese Verkürzung in der Bildungsdiskussion aufmerksam gemacht. Gemeinsam meldeten sich das Bundesjugendkuratorium, die Sachverständigenkommission für den 11. Kinder- und Jugendbericht und die Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe mit der Forderung „Bildung ist mehr als Schule“ in dieser Diskussion zu Wort. In den sogenannten „Leipziger Thesen“ von 2002 werden eine bildungspolitische Wende und ein umfassendes und ganzheitliches Bildungsverständnis angemahnt, das auf die Einbeziehung und wechselseitige Zusammenarbeit aller Bildungsorte abstellt. Gefordert wird neben der schulischen Bildung auch die Familie, die verschiedenen Bereiche der Kinder- und Jugendhilfe sowie die berufliche Ausbildung als Bildungsorte anzuerkennen und an Stelle des unkoordinierten Nebeneinanders innovative Formen der Zusammenarbeit zu praktizieren.

Was ist Ganzheitliche Bildung? In der Alltagssprache wird Bildung häufig mit nachweisbarem, zertifiziertem Wissen gleichgesetzt. Er oder sie hat eine gute Bildung, weil die Abiturprüfung geschafft oder ein Studium absolviert wurde. Die Bezeichnung „bildungsferne Jugendliche“ ist dagegen das Synonym für einen niedrigen oder gar fehlenden Schulabschluss. In der philosophischen und bildungstheoretischen Debatte, die Deutschland seit dem 18. Jahrhundert prägt, ist Bildung jedoch von Anfang an als ein Prozess der umfassenden Persönlichkeitsbildung definiert worden. So schreibt Alexander von Humboldt in seinem Rechenschaftsbericht an den Preußischen König 1809: „Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen

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Untersucht wurden die Lesekompetenz, die mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz. Die Vergleichsstudie wird alle drei Jahre wiederholt. Mittlerweile liegen Erhebungen für 2000, 2003, 2006 und 2009 vor.

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Nur noch Rheinland-Pfalz verzichtet auf zentrale Abiturprüfungen.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

besonderen Beruf ein guter, anständiger, seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist. Gibt ihm der Schulunterricht, was hierfür erforderlich ist, so erwirbt er die besondere Fähigkeit seines Berufs nachher sehr leicht und behält immer die Freiheit, wie im Leben so oft geschieht, von einem zum anderen überzugehen.“

Die Humboldt’sche Regel Bildung im Sinne Humboldts meint eine somit Entwicklung, die alle Kräfte und Potenziale einer Person umschließt. Der Einzelne ist dabei nicht Objekt von außen an ihn heran getragener Bildungsgegenstände, sondern gestaltet die Entwicklung seiner Bildungsbiographie als Subjekt selbstbestimmt und aktiv. An dieses Grundverständnis knüpft der 12. Kinder- und Jugendbericht an und stellt heraus, dass Bildung in der Aneignung der Welt durch das Individuum und der Entwicklung der Person in diesem Prozess geschieht. Bildung wird definiert als „aktiver Prozess, in dem sich das Subjekt eigenständig in der Auseinandersetzung mit der sozialen, kulturellen und natürlichen Umwelt bildet. Bildung des Subjekts in diesem Sinne braucht folglich Bildungsgelegenheiten durch eine bildungsstimulierende Umwelt und durch die Auseinandersetzung mit Personen.“ (BMFSFJ 2006: 107). Mit diesem Grundverständnis wird darauf verwiesen, dass Bildung nicht auf schulische Lernprozesse verkürzt werden kann. Als Ziel des Bildungsprozesses stellt der 12. Kinder- und Jugendbericht die Befähigung zu einer eigenständigen und eigenverantwortlichen Lebensführung in sozialer, politischer und kultureller Eingebundenheit und Verantwortung heraus. Unabhängige Lebensführung und die Möglichkeit zur ökonomischen Existenzsicherung, die Kompetenz, anderen konstruktiv zu begegnen, die Fähigkeit, Partnerschaften einzugehen und eine Familie zu gründen, aber auch politische Mündigkeit, Bereitschaft zu sozialer Verantwortung und die Chance zu demokratischer Teilhabe kennzeichnen einen gelingenden Bildungsprozess. Die Fähigkeit zu einer umfassenden Selbstregulation in vorfindbaren Lebenssituationen wird als Grundgedanke eines zeitgemäßen Bildungskonzeptes vorgestellt (BMFSFJ 2006: 109).

Wissen kompetent umsetzen Bildungsprozesse richten sich in diesem Verständnis auf einen Kompetenzaufbau in vier Bereichen: > soziale Kompetenz: intersubjektive Fähigkeiten, sich mit anderen handelnd auseinander zu setzen und am sozialen Leben teilzuhaben

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> personale Kompetenz: Entwicklung der eigenen Persönlichkeit, Fähigkeit, mit der eigenen Emotionalität und Gefühlswelt konstruktiv umzugehen > instrumentelle Kompetenz: alle objektbezogenen Fähigkeiten, wie z. B. mathematische, künstlerische oder handwerkliche Fertigkeiten > kulturelle Kompetenz: Aneignung des „kulturellen Erbes“, die Fähigkeit sich mittels Sprache die Welt zu erschließen, zu verstehen und sich in ihr zu bewegen. (BMFSFJ 2006: 112 – 116) In allen vier Bereichen geht es darum, sowohl Wissen als auch Können aufzubauen. Dieser umfassende Bildungsbegriff entspricht dem in der Konvention über die Rechte des Kindes festgeschriebenen Anspruch auf ganzheitliche Bildung. Die Konvention, die 1990 in Kraft trat, und mit Ausnahme der USA und Somalia von allen Nationen verabschiedet wurde, verpflichtet die Vertragsstaaten, so auch Deutschland, in Artikel 29 auf Bildungsziele. Dort ist festgeschrieben, dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen, dem Kind Achtung vor den Menschenrechten und der natürlichen Umwelt zu vermitteln und es auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft in Frieden, Toleranz und Gleichberechtigung der Geschlechter vorzubereiten.

Vielfalt der Bildungsprozesse und Lernorte Die zunehmende Bedeutung einer umfassenden Bildung in dem dargestellten Sinne ist auch als Antwort auf die Anforderungen an die postmoderne Gesellschaft zu verstehen. In einer aufgrund von technologischem Fortschritt und Globalisierung zunehmend unübersichtlicher werdenden Welt ist der Einzelne mehr denn je darauf verwiesen, schnell und handlungskompetent auf Herausforderungen zu reagieren, bereit und in der Lage zu sein, sich ständig neuen Qualifikationsanforderungen zu stellen, und sich sozialkompetent in ungewohnten Situationen zu verhalten. Bildung als Prozess der umfassenden Entwicklung eines handlungsfähigen Individuums kann dabei nicht als alleinige Aufgabe von Schule definiert werden. Kinder und Jugendliche sind für eine gelingende Bildungsbiographie auf die Unterstützung vieler Akteure angewiesen: Familien, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe beginnend mit den Kindertagestätten, aber auch Peergroups und Medien stellen vor, neben und nach der Schule wichtige Bildungs- und Lernorte dar. Der 12. Kinder- und Jugendbericht trägt dem Rechnung, indem er zwischen formellen und informellen Bildungsprozessen sowie formalen und non-formalen Bildungssettings unterscheidet (BMFSFJ 2006: 127 – 130).


Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft – Lokale Bildungsorte vernetzen

Wie sind diese Begriffe zu verstehen? Formelle Bildungsprozesse sind von Lehrenden vorstrukturiert und finden nach festen Regeln statt. Der Prototyp hierfür ist das schulische Lernen im Unterricht mit anschließender Benotung und Zertifizierung in Form von Zeugnissen. Informelle Bildungsprozesse sind von den Interessen des Lernenden geleitet. Es unterscheidet sich vom formalen Lernen, weil es nicht institutionell organisiert ist, oft ungeplant, beiläufig und implizit stattfindet. Freizeit­ aktivitäten mit Gleichaltrigen oder ein Kinofilm können beispielsweise Anlass für ein Lernen „by the PC-Kurs in einem Jugendberufshilfeway“ in lebensweltlichen lehrgang Zusammenhängen sein. Mit der Unterscheidung zwischen formalen und non-formalen Bildungs­settings schließlich wird der organisatorische Rahmen des Lernens beschrieben.

Formelle Bildungsprozesse

Bezahlte Nachhilfe

Schulunterricht

Gruppenleiter/ -innen-Kurs im Jugendverband

Formale Settings

Formale Bildungssettings sind Institutionen, die dezidiert einen Bildungsauftrag haben, in einem formalen Sinn also Bildungsorte darstellen. Hierzu zählen trotz aller Unterschiedlichkeit der Kulturen und des professionellen Ethos die Schule und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe gleichermaßen.

Mit Bezug auf einen an die Lebenswelt von jungen Menschen rückgebundenen Bildungsbegriff wird in der Fachdebatte eine Verkürzung auf kognitive Bildung kritisiert, die Verzahnung von wissensbasierten und handlungsorientierten Bildungsprozessen eingefordert sowie der Stellenwert informeller Bildungsprozesse und nonformaler Bildungsorte betont. Gleichzeitig wird der Charakter von Bildung als lebenslangem und interaktivem Prozess betont.

Hausaufgabenhilfe der Eltern

Theaterprojekt in der Jugend­ kunstschule

Spielerisches Erkunden in der Kita

Non-formale Settings Mitmachgruppen im Kinder- und Jugendkino

Training im Fitnessstudio

Museums­ besuch mit Familie

Schulfreundschaften

Gespräche im Familienalltag Aktivitäten im Jugendzentrum

Gruppenstunde im Jugend­ verband

Non-formale Bildungssettings sind alle Möglichkeiten, bei denen Lernen außerhalb formaler Bildungsorte stattfindet. Diese Unterscheidung zeigt die Komplexität und Vielschichtigkeit von Bildungsprozessen in Kindheit und Jugend.

Aktivitäten der Clique

Informelle Bildungsprozesse

Quelle: BMFSFJ 2006: 130

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Freies, unverschultes Lernen In den Blick rückt, dass alle Lebenswelten, in denen sich Jugendliche bewegen und sich die Welt aneignen, potenzielle Bildungsorte darstellen (Grunert 2006: 16 – 17). Viele Beispiele belegen, dass in berufsorientierenden Praktika, dem Engagement in Vereinen oder Verbänden, in sozialen Bewegungen oder auch in schulischen bzw. kommunalen Projekten zusätzliche Lernchancen gerade auch für bildungsferne Kinder und Jugendliche entstehen: „Für viele Menschen ist diese Lernart eine Alternative zum tendenziell schmerzlich erlebten formalen schulischen Lernen. Gerade sozial benachteiligte Menschen entdecken über die Bewusstwerdung ihres informellen Lernens eigene Fähigkeiten, stärken ihr Selbstwertgefühl.“ (Overwien 2006: 35). Um dieses Potenzial zu erschließen, bedarf es neuer Formen der Zusammenarbeit zwischen den Bildungsakteuren. Kooperationen zwischen Familien, Kindertagesstätten, Schulen, Jugendeinrichtungen, Vereinen, Kirchen, Kulturinstitutionen, Ausbildungsbetrieben und regionaler Wirtschaft sind Voraussetzung, um bessere Lern- und Lebenschancen für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Denn keine Einzelinstitution allein ist in der Lage, Kinder und Jugendliche adäquat auf ein Leben in der Bildungsgesellschaft vorzubereiten. Es sind dieselben Kinder und Jugendlichen, die in einem lokalen Gemeinwesen Kindertagesstätten und aufeinander aufbauende Schulformen durchlaufen, Angebote der außer­ schulischen Jugendarbeit in Anspruch nehmen, Ausbildungsstellen benötigen, berufliche Ausbildungen beginnen und schließlich den Weg in die Arbeits- und Berufswelt suchen.

Lernen vor der Haustür Ein zeitgemäßes Bildungsverständnis ist davon geprägt, dass die Kinder und Jugendlichen mit ihren je individuellen Bildungsanforderungen in den Mittelpunkt gestellt werden, und nicht die jeweils unterschiedlichen Handlungslogiken der einzelnen Bildungsinstitutionen den Diskurs bestimmen. Damit ist die Notwendigkeit verbunden, dass sich unterschiedliche Bildungsangebote aufeinander beziehen und sich gegenseitig verstärken. Eine Passung der Angebote wird ohne eine effektive Zusammenarbeit der Akteure auf der Basis eines gemeinsamen Bildungsverständnisses nicht herzustellen sein. Als Handlungsebene gewinnen damit die Kommunen an Bedeutung, denn sie sind das unmittelbare Lebensumfeld von Kindern und Jugendlichen – und hier treffen die unterschiedlichen Bildungsakteure mit ihrem je eigenen professionellen Selbstverständnis aufeinander.

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Bildungslandschaften: Gemeinsame Verantwortung für bessere Bildung „Ausgangspunkt für Bildungsprozesse in den verschiedenen Lebensphasen ist die kommunale Ebene. Hier entscheidet sich Erfolg oder Misserfolg von Bildung, werden die Grundlagen für berufliche Perspektiven, gesellschaftliche Teilhabe und gleichzeitig die Zukunftsfähigkeit einer Region gelegt. Die Städte prägen mit ihren vielfältigen Einrichtungen die Bildungslandschaft Deutschlands. …..Leitbild des Engagements der Städte ist die kommunale Bildungslandschaft im Sinne eines vernetzten Systems von Erziehung, Bildung und Betreuung.“ (Deutscher Städtetag) Diese programmatische Erklärung des Deutschen Städte­ tages aus dem Jahr 2007 macht deutlich, welcher Stellenwert Bildungsfragen mittlerweile im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit von Gemeinden, Städten und Kreisen zugeschrieben wird. Viele Kommunen sind bereit, sich auch jenseits ihrer gesetzlichen Zuständigkeiten und Verpflichtungen für Bildungsfragen zu engagieren. Sie sehen darin eine Strategie, sachgerechte Antworten auf die Komplexität des gesellschaftlichen Wandels zu entwickeln. Dieser stellt sich vor Ort sehr vielfältig dar und bedarf deshalb differenzierter Lösungen, um die Herausforderungen demographischer Entwicklung, sozialer Desintegrationsprozesse und eines sich verschärfenden nationalen wie internationalen Standortwettbewerbs zu meistern. Die Idee der Bildungslandschaft ist davon geprägt, Kindern und Jugendlichen eine durchgängige, möglichst bruchfreie Bildungsbiographie zu ermöglichen und ihnen Bildungschancen unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft zu eröffnen. Der Begriff der „Bildungslandschaft“ bleibt dabei vage. Dies ist seine Schwäche und Stärke zugleich: Schwäche, weil es ein Blaupause zum Aufbau einer Bildungslandschaft nicht gibt, Stärke, weil damit den spezifischen Rahmenbedingungen und Akteurskonstellationen Rechnung getragen werden kann. In Zentrum des Begriffs steht die Koordination des Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungswesens vor Ort. Mit dieser Beschreibung sind Fragen in sozialräumlicher Hinsicht und bezogen auf die konkrete Partnerstruktur aufgeworfen:

Was meint vor Ort? Wer wirkt im Netzwerk mit? Hinsichtlich der räumlichen Dimension von Bildungslandschaften verweisen die parallel benutzten Begriffe von lokaler, kommunaler und regionaler Bildungslandschaft darauf, dass die politisch-administrative Zuständigkeit zu klären ist.


Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft – Lokale Bildungsorte vernetzen

In der Praxis zeigen sich ganz unterschiedliche Modelle. Es finden sich Beispiele dafür, dass sich kreisangehörige, kreisfreie Städte oder Kreise sowie der Zusammenschluss von mehreren Städten als Bildungslandschaft definieren. Dies beleuchtet Spezifika von Bildungslandschaften. Durch ihre Zugehörigkeit zum Organisationstypus der Netzwerke gibt es keine „geborenen“ Partner, sondern die Partnerstruktur bildet sich erst im Prozess heraus. Dies gilt für die räumliche wie die institutionelle Ebene. Dabei ist die konzeptionelle Reichweite des Begriffs Bildungslandschaft durchaus nicht auf Kinder und Jugendliche beschränkt, sondern umfasst im Sinne des Konzepts des lebenslangen Lernens auch ältere Zielgruppen. Um den hier zur Verfügung stehenden Rahmen nicht zu sprengen, erfolgt jedoch eine Beschränkung auf junge Menschen. Im Hinblick auf diese kann man folgende Modelltypen unterscheiden (Eisnach: 39 – 40): > schul-zentrierte Entwicklungsvarianten Hier entwickelt sich die Bildungslandschaft aus der Schullandschaft heraus. Der Schwerpunkt liegt auf Aktivitäten im schulischen Bereich und der Schulentwicklung. Entsprechend den Anliegen der Schulen werden systematisch weitere Partner in das Netzwerk integriert. > kooperations-zentrierte Entwicklungsvarianten Im Zentrum steht die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe als den Kerninstanzen öffentlich verantworteter Bildung, Betreuung und Erziehung. Hauptziel ist eine Verständigung über die Leitlinien der kommunalen Bildungs-, Kinder- und Jugendpolitik und die Verzahnung dieser beiden Bereiche durch Aufbau neuer administrativer und diskursiver Strukturen (z. B. Zusammenlegung von Ämtern durch die Schaffung eines Fachbereiches „Schule und Jugend“, Neuzuschnitt politischer Ausschüsse, Etablierung von Runden Tischen). Partner außerhalb des Bereiches von Schule und Jugendhilfe werden zur Lösung konkreter Fragestellungen hinzugezogen. Sie fungieren jedoch nicht als gleichberechtigte Impulsgeber für die Weiterentwicklung der Bildungslandschaft. > multidimensionale Bildungslandschaften Entsprechend dem oben dargestellten umfassenden und ganzheitlichen Bildungsbegriff adressieren sie alle Bildungsanbieter in einer Region. Nicht einzelne Einrichtungen stehen im Fokus der Vernetzungsaktivitäten, sondern ausgehend von der Bildungsbiographie der Kinder und Jugendlichen alle notwendigen Partner für gelingende Bildungsprozesse. Die Kommune als örtlicher Kristallisationspunkt dieser Bildungsakteure übernimmt dabei in der Regel die Aufgabe, ein Netzwerk zu initiieren, auszubauen und zu sichern.

Ziel ist es, optimale Bildungschancen zu schaffen und vorhandene Ressourcen effizient und effektiv zum Wohle der jungen Generation einzusetzen. In Rückgriff auf eine dieser Konzeptionalisierungen der Bildungslandschaft werden neue Kooperationsformen möglich, die in unterschiedlicher Reichweite an der Biographie der Kinder und Jugendlichen orientierte Angebote entwickeln. Statt sich in vielen einzelnen Projekten zu verlieren, können die Aktivitäten der beteiligten Partner aufeinander abgestimmt und Synergieeffekte erzielt werden. Bezugspunkt der Zusammenarbeit ist dabei die Vision zukunftsorientierter Bildung, die den Einzelnen individuell fördert, damit gleichzeitig drängende gesellschaftliche Fragestellungen aufgreift und zu ihrer Lösung beiträgt. Durch eine Verständigung auf gemeinsame Leitziele wird es möglich, Maßstäbe für die Entwicklung und Umsetzung von (Teil-) Projekten bzw. einrichtungsspezifischen Konzepten zu generieren. Hierdurch wird die Basis für Fragen der Qualitätsentwicklung, wie z. B. der kommunalen Bildungsberichterstattung, und qualitätssichernden Maßnahmen in Form von Wirksamkeitsdialogen oder Verfahren der Selbstevaluation geschaffen.

Gelingensbedingungen für Bildungslandschaften Kennzeichen von Netzwerken, so auch von Bildungsnetzwerken ist es, dass in ihnen Akteure und Organisationen zusammen arbeiten, die durch ein gemeinsames Basisinteresse verbunden sind, eine möglichst weitgehende Übereinstimmung bei der Problemdefinition haben sollten und auf der Basis gegenseitigen Vertrauens und Wertschätzung zusammenarbeiten. Das Engagement in einem Netzwerk ist dabei freiwillig und die eigenen Beiträge auch dadurch motiviert, dass man einen Nutzen für sich selbst erwartet. Aufgrund der Vielzahl der Akteure, die im Bildungsbereich tätig sind oder Schnittstellen zu diesem aufweisen, ist von Anfang an nicht klar, wer in einem Netzwerk zur Förderung der Bildungsprozesse mitarbeiten sollte und dazu die Bereitschaft aufbringt. Am Beginn ist ein Netzwerk nichts anderes als die Sammlung von Adressen; ob die wünschenswerten Partner sich zum Mittun entschließen, entscheidet sich daran, ob sie die Relation von Aufwand und Nutzen positiv bewerten. Obwohl Netzwerke in ihrem Kern auf eine gleichberechtigte Interaktion der beteiligten Partner zielen, sind de facto doch häufig Partner involviert, deren Macht und hierarchische Stellung unterschiedlich sind. In Bildungsnetzwerken arbeiten z. B. Erzieher, Schulleitungen, Lehrer, Schulaufsicht, Sozialarbeiter, Vertreter der Wirtschaft, der Vereine und der Kirchen sowie Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung mit. (Bertelsmann Stiftung 2008: 61 – 72)

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Verantwortungsgemeinschaft* für Kinder und Jugendliche

LAND KOMMUNEN Kultusministerium Bibliotheken

Schulen Volkshochschulen

Jugendministerium

Träger der Kitas

Kitas Bürgerstiftungen Politik und Verwaltung

Sozialministerium

Kirchen Wirtschaft

Vereine/Verbände Kinder- und Jugendhilfe

Weiterbildungsinstitute

*Die Darstellung der

Schulaufsicht

Akteure ist nicht abschließend.

Aus dieser Beschreibung folgt unmittelbar, dass Bildungslandschaften im Sinne eines systematischen und abgestimmten Handelns zum Wohle der Kinder und Jugendlichen nicht voraussetzungsfrei entstehen, sondern Gelingensbedingungen unterliegen.

Rede und Antwort für den Erfolg Zentrale Fragen richten sich auf folgende Bereiche: > Besteht bei den Akteuren ein gemeinsames Bewusstsein der Problemlagen? > Konnten alle erforderlichen Akteure eingebunden werden? > Sind sich diese einig in den angestrebten Bildungszielen und den dazu durchzuführenden Maßnahmen? Sind alle Akteure bei Zielklärung und Umsetzungsplanung ausreichend beteiligt worden? > Sind die Beiträge der Netzwerkpartner geklärt und möglichst verbindlich vereinbart? Entsprechen diese Beiträge den unterschiedlichen Profilen und Möglichkeiten der Beteiligten? > Verfügt das Netzwerk über ein (politisches) Mandat? > Sind Prozesse und Strukturen so gestaltet, dass die angestrebten Wirkungen auch tatsächlich erreicht werden können? Ist dies durch eine koordinierende Stelle abgesichert?

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Quelle: eigene Darstellung

> Ist die Zusammenarbeit im Netzwerk durch Vertrauen gekennzeichnet? Fühlen sich alle hinreichend über Planungen, Durchführung und erzielte Ergebnisse informiert? > Gibt es Mechanismen, mit auftretenden Konflikten lösungsorientiert umzugehen? > Ist sicher gestellt, das die Motivation zu einer freiwilligen Mitarbeit durch das Erzielen von Vorteilen für die eigenen Interessen erhalten bleibt? > Stehen für die Arbeit ausreichend Finanz- und Personal­ ressourcen zur Verfügung? > Ist die Kooperation im Netzwerk auch langfristig abgesichert? Hinsichtlich der Arbeit in Bildungsnetzwerken sollte besonderer Wert darauf gelegt werden, dass alle Beteiligten sich kontinuierlich über die gemeinsamen Ziele in einem partizipativen Aushandlungsprozess verständigen. Im Sinne einer staatlichkommunalen Verantwortungsgemeinschaft sind dabei auch die Schulaufsicht, die Kommunalverwaltung, Träger der Jugendhilfe und Vertreter der Wirtschaft sowie des gemeinnützigen Sektors zu berücksichtigen.


Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft – Lokale Bildungsorte vernetzen

Allen Akteuren muss klar sein, dass Netzwerkarbeit Top-Down-Prozesse ausschließt. Motivation und Vertrauen lassen sich nur herstellen, wenn sich alle Beteiligten hinreichend über die Netzwerkentwicklung informiert fühlen und diese auch aktiv beeinflussen können. Insbesondere in der Startphase ist besonderer Wert auf die Entwicklung der Kooperationsbeziehungen zu legen. In der weiteren Entwicklung kommt es entscheidend darauf an, die Zusammenarbeit zu festigen und Routinen zu etablieren, ohne neue Bedarfe zu negieren. Da Netzwerke im Vergleich zu Institutionen über ein deutlich geringeres Maß an Strukturierung und formaler Hierarchisierung bei gleichzeitig hoher Dynamik in den Beziehungen zwischen den Beteiligten verfügen, kommt der Koordination der Prozesse eine große Bedeutung zu. Bildungsnetzwerke brauchen einen „Kümmerer“, der die Netzwerkarbeit strukturiert, die Akteure zusammenbringt, Konflikte erkennt und unterschiedliche Interessenlagen ausgleicht.

In der Praxis hat sich gezeigt, dass diese Funktion oft bei Kreisen und Städten angesiedelt ist, aber auch andere Lösungen sind denkbar. Bewährt hat sich die Einrichtung von Steuergruppen, in den die wichtigsten Stakeholdergruppen vertreten sind und ihre Positionen in die Arbeit einbringen können. Als wichtiger Hebel der Veränderung erweisen sich Qualifizierungsmaßnahmen für die unterschiedlichen Zielgruppen. Besondere Vernetzungseffekte gehen dabei von professionsübergreifenden gemeinsamen Fortbildungen aus. Auf der Basis der Erkenntnisse aus Praxis und Wissenschaft sind in der jüngeren Zeit Empfehlungen und Gelingensbedingungen für Bildungslandschaften erarbeitet worden (z. B. Deutscher Verein 2007 und 2009 / Stern / Stolz). Sie weisen bei unterschiedlichen Systematisierungen eine hohe fachliche Übereinstimmung aus und können als Orientierungspunkte für die Initiierung neuer Praxisvorhaben dienen.

Aus einem dreijährigen Kooperationsprojekt der Bertelsmann Stiftung mit den Ländern Baden-Württemberg und Niedersachsen sowie den Regionen Braunschweig, Emsland, Freiburg und Ravensburg wurden folgende Erkenntnisse und Empfehlungen abgeleitet: > Die Gestaltung erfolgreicher Bildungsbiographien von Kindern und Jugendlichen erfordert den ganzheitlichen und systematischen Blick auf alle Institutionen und informellen Lernorte in einer Region. > Land und Kommune bilden vor Ort eine staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft, die jenseits von Zuständigkeitsfragen die gemeinsame Verantwortung für die Kinder und Jugendlichen vor Ort in den Mittelpunkt rückt. > Kommunen nehmen ihre Verantwortung für den Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen in ihrer Region stärker wahr. > Eine systematische Beteiligung aller Bildungsakteure aus der Region sichert eine breite Akzeptanz und eine außer­ gewöhnliche Vielfalt an Problemlösungsstrategien. > Das Regionale Bildungsbüro unterstützt die Arbeit der staatlich-kommunalen Verantwortungsgemeinschaft und koordiniert die Vernetzung von Schulen untereinander und mit außerschulischen Partnern. > Die staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft richtet die Zuweisung ihrer Ressourcen gemeinsam an dem regionalen Leitbild aus. > In der Bildungsregion arbeiten die Schulen in einem gemeinsamen Prozess der Qualitätsentwicklung. > Die staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft legt einen Rechenschaftsbericht gegenüber den Bürgern der Region ab. (Stern 45 – 47)

Die Erfahrungen dieses Modellprojektes haben in Baden-Württemberg Eingang in das bis 2014 laufende „Impulsprogramm Bildungsregionen – Bildung braucht starke Partner“ gefunden.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Entwicklungsphasen berücksichtigen Um die Entwicklung von Bildungslandschaften theoretisch zu fundieren, ist es hilfreich, auch für den Bildungsbereich von einem Phasenmodell der Entwicklung auszugehen, wie es Glasl und Lievegoed für Organisationen herausgearbeitet haben (Schönstein: 34–44). Glasl und Lievegoed unterscheiden eine Pionierphase, in der eine charismatische Person oder eine Gruppe von Persönlichkeiten ein Vorhaben flexibel, mit großer Kreativität, Überzeugungskraft und Improvisationstalent sowie Intuition für richtige Lösungen vorantreiben. In vielen Kindertagesstätten, Schulen und im Bereich der außerschulischen Jugendarbeit gibt es Beispiele für das engagierte Arbeiten von Einzelpersonen, die Kraft ihres Charismas die Dinge in Bewegung bringen. Durch die Personengebundenheit dieser Aktivitäten gelingt es jedoch oft nicht, erzielte Erfolge nachhaltig zu sichern. In der darauffolgenden Differenzierungsphase, so Glasl und Lievegoed, kündigen sich aufgrund von ungeklärten Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnissen Reibungsverluste an. Der Wunsch nach Transparenz und sachbezogener Entscheidung führt zur Klärung von Verfahrensabläufen, Aufbau von Führungsstrukturen und Festschreibung von Kompetenzen. Hierdurch wird einerseits die Verlässlichkeit des Systems gesteigert, andererseits werden rasche, situationsgerechte und am Bedarf orientierte Entscheidungen erschwert, da das Prinzip der Zuständigkeit greift. Die Merkmale der Differenzierungsphase sind typisch für den Regelbetrieb vieler Schulen. Die Kritik an den limitierten Möglichkeiten des „Apparats“ wird zum Reformimpuls, wenn immer mehr Anspruchsgruppen die Frage aufwerfen, wie eine zeitgemäße und bessere Bildung organisiert werden kann. Dies bietet die Chance zum Eintritt in die Integrationsphase, in der sich die Beteiligten konsequent an den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen ausrichten und versuchen, aus den Qualitätsmerkmalen der beiden vorhergehenden Phasen eine Synthese zu schaffen. An die Stelle von Zuständigkeiten treten Verantwortung und Kooperation. Durch die Delegation von Entscheidungsbefugnissen werden schnelle und sachgerechte Entscheidungen möglich. Die Hierarchien sind flach, und das Handeln wird an den Wirkungen ausgerichtet. Die veränderte pädagogische Praxis wird vom gesamten Team der Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen getragen. Richtschnur der Arbeit sind die Bildungsbedürfnisse der jungen Menschen und ihrer Familien. Allerdings ist die Integrationsphase auch dadurch charakterisiert, dass noch eine Fokussierung auf die eigene Einrichtung erfolgt. Die Einsicht, dass durch eine Zusammenarbeit mit weiteren Partnern und ein Denken über eigene Organisationsgrenzen hinweg noch größere Synergieeffekte geschaffen werden können, kann die Entwicklung zur Assoziationsphase ansto-

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ßen, so Glasl und Lievegoed. In dieser Phase wird die Partnerstruktur konsequent um Akteure erweitert, die einen Beitrag zum Bildungserfolg der Kinder und Jugendlichen leisten können und Brüche in der Bildungsbiographie vermeiden. Sie entspricht damit dem beschriebenen Typus der „Multidimensionalen Bildungslandschaft“.

Individuelle Akteure – individuelle Voraussetzungen Überträgt man dieses Modell von Glasl und Lievegoed, das ursprünglich aus der Unternehmensentwicklung kommt, auf das Entstehen von Bildungslandschaften, muss man die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten von Institutionen berücksichtigen (Schönstein, 44) und die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ als Normalfall annehmen. Es dürfte die Regel sein, dass man es mit Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen sowie weiteren Partnern zu tun hat, die sich in ganz unterschiedlichen Entwicklungsphasen befinden. Die Herausforderung bei der Entwicklung von Bildungslandschaften ergibt sich also nicht nur durch die Vielzahl der Akteure, sondern auch daraus, dass ganz unterschiedliche Reformorientierungen und Kulturen in die Zusammenarbeit einfließen. Für die akteursbezogene und partizipativ ausgerichtete Arbeit in Bildungsnetzwerken heißt dies, dass man einen Modus finden muss, diese Unterschiede bei allen Aushandlungsprozessen zu berücksichtigen.

Fazit Die Grundidee des Konzepts der Bildungslandschaften ist die Ablösung der organisierten Unverantwortlichkeiten und des Denkens in Zuständigkeiten durch die Übernahme einer gemeinsamen Verantwortung für eine gelingende Bildung von Kindern und Jugendlichen. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft optimale Bildungschancen zu eröffnen und eine bruchfreie Entwicklung zu ermöglichen. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, müssen sich die unterschiedlichen Akteure auf ein gemeinsames Verständnis über zeitgemäße und zukunftsorientierte Bildung einigen. Eine erfolgreiche Bildungslandschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass die Partner nicht nur ihre spezifischen Aufgaben in guter Qualität erbringen, sondern dass sie die übergeordneten Belange im Blick haben und den Austausch mit den anderen Akteuren suchen. Bildungslandschaften sind keine Selbstläufer, sie brauchen einen „Kümmerer“ und verlässliche Strukturen, damit sie funktionieren. Da eine Mitarbeit freiwillig ist, muss das Bildungsnetzwerk den mit ihm verbundenen Nutzen regelmäßig nachweisen. Es ist nicht ausreichend, gute Ergebnisse zu erzielen,


Auf dem Weg zur kommunalen Bildungslandschaft – Lokale Bildungsorte vernetzen

sondern diese müssen auch belegbar sein und kommuniziert werden. Eine funktionierende Bildungslandschaft ist auf die Herstellung von Transparenz, eine intensive Informationsarbeit und Rechenschaftslegung zwingend angewiesen. Systemtheoretisch ist die Bildungslandschaft als Netzwerk zu verorten und hat damit im Vergleich mit anderen Systemen in der Regel weniger verfestigte Strukturen. Deshalb ist eine ständige Energiezufuhr notwendig, um die Identifikation der unterschiedlichen Akteure zu erhalten. Ein wertschätzender Umgang mit den Beteiligten und die öffentliche Anerkennung des gemeinsamen Einsatzes für die Kinder und Jugendlichen in der Kommune, das gezielte Zusammenbringen von Partnern und die Unterstützung der fachlichen Arbeit z. B. durch gemeinsame Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen haben vor diesem Hintergrund eine wichtige Funktion.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Schule als Initiator lokaler Bildungsnetze Das Gymnasium Achern Paul Droll

Paul Droll ist seit 1986 Oberstudiendirektor am Gymnasium Achern.

Schule ist schon immer von ihrem Selbstverständnis her eine Institution, die im Auftrag der Gesellschaft die Bildung der kommenden Generation zu leisten hat. Das jeweils herrschende Verständnis von Staat und Gesellschaft wirkt sich dabei auf die Umsetzung dieser Aufgabe aus.

Foto: Gymnasium Achern

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Er ist langjähriger Vorsitzender der Direktorenvereinigung Südbaden, Mitglied im Landesschulbeirat, Mitglied der Bundesdirektorenkonferenz sowie Leiter von Führungsseminaren für Schulleiter. Seit Beginn des Jugendbegleiter-Programms berät er Schulen als Multiplikator. Das Gymnasium Achern mit über 1.500 Schülerinnen und Schülern nimmt als offene Ganztagsschule seit 2006 am Jugendbegleiter-Programm teil. Die Schule gewann zahlreiche Auszeichnungen wie den 1. Platz beim bundesdeutschen Ranking für Gymnasien 2005, sie wurde von der Friedrich-Naumann-Stiftung für eine der zehn erfolgreichsten Schulen Deutschlands gekürt und gewann 2011 den Schulpreis „Jugend forscht“.

In einem demokratischen Staat ist die Bürgergesellschaft von ihrem Selbstverständnis nicht nur der Souverän, der in bestimmten Abständen im Rahmen der repräsentativen Demokratie die Regierung wählt und ansonsten sich regieren lässt, sondern in vielfältiger Weise am gesellschaftlichen Leben gestaltend beteiligt. Neben festen staatlichen Institutionen wie Schule prägen demokratische Gesellschaften viele Vereinigungen und Gruppen, die dynamisch und flexibel das soziale Leben gestalten. Manche davon sind verfasste Körperschaften wie Kirchen und Gewerkschaften, andere eher offenere Gruppierungen, bei uns beispielhaft Vereine. Außerdem gibt es im Rahmen der Koalitionsfreiheit sehr viele spontan gebildete Gruppierungen und auch Einzelaktivitäten, die das reichhaltige Leben bestimmen. Schließlich ist der Bereich der Ökonomie zu großen Teilen privatwirtschaftlich organisiert. Nicht wenige dieser Institutionen erfüllen explizit Bildungsaufträge, viele weitere tragen implizit zur Bildung bei, weil sie Lernfelder des Lebens sind. Da Schule den Auftrag hat, die kommende Generation zu bilden und in diese Gesellschaft einzuführen, in der sie später gestaltende Aufgaben übernehmen soll, muss die Organisation dieses Bildungsprozesses auch so gestaltet sein, dass


Schule als Initiator lokaler Bildungsnetze – Das Gymnasium Achern

möglichst umfassend die Reichhaltigkeit gesellschaftlichen Lebens für die Schülerinnen und Schüler erschlossen wird.

Kooperation beginnt vor Ort Schulen sind lokale Institutionen. Sie sind ortsfest und werden von einer Schülerschaft besucht, die ortsnah wohnt. Selbst bei allgemeinbildenden Gymnasien, die (mit Ausnahme der beruflichen Schulen) noch den größten Einzugsbereich haben, ist ein Radius von 20 km wohl eher die Ausnahme. Will also Schule Beziehungen zu anderen Lernorten suchen, wird sie in der Regel den lokalen Raum wählen. Der allerdings ist auch reichhaltig genug. In nur wenigen Kilometer Entfernung finden sich kirchliche Einrichtungen und politische Parteien, Vereine jeglicher Art, kommerzielle Anbieter von Freizeitaktivitäten, eine Volkshochschule, andere Schulen, viele Firmen und eine Vielzahl von Personen und Gruppen, die das gesellschaftliche Leben ausmachen. Die Schülerinnen und Schüler sind großteils bereits durch eigene Entscheidungen und/oder Entscheidung der Eltern aktiv, die Erwachsenen, ob Eltern oder Lehrerinnen und Lehrer, haben ebenfalls Bezüge ähnlicher Art. Individuelle Entscheidungen entsprechen der eigenen Motivation und sind daher durchaus subjektiv gezielt geplant. Will eine Institution wie Schule dies simulieren, ist der planvolle Aufbau eines Netzwerks angemessen. Ein Netzwerk verbindet Einzelnes, nutzt Interdependenzen, respektiert das je Einzelne in seiner Besonderheit und verbindet zu einer Gemeinsamkeit, die einem eigenen Ziel, hier der Bildung und Erziehung der kommenden Generation, dient.

Schule als Ideengeber

nach der Ganztagsschule noch genügend Zeit und Motivation bleibt, den Verein zu besuchen. Schließlich hat die Wirtschaft ein vitales Interesse, Verständnis für ihre Arbeit zu wecken und damit potenziell auch Nachwuchs zu gewinnen. Groß ist auch das Feld bürgerschaftlichen Engagements im Ehrenamt. Unsere sehr differenzierte Arbeitsgesellschaft ermöglicht vielen Menschen hochqualifizierte Tätigkeiten. Kommunikationsfähigkeit spielt an den meisten Arbeitsplätzen eine wesentliche Rolle, die Berufsbiografien sind sehr differenziert und zeigen nicht selten Affinitäten zu Aktivitäten auch im Freizeitbereich. Daraus ergibt sich, dass nicht nur von Seiten der Schule, sondern auch der außerschulischen Partner ein vitales und vielfältiges Interesse für Zusammenarbeit besteht. Der Respekt vor den je eigenen Interessen, das Zusammenführen gemeinsamer Motivation, die Nutzung besonderer Kompetenzen und Chancen außerschulischer Lernorte bietet so die Chance, in einem Akt der freien Selbstverpflichtung ein solches lokales Netzwerk zu nutzen.

Besonderheiten der Institution Schule > Sie ist dem vom Staat definierten Bildungsauftrag verpflichtet und muss danach auswählen, was in diesem Sinne passt. > Sie hat eine mindestens auf ein Schuljahr personell und zeitlich verlässliche Kooperation zu gewährleisten, sieht man von Einzelaktionen einmal ab.

Da die Schule das Ziel formuliert und der Bildungsplan auch die Grundziele definiert, ist es ihr Interesse, als Akteur aufzutreten. Sie sieht von sich aus außerschulische Lernorte und Kooperationspartner. Zwei neuere Entwicklungen befördern diesen Handlungsimpuls:

> Sie ist auch für die pädagogische Qualität des Angebots verantwortlich. Hier kann ggf. beispielsweise das Schulungsprogramm des Jugendnetzes wertvolle Hilfe leisten.

> Die Welt ist sehr viel komplizierter geworden als dass sie rein theoretisch in der Schule als einem Elfenbeinturm angemessen erschlossen werden könnte.

> Sie muss logistische Aufgaben erfüllen (Transport zum außerschulischen Lernort, Bereitstellung von Räumen, Passung in den Stundenplan, allgemeine Verwaltungsaufgaben).

> Die Lebenszeit, die Schule für sich bei den Kindern beansprucht, ist nicht zuletzt durch die Ganztagsschule länger geworden. Gerade die Entwicklung zur Ganztagsschule hat aber auch das Interesse der außerschulischen Lernorte gesteigert, mit der Schule in Kontakt zu treten. Dies gilt besonders für Vereine, die neben manch anderen Gründen, die zu Mitgliederschwund führen, auch Sorge haben, ob für die Kinder und Jugendlichen

> Sie investiert viel Zeit und Kraft in die Kontaktpflege der außerschulischen Partner. Dazu gehören auch Formen der Anerkennung wie etwa versicherungsrechtliche Absicherungen. Auch in bescheidenen Grenzen ist eine anerkennende Honorierung z. B. im Rahmen des Jugendbegleiter-Programms möglich.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Schule als Kulturvermittler So wird Schule dann zu einem Kulturfaktor der lokalen Gesellschaft und kann in Einzelfällen sogar weit über den Bereich der Bildung und Erziehung ihrer Schülerinnen und Schüler wirken. Als Beispiel sei auf die Juniorakademie am Gymnasium Achern verwiesen. Pro Schuljahr werden vier pädagogische Schwerpunkte gebildet, die im Pflichtunterricht, durch Arbeitsgemeinschaften oder bei außerordentlichen Lernorten erschlossen werden. Höhepunkt ist ein Workshop für Oberstufenschülerinnen und -schüler an einem Nachmittag, gestaltet von hauseigenen Lehrkräften, der den Themenbereich nochmals intensiv fokussiert. Am Abend findet dann ein Vortrag eines bedeutenden Fachmanns statt mit anschließender Diskussion.

Südwestrundfunk als Kooperationspartner Die Schule hat als Partner den SWR. Gemeinsam werden Thema und Referent festgelegt, der SWR stellt den Moderator. Die Veranstaltung wird aufgezeichnet und später in SWR2 gesendet, zuweilen auch in der Teleakademie und 3sat. Es ist eine öffentliche Veranstaltung, zu der die Bevölkerung der Region eingeladen ist. Die Kosten teilen sich der SWR und die Schule. Dieses Projekt zeigt, wie intensiv Schule über ein Bildungsnetz wirken kann, hier sogar im wahrsten Sinne des Wortes mit nationaler Ausstrahlung. Es gelingt viel: > Die intensive Erschließung eines Lernfeldes. > Die Nutzung außerschulischer Partner. > Die Begegnung mit bedeutenden Persönlichkeiten. > Die Kooperation mit Medien. > Der gemeinschaftliche Austausch mit Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und der interessierten Bevölkerung über ein Thema, das für alle interessant ist. > Die Präsentation der eigenen Arbeit in der Öffentlichkeit (in der Regel gibt es am Abend eine kleine Ausstellung von Schülerarbeiten zum Thema). > Für die lokale Gemeinschaft ein kulturelles Ereignis, das verbindet. > Für die Medien eine Chance, einen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern her umfassenden Bildungsprozess zu befördern und zu dokumentieren.

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In Zukunft wird Schule noch stärker als bisher Akteur lokaler Bildungsnetze werden, weil die bisherigen Erfahrungen positiv sind und sich der Reichtum möglicher Beziehungen kaum voll erschließen lässt: ein lohnendes Feld für gelungene Schulentwicklung.

Kontakt: Gymnasium Achern Berliner Str. 30 77855 Achern Tel.: 07841/62951760 E-Mail: mail@gymnasium-achern.de www.gymnasium-achern.de


Bildung ohne Lehrbuch – Die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH

Bildung ohne Lehrbuch Die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH Sieghard Kelle

Sieghard Kelle ist Geschäftsführer der Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft.

Jeder weiß, um ein glückliches und individuell erfolgreiches Leben zu führen, braucht der Mensch Bildung – aber nicht nur aus dem Lehrbuch. Die Angebote der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH sollen ergänzend wirken und ermöglichen, spielerisch, ohne Leistungsdruck und mit Freizeitcharakter so genannte „informelle“ Bildungsprozesse zu erleben:

Er war lange Zeit als Erzieher und später als Leiter eines Jugendhauses tätig, bevor er 1995 die Geschäftsführung der Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft übernommen hat. Innovative Kooperationen mit Schulen in Stuttgart werden dort seit Jahren entwickelt und umgesetzt. Mit 42 Einrichtungen ist die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft einer der größten Träger der offenen Jugendarbeit in Deutschland. Sie hat insgesamt über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Kunst mit Skulptur Wer denkt, ein altes Auto gehört auf den Schrott, der hat sich getäuscht! Im Rahmen eines Kunstprojekts des Kinder- und Jugendhaus Hallschlag haben Jugendliche unter fachlicher Anleitung eines Künstlers eine Skulptur daraus kreiert und erbaut. Neben der Erlangung der handwerklichen Fertigkeiten,

sind die Jugendlichen zu einer Gruppe zusammen gewachsen, in der Teamgeist, Geduld, Toleranz, Verlässlichkeit und andere soziale Kompetenzen gefragt waren. Die fertige Skulptur und die Anerkennung des Publikums vertieften zusätzlich noch das gemeinsame Erfolgserlebnis und die „Bildungserfahrung“.

Selbstgemacht und selbst erfahren Das Taschengeld beim Bäcker loszuwerden, das muss nicht sein – günstiger und auch viel spannender ist es, im Kindertreff Botnang selbst zum Backblech zu greifen. Seit 2010 gibt es dort die „Kochschule“ – Kurse für Kinder, die mit großer Begeisterung besucht werden. Zu sehen, der Marmorkuchen kommt nicht aus der Aluverpackung, das ist für unsere Kinder heute oft schon ein Erlebnis! Wissenswert ist, was alles so im Kuchen steckt, und Spaß macht es, zu sehen, wie das Muster in den Kuchen kommt! Und ganz nebenbei, ohne es zu merken, übt man sich mit dem Rezept auch noch in mathematischen Textaufgaben. Statt einer guten Note gibt es das gemeinsame Verspeisen und Genießen

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

der selbstgemachten Leckereien. Dazu kommt die Erfahrung, dass etwas Selbstgemachtes, gemeinsam mit Anderen um einen Tisch herum verzehrt, viel besser schmeckt, als die Tiefkühlpizza vor dem Fernseher. Die Beispiele sind vielfältig.

Bildung kann überall stattfinden Die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft hat stets die Interessen von Kindern und Jugendlichen im Blick und hat sich zur Aufgabe gemacht, deren Kompetenzen zu stärken und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen. Der Besuch der Kinder- und Jugendhäuser sowie die Teilnahme an Projekten kann immer auch Gelegenheit zum Lernen bieten.

Die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft – 60 Jahre Offene Kinder- und Jugendarbeit Die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH (kurz: stjg) gestaltet Offene Kinder- und Jugendarbeit in der Landeshauptstadt und damit auch Jugendbildung. Sie handelt im kommunalen Auftrag, entsprechend Paragraf 11 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes

(Subsidiarität). Der Etat setzt sich aus kommunalen sowie aus Bundes- und Landesmitteln zusammen. 1950 als Verein gegründet, ist die stjg heute mit einundvierzig Kinder- und Jugendhäusern, sowie Kinder- und Jugendtreffs und anderen mobilen Einrichtungen größter Träger offener Kinder- und Jugendarbeit in Stuttgart. Sie ist Personalträger von hauptamtlichen Fachkräften auf zweiundzwanzig Abenteuerspielplätzen und Jugendfarmen. Die Zusammenarbeit mit den Schulen begann frühzeitig – und sie wächst kontinuierlich: 1982 gestartet, sind heute Schulsozialarbeiter an 16 Grund-, Haupt-, und Werkrealschulen aktiv. An sechs weiteren Schulen verantwortet die Gesellschaft erweiterte Betreuungsangebote, die Verlässliche Grundschule sowie die Betreuung von vier Horten und die Ganztagsbetreuung („Ganztagsbildung“) an fünf Schulen. An 15 Gymnasien bietet die stjg Jugendbildungsprojekte im Bereich der Schulkooperation an. Daneben setzen die Einrichtungen individuell und nach Bedarf zahlreiche Projekte um – mit Klassen aus allen Schularten (z. B. Umweltpädagogisches Klassenzimmer am Max-Eyth-See, Inklusion im Kinder- und Jugendhaus Degerloch oder die Vaihinger Lesewoche).

Ganztägige Bildung – eine Aufgabe für alle Um das Gesamtangebot in Stuttgart überschaubar und gut strukturiert zu gestalten, haben sich die stjg und andere Träger zu erfolgreichen Kooperationen zusammen geschlossen. Die stjg versteht Bildung als Querschnittsaufgabe und hat frühzeitig auf die sich ändernden Rahmenbedingungen im Bildungsbereich reagiert. Der Ausbau von schulischen Ganztagsangeboten sollte nicht zur Konkurrenz mit sozialpädagogischen Angeboten für Schulkinder am Nachmittag führen. Sinnvoll ist der aktive Austausch aller Beteiligten – Träger, Schulen, Ämter. Denn: Die 41 Kinder- und Jugendhäuser sind aktiv in der Stadtteilarbeit. Über Runde Tische, Gremien und Stadtteilfeste kennt man sich. Man kennt den Bedarf, die Möglichkeiten und Kapazitäten im Stadtteil – überdenkt Synergien, Kooperationsmöglichkeiten und langfristige Zusammenarbeit. Hilfreich ist außerdem die oftmals räumliche Nähe von Kinder- und Jugendhäusern zu Schulen.

Beispiele der stjg-Querschnittsarbeiten > Mittagstische für Schülerinnen und Schüler, > Kursangebote, die den Lehrplan ergänzen (z. B. im Präventionsbereich), > Nutzung von Werkstätten, die es in Schulen nicht (mehr) gibt, > Ferienangebote, > Gestaltung von Projektwochen, > schulische Abschlussfeiern in Räumen der Offenen Jugendarbeit,

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Bildung ohne Lehrbuch – Die Stuttgarter Jugendhaus gGmbH

> „Neue Unterrichtsformen“ („Feel IT“ / Auszubildende werben in Klassen für Interesse an technischen Berufen; „Teamteaching“), > Angebote zum Thema „Übergang Schule – Beruf“.

Jugendbildungsarbeit aktuell in Stuttgart Die stjg verfolgt ein Bildungsverständnis, das praxisnah und gegenwartsbezogen ist. Es geht darum, durch Bildung Selbstkompetenz für die alltägliche Lebensbewältigung direkt in der Gegenwart zu erwerben. Denn: Der „Schonraum“ Kindheit und Jugend zerbröckelt, der „Ernst des Lebens“, die gesellschaftlichen Herausforderungen reichen mit ihren Folgen längst in den Alltag junger Menschen hinein. Deshalb fördert die stjg Bildung im Sinne von Förderung – als Förderung und Voraussetzung dafür, sich in einer komplizierten Welt zu verorten und zu behaupten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der stjg verstehen Bildung deshalb nicht nur als Qualifikation, sondern zusätzlich als Lebenskompetenz. Als Schlagworte seien hier genannt: Selbstbestimmung, Selbststeuerung, Eigeninteresse und Selbstreflexion. Fotos: Stuttgarter Jugendhaus gGmbH

Jugendarbeit und außerschulische Bildung Drei Beispiele für die Bildungsnetzwerke der stjg (1) Im Rahmen der Offenen Jugendarbeit Mit ihrem „Kerngeschäft Freizeit“ vermittelt die Offene Jugendarbeit viele kognitive, emotionale und soziale Lernleistungen. Fast alle ihre Konzepte seit den 70-er Jahren waren Bildungskonzepte. Sie wurden jedoch selten als solche verstanden. Das hat sich gründlich gewandelt. Mittlerweile sind die Konzepte und Erfahrungen der stjg-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefragt.

Stadtteilunternehmen, Konzerne (z. B. Telekom, BOSCH), die Universität Stuttgart, die Hochschule Kultur und Medienbildung/ Ludwigsburg – mit allen arbeitet die stjg im Rahmen von Jugendbildungsprojekten zusammen. Fachtagungen – Communities – Netzwerke Durch die Zusammenarbeit von stjg-Einrichtungen und Unternehmen hat sich ein neues Lernkonzept innerhalb der Offenen Jugendarbeit in Stuttgart durchgesetzt. Kern des Lernkonzeptes ist ein moderner Begriff der „Werkstatt“ – einem Ort, an dem Kinder und Jugendliche Bildung erfahren, indem sie ihre individuellen kreativen und schöpferischen Ziele verfolgen. Im gemeinsamen Bestreben, Jugendlichen technische und naturwissenschaftliche Kompetenzen zu vermitteln, kooperierte die stjg mit der Festo AG & Co. KG. Über ein erstes Projekt (Bildungsnetzwerk fabCom) entstand das stjgNetzwerk „Ideenwerkstadt“. Es arbeitet nun unabhängig vom Unternehmen, wird aber weiterhin von dort unterstützt. Im Bildungsnetzwerk „Ideenwerkstadt“ arbeiten sechs Kinder- und Jugendhäuser übergreifend – gemeinsam visualisiert über eine Homepage (www.ideenwerkstadt. net) und eine halbjährlich erscheinende kleine Zeitschrift („toast“). Die Ideenwerkstadt stellt Räume, modernste Werkzeuge (z. B. Schneideplotter, Lasercutter,

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Lötkolben oder Filmschneideprogramm) und Anregungen bereit, damit Jugendliche experimentieren, entdecken und produktiv sein können – z. B. beim Roboter programmieren, Alarmanlagen, Elektroautos, Wasserraketen bauen, beim Designen von Textilien oder beim Entwickeln und Produzieren von Gesellschaftsspielen … Im Mittelpunkt der Ideenwerkstadt steht die Kreativität. Durch praktisches Probieren und Erfahren erhalten die Jugendlichen einen Einblick in moderne Technik und erleben am praktischen Beispiel, wie Alltagsgegenstände funktionieren. (2) Im Rahmen der Zusammenarbeit mit Schulen Das Bildungsnetzwerk stjg/Schule ist engmaschig und vielfältig. Grob gegliedert unterscheidet es sich in die beiden Bereiche „Schule“ und „Übergang Schule – Beruf“. Das Ziel ist das Lernen gemeinsam zu gestalten. > Vertiefte Berufsorientierung (VBO) > Projekte für Schulverweigerer (2. Chance) > Orientierungsangebote > Bewerbungstrainings Beim Projekt „Feel IT“ schlossen sich ausbildendes Unternehmen, Offene Jugendarbeit und Schule zusammen, um Schülerinnen und Schüler für ihren Beruf zu begeistern. Die Idee: In einer Art „Unterricht auf Augenhöhe“ vermitteln Auszubildende der Deutschen Telekom die Inhalte ihrer Ausbildung – Vormittags in der Schule (vor der gesamten Klasse) und nachmittags vertiefend im Jugendhaus (vor freiwillig teilnehmenden Schülerinnen und Schüler dieser Klassen). Der Wissenstransfer war auch für die Auszubildenden enorm – sie lernten nicht nur, sich selbst und ihre Ausbildung zu präsentieren. Darüber hinaus stieg ihre Selbsteinschätzung, die Fähigkeit, Fragen verständlich zu beantworten, auf Menschen zuzugehen, Vorurteile abzubauen … Eine besondere Form des Bildungsnetzwerkes wurde für die Vertiefte Berufsorientierung (VBO) geschaffen. Gleich drei freie Träger, die Evangelische Gesellschaft, die Caritas und die stjg kooperierten mit der Agentur für Arbeit, um jugendlichen Schulabgängern bei ihrer persönlichen Berufsfindung zu helfen. Projektleitung und Projektkoordination obliegen der stjg. Angesprochen werden mittlerweile 1.500 Schülerinnen und Schüler von Haupt- und Realschulen. Sie erhalten Hilfe bei der Erstellung von Bewerbungsmappen, üben innerhalb des Beruflichen Planspieles Vorstellungsgespräche mit Firmen und führen ein Online-Bewerbungstraining durch. Für jede beteiligte Schule steht ein nahe gelegenes Infobüro in den Räumlichkeiten der Mobilen Jugendarbeit oder in den Jugendhäusern zur Verfügung. (3) Im Rahmen von Betreuung und Ferienangeboten In Horten, während der Ferien oder der erweiterten Betreuungsangebote, im Rahmen der Ganztagsbetreuung: die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der stjg passen nicht nur auf, sondern

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vermitteln Wissen während festgelegter Zeitfenster. Ihre Ziele: aus Lernorten Lebensorte zu machen – Pausen zum Begreifen einzulegen, Spaß am Erfassen von Fragestellungen anzuregen. Auch bei den Betreuungsangeboten kennzeichnet die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Erziehen und Lehren das Handeln der stjg. Seit 2006 verantwortet die stjg die Betreuung im Hort an der Pragschule. Mit bildungsund freizeitpädagogischen Angeboten sollen die Kinder ganzheitlich gefördert werden. Das Angebot orientiert sich am Profil der Pragschule – entsprechend wird auf Sprachförderung, Kreativität und Musikalität Wert gelegt. Die Unterrichtsthemen von einer anderen Seite kennenzulernen, das kommt gut an, bei den Schülern (z. B. beim Erstellen eines Jahreszeitenkalenders). Auch strukturell haben sich stjgMitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Lehrkräfte verbunden: Regelmäßig nehmen die Erzieherinnen und Erzieher an der Gesamtlehrerkonferenz teil und erarbeiten gemeinsam Konfliktlösungskonzepte oder planen gemeinsame Veranstaltungen.

Kontakt: Stuttgarter Jugendhaus gGmbH Kegelenstraße 21 70372 Stuttgart Tel.: 0711/23728212 E-Mail: geschaeftsstelle@jugendhaus.net www.jugendhaus.net


Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Praxisbeispiele

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm Benjamin Wahl

Der Landesjugendring Baden-Württemberg e. V. (LJR) gehörte im Jahr 2006 zu den Unterzeichnerverbänden des Jugend­begleiter-Programms. Als Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände und kommunalen Jugendringe beteiligt sich der LJR nicht mit konkreten JugendbegleiterAngeboten. Vor allem in der Entwicklungs- und Einführungsphase des Jugendbegleiter-Programms hat der LJR regelmäßig über dieses informiert und seine Mitgliedsorganisationen einbezogen. Neben Informationsmaterial hat der LJR auch immer wieder Beispiele der Beteiligung von Jugendverbänden am JugendbegleiterProgramm vorgestellt.

Anlaufstelle für Mitglieder Im Rahmen der vom Kultusministerium geförderten Kooperationsfachstelle steht der Landesjugendring laufend für Fragen zum Jugendbegleiter-Programm zur Verfügung und kann von seinen Mitgliedsorganisationen angefragt werden. Ganz konkret bieten die meisten Jugendverbände/Jugendringe Qualifizierungen an, z. T. als Ergänzung zur Juleica-Ausbildung. Zum Teil werden auch Schülermentorinnen und -mentoren ausgebildet, die später als Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter eingesetzt werden. Einzelne Jugendarbeitsakteure koordinieren auch das Jugendbegleiter-Programm auf lokaler Ebene. Neben diesen übergeordneten Aufgaben finden konkrete Jugendbegleiter-Angebote aus dem Bereich der Jugendverbände und Jugendringe in folgenden Bereichen statt: > Schwimmen/Rettungsschwimmen > Begleitung von Schülerzeitungen > Schülermentorinnen und -mentoren sind als Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter aktiv

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> Fit4Life (Gesundheit, Ernährung, Bewegung) > AGs im Bereich Theater, Schülerzeitung, Soziales Engagement, kreative Methoden, Teenie-Treff > Mittagspausenangebote, Schülercafés, ergänzende Angebote Diejenigen Jugendverbände/Jugendringe, die sich am Jugendbegleiter-Programm beteiligen, setzen für ihr Engagement im Jugendbegleiter-Programm eigenes hauptberufliches Personal ein. Die Aufgaben der Hauptamtlichen bestehen darin, Ehrenamtliche, die als Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter aktiv sind, zu gewinnen, zu begleiten und zu unterstützen. Die Bedeutung dieser hauptberuflichen Unterstützung verdeutlicht ein Zitat aus den Rückmeldungen: „Nur durch den Einsatz hauptberuflichen Personals … ist die Qualität und Verlässlichkeit des Angebots gewährleistet.“ Im Folgenden werden zwei Beispiele vorgestellt, die das Engagement eines Jugendverbands und eines Jugendrings im Rahmen des Jugendbegleiter-Programms darstellen. Der Landesjugendring ist die Arbeitsgemeinschaft von 28 Jugendverbänden auf Landesebene und von den Orts-, Stadtund Kreisjugendringen in Baden-Württemberg. Er vertritt die Interessen von rund einer Million Kindern und Jugendlichen. Literaturempfehlung des Landesjugendrings Jugendarbeit trifft Schule. Arbeitshilfe zur Kooperation. Stuttgart 2010. Zu bestellen unter info@ljrbw.de oder http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/arbeitshilfen.php

Kontakt: Landesjugendring Baden-Württemberg e. V. Siemensstr. 11 70469 Stuttgart Tel.: 0711/16447-0 Fax: 0711/16447-77 E-Mail: bildung@ljrbw.de


Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm

Qualifizierung und Begleitung Netzwerk-Initiativen des BDKJ Anja Grießhaber

Ganzheitlich ausbilden: In Theorie … In den Jahren 2008 – 2011 hat der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart über 50 Jugendliche zu Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter ausgebildet und in ihren Projekten an der Schule begleitet. Die Jugendlichen im Alter von 14 – 19 Jahren kamen aus allen drei Schularten und hatten fast durchgängig keine Erfahrungen in der Jugend(verbands)arbeit. So erlebten die Jugendlichen auf dem 4-tägigen Qualifizierungskurs wie Jugendarbeit tickt; sie lernten viele neue Methoden, Spiele und eine ganz neue Arbeitsweise kennen. Die Jugendlichen entwickelten gemeinsam Projektideen, die dann an der Schule umgesetzt werden sollten.

… und in der Praxis Nach letzten Absprachen mit der Schulleitung starteten die frisch gebackenen Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter mit ihren Projekten im anschließenden Schulhalbjahr. An der Realschule Blaubeuren entstand so eine Theater-AG für 5. und 6. Klässlerinnen und Klässler, andere Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter initiierten Jugendgruppen, gründeten eine Tanz-AG, übernahmen Aufgaben in der Koordinierung eines Schülerhauses, machten Pausenspielangebote uvm. Es entstanden vielfältige regelmäßige Angebote, aber auch punktuelle Aktionen wie die Erstellung einer Fotostory wurden von den jüngeren Schülerinnen und Schüler gut angenommen.

Unterstützung vor Ort Während ihres Einsatzes an der Schule wurden die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter von der Fachstelle Jugendarbeit und Schule und den katholischen Jugendreferaten vor Ort begleitet und unterstützt. Es fanden regelmäßige Austauschtreffen statt, die Zeit für Reflexion, Organisation und die weitere Planung gaben. Diese Treffen wurden als sehr wichtig empfunden, da oft im Trubel des Schulalltags keine Zeit dafür blieb.

Kooperationsübung der BDKJ-JugendbegleiterInnen

Projekte meist erfolgreich Anlaufschwierigkeiten gab es in manchen Schulen mit Raumabsprachen, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, die geklärt werden konnten. Großteils waren die Projekte ein Erfolg. Vereinzelt konnten die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter an ihrer Schule aus Gründen wie Zeitmangel oder organisatorischen Schwierigkeiten mit der Schule leider keine Projekte durchführen.

Christliche Zielsetzungen Der BDKJ Diözesenverband wollte mit diesem Modellprojekt erreichen, dass die Grundprinzipien (katholischer) Jugendarbeit

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

erlebbar werden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten erfahren, wofür katholische Jugendverbände stehen, und sollten motiviert werden, projektartig Angebote aus diesem Kontext mitzugestalten. Durch die Qualifizierung sollten Brücken zwischen interessierten Jugendlichen und ehrenamtlichen Verbandsmitgliedern geschlagen werden. Idealerweise sollten Tandems zwischen Schülerinnen und Schüler und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entstehen, die gemeinsam ein Angebot entwickeln. Für die regelmäßigen Angebote an der Schule erfahren die Schülerinnen und Schüler den Mehrwert von Lernen mit Gleichaltrigen. Schulisches Lernen sollte bereichert werden, die Angebote zeigen, dass es sich lohnt, von- und miteinander im Alltag zu lernen.

Gestaltung der Bildungspartnerschaft Mit den Schulen wurde ein Kooperationsvertrag geschlossen. Die Jugendreferentinnen und Jugendreferenten vor Ort hielten den Kontakt zu den Schulleitungen und waren gemeinsam mit ihr dauerhafter Ansprechpartner für die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter.

Positive Projektergebnisse Das Fazit der ersten beiden Jahre des Jugendbegleiter-Programms im BDKJ fällt gemischt aus. In dem Modellprojekt kooperierte der BDKJ mit verschiedenen Schulen, die größtenteils sehr zufrieden waren und den BDKJ als kompetenten Bildungspartner wahrgenommen haben. Die Stärken der Jugendarbeit in der Kurs- und Bildungsarbeit kamen voll zum Tragen, Jugendarbeitsthemen bereicherten den Alltag an der Schule. Die Schulen empfanden das kostenlose Angebot der Qualifizierung und Begleitung ihrer Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter als eine sehr lukrative Dienstleistung. Der Großteil der Jugendlichen hatte keine Vorerfahrungen in der Jugend­ arbeit, sie erlebten die Arbeitsweise, die Methoden und Prinzipien in der Jugendarbeit als sehr positiv und motivierend; für sie war es etwas völlig Neues und Bereicherndes. Die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter haben auf dem Kurs und während ihren Projekten an der Schule den Mehrwert vom Lernen mit Gleichaltrigen erfahren und konnten dadurch ihre sozialen Kompetenzen erweitern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernten katholische Jugendverbände kennen und konnten einen Eindruck gewinnen, wie dort Themen gesetzt und bearbeitet werden.

Zurückhaltung bleibt – Evaluation nötig Die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter wissen nun im Ansatz, was katholische Jugend(verbands)arbeit ist, haben

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aber kein Interesse, sich längerfristig zu engagieren. Sie waren mit großer Motivation über den gesamten Projektzeitraum dabei. Viele der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter würden das Programm wieder machen und empfehlen es weiter. Kritisch zu sehen ist die Anbindung an die Verbandsstrukturen. Ursprüngliches Ziel war, dass die örtliche Jugendarbeit mit der Schule verknüpft wird. Dies ist so nicht eingetreten, da nur zwei engagierte Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter an der Qualifizierung teilnahmen. Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Rolle des BDKJ im Jugendbegleiter-Programm. Bislang ist die Wahrnehmung, dass Jugendarbeit eher als Dienstleister für Schulen auftritt. Die Erfahrungen zeigen aber auch, dass sich im Laufe der Zeit diese Rolle wandeln kann, wenn Kooperationen längerfristig andauern und Schule katholische Jugend(verbands)arbeit als kompetenten Bildungspartner noch mehr zu schätzen lernt. Im Jahr 2011 wird keine weitere Qualifizierung vom BDKJ angeboten. Derzeit werden die gewonnenen Erkenntnisse evaluiert und die Konzeption zum BDKJ Modellprojekt Jugendbegleiter weiterentwickelt.

Der BDKJ: Struktur und Aufgaben Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ist der Zusammenschluss von sieben Mitgliedsverbänden und mehreren regionalen Gruppierungen. In ihnen organisieren sich ca. 25.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, weitere 15.000 nehmen jährlich an Veranstaltungen teil. Die Fachstelle Jugendarbeit und Schule des BDKJ unterstützt Hauptberufliche und Ehrenamtliche in BDKJ Mitgliedsverbänden und Kirchengemeinden in der Kooperation mit Schulen. Sie bietet fachliche Beratung und Informationen rund ums Thema, Qualifizierungsmaßnahmen, Arbeitsmaterialien und Service. Ziel der Fachstelle ist es eine Zusammenarbeit zu fördern, von der Jugendarbeit und Schule gleichermaßen profitieren.

Kontakt: Fachstelle Jugendarbeit und Schule BDKJ Diözesanstelle Rottenburg-Stuttgart Antoniusstraße 3 73249 Wernau Tel.: 07153/3001-126 Fax: 07153/3001-611 E-Mail: agriesshaber@bdkj.info www.bdkj.info


Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm

Schnittstelle zwischen Schule und Jugendarbeit Netzwerkarbeit beim Stadtjugendring Frank Stüber

Unter der Regie des Stadtjugendrings (SJR) entwickelte sich in Leinfelden-Echterdingen ein enges Netzwerk zwischen schulischer und außerschulischer Bildung. Projekttage, ergänzende Angebote im Ganztagsbetrieb, Mittagspausenbetreuung, Kooperationen von Schulen und Vereinen, Qualifizierungsmaßnahmen für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter sowie Schülermentorinnen und -mentoren – der Stadtjugendring ist die Schnittstelle für alle Aktivitäten zwischen Jugendarbeit und Schule in der Großen Kreisstadt Leinfelden-Echterdingen mit ihren knapp 40.000 Einwohnern.

Die Ziele Seit seiner Gründung im Jahr 1988 war es für den Stadtjugendring wichtig, dass die Jugendarbeit eng mit den Schulen zusammenarbeitet. Im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsansatzes sollte ein Brückenschlag zwischen Schule und verbandlicher bzw. offener Kinder- und Jugendarbeit erreicht werden.

Gestaltung der Bildungspartnerschaft Im Lauf der Jahre entstanden eine Vielzahl von Projekten zwischen Schulen, Vereinen und offenen Kinder- und Jugendeinrichtungen: Von einzelnen Projekttagen bis hin zu dauerhaft angelegten Partnerschaften der Schulen mit außerschulischen Partnern aus der Jugendarbeit in Form „Ergänzender Bildungsangebote“ – ob Sport, Erlebnispädagogik oder Kultur- und Medienarbeit. In der Folge wurde der Stadtjugendring auch mit der Trägerschaft betraut, als es um die Einrichtung von pädagogisch betreuten Mittagspausenangeboten an den Schulen ging: Seit 2004 ist der Stadtjugendring für die „Kreative Pause“ am Immanuel-Kant-Gymnasium verantwortlich. 2007 folgten die Ludwig-Uhland-Haupt- und Förderschule in Leinfelden und das Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium in Echterdingen.

Frank Stüber, Geschäftsführer des SJR, beschreibt die Entwicklung: „Anfangs waren wir ein oder zwei Wochen mit einem Projekt an einer Schule, haben alles aufgewirbelt, und danach gingen Schule und Jugendarbeit wieder ihre eigenen Wege. Das hat sich geändert: Heute kooperieren wir dauerhaft. Da wird dann manches grundsätzlich ausgehandelt und auf eine solide Basis gestellt.“ Mittlerweile ist der Stadtjugendring in Leinfelden-Echterdingen die zentrale Anlaufstelle, wenn es um Fragen der Kooperation zwischen Jugendarbeit und Schule geht. Im Herbst 2007 wurde gemeinsam mit der Stadtverwaltung ein „Forum Ganztagsbildung“ veranstaltet, bei dem erfolgreiche Projekte vorgestellt und die Schulen mit potenziellen Partnern zusammengebracht wurden.

Breite Mitarbeit zeigt gute Ergebnisse In allen Projekten sind von jeher bürgerschaftlich Engagierte eingebunden – seit 2006 auch im Rahmen des Jugendbegleiter-Programms: Von älteren Schülerinnen und Schülern über Übungsleiterinnen und -leiter aus Vereinen bis zu engagierten Eltern und Seniorinnen und Senioren reicht die Palette der Aktiven. Voraussetzung für das kontinuierliche Engagement sind Schulung und Anleitung, Motivation und Anerkennung durch hauptamtliches pädagogisches Personal. Auch wenn es darum geht, in Krisen zu intervenieren, ist professionelles sozialpädagogisches Handeln gefordert. Nur so kann Verlässlichkeit und Qualität der Programme gewährleistet werden. Diese Aufgabe wird durch sozialpädagogische Fachkräfte des Stadt­ jugendrings und anderer Partner übernommen.

Zentraler Erfolgsfaktor Der Stadtjugendring trägt Sorge für stadtübergreifende fachliche und organisatorische Standards. Ein zentraler Erfolgsfaktor darf nicht unterschätzt werden: Die Koppelung der Angebote mit dem schulischen Betrieb. Dies steht und fällt nicht zuletzt damit, wie die Schulleitung sich für eine entsprechende „KooperationsKultur“ an der Schule einsetzt. Nur so kann es ein wirkliches Miteinander werden, und nicht nur ein Neben­einanderher.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Gemeinsames Bildungsverständnis unabdingbar Ziel muss hierbei ein gemeinsames Bildungsverständnis sein, das alle Akteure einbindet und in Dialog bringt. Die Jugend­ arbeit des Stadtjugendrings und seiner Mitgliedsorganisationen profitiert vom Engagement an den Schulen: So besteht nun kontinuierlich Kontakt zu älteren Jugendlichen und Erwachsenen, die als Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter aktiv sind, und die dann auch bei Ferienprogrammen, Kinderspielstadt und anderen Projekten des Stadtjugendrings und der Vereine mitarbeiten. Schulungen und Qualifizierungsangebote für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter werden vom Stadtjugendring im Verbund mit anderen außerschulischen Trägern angeboten. Der tägliche Kontakt erleichtert die spontane Entwicklung neuer Projekte. Es gilt im besten Sinne: Schulische und außerschulische Jugendbildung arbeiten Hand in Hand.

Die schulischen Kooperationspartner in Leinfelden-Echterdingen > Ludwig-Uhland-Schule (Grund- und Werkrealschule; gebundene Ganztagsschule) – Ergänzende Angebote im Ganztagsbetrieb – Pädagogische Angebote in der Mittagspause > Immanuel-Kant-Gymnasium (offene Ganztagsschule) – Pädagogische Angebote in der Mittagspause

Kontakt: Stadtjugendring Leinfelden-Echterdingen e. V. Schimmelwiesenstraße 18 70771 Leinfelden-Echterdingen Tel.: 0711/16083-0 E-Mail: info@sjr-le.de www.sjr-le.de

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> Immanuel-Kant-Realschule – Pausenangebote > Philipp-Matthäus-Hahn-Gymnasium – Pädagogische Angebote in der Mittagspause > Lindachschule, Förderschule – Ergänzende Angebote im Ganztagsbetrieb > 6 Grundschulen Neben den hier aufgeführten kontinuierlichen Angeboten gibt es mit allen Schulen Projekte, die jeweils zeitlich befristet sind. Der Stadtjugendring Leinfelden-Echterdingen > veranstaltet Schulungen für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter, Schülermentorinnen und Schülermentoren, > schafft Gremien für Jugendarbeit, Schulen und den Sozialen Dienst, > organisiert den SMV-Treff als Austauschforum, als Ort der Partizipation und Anbieter von Veranstaltungen, > bietet Fortbildungen und Informationen zum Gemeinwesen für Lehrerinnen und Lehrer, z. B. Rundfahrten durch Jugendeinrichtungen, Informationen in Gesamtlehrerkonferenzen und an pädagogischen Tagen, > koordiniert gemeinsame Veranstaltungen zwischen Jugendarbeit und Schule.


Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm

Ergebnisbericht des Seminars „Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm“ Annika Müller

Im Seminar 1, „Jugendverbände als starke Bildungspartner im Jugendbegleiter-Programm“, wurden beispielhafte Kooperationen von Jugendverbänden mit Schulen in Verbindung mit dem Jugendbegleiter-Programm diskutiert. Im Anschluss an die begrüßenden Worte von Frau Kerstin Sommer, stellvertretende Vorsitzende des Landesjugendrings Baden-Württemberg, Frau Anja Grießhaber, Bildungsreferentin des BDKJ und Herrn Frank Stüber, Geschäftsführer des Stadtjugendrings Leinfelden-Echterdingen e. V. begann Frau Grießhaber mit der Präsentation eines Jugendbegleiter-Modellprojekts des BDKJ. Der BDKJ ist als Dachverband der Katholischen Jugendverbandsarbeit einer der größten Jugendverbände im Landesjugendring Baden-Württemberg. Die Fachstelle Jugendarbeit und Schule des BDKJ initiiert, koordiniert und begleitet Projekte zwischen Jugendarbeit und Schule. 2008 beschloss er, das Jugendbegleiter-Programm in drei Modellregionen zu testen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren Schülerinnen und Schüler im Alter von 14-19 Jahren. Es wurde mit Schulen Kontakt aufgenommen und eine viertägige kostenlose Qualifizierung angeboten. Während der anschließenden Praxisphase fanden vier bis fünf zusätzliche Begleittreffen statt sowie ein Reflexionstag und eine Abschlussauswertung am Ende. Eine der 13 Kooperationsschulen, zu denen alle drei Schularten gehören, war die Realschule Blaubeuren, deren Projekt in einem kurzen Film vorgestellt wurde. Dort haben vier Jugendbegleiterinnen eine Theater AG ins Leben gerufen. Ziel dieser AG war es, Schülerinnen und Schülern die Angst vor Präsentationen zu nehmen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Dabei waren die Jugendbegleiterinnen selbst die Expertinnen und außerdem für Organisation und Durchführung zuständig. Eine professionelle Hilfe vor Ort stand ihnen zur Seite. Als zweites Praxisbeispiel stellte Herr Stüber seine Erfahrungen aus dem Stadtjugendring (SJR) Leinfelden-Echterdingen e. V. in Kooperation mit Schulen vor. Neben Angeboten von Ferienprogrammen, Veranstaltungen, Fortbildungen und einem Materialverleih gilt der SJR als Schnittstelle zwischen Schule und Jugendarbeit und ist Anlaufstelle bei Fragen zur Vermitt-

lung und Finanzierung, auch hinsichtlich des JugendbegleiterProgramms. In den letzten sechs bis acht Jahren entstand eine kontinuierliche Zusammenarbeit vorwiegend mit Ganztagsschulen, zum Beispiel mit der Ludwig-Uhland-Schule und dem Immanuel-Kant-Gymnasium Leinfelden. Dort werden speziell in den Pausen Kreativ,- Sport- und Spielangebote sowie Hausaufgabenbetreuung angeboten. Die Teams der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter an den Schulen (jeweils ca. 15 Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter) werden durch professionelle pädagogische Fachkräfte angeleitet. Insgesamt sind hier ca. 15 Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter unter der Leitung einer professionellen pädagogischen Fachkraft im Einsatz. Die Erkenntnisse der Kooperationen, besonders auf Seiten des BDKJ, lagen darin, dass der Bedarf und das Interesse auf Seiten der Schule da sind. Das qualifizierende Bildungsangebot und die Methoden kamen gut an, der BDKJ wurde als außerschulischer Bildungsträger anerkannt. Die Projekte der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter waren auf ein Schulhalbjahr angelegt, nur vereinzelt reichte die Motivation der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter ihre Projekte darüber hinaus weiter zu führen. Auch die Absprachen mit der Schulleitung erwiesen sich nicht immer als einfach, es fehlte manchmal an kontinuierlichen Ansprechpersonen oder klaren Absprachen. Die Konzeption wird nun vom BDKJ intern überprüft und überarbeitet. Eine Entscheidung über das Fortbestehen der Kooperationen wird vermutlich bis Herbst getroffen. Außerdem wurden den Teilnehmerinnen und Teilnehmern grundlegende Fragen beantwortet und die wesentlichen Ziele des Jugendbegleiter-Programms erläutert; es wurde deutlich, dass viele Lehrerinnen und Lehrer noch nicht mit den Details im Jugendbegleiter-Programm vertraut sind. Weitere Informationen finden Sie auf den Webseiten: www.ljrbw.de, www.sjr-le.de sowie www.bdkj.info Die Konzeption wird vom BDKJ nochmals intern überprüft und überarbeitet. Eine Entscheidung über das Fortbestehen der Kooperationen wird vermutlich bis Herbst getroffen.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Kooperation zwischen Schule und Sportverein Jürgen Heimbach

Der Württembergische Landessportbund WLSB Wie sollen sich Vereine und Verbände an Schulen engagieren und welche Wege der Zusammenarbeit gibt es? Welche Bedingungen sind wichtig und wo gibt es nachahmenswerte Beispiele? Diese und weitere Fragen werden im Workshop des Württembergischen Landessportbunds e. V. (WLSB) geklärt. Praxisbeispiele zeigen zudem auf, welche Faktoren für die gelingende Netzwerkbildung zwischen Schulen, Schulträgern und Sportvereinen wichtig ist. Der Sportverein als außerschulischer Partner kann sich in vielerlei Hinsicht in der Schule einbringen. Mögliche Anknüpfungspunkte sind z. B. das Begleiten oder Mit­organisieren einer Projektwoche, die Durchführung von Schnuppertagen und Sportfesten, sowie das Engagement bei Bundes­jugendspielen und/oder Jugend trainiert für Olympia. Damit eine Kooperation zwischen Schule und Sportverein jedoch langfristig funktionieren kann, müssen im Vorfeld einige wichtige Dinge beachtet werden. Hilfreich ist hierbei das 6-Schritte-Modell des WLSB: 1.) Entscheidungsfindung 2.) Ansprechpartner finden 3.) Gespräch am runden Tisch 4.) Konzept erarbeiten 5.) Kooperationsvereinbarung 6.) Durchführung

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Der Württembergische Landessportbund sieht sich nicht nur als Partner der Sportvereine, sondern in zunehmend hohem Maße auch als Initiator von lokalen Partnerschaften zwischen Schulen und Sportvereinen. Weitere Infos unter www.wlsb.de.

Kontakt: Württembergischer Landessportbund e. V. Jürgen Heimbach, Hanna Kapp Fritz-Walter-Weg 19 70372 Stuttgart Tel.: 0711/280 77-131; -135 E-Mail: juergen.heimbach@wlsb.de hanna.kapp@wlsb.de


Kooperation zwischen Schule und Sportverein

Das 6-Schritte-Modell des Württembergischen Landessportbundes (WLSB)

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1.) Entscheidungsfindung Ob die Idee einer Kooperation vonseiten der Schule, des Vereins oder des Schulträgers/der Kommune kommt, ist grundsätzlich gleichgültig. Wichtig ist lediglich, eine größtmögliche Akzeptanz und Unterstützung im Kollegium bzw. im Verein und in der Kommune zu erzielen, damit die Entscheidung nicht von einer einzelnen, sondern von mehreren Personen getragen wird.

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Auf der Grundlage der in Schritt 3 geführten Gespräche wird nun ein gemeinsames Konzept erarbeitet, in dem Inhalte und Ziele der Partner definiert werden: > Zielgruppe? > Zielsetzung der Maßnahme? > Personen? > Zeitpunkt der Maßnahme? > Finanzierung? Wichtig dabei ist die Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten.

2.) Ansprechpartner finden Sowohl der Verein als auch die Schule hat die Möglichkeit über öffentliche Einrichtungen, wie z. B. die Kommune, das Schulamt oder den Sportkreis an Adressen und Ansprechpartner zu kommen. Ferner ist eine direkte Kommunikation über Vereinsvorsitzende, Übungsleiterinnen und -leiter oder Jugendwarte bzw. auf der anderen Seite über die Schulleitung, Fachbereichsleiterinnen und -leiter „Sport“ oder Lehrerinnen und Lehrer denkbar.

4.) Konzept erarbeiten

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5.) Kooperationsvereinbarung In der Kooperationsvereinbarung werden alle besprochenen Punkte festgehalten und von den Partnern unterzeichnet. Dies bedeutet für alle Parteien eine gewisse (Planungs-) Sicherheit.

6.) Durchführung

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Im Sinne der konkreten Konzeption und den entsprechenden Bedingungen vor Ort kann die Maßnahme durchgeführt werden.

3.) Gespräch am runden Tisch Der so genannte „runde Tisch“ ist einer der wichtigsten Schritte des WLSB-Modells. Es geht im Wesentlichen um das Kennenlernen des Gegenübers und das Herausfiltern von gemeinsamen Interessen und Zielen der geplanten Zusammenarbeit. Das Ziel dieses Treffens ist schließlich das Erreichen einer „Win-Win-Situation“. Die Vorteile für die Partner müssen klar benannt sein. Aufgrund dessen sollten an der Abstimmung sowohl Vertreterinnen und Vertreter des Vereins und der Schulen als auch Vertreterinnen und Vertreter der Kommune bzw. des Schulträgers teilnehmen.

Empfehlenswert ist eine regelmäßige Abstimmung zwischen den Partnern, um mögliche Probleme und Schwierigkeiten frühzeitig angehen zu können.

Wichtige Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit sind … > Kommunikation auf Augenhöhe, > Zuverlässigkeit, > geklärte Rahmenbedingungen (Finanzen, Raum, Material …), > zielgruppengerechte Angebote, > Ansprechpartner und qualifiziertes Personal (Trainer, Üungsleiterin oder Übungsleiter).

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Wir bewegen Die Turn- und Sportgemeinde Niefern 1884 e. V. Daniela Jakob

Die TSG Niefern hat insgesamt 1.900 Mitglieder und ist damit der mitgliederstärkste Verein der Gemeinde Niefern-Öschelbronn und zweitgrößte Sportverein des Enzkreises. Die TSG Niefern ist nach den Definitionen des Sports ein klassischer Mehrspartenverein, von dessen sportlicher Vielfalt die Mitglieder und Kursteilnehmer profitieren.

Sport für Alle und für Jeden Der Verein verteilt seine Schwerpunkte auf die sechs Säulen Wettkampfsport (auch mit Nachwuchsgruppen), Freizeitsport (Kinder bis Senio­ren), Gesundheitssportangebote in Kursform (Rücken, Aqua, …), Reha-Sport (14 Gruppen mit unterschiedlichen Schwerpunkten), Überfach­liche Jugendarbeit und das Bündnis für Sport und ausreichende Bewegung. Diese Säulen komplettieren das Sportbild der TSG sinnvoll und bedarfsgerecht, weil sie gesellschaftliche Entwicklungen aktiv aufgreifen.

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Fotos: TSG Niefern

Bündnis für Sport und ausreichende Bewegung Das Bündnis für Sport und ausreichende Bewegung erwuchs aus einer problematischen Ausgangslage heraus: Freie Hallen waren kaum zu bekommen, da die Nachmittagsangebote des Vereins erst ab 14 bzw. 15 Uhr nachgefragt wurden und sich zu diesen Zeiten drängten. Die Übungsleiterbesetzung und der Ausbau der Kindergruppen gestalteten sich entsprechend schwierig. In der Gründungsphase des Aktionsbündnisses im Jahr 2003 nahm der Verein zur Schule und zur Gemeinde Kontakt auf. Das Ziel war die Etablierung weiterer allgemeiner vereinsübergreifender Bewegungsförderungsprogramme für möglichst viele Kinder. Schnell bildete sich ein Netzwerk: Sportvereine, Gemeinde, Kindergärten, Schulen und Schulverantwortliche, weitere Institutionen mit projektbezogener Mitarbeit (Jugendpfleger, Schulsozialarbeiter, Förderverein, Polizei, Sportkreis, …) arbeiten nun zusammen.


Kooperation zwischen Schule und Sportverein

Klare Struktur als Erfolgsfaktor Ein Erfolgsfaktor für das Netzwerk ist eine klare Organisationsstruktur. Die Schirmherrschaft für das Bündnis liegt bei der Gemeinde, die TSG Niefern versteht sich als „Motor“ und die konkreten Planungen liegen bei vier Arbeitsgruppen (Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, Events). Der Lenkungsausschuss und die vier Arbeitsgruppen treffen sich regelmäßig.

Angebote für Kindergärten und Schulen Die TSG Niefern engagiert sich in vielfältiger Weise in der Kinder- und Jugendbildung. Die Regelangebote an Kindergärten sind wöchentliche Angebote wie zum Beispiel freie Bewegungsangebote am Nachmittag oder Kindergartenspielfeste. Zu den Schulangeboten gehören Sport-AGs, Mittagspausensport, Grundschulspielfeste oder auch Schwimmkurse. Weitere Zusatzangebote und Events sind die Ferienbetreuung, Regel-Praktika für Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse, Sport-Events wie Schulsporttag, Basket-Night oder ein Angebot für Sportler mit Berhinderung.

Mehrgliedrige Finanzierung Die TSG Niefern nutzt für die Finanzierung seiner Angebote einen Mix aus verschiedenen Quellen: Neben der Unterstützung durch die Gemeinde ist ein wichtiger Faktor die Kooperation Schule-Verein, für die der Verein Förderung beantragen kann. Teilnehmerbeiträge, die Eigenfinanzierung des Vereins, Sponsoring und Projektmittel sind weitere Einnahmequellen. Finden die Schulangebote im Jugendbegleiter-Programm statt, kann die Schule der Jugendbegleiterin oder dem Jugendbegleiter eine Aufwandsentschädigung bezahlen.

Jeder Partner muss profitieren In der Regel bedeutet die Netzwerkarbeit einen hohen Zeitaufwand. Sie sollte daher stets dem Ziel dienen, dass alle Netzwerkpartner von der Zusammenarbeit profitieren und sich die Arbeitsinhalte teilen. Für eine zukunftsgerichtete Planung in Vereinen ist die Netzwerkarbeit mit Partnern unumgänglich, denn nur so kann eine Bandbreite an individuell zugeschnittenen Sport- und Betreuungsangeboten entwickelt werden, die den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen Spaß machen und sie in Bewegung bringen!

Kooperation verbessert das Image

Kontakt:

Es gibt sowohl Chancen als auch Risiken für Vereine bei der Zusammenarbeit mit externen Partnern. Zum einen entsteht in der Öffentlichkeit durch die neuen Tätigkeitsfelder ein neues Image des Vereins. Er hat die Möglichkeit, sich zu positionieren und an verschiedenen Lernorten zu zeigen, wie er sich engagiert, und dadurch sogar neue Mitglieder zu gewinnen. Zum anderen kann die Öffnung nach außen aber auch den Verlust von Mitgliedern bedeuten, da diese nur das einzelne Angebot wahrnehmen, aber nicht mehr in den Verein eintreten.

Turn- und Sportgemeinde 1884 Niefern e. V. Stefan Ermentraut Bischwiese 2 75223 Niefern Tel.: 07233/4168 Fax: 07233/942467 E-Mail: info@tsg-niefern.de www.tsg-niefern.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Durch Vernetzung zum Erfolg für alle Der Sportkreis Pforzheim Daniela Jakob

In Brennpunktschulen organisiert der Sportkreis Pforzheim zusätzliche Sportangebote für Schwerpunktschüler. Denn Sport, Spiel und Bewegung hilft, das Selbstwertgefühl zu steigern und sich in eine Gemeinschaft zu integrieren. Beim Sportkreis Pforzheim wird unter der Leitung von Tobias Müller das Projekt „Sport Hilft!“ – Fair und Fit, komm mach mit! umgesetzt. Das Projekt wurde Ende 2004 vom Sportkreis Pforzheim Enzkreis e. V. als regionaler Vertreter aller Sportarten und Sportvereine ins Leben gerufen. Ziel ist die Durchführung von Sportangeboten im Pforzheimer Stadtgebiet in enger Zusammenarbeit mit den Schwerpunkt- und Brennpunktschulen (Grund-, Haupt- und Förderschulen) und den sozialen Einrichtungen. Die Angebote sind so gestaltet, dass jeder davon ausreichend profitiert. In erster Linie betrifft das die Kinder und Jugendlichen in den sozial benachteiligten Stadtteilen Pforzheims, des weite-

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Fotos: Sportkreis Pforzheim

ren die Stadt Pforzheim, den Sportkreis Pforzheim Enzkreis e. V., die Sportvereine, die Schulen und weitere Kooperationspartner wie soziale Einrichtungen.

Dauerhafte Integration in den Sportverein Kinder und Jugendliche, die in einem schwierigen sozialen Umfeld aufwachsen, haben oft ein Wohnumfeld in den sozialen Brennpunkten Pforzheims, das ihnen wenig Bewegungs-, Spiel- und Sportmöglichkeiten bietet. Zudem fehlt den meisten die finanzielle und familiäre Unterstützung, um sich dauerhaft in einen Sportverein einzugliedern. Die besondere pädagogische Ausrichtung der Sportangebote setzt bewusst die soziale Wirkung des Sports ein. Die Kinder und Jugendlichen werden in eine Sport treibende Gruppe integriert und erfahren die Möglichkeit und Bedeutung einer sinnvollen sportlichen Freizeitbetätigung. Sie bekommen die Gelegenheit Aggressionen abzubauen unter der Beachtung und


Kooperation zwischen Schule und Sportverein

Wertschätzung von Regeln und Mitspielern bzw. sportlichen Gegnern.

Sport ist ideal zur Gewaltprävention Diese Sportangebote wecken durch ihre große Vielfalt an Sportarten ein großes Interesse und erzielen insgesamt durch Aggressionsabbau, soziale Integration und Entwicklung von Teamfähigkeit eine gewaltpräventive Wirkung. Die Kinder und Jugendlichen werden wieder vereinsfähig gemacht und erhalten durch die Übungsleiter und Trainer des Projekts ihren Kontakt zu einem Sportverein, wodurch die Hemmschwelle zum Verein reduziert wird.

Dreigliedriges Angebot

Getragen auf vielen Schultern

Das Projekt besteht aus drei Säulen, die passgenaue Angebote für verschiedene Situationen sicherstellen.

Die Organisation des Projekts liegt bei mehreren Partnern. Beteiligt sind: > SJR Betriebs GmbH > Sportkreis Pforzheim Enzkreis e. V. > Jugendförderung der Stadt Pforzheim > Honorarkräfte > Ehrenamtliche

Säule 1: Offene Angebote In den offenen Angeboten profitieren die Kinder und Jugendlichen von aktiven und betreuten (Mittags-)Pausen und sportlichen Angeboten in den Sporthallen oder auf den Schulhöfen. Die Angebote sind niederschwellig gestaltet und wenden sich weitestgehend unabhängig von Alter und Geschlecht an alle Interessierten. Säule 2: Regelangebote Schwerpunktmäßig finden hier Sport AGs und Angebote an Grund-, Haupt- und Förderschulen statt. Ergänzt werden diese durch KITA-Bewegungsprogramme und die Ferienbetreuung. Die Ferienbetreuung gewährleistet eine geregelte Ganztagsbetreuung über die Schulzeit hinaus und bietet eine attraktive Möglichkeit der Freizeitgestaltung für Kinder und Jugendliche die nicht in den Urlaub fahren (können). Säule 3: Sportveranstaltungen/Events Hier werden zahlreiche Events organisiert, durchgeführt und unterstützt. Die Vielfalt der Veranstaltungen bietet Jugendlichen eine abwechslungsreiche und sinnvolle Abend- und Wochenendgestaltung. Viele der Events sind ein Treffpunkt vieler Jugendlicher ganz verschiedener Kulturen, Stadtteile und Bildungsstände.

Öffnung zu anderen Lernformen erfolgreich Das Projekt ermöglicht eine Vernetzung von Sport- und Sozialarbeit und unterstützt Kooperation wie die Kooperation Schule/ Kita und Verein. Dadurch erhalten die Vereine die Möglichkeit, aktiv Ganztagsschule mitzugestalten und sich – gerade durch die niederschwelligen sportlichen Freizeitangebote – gegenüber anderen Lernformen zu öffnen. Nur durch erfolgreiche Vernetzung können sich unterschiedliche Partner gegenseitig bereichern und ihre Angebote weiterentwickeln.

Kontakt: Sportkreis Pforzheim Tobias Müller Habermehlstr. 20 75172 Pforzheim Tel.: 07231/33500 www.sportkreis-pforzheim.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Ergebnisbericht des Seminars „Kooperation zwischen Schule und Sportverein“ Daniela Jakob

Am 29. Juni 2011 fand in der Liederhalle Stuttgart auf dem Fachtag „Jugendbegleiter.Schule.Jugendbildung“ ein Seminar mit dem Titel „Wege der Zusammenarbeit von Sportvereinen und Schulen“ statt. Unter der Moderation von Jürgen Heimbach, Geschäftsbereichsleiter „Bildung, Wissenschaft und Schulen“ im Württembergischen Landessportbund e. V. (WLSB) stellen die Referenten Hanna Kapp (WLSB), Stefan Ermentraut (TSG Niefern e. V.) und Tobias Müller (Sportkreis Pforzheim Enzkreis e. V.) verschiedene Formen der Kooperation von Sportvereinen und Schulen vor. In ihrem Vortrag stellte Hanna Kapp zunächst die Arbeit des WLSB vor und zeigte die komplexen Herausforderungen auf, vor der sowohl Schulen als auch Sportvereine stehen. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen ergeben sich für die Vereine sowohl Vorteile (Neupositionierung, Imageaufbau) als auch Nachteile (Grenzen in der Angebotsgestaltung, Mitgliederverlust durch ganztägige Schulzeiten). Sie zeigte verschiedene Erfolgsfaktoren auf, die für eine gelingende Kooperation von Bedeutung sind. Im Anschluss daran präsentierten sich zwei Vereine, die sehr erfolgreich in der Gestaltung von Kooperationen mit schulischen Partnern agieren. Stefan Ermentraut von der TSG Niefern e. V. schilderte eindrücklich die Unterschiede, die zwischen den Systemen Schule und Verein bestehen. Damit eine gewinnbringende Zusammenarbeit gewährleistet werden kann, müssen die Akteure eine gemeinsame Sprache finden, um sich über ihre Ziele auszutauschen. Diese Ziele müssen dabei als Ziele der Kooperation gedacht werden, die über die einzelnen Trägerstrukturen hinausgehen. Tobias Müller vom Sportkreis Pforzheim Enzkreis e. V. stellte das Projekt „Sport Hilft!“ – Fair und Fit, komm mach mit! vor.

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Das Projekt fördert die Zusammenarbeit von Schwerpunktund Brennpunktschulen und den sozialen Einrichtungen in Pforzheim bei der Durchführung von Sportangeboten. So werden auch diejenigen Jugendlichen erreicht, die den Weg zum Verein nicht von sich aus gehen würden. Die Sportangebote fördern das soziale Miteinander und wirken Aggressionen und Gewalt entgegen. Eine Herausforderung bei vielschichtigen Finanzierungsmodellen der Vereine ist es, eine Doppelfinanzierung zu vermeiden. Die Vielzahl der Finanzierungsmöglichkeiten (Kooperation Schule-Verein, FSJ/Bundesfreiwilligendienst, Jugendbegleiter-Programm etc.) muss mit Sorgfalt betrachtet werden, um sicherzustellen, dass die einzelne Maßnahme finanziert ist, jedoch keine Überschneidung mit anderen Förderprogrammen vorliegt. Einig sind sich die Referenten darin, dass eine gelingende Kooperation und eine fruchtbare Netzwerkarbeit ein „Mehr“ an Zeit erfordert, aber auch viele Gestaltungsspielräume und Tätigkeitsfelder neu erschließt.


Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit – Berührungspunkte und Abgrenzungen

Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit Berührungspunkte und Abgrenzungen Martin Bachhofer

Die Landesarbeitsgemeinschaft Offene Jugendbildung (LAGO) als Dachorganisation für die Offene Kinder- und Jugendarbeit in Baden-Württemberg beschäftigt sich seit ihrer Gründung im Jahr 2006 intensiv mit dem Themenkomplex Kooperation Jugendarbeit – Schule. Sie vertritt dabei eine klare Position. Eine intensivere Kooperation von Offener Kinder- und Jugendarbeit mit der Schule ist sinnvoll und notwendig. Funktionieren kann diese Zusammenarbeit dann, wenn die Grundlagen und Arbeitsprinzipien – Freiwilligkeit, Offenheit und Partizipation – die den Erfolg der Offenen Kinder- und Jugendarbeit garantieren, respektiert werden. Die Schule hat in den vergangenen Jahren immer wieder Veränderungen erfahren und dies wird in den kommenden Jahren sicherlich noch verstärkt der Fall sein. Im Zentrum der Diskussion steht die Einführung der Ganztagsschule mit dem Ziel, die Bildungsgerechtigkeit zu verbessern und den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Die Offene Kinder- und Jugendarbeit sieht sich innerhalb dieser Zielsetzung als ein wichtiger Partner, der aufgrund seiner spezifischen Rahmenbedingungen und Erfahrungen Bildungsprozesse initiieren kann, die die Schulbildung im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses ergänzen. Vor diesem Hintergrund hat die LAGO die Rahmenvereinbarung zur Jugendbegleiterin oder zum Jugendbegleiter bei der Programmeinführung mitunterzeichnet. In der bisherigen Praxis hat sich gezeigt, dass das Jugendbegleiter-Programm in einem Gesamtkonzept zur Ganztagsschule ein ergänzender Baustein sein kann. Es ist jedoch im Jugendbegleiter-Programm bisher nicht vorgesehen, andere Arbeitsfelder außerhalb der Schule institutionell dauerhaft zu beteiligen. Dafür sind die Mitgestaltungs- und Steuerungsmöglichkeiten für Kooperationspartner zu gering. Darüber hinaus sind die Einsatzzeiten am Nachmittag

für berufstätige Ehrenamtliche schwierig. Dies führt aus Sicht der LAGO zum überwiegenden Einsatz von engagierten Einzelpersonen aus dem Umfeld der Schule). Im Jugendbegleiter-Programm sind wichtige Verständigungsprozesse nicht angelegt. Es ist zwar aufwendig, aber notwendig den Bildungsbegriff und die unterschiedlichen Perspektiven auf die Kinder und Jugendlichen zwischen außerschulischer Jugendbildung und Schule zu diskutieren, um für alle Beteiligten eine win-win-Situation zu erzeugen. Die Kritik an strukturellen Aspekten des Programms schmälert keineswegs das Engagement und die Leistungen der vielen Ehrenamtlichen im Jugendbegleiter-Programm, die ihre Zeit und ihre Kompetenz in die Schule einbringen. Dieses Engagement erkennt die LAGO ausdrücklich an, wird sich aber gleichzeitig weiterhin dafür einsetzen, dass es im Sinne der Ermöglichung einer strukturellen Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Partnern weiterentwickelt wird.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Die Wendlinger Trainingsinsel Ein Kooperationsprojekt zwischen Schule und Jugendhaus Christof Georgi/Karl Häberle

Die Trainingsinsel ist ein Projekt, das an der

Die Trainingsinsel wird getragen vom Jugendhaus Zentrum Neuffenstraße, der Ludwig-Uhland-Schule (GWRS) und der Anne-Frank-Schule (Förderschule). Sachträger des Projekts sind die Schulen und das Jugendhaus. Die Gruppe der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendhauses begleitet.

Schulleitung vertreten. Die Ehrenamtlichen brachten Erfahrungen aus folgenden Berufsfeldern ein: (pensionierter) Sonderschullehrer, (ehemaliger) Ausbildungsleiter in der Industrie, Erzieherin, Juristin, Bürokauffrau und Personalamtsleiterin. Die Trainingsinsel in Wendlingen wurde 2006/07 einer Eigen- und Fremd­evaluation unterzogen. In den folgenden Jahren wurde der Intensivkurs Mediation noch mehrmals angeboten. Es entstanden weitere Trainingsinseln in Nürtingen, Wernau und Altbach. Zwei Jugendbegleiter aus dem ersten Kurs machen heute noch in der Wendlinger Trainingsinsel mit. Drei neue Ehrenamtliche sind 2010 dazu gestoßen. Die gemeinsame Zielgruppe und die lokale Gegebenheit (die Schulen und das Jugendhaus liegen direkt nebeneinander) lieferten, neben der großen Erfahrung bei der Begleitung von Ehrenamtlichen, weitere Gründe für eine Kooperation mit der offenen Jugendarbeit.

Geschichte der Trainingsinsel in Wendlingen

Einführung und Start der Trainingsinsel (TI)

Ausgehend von den guten Erfahrungen mit der Trainingsinsel in Neuhausen a. d. F. entwickelte die Geschäftsführung des Kreisjugendrings zusammen mit dem Kreisseniorenrat die Idee eines gemeinsamen Projekts „Mediation an Schulen“. Im Frühjahr 2005 wurde ein dreitägiger Intensivkurs Mediation (Kon­struktive Konfliktlösung im Schulalltag) entwickelt und beworben. Menschen aus dem ganzen Kreis zeigten ihr Interesse – auch im Hinblick auf einen späteren ehrenamtlichen Einsatz in der Trainingsinsel an einer Schule. Nach einem ersten Informationsabend mit 14 Personen fand das Seminar im Sommer 2005 im Jugendhaus in Wendlingen unter der Anleitung von Magda Polinska statt. Von den damals ausgebildeten Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern hospitierten acht zusätzlich in der Trainingsinsel der FriedrichSchiller-Schule in Neuhausen. Sieben Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer wurden im Schuljahr 2005/06 aktiv in die Trainingsinsel der LUS eingebunden. Unter den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern war mit Regina Bönisch (damals Konrektorin, seit August 2006 Rektorin der LUS) auch die

Am 4. Oktober 2005 startete die Trainingsinsel. Im Vorfeld wurden die Eltern informiert. Den Schülerinnen und Schülern wurden die Zielsetzungen der Trainingsinsel erklärt und die drei Regeln vorgestellt: 1. Jede Schülerin, jeder Schüler hat das Recht auf ungestörten Unterricht. 2. Jede Lehrkraft hat das Recht, ungestört zu unterrichten. 3. Jede Person respektiert die Rechte der anderen.

Ludwig-Uhland-Schule (LUS) in Wendlingen a. N. durchgeführt wird. In einem eigenen Raum wird dabei mit Schülerinnen und Schülern soziales Verhalten trainiert, die zum zweiten Mal eine Störung im Unterricht verursacht haben.

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In jedem Klassenzimmer und Fachraum wurden sie ausgehängt. Weitere Informationen zur Konzeption und zur genaueren Arbeitsweise der Trainingsinsel sind in der Literaturliste am Ende des Textes zu finden. Anfangs nutzten die Trainingsinsel nur wenige Lehrkräfte. Im Laufe der ersten Schuljahre verbreitete sich diese Basis. Schülerinnen und Schüler der Klassen 5, 6, 7 und 8 besuchen die Trainingsinsel häufig und vereinzelt auch Schülerinnen und Schüler der Grundschule. Die Lehrkräfte gaben positive Rückmeldungen: Sie erlebten mehr Ruhe und Konzentration für das


Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit – Berührungspunkte und Abgrenzungen

Lehren und Lernen im Klassenzimmer und Schritte zu einer verbesserten Regelbeachtung bei den Schülerinnen und Schülern, die die Trainingsinsel besucht hatten.

Schulinterne Fortbildung zum kompetenten Umgang mit der Trainingsinsel Eine Gesamtlehrerkonferenz mit pädagogischem Schwerpunkt vertiefte im März 2006 die Arbeit mit der Trainingsinsel. Zu dieser Fortbildung waren auch die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter und Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen eingeladen. Anschließend folgten vier Gesprächsgruppen, in denen die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie geschulte Lehrkräfte die Beratungsarbeit im Trainingsraum darstellten. Es folgte ein engagierter Dialog über die Möglichkeiten und Schwierigkeiten im Umgang mit der Trainingsinsel. Dabei wurden Fragen diskutiert wie: Welche Hindernisse gibt es für mich als Lehrkraft, das Angebot (stärker) zu nutzen? Können auch Grundschülerinnen und Grundschüler die Trainingsinsel besuchen?

Organisationsstruktur der Trainingsinsel (TI) und Arbeitsweise der TI-Steuergruppe Die Trainingsinsel wird an vier Vormittagen von Ehrenamtlichen aus dem Landkreis Esslingen betreut. Einen Vormittag decken die Ludwig-Uhland Schule und die Anne-Frank-Schule selbst ab. Können die eingeteilten Personen ihre Aufgabe nicht erfüllen, engagieren sich die Hauptamtlichen des Jugendhauses. Ehrenamtliche, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und vier Lehrkräfte der LUS treffen sich alle sechs Wochen in der TI-Steuergruppe zum Austausch und zur Weiterentwicklung der Trainingsinsel. Ein Klau­surnachmittag und ein Fortbildungstag 2006 und 2007 beschäftigte sich mit folgender Fragestellung: Wie läuft die Kommunikation unter den an der Trainingsinsel beteiligten Partnern? Die Bewertung der Qualität fiel unterschiedlich aus. Ein Teil äußerte hohe Zufriedenheit, andere zeigten sich unzufrieden. Die Kommunikation der am Projekt beteiligten Personen spielt eine entscheidende Rolle. Deshalb wurden über einen Zeitraum von sechs Monaten die Sitzungen der Steuergruppe durch Gruppensupervisionssitzungen ergänzt.

Lehrkräfte arbeiten am selben Projekt. Sie nehmen dabei verschiedene Rollen (Nutzer der TI, Gesprächspartner in der TI, Gesprächspartner der Schulleitung, Partner untereinander) ein, verfügen über unterschiedliche Berufserfahrungen und haben unterschiedliche Arbeitsaufträge. Die Lehrkräfte arbeiten als ausgebildete Pädagoginnen und Pädagogen in der Schule, die Ehrenamtlichen und Sozialpädagoginnen und -pädagogen kommen von außen in die Schule hinein. Alle verfolgen das Ziel, Schülerinnen und Schüler in ihrem Sozialverhalten zu fördern. Die Sichtweisen und Verständnisse von Schule sind jedoch in der TI-Steuerungsgruppe unterschiedlich und treten gelegentlich auch in Spannung.

Außerschulische Personen als Kompetenz- und Ressourcenerweiterung Losgelöst vom Schulalltag können die Ehrenamtlichen ihre Erfahrungen und ihre Person im Trainingsraum einbringen. Dadurch erweitern sich die Sichtweisen. Die störenden Schülerinnen und Schüler erkennen: „Ich werde mit meinen Schwierigkeiten nicht allein gelassen. Ich bekomme Hilfe.“ Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte bekommen Rückenwind, fühlen sich nicht allein gelassen, sondern gestärkt. Auch für die Eltern entsteht ein nachhaltiger Eindruck. Sie erfahren, dass sich mehrere Personen darum bemühen, ihr Kind optimal zu fördern. Durch die gemachten Erfahrungen sind wir überzeugt, dass mit der Wendlinger Trainingsinsel eine gute Kombination von ehrenamtlichem Einsatz, professioneller Unterstützung durch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen aus der offenen Jugendarbeit und Lehrkräften gelungen ist. Dies unterstützt die Alltagsarbeit in der Schule und inspiriert auch die Schulentwicklung. Das Projekt Trainingsinsel mit ehrenamtlichen Partnern von außen ist ein Beispiel, das auch an anderen Orten Schulen dieses Konzept umsetzen können.

Literatur- und Internethinweise, Kontakt: > Stefan Balke, Spielregeln im Klassenzimmer, Bielefeld, 1999 > www.trainingsraum.de > Kontaktbüro Prävention im Kultusministerium: www.kontaktbuero-praevention-bw.de

Kontakt: Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und Lehrkräfte als pädagogische Partner Die gemeinsame Beratung und der Austausch unter den verschiedenen Trainingsinsel-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern erweist sich als Herzstück für die Arbeit mit dem TrainingsraumKonzept. Ehrenamtliche aus unterschiedlichen Berufsbereichen, begleitet von Hauptamtlichen aus der offenen Jugendarbeit und

Jugendhaus Zentrum Neuffenstr. 74 73240 Wendlingen am Neckar Tel.: 07024/52001 E-Mail: jugendhaus.zentrum@t-online.de www.jh-zentrum.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

CityCult – ein Jugendtreff kooperiert mit Schulen Markus Tiemeyer

CityCult ist ein offenes Angebot für Jugendliche, realisiert von der Evangelischen Altstadtgemeinde Heiliggeist-Providenz in Kooperation mit der Stadt Heidelberg. Bei CityCult ist man bestrebt, den Jugendlichen ein möglichst breites und vielfältiges Spektrum an Aktivitäten und Veranstaltungen anzubieten. Dazu gehören das offene Angebot im Jugendtreff mit Internetcafé, zahlreiche Workshops, Sozialprojekte, Kontaktarbeit zu den Schulen und verschiedene Ferienangebote und -freizeiten. Mit zwei Altstadtschulen gab es schon immer einen sehr guten und engen Kontakt – mit der Theodor-Heuss-Realschule und dem HölderlinGymnasium. Traditionell gab es diese Kontakte sowohl auf der Leitungsebene, aber auch zwischen CityCult und der SMV des Hölderlin-Gymnasiums. Der Bekanntheitsgrad von CityCult ist gut. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligen sich an stadtteilbezogenen Projekten wie den Stadtteilrahmenplan-Workshops, an Veranstaltungen wie dem Markt der Möglichkeiten oder verschiedenen Gemeindefesten der Kirchen.

Jugendarbeit muss sich ständig anpassen Wie bereits erwähnt, unterhält CityCult besonders enge Beziehungen zum Hölderlin-Gymnasium sowie zur Theodor-HeussRealschule. Nun ist es so, dass die Neuerungen im Schulwesen sich nicht gerade unerheblich auf den Arbeitsalltag im CityCultJugendtreff auswirken. Die Besucherzahlen sind durch die längeren Schultage der Jugendlichen und nicht zuletzt durch G8 gehörig gesunken. Hatte der Jugendtreff noch vor fünf Jahren durchschnittlich 37 Besucher/Tag, kommen heute durchschnittlich nur noch 21 Besucher/Tag. Besonders ist die fehlende Zeit

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Foto: CityCult

bei den Jugendlichen merkbar, von denen früher ältere Geschwister in die Einrichtung kamen, um dort – wenn die Hausaufgaben erledigt waren – ganze Nachmittage zu verbringen. Das kommt heute kaum noch vor. Jenny beispielsweise kommt immer donnerstags zwischen 18:05 Uhr und 18:30 Uhr, weil genau dies ihr zur Verfügung stehendes Zeitfenster ist. Ihre Brüder hingegen haben früher „fast bei uns gewohnt“. Natürlich haben die Verantwortlichen im Jugendamt diese rückläufige Entwicklung bemerkt. Und so wurden die Jugendtreffleiterinnen und -leiter aufgefordert, neue Wege zu gehen, viele Kooperationen – auch mit Schulen – zu suchen, um neue Arbeitsfelder zu erschließen. Für CityCult bedeutete diese Neuaufstellung nicht allzu viel Umstellung, wurde doch schon immer mit Schulen kooperiert.

Dann eben rein in die Schule Die CityCult-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter verbringen sehr viel Zeit im Hölderlin-Gymnasium. Nachdem es sich gelohnt hat, den offenen Treff bereits ab 13:00 Uhr zu öffnen, um den


Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit – Berührungspunkte und Abgrenzungen

Schülerinnen und Schülern der Altstadtschulen eine Möglichkeit zum Verbringen ihrer Mittagspause zu bieten (hier kamen deutlich zu wenig Kinder und Jugendliche), wurde überlegt in Räumlichkeiten der Schule ein Schülercafé einzurichten. Bereits im Frühjahr 2010 gab es ein gemeinsames Treffen zwischen CityCult und der Direktion des Gymnasiums mit dem Jugendamt der Stadt Heidelberg. Die Pausenbetreuung ist seit den Herbstferien 2010 bereits angelaufen. Im Frühjahr 2011 wurde der Raum des Schülercafés offiziell eröffnet. Der Name des Projekts: „sChOOL-BREAK“.

CityCult ist nicht Sozialarbeit Die CityCult-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter leiten die Schülerinnen und Schüler an, spielen mit ihnen und kümmern sich um deren Probleme. Allerdings ist ganz klar festgelegt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter keine Schulsozial­arbeiterinnen und -arbeiter sind. Sie versuchen bei Problemen und Schwierigkeiten zwischen Schule und Schülerinnen und Schülern zu vermitteln – jedoch nur bei Jugendlichen, die aus dem Treff von den Angeboten her bekannt sind und die einen Bezug zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben.

Spaß und Spiel zum Mitnehmen „sChOOL-BREAK“ ist ein Spieletreff, den die CityCult-Mit­ arbeiterinnen und -mitarbeiter gemeinsam mit ehrenamtlichen Schülerinnen und Schüler betreiben. Sie betreuen die Ausgabe von Spielen und werden darauf vorbereitet ab dem nächsten Schuljahr eigenständige Betreuungsangebote als Jugendbegleiterin oder Jugendbegleiter durchzuführen. Der Spieletreff ist täglich zwischen 13.00 Uhr und 14.00 Uhr geöffnet. Die Spieleecke wurde schon vor der Etablierung des offenen Treffs des Jugendhauses an der Schule von ehrenamtlichen Schülerinnen und Schülern betreut. Die Ausgabe der Spiele wird nun durch den betreuten offenen Treff ergänzt und künftig ausgebaut, indem auch Junior-Jugendbegleiterinnen und -begleiter die Betreuung im Rahmen des offenen Treffs eigenständig durchführen. Herzstück ist die „Spielekiste“, aus der man gegen Pfand Spiele ausleihen kann.

Pilotprojekt an Heidelberger Gymnasien Das Schülercafé und das gesamte Engagement am HölderlinGymnasium ist Neuland für den Jugendtreff, da alle Kooperationen zwischen Jugendtreff und Schule bislang immer mit Hauptund Realschulen stattgefunden haben. In Heidelberg stellt dies Modellcharakter dar.

Kontakt: CityCult Klingenteich Str. 12 69117 Heidelberg Tel.: 06221/7254593 E-Mail: mail@citycult-heidelberg.de www.citycult-heidelberg.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Ergebnisbericht des Seminars „Jugendbegleiter und die offene Jugendarbeit – Berührungspunkte und Abgrenzungen“ Anke Sudhoff

Im Mittelpunkt des Seminars stand einerseits die inhaltliche Vorstellung zweier Praxisbeispiele, bei denen das Jugendbegleiter-Programm von Offener Jugendarbeit (OJA) und Schulen gemeinsam wahrgenommen wird, andererseits die Frage nach den positiven Einflussfaktoren für das Gelingen des Jugendbegleiter-Programms bzw. von Kooperationen zwischen Offener Jugendarbeit und Schule. Zuerst wurde das Praxisbeispiel „Trainingsinsel“ vorgestellt, ein Projekt des Wendlinger Jugendhauses in Zusammenarbeit mit der LudwigUhland Grund-, Haupt- und Werkrealschule. Dabei arbeiten Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter zusammen mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern, um Konflikte zu reflektieren und ein verbessertes soziales Verhalten zu entwickeln. Im zweiten Praxisbeispiel wurde die Zusammenarbeit des Heidelberger Jugendtreffs „City Cult“ mit zwei Schulen erläutert. Nachdem es in den vergangenen Jahren viele gemeinsame Sozialprojekte von Jugendtreff und Schulen gab, soll vor diesem Hintergrund nun das Jugend­begleiter-Programm an diesen Schulen eingeführt werden. Folgende Punkte wurden im Seminar als positive Einflussfaktoren, die zum Gelingen der Projekte geführt haben, benannt: die intensive Betreuung der Jugendbegleiterinnen, Jugendbegleiter und Ehrenamtlichen; die räumliche Nähe von Jugendeinrichtung und Schulen; die Offenheit der Schulen gegenüber Neuem von außen; die gemeinsame, von allen getragene Konzeption; dauerhaftes Interesse der Schule/ des Kollegiums; gute Organisation des Arbeitsumfeldes der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter (Räume, Materialien); Balance von Verantwortung und Belastung für die Ehrenamtlichen; Präsenz des Programms an der Schule; „Anerken-

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nungskultur“ für die Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter; Steuerungsgruppe zum Austausch über die Tätigkeit; dauerhafte Bindung der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter durch OJA; unverbindliche Einstiegsmöglichkeiten für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter; Schlüsselpersonen, die Interesse am Programm zeigen und Initiatoren. Ausdrücklich entwicklungshemmende Einflussfaktoren wurden nicht erwähnt. Aus dem Plenum kamen vor allem Fragen zu zwei Themenkomplexen: erstens die Frage nach Ansprechpartnern und praktischer Hilfestellung zur Imitierung von Kooperationen mit Offener Jugendarbeit bzw. des Jugendbegleiter-Programms; zweitens die Frage der Finanzierung von Kooperationen und dem Jugendbegleiter-Programm generell. Beides konnte nicht abschließend geklärt werden. Insgesamt scheint von Seiten der Schulen großes Interesse am Jugendbegleiter-Programm und an Kooperationen mit OJA zu bestehen, diese benötigen allerdings beim Aufbau des Programms bzw. von Kooperationen konkrete Anleitung und stärkere Unterstützung.


Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine

Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine Anne Kreim

Fotos: Landesverband der Schulfördervereine Baden-Württemberg e. V.

Der Landesverband der Schulförder­ vereine Baden-Württemberg e. V. (LSFV), gegründet am 14.11.2003, ist ein Verband für gemeinnützige Schulfördervereine. Er unterstützt und fördert Schulfördervereine in ihrer Arbeit und berät sie in formalen und praktischen Fragen und führt Informations- und Weiter­bildungsveranstaltungen durch. Dabei spielt die Betreuungsarbeit innerhalb Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung immer mehr eine wichtige Rolle. Der Landesverband arbeitet mit der Schulverwaltung auf Landesebene, den Kommunalverbänden und Elterngremien sowie vielen bildungspolitischen Einrichtungen zusammen. Durch die Kooperation und die Anerkennung der Arbeit der Schulfördervereine werden gemeinsame Ziele durch Abstimmung der Aufgaben verfolgt und umgesetzt.

Was leistet ein Schulförderverein im Jugendbegleiter-Programm? Die Organisation und Umsetzung des Jugendbegleiter-Programms wird oftmals von Schulfördervereinen übernommen, die diese Aufgaben in Zusammenarbeit mit den Schulleitungen und Schulgremien gestalten. Mit der Einbindung der Schulfördervereine gelingt es, Eltern in die Schularbeit mit einzubeziehen und den Kontakt und die Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern zu fördern. Die zeitaufwändige Vorbereitung und Organisation bedarf einer gründlichen Schulung; dabei müssen insbesondere organisatorische Verwaltungsabläufe und Bestimmungen berücksichtigt werden. Bei der Vorbereitung entstehen verwaltungstechnische und organisatorische Aufgaben. Zu diesen gehören Planungs- und Organisationsaufgaben wie die Angebotserstellung und die Personaleinteilung für die Betreuung und die Einhaltung der Bestimmungen. Zudem müssen Teilnehmerlisten erstellt, auszuführende Arbeiten überwacht, Termine und Sitzungen geplant, organisiert und dazu eingeladen sowie finanzielle Mittel bei den zuständigen Behörden beantragt werden. Die Bildung der Koordinationsstelle schafft gute Voraussetzung für Schulfördervereine, innerhalb der Schule das Jugendbegleiter-Programm zu organisieren.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Sie bilden eine optimale Schnittstelle zwischen Schule mit Ganztagsangeboten und den außerschulischen Einrichtungen, um somit die Interessen beider Seiten zu verfolgen, Partnerschaften zu bilden, Finanzfragen zu klären und beratend zur Seite zu stehen.

Projekt Koordinierungsstelle – Aufgabenbereiche/Stellenbeschreibung > Anlaufstelle bieten für Bewerbungen für die Ganztagsbetreuung, Datenverwaltung, Weiterleitung der aktualisierten Listen an Schulleitung bzw. Ganztagsschulkoordinatorin, > Übernahme der Vorstellung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Schule für die Ganztagsbetreuung, > Organisation von notwendigen Einweisungen, > Anwesenheitskontrolle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ganztagsbetreuung und Ersatzsuche bei Ausfall,

> Gestaltung der Zusammenarbeit der Koordinierungsstelle mit anderen Bereichen der Schule, dem Schulträger als Zuschussgeber und anderen außerschulischen Partnern, um einen kontinuierlicher Informationsfluss zu gewährleisten,

> Kontrolle der Arbeitszeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Ganztagsbetreuung, anhand von Arbeitszeitblättern, Zeiterfassungsdaten (Erstellen von Monatsberichten),

> Erstellung von Verträgen: Ehrenamtsvertrag (Ehrenamtsversicherung), Erklärung zur Steuerbefreiung der Aufwandsentschädigung, Erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, Verschwiegenheitserklärung,

> Abwicklung der Aufwandsentschädigungen und Veranlassung der Auszahlung der Beträge anhand der Stundennachweise,

> Weiterleitung von Anträgen für finanzielle Unterstützung einzelner Kinder in besonderen Bedarfslagen, um die Teilnahme an kostenpflichtigen Angeboten zu ermöglichen.

> Erstellung und Aktualisierung der Einsatzpläne der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Rahmen der Mensa-Aufsicht, der Hausaufgabenbetreuung und weiterer Maßnahmen tätig sind, > Ansprechpartnerin oder Ansprechpartner für Eltern mit Informationsbedarf zu den Bereichen Ganztagsprogramm und Vereinsaktivitäten, > Zuständigkeit für die Kontaktpflege mit Behörden, Verbänden (Ganztagsschulverband, Netzwerk „Ganztägig lernen“ BW) und anderen Institutionen (z. B. Kinder- und Jugendstiftung), die für die Ganztagsbetreuungsangebote von Bedeutung sind,

Unterstützung durch den LSFV-BW Aufgrund seiner Arbeit mit Schulfördervereinen und seinen intensiven Kontakten zu außerschulischen Verbänden sowie zu wichtigen bildungspolitischen und bildungsrelevanten Gremien kann der Landesverband seine Erfahrungen und seine Kenntnisse an die Schulfördervereine und das Personal der Koordinierungsstelle weitergeben und diese entsprechend fachlich aus- und fortbilden. Der Landesverband bietet besondere Schulungen an zu verwaltungstechnischen und organisatorischen Aufgaben innerhalb der Ganztagsschule. Auch außerhalb der Schulungen erhalten Schulfördervereine Unterstützung und Beratung hinsichtlich des Schulmanagements.

> Übernahme der Recherche nach Fördermöglichkeiten/Sponsoren und den Bereich „Fundraising“, > Erstellung und Bearbeitung von Förderanträge und Nachweisberichte, > Regelmäßige Teilnahme an stattfindenden Teambesprechungen der Schule (Schulleitung, Lehrerinnen und Lehrer, Schulsozialarbeit, Eltern­beirat, Verein). Berichterstattung über wichtige Entwicklungen und Vorkommnisse, > Anlaufstelle für Kooperationspartner (Vereine, Personen) für außerschulische Angebote,

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Kontakt: Landesverband der Schulfördervereine Baden-Württemberg e. V. Berliner Ring 20 72076 Tübingen Tel.: 07071/6878607 E-Mail: info@lsfv-bw.de www.lsfv-bw.de


Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine

Förderverein der Grundschule Neckargröningen e. V. Kerstin Kober-Schiller

Da die Grundschule nur eine kleine Schule ist, hat sich für den Schulträger eine Kernzeitbetreuung an der Schule nicht gerechnet. Somit hat der Förderverein die Betreuung der Kinder selbst in die Hand genommen. Das erste Jahr wurde mit großem Engagement vieler Mütter ein Grundstein gelegt. Die Betreuung hatte einen so guten Erfolg, dass im zweiten Betriebsjahr bereits zwei Betreuungskräfte eingestellt wurden. Trotzdem sind zahlreiche ehrenamtliche Helfer von Nöten, um das Niveau und die kostengünstige Flexibilität zu erhalten.

Beteiligung am Jugendbegleiter-Programm Schulalltag in der einzügigen Grundschule mit 4 KIassen Unterricht: 7.45 – 13.00 Uhr, Mittagsbetreuung: 11.15 – 14.00 Uhr, Vesperangebot für 34 Kinder Hausaufgabenbetreuung: 14.00 – 15.30 Uhr AGs: 14.00 – 16.30 Uhr, 15 AGs und 19 Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter 60 Kinder nehmen an der Hausaufgabenbetreuung und AGs teil.

Aufgaben des Fördervereins Mittagsbetreuung > Kalkulation und Einzug der Elternbeiträge > Erstellung von Anmeldeformularen und Rechnungen > Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben

> Führung von Anwesenheitslisten > Erschließung von Fördergeldern > Zeitaufwand ca. 60 Stunden/2 Personen Hausaufgabenbetreuung > Keine Einnahmen außer Spenden > Erschließung von Fördergeldern > Verwaltung (Abrechnung) > Kostenübernahme (z. B. Bücher) Jugendbegleiter-Programm > Anmelde- und Abrechnungsverfahren > Geringe Elternbeiträge plus Materialkosten, SFV übernimmt Fehlbetrag > SFV stellt Computer, Homepage, Küchengeräte usw. zur Verfügung > Bankverbindung über SFV vereinfacht Abrechnung > Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Anzeigen und Mundpropaganda gewinnen > Runder Tisch Organisation der Arbeitsgemeinschaften > Infoblatt Anmeldeformular > Anmeldebestätigung mit Überweisungsformular > Erstellung einer Anwesenheitsliste > Erstellung Stundennachweisformulare für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter > Abrechnung erfolgt alle 2 Monate

Kontakt: Förderverein der Grundschule Neckargröningen e. V. Eichendorffstr.15 71686 Remseck Tel.: 07146/810370 E-Mail: fgsng@gmx.de www.foerderverein. grundschuleneckargroeningen.de Fotos: Förderverein Grundschule Neckargröningen e. V.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Freundeskreis Burghof-Schule Ofterdingen e. V. Ute Heß

Die Ganztagsbetreuung ist eng mit dem pädagogischen Konzept der Schule verbunden. Das bedeutet, die Regeln des Schulalltags und die Rhythmisierung des Unterrichtstages werden auch in der Ganztagsbetreuung umgesetzt. Eine klare Strukturierung der Räume in einzelne Tätigkeitsbereiche und Nischen sowie klare Abläufe im Tagesgeschehen erleichtern den Kindern die Orientierung und geben ihnen Sicherheit. Angebote des Schulfördervereins > Frühbetreuung > Mittagstisch > Nachmittagsbetreuung einschließlich Hausaufgaben­ betreuung > Außerunterrichtliche Angebote im JugendbegleiterProgramm > Ferienbetreuung Organisation der Ganztagsbetreuung Schulleitung: Gesamtverantwortung, Profil und Konzept Freundeskreis: Träger, Anstellung Betreuungspersonal, Konzept, Koordination mit Vereinen, Unterstützung in besonderen Bedarfslagen

Schulträger: Koordination:

finanzielle Absicherung, Einzug Essensgeld Organisation, Vertretungsregelung, Anmeldungen

Personalaufwand > 5 hauptamtliche Kräfte > 2 ehrenamtliche Kräfte > 17 Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter Aufgaben der Koordination/Organisation > Ansprechpartner für alle Kooperationspartner > Koordination der Angebote > Erstellung der Verträge > Kontrolle der Stundennachweise > Anwesenheitslisten erstellen und regelmäßig kontrollieren > Abrechnung erfolgt alle 2 Monate > Rücksprache mit den Vereinen > Beschaffung von Material und Gerätschaften > Gewinnung neuer Partner im Jugendbegleiter-Programm Betreuung und regelmäßiger Austausch mit den Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern ist wichtig, um deren Bedarf, die Wünsche und Verbesserungs­vorschläge aufzunehmen und für die geleistete Arbeit Wertschätzung entgegenzubringen.

Kontakt: Freundeskreis Burghof-Schule Ofterdingen e. V. Sulzweg 4/1 72131 Ofterdingen Tel.: 07473/23642 E-Mail: freundeskreis@burghof-schule.de www.burghofschule.de

Fotos: Freundeskreis Burghof-Schule Ofterdingen e. V.

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Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine

Ergebnisbericht des Seminars „Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine“ Jannis Carmesin

Im Rahmen des Fachtags fand das Seminar mit dem Titel „Organisation des Jugendbegleiter-Programms mit Unterstützung der Schulfördervereine“ statt. Als Referentin trat Frau Anne Kreim vom Landesverband der Schulfördervereine (LSFV) auf, Teilnehmende waren Vertreterinnen und Vertreter von Schulfördervereinen (SFV) aus ganz Baden-Württemberg, von denen die Mehrheit bereits am Jugendbegleiter-Programm teilnimmt. In ihrem Vortrag stellte Frau Kreim zunächst die Arbeit des LSFVs hinsichtlich seiner Ziele (u. a. Förderung des Ehrenamts, Anerkennung der SFVs in der Bildungsarbeit), Aufgaben und Angebote (u. a. Information, Vernetzung, Beratung, Betreuung, Aus- und Fortbildung Ehrenamtlicher, Projektunterstützung) dar. Anschließend ging sie auf die Aufgabenverteilung zwischen SFVs und Schulen im Jugendbegleiter-Programm ein. Es entstand eine Diskussion, in der deutlich wurde, dass in der Umsetzung der Richtlinien teilweise Klärungsbedarf besteht. Genannt wurden dabei u. a. versicherungstechnische Problematiken für Ehrenamtliche und Schülerinnen und Schüler und fehlende Unterstützung mancher Gemeinden bei der Bezahlung von Kosten für Räumlichkeiten, aber auch, das durch deren reguläre Arbeit bedingte Fehlen von Eltern, die während des Schultags Betreuungsangebote übernehmen könnten. Im Anschluss an den Vortrag von Frau Kreim wurden zwei Modellbeispiele für die Kooperation zwischen Schule und SFV im Jugendbegleiter-Programm vorgestellt, die sich bereits im Alltag der jeweiligen Schule eingespielt haben. Kerstin KoberSchiller von der Grundschule Neckargröningen in Rems­eck erläuterte zunächst ihr Drei-Säulen-Modell aus Vormittags-AGs, Mittagsbetreuung inklusive Verpflegung und Hausaufgabenbetreuung plus AG-Angebote am Nachmittag. Der SFV kümmert sich vor allem um die Personal- und Kontenverwaltung und hat dafür ein vereinfachtes Abrechnungsverfahren für

Excel erstellt, wirbt aber auch Ehrenamtliche für das Jugendbegleiter-Programm und organisiert regelmäßig Runde Tische, um den Austausch zwischen Schule, SFV und Ehrenamt aufrecht zu erhalten. Ein anderes Modell hat sich an der Burghof-Schule Ofterdingen etabliert. Hier, so berichtete Ute Heß, sind Ganztags­ betreuung und Schulalltag eng aufeinander abgestimmt. Jugendbegleiter-Angebote und Betreuungszeiten sind, so Heß, „Entspannungseinheiten für die Schülerinnen und Schüler“. Diese Regelmäßigkeit gebe den Kindern Sicherheit und zusätzliche Förderung. Hierfür trägt die Schulleitung die Gesamtverantwortung, der SFV agiert als Träger und koordiniert gleichzeitig die Zusammenarbeit mit externen Partnern, während der Schulträger für die finanzielle Absicherung des Ganztagsangebots sorgt. Auch in Ofterdingen wird viel Wert auf den Austausch mit den Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern gelegt, um Bedarfe und Wünsche festzustellen, aber auch um den Ehrenamtlichen regelmäßig Wertschätzung entgegenzubringen. Koordination und Organisation übernimmt die Vorsitzende des Fördervereins als Jugendbegleiter-Koordinatorin.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung Elisabeth Yupanqui Werner

Die Bildungslandschaften, die in den letzten Jahren in immer mehr Städten, Gemeinden und Landkreisen entstehen, sind eine wichtige Weiterentwicklung von Einzelkooperationen zwischen Schulen und außerschulischen Partnern. Einzelkooperationen fügen sich nach und nach zu einem gesamten Netzwerk zusammen, das neue Handlungsmöglichkeiten eröffnet, aber gleichzeitig auch neue Aufgaben und Herausforderungen meistern muss. Dabei entsteht eine Vielzahl unterschiedlicher Modelle, unter denen viele gute Beispiele zu finden sind, in denen sich Kommunen auf den Weg machen, passgenaue Lösungen für die Strukturen und besonderen Gegebenheiten vor Ort zu finden. Die Netzwerkanalyse des Projekts „KommLern!“ der Jugendstiftung Baden-Württemberg1 hat gezeigt, dass durch Bildungsnetzwerke bedarfsorientierte Angebote entstehen. Diese Angebote wirken sich positiv auf die Bildungs-, Lern- und Lebensbedingungen von Jugendlichen und deren Eltern aus. Sie ändern das Verhalten der Jugendlichen und machen deren Stärken und Kompetenzen sichtbar. Die außerschulische Jugendbildung kann mit ihren Erfahrungen im Netzwerkmanagement und vielfältigen Bezügen im Sozialraum eine wichtige gestaltende Rolle bzw. eine Brückenfunktion bei der Gestaltung von Bildungslandschaften übernehmen. Ihr zusätzlicher spezifischer Beitrag können Förderung von direkter Beteiligung von Jugendlichen, Förderung von Peer education, Stärkenorientierung und ihr lebensweltorientierter Blick auf die Jugendlichen sein. Alle Partner, die durch die Netzwerkanalyse befragt wurden, haben die Erfahrung gemacht, dass sie durch eine gegenseitige Öff unveröffentlichtes Manuskript (2010), Jugendstiftung Baden-Württemberg.

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nung und eine Öffnung in den Sozialraum hinein einen Mehrwert erfahren. Der Ausbau und die Intensivierung der Kooperationsbeziehungen stärken die positive Außendarstellung der jeweiligen Bildungsträger, und erst gemeinsam konnte das Ziel erreicht werden, eine Bandbreite an individuellen Betreuungsund Bildungsangeboten zu entwickeln. Davon profitieren vor allem die benachteiligten Jugendlichen, da sich so ihre Zukunftschancen maßgeblich verbessern. Diese Erfahrungen machen deutlich, dass es bei der Gestaltung von Bildungslandschaften von zentraler Bedeutung ist, Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen und gemeinsame Leit- und Handlungsziele zu formulieren. Weitreichende Visionen, was beispielsweise mit einer solchen Bildungslandschaft für Kinder und Jugendliche zu erzielen ist, sind ein Motor der Veränderungen für alle Beteiligten. Ob innovative Modelle, die Ganztagsbildung nicht nur auf das Schulgelände begrenzen, sondern selbstverständlich auch andere kommunale Lernorte wie Jugendeinrichtungen, die Musikschule, Räume von Vereinen und Verbänden mit einbeziehen oder Beispiele, bei denen mehrere Schulen gemeinsam mit Eltern und Schülerinnen und Schülern ein gemeinsames Ganztagsschulkonzept entwickeln.


Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung

Klar ist, dass die Gestaltung einer solchen Bildungslandschaft die Rolle eines Koordinators und einer Steuerungsgruppe benötigt und gegenseitige Kommunikation und Transparenz zu den Schlüsselprozessen gehören. Wichtig dabei ist beispielsweise die Schaffung von „Bildungslandkarten“ oder „Bildungsplattformen“, die die unterschiedlichen Erfahrungen, Kompetenzprofile und Angebote der vielfältigen Jugendbildungsträger und außerschulischen Bildungspartner sichtbar machen oder Begegnungsmöglichkeiten zwischen Schulen und außerschulischen Partnern schaffen, bei denen auf Nachfrage der Schulen und Angebote der Partner konkrete Kooperationsangebote entstehen können. Für Partner wird es einfacher, wenn die Suche nach Angeboten und Nachfragen nicht jeder für sich selbst lösen muss, sondern beides durch eine koordinierende Stelle aufeinander abgestimmt wird. Außerdem braucht es Motoren des Netzwerks: also Menschen, die Visionen haben, diese langfristig und Schritt für Schritt umzusetzen. Menschen, die den Prozess vorantreiben und Menschen aus der Politik, die die Notwendigkeit und Chance erkennen, Schulen nicht als Inseln, sondern als Teil einer kommunalen Bildungslandschaft zu sehen, und die sowohl verschiedene Bildungsorte und verschiedene Übergänge im lebenslangen Lernen als Teil des Ganzen erkennen. Die Gestaltung einer Bildungslandschaft bedeutet das Abenteuer eines gemeinsamen Lern- und Veränderungsprozesses für alle Beteiligten. Für das gemeinsame Ziel müssen die Partner klären, welches ihr unverwechselbarer eigener Beitrag und welches ihre Rolle und ihre Aufgabe im Netzwerk sein können. Sobald das geklärt ist, gilt es für jeden Partner, sich kreativ zum Wohl der Kinder und Jugendlichen einzubringen, sich aufeinander zuzubewegen und bereit zu sein, immer wieder von Neuem die eigenen Standpunkte zu hinterfragen.

Die beiden folgenden Praxisbeispiele zeigen, welche Chancen in einer kommunalen Gesamtlösung einer Bildungslandschaft für alle Beteiligte stecken: > Die Verantwortung der Koordination wird klar von einer Institution übernommen und ist damit für alle transparent. > Für Bedarfe wie Akquise, Begleitung und Qualifizierung der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter wird eine Lösung für alle Schulen gefunden. > Es werden gemeinsame Qualitätskriterien festgelegt. > Kommunikationsräume zum gegenseitigen Austausch entstehen durch Arbeitsgruppen für alle Beteiligte. > An frühere kommunale Erfahrungen und Planungsprozesse wird angeknüpft. > Zielgruppen fühlen sich beteiligt und können ihre Sicht und ihr Know-How einbringen. > Vorhandene Ressourcen werden flexibel und passgenau dort eingesetzt, wo sie notwendig sind.

Die Kommunen der Praxisbeispiele haben erkannt, dass eine Bildungslandschaft zur Familienfreundlichkeit und Bildungsgerechtigkeit beiträgt und so zu einem Standortfaktor werden kann. Aus diesem Grund haben sie Bildung zu einem wichtigen Leitziel erhoben und investieren in beträchtlichem Umfang kommunale Gelder in die Finanzierung der Ganztagsbildung und beteiligen sich aktiv und steuernd an der Gestaltung der Bildungslandschaften.

Handlungsempfehlungen für Schulen und außerschulische Partner > Verständigung auf ein gemeinsames Bildungsverständnis, das regelmäßig reflektiert und gegebenenfalls in einem Leitbild formuliert wird.

> Wichtige Voraussetzungen sind die Besetzung der Rolle eines Koordinators und einer Steuerungsgruppe sowie gegenseitige Kommunikation und Transparenz.

> Formulierung von gemeinsamen Leit- und Handlungszielen, ausgehend von den Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen.

> Schaffung von „Bildungslandkarten“ oder „Bildungsplattformen“ zur Darstellung der verschiedenen Angebote und Träger oder als Begegnungsmöglichkeiten.

> Klärung von Beiträgen, Rollen und Aufgaben im Netzwerk.

> Entwickeln weitreichender Visionen als Motor der Veränderungen für alle Beteiligten.

> Kreatives Einbringen und Offenheit aller Partner, bei gleichzeitiger Bereitschaft, die eigenen Standpunkte immer wieder neu zu hinterfragen.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Entwicklung eines Konzepts zur Ganztagsbildung Die Stadt Ostfildern in Kooperation mit den Schulen Alice Weber

Hinter der „Idee Campus“ steht die Erarbeitung und Entwicklung eines schulartübergreifenden, in das Gemeinwesen hinein vernetztes pädagogisches Konzept im Rahmen der offenen Ganztagsschule, welches Schule auch als Lebensform der Schülerinnen und Schüler begreift. Eingebunden sind eine Grund- und Werkrealschule, die Realschule und beide Gymnasien in Ostfildern. Dabei spielen Kooperationen mit außerschulischen Partnern eine wesentliche Rolle wenn es um den Ausbau der unterschiedlichen Angebote z. B. im Freizeitbereich geht. Zur Sicherung der Qualität wird die gesamte Struktur an bestimmten Schnittstellen von hauptamtlich Beschäftigten unterstützt. Auch hier wird trägerübergreifend gearbeitet.

Bildung ist notwendige Gemeinschafts-Aufgabe Die Stadt Ostfildern versteht Bildung als kommunale Aufgabe und unterstützt aus familien- bzw. bildungspolitischer Motivation heraus den Ausbau von Ganztagsschulen in offener Angebotsform. Der Leitgedanke der Qualitätsentwicklung rückt die Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt und hinterfragt, was diese zukünftig für ihre Bildung und Entwicklung brauchen.

Bildung ist mehr als Faktenwissen Dass Bildung als Leistung im Sinne von Selbstbildung begriffen wird und die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler als alltägliches Moment gelebt wird, zeichnet dieses Bildungsverständnis aus und findet sich sowohl in der Heran­gehensweise als auch im Ergebnis einer gemeinsam mit den Schulen erarbeiteten Konzeption zum „Campus“ wieder. Zum Beispiel werden schulart-

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übergreifende Angebotsstrukturen auch konkret mit den Schülerinnen und Schülern aller vier Schulen gemeinsam entwickelt: Aktuell gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich mit der inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung eines gemeinsamen Schülertreffs befasst.

Bildung braucht aktive Kommunalverantwortung Das Selbstverständnis des Schulträgers hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt: Wenn es früher um die Bereitstellung der räumlichen und sachlichen Mittel für die Schulen ging, steht heute vielmehr die Qualität von Schul- und Bildungswesen als wichtige kommunale Aufgabe im Mittelpunkt. Dies zeigt sich in Ostfildern zum Beispiel in der aktiven Rolle der Verwaltung bei der inhaltlichen Konzeptionsentwicklung. Um gute Voraussetzungen für eine gleichberechtigte Teilhabe aller Kinder und Jugendlichen an Bildung zu schaffen, baut die Stadt die Rahmenbedingungen der Schulkindbetreuung mit Blick auf familienpolitische Aspekte weiter aus und unterstützt zum Beispiel gezielt eine vernetzte, vielfältige Angebotsstruktur unter anderem in den Bereichen Musik, Sport und Bewegung, Kultur und Kreatives.

Ein Wort für Bildung, Betreuung und Erziehung Auch die Idee der ganzheitlichen kommunalen Bildungsplanung für Ostfildern greift den Ansatz auf, Bildung, Betreuung und Erziehung zusammen zu denken und Angebotsstrukturen so aufeinander abzustimmen und zu vernetzen, dass sie sich sinnvoll ergänzen und erfolgreich aufeinander aufbauen. In diesem Zusammenhang sind die beteiligten Kooperationspartner zum Beispiel gerade dabei, Mindeststandards für Ganztags­ angebote zu formulieren. Die „Arbeitsgruppe Campus“, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Schulen und des Trägers, hat die Entwicklung eines gemeinsamen Konzepts von Anfang an als Prozess verstanden, in dem Lösungsansätze für verschiedene Fragestellungen und Probleme aus fachlicher und methodischer


Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung

SCHULZENTRUM (Grundschule mit Werkrealschule, Realschule sowie zwei Gymnasien)

AUSSERSCHULISCHE PARTNER Vereine, Institutionen, städtische Einrichtungen …

KOORDINATIONSSTELLE

SCHULSOZIALARBEIT

AKTIVE PÄDAGOGIK ANGEBOTSEBENE

Sicht zusammen erarbeitet werden und Vorschläge für die Umsetzung entstehen.

Konsequenz: Die offene Ganztagsschule Das Angebot der offenen Ganztagsschule wird als Teil gemeinsamer, ganzheitlicher Lernvorgänge betrachtet und nicht nur aus der Notwendigkeit heraus, für Kinder Betreuungsangebote vorzuhalten, weil Eltern arbeiten müssen. Als gemeinsame Ausgangslage und Grundlage für die Überprüfung der Qualität ihrer Arbeit haben sich die Schulen auf gemeinsame pädagogische Ziele verständigt: > Soziale Erfahrungsfelder schaffen, soziale Fähigkeiten entwickeln, soziale Benachteiligungen ausgleichen. > Gemeinsamkeit mit anderen/für andere, sich einbringen, Engagement. > Integration i. S. v. seinen Platz finden, Selbstständigkeit weiterentwickeln, Selbstorganisation, selbstständige Problembewältigung. > Kulturtechniken weiterentwickeln, künstlerisch/musische Entwicklung, Kreativität, Bewegung. Es ist ein Konzept, das mehrere sich gegenseitig bedingende Bestandteile enthält, die die unterschiedlichen Bedürfnisse aller vier Schulen integrativ bündeln. Der Mehrwert besteht im Zusammendenken von Lösungsansätzen und in der Vernetzung aller Beteiligten. Berücksichtigt wurde auch, dass die Angebote

in unterschiedlichen Formen und an unterschiedlichen Orten im Gemeinwesen stattfinden sollen, d.h. nicht nur auf dem Schulgelände, sondern auch zum Beispiel auf dem Tennisplatz des Vereins. Die Erfahrung in Ostfildern hat gezeigt, dass die Bemühungen einzelner Schulen um ein adäquates Angebot im Ganztagsbereich sehr aufwendig sind. Das Nutzen von Synergien verspricht einen hohen Mehrwert, von dem vor allem die Schülerinnen und Schüler profitieren werden. Es ist daran gedacht, diese Grundidee und die Herangehensweise auch an weiteren Schulstandorten in der Stadt sozusagen als „Blaupause“ zu verwenden – natürlich immer auf die Gegebenheiten vor Ort abgestimmt.

Kontakt: Stadt Ostfildern Finanzen, Schule und Service Klosterhof 4 73760 Ostfildern Tel.: 0711/34 04-235 Fax: 0711/34 04-9235 E-Mail: a.weber@ostfildern.de www.ostfildern.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Ganztagsbetreuung im Kirchheimer Modell Die Familien-Bildungsstätte als externer Partner der Schulen Christoph Tangl

Fotos: Familien-Bildungsstätte Kirchheim e. V.

Die Stadtverwaltung und der Gemeinderat von Kirchheim unter Teck haben die gesellschaftliche Notwendigkeit erkannt, eine Ganztagsbetreuung an Schulen anzubieten. Die Vorgabe des Gemeinderats beinhaltete eine Kombination aus hauptamtlicher Betreuung und ehrenamtlichen Angeboten. Sehr schnell stellte sich die Frage, wer die neuen Aufgaben der Organisation, Koordination und Abrechnung der Betreuungsangebote übernehmen sollte. Mit der Familien-Bildungsstätte Kirchheim e. V. (FBS) wurde ein Partner gefunden, der die Ganztagsbetreuung übernommen hat. Die FBS fungiert als Anstellungsträger der Hauptamtlichen und ist für alle Abrechnungen zuständig. Zu den Aufgaben gehören im Besonderen die Suche und Auswahl von Ehrenamtlichen, diese einzusetzen, zu begleiten und zu qualifizieren.

Stadt Kirchheim unter Teck Amt für Bildung Kultur und Sport

Schulen Allenschule (GS) Konrad-Widerholt-GS Konrad-Widerholt-FöS Eduard-Mörike-HS Raunerschule (HS) Freihof-Realschule

Das Kirchheimer Modell Partner JugendbegleiterInnen Organisationen Vereine …

FBS FamilienBildungsstätte Kirchheim e. V.

Das Kirchheimer Modell Die FBS übernimmt die Betreuung und sinnvolle Beschäftigung der Schülerinnen und Schüler. Jede Woche werden mit 20 Teilzeitkräften und rund 50 Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern bis zu 530 Kinder verschiedener Schulen in der Mittagszeit und in etwa 85 Arbeitsgemeinschaften betreut. Die FBS hat zusätzlich Pädagoginnen eingestellt, die eine verläss-

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liche Betreuung und qualifizierte pädagogische Arbeit garantieren. Die Palette der Arbeitsgemeinschaften reicht von Karate und Tischtennis über Basteln und Vorlesen bis hin zu Entspannungsangeboten. Die Themen werden für jedes Schulhalbjahr in enger Zusammenarbeit zwischen FBS und Schule erarbeitet. Bereits bestehende Angebote werden in das System integriert.


Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung

Vor allem Hausaufgabenbetreuung, aber auch Unterricht der italienischen Schule oder Kommunionunterricht finden so ihren Platz im Rahmen der Ganztagsbetreuung. Die Schülerinnen und Schüler stellen sich ihren eigenen Stundenplan zusammen. Da die Zahl der teilnehmenden Kinder an diesem Angebot weit höher war als angenommen, wurden zusätzlich Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter in der Betreuung über die Mittagszeit eingesetzt. Die Aufgaben der Ehrenamtlichen liegen hier in der Unterstützung der Hauptamtlichen, der Betreuung beim Mittagessen, beim Spiel im Freien und in der Mediothek. Die FBS unterstützt die Arbeit der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter durch regelmäßige Treffen zu Information und Erfahrungsaustausch, bietet Qualifizierung an und steht für Einzelgespräche zur Verfügung.

Ausblick Durch eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Beteiligten (Hauptamtliche, Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter, Schule, Stadt, FBS) ist das Modell ein Erfolg. Im Schuljahr 2010/2011 betreut die FBS sieben Schulen: > drei Grundschulen (Alleenschule, Konrad-Widerholt-Grundschule, Limburg-Grundschule Weilheim [ab Schuljahr 2011/ 2012]),

> zwei Hauptschulen (Raunerschule, Eduard-Mörike-Schule), > eine Realschule (Freihof-Realschule), > eine Förderschule (Konrad-Widerholt-Förderschule), > Bildungszentrum Oberlenningen (Hauptschule, Realschule und Förderschule). Wenn an diesen sieben Schulen die Ganztagsbildung ausgebaut ist, gibt es ein breites Ganztagsangebot für fast jede Schulart in Kirchheim unter Teck. Zusätzlich verwaltet die FBS fünf Mensen und ist seit diesem Jahr für die Anmeldung zur Ferienbetreuung aller Grundschulen in Kirchheim unter Teck zuständig.

Kontakt: Familien-Bildungsstätte Kirchheim unter Teck e. V. Vogthaus Widerholtstr. 4 73230 Kirchheim unter Teck Tel.: 07021/92001-0 E-Mail: info@fbs-kirchheim.de www.fbs-kirchheim.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Ergebnisbericht des Seminars „Gestaltung und Organisation der Bildungslandschaft vor Ort in Zusammenarbeit mit verschiedenen Akteuren der Jugendbildung“ Charlotte Pfeiffer

Im Mittelpunkt des Seminars standen zwei Praxisbeispiele, die alle wesentlichen Akteure, die für die erfolgreiche Ausgestaltung von Ganztagsschulen verantwortlich sind, zusammenbringen und in ein Gesamtkonzept einbeziehen. Die Familienbildungsstätte Kirchheim e. V. (FBS) wird von der Stadt Kirchheim u. Teck als Dienstleister für die pädagogische Gestaltung des Betreuungsangebots an Ganztagsschulen beauftragt. Die Stadtverwaltung Ostfildern versteht sich selbst als Koordinator des Gesamtprojekts „Campus“ im Schulzentrum Nellingen und entwickelte gemeinsam mit beteiligten Akteuren vor Ort ein gemeinsames Konzept, wie Ganztagsschule schulartübergreifend organisiert werden kann. Herr Tangl stellte die Vernetzung und Kooperation der FBS mit weiteren Akteuren wie folgt dar: Schule – FBS als Dienstleister – Partner (Vereine, Ehrenamtliche, Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter) – Stadt. Diese Akteure arbeiten zusammen und nehmen dabei jeweils eine unterschiedliche Aufgabe wahr. Die Koordinierungsstelle der Stadt Ostfildern kooperiert mit den verschiedenen Akteuren des Schulzentrums, den außerschulischen Partnern (Vereinen, Institutionen, städtischen Einrichtungen), mit den aktiven Pädagoginnen und Pädagogen auf der Angebotsebene sowie mit der Schulsozialarbeit. Die verschiedenen Partner werden dabei über verschiedene thematische Arbeitsgruppen und runde Tische beteiligt. Das Netzwerk, das hier entsteht, beschäftigt sich mit zentralen Fragen, wann z. B. ein Angebot inhaltlich und qualitativ als gut gilt. Betrachtet wird das aus der Perspektive der Kinder, der Schule bzw. Leitung, von Vereinen, Bildungsanbietern und Bildungsträgern. Für die FBS ist es bedeutsam, dass die gesamte Schule hinter dem Projekt Ganztagsschule steht und nennt dies als einen fördernden Faktor. Als hemmender Faktor stellen sich dagegen die anderen Zeitabläufe der Verwaltung, bis eine Entscheidung fällt, dar. Frau Weber von der Stadt Ostfildern nennt als fördernde Faktoren für die Realisierung einer Bildungslandschaft vor Ort, wenn die Probleme und Fragen der unterschiedlichen Akteure gehört und erkannt werden, alle relevante Träger und Zielgruppen wie z. B. die Schülerinnen und Schüler am Prozess beteiligt und

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Ziele gemeinsam definiert werden. Relevant ist für sie auch der Rückgriff auf bisherige Strukturen und die Verwendung von deren Ergebnissen sowie die Schaffung von Synergie­effekten. Hilfreich ist es zudem, sich den politischen Willen einzuholen (z. B. durch die Unterstützung von Fürsprechern). Eine Schwierigkeit stellt für sie der stetige Kommunikationsfluß und die z. T. aufwendige Herstellung von gegenseitiger Transparenz und Vernetzung zwischen Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern, Freizeipädagoginnen und -pädagogen, Lehrerinnen und Lehrern sowie der Schulsozialarbeit dar. In der Diskussion wurde gefragt, wie die beiden Referenten mit unterschiedlichen Machtverhältnissen und Hierarchien in den Netzwerken umgehen. Herr Tangl äußerte, dass sich die Lehrkräfte gegenüber den Kindern in einer Machtposition befinden, die die Ehrenamtlichen nicht haben, z. B. durch die Befugnis ein Kind zum Nachsitzen zu verpflichten. Herr Tangl betonte, dass er diese Hierarchien gerne aufbrechen würde. Frau Weber antwortete, dass sie eine Hierarchie der Verantwortung, zwischen den Lehrkräften, die morgens die Kinder unterrichten, und zwischen den haupt- und ehrenamtlichen Kräften, die nachmittags für die Betreuung zuständig seien, erlebe. Dieser Hierarchie liegt die Annahme zugrunde, dass die Kinder morgens „etwas lernen“ und nachmittags „Spaß haben“. Ihrer Meinung nach ist es allerdings nicht wichtig, wer in welchen Zeitfenstern mit den Kindern zusammenarbeitet. Wichtig sei vielmehr, Ganztagsschule mit einem ganzheitlichen Blick zu sehen und zu erkennen, dass es um Bildung und Lernen in den unterschiedlichsten Formen geht. Auf die Frage nach Visionen antwortete Herr Tangl, dass die Ganztagsschule auch für die Zukunft als gute Alternative zur Regelschule gesehen wird und es viele weitere Ganztagsschulen in Baden-Württemberg geben sollte. Allerdings stellt der Mangel von Pädagoginnen und Pädagogen, die sich auf Stellen in der Ganztagsschule bewerben, ein ernstes Problem dar. Frau Weber wünschte sich, dass der Vormittags- und Nachmittagsbereich noch besser harmonisiert und in Zukunft als Einheit gedacht werden.


Peer-to-Peer-Konzepte im Jugendbegleiter-Programm – Ansätze außerschulischer Partner

Peer-to-Peer-Konzepte im Jugendbegleiter-Programm – Ansätze außerschulischer Partner Dr. Hermann Scheiring

Lernen mit Schülermentorinnen und -mentoren Welche Einsatzbereiche ergeben sich für Schülermentorinnen und -mentoren, die mit anderen Schülerinnen und Schülern gemeinsam lernen?1 Drei Bereiche sollen für den Einsatz von Schülermentorinnen und -mentoren in der pädagogischen Praxis kurz skizziert werden:

rinnen und -mentoren zeigt positive Effekte. Neben den Gymnasien bietet sich aber auch der Einsatz von Schülermentorinnen und -mentoren für die Realschulen an. Allein die Tatsache, dass etwa 16 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die nach Klasse vier eine Gymnasialempfehlung erhalten, auf der Realschule angemeldet werden, unterstreicht die große Bandbreite der (Leistungs-)Heterogenität in den Realschulen und macht eine systematische Differenzierung und Förderung notwendig.

Hilfe von Gymnasiasten Der erste Bereich liegt in schulartübergreifenden Kooperationen. Es gibt in Baden-Württemberg eine ganze Reihe von Standorten, die ähnliche Konstellationen aufweisen wie „KommLern! – Schüler für Schüler“. Dort, wo Werkrealschulen und Gymnasien räumlich verbunden sind, bietet sich eine Kooperation geradezu an. Sowohl die Vorpilotphase als auch zwei Jahre Projektdurchführung zeigen, dass beide Schularten profitieren und sich die Kooperationen langfristig installieren. Darüber hinaus können diese Kooperationen schulartübergreifend zwischen Gymnasien und Realschulen oder Realschulen und Werkrealschulen stattfinden.

Hilfe durch Schulkameraden Aufgrund der großen (Leistungs-)Heterogenität auch in den weiterführenden Schularten sind schulinterne Differenzierungs- und Förderkonzepte der zweite große Bereich. Hier können Schülermentorinnen und -mentoren als Ressource für den positiven Umgang mit den Herausforderungen der Heterogenität von Schulklassen genutzt werden. „Die größten sozialen Disparitäten entstehen beim Übergang auf das Gymnasium“.2 Die Effekte unterschiedlicher Ansprüche und Erfolgs­ erwartungen bildungsbewusster und bildungsferner Eltern tragen nachhaltig zur (Leistungs-)Heterogenität in den Gymnasien bei. So hat sich beispielsweise das Gymnasium Münsingen diesen Herausforderungen gestellt und sich auf den Weg gemacht, in das bestehende Differenzierungs- und Förderangebot der Schule verstärkt Schülermentorinnen und -mentoren zu inte­ grieren. Eine Evaluierung bisheriger Einsätze von Schülermento-

Hilfe im Sommercamp Als dritter Bereich können Projekte zur Förderung benachteiligter Schülerinnen und Schüler angeführt werden, die darauf abzielen, der Zunahme von sozialen und kulturellen Disparitäten entgegenzuwirken. In diesem Zusammenhang spricht der Expertenrat eine Empfehlung aus: „Die Lerngelegenheiten für Kinder aus sozial benachteiligten Schichten sollten zudem über die Schulzeiten hinaus in die Sommerferien ausgeweitet werden.“3 Beispielhaft können hier die Sommercamps Baden-Württemberg genannt werden. Sommercamps verstehen sich als erlebnisorientierte, einwöchige Bildungs- und Betreuungsangebote in den Ferien und wurden in den Sommerferien 2010 erstmals in Baden-Württemberg an vier Standorten durchgeführt. Zielgruppe waren benachteiligte Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund an Hauptschulen und Werk­realschulen. Am Standort Ludwigsburg kamen dabei Schülermentorinnen und -mentoren zum Einsatz. Die Evaluierung erbrachte positive Effekte4. Die Sommercamps werden 2011 an mehr als 25 Standorten als Sommerschulen mit erweiterter Zielgruppe fortgeführt. Das Schülermentorenprogramm Baden-Württemberg umfasst die Ausbildung von Mentoren in acht Bereichen (z. B. Musik, Sport, Natur- und Umweltschutz); hier könnte ein Schülermentor „Gemeinsam lernen“ das Programm erweitern.

1

Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ 2011: Empfehlungen für Bildungspolitische Weichenstellung in der Perspektive auf das Jahr 2010 (BW 2010). Leitung: Baumert, Jürgen. http://www.kultusportal-bw.de (Schulartübergreifende Themen), S. 17

2

a.a.O. S. 15

3

Scheiring, Hermann 2010: Evaluationsstudie der Sommercamps 2010 Baden-Württemberg. Abschlussbericht. http://www.sommerschulen-bw.de

4

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

„KommLern! – Schüler für Schüler“ Dr. Hermann Scheiring

„KommLern!“ ist ein Projekt der Jugendstiftung Baden-Württemberg, gefördert vom Land Baden-Württemberg und dem Europäischen Sozialfonds.

Im Projekt „KommLern! – Schüler für Schüler“

Bild links: Instruktion – Gymnasiast lernt gemeinsam mit Hauptschülerinnen. Bild rechts: Konstruktion – Einsichten gewinnen im forschenden Prozess.

wurden an drei Schulstandorten mit insgesamt sechs Schulen Lernarrangements über die Zeitdauer eines Schuljahrs eingerichtet, um gemeinsames Lernen von Werk­realschülerinnen und -schülern und Gymnasiasten zu ermöglichen. Die heterogenen Schülergruppen lernen in der Regel wöchentlich zwei Schulstunden zusammen oder führen ein Projekt über ein Schuljahr durch. Unterschiedliche Lernarrangements Am Standort 1 (Donzdorf) steht die Förderung von Werkrealschülerinnen und -schülern der Klasse 9 in den Fächern Mathe-

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matik und Deutsch durch Gymnasiasten der Klassenstufen 11 und 12 im Mittelpunkt. Die Werkrealschülerinnen und -schüler der Messelbergschule werden in Form von Lerntandems – bestehend aus je einem Gymnasiasten und zwei Hauptschülerinnen oder -schülern – in den genannten Fächern bei der Vorbereitung auf die Hauptschulabschlussprüfung unterstützt, wobei die Gymnasiasten als Schülermentorinnen und Schülermentoren fungieren. Das Lernen findet durch Instruktion statt: Gymnasiasten des Rechberg-Gymnasiums übernehmen die Funktion von Lehrenden und instruieren die Werk­realschülerinnen und -schüler bei deren Lernprozess. Die zuständigen Lehrerinnen und Lehrer haben differenzierte Arbeitshefte entwickelt und die Gymnasiasten für ihren Einsatz geschult. Die Schülergruppen arbeiten relativ autonom. Am Standort 2 (Herrenberg) lernen jeweils Gymnasiasten und Werkrealschülerinnen und -schüler der Klassenstufe 7 zusammen. Die beteiligten Schulen sind das Andreä-Gymnasium und


Peer-to-Peer-Konzepte im Jugendbegleiter-Programm – Ansätze außerschulischer Partner

die Vogt-Hess-Schule. Lernen findet hier durch Kooperation statt. Inhaltlich wird mit den Schwerpunkten Erlebnispädagogik, Theaterpädagogik und Medienpädagogik gearbeitet. In allen drei Bereichen arbeiten die Schülergruppen über mehrere Wochen zusammen und erwerben unterschiedliche Kompetenzen. Neben kreativem Schreiben, akustischer Artikulation, Übungen zur Selbst- und Fremdwahrnehmung, zu Körpersprache und -wahrnehmung stehen auch kooperative Kommunikation, Selbstdisziplinierung und Stärkung des Selbstwerts thematisch im Zentrum. Am Standort 3 (Hohenhaslach/Sachsenheim) arbeiten Werk­ realschülerinnen und -schüler der Klassenstufen 7 und 8 mit Gymnasiasten der Klassenstufen 9 und 10 zusammen. Hier steht technisches Lernen im Mittelpunkt. In der Neigungsgruppe Fahrrad bauen die Schülerinnen und Schüler der Kirbachschule und des Lichtenstern-Gymnasiums zusammen ein Rennrad, in der Neigungsgruppe „Robotik“ werden Roboter montiert und mittels CNC-Technik gesteuert. Hier findet Lernen über einen forschenden Prozess statt. Der oder die Lernende ist Beobachter, Teilnehmer und Akteur. Lernen findet hier durch Konstruktion statt.

Lernen durch Instruktion – die Innensicht Am Standort Donzdorf lernen die Schülerinnen und Schüler durch Instruktion, was im Allgemeinen mit der Vorstellung verbunden ist, ein Wissender instruiert einen Unwissenden. Während der Instruktion begleiten handlungsleitende Kognitionen und Emotionen den Lernprozess des zu Instruierenden. Er macht sich selbst Gedanken über die Sache, ordnet den Schwierigkeitsgrad ein, entwirft Vorstellungen über Erfolgsaussichten und bewertet sein Handeln. Was aber läuft genau in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler ab? Können aus der subjektiven Sicht Rückschlüsse für ein Lernen mit Schülermentorinnen und -mentoren gezogen werden? Unter diesen Fragestellungen wird anhand von Strukturlegeverfahren (vgl. Scheiring 1998) die Innensicht der Lernenden rekonstruiert. Die Strukturlegebilder sind Grundlage für die Beschreibung des subjektiven Lernprozesses und liefern Erkenntnisse für die Ausbildung von Schülermentorinnen und -mentoren. Ausgangspunkt für die Strukturlegebilder sind konkrete Lernsituationen, mit denen die Schülerinnen und Schüler konfrontiert werden. Abbildung 1 zeigt das Strukturlegebild eines Gymnasiasten, der in konzentrierter At-

mosphäre mit zwei Hauptschülern gemischte Subtraktionsund Additionsaufgaben als Kopfrechenaufgabe durchführt. Aus der dazugehörenden Beschreibung wird deutlich, dass er mit einer bestimmten Einstellung an die Aufgabe herangeht: Er hält die Überschlagsrechnungen für einen einfachen Einstieg und ordnet sie als leichte Übung ein. Doch diese Einschätzung erweist sich als Irrtum. Bei dem dialog-konsensual abgesicherten Strukturlegebild setzt der Gymnasiast das Kärtchen Geduldsprobe ins Zentrum. Bereits während der Instruktion und beim Wahrnehmen des (fehlenden) Feedbacks entwirft der Gymnasiast Zukunftsstrategien und bewertet diese gleichzeitig. Aus dem Strukturlegebild wird deutlich, welche Kompetenzen für Schülermentorinnen und -mentoren aus der Sicht dieses Gymnasiasten von Bedeutung sein können: Einschätzen des Schwierigkeitsgrades einer gestellten Aufgabe, Geduld, Einfühlungsvermögen, Feedback einholen. Abbildung 2 zeigt das Strukturlegebild einer Hauptschülerin. In der Lernsituation versuchen zwei Hauptschülerinnen durch Anleitung eines Gymnasiasten Aufgaben zu bearbeiten, wie man mehrere Subtraktionsaufgaben in eine Additionsaufgabe verwandeln kann.

Kopfrechen­ aufgabe

einfacher Einstieg

leichte Übungen

Überschlagsrechnung

Erklärung (Text + Gym)

ist richtig

Geduldsprobe

weil

HS hören nicht zu

weil

Konzentrationsschwierigkeiten (HS)

häufige Wiederholungen

ruhig bleiben

ist gut

häufiges Nachfragen

daraus folgt

Wissens­ überprüfung

schwieriges Einfühlungs­ vermögen

weil

fehlendes Feedback der HS

Wissens­ überprüfung (Zukunft)

ist richtig

Abbildung 1: Strukturlegebild eines 17-jährigen Gymnasiasten

Unklarheit

daraus folgt

Unsicherheit

Schüchternheit

nachfragen

gute Erklärung

weil

Erinnerung

Erfolgserlebnis

daraus folgt

fachl. Erfolgserlebnis (Verständnis der Aufgabe)

und

pers. Erfolgserlebnis (Mut zum Nachfragen)

fühle mich wohl

fühle mich klug

und

gutes Gefühl

weil

fühle mich besser

Abbildung 2: Strukturlegebild einer 13-jährigen Hauptschülerin

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Aus der dazugehörenden Beschreibung geht hervor, dass es für die Schülerin eine Unklarheit gibt, aus der eine Unsicherheit resultiert. Deswegen traut sie sich vorerst nicht, nachzufragen. Das gesamte Handlungsgeschehen wird durch eine starke emotionale Komponente begleitet. Auch dieses Strukturlegebild liefert Hinweise für gelingende Lernprozesse und lässt Folgerungen für die Ausbildung von Schülermentorinnen und -mentoren zu: Eine schüchterne Schülerin traut sich bei Unklarheit nicht zu fragen und wartet darauf, dass man ihr „ansieht“, dass sie etwas nicht verstanden hat. Der Gymnasiast geht mit Einfühlungsvermögen auf die Schülerin zu, ermöglicht das Nachfragen und gibt ihr eine gute Erklärung. Und genau dieses Nachfragen löst dann das Erfolgserlebnis der Schülerin beim Lernen aus, das gleichzeitig mit einem guten Gefühl verbunden wird. Allein diese zwei Beispiele zeigen auf, dass Lernprozessen komplexe subjektive Theorien zugrunde liegen und dass Kognitionen, Emotionen und Volitionen den Lernprozess nachhaltig beeinflussen. Ebenso liefern sie Hinweise für ein Lernen durch Instruktion.

Ausgewählte bisherige Evaluationsergebnisse Das Projekt wird wissenschaftlich durch die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg begleitet. Die Studie zielt dabei auf die Beantwortung der Frage, in welcher Weise sich bestimmte Formen gemeinsamen Lernens zwischen Hauptschülerinnen, Hauptschülern und Gymnasiasten und damit zusammenhängende Lehr- und Lernmethoden (im weitesten Sinne) auf Kompetenzentwicklung, Einstellungen und die Motivationsstruktur der beteiligten Schülerinnen und Schüler auswirken. Über qualitative und quantitative Verfahren wurden Veränderungen bei Schülerinnen und Schülern untersucht. Es konnten Wirkungen hinsichtlich der Kategorien Zukunftsorientierung, Freizeitorientierung, soziale Orientierung und Einstellungen nachgewiesen werden. Für Schülerinnen und Schüler beider Schularten hatte das Projekt in diesen Bereichen positive Effekte. Beim Merkmal soziale Orientierung gaben beide Schülergruppen an, wie wichtig Freunde sind. Die Mehrheit der Freundschaften stammte zu Beginn des Projekts aus derselben Schulart. Im Verlauf des Projekts veränderten sich die Freundschaften auch schulartübergreifend. Deutliche Veränderungen gab es bei dem Merkmal Einstellungen: Hier konnten (gegenseitige) Vorurteile und negative Einstellungen abgebaut werden. Es konnte nachgewiesen werden, dass sich sowohl bei Werkrealschülerinnen und -schülern als auch bei Gymnasiasten vorhandene Vorurteile (z. B. „Gymnasiasten sind Streber“ und „Hauptschüler sind aggressiv“) deutlich reduzierten (hoch signifikant). Auch bei dem Merkmal Zukunftsorientierung konnten Veränderungen nachgewiesen werden. Schülerinnen und Schüler beider Schularten messen beispielsweise der Kompetenz „Teamfähigkeit“ deutlich mehr Bedeutung bei (signifikant). Bei

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dem Merkmal Zukunftsorientierung zeigten sich aber auch Unterschiede zwischen Gymnasiasten und Werkrealschülerinnen und -schülern: Während die Werkrealschülerinnen und -schüler über konkretere Zukunftspläne verfügen als die Gymnasiasten, sind deren Zukunftspläne noch nicht ausgereift.

Literatur Expertenrat „Herkunft und Bildungserfolg“ 2011: Empfehlungen für Bildungspolitische Weichenstellung in der Perspektive auf das Jahr 2010 (BW 2010). Leitung: Baumert, Jürgen. http://www.kultusportal-bw.de (Schulartübergreifende Themen) Groeben, Norbert; Wahl, Diehelm; Schlee, Jörg und Scheele, Brigitte 1988: Das Forschungsprogramm Subjektive Theorien. Tübingen Opp, Günther/Teichmann, Jana 2010: Grundlegende Gedanken zum Thema Positive Peerkultur. In: Jugendstiftung Baden-Württemberg (Hrsg.): Peer to Peer – integriert und vernetzt. Das Potenzial einer positiven Peerkultur. Sersheim Scheiring, Hermann 1998: Subjektive Theorien von Schülern über aggressives Handeln. Anwendung eines Dialog-Konsens-Verfahrens bei Hauptschülern. Weinheim Scheiring, Hermann 2010: Evaluationsstudie der Sommercamps 2010 Baden-Württemberg. Abschlussbericht. http://www.sommerschulen-bw.de Shell Deutschland Holding (Hrsg) 2010: Jugend 2010. 16. Shell Jugendstudie. Frankfurt Tully, Claus, J. (Hrsg) 2006: Lernen in flexibilisierten Welten: wie sich das Lernen der Jugend verändert. München, Weinheim

Kontakt: Dr. Hermann Scheiring Akademischer Oberrat, Erziehungswissenschaft Pädagogische Hochschule Ludwigsburg Postfach 220 Zimmer 1.215 71602 Ludwigsburg Tel.: 07141/140-231 E-Mail: scheiring@ph-ludwigsburg.de


Peer-to-Peer-Konzepte im Jugendbegleiter-Programm – Ansätze außerschulischer Partner

Neue Wege in der technischen Jugend­ bildung durch Peer-to-Peer learning an der Technikschule in Esslingen Dr. Hermann Klinger

Der Fachkräftemangel erfordert schnell wirksame Maßnahmen Der sich dramatisch entwickelnde Fachkräftemangel in technisch-naturwissenschaftlichen Bereichen wirkt sich zunehmend hemmend auf die wirtschaftliche Erholung aus, mit entsprechend negativen Folgen für die Gesellschaft.1 In internationalen Vergleichsstudien wird der Verbesserung des Lernprozesses im Unterrichtsgeschehen gegenüber strukturellen Veränderungen des Bildungssystems eine deutlich nachhaltigere und schnellere Wirksamkeit zugeschrieben.2

Ganzheitlicher Ansatz ist gefragt Das Konzept der neu gegründeten Technikschule an der Volkshochschule Esslingen mit den Kompetenzzentren Energie & Umwelt (Abb. 1), Messen-Steuern-Regeln und Robotik beruht darauf, Peer-to-Peer learning, kurz P2P, auf allen Ebenen des Lernens zu realisieren. Die in Schulungen des Jugendbegleiter-Programms weitergebildeten „Zertifizierten Lernbegleiter Technik“ (Abb. 2) lernen genauso voneinander und miteinander wie die jugendlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den angebotenen Kursen und Projekten. Wie selbstverständlich werden dabei Grenzen zwischen den Ebenen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer und Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter überschritten. Wir betrachten P2P als ganzheitlichen Lösungsansatz für die Technikschule.

Abb. 1: Das Kompetenzzentrum Energie & Umwelt

1. Wochenende Freitag 16:00-20:00

Samstag 8:00-12:00

Samstag 13:00-17:00 1

Vera Erdmann, Axel Plünnecke, Ilona Riesen, Oliver Stettes, Bildungsmonitor 2010 http://www.insm-bildungsmonitor.de/

Mona Mourshed , Chinezi Chijioke, Michael Barber, How the world’s most improved school systems keep getting better http://www.mckinsey.com/ clientservice/Social_Sector/our_practices/Education/Knowledge_Highlights/ How%20School%20Systems%20Get%20Better.aspx

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2. Wochenende

3. Wochenende

Schule 5 UE

Schule 5 UE

Formale, organisatorische und rechtliche Bedingungen des Systems

Formale, organisatorische und rechtliche Bedingungen des Systems

Pädagogik 5 UE

Pädagogik 5 UE

Praxis 5 UE

E-Psychologie und Neurowissenschaft, Teams, Wissensfluß Medieneinsatz, Komplexitäts­ management

Solarenergie: Zeitmanagement Methodik & Didaktik Die Materialien Evaluation Supervision

Wahlmodul 1: Zeitmanagement Methodik & Didaktik Die Materialien Evaluation Supervision

Pädagogik 5 UE

Praxis 5 UE

Praxis 5 UE

Elektromotor: Zeitmanagement Methodik & Didaktik Die Materialien Evaluation Supervision

Wasserstofftechnologie: Zeitmanagement Methodik & Didaktik Die Materialien Evaluation Supervision

Wahlmodul 2: Zeitmanagement Methodik & Didaktik Die Materialien Evaluation Supervision

Abb. 2: Das ZLT Programm in der Übersicht

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

P2P braucht Balance zwischen Standardisierung und Selbststeuerung Wenn P2P nicht nur als Unterstützung eines traditionellen Unterrichts „zur Entlastung der Lehrenden“ gesehen wird, kommt der Selbststeuerung des Lernens durch die peers, die durch die Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter unterstützt und begleitet werden, eine hohe Bedeutung zu. Alle Kurse der Technikschule folgen daher dem gleichen Ablauf der drei Phasen entdecken – erleben – erkennen, der allen Beteiligten wohlbekannt ist. Der Entwicklung und Beantwortung von Leitfragen zum Kursinhalt in der Phase des Entdeckens wird viel Raum

ckelt. Dies ermöglicht eine nahtlose Erweiterung der Peer-toPeer community z. B. auch in die Familie oder den späteren Beruf hinein.

P2P erfordert Kulturwandel Die wirksame Umsetzung von P2P erfordert sowohl Veränderungsbereitschaft beim Einzelnen als auch gezielte Organisationsentwicklung. Als gleichermaßen hemmend erweist sich das verbreitete Verständnis von P2P als einer Art von Teamarbeit oder als besonders effektives e-learning. Die Erfahrung zeigt, dass die Implementierung von P2P, die in der Wirtschaft als wichtiger Erfolgsfaktor gegen zunehmenden Wettbewerb erkannt und schon viel früher angegangen wurde, zu erheblichen Veränderungen der Unternehmenskultur führte. Dieser Kulturwandel liegt in weiten Bereichen des Bildungssystems noch vor uns.

Abb. 3: Vom Weblog zum LearnLog

und Zeit gegeben. Die Beantwortung der Leitfragen führt zur Formulierung und Abstimmung individueller Kursziele durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Erfahrungsgemäß verbessert schon die mündliche Formulierung der Lernziele durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst deren Motivation und Zielstrebigkeit deutlich.

P2P ist Brücke zwischen Schule und Lebenswelt Zur weiteren Verstärkung der Selbststeuerung vom Kursraum in die Lebenswelt der Lernenden werden bestehende WeblogAngebote weiter in Richtung LernLogs, siehe Abb. 3, entwi-

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Kontakt: Dr. Hermann Klinger Educational Engineering Paradiesweg 24 73733 Esslingen E-Mail: Hermann@klingers.de www.Klingers.de


Peer-to-Peer-Konzepte im Jugendbegleiter-Programm – Ansätze außerschulischer Partner

Ergebnisbericht des Seminars „Peer-to-Peer-Konzepte im JugendbegleiterProgramm – Ansätze außerschulischer Partner“ Angelika Vogt

Als Peer-to-Peer-Konzepte stellte Herr Dr. Scheiring, PH Ludwigsburg, sein auf den vorangegangenen Seiten dargelegtes Konzept „Lernen mit Schülermentoren“ vor und Herr Dr. Klinger die Arbeitsweise der Technikschule Esslingen. Das Konzept der Schülermentoren folgt der Idee, dass Gymnasiasten gemeinsam mit Haupt- oder Werkrealschülerinnen und -schülern lernen und arbeiten. Erprobt wird das Konzept mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Modellen an drei Standorten mit verschiedenen Themenausrichtungen. Modell 1 basiert auf dem Prinzip „Lernen durch Instruktion“ (Donzdorf: Fächer Mathe, Deutsch), Modell 2 vermittelt „Lernen durch Kooperation“ (Herrenberg: Erlebnis-, Theater-, Medienpädagogik) und Modell 3 „Lernen durch Konstruktion“ (Hohenhaslach: Technik). Schwerpunkt der Ausführungen galt Modell 1, dessen Ergebnisse über das von den Schülerinnen und Schülern erstellte Strukturlegebild sowie Schülerbefragung erfasst und ausgewertet wurden. Die Lehrkräfte bewerten die Arbeit als „richtig gut“, bei der Schülerschaft erfahren die Modelle 71 Prozent Zustimmung. Im Moment befindet sich das Konzept am Ende des 1. Durchgangs, ein zweiter (ein Durchgang läuft über ein Schuljahr) ist geplant. In der sich den Ausführungen anschließenden Diskussion stand zunächst im Mittelpunkt, ob Gymnasiasten als Schülermentoren von Hauptschülerinnen und Hauptschülern nicht einem Lernen auf Augenhöhe im Wege stünden. Für die Modelle 2 und 3 gilt das aber nicht, da hier gemeinsam agiert wird. Eine Teilnehmerin gab ein hervorragendes Beispiel aus der Praxis für gelungenes Lernen durch Instruktion vom Gymnasium gelöst: Förderschülerinnen der 7. Klasse bringen Grundschülerinnen der Klasse 3 „Tanz“ bei und erfahren dadurch eine hoch motivierende Bestätigung, die sich über den Respekt der „Kleinen“ ausdrückt. Dr. Scheiring ergänzte, dass Konzepte für die kognitive Unterstützung im Bereich der Schülermentoren bisher noch fehlen. Die Arbeitsblätter und die zugrunde liegende Didaktik in Modell 1 wurden von begleitenden Lehrkräften erarbeitet, die jederzeit für die Schülermentoren ansprechbar sind. Als weitere Einsatzmöglichkeiten der Schülermentoren wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die evangelische Jugend sowie Musik- und

Chorverbände angeführt. Auf Fragen zur Mentoren-Zusammensetzung führte er aus, dass es sich um Freiwillige handelt, die danach ausgewählt wurden, wie die Schülermentoren-Tätigkeit mit ihrem Stundenplan in Einklang zu bringen ist. Die zu begleitenden Hauptschülerinnen und -schüler wurden von ihren Lehrerinnen und Lehrern für das Projekt ausgewählt. Insgesamt hat das Projekt ein sehr positives Echo hervorgerufen. Dr. Klinger führte aus, dass das Ziel der Technikschule ist, Lust auf Kompetenz zu wecken. Die Bedeutung einer guten Technik­ ausbildung ist angesichts der Kosten, die der Fachkräftemangel aufwerfen wird, immens. Dass die MINT-Fächer heute so un­ populär sind, liegt nicht an den Inhalten, sondern an deren Vermittlung. Als Voraussetzung für erfolgreiches Peer-to-PeerLearning nennt er 4 zentrale Punkte: 1. Die Jugendlichen kennen sich untereinander. 2. Peer-to-Peer-Learning lebt vom selbst gesteuerten Wissensfluss, 3. fordert eine funktionierende Infrastruktur und 4. eine gemeinsame Zielvereinbarung. In der Technikschule wird die „Lust auf Kompetenz“ in drei Phasen geweckt und gefördert: > Phase 1 stellt das Entdecken in den Vordergrund, > Phase 2 das Erleben durch den Bau eines Modells, die Durchführung eines Versuchs oder eines eigenen Projekts, > Phase 3 das Erkennen von zugrundeliegenden Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten in der Reflexion über das Erlebte und das noch Offene. Nachhaltigkeit entsteht dadurch, dass die Kinder und Jugendlichen die selbstgebauten Objekte mitnehmen und zu Hause vorführen und weiter damit experimentieren und forschen können, um die selbstgestellten offenen Fragen zu beantworten. Als hemmenden Faktor in der Verbreitung der Technikschule nannte Herr Dr. Klinger fehlende Fördermittel zur Finanzierung der Ausbildung von Jugendlichen, die ihrerseits vor Ort aktiv werden könnten. Prinzipiell plädiert er dafür, die Technikschule in baden-württembergischen Raum zu verbreiten und ist für jede Form von Kooperation offen.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Fragen und Antworten Rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zum Fachtag in die Stuttgarter Liederhalle. Neben fachlichen Inputs und thematischen Workshops hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, im Nachgang Fragen an die Referenten zu stellen. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu sollen an dieser Stelle nochmals rekapituliert werden. Referent: Jugendbegleiter-Team Frage: Durch wen oder was werden die Junior-Jugendbegleiter (Schülermentoren) für z. B. Hausaufgabenbetreuung ausgebildet, wenn der ansässige Kreisjugendring sich nicht verantwortlich fühlt? Antwort: Sie können für die Qualifizierung Ihrer Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter mit allen interessierten Bildungsträgern vor Ort zusammenarbeiten und so die Inhalte an die spezifischen Bedürfnisse ihrer Schule anpassen. Ab dem kommenden Schuljahr können die Schulen dafür bis zu 20 Prozent ihres Grundbudgets einsetzen. Weitere Informationen speziell zur Ausbildung der Schülermentorinnen und -mentoren finden Sie auch auf dem Kultusportal unter www.kultusportal-bw.de.

Referent: Wolfgang Antes Frage: 40 Prozent der Mittel fließen an Gymnasien (s. Evaluation 2010/11). Nur ein sehr geringer Teil geht an HS/RS, wo die eher benachteiligten Schüler sind, die eine intensive Förderung nötiger hätten. Gibt es Ziele oder Strategien dieses Ungleichgewicht zu mildern? Antwort: Das Jugendbegleiter-Programm steht allen Schulen gleichermaßen offen. Zwar sind an Gymnasien 40 Prozent der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter tätig, ausschlaggebend für die Förderung ist jedoch allein die angebotene Wochenstundenzahl im Jugendbegleiter-Programm. Keine Hauptschule oder Realschule, die eine höhere Wochenstundenzahl beantragt hat, wurde bisher abgewiesen. Dies wird auch künftig so bleiben.

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Fragen und Antworten

Referent: Wolfgang Antes Frage: Wie bzw. woher rekrutiere ich als Schule geeignete Referenten zur Qualifizierung und Fortbildung meiner Jugendbegleiter? Antwort: Sie können für die Qualifizierung Ihrer Jugendbegleiter mit allen interessierten Bildungsträgern vor Ort zusammenarbeiten und so die Inhalte an die spezifischen Bedürfnisse Ihrer Schule anpassen. Ab dem kommenden Schuljahr können die Schulen dafür bis zu 20 Prozent ihres Grundbudgets einsetzen. Darüber hinaus kann die Servicestelle Jugend und Schule Sie bezüglich geeigneter Referenten beraten.

Referent: Herr Droll Frage: Wie kann man ohnehin durch den Doppeljahrgang überlastete Kolleginnen und Kollegen zur Mitarbeit in den GTS motivieren? Wie wird deren Mitarbeit honoriert? Anwort: Die Motivation eines Kollegiums entsteht durch die Identifikation mit einer Schulvision. Im Rahmen der Deputatszuweisungen wird besondere Mitarbeit durch Deputatsentlastungen in beschränktem Umfange honoriert. Dabei wird im Entscheidungsfall manchmal eine größere Lerngruppe im Pflichtunterricht in Kauf genommen, um spezielle pädagogische Programme realisieren zu können. Der Klassenteiler 5-10 wird aber respektiert. Zentrale Motivation ist die Bestätigung über Erfolge in der Gruppe des Lehrerkollegiums und die positiven Rückmeldungen durch Schülerinnen und Schüler sowie Eltern und das sehr positive Gesamtbild, das die Schule in der Öffentlichkeit genießt. Daraus folgt dann auch eine vielfältige Unterstützung außerschulischer Partner für die Arbeit der Schule. Beim speziellen Ausbau Klasse 5 und 6 für die offene Ganztagsschule, wie an der Schule des Fragenden beschrieben, würde ich Angebote machen und in der Praxis schauen, was angenommen wird. Nach eigener Erfahrung sind besonders beliebt: Hausaufgabenbetreuung, interne Organisation von Einzelnachhilfe (Oberstufenschüler/-innen), Angebote im Bereich von Musik, Kunst und Sport, teils vernetzt mit entsprechenden Vereinen.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Referent: Herr Droll Frage: Wie gehen Sie mit verhaltensauffälligen Schülerinnen oder Schülern in Ihrer Schule um? Welche Hilfen bieten Sie an? Antwort: Im Falle von verhaltensauffälligen Schülern gibt es eine Reihe von möglichen Unterstützungen: 1. Klassen- und Fachlehrkräfte versuchen in ihrem jeweiligen Rahmen, so weit wie möglich zu fördern. Dazu zählen Gespräche mit dem Schüler oder der Schülerin, Klassenkonferenzen, Gespräch mit Eltern und Hinweise an die Schulleitung sowie andere Institutionen in der Schule mit besonderen Aufgaben. 2. Institutionen mit besonderen Aufgaben, die sich in der Schule um derartige Dinge kümmern, sind: a. Beratungslehrkräfte. Beratungslehrerinnen und -lehrer können u. a. psychologische Tests durchführen. Sie haben Kontakte zu außerschulischen Institutionen und sind erfahren in der Schülerberatung, auch in der Elternberatung und ggf. auch in der Schullaufbahnberatung. Die Lehrer arbeiten selbstständig und diskret. b. Streitschlichter. Über Jahre hinweg wurden Lehrerinnen und Lehrer und folgend auch Oberstufenschülerinnen und -schüler als Streitschlichter ausgebildet, die in konkreten Situationen helfen können. c. Anti-Mobbing-Programme. Auch hier wurden zunächst Lehrkräfte ausgebildet, die dann, unterstützt von fortgebildeten Oberstufenschülern, helfen können. d. Im prophylaktischen Bereich u. a. Klassenpaten (Oberstufenschüler/-innen für Unterstufenklassen), PEBI – Formen der Erlebnispädagogik vorzugsweise in Jahrgangsstufe 7. Indirekt gehört das bewusste Anbieten von Lernorten außerhalb der Schule und außerhalb des Fachunterrichts dazu (z. B. Schulgarten, Gestaltung der Schulgeländes, Herstellung des eigenen Schulweins), aber auch im Rahmen der Ganztagsbetreuung Angebote im sportlichen Bereich (z. B. Taekwondo oder Yoga). e. Aufsuchende Elternarbeit mit einem besonders qualifizierten Pädagogen (ehemaliger Fachabteilungsdirektor, finanziert durch PAB-Mittel). Der pädagogische Berater erhält in der Regel Aufträge von der Schulleitung. Seine Beratungen sind autark mit dem Schüler bzw. der Schülerin. Er geht auch bei Bedarf zu den Eltern ins Haus und hält Kontakte zu außerschulischen Organisationen. f. Schulleitung. Die Schulleitung führt sehr viele Gespräche im Zusammenhang mit verhaltensauffälligen Schülern. Hier spielen auch außerschulische Kontakte zu Institutionen eine Rolle. Mögliche Entscheidungen gehen in folgende Richtungen: Angebot für Therapien, Angebot für die Unterbringung in anderen Familien, Hilfen über soziale Einrichtungen.

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Fragen und Antworten

Referent: Paul Droll Frage: Wir möchten unsere Arbeitsgemeinschaften auch für andere Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden Grundschulen öffnen. Diese Grundschulen haben kein Jugendbegleiter-Programm. Wie sieht es hier mit der Versicherung aus? Sind diese Schüler während der AG versichert? Ist der Schulweg zur anderen Schule versichert? Was ist zu tun, damit diese Schülerinnen und Schüler teilnehmen können? Antwort: Meiner Auffassung nach sind alle genannten Personen Schüler des öffentlichen Schulwesens in Baden-Württemberg. Diese Schülerinnen und Schüler sind alle grundsätzlich über den Landesunfallversicherungsverband versichert. Dies müsste auch gelten, wenn sie an verschiedenen Schulen Angebote annehmen. Sicherheitshalber kann hierzu jede Rechtsabteilung des zuständigen Regierungspräsidiums Auskunft geben. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass auch die Gruppenleiterinnen und -leiter solcher Angebote über das Jugendnetzwerk als Jugendbegleiter versichert sind. Am Gymnasium Achern machen wir laufend Angebote, die auch von Jugendlichen anderer Schulen wahrgenommen werden. Wir hatten noch nie Probleme.

Referent: Paul Droll Frage: Kann eine Schülerin, die noch keine 16 Jahre alt ist, selbstständig eine Handball AG für Grundschülerinnen und -schüler leiten? Die Schülerin ist im Verein tätig und trainiert die Mini-Handballer mit. Antwort: Nach meiner Kenntnis gibt es keine offizielle Altersgrenze für eine solche Tätigkeit. Man muss wissen, dass grundsätzlich für alles, was an der Schule geschieht, der Schulleiter bzw. die Schulleiterin verantwortlich ist. Wenn er/sie zu der Überzeugung kommt, dass die Gruppenleiterin die Aufgaben bewältigen kann, kann sie diese Aufgabe leisten. Es sollte aber immer eine zumindest indirekte Begleitung durch eine Fachkraft möglich sein. Wenn an unserer Schule beispielsweise eine Schülermentorin in Sport eine Lerngruppe hat, so sind in der Sporthalle gleichzeitig auch andere Gruppen, eine davon immer mindestens mit einem Fachlehrer, Fachlehrerin besetzt. Die noch nicht 16-jährige Schülerin ist grundsätzlich selber versichert über das Jugendbegleiter-Programm, wenn sie als Jugendbegleiterin arbeitet. Dies entscheidet die Schulleitung. Es sollte den Eltern der teilnehmenden Kinder auch klar sein, unter welchen Konditionen die Veranstaltung stattfindet.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Referent: Sieghard Kelle Frage: Wo befindet sich in Stuttgart ein ähnliches Jugendhaus wie in Heidelberg, das mit Schulen (Gymnasien) kooperiert? Antwort: Ein Beispiel für die vielfältigen Aktivitäten ist das Kinder- und Jugendhaus Vaihingen. Seit mehr als 15 Jahren arbeitet die Einrichtung eng mit den beiden Stadtteilgymnasien zusammen – dem Fanny-Leicht- und dem Hegelgymnasium. War anfangs die Zusammenarbeit geprägt durch die Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen wie Konzerte, Schuldiscos, Stufenpartys und Klassenfeste, steht mittlerweile die Verzahnung von schulischer und außerschulischer Bildung im Focus. Allein mit dem Hegelgymnasium ließen sich zahllose Kooperationsbeispiele finden – ganz aktuell bereiten beide (unter Mitwirkung der Universität Stuttgart) das Sommerferien-IT-Camp für Mädchen ab 13 Jahren vor. In naturwissenschaftlichen und technischen Workshops lernen die Gymnasiastinnen von Wissenschaftlerinnen und Studierenden unter anderem, wie man wie man Lügen­detektoren lötet oder Roboter zum Sprechen bringt. Mittlerweile jährlich stattfindend: die Suchtpräventionswoche mit kreativen Workshops im Jugendhaus, in denen die Jugendlichen sinnvolle Freizeitgestaltung kennenlernen und die Gelegenheit haben, sich mit dem Thema Sucht auseinanderzusetzen. Beim Projekt „Schüler unterrichten“ bringen Schülerinnen und Schüler mit guten Medienkenntnissen Erwachsenen im Jugendhaus aktuelle Internet- und PC-Kenntnisse bei. Die Schülerinnen und Schüler werden von einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter des Jugendhauses gecoacht. Auch mit dem Fanny-Leicht Gymnasium organisiert das Jugendhausteam jährliche Suchtpräventionswochen, Feste und Veranstaltungen. Ganz aktuell haben die Gymnasiasten im neuen Druckstudio eigene Logos für T-Shirts entwickelt und für ihre Studienfahrten entsprechende Shirts bedruckt.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Angebote der Jugendstiftung Baden-W端rttemberg

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Mit Jugendlichen im Gespräch: „Der Qualipass hat bereits eine richtige Tradition“ Birgit Schiffers

Dieser Satz gilt nicht nur für die GeschwisterScholl-Schule in Tübingen, sondern auch für viele andere Schulen, Jugendeinrichtungen und Vereine. Seit seiner Einführung Anfang 2002 wurden über 350.000 Qualipässe an Jugendliche herausgegeben. 2010 waren es in Baden-Württemberg 28.500 Stück, und 2012 feiert die blaue Mappe ihren 10. Geburtstag. „Der Qualipass hat an unserer Schule bereits eine richtige Tradition. Für viele Schülerinnen und Schüler ist er fast genauso wichtig wie das Zeugnis.“ Mit diesen beiden Sätzen des Stellvertretenden Schulleiters Martin Schall vom Gymnasium des Geschwister-Scholl-Schulverbunds aus Tübingen weckt Christa Hintermair im Oktober 2010 meine Neugier. Frau Hintermair leitet die Jugendagentur Tübingen und ist dort seit 2002 für den Qualipass zuständig. Bei der ersten großen Infoveranstaltung zum Qualipass Ende 2001 für die Stadt- und Landkreise in Baden-Würt­temberg gehörte Frau Hintermair noch zu den Skeptikern. Trotzdem erklärte sie sich damals bereit, die regionale Kontaktstelle für den Qualipass im Landkreis Tübingen zu übernehmen. Nach einigen Vorstellungen in Schulen und vor Jugendverbänden gehörte sie schnell zu den großen Verfechtern der Dokumentenmappe und ist seither mit viel Herzblut in Sachen Qualipass in ihrem Landkreis unterwegs.

ZAHLEN ZUM QUALIPASS 2010:

Ausgegebene Qualipässe 2010: 33.500 Qualipässe 2002 bis 2010: 350.000 Kontaktstellen: 50 Kontaktstellen in 43 Stadtund Landkreisen

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So kommt es dazu, dass ich in der ersten Schulwoche nach den Weihnachtsferien mit Martin Schall, zwei Schülerinnen und einem ehemaligen Schüler zum Gespräch verabredet bin. Laura und Carolin gehen in die 12. Klasse. Florian war bis vor wenigen Wochen noch ihr Klassenkamerad, hat sich aber entschlossen, die Schule zu beenden, und fängt im März eine Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher an. Alle drei nutzen den Qualipass seit Jahren, und in dieser Zeit sind die Mappen kontinuierlich voller geworden. Die drei haben Preise und Bel­ obungen, Praktikumsbescheinigungen, Zertifikate für die Tätigkeit als Klassensprecherin, als Leiterin der Basketball-AG, als Schülermentor, über Auslandsaufenthalte, 6 Jahre Schlagzeug­ unterricht, die Mitarbeit im Jugendgemeinderat oder den Bau einer Skater-Anlage gesammelt.


Mit Jugendlichen im Gespräch: „Der Qualipass hat bereits eine richtige Tradition“

Jugendstiftung: Welches Zertifikat war für euch bisher am wichtigsten? LAURA: Für mich war es das Zertifikat, in dem bestätigt wird, dass ich drei Monate im Ausland war, weil das für mich eine sehr prägende Erfahrung war. CAROLIN: Bei mir war es das Praktikum bei dem Fernsehsender. Das war etwas ganz Großes, und ich möchte mich für einen Job im Medienbereich bewerben. Es ist eine gute Voraussetzung, wenn man da schon so etwas gemacht hat. FLORIAN: Bei der Bewerbung um einen Ausbildungsplatz hat mir vor allem die Mentorenbescheinigung geholfen. Das Zertifikat, auf das ich am meisten stolz bin, ist aber das vom Bau der Skater-Anlage. Es hat ungefähr ein Dreivierteljahr gedauert, bis wir die Skater-Anlage fertig hatten. Wir haben bei Sponsoren Geld und Materialien aufgetrieben, und es war viel Arbeit, alles zu schrauben und fertigzumachen. Deshalb bin ich auf diese Urkunde besonders stolz. Ist es euch wichtig, eure Aktivitäten schwarz auf weiß bescheinigt zu bekommen? LAURA: Ja, ich kenne viele Leute, die weitaus engagiert waren als ich, aber dafür praktisch keine Belege hatten. Ehrenamtliche Arbeit macht man gern, aber es ist schön, wenn man dafür eine schriftliche Bescheinigung bekommt. Und es hilft auch bei der Bewerbung. Lernt ihr euch über die Rückmeldungen im Qualipass besser kennen? CAROLIN: Ja, natürlich. Ich habe mich gerade über die Rückmeldungen bei den Praktika gefreut, wenn da steht, dass man

voll dabei ist und es auffällt, dass man mitdenken will, dass man Spaß daran hat und zuverlässig ist. Manchmal fällt einem das selber ja gar nicht auf. Wenn man aber liest, dass es den anderen auffällt, dann ist das schön.

Ehrenamtliche Arbeit macht man gern, aber es ist schön, wenn man dafür eine schriftliche Bescheinigung bekommt.

FLORIAN: Man kann sich mit dem Qualipass auch gut auf Gespräche vorbereiten. Wenn zum Beispiel drinsteht „hohe soziale und Kommunikationskompetenz“, dann kannst du das im Bewerbungsgespräch einbringen, wenn du nach deinen Stärken gefragt wirst. Genauso kann man auch seine Schwächen herausfinden, wenn man merkt, was habe ich eigentlich nicht in meinem Qualipass. So habe ich das gemacht und mich auf meine Vorstellungsgespräche vorbereitet. Zum Gespräch habe ich dann meinen kompletten Qualipass mitgebracht. Carolin, welche Zertifikate würdest du für eine Bewerbung im Medienbereich aussuchen? CAROLIN: Bei mir ist das so, dass ich in den USA studieren möchte. Also würde ich auf alle Fälle die sozialen Nachweise hineinlegen, meine Mentorentätigkeit, die Arbeit in der Basketball-AG, denn soziales Engagement hat in den USA einen sehr

„Wir standen vor drei oder vier Jahren vor der Situation, dass wir viele Schulabgänger hatten, die dann ihr Abschlusszeugnis bekamen und sagten: ,Ich bewerbe mich und habe nur das Abschlusszeugnis. Ich habe doch während der Schulzeit einiges gemacht. Ich war Skimentor, ich war Klassenmentor, ich habe eine AG betreut, ich habe Lernhilfe gemacht. Können Sie mir das irgendwie bestätigen?‘ Das war am Anfang eine Loseblattsammlung, die halt zusammengeheftet wurde. Wir haben uns dann intensiv umgesehen und sind schnell auf den Qualipass gestoßen und haben vor drei Jahren angefangen, den Qualipass in Klasse 8 einzuführen. D. h. er wird in einer Unterrichtsstunde qualifiziert vorgestellt, und zwar in allen achten Klassen, egal ob Hauptschule, Realschule oder im Gymnasium, die Schüler können Fragen dazu stellen, z. B. wie man ihn verwendet, und haben die Möglichkeit, ihn für den geringen Betrag von 2 Euro zu erwerben. Das tun 95 Prozent der Schüler. Den Eltern wird der Qualipass auf einem Elternabend vorgestellt. Der Begriff Qualipass ist bei uns in der Schule etwas Festes geworden. Auch im Kollegium hat er eine hohe Akzeptanz und ist immer wieder Thema in der Abteilungskonferenz. Für die Lehrer ist er eine Möglichkeit, das Engagement einzelner Schüler für das Schulleben zu belohnen. Wer sich hier engagiert, verlässt später die Schule mit mehr als nur einem Abschlusszeugnis. Das ist etwas, das immer wichtiger wird, und wir sind uns bewusst, dass in einem Abitur-, Real- oder Hauptschulabschlusszeugnis einfach vieles nicht erfasst wird, was ein Mensch kann, schon geleistet hat oder wo er Verantwortung übernommen hat. Da nimmt der Qualipass eine hohe Funktion ein, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dadurch bei einer Bewerbung Qualitäten eines Menschen zutage treten, die aus einem Zeugnis nicht lesbar sind. Wir bekommen immer wieder bestätigt, dass jemand einfach Vorteile hat, wenn er mehr einreicht als nur Punkte oder Noten.“ Martin Schall, stellvertretender Schulleiter am Gymnasium der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Kennen eure Eltern den Qualipass und eure eigenen Zertifikate? LAURA: Ich habe meiner Mutter bisher alles gezeigt, und sie findet es eine gute Sache. Das war ja freiwillig, und ich habe meine Mutter gefragt, und sie hat sofort gesagt, dass ich mir den Qualipass zulegen soll. CAROLIN: Bei mir war das auch so. Meine Schwester hat über Zertifikate ihren Studienplatz bekommen. Daher wussten wir schon, wie wichtig so etwas ist. Ich zeige auch alles meiner Mutter und frage sie, was ich alles reintun soll. Wie würdet ihr andere Jugendliche für den Qualipass begeistern? FLORIAN: Ich denke, am besten sind konkrete Beispiele von Leuten, bei denen der Qualipass wirklich etwas geholfen hat, ihnen einen Job verschafft oder viel dazu beigetragen hat. Das ist die beste Werbung.

Dann kannst du das im Bewerbungsgespräch einbringen, wenn du nach deinen Stärken gefragt wirst. Mehr Infos zum Qualipass und die regionalen Bestelladressen: www.qualipass.info

hohen Stellenwert. Wichtig sind natürlich auch das EnglischZertifikat von meinem Auslandsaufenthalt und die Berufspraktika beim Fernsehsender und beim Grafikbüro. Florian, bei dir habe ich gesehen, dass du einen Coach im Qualipass eingetragen hast. Wie kam es dazu und wie wichtig ist das für dich? FLORIAN: Das ist der Rainer Boss, der ist bei uns der Schulsozialpädagoge, der auch die Mentorenaktionen leitet. Da ich schon lange bei den Mentoren war, habe ich mir eine Bescheinigung als Projektmentor ausstellen lassen. Dabei ist mir aufgefallen, dass man hinten in der Mappe auch einen Coach eintragen lassen kann, und so habe ihn gefragt, ob er das machen würde. Er hat gleich ja gesagt und gemeint, dass die Leute ihn auch gerne anrufen können, wenn noch Fragen zu meiner Persönlichkeit oder zu meinen sozialen Kompetenzen auftreten. Bis jetzt haben sich die Leute bei jedem Bewerbungsgespräch seinen Namen aufgeschrieben. Ich habe mit ihm auch besprochen, dass ich die Schule beenden und mich für eine Ausbildung als Jugend- und Heimerzieher bewerben möchte. Meine Arbeit als Mentor war dabei sehr wichtig für meine Entscheidung. Er fand das gut, dass ich das mache, und ist deshalb auch als Coach für mich eingetreten.

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CAROLIN: Gut sind auch die Zertifikatvorlagen. Als ich zum Beispiel das Praktikum bei dem Fernsehsender gemacht habe, hätten die mir bestimmt etwas ausgestellt. Aber dadurch, dass ich einfach den Qualipass abgegeben habe, wussten die sofort, auf was es ankommt und was sie eintragen müssen. Glaubt ihr, dass der Qualipass eine Motivation sein könnte, sich sozial zu engagieren? LAURA: Ja bestimmt. Für mich war das schon eine Motivation. FLORIAN: Ich glaube auch, dass das motiviert. Aber das ist eigentlich falsch. Wenn du etwas machst, solltest du es nicht nur machen, damit du später einen Zettel im Qualipass und dann vielleicht bessere Bewerbungschancen hast. CAROLIN: Es kann aber sein, dass man normalerweise nicht auf die Idee kommt. Dann bekommst du mal so ein Blatt, ordnest das ein und denkst, ich könnte noch mehr machen. Es hat Spaß gemacht und ich bekomme sogar noch eine Belohnung. Du siehst, dass es nicht umsonst ist. Der Qualipass ist super!

Kontakt: Birgit Schiffers Fachbereich Bildungsnachweise E-Mail: schiffers@jugendnetz.de


Stärken erkennen, Kompetenzen entwickeln, Qualifikationen nachweisen – Neu entwickelte Materialien für die Praxis

Stärken erkennen, Kompetenzen entwickeln, Qualifikationen nachweisen – Neu entwickelte Materialien für die Praxis Elisabeth Yupanqui Werner/Daniela Jakob

Es war einmal: Max war in der Schule meistens still, in Mathe war er keine Leuchte und in Englisch schrieb er Dreien und Vieren. In seiner Freizeit spielte er gerne Fußball und führte manchmal den Hund der Nachbarin aus, letzten Winter hat er beim Aktionstag von Mitmachen Ehrensache mitgemacht, sonst saß er viel vor dem Computer. Wenn Max an seine Zukunft dachte und was er später mal beruflich machen wolle, dann war da ein großes Fragezeichen in seinem Kopf. Auf die Frage, welche Stärken er denn habe, zuckte er nur mit den Achseln. Wenn er das nur wüsste … So geht es vielen Jugendlichen in der 7. oder 8. Klasse vieler Schularten. Sie wissen ziemlich gut, was sie nicht können und wo ihre Schwächen liegen, da sie dazu wesentlich mehr Rückmeldungen bekommen als über ihre Stärken und Kompetenzen. Die Stärkenarbeit setzt genau hier an. Mit vielen kreativen Materialien und Methoden können Jugendliche wie Max lernen, dass sie durch ihre Hobbys und Interessen Stärken entwickeln, wie sie diese zu Kompetenzen ausbauen können und wie durch den Nachweis darüber im Qualipass Qualifikationen für ihre Bewerbung werden. Zur Stärkenarbeit gehört das spielerische Kennenlernen verschiedener Stärkenbegriffe wie zum Beispiel Reflexions-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit.

Die Jugendlichen überprüfen systematisch ihre Interessen und arbeiten ihre persönlichen Stärken heraus. Max hat z. B. durch das Fußballspielen im Mittelfeld Teamfähigkeit und Durchhaltevermögen gelernt, beim Hundeausführen für die ältere Nachbarin hat er Hilfsbereitschaft und Eigenverantwortung entwickelt und durch das Herumbasteln am Computer hat er seine Medienkompetenz und technisches Verständnis ausbauen können. Er lernt, sich und anderen ein stärkenorientiertes Feedback zu geben und seine Stärken individuell zu benennen. Er stellt seine Stärken kreativ in einer Collage dar oder übt in einem Bewerbungsrollenspiel, seine Stärken der Chefin des Betriebes mit konkreten Beispielen darzustellen und zu illustrieren. Bei der Stärkenarbeit lernt Max auch, wie er aus dem Qualipass-Eintrag, den er für sein Engagement bei Mitmachen Ehrensache erhalten hat, seine Stärken herausarbeiten oder wie er seine Medienkompetenz in einem Videoprojekt gezielt

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

ausbauen kann. All diese Erfahrungen und Stärken kann er dann im Stärkentagebuch, in der Stärken-Entwicklungsspirale und im Qualipass dokumentieren. Anhand dieses Stärkenprofils, das mit der Zeit immer weiter wächst und sichtbar macht, welche Stärken sich durchziehen, welche neu dazukommen und welche Stärken Max weiterentwickeln konnte, fällt die Entscheidung für einen konkreten Ausbildungsberuf viel leichter. Und auch für den Arbeitgeber sind die dokumentierten Stärken eine große Hilfe, denn er kann schnell erkennen, ob sich Max für eine bestimmte Ausbildung eignet, und er sieht, dass Max weiß, was er kann. Stärkenarbeit kann in der außerschuli­schen Jugendarbeit, zu Hause oder in der Schule stattfinden. Dazu braucht es Erwachsene oder ältere Jugendliche, die gelernt haben, auf Stärken zu achten, und die Methoden kennen, wie sie Jugendliche bei der Entdeckung ihrer Stärken begleiten und diese Stärken wertschätzend zurückmelden können. Eine bewusste Gestaltung der Rolle als Coach bzw. als Begleitung ist dabei sehr wichtig. Das Vertrauen der Erwachsenen in die Stärken der Jugendlichen ist eine wichtige Voraussetzung, damit diese überhaupt sichtbar werden können. Es geht um eine Grundhaltung, die auf das Gelingende blickt und davon ausgeht, dass jeder Jugendliche Stärken hat und sich sogar hinter Tätigkeiten wie Shoppen und Chillen Stärken verbergen, die es nur herauszufinden gilt. Diese Grundhaltung ist wie der Blick durch eine andere Brille, den die Erwachsenen wie auch die Jugendlichen in der Stärkenarbeit lernen können. Die Kenntnis der eigenen Stärken unterstützt die Jugendlichen in ihrer Entwicklung und fördert ihre Eigenständigkeit und die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, über mehrere Jahre die Stärken der Jugendlichen sowohl in der Schule als auch der außerschulischen Jugendbildung herauszuarbeiten und ihnen Herausforderungen und unterschiedliche Engagementfelder anzubieten, in denen sie diese Stärken weiterentwickeln können. Gelingt es, diese Stärken in einem Profil wie z. B. dem Qualipass oder dem Berufswahlpass systematisch zu dokumentieren und die Stärken der Jugendlichen in allen Lebens-

Teamfähigkeit

Ich kann mit anderen gemeinsam eine Aufgabe lösen und meine Interessen für das gemeinsame Ziel zurückstellen.

Ich arbeite gerne mit anderen in einer Gruppe an einer gemeinsamen Aufgabe und bringe meine Fähigkeiten ein. In der Gruppenarbeit kann ich gut auf andere eingehen, mache eigene Lösungsvorschläge und suche nach Kompromissen. Ich bin nicht beleidigt, wenn ich überstimmt werde. Ich helfe und unterstütze mein Team, damit unsere gemeinsame Aufgabe besser gelingt.

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Durchhaltevermögen

bereichen sichtbar zu machen, können Berufswahlentscheidungen auf einer ganz anderen Basis getroffen werden. Darüber hinaus bietet ein Stärkenprofil natürlich auch eine gute Grundlage für die individuelle Förderung, die dann durch die Schule gemeinsam mit außerschulischen Partnern geplant und Schritt für Schritt begleitet werden kann. Die Jugendlichen bekommen so ein Gefühl dafür, wer sie sind und was sie können. Sie gewinnen Erfahrungen, wie sie sich in die Gemeinschaft und in das Gemeinwesen einbringen können, und fühlen sich als wichtiger und anerkannter Teil der Gesellschaft.

Ich schaffe es, beharrlich ein Ziel zu verfolgen und Aufgaben zu beenden.

Medienkompetenz

Wenn es Probleme gibt, stecke ich nicht den Kopf in den Sand, sondern mache weiter. Ich versuche, bis zum Ende dran­ zubleiben, wenn ich mir etwas vorgenommen habe.

Ich lasse mich auch von Misserfolgen nicht entmutigen. Ich gebe nicht auf, sondern beiße mich durch.

Ich kenne mich in kreativer Bildbear­ beitung aus. Ich habe schon Videos gedreht und geschnitten.

Ich kann gut mit der Digitalkamera, Videokamera oder dem Handy umgehen.

Bei einem Referat oder einer Präsenta­ tion kann ich Medien (wie z. B. Compu­ ter oder Beamer) gut einsetzen, z. B. in Form einer PowerPoint-Präsentation. Ich kenne mich gut im Internet aus und weiß, wo ich die Informationen finde, die ich brauche.


Stärken erkennen, Kompetenzen entwickeln, Qualifikationen nachweisen – Neu entwickelte Materialien für die Praxis

Das Stärkenheft und die Stärkenkarten können Sie bei der Jugendstiftung bestellen. Wenn Sie Interesse haben, sich mit dem Thema Stärken­ arbeit konzeptionell oder konkret im Ausprobieren der erarbeite­ten Materialien und Methoden intensiver zu beschäftigen, dann können Sie das Seminarangebot der Jugendstiftung nutzen. Wir kommen gerne zu Ihnen vor Ort und konzipieren ein Seminar mit Ihnen für die Zielgruppe Ihrer Wahl.

Die Jugendstiftung Baden-Württemberg setzt seit vielen Jahren wichtige Akzente in der Berufsorientierung und unterstützt Jugendliche beim Übergang von der Schule zum Beruf beispielsweise mit dem Qualipass oder dem Projekt KommLern. In den letzten drei Jahren sind in diesem Projekt interessante Werkzeuge wie die Plattform www.job-fit.de, das Brettspiel JobChampion oder die Videoprojekte Berufbildportraits entstanden. Das Stärkenheft „Stärken erkennen, Kompetenzen entwickeln, Qualifikationen nachweisen“, in Kooperation mit dem KJR Esslingen entwickelt, ist nun ein weiterer wichtiger Baustein der Jugendstiftung für die frühzeitige Berufsorientierung. Mit 40 abwechslungsreichen Praxismaterialien, interessanten Einführungstexten zur Ressourcenorientierung, zur Arbeit als

Zusammenhänge erkennen

Ich kann bei einem Test bei verschie­ denen Formen, Mustern oder Symbolen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede erkennen.

Kontakt: Toleranz

Ich kann Theorie und Praxis miteinan­ der verbinden. Ich kann verschiedene Informationen miteinander in Beziehung setzen und Zusammenhänge erkennen.

Ich kann Wesentliches von Unwesent­ lichem unterscheiden.

Coach und einem Seminarangebot zur Stärkenarbeit vor Ort bietet es die Grundlagen, um in die beschriebene Form der Stärkenarbeit einzusteigen. Das Stärkenkarten-Set mit 62 Stärkenkarten, die jeweils eine bestimmte Stärke beschreiben und sie einem von vier Kompetenzbereichen (persönlich, sozial, fachlich und methodisch) zuordnen, sind weitere Instrumente, die das Stärkenheft ergänzen. Mit ihrem jugendgerechten Design und dem handlichen Format sind sie vielseitig einsetzbar und haben einen hohen Wiedererkennungswert. Der Einsatz der Karten in der Praxis zeigt immer wieder, dass Jugendliche mit Hilfe der Karten einen guten Zugang zu ihren persönlichen Stärken finden, der ihnen Spaß macht. Im Stärkenheft finden sich viele Anregungen, wie mit den Stärkenkarten gearbeitet werden kann.

Ich respektiere Vorstellungen und Überzeugungen von anderen, selbst wenn ich sie persönlich merkwürdig finde.

Elisabeth Yupanqui Werner Fachbereich Bildungsangebote und Bildungsnachweise E-Mail: yupanqui@jugendnetz.de Daniela Jakob Fachbereich Projektförderung E-Mail: jakob@jugendnetz.de

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Mappenweise Engagement – Der Jugendbildungspreis zeigt, was Jugendliche können Miriam Kumpf/Miriam Schmid

Miriam Kumpf hat sich als Jurymitglied des Jugendbildungspreises ein Wochenende lang die Bewerbungsunterlagen der Projekte ganz genau angeschaut. „Es war toll zu sehen, in wie vielen unterschiedlichen Projekten sich Jugendliche in BadenWürttemberg engagieren“, findet sie und ist dankbar für die spannenden Einblicke. Ein Bericht. „Ich bringe Ihnen ein ganz großes Geschenk“, kündigt der Paketbote an, während er eine riesige Kiste vor meine Wohnungstüre schleppt. „Geschenk ist gut, in dieser Kiste wartet vor allem Arbeit“, denke ich und spreche es nicht laut aus, um dem Paketboten seine gute Laune nicht zu verderben.

Inspirierende Arbeit Ja, in der Kiste steckt Arbeit, schließlich haben sich 2010 rund 120 Projekte für den Jugendbildungspreis beworben. Gleichzeitig ist es eine Arbeit, auf die ich mich freue: Zu sehen, wie viel und mit welch großem Engagement Jugendliche Dinge auf die Beine stellen, ist toll und gleichzeitig inspirierend. Während der nächsten drei Tage muss meine Mitbewohnerin im Storchenschritt durch das Wohnzimmer laufen: Die Bewerbungsunterlagen liegen überall auf dem Boden verstreut, dazwischen ein Zettel für Notizen und der Bewertungsbogen. Um eine faire Bewertung zu gewährleisten, wird jedes Projekt nach den gleichen Kriterien bewertet. Dazu zählen die Beteiligung der Projektgruppe, Projektidee und Innovationsgehalt,

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Reichweite, Aufbau der Bewerbung sowie die Projektpräsentation. Die Projekte, die sich für den Sonderpreis „Fair und Couragiert“ beworben haben, werden zusätzlich nach den Kriterien Themenbezug und Wirkung in der Öffentlichkeit bewertet.

Viele Unterlagen Damit die Jury nicht durcheinander kommt, hat jedes Projekt neben dem Projekttitel noch eine fortlaufende Nummer. In einer Übersichtstabelle steht noch eine Kurzbeschreibung von jedem Projekt – und dann ist da noch der Inhalt der großen Kiste, die der Paketbote angeschleppt hat: Die für die Projekte eingereichten Unterlagen wurden für jedes Jurymitglied vervielfältigt. In vier Boxen hängen Registermappen, für jedes Projekt eine.


Mappenweise Engagement – Der Jugendbildungspreis zeigt, was Jugendliche können

JURYMITGLIEDER:

• Miriam Kumpf, Jugendpresse Baden-Württemberg

mus auseinander, mit der Klimakatas­trophe und mit ihren Zukunftsängsten. HSI-project hat bereits zahlreiche öffentliche Auftritte hinter sich und sogar schon eine eigene CD produziert.

• Paul Stritt, Landesschülerbeirat Baden-Württemberg • Elisabeth Johanna Henkel-Waidhofer, Journalistin • Dr. Carsten Rabe, Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg BEWERTUNGSKRITERIEN:

• Engagement der beteiligten Jugendlichen • Beteiligung Jugendlicher unterschiedlicher Herkunft • Projektidee: Originalität, Bedeutung des Projekts für die Gemeinde, Projektdarstellung • Sonderpreis: Zusätzlich zu den oben genannten Kriterien wird noch der thematische Bezug zum Sonderthema „Fair und Couragiert“ bewertet.

Ihren Inhalt sichte ich ein Wochenende lang: Projektbeschreibungen, Teilnehmerlisten, beteiligte Partner, Videos, Presseberichte, Fotostrecken, Flyer und Broschüren. Das Ergebnis ist eine Excel-Tabelle voll mit Zahlen. Mit dieser im Gepäck geht es zur Jurysitzung nach Stuttgart. Dort werden die Ergebnisse der einzelnen Jurymitglieder verglichen, diskutiert und nochmals Unterlagen gesichtet. Sich auf die Nominierten und Gewinner zu einigen, ist schwierig – schließlich gibt es viele tolle Projekte, die einen Preis verdient hätten. Umso mehr freuen meine Jurykollegen und ich uns auf die feierliche Preisverleihung, bei der alle Projekte gewürdigt werden, und darauf, die jungen Menschen hinter den Projekten kennenzulernen. Welche der für den Jugendbildungspreis Baden-Württemberg 2010 eingereichten Projekte sich über einen Preis freuen dürfen, verrät Staatssekretär Georg Wacker am 11. April bei der feierlichen Preisverleihung im Neuen Schloss Stuttgart. Nominiert dafür sind: 1. HSI-project, www.hsi-tuebingen.de „HSI-project“ ist eine Band der Hauptschule Innenstadt Tübingen. Sie besteht zurzeit aus elf Schülerinnen und Schülern, die aus sieben Nationen kommen. Alle Lieder werden selbst geschrieben und komponiert. Die Jugendlichen setzen sich in ihren Songs zum Beispiel mit Gewalt und Rassis-

2. Move it! – Jugendgipfel, www.freiburgxtra.de Jugendliche der Wentzinger Realschule Freiburg organisierten den 2. Freiburger Jugendgipfel als Aktions- und Bildungstag für mehr als 600 Jugendliche. Das von den Jugendlichen selbst gewählte Schwerpunktthema lautete: „Vielfalt der Kulturen“, der Slogan: „Die Welt. Daheim. In Freiburg.“ Ziel war es, die positiven Aspekte kultureller Vielfalt im Alltag von Jugendlichen in den Blick zu nehmen, politisch zu thematisieren und kulturelle Begegnungen zu ermöglichen. 3. Come together – das Behindertencafé, www.zinsholz.de „Come together“ ist eine hervorragende Plattform für alle Behinderten und Nichtbehinderten, um Vorurteile abzubauen und sich besser kennenzulernen. Menschen mit und ohne Behinderung organisieren das einmal im Monat stattfindende Café gemeinsam. So haben es die Ehrenamtlichen geschafft, Behinderte in den Betrieb des Zentrums Zinsholz zu integrieren. 4. Menschen mit Rechten?!, www.menschenrechte. jugendnetz.de Zeitzeugeninterview mit einem Obdachlosen: Die Jugendlichen entwickelten für das Interview mit einem Obdachlosen einen Leitfaden, filmten dieses Interview und produzierten eine etwa zehnminütige Filmkurzfassung, die im Internet zu sehen ist. Eine begleitende Projektzeitung gibt weitere Einblicke in das Thema. 5. Rückenwind, www.freeyourmind-kehl.de Das kriminalpädagogi­sche Projekt „Rückenwind“ ist ein Angebot für Kinder und Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Jugendliche Konfliktmanager

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

helfen ihnen, zukünftig nicht mehr straffällig zu werden. Derzeit sind 40 Konfliktmanager tätig, die sich jeweils zu dritt mit einem straffällig in Erscheinung getretenem Kind oder Jugendlichen auseinandersetzen. Gemeinsam suchen sie z. B. nach einer kreativen Form der Wiedergutmachung. 6. Jugend informiert, www.youth-life-line.de Jugend informiert: Jugendliche informieren Jugendliche über ein Tabuthema, den Suizid im Jugendalter, klären auf und machen auf Möglichkeiten des Umgangs und der Hilfe aufmerksam. Aus eigener Erfahrung wissen die beteiligten Jugendlichen, dass sie Infos besser annehmen und verstehen können, wenn sie von Gleichaltrigen weitergegeben werden. 7. Jugendausgabe Trott-war, www.jpbw.de Die Jugendausgabe der Trottwar rückt sozial Schwache und Benachteiligte in den Fokus. Die Jugendpresse BW und das Stammteam der Trottwar möchten junge Leser zwischen 15 und 26 Jahren für Themen am Rande der Gesellschaft interessieren und begeistern. Die begleitende Kampagne über Postkarten, Website und Facebook griff das Titelthema der Zeitung „Ist das gerecht?“ auf, außerdem wurden an Stuttgarter Schulen dazu Diskussionen veranstaltet. 8. Cool am Computer – junge Tutor/-innen für Senior/-innen (CACTUS), www.ileu.net In Anlehnung an das Projekt der europäischen Lernpartnerschaft „Grandparents & Grandchildren“ werden in fünf Modellschulen „Junior Internet-Helfer/-innen“ ausgebildet. Die Idee ist, an die Internetkompetenz der Jugendlichen anzuknüpfen und sie in Workshops zu fördern. Anschließend bringen die Jugendlichen bisher internetunkundigen Erwachsenen den Umgang mit Computer und Internet näher, um sie so vor der Ausgrenzung aus der digitalen Welt zu bewahren. 9. Jammin for Justice, www.jamminforjustice.de Gegründet wurde das Projekt 2007 von zwei damals 16-jährigen Schülerinnen, die dem Weltgeschehen nicht mehr nur zu-

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Mit dem Jugendbildungspreis BadenWürttemberg würdigt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg das Engagement Jugendlicher, Ehren- und Hauptamtlicher in der außerunterrichtlichen Jugendbildung. Diesem Bereich kommt in einer sich wandelnden, vielfältigeren und zugleich stärker vernetzten Gesellschaft zunehmende Bedeutung zu. Eine gute Idee. Mehr und aktuelle Informationen unter www.engagiertbw.de, Bewerbungsschluss ist der 15. Oktober 2011.

sehen, sondern selbst aktiv werden wollten. Inzwischen ist das Projekt zu einer freien Jugendinitiative geworden und organisiert beispielsweise Benefizkonzerte. Der Erlös wird für gemeinnützige Projekte in Afrika gespendet. 10. CYS – Schülerkalender, www.ju-bib.de Seit drei Jahren entsteht in Biberach bei der Jugendfirma Creative Young Stars ein Schülerkalender von Jugendlichen für Jugendliche. Er begleitet durchs ganze Schuljahr und gibt vielfältige Anregungen, selbst aktiv zu werden und die Welt ein Stück zu verbessern. 2010/11 steht das Thema Zivilcourage im Mittelpunkt.

Kontakt: Miriam Schmid Fachbereich Projektförderung E-Mail: schmid@jugendnetz.de


Jugendbefragung im Land – Survey Jugend 2011 in Baden-Württemberg

Jugendbefragung im Land – Survey Jugend 2011 in Baden-Württemberg Miriam Schmid/Wolfgang Antes

Die Jugendstiftung BadenWürttemberg hat gemeinsam mit dem Landesschülerbeirat Baden-Württemberg 2413 Jugendliche zu den Themen Freundschaft, Geld, Medien, Schule, Freizeit, Engagement, Werte und Zukunft befragt. Ziel dieser erstmals in Baden-Württemberg in dieser Weise durchgeführten Untersuchung ist es, einen ersten Eindruck davon zu erhalten, wie Jugendliche für sie wichtige Fragestellungen beantworten und bewerten. Weitergehend soll der Survey BadenWürttemberg Anhaltspunkte für vertiefende empirische Untersuchungen und die dabei zu berücksichtigenden Themenfelder bieten. Meinungen, Interessen, Wünsche, Aktivitäten und Zukunftsvorstellungen Jugendlicher sind für engagierte Fachkräfte der Jugendbildung innerhalb und außerhalb von Schulen von großem Interesse. Das Gleiche gilt für das Entscheidungsmanagement von Trägern der Jugendbildung, von Verwaltungen und bera-

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Statistisches Landesamt Baden-Württemberg.

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Statistisches Landesamt Baden-Württemberg.

tenden Gremien. Aber auch Jugendliche selbst und deren Eltern wollen wissen, was Jugendliche interessiert und bewegt. Der Jugend-Survey Baden-Württemberg erfasste neben den Basisdaten Jugendlicher zwischen 12 und 18 Jahren die Themenfelder Freundschaft, Geld, Medien, Schule, Freizeit, Engagement, Werte und Zukunft. Dazu wurden sowohl quantitative als auch qualitative Methoden angewandt. Insgesamt wurden 2413 Jugendliche aus nahezu allen Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs per Fragebogen befragt. Die erhobene Stichprobe legt die Übergänge von der Klassenstufe vier der Grundschule auf eine weiterführende Schulart zugrunde: 25 Prozent der Hauptschüler, 33 Prozent Realschüler, 40 Prozent Gymnasiasten.1 Zusätzlich wurden Schüler einer Sonderschule befragt. Die befragten Jugendlichen wurden in drei Altersgruppen aufgeteilt: 12 bis 14, 15 bis 16 und 17 bis 18 Jahre.2 Auf diese Referenzgröße, die in

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Baden-Württemberg einen Umfang von 810.000 Jugendlichen hat, bezog sich die Stichprobe der vorliegenden Untersuchung. Die ausgewerteten Daten für Baden-Württemberg werden jedoch nicht unvermittelt dargestellt. Wo es möglich ist, sind die Ergebnisse vergleichbarer Untersuchungen herangezogen und verglichen worden. Damit wird die Relevanz einzelner Ergebnisse in einem größeren Rahmen sichtbar gemacht. Zudem wurden durch die Jugendstiftung zwölf standardisierte Interviews mit Jugendlichen durchgeführt, in denen die Fragestellungen des Surveys vertieft erörtert worden sind. Zitate aus diesen Interviews sind den einzelnen Themenbereichen des Surveys vorangestellt und illustrieren das statistische Material durch „O-Töne“ Jugendlicher. Der Jugend-Survey Baden-Württemberg ist ein gemeinsames Projekt der Jugendstiftung Baden-Württemberg und des Landesschülerbeirats (LSBR), in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Gemeinsam mit Jugendlichen aus dem Vorstand des LSBR wurden der Fragebogen entwickelt, die Erhebungsmethoden festgelegt und die Durchführung der Befragung abgestimmt. Der Survey ist damit nicht nur eine statistische Erfassung empirischer Daten, sondern ein Jugendbildungsprojekt. Mit Jugendlichen wurde deshalb eine Seminareinheit erarbeitet, wie die Ergebnisse des Surveys und die dabei angewandten statistischen Verfahren den beteiligten Schulklassen und Jugendgruppen vermittelt werden können. Die bei der Datenerfassung beteiligten Jugendlichen erhalten damit ein direktes Feedback. Die dafür entwickelten Materialien eignen sich gut für die modernen Bildungspläne aller Schul­ arten in Baden-Württemberg. Die Rahmenbedingungen, also das „Setting“ bei den einzelnen Befragungen vor Ort, waren immer gleich. In einem ungestörten Raum hatten die Jugendlichen bis zu 45 Minuten Zeit, den Fragebogen zu bearbeiten. Für Rückfragen Jugendlicher stand während der Bearbeitungszeit immer eine Person, die mit dem Fragebogen vertraut war, zur Verfügung. In acht Pretests wurde die Struktur der einzelnen Fragen auf Verständlichkeit und Akzeptanz überprüft. Das führte zu Veränderungen einzelner Fragestellungen, oftmals zu Zuspitzungen und erläuternden Hinweisen.

Kontakt: Miriam Schmid Fachbereich Projektförderung E-Mail: schmid@jugendnetz.de

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Vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Fachbereichen der Jugendbildungsforschung kommentieren die Ergebnisse des Surveys. Diese ist seit Juni 2011 als Broschüre sowie online verfügbar.


Glossar Jugendbildung Baden-Württemberg

Glossar Jugendbildung Baden-Württemberg 1. Schule Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung können bei Vorliegen der Voraussetzungen an folgenden Schularten eingerichtet werden: Grundschulen, Hauptschulen, Werkrealschulen und Förderschulen in Nachbarschaft zu einer solchen Hauptschule/Werkrealschule. Der Ganztagsschulbetrieb geht an vier Tagen über acht Zeitstunden täglich. Dieser Ganztagsschultyp ist voll gebunden (die ganze Schule nimmt am Ganztagsbetrieb teil) oder teilweise gebunden (ein Teil der Schülerinnen und Schüler, beispielsweise ein Zug, nehmen verpflichtend am Ganztagsbetrieb teil). Es kann für die Schule, selbst wenn die Voraussetzungen einer besonderen pädagogischen und sozialen Aufgabenstellung vorliegen, auch der Ganztagsbetrieb in offener Form beantragt werden. Gebundene Ganztagsschule In der gebundenen Ganztagsschule ist die Teilnahme am Ganztagsbetrieb für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich. Der Unterricht und andere Angebote sind regelmäßig miteinander verzahnt.

Teilgebundene Ganztagsschule In der teilgebundenen Ganztagsschule ist das Ganztagsangebot nur für einen Teil der Schülerinnen und Schüler z. B. einzelne Klassenstufen oder ein Zug einer mehrzügigen Schule verbindlich.

tagsbetrieb für mindestens ein Schuljahr verbindlich. Abhängig vom örtlichen Bedarf können bestimmte Klassen(-stufen) oder Züge im Ganztagsbetrieb eingerichtet werden.

Rhythmisierung Die Rhythmisierung des Unterrichts ist vor allem im Zusammenhang mit der Entwicklung von Halbtagsschulen hin zu Ganztagsschulen ein wichtiges Thema. Ganztagsschulen sind mehr als zeitlich ausgedehnte Halbtagsschulen mit Betreuungselementen. Die Rhythmisierung beinhaltet eine Neuverteilung des Unterrichts auf den Vor- und Nachmittag (z. B. vormittags nur 5 statt 6 Unterrichtsstunden, längere Pausen) und bietet der Schulleitung die Chance, Unterrichtsstrukturen mit außerunterrichtlichen Elementen zu kombinieren und damit den Unterricht besser auf den Biorhythmus der Kinder und Jugendlichen abzustimmen. Die konkrete Realisierung ist abhängig von den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Beteiligten – Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte, Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter –, aber auch von ganz praktischen Gesichtspunkten wie der Raumsituation und der Schülerbeförderung. Schulverpflegung Je mehr sich die Schulen in Richtung Ganztagsschulen entwickeln, umso mehr gewinnt auch die Schulverpflegung an Bedeutung. Zur Erhaltung der Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen über den ganzen Schultag hinweg ist eine kindgerechte Verpflegung und ausgewogene Ernährung in angemessenem Rahmen eine wichtige Voraussetzung. Viele Fragen zu räumlichen, organisatorischen und finanziellen Problemen stellen sich, Patentlösungen gibt es in der Regel nicht. Jede Schule muss für sich einen passenden Weg finden. Informationen: www.schulverpflegung-bw.de www.dge-bw.de

2. Außerunterrichtliche Bildung Ganztagsschule in offener Angebotsform Ganztagsschulen in offener Angebotsform können in allen Schularten der allgemein bildenden Schulen (Grundschulen und Sekundarstufe I) eingerichtet werden. Die Ganztagsschule in offener Angebotsform muss einen Ganztagsbetrieb an vier Tagen mit täglich mindestens sieben Zeitstunden gewährleisten. Die Teilnahme ist freiwillig und kann sich auch nur auf drei von vier Tagen beschränken. Aus Gründen der Planungssicherheit ist die Anmeldung der Schülerinnen und Schüler am Ganz-

Bildungspartnerschaft Schulen öffnen sich dem Gemeinwesen. Außerschulische Partner kommen an die Schulen. Die Schule ist durch die Ganztagsbildung für Partner attraktiv geworden. Diesen Kooperationen geht die Entwicklung eines Bildungskonzepts voran, das von beiden Seiten getragen und entwickelt wird. Diese Bildungspartnerschaften sind auf Dauer angelegt, so dass die Schülerinnen und Schüler verlässliche Angebote besuchen können.

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

Bildungsregionen Eine Bildungsregion hat das Ziel, die Lern- und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen in einer Region zu verbessern und zu sichern. Sie ist ein aktives Netzwerk an Schule und Bildungsfragen beteiligter Partner, die mit gemeinsamen Leitlinien und Zielen eine systematische und bedarfsorientierte Qualitätsentwicklung im Bereich der Bildungsangebote fördern. Dabei sind eine konstruktive Partnerschaft und ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für die Kinder und Jugendlichen in einer Region sowie ein gemeinsames Verständnis von Bildungsgerechtigkeit von besonderer Bedeutung. Das Land Baden-Württemberg unterstützt interessierte Stadtund Landkreise bei der Einrichtung und Gestaltung einer Bildungsregion durch das Impulsprogramm Bildungsregionen. www.bildungsregionen-bw.de

Außerschulische Lernorte Für Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, den eigenen Klassenraum zu verlassen und andere Lern- und Erfahrungsräume aufzusuchen. Je nach Zielgruppe, Thema und Lernziel sind Lernorte mehr oder weniger geeignet. Prinzipiell bietet sich alles außerhalb der Schule an, um den Lern- und Erfahrungsraum zu erweitern. Ob Museumsbesuche, Ausflüge in den Wald oder der Besuch im Jugendhaus nebenan – wie und wann diese Lernorte gewählt werden, hängt vom Inhalt des Unterrichts ab. Auch Jugendbegleiter-Angebote können außerhalb der Schule stattfinden. Kurse im Bereich Natur, Musik oder Kunst können beispielsweise in einem Naturschutzgebiet, einer Musikschule oder Kunstschule angeboten werden.

3. Außerunterrichtliche Programme Jugendbegleiter-Programm Jugendbildung wird als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen. Mit dem Jugendbegleiter-Programm des Kultusministeriums erhalten Schulen die Möglichkeit, ehrenamtlich Engagierte aus ihrem Umfeld oder aus Vereinen und Verbänden mit Bildungs- und Betreuungsangeboten in einen rhythmisierten Schulabllauf konzeptionell einzubinden. Die Schule öffnet sich damit für unterschiedliche Lernorte und für gesellschaftliche Gruppen, die zur Vernetzung von Bildungsangeboten beitragen. www.jugendbegleiter.de

Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter führen eigenständige Bildungs- und Betreuungsangebote in der Ganztagsbetreuung in der Primarstufe und Sekundarstufe I der allgemein bildenden Schulen sowie an beruflichen Schulen, die zu vergleichbaren Abschlüssen der Sekundarstufe I führen, durch. Das Angebot muss kontinuierlich für ein Schulhalbjahr angelegt sein. Außerschulische Partner werden mit einbezogen, in dem sie Ehrenamtliche an den Schulen einsetzen. www.jugendbegleiter.de

Junior-Jugendbegleiter Schülerinnen und Schüler, die 14 Jahre oder älter sind, können als so genannte Junior-Jugendbegleiter tätig werden. Gymnasiasten können beispielsweise an Grund,- Haupt- und Realschulen Hausaufgabenbetreuung übernehmen und jüngere Schülerinnen und Schüler beaufsichtigen.

Hausaufgabenbetreuung Die Hausaufgabenbetreuung an Schulen ist ein staatlich gefördertes Angebot für Gruppen. Es unterscheidet sich von einem Nachhilfe-Angebot, da keine Eins-zu-Eins-Betreuung stattfindet, sondern eine Gruppe beim Erledigen der Hausaufgaben betreut wird.

Lernwerkstatt In einer Lernwerkstatt haben die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, Schule als Lebensraum mitzugestalten. In einer materialreichen Lernumgebung wird den Schülerinnen und Schülern praxisnahes und projektorientiertes Lernen ermöglicht. Durch „learning by doing“ werden die Kinder eigenaktiv tätig und machen ihre Erfahrungen zu bestimmten Themen.

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Jugendbegleiter-Koordinator Schulleitungen, die vor besonderen Herausforderungen beim Aufbau eines Netzwerks Ehrenamtlicher stehen, werden durch einen Jugendbegleiter-Koordinator (ehemals JugendbegleiterManager) entlastet werden. Das Amt kann von ehrenamtlichen Personen, Elternteilen oder Personen aus Vereinen übernommen werden. Das Aufgabenspektrum des Jugendbegleiter-Koordinators umfasst u. a. Netzwerkbildung, Gewinnung von Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleitern, Begleitung und Betreuung der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter, Öffentlichkeitsarbeit, Koordinierung und Abwicklung der Aufwandsentschädigung und allgemeine organisatorische Tätigkeiten.


Glossar Jugendbildung Baden-Württemberg

Multiplikatoren-Netzwerk Zur Unterstützung von Schulen im Jugendbegleiter-Programm, die bisher wenig Erfahrung mit dem Einsatz von Ehrenamtlichen in der Betreuung haben, besteht ein Multiplikatoren-Netzwerk aus erfahrenen und engagierten Schulleiterinnen und Schulleitern. Durch das Netzwerk lässt sich Kompetenz und Knowhow einzelner Schulen einer Vielzahl anderer Schulen zugänglich machen. Die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren stellen ihr Wissen strukturiert und kontinuierlich einzelnen Partnerschulen in ihrem regionalen Umfeld zur Verfügung und unterstützen diese bei der konzeptionellen Arbeit.

Grundbudget Das Förderbudget für die am Jugendbegleiter-Programm teilnehmenden Schulen wird ab dem Schuljahr 2011/2012 neu ausgerichtet. Das Grundbudget kann für die Aufwandsentschädigungen für Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter sowie für die Erstattung von Sachkosten verwendet werden. Ausgaben für den Jugendbegleiter-Koordinator sowie Kosten für die Qualifizierung der Ehrenamtlichen sind für alle Schulen in das Grundbudget integriert. Jeweils 20 Prozent des Grundbudgets können für Koordination und Qualifizierung einerseits sowie für Sachkosten andererseits verwendet werden.

Kooperationsbudget Das Kooperationsbudget können Schulen zusätzlich zum Grundbudget beantragen, wenn sie eine schriftliche Kooperationsvereinbarung mit einem außerschulischem gemeinnützigen Verein (i. S. d. §§ 51-68 der Abgabenordnung) haben. Das Kooperationsbudget kann ausschließlich für die Aufwandsentschädigung der Jugendbegleiterinnen und Jugendbegleiter aus der Kooperation verwendet werden.

Login-Bereich Im Login-Bereich zum Jugendbegleiter-Programm können die Schulen ihre Stammdaten aktualisieren, den jährlichen Fragebogen ausfüllen und die Zwischen- und Endabrechnung bearbeiten. www.login.jugendbegleiter.jugendnetz.de

gierten Personen aufzubauen und diese zu schulen. Im Rahmen des Projekts werden Stadt- und Landkreise sowie Jugendagenturen finanziell unterstützt. Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler sollen beim Übergang in den Beruf durch Nachhilfe, persönlicher Berufswegeplanung und individueller Begleitung unterstützt und gefördert werden.

Lesepaten Lesepaten sind ehrenamtlich arbeitende Personen, die Kinder mit besonderem Förderbedarf an Schulen unterstützen, um die Lesefähigkeit und Lesekompetenz zu erhöhen. Sie lesen entweder vor, lesen mit den Kindern gemeinsam oder lassen sich von den Schülerinnen und Schülern vorlesen. Lesepaten werden häufig von Vereinen an die Schulen vermittelt.

Schülermentorinnen und Schülermentoren Schülermentorinnen und -mentoren sind ausgebildete Schülerinnen und Schüler, die als Mentoren für jüngere Schülerinnen und Schüler eingesetzt werden. Die Mentoren können in den Bereichen Sport, Musik, Suchtprävention, Medien, Bildende Kunst, Verkehrserziehung, Soziale Verantwortung und Natur- und Umweltschutz ausgebildet werden. Seit 1994 gibt es in Baden-Württemberg landesweite Schülermentoren-Kurse. Mittlerweile engagieren sich viele außerschulische Partner und bringen sich auf unterschiedliche Weise mit ein. Schülermentorinnen und -mentoren können auch als Jugendbegleiterinnen oder Jugendbegleiter tätig sein und jüngere Schülerinnen und Schüler beaufsichtigen und betreuen. Weitere Informationen unter www.kultusportal-bw.de

Lehrbeauftragten-Programm Das Lehrbeauftragten-Programm bietet Schulen die Möglichkeit, qualifizierte Personen – so genannte Lehrbeauftragte – in das pädagogische Konzept der Schulen mit einzubeziehen. Die Lehrbeauftragten machen ergänzende Unterrichtsangebote wie Arbeitsgemeinschaften, Förderkurse oder auch Workshops. Die Lehrbeauftragten erhalten für ihre Tätigkeit eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 7 EUR pro Unterrichtsstunde. Eine Doppelförderung mit anderen Landesmitteln ist ausgeschlossen.

Individuelle Lernbegleitung Im Jahr 2006 startete das Projekt „Individuelle Lernbegleitung für benachteiligte Jugendliche beim Übergang Schule und Beruf“. Ziel ist es, vor Ort ein Netzwerk von bürgerschaftlich enga-

Kooperation Schule – Verein Seit 1987 existiert in Baden-Württemberg das Kooperationsprojekt „Schule – Verein“. Die starke Zusammenarbeit zwischen

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Jugendbegleiter. Schule. Jugendbildung.

der Schulverwaltung und Sportorganisationen hat zu einer Vielzahl von Kooperationen zwischen Schulen und Sportvereinen geführt. Die Vereine erhalten den festgelegten Zuschuss vom Land. Die Maßnahmen müssen kontinuierlich über ein Schuljahr stattfinden.

Flexible Nachmittagsbetreuung/Kommunale Betreuungsangebote an Ganztagsschulen Bei der flexiblen Nachmittagsbetreuung an allgemeinbildenden Schulen bzw. den kommunalen Betreuungsangeboten an Ganztagsschulen mit besonderer pädagogischer und sozialer Aufgabenstellung bieten die Kommunen oder auch freie Träger eine bedarfsorientierte Betreuung an. Die Kommunen und sonstigen Träger können hierfür eine finanzielle Förderung aus Landesmitteln erhalten (begrenzt auf bis zu 15 Stunden pro Woche).

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Raum f端r Notizen


Raum f端r Notizen


Postfach 11 62 74370 Sersheim Im Auftrag des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport

Broschüre Jugendbegleiter.Schule.Jugendbildung.  

Die Broschüre entstand zum gleichnamigen Fachtag im Juni 2011 in Stuttgart. Neben der Vorstellung bewährter Kooperationsmodelle wird deren Z...

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