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Es lebe Berlin


Es lebe Berlin ist eine Weltverbesserungsgeschichte, entnommen der Serie „Die Welt, verbessert“. „Die Welt, verbessert“ ist Weltverbesserung in Literaturform: Monat um Monat eine bessere Welt, zumindest fiktiv. Dahinter steht Autor*in Joey Juschka, nebst Weltverbesserungsteam. Wie du Teil des Teams wirst, ein Weltverbesserungsabo abschließt u. v. m., erfährst du hier: www.dieweltverbessert.de


Es lebe Berlin

Aus der Serie „Die Welt, verbessert“


Ungekürzte Ausgabe 2019 © 2019 Joey Juschka/ www.dieweltverbessert.de


Das Problem: Die Drei-Sitze-in-der-U-BahnBeleger


‌ so kann es nicht weitergehen!


Die Lรถsung: Es lebe Berlin


Es lebe Berlin „Whoa, da sitzen sechzig Euro!“ Uwe Banitzki ergriff meinen Arm. Er war aufgeregt. „Da-da drüben!“, stotterte er. Uwe Banitzki fing an zu stottern, wenn er an Geld dachte, und Uwe Banitzki war ständig pleite. Soviel wusste ich schon, auch wenn wir erst

seit

heute

morgen

zusammenarbeiteten. „Komm!“, drängte er. Ich mag mich eigentlich nicht drängen lassen, aber Banitzki hatte ja Recht: Sechzig Euro waren nicht


zu verachten, auch wenn mich selbst eher etwas anderes an diesem Job interessierte. „Sechzig Euro!“, sagte Banitzki noch mal und hob schon den Arm, um mit den Fingern zu deuten, überlegte es sich dann aber doch anders.

So

ein

Fingerdeuten-

Armheben war viel zu auffällig. Stattdessen drehte er den Kopf und wies mit dem Kinn. Ich schaute und sah es auch gleich: In

der

U2

Richtung

Pankow,

ausgebreitet über die Bank gleich neben der hinteren Tür, saßen wirklich sechzig Euro. Sechzig gut


aussehende Euro, muss ich mal sagen. „Jetzt komm schon, Jürgen!“, rief Banitzki. Er zog mich am Arm. Wir rannten los, quer über den Bahnsteig, gerade noch rechtzeitig in die sich schließende Tür. Als die Bahn anfuhr, lächelte Banitzki. Jetzt gab es kein Entkommen mehr; die sechzig Euro waren uns sicher. Ich lächelte ebenfalls, wenn auch aus

anderen

Gründen.

Der

Schwarzfahrer sah wirklich gut aus: Seine Schultern waren so breit, wie ich es mochte; er trug ein Netz-Shirt und durch

den Stoff hindurch


konnte ich auch seine Brustmuskeln sehen. Seine Hüften dagegen waren eher schmal, und wie, um dafür zu kompensieren, hatte er die Beine so weit geöffnet, dass er zwei ganze Sitze belegte, fast sogar drei. Ich ließ mich auf der Bank ihm gegenüber

nieder,

zückte

die

Kamera. Banitzki unterdessen baute sich neben ihm auf. „De-den Fahrschein!“, sagte er und versuchte,

nicht

allzu

arg

zu

stottern und größer auszusehen, als er eigentlich war. Es gelang ihm nicht sehr gut. Er räusperte sich,


wiederholte:

„Den

Fahrschein!“,

diesmal schon etwas fordernder. Doch der junge Mann beachtete ihn immer noch nicht. „Was machst'n da für'n Bild?“, wollte er vielmehr von mir wissen. Er grinste mich an. „Von mir?“ Ich grinste zurück. Ich mag junge, sportliche Männer, besonders solche mit eng geschnittenen Hosen, die den Schritt extra betonten. Und die Beule in seiner Hose war extra betont; ich zoomte mich rein. Meist konnte ich Geschlechtsteile nicht

einfach

so

offen

abfotografieren, und meist waren


die breitbeinig sitzenden Männer in der U-Bahn nicht schwul. Das hier war anders. Das hier war klasse. Mein Gegenüber spreizte die Beine noch etwas mehr. Ich

stöhnte

vor

Wonne

und

knipste los. „Den Fahrschein!“, fuhr Banitzki plötzlich dazwischen. Auf einmal sprach er ganz laut. Ach, Banitzki. Der musste noch so einiges lernen. Ich atmete aus, enttäuscht. Der spannendste Teil meines Jobs war vorbei. Mein Banitzki

Gegenüber an.

„Ich

schaute

auf,

hab

'nen


Fahrschein. Hier.“ Er hielt ein Tagesticket hoch. „Gilt nicht“, sagte Banitzki kurz angebunden. „Klar gilt das. Ist von heute.“ „Ja,

ist

von

heute“,

stimmte

Banitzki ihm zu. „Gilt aber trotzdem nicht.“ Der Junge verstand nicht, worum es ging. „Was?“, fragte er. „Also-“ „Neue Beförderungsbedingungen“, sagte Banitzki zu ihm, und zu mir: „Foto?“ Ich nickte. Fotos hatte ich einige gemacht. „Gehört ihr etwa zusammen?“


Mein Gegenüber schaute mich an, enttäuscht, wie mir schien. Ich nickte wieder, ganz langsam, senkte den Kopf. „Seit wann macht ihr denn Fotos?“ Ich sagte nichts, zuckte nur leicht mit den Schultern und wies auf Banitzki. Der war bereit. „Sie müssen zwei Fahrscheine lösen, wenn Sie so sitzen, wie Sie jetzt sitzen“, sagte er und schaute dem Jungen dabei gezielt auf den Schritt. Da war ich mir sicher. Ach, Banitzki. „Häh?“ „Sie belegen zwei Sitze, sehen Sie


doch!“ Eigentlich belegte er drei. Sehr weit

geöffnete

Beine,

eindeutig

betonte Beule. Ich lächelte in mich hinein, hielt die Kamera fest an mich gedrückt. Alles gespeichert hier drin. Mein Schatz. Banitzki schluckte, sah abrupt weg. „Zwei Sitze!“, sagte er dann noch mal. „Zwei Sitze: zwei Fahrscheine. Neue Bedingung, eine Ergänzung von Paragraph elf. Das ist der mit den Fahrrädern.“ Er bekam keine Antwort. „Pro Fahrschein ein Sitz. Und wer


zwei Sitze belegt …“ Der Junge fing an, sich im Abteil umzusehen, ob ihm jemand half mit uns zwei Verrückten hier. Fast tat er mir leid. „…

die

Übergewichtigen

im

Flugzeug; die müssen auch zwei Sitze kaufen“, schloss Banitzki seine Rede

ab.

Das

war

ein

guter

Vergleich; den hatte ich noch nie gehört. Vielleicht sollte ich ihn mir merken. Der Junge sah uns jetzt doch an; seine

Muskeln

spielten

unterm

Hemd. „Ihr spinnt ja!“, sagte er und protestierte dann: „Außerdem bin


ich nicht übergewichtig!“ Da hatte er Recht. Er war ganz und gar

nicht

übergewichtig.

Im

Gegenteil, ich sah ihm das tägliche Training an. Ich ging auch öfters ins Fitnessstudio,

aber

ohne

einen

solchen Erfolg. Banitzki

schien

dieser

Aspekt

plötzlich nicht mehr zu kümmern; jetzt ging es ihm nur noch ums Geld. „Den Ausweis!“, verlangte er. „Nee. Erstmal deinen!“ „Ihren“, korrigierte Banitzki und seufzte.

Dann

hielt

er

dem

Schwarzfahrer sein eingeschweißtes Stück BVG-Plastik hin. „Ist echt.“


Seit die neuen Bedingungen in Kraft

waren,

Kontrolleure

mussten ständig

wir unsere

Ausweise zeigen. Die Leute glaubten nicht, dass wir echt waren. Nicht, wenn sie doch einen Fahrschein hatten. Aber eben nur einen. Mein Gegenüber jedoch nahm uns jetzt ernst. Er überlegte. „Ihr habt keine

Beweise!“,

rief

er

dann

plötzlich und schloss schnell die Beine. „Doch“, antwortete Banitzki und zeigte auf mich und die Kamera. Ich fühlte mich mies, sofort. Das war eindeutig der schlimmste Teil


meines Jobs. Ich hatte auch schon mal

überlegt,

kündigen. Gegenüber

Ich

deswegen

zu

mochte

mein

nicht

mehr

jetzt

anschauen, sah stattdessen stur zu Banitzki. „Jetzt mal, sechzig Euro“, sagte der. „Seien Sie froh, dass Sie nicht auch noch für den dritten Sitz zahlen müssen. Dann wären es hundertzwanzig.“ „Hundertzwanzig!“

Der

Junge

schnaufte. Die U-Bahn lief ein in die nächste Station, hielt an. Er sprang plötzlich auf, rannte los, zur Tür, hinaus, über


den Bahnsteig. Weg. Wir

rannten

hinterher:

zwei

Treppen, ein Tunnel, ein Gang, eine Unterführung. Banitzki machte als Erster schlapp. „Aber du! Hol ihn dir!“, feuerte er mich an. „Mensch, sechzig Euro“, schnaufte er dann. Er klang ganz traurig. Ich blieb stehen. „Was denn? Mach mal!“ Banitzki verstand nicht, warum ich nicht weiterlief. Ich

schaute

dem

Flüchtenden

hinterher, dann runter auf meine Kamera.


In meinem Vertrag stand, dass die Bilder in ihr sofort zu löschen wären,

sobald

das

Beförderungsentgelt“ worden

war,

„Erhöhte bezahlt

oder

nicht

einzutreiben. Aber das hatte ich nie getan. Ich liebte doch diese weit geöffneten Beine, diese sich durch die Hosen abzeichnenden Beulen. Ich hatte mittlerweile eine ganz ansehnliche Sammlung. Die schaute ich zu Hause immer an, abends, fuhr den Beamer hoch, zog die Vorhänge zu, und dann … Und was machte Banitzki so nach Dienstschluss?


Ich drehte mich zu ihm. „Banitzki?“, fragte ich. „Sag mal: Bist du eigentlich schwul?“ Banitzki lief rot an. „Na. Nun. Na.“ „Alles klar.“ Ich grinste, ergriff seinen Arm. Dann schwenkte ich die Kamera vor seiner Nase. „Komm“, sagte ich. „Ich hab hier was Tolles. Geld ist nicht alles; glaub mir – Beulen sind um einiges besser.“


Diese Geschichte auch hรถren: www.dieweltverbessert.de


Weitere Probleme, die „Die Welt, verbessert“ löst: Die Straßen der Stadt stinken nach Urin In Bus & Bahn wird gepöbelt, und

keine/r

traut

sich,

etwas

dagegen zu tun Für einen Toilettenbesuch muss man 50 Cent hinblättern. Tampons kann frau nirgendwo mal so eben schnell wechseln


Und noch mehr Probleme … Sowieso:

als

Frau*

„allein“

unterwegs ist gefährlich. Ganz zu schweigen vom Datum im März, bis zu dem Frau extra arbeiten muss, um das zu verdienen, was Mann bis zum Vorjahresende schon längst in der Lohntüte hatte. Und dann der Schuh: besonders als

Stöckelvariante

gern

als

Geschenk gekauft von Leuten, die selbst gar nicht drin laufen können.


… und noch mehr! Schließlich auch der Abbruch: bei

Schwangerschaften

immer

wieder mal von Nicht-Schwangeren zu verhindern gesucht, statt die Entscheidung

einfach

denen

zu

überlassen, die davon am eigenen Körper betroffen sind. ... ? Siehst du auch ein Problem in der Welt? Dann schreib es mir – ich kümmere mich drum!


www.dieweltverbessert.de Auf dieser Webseite kannst du: •

Probleme einreichen/ über eingereichte

Probleme

abstimmen •

Selbst zum Weltverbesserer werden/

ein

besserungsabo

Weltverabschließen

(du Held*in!) •

Und natürlich: die Lösungen lesen/ hören

Willkommen!


„Die Welt verbessert“ ist ein Projekt von Joey Juschka Manchmal Joey

möchte

die

verbessern.

Welt Die

behebenden

zu Miss-

stände begegnen Joey tagtäglich, inmitten der Stadt. Beseitigungsstrategien entwickelt Joey später, am Schreibtisch, als literarische Erzählung

eben

„Die

Welt,

verbessert“. Mehr Infos zu Joey: joeyjuschka.com


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Profile for Joey Juschka

Es lebe Berlin  

Aus der Serie "Die Welt, verbessert", www.dieweltverbessert.de

Es lebe Berlin  

Aus der Serie "Die Welt, verbessert", www.dieweltverbessert.de

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