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30 Pinzgauer Nachrichten

KULTUR

22. JU NI 2 011

Ein Journalist deckt auf Affären – ob Buwog, Hypo Alpe Adria oder Eurofighter: Kurt Kuch trug maßgeblich zur Aufdeckung bei.

PN: Was war Ihr erster Fall? Kuch: Das war die World-Vision-Spendenaffäre, bei der Spenden für hungernde Kinder in der Dritten Welt zur Finanzierung des Vorzugsstimmenwahlkampfes von Karl Habsburg missbraucht wurden. Gleich während meines ersten Interviews, bei dem ich die verantwortliche World-VisionChefin mit meinen Rechercheergebnissen konfrontiert habe, wurde die Dame von der Wirtschaftspolizei verhaftet.

Das neueste Buch des Journalisten Kurt Kuch „Land der Diebe“ ist ein Bestseller. Am Freitag, 24. Juni, liest er im Steinerwirt in Zell am See. Beginn: 19.30 Uhr. Eintritt: frei. Vorab sprach er mit PN-Mitarbeiter Johannes Schwaninger. PN: Wer Ihr Buch über Korruption in Österreich liest, stellt sich unweigerlich die Frage: Ist es wirklich so schlimm? Kuch: Mutmaßlich ist es noch schlimmer, als in meinem Buch beschrieben. Aufgrund der fehlenden gesetzlichen Grundlagen zur effizienten Korruptionsbekämpfung und der mangelnden personellen Ressourcen der zuständigen Strafverfolgungsbehörden besteht Anlass zur Sorge, dass viele Fälle nie öffentlich werden. PN: „Land der Diebe“ ist seit Monaten ein Bestseller. Was interessiert die Menschen daran? Kuch: Offensichtlich trifft das Buch den Nerv vieler Österreicher. Angesichts der Fälle Strasser, Grasser, Hypo, Buwog, Eurofighter und Co. überrascht das nicht. PN: Es vergeht in Österreich kein Jahr ohne größeren Skandal. Trotzdem ändert sich nichts. Woran liegt das? Kuch: Wir haben eine Kultur des Vergessens. In Österreich setzt immer dasselbe Ritual ein: Ein Skandal wird aufgedeckt, die Öffentlichkeit empört sich, härtere Gesetze werden gefordert, die Wogen glätten sich, alle gehen zur Tagesordnung über, es ändert sich nichts. PN: Laut Ihrem Buch sind FPÖ und BZÖ am korruptesten. Wie sieht es bei SPÖ, ÖVP und den Grünen aus?

Kurt Kuch berichtet über unsaubere Methoden in der Politik. Bild: SW/NEWS HERRGOTT RICARDO

Kuch: Ich behaupte nicht, dass FPÖ und BZÖ am korruptesten wären. In meiner beruflichen Tätigkeit, die nun fünfzehn Jahre umfasst, gab es lediglich einen Höhepunkt an blauen und orangen Affären in der Zeit der Wenderegierung. Tatsächlich gibt es gerade bei der SPÖ – ich nenne hier nur die Fälle Bawag und ARBÖ Kärnten aus der jüngsten Vergangenheit – zahlreiche beschämende Affären. Und auch die ÖVP ist nicht arm an derartigen Skandalen: Grasser wäre ja fast ÖVP-Chef geworden, Ernst Strasser war ÖVP-Politiker, ich führe im Buch die Affäre Dirnbacher (wo es für ein sechs Seiten starkes Gutachten sechs Millionen Euro gab) detailliert aus. Bei den Grünen wird sehr genau zu beobachten sein, wie sie sich dort verhalten, wo sie nun in Regierungsverantwortung sind. PN: Sie sind einer der wichtigsten Enthüllungsjournalisten Österreichs. Was sind Ihre Beweggründe? Kuch: Als wichtig empfinde ich mich nicht. Mir macht meine Arbeit Spaß und es freut mich, dass so viele Menschen Anteil daran nehmen.

PN: Wie kommen Sie an Ihre Informationen? Kuch (lacht): Redaktionsgeheimnis. Grundsätzlich funktioniert das nicht anders als in anderen Kommunikationsberufen. Mein Telefonverzeichnis umfasst mehr als 7000 Personen. Entscheidend ist die Belastbarkeit des Vertrauensverhältnisses zu Ihren Informanten. Je belastbarer das ist, desto mehr und desto bessere Unterlagen werden Sie bekommen.

Interview der Woche Mit Aufdecker Kurt Kuch PN: Was motiviert Ihre Informanten, Ihnen Unterlagen zukommen zu lasen? Kuch: Die Bandbreite reicht von ehrlicher Überzeugung, Missstände unbedingt aufzudecken, bis hin zu banaler Rache an früheren Weggefährten. PN: Inwieweit ist der Journalist selbst „part of the game“? Kuch: In den letzten Jahren lässt sich sehr gut beobachten, dass vor allem bei Großverfahren „Medienberater“ eingesetzt werden, die die jeweiligen Beschuldigten medienstrategisch beraten. Das kann zu kuriosen Situationen führen. Ein Beispiel: Wer in U-Haft sitzt, bekommt schnell umfassende Akteneinsicht. So kann es dann passieren, dass diese Beschul-

digten plötzlich zu Herren der medialen Aufbereitung von Skandalen werden, deshalb von einzelnen Medien verschont werden und diese Medien wenig später mit entsprechenden Aktenteilen belohnt werden. PN: Sie legen sich mit vielen Mächtigen an. Werden Sie von diesen oder deren Umfeld nicht bedroht? Kuch: Es gibt ein paar Spinner, die mir regelmäßig Drohbriefe schreiben. Das nehme ich nicht ernst. Deutlich ernster ist eine andere Ebene: Man bringt millionenschwere Schadenersatzklagen ein oder versucht über Privatanklagen, das Redaktionsgeheimnis auszuhebeln. Wer sich jedoch davon einschüchtern lässt, hat seinen Beruf als Journalist verfehlt. PN: Auf welchen Ihrer Coups sind Sie besonders stolz? Was haben Sie bewirkt? Kuch: Ich beschränke das auf die letzten zwölf Monate: Das Beschaffen des Hypo-Ermittlungsaktes; die Enthüllung der „part of the game“-Affäre, wegen der der Kärntner FPKChef Uwe Scheuch demnächst vor Gericht steht; die Enthüllung, dass Walter Meischbergers Rücktritt nach der „bar aufs Handerl“-Affäre von der FPÖ erkauft wurde; das Beschaffen der WikiLeaks-Akten der US-Botschaft in Wien und schließlich die Affäre um die Kärntner Werbeagentur „Connect“, die zu zwei Rücktritten, mehreren Hausdurchsuchungen und umfassenden Ermittlungen der Korruptionsstaatsanwaltschaft geführt hat. Ich habe aber auch mit „kleineren“ Enthüllungen große Freude: Beispielsweise mit jenem burgenländischen Bürgermeister, der die Landtagswahl in seiner Gemeinde gefälscht hat. Der Mann steht übrigens Ende Juni deswegen vor Gericht. Dieser Fall hat jetzt auch dazu geführt, dass der Nationalrat diese Woche das Wahlrecht geändert hat.

Kurt Kuch in Zel am See  

Interview mit Aufdeckungsjournalist Kurt Kuch anlässlich seiner Lesung aus "Land der Diebe" im Steinerwirt in Zell am See

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