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junge literatur

junge literatur

2006 ——— 2011 2006 ——— 2011

isbn 978-3-00-035165-5 12, – €


junge literatur

2006 ——— 2011


herausgeber:

redaktion:

layout: illustrationen:

umschlaggestaltung: druck: gedruckt auf:

Schreibende Schüler e.V. Lützowstraße 33 10785 Berlin www.schreibende-schueler.de 1. Auflage 2011 Linn Dittner, Ulrike Erdmann, Annika Glante, Antje Samoray, Sophia Steindel

Joshua Marr 2011 – Martin Dziallas (www.mikrokleinstgarten.de) 2010 – Josephin Sachs (www.josephinsachs.de) 2009 – Lucas Hasselmann (www.lucashasselmann.de) 2008 – Kathlen Pieritz (www.kathlenpieritz.de) 2007 – Marcel Kläber (www.marstwo.com) 2006 – Ulrike Zöllner (www.illulrike.com) Joshua Marr Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann GmbH & Co. KG PhoenixMotion xenon 135 g/m², gesponsert durch Römerturm Feinstpapier GmbH & Co. KG

gesetzt aus der:

FF Nexus Serif gesponsert von FontShop Berlin

förderung durch:

Frischluft Barnim e. V.

isbn 978-3-00-035165-5


INHALT

Wort vor Wort ........................................................................................................... 11 Zum Geleit ................................................................................................................ 14

2011 nikolai rauer | Berlin | Wolfsrudel ................................................................. 20 anile tmava | Berlin | Springen ......................................................................... 23 sophie elom kissling | Berlin | Dunkle Nacht des Luschelbären ................ 24 joceline ziegler | Berlin | Um sicher zu gehen .............................................. 26 max gärtner | Wandlitz | Der Pixar-Lampe geht der Saft aus ........................ 28 ole muth | Wandlitz | Raus ................................................................................ 34 danilo gümbel | Falkensee | Nur Mut ............................................................. 36 hannah göing | Berlin | Fassungslos ............................................................... 37 lilith fichtmüller | Schönow | Abartig ...................................................... 39 roberta huldisch | Berlin | Merkmal ............................................................ 41 leonie mikulla | Falkensee | Symbiose ........................................................... 43 adrian schauer | Leegebruch | o. T. ................................................................ 47

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Inhalt

2010 almut kowalski | Potsdam | Spielraum .......................................................... 54 lilith fichtmüller | Schönow | Im Schnee .................................................. 55 carlotta mohr | Berlin | Wassertropfen .......................................................... 57 caroline löwa | Kleinmachnow | Großes Kino ............................................... 59 margarita iov | Berlin | Abendbrot .................................................................. 60 maximilian dragon | Schöneiche | Frei bis Montag ..................................... 61 kristina haller | Berlin | Eiszeit .................................................................... 62 antonie partheil | Modau | Autobahn........................................................... 66 ann franzine loof | Zeuthen | Auf Papier ..................................................... 67 emma bading | Berlin | Der Tod und die Hoffnung .......................................... 70 josefine berkholz | Berlin | Nachgeschmack ................................................. 72 max gärtner | Wandlitz | Das undefinierbare Etwas ....................................... 74 ulrike gatz | Freudenberg | Vorhang auf ........................................................ 78 sophie elom kissling | Berlin | Die atmende Insel ...................................... 80 marie gerda kühn | Berlin | Mutiger Mimose ............................................... 82 adrian schauer | Leegebruch | Selbstmord im Hotel ..................................... 84

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Inhalt

2009 maximilian dragon | Schöneiche | Am Wegesrand ...................................... 94 caroline löwa | Kleinmachnow | Von unten .................................................. 95 mareike dottschadis | Berlin | Innere Uhr .................................................. 96 paula balov | Berlin | Rückweg ......................................................................... 98 annika glante | Eggersdorf | Die Bahn vor der Tür ..................................... 100 anna behrend | Berlin | Santo valito.............................................................. 103 jakob prüfer | Rangsdorf | Heute hier, morgen dort ...................................... 108 josephine dörr | Werder / Havel | Meine Mistgabel und ich ........................ 113 luisa rath | Lindendorf | Zerrissenheit ........................................................... 115 marie michael | Töpchin | unterm Tisch ....................................................... 117 maximilian dragon | Schöneiche | Gespinst ............................................... 121 fynn thorge thomsen | Falkensee | Tagesordnungspunkt 666 ................. 122 margarita iov | Berlin | Zu Hause ................................................................. 125 tim fahrendorff | Priort | Nachts ................................................................ 127 sophia steindel | Eichwalde | Lampenfieber ................................................ 128

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Inhalt

2008 alica hirseland | Gusow | Monster im Haus ............................................... 146 danilo gümbel | Falkensee | Fritzchens Rache .............................................. 148 helene bukowski | Berlin | Nackt ................................................................. 150 sophia steindel | Eichwalde | Luftlos ........................................................... 152 julia baum | Heckelberg | Jahreswechsel .......................................................... 153 katja hamel | Frankfurt (Oder) | Ungeübt ..................................................... 154 jakob prüfer | Rangsdorf | Jugendlich ........................................................... 158 laura reinders | Werder / Havel | Traum-Wunder-Komitee ......................... 159 margarita iov | Berlin | Atempause ............................................................... 162 paul ahlert | Lebus | Frederick hat die Schnauze voll ................................... 164 annika glante | Eggersdorf | Sonne .............................................................. 167 julia baum | Heckelberg | Beziehungseintopf ................................................. 169 alexander knöll | Werder/Havel | Typus Mensch ....................................... 170 marie michael | Töpchin | Im Sturm ............................................................ 171 niklas schüler | Berlin | Malheur ................................................................. 173 linn dittner | Hackenow | Eigenwillig ........................................................... 175 leonie mikulla | Falkensee | Abgefahren ...................................................... 177 maximilian dragon | Schöneiche | Rohrschaden ........................................ 180 luisa rath | Libbenichen | Abendgruß ............................................................ 186

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Inhalt

2007 nina-justine walther | Kleinmachnow | Opas Garten ............................ 194 ole muth | Wandlitz | Die Zeitreise ins Mittelalter ......................................... 197 anna behrend | Berlin | Ausweichen .............................................................. 200 katja hamel | Frankfurt (Oder) | Gute Freunde ............................................. 203 torsten steinbrecher | Zeschdorf | Paarungszeit .................................... 205 sarah pansow | Neuenhagen | Formsache ...................................................... 207 hannes pogorzelski | Vierlinden | Wenn Opa Laub verbrennt ................. 208 sophie franke | Dabendorf | Er isst ............................................................... 212 hannes pogorzelski | Vierlinden | Nachspiel ............................................. 213 anne bünning | Schwedt /Oder | Ammenmärchen......................................... 215 klaus hausbalk | Wuthenow | Trüb .............................................................. 219 laura sternbeck | Schwedt (Oder) | Sie kuschelt gern mit Büchern ............ 220 paul ahlert | Lebus | Der Heuchler ................................................................ 222 rené dähne | Groß Kreuz (Havel) | Nachtruhe ............................................... 223 svenja simon | Frankfurt (Oder) | Helden ...................................................... 225 fynn thorge thomsen | Falkensee | Pilgerfahrt nach Heiligendamm ...... 227 torsten steinbrecher | Zeschdorf | Uraufführung ................................... 230

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Inhalt

2006 dorothee wimmer | Rangsdorf | Sonnenblumen auf dem Sarg................... 238 henning taeger | Eberswalde | o. T. .............................................................. 241 sascha macht | Frankfurt (Oder) | Schwarzweiß .............................................. 245 marina schwabe | Schönefeld bei Berlin | Freutag...................................... 246 sarah pansow | Neuenhagen | Wörter, die nach Chili schmecken ................. 248 sophie franke | Wünsdorf | Kuh und Schaf .................................................. 250 anne-kathrin schoerner | Frankfurt (Oder) | Eiskalt ............................. 252 andreas stange | Schulzendorf | Zeitlos ....................................................... 253 alexander wnuck von lipinski | Erkner | Aufgelöst .............................. 255 anne brockmann | Friesack | Schaukeln ........................................................ 258 cora verdenhalven | Glienicke | Heiße Schokolade oder tanzende Schlangen .. 259 gerda thürling | Berlin | Heimfahrt ............................................................ 261 jördis wölk | Potsdam | Spaziergang durchs Haus – Das Bad ...................... 262 julia heckmann | Werder / Havel | Das Leben des Erlenblatts ..................... 267 katharina müller | Hohenwutzen | Gefahr im Wald................................. 268 klaus hausbalk | Wuthenow | Morgen. Bahnsteig 3 .................................... 271 mareike dottschadis | Berlin | Über die Ziellinie ..................................... 274 sascha macht | Frankfurt (Oder) | Gewohnt ................................................. 277 sophia steindel | Eichwalde | Wo bin ich? ................................................... 278 ulrike gatz | Freudenberg | Tristesse ............................................................. 279 alexander knöll | Werder | Nur eine alte Frau? .......................................... 280

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Wort vor Wort

WORT VOR WORT Freihändig Fahrrad fahren ist schwer – und freihändig schreiben unmöglich? Jein. Wer schreibt, jongliert zunächst leichthändig mit Ideen. Sucht die Balance zwischen Einfällen, Anregungen und Wörtern. Wer schreibt, verliert manchmal auch das Gleichgewicht und fällt auf die Hände, nur um dabei wieder neue Anreize zu finden. Und schließlich, schließlich greift der, der schreibt, zu Papier und Stift – und schreibt. Soviel steht fest: Die siebzig jungen Autorinnen und Autoren, welche diese Anthologie versammelt, sind Wortakrobaten. Leichtsinnig und freihändig, leichthändig und freisinnig üben sie ihre Kunst aus. Aufgeregt führen sie sich ihre Kunststücke vor und selbst wenn einer von ihnen das Gleichgewicht verliert, halten sie einander fest. In ihren Texten erzählen uns die Kinder und Jugendlichen vom Loslassen und vom Fallen, vom Balancieren und vom Straucheln, von der Leichtigkeit und der Freiheit, wie sie nur ein junger Mensch haben kann. Sie erzählen uns aber auch davon, wie es sich anfühlt, mit beiden Händen festzuhalten und wie es ist, wenn man doch manche Dinge nicht mehr fassen kann. Sie alle haben völlig Unglaubliches und total Normales zu erzählen. Deswegen ist dieses Buch etwas ganz Besonderes.

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Wort vor Wort

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Besonders ist diese Anthologie aber auch, weil die in ihr versammelten siebzig jungen Autorinnen und Autoren zum Besten gehören, was der literarische Nachwuchs deutschlandweit zu bieten hat. Besonders, weil fast alle Kinder und Jugendlichen aus dem Land Brandenburg kommen und weil alle Jungen und Mädchen eine Sache eint: die Teilnahme an zahlreichen Aktivitäten des Vereins Schreibende Schüler e.V., der in diesem Jahr sein fünfzehnjähriges Jubiläum feiert. Besonders ist dieses Buch aber vor allem deswegen, weil es in detaillierter und umfassender Zusammenarbeit mit den Illustratorinnen und Illustratoren Martin Dziallas, Lucas Hasselmann, Marcel Kläber, Kathlen Pieritz, Josephin Sachs, Ulrike Zöllner und mit dem Typographen und Layouter Joshua Marr entstanden ist. Ihr Herzblut und Können sind beispiellos. Dafür können wir uns gar nicht oft genug bedanken. Jeder und jede von ihnen hat auf ganz persönliche Weise jeweils ein Jahr individuell gestaltet. Dabei sind fünf äußerst liebevolle und umfassend illustrierte Jahre heraus gekommen, welche den Texten einen unvergleichlichen Rahmen geben, sie mit freier Hand weiter erzählen und ihnen neue Farbtupfer verleihen. Diese Anthologie wäre aber auch nicht möglich gewesen ohne die zahlreichen helfenden Hände, die schützend über und unterstützend unter uns gehalten wurden. Unser großer Dank geht an Andreas Krauß und Renate Stefan vom Aufbau-Verlag für die freundliche und kompetente Begleitung, an Stephanie Lehmann von Frischluft Barnim e.V. für die finanzielle Unterstützung, an Dr. Ingolf Meese von den Märkischen Schülerreisen für die großzügige Spende, an die Firma Römerturm Feinstpapier GmbH & Co. KG für das Sponsoring des Papiers des Innenteils, an die FontShop AG Berlin für das Sponsoring der Schrift und sowie an die Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann GmbH & Co. KG für das Sponsoring des Umschlagmaterials und für die entgegenkommende Druckabwicklung. Besonders danken möchten wir auch den Eltern der jungen Autorinnen und Autoren. Nicht nur für die zahlreichen Spenden, die uns


Wort vor Wort

erreichten, sondern vor allem dafür, dass sie es ihren Kindern immer wieder ermöglichen, an unseren Projekten teilzunehmen. In den frühen Morgenstunden bringen sie ihre Kinder viele Kilometer weit zu den Literaturwochen, nehmen lange Wege zu Abschlusslesungen auf sich und ermutigen die Kinder und Jugendlichen damit ungemein, ihrem Hobby treu zu bleiben. Unseren Wortakrobaten gilt jedoch unser größter Dank. Dieses Buch ist vor allem für sie, weil sie seit fünfzehn Jahren zeigen, wie eng Bildung und Kultur miteinander verbunden sein können und auch in Zukunft bleiben sollten. Von Herzen wünschen wir ihnen weiterhin viel Mut, Einfälle und Spaß am Spiel mit den Wörtern. Genießen wir ihre Kunststücke!

Ulrike Erdmann Redaktion

Linn Dittner Redaktion

Antje Samoray Redaktion

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Zum Geleit

ZUM GELEIT

Liebe Leserinnen, liebe Leser, Literatur erweitert den Horizont, schenkt uns neue Gedanken und bringt uns in einen sehr persönlichen Kontakt mit Menschen, die wir noch gar nicht kennen. Die jungen Autorinnen und Autoren der Anthologie Freihändig. Junge Literatur 2006 bis 2011 wissen das. Literatur knüpft Verbindungen und ist immer ein Dialog zwischen Lesern und Autoren. Lesend können wir sogar Freundschaft schließen mit Dichtern, die Jahrhunderte vor uns gelebt haben. Wie das kommt, hat Theodor Fontane einmal so formuliert: »Das menschlichste, was wir haben, ist die Sprache.« In der Sprache können wir einander begegnen und Erfahrungen austauschen über die leichten und auch über die schweren Dinge des Lebens, über das Offenliegende und über das Verborgene. Von all dem erzählen die Texte der jungen Autorinnen und Autoren dieser Anthologie – in leisen oder in lauten Tönen, mit Humor und mit großem Ernst, mit Ehrlichkeit und Präzision. Freihändig – das Motto der Anthologie bringt auch die Freiheit ins Spiel, die das Schreiben ermöglicht und den Mut, den man braucht, um persönliche Gedanken »zur Sprache zu bringen«. Fontanes nicht weniger berühmte Dichterkollege Heinrich von Kleist hat in seinem Essay Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden beschrieben, wie sich Ideen erst beim Reden formen und wie das Sprechen oft

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Dr. Martina Münch Ministerin für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg

Zum Geleit

lautes Denken ist. Gleiches gilt auch für das Schreiben, das eigentlich immer ein Dialog ist, der den Leser von Anfang an mit einschließt. Manchmal braucht es viele Versuche, um eine Geschichte zu erzählen oder um ein Gedicht zu schreiben. Oft ist es harte Arbeit, bis sich die Worte richtig anhören und richtig lesen. Von diesen kreativen Prozessen erzählen nicht nur die Texte, sondern auch die phantasievollen Illustrationen der Studentinnen und Studenten der Fachhochschule Potsdam und der Universität der Künste Berlin. So ist ein wunderbares Buch entstanden, das die Leser mitnimmt in das Abenteuer des Schreibens und sie teilhaben lässt an den spannenden Gedanken und überraschenden Perspektiven der jungen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Die Anthologie Freihändig. Junge Literatur 2006 bis 2011 steht für 15 Jahre engagierte und erfolgreiche Vereinsarbeit und kompetente Unterstützung bei Literaturwochen, Schreibnachmittagen, bei Lesungen und Workshop-Wochenenden. Dafür möchten wir dem Verein Schreibende Schüler e. V. herzlich Dank sagen, der schreibbegeisterten Kindern und Jugendlichen eine Plattform bietet und sie auf ihrem Weg in die Literatur begleitet. Viel Erfolg für die weitere Arbeit!

Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

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Alter Name

nikolai rauer anile tmava sophie elom kissling joceline ziegler max gärtner ole muth danilo gümbel hannah göing lilith fichtmüller roberta huldisch leonie mikulla adrian schauer

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Name Alter

winter

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12 Jahre Nikolai Rauer

nikolai rauer

Wolfsrudel

WOLFSRUDEL

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12 Jahre

Tricky zog sich aus seinem Hundekorb. Er mochte nicht, wenn ihn irgendjemand einen »Hund« nannte, denn in Wirklichkeit war er ein Wolf, der als Junges seiner Mutter weggenommen wurde. Und als auch noch ein Zweibeiner-Kind ihn einen »putzigen Hund« nannte, fletschte er die Zähne. Das Kind wich zurück und heulte. Tricky zeigte ihm keine Beachtung und guckte aus dem Fenster. Draußen sah er den dichten Wald, in den sich wenige Zweibeiner je hinein wagten. Er wünschte sich oft in den Wald und genoss seine geträumte Freiheit. Als er nun die Schönheit des Waldes erblickte, sträubte sich sein schwarzes Fell. Seine gelben Augen funkelten im Sonnenlicht. Seine Ohren zuckten beim Heulen der Wölfe. Er wollte genauso sein. Plötzlich roch er frische Luft. Er folgte seiner Nase. Die Tür war offen. Sein Herrchen wollte etwas mit seinem Ungeheuer mitnehmen. Tricky schlich sich heraus und versteckte sich hinter einem Zaun. Die Augen des Ungeheuers begannen zu leuchten und es wurde laut. Es bewegte sich und donnerte weg. Tricky rannte über den schwarzen Weg und seine Pfoten schmerzten dabei. Er rannte tief in den Wald. Ein plötzliches Geräusch ließ ihn hochschrecken. Tricky guckte sich um. Unerwartet bohrten sich Zähne in seine Schulter. Es entstand ein kämpfendes Knäuel. Als beide erschöpft waren, erkannte Tricky seinen Gegner. Es war ein Wolf. »Gut gekämpft für einen Hund!«, lobte der Wolf ihn. Tricky fletschte die Zähne und knurrte.


Wolfsrudel Nikolai Rauer 12 Jahre

»Ich bin ein Wolf ! Auch, wenn ich nicht so rieche. Die Zweibeiner nahmen mich von meiner Mutter weg. Nun komme ich zurück.« »Stimmt, deine Augen sind nicht die eines Hundes. Verzeihung. Ach ja, ehe ich es vergesse. Mein Name ist Baumfell.« Sein Fell ähnelte wirklich einer Rinde. »Komm jetzt, Neuer! Ab ins Lager!« Im Rudel herrschte reges Treiben. Alle musterten Tricky, als er mit Baumfell ins Lager kam. Ein großer weißer Wolf trat aus seiner Höhle. »Das ist Schneemond. Unser Stammesanführer!«, flüsterte Baumfell Tricky zu. »Was hat ein Hund bei uns zu suchen?«, donnerte die Stimme des Weißen. Alle Blicke richteten sich auf den Neuen. Baumfell wollte etwas erwidern: »Äh… Schneemond…« Weiter kam er nicht. Bäume fielen um und landeten auf Wölfen, die vor Schreck aufjaulten, bevor sie starben. Man sah Ungeheuer mit glänzenden Gegenständen, in denen Zweibeiner saßen. Die Zweibeiner wollten mehr Holz! Schneemond heulte zur Attacke. Die Zweibeiner traten mit Stangen auf die Lichtung. Wölfe strömten auf sie zu, als plötzlich die Stangen anfingen Feuer zu spucken. Wölfe sanken zusammen. Andere wichen erschrocken zurück. Ein Wolf nach dem anderem fiel zu Boden. Baumfell und Tricky, der jetzt Rabenkehle genannt werden wollte, versteckten sich hinter einem Busch. Die Lichtung war deutlich größer als zuvor, als die Zweibeiner weggingen. Dafür war sie aber auch ein Ort des Schreckens geworden. Manchen Wölfen wurden schon die Felle abgezogen. Baumfell rannte zur Lichtung. Er heulte laut, als er die Anzahl der toten Wölfe sah. »Verabschiede dich von diesem Ort. Sie kommen wieder.« Baumfell kam zurück. In seinen Augen lagen Zorn und Trauer. Beide Wölfe gingen als geschlagene Krieger von der Lichtung. Müde trotteten die beiden Wölfe durch den Wald. Am Abend schliefen sie unter einem riesigen Baum.

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12 Jahre Nikolai Rauer Wolfsrudel

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Rabenkehle wachte auf. Baumfell war schon aufgestanden, um zu jagen. Stundenlang wartete Rabenkehle auf seinen Freund. Ihm knurrte der Magen. Langsam machte er sich Sorgen. Er jagte selber und erlegte zwei Kaninchen, bevor er über einen weichen Ast stolperte. War es ein Ast? Nein. Es war die Leiche von Baumfell. Ein glänzender Gegenstand steckte in seiner Brust. Rabenkehle versuchte, ihn mit Zähnen heraus zu ziehen, doch er bekam ihn nicht heraus. Er schwor gnadenlose Rache an den Zweibeinern und rief alle überlebenden Wölfe des Waldes zusammen. Im Dorf Canterville war friedliches Treiben. Kinder spielten zusammen, Männer tranken Gebräu und Frauen quatschten. Auf einmal hörten sie ein Knurren und Wölfe sprangen aus den Gebüschen. Es war ein Gemetzel zwischen Mensch und Tier, welches die Welt noch nie gesehen hatte. Die Wölfe besiegten die Zweibeiner und die Nachricht sprach sich schnell herum. Seitdem mieden die Zweibeiner die Wölfe.


SPRINGEN

Springen

anile tmava

Anile Tmava

11 Jahre

11 Jahre

Sie war tot. Der Sarg stand inmitten von hundert Rosen, Lilien und auf ihm lag meine Papageien-Tulpe. Es verging eine Ewigkeit. Als ich aus der Kirche trat, lief ich in den Wald zu dem Fluss, an dem wir immer gespielt hatten. Die Sonne spiegelte sich in dem Wasser, das traurig entlang strömte. Ich ließ die Perlen von meinem Freundschaftsband langsam durch meine Finger gleiten. Das Licht schimmerte durch sie hindurch. Wie in Zeitlupe sanken sie bis auf den Grund und blieben dort zwischen den Steinen liegen. Die Sonne ging langsam unter. Ich ließ die letzte Perle fallen. Dann ging ich. Ich rannte durch den Wald, an Rehen und Hirschen vorbei, bis ich endlich an unserem Baumhaus angekommen war. Dann wurde ich langsamer. Ich lief einmal ganz um den Baum und blieb stehen. Genau hier bei diesen zerbrochenen Ästen hatte sie gelegen, mit ihren leeren Augen und ihren weißen Wangen. Oben am Baumhaus war dort der Zaun durchgebrochen. Langsam setzte ich einen Fuß nach dem anderen auf die Sprossen, die nach oben führten. Es war alles so geblieben, wie es schon immer war. Man konnte Vögel zwitschern hören und ein Specht hämmerte gegen einen Baum. Die Sonne war fast untergegangen. Ich wusste, dass ich loslassen musste. Wieso war ich damals nur nicht bei ihr gewesen? Nun nahm ich all meinen Mut zusammen und sprang. Ich flog kurz und landete weich auf Moos. Ein leichter Windstoß streifte meine Wange. Ich lächelte. Ich hatte es nicht geschafft.

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10 Jahre Sophie Elom Kissling Dunkle Nacht des Luschelbären

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DUNKLE NACHT DES LUSC HELBÄREN sophie elom kissling 10 Jahre

Lili wachte auf und es war schwarze, dunkle Nacht. Sie schloss die Augen und machte sie im gleichen Moment wieder auf. Wieso, verdammt nochmal, war es schwarze Nacht und nicht blaue? Hm… Sie dachte nach. Das letzte Mal, als das passiert war, war ihre Freundin Cora dabei gewesen und sie hatte ein Kuscheltier dabei gehabt. Lili besaß keine Kuscheltiere, weil es ihr peinlich war. Vielleicht lag es daran. Am nächsten Morgen fragte sie ihre Mutter, ob sie mit ihr zum Einkaufscenter fahren könne. »Wieso, willst du etwa doch ein Kuscheltier?«, meinte die Mutter erstaunt. »Ja«, antwortete Lili. Also fuhren beide zum Einkaufscenter und Lili suchte sich einen richtig weichen, großäugigen Bären aus. Ihre Mutter war begeistert. In dieser Nacht wachte Lili nicht auf. Also wusste sie jetzt, dass sie ein Kuscheltier gebraucht hatte. Lili und der Luschelbär, wie sie ihn getauft hatte, hatten zusammen viel Spaß. Sie spielten immer zusammen. Lili hatte den Eindruck, dass er lächelte. Als Lili vierzehn wurde, wollte ihre Mutter den Luschelbären aus dem Haus schaffen. Sie sagte: »Du bist jetzt zu alt. Bring ihn weg!« Da gab es bloß eine ganz kleine Winzigkeit, von der Lili und ihre Mutter nichts wussten. Luschelbär war kein normales Kuscheltier


Dunkle Nacht des Luschelbären Sophie Elom Kissling

sondern ein magisches. Er verzauberte alle, die ihn von seiner Besitzerin trennen wollten. Genau das tat er auch bei Lilis Mutter. Er verzauberte sie in eine Mutter, die es Lili erlaubte, Luschelbär noch länger zu behalten. Lili war blass, weil ihre Mutter ihre Meinung so schnell ändern konnte, als hätte sie einen Stromschlag bekommen. Als Lili am nächsten Tag in die Schule kam, berichtete sie von dem Vorfall. Ihre Freunde lachten sie aus, denn Lili war ja schon vierzehn Jahre alt und in dem Alter besaß man doch kein Kuscheltier mehr. Sie ging nach Hause und heulte sich bei ihrem Luschelbären aus. Das war der allerschlimmste Tag in ihrem Leben. Lili beschloss, dass sie und der Luschelbär für immer zusammen bleiben sollten. An ihrem 43. Geburtstag heirateten die beiden. Der Luschelbär verzauberte Lili in eine Braut, die bis in alle Ewigkeit lebte.

10 Jahre

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13 Jahre Joceline Ziegler Um sicher zu gehen

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UM SICHER ZU GEHEN joceline ziegler 13 Jahre

Die Stufen waren feucht. Die nassen Schuhabdrücke vermischten sich zu großen dunkelgrauen Flecken. Sie lief hinunter, machte einen Schritt nach dem anderen, wobei ihre Flip-Flops jedes Mal an ihre Fersen schlugen. Es war seine Idee gewesen, im letzten Herbst, den Sommer zu behalten, indem sie einfach so taten, als wäre er noch da. Sie drehte sich kurz um, wünschte sich, er würde ihr folgen, einfach hinter ihr auftauchen, mit einer Erklärung. Ein Mann mit verfilzten Haaren saß auf dem Boden und spielte Gitarre. Einzelne Töne drangen an ihr Ohr, hallten von den von Graffiti bedeckten Wänden wider – er spielte das gleiche Lied wie immer. Sie wollte Worte an die Wand schleudern, Worte, die ihren Kopf frei machten und ihre Gedanken davon trieben. Doch ihre Zunge klebte am Gaumen und ihr Mund war zu trocken, um ihn zu öffnen. Der Fahrtwind der einfahrenden U-Bahn schlug ihr entgegen. Sie rannte weiter, ihre Zehen krallten sich an den Flip-Flops fest, um sie nicht zu verlieren. Das Licht am Bahnhof war zu hell. Sie rempelte einen Mann an, schaute ihm kurz ins Gesicht und sah, wie sein Mund sich bewegte. Seine Worte verliefen mit den anderen Geräuschen zu einem unverständlichen Rauschen. In der U-Bahn klammerte sie sich an der Stange fest und sah die Neonlampen an den Wänden vorbeiziehen. Die Stimmen um sie herum waren zu laut. Am liebsten hätte sie sich die Hände auf die Ohren gepresst, wie ein kleines Kind, doch sie hielt sich zurück.


Um sicher zu gehen Joceline Ziegler

An der nächsten Station flüchtete sie aus der U-Bahn. Die Treppe hoch vorbei an den Wänden, die Straße entlang vorbei an den Häusern, über den Platz, vorbei an den Menschen, den gleichen Menschen wie immer. Schließlich blieb sie stehen. Sie sah die graue Fassade vor sich, die Tür mit der abblätternden Farbe und das Klingelschild, auf dem kein Name mehr stand. Die Fenster, die dringend mal wieder geputzt werden müssten. Seine Fenster. Sie wendete den Blick ab und starrte auf ihre Flip-Flops.

13 Jahre

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13 Jahre Max Gärtner Der Pixar-Lampe geht der Saft aus

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DER PIXAR-LAMPE GEHT DER SAFT AUS max gärtner 13 Jahre

Es war ein ganz normaler Tag. Wie jeden Morgen stand ich auf, prüfte, ob sämtliche Sicherungen saßen und schraubte mir eine neue Glühbirne ein. Energiesparlampe wohlgemerkt. Hatte zwar ein scheußliches Licht, aber wenigstens konnte sie nicht explodieren. Sicher haben Sie sich schon gefragt, wer ich bin. Eigentlich müssten sie es ja schon wissen. Ich bin die größte Leuchte, das Ding mit der stärksten Birne, der, der Pixar seinen Namen gab oder so gesagt: Ich bin die olle Lampe, die jeden Morgen im Pixar-Studio wie blöd auf dem »i« rumspringt, bis der eigentliche Film anfängt. Dieser kann mit meiner davor aufgebauten Spannung nicht mithalten. Genug von mir, machen wir weiter mit Pixar. Wie besessen hopste ich auf dem »i« herum, doch heute wollte es nicht im Boden versinken. Ich machte so lange weiter, bis es ganz verbeult war, aber es passierte immernoch nichts. Nun hörte ich auf zu hüpfen und versuchte das »i« an seinem Punkt zu kitzeln. Das klappte immer. Aber es stand immer noch still und unbeweglich da. Eigentlich hätte der Steckdosenmann mit wenig Strom den Fallklappenmechanismus auslösen müssen, sodass das »i« im Boden versank. In diesem Moment sah ich, dass mit Steckdosenmann etwas nicht stimmte. Nicht wie sonst schossen ihm Blitze aus den kleinen


Der Pixar-Lampe geht der Saft aus Max Gärtner 13 Jahre

Öffnungen, jetzt saß er nur starr wie das »i« in der Wand und gab keinen Blitz von sich. Genau da merkte ich, dass die Glühkraft meiner Birne schwächer wurde. Das konnte nur eins bedeuten: Uns hatte jemand den Saft abgedreht! Sofort wurde mir klar: ich brauchte Energie und zwar schnell. Mit ein paar müden Sprüngen hopste ich zum Schreibtisch, wo noch Batterien herumlagen. So schnell ich konnte, stopfte ich sie mir in mein Batteriefach. Laut seufzend und mit ebenso großer Erleichterung, sah ich, wie meine Lampe wieder anfing heller zu strahlen. Ich überlegte: Das waren 1,5 Volt Batterien, ich hatte also zirka 3 Stunden Zeit um der Sache auf den Grund zu gehen. Wenn ich bis dahin das Energieproblem nicht gelöst hätte, würde es mir genau so gehen, wie dem armen Steckdosenmann. Mit weiten Hopsern machte ich mich auf den Weg. Als ich auf die Straße trat, brannten mir fast alle Sicherungen durch, auch draußen stand alles still, keine Maschine bewegte sich mehr. Der aus alten und brüchigen Teerstücken bestehende Weg war von Menschen erbaut worden, einer alten Rasse von Matschhäutern. Als ich erschaffen wurde, hatte es noch viele von ihnen gegeben, aber sie waren verschwunden, einer nach dem anderen. Die Letzten von ihnen hatten sich mit einem riesigen Schiff auf den Weg zu einem neuen Planeten gemacht. Der Energieausfall konnte nur eins bedeuten: Die Menschen waren zurückgekehrt.Vor langer Zeit hatten sie begonnen immer größere, denkf ähigere Maschinen zu bauen. Es fing an mit einer Waschmaschine und endete mit einem elektronischen Modeberater, der dir die Unterhosen aussuchte und anzog. Durch dieses langsam dahinschleichende Nichtstun waren die Menschen irgendwann so hilflos wie Kleinkinder. Jetzt, nachdem sie wieder auf der Erde waren, versuchten sie ihre alte Faulheit zu erlangen. Das musste ich verhindern. Ich, eine der letzten glorreichen Erfindungen der Menschen, die Pixar-Lampe. Jetzt musste ich los. Suchend sah ich mich auf der Straße um. Unser Bürgermeister hatte den Notplan verwirklicht. Er hatte die gesamt

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13 Jahre Max Gärtner Der Pixar-Lampe geht der Saft aus

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Energie der Stadt ausgeschaltet, damit die Menschen ihre Trägheit nicht wieder erlangten. Aber das würde nicht reichen. Die Matschhäuter waren in ihrer Not sehr erfinderisch. In der Stille meinte ich etwas zu hören, es klang, als wollte jemand eine zerbrochene Schallplatte abspielen. Schnell folgte ich der Geräuschquelle. Nachdem ich um eine Straßenecke geschlichen war, bemerkte ich, woher diese seltsamen Klänge kamen. Es war ein alter Kasettenrekorder, der nur den gleichen Text abspielte. »Weil wir so schön sind, so schlau sind, so schlank und rank...« Vorsichtig versuchte ich Kontakt zu ihm aufzunehmen: »Kannst du mir sagen, wie ich zum Kraftwerk komme?« Die Antwort war ähnlich, wie der vorherige Text. »In den blauen Bergen leben wir, unsere Lehrer sind genau so blöd wie wir...« Ich gab es auf, als nächstes würde er noch anfangen zu jodeln. Ich ging in die Richtung weiter, in der ich das Kraftwerk vermutete. Auf dem Weg überlegte ich: »Selbst wenn meine Batterien bis dahin durchhalten, wie soll ich dann durch die hermetisch abgeriegelte Tür kommen?« Da fiel mein Blick auf einen Stand mit Helium-Luftballons. Das war die Idee: Ich würde einfach zum Fenster des Kraftwerks fliegen und es einschlagen. Schnell knüpfte ich mir 5 Luftballons um und schwebte los. Glücklicherweise wehte ein günstiger Wind, sonst wäre ich vielleicht in den städtischen Güllegruben gelandet, denn auch wir Maschinen haben Verdauungsvorgänge, die ich aber hier nicht weiter erläutern möchte. Jedenfalls schwebte ich weiter in Richtung Energiekraftwerk Als ich angekommen war, holte ich zu einem Karateschlag aus und schlug das Fenster ein. Es war das Frauenklo. Zum Glück war diese Kabine nicht besetzt. Ich ließ mich weiter nach oben treiben, wo ich den Schlag wiederholte. Ja, das war das richtige Zimmer. Vorsichtig stieg ich über die Scherben, wobei die Luftballons zerplatzten. Nun schlich ich den Gang entlang. Er schraubte sich immer kleiner werdend nach oben und war mit Spiegelglas verkleidet, was einem das Gefühl gab, dauernd beobachtet zu werden. Plötzlich sah ich den ersten Menschen, er war dürr und hatte Drähte auf den Augen. Wie hieß das Ding nochmal? Liere, Biere,


Der Pixar-Lampe geht der Saft aus Max Gärtner 13 Jahre

Bille? Ja, Bille war es. Der Mensch trug eine Bille mit schwarzen Drähten. Auf einmal kam mir die rettende Idee: Menschen hatten einen sehr unkontrollierbaren Stuhlgang. Also sandte ich einen elektrischen Impuls aus und wartete ab, was passierte. Erst stand er eine Weile bewegungslos da, doch plötzlich entfuhr ihm ein gewaltiger Furz. Außerdem bildete sich unter dem Menschen eine kleine Pfütze, die rasch größer wurde und einen beißenden Geruch abgab. Offenbar hatte es der Billenträger noch nicht bemerkt. Doch da: er fasste sich mit der rechten Hand an die Hose und merkte, dass etwas nicht stimmte. Er wurde rot und wollte losrennen, rutschte aber auf seiner Pfütze aus, schlug hin und blieb bewusstlos liegen. Ich hatte noch nie gesehen, wie jemand beim Pinkeln bewusstlos wurde, aber es hatte ja funktioniert. Schnell hüpfte ich weiter, wobei ich den Bewusstlosen noch ein Stückchen mitzog. Den nächsten erledigte ich ganz unspektakulär mit einem kurzen Aufblenden meiner Birne. Auch er fiel hin, doch leider wurde er nicht bewusstlos, sondern fing an zu schreien, woraufhin die restlichen vier Menschen zu ihm liefen. Vier gegen einen, das war nicht fair, aber ich musste es ja versuchen. Also schickte ich noch ein paar Blendeblitze aus, wodurch zwei weitere zu Boden gingen. Die anderen zwei kamen weiter auf mich zu. Einen erledigte ich mit einem Karateschlag, doch dem anderen konnte ich nicht mehr ausweichen. Er packte mich und wollte mir gerade die Birne umdrehen, als der Kasettenrekordermann um die Ecke kam und ihm sein Mikrofon samt Kabel so um die Beine wickelte, dass es ihm die Füße wegzog. Sofort riss ich mich los und setzte mich auf ihn. Jetzt mussten wir sie nur noch in ihr Raumschiff schaffen und nach Hause schicken. Dann würden wir die Energie wieder anschalten und uns ordentlich aufpumpen. Meine Lampe fing schon an zu flimmern, da kam Kasettenrekordermann an, von weitem hörte man sein Lied: »We are the champions...!«

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13 Jahre

RAUS

Ole Muth

ole muth

Raus

13 Jahre

Es knallt laut, als meine Mutter mich ohrfeigt. Mein Vater hätte das nie toleriert, dass mich irgendjemand schlägt, schon gar nicht meine Mutter. Sie schaut mich mit ihren verheulten Augen an und holt noch einmal aus – diesmal trifft sie die andere Wange. Ich zucke zusammen und wische mir flüchtig eine Träne aus dem Gesicht. Ein paar Sekunden stehe ich still da und bin zu ängstlich etwas zu sagen. Plötzlich haut sie laut schluchzend ihren Kopf auf den Tisch. Ich drehe mich um und renne aus dem Zimmer, raus aus der Wohnung, raus aus dem Wohnblock, zum Friedhof. Ich stelle mich vor das Grab, das Grab, das ich jeden Tag besuche, das Grab mit den Primeln, das Grab meines Vaters. Trete gegen den Grabstein und schreie ihn an. Warum er mir nicht hilft. Warum er tot ist. Vor Wut ziehe ich mein Handy aus der Tasche und werfe es in den Friedhofsteich, treffe eine Seerose. Ich gehe zu der grünen Holzbank, um sie zu treten, setze mich dann aber nur hin und schlage meine Beine über. Das geht, ich trage eine Röhrenjeans. Die Bank steht vor dem Teich. Ich lehne mich nach vorne, um mein Handy auf dem Grund zu suchen, doch das Wasser ist so trüb, ich sehe nur mein Spiegelbild. Das macht mich sauer. Ich nehme einen Stein und werfe ihn auf die Spiegelung. Meine Spiegelung. Das Wasser kräuselt sich und mir wird kalt. Meine Jacke habe ich zu Hause liegen lassen. Ich stehe auf, weil ich mich nicht mehr selbst sehen möchte. Wütend schmeiße

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Raus Ole Muth

ich den lilafarbenen Pullover weg, reiĂ&#x;e mir das neongelbe T-Shirt vom Leib und quetsche mich mit zitternden Händen aus der grĂźnen Jeans. Ich stehe da. Da, nur noch in meiner pinken Unterhose. Ich will nach Hause gehen, aber ich kann nicht.

13 Jahre

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13 Jahre Danilo Gümbel Nur Mut

NUR MUT danilo gümbel 13 Jahre

Er saß hier einsam, ganz allein Tanzende Schatten im Discolicht kicherten und lachten obendrein nur Justus tanzte leider nicht Er war entmutigt, wollt grad gehn’, als er auf ’s Bleiben sich besann, am Eingang sah er Paula stehn’ sie lächelte ihn schüchtern an. Er nahm, was er an Mut noch hatte, schmiss sich in die bunte Menge, der DJ wechselte die Platte in romantischere Klänge. Noch unsicher stand er vor ihr, das Reden fiel ihm plötzlich schwer, man hörte nur ein »Tanz’ mit mir!« sie sagte »Gern« und kein Wort mehr.

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15 Jahre

15 Jahre

Meine Knie zittern immer noch. Ich bin so weit gerannt, wie ich konnte. Jetzt habe ich Seitenstechen. Tausendmal habe ich mir ausgemalt, es zu tun, doch ich hätte nie geglaubt, dass ich dazu wirklich fähig bin. Ich bin ausgerastet. Das ist mir schon oft passiert. Ich werde dann immer so wütend, dass ich nicht mehr weiß, was ich tue, wie ich es tue und warum. Ich schlage um mich und schreie. Und alles wird nur noch schlimmer. Die ist klein und aggro, sagen sie dann. Das finden sie komisch. Heute war es anders. Es war an der Bushaltestelle. Ich weiß nicht, wie viele zugesehen haben. Ich habe sie nicht gezählt. Er stand da, mit seiner ewig kichernden Clique. Ich konnte ihnen nicht aus dem Weg gehen, wie ich das in den letzten Wochen gemacht habe. Das konnte ich nicht, ich habe ja schließlich auf denselben Bus gewartet. Er sagte irgendetwas, oder tat irgendetwas, ich weiß es wirklich nicht mehr. Die anderen lachten. Über mich. Das tun sie ja immer. Sie äfften mich nach und lachten noch mehr. Ich reagierte nicht, nicht äußerlich. Doch dann fingen sie an mich zu schubsen. Da konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Ich habe es zu lange versucht. Wochenlang. Monatelang. In dem Moment war es zu viel. Ich weiß nicht mehr wie, doch ich muss mein Messer gezogen haben, nur ein Taschenmesser, ein ganz gewöhnliches Schweizer Taschenmesser. Ich hatte es schon vor Tagen eingesteckt. Weil ich Angst hatte. Vor ihm und vor seiner Clique und davor, alleine über den Schulhof zu gehen. Oder

Hannah Göing

hannah göing

Fassungslos

FASSUNGSLOS

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15 Jahre Hannah Göing Fassungslos

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vielleicht auch nur, weil ich mich dann stärker fühlte. Es ihnen zeigen wollte. Ich habe keine Ahnung, wie ich das Messer so schnell aus meiner Hosentasche holen, aufklappen und ihm zwischen die Rippen rammen konnte. Ich kann mich nicht erinnern. Die anderen lachten nicht mehr. Ich glaube, ich habe gelacht. Noch einmal stach ich zu. Versenkte die Klinge in seinem Fleisch. Sah sein Blut das T-Shirt tränken. Dann erst sah ich sein Gesicht, das Entsetzen, die aufgerissenen Augen. Und mir wurde klar, was ich getan hatte. Ich bin losgerannt, bin gerannt, bis ich nicht mehr konnte. Meine Knie zittern immer noch.


Abartig

ABARTIG 14 Jahre

14 Jahre

»Du bist hässlich.« Das Gesicht ihr gegenüber bleibt hart. Dann öffnet es den Mund und sagt: »Du auch.« Sie guckt unbeeindruckt. »Ich weiß«, sagt sie. Das andere Mädchen zeigt Nervosität, es zuckt. Es senkt den Kopf. »Ich bin zu hässlich«, sagt es. »Du verdienst es nicht zu leben«, zischt sie die andere an. »Hässliche Menschen sollten sich verstecken und schämen.« Sie rollt den Kopf auf den Schultern, rollt die Augen, legt den Kopf auf den Arm. Sie denkt, dass man alle hässlichen Menschen in einen riesigen Ofen stecken sollte. Sie denkt daran, wie die Menschen darin stehen und wie nach einer Weile die Köpfe zerplatzen und die Hässlichkeit überall in dem Ofen klebt und wie man sie nur noch weg zu wischen braucht. Sie sieht auf, sieht das Mädchen sie beobachten. Sie streckt die Hände nach dem Hals der Anderen aus, auf dem der Kopf wie ein großer Pickel thront, legt die Hände heran und drückt vorsichtig zu. Auch sie selbst spürt Druck auf ihre Kehle, Hände umklammern ihren Hals, würgen sie. Sie hustet, bekommt kaum Luft, sieht den panischen Ausdruck im anderen Gesicht, die aufgerissenen Augen, die bebenden Nasenflügel. Ihre Hände verkrampfen sich, sie lässt los, keucht. Die beiden Mädchen beobachten einander. »Du Hässlichkeit«, sagt die Andere und verzieht verachtend das Gesicht. Ihr Blick wandert über die gleichmäßigen Gesichtszüge, die vollen Lippen, die großen Augen. »Du bist so... hässlich«, sagt das Mädchen. Sie nickt, ein paar Locken fallen ihr ins Gesicht, sie klemmt sie sich hinters Ohr.

Lilith Fichtmüller

lilith fichtmüller

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14 Jahre Lilith Fichtmüller Abartig

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»Stirb«, flüstert das Mädchen und: »du Monster.«. »Stirb!«, schreit sie und hebt zeitgleich mit ihrem Gegenüber die Faust, stößt sie nach vorn. Die beiden Fäuste knallen aufeinander und das Mädchen kann die Andere nicht mehr sehen. Ihre Hand blutet, sie steht einfach da, barfuß. Sie sieht ihre Krüppelzehen an und lacht. Die Haare fallen ihr ins Gesicht und sie streicht sie weg, schmiert dabei Blut an Stirn und Locken. Sie fallen wieder zurück, sie fährt sich durch die Haare, doch sie kleben an Auge und Mund und sie schreit frustriert. Sie packt die Nagelschere, die auf der Kommode liegt und schneidet. Dann weicht sie an die Wand zurück, rutscht zu Boden. Laute Stimmen hinter der verschlossenen Badtür. Sie weint.


MERKMAL

Merkmal

roberta huldisch

Roberta Huldisch

16 Jahre

16 Jahre

Sie sitzt im Bus und liest Gesichter. Die beiden Schwestern auf der Bank gegenüber haben ihre Füße auf den Sitz neben ihr gelegt. Zwischen ihren Ohren spannt sich ein Kopfhörerkabel. Die Jüngere lehnt ihr Gesicht an die zitternde Scheibe und dreht den Blick nach innen. Die Ältere zieht mit den Augen die eckigen, grünen Leuchtbuchstaben auf der Haltestellenanzeige nach. Die Schwestern haben den gleichen Mund, die gleiche Art die Unterlippe vorzuschieben. Sie lässt ihren Blick durch den Bus schweifen wie ein Suchscheinwerfer, immer wieder, und fängt Münder ein und Augen. Sie schwenkt über Gesichter, so schnell, dass niemand ihre Blicke bemerkt. Aber so oft, dass sie jede Form, jede Besonderheit aufsaugen kann. An der nächsten Station steigt sie aus. Die Schwestern folgen ihr mit den Augen. Sie findet das Café sofort. Die Fassade ist verglast, dahinter stehen Cordsessel um flache Holztische wie Inseln. Die Tür klimpert, wenn man sie öffnet, sie mag das nicht. Sie ist ja da, das sieht man. Der Raum ist zu warm. Es riecht nach Kaffeearoma über Desinfektionsmittel, das soll alles gemütlich sein. Sie setzt sich auf einen harten Stuhl am Fenster. Als die Kellnerin sie mit perfekt einstudierter Freundlichkeit nach ihrer Bestellung fragt, sagt sie, sie warte auf etwas. Sie schaut auf die Uhr. Die Zeiger ziehen sich klebrig über das Ziffernblatt. Es ist noch früh. Sie hat sich Mühe gegeben und weiß nicht, warum.

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16 Jahre Roberta Huldisch Merkmal

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Ihr Gesicht schwimmt in der Glasfassade, durchsichtig, fast geisterhaft, und dahinter hetzen Menschen vorbei. Sie fährt mit dem Zeigefinger über das Muttermal neben ihrer linken Augenbraue. Als ihre Fingerspitze über den winzigen Hügel klettert, fragt sie sich, ob sie den von ihr hat und wie sie überhaupt aussieht, wer sie ist. Sie hat ihre Stimme gehört, einmal, am Telefon. Sie haben lange über wenig gesprochen und sich eingeredet, dass alles anders wird, wenn sie sich erst sehen, wenn sie sich gegenüber sitzen. Die ganze Zeit hat sie still darauf gelauert, dass die Telefonstimme einen Fehler macht, etwas Falsches sagt, damit sie sich sicher sein konnte, dass sie Recht hatte. Vorher war doch alles besser und einfacher, und dieser fremde Mensch gehörte nicht in ihr Leben. Sie beobachtet Hände, die aus grauen Anzugärmeln ragen und langsam eine soßenverklebte Plastikhülle von einem saftig triefenden Sandwich schälen. Sie hat Angst. Davor, dass sie jetzt zur Tür hereinkommt und genauso ist wie sie selbst. Dass es ihr irgendwann nicht mehr egal sein kann, dass sie sie am Ende wieder braucht. Die Hände heben das Sandwich zum Mund. Dickflüssige, rote Soße rinnt an vollgesogenen Salatblättern herunter, fettige Tropfen sickern in die Serviette und laufen in Bächen über die Finger. Die Zähne drücken Dellen in das Brot, die Finger quetschen, an den Rändern quillt ein Schwall Soße heraus. Sie will sie nicht brauchen. Die Zähne beißen zu. Sie springt auf, mit Blicken im Rücken, und das Türklimpern verfolgt sie auf die Straße. Auf dem Weg zur Bushaltestelle ziehen Gesichter an ihr vorbei. Augen, Münder. Einmal begegnet sie einem Muttermal, fast unsichtbar, direkt neben der linken Augenbraue. Zwei Körper hasten aneinander vorbei. Die Blicke reißen ab.


15 Jahre

15 Jahre

Wir sitzen im Strandkorb. Der steht am Straßenrand, wird mit dem Sperrmüll abgeholt. Wir stellen uns vor, wir wären an der Nordsee, oder an der Ostsee. Wir müssen lachen, ist nicht wichtig worüber, es fühlt sich gut an. Ich habe Angst aufzuhören, sie hat eine Weile nicht mehr so ausgesehen. Sie holt ihre Kamera raus und sagt, ich solle Fotos machen. Normalerweise will sie sich selbst nicht auf Fotos sehen, ihr reichen die spiegelnden Fensterscheiben. Vielleicht deute ich zu viele Zeichen. Sie trägt ein bisschen von meiner Wimperntusche auf und ich fotografiere den Spliss in ihren Haaren, ihre Augen, die ein wenig aussehen wie Oliven, die Sommersprossen auf der Stupsnase. Eigentlich würde ich gerne reden. Oder mehr als das, würde gerne erzählen. Und würde gerne, dass sie mir zuhörte, auch wenn ich mir erlaubte, dass es mir einmal nicht gut geht. Wir schaffen es nicht, uns abzugrenzen, denke ich. Ich schweige, sie dreht sich eine und überbrückt damit den Moment. Der Rauch vernebelt kurz ihr Gesicht, verschwindet dann doch in den Ritzen zwischen dem Holz. Vielleicht gibt es keine Grenzen mehr. Meistens rufe ich sie fünfmal an, bis ihre Mutter nicht mehr erzählen kann, sie würde gerade duschen. Und dann komme ich vorbei. Sie weint, das kommt vor, und sagt, es täte ihr Leid, sie schaffe es nicht jemanden zu sehen.

Leonie Mikulla

leonie mikulla

Symbiose

SYM BIOSE

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15 Jahre Leonie Mikulla Symbiose

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Sie sagt, und es ist mehr wie ein Flüstern, ich habe Angst, dass sie sehen, dass ich zugenommen habe. Was ich antworte, erreicht sie nicht, und dann schämt sie sich, und schämt sich auch dafür, weil sie weiß, dass sie das eigentlich nicht tun müsste. Und weil sie weiß, vor allem nicht vor mir. Wir stehen die ganze Zeit in der Tür und irgendwann gehe ich, meistens kommt sie nicht mit. Sie sagt: Irgendwann. Irgendwann wieder. Ein paar Straßen weiter hört man das Echo von etwas, das in einem Container aufschlägt. Vielleicht kommt der Wagen mit dem Sperrmüll. Eine Sekunde lang wird es schrecklich still und ich bekomme Angst, dass sie meine Gedanken hören kann, dass sie etwas hört, das sie verletzen könnte. Und vielleicht spürt sie irgendwas, sie sagt etwas, sie sagt: Manchmal habe ich Angst, dass uns nur noch unsere Erinnerungen verbinden. Ich denke, dass sie so etwas nicht sagen darf. Sie lacht nicht mehr. Ich denke, ich muss auf Klo. Wir haben jetzt auch noch Pläne. Einmal wollten wir in den Tiergarten. Wir wollten Decken mitnehmen und Club Mate kaufen, es sollte werden »wie früher«. Früher haben wir unsere Pläne noch umgesetzt. Ich komme manchmal in ihr Zimmer und mache die Vorhänge auf. Ich ziehe sie aus ihrem Bett und schmeiße ihr irgendwelche Pullover hin, die so groß sind, dass sie sich darin verstecken kann, und dann hole ich sie an die frische Luft. Ich höre mir alles an, weil ich sie danach manchmal zum Lachen bringen kann, kurz. Ein Tag wie heute kommt selten vor. Sie fährt sich mit der Hand durchs Haar, das ist kaputt, weil sie immer anfängt, es zu drehen, wenn sie nervös ist. Es ist Januar und die Sonne wieder ein bisschen wärmer, als im Dezember. Über den Himmel ziehen Wolken, die könnten aussehen wie Tiere und ich denke, dass sie so ausgesehen haben, früher.


Symbiose Leonie Mikulla 15 Jahre

Ich erinnere mich noch an den Dezember vor einem Jahr. Kurz bevor sie in die Klinik gekommen ist. Ich erinnere mich noch an ihre Hände. Wegen irgendeinem Mangel sind die blau geworden, oder lila, weil sie es mit dem Essen überhaupt nicht mehr hinbekommen hat. Ihre Hände waren immer kalt, und ich habe manchmal versucht sie zu wärmen. Das letzte Mal als wir uns gesehen haben, war es Mitte Dezember, kurz vor Weihnachten. Ich dachte immer Menschen hätten Weihnachten in diese Zeit gelegt, um sich einen Grund zu geben, sie auszuhalten. Aber es hat nicht geklappt. Sie ist nie rausgegangen, um die erleuchteten Fenster zu sehen und Plätzchen hat sie sich schon lange nicht mehr gegönnt. Stattdessen saß sie immer in der Küche, hat Tee getrunken, oder Kaffee und auf irgendeinen Punkt gestarrt, an dem wir sie nicht mehr erreichen konnten. Sie dreht sich die Nächste, die wird nicht gut, ihre Hände sind schon wieder zu fahrig. Sie raucht in letzter Zeit wie ein Schlot und ich sage ihr nicht erst, dass das sinnlos ist, außerdem wissen wir ja beide, dass dahinter in Wirklichkeit etwas anderes steht. Ich denke, dass sie spürt, dass ich auch Angst davor habe, sie sagt: Hast du mal Feuer? Manchmal versuche ich mich damit zu trösten, dass es besser ist als letztes Jahr. Ich sage mir, dass sie es wenigstens schafft, mit mir zu reden und sogar schafft, ab und zu rauszugehen. Vielleicht ist das verrückt. Letztes Jahr haben wir uns sechs Monate lang nicht gesehen. Irgendwann hat einfach keiner mehr geöffnet. Ich bin jeden Tag an ihrem Haus vorbeigekommen und am Anfang brannte in ihrem Zimmer manchmal Licht, dann habe ich überlegt, Steine dagegen zu werfen, aber ich war mir nicht sicher, ob ich sie dann angeschrien oder umarmt hätte. Und vielleicht hätte ich sowieso nicht getroffen.

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15 Jahre Leonie Mikulla Symbiose

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Ich tröste mich damit, dass ihre Hände jetzt nicht mehr blau sind. Aber die Wahrheit ist, ich hätte sie nicht mehr wärmen können. Über den Himmel ziehen Wolken, die sehen aus, als ob sie Schnee bringen, denke ich. Plötzlich werde ich furchtbar wütend. Wir können hier nicht für immer bleiben. Wir sind nicht an der Nordsee, oder an der Ostsee, es ist nur ein Strandkorb, der auf den Sperrmüll gehört. Mir ist kalt, sage ich und stehe auf. Ich gehe nach Hause. Ich renne. Ich renne und weine, und ich weine, weil ich weiß, dass ich sie anrufen werde, morgen, oder vielleicht schon in fünf Minuten.


o. T.

O. T. 14 Jahre

Adrian Schauer

adrian schauer

14 Jahre

Du hast gesagt, dass es ihm schon lange nicht mehr gut ginge. Du warst oft bei ihm im Krankenhaus und ich sah dich kaum noch, ich habe dich vermisst, so wie du ihn jetzt. Jetzt, endlich, kannst du nach Hause fahren, denn nichts h채lt dich mehr davon ab, zu mir zu kommen. Wir werden tanzen. Du wirst sagen, dass er oft tanzen war, dass du ihm zugeschaut hast, als du noch klein warst. Jetzt, endlich, wirst du selbst tanzen. Mit mir.

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Name

Alter


Name

kristina haller antonie partheil ann franzine loof emma bading josefine berkholz margarita iov max gärtner ulrike gatz sophie elom kissling marie gerda kühn adrian schauer

Alter

201 0 winter — sommer

almut kowalski lilith fichtmüller carlotta mohr caroline löwa maximilian dragon

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15 Jahre Almut Kowalski

almut kowalski

Spielraum

SPIELRAUM

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15 Jahre

Mein Kopf ist ein Theatersaal. Manchmal ziehe ich sogar die Vorhänge in meinem Zimmer zu, um beim Proben nicht gestört zu werden. Da sind ziemlich viele Schauspieler, die ich alle ausgewählt habe. Sie sind so unterschiedlich wie meine Stimmungen. Die Arbeit an den Stücken dauert ewig. Nie wird eines fertig, denn die Handlung ändert sich mit meinen Träumen. Ist eines scheinbar fertig, passiert mir etwas Unerwartetes, und der Inhalt muss sich anpassen, bekommt womöglich sogar eine ganz andere Ausrichtung. Doch es ist nie so, dass die Schauspieler vor Erschöpfung aufgeben. Es wird eben nur ein anderes Theaterstück wichtiger, an dem sie so konzentriert zu arbeiten beginnen, dass sie das vorherige einfach vergessen. Keiner bemerkt, dass sich niemand an ein Textbuch hält, niemandem fällt auf, wenn die Proben ausufern oder auf der Stelle treten. Es ist das ewige Feilen an Darbietungen, die gar nicht zur Aufführung bestimmt sind. Oft ist das Theater aber auch zeitweise geschlossen und wie ausgestorben. Dann langweilen sich die Schauspieler und beginnen zu meutern. Sie wollen eine neue Aufgabe, fordern die Aufführung eines neuen oder die Wiederaufnahme der Arbeit an einem alten Stück. Dann entstehen in meinem Kopf wieder neue Träume, die die Schauspieler in ihren Proben Wirklichkeit werden lassen.


Im Schnee

IM SCHNEE 13 Jahre

13 Jahre

Der Gletscher, dachte sie, der Gletscher löst das alles aus... Sie stand am Küchenfenster und beobachtete die Autos, die im Stau standen, das Schneegestöber, die Menschen in ihren dicken Wintermänteln, die sie vor dem eisigen Wind schützen sollten. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt brannte ein großes Feuer. Die Obdachlosen waren doch sowieso schon alle erfroren, dachte sie. Hinter den Hochhäusern konnte sie den Gletscher sehen, der wie ein zweiter Himmel aus der Landschaft hervorstach. Er war schon so dicht an die Stadt herangewandert, dass die Häuser davor Gefahr liefen, von den Eismassen eingedrückt zu werden. Es war hoffnungslos zu versuchen, noch aus der Stadt heraus zu kommen. Sie drehte sich um, ihr Freund saß mit gekrümmtem Rücken am Tisch und las Zeitung. Immer wieder huschte sein Blick zu dem Feuer, das aus ein paar Scheiten bestand, die auf den Küchenfliesen schwelten. Darüber hing ein Kessel, in dem das Wasser kochen sollte. Ihr Freund war in letzter Zeit sehr still, außer wenn er wieder herumjammerte – dass sie alle sterben würden, dass sie keine Chance hätten. Er nervte sie und sie fragte sich wieder einmal, warum sie diese Beziehung nicht einfach beendete, um wenigstens ruhig bis zu ihrem Tod leben zu können. Früher war er so nicht gewesen, früher, vor nicht einmal drei Jahren. Sie warf einen Blick auf das Feuer, riss die Augen auf: »Herrgott noch mal! Kannst du nicht ein Wort sagen?!« Das Feuer war fast ausgegangen, nur eine spärliche Flamme leckte noch um die

Lilith Fichtmüller

lilith fichtmüller

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13 Jahre Lilith Fichtmüller Im Schnee

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Holzscheite. Befriedigt sah sie, wie er zusammenzuckte. »Ist doch egal. Wir werden ja eh ster... Tschuldigung«, murmelte er und stand auf. »Soll ich neues Holz holen?« »Nein! Das mach ich!«, schrie sie und stampfte auf den Flur. Sie lief zur Treppe, der Fahrstuhl funktionierte nicht. Das Stromnetz war schon vor ein paar Tagen zusammengebrochen. Im Treppenhaus war es eisig. Sie lief hastig in den Keller, denn sie wollte schnell zurück in die Wohnung. Sie hatte Holztürme aufgebaut und alte Zeitungen und Pappverpackungen aufeinander gestapelt. Plötzlich spürte sie eine Erschütterung, der Boden bebte. Es geht wieder los, dachte sie, der Gletscher bewegt sich. Sie griff sich ein paar Zeitungen und hastete in die vierte Etage des Hochhauses. Sie klopfte und er öffnete ihr die Tür. Sie sah ihn mitleidig an und bemerkte den entschuldigenden Ausdruck in seinem Gesicht. Sie seufzte, sie verstand ihn ja. Im Moment gab es einfach keine Möglichkeit, aus der Stadt herauszukommen. Sie fasste seine Hände und lächelte ihn an. In diesem Moment gab es eine starke Erschütterung. Sie lief zum Fenster und sah, dass ein Teil des Gletschers abgebrochen war und ein Haus zum Einsturz gebracht hatte. Leise weinend blieb sie am Fenster stehen. Auf der Straße rannten die Menschen durch das Schneegestöber.


carlotta mohr

13 Jahre

Das Badewasser ist nicht mehr ganz warm. Ich beobachte, wie sich ein Tropfen nach dem anderen in der Wasserhahnöffnung bildet, wie er anwächst und sich anwölbt, bis er sich nicht mehr halten kann und abfällt. Das Wasser nimmt ihn auf, und er ist verschwunden, nur Ringe zittern noch kurz um die Stelle. Mir ist kalt. Ich würde mir einen Gefallen damit tun, die nassen Haare von der Gänsehaut meiner Brust zu nehmen. Ich könnte auch das immer wiederkehrende ›Plop‹ abstellen, wenn ich wollte, neues Wasser einlaufen lassen. Dann tu es jetzt endlich. Irgendwie könnte ich mich jetzt aufstellen und schreien – aber dann müsste ich wieder heulen, weil ich merken würde, dass das Aufstehen und Herumschreien nichts bringt. Also bleibe ich liegen, damit ich irgendwann Gefallen daran finde und mir vorkomme, als wäre ich Teil eines misslungenen Stillebens. So könnte ich vielleicht in mich hinein verschwinden. Kannst du vielleicht mal erklären, was genau du hier machst. Das habe ich doch schon erklärt. Tu nicht so, als hättest du Ahnung von irgendwelchen psychologischen Methoden, die du selbst nicht wirklich verstehst. Ich zeige mir zum ersten Mal Einsicht und nehme das Handtuch mit der Comicfigur vom Wannenrand. Ich hasse Handtücher mit Comicfiguren. Wegen denen sehe ich immer scheiße aus, wenn ich es mir wie ein trägerloses Kleid um den Körper wickle. Du weißt genau, dass das nicht mal annähernd der einzige Grund ist. Deine kurzen dicken Beine, deine Haare, dein Mondgesicht, deine nicht vorhandene Taille, deine Nase, dein...

Carlotta Mohr

13 Jahre

Wassertropfen

WASSERTRO PFEN

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13 Jahre Carlotta Mohr Wassertropfen

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Ich glaub es reicht jetzt, schreie ich, wahrscheinlich laut, und steige aus der Badewanne, wische mit der Hand über die Fensterscheibe. Ich sehe so viel von hier oben, aber mich sieht man nicht. In der Bäckerei schüttelt ein Mann immer wieder den Kopf, zeigt auf sein gekauftes Gebäck und fuchtelt mit den Armen vor dem ratlos wirkenden Bäcker herum. Vor dem Supermarkt versucht eine Frau mit zwei Kindern in den Armen den Babybrei, ich erkenne nicht die Sorte, in die Tasche zu bekommen. Neben der Baustelle sieht sich ein Mädchen immer wieder beschämt um, ob ihr wohl irgendjemand dabei zusehe, wie sie die Tür des Dixie-Klos öffnet. Geh aus dem Haus und werde auch Teil dieser Gesellschaft. Und dann, was würde ich dann tun?! Vielleicht würde ich zum Friseur gehen und meine Haarspitzen nachschneiden lassen, obwohl ich es noch gar nicht nötig hätte, und krampfhaft versuchen, mich mit der Friseurin zu unterhalten. Vielleicht darüber, dass es jetzt aber mal langsam wieder Sommer werden könne oder das meine nicht vorhandene Schwester vielleicht irgendwann mal, in ein paar Jahren, eine Ausbildung zur Friseurin bei ihr machen wird. Du kannst nicht immer davonlaufen. Ich laufe nicht davon. Doch, das tust du. Jeder Mensch braucht irgendjemanden. Aber ich habe doch mich selbst. Nein, hast du nicht. Du weißt doch, dass ich dich hasse. Und zwar alles an dir: Deine kurzen dicken Beine, deine Haare, dein Mondgesicht, deine nicht vorhandene Taille, deine Nase, dein... Ich glaube es reicht jetzt, schreie ich, wahrscheinlich laut, und lasse das Handtuch fallen. Ich gehe ein paar Schritte über die nassen Fliesen. Hier stehe ich jetzt, vor dem Spiegel. Das muss also ich sein.


14 Jahre

14 Jahre

Du bist eine unauffällige Figur. Man sieht dich nur, wenn auf dich aufmerksam gemacht wird. Die Zuschauer können nicht wissen, was in dir steckt. Nur du weißt das. Bisher lebtest du dein Leben als die Nebenrolle im eigenen Film. Überließest anderen die wichtigsten Rollen. Wolltest nie selbst wissen, was als nächstes passiert, wolltest nur mitspielen. Warum übernimmst du nicht die Hauptrolle? Sprich doch mal ein Wörtchen mit dem Regisseur! Sag ihm, er soll die Rollen neu verteilen, denn du möchtest bestimmen, wer deinen Film gestaltet. Er wird es dir erlauben, denn der Regisseur bist du. Es ist ganz einfach: du musst die Rolle von dem übernehmen, der du wirklich bist. Sonst ist dein Film der Film eines anderen. Und sei nicht bescheiden, nicht jetzt. Lass‘ alle wissen, was in dir steckt. Dann geht der Beifall nur an dich.

Caroline Löwa

caroline löwa

Großes Kino

GROSSES KINO

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17 Jahre Margarita Iov Abendbrot

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ABENDBROT margarita iov 17 Jahre

Vater isst. Und ich seh ihm dabei zu. Mein dünner, bleicher Vater sitzt am Tisch und schlingt. Ich hab sein Haar und seine Haut und seinen Blick. Hat man mir oft gesagt. Aber ich hab nicht seine Augenlider. Ich frage: »Wie war die Arbeit?«, aber er isst. Er sieht so müde aus. Es ist spät. Er kaut bloß und nickt nur – man spricht nicht mit vollem Mund. Ich sehe ihn an mit seinem Blick. Mein Haar auf seinem Kopf und meine Haut über seine Knochen gespannt. Mein magerer Vater. Ich kann mich nicht losreißen von seinen Augenlidern – papierdünn und bläulich und bebend. Er kaut und schluckt und schluckt. Wenn er jetzt etwas sagen würde, was wäre das, frage ich mich. Ich durchsuche meinen Kopf nach etwas von Bedeutung. Ich mache den Mund auf, aber ich kriege nichts heraus. Mein Vater und ich, wir sitzen am Tisch. Er – kauend, und ich mit meinem offenen Mund. Ich frage: »Ist das Fleisch durch?« Seine Augenlider zucken. Es ist nichts von Bedeutung.


maximilian dragon

19 Jahre

Schwingst dein Bein Halbnackt im Takt Der Bass ist krass

Maximilian Dragon

19 Jahre

Frei bis Montag

FREI BIS MONTAG

Mengegedränge Die Platten ermatten Voll Schweiß so heiß Wille für Pille Rauschaustausch Verschroben toben Überall Wasserfall Welt vergrellt Splittergewitter Kotzt verrotzt Im Dreck-Versteck Der Rochen verkrochen Knrtsch

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12 Jahre

EISZEIT

Kristina Haller

kristina haller

Eiszeit

12 Jahre

Der Schnee fällt sanft auf die Wiesen, Der Wind schläft, es rührt sich kein Baum, Still sind die knorrigen Riesen, Ihre Äste regen sich kaum. Die Sonne steht blass in der Ferne, Hat den Himmel kaum heller gemacht, Und schon früh erleuchten die Sterne Und es beginnt die lange Nacht. In den wenigen hellen Stunden, Wenn die Sonne leuchtet so matt, Dreht der eisige Wind seine Runden Und heult durch unsere Stadt. Dann erwachen die starren Bäume, Denn der Wind ist stark und schnell, Zu schön war’n ihre Träume Vom Sommer, warm und hell.

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Kristina Haller 12 Jahre

Der Herbst ist längst verronnen, Der Frühling liegt noch weit, Als hätt’ eine Eiszeit begonnen Für alle Ewigkeit.

Eiszeit

Den Menschen schmerzen die Ohren, Finger und Zehen tun weh, Und mancher ist auch erfroren Im tiefen, glitzernden Schnee.

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14 Jahre Antonie Partheil Autobahn

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AUTOBAHN antonie partheil 14 Jahre

Der Sommer ist voller Farben, wie das Leben. Barfuß laufen wir über Wiesen und Pfade, die sich durch Berge winden, bis an steile Weltmeerküsten. Wir baden im Südseewasser und tanzen in überfüllten Strandbars unter Sternen, beflügelt von versüßten Cocktails, tauchen in Höhlen nach Muscheln und beobachten Sonnenaufgänge nach durchwachten Nächten von flachen Dächern. Aus Obstplantagen klauen wir Orangen und Pfirsiche, hüpfen durch flache Bäche, sitzen unter Platanen in Parks und rauchen schlechtes Gras, während uns der Fruchtsaft aus den Mündern auf die Hände tropft. Wir laufen weiter, am Rand von Wüsten, deren Fata Morgana uns um die Köpfe spukt, trampen von Autobahnraststätten, mit ratternden Bussen und hocken auf unserem Gepäck in fremden Bahnhöfen. Wir sitzen in schlecht klimatisierten Zugabteilen und kauern bei Wolkenbrüchen unter Zeltplanen. In dreckigen Bars betrinken wir uns und klampfen an Straßenrändern, Lagerfeuerromantik in der Tundra. Wenn wir in der Nacht auf dem Asphalt liegen, fühlen wir uns lebendig und schreien es in die Welt hinaus. Als unsere Kleidung längst zerrissen und unsere Haut trocken und dünn, wie Butterbrotpapier ist, springen wir in kalte Bergseen, um noch einmal den Dreck vom Körper zu waschen, bevor unser Lachen verhallt und wir heimkehren können mit dem Wissen: Wir leben.


17 Jahre

17 Jahre

Paul sitzt auf dem Sofa und Lauras Kopf liegt auf seinem Schoß. Mit dem Finger streicht er über ihr Gesicht, Sommersprosse für Sommersprosse. Hast du schon mal jemanden betrogen, fragt er. Sie nimmt seinen Finger in ihre Hand und führt ihn über ihre Wangen. Ja, sagt sie, sonst nichts weiter. Er fragt nicht, warum, fragt nicht, wen. So läuft das nicht, das mit ihnen. Laura schreibt. In der Badewanne hat sie die besten Ideen, und einmal rief sie Paul, er musste ins Bad kommen und die Idee aufschreiben. Dass er sie angeschaut hat, weiß sie. Es stört sie nicht, nackt fühlt sie sich wohl. Paul und Laura küssen sich auch, wenn ihnen danach ist. Sie weiß dann, sie tun das, weil sonst keiner zum Küssen da ist. Paul sieht das auch so. Er schaut ihr oft beim Schreiben zu. Manchmal fotografiert er ihre roten Locken. Sie passen nie ganz aufs Bild, sagt Paul und lacht. Laura lacht nicht, ihr fehlen die Worte, und ihr Papier bleibt weiß. Das passiere manchmal, erzählt sie Paul, immer dann, wenn sie zu glücklich sei. Sie versuche, das zu vermeiden. Laura ist betrunken. Paul hält ihre Haare fest, und sie kotzt ins Klo. Wodka und Multivitaminsaft, alles ist gelb.

Ann Franzine Loof

ann franzine loof

Auf Papier

AUF PAPI ER

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17 Jahre Ann Franzine Loof Auf Papier

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Er trägt sie in ihr Bett, sie schläft sofort ein. Sie flüstert im Schlaf, sagt Namen, Paul sagt sie nie. Nur manchmal träumt sie von seinen Händen. Als sie in Pauls Zimmer kommt, ist es noch dunkel. Sie kriecht unter seine Bettdecke und schlingt sich die Arme um den Bauch, ihr ist schlecht. Wie geht‘s dir, fragt Paul, zwei Finger auf ihren Sommersprossen. Laura sagt nichts, sie liegen zusammen in Pauls Bett und sind nackt, doch sie rühren sich nicht. Was schreibst du eigentlich so, will Paul wissen. Sie sitzen auf dem Wohnzimmerboden, essen Pizza und gucken Star Wars. Danach hat er noch nie gefragt, vielleicht, weil er sich nicht getraut hat. Oder es hat ihn nie interessiert. Laura wischt sich Tomatensauce von ihrer Unterlippe und überlegt, was sie sagen soll. Im Hintergrund kämpft Darth Vader gegen Luke Skywalker. Ich weiß nicht, über alles, was mir einfällt, sagt sie und zuckt mit den Schultern. Laura braucht das Schreiben. Sie sagt, mit einem Text ist man nie fertig, irgendwann will man doch wieder etwas daran ändern. Deshalb liebe ich das Schreiben, es ist unendlich. Paul wolle Fotograf werden, hat er ihr erzählt. Um Geld zu verdienen, fotografiert er auch alte Ehepaare, die lächeln immer. Schreibst du auch mal was über mich, fragt Paul. Er guckt beim Trinken in sein Glas. Manchmal hat er Angst vor Laura, vor dem, was sie sagt. Vielleicht, meint Laura, guck mal, Luke Skywalker hat einen tollen Hintern. Paul liest, was Laura über ihn geschrieben hat, es klingt echt. Er findet, Laura schreibt, was sie nicht sagen kann, sie schreibt sich auf das Papier, und er kann sie auflesen. Laura gefällt der Gedanke nicht, er lässt ihren Mund schmal werden.


Auf Papier Ann Franzine Loof 17 Jahre

Am Abend kommt sie nach Hause, sie hat einen Mann mitgebracht, der ihr beim Gehen an den Po fasst. Paul kann hören, wie sie in ihrem Zimmer stöhnt. Er sitzt vor Lauras Notizen, streicht mit den Fingerkuppen über die Buchstaben. Paul, steht dort, Paul. Im Vorbeigehen tritt er gegen ihre Tür und nennt sie Schlampe, und als der Kerl endlich weg ist, setzt sich Laura an den Küchentisch und weint. Paul steht im Türrahmen und fotografiert sie mit ihren verquollenen Augen. Jetzt kannst du schreiben, sagt Paul und drückt noch mal den Auslöser. Dann schlüpft er in seine Turnschuhe und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

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12 Jahre Emma Bading Der Tod und die Hoffnung

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DER TOD UND DIE HOFFNUNG emma bading 12 Jahre

Es waren einst zwei Geschwister, ein Mädchen und ein Junge, die so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht. Sie hatten merkwürdige Namen. Die eine hieß Hoffnung, der andere Tod. Und weil sie so verschieden waren, hatte der eine die andere nur selten zu Gesicht bekommen. Die Hoffnung war oft am Tage unterwegs. Sie liebte die Tiere und Menschen, denn sie verstand sie. Ihr Bruder hingegen wurde von niemandem gemocht. Das tat der Hoffnung sehr leid. Sie ging zu den Tieren und Menschen und bat sie um Verständnis für ihren Bruder. Doch alle schüttelten nur den Kopf, sie wollten dem Tod nicht begegnen. Alle mieden ihn. Deshalb konnte er sich nur in der Dunkelheit blicken lassen. Er stand immer weit weg von allen Menschen und Tieren, am Rande des schwarzen Waldes. Der Tod schaute sehnsüchtig zur Hoffnung herüber, die am Horizont bei den Tieren saß und mit ihnen sprach. Ein schmerzhaftes Zucken durchzog ihn dann immer und er sagte leise: »Dieses ist ihr Leben und das ist meines.« Eines Nachts schlich der Tod in den Gassen des kleinen Dorfes in der Nähe des Waldes herum. Hier konnte ihm nichts passieren, denn es war dunkel, finstere Nacht. Der Tod ließ den Kopf hängen, eine Träne kullerte ihm die Wange hinab und landete auf seinem blauen


Der Tod und die Hoffnung Emma Bading 12 Jahre

Hemd. Er war verzweifelt, ging auf die Knie und fing an zu schreien. Es war ein erbärmlicher und flehender Schrei. Die Hoffnung erwachte davon. Sie lag in ihrem Strohbett, stand auf und rannte in die Richtung, aus der der Schrei kam. Ihr Blick schweifte durch die Gassen, bis sie ihn sah. Da lag der Tod, mitten auf dem Kiesweg, die Hände vors Gesicht gepresst. Die Hoffnung schritt langsam auf ihren Bruder zu, kniete sich neben ihn und nahm seinen Kopf in ihre Hände, um ihm ins Gesicht zu sehen. Er hatte tiefe Ringe unter den Augen, etwas Blut floss ihm aus einer Wunde über der Schläfe. Im ersten Moment war die Hoffnung erschrocken, doch da sprach sie ruhig zu ihrem Bruder: »Was ist passiert? Rede bitte mit mir!« Ihr Bruder wischte sich die Tränen ab, bevor er wie in Trance anfing zu erzählen: »Alle hassen mich, sie haben alle Angst vor mir, sie meiden mich. Ich bin so einsam. Glaub mir, ich kann nicht mehr.« »Aber Tod«, versuchte Hoffnung ihn zu beruhigen, »stell dir doch nur vor, wie es wäre, wenn es dich nicht mehr geben würde. Dann würde die Welt immer voller werden. Und außerdem wüssten die Menschen gar nicht mehr zu schätzen, wenn morgens die Sonne ins Zimmer scheint oder wenn man mit den Händen durch den warmen Strandsand fährt.« »Ohne mich gäbe es also das Sterben nicht?«, fragte der Tod, »bin ich also wichtig?« Er hielt kurz inne. »Ja, ich bin wichtig!« Er wurde immer lauter, je länger er sprach. »Ja, ja, ich bin wichtig!«, schrie er durch die schlafenden Gassen. »Siehst du. Von nun an werden wir nur noch zusammen gehen und niemand wird sich mehr ängstigen, denn ich bin dabei.« Sie zündeten ein Feuer für die Lebewesen an, die an jenem Tag gestorben waren. Von dieser Nacht an haben sich die Hoffnung und der Tod miteinander verbunden und besuchen die Menschen und Tiere, ja und manchmal sogar die Pflanzen, gemeinsam.

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16 Jahre Josefine Berkholz Nachgeschmack

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NACHGESCHMACK josefine berkholz 16 Jahre

Als wir Samstag früh aufgewacht sind, neben, unter, übereinanderGelagert, mit zerwalzten Schädeln und Fußkrämpfen In einer erkalteten Rauchwolke, im Morgengrauen, insGeheim Hab ich Angst gehabt Hab ich die ganze Nacht im Schlaf geschrien, während du Geschnarcht hast und Watte in deinen Ohren klebte und ich hatte Säure auf dem Laken und sekundenklebergetränkte Augenlider und Zement in den Wimpern und hab dich immer wieder In einem schlechten Movieplot sterben sehen, völlig sinnlos und mit fadenscheiniger Romantik und geschrien und geguckt mit einer Bombe in der Brust, die in einer Zeitschleife steckte. Und schrie und explodierte und sah dir beim Sterben zu und als wir Aufgewacht sind und du noch am Leben warst und das Laken und die Augenlider und die Wimpern und meine Brust wieder Gereinigt, wach, desinfiziert waren, hab ich dich angesehen und gezittert Und nichts gesagt, heiser von den Schreien die in deiner Ohrenwatte verhungert sind und Die Druckwelle


Nachgeschmack Josefine Berkholz

Muss mir das Herz durch die Luftrรถhre nach oben geschossen haben und da trage ich es jetzt Und mache das Laken dreckig und presse die Lippen aufeinander, Weil ich nicht reden will. Ich hab Eisen auf der Zunge, wo eben noch mein Herz war, es tickt noch in meiner Brust und Bei jedem fadenscheinigen Movieplot, bei jeder schlechten Romantik Muss ich raus rennen und schreien, ich zittere noch, ich zittere nach, ich Hab dir beim Sterben zugesehen.

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12 Jahre Max Gärtner Das undefinierbare Etwas

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DAS UNDEFINIERBARE ETWAS max gärtner 12 Jahre

Es war ein schöner Februarmorgen. Ich lag in meinem Bett und träumte von nichts. Ja, ich träumte von nichts. Das ist nicht langweilig, sondern eine hohe Kunst, die zu erlernen ist. Ich lag also da und genoss es, den Kopf leer zu fegen. Da klingelte es. Wer könnte das sein und wagte es, mich in meiner spirituellen Phase zu stören? Sauer schlüpfte ich in meine Polyesterlatschen und schlurfte zur Tür. Draußen stand die schweißnasse Postbotin und starrte mich an. Ich starrte zurück. So starten wir uns eine Weile an. Dann ließ sie mit einem spitzen Aufschrei das Paket fallen und rannte zu ihrem Fahrrad. Ich sah mich um. Was mochte sie so erschreckt haben? Da fiel mein Blick auf den Morgenmantel: er war nicht zugeknöpft. Ich musste es wohl in der Eile vergessen haben. Schnell knöpfte ich ihn zu, nahm das Paket und ging ins Haus. Ich ließ das Paket auf die Kommode fallen. Ein dumpfes »Au« kam aus dem Packpapier. Nun sah ich mich erstaunt um. Was war das? Hatte ich mir am gestrigen Abend ein paar Whiskys zu viel gegönnt? Verwirrt kratzte ich mich am Kopf. Da bemerkte ich das Paket, das noch unberührt auf der Kommode lag. Vorsichtig fing ich an es auszupacken. Aus dem Papier kam etwas Großes, Rundes, Rotes hervor. Mit spitzen Fingern löste ich die letzten Packpapierreste ab. Ich sah ein undefinierbares Etwas. Sollte das etwa ein


Das undefinierbare Etwas Max Gärtner 12 Jahre

Liebesgeschenk meiner Postbotin sein? Aber warum schenkte sie mir dann kein neues Deo? Das könnte ich viel besser vertragen. Achselzuckend wollte ich mich umwenden, doch da ertönte eine Stimme: »Bist Du Heinz, der Bekloppte?« fragte das rote Etwas. »Nein.« sagte ich und starrte es verwundert an. »Schade.« seufzte das rote Ding. »Schon wieder daneben. Jetzt warte ich schon so lange auf den Richtigen!« In meinem Gehirn arbeitete es fieberhaft. Träumte ich etwa noch oder war ich ohnmächtig geworden? Das herauszufinden gab es nur eine Möglichkeit. Schnell packte ich den Knauf des Küchenmessers und stach das Metall in meinen kleinen Finger. Blut quoll heraus. Das war der eindeutige Beweis: Ich träumte nicht. Es gab zwar noch eine andere Methode das herauszufinden, aber die hatte etwas mit erstechen zu tun, weil man im Traum ja nicht sterben kann. Aber das wollte ich wirklich nicht ausprobieren. Mit wütendem Ton keifte mich das Ding an. »Hast Du etwa noch nie einen sprechenden Mülltonnendeckel mit Augen gesehen?« Ich überlegte. Nach einer Weile sagte ich: »Nö. Eigentlich nicht. … Aber«, ergänzte ich mit wichtiger Mine, »mir wurde letztens mein Mülltonnendeckel geklaut und du würdest perfekt draufpassen.« »Soll das jetzt ’ne Drohung sein?« fragte der Deckel. »Ja, sollte es.«, giftete ich zurück. Dann schwiegen wir uns eine Weile an. Plötzlich durchbrach der Deckel die Stille: »Kurt, der Beknackte, mein Name. Aber du kannst mich auch Kurti nennen.« »Danke«, sagte ich, »angenehm! Mein Name ist übrigens Alfred. Alfred, der Langweilige. Kurz: der Langweiler.« »Hallo,« sagte der Deckel, »du Langweiler.« Irgendwie hatte ich ihn schon lieb gewonnen. Da fragte der Deckel: »Könnte ich bitte etwas zu trinken haben?« »Aber klar«, erwiderte ich »was willst du?« »Oh,« sagte er »ich hätte gerne einen verfaulten Eiershake oder einmal miefige Müllkippe.« »Tut mir leid,« meinte ich »hab leider nur Bier« »Na gut,« seufzte er »dann eben ein Bier« »Ok« sagte ich und ging in die Küche, um es zu holen. Während ich das Glas aus dem Schrank nahm, stellt ich das Radio an und lauschte den Nachrichten.

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12 Jahre Max Gärtner Das undefinierbare Etwas

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Doch da spitze ich die Ohren. Hatte ich richtig gehört? Im Kopf wiederholte ich die Nachricht: Heinz, der Bekloppte war aus dem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen und war auf der Suche nach einem sprechenden Mülltonnendeckel. Nein, das klang einfach zu absurd. Schnell ging ich wieder ins Wohnzimmer. Der Deckel lag immer noch da und sah mich erwartungsvoll an. Er fragte: »Wo ist mein Bier? Du hast mir Bier versprochen!« »Bier?« murmelte ich vor mich hin. Wie konnte dieser Mülldeckel jetzt an Bier denken? Im Kopf überlegte ich, wie gut Plastik wohl brennen würde. Dann verwarf ich den Gedanken. Man konnte nervende Dinge nicht einfach aus der Welt schaffen, indem man sie verbrannte. Sonst könnte ich ja gleich meine Wohnung abfackeln, die mir meine Eltern mit der rosa Elefantentapete aufgedrängt hatten. Ein Plan musste her, ein guter Plan. Aber man konnte sich nicht einfach so am Freitagmorgen um Zehn einen Lebensrettungsplan ausdenken. Da brauchte man einfach mehr Zeit. Plötzlich klingelte es. Langsam ging ich zur Tür und starrte durch den Spion nach draußen. Dort stand ein Mann, der mich entfernt an eine Kreuzung aus Affe und Mensch erinnerte. Außerdem meckerte er wie eine geisteskranke Ziege: »Lass mich rein und gib mir meinen Kurti wieder, oder ich muss meine Geheimwaffe einsetzen!« Geheimwaffe, überlegte ich. Was konnte damit gemeint sein? Vielleicht die halbvolle Bierflasche, die er in der Hand hielt. War da etwa gar kein Bier drin, sondern Nitroglyzerin? Möglich ist alles, dachte ich und öffnete die Tür einen Spalt. Moment mal, überlegte ich. Woher wusste er eigentlich, dass der Deckel bei mir war? Vielleicht war ihm ja die Postbotin begegnet, die ich mit meinem offenen Morgenmantel so erschreckt hatte. Vermutlich hatte sie alles ausgeplaudert. Aber eigentlich war das ja jetzt auch egal. »Den Deckel können sie haben, aber bitte tun sie mir nichts.« sagte ich. Der Betrunkene überlegte einen Moment, dann sagt er: »Ok, aber nur gegen 50 Flaschen Whisky.« Ich seufzte erleichtert auf. Jetzt konnte ich das Zeug endlich loswerden und musste es nicht mehr


Das undefinierbare Etwas Max Gärtner 12 Jahre

selbst in mich hinein schütten. Damit wäre ich dann wohl auch endlich meine Vollmondaktivitäten los, bei denen ich nackt mit dem Motorrad in der Nachbarschaft herum fuhr und behauptete, ich sei ein Frosch in der Paarungsphase. »Sehr gerne«, sagte ich und ging ins Wohnzimmer, um Kurti zu holen. Kaum war ich mit dem Deckel wieder aufgetaucht, riss ihn mir Heinz der Bekloppte aus der Hand und fing an den Deckel zu streicheln. »Mein liebes kleines Deckelchen,« flüsterte er, »ich hab dich so vermisst!« Vorsichtig fragte ich: »Wofür ist denn der Deckel gut?« »Für meine Wohnung«, sagte Heinz und zeigte auf die Mülltonne, die hinter ihm stand. »Sonst hat’s immer reingeregnet. Aber jetzt ist die Wohnung endlich wieder komplett.« Mit diesen Worten schulterte er die Mülltonne und ging seines Weges.

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19 Jahre Ulrike Gatz

ulrike gatz

Vorhang auf

VORHANG AUF

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19 Jahre

Ich fahre zu Kai. Der Regionalzug, in dem ich sitze, ist außen grün und innen gut klimatisiert. Der Bahnsteig ist noch feucht vom Wischen. Im Gebälk der Kuppel sitzen ein paar Tauben. Kai steht am falschen Gleis, er beginnt zu rennen. Kurz darauf ist er außer Atem und bei mir. Seine Umarmung ist sehr fest, es drückt mir Kopf und Schultern nach hinten. Dann greift er nach meiner Hand und der Tasche und geht los. »Leben ist Sterben.«, sage ich. »Weil Sterben ja der Weg zum Tod ist und das ganze Leben auf den Tod zuläuft.« »Aber Leben, das muss doch mehr sein als Sterben.«, meint er nur. Viele Leute sind bei der Geburtstagsfeier seines besten Freundes. Der versteht ihn fast. Es läuft Rockmusik im Hintergrund, im Garten ist ein Lagerfeuer. Ich habe mich schon mit fast der Hälfte der Gäste unterhalten und gehe tanzen. Kai sitzt in einer Ecke auf einem Stuhl mit Schafsfellüberwurf und trinkt Bier. Es ist nicht seine Sorte, es schmeckt ihm nicht so richtig, das hat er mir gesagt. Sein Freund weiß das – er hätte daran denken sollen. Irgendwann hat er sich dorthin gesetzt. Tanzen will er nicht. Im Wohnzimmer der Familie steht Kaffee und Kuchen auf dem Tisch. Sein kleiner Bruder ist das Lieblingskind. Alle trinken etwas und Kai bekommt ein zweites Stück. Ich werde gemocht. Seine Mutter holt den neuen geblümten Couchbezug heraus, sie zeigt ihn herum. Dem Stiefvater gefällt er, er muss ja darauf sitzen. Später fragt Kai sie, wieviel der gekostet hat und wovon sie ihn bezahlen konnte.


Vorhang auf Ulrike Gatz 19 Jahre

Eine Weile sagt sie nichts, sitzt auf dem alten Bezug und trinkt kalten Kaffee. »Leben ist Sterben, und das, was da mehr ist, sind nur Dinge, die du erlebst, die nie wieder kommen, das häuft sich an.« »Das kannst du so nicht sehen.«, sagt er. Es gibt Kartoffelsalat mit Wienern. Die große Schwester ist zu Besuch und das Wohnzimmer noch enger. Sie trägt ein Fußkettchen und erzählt von ihrer neuen Wohnung. Sie isst zwei Portionen, Kai drei. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt. Kai hatte sich so gut mit ihm verstanden, es ist schade. Sie möchte mehr als Fernsehen. Morgens trinkt er Kaffee. Er schüttelt sich. Ich habe ihn zu stark gemacht. Immer mache ich es falsch. Ich möchte ihm keinen Kaffee mehr machen. Auf dem Stadtfest sind überall Buden und helle Lichter. Es gibt ein Kettenkarussell. Kai wollte nicht hierher. Er kaut auf einem Stück Steak. Ich kaufe mir Zuckerwatte, die kitzelt beim Abbeißen an der Nase. Kai erzählt mir, dass er keinen Kontakt zu seinem Vater hat. Der hat neu geheiratet. Ich sage, dass er ihn anrufen soll. Kai antwortet nicht. Irgendwann hat Kai sich hingelegt. Ich halte seine Hände, es rutscht, er schwitzt. Er hat doch gesagt, er will aufstehen. Ich ziehe und beuge mich nach vorn. Er ist so fett. Noch greift er fest. Ich will nicht, dass er mir das Rückgrat bricht. Ich hoffe, dass er meine Hände loslässt und er nur eine Erfahrung ist.

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10 Jahre Sophie Elom Kissling Die atmende Insel

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DIE ATMENDE INSEL sophie elom kissling 10 Jahre

Auf einer Insel lebte einmal ein Riese, dessen Sohn hieß Moritz und war noch ein Kind. Als der Riese eines Morgens von einem riesen Radau aufwachte, brannten seine Füße und seine Haare. Die Inselbewohner waren mit Fackeln zu ihm gerannt, denn sie wollten sich dafür rächen, dass er zu laut schnarchte. »Er schnarcht nicht mehr, er schnarcht nicht mehr!«, sangen sie fröhlich. Als der Kopf und die Beine abgebrannt waren, blieb nur noch der Oberkörper übrig. Die Inselbewohner schoben ihn ins Wasser. Moritz schlief noch in seinem Strohbett und bekam das alles nicht mit. Eine Stunde später wachte er auf merkte, dass er kein Geschnarche mehr hörte. Er fragte jeden: »Wo ist Papi?«. »Er ist abgehauen«, antworteten alle. Da setzte sich Moritz in seinem Strohbett, weinte und schrie laut. Vier Tage später machte er sich auf die Suche, weil Moritz seinen Riesen-Papi doch so sehr vermisste. Er fuhr mit dem Boot aufs Wasser und blickte ins Weite. Da entdeckte er am Horizont eine Insel. Er ruderte darauf zu. Als er die Insel genauer betrachtete, erschrak er. Da war ein riesiges Loch und neben dem Loch konnte Moritz einen großen braunen Fleck beäugen, der wie ein Herz aussah. Das Loch und der Fleck bewegten sich langsam auf und ab. Sofort wusste Moritz, dass das der Bauch seines Riesen-Papis war. Die Inselbewohner hatten gelogen. Schnell zog Moritz sich seine Badehose an und tauchte ins Meer. Links und rechts baumelten die Arme des Riesen im Wasser.


Die atmende Insel Sophie Elom Kissling

Seine Hände hatten sich in den Algen verfangen, deshalb konnte der Bauch nicht weiter schwimmen. Und das war auch gut so, weil Moritz den Bauch sonst nie gefunden hätte. Moritz schnappte noch einmal schnell nach Luft und befreite dann die Hände von den Algen. Dann tauchte er wieder auf und hüpfte mit eins, zwei, drei, vier Sprüngen auf den Bauch. Moritz legte sich in den Riesen-Bauchnabel und ließ sich weg treiben. Er war so glücklich darüber, seinen Papi wieder gefunden zu haben – oder zumindest einen Teil.

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11 Jahre Marie Gerda Kühn Mutiger Mimose

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MUTIGER MIMOSE marie gerda kühn 11 Jahre

Am Nordpol wohnte einmal eine Eskimo-Familie. Sie hatte noch alle Traditionen von früher: sie trug Pelze, wohnte in einem Iglu und sie hatte sogar einen Häuptling. Der hieß Schneeherz. Schneeherz hatte einen Sohn namens Schneeflocke, aber alle nannten ihn Mimose. Er nannte sich selbst so, denn er konnte keine Tiere töten und sein Vater hatte ihn bis zum vierzehnten Geburtstag durchgefüttert. Schneeherz hatte seinen Glauben an seinen Jungen verloren. Die anderen Jungen neckten Schneeflocke, nannten ihn Schneeangsthase, Schimmelschneemann und Igluhocker. An seinem vierzehnten Geburtstag ging Mimose los. Er war sehr traurig, sich von seiner Mutter trennen zu müssen, aber er wollte endlich einmal jagen gehen, um sich selbst zu beweisen. Er suchte fast den ganzen Tag lang nach einem Loch im Eis, durch das die Robben nach Luft schnappen. Als es Abend wurde, stolperte Mimose über einen Eishügel und löschte versehentlich dabei seine Talgkerze. Also tastete sich Mimose langsam weiter voran. Plötzlich stand er an einer Klippe und ehe Mimose es sich versah, stürzte er mit einem Eisbruch herunter. Er rettete sich noch auf eine große, dicke Eisscholle, da versank der Eisbruch schon im Arktischen Meer. Es war kalt und die Scholle rammte alle anderen Eisplatten und trieb so auf das Meer hinaus. Häuptling Schneeherz und seine Frau Schneekönigin machten sich große Sorgen um ihren Sohn. Sie hatten schon alle zehn Brüder des Häuptlings losgeschickt, um Mimose zu suchen. Schneekönigin


Mutiger Mimose Marie Gerda Kühn 11 Jahre

rutschte in ihrem kleinen Iglu aufgeregt hin und her, während Häuptling Schneeherz sich ausdachte, was sein Sohn gerade alles machte. Die Jungen, die Mimose immer geärgert hatten, waren auch traurig, denn in Wirklichkeit mochten sie ihn doch. Mimose war bei dem Sturz bewusstlos geworden. Als er wieder zu sich kam, hörte er ein Grollen, dumpf und laut. Nun stand er auf seiner großen Eisscholle, guckte sich um und hätte platzen können vor so viel Dummheit. Der Eskimo-Junge konnte nichts Verdächtiges auf der Eisscholle entdecken, oder war da nicht doch ein dunkel-weißer Fleck? Er näherte sich diesem Etwas, und dann entdeckte er es: einen Eisbären, einen riesigen Eisbären! Seine Nackenhaare sträubten sich und Mimose hatte nur noch einen Pfeil und seinen Bogen. Der Junge und der Eisbär starrten sich an. Der tapfere Herausforderer spannte seinen Bogen und schoss. Genau in das Herz des Eisbären. Dieser brüllte schmerzerfüllt und fiel tot um. Mimose war geschockt. Der Eisbär war das erste Tier, das er erlegt hatte. Schneeflocke sprang von einer Eisscholle auf die andere. Er freute sich schon auf zu Hause. Während er so sprang, drehte er sich noch einmal um und sah eine rote Platte am Horizont entlang gleiten.

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14 Jahre Adrian Schauer Selbstmord im Hotel

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SELBSTMORD IM HOTEL adrian schauer 14 Jahre

Inspektor Timothy Dentales vom Scotland Yard galt als ehrgeiziger Verbrechensjäger. Der Fall »Paul Cornwell« hatte in ihm ein Interesse geweckt. Vor einer Woche sollte sich der Schauspieler in dem Badezimmer des Hotels »Royal Mushroom« erschossen haben. Der Selbstmord hatte einige Fragen aufgeworfen, die Dentales als gewöhnlicher Gast im Hotel beantworten wollte. Ein Taxi fuhr den Inspektor zum »Royal Mushroom« ins anliegende Southbridge. Sein Gepäck wurde von einem Portier entgegengenommen. »Sie wünschen?«, fragte die Empfangsdame mit einem knappen Lächeln. »Die Selbstmordsuite, heute und morgen.« »Entschuldigen Sie, aber – «, Dentales unterbrach sie. Wortlos reichte er ihr ein paar Pfundnoten. »Es wäre schade, wenn ich mein Geld in ein anderes Hotel stecken müsste.« Honigsüß sprach die junge Frau: »Also das Zimmer Nr. 212, wie sie wünschen.« Die Suite gefiel dem in einfachen Verhältnissen lebenden Inspektor, denn sie war nicht so luxuriös ausgestattet, wie er zunächst angenommen hatte. Er betrat das Badezimmer. Sein Blick wanderte zwischen Dusche und Tür hin und her. Da hatte der Schauspieler Paul Cornwell gelegen, mit einem Revolver in der Hand und einem Loch im Gesicht. Er durchsuchte gründlich die gesamte Suite, später ging er in die Bar des »Royal Mushroom«. Am Tresen glaubte er, ein ihm bekanntes Gesicht zu erkennen. Er sprach den Mann an: »Kann ich ihnen einen Drink spendieren?«, fragte Dentales höflich. »Sehr gern,


Selbstmord im Hotel Adrian Schauer 14 Jahre

einen Brandy.« Der Inspektor bestellte zwei Gläser. »Sagen sie, mir scheint, ich würde sie von irgendwoher kennen.« Der Verbrechensjäger setzte sich neben den Mann. »Ich kenne sie doch aus der Zeitung, nicht wahr?« Der schon leicht Angetrunkene erwiderte: »Nun, ich war der Manager des verstorbenen Schauspielers Paul Cornwell.« »Eine Tragödie, sein Selbstmord.« Der Inspektor bestellte noch zwei Gläser. »Es war doch einer?« »Klar war es Selbstmord.« »Aber warum soll er sich das Leben genommen haben? Immerhin war er doch ein recht berühmter Schauspieler.« Der Manager prustete laut: »Sie wissen doch gar nicht, wie das Filmgeschäft läuft. Es wurde immer schwieriger für mich, Paul Aufträge zu besorgen. Partys, Frauen, Alkohol und dann die Drogen–«, »Drogen? Welche Drogen?« Der Inspektor blickte den Manager an, wie der Tiger seine Beute. »Ach, was geht Sie das eigentlich an, sind Sie etwa ein Bulle? Ich glaube, ich habe genug getrunken, auf Nimmerwiedersehen!« Gleich in aller Frühe rief Dentales bei Cornwells Eltern an. Es meldete sich aber nur eine verschlafene Putzfrau, die ihm sagte, das Mr. und Mrs. Cornwell auf das Land gefahren waren, um sich von dem Schock zu erholen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als wieder das Badezimmer zu durchsuchen. Die Fliesen hatte er bereits mit Präzision abgeklopft, wie auch den Rest des Tatortes. Lediglich den Spülkasten der Toilette hatte er noch nicht unter die Lupe genommen. Er zögerte, dann griff er umso beherzter hinein. Ein, zwei Minuten vergingen, dann ertastete er eine Erhebung und drückte ohne zu überlegen drauf. Es klickte. Ein Schacht öffnete sich geräuschvoll, groß genug, um den Kopf hinein zu stecken. Er war zwischen Dusche und Tür, da hatte die Leiche gelegen. Im Schacht war es stockduster, mit einer Lampe leuchtete er hinein. Auf dem Boden lag eine Metallstange, ungefähr ein bis zwei Arm lang. Er stieß damit mit aller Kraft in die Finsternis. Eine rostige Stahlplatte schwang am Ende des Schachtes beiseite. Dahinter befand sich ein weiterer Raum. Im Schein der Lampe erkannte der Inspektor einige Stapel blauer Päckchen. Als

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Polizist wusste er genau, dass sich in den Päckchen Drogen befanden, vielleicht war er auf ein Schmugglerversteck gestoßen. Dentales war sich sicher, dass der Hotelchef mit in die Sache verwickelt war. Es war doch immerhin sein Hotel. Er verließ seine Suite mit der Absicht, den Hotelier zu verhaften. »Mein Name ist Timothy Dentales vom Scotland Yard«, stellte er sich dem Hotelier vor. Dieser war ein kleiner Mann in einem schwarzen Nadelstreifenanzug. »Mr Dentales, ich glaube nicht, dass ich ihnen helfen kann.« Dentales lächelte. »Ich habe ihr kleines Drogenversteck entdeckt. Sagen Sie, steckte Paul Cornwell mit in der Sache?« Zu Inspektor Dentales Verwunderung lachte der Hotelier. Plötzlich wurde Dentales von hinten in den Schwitzkasten genommen. »Was machen wir mit dem Typen?« Er erkannte die Stimme von Cornwells Manager. »Sperren wir ihn vorerst in unser Versteck, darin hört ihn niemand.« Der Inspektor wollte aufstehen, wurde aber weiterhin festgehalten. Der Hotelier schwitzte und öffnete eine Tür, dahinter sah Dentales den Schmugglerraum. Der Manager drückte ihn in Richtung der Tür. Plötzlich rammte der Inspektor seinem Kontrahenten den Ellbogen in den Magen. Der Griff lockerte sich, Dentales schleuderte den Manager mit einem Judowurf über die Schulter. Er trat noch einmal zu, dann wandte er sich dem Hotelchef zu und zog seinen Revolver. »Los, gehen Sie in das Versteck und nehmen sie ihren Gorilla gleich mit, na wird‘s bald!« Der Hotelier schliff den bewusstlosen Manager in den Raum, Dentales verschloss die Tür hinter ihnen. Er ging wieder in das Badezimmer seiner Hotelsuite, als wäre nichts passiert. Dort öffnete er wieder den Schacht mithilfe des Knopfes im Spülkasten. Vom anderen Raum her meldete sich eine Stimme: »Sind sie es, Dentales?« »Ja.« Der Hotelier rief zu ihm: »Sie werden nichts von uns erfahren!« »Ach nein?« Dentales kramte in seiner Tasche. »Sie sind in einem komplett finsteren Raum eingesperrt und haben nichts zu essen und zu trinken. Sie wissen, dass sie sterben werden, wenn sie nicht gestehen. Aber ich will nicht so sein«, er hielt eine Streichholzschachtel in den Händen


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und schob sie mit der Metallstange zu den beiden Gefangenen hin. »Es ist nur ein Streichholz drin, sie können damit jederzeit die Drogenpäckchen anzünden und dann hat der Spuk ein Ende.« Der Inspektor setzte sich auf den Toilettendeckel: »Sie haben Paul Cornwell ermordet, nicht wahr?« Er hörte den Hotelier antworten: »Das war notwendig, Cornwell entdeckte den Geheimgang. Er hätte die Suite Nr. 212 nie bekommen dürfen, sie war sonst für seinen Manager vorgesehen. Die dumme Empfangsdame hat da einen Fehler gemacht. Der drogensüchtige Schauspieler wollte mich mit dem Schmuggel erpressen und damit zur Zeitung gehen. Ich musste ihn also erschießen. Um die Tat zu verschleiern, haben wir es wie einen Selbstmord aussehen lassen.« Der Hotelier und Paul Cornwells Manager kamen hinter Gitter. Das Hotel »Royal Mushroom« wurde wenig später geschlossen. Inspektor Timothy Dentales verließ Southbridge und widmete sich gleich dem nächsten Fall.

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Name Alter

2009 winter — sommer maximilian dragon caroline löwa mareike dottschadis paula balov annika glante anna behrend jakob prüfer josephine dörr luisa rath marie michael fynn thorge thomsen margarita iov tim fahrendorff sophia steindel 91


18 Jahre Maximilian Dragon Am Wegesrand

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AM WEGESRAND maximilian dragon 18 Jahre

Am Wegesrand steht ein Mädchen für Geld. pufft eine Gulaschkanone vor sich hin. liegt ein Igel mit plattem Gesicht. hat ein Vater sein Kind vergessen. brennt das Haus des Bürgermeisters. sitzt ein Schwein und grunzt. flattert ein Zettel, auf dem steht: »Nie wieder!« essen Kinder Kirschen mit Pestiziden. fängt die Straße an. ein Mischwald stand. rostet ein Panzer, den keiner will. produziert eine Fabrik Rauch zum Mindestpreis. krempelt man die Ärmel hoch, denn es ist Montag. schmeckt der Sauerampfer nach Auspuff. sammelt der Krankenwagen einen Beinbruch ein. wachsen Pilze im Abfalleimer. sitzen wir in abgewetzten Sofas und sehen auf die Straße. tanzen Mücken über’m Gullideckel. lauert der Fahrtwind. treffe ich auf Menschen, die ich schon vergessen hatte.


13 Jahre

13 Jahre

Ich sitze schon ziemlich lange hier, zwischen all den anderen. Sie sehen genauso aus wie ich. Und wir erleben das Gleiche, Tag für Tag. Und in der Nacht, da gehen die Laternen an – über uns allen. Die Menschenmassen sind in den Häusern, die sich neben uns auftürmen, verschwunden und nur noch selten rauscht ein Auto an uns vorbei. Und wenn es heller wird und die Sonnenstrahlen hinter den Häusern hervor kriechen, lassen sich mit jeder Stunde mehr Leute auf der Straße blicken. Dann wird die Jalousie der Pommesbude hochgezogen, und wieder geht so allerlei Geld und Essen über die gläserne Theke. Manchmal fällt eine Serviette herunter und segelt auf mich zu. Dann bekommt man mal einen Klecks Senf oder Ketchup ab. Der bleibt aber nicht lange, denn es regnet oft. Dann sind wir alle nass – und alle sehen uns, nur wir sehen uns nicht.

Caroline Löwa

caroline löwa

Von unten

VO N UNTEN

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18 Jahre Mareike Dottschadis

mareike dottschadis

Innere Uhr

INNERE UHR 18 Jahre

Innere Uhr Mir tickt der Ehrgeiz im Schädel, tickt in den Nieren mir, tickt mir im Blut. Ich packe die Nerven und ziehe sie fest, fest um die Knochen. Nicht kopflos sein. Perfekter Plan Ich, in seiner Spur schwimme ich und jeder schwimmt schneller vorbei. Laut tickt es in mir, sie müssen es hören doch niemand harrt aus, sie streben vorbei. Mir tickt der Ehrgeiz im Schädel, tickt mir im Blut, tickt in den Nieren mir. Ich ziehe die Nerven um Knochen, packe sie fest. Nicht sein ohne Kopf. Nach seinem Ton schwimme ich, jage den Plan, das perfekte Ich. Ein Knacken im Kopf sie müssen es hören es ächzt mir der Schädel, doch niemand harrt aus, sie streben vorbei. Ehrgeiz tickt lauter im Schädel mir, tickt in den Nieren, tickt mir im Blut und tickt und tickt.

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Innere Uhr Mareike Dottschadis

Ich ziehe die Nerven so fest, ich packe, ich knote um Knochen sie mir, nur nicht sein ohne Kopf. In mir tickt es lauter, sie müssen doch hören, so laut es reißen die Nerven, es knackt mir der Schädel, er bricht, es fliegt das Ticken vorbei, es fliegt aller Plan vorbei und sie streben voran und ich harre aus.

18 Jahre

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paula balov 18 Jahre

18 Jahre Rückweg

Paula Balov

RÜCKWEG

Die Sonne scheint und warmer Wind weht. Ich friere. Ich bleibe am Wegesrand stehen, schaue zum Spielplatz. Ich war hier lang nicht mehr. Ich rupfe ein Gänseblümchen aus dem Boden, reiße ein Blatt ab. »Ich werde es los.« Noch eins: »Ich werde es nicht los.« Ich gehe zur Rutsche, eine große, geschlängelte Rutsche. Meine Lieblingsrutsche von früher. Das Metall streift kurz meinen Arm. Es ist kalt. So kalt wie Spritze, Zange und Skalpell vermutlich. Die Sonne wärmt den Gedanken auf und den Bauch. Ich streiche mit der Hand über ihn, beginne zu zittern. Er ist flach und straff. »Ich werde dich los, ich werde dich nicht los.« In meinem Augenwinkel singt jemand. Ich drehe mich zur Seite. Ein Mädchen auf der Schaukel, das strahlt und lächelt und die Augen geschlossen hält, während der Wind ihr Haar zerzaust. Sie wird wohl so alt sein wie ich. Vermutlich macht sie ihr Abi. Ich setze mich auf eine glühend heiße Bank, klappre mit den Zähnen. »Ich töte dich, ich töte dich nicht.« Am Zaun ein Junge und ein Mädchen. Er hält sie umarmt, sie hat die Augen geschlossen und sieht verträumt aus. Neben mir sitzt niemand, wegen dir vermutlich. Wegen diesem Etwas. Weil ich mich noch nicht entschieden habe gegen dich. Überhaupt weiß man ja, du lebst noch nicht. Ganz sicher weiß man das. »Ich töte dich, ich töte dich nicht.«

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Rückweg Paula Balov 18 Jahre

Mein Blick geht über den Spielplatz, als würde ich eine Antwort von ihm erwarten. Der Sandkasten, ein paar Bäume, das Klettergerüst, die Schaukel, keine Antwort. Die Sonne brennt, meine Stirn ist verschwitzt, ich reibe mir die Schultern warm. An dem Gänseblümchen sind kaum noch Blätter. Es sieht verstümmelt aus. »Ich töte dich, ich töte dich nicht. Ich töte dich, ich töte.« Die Sonne verschwindet hinter den Wolken, mir wird übel. Ich habe kein Recht, dich zu töten. Kein Recht, dich aus mir heraus zu rupfen, dich zu zerreißen und wegzuwerfen. Ich lege das Gänseblümchen behutsam auf die Bank und stehe auf und laufe aus dem Park hinaus, zur Straße. Es klappt schon irgendwie, denke ich, es muss einfach, und will zu ihm und ihm sagen, dass er Vater wird und nichts dagegen tun kann. Meine Schritte werden rascher und die Sonne taucht am Rand der Wolken wieder auf und es ist so schön warm. Ich fasse mir an den Bauch und laufe und freu mich und lächle und es klappt schon irgendwie. Meine Mutter ruft an. Wo ich bleibe. Ob ich nicht für Mathe morgen lernen müsste. Was ich mir eigentlich einbilde. Ich sage ihr, ich bin bald da und es ist alles gut. Ich bleibe stehen und denke an sie und an Papa und ihre Scham und an mein Gesicht. Du lebst ja noch nicht, sage ich laut und werde langsamer. Ich heule und schluchze und beginne zu schlottern. Es ist verdammt kalt.

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18 Jahre Annika Glante Die Bahn vor der Tür

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DIE BAHN VOR DER TÜR annika glante 18 Jahre

Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Sie klingelt und letzte Passagiere hechten zur Tür. Manchmal fährt sie los, bevor sie einsteigen können. Der Wind trägt das Klingeln bis zu unserem Haus. Oft sitze ich da und beobachte die Menschen. Der Wind trägt das Klingeln zu uns hoch, alle zwanzig Minuten, von fünf bis zehn Uhr nachts. Mein Bruder sitzt selten bei mir. Er mag die Bahn nicht, er mag nicht, wie der Wind das Klingeln in unser Haus trägt, er mag unser Haus nicht. Ole mag das Haus nebenan. Er sagt, er beobachte auch Menschen, mehr sagt er nicht. Wir nehmen nie die Straßenbahn in die Stadt. Mein Bruder lenkt dann das Klapprad und ich darf mich hinten drauf setzen. Diese Tage machen mir mehr Spaß, mehr Spaß als die Menschen in der Straßenbahn. Er redet dann lebhaft über den Unterricht oder Bücher, die sie lesen. Er erzählt mir Märchen und Geschichten. Manchmal erzählt er über die Nachbarn. Mich interessieren die Nachbarn nicht, ich will immer neue Menschen sehen, aber wenn Ole erzählt, dann muss ich kichern. Er redet nicht oft, dabei kann er so reden, dass alle zuhören. Selbst das Klingeln der Straßenbahn kann er dann für Stunden übertönen. Ich kann mich nicht erinnern, wie lange Ole schon bei den Nachbarn lauscht, wie lange er sie schon beobachtet. Ich erinnere mich an das eine Klingeln der Straßenbahn: Sie fuhr an, Ole knallte die Tür, er ging weg, er ging zu den Nachbarn. Ich wartete auf ihn vor der Tür, ich


Die Bahn vor der Tür Annika Glante 18 Jahre

schlief ein. Es war dunkel, als er mich aufweckte und wir ins Haus gingen. Er sagte nichts, bald sagte er gar nichts mehr. Er schwieg, wenn wir auf dem Klapprad in die Stadt fuhren. Immer häufiger blieb er länger bei den Nachbarn. Ich sprach mit Mutter darüber. Sie sagte, das wäre das Alter. Ole wäre bald erwachsen, er langweile sich hier. Ich wollte auch erwachsen sein, die Straßenbahn klingelte, als sie losfuhr. Ich schlich ihm nach. Er drehte sich um, bemerkte mich. Er schlug mich, riss mir an den Haaren, er schrie. Ich weiß nicht was, ich hörte es Klingeln in meinem Kopf. Später, an einem Abend, bin ich zu den Nachbarn gegangen. Ole war früh zurück gekommen und schlief. Ich schlich mich durch den Garten, um das fremde Haus herum. Ich spähte durchs Fenster. Da lag eine Frau auf einem Bett, sie lag dort nackt, ihre Hände hielten ihre Brüste umschlossen. Langsam richtete sie sich auf, betrachtete sich in einem Spiegel, sich und ihre Brüste. Sie war so alt wie Mutter. Ich rannte durch den Garten zurück. Ich ging nicht wieder hin. Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Ich sitze da und beobachte die Menschen. Sie kommen angerannt, die Türen schließen sich. »Ich will auch erwachsen sein, Ole.«, sage ich zu ihm, eines abends. Ole legt sich in sein Bett gegenüber, er redet nicht, er redet ja jetzt nie. Als ich es noch einmal sage, da antwortet er: »Das kannst du noch nicht.« Ich sage: »Doch.« Es ist dunkel, ich kann ihn sich umdrehen hören, er lacht kurz. »Was soll ich tun?«, sage ich und ich höre es rascheln. Er steigt aus dem Bett, er hebt meine Decke, er schlüpft zu mir. Es ist ganz warm, früher haben wir das oft gemacht. Er drückt mich, das macht er nie. Ich möchte weinen und weiß nicht, was ich tun soll. Ich will erwachsen sein. Ole streicht über mein Nachthemd, er streichelt mein Bein, er streichelt über mein Nachthemd, er geht mit der Hand darunter, er streichelt meinen Bauch, ich will auch etwas machen. Ich weiß nicht was, er fasst meine Brust an. Das mag ich nicht, ich erschrecke und er hält kurz inne, legt die Hand auf meinen

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18 Jahre Annika Glante Die Bahn vor der Tür

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Bauch, ich spüre seine Lippen an meiner Wange, ich verstehe nicht, was muss ich tun, er findet meine Lippen und ich starre ihn an durch die Dunkelheit und weiche zurück. Ole lacht kurz. »Siehste.« »Nein«, will ich sagen, aber seine Hand ist schon weg, sein warmer Körper schon wieder in seinem eigenen Bett. Ich sitze vor der Tür und beobachte die Menschen. Ich läge gern auf seinem Bett, das würde ich nackt tun und ich würde meine Brüste anfassen. Vielleicht würde er das auch tun. Die Straßenbahn klingelt, bevor sie losfährt. Alle zwanzig Minuten, von fünf bis zehn Uhr nachts. Der Wind trägt das Klingeln bis zu unserem Haus.


18 Jahre

18 Jahre

Die Häuser hier wirken alle recht finster. Sie sind verlassen, Ruinen, da sind Wände eingestürzt und Dächer und Schieferplatten liegen über und über in langen Wällen auf der Straße. Die Post kommt hier nicht hoch. Die Leute sind wunderlich hier in den Bergen, sie hassen einander grundsätzlich. Vier von den Nachbarn sind alt. Es gibt einen Sohn und einen Sohn mit Freundin. Der Sohn ist als Kind vom Pferd gefallen, so wurde er geistig nie älter als 10. Er hat sich den Schädel zertrümmert. Ich sehe den Sohn auf der Straße. Seine Schultern krümmen sich wie Klauen nach vorn, er läuft gebückt, er sieht mich nicht an, als ich ihn grüße. Ich grüße ihn noch einmal. Er sieht mich an, er sagt »Hallo«, er scheint nicht zu wissen, warum er das tut. Die Farben hier oben sind klar, wie die Luft, das Grau ist nicht dreckig und mein weißes Haus wirkt sehr weiß, obwohl es dreckig ist. Die Nachbarn quälen ihre Tiere. Sie schlagen die Hunde und hungern sie aus, sie hassen die eigenen Schafe. Die verrecken, drei bis fünf Tage, wenn ein Fuß lahmt und sie, geschwächt, auf einer Wiese zusammenbrechen. Die Nachbarn sind lange wach. Wir sind die einzigen in diesem Dorf, wenn wir schlafen, schlafen hier alle. Ich sehe ihre Lampe durch die Bäume, bei Wind scheint sie manchmal scharf auf mich gerichtet. Sie warten, bis ich nicht mehr wach bin. Ich habe den Sohn gegrüßt.

Anna Behrend

anna behrend

Santo valito

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18 Jahre Anna Behrend Santo valito

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Er schien nicht zu verstehen, warum das geschah, ich gehe den Weg mit kräftigen Schritten, denn es geht bergauf zu ihrem Haus. Ich höre die Hunde bellen, sie jaulen. Es stinkt, ich bilde es mir wohl ein, die Tür ist blau, wie mein Balkon. Sie steht offen, ich klopfe, ich trete ein, von hinten reißt mich jemand herum, sie hatte mich an der Schulter gepackt. Die Frau stiert mich an und beginnt zu blöken. Ich frage sie, ob ich etwas helfen könne. Sie blökt, sie bellt, ich lehne mich mit dem Rücken nach hinten gegen die Wand. Über ihre Schulter hinweg sehe ich den Sohn mit Freundin. Die Frau blökt und er scheint das zu mögen, er zieht sich die Handschuhe aus. Ich frage sie, was sie störe. Die Frau blökt und er scheint das zu mögen, er schreit einen Hund an, er scheint das zu mögen, ich trete an der Frau vorbei. Ich frage ihn, wie es ihm gehe. Der Sohn mit Freundin sagt nichts. Dann faucht er mich an, er versteht mich nicht. Ich lächle, kaum, ich sage, ich würde ihm gern etwas helfen. Später habe ich wohl die Schubkarre genommen, ich habe sie zum Schuppen gefahren. Jetzt kommen zwei Alte hinzu. Der Mann hatte sicher noch geschlafen, er war ja abends so lange wach. Sein Hemd ist fleckig, ich frage sie, ob ich etwas mitbringen solle, beim nächsten Einkauf. Ich will die Holzspaten sehr behutsam im Schuppen stapeln, der Sohn mit Freundin versucht, sie mir zu entreißen. Die Alten schlagen mir auf den Rücken. Der Sohn mit Freundin hat die Schubkarre wieder hinausgeschoben, ich rücke noch ein Holzstück zurecht, ich gehe hinaus, die hinter mir rufen. Ich greife nach der Karre, ich sehe den anderen Sohn, er sieht mich an, ich grüße. Die Frau kommt mit einem Topf aus dem Haus, sie trampelt, sie schlägt mir den Topf auf den Schädel. Ich schiebe die Karre zum Schuppen, der Sohn mit Freundin wirft sie um, ich sammle das Holz vom Boden. Ich will in den Schuppen, der Sohn mit Freundin schlägt mir mit der Faust ins Gesicht. Mir fällt das Holz auf die Erde.


Santo valito Anna Behrend 18 Jahre

Er und die Alten schauen mich an, die Frau blökt weniger heftig, ich sage, ich würde gern etwas helfen. Der Sohn packt mich von hinten und wirft mich zu Boden. Ich sehe ihn an, ich grüße. Der dritte Alte kommt aus dem Haus, er trägt eine Sichel. Ich stehe auf, ich gehe vorbei an den Hunden. Der Alte läuft mir hinterher, er begleitet mich bis zur Straße, er hackt in das Gras als ich gehe. Mein Haus ist weiß, ich habe keinen Hund, die Nachbarn sind wach bis ich schlafe. Ich bin bergauf gegangen. Ich grüße den Sohn und er sieht mich nicht an, vielleicht fühlt er sich wohler allein.

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10 Jahre Jakob Prüfer Heute hier, morgen dort

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HEUTE HIER, MORGEN DORT jakob prüfer 10 Jahre

Dunkle Pressen hatten mich geformt. Auf meiner Rückseite war ein Adler entstanden, vorne die Zahl Eins. Verpackt war ich in diese kleine Wechselstube gekommen und zwischen vielen anderen Münzen gelandet. Plötzlich öffnete sich der Deckel der Kasse. Es wurde hell. Der Angestellte der Wechselstube blickte auf uns herab, in der Hand hielt er ein offenes Brillenetui. »Mist«, sagte er, »ich habe meine Brille vergessen. Ich sehe alles verschwommen.« Da hörte ich eine tiefe Stimme mit englischem Akzent: »Hallo, können Sie mir 16 Pfund in Euro wechseln?« »Na klar!«, sagte der Angestellte hektisch und hielt sich einen Zettel direkt vor seine Nase. Er runzelte die Stirn. Nun sah er in die Kasse und kniff die Augen zusammen. Dann nahm er irgendeinen Schein und mich und legte uns auf die Theke. »Was? Für 16 Pfund wechseln Sie mir 101 Euro?«, fragte der Mann ungläubig. »Oh, Entschuldigung«, sagte der Angestellte beschämt, legte den Schein zurück und nahm einen anderen. »So stimmt’s ungefähr«, schätzte der Mann. Seine faltige Hand legte ein paar ausländische Banknoten auf die Theke. Ich wurde in die Höhe transportiert und landete in einem weichen Lederportemonnaie. »Schönen Dank.«


Heute hier, morgen dort Jakob Prüfer 10 Jahre

Nachdem ich ziemlich lange im Lederbett hin- und hergeschaukelt war, öffnete sich der Schlitz über mir. Ich wurde von der faltigen Hand emporgehoben. »Eine Brezel bitte«, sagte der Mann mit dem englischen Akzent. Die Hand wollte mich gerade dem Verkäufer geben, als ich durch eine Lücke zwischen zwei Fingern fiel. Ich landete auf hartem Asphalt und kullerte über den Platz direkt auf einen Gully zu. »Nein«, hörte ich noch hinter mir und fiel in die Tiefe. Ich platschte auf etwas Kühles. Münzen riechen nichts und haben damit im Abwasser einen Vorteil. Eine Weile dümpelte ich in einem Brei, der so fest war, dass ich nicht unterging, und geriet dabei nah an den Kanalrand. So wurde ich geschnappt und fand mich zwischen den Zähnen einer Ratte wieder. Sie huschte flink an der Wand entlang. Das Tier bog in ein enges, dreckiges Rohr ein. Es ging leicht bergauf und nach einer Weile stoppte die Ratte. Sie knabberte an mir herum. Als sie feststellte, dass ich zu hart war, ließ sie mich kurzerhand liegen und verschwand im Dunkeln. So lag ich da, vielleicht stundenlang. Plötzlich hörte ich ein Gurgeln. Eine Wasserflut schoss auf mich zu und riss mich mit. Sie wusch mich rein von dem Dreck, den ich noch vom Kanal an mir hatte. Rasend schnell wurde ich mit dem Wasser hochgepumpt. Plötzlich verengte sich das Rohr. Ich blieb stecken. Das Wasser drückte mich noch ein wenig weiter, was ein schabendes Geräusch machte, dann bewegte ich mich nicht mehr. Leise und gedämpft, aber doch nahe, sagte eine Männerstimme: »Scheiße, irgendwie klemmt unser Wasserhahn. Hier ist was verstopft. Das sehe ich mir mal an.« Eine Frauenstimme sagte: »Mach’ das, Björn.« Eine Weile war Ruhe, dann schraubte etwas an dem Rohr. Es schob sich ein wenig auseinander. Der Druck des Wassers war ungeheuer. Der kleine Spalt reichte aus. Ein Teil des Rohres brach weg, Wasser spritzte, ich flog durch die Luft und landete auf dem Boden. »Scheiße«, schrie der Mann, der das Rohr aufgeschraubt hatte.

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»Ja, Scheiße«, schrie eine Kinderstimme. Ein Junge trat ins Zimmer, er grinste. »Du sollst mir nicht nachfluchen!«, sagte der Mann. »Was hat denn nun die Leitung verstopft?«, fragte die Frau. Sie suchte den Boden ab. »Na guck mal einer an, ein Euro. Den kriegst du«, sagte sie und reichte mich dem Jungen. »Aber wie ist die Münze denn …«, hörte ich gerade noch, bevor der Junge seine Zimmertür schloss. Er packte mich in sein Sparschwein. Einen Tag später holte mich der Junge auch schon wieder hervor. »Mami, darf ich mit zum Einkaufen und mir einen Kaugummi holen?« »OK. Hast du dir ein wenig Geld geholt?«, rief die Mutter aus der Küche. »Klar, Mami.« Der Junge ging mit mir aus seinem Zimmer. Ich wackelte in seiner klebrigen Hand herum. »Ich muss noch mal kurz zu den Nachbarn«, sagte die Mutter. »Kommst du mit?« »Na gut.« Ich hörte ein Ding-Dong, eine Tür öffnete sich, dann fragte eine Stimme: »Hallo?« »Ja, hallo, Gisela. Wir hatten einen Rohrbruch und ich wollte fragen … Na ja, weil doch dein Mann Handwerker ist, wollte ich fragen, ob ihr ein Ersatzrohr habt.« Die andere Stimme sagte: »Ein Rohrbruch, oh Gott! Ist denn was Schlimmes passiert? Ich werde meinen Mann gleich fragen, wenn er heute Abend von der Arbeit zurück ist.« »Danke, Gisela, vielen Dank.« »Mach’ ich gern.« Die Tür fiel ins Schloss. Ich schaukelte wieder ein Weilchen hin und her. »Mami, da drüben ist schon ein Kaugummiautomat. Kann ich mir einen Flitschgum holen?«


Heute hier, morgen dort Jakob Prüfer 10 Jahre

»OK«, sagte die Mutter. Der Junge warf mich in den Schlitz und drehte einen Griff. Ich rotierte einmal und fiel dann auf ein paar andere Münzen. Eine lange Zeit passierte nichts. »Geile Idee mit dem Automaten«, hörte ich eine Stimme. »Ja, Mann.« Ein lautes Geräusch dröhnte und es wurde immer heißer. Das Eisen des Automaten schmolz langsam und ein heller Strahl kam durch die Wand. Der Strahl zog einen Kreis und erlosch. Das herausgetrennte Stückchen Wand fiel zu Boden. Ich sah den Sternenhimmel. »Super, der Schweißbrenner bringt’s voll.« Eine Hand griff durch das Loch im Automaten und nahm mich und alle anderen Münzen heraus. Zwei Jugendliche standen vor dem Automaten. Wir wurden eingesteckt. Plötzlich rief eine scharfe Stimme: »He, ihr da! Was soll das?« »Scheiße!«, fluchte der eine. Die beiden rannten los. »Halt!«, rief die scharfe Stimme. »Verflucht, er holt auf.« »Wirf den Brenner in den Kanal!« »Spinnst du? Der ist von meinem Vater.« »Mach’!«, drängte der andere. Ich vernahm ein Patschen. »Das Geld auch!« Der Junge zog alle Münzen aus der Tasche und warf uns über ein Geländer. Ich hörte noch, wie die scharfe Stimme sagte: »Hab ich euch, ihr!« Dann plumpste ich ins Wasser. Mit Wasser hatte ich ja schon gewisse Erfahrungen. Ich sank und landete neben dem Schweißgerät. Ein Fisch sah mich an und nahm mich auf. Er schwamm mit mir im Maul durch den Kanal. Nach einer Weile kamen wir in einen See. Plötzlich sah der Fisch einen Wurm vor sich. Ich fragte mich, ob der

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Fisch mich fallen lassen würde, um den Wurm zu nehmen, doch er schluckte mich stattdessen herunter. Es gab einen Ruck. Der Fisch zappelte auf einmal ganz heftig. Er wurde immer schwächer und bewegte sich irgendwann nicht mehr. Dann schnitt ein Messer seinen Bauch auf. Ich fiel dem Angler entgegen. »Nanu, eine Münze?«, fragte er und steckte mich ein.


12 Jahre

12 Jahre

Die Sonne hing hoch am Himmel. Der Schweiß lief mir über den Rücken, als ich das frische Heu auf einen Stapel gabelte. Ich hatte noch das gesamte Feld vor mir, aber ich legte die Mistgabel weg und verzog mich in den Schuppen. Dort steckte ich mir genüsslich eine Pfeife an, stieß Rauchkringel aus und verschluckte mich an einer der vielen Staubwolken, die ich beim Reingehen aufgewirbelt hatte. Weil ich keine Lust hatte, weiterzuarbeiten, stiefelte ich über den Bauernhof, scheuchte dabei ein paar Hühner auf und streckte einem aufgeplusterten Gockel die Zunge heraus. Dieser kikerikiete gereizt und ich steckte mir Kaugummi in die Ohren. Ich latschte an der kleinen Hütte vorbei, in der ich derzeit hauste, und versuchte mit einem Stein mein einziges Fenster zu treffen, was danebenging. Also schlenderte ich weiter und nach einer Weile bemerkte ich, dass ich mich in mein Auto gesetzt hatte und mit dem Steuer herumspielte. Ich holte meine Mistgabel, verstaute sie auf dem Beifahrersitz und tuckerte den Waldweg hinauf zur Autobahn. Dort herrschte ein kilometerlanger Stau, in den ich mich gelangweilt einreihte. Ich drehte das Radio bis zum Anschlag auf. Die Musik dröhnte durch den Kaugummi hindurch, ich wippte im Takt auf dem Gaspedal. Am Auto neben mir wurde eine Fensterscheibe herunterge-

Josephine Dörr

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Meine Mistgabel und ich

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12 Jahre Josephine Dörr Meine Mistgabel und ich

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kurbelt. Meine Fensterscheiben standen immer offen, ich hatte keine Angst, dass man meinen totenkopfverzierten Trabbi stehlen würde, er war mit vollem Tank das Doppelte wert, und der Tank war immer leer. Der Typ vom anderen Auto glotzte mich erzürnt an und bewegte stumm die Lippen. Die Musik war so laut, und ich hatte ja noch den Kaugummi in den Ohren, dass ich kein einziges Wort verstand. »Ich verstehe Sie leider nicht, reden Sie bitte lauter«, schrie ich aus dem Fenster. Sein Gesicht wurde rot vor Anstrengung, als er mich anbrüllte, aber ich konnte ihn trotzdem nicht hören. In dem Moment fuhr das Auto vor mir weiter und ich düste an ihm vorbei, sah aber im Rückspiegel, wie der Mann mir einen Vogel zeigte. Im Auto, neben dem ich hielt, saß eine schmächtige Frau. Als sie mich in Arbeitskleidung unrasiert und mit dreckbeschmierten Gummistiefeln, die ich auf den Beifahrersitz gelegt hatte, sah, bekam sie einen großen Schrecken, sodass sie ihrem Vordermann fast hinten reingefahren wäre. Sie warf immer wieder nervöse Blicke zu mir und meiner Mistgabel. Ich stand sehr lange so mit meinem Auto und der Stau wollte nicht enden. Da mir total langweilig war, leckte ich lustlos an der Scheibe herum und mir wurde die Sinnlosigkeit meines Tuns erst bewusst, als mich der Fahrer vor mir mit verstörten Blicken ansah und sich sogar umschaute, um mir dabei zuzusehen, wie ich meinen Kopf immer wieder auf den Lenker knallte und dabei laut hupte. Das war lustig. Irgendwann drehte ich die Musik leiser, pulte mir den Kaugummi aus den Ohren und hörte, wie ein Mann neben mir angestrengt telefonierte. Er faselte irgendetwas von einem Irren im Auto, aber in dem Moment war ich auch schon eingeschlafen.


18 Jahre

18 Jahre

Sie kauerte auf einem Stuhl am Esstisch, der ein Drittel zu groß war für zwei. Ihr Vater saß links, ihre Mutter rechts von ihr. Sie legte die Hände um ihre harten Knie, fiel noch mehr in sich zusammen. Sie wippte mit ihren Hacken nach oben und nach unten. Wie ein Zahnrad ohne Gegenspieler rollte der untere Teil ihres Rückrads über die Stuhllehne. Ihre Mutter saß sehr aufrecht, war nach vorne an die Stuhlkante gerutscht. Ihr Vater hatte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Sein Blick war auf sie gerichtet. Sie nahm das aus den Augenwinkeln wahr, starrte sonst stur auf den Tisch. »Eigentlich liegt es an dir. Du musst uns nur sagen, was du willst«, erklärten die beiden. Völlig neutral hatten sie dabei geklungen. »Du musst uns nur sagen, was du willst, was DU willst, DU«, ging es ihr durch den Kopf. Sie kreuzte die Arme vor der Brust, suchte mit den Nägeln Halt in ihrer straff gespannten Haut über den Schultern. »Du musst nur, DU«, hämmerte es in ihrem Kopf. Eingespannt von diesen Worten, diesen Blicken, lag sie nackt auf dieser Bank. An den Händen und Füßen festgezurrt, völlig gerade. Das Klack der Kurbel, und sie wurde ein bisschen länger. Es zog in ihren Schultern, ihren Gelenken. Klack und ihre Wirbelsäule bog sich immer gerader, die Wirbel schienen auseinander gerissen zu werden. Sie merkte, wie sich ihre Bauchdecke straffte. Noch ein Klack, Klack, Klack. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und presste ihren Schädel gegen die harte Unterlage. Beim Luftholen hob sie den Kopf. Ihre Muskeln,

Luisa Rath

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Zerrissenheit

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Adern, Sehnen traten hervor, begannen zu zittern, drohten zu zerplatzen. Sie ließ den Kopf fallen, hob ihn an, ließ ihn wieder fallen. Immer und immer wieder schlug sie mit ihrem Schädel auf die Bank ein. Dabei starrte sie an die Decke, sah bunte Lichtkreise in der Luft, sah die Decke nicht mehr, schwarz vor Wut. Noch ein Klack, bald würde sie zerreißen und läge dann ohne Rückrad in zwei Teilen. Sie kniff die Augen zusammen und spürte die Hand ihrer Eltern auf dem Rücken. »Du musst dich auch nicht sofort entscheiden, nimm dir ruhig noch etwas Zeit«. »Zeit«, dachte sie und Klack. Sie wand sich schmerzverzerrt auf der kühlen Bahre, schob ihre Beckenknochen nach oben, leicht, soweit es eben ging, soweit sie den gespannten Körper noch heben konnte. Sie öffnete ihre Augen und blickte auf, blickte hin und her, links zu ihrem Vater, rechts zu ihrer Mutter. Sie kauerte auf ihrem Stuhl, mittendrin.


17 Jahre

17 Jahre

wir sollten ans meer fahren, sagt tino. ich lege mir die hände auf die augen und lache. es gab zeiten, da wusste ich, wann der sommer vorbei war. draußen fallen die blätter. er steht in der küche und sieht mich nicht. vielleicht hätten wir schlafen sollen. wir kriegen das hin, martha. ich schweige, weil er mich dann nicht findet. seine hände greifen in die luft. dort hält sich nichts. martha, mach mal die augen zu. so schlimm ist das nicht. wir kriegen das hin. ich antworte nicht. ich drehe den wasserhahn auf. im spülbecken liegen drei gabeln, ich nehme eine in die hand. sie schneidet das licht auf seinem gesicht in streifen, wie aus versehen. er hat es zu mir gedreht mit einem ruck. wir kriegen das hin. ich sehe ihn an. sehe in seine ohrmuschel. das wasser läuft ins becken. sehe auf das muttermal in seinem mundwinkel. und auf seine lider, die er geschlossen hat, als hätte er eine wahl. ich drehe das wasser ab, bis es nur noch tropft. wir laufen barfuß an der straße entlang. wir laufen, weil es sonntagnachmittag ist und wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. tino läuft barfuß, er findet, es wäre bescheuert, wenn man nichts

Marie Michael

marie michael

unterm tisch

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17 Jahre Marie Michael unterm tisch

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vom gras hat. ich laufe barfuß einfach so, weil ich es will. du wirst dir was eintreten, sagt tino. zieh die sandalen an. ich halte seine hand, damit wir nicht fallen. an uns rauschen die autos vorbei. meistens rote. ich weiß, es ist nicht seine schuld. es ist, als hätte man uns im kreis gedreht und dann losgelassen, sagt tino. wir rennen in die erstbeste richtung. abends sitzen wir oft im wohnzimmer unterm tisch. oder wir liegen, das kommt vor. tino malt mit dem finger drei punkte auf meinen rücken, direkt unters t-shirt. ich stelle mir vor, dass meine haut gelb ist und seine punkte schwarz und dass er meinen rücken am arm tragen könnte. wirbel für wirbel herumgewickelt. sein finger fängt an, kreise zu ziehen. größer werden die, wie die wellen um einen stein, der ins wasser fällt. ich greife hinter mich und umfasse seine handgelenke. aus gewohnheit ist links noch die armbanduhr. die frage ist: worauf kommen wir an? einer von uns ist blind. das kommt vor. es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. auf pro7 zeigten sie »die farbe lila«. kommt was, fragte tino. »die farbe lila«, sagte ich. Kenn’ ich nicht, du? und ich wünschte, ich hätte wieder einen wasserhahn gehabt, um nichts sagen zu müssen. ich wusste, er meinte den film, das war klar, aber ich konnte nicht aufhören, daran zu denken, dass ich die farbe lila kannte und er nicht. nicht mehr. wo ich doch dachte, er könnte sich vielleicht noch erinnern an blau und grün und gelb und das alles, dass das da irgendwo noch wäre, vielleicht, das wär’ ja möglich gewesen. wie fische in einem netz, so stellte ich mir das vor. flieder. ich sagte es leise. tino machte hä. dann: mach mal lauter.


unterm tisch Marie Michael 17 Jahre

ich nahm die fernbedienung und drückte den rechten lautstärkeknopf. dann setzte ich mich neben ihn und schaute auf sein muttermal und wir hörten uns »die farbe lila« an. mittendrin gähnte tino und ich sagte scheiße und riss das fenster auf und wir wussten beide, dass es nicht anders ging. es krachte, als der fernseher auf dem bürgersteig aufschlug. wir hätten zufrieden sein können. ich weiß nie, wie weit ich gehen kann. wie lange das hält, was zwischen uns ist. und wenn es nur tinos arm, unser atem oder der tisch oder sonstwas ist. ich weiß, es ist nicht seine schuld. nicht seine schuld, dass das fenster groß genug war, um einen fernseher hinauszuwerfen. nicht seine schuld, dass ich keine ahnung mehr habe, wo ich aufhöre, wo ich für ihn aufhöre. nichts ist seine schuld. aber wenn er dann wieder anfängt, vom meer und von sandalen und »wir kriegen das hin, martha«, dann möchte ich manchmal schreien und heulen und genauso sein, wie ich nicht sein darf, weil es nicht seine schuld ist. nicht seine. wir laufen barfuß an der straße entlang, weil sich das nicht anfühlt als wäre herbst. ich zähle meine schritte in primzahlen. zwei, drei, fünf, sieben. die luft knickt um uns herum. wir atmen flach. irgendwann wirft tino sich ins gras und weil ich immer noch seine hand halte, wirft er mich auch ins gras. wir tragen kurze hosen. an meinen beinen klebt schorf. ich kann das meer hören, sagt tino. das ist die straße, sage ich. wir liegen im straßengraben. man sieht nur den himmel. tinos stimme hat eine grobe rinde. er grinst. die frage ist: worauf kommen wir an, wovon hängen wir ab? und ich weiß mir nicht zu helfen, weil das mit uns ist, wie auf einem fuß stehen und mit dem anderen luftlöcher vor die eigene nase stechen. es war ein samstag, als wir den fernseher aus dem fenster geworfen haben. der klang des aufpralls spult zwischen unseren mündern vor und zurück.

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ich zähle meine schritte in primzahlen. manchmal zeigt tinos armbanduhr zwei, drei, fünf, sieben. dann schläft er. ich sehe ihn an. sehe ihn lange an und gerade jetzt kann ich mich nicht sattsehen an ihm. und ich fühle mich schuldig deswegen. dieses hungern wächst mir über den kopf. wir ziehen uns immer im dunkeln aus, weil ich mir dann nackter vorkomme und das brauche. tino trägt seinen arm an meinem rücken, nicht umgekehrt. nur um diese zeit erlaube ich mir überhaupt meine lippen. seine wandern schräg von unten nach oben, aber immer auf mir. da sind linien auf meiner haut wie ausgetrocknete flüsse. die findet nur er. martha, sagt er manchmal in meinen bauch und ich spüre seine zähne dort. marthamarthamartha. ich sehe seine augen nicht. das ist gut so. ich kann das meer hören, sagt tino. er hat beide hände an die ohren gepresst. und? es ist laut. ich zähle meine schritte in primzahlen. es ist, als hätte man uns im kreis gedreht. wir ziehen uns immer im dunkeln aus. ich denke das und merke, dass es sich aufgequollen anhört. nicht echt. als hätte man uns zu lang im wasser liegen lassen. nur um diese zeit erlaube ich mir überhaupt meine lippen und küsse ihn und sage dinge, als könnten wir beide noch sehen. den rest des tages bin ich mundlos. unter dem tisch ist mit uns ab und zu auch rotwein. wir trinken aus der flasche und ich versuche, mich fremder zu fühlen. die frage ist: worauf kommen wir an? und ich weiß mir nicht zu helfen. ich bin mundlos.


Gespinst

GESPINST 19 Jahre

19 Jahre

Ich schrecke auf. Aus meinem Halbschlaf stürme ich auf den Flur. Die Nacht packt mich im Nacken und springt mit mir in die Waschtrommel. Sie drückt auf 90 Grad und mein Herz mit der eingefahrenen Acht poltert an der Metallwand entlang. Mein Atem bleibt bei diesem Tempo zurück. Ein schwarzer Klumpen pocht in meinem Kopf. Die Trommel stoppt, und ich stürze aus der Luke. Ich taumle und renne, bis die Füße abbrechen. Auf der Hälfte der Treppe halte ich inne, um mich umzudrehen. Kniend beiße ich in die Betonstufe vor mir. Reiße meinen Kiefer hin und her, vor, zurück, bis die Schneidezähne heraus krachen. Ich stöhne mit vollem Mund. Blut und Zähne schlucke ich herunter. Kopfschüttelnd laufe ich zur Haustür. Ich stelle mich nach draußen. Es regnet oben rein, mein Kopf läuft über. Aus Mund, Ohren, Nase und Augen spült dunkles Wasser. Frische Luft strömt in meine Lungen. Du bist zu mir auf den Hof gekommen und führst mich ins Haus. Bis zum Bett bringst du mich. Dann streichst du mir über die Stirn und klappst meine Augenlider zu.

Maximilian Dragon

maximilian dragon

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Fynn Thorge Thomsen

TAGESORDNUNGSPUNKT 666

Tagesordnungspunkt 666

fynn thorge thomsen

Sehr geehrte Abgeordnete, aus aktuellem Anlass erweitern wir unsere heutige Tagesordnung um den 666. Punkt »Himmel und Hölle – finanzielle Unterstützung oder Schließung?« Zu Ihrem besseren Verständnis haben wir eine kleine Zusammenfassung über die Lage beider Unternehmen vorbereitet, die ich Ihnen nun vorstellen möchte. Wir alle haben in letzter Zeit viel von der Problematik gehört, allein die Zeitungsartikel der vergangenen Tage sprechen Bände. Ich zitiere den Götterboten: »Der Teufel auf Hawaii – ist ihm die Hölle zu heiß unter den Füßen geworden?« Der Hiobsbote meldete: »Immer mehr Engel arbeiten schwarz. Schlechte Zeiten für weiße Wolken.« Im Gottesanbeter konnte man lesen: »Gott in Teufels Küche. Sucht er jetzt schon Trost bei des Teufels Großmutter?« Die Schließung von Himmel und Hölle ist zwar einerseits eine gute Idee, denn die Wolken werden langsam brüchig und sind piusverseucht, doch es gibt auch Bevölkerungsgruppen, deren schwierige Lage uns nicht sofort bewusst wird. Was passiert zum Beispiel mit all den Heiligen? Wo sollen sie hin, wenn der Himmel schließt? Auf der

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Tagesordnungspunkt 666 Fynn Thorge Thomsen

Erde sind sie nicht mehr willkommen und letztendlich würden unsere Wähler sie zur Hölle jagen. Diese könnte die Heiligen aber gar nicht mehr aufnehmen, da die Nachfrage stets steigt, denn dort ist es viel wärmer und angenehmer. Es kann jedoch nicht sein, dass die Hölle zum beliebten Urlaubsziel für Bänker wird, denn das Geld für die Betriebskosten fehlt, sodass man ihnen nicht mehr ordentlich einheizen kann. Sollte der Zuwachs in der Hölle weiterhin so stark sein, muss diese von Grund auf saniert werden. Zum Beispiel werden neue, größere Sündertöpfe benötigt, denn die alten kochen schon über von den vielen Bänkern. Auch haben die vorhandenen schon große Löcher, durch welche die Bänker dem Teufel durch die Lappen gehen. Zudem besteht großer Sanierungsbedarf bei der Infrastruktur, sind doch die Himmelsstraße und der Highway to Hell schwer beschädigt. Auch dieses ist die Folge von der vermehrten Seelenwanderung, da alle aus dem Himmel fliehen. Die Instandsetzung all dieser Anlagen bedeuten teuflisch hohe Kosten, weiß der Himmel, wer das alles bezahlen soll, denn die Sonntagskollekte reicht dafür schon lange nicht mehr aus. Einzig und allein ein Teufels-Konjunkturpaket und eine kräftige Finanzspritze für die Himmelsbank können jetzt noch helfen. Während die Aktienkurse der Himmelsbank höllisch fallen, erregt Gott nur durch seine Götterspeisen-Orgien Aufmerksamkeit. Ein harter Sanierungskurs, der auch die Konzernspitze nicht verschonen darf, ist hier die einzige Lösung. Abhilfe könnte an dieser Stelle Götterberater Peter Zwegat schaffen, ein gebührender Nachfolger ist aber auch durch Sendungen wie »Deutschland sucht den Supergott« oder »Germany’s next Topgott« auftreibbar. Die Werbestrategien beider Unternehmen müssen verbessert werden, damit das Sterben auch wieder jung und alt anspricht. Punktet die Hölle zwar durch Reklame wie »Lebst du noch oder stirbst du schon?«, »Mephisto macht die Toten froh, und Lebend’ge ebenso«, sieht es für den Himmel eher mau aus. »Zwanzig Prozent auf alles, außer Satansbraten, zwanzig Prozent auf alles. Gott – hier spricht der Greis«, »Himmelreich – einmal hin, für immer drin«,

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Fynn Thorge Thomsen Tagesordnungspunkt 666

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»Wie, wo, was weiß Gott« und »Gott ist geil« sind die geschmacklosen Einfälle der himmlischen Kreativabteilung. Die Aufgabe der Politik ist es, hier einzugreifen und die beiden Unternehmen wieder wettbewerbsfähig und wirtschaftlich attraktiv zu machen. Da ich Ihnen die Fakten nun erläutert habe, können wir umgehend zur Debatte übergehen. Bei der anschließenden Abstimmung bedenken Sie bitte: es geht auch um ihr Leben nach dem Tod.


16 Jahre

16 Jahre

Ich bin da zu Hause wo der Straßenlärm ist wache ich auf aus einem guten Traum oder einem schlechten oder aus gar keinem

Margarita Iov

margarita iov

Zu Hause

ZU HAUSE

meistens sogar.

Höre ich ihn bevor ich ihn sehe noch noch bevor ich die Augen öffne oder an den Kissen rieche höre ich den Lärm und brauche nicht über die Laken streichen über die andere Betthälfte brauche nicht fragen »Wo bin ich?« oder »Wie heißt du?« Ich höre den Straßenlärm und weiß – ich bin zu Hause. Wenn ich aufwache manchmal

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16 Jahre Margarita Iov Zu Hause

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aus einem guten Traum oder aus einem schlechten oder aus gar keinem meistens sogar und da ist nichts ist es immer die Stille die mich weckt. Und mir fehlt das Stöhnen von Bremsen das Zuschlagen der Autotüren die Musik das Dröhnen der Motoren fehlt mir so das klingt wie Morgen oder Frühschicht oder etwas ganz anderes.


Nachts

NACHTS 19 Jahre

19 Jahre

Scheu kriechen Nebelfetzen hinter Lampen. Die Katzen haben Macht auf allen Wegen, Auch wenn die Autos ihre Augen blenden Und lauthals Penner ihr Revier durchschwanken.

Tim Fahrendorff

tim fahrendorff

Und hinter zugedeckten Fenstern zanken Verhärmte Menschen, ohne je zu denken Weil sie nun bunte Fernsehbilder lenken, Weit fort von allen träumenden Gedanken. So stehen Reih’ an Reihe Häuserzeilen, Die Grünes ordentlich in Höfe zwängen, Wo Gartenzwerge sorgsam Wache schieben. Wenn Straßenlichter um die Häuser eilen Und Blech und Hecken aufeinander drängen Ist außer grauen Katzen nichts geblieben.

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16 Jahre Sophia Steindel Lampenfieber

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LAMPENFIEBER sophia steindel 16 Jahre

Wie die Made im Speck liegst du neben mir und schläfst. Erschöpft, befriedigt. Deswegen warst du ja hier. Ich stehe auf, ziehe meinen Slip, mein Kleid, meine Sandalen an. Ich nehme meine Stehlampe, wickle das Stromkabel um das schwarze Metall, dann gehe ich. Du schläfst ja. »Es war schön«, hast du gesagt, und dass du mich gern hast, sehr gern hast. In der U-Bahn stelle ich die Lampe neben mich. Vom Flohmarkt habe ich sie. Seit meinem Einzug erfüllt sie ihren Dienst. Ich erreiche das Haus und klingel, die Tür summt. Da seien noch größere Gefühle, hast du gesagt, für deine Freundin. Als wären sie plötzlich vom Himmel gefallen. Eine Frau öffnet die Wohnungstür: Sie ist jung, hat braunes Haar. Ich hatte mir deine Freundin hübscher vorgestellt. »Ja?«, sagt sie, erkennt mich ja nicht. »Hi«, sage ich. Meine Lampe trifft die Schlampe im Gesicht. Also du wusstest, dass du sie liebst, und gehst zu mir und nachdem ich es dir besorgt habe, sagst du: »War schön, ich mag dich, aber lassen wir’s doch ab sofort einfach.« Und jetzt schläfst du Made in meinem Bett. »Was soll das?«, kreischt deine Freundin und hält sich die Nase. Meine Lampe hat jetzt eine kleine Delle. Ich gehe in die Wohnung und mache hinter mir die Tür zu.


Lampenfieber Sophia Steindel 16 Jahre

»Ich habe mit deinem Freund geschlafen«, sage ich beiläufig. Ich fasse die Stehlampe fester. Eigentlich wollte ich einen Baseballschläger, aber um 23 Uhr hatte nichts mehr offen. Trotzdem kracht es laut, als das Metall auf ihr Bein trifft. Sie stürzt zu Boden, will hinter eine Couch robben. Die Lampe landet auf dem anderen Bein. Der Jeansstoff reißt und Blut spritzt auf das Sofa. Sie schreit. Ich schlage ihr die Lampe ins Gesicht. »Hielfscheehh!«, schmatzt sie und spuckt Blut. Sie greift panisch in die Hosentasche, sucht wohl ihr Handy. Mit einem beherzten Schlag knalle ich ihr die Lampe auf den Arm. Der Arm zerknickt knirschend und hängt von ihrer Schulter. Ihre Augen sind verheult und verquollen, was findest du bloß an ihr? Am liebsten würde ich ihr den Mund zerschlitzen, die Brüste abschneiden, den Po zerstechen. Überall da, wo du sonst deine Griffel hast. Doch dafür ist leider keine Zeit. Sie jammert und ich hole aus: mein Lämpchen scheppert und ihr Schädel auch. Dass du sie länger kennst als mich und nicht Schluss machen willst, hast du gesagt. Musst du auch nicht. Ich habe Schluss gemacht für dich. Ich und die Lampe verlassen die Wohnung, wir fahren mit der U-Bahn zurück. Zurück zu dir. Ich stelle die Lampe in meinen Schrank, ziehe mich aus und lege mich behutsam neben dich. Ich bin gern dein Speck.

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Name

Alter


winter — sommer

xx Jahre

2008

Name

alica hirseland danilo gümbel helene bukowski sophia steindel paul ahlert julia baum katja hamel jakob prüfer laura reinders margarita iov annika glante alexander knöll marie michael niklas schüler linn dittner leonie mikulla maximilian dragon luisa rath

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11 Jahre Alica Hirseland Monster im Haus

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MONSTER IM HAUS alica hirseland 11 Jahre

Hier ist es. Ich stand vor einem großen, alten Haus. Hier sollten Mama, Papa und ich in Zukunft leben. Sie hatten geschwärmt, dass dieses Haus das schönste dieses Dorfes sein sollte. Aber als ich es sah, dachte ich mehr an ein Monsterhaus. Es ist aus grau-schwarzem Ton und Figuren von Monstern stehen auf dem Dach. »Was sind denn das für Figuren?«, fragte ich. Mama antwortete: »Figuren? Da sind doch gar keine Figuren!« Wahrscheinlich konnten meine Eltern sie nicht sehen. Mir war mulmig bei dem Gedanken, hier zu wohnen. »Komm’ herein, es ist drinnen noch schöner«, sagte meine Mama. Davon musste ich mich erst einmal selbst überzeugen. Ich schaute mir die ganzen Zimmer an. Mein Zimmer war groß. Alle meine Sachen passten hinein. Das ist ein Wunder, denn sonst hatte ich immer das kleinste Zimmer des Hauses, in dem wir gewohnt hatten. Als es Abend wurde, ging jeder in sein Bett. Plötzlich hörte ich ein Geräusch. Es war ein Tapsen, dann ein Rollen und dann polterte es. Manchmal hörte ich auch Pferdehufe oder andere Geräusche. Das wiederholte sich jede Nacht. Nach einer Woche war es genug, es reichte mir. Ich stieg aus dem Bett und schaute, wer diese Geräusche verursachte. Es krachte in der Küche. Ich öffnete die Tür und schaute in den Raum. Ein Monster spielte dort mit einem Totenkopf als Bowlingkugel und Knochen als Kegel Bowling. Ich rieb mir verwundert die Augen und sagte mir: »Nein, so etwas gibt es nicht.« Doch als ich


Monster im Haus Alica Hirseland 11 Jahre

wieder hinschaute, war das Monster noch immer dabei zu bowlen. Ich ging total verwirrt zurück ins Bett. »Nein, so etwas gibt es nicht!«, sagte ich mir noch einmal. Wahrscheinlich nur, um mich zu beruhigen. Am nächsten Tag lugte ich unsicher in die Küche. Nichts war dort, keine Monsterseele. Seltsam. Es vergingen die Tage und so auch die Nächte. Ich sah viele verschiedene Monster. Eins ritt auf einem Pferd, mit einer Lanze in der Monsterklaue. Sogar ein Monster mit Tanzrock und Ballettschuhen hatte einmal bei uns im Wohnzimmer getanzt. Es war unglaublich, aber doch wahr. Meine Eltern bekamen von dem Ganzen gar nichts mit, denn die Monster haben nicht vor Spinnen Angst, nein, vor Eltern haben sie Angst und verstecken sich, wenn sie kommen. Es gibt Monsterkinder, die sich für sehr mutig halten, aber vor Eltern haben sie alle Angst. Ich machte manchmal bei ihren Monsterspielen mit, wie zum Beispiel Knochen-Bowling, Unsichtbarkeits-Fange, Monster-Verstecke und »Wer findet die meisten Totenköpfe«. Doch das war so anstrengend, dass ich in der Schule meistens einschlief. Deswegen ließen mich die Monster an meinem Geburtstag ausnahmsweise ruhig schlafen.

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10 Jahre Danilo Gümbel Fritzchens Rache

FRITZCHENS RACHE danilo gümbel 10 Jahre

Die Klasse freut sich niemals nie, denn heute gibt’s Biologie. Rein kommt der Herr Lehrer Meier Mit seiner alten Vogelleier. »Ihr lieben Kinder«, fängt er an, »heut’ nehmen wir das Spechtlein dran. Der Specht macht weder tschiep noch piep Und ist dazu sehr kinderlieb.« Der Schüler Fritz liegt auf der Bank, man hört nur noch sein’ Schnarchgesang. Der Lehrer wird zum wilden Bock Und weckt ihn mit dem Zeigestock. Da denkt das Fritzchen ganz bei sich: ›Es wär’ für Meier ärgerlich Hätt’ er diesmal bei dem Specht Einmal nicht so wirklich Recht.‹

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10 Jahre

Da schaut der Meier aus dem Fenster Und denkt doch glatt, er sieht Gespenster. »Das kann doch einfach gar nicht sein! Das ist jetzt wirklich sehr gemein!«

Danilo Gümbel

Und nicht sehr lange nachgedacht Da hat es Fritzchen schon gemacht. Er äffte Vogellaute nach, Dass es in Lehrers Ohren stach.

Fritzchens Rache

Vor dem Fenster auf ’nem Ast Hämmert’s Spechtlein ohne Rast. Und nun kam Fritzchen die Idee. Doch hat er ein Gewissen? Nee!

Tja, Meier, armer Wissensknecht! Sie haben auch nicht immer Recht.

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helene bukowski 14 Jahre

14 Jahre Nackt

Helene Bukowski

NACKT

An diesem Tag spürte ich jeden Zentimeter Stoff auf meiner Haut. Den blauen Pullover, den ich liebte, der aber kratzte. Die schwarze Röhrenjeans, die an den Oberschenkeln etwas kniff. Das grüne GreendayT-Shirt, was mit Weichspüler gewaschen worden war und sich nun angenehm an meine Haut schmiegte. Die rote Hotpants, von der meine Mutter behauptete, sie würde meinen Apfelpo so hervorragend in Szene setzen. Auch den weichen Stoff des BHs spürte ich ganz deutlich. Konnte fast die aufgedruckten Blumen erahnen. Meine Haut ertastete sogar die Ringelsocken, die das einzig zusammenpassende Paar in meinen Schrank gewesen waren. Bei jedem Kleidungsstück, das ich angezogen hatte, hatte ich gleichzeitig daran gedacht, wie ich es wieder ablegen würde. Doch in diesem Augenblick war es jemand anderes, der mich auszog. Jemand, von dem ich gar nicht wollte, dass er das tat. Ich saß an der Bushaltestelle. Die Hände unter die Oberschenkel geklemmt. Er saß auf der anderen Straßenseite und starrte mich an. Er zog mich aus. Er zog mich mit den Blicken aus. Pellte mir lustvoll die Kleider vom Leib und häufte sie am Boden auf. Sogar die Schuhe und die Socken ließ er mir nicht an. Bis ich schließlich völlig nackt vor ihm saß. Röte kroch über mein Gesicht. Gierig wanderten seine Blicke über meine bloße Haut. Er strich sich das blonde Haar aus der Stirn und grinste anzüglich. Hätte er mir nicht gerade die Kleider vom Leib gerissen, wäre ich vielleicht auf die Idee gekommen, er würde gut aussehen, doch jetzt verwarf ich den Gedanken sofort. Ich fühlte

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Nackt Helene Bukowski 14 Jahre

mich ihm völlig ausgeliefert. Nackt. Seine Blicke schienen mich fast in sein Schlafzimmer zu drängen. Ich sah mich auf den Seidenlaken, als ich es nicht mehr aushielt. Ohne darüber nachzudenken, nahm ich meine Sachen und stieg in jedes weitere Stück Stoff, das meine Haut bedeckte. Wieder völlig angezogen, saß ich ihm jetzt gegenüber. Verführerisch schlug ich die Beine übereinander, warf die Haare zurück und begann, ihn zu fixieren, ihn nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ich ließ mich nicht einschüchtern. Ich überraschte ihn, das sah ich. Jetzt war es so einfach. Sein Grinsen geriet ins Wanken. Ich begann den Reisverschluss seiner Sweatshirtjacke zu öffnen. Er wurde nervös. Ich legte sie ordentlich auf den Boden. Dann folgte sein T-Shirt. Schließlich trug er nur noch Socken und eine Boxershorts, als er bemerkte, was ich tat. Erschrocken öffnete er den Mund. Ich zog ihm die linke Socke aus. Er wurde bleich. Ich zog ihm die rechte Socke aus und wollte mich gerade an seinen Boxershorts zu schaffen machen, als er panisch aufsprang, nach seinen Kleidern griff und davon rannte. Ich musste lächeln. Ein Sieg. Der Bus hielt vor meiner Nase. Ich blieb sitzen. Leute stiegen aus. »Na Lea, mal wieder in Gedanken versunken?«, fragte mich Tobias und zog mich hoch. Ich nickte und schaute besorgt an mir herunter. Ich wollte mich nur versichern, dass ich alles anhatte. Er nahm meine Hand und unsere Finger verschlangen sich miteinander. Ich schaute ihn an. Wie es wohl war ihn auszuziehen? Mit Händen auszuziehen?

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14 Jahre

LUFTLOS

Sophia Steindel

sophia steindel

Luftlos

14 Jahre

Sie lachen. Sie lachen viel. Er lacht mit ihr. Warum kann er nicht mit mir lachen? Er schaut rüber. Wohin soll ich bloß gucken? Jetzt hat er gesehen, dass ich ihn angestarrt habe, wie peinlich. Seine braunen Augen starren nun mich an. Seine Lippen sind zu einem Lächeln geformt, doch schnell wandert sein Blick ins Leere und er sieht nachdenklich aus. Wie atmet man noch mal? Seine Hände streichelten meine Wangen. Ruhig beugte er sich nach unten und flüsterte in mein Ohr: »Ich kann nicht bleiben. Sie wartet.« Und er war weg. Ich bleibe und sehe ihn mit ihr. Wieder schaut er zu mir herüber. Er schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Sein Gesicht ist makellos. Denkfalten liegen auf seiner Stirn. Wie atmet man noch mal? Seine Lippen berührten meinen Hals. Seine Nase streifte über meine Wangenknochen. Tränen standen mir in den Augen. Ich wandte mich ab, um sie vor ihm zu verbergen. »Ich kann dich nicht lieben, ihretwegen.«, sagte er und verschwand. Ich bin alleine. Er kommt nicht wieder. Wie soll ich lernen zu atmen.

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julia baum

16 Jahre

Ich war eine Made. Irgendwie unfertig. Es ging mir gut; so, wie es Maden nun mal geht, wenn sie sich in einen saftigen, rotbackigen Apfel fressen. Es war gem체tlich, es war leicht. Der Apfel wurde faulig. Ich war eine Made. Irgendwie ungesch체tzt. Es ging mir auch schlecht, so ganz ohne Apfel. Da war kein Geh채use, rein gar nichts. Heute bin ich verpuppt. Nichts Halbes, nichts Ganzes und entmutigt.

Julia Baum

16 Jahre

Jahreswechsel

JAHRESWEC HSEL

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katja hamel 17 Jahre

17 Jahre Ungeübt

Katja Hamel

UNGEÜBT

Du knetest Teig. Ich stehe hinter dir und schaue über deine Schulter. Ich fasse um dich und sammle etwas Teig auf, der neben die Schüssel gefallen ist. Dein Mehl–Ei-Gemisch schmeckt nach Nichts. Ich schütte etwas Zucker in die Masse und umklammere dich dabei umständlich. Bei dir habe ich keine Angst, dass du es falsch verstehen könntest. Teig klebt an deinen Händen. Während du weiter knetest, renne ich in der Küche umher und beseitige dein Chaos. »Koste mal!«, sagst du und hältst mir ein wenig gelbe Masse entgegen. Ich komme zu dir, als du sie mir demonstrativ zwischen zwei Fingern vor das Gesicht hältst. Ich öffne den Mund und will dir den Teig mit den Zähnen abnehmen, doch du schiebst ihn hinein, und fährst dann mit deinen Fingern über meine Lippen. Kauend hole ich das Schokoladenpulver und kippe es in die Schüssel. Deine Hände färben sich wie der Teig braun, angewidert verzerrst du das Gesicht. »Wo ist denn die Milch?«, fragst du und ich deute zu einem der Schränke, dann gehe ich zur Spüle und lasse Wasser ein. Dein Arm streift meinen Rücken im Vorbeigehen. Dann stehst du wieder hinter mir und ich rieche dein Deo. Aus den Augenwinkeln sehe ich deine Hände. Sie schießen hervor und du färbst mein Gesicht mit ihnen. Ich wirbele herum und fasse hinter mich, dann wringe ich den nassen Lappen über dir aus. Bei dir habe ich keine Angst, dass du es falsch verstehen könntest.

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Ungeübt Katja Hamel 17 Jahre

Schaumiges Spülwasser läuft an dir hinab. Als ich versuche, mich an dir vorbeizudrängen, beginnst du, mich zu kitzeln. Lachend gehe ich in die Knie, doch du hörst nicht auf. Wir wälzen uns auf dem Boden. »Ich gebe auf, ich gebe auf !«, schreie ich und du legst dich lachend neben mich. »Schlaf mit mir«, flüsterst du. Ich drehe mich zu dir und beuge mich über dich. Mit meinen Fingernägeln umfahre ich dein Gesicht. Dann wandern sie unter dein Shirt, streichen deinen Oberkörper. Du schauderst, als sie in Richtung Hose fahren. »Träum’ weiter!«, hauche ich, stehe auf und gehe zur Spüle.

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jakob prüfer 9 Jahre

9 Jahre Jugendlich

Jakob Prüfer

JUGENDLICH

Wenn man auf ’s Gymnasium geht, nichts von Politik versteht, wenn man jeden Lehrer hasst, alle Arbeiten verpasst, Wenn man über Kleine lacht, oft verbot’ne Sachen macht, wenn man dauernd chatten muss: »Hanna – ich mach’ mit dir Schluss!« Wenn man immer Hip Hop hört, dabei liebe Eltern stört, wenn’s heißt: »Der Coolste hier bin ich« – ja, dann ist man jugendlich.

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laura reinders 13 Jahre

Laura Reinders 13 Jahre

Schuhe können nicht fliegen! Genau das dachte Lavinia immer. Aber immer wieder träumte sie davon, dass ihre Turnschuhe mit Raketenantrieb durch die Stadt flogen und alle Käsefirmen ausraubten. »Streichhölzer können nicht kochen!«, sagte sie sich immer wieder. Aber jede Nacht träumte Lavinia davon, dass die Streichhölzer ein Feuer machten und den Stinkerkäse zubereiteten, so dass die ganze Umgebung danach stank. Gießkannen können nicht laufen! Das war Lavinias absolute Devise. Aber die Gießkannen in ihren Träumen liefen durch die große Stadt und bewässerten alles, was ihnen in die Quere kam. Ihre Träume kamen ihr sehr real vor. Lavinia stand mitten in der Nacht auf, mal wieder von ihren seltsamen Träumen geweckt. Sie ging in die Küche. Eigentlich wollte sie nur ein Glas Milch aus dem Kühlschrank holen. Schlaftrunken öffnete sie den knartschenden Kühlschrank. Jedoch was sie in dem Kühlschrank sah, ließ sie vor Schreck erstarren. Sie sah die Gießkanne mit einem Foto in ihrem Henkel, auf dem die Gießkanne mit ihren Freunden, den Schuhen und Streichhölzern zu sehen war. Also die ganze Truppe! Die Gießkanne schob das Glas Milch mit dem Rüssel zu Lavinia und fing an zu reden: »Du bist ja kreidebleich! Trink’ erst mal ein bisschen!« Verwundert nahm Lavinia das Glas entgegen und trank ängstlich einen Schluck daraus. »Kneif mich mal«, sagte Lavinia vor sich hin. Wie gesagt, so getan. Die Gießkanne stellte das Foto zwischen den

Traum-Wunder-Komitee

TRAUM-WUNDER-KOMITEE

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13 Jahre Laura Reinders Traum-Wunder-Komitee

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Joghurt und die Wurst und piekte sie mit ihrem Henkel in den Unterarm. »Au!«, schrie Lavinia auf, »Das ist ja wirklich kein Traum!« »Nein, nein, stimmt schon. Alles Realität«, kicherte die Gießkanne. »Komm’ doch mit in den Kühlschrank, ich zeige dir meine Welt.« »Ja, was soll ich denn im Kühlschrank? Und wie soll ich da überhaupt rein passen?«, fragte Lavinia. »Vertrau’ mir einfach. Komm’, ich reiche dir meinen Henkel. Folge mir!«, antwortete die Gießkanne. Lavinia nahm die Gießkanne in die Hand und plötzlich stand sie rechts neben dem Joghurtbecher, der nicht viel größer war als sie, und links neben dem Foto. Sie schaute sich das Foto an. »Unga bunga tenga dela!« Fing die Gießkanne an zu brüllen. Lavinia traute ihren Augen nicht. Die Gegenstände vom Foto wurden plötzlich lebendig und traten ihr gegenüber. »Na guckt mal wer da ist«, sagten die Schuhe zu den Streichhölzern, »wir haben dir extra ein Stück Käse geklaut.« »Ja«, sagten die Streichhölzer im Chor, »und wir haben es sogar schon warm gemacht.« Freudig nahm Lavinia das Stück Käse entgegen, steckte es sich in den Mund und sagte schmatzend: »Hm, das ist ja echt lecker! Nur, mir wird ganz komisch. Ich bin auf einmal so müde.« Auf einmal wurde alles schwarz um sie herum und sie schlief ein. Am nächsten Morgen erwachte Lavinia in ihrem Bett. »Schon wieder keine ruhige Nacht«, ärgerte sie sich, »immer werde ich von diesen dummen Träumen geweckt!« Lavinia schmatzte. »Oah, und dann auch noch dieser Käsegeschmack im Mund! Ich gehe erst einmal in die Küche und trinke einen Schluck Milch.« In der Küche angekommen, machte sie langsam den Kühlschrank auf und guckte vorsichtig durch einen kleinen Spalt Richtung Joghurtbecher und Wurst. »Das kann doch nicht wahr sein!«, dachte sie. Zwischen Joghurtbecher und Wurst sah sie das Foto, auf dem die Gießkanne, die Streichhölzer und die Turnschuhe zu sehen waren.


Traum-Wunder-Komitee

Sie nahm das Bild in die Hand und drehte es um. »Liebe Grüße vom Traum-Wunder-Komitee!«, las sie lächelnd. Sie nahm das Foto, stellte es neben ihr Bett und freute sich schon auf die nächste Nacht.

Laura Reinders 13 Jahre

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15 Jahre Margarita Iov

margarita iov

Atempause

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15 Jahre

Wortlos zieht die Stadt an ihm vorbei. Glühende Wolken, nur manchmal zerfetzt von teilnahmslosen Stromleitungen. Ab und zu bleibt sein Blick an grellen Plakaten mit überaus glücklichen Menschen hängen. Matt und grau dagegen wartet die echte Menschheit auf den nächsten Zug, auf den nächsten Termin, auf den nächsten Morgen, der ihnen wiederum nichts als weitere nächste Termine bringt. Warten ist nicht so schlimm, denkt er, ein Zeitloch. Die Leute auf dem Bahnsteig halten ungeduldig die Luft an, während ihre Gedanken mit ihnen auf der Stelle laufen. Da stehen sie schon an den Türen, die sich mit einem Seufzen öffnen und die neuen Passagiere hereinlassen, die sich gegenseitig ihre Ellenbogen in die Seiten rammen. Die Menschheit schwappt herein und für einen kurzen Moment erreicht auch ihn der Lärm der Außenwelt. Dann ist es auch schon wieder vorbei. Niemand sagt ein Wort. Das Geschrei und Gerede, vom Bahnsteig draußen, prallt an dieser Stille ab und verliert sich irgendwo unter der hohen, gläsernen Decke der Bahnhofshalle. Die Türen schließen sich, der Zug fährt an und auf einmal sind alle, so fern sie sich eben noch waren, zu einer Gemeinschaft geworden. Die, die sich ein Leben lang gegenüber standen, lehnen plötzlich Rücken an Rücken. Die, die sonst auf verschiedenen Seiten des Spielfelds spielten, sitzen friedlich nebeneinander und atmen dieselbe


Atempause Margarita Iov 15 Jahre

Luft. Wir lassen uns von diesem Tag nicht unterkriegen, denken sie und ihre Gedanken sind durchsichtig und lebendig, genau wie ihre Gesichter. Schweigend fährt unsere kleine Gesellschaft. Es ist zu früh um sich zu unterhalten. Wir gönnen uns diesen Moment der Schwäche gegenseitig. Er bereut es ein bisschen mit dem Zug gefahren zu sein, heute. Hat sich aus seiner schützenden Wohnung, seinem angenehm anonymen Schneckenhaus herausgetraut. Hat den Wagen stehen lassen, aus Neugier, und nun geht ihn die Welt plötzlich was an. Er steht mit echten Menschen, nicht mit denen vom Bildschirm zu Hause, Nase an Nacken, atmet das Parfüm einer fremden Frau ein und sieht einen alten Mann mit Gehstock und in einem zerknautschten Jackett seine Tabletten nehmen. Das sind Dinge, die er nie hätte mitbekommen sollen. Aber nun bemerkt er sie und kann nichts dagegen tun. In diesen wenigen Minuten sind sie sich alle schrecklich ähnlich in ihrem Mensch-Sein. Durch das Schweigen sind sie ein bisschen nah, ein bisschen gleich und sehr, sehr verletzlich. So nah. Doch dann hält der Zug und der Zauber ist verflogen. Er weiß, er muss aussteigen. Die, die noch weiter müssen, verabschieden ihn mit stummen Blicken, sehen ihm zu, wie er aussteigt. Zu nah, denkt er und steigt aus.

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18 Jahre Paul Ahlert Frederick hat die Schnauze voll

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FREDERICK HAT DIE SCHNAUZE VOLL paul ahlert 18 Jahre

Piggeldi erwachte und eine Frage brannte ihm unter den Hufen wie Hufpilz. Er hatte geträumt, dass man ihn gebraten hätte: ein schokobrauner Schweinebraten mit einem kitschigen roten Apfel im Maul, denn Piggeldi liebte Äpfel. Bei der Erinnerung an sein gebratenes Selbst fragte er sich, ob sein Eisbein wohl anders schmeckte als seine Haxen. Diese Frage wollte er seinem älteren Bruder Frederick stellen, denn Frederick war das klügste Schwein, das er kannte. Das mochte nichts heißen, schließlich hatte Piggeldi keine Freunde und wusste nicht warum. Er wollte gern die Welt entdecken, aber niemand half ihm dabei, außer seinem Bruder Frederick. Aber Piggeldi brauchte auch keine Freunde, denn er hatte ja Frederick, von dem die Geister aller Wissenschaftler und Philosophen Besitz ergriffen hatten; anders konnte Piggeldi sich dessen Allwissenheit nicht erklären. Frederick sah alles, verstand alles und erkannte alles; kurzum: wusste alles. Aus der Küche klapperte es. Piggeldi stieg aus seinem Bett und ging nach nebenan. Frederick stellte zwei Teller auf den Küchentisch. Er hatte absichtlich laut mit ihnen geklappert, um seinen Bruder, das dumme


Frederick hat die Schnauze voll Paul Ahlert 18 Jahre

Schwein, auf das Frühstück aufmerksam zu machen. Er legte einen Apfel auf Piggeldis Teller. »Frederick, warum mag ich Äpfel?« Frederick rollte mit den Augen beim Gedanken daran, dass Piggeldi, wenn er in die Küche kam, ihn sofort mit überflüssigen Fragen löchern würde. »Frederick, warum hat mich niemand lieb?« Frederick konnte nicht leugnen, dass ihm doch an Piggeldi gelegen war; nur nicht an seinen Fragen. Anfangs waren sie sogar noch zu ertragen gewesen, doch irgendwann hatte Piggeldi alle weltbewegenden Fragen gestellt und Frederick hatte sie ihm beantwortet, dann waren sie ins Belanglose gerutscht. Frederick konnte nicht mehr. »Frederick, warum hast du im Telefonbuch die Nummer der Schlachterei markiert?« Frederick wusste nicht, ob er sich noch lange zurückhalten konnte. Es käme der Tag, da Piggeldi ihn fragte, wie Schweinefleisch wohl schmeckte. Dann wäre Frederick gezwungen, die Schlachterei anzurufen. Und wenn er einfach verschwände? Einfach vor Piggeldi und seinen Fragen floh? Einfach so? Frederick nahm den Apfel vom Teller seines Bruders. Just trat Piggeldi in die Küche. Frederick sagte sofort: »Wir haben keine Äpfel mehr.« »Ich brauche aber meine Äpfel zum Frühstück«, jammerte Piggeldi leise. Frederick gab ihm den Geldbeutel. »Dann geh’ welche kaufen.« Piggeldi nickte und verließ das Haus. Frederick stellte sich ans Fenster und wartete, bis Piggeldi um die Ecke des nächsten Hauses verschwunden war. Dann ging er ebenfalls hinaus und eilte in die andere Richtung davon.

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18 Jahre Paul Ahlert Frederick hat die Schnauze voll

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Wenig später kam Piggeldi mit einer Tüte Äpfel zurück nach Hause. Er ging in die Küche und legte die Tüte auf den Tisch. Frederick war nicht da. »Frederick, warum bist du nicht da?« Piggeldi klopfte an die Badezimmertür. »Frederick, wo bist du?« Er betrat Fredericks Schlafzimmer. »Frederick?« Keine Antwort. Piggeldi ging zurück in die Küche und nahm sich einen Apfel. Er setzte sich auf den Boden und biss weinend hinein.


Sonne

SONNE 17 Jahre

Annika Glante

annika glante

17 Jahre

Ich liege auf einer Parkbank. Mein Kopf hängt an der einen Seite hinunter, sodass meine Haare in den Dreck fallen. Die Regentropfen laufen mir in die Nase und den Mund, der weit offen steht. Ich habe so viel geheult, dass man mich auswringen könnte. »Aber im Park ist es so furchtbar kalt«, erinnere ich mich gesagt zu haben und bin trotzdem mitgegangen. »Regnen wird’s bestimmt auch bald.« »Dann spiele ich persönlichen Regenschirm, Frau Zucker«, sagte er und baute ein Dach mit seinen Händen über meinem Kopf. Er setzte sich auf das Gras und tätschelte den Platz neben sich. »Iih, kalt«, beschwerte ich mich. »Ich hab’ Schokolade mit, von der wird dir bestimmt warm.« Seine Stimme war ganz ruhig gewesen. Er zog eine angefangene Schokoladentafel aus der Jacke und brach ein Stück ab. Dann legte er seinen Arm um meine Schulter und steckte mir das Schokoladenstück in den Mund. »Danke, Herr Heizung«, sagte ich mit vollem Mund und schluckte die Sonne. Heute ist nur noch ein harter Klumpen übrig, ein Scheißding, das noch glüht. Die beschissene Sache, die er zurückgelassen hat. Ich will kotzen. Hoffentlich ersticke ich an meiner Kotze. Ich drehe mich auf den Bauch. Mein Mund steht offen, ich würge. Endlich kotze ich die Sonne aus. Gelb-orangene Suppe klatscht auf den Boden und bildet

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17 Jahre Annika Glante Sonne

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eine Pfütze unter der Bank. Ich sehe keine Lichtstrahlen, nur Spucke, die in die Pfütze tropft. Ich setze mich auf. Es ist scheißkalt ohne Sonne im Bauch.


julia baum 17 Jahre

Beziehungseintopf

BEZIEHUNGSEINTOPF

Julia Baum

4 tomaten, 3 gelbe paprika

schälen, würfeln, in einen Topf mit kaltem Wasser geben,

17 Jahre

500 g kartoffeln

würfeln und dazugeben,

von 100 g grünen bohnen

Spitzen und Enden entfernen, dazugeben,

1/2 rote beete

schälen, würfeln, dazugeben,

100 g tiefkühl-blumenkohl antauen lassen, dazugeben, mit salz schwarzem pfeffer kräutern

würzen.

Gut rühren. Mit Deckel köcheln lassen. Garzeit beachten. Zu zweit essen.

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15 Jahre Alexander Knรถll

alexander knรถll

Typus Mensch

TYPUS MENSCH 15 Jahre

Ich bin ein Scharlatan, ein freundlicher Schuft, ein intelligenter Idiot. Du bist ein Scharlatan, ein scharfsichtiger Verblendeter, ein schwacher Starker. Du bist ein Heuchler, ein depressiver Optimist, ein radikaler Romantiker. Ich bin ein Heuchler, ein milder Militant, ein geliebter Verachteter. Ich bin ein Mensch, einer von vielen, bin wie du. Du bist ein Mensch, einer von vielen, bist wie ich.

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16 Jahre

16 Jahre

In windgepeitschter Wellenflut dort thront in stiller Klage ein Fischerboot voll Wagemut, auf dass der Sturm es trage.

Marie Michael

marie michael

Im Sturm

IM STURM

Und in des Bootes winz’gem Rumpf muss er verwegen stehen der Wörterfischer, mit Triumph in Augen, die nicht sehen. Er wirft sein Netz ins Wörtermeer, geknüpft aus schwarzer Farbe. Von Silbenkanten spitz und schwer hat er schon manche Narbe. Er wartet auf den großen Fang, um ihn ins Netz zu treiben. Und lockend pocht in ihm der Drang ein Meisterwerk zu schreiben. Die Sucht zerfrisst ihm den Verstand malt Rot auf seine Wangen. Die trüben Augen abgebrannt, doch glühend vor Verlangen.

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16 Jahre Marie Michael Im Sturm

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Das Wasser tobt, es spritzt die Gischt. Das Meer grollt unverdrossen. Ein Blitz teilt Wolken und erlischt. Der Fischer nickt entschlossen. Er lacht noch voller Wahn und springt dann in den Wรถrterreigen. Sein Schrei erzittert und verklingt. Er wird auf ewig schweigen.


15 Jahre

Niklas Schüler

niklas schüler

Malheur

MALHEUR

15 Jahre

Das markdurchdringende Piepen des Weckers riss mich aus dem Cockpit des schnellsten Ferraris der Welt. Ohne, dass irgendetwas anderes passiert war, lagen meine Nerven zerrissen auf dem Boden. Ich wälzte mich herum für eine weitere Fahrt und hätte ihn dabei fast überrollt. Wie immer hatte er den größten Teil des Bettes annektiert und ließ mir nur einen unbedeutenden Randplatz. Murrend drehte ich mich in die andere Richtung und fiel aus dem Bett. Schnaufend richtete ich meinen Oberkörper auf. Flink sprang er vom Bett und streichelte mich mit seinem Leib. Ich stöhnte und gab mich meinem Schicksal hin. Zur geöffneten Tür taumelnd trat ich in ein kleines Häufchen meines Mitbewohners. Pinky drückte sich an mir vorbei und hastete die Treppen hinab, um dort auf mich zu warten. Während ich ihn laut verfluchte, hüpfte ich ihm auf einem Bein hinterher. Erst beseitigte ich das Malheur von mir und vom Parkett, und ging dann in die Küche. Ich nahm mir ein trockenes Brot aus dem Brotkasten. Der Belag war mir schon gestern ausgegangen. Für Pinky stellte ich einen Napf mit Katzenfutter auf den Boden. Gierig fraß er ihn bis auf den letzten Krümel leer. Ich verachtete, wie er versuchte, mir noch mehr aus dem Rücken zu leiern. Schnurrend schmiegte er sich an mich. Ich schubste ihn ungeduldig weg. Das kleine Drecksvieh machte nur Arbeit. Wieso behielt ich es eigentlich? Schmollend verzog sich der Stinker in den Sessel. Mein Kopf schmerzte. Verdammte Migräne. Ich eilte ins Bad. Während ich Zähne putzte, lief ich in das Wohnzimmer.

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15 Jahre Niklas Schüler Malheur

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Pinky starrte mich an. Er würde den ganzen Tag faul herumliegen und vielleicht eine Maus fangen. Ich öffnete das kleine Fenster in Richtung Garten und machte mich wohl oder übel auf den Weg. In der Firma wartete wie jeden Tag Arbeit auf mich. Das hieß: Allein in einem engen Raum Akten ordnen und Akten abheften. Ich aß in der Kantine – vegetarisch. Ich stellte mir vor, wie Pinky mit erhobener Pfote nach Essen betteln würde. Ich vermisste ihn. Als ich völlig erschöpft nach Hause kam, war die Sonne schon längst untergegangen. Elend schloss ich die Wohnungstür und schmiss meine Tasche in die Ecke. Mir war übel. Mein Abendbrot übersprang ich gleich und kam zu der anderen Fütterung. Pinky schubberte sich genüsslich an meinem Bein. Ich war anscheinend doch nicht das einzige Wesen, das um mein Wohlergehen besorgt war. Ich musste ins Bett. Kurz bevor ich mich auf meinen Schlafplatz hätte fallen lassen können, sprang etwas Flauschiges hinauf. Es fläzte sich mitten auf das Bett. Pinky blickte mich an. Ich quetschte mich irgendwie um das Wesen, platzierte meinen Kopf neben dem seinen und begann Pinky zu streicheln. Mit dem beruhigenden Schnurren im Ohr schlief ich ein.


17 Jahre

17 Jahre

Greta sitzt in der Küche und wartet. Sie wartet auf das Klicken des Wasserkochers. Unruhig trommelt sie mit den Fingern auf dem Tisch und kippelt. Dann streift ihr Blick den kupfernen Teekessel auf der Küchenzeile. Wie unpraktisch der ist, wie das meiste, das Ellen vom Trödelmarkt mitbringt. Der Wasserkocher klickt, der aufsteigende Dampf bildet am Schrank darüber Tropfen. Sie weiß, dass das schlecht für das Holz ist, damit hat Ellen schon Recht. Greta seufzt und steht auf. Sie gießt das Wasser auf das Kaffeepulver und geht ins Wohnzimmer. Gähnend setzt sie sich auf das dunkelrote Sofa neben Ellens abgewetzten Platz. Auf dem Tisch steht schon wieder ein Topf Stiefmütterchen. Sie greift nach ihm. Eigentlich mag sie Blumen nicht, ihren Geruch, aber der Tontopf ist schön, fühlt sich weich und hart zugleich an. Sie dreht ihn kurz in den Händen, stellt ihn zurück auf den Tisch. Heute nicht, denkt Greta. Sie ist es Leid, ständig umzuräumen, es verändert ja doch nichts. Heute nicht, denkt auch Ellen. Doch als Greta zu dem Bücherregal hinüber läuft, stößt sie eine Kerze auf dem Boden um, stockt, und tritt dann noch einmal dagegen. Gemütlichkeit hin oder her, das ist kitschig. Sie presst die Fäuste auf ihre Augen, dann geht es wieder. Ihr Griffe sind routiniert, als sie die Kerze aufhebt, einen Schrank öffnet, und sie hineinstellt. Im Gegenzug greift Greta nach einem braunen Überwurf, breitet ihn aus und legt ihn auf das Sofa. Dann nimmt sie einen Krimi aus dem Regal und holt ihre Tasse.

Linn Dittner

linn dittner

Eigenwillig

EIGENWILLIG

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17 Jahre Linn Dittner Eigenwillig

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Auf dem Balkon stehen nur eine Liege und ein kleiner Tisch. Schon seit langem wünscht sich Greta eine größere Wohnung, um sich aus dem Weg zu gehen. Müde legt sie sich hin und nimmt einen großen Schluck Kaffee. Sie beginnt mitten im Kapitel zu lesen und hofft, dieses Mal nicht gestört zu werden. Nach einiger Zeit wird das Buch in ihrer Hand schwer, Greta kann sich immer schlechter konzentrieren. Dann fällt ihr das Buch einfach aus den Fingern. Sie heben es auf, nehmen es in die linke Hand, in die rechte, wieder in die Linke, schließlich schüttelt sie verwirrt den Kopf und legt das Buch beiseite. Sie trinkt einen Schluck Kaffee, nimmt noch einen und spuckt ihn zurück in die Tasse. Dann schließt sie die Augen. Es riecht nach feuchter Luft, bald wird es regnen. Mit den Fingern trommelt sie auf ihrem Oberschenkel. Sie möchte Tee trinken, um den Kaffeegeschmack in ihrem Mund loszuwerden. Ihre Griffe sind routiniert, als sie in der Küche den Wasserkocher unter dem Holzschrank hervorzieht. Dann nimmt sie sich den Teekessel und setzt Wasser auf. Im Wohnzimmer nimmt sie sich ein Buch aus dem Regal. Als sie mit dem Roman zurück in die Küche gehen will, fällt ihr der braune Überwurf auf. Sie schlägt ihre Augen nieder. Dann schleicht Ellen in die Küche und versteckt leise den Wasserkocher unter der Spüle.


13 Jahre

13 Jahre

Leute hasten durch die düstere Bahnhofshalle. Manch einer drückt noch einmal mit letzter Hoffnung auf die Türknöpfe der anfahrenden Bahnen – vergeblich. Die junge Frau, die mit angewinkelten Beinen an den Fahrkartenautomat gelehnt da sitzt, gehört nicht zu ihnen. Seit mehr als einer Viertelstunde verharrt sie dort bewegungslos, wartet eine Bahn nach der anderen ab, um sie dann doch davon fahren zu lassen. Neben ihr auf dem Boden sitzt ein kleines Mädchen, höchstens fünf Jahre alt. Es blickt mit seinen großen Augen wachsam umher, die Hände in bunten Fäustlingen und kuschelt sich an seine Mutter. Sie streichelt es mit einer Hand, die andere hält eine qualmende Zigarette. Eigentlich hätte die Frau die Sechs-Uhr-Bahn nehmen müssen. In zwanzig Minuten wäre sie am Hauptbahnhof gewesen, hätte ihm das Mädchen übergeben und wäre dann irgendwo mit Freunden in eine Kneipe gegangen. Wie immer. Wie jeden zweiten Sonntag. Aber heute ist es anders. Wie kann sie denn zulassen, ihr eigenes Kind nicht sehen zu dürfen? Sie drückt die Zigarette aus und schließt die Kleine in die Arme. Ihre schwarzen, weichen Haare riechen fremd und ungewohnt. Wie gerne würde sie mehr Zeit haben, sich daran zu gewöhnen. Aber nun hat sie das Sorgerecht verloren. Weshalb? Sie hatte die Kleine getröstet, wenn sie traurig war, ihr manchmal Geschichten vorgelesen und mit ihr ihre selbst gemalten Bilder angeschaut. Doch sie weiß, dass sie sich nichts vormachen muss. Jetzt wohnt die Kleine bei ihm, nur dreißig Minuten entfernt und doch darf sie das Mädchen

Leonie Mikulla

leonie mikulla

Abgefahren

ABGEFAHREN

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13 Jahre Leonie Mikulla Abgefahren

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fast nie sehen. Will es denn ohne seine Mutter aufwachsen? Die junge Frau schüttelt ihre dunklen Locken und blickt nachdenklich auf die Uhr. Zwanzig nach. Jetzt wäre sie angekommen. Sie war sich so sicher gewesen, nie zu heiraten. Es hat sich tatsächlich als Fehler erwiesen. Doch jetzt ist es zu spät. Schließlich steht sie auf, holt ihr Handy aus der Tasche und zieht einen Arm um ihre schmalen Schultern gelegt, die Kleine mit sich. Nur wenige Kilometer entfernt, fährt gerade eine Bahn der Linie 4 in den Bahnhof ein. Ein Mann um die dreißig lehnt steif an einem Getränkeautomaten und blättert in einem vollgeschriebenen Notizbüchlein herum. Er hatte richtig gesehen: Sie hatten sich für zwanzig nach verabredet. Und doch sieht er sie nicht unter den Leuten, die eben aus der Bahn gestiegen sind. Sie ist unpünktlich. Jetzt, wie damals. Es hatte ihn schon immer aufgeregt, wenn sie ihre Treffen verpasste. Die vielen Entschuldigungen, die sie sich im Laufe der Zeit alle einfallen lassen hatte! Man hätte meinen können, dass sie sich irgendwann bessert. Es war eine gute Entscheidung gewesen, diese Ehe zu beenden. Er zupft an seinem Hemd herum, streicht ein paar Falten glatt. Wenigstens wurde ihm die Kleine nach der Scheidung zugesprochen. Als sie noch bei ihr lebte, hatte sie nicht einmal ein richtiges Essen zum Mittag bekommen und wurde abends allein gelassen – und sie war noch so klein. Er würde das Kind richtig erziehen. Selbst die Besuche alle zwei Wochen findet er eigentlich zu viel. Er blickt auf die große Bahnhofsuhr. Wahrscheinlich musste die Kleine unbedingt noch ihr Bild zu Ende malen. Oder der Fahrkartenautomat ist kaputt gewesen. Ihre Schuld ist es jedenfalls bestimmt nicht. Er verzieht leicht spöttisch das Gesicht, sodass die Furche zwischen seinen Augenbrauen noch tiefer wird. Er tritt an die Gleise, wartet auch die nächste Bahn ab, ohne dass die beiden ankommen. In diesem Augenblick klingelt sein Handy. Eigentlich sehen sie aus wie eine normale Familie. Vater, Mutter, Kind. Doch das ist Vergangenheit. Sie weiß es, hat es verstanden.


Abgefahren Leonie Mikulla

Schweigend stellt sie das Mädchen auf den Boden, küsst es und verabschiedet sich. Tschüss, bis übernächsten Sonntag. Er nickt ihr kurz zu, nimmt dann behutsam die Kleine an die Hand und geht mit ihr zum Bahnhofsausgang.

13 Jahre

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18 Jahre Maximilian Dragon Rohrschaden

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ROHRSCHADEN maximilian dragon 18 Jahre

Quietschend hielt der blitzblanke Transporter der Firma Tengelmann & Co. Abwassertechnik vor einem weißen Haus. Herr Tengelmann stieg aus. Wäre er kein Mensch gewesen, dann sicher eine Birne. Sein runder Kopf mit den kleinen Augen und dem großen Mund, der nie aufhörte zu lächeln, lag direkt auf seinen Schultern. Außer den dicken Koteletten hatte Herr Tengelmann nicht mehr viele Haare. Er trug einen Pullover mit dem Aufdruck Wasser macht Spaß, obwohl er nur mit Abwasser zu tun hatte. Aus der Brusttasche lugte ein rotes Tuch direkt über seinem Namensschild: Mamu Tengelmann. Über seinen Bauch sagte er stets wohlwollend, dass er damit viel transportieren könne. Er schnappte sich seine Werkzeugkiste. Einen Co. gab es eigentlich gar nicht. Mamu war gleichzeitig Chef und Untergebener. So konnte er sich Urlaub genehmigen, wann er wollte. Dummerweise musste einer der beiden immerzu in der Firma bleiben. An diesem Tag ging es um einen Wasserschaden in der Privatklinik Koklinsee. Ein unpassender Name, da es in dieser Gegend nirgends Gewässer gab. Allerdings war es eine Irrenanstalt und brauchte deshalb einen irren Namen. Nachdem Mamu vorsichtig geklingelt hatte, rüttelte einige Fenster über ihm ein Patient am Gitter. Er rief: »Es lebe die Revolution! Tod dem König! Tod dem König!« Mamu schüttelte grinsend den Kopf. ›Das kann ja was werden‹. Das Türschloss surrte, doch bevor er die Klinke runterdrückte, wischte er sie mit dem roten Tuch ab. Er hatte eine Mordsangst vor


Rohrschaden Maximilian Dragon 18 Jahre

Bazillen, diesen Teufelsviechern. Drinnen erwartete ihn ein winziger, ozeanblauer Raum. Wie ein Schiffskapitän stand eine hochgewachsene Dame mit Turmfrisur hinter dem Empfangsschalter. »Sie wünschen, der Herr?«, piepste sie, ohne ihn anzusehen. »Ich bin hier wegen des Rohrbruchs. Firma Tengelmann & Co.« Sie schob sich ihre flotte Brille zurecht: »Ich sehe keinen Kollegen. Sind Sie allein?« »Ja richtig, eine Ein-Mann-Firma«, erklärte Mamu beschämt. Das hatte ihn noch nie jemand gefragt. »Haben Sie irgendwelche ansteckenden Krankheiten, Herr Tengelmann?« Angestrengt sah sie zur Decke hinauf. »Was?« »H.a.b.e.n. S.i.e a.n.s.t.e.c.k.e.n.d.e K.r.a.n.k.h.e.i.t.e.n? Der Schaden ist in Sektor C, da muss ich Sie das fragen.« »Also ich bin der Sauberste überhaupt. Das musste ich noch nie... Woher auch? Nein!« »Dann möchte ich Sie bitten, kurz in der Strahlenkammer Platz zu nehmen, damit wir uns sicher sein können.« Sie deutete auf eine Plastetür mit Fenster hinter ihr. »Nein! Ich will nicht, ich bin nicht krank!« »Nun gut«, auffällig strich sie sich eine blonde Strähne von der Stirn, »trotzdem muss ich Sie bitten, wenigstens diese Kondomationshandschuhe, Kondomationsstiefel, Kondomationsmantel, Kondomationshaube und Kondomationskniestrümpfe über zu ziehen. Zusätzlich müssen Sie diese Gefahrenplakette tragen und die Hausordnung unterschreiben.« Sie reichte ihm einen Zettel und einen gelben Aufkleber, der an Atomkraft – Nein danke! erinnerte, nur stand dort: Vorsicht! KPS. »Was soll das denn heißen?« »Kondomatisierte Person Sicherheitsabstand!« »Und Ihre Patienten wissen damit etwas anzufangen?« »Nein, aber so steht es in der Hausordnung.« Sie tippte aufs Blatt.

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18 Jahre Maximilian Dragon Rohrschaden

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Mamu machte ein dummes Gesicht. Die Hausordnung: — Nicht rennen — Nicht füttern — Keine Waffen — KPS tragen. Nach der Unterschrift begleitete ihn ein Pfleger durch einen endlosen Gang ohne Fenster. Sie passierten eine Kontrollstation mit Gitterkäfig. Der Wächter registrierte das KPS-Schildchen und ließ ihn durch. Der Pfleger übergab ihn an einen Vertrauenspatienten, der ihn zum Sektor C begleiten sollte. Ein älterer Mann im schwarzen Anzug und Krawatte stellte sich ihm als Häuptling Lumlum vor. »Exzellent, ihre exzellente Bekanntschaft zu machen, Herr Tengelmann«, verbeugte sich Lumlum. Sie kamen in den Aufenthaltsraum von Sektor A. Lumlum trug Holzschuhe, die ununterbrochen klapperten: Klapp-klapp klapp-klapp. »Das ist der exzellente Sektor A.« Häuptling Lumlum zuckte bei fast jedem Wort mit dem Kopf. Er sprach immer schneller: »Der exzellente Fernseher, Couch, Tisch, Bett, Ball, Fenster.« Er zeigte auf alles mit dem Finger. »Das da ist Aktien-Mike.« Ein Mann in Robe am Fenster, der abwechselnd Kaufen oder Verkaufen rief und dazu die Hand hob. »Ich gebe hier jedem exzellente Namen, damit ich sie mir merken kann. Der arme, exzellente Mike. Er ist echt ein exzellenter Typ.« Aus einer Tür vor ihnen sprang plötzlich ein Mann. Eine Gardine wehte von seinen nackten Schultern. »Ta-ta! Multiman! Aufgepasst ihr bösen Buben! Multiman hat Kraft! Mulitmian ist superstark!« Er sprach mit einer verstellt tiefen Stimme, sprang auf einen Tisch, von dem die Gläser purzelten. Sein Arm war ausgestreckt, und Multiman sah sich mit zufriedenem Lächeln um. Er entdeckte Herrn Tengelmann. »Fremder, willkommen auf Kaluschinak! Dem Heimatplaneten von Mulitman! Ich bin Multiman! Multiman! Mulitmaaaan!« Mit einem Satz war er vor Mamu


Rohrschaden Maximilian Dragon 18 Jahre

und beäugte ihn. Besonders angetan war er von seiner Kondomationshaube, über die er zärtlich strich. Nicht Herr seiner selbst, ließ Mamu alles mit sich geschehen. »Darf ich mal anprobieren?«, fragte Multiman, »Multiman braucht diese Krone.« »Ähm... äh... nein. Das geht... die Hausordnung!« Mamu lächelte ihn versöhnlich an. »Aus! Erdling! Die Krone!« Er kniete nieder, erwartungsvoll schloss er die Augen. »Die Krone! Erdling, schnell!« Mamu nahm seine Haube ab, um den neuen König von Kaluschinak zu krönen. »Exzellent, Euer Exzellenz!«, war Lumlums Beitrag. Zu dritt verließen sie Sektor A. Im nächsten kommentierte Lumlum die Ausstattung: »Das ist hier alles so exzellent gepolstert, weil die andauernd gegen die Wände laufen. Kein exzellentes Verhalten. Die hören auch Stimmen.« Er deutete auf eine junge Frau, die hektisch durch den Raum lief und ihren Stimmen antwortete, als würde sie telefonieren und suche ein besseres Netz. Sehr laut und betont sprach sie: »Ja, ich kann Dich hören, aber du musst lauter sprechen!« Sie gingen weiter und kamen in eine Eiswüste. Multiman sprang aufgeregt im Schnee umher, wirbelte ihn auf und warf nach den anderen beiden. Mit ausgestrecktem Zeigefinger machte Lumlum auf einen Patienten aufmerksam, der hinter einer Schneedüne hervorkam. Es war ein großer Mann mit buschigen Augenbrauen, freiem Oberkörper und glänzender Glatze. Er stapfte durch den Schnee, die Arme vornüber, als jage er Hühner. Immerzu rief er: »Yeti! Yeti! Will kuscheln!« Mamu wunderte sich nicht mehr. Multiman begann zum Leid der anderen in angeblichen Heldentaten zu schwelgen. »Weit und weiß war das Land. Icegirl war bereit für den ultimativen Kampf...« So ging es den gesamten Weg ohne Atempause. Im Dschungel schwangen Männer und Frauen in Anstaltskleidung oder ohne sich von Baum zu Baum und stießen tiefste Urlaute aus. Sektor C wäre nicht mehr weit. Plötzlich stellte sich ihnen ein Cowboy in den Weg. Seine Hände schwebten über den Colts. »Diese Stadt ist

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zu klein für uns vier!« Er schoss mit den Fingern auf sie und fiel nach dem Feuergefecht tot um. Mitten auf einer Lichtung, zwischen Lianen und Stauden, ragte das Rohr empor: Sektor C. Lumlum verabschiedete sich: »Lumlum wird nun zum exzellenten Mittagsmahl aufbrechen. So wünscht er Herrn Tengelmann einen exzellenten Feierabend!« Bald war er zwischen den Bäumen verschwunden. Bevor Mamu sich den Schaden näher ansehen konnte, sprang ein verstört Dreinblickender von einem dicken Ast über ihnen. »Tod dem König!«, trompetete er und verschwand im Unterholz. »Könntest du mir beim Reparieren helfen, Multiman?« »Nur wenn du dem König von Kaluschinak dein Gewand übergibst!« Mamu zögerte. »Na, gut...«. »Stiefel!«, forderte ihn Multiman auf. Mamu zog sie aus. »Umhang!« Mamu nahm ihn ab. »Handschuhe!« »Kniestrümpfe!« Als er aber auch die Plakette wollte, stutzte Mamu und verneinte. Ein eigenartiges Ziepen und Drücken belagerte auf einmal seinen Magen. Lange stand Mamu nachdenklich vor dem Rohr, aus dem Wasser lief. Multiman trug die Werkzeugkiste. Er sollte, was benötigt wurde, reichen. Vorsichtig kniete sich Mamu hin, untersuchte das Rohr genau und wischte es mit seinem roten Tuch ab. In diesem Moment schoss die Hand von Multiman nach vorn und entriss ihm das Tuch. Die Kiste platschte ins Wasser und Multiman rannte los. Mamu sprang auf und beide rannten im Kreis um das Rohr. Multiman sang: »Dein liebes, rotes Wischwaschband / das hab ich in der rechten Hand. / Doch willst du’s wieder ha-a-ben, / dann musst Du mich verkla-ha-gen!« Beide stoppten, zwischen ihnen war nur noch das Rohr. Mamu biss vor Zorn und Angst in seine geballte Faust. Hoffnungsvoll schlug Mamu ihm einen Tausch vor: Tuch gegen viele tolle Schraubenschlüssel! Doch Multiman sang nur: »Nein die will ich nicht, will ich nicht, will ich nicht!«


Rohrschaden Maximilian Dragon 18 Jahre

»Was willst Du sonst?« Nun wurde Mulitman ernst: »Deine Plakette!« Mamu brauchte sein Tuch, also willigte er ein. Beide legten die Ware auf den Boden und gingen einen halben Kreis. Mulitman schnappte sich die Plakette und stürzte ins Dickicht. Er triumphierte: »Frei! Frei!« Mamu flitzte ihm hinterher. Er gab sein bestes, ihn einzuholen. Zwecklos. Jede Klinke musste erst abgewischt werden, so kam er nicht voran.. Abrupt wurde er von einem Pfleger gestoppt: »Du weißt doch, dass hier nicht gerannt wird!« Außer Atem stammelte Mamu: »Jaja, aber Multiman hat meine Sachen geklaut und will fliehen!« Der breitschultrige Pfleger legte seinen Arm um ihn und schob ihn vorwärts. »Ist schon OK, der kommt hier nicht raus. Keine Sorge, beim Mittagessen kannst Du mit ihm alles in Ruhe besprechen.«

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luisa rath 17 Jahre

17 Jahre Abendgruß

Luisa Rath

ABENDGRUSS

»Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit. Wir sehen erst den Abendgruß, ehe jedes Kind ins Bettchen muss. Du hast gewiss noch Zeit« trällerte der Kinderchor, als das bärtige Männchen pünktlich um 18 Uhr 50 mit seinem Regenschirm dahergesegelt kam, um die Kinder ins Land der Träume zu schicken. Diesmal besuchte er die drei Kinder, die in einem Haus am Rande der Stadt wohnten. Wie jedes Mal begrüßte man ihn, bot ihm einen Platz und etwas Gebäck an, da er von seiner langen Reise erschöpft schien. Das Licht ging aus und man schaute sich zusammen die allabendliche Geschichte an. In dem kleinen Fernseherchen zankten Fuchs und Elster über den Sinn der unzähligen elsterschen Hüte, konnten ihren Streit aber friedlich beilegen und wünschten allen eine »Gute Nacht«. Der Bildschirm wurde ausgeschaltet, das Licht angeknipst. Nun setzte wieder der Kinderchor ein und verkündete im Namen des bärtigen Männleins: »Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht. Nun schnell ins Bett und schlaft recht schön, dann will auch ich zur Ruhe gehen. Ich wünsch euch gute Nacht.« Das Säckchen mit dem Traumsand schon griffbereit, den Schirm in der Hand, stand das Sandmännchen an der Tür, seinem Feierabend entgegensinnend, als sich die Kinder schützend mit ihren Händen die Augen zuhielten und der Chor erneut einsetzte:

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Luisa Rath 17 Jahre

Auf diesen Widerstand nicht vorbereitet und etwas hilflos, stand das alte Männchen in der Tür, losgehbereit, und rückte sich seine Zipfelmütze zurecht. Mit seinen drohenden Gesten, dem erhobenen Zeigefinger, seinem Fußstampfen, und dem Gestreu von Sand konnte er die kleinen Aufmüpflinge nicht beeindrucken. Die Spitze des Regenschirms donnerte auf den Boden. Als die Eltern nach der Arbeit zu Hause eintrafen und ihre Kinder schlummernd in den Betten erwarteten, sie weder dort, noch im Wohnzimmer, in der Küche oder im Bad fanden, suchten sie noch im Heizungskeller und erschraken über das Bild, da ihre Kleinen etwas bleich und reglos auf dem Boden lagen und bei ihrer Herzgegend kleine Einstichlöcherchen zu entdecken waren. Der Kinderchor setzte ein:

Abendgruß

»Sandmann, lieber Sandmann, wir wollen nicht ins Bett. Wir haben zwar schon ferngesehen, würden aber gern noch spielen gehen. Lass uns noch ein bisschen Zeit.«

»Eltern, liebe Eltern, es trug sich böse zu. Wer seine Kinder schlecht erzieht, muss befürchten, dass so was geschieht. Sandmann brachte sie zur Ruh.«

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Name

xx Jahre


Name xx Jahre

winter — sommer

nina-justine walther ole muth anna behrend katja hamel torsten steinbrecher hannes pogorzelski klaus hausbalk sarah pansow sophie franke anne bünning laura sternbeck paul ahlert rené dähne svenja simon fynn thorge thomsen

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11 Jahre Nina-Justine Walther Opas Garten

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OPAS GARTEN nina-justine walther 11 Jahre

Die Rosen und Kartoffelbeete blühten. Ein paar Gänseblümchen ragten aus dem stoppelig, saftig grünen Gras. Es war ein recht warmer Sommer. Mein grauhaariger Opa, Gustav, saß in der Hängematte und trank frisch aufgebrühten Kaffee. Ich half ihm oft und gern im Garten. Er schaffte es einfach nicht mehr, im Garten die schweren Arbeiten zu vollbringen und ihn zu hegen und zu pflegen. Seine rauen, rissigen Hände konnten nicht mehr die mit Wasser gefüllte Gießkanne heben. »Meine Gelenke, mein Rücken«, klagte er oft. Seine Augen, die im Alter mit der Krankheit des grünen Stars befallen wurden, konnten so gut wie nichts mehr erkennen. Wenn der Wind sachte in den Blättern spielte, konnte er das Rascheln nicht mehr hören. »Opa«, ich wischte mir ein paar Schweißperlen von der Stirn, »soll ich die Geranien heute noch umpflanzen?« »Ach, Liebchen, mach’ dir nicht so viel Arbeit. Stell’ die Blumentöpfe in den Schuppen und komm einmal zu mir.« Mein Opa war immer ein guter Mensch. Naja, fast immer. Er verstand es, Menschen zu trösten und zum Lachen zu bringen. Er konnte gut zuhören und erzählte gern alte, selbst erlebte Geschichten, die nicht immer wahrheitsgemäß waren. Opa konnte einfach keiner Fliege etwas zu Leide tun. Leider war er leicht zu kränken. Durch die vielen hängen gebliebenen Erinnerungen an den Krieg


Opas Garten Nina-Justine Walther 11 Jahre

und seine verstorbene Frau, die ich nicht kannte, weil er sie nicht oft erwähnte. Ich sah, wie er nachdenklich wurde. »Was ist denn?«, fragte ich und schloss leise die Schuppentür. »Na, wenn da das Liebchen mal nicht neugierig ist!«, sagte er und schüttete den Rest Kaffee auf den Rasen. Ich kam zu ihm. »Nein, im Ernst, worüber denkst du nach?« »Ich fühle mich so alt mit meinen 89 Jahren. Du bist so frisch und munter, so, als kämst du aus der Frischebox. Du hast alles noch vor dir. Deine Sommersprossen lassen dich jung aussehen. Du bist noch so jung und gesund. Mir tut alles weh. Manchmal wünschte ich ... « »Du willst ja wohl nicht sterben?!« Ich sah ihn entsetzt und zugleich empört an. »Liebchen, Liebchen, manchmal ist das besser. Natürlich nur ... « Er sah mich ernst an. » ... wenn du etwas im Leben erreicht hast, mit dir selbst zufrieden warst, Menschen glücklich gemacht hast und lieben konntest.« »Ja, und kannst du das von dir behaupten?« »Mehr oder weniger – ja. Ich habe den Frieden mit erkämpft, ich bin mit mir zufrieden, habe meine Familie glücklich gemacht und liebe sie.« Das verborgene Lächeln, worauf ich so ewig gewartet hatte, zeigte sich nun auf seinen Lippen. Er sprach weiter: »Ich will dann im Garten bei der Linde begraben werden. Auf meinem Grabstein sollte kurz und knapp stehen: ›Er hat uns geliebt, er hat sich geliebt, er liebte seinen Garten.‹« Die Grabinschrift gefiel mir nicht. Sie war mir zu einfach! Ich mochte lieber Gedichte. Gedichte mit Engeln und Gott. Wieso dachten wir eigentlich an so einem schönen Sommertag an den Tod? Das war doch ein untröstliches Thema. Opa sah mich an. Er lachte. Eine kühle Brise zog an uns vorbei und strich durch mein braunes Haar. Opa ergriff das Wort: »Ich hatte jedoch nicht vor, morgen oder demnächst zu sterben.«

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11 Jahre Nina-Justine Walther Opas Garten

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Er legte seine Hand auf meine Schulter. Die Worte beruhigten mich und in Richtung Sonnenuntergang verlieĂ&#x; ich Opa und den Garten und ging durch das morsche Eingangstor mit den vielen Erinnerungen daran, was wir schon erlebt hatten.


ole muth

9 Jahre

Fabian war ein sportlicher Junge im Jahre 2007. Er war zehn Jahre alt und zu seinen Hobbys zählten Sport, Lesen und Abenteuer. Am Ende seines Lebens wollte er in der deutschen Basketballnationalmannschaft spielen und drei Weltmeisterschaften hintereinander gewinnen. An einem Julitag, dem 07.07.07, traf sich Fabian mit seinen Freunden zum Versteck spielen. Sophie rief: »Ich zähle bis fünfzig!« Fabian rannte mit Bernhardt in den Wald. Bernhardt kletterte auf einen Baum und Fabian ging weiter. Er entdeckte eine Höhle, ging in sie und suchte ein passendes Versteck. Er fand eines. Als er sich setzte, knisterte es und außerdem war es weich. Er stand auf und tastete, was es war. Es war eine Packung Gummibärchen. Da rief Sophie: »Ich komme!« Aber Fabian war gierig, riss die Tüte auf, griff hinein und aß gleich drei Gummibärchen auf einmal. Ihm wurde schwarz vor Augen. Ein Strudel aus Farben drehte sich um ihn. Als es wieder hell wurde, guckte er einem Drachen ins Gesicht. Er wollte anfangen zu schreien, da sah er, dass der Drache nur auf eine Leinwand aufgemalt war. Fabian schaute sich um. Jetzt wurde ihm klar, wo er war: dicke Mauern, Schießscharten, eiserne Rüstungen – er war auf einer Burg. Er schaute sich um. Fabian kam in einen großen Saal, der mit einem

Ole Muth

9 Jahre

Die Zeitreise ins Mittelalter

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großen Tisch bestückt war, der aussah, wie Schweinestall persönlich. Bierkrüge standen darauf herum, abgekaute Knochen lagen kreuz und quer verstreut auf dem Tisch. Er sah zwei Knappen, die mit dem Abräumen beschäftigt waren. Erst jetzt bemerkte er, dass er ja ganz anders aussehen müsste, als sie. Er schaute an sich herunter und atmete erleichtert aus. Puh, er hatte genau die gleichen Sachen an, wie sie: er trug ein Wams mit dem Wappen der Burg und eine enge Hose mit einem Gürtel, in dem ein Schwert in einer Scheide steckte. Er ging weiter. Als er um eine Ecke kam, stieß er mit einem Jungen zusammen, der feine Kleider und eine kleine Krone auf dem Kopf trug. Der Junge fragte: »Wer bist du?« Fabian antwortet: »Ich heiße Fabian und wer bist du?« »Ich bin der Prinz aus diesem Land und heiße Florentin.« »Und wieso rennst du so?«. fragt Fabian. »Weil ich die Prinzessin retten will. Sie wurde vom bösen Drachen Morgan aus dem Morgenland entführt. Willst du mir helfen?« Fabian überlegte lange und antwortete: »Ja.« »Gut«, sagte Florentin und klopfte ihm auf die Schulter, »los, wir reiten ins Morgenland!« Fabian sagte: »Ich kann nicht reiten.« »Klar kannst du das«, erwiderte Florentin. Er zeigte ihm sein Pferd. Als Fabian auf sein Pferd stieg, bemerkte er, dass es stimmte, was der Prinz ihm gesagt hatte. Er brauchte nur zu denken »Links«, dann ritt das Pferd nach links, wenn er »Rechts« dachte, ritt das Pferd nach rechts. Als sie das Morgenland erreichten, kam ihnen der Gestank von Pech und Schwefel entgegen. Florentin fragte einen alten Bauern, wo der Drachen Morgan hauste. Der Bauer ritt mit ihnen bis zum Waldesrand und sagte: »Jetzt müssen sie selbst weiter reiten. Wenn sie sieben Meilen tief im Wald sind, finden sie die Höhle leicht. Übrigens ist sie mit einer Falltür verriegelt.« Florentin und Fabian ritten in den Wald. Dort roch es noch schlimmer. Sie kamen an vielen Höhlen mit Türen vorbei und dachten immer daran, was ihnen


Die Zeitreise ins Mittelalter Ole Muth 9 Jahre

der Bauer als letztes gesagt hatte. Endlich kamen sie an einen großen Berg, auf dem eine große Höhle stand, die mit einer silbernen Falltür verriegelt war. Sie sprangen beide von den Pferden und zückten ihre Schwerter. Sie schlugen drei bis vier Mal auf die Falltür ein, dabei bemerkten sie, dass die Falltür nur versilbert und eigentlich aus Pappe war. Sie kletterten an Wurzeln und Steinen tief in die Erde. Als sie fast unten waren, betäubte sie der schlimme Gestank fast schon. Florentin ging weiter in die Höhle hinein. Als er kurz vor Morgans Kopf stand, drehte sich Morgan schläfrig um und schleuderte dabei Florentin an die Wand. Jetzt hing alles von Fabian ab. Florentin rief: »Du musst ihm dein Schwert ins linke Auge rammen, bis der Augapfel völlig durchgestochert ist!« Fabian schlich sich unbemerkt zu Morgans Kopf. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Fabian hieb auf das Auge des Drachens ein, bis es total durchlöchert war. Als er das Schwert zum letzten Mal heraus zog, hing der Augapfel daran. Morgan brüllte, bäumte sich auf und fiel tot vor Fabians Füße. Fabian rannte mit dem Drachenauge unter dem Arm zu Florentin. Er gab ihm das Auge: »Heirate du die Prinzessin und gib ihr das Auge als Hochzeitsgeschenk!« Florentin sagte: »Gut, dann muss ich mich wohl von dir verabschieden.« Fabian griff in sein Wams. Er durchsuchte alle Taschen. Langsam wurde er hektisch. »Wo sind die Gummibärchen?«, murmelte er. Florentin fragte verdutzt: »Was ist denn das?« Fabian antwortete: »Das ist eine besondere Delikatesse meiner Heimat. Ich brauche sie als Beförderungsmittel zu mir nach Hause. Aber ich habe sie, glaube ich, verloren.« »Nicht schlimm«, sagte Florentin, »dann bleibst du eben bei mir und wirst mein persönlicher Berater.« Seitdem gibt es einen Menschen mehr im Mittelalter.

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16 Jahre Anna Behrend

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Ausweichen

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16 Jahre

Das Telefon klingelt. Marie rutscht über den Fußboden, nimmt den Hörer ab und fragt, wer dran sei. »Ich bin’s«, sagt ihre Mutter. Ihre Stimme klingt seltsam, findet Marie. »Wir kommen gleich. Schick’ Hannah jetzt bitte nach Hause«. »Aber Hannah darf doch immer bis sieben Uhr bleiben«, antwortet Marie. »Warum denn heute nicht?« »Mach’ es bitte«, sagt ihre Mutter. »Bis dann«. Dann tutet es. Marie legt langsam den Hörer auf die Gabel. Verwirrt blickt sie auf das Telefon. Dann setzt sie sich wieder neben Hannah vor die Spielkonsole. Ihre Augen brennen vom Licht des Fernsehers. »Wo sind eigentlich deine Eltern?« fragt Hannah. »Im Krankenhaus. Meine Schwester besuchen.« »Wann kommt sie denn wieder?« »Mama und Papa müssten bald wieder da sein.« »Ich meinte deine Schwester«, sagt Hannah. »Wann kommt sie aus dem Krankenhaus wieder?« »In drei bis vier Wochen, glaube ich. Bald. Ich darf sie ja nicht besuchen. Da muss man älter sein«. Sie sitzen im Schneidersitz vor der Spielkonsole, die leise brummt. Der Fernseher wirft blaues Licht an die Wände. Auf dem Balkon wird es dunkel.


Ausweichen Anna Behrend 16 Jahre

»Komm, wir machen noch ein Turnier« schlägt Marie vor. Hannah stellt den Wettkampfmodus ein und jeder sucht sich ein Tier aus. Marie nimmt wie immer den Drachen. Der kann am besten ausweichen. Die erste Runde beginnt. Sonst schafft es Marie, die bunten Knöpfe blitzschnell hintereinander zu drücken, aber jetzt hat sie sogar vergessen, mit welchen man den Drachen springen lassen kann. »Ey, du hättest mich ganz leicht besiegen können«, wundert sich Hannah, als Maries Drache nach ein paar Minuten am Boden liegt. »Los, noch mal«, sagt Marie energisch. Sie starten eine neue Runde. Obwohl Marie angespannt auf den Bildschirm starrt, liegt sie nach den ersten zwei Angriffen schon sechzehn Punkte zurück. Der Drache wird immer öfter von seinem Gegner getroffen. Als sie den Schlüssel im Schloss hört, springt Marie auf. Zögerlich geht sie in den Flur. Ihr Vater kommt herein und zieht sich die Jacke aus. Ihre Mutter stellt ihre Tasche ab. Beide bewegen sich sehr langsam. »Hannah ist noch hier«, sagt Marie schnell und will wieder ins Wohnzimmer gehen. Eine Hand zieht sie zurück und ihre Mutter umarmt sie lange. Sie legt den Mund an Maries Ohr. Beide zittern. »Sie ist gestorben«. Erst, als Marie den Kopf zum Spiegel dreht, merkt sie, dass sie weint. Ihr Gesicht ist ganz rot. Sie kann ihre Augen nicht erkennen, ihr Mund hat eine Form, die sie nicht kennt. Sie gräbt sich in den Mantel ihrer Mutter, im Schwarz tun ihre Augen weniger weh. Sie drückt sich immer weiter in das Fleece, bis sie nicht mehr atmen kann. Beim Luftholen macht ihr Hals einen fürchterlichen Ton, wie ein Esel. Sie rennt ins Wohnzimmer. Dort sitzt Hannah noch immer auf dem Boden. Marie kann nicht sprechen und muss sich die Hand ganz fest auf den Mund pressen, um nicht wieder wie ein Esel zu schreien. Tränen und Schnodder laufen in die Ärmel ihres Pullovers. Marie versucht, Luft zu holen, verschluckt sich, und sagt dann, mit viel zu hoher

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Stimme: »Du musst jetzt gehen«. Dann hält sie sich wieder den Mund zu. Das Zimmer wird schrecklich groß. Hannah steht auf und geht in den Flur. Während sie ihre Jacke vom Kleiderständer nimmt, guckt sie Maries Eltern ungläubig an. Die sehen an ihr vorbei. »Tschüß«, sagt sie verhalten und schließt die Tür hinter sich. Im Wohnzimmer steht Marie noch immer unbewegt. Unter der Hand versucht sie zu atmen. Auf dem Balkon ist es schwarz geworden. Die Spielkonsole brummt, und der Fernseher gibt das einzige Licht.


katja hamel

17 Jahre

»Du bist ein alter Meckerknochen!«, ruft er ihr zu. »Wenn ich alt bin, was bist du denn dann?«, fragt sie daraufhin. Sie streckt ihm den Mittelfinger entgegen. »Du mich auch!«, entgegnet er, dreht sich um und tritt ihr in den Hintern. »Na und, wo bleibt dein Spruch?«, pampt sie zurück und rümpft die Nase. »Du hast einen Arsch, wie ein Brauereipferd!«, sagt er übertrieben laut. »Hey! Ich bewerfe dich mit Wattebäuschen, bis du blutest!«, knurrt sie und versucht ihn zu packen, rutscht ab und kratzt ihn. »Du und deine Krallen.« tadelt er sie lächelnd, nimmt ihre Hand und drückt mit seinem Daumen gegen einen ihrer Nägel. Sie schüttelt ihn weg und entgegnet: »Heul doch! Ich kratze und du rauchst.« Dann knufft sie ihn gegen die Brust. »Es klatscht gleich, aber keinen Beifall!«, brummt er und greift ihren Arm. Sie verzerrt das Gesicht und ruft: »Au! Auuu!« Er lässt sie los. »Das tat weh!«, jammert sie. »Ich habe nichts gemerkt«, antwortet er grinsend und steckt ihr die Zunge entgegen. Sie macht es ihm nach und versucht dann einen neuen Angriff. Er packt und kitzelt sie. Sie strampelt und lachhustet: »Ich mach dich fertig!«. Als sie um eine kurze Pause bettelt, hört er auf. »Weichei!«, sagt er und schubst sie.

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Gute Freunde

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»Irgendwann, wenn du noch älter und noch grauer bist«, droht sie »dann mach ich dich fertig!« »Wenn es mal soweit ist, dann kampelst du mit deinem Kerl. Nicht mehr mit mir.«, sagt er ein wenig bedrückt. »Das dauert aber noch!«, protestiert sie und wirft sich auf ihn. Er wendet sich schwerfällig und piekt ihr in die Seite. Nach einigem Hin und Her ruft sie: »Mama! Papa ist frech. Papa hat angefangen!« »Mach’ ihn fertig!«, antwortet es aus der Küche.


18 Jahre

18 Jahre

Sören Jacobson hat eine Spanplatte in der Hand, auf der er ein schief gerissenes Stück Altpapier ausbreitet und mit einem dicken Handwerkerbleistift Notizen für seine Diplomarbeit kritzelt: »bewegt den Schwanz auf und ab; umkreist sie, hebt den Kopf; scheint lautlos zu brüllen«. Herr Jacobson schreitet von Gehege zu Gehege. Die Tiger balzen eher gemächlich. Waschbären gehen rabiater ran. Die Männchen lauern den Weibchen auf, springen dann plötzlich aus ihrem Versteck hervor und machen Faxen. Sie schlagen Purzelbäume, hüpfen einbeinig und ziehen dabei immer engere Kreise um die Weibchen. Schafe dagegen scheinen eher phlegmatische Tiere zu sein, er muss schon sehr genau hinsehen, um überhaupt ein Balzverhalten erkennen zu können. Herr Jacobson lehnt am Pfosten der Eingangspforte zum Schafstreichelgehege und achtet auf jede Kleinigkeit. Gelegentlich strecken die Schafe die Zunge raus oder niesen Fliegen an, ohne dass eine Bedeutung dafür erkennbar wird. Jacobsons Konzentration ist dennoch ungebrochen. Der Pfahl, an dem er sich stützt, ist nur am Anfang etwas unangenehm hart gewesen. Er gewöhnt sich daran. Es sind zwölf Schafe: vier weiße Weibchen, sieben weiße Männchen und ein schwarzes Männchen. Alle laufen und blöken durcheinander. Aus dem Augenwinkel sieht Jacobson gerade noch, wie ein weißes Männchen ein Weibchen besteigt. Hastig beschreibt er das Geschehen:

Torsten Steinbrecher

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»weiß m auf weiß w; Akt wird mit hoher Geschwindigkeit geräuschlos vollzogen; Partner wenden sich anschließend voneinander ab«. Doch leider hat er die Vorgeschichte verpasst. »Bei den Viechern weiß man auch nie, wann es losgeht«, murmelt er griesgrämig vor sich hin. Er wünscht sich ein kleineres Gehege mit weniger Versuchsobjekten. Er hat die Sache zwar nicht mit der Zooleitung besprochen, aber es wäre wohl besser, wenn er es jetzt täte, um die Experimentalkonditionen zu optimieren. Er sinniert noch ein paar Minuten über die weitere Verfahrensweise und schreckt von der erneuten Paarung zweier weißer Schafe auf. Ob es die gleichen oder andere sind, kann er nicht feststellen. Kurz entschlossen stößt er sich ab und schlägt mit einem strammen Marsch den Kurs zum Verwaltungsgebäude ein. Abrupt tritt Svenja, die schon den ganzen Frühlingsvormittag über aus sicherem Abstand ein Auge auf Jacobson geworfen hat, einen Schritt zurück und versteckt sich hinter dem WC-Häuschen. Er eilt an ihr vorüber, und sie sieht ihn von hinten. Sie ist erleichtert, dass er sie nicht bemerkt hat, aber gleichzeitig auch enttäuscht. Sie schleicht ihm hinterher, was ihr gar nicht so leicht fällt, bei der Geschwindigkeit, die Herr Jacobson vorlegt. So manches Mal denkt sie, er hätte sie abgehängt, aber dann erblickt sie ihn doch wieder hinter der nächsten Ecke. Von weitem sieht sie, wie er in das Infohäuschen stürzt. Im Innern fragt Jacobson den Angestellten harsch: »Ich bin nicht auf die Paarung vorbereitet, ich kriege alles erst zu spät mit. Können Sie mir helfen?« Svenja sucht nicht lange. Die Holztür steht noch offen. »Bitte was?« Der Mann am Schalter hat keine Ahnung, wovon der Fremde redet. Svenja stürmt in die Blockhütte, nunmehr ohne sich um einen schleichenden Gang zu bemühen. Als sie ihn zu Boden zerrt, ist Jacobson nicht auf die Paarung vorbereitet. Aber der Kassierer kann ihm nicht helfen.


19 Jahre

19 Jahre

Ein Fragezeichen saß einmal – es sitzt nun wohl nicht mehr – allein in einem stillen Tal und dachte hin und her.

Sarah Pansow

sarah pansow

Formsache

FORMSACHE

Ein Ausrufzeichen kam vorbei: »Was guckst du so verdrießlich? Warum, wieso ist einerlei Das Denken viel zu müßig! Doch helf ’ ich dir zum guten Schluss Das kann ich ganz enorm. Was ich dafür nur ändern muss Mein Freund, ist deine Form.« Es holte einen starken Mann Der war sich nicht zu schade Und bog das Fragezeichen dann Schlicht und ergreifend grade. Die Lösung schien doch recht bequem, man lobt das Zeichen sehr. Nun denkt es so wie ehedem, man sieht es bloß nicht mehr.

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19 Jahre Hannes Pogorzelski Wenn Opa Laub verbrennt

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WENN OPA LAUB VERBRENNT hannes pogorzelski 19 Jahre

Starker Qualm drang durch das Fenster im obersten Stockwerk, in dem sich mein Zimmer befand. Ich stand auf und scheuchte Onkel Tom, den dicken Kater, auf. Mein Opa stand im Hof und verbrannte Laub. Ich schrie: »Opa das stinkt ja gewaltig.« »Lehn’ dich nicht so weit aus dem Fenster, Junge! Wenn du fällst, versohle ich dir deinen Arsch, dass du nicht sitzen und nicht stehen kannst. Komm lieber runter und hilf mir!« »Och nö«, nuschelte ich von drinnen heraus und hörte noch Opa »Faules Pack« grummeln. Auf dem Tisch vor dem Bett lagen ein paar Eicheln, die ich weit ausholend meinem Opa in den Rücken warf. Er schrie furchtbare Schimpfwörter hinauf. »Ich komm dir gleich hoch, du!« »Aber Onkel Tom war es doch!«, brüllte ich zurück und piekste dem fetten Kater ins Fell. Er schnurrte gleich ein bisschen. »Dann ziehe ich euch beiden die Löffel lang, dem Kanonier und der Petze! Komm jetzt runter, verflucht!« Am Feuer versprach mein Opa mir fünf Mark, wenn mein Laubhaufen größer werden sollte als seiner. Also harkte ich verbissen und nahm dafür sogar den beißenden Qualm in Kauf. Opa hatte bald keine Lust mehr und rauchte olle Zigaretten auf der Holzbank unter dem


Wenn Opa Laub verbrennt Hannes Pogorzelski

Fenster und sang alte Kriegslieder. Bald schon wuchs mein Haufen über seinen hinaus. Ich verlangte meine fünf Mark und bekam nur eine. »Wie gemein!«, rief ich laut und hoffte, Oma würde es hören. Opa schlug mir auf den Hinterkopf. »Sei froh, dass du drei Mahlzeiten am Tag und ein Dach über deinem Kopf hast! Also, wir damals im Krieg…« »Ja, ja«, wehrte ich ab und schlurfte ins Haus. Oma hatte bestimmt noch vier Mark.

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ER ISST

Sophie Franke

sophie franke

Er isst

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Diego isst meine Unsicherheit mit seinem Messer aus Selbstbewusstsein. Manchmal schlürft er sie auch mit seinem Löffel aus Erfahrung. Diego isst seinen Teller immer leer. Wenn ich länger weg bin und später zurückkehre, ist wieder Unsicherheit da. Diego beschwert sich nie darüber, dass es oft das Gleiche gibt. Zum Nachtisch beißt Diego manchmal in meine Seele. Ich serviere sie ihm, sobald die Unsicherheit alle ist. Ich verstecke sie nie. Es kitzelt, wenn Diegos Zähne nur noch einen Hauch von ihr entfernt sind, aber es tut weh, wenn er zubeißt. Trotzdem serviere ich sie ihm weiterhin, jedes Mal. Meine Seele ist ein Leckerbissen. Sie knackt beim Kauen und schmeckt nach Krokant. Wenn ich weg bin, habe ich Angst davor, Diego wieder zubeißen zu lassen. Die Angst macht mich unsicher. Wenn Diego die Unsicherheit verspeist hat, habe ich die Angst vergessen. Außerdem würde Diego von der Angst Bauchschmerzen bekommen. Diego riecht nach Honig. Honig verklebt die Augen. Ich bräuchte ein Messer aus Selbstbewusstsein und einen Löffel aus Erfahrung, um ihn von meinen Augenlidern zu schaben. Obwohl ich nichts sehen kann, kann ich Diegos Seele riechen. Er versteckt sie. Er findet sie hässlich. Ich würde sie trotzdem gern kosten. Wenn ich nahe genug an ihn herankomme, kann ich ihren Geruch auf meiner Zunge schmecken. Zimtgeschmack.

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Nachspiel

NACHSPIEL 19 Jahre

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Es ist drei Uhr morgens und mir ist kalt. Nackt sitze ich auf der Bettkante und drehe eine Zigarette. Reste fallen auf das Laken. Es ist mir egal, es ist sowieso dreckig. Ich habe Durst, die Zigarette macht es nicht besser, sie kratz im Hals. Ob sie etwas zu trinken habe, frage ich das Mädchen hinter mir, sie zuckt mit den Achseln und nickt mit dem Kopf zur Tür. In der Küche finde ich eine halbleere Flasche Korn und eine Packung Milch. Mit dem Korn kehre ich ins Zimmer zurück, lehne mich an die Wand und beobachte sie. Sie sitzt im Schneidersitz zwischen all den achtlos zur Seite geworfenen Klamotten und wischt sich mit der flachen Hand die trocknenden Flüssigkeiten von den Schenkeln. Als ich mich zu ihr setze, merke ich, dass sie nach Schweiß riecht. Ich reiche ihr den Schnaps, sie lehnt kopfschüttelnd ab. Ich überlege, ob ich jetzt gehen sollte, nach Hause in mein Bett. Doch ich kann nicht gehen. Es ist zu weit weg, es würde die gesamte Nacht dauern. Noch immer schaut sie an sich herab, streicht über ihren Bauch, über ihr Brüste, die im sterilen Kellerlicht lange Schatten auf ihren Körper werfen. Im Radio läuft ihre Musik, die ich nicht mag, die ich hasse. Oft haben wir darüber diskutiert. Sie gehe am besten dazu ab, sagte sie stets, mich lenke sie ab, erwiderte ich dann. Das spielte keine Rolle, das war ihr egal, und schließlich lächelte sie und sagte, dass ich so süß aussehe, wenn ich mich aufrege. Dann küsste sie mich. Nun hören wir ihre Musik. Sie küsst mich nicht, sie sucht Unreinheiten an ihrem Körper. Sie findet, sie kratzt. Ich drehe mir noch eine

Hannes Pogorzelski

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Zigarette und lege mich auf den Rücken, das Deckenlicht blendet. Der Rauch kringelt sich, ist mal blau, mal grau. Mit der Hand suche ich die Decke und deute ein Gähnen an. Sie streckt sich, dann schaut sie mich an und flüstert: »Ich liebe dich«. Ich erwidere nichts, schaue sie an und versuche zu lächeln. Mit dem Zeigefinger streicht sie mir über die Stirn, nimmt mir die Zigarette weg und drückt sie aus. Ihr sei kalt, jammert sie und ich reiche ihr die Decke. Arschloch, sagt sie und steht auf, wahrscheinlich geht sie zur Toilette. Ich schlafe ein. Wie immer.


anne bünning

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Er betrat den gemütlich eingerichteten Raum, aus dem der Inhaber mehreres zugleich hatte machen wollen. Ihn säumten eine sperrige Werkbank, zwei klobige Schreibtische sowie unzählige Arbeitsflächen und eine Vitrine. Karl Lange überraschte vor allem das geordnete Chaos, das den Raum erst so bequemlich werden ließ. Die vergilbte, alte Tapete mit ihren verblichenen Ornamenten war übersät von unzähligen gerahmten Bildern. Von Violinen, Kontrabässen, Lehrmeistern und ihren Schülern. Besonders fiel ihm eine detaillierte Zeichnung eines Geigenkorpus’ auf, die neben der Werkbank hing. Auf jener lag noch ein Büschel Pferdehaar, das darauf wartete, Teil eines Bogens zu werden. Der Violinenbaumeister folgte ihm. »Sie möchten also eine neue Geige kaufen.«, resümierte er ihr kurzes Gespräch. Etwas funkelte in seinen Augen, erlosch aber sofort wieder. »Richtig.«, antwortete Karl. Der Meister reckte seinen Kopf, sandte einen Blick aus den belehrenden Augen und nickte schließlich. »An welche Preisklasse dachten Sie?« »An keine.«, erwiderte Karl und sah den Meister abschätzend an. »Ich lege eher Wert auf Rarität und…« – »Herkunft der Violine?«, vervollständigte der Meister. »Nun, gewiss. Ich denke, da habe ich etwas für Sie.« Der korpulente Meister verschwand und ließ den Käufer allein zurück. Dieser nutzte die Zeit, den Raum zu durchstreifen, aber nichts

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darin ließ auf die Qualität des Meisters schließen, außer einem unscheinbaren Zertifikat an der Wand und der Berechtigung dazu, Herkunft und Art einer Geige bewerten zu können. Er stöberte weiter, und der Geigenbauer fand ihn schließlich vor der Vitrine stehend, in der einige Violinen aufgereiht waren. Der Meister legte einen einzelnen, edlen Violinenkoffer auf die Samtunterlage des Tisches. Als er näher herantrat und Anstalten machte, den Koffer zu öffnen, bemerkte Karl, wie die Hände des Meisters zitterten und einige Male von dem Verschluss abglitten, was der Violinenbauer jedoch nur mit einem fahrigen Lächeln quittierte. Als er den Deckel schließlich aufklappte, beugte Karl sich weit über den Koffer und musterte das augenscheinlich edle Instrument auf dem schwarzen Samt. »Wer spielte sie?«, fragte er. Der Meister lächelte verbindlich, hohl, und in seine Augen trat der alte Glanz. »Paganini.« Erst verschlug es Karl die Sprache, dann sagte er nur tonlos: »Lächerlich.« »Das bezweifle ich.«, beharrte der Meister und reichte ihm eine Herkunftsbescheinigung, die alt und somit glaubwürdig aussah. Anstatt einer barschen, anzweifelnden Frage entgegnete Karl: »Wie viel würde sie mich kosten?« »Zehntausend.« »Fünftausend.«, steuerte Karl entgegen. »Zehntausend! Paganini spielte sie!« »Wenn er sie wirklich gespielt hätte, würden Sie sie nicht für zehntausend verkaufen.«, konstatierte Karl trocken und runzelte die Stirn. »Sie wollen mich über den Tisch ziehen.« »Aber es stimmt!«, brummte der Meister unbeirrt. »Und genau das ist das Problem.« Karl hob in gespielter Überraschung die Augenbrauen an, sodass sein Gesicht nicht hätte blasierter sein können. Der Meister achtete nicht darauf.


Ammenmärchen Anne Bünning 17 Jahre

»Jeder, der nach Paganini das Instrument spielte, starb.« Die Augenbrauen sanken herab, während Karl die Mundwinkel zu einem Grinsen verbog und erwiderte: »An dieses Ammenmärchen glauben Sie?« »Ich will Sie nicht vom Kauf abhalten, Herr Lange, im Gegenteil. Trotzdem kann ich Ihnen nicht verhehlen, dass sie mich beunruhigt. So lange sie hier ist, fühle ich mich unwohl.« Er blickte Karl mit dem Mut eines dickköpfigen, verängstigten Mannes freiheraus in die Augen. »Diese Geige ist also mit einem Fluch belegt«, spottete der Mann und erwiderte den Blick gleichmütig. Der Meister entfernte sich einige unauffällige Schritte vom Schreibtisch und sagte: »Man nannte Paganini den Teufelsgeiger.« »Oho, jetzt hat der werte Paganini auch noch einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.« Karl setzte lachend zu einer Geste an, als wolle er sich an die Stirn tippen, unterließ es aber in letzter Gewahrung einiger Höflichkeiten. Dann betrachtete er wieder das Instrument, dessen Holz im Schein einer nahen Lampe weich schimmerte. »Geben Sie mir Violine und Bogen. Ich möchte diese teuflische Geige gern spielen und sehen, ob ich sterbe.« Der Meister warf ihm einen Blick zu, der den Leichtsinn des Mannes offenkundig verurteilte, schob aber den Koffer dichter zu ihm, ohne die Geige anzurühren und ihm zu reichen. Karl nahm sie vorsichtig heraus, betrachtete die malerischen Kurven des Korpus, den schlanken Hals und die geschwungene Schnecke. Der Meister beobachtete in angstvoller Erwartung, wie Karl den Bogen auf die Seiten legte und eine melancholische Melodie anstimmte, die schnell rasanter und leidenschaftlicher wurde. Als er den Bogen absetzte, stand Triumph in Karls Augen. »Ich fühle mich noch recht lebendig.«, sagte er. Der Meister wich seinem spottenden Blick nicht aus. »Und im übrigen möchte ich die Violine gern kaufen. Fünftausend sagten Sie?« »Eigentlich zehntausend«, beharrte der Meister. »Dafür, dass Sie die Geige loswerden wollen, stellen Sie zu hohe Ansprüche und ich dachte, das wollen Sie.« Der Meister verbiss sich seinen Zorn, rang mit seinem Stolz und setzte sich schließlich an den Schreibtisch, um

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die Rechnung zu schreiben. »Herrlich.«, kommentierte Karl lächelnd. »Vielen Dank für so ein herrliches Geschäft.« Die Wochen vergingen und die Beunruhigung des Meisters hatte sich gelegt. Gerade trat eine Kundin ein und er war bester Dinge, bis er den Violinenkoffer sah, den sie bei sich trug. Wortlos starrte er darauf. »Ich möchte die Geige aus testamentarischen Zwecken schätzen lassen.«, erklärte die Frau.


Trüb

TRÜB 19 Jahre

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Das Warten ist eine Krankheit Die mich bevorzugt nachts befällt Oder wenn die Sonne scheint Hinter Wolken

Klaus Hausbalk

klaus hausbalk

Sie lähmt sie sitzt Auf Betten und auf Treppen Noch nie sah ich sie liegen Oder stehen auf einem Stuhl Oft inspiziert sie ihre Fingernägel Oder lässt ihre Hände durch die Haare gleiten So braucht sie nicht zu sehen Was vor ihren Füßen ist Wenn sie bis morgen aufgestanden ist, will sie viel tun Sie sitzt ruhig Sie will nicht gehen, will nicht bleiben Also bleibt sie Das Warten ist eine Krankheit Die mich bevorzugt nachts befällt Sie bleibt bis es heller wird Oft schwärzt sie meine Fenster

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SIE KUSCHELT GERN MIT BÜCHERN laura sternbeck 19 Jahre

Wenn sie ein Buch liest, kann man an ihr sehen, was im Text passiert. Tanzen die Menschen oder wird Musik gespielt, wippt sie mit. Liest sie gerade eine Verfolgungsjagd, bleibt sie keine Minute lang still. Sie wirft sich mit dem Bauch auf die Couch, dann steht sie auf, um das Buch auf einen Hocker zu legen und sich davor zu knien, um im nächsten Moment vor Freude zu klatschen, wenn eine Wendung der Geschichte ihr gefällt. »Ich wusste es! Ich wusste es!«, tönt es mit einem Mal aus der Stille, dann hatte sie bei einem Krimi die nächste Tat des Mörders vorausgeahnt. Hat sie die letzte Seite des Buches gelesen, behält sie es noch lange in der Hand und sitzt einfach nur da. Ganz still. Stunden kann sie vor den Regalen im Laden stehen, einen Titel nach dem anderen lesen, um auch ja keinen interessanten zu verpassen. Wenn sie einen widerständigen Leckerbissen gefunden hat, riecht sie bereits im Laden daran. Sie öffnet es in der Mitte und senkt ganz vorsichtig die Nase zwischen die Seiten. Vorsichtig, denn es darf kein Knick im Buchrücken entstehen. Wenn dann mal kein Geld da ist, für dieses neue Buch, dann schaut sie mich an und drückt ihr Gesicht an den Buchdeckel, wie eine Katze, die einem schnurrend um die Beine streicht. Keine zwei Minuten und


Sie kuschelt gern mit Büchern

sie hat mich überredet, ihr das Buch zu schenken. Dann bin ich ihr Bester und freudestrahlend bekomme ich einen Kuss, damit sie mich danach umso freudiger aus dem Laden ziehen kann. Stolz trägt sie die Tüte nach Hause und schaut immer wieder hinein, ob das Buch wirklich noch da ist. Bereits in der Straßenbahn rutscht sie auf dem Sitz hin und her. Damit gibt sie mir einen Vorgeschmack auf die Geschichte, die sie mir in den nächsten Tagen erzählen wird.

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17 Jahre Paul Ahlert Der Heuchler

DER HEUCHLER paul ahlert 17 Jahre

In einem Zimmer in Paris Gelegen an der schönen Seine Da lebte einsam ein Marquis Den alle Leute gern gesehn Weil er für sein Vaterland Einst als General einstand Und treu zum König hielt Die Bauersleut und Bürger rang er blutig nieder auf Gebot des Königs, gnadenlos bezwang das Volk er, brachte bittren Tod doch als Bürger Robespierre schlug das königliche Heer verriet er seinen Herrn In einem Zimmer in Paris Gelegen an der schönen Seine Da lebte einsam ein Marquis Den alle Leute gern gesehn Weil er für sein Vaterland Einst als General einstand Und treu zum Volke hielt

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René Dähne

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Nachtruhe

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Ich schreckte aus meinem tiefen Schlaf hoch. Über mir polterte es und die Musik war so laut, dass sie vermutlich die ganze Nachbarschaft aufweckte. Ärgerlich zog ich mich an und ging zum Mieter über mir. Wahrscheinlich feierte Herr Petson wieder eine seiner berühmten Sauforgien. Die Musik wurde immer lauter. Die Tür stand einen Spalt weit offen, kaum mehr als drei Finger breit. Der Gestank von Alkohol und Zigaretten stach in meiner Nase. Mein Kopf fühlte sich wie eine vollgestopfte Disco an. Durch den Qualm und den donnernden Bass erbrach ich beinahe mein fast verdautes Abendessen. Bier und Tabak kann ich nicht ausstehen, und so mied ich den Kontakt zu solchen Leuten so gut es ging. Ich sah durch den kleinen Spalt und ein schrecklicher Anblick offenbarte sich mir. Schnapsflaschen lagen in dem mir sichtbaren Wohnraum verstreut. Die Aschenbecher quollen über und die Betrunkenen schubsten sich durch die Wohnung. So ein Ausmaß hatte ich noch nie gesehen. Ich schreckte zurück. Es sah so aus, als hätte hier das Drogenmonster persönlich gewütet. Sein Atem roch nach Kippen und sein Schweiß war stechender Whiskey. Ich schaute noch einmal durch den Spalt, aber es stimmte tatsächlich. Geschockt ging ich zurück in den 2. Stock und glaubte, dass mich das Monster verfolgte. Außer Atem schmiss ich die Tür hinter mir zu und schloss doppelt ab. Nachdenklich und ängstlich rannte ich in meiner kleinen Wohnung hin und her. Der Gestank des Monsters klebte wie ein Pflaster an mir.

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Die ganze Nacht blieb ich wach, denn das Ungetüm kratzte unerlässlich an meiner Tür.


Helden

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Svenja Simon

svenja simon

18 Jahre

Jedes Wort muss mehrmals überdacht werden, bevor es langsam getippt auf dem Bildschirm erscheint, jedoch nach wenigen Minuten schon wieder gelöscht wird. Mit einem genervten Laut fährt er sich mit seiner Hand durch das dünne Haar, den zerkauten Kugelschreiber dabei zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt. Der Bildschirm flimmert ihn dumm an und zeigt den angefangenen Satz, welcher geduldig auf seine Vollendung wartet. »Der Verlag sitzt mir im Nacken.«, denkt er gestresst und flucht. Eine Fliege paddelt im Wasserglas neben dem Computer um ihr Leben. Als er das leise Knarren der Zimmertür hinter sich hört, murmelt er: »Ich habe doch gesagt, du sollst nicht stören, wenn Papa arbeitet.« Er bekommt vorerst keine Antwort, weil sein Sohn traurig zu Boden blickt. »Ich bin müde… kannst du mir eine Gute-NachtGeschichte vorlesen?« Der Blick des Vaters wandert zur Uhr an der Wand, obwohl er weiß, dass sie stehen geblieben ist. Die Zeiger verkünden 3 Uhr. »Entschuldige, ich komme sofort.«, nuschelt er, als er sich erhebt. Auf dem Weg zum Kinderzimmer berichtet der Kleine aufgeregt von seinem Tag, oder besser gesagt, von dem Tag seiner Freunde. »Robert hat gestern mit seinen Eltern Mamalade und Papalade gemacht! So nennt man das, wenn man Marmelade zusammen mit Mama und Papa macht!«, plappert er stolz über die neue Erkenntnis. »Ich will das auch mal machen!« Doch nun zögert der Junge kurz.

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»Also… nur Papalade.« Schweigend geht er weiter und merkt nicht, wie sein Vater kurz innehält und zu Boden blickt. Im Zimmer des Sohnes angekommen, schlüpft der Kleine schnell unter seine Bettdecke und streckt ihm das alte Geschichtenbuch über Ritter und Drachen entgegen. Obwohl der Vater in Gedanken gerade bei dem unvollendeten Satz ist, versucht er die Geschichte so spannend wie möglich zu erzählen, erhebt als Ritter die Stimme und lässt den Drachen durch das Kinderzimmer stampfen. »Ich wäre auch gerne ein Held! Der Drachen erschlägt und Prinzessinnen rettet!«, ruft der Junge am Ende der Geschichte und macht eine Handbewegung, als würde er ein unsichtbares Schwert schwingen. Der Vater lächelt. Er muss an einen Satz denken, den er einmal in einem Buch gelesen hatte. »Ein Held ist man erst, wenn man von jemandem so genannt wird.«, spricht er laut aus. »Och…«, antwortet der Kleine missmutig und vergräbt sein Gesicht im Kissen. Er schmollt. »Warum denn so enttäuscht?«, fragt der Vater, als er die Decke über seinem Sohn zu Recht zieht. Die bunten Phantasiewesen darauf grinsen ihn zerknittert an. »Wer sagt denn, dass dich niemand einen Helden nennt?« Die Augen des Jungen funkeln aufgeregt. Er richtet sich ruckartig auf und macht seine Decke wieder unordentlich. »Wirklich?! Wer tut es denn?« Der Mann lächelt, als er antwortet: »Ich.« »Mensch, Papa…«, nörgelt der Kleine und legt sich wieder hin, »… du alberst doch nur rum.« Nachdem der Junge eingeschlafen ist, kehrt der Vater in sein Arbeitszimmer zurück, setzt sich noch einmal an den Bildschirm. Er betrachtet nachdenklich den angefangenen Satz und löscht diesen. »Ich könnte eine Heldengeschichte schreiben.«, geht es ihm durch den Kopf, als er den Computer ausschaltet und beschließt, ins Bett zu gehen.


fynn thorge thomsen 13 Jahre

Fynn Thorge Thomsen 13 Jahre

Die ganze Welt guckt auf Deutschland. Zu dem Großereignis sind sogar Kamerateams aus Amerikanisch-Samoa angereist. Zum G8-Gipfel! Dieses Jahr findet er nicht in Seattle, Rom oder Paris statt. Sondern am Arsch der Welt, in Heiligendamm. Von überall her reisen die Leute an, um eins der größten Bauwerke aller Zeiten zu sehen: den legendären Zaun, bei dessen Anblick sich so mancher an seine Jugend in der DDR erinnert. Auch Otto, Kalle und Josh sind an die Ostsee gekommen, um das G8-Feeling mitzuerleben. Die drei kommen aus einem kleinen Dorf, das jenseits von gut und böse und allen Nachrichtenwegen liegt. Dort war vor kurzem ein verirrter Wanderer vorbeigekommen, der bei einer geselligen Runde und ein paar Bieren vom Gipfel erzählte. Da sie nur eine geringe Auffassungsgabe besitzen, hatten die Drei von seiner Rede nicht viel mitbekommen. Nur, dass dort viel los sein müsste und man mal wieder richtig auf den Putz würde hauen können. Dort mussten sie hin. Also nichts wie rauf auf die Mofas und mit 180 auf der Landstraße Richtung Norden. Dort schließen sie sich kurzerhand einer Reisegesellschaft von schwarz gekleideten Leuten mit vermummten Gesichtern an, die bis zum Zaun wollen. Solche Menschen hatten die Drei noch nie gesehen. Doch etwas stiften gehen, das hört sich gut an.

Pilgerfahrt nach Heiligendamm

PILGERFAHRT NACH HEILIGENDAMM

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13 Jahre Fynn Thorge Thomsen Pilgerfahrt nach Heiligendamm

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Am Zaun treffen Kalle Josh und Otto viele andere Leute, einer merkwürdiger als der andere. Auf der einen Seite Menschen, mit ungepflegten, zotteligen Haaren und in Lumpen gehüllt. Auf der anderen Seite ein Heer von kahlköpfigen Männern, die die Arme hebend Lieder grölten. Zu guter Letzt waren da noch Leute, die ganz normal aussahen und mit Trillerpfeifen und mit riesigen Plakaten am Zaun entlang zogen. Dort nehmen sich viele einen Pflasterstein als Souvenir, der aber sofort wieder weggeschmissen wird. Meist wird dabei einer der zahlreichen grünen Sicherheitsleute getroffen, die die vielen Geschenke umwerfend finden. Kalle, Otto und Josh denken, das wäre hier Brauch und machen ebenfalls mit. Auf einmal wird Kalle von zwei Polizisten zu Boden geworfen und mitgenommen. Otto und Josh bleiben verwundert stehen und fragen sich, ob ihr Freund jetzt ein Dankeschön für die vielen Geschenke bekommen wird, die er verteilt hat. Dennoch machen sie sich furchtbare Sorgen um ihn, denn sie wissen nicht, wo er ist. »Wahrscheinlich«, meint Otto, »hat man ihm eine Besichtigung des Hotels angeboten, von dem hier überall die Rede ist.« »Genau, lass uns auch versuchen, ins Hotel zu kommen, denn ich möchte es auch einmal sehen, bevor wir wieder nach Hause fahren.« Deswegen werfen sie gleich die doppelte Anzahl an Pflastersteinen. Schließlich kommt ein Dutzend Beamte und nimmt die Beiden mit. Zuerst sperrt man sie in einen geräumigen Polizeiwagen, wo sie Kalle wiedertreffen. Auch einige Leute aus der Reisegruppe sehen sie dort wieder. Der Wagen setzt sich in Bewegung und alle werden ganz unruhig, da sie sich auf das Hotel freuen. Am Hotel angekommen, beginnen einige ihrer Mitfahrer zu treten und zu schlagen, als man sie aus dem Wagen heraus geleitet. Kalle, Josh und Otto denken, dies sei eine Sitte zur Begrüßung, denn die Ostseer scheinen ja ein komisches Völkchen zu sein. Deswegen beginnen auch sie um sich zu hauen. Auch dieses Mal werden sie zu Boden geworfen. Jetzt bekommen sie sogar als kleine Aufmerksamkeit


Fynn Thorge Thomsen

Noch Jahre später erzählen die Drei von damals. Denn sie waren dabei. In Heiligendamm.

Pilgerfahrt nach Heiligendamm

seltsame, silberne Ringe um die Handgelenke, die mit einer schönen, glänzenden Kette verbunden sind. Alles in allem gefällt es den Dreien im Hotel ganz gut. Ohne danach fragen zu müssen, dürfen sie eine Nacht hier verbringen. Doch am nächsten Morgen werden sie dazu genötigt, das Gebäude zu verlassen und kehren nach Hause zurück.

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19 Jahre Torsten Steinbrecher

torsten steinbrecher

Uraufführung

URAUFFÜHRUNG 19 Jahre

I — Die Sonne versteht unsere Komödie nicht. Und lacht trotzdem. Wir führen uns auf wie Idioten. Es ist ein verbissenes Lachen, Ein beißendes. Irgendwann wird es nur noch Schornsteine geben. Aber kaum noch Krabbelkäfer. Die Regie sieht das vor. Dann werden sie Ausatmen verbieten. Mal’ mir ne Regenwolke auf den Bauch! Wird dann an die hellgrauen Wände geschrieben sein Und Winter, Matsch, erkältet sein Steht vorn auf dem Tuikatalog. Wir sind sozial. Wenn man uns einen Grund gibt, Kritisieren wir zuerst uns selbst Und dann die anderen. Was ist, wenn die anderen asozial sind? Sie halten uns ständig unsere Fehler vor,

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19 Jahre

Wir brauchen einen Gott. Etwas, woran wir glauben können. Die Regie sieht das vor. Es ist doch seltsam. Den Fernseher nicht auf stand by, sondern ganz auszuschalten, Vermittelt ein viel besseres Gefühl Als ihn gar nicht erst angeschaltet zu haben.

Torsten Steinbrecher

II — Es gibt immer etwas zu sparen. Manchmal sind es Fragen. Manchmal sind es Erklärungen. Diesmal ist es Strom.

Uraufführung

Damit wir nicht aufhören, Uns selbst zu kritisieren.

Wir führen uns auf wie Idioten. Jene, mit denen wir ein anderes Stück spielen könnten, Warten noch auf ihre Gage.

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Name

xx Jahre


Name xx Jahre

alexander wnuck von lipinski anne brockmann cora verdenhalven gerda thürling jördis wölk julia heckmann katharina müller klaus hausbalk mareike dottschadis ulrike gatz alexander knöll

winter — sommer

2006 dorothee wimmer henning taeger marina schwabe sarah pansow sophie franke sophia steindel ulrike gatz sascha macht anne-kathrin schoerner andreas stange

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Name

xx Jahre

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17 Jahre Dorothee Wimmer Sonnenblumen auf dem Sarg

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SONNENBLUMEN AUF DEM SARG dorothee wimmer 17 Jahre

Gemeinsam mit meinen Eltern betrete ich das Gelände des Bestattungsinstitutes, in dem die Trauerfeier um meinen Großvater stattfinden soll. Meine Tante kommt uns schon auf dem Parkplatz entgegen. Andere, schwarz gekleidete Verwandte stehen in kleinen Gruppen vor der modernen Trauerhalle. Viele von ihnen habe ich lange nicht gesehen, ja, eigentlich alle. Die meisten zuletzt auf dem 80. Geburtstag meines Großvaters. Die Begrüßung fällt leise aus. Viel wird nicht geredet. Aus dem Raum, in dem der Sarg steht, dringt Streichermusik. »Gut, dass wir keine Streicher sind, sonst müssten wir jetzt auch üben«, meint meine Cousine und grinst ein wenig. Ich lächle zerstreut. Noch fängt die Trauerfeier nicht an und ich gehe zu dem schmalen Wasserbecken, das vor der Trauerhalle steht. Es ist mit grauweißen Steinen eingefasst. In seiner Mitte steht ein steinerner Würfel, aus dem ein wenig Wasser sprudelt. Die Gräser an seinem Rand sind trotzdem vertrocknet. Neben dem Becken stehen in regelmäßigen Abständen grau-weiße Steine. Ich setze mich auf einen von ihnen und sehe dem Wasser zu, wie es schwach sprudelt, sich in das Becken ergießt und durch den Überlauf abfließt. Meine Mutter setzt sich auf den Stein rechts von mir. Vielleicht weint sie. Ich zögere, ob ich zu ihr hingehen soll. Stattdessen stehe ich auf, denn die Trauerfeier fängt


Sonnenblumen auf dem Sarg Dorothee Wimmer 17 Jahre

gleich an. Bevor ich in die Trauerhalle hineingehe, spreche ich meinen Onkel an, da ich mich nach einem Stück Normalität sehne. Ich frage, wie es seinen Katzen gehe. Er erzählt, dass eine eingeschläfert werden musste, eine, die er 16 Jahre lang gehabt hatte. Ich frage mich, ob es unpassend ist, jetzt darüber zu reden, ist doch mein Großvater der, um den wir trauern. Wir gehen in die Halle hinein. Schon nach ein paar Schritten habe ich den Drang, wieder raus rennen zu wollen. Ich bekomme einen Platz zugewiesen zwischen meiner Cousine und meiner Tante. Irgendwie fühle ich mich unbehaglich. Werde ich weinen können, ohne mich vor ihnen zu schämen? Zuhause habe ich viel geweint, doch ich weiß, dass es nicht nur meinem Großvater galt. Die Tränen, die ich um ihn weinte, haben andere, ungeweinte Tränen geweckt. Ich schaue auf den Sarg und versuche, mir meinen Großvater vorzustellen. Doch ich schaffe es nicht, den Sarg mit ihm in Verbindung zu bringen. Auf einmal wird mir klar, dass ich auf der Reise hierher glaubte, etwas über ihn zu erfahren, um zu wissen, um wen ich trauere. Während die Orgel anfängt zu spielen, versuche ich mich auf meinen Großvater zu konzentrieren, auf die wenigen Erinnerungen, die ich an ihn habe. Doch so sehr ich auch suche, ich finde keine Trauer, nur eine unerklärliche, völlig unangemessene Freude. Oder ist es Erleichterung? ‚Er ist nur ins Wasser geglitten, nachdem er lange am Ufer lag’ denke ich und wünsche, ich könnte diesen Satz aufschreiben. Stift und Notizbuch habe ich in meiner Jacke, die auf meinem Schoß liegt, doch ich wage es nicht, sie herauszunehmen. Die Orgel spielt weiter, doch jetzt singt jemand dazu. Ich weiß nicht, ob ich bei einer Trauerfeier singen könnte. Ich sehe mich in der Halle um. Dabei streift mein Blick den meiner Tante, die schnell wegsieht. Vorne stehen ein Rednerpult und der Sarg, auf dem ein Strauß Sonnenblumen liegt. Im Dach ist ein viereckiges Fenster, durch das Licht herein scheint. Die Strahlen streifen ein Kreuz. Merkwürdig, schließlich ist das keine Kirche hier. Über dem Rednerpult an der Wand sind zwei Lichtflecken. Der Linke ist

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ein Quadrat, der Rechte ist an einem Ende schräg abgeflacht, wie ein Autofenster. Als die Orgel schweigt, steht mein Onkel auf, geht nach vorne zum Rednerpult und liest einen Brief vor. Der Bruder meines Großvaters hat Erinnerungen aufgeschrieben. Ich lausche gespannt. Manchmal erscheint es mir zu beschönigend, aber das ist wohl so üblich bei Trauerfeiern. Nachdem er den Brief zu Ende gelesen hat, geht mein Onkel wieder auf seinen Platz. Es wird ruhig. Keiner spricht. Keiner weint laut. Lange wage ich es nicht, mich zu schnäuzen, so still ist es. Nun habe ich doch ein wenig weinen können, doch nur ein paar stumme Tränen. Mein Schluchzen habe ich unterdrückt und dadurch Kopfschmerzen bekommen. Wieder habe ich das Gefühl, hinauslaufen zu müssen oder wenigstens zu schreien. Was wohl passieren würde, wenn ich es täte? Wahrscheinlich würden sie sich Sorgen um mich machen. Also schweige ich. Betrachte das Kreuz, die Lichtflecken an der Wand, und warte. Endlich steht jemand auf und sagt, dass wir noch ein Lied singen. Als die Orgel anfängt zu spielen, fange ich an zu weinen. Der Gesang wirkt schwach, da nur wenige mitsingen. Ich würde ihn gern verstärken, doch ich schaffe es nicht. Irgendwann fehlt mir auch der Text. Doch die Musik gibt mir die Stimmung, die ich brauche, um zu trauern, ohne zu wissen warum und ohne schreien zu müssen. Als das Lied zu Ende ist, geht ein Teil der Leute aus der Halle hinaus. Die anderen gehen nacheinander nach vorne, und verharren eine Weile vor dem Sarg. Ich bleibe auch noch. Am Sarg stehend, bitte ich meinen Großvater um Verzeihung, dass ich nicht um ihn trauern kann. Zögernd nur wende ich mich ab und verlasse als Letzte den Raum. Draußen setze ich mich auf einen Stein vor dem Wasserbecken. Das Wasser sprudelt und ich kann weinen, so laut wie ich will. Um meinen Großvater, den ich nie wirklich kennen lernen werde.


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Henning Taeger

henning taeger

17 Jahre

Sanft klangen die letzten schwermütigen Töne des Stückes nach. Widerwillig öffnete der alte Joe die Augen, setzte sein Saxophon ab und lächelte leicht gequält ins Publikum, welches verhalten klatschte. Dies war sein wahrscheinlich letzter Auftritt gewesen. Nach knapp drei Jahrzehnten musste er den Club schließen, weil die Besucher wegblieben. Joe fühlte sich krank und es fiel ihm sichtlich schwer, die Bühne zu verlassen. Das Saxophon, welches ihn über die Jahre hinweg begleitet hatte, legte er behutsam in den Koffer zurück. Die wenigen Gäste kannte er alle beim Namen. Doch waren sie schon alt und kamen nur noch aus Gewohnheit in den Jazzclub des alten Joe. Unter ihnen befand sich diesmal ein junger Bursche, den Joe nicht kannte und auch nie zuvor gesehen hatte. Überrascht und erfreut sah der alte Musiker Verzückung in den Gesichtszügen des Jungen, der gerade wieder in die reale Welt zurückzukehren schien. Joe bemerkte einen schwarzen Koffer zu den Füßen des Burschen. Der Junge lächelte schüchtern, als er den Blick des Musikers auffing. Dieser neigte leicht den Kopf zur Seite und lächelte zurück. Dann schien der Jüngere einen Entschluss gefasst zu haben. Leichthin ergriff er seinen Koffer und ging zielstrebig auf Joe zu, der sich an einen der runden Tische seines Lokals gesetzt hatte. »Mr. Connelly?«, fragte der Junge zögernd, als er den Tisch erreichte und davor stehen blieb. Joe nickte. »Mein Name ist Sean. Darf ich mich zu ihnen setzen?« Joe nickte abermals. Sean setzte sich dem alten Mann gegenüber und rutschte aufgeregt hin und her.

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17 Jahre Henning Taeger o. T.

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Der Musiker betrachtete den Jungen genauer. Er hatte kurze, braune Haare und einen wachen Blick, der selbst zu dieser späten Stunde aufmerksam durch den Club streifte. »Nun?«, fragte Joe interessiert. Er war gespannt auf Seans Anliegen. Der Junge holte tief Luft und begann mit klarer Stimme zu erzählen. Er redete über Musik. Wie er den Jazz und den Blues kennen und lieben lernte. Wie er nachts am Fenster stand und mit geschlossenen Augen Saxophon spielte. Wie er sich in die Clubs schlich, um diese Musik live zu erleben. Während er erzählte, leuchteten seine Augen und sein Gesicht glühte vor Euphorie. Sein Monolog wurde nur manchmal von Joes Zwischenfragen unterbrochen. Als Seans Geschichte endete, war schon ein Großteil der Gäste gegangen. Joe schwieg. Vieles hatte ihn an seine eigenen frühen Jahre erinnert. Der alte Musiker musste unwillkürlich grinsen und fragte aus einer Laune heraus: »Wie alt bist du, Junge?« Sean lächelte nervös: »Siebzehn«, antwortete er leicht errötend. »So so?«, meinte Joe, der die Augenbrauen skeptisch in die Höhe zog. Seine Mundwinkel zuckten. Eigentlich durfte er keine Minderjährigen in sein Lokal lassen, doch heute war sein letzter Tag, weshalb es ihn wenig kümmerte. »Mary!«, rief er mit lauter Stimme. Sean zuckte zusammen, als wenn er gescholten worden wäre. Eine kleine, ältere Kellnerin kam zu ihrem Tisch getrippelt. »Ein Whisky on the Rocks und – «, Joes Blick wanderte über das erschrockene Gesicht des Jungen. Nun konnte er sich das Grinsen nicht mehr verkneifen: »Eine Cola«, vollendete er den Satz. Mary ging davon, um das Gewünschte zu holen. Sean räusperte sich und sagte höflich: »Ich weiß, dass ich noch nicht volljährig bin, doch ich hörte, dass sie ihren letzten Gig spielen. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.« Joe lächelte, dann bekam er einen Hustenanfall. Sean stand besorgt auf, umrundete mit schnellen Schritten den Tisch und klopfte dem alten Musiker mit kräftigen Schlägen auf den Rücken. »Danke«, sagte Joe heiser, als er sich wieder beruhigt hatte. Der Junge kehrte zu seinem Platz zurück und nahm das Gespräch wieder auf. Währenddessen nippte er an seiner Cola. Die Zeit verging und


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als Mary erklärte, sie werde jetzt ihre Schicht beenden, schaute Joe auf und stellte überrascht fest, dass alle Gäste gegangen waren. Der alte Musiker nickte. Mary gab ihm einen Kuss auf die Wange und flüsterte: »Du findest bestimmt bald was anderes bei deinem Talent.« Dann drehte sie sich um und verließ den Club durch den Hausausgang. Joe schien kurzzeitig seinen Gesprächspartner vergessen zu haben, denn sein Blick glitt sinnend durch das leergefegte Lokal. Dann, langsam, doch drängend, kam ihm ein Gedanke. »Hättest du Lust«, begann er bedacht, den Blick wieder auf Sean geheftet, »mit mir zu improvisieren?« Es war, als hätte der Junge nur auf diese Frage gewartet. Seine Augen sprühten vor Freude. »Ja, Sir, ja, es gibt nichts, was ich lieber täte!« Joe lächelte und deutete auf den schwarzen Koffer des Jungen. »Ich schätze, du hast dein Instrument mitgebracht?«, sagte er. Sean nickte. Der Junge besaß ein Standardmodell, wie der Musiker mit einem raschen Blick feststellte, als Sean sich mit umgeschnalltem Instrument neben ihn auf die Bühne stellte. Er war sichtlich nervös, doch als Joe ihm ein aufmunterndes Lächeln zuwarf und mit dem Spielen begann, befand sich Sean wieder in seiner eigenen Welt. Joe spielte mit geschlossenen Augen. Seine Finger glitten zielstrebig über die Klappen des Saxophons. Eine schwermütige, sanfte Melodie flutete den Raum und der Junge setzte ein. Er fand sofort die richtige Tonart. Sein Spielstil war noch unreif, doch von einer unglaublichen Tiefe, die Joe bei vielen anderen Musikern vermisste. ,Großer Gott, der Junge ist erst siebzehn!’, schoss es dem alten Musiker durch den Kopf. Zusammen standen sie auf der Bühne. Ihre Instrumente harmonierten perfekt miteinander. Die Musik glitt durch das Lokal und setzte sich in jeder Ecke des Raumes fest. Joe hatte viele Gigs gespielt, immer mit anderen Saxophonisten improvisiert, doch schien es ihm, während er dem Jazz lauschte, er habe nie etwas Besseres gehört. Nach knapp zwanzig Minuten öffnete Joe die Augen und beendete mit einem tiefen G sein Spiel. Sean hielt einen Takt länger aus und ließ einen lang

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anhaltenden Ton erklingen. Dann blinzelte der Junge und schien aus einer Art Tagtraum zu erwachen. Joe nickte zufrieden und packte sein Saxophon wieder ein. »Das war großartig, Mr. Connelly!«, rief der Bursche begeistert. »In der Tat«, sagte Joe, »du bist ein Naturtalent, mein Junge.« Sean grinste: »Vielen Dank!«, sagte er und es schien ihm wirklich wichtig zu sein, was Joe von ihm hielt. »Ich denke«, meinte der alte Musiker, »wir sollten langsam schließen. Ich schätze, deine Eltern werden ziemlich sauer sein, wenn du erst vier Uhr nachts heimkehrst.« »Jaah«, sagte Sean, »sie werden mich wahrscheinlich umbringen.« Er feixte: »Doch das war es wert!« Joe fischte eine seiner Visitenkarten aus seinem Anzug und reichte sie dem Burschen. Der Musiker zwinkerte, der Junge nickte. Joe schloss die Tür mit einem leisen Seufzer und stellte den Kragen seines Mantels auf, um vor dem eiskalten Wind besser geschützt zu sein. Er hatte Sean nach Hause geschickt, denn dieser sollte nicht mehr Ärger bekommen, als notwendig. Der alte Mann zitterte, hustete und bemerkte, wie sein Herz sich schmerzhaft zusammenzog. »Der Junge wird eine Legende werden«, murmelte er. Dann machte sich der alte Joe auf den Weg.


19 Jahre

19 Jahre

In meinen Händen knistert leise die Zeitung von gestern. Im Sessel sitzend starre ich auf die Wohnungstür, horche bei jedem Klicken im Raum auf. Es könnte dein Schlüssel sein, der sich im Schloss dreht. Ich streife im Zimmer umher, beobachte den Mond. Die Wanduhr schlägt zwölf. Mit der Gießkanne gehe ich von Pflanze zu Pflanze. Die Erde in ihren Töpfen schwimmt schon. Ich zähle die Bücher im Regal und frage mich, ob du weißt, dass ich noch auf dich warte. Ich bin müde, will aber nicht schlafen, wenn du kommst. Auf dem Schachbrett in der Schrankwand steht schwarzer König neben weißer Königin. Wir sind ziemlich verschieden, hast du manchmal gesagt. Du hast mir noch nicht erzählt, dass du dich in einen anderen verliebt hast. Der Mond beobachtet mich und ich entscheide, dass du feige bist. Die Wanduhr schlägt halb eins und ich weiß, dass ich dich mag. Dann klingelt das Telefon. »Entschuldigung, ich wusste nicht, ob... «, stotterst du. »Kann noch später werden. Vielleicht bleibe ich auch gleich ... Also mach dir keine Sorgen.« Ich lege auf und starre die Wohnungstür an. Dann stelle ich den weißen König zur weißen Königin, den schwarzen König stecke ich in meine Hosentasche. Ich zähle die Bücher im Regal und frage mich, ob du weißt, dass ich noch auf dich warte.

Sascha Macht

sascha macht

Schwarzweiß

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18 Jahre Marina Schwabe

marina schwabe

Freutag

FREUTAG

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18 Jahre

Wir lernten uns kennen beim Tanz. Heute ist Freitag, unsere Stunde im Standardtanz endet, und er hakt mich unter. Wir laufen durch den winterlichen Görlitzer Park. »Freitag ist Freutag«, sagt er und kichert. »Wie blöde«, denke ich und lache mich schlapp. Ich küsse ihn. Jeden Freitag sehen wir uns, und die Aussicht auf zweimal 45 Minuten Walzer und Foxtrott mit ihm hilft mir über die Schulwoche. Heute sind wir wieder gelobt worden. Ich bleibe stehen. »Was ist nun mit Weihnachten?«, frage ich. Statt zu antworten, atmet er aus. Das macht mich böse, schon will ich nicht mehr darüber reden. Wir setzen uns auf eine Bank und schauen eine Weile, wie der Schnee fällt: nicht auf unsere Köpfe, denn ein Dach aus winterkahlen Ästen fängt ihn auf. »Willst du mich ärgern?« fragt er schließlich. »Ich will dich nicht ärgern, ich will Weihnachten mit dir feiern«, entgegne ich und werde trotzig, obwohl ich mir das doch abgewöhnen wollte. Er bleibt ruhig: »Das klappt doch nie mit deinen Eltern.« Ich rufe: »Die können mich mal!« viel zu laut, denn ich mag viel zu Lautes. »Ach komm«, sagt er, immer noch ruhig. Ich würde gern weglaufen. Ich finde wirklich nicht, dass er Recht hat. Er kennt meine Eltern nicht, und das ist gut so. Ich weiß, sie würden ihn wegschicken, nur wegen seines Alters. Ich weiß es einfach. Manchmal kommen mir Zweifel an uns: Ich bin zu jung für Standardtanz, er zu alt für bockige Mädchen, die Telefonhörer aufknallen.


Freutag Marina Schwabe 18 Jahre

Wir leben zwar im gleichen Takt, aber er tanzt mir immer neun Jahre voraus. Und doch sind wir ein gutes Paar. Wir beide wollen an Weihnachten sofort die besten Süßigkeiten vom Teller futtern. Es wäre dumm, das Leckerste aufzuheben, jemand könnte es wegessen. Ich liebe es, wenn er »Freitag ist Freutag« sagt. »Das ist doch alles Scheiße«, rufe ich wieder zu laut. Es macht mir nichts aus, dass sich das spazierende Pärchen zu uns umdreht, sondern nur, dass seine Hand meine loslässt. Jetzt erst sehe ich, dass es zwei Freunde von ihm sind. Er winkt ihnen zu. Sie lächeln ein wenig, es sieht mitleidig aus. Sie kommen nicht zu uns. Er schaut auf die Uhr. Ich schaue weg. »Du musst los. Was sagst du ihnen diesmal?«, fragt er mich, und ich zucke die Schultern. Mir wird eine Ausrede einfallen, so wie mir im letzten halben Jahr immer eine eingefallen ist. Ich lege mich zur Seite, die Füße auf die Bank und den Kopf auf seine Knie. Ich rolle mich zusammen. Sein Arm legt sich um meine Hüfte. Für einen Augenblick wünsche ich, es gäbe die Äste nicht, und der Schnee würde sich auf uns legen. Wir schneiten ein, Zentimeter um Zentimeter. Und wir würden nicht frieren.

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18 Jahre Sarah Pansow Wörter, die nach Chili schmecken

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WÖRTER, DIE NACH CHILI SCHMECKEN sarah pansow 18 Jahre

Sie verschlingt die Wörter, schüttet sie in sich hinein, es bleibt kein Nachgeschmack. Sie ist übervoll von ihnen und doch nicht satt. Er lässt sich die Wörter auf der Zunge zergehen, wendet sie hin und her, leckt sich die Lippen nach ihnen. Viele Geschmäcker kennt er schon, doch längst nicht alle. Jeder einzelne hat eine andere Nuance. Anis, Pfefferminz, Curry. Er führt Buch darüber, experimentiert, kombiniert verschiedene Geschmacksrichtungen neu. Das gewöhnliche Repertoire hat für ihn keinen Reiz. Aber aufgrund seiner Tüfteleien gelingt es ihm kaum, das von sich zu geben, was den anderen schmeckt. Oft bleibt er unverstanden oder seine seltenen Äußerungen werden überhört. Er weigert sich, seine facettenreichen Wortgebilde auf das Normalmaß zu reduzieren, auf die interessanten Gewürze zu verzichten. Er ist ein Gourmet. Ihr hingegen, die noch nie einen Gedanken an eine kunstvolle Kombination verschwendet hat, wird häufig zugehört. Ihre Gerichte sind gewöhnlich, vermitteln das Gefühl, nicht mehr hungrig zu sein. Da fällt es kaum auf, dass viele ihrer Worte ohne Geschmack sind. Sie hinterlassen ein Sättigungsgefühl, das es ihr unmöglich macht, neue, andere Richtungen testen zu können.


Wörter, die nach Chili schmecken

Er weiß, dass man sich an seine Gerichte nicht so leicht gewöhnen kann, deshalb bietet er sie nur im kleinen Kreis an, den Leuten, die genauso experimentierfreudig sind wie er. Sie sind zuverlässig und reden lange über seine Kreationen, fragen ihn sogar nach dem Rezept.

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17 Jahre Sophie Franke Kuh und Schaf

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KUH UND SCHAF sophie franke 17 Jahre

Sie und ich. Die Kuh und das Schaf. Spitznamen, die für uns perfekten Sinn ergeben und die vor Jahren entstanden sind, weil sie jeden Tag eine Tafel Milka Schokolade aß und weil Schafe die einzigen Tiere waren, die ich zeichnen konnte. Eigentlich sind wir gar keine Freunde. Ich weiß nicht, wie es ihr so geht oder warum sie die Schule schwänzt. Sie hat keinen Schimmer, in wen ich verliebt bin oder was ich nachmittags so mache. So etwas gab es nie zwischen uns. In Pädagogik und Bio sitzen wir nebeneinander und da verstehen wir uns trotzdem. Manchmal schlechter, weil ich im Unterricht aufpassen will. Manchmal richtig gut, weil ich mich auf ihre Worte einlasse. Meistens redet sie. Sie kann gut erzählen. Geschichten, von denen siebzig Prozent ausgedacht sind, um sie interessanter zu machen. Trotzdem höre ich immer wieder zu und versuche sie mit spontaneren und kreativeren Kommentaren zu überbieten. Kuh gegen Schaf und trotzdem haben wir Spaß, wenn einer verliert, weil wir uns noch über das gelungene Wortgefecht amüsieren. Dennoch bin ich stolz, wenn sie sprachlos ist. Heute hatte ich die Kuh gerne zum Schlachthof bringen wollen. In Pädagogik setzte sie sich neben mich auf den altbekannten Platz. Sie wollte meine Musik hören, meine neue Lieblingsband, die ich nicht mit ihr teilen wollte und ihr den Kopfhörer deshalb nicht gab. Sie spielte beleidigt und meinte, sie würde sich dann neben ihn setzen. Ihn.


Kuh und Schaf Sophie Franke 17 Jahre

Warum gerade ihn? Ich wusste nicht mal, dass sie sich richtig kennen. »Mach doch«, habe ich gesagt und gewusst, dass sie es tun würde. Einen verstohlenen Blick warf ich ihr zu, als sie sich neben ihm niederließ. Anschließend holte ich meinen Kalender heraus und schlug den heutigen Tag auf. ‚Ich hasse dich’ schrieb ich hinein und klappte den Kalender wieder zu. Es war mir egal, warum sie schwänzte und es war mir auch egal, dass sie mich ignorierte, wenn sie in der Pause bei ihren besseren Freunden stand. Aber dass sie sich zu ihm setzte, wollte ich ihr nicht verzeihen und ich dachte daran, zu Hause all die Zeichnungen mit den perfekten Schafen und verkrüppelten Kühen zu zerreißen und wegzuschmeißen. Nach dem Klingeln, das das Stundenende verkündete, war ich innerhalb von fünf Minuten am Bahnhof. Kurze Zeit später war die Kuh schon bei mir. Ich wollte nicht mit ihr reden. Ich wollte sie hassen und sie es wissen lassen, aber alles war ganz normal. Sie redete und ich hörte zu. Ich konnte nicht beleidigt spielen, weil sie es merken und mich nach dem Grund fragen würde, vielleicht sogar herausfinden, warum ich sie in jenem Moment so gehasst hatte. Davor hatte ich Angst. Dass sie mehr über mich wüsste, als es für unsere Beziehung üblich wäre. Wir waren nicht befreundet. Keine Freunde sind nicht nachtragend.

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14 Jahre Anne-Kathrin Schoerner

anne-kathrin schoerner

Eiskalt

EISKALT

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14 Jahre

Es ist eine Vollmondnacht Ende August. Du führst mich den Strand entlang. Deine Hand ist warm, die Luft ist kühl. Unsere nackten Füße hinterlassen Spuren im feuchten Sand. Wir stoppen stolpernd am Ufer. Ich sehe die Schemen der Nachtfalter über dem See. Deine Augen so schwarz wie das Wasser, welches verzerrt den Mond reflektiert. Wir ziehen uns aus und werfen die Sachen achtlos in den Sand. Leise lachend waten wir ins Wasser. Gänsehaut. Das Wasser schlägt Wellen, als wir schwimmen. Das Atmen wird mir schwer. Die Stille der Nacht macht mir keine Angst. Du tauchst unter und ich folge. Das Wasser gluckert in meinen Ohren. Ich erahne dein Lächeln im Dunklen. Aus deinem Mund kommen Luftblasen. Ich greife nach ihnen, aber kann sie nicht erfühlen. Du brauchst keinen Atem, um zu sagen, wen du liebst. Ich möchte auf den Winter warten. Eis, das diese Perfektion einfriert. Deine Nähe ist erwärmend. Damit besiegst du jede Kälte. Vielleicht möchtest du nicht eingefroren werden?! Der Mond ist winzig. Du ruderst mit den Armen und tauchst auf.


Zeitlos

ZEITLOS 21 Jahre

Andreas Stange

andreas stange

21 Jahre

Es war dunkel, feucht und stickig in der Höhle. Eine merkwürdige Kombination, die Dr. Bergmann noch vor Tagen als äußerst interessant empfunden hätte. Nun aber, nach langem Umherirren und endlich den Ausgang vor Augen, war es ihm herzlich egal. Er war hergekommen, um diese alte Höhle zu erforschen, die bisher jeden Versuch, sie zu erkunden, zunichte gemacht hat. Und wofür? Er hatte die Höhle betreten, sich umgesehen und absolut nichts entdeckt. Er spürte, dass etwas geschehen war, konnte sich aber nicht darauf besinnen. Denn das nächste, woran er sich erinnerte, war, dass er auch schon wieder auf dem Rückweg gewesen war, auf einem Weg, an den er sich nicht erinnern konnte. Er wusste nicht wo er war. Er wusste noch weniger, wo der Ausgang war. Und er wusste schon gar nicht, wo es lang ging. Als sein Proviant verbraucht war und er sich dem Tode nah wähnte, hatte er nur den Wunsch, draußen unter freiem Himmel zu sterben und nicht hier in dieser Gruft. Er wusste nicht, wie nahe er schon dem Ausgang war. Nach ein paar Schritten war er draußen. Die Sonne stand hoch am Himmel und blendete erbärmlich. Sie stand an derselben Stelle, an der sie war, als er, vor Jahren, wie es ihm schien, die Höhle betreten hatte. Er schleppte sich zu seinem Lager, weil dort auf jeden Fall kaltes Wasser und etwas zu Essen auf ihn warteten. Und er bedankte sich im Stillen dafür, nicht gestorben zu sein.

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21 Jahre Andreas Stange Zeitlos

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Nach dem langen Höhlenaufenthalt schmerzte ihn das Sonnenlicht und auf seiner Haut haben sich schon auf dem kurzen Weg kleine Blasen gebildet. Sonst fehlte ihm nichts. Die Lebensmittel im Schrank waren noch frisch und die Sonne müsste eigentlich bald untergehen. Er erfrischte sich in seinem Lager und legte sich danach in den Schatten eines Baumes. Er erwachte mit furchtbarem Brennen am ganzen Körper. An den ungeschützten Unterarmen und Schienenbeinen hatte sich die Haut schon größtenteils abgepellt und der Sonnenbrand war auch bis unter seine Kleider gekrochen. Er konnte sich kaum bewegen und dachte, das kann doch gar nicht sein. Die Mittagshitze war zwar gefährlich, aber er hatte doch im Schatten gelegen und die Sonne hatte ihren höchsten Punkt schon längst überschritten. Und doch brannte seine Haut so schlimm, als läge er seit Wochen hier. Er kroch aus dem Schatten des Baumes und sah zum Himmel, die Sonne stand schon wieder an ihrem höchsten Punkt. Er musste fast zwanzig Stunden hier geschlafen haben. Langsam, so schnell es eben ging, kroch er zu seinem Lager zurück. Auf dem Tisch stand noch das halb ausgetrunkene Glas Mineralwasser von gestern. Er streckte seinen Arm nach dem Glas aus, zum Aufstehen fehlte ihm die Kraft. Das Glas begann unter seiner Hand zu rutschen, kippte um und ergoss seinen Inhalt über ihn. Er erschauerte, als wäre ein Eisberg auf ihn gefallen. Das Wasser war so kalt, als wäre es eben erst aus dem Kühlschrank gekommen. Aber es hatte doch einen ganzen Tag hier draußen gestanden und die Sonne musste... Er sah zum Himmel und sie stand noch immer an der gleichen Stelle. Das ist doch nicht möglich, dachte er noch einmal. Während seine Haut immer stärker brannte und sich langsam aber sicher abschälte, merkte er, wie sehr er sich geirrt hatte. Die Sonne stand nicht schon wieder dort, sondern immer noch. Sie hatte sich die ganze Zeit nicht von der Stelle bewegt.


alexander wnuck von lipinski 15 Jahre

Wnuck von Lipinski 15 Jahre

Sarkasmus durchfließt mich. Zeigt mir die Welt auf seine Weise. Ich selbst gezwungenes Publikum, Sarkasmus das Schauspiel. Alles was ich schmecke, sehe, sage, ist durch Sarkasmus für mich ungesund und bitter. Immer mehr stelle ich in Frage, versuche mich abzuwenden. Doch ich schaffe es nicht. Er erzählt für mich, sieht für mich und wird immer ausfälliger. Ich erschrecke und entferne mich ein Stück. Ich blicke mich um. Suche einen Ausweg. Erst jetzt bemerke ich den Schleier, den er mir vorgehängt hat. Mit aller Kraft kämpfe ich gegen ihn an. Dränge ihn zurück. Er versucht seinen Schleier zu verdichten, doch dieser beginnt sich aufzulösen. Entschlossen trete ich vor, um ihn mit aller Kraft zu zerreißen. Kleine Stücke des immer dünner werdenden Schleiers streifen mich. Sein Gerede geht in Geschrei über, voller Verzweiflung. Dieses Gefühl liegt mir nun fern. Eine neue Kraft, ein neues Gefühl treibt mich nach vorn. Ich trete voran und schaue nach draußen, klar und ungefiltert. Der Schleier hat sich vollends aufgelöst.

Aufgelöst Alexander

AUFGELÖST

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ILL

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Name

xx Jahre


Name

xx Jahre

LLU

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18 Jahre Anne Brockmann

anne brockmann

Schaukeln

SCHAUKELN

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18 Jahre

Sie bewegt sich vorwärts und muss sich der Macht des Windes erwähren. Sie bewegt sich rückwärts und erfährt von der wild strömenden Luft eine Kraft. Vorwärts bedeutet auch, ihr Haar ist gezwungen, streng am Kopf entlang zu verlaufen, rückwärts, dass es lebhaft flattert, um zu streicheln ihr Gesicht. Und so glaubt sie, immer, wenn sie sich vorwärts bewegt, eröffnet sich ihr nichts als die Perspektive auf eine kahle Flur. In ihrem Rücken hingegen lehnt ihre Mutter, verständnisvoll und mit Wärme ausstaffiert. Allmählich, das weiß die Tochter, ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sie die Schaukel verlassen muss. »Heute aber springe ich noch nicht. Morgen, morgen gewiss«, flüsterte sie dem Wind – genau wie sie es am Tag zuvor und an dem Tag davor auch schon gewollt hatte.


cora verdenhalven 15 Jahre

Cora Verdenhalven 15 Jahre

Es war einer der Tage, an dem man zu Hause im Bett liegen und neben sich den Duft von heißer Schokolade und frischen Brötchen riechen möchte. Doch stattdessen stand sie mit Mütze, Schal und Handschuhen in der Kälte auf dem Weg zur Schule. Zu allem Unglück sah sie noch die Rücklichter vom stündlich kommenden Bus, der gerade um die Ecke fuhr. So fing sie an, in einem extrem langsamen Tempo zur Schule zu gehen. Unterwegs hielt sie öfter und schaute sehnsüchtig den Autos hinterher, die es schneller schaffen würden, die Schule zu erreichen. Nach dem fünften Auto und zwanzig Minuten ließ sie sich erschöpft auf die mit Schnee bedeckte Bank sinken. Dabei versuchte sie, so gut es ging, ihren nassen Hosenboden zu überfühlen. Sie holte ihre warme Thermoskanne mit dem fast noch zu heißen Kakao heraus, nahm ein paar kleine Schlucke, als ein Auto vorbei raste. Gedankenverloren schaute sie ihm hinterher, als ihr Blick auf der Straße stehen blieb. Da sah sie sie, die Schlangen, die sich aus dem feinen Schneestaub bildeten und anfingen zu tanzen. Sie wandten sich, schlängelten hin und her, ja, sie tanzten auf der Straße, schön und wendig. Doch schließlich beruhigten sie sich und legten sich wieder hin, bis das nächste Auto vorbei fuhr und sie wieder zum Leben erwachten, um erneut anzufangen zu

Heiße Schokolade oder tanzende Schlangen

HEISSE SCHOKOLADE ODER TANZENDE SCHLANGEN

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15 Jahre Cora Verdenhalven Heiße Schokolade oder tanzende Schlangen

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tanzen. Fasziniert beobachtete sie die Schneeschlangen. Sie wusste, dass Schneeschlangen ihr nichts tun konnten, aber sie wusste auch, dass sie aufpassen musste, um ihrer Schönheit nicht zum Opfer zu fallen. Sie machte die Thermoskanne mit Kakao zu und fing an mitzutanzen. Ganz vorsichtig am Straßenrand. Sie probierte es, als erneut ein Auto vorbei fuhr und die Schlangen anfingen zu tanzen. Leicht wippte sie mit der Hüfte und ging mit den Schultern mit. Die Melodie schwebte in der Luft. Dann, nach weiteren Autos, bewegte sie sich mehr und mehr in die Mitte, immer noch tanzend. Sie bemerkte nicht, dass die Schlangen sie längst in ihrem Bann hatten. Jetzt befand sie sich auf der Straßenmitte, wandte sich mit den Schlangen, tänzelte um sie herum und bewegte sich im Takt der Luftmusik. Die Schule war längst aus ihren Gedanken verschwunden. Nur noch sie, die Luftmelodie und die Schlangen, doch als sie sich einfach schwungvoll drehte, geschah es. Sie sah das Auto nicht, das mit schnellem Tempo auf sie zukam, und reagierte zu langsam, wie auch der Autofahrer. Der Aufprall war hart und sie schlug mit dem Kopf auf den Asphalt. Stöhnend lag sie im Schnee. Die Schlangen hatten längst aufgehört zu tanzen.


19 Jahre

19 Jahre

Die Weitlingstraße gehe ich bis zum Ende. Dort steht die hundehaufenbraune Eingangshalle des Bahnhofes. Ich trete ein, um fort zu gehen. Alle Geschäfte sind noch geschlossen. Irgendwo summt es, vielleicht nur in meinem Kopf. Den ersten Zug nach Kostrzyn will ich nehmen, von Bahnsteig drei. Ich fühle mich dreckig, betrunken von Kopf bis Fuß. Nur so glaube ich, bin ich mutig genug, einfach los zu fahren. Ich möchte nicht nach Hause; ich finde, das hat noch Zeit. Ich habe auch keine Lust, das Ticket am Automaten zu ziehen. Also fahre ich schwarz nach Polen um drei Uhr siebenundvierzig. So früh kontrolliert sicher niemand. Ich möchte Habichte sehen und Reiher; Felder sollen dampfend an mir vorüber ziehen, obwohl ich es bin, die sich bewegt. Nur nicht anhalten. Nirgendwo, nicht in Hohenschönhausen, Werneuchen, Altrosenthal, nicht in Trebnitz. Nirgendwo soll ich zur Ruhe kommen, bis der Zug sein Ziel erreicht. Dort will ich zum Frühstück warme Milch, sonst nichts und einschlafen hinter der Grenze. Wenn ich aufwache, will ich wieder nach Hause wollen. Wenn nicht, muss ich bleiben, bis ich Heimweh habe.

Gerda Thürling

gerda thürling

Heimfahrt

HEIMFAHRT

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17 Jahre Jördis Wölk Spaziergang durchs Haus – Das Bad

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SPAZIERGANG DURCHS HAUS -— DAS BAD jördis wölk 17 Jahre

Etwas misstrauisch besah ich mir die Tür. Außen war eine Reihe Plastikhaken angebracht. Darunter ein Keramikschild, das mich lächeln ließ. Ein rotbackiger Blondschopf schickte darauf einen Wasserstrahl in die Kloschüssel. Erleichtert öffnete ich und freute mich insgeheim auf selbst gehäkelte Abtreter, einen fauchenden , spuckenden Wasserhahn, den Plastikduschvorhang, der beim Aussteigen am Körper kleben bleibt und vielleicht sogar einen Fellbezug auf dem Klodeckel. Drinnen blieb ich dann verblüfft stehen und starrte um mich. Ich stand am Rand einer Wasserfläche, groß wie ein Schwimmhallenbecken, die den ganzen Fußboden des Saales bedeckte. Licht fiel durch hohe Fenster auf das Wasser. An ihren Seiten kräuselten sich fliederfarbene Vorhänge. Auch von der Decke flutete Licht durch eine eingelassene Glaskuppel. In der Mitte des Beckens, knapp über der Wasseroberfläche, hing ein riesiger ovaler Spiegel. Ich hatte plötzlich Lust, hinein zu sehen. Ich ging und die Echos meiner Schritte fielen von der Glaskuppel. Schließlich erblickte ich mein vis a vis gar nicht so klein und entfernt, wie ich gedacht hatte. Einen Moment stand ich noch und schaute nur. Dann spürte ich einen Sog von der Wasserfläche. Ein Ziehen an Armen und Gesicht, als wäre mein Abbild im Spiegel entschlossen,


Spaziergang durchs Haus – Das Bad Jördis Wölk 17 Jahre

mich zu umarmen. Der Sog ließ ruckartig nach und ich stolperte nach hinten. Seltsam leer, gedankenlos. Die Spiegelfläche wellte sich, als würde sie einen Bissen schlucken. Gleich darauf erbleichte ich angesichts eines Knirschens, das die Stille zerbrach. Risse liefen über das Spiegelglas. Die Stücke fielen lautlos aufs Wasser. Eine Scholle trieb heran, spielerisch, spöttisch vor meinen Füßen schaukelnd. Groß genug, darauf zu sitzen. Ich sprang. Mein verwirrtes Spiegelbild blickte mir entgegen. Ich runzelte die Stirn angesichts seines fast hilflosen Ausdrucks. Mein Ebenbild tat es mir nach. Nicht ganz zeitgleich, dachte ich für einen Moment. Ich kniete nieder und sah aufmerksam auf die Scheibe. Mein Blick blieb an den Schultern meines Abbildes hängen. Seltsam hochgezogen. Meine Hand tastete nach meiner eigenen Schulter. Sie war völlig entspannt. Ich blickte zurück. Die Hand meines Spiegelbildes hatte sich nicht gerührt. Im Spiegel kam jetzt Bewegung auf. Verschwommene Körper wurden im Hintergrund sichtbar. Gestalten, die schnurgerade Bahnen zogen. Von links nach rechts. Rechts nach links. Zügig, eilig, geschäftig. Manche verschwanden am Spiegelrand. Unaufhörlich kamen Neue. Manche gingen dicht hinter meinem Spiegel-Ich vorbei, das jetzt am vorderen Rand hockte. Doch selbst die blieben Schemen. Ungreifbar, unkenntlich. Schatten, von denen einige öfter vorbeikommen, so dass sie vertrauter werden und man sich die Konturen merkt. Wenn sie verschwinden, verliert man nichts. Weiß ja nicht mehr als die Konturen. Mein Spiegel-Ich rührte sich nicht, sah sich nicht um. Hockte nur. Eingefallen. Mit hochgezogenen Schultern. Ich besah mir die Vorbeieilenden. Wartete auf ein, vielleicht zwei Scharfgeschnittene. Einer, der anhalten, vielleicht grüßen würde. Einladen ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Ich blickte auf mein Ich, das fast unmerklich die Achseln zuckte. Ich erwischte mich dabei, wie ich gerade gegen das Glas klopfen wollte. Steh auf ! Sieh dich um! Lauf mit!

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Da wurde es im Hintergrund fahrig. Ähnlich Autos auf einer Schnellstraße begannen die Körper nach vorn zu schießen. Ihrem Ziel entgegen. Alle schienen sie Scheuklappen angelegt zu haben. Hier und da schnitten sie sich den Weg ab. Rammten sich. Die Unfälle an den Kreuzungen blieben unbeachtet, die Körper liegen. Lauf mit, hatte ich rufen wollen. Jetzt sah ich mich nur an. Abgewandt hockte ich. Ein krummer Vogel. Mitten auf der Fahrbahn. Geduckt, vielleicht schon angefahren. Eigentlich kein neues Bild. Schon lange hätte jemand kommen und diesen Vogel in seinen Händen bergen müssen. Ein altes Bild. Ich nahm es und fühlte mich nicht mehr ganz so leer. Da war es verschwunden und mir wurde bewusst, wie ich hockte. Ich sah auf meine eigenen Füße hinunter und neben ihnen plötzlich ganz nah das Wasser. Ich hatte nicht bemerkt, wie klein meine Spiegelscholle geworden war und dass ich bereits weit vom Ufer trieb. Mitten im Spiegelschollenmeer. Ecken brachen jetzt vom Spiegel. Schmolzen vom Wasser und trieben davon. Panisch richtete ich mich auf, kam ins Rudern und schlug um mich. Die Scholle brach knackend, einen Augenblick balancierte ich noch auf der einen Hälfte, dann stieß etwas von hinten an den Rand und fegte jeden Rest unter meinen Füßen fort. Ich erwartete kaltes Wasser und krachte hart auf. Die neue Scholle hatte sich von hinten angeschlichen. Ich vergrub das Gesicht in der Armbeuge, den Schmerz bekämpfend, ehe ich aufschaute und erschrocken zurück zuckte. Ein Gesicht sah mich an, ein anderes. Es füllte den ganzen Spiegel aus. War mir so nahe gewesen wie zum Kuss. Es regte sich kaum. Nur die Augen blinzelten in Abständen. Augen, die fragten, suchten. Ernst lag in ihnen und eine Spur von etwas Traurigem. Jetzt sahen sie mich direkt an und die Mundwinkel verzogen sich zu einem ironischen Lächeln. Ich wurde rot und schaute weg. Als ich wieder aufblickte, tat mein Herz einen Sprung. Mein Spiegel-Ich war erschienen. Nur das Gesicht, direkt neben dem fremden. Ebenfalls reglos bis auf die Augen. Beide pendelten sie jetzt dort auf der Stelle,


Spaziergang durchs Haus – Das Bad Jördis Wölk 17 Jahre

unschlüssig wohin. Nebeneinander, beide gleich groß. Und plötzlich sah ich die Passformen. Nase auf Nase, Auge in Auge, Mund an Mund. Da kamen sie schon in Bewegung. Bereit, sich übereinander zu schieben. Näherten sich, zunächst noch zögernd. Ich hatte plötzlich furchtbare Angst, sie würden nicht passen. Vielleicht war meine Nase zu groß oder sein Kopf zu dick. Es würde Kratzer geben. Vielleicht verbeulte etwas. Und wer wusste schon, wie tief es hinter den Augen war und was dort so lag. Was dort lagerte. Noch von vor Jahren, sicher verschlossen. Kein Ort zum Graben und man hatte mir schon oft genug das Gesicht zerkratzt, befand etwas in mir. Ich blickte zweifelnd in den Spiegel, da war mein Ebenbild, gerade noch auf dem Weg zum gegenüber, unsicher stehen geblieben. Jetzt wich es zurück, wurde schmal und bleich und wartete ab. Ich wusste, es würde dort nicht wieder hervorkommen. Ein Versteckspieler, der schon Ewigkeiten wartet, dass ihn jemand findet und sich nicht traut, herauszukommen und sich zu erlösen. Auf der anderen Seite suchten verwirrte Augen nach dem gerissenen Band. Mein Ich bebte unruhig in seiner Senke. Gemartert. Halb losgerissen klammerte es sich fest, war im Begriff zu springen, da wandte sich das andere Gesicht ab. Schob sich zur linken Seite und schaute da über den Rand hinaus. Mit Augen, forschend, suchend. Ernst lag in ihnen und eine Spur von etwas Traurigem. Da etwa fing ich an, auf mein blasses Ebenbild einzubrüllen. Meine Hände patschten gegen das kalte Glas und kamen nicht durch und das Gesicht im Spiegel, der da mit Fernweh im Blick, am Ausguck beugte sich dann zu weit. Das Wasser, das die Ränder der Spiegelscholle leckte, erfasste ihn. Spülte ihn fort. Stück für Stück. Ein Paar Augen trieben auf dem Wasser an mir vorbei. Suchend, fragend. Ernst lag in ihnen und eine Spur von Traurigkeit. Ironischer Weise blieb der Rest der Scholle. Glatt und leer, dort wo er war. Ich wartete lange, studierte die letzten schwimmenden

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Stückchen des abgebrochenen Randes, bis dann irgendwann eine große Spiegelfläche träge heran trieb. Irgendwo kurz hinter der Mitte des Beckens nahm ich noch eine ganze Bilderreihe mit. Das erste in Unterwäsche in einem Nachtclub, am Klavier lehnend. Das letzte mager, ohne Mimik, von der Spitze eines eisernen Turmes in die unteren Stockwerke schauend, diejenigen dirigierend, die die Körper von der Brüstung schossen. Am Ende des Beckens bekam ich dann die kleine Märchenhörerin zurück, die sich einen übergroßen Damenhut aufgesetzt hatte. Der Hut trug eine Fasanenfeder. Als ich dann auf den Beckenrand krabbelte, hatte sich die Tür in der Wand schon geöffnet. Bevor ich mich hindurch zog, blickte ich noch einmal zurück. Der Spiegel hing wieder.


julia heckmann

12 Jahre

Ich bin ein Erlenblatt. Ich lebe auf der Spitze meiner Mutter. Ich gehöre zu ihr, wie alle meine Geschwister. Viele von ihnen kenne ich nicht, doch von allen habe ich es wohl am schlechtesten. In der heißen Mittagssonne habe ich das Gefühl, als erstes zu verbrennen. Wenn ich doch einmal in das kühle Nass tauchen könnte, wie die unteren Blätter, einmal vom Wind ins Wasser gestoßen würde! Doch es bringt nichts, ich bleibe hier in der grellen, heißen Mittagssonne und auch hier in der finsteren, kalten Nacht. Langsam wird es auch tagsüber kühler. Jetzt bin ich doch ganz froh über meinen Platz, da ich als einziges noch die letzten warmen Sonnenstrahlen abbekomme. Aber was ist das? Meine Haut ist nicht mehr so zartgrün und weich, sondern braun, schrumpelig und trocken geworden. Und dann, ganz plötzlich, löse ich mich von meiner Mutter und meinen Geschwistern. Neben mir tanzen einige meiner Brüder und Schwestern. Die farbigsten klammern sich noch fest. Es kommt ein leichter Wind auf und ich schwebe über den See und schließlich lande ich auf eiskaltem Wasser. Mein Körper saugt sich voll. Ich treibe noch ein wenig über den See. Dann werde ich schwerer und schwerer. Ich gehe ganz langsam unter und ertrinke.

Julia Heckmann

12 Jahre

Das Leben des Erlenblatts

DAS LEBEN DES ERLENBLATTS

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11 Jahre Katharina Müller Gefahr im Wald

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GEFAHR IM WALD katharina müller 11 Jahre

Ich sitze hier unter einem Baum, mein Rücken an den Stamm gelehnt. Meine grünen Augen beobachten die Wolken. Alle sagen, dass ich nicht dick aussehe, aber ich weiß, dass ich ein bisschen pummelig bin. Mein Name ist Lilly. Gerade zieht eine große, dunkle Wolke am Himmel entlang. Sie ist das Gegenteil meiner Stimmung, denn ich hatte heute meinen 13. Geburtstag gefeiert. Von allen Geschenken mochte ich am liebsten den selbstgemachten Filzdelfin, den ich von meiner besten Freundin Lara bekommen hatte. Ich mochte sie, seit wir uns das erste Mal begegnet waren. Das war vor sieben Jahren im Kinderheim. Ja, Ihr habt richtig gehört, im Kinderheim, das ist mein Zuhause, dort bin ich groß geworden. Es gefällt mir hier, weil immer etwas los ist. Jetzt sitze ich im Heimgarten, beobachte Wolken. Ab und zu sehe ich zum Haus. Es ist riesengroß und grau. Im Aufenthaltsraum schmücken bunte Bilder die Wände. Hier leben sehr viele Kinder, obwohl wir mitten im Wald wohnen. Der nächste Ort ist zwanzig Kilometer entfernt. Deshalb ist es hier so ruhig und schön. »Lilly«, ruft plötzlich eine Stimme und ich schrecke aus meinen Gedanken auf. »Es gibt Essen.« Das ist Laras Stimme. Ich sehe zum Haus, sie steht am Eingang. »Ich komme schon«, rufe ich zurück und stehe seufzend auf. Heute gibt es Bratkartoffeln und Rührei, mein Leibgericht. Eigentlich also kein Grund zur Sorge. Trotzdem beunruhigt mich etwas, ich weiß bloß nicht, was. Ich hatte öfter ein beunruhigendes Heulen gehört


Gefahr im Wald Katharina Müller 11 Jahre

und will unbedingt wissen, was es ist. Die Betreuer hatten uns davor gewarnt, nachts allein draußen zu sein. Trotz dieser ausdrücklichen Warnung will ich abends in den stockdunklen Wald. Mein Zimmer liegt im Erdgeschoss, ich klettere aus dem Fenster. An der Mauer um das Grundstück stehen viele Bäume. Ich klettere auf einen von ihnen und auf einem anderen auf der anderen Seite der Mauer wieder herunter. Ich bin neugierig darauf, die Ursache des Heulens zu sehen. Den Delfin nehme ich, neben einer Taschenlampe, mit. Er ist mein Glücksbringer. Niemand weiß, was ich vorhabe, nicht einmal Lara. Ich will keinen anderen in Gefahr bringen, am allerwenigsten sie. Im Wald höre ich immer wieder ein Heulen neben mir. Irgendwann sehe ich einen Felsen auf einer Lichtung, der im Mondlicht silbern schimmert. Er sieht ein bisschen klein aus, aber das liegt an der Entfernung. Ich höre wieder das unheimliche Jaulen, bloß, dass es dieses Mal sehr laut und nah ist. Mein Körper fängt an zu zittern, als ich die Wölfe sehe. Sie sitzen auf dem Felsen und heulen den Mond an. Auf die weite Entfernung sehe ich alles nicht so genau. Ich glaube jedoch, einen schlaffen Leib zu sehen. Ich zähle etwa fünf Tiere. Der Delfin wird von meiner schwitzigen Hand umklammert. Plötzlich schlägt der Wind um. Die Wölfe können mich jetzt riechen. Der Leitwolf hebt den Kopf und hält die Nase in den Wind. Die helle Lichtung hatte ich schon vorher gesehen und deshalb die Taschenlampe abgeschaltet. Zu meinem Glück. Wäre sie an gewesen, wäre ich schon längst Futter. Die Wölfe sehen inzwischen alle in meine Richtung und traben langsam auf mich zu. Schon bald fangen sie an zu rennen. Starr vor Schreck sehe ich zu den Wölfen, die immer näher kommen. Ihr Anblick lässt mich einfrieren. Im Bruchteil einer Sekunde zwinge ich mich, wegzusehen. Jetzt fange ich an zu rennen. Ich steuere auf einen Baum zu, der nur einen Katzensprung entfernt ist. Er hat viele Äste, deshalb nehme ich ihn. Zum Glück kann ich gut klettern. Mit dem Schwung und durch die Angst springe ich auf die unteren Äste. Dabei

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verliere ich jedoch die Taschenlampe und den Delfin. Ich versuche noch, beides festzuhalten, schaffe es aber nicht. Die Äste halten mein Gewicht. Inzwischen sind die Wölfe schon fast am Baum angekommen. Als sie da sind, schnappen sie nach meinen Füßen. Ich richte mich auf und lehne mich ängstlich an den Baumstamm. Ich schaffe es, mich umzudrehen und meine Angst treibt mich noch einige Äste nach oben. Die Wölfe lauern noch eine Weile, doch endlich ziehen sie ab. Ich warte noch eine ganze Weile, bis ich mich vom Baum herunter traue. Unten angekommen, suche ich meinen Anhänger und finde ihn, wenn auch kaputt. Die Taschenlampe entdecke ich nicht mehr. Es dauert lange, bis ich aufhöre zu zittern. Für den Rückweg ins Heim brauche ich doppelt so lange wie für den Hinweg. Ich freue mich, weil ich echte Wölfe gesehen habe, auch, wenn ich Angst hatte. Als ich vor den Toren ankomme, bin ich total erschöpft aber glücklich. Ich bin wieder Zuhause.


klaus hausbalk 18 Jahre

Klaus Hausbalk 18 Jahre

Langsam schiebe ich den kleinen Wagen den Gang entlang. Wie jeden Tag befinden sich die Mahlzeiten für alle wohlgeordnet eine neben der anderen auf dem Wagen und gleich dabei stehen, mit Namen versehen, kleine Becher mit den Medikamenten für die Patienten, von den Ärzten individuell auf jeden einzelnen abgestimmt. Ich bin vor Zimmer 3 angekommen und schmunzle ein wenig, wie jeden Tag, eingedenk der Bemerkung, die jemand einmal wegen des darin befindlichen Patientens machte, man könne doch Zimmer 3 in Bahnsteig 3 umbenennen – das geschah natürlich nie, aber insgeheim nennen viele das Zimmer so, das bietet sich einfach zu sehr an. Zunächst schaue ich durch das kleine, in Augenhöhe angebrachte Loch in der Tür und sehe ihn in seinem Zimmer wie jeden Tag aufgeregt und in freudiger Erwartung auf dem Bett sitzend. Ich öffne die Tür mit meinem Schlüssel. »Guten Tag«, ruft er mir sofort im Aufspringen zu, rennt auf mich zu und schüttelt mir exaltiert die Hand, »Guten Tag.« Ich lächle. »Guten Tag. Warum bist du denn heute so aufgeregt?« »Morgen fahre ich mit dem Zug«, berichtet er mir so schnell er nur kann, »morgen geht’s los, morgen!« »Ich weiß, ich komme doch auch mit.« »Du auch, toll! Dann können wir ja gemeinsam zum Bahnhof fahren.« »Ja, klar.« Ich habe die Beobachtung gemacht, dass er sich immer am meisten freut, wenn ich sage, ich komme mit ihm. Nicht, dass er

Morgen. Bahnsteig 3

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18 Jahre Klaus Hausbalk Morgen. Bahnsteig 3

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sich sonst grämte, aber ich gönne ihm gern noch das Bisschen zusätzliches Glück. »Dann gehen wir morgen zusammen zum Bahnsteig 3.« Fast ehrfürchtig kommen die letzten zwei Wörter aus seinem Mund. »Ja«, sage ich, »wir gehen beide.« Er wiederholt: »Morgen zum Bahnsteig 3.« »Freust du dich denn schon?«, frage ich. »Ja, ich freue mich ganz doll auf morgen. Dann fahren wir beide weg.« »Weit weg«, sage ich, »weit weg.« »Morgen«, sagt er, »Bahnsteig 3.« »Hier, dein Mittagessen«, sage ich, mich wieder erinnernd, wozu ich hier bin. »Iss schön.« »Ja, und morgen fahren wir weg.« »Ganz recht.« Wie jeden Tag isst er brav sein Mittag, träumt dabei wie jeden Tag vor sich hin. Und wie jeden Tag nehme ich auch heute den kleinen Becher mit den für ihn bestimmten Medikamenten, gehe zum Waschbecken, stelle ihn dort kurz ab und betrachte ihn, während ich hinter mir beruhigend zufriedene Essgeräusche wahrnehme, immer wieder unterbrochen von vorfreudigem Murmeln: »Morgen«, höre ich, und »Bahnsteig 3« Ich nehme den kleinen Becher wieder in die Hand, drehe ihn langsam herum, betrachte ihn von allen Seiten. Ihn zwischen Daumen und Zeigefinger haltend, kippe ich meine Hand langsam auf die Seite. Die erste der Tabletten fällt hinunter, klappert im Waschbecken herum und verschwindet im Abfluss. Ich kippe den Becher noch weiter, bis er schließlich leer ist. Nachdem auch der Rest der Tabletten nach einigem Herumgespringe und -geklappere endgültig im Abfluss verschwunden ist, drehe ich mich wieder um zu dem noch immer selig essenden, glücklichsten Menschen auf Erden. Ob er sich dessen bewusst ist, was ich tagtäglich


Morgen. Bahnsteig 3 Klaus Hausbalk 18 Jahre

für ihn tue? Ich werde es ihm nicht sagen. Es könnte ihn unmöglich glücklicher machen, also wozu die Mühe? »So, ich muss jetzt weiter«, sage ich. »Aber morgen sehen wir uns wieder«, sagt er, nicht als Frage, eher als Feststellung. »Ja, morgen«, sage ich. »Bahnsteig 3«, sagt er. »Bahnsteig 3«, sage ich. Ich gehe hinaus, verschließe die Tür wieder, wie jeden Tag, will gerade den Wagen weiterschieben, als jemand anders mit seinem Wagen an mir vorbeikommt und dümmlich glucksend sagt: »Na, morgen Bahnsteig 3, wie?« »Ja, in der Tat«, sage ich. »Morgen. Bahnsteig 3.«

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15 Jahre Mareike Dottschadis Über die Ziellinie

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ÜBER DIE ZIELLINIE mareike dottschadis 15 Jahre

Als ich mit meinem Vater das Zimmer betrete, liegt sie auf dem Bett an der Wand. In der Ecke gegenüber kommentiert eine Stimme die Tourde-France-Etappe, die die Radfahrer heute bewältigen müssen. Das Rennen ist schon fast zu Ende. Ich kann auf dem Bildschirm den Arc de Triumph erkennen, den sie zweimal passieren müssen. Meine Uroma hat dem Fernseher ihr Gesicht zugewandt, doch sie verfolgt das Rennen kaum und der Ton ist zu leise gestellt, als das sie die Kommentare wirklich hören würde. Als mein Vater und ich mit dem Auto zu ihr gefahren sind, fragten wir uns, welche Uroma wir antreffen würden. Ob sie mich erkennt? Ob sie ihren Enkel erkennt? Zuerst geht mein Vater auf sie zu und begrüßt sie liebevoll mit lauter Stimme. Sie erwidert den Gruß und nennt seinen Namen. Ein Zeichen, dass sie ihn erkennt. Er wartet, bis sie sich aufgesetzt hat. Besonders die Beine über die Bettkante zu ziehen und die Beine auf den Boden zu stellen, ist schwierig für sie. Dann umarmt er sie und sie drückt ihm einen Kuss auf die Wange. Nun trete auch ich hinzu, darauf bedacht, zu lächeln. Sie scheint mich kaum zu bemerken. Erst als ich mich über sie beuge, um sie zu umarmen, blickt sie auf und erwidert meinen Gruß. Meinen Namen nennt sie nicht. Sofort mache ich mir Vorwürfe so abrupt auf sie zugekommen zu sein und sie vielleicht überfordert zu haben. »Omi, wir haben dir Blumen mitgebracht«, sage ich, um überhaupt etwas zu sagen. Heute wollte ich mich davor drücken, sie zu besuchen,


Über die Ziellinie Mareike Dottschadis 15 Jahre

denn ich habe Angst und weiß nicht, wie sie mit ihrer Situation umgeht. Letztlich, wie ich mit ihrer Situation umgehe. Sie sagt uns, wir sollen uns setzen und deutet auf zwei kleine Sessel im Zimmer. Ich setze mich. Mein Vater fragt sie, ob er den Ton des Fernsehers leiser stellen solle. Sie reagiert erst beim zweiten Mal und macht eine wegwerfende Handbewegung. Dann sagt sie, dass wir die Gäste sind und sie die Gastgeberin ist. »Ach, nicht so wichtig«, sagt mein Vater, »es ist nun eben so.« Sie nickt langsam. »Hat dir die Hitze zu schaffen gemacht?«, fragt mein Vater. Sie tut das mit ihrer Geste ab. Die Haut oberhalb ihrer Mundwinkel ist eingefallen. Ihre Wangenknochen treten deutlich hervor. Von meinen Großeltern weiß ich, dass sie das Essen verweigert. Trotzdem hat sie immer noch gesagt, das wird schon wieder. Obwohl sie nicht mehr richtig laufen kann, beteuerte sie, dass sie immer wieder zum Essen gehen könne, wenn ihr danach wäre. Sie kommt mir so klein vor, so zerbrechlich. Ein so kleiner Mensch. Mein Blick schweift rasch zum Fernseher, denn ich habe Angst, sie könnte ihn bemerken. »Möchtest du etwas trinken?«, fragt mein Vater. Sie nickt. »Ja, ja.« »Was möchtest du denn trinken?« Als Antwort macht sie wieder die wegwerfende Handbewegung. »Das ist mir egal.« Er mischt etwas Multivitaminsaft und Wasser zusammen und gibt ihr das Glas vorsichtig in die Hände. Sie mustert den Saft eine Sekunde, dann trinkt sie zwei Schlucke. Als sie sich wieder hingelegt hat, atmet sie zweimal hörbar aus. Es ist anstrengend. Jede Bewegung. Versteckte Tränen kündigen sich durch ein Ziepen in meiner Nase an und ich wende meinen Blick erneut zum Fernseher. Die Radfahrer fahren gerade die zweite Runde. Meine Tränen würden Omi nicht helfen. Dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wirkt ruhig und abgeklärt. Das erschreckt mich.

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»Ich glaube, ich möchte jetzt gehen«, sagt sie. Mein Vater nimmt ihre Hand, drückt sie und lächelt eigenartig. Irgendwo in mir zieht sich etwas zusammen und ich starre sie an. Mein Vater sieht Omi wieder an. »Können wir dir noch etwas Gutes tun?«, fragt er. Plötzlich strahlt sie. »Das Schönste ist, dass ihr mich besucht habt.« Sie setzt sich wieder auf, um uns zu verabschieden. Er steht auf und erhält seinen Kuss auf die Wange. Ich bekomme auch einen Kuss. Sie zieht wieder ihre Beine über die Bettkante, erst das linke, dann das rechte. Ich stelle den Ton ein bisschen lauter, damit es nicht so still in ihrem Zimmer ist. »Tschüss, Omi«, sage ich jetzt. Weil ich so lange nichts gesagt habe, kratzt meine Stimme. Sie blickt auf und lächelt. Im Fernseher kämpft sich ein Radfahrer aus der Menge und fährt siegestrunken die Arme in die Luft streckend über die Ziellinie.


19 Jahre

19 Jahre

In unserem Haus wirbelt oft der Staub umher. Und Spiegel erzählen lange Geschichten. Dort sitzen fette Spinnen an den Wänden. Und eine Katze schläft auf dem Fensterbrett. Du schleichst hier barfuß durch die Flure und zündest Kerzen an. Weckst mich, wenn ich am Schreibtisch eingeschlafen bin. Legst Fotos von uns in jede Zimmerecke. In unserem Haus summt der Kühlschrank eine Melodie. Blumen zittern leicht in ihren Vasen. Auf unseren Fotos lache ich nicht mehr. Die Katze zerkratzt die Tapete. Manchmal werden Türen zugeschmissen. Teller klirren im Takt. Glühbirnen zerplatzen beim Berühren. Stühle stürzen um im Geschrei. Irgendwann, wenn der Teppich reißt und Schmutz sich in den Ecken häuft, will ich neue Häuser sehen. Dann packe ich meine Sachen und du weinst, wenn die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Mit meinem Koffer gehe ich dann zu den neuen Häusern. Die sind groß wie Paläste. Und innen leer.

Sascha Macht

sascha macht

Gewohnt

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12 Jahre Sophia Steindel Wo bin ich?

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WO BIN ICH? sophia steindel 12 Jahre

Ich gehe einen lichtlosen Gang entlang. Die Dunkelheit verwirrt mich. Ich taste die Wände ab und fühle, dass sie so glatt sind wie Glas. Der Gang scheint kein Ende zu haben. Mir kommt es vor, als zöge er sich mehr und mehr zusammen. Ich weiß nicht, was mich hier erwartet, wie es weiter geht. Die Schwärze, die mich umgibt, ist beängstigend. Meine Schritte hallen von den Wänden wider. Bleibe ich stehen und halte den Atem an, ist es vollkommen still um mich. Soll ich weiter gehen oder umkehren?


15 Jahre

Ulrike Gatz

ulrike gatz

Tristesse

TRISTESSE

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Die Tristesse ist meine beste Freundin. Sie ist für mich da, wenn ich sie brauche und sonst niemand bei mir ist. Sie ist verlässlich. Sie schmiert mir Brötchen mit Belag, um sie für mich zu essen und sie in Seelenruhe zu verdauen. Sie schaut für mich aus dem Fenster, um in den Wolken Bilder zu entdecken, die nicht von Bedeutung sind, weil jeder sie sehen könnte. Mir geht es gut mit ihr, weil sie alles gleichgültig erscheinen lässt. Keine Sorge ist von Belang, wenn sie bei mir ist. Sie erinnert mich nicht daran, irgendetwas zu tun, weil mit ihr alles leicht von der Hand geht. In ihrer Gegenwart bin ich glücklich, weil ich nicht reden muss, um von ihr geachtet zu werden. Sie drängt sich mir nicht auf. Sie widerspricht mir nie und stellt keine Forderungen. Durch sie bekomme ich Antworten auf meine Fragen. Meine Fragen an sie sind nicht von Wissen und Belesenheit abhängig. Ich kann so weit denken, wie ich möchte. Es versüßt mir die Stunden mit ihr. Tristesse ist schüchtern und scheut Trubel. Ich mag ihre ruhige Art. Leider kann sie nicht immer bei mir sein. Aber sie spürt, wenn ich sie brauche und kommt dann so schnell sie kann. Dann schmiert sie mir Brötchen mit Belag, schaut für mich aus dem Fenster und mir geht es besser.

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NUR EINE ALTE FRAU? alexander knöll 13 Jahre

In der Straße, in der ich mit meiner Familie lebe, wohnte bis zum letzten Herbst noch eine alte Frau. Natürlich wohnte sie schon vor mir hier, länger als fünfzig Jahre oder mehr. Die Frau besitzt ein Grundstück, das nur wenige Meter von unserem Haus entfernt ist. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, kann ich ihren Garten und ihr Haus sehen. Ihr Garten ist kein wirklicher Garten mehr, sondern nur noch eine Müllkippe. Da liegen alte Fässer, Eimer und Flaschen, Lumpen und Mülltüten in wildem Durcheinander herum. Bäume und Sträucher sind verwildert, der Weg zum Haus kaum noch begehbar. Der Zaun und die Gartentür sind rostig, und die alte Frau hat sie mit Stacheldraht gesichert, und nur sie weiß, wie man den Draht entwirrt. Das Haus ist nur noch eine Ruine. Zweimal hat es gebrannt, weil die alte Frau mit Holz Feuer im Ofen gemacht hat. Dann hat es Funken gegeben, und die Lumpen und das alte Zeitungspapier im Haus haben schnell gebrannt. Trotzdem hat die alte Frau bis zum Wintereinbruch in ihrer Ruine gewohnt, da gab es schon kein Dach und keine Fensterscheiben mehr. Sie hat in einer Nische gehaust und die Rahmen mit vollen Müllsäcken ausgestopft. Das konnte ich gut vom Gartenzaun aus beobachten. In unserer Straße haben die Leute wegen der alten Frau den Kopf geschüttelt, besonders dann, wenn sie ihr auf der Straße begegneten. Da schlurfte sie ohne Strümpfe in Männerpantoffeln die Straße


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hinab oder hinauf, den linken Pantoffel am rechten und den rechten Pantoffel am linken Fuß. Sie trug mehrere Pullover übereinander, die starrten vor Dreck und manche behaupten, es hätte schrecklich gestunken. An ihrem Rock waren die Nähte aufgeplatzt und im Mantel waren faustgroße Löcher. Die wirren, grauen Haare versteckte sie unter einem zerfetzten Kopftuch. Wenn es kalt wurde, wärmte die alte Frau sich die schmutzigen Hände in Kochhandschuhen. »Unglaublich«, erzählten sich die Leute, »nicht zu fassen, dass die Stadt da nicht eingreift!« Oder sie sagten: »So eine Schande! Wie kann man nur so herunter kommen? Dabei ist die doch so reich. Das ist eine Obstmuckerin und Obstmucker haben Geld.« Manche sagten auch: »Die Alte ist verwirrt. Sie muss ins Heim! Dabei soll sie sogar früher eine Führungsaufgabe in der Brigade gehabt haben.« Und die wenigen, die Mitleid hatten, sagten: »Wie können wir der alten Frau nur helfen?« Manche hängten Tüten mit Keksen oder Brot oder Bettwäsche an den Gartenzaun. Meine Mutter wollte sie sogar einmal zu Weihnachten einladen. Sie hatte schon Pläne gemacht, was sie kochen sollte, und davon geträumt, die alte Frau zu einem Bad und einem Haarschnitt einzuladen und neuen Kleidern und Schuhen zu überreden. Aber als sie der alten Frau die Einladung überbrachte, sagte die barsch: »Kümmern sie sich gefälligst um ihre Familie, ich habe alles, was ich brauche.« Ich bin der Frau oft begegnet, wenn ich zur Schule ging. Sie schob immer ein Fahrrad vor sich her, weil sie ohne eine Stütze nicht weit laufen konnte. Das Fahrrad war rostig und fuhr nur noch auf den Felgen, aber als eine Nachbarin ihr neue Schläuche anbot, schimpfte die alte Frau: »Sehen sie nicht, sie Trutsche, dass ich gar keine Reifen brauche? Kümmern sie sich gefälligst um die armen Kinder in der Welt! Ich weiß gar nicht, was ihr Weiber immer habt!« Hinten am Fahrrad war ein Wägelchen montiert. Jedes Mal, wenn die alte Frau ihren Garten verließ, war das Wägelchen leer. Jedes Mal,

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wenn die alte Frau wiederkam, war das Wägelchen voll. Berge von Müll und Lumpen hatte die Frau auf ihren Spaziergängen gesammelt und Kräuter und Sträuße, die brachte sie nun zu den anderen Dingen in ihrem Garten. Das machte sie jeden Tag, auch am Wochenende und auch an den Feiertagen. Man erzählte sich, dass sie die Kräuter und Sträuße auf dem Markt verkaufe, aber niemand hat sie je dabei gesehen. Ich begegnete der Frau auch am Nachmittag, wenn sie ihr Fahrrad wieder hinauf oder hinunter schob. Dann rief ich ihr ein »Hallo» zu und sie antwortete mit einem »Hallo«. Wenn meine Kameraden dabei waren, habe ich sie natürlich nicht gegrüßt, weil mich dann alle für ein Weichei gehalten hätten. Die Jungs sagten immer: »Da kommt die alte Hexe wieder. Die ist so ein Ferkel. Die kackt und pullert in ihren eigenen Garten. Wir sollten mal wieder Steine werfen.« Und die Mädchen sagten: »Die ist geistig verwirrt, die gehört weggeschlossen. Die hat sich auf den Ofen gelegt und dabei ihr Haus abgebrannt.« Aber meistens begegneten wir der alten Frau ja nicht, dann dachten wir auch nicht an sie. Keiner von uns. Das änderte sich schlagartig im letzten Herbst. Über dem Garten der alten Frau stieg eine schwarze Qualmwolke in die Luft. Plötzlich kamen von allen Seiten Feuerwehrautos, und die Straße war abgeriegelt. Die Leute stürzten aus ihren Häusern und rannten zur Absperrung. Die Autos kamen nicht vor und zurück. »Es brennt bei der alten Frau Lehmann«, rief unsere Nachbarin. Da hörte ich zum ersten Mal ihren Namen. Ich war ein wenig verwundert, weil die alte Frau plötzlich nicht mehr die alte Frau war. Sie hatte einen Namen. Frau Lehmann. Ich lief natürlich auch zu Frau Lehmanns Garten. Das ganze Haus stand in Flammen, aber ich konnte nicht sehen, ob Frau Lehmann noch lebte. Als der Brand gelöscht war, alle Leute in ihren Häusern waren und die Autos weiter fahren konnten, war es plötzlich ganz ruhig in unserer Straße. Und da sah ich sie, die Frau Lehmann, ein Mann fuhr in seinem blauen Auto mit ihr davon.


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Ich wollte natürlich wissen, wo Frau Lehmann geblieben war. Am nächsten Tag zog meine Mutter Erkundigungen ein und kam mit vielen Nachrichten nach Hause. »Ich war bei Lotte Lehmann«, berichtete sie. Ich fragte mich, ob das etwa die alte Frau sei. Meine Mutter erzählte weiter, dass Frau Lehmann den Brand unverletzt überlebt hätte, aber nicht mehr in ihr Haus zurück könne. Sie bewohne jetzt ein Zimmer im Altersheim. Aber da wolle sie in keinem Fall bleiben, weil sie es da nicht aushielte. In der Nacht schlichen sich die Schwestern in ihr Zimmer und fassten mit der Hand unter sie, um zu prüfen, ob sie ins Bett gemacht habe. Sie wolle augenblicklich weg, nicht zehn Pferde hielten sie im Heim, die Schwestern sollten sich um die kümmern, die das nötig hatten. Von nun an trafen wir Frau Lehmann oft, wenn sie ihr altes Fahrrad mit dem Wägelchen schob. Sie hatte ja kein Zuhause mehr. Immer blieben wir stehen und redeten mit ihr. Jetzt bekam die alte Frau Lehmann eine Gestalt. Ich erfuhr von ihr, dass sie 82 Jahre alt war und dass sie im Sternzeichen des Zwillings geboren wurde. Sie ist nie verheiratet gewesen. Sie erzählte, dass sich natürlich die Männer für sie interessiert hätten, aber immer, wenn ein Mann sie küssen wollte, hätte sie gedacht, wie viele böse Worte aus so einem Mund kämen, wenn die erste Liebe vorbei sei. Da wollte sie lieber allein bleiben. Frau Lehmann erzählte, dass ihre Eltern schon lange tot waren. Mit sechzig waren sie gestorben. Sie hat immer nur diesen Wunsch gehabt, so alt zu werden wie ihre Eltern. Der Wunsch sei ihr ja reichlich erfüllt worden. Jetzt könne sie in Ruhe sterben, aber nicht im Altersheim. Draußen in der Natur fühle sie sich wohl, und jeder Schlafplatz auf Buchenblättern sei ihr lieber als das komische Bett im Altersheim. Im Wald unterhielt sie sich mit ihren Tieren und könne wie ein Murmeltier schlafen. Ich fragte mich, wieso sie auf einmal so nett zu uns war. Wahrscheinlich, weil wir auf sie eingegangen waren. Sie hatte ja niemanden mehr.

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Ein anderes Mal, als wir sie trafen und sie mit ihrem Fahrrad wieder Lumpen schob, fragten wir sie, ob wir sie nicht im Auto mitnehmen sollten. Sie bedankte sich und sagte: »Ihr jungen Leute seid so schnell.« Und dann erzählte sie, dass sie fast blind sei, nur noch Schatten könne sie sehen. Aber sie wolle sich nicht operieren lassen. »Das ist rausgeschmissenes Geld«, sagte sie, »es gibt so viel Not in der Welt, die Kinder in Afrika, die können die Hilfe viel besser gebrauchen. Meine Zeit ist fast vorbei.« Vor Weihnachten trafen wir sie vor dem Supermarkt. Sie verstaute Weißbrot in ihrem Wägelchen. Sie eröffnete uns, dass sie jetzt ihre Freunde, die Vögel, füttern würde. Meine Mutter fragte, ob sie nicht Lust hätte, Weihnachten bei uns zu feiern. Frau Lehmann lachte: »Habe ich euch Weibern nicht gesagt, dass ich niemanden brauche? Kümmert euch gefälligst um euch selbst. Ihr taugt ja nur zum Kaffeeklatsch!« Jetzt kannte ich Frau Lehmann schon ein wenig und hatte begriffen, dass sie nur frei sein wollte, von niemandem abhängig, deshalb reagierte sie immer so abweisend und trotzdem fragte ich, wo sie Weihnachten bliebe. »Junger Mann«, sagte sie stolz, »ich lasse mir gerade auf meinem anderen Grundstück an der Hadinger Chaussee ein Haus bauen. Die Handwerker haben gesagt, dass ich zu Weihnachten einziehen kann. Dort feiere ich Weihnachten und niemand soll mich stören.« Nun hatte ich ja Weihnachten genug um die Ohren, aber als wir überlegten, was jetzt wohl Frau Lehmann macht, hatte ich die Idee ihr Häuschen zu suchen, und ihr Plätzchen, warme Socken und neue Handschuhe zu bringen. Meine Mutter fand die Idee toll. Wir kauften ein und dann machten wir uns auf die Suche nach einem Häuschen an der Hadinger Chaussee, das neu aussah. Und wirklich wahr! Wir fanden ein blaues Holzhäuschen mit weißen Fensterrahmen. Vor ihm türmten sich Lumpen und Mülltüten. Da wussten wir, dass Frau Lehmann die Wahrheit gesagt hatte. Wir klopften an die Tür, mehrmals, ganz laut. Dann öffnete sich die Tür und unsere alte Frau stand da mit einem Küchenmesser in der Hand.


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»Wollt ihr Wurzeln schlagen?«, fragte sie barsch, »Macht die Tür zu, am besten von außen, und wenn nicht, dann kommt herein, aber dalli, es wird nämlich kalt in meinem neuen Haus.« Da standen wir nun mit unserer Tüte. Frau Lehmann schälte weiter ihre Kartoffeln. Eine Ente lag auf dem Herd. »Das wird mein Festtagsbraten.«, sagte Frau Lehmann. »Warum stört ihr mich?« Ich sagte, wir würden ihr gerne etwas schenken, weil Weihnachten ist und sie antwortete: »Ich brauche nichts, aber wenn du schon hier bist, stell’s da auf den Tisch!« Meine Mutter warf mir einen Blick zu, der hieß ›Komm, wir sollten hier nicht weiter stören.‹ Dann riefen wir Frau Lehmann zu: »Frohe Weihnachten!« Und sie brummelte zurück: »Das wünsche ich euch auch.«

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Name

xx Jahre


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Name

xx Jahre


junge literatur

junge literatur

2006 ——— 2011 2006 ——— 2011

isbn 978-3-00-035165-5 12, – €

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Freihändig  

Anthologie 2006 – 2011 Schreibende Schüler e.V. This was more or less a charity project for Schreibende Schüler e.V., an organization that p...

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