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Nichts passiert. Im Irak Dutzende Tote bei Selbstmordattentat Der Marktplatz ist wie leergefegt. DasAufräumkommando scheint hier selbst die letzte Glasscherbe vom Asphalt gekratzt zu haben. Ich suche die Straßen ab, nach Angehörigen der Opfer, die nach Vergeltung schreien und nach Verletzten, die Ihr Leid klagen. Doch dass, was hier passierte, löste sich so schnell auf, wie es entstand. Heute Morgen am 23.April in Bagdad, sind bei zwei Selbstmordattentaten 70 Personen getötet worden. Ein Mann hatte sich hier im Zentrum, unter der nach Hilfsgütern schreienden Menschenmenge, bis zu den Polizisten vorgedrängt und mit einer Fingerbewegung 30 Personen eiskalt mit in den Tod gerissen. Ein beißender Wind frisst sich nun durch meine Jacke und kaut auf meinen Ohren. Unsicher ob die Menschen reden wollen klingel ich an den nahe gelegenen Häusern. Der Schall dringt nach innen, doch es kommt nichts zurück. Die Leute haben sich hinter ihren Vorhängen verbarrikadiert. Esheißt, ein Sprecher der Sicherheitskräfte habe die Festnahme des sunnitischen Terroristenführers Abu Omar al Bagdadi gemeldet. Niemand weiß wer Bagdadi ist, doch jeder kennt ihn. Er ist ein Mythos in dieser Gegend, der nun auch noch zu allem Übel der Anführer der "Allianz Islamischer Staat im Irak" zu sein scheint. Die Hoffnung der Menschen lässt ihren Kopf hängen, sowie die Bäume auf dem Marktplatz ihre gebrochenen Äste. Eine Maus flüchtet sich in ihr Loch und die einzige Bewegung ist neben mir das Flattern des Absperrbandes. Ich suche nach Menschen mit denen ich reden kann. Ich suche nach Passanten, die etwas gesehen haben. Der Bürgermeister gibt sich nicht zu sprechen und die Einheimischen verkriechen sich. Niemand will reden obwohl alle was zu sagen hätten. Über mein Handy erreicht mich die Information, dasszumindest die amerikanische Armee die Festnahme des meistgesuchten Terroristen im Irak noch nicht bestätigt hat. Denn die irakischen Behörden hatten in den vergangenen Jahren mehrmals falsch berichtet, Bagdadi sei getötet oder festgenommen worden. Der Teufel läuft immer noch auf freiem Fuß. Die Türen sind verschlossen und die Fenster zugehangen. Ein Platz, so groß wie eine Arena, an dem erst vor Stunden noch viele Menschen starben. Die Zeit in diesem Stadtteil ist angehalten. Ich habe gehofft etwas in Erfahrung zu bringen und wenn möglich Menschen unter die Arme zu greifen. Ich bin unbefriedigt niemanden erreicht zu haben. Die Stadt zittert und mir schnürt es dabei den Hals zu. Bagdadi gilt hier als Ikone des Schreckens und unbesiegbar. Fremde Hilfe wird wegen möglichen Konsequenzen gemieden. Nichts passiert, weil niemand etwas machen darf. Meine Suche brachte mir nasseFüße und einen steifen Nacken. Meine Naseläuft und ich folge ihr zurück in die Redaktion.


Nichts ist passiert