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Daniela Appelt

Das Pariser CafĂŠ


Das Pariser Café Den nachfolgenden Text habe ich, inspiriert von einer früheren Parisreise, im März 2008 verfasst. Wie der Titel erahnen lässt, handelt er von einem französischen Café und einer jungen Frau, die hier wartet. Auf was sie wartet, was passiert und welche Reflexionen sie anstellt? Lest selbst! Daniela Appelt (19 Jahre, Schülerin)

S

ie sitzt in einem kleinen Café in der Nähe der Rue Daguerre. Mit dem Rücken lehnt sie gegen die Heizung, während sie das Schneetreiben draußen beobachtet. Winzige, weiße Flokken tanzen durch die Kälte, sind einen Moment lang zu erkennen, drehen und wenden sich und bleiben auf dem Bordstein liegen. Wohlig streckt sie ihre Beine aus, ihre Mokassins sind durchweicht und Matsch haftet an der Unterseite.Sie führt ihren Cappuccino zum Mund und leckt sich den Milchschaum von der Oberlippe. Mit dem Kopf nickt sie im Takt zur imaginären Musik. Santana. Maria. She fell in love in East L.A., to the sound of a guitar, yeah, yeah, ... Seit sie das Lied vor einer Stunde gehört hat geht es ihr nicht mehr aus dem Kopf. Es ist in eine Endlosspirale geraten, manchmal verschwindet es für ein paar Minuten, um dann wieder in einer völlig neuen und abgeänderten Fassung und Form aufs Neue aufzutauchen. Aber immer mit dem gleichen Refrain. Etwas Südstimmung im winterlichen Paris. Scheppernd landet die Tasse auf der Untertasse. Die Tür hinter ihr wird mit einem energischen Ruck aufgerissen. Ein scharfer Wind fährt durch das Lokal, sie fröstelt. Ein Mann in einem grauen Trenchcoat stürmt an ihr vorbei, mit langen Schritten geht er aufgeladen zu einem kleinen Ecktisch. Eine Brünette mittleren Alters schaut erstaunt auf, als sie ihn erkennt, verändert sich der Ausdruck auf ihrem Gesicht von Überraschung zu Ärgernis, nicht minder verärgert als ihr offensichtlicher Bekannter, der ihr jetzt vor allen Gästen eine Szene macht. Eine aufgebrachte Konversation in Französisch folgt. Immer wieder schallen Sprachfetzen zu ihr hinüber, „Tu es fou!“ „Vache!“ ist das Einzige was sie mit ihrem gebrochenem Wortschatz aufnimmt. Die Reaktionen der anderen unfreiwilligen Beobachter des Szenarios reichen von Bestürzung, über sorgenvolle Blicke bis hin zu offner Empörung über die Ruhestörung. Ein Opa sabbelt Unverständliches in seinen Bart. Jugendfrei ist es bestimmt nicht. Unwillkürlich muss


sie lachen, dann wendet sie den Blick ab, das schickt sich nicht. Das Schneetreiben hat für einen Moment gestoppt, und hinter den verzierten Fassaden taucht ein nebeliger Sonnenstrahl die Straße in fast pastellfarbenes Licht. Auch wenn sie es nie zugeben würde: Paris hat seinen Charme, seinen unverfremdeten für manche unverständlichen Charme. Wie der eines jungen Mädchens mit Perlenkette, wie der lauten Hupens im morgendlichen Verkehrschaos, wie der wundervoller Bleistiftportraits der Maler des Place du Tertre. Unverständlich und dennoch schön. Entrückt, auf eine Art pittoresque. Sie muss erneut schmunzeln, als sie merkt, wie ihre Gedanken ins Stocken geraten. Der Mann im Trenchcoat hat das Lokal ebenso schnell verlassen wie er es betreten hat, das ist das Schicksals eines Cafés: Betreten und verlassen werden, wie es den Leuten grade passt. Niemand verweilt für länger, die Besucher bestellen ihren Cappuccino, Espresso, Latte Macciato, Kaffee au lait, wechseln ein paar Worte, lachen ein paar Mal mehr oder weniger gekünstelt, lesen Zeitung, machen sich Szenen, zahlen und gehen. Zahlen und gehen. Und zahlen und gehen. Sie seufzt. In dem Moment bezweifelt sie ernsthaft, dass schon jemals jemand vor ihr alleine so viel Zeit auf einem einzigen Platz, in einem einzigen Café verbracht hat. Es ist der Zettel in ihrer schmalen Hand, der sie zurückhält unverzüglich aufzustehen und das Café zu verlassen. Sie winkt der Bedienung, lässt sich einen weiteren Kaffee bringen. Se mira Maria on the corner/ Thinking of ways to make it better ... somebody just said see you later. Sie reißt das Päckchen Zucker auf und sieht zu, wie die glänzenden Körner langsam durch das Kakaohäubchen hindurchsickern. Sie trinkt Schluck um Schluck, bedächtig. Manchmal hält sie den Kaffee so lange im Mund, bis ihr ganz heiß wird und sie schlucken muss. Sie faltet den Zettel auf. Ich sehe dich dort, 16 Uhr, Café Estrel, je t‘aime steht da, mit der akkuraten, feinen Handschrift eines Mannes, der viel geschrieben haben muss. Sie seufzt erneut und schielt auf ihre Armbanduhr. 17.30 Uhr. Es fängt an zu dämmern. So viel Verspätung kann man gar nicht haben, nicht mal im Feierabendverkehr und nicht mal in Paris. Versetzt! Merde! Und so etwas passiert ausgerechnet ihr? Frustriert, als wäre es ihr persönliches Versagen, zückt sie ihr Portemonnaie. Eine Welle des Ärgers und Enttäuschung kriecht in ihr hoch. Sie schluckt ihn hinunter, wo er bei einem der drei Kaffee bleiben soll. Dabei hatte der Tag so gut angefangen, und jetzt soll er so enden? Die Stickigkeit des Cafés, das Plätschern der Hintergrundmusik, das Klappern des Geschirrs beginnen ihr auf die Nerven zu gehen. Sie braucht frische Luft. Dringend. Sie winkt nochmals nach dem Mädchen, es dauert einige Momente, dann zahlt sie und geht.


Das Pariser Café