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ZUM GEDENKEN

1990 siedelte Eduard Mack mit seiner Familie nach Deutschland aus. Hier hatte er endlich die Möglichkeit, seinem lang ersehnten Traum nachzugehen, ein Buch über die Geschichte der Russlanddeutschen in den Großliebentaler Kolonien zu schreiben. Dieses Unternehmen wurde auf die Dauer zu einem Familienprojekt: Vor allem die Töchter Elvira und Nelli unterstützten ebenso wie andere Familienmitglieder den Vater und Großvater bei seiner Leidenschaft. All diese Jahre hielten die Eheleute Mack engen Kontakt zu vielen Freunden, Ver-

wandten, Nachbarn, ehemaligen Schülern und Kollegen, die in der ganzen Welt zerstreut sind. Und so ist auch das facettenreiche Panoramabild der deutschen Kolonien in Südrussland mit einer Fülle von Fotos nicht nur aus Erinnerungen von Eduard Mack selbst entstanden, sondern auch dank zahlreicher Zeitzeugen, die Schriftdokumente, Fotos und Erinnerungen über ihre alte Heimat zur Verfügung stellten. Die Publikationen sorgten für grenzüberschreitende Impulse. Als Mack erfuhr, dass in den ehemaligen Gemeinden Großliebental und Alexanderhilf 2003 und 2005 der 200-jährige Gründungstag gefeiert wurde, schlug er dem Gemeindevorsitzenden des ehemaligen Freudental (gegr. 1806/1807, heute Mirnoje) vor, das 200. Jubiläum der Ansiedlung 2007 zu begehen. Unterstützt wiederum von der ganzen Familie, bereitete er eine umfangreiche Mappe in russischer Sprache mit Fotokopien und anderen Zeitzeugnissen aus 200 Jahren vor. Im Oktober 2007 fand nicht nur die Jubiläumsfeier mit der Enthüllung eines Denkmals für die deutschen Kolonisten Freudentals statt, sondern es wurde auch der Grundstein für ein Museum zur Dorfgeschichte gelegt. So konnte der leidenschaftliche Heimatforscher Eduard Mack im Kleinen immer wieder Großes bewegen. Dafür gebührt ihm unser ehrender Dank. VadW

Nachruf auf Paul Krüger

A

m 24. September 2011 verstarb Paul Krüger, ein langjähriges Mitglied der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Zahlreiche Deutsche aus der ehemaligen Paul Krüger Sowjetunion sowie Politiker und Mitarbeiter von Ämtern im Kreis Siegen-Wittgenstein und der Stadt Siegen kannten ihn als äußerst hilfsbereiten Menschen, der unzähligen Landsleuten bei ihrer Eingliederung in der neuen Heimat geholfen hat. Für diesen jahrelangen ehrenamtlichen Einsatz schulden wir ihm großen Dank. Paul Krüger wurde am 6. Oktober 1923 in dem Deutschen Dorf Reinfeld/Marjanowka, Gebiet Omsk, in einer Pfarrer- und Lehrerfamilie geboren. Im I. Weltkrieg wurde die Krügers aus Wolhynien nach Sibirien deportiert. Der Urahn Gottlieb 46

VOLK AUF DEM WEG Nr. 11 / 2011

Krüger wanderte mit seiner Familie im 19. Jahrhundert aus Baden-Württemberg über Süddeutschland und Polen nach Südrussland aus (Über das Schicksal mehrerer Generationen der Krügers hat Paul Krüger ein Manuskript verfasst, das noch in Buchform erscheinen soll.) In der Reinfelder Grundschule hatte Paul zunächst Deutsch als Unterrichtssprache, was aber 1938 über Nacht abgeschafft wurde. Nach der Schulausbildung absolvierte er einen Lehrerlehrgang und arbeitete fortan als Lehrer. Kurz vor dem deutsch-sowjetischen Krieg bekam er einen Fernstudienplatz an der Staatlichen Pädagogischen Hochschule Swerdlowsk, Abteilung deutsche Sprache. Seine pädagogische Tätigkeit wurde im März 1942 durch die Einberufung des Kriegskommissariats unterbrochen, wonach er statt in den Militärdienst unter Bewachung zum Bau einer Eisenbahnlinie in der Nähe von Kasan befördert wurde. Die Baubataillone waren faktisch ein Vernichtungslager für Russlanddeutsche: Kno-

chenarbeit, Hunger, Kälte, Krankheiten und Tod waren die ständigen Begleiter. Seine Rettung vor dem sicheren Tod verdankte Krüger zwei Umständen. Zum einen wurde er als so genannter Dochodjaga auf eine leichtere Arbeit als Telefonist versetzt, und zum anderen suchte ihn sein Vater Bernhard auf, der es später schaffte, ihn wieder auf die Beine zu bringen. 1946 kehrte Paul Krüger aus der Arbeitsarmee zurück und durfte seine Lehrtätigkeit fortsetzen, der er nahezu 40 Jahre widmete. Gleichzeitig absolvierte er die Pädagogische Hochschule Omsk im Fernstudium. Einen guten Ruf und den Respekt der Landsleute verdiente er sich auch als gewählter Dorfratsvorsitzender in Piketinsk ab 1976. Mit seiner Ehefrau Anna (geb. Sabelfeld) zog Krüger vier Söhne groß. Für sie, ebenso wie für seine acht Enkel und fünf Urenkel, war er Vorbild, Freund und Berater. In schwierigen Lebenslagen fand Paul Krüger immer die notwendigen Worte und stand mit Rat zur Seite. In den Jahren 1992-1994 wanderte die weit verzweigte Familie in das Land der Vorfahren aus. Vom ersten Tag an bemühte sich Paul Krüger auch in der neuen Heimat, den Landsleuten bei ihrer Eingliederung zu helfen, etwa beim Ausfüllen von Amtsformularen, durch übersetzen und dolmetschen, durch die Erklärung von Gesetzen oder Hilfe bei der Familienzusammenführung. In den 90er Jahren engagierte sich Krüger im Vorstand der Ortsgruppe Kreuztal der Landsmannschaft und kümmerte sich bis zum Schluss als ehrenamtlicher Mitarbeiter der Landsmannschaft um Hilfesuchende. Er wirkte im Beirat für Vertriebenen- und Aussiedlerfragen des Kreises Siegen-Wittgenstein und bis zuletzt auch im Sozialausschuss des Kreises mit. Er hatte für jeden, der auf der Suche nach Hilfe war, ein offenes Ohr. Stets hilfsbereit und freundlich, hatte Paul durch seine herzliche, Anteil nehmende Art viele Freunde unter uns gefunden, die ihn jetzt alle sehr vermissen werden. Nicht von ungefähr kommen Beileidsbekundungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Russland, wo sich Menschen an ihn immer noch mit Liebe und Respekt erinnern. Wir werden Paul Krüger stets ein ehrendes Andenken bewahren. Der Vorstand der Kreisgruppe SiegenWittgenstein. Mein tief empfundenes Beileid für die Familie Krüger. Wir, die Paul Krüger kannten, beugen uns nieder vor ihm, erinnern uns dankbar an seine treue ehrenamtliche Arbeit und seinen unverwüstlichen Humor, der ihn trotz aller Schwierigkeiten und Widrigkeiten immer begleitet hat. Johann Engbrecht, Duisburg.

Volk auf dem Weg  

November 2011

Volk auf dem Weg  

November 2011

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