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ENGINEERING

UNS BEWEGEN INNOVATIVE MOBILITÄT UND NACHHALTIGE PRODUKTION. Sina Golestani studiert Luftfahrt / Aviation

www.fh-joanneum.at | Austria | Styria


EDITORIAL

Editorial. Zur Ausgabe. Unfassbar ist für uns all das, was wir im ersten Moment nicht verstehen können. Eine Freundin interessiert sich plötzlich für Pendel und Tarot-Karten? Die steckt bestimmt in einer Lebenskrise! Und der Freund, der seit neuestem Berghänge hinaufhetzt und nur noch Hirse frühstückt? Den fanden wir schon immer etwas merkwürdig. Und wenn uns dann auf Facebook die Freundschaftsanfrage von Muschi erwartet, die sich als kleine Tigerkatze entpuppt und der Cousin zweiten Grades sich nur noch von Lichtstrahlen ernähren möchte, hören wir gar nicht mehr auf unsere Köpfe zu schütteln. „Ghostbusters“ haben wir uns noch gerne im Fernsehen angeschaut, aber dass es in Wien einen Verein für Geisterjagd gibt? Verrückt. Es ist gut, wenn unsere Meinung nicht so oft wechselt wie die Wettervorhersage. Aber sich vor allem zu verschließen, was neu, unbekannt und vielleicht auf den ersten Blick unverständlich ist, bringt genauso wenig. Wir müssen nicht immer gleich alles toll finden, was uns vorgesetzt wird, aber vielleicht wäre es gut, sich mit manchem erst auseinanderzusetzen, bevor wir ihm einen Stempel aufdrücken. Werkbericht. Wir feiern Jubiläum: joe wird zehn! Ein Grund, uns nicht nur bei den Mitwirkenden dieser Ausgabe zu bedanken, sondern bei allen, die sich seit joe01 mit Geschichten, Fotos und Illustrationen beteiligt haben. Mitmachen. Wir freuen uns über jeden, der bei joe mitwirken möchte. Egal ob als Fotograf, Autor, Lektor, Illustrator oder wie auch immer ihr euch einbringen möchtet: Bedarf an neuen Talenten gibt es immer. Also MACHT MIT! Schreibt ’ne Mail oder sucht joe auf Facebook.

Kontakt: joe@fh-joanneum.at joe.oeh-joanneum.at | joemagazin

Jennifer Polanz, Chefredakteurin

Cover: Wolfgang Schnuderl

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INHALT

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INHALT

EDITORIAL INHALT

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FH LIVE STUDY ABROAD: AMSTERDAM 24 STUNDEN KAPFENBERG BAD GLEICHENBERG SO SIND WIR: IMA DUALISMUS

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EINBLICKE ZWISCHEN GLAUBEN UND GEFAHR INTERVIEW SATANISMUS SINNVOLL | SINNLOS SELBSTVERSUCH KARTENLEGERIN GEISTERJAGD AUF WIENERISCH 10 UNFASSBARE DINGE

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MENSCHEN LEBEN VON LICHT EXTREMLÄUFER DIE SCHUTZENGELSTADT

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KULT INTERVIEW SCIENCEBUSTER KATZENJAMMER 2.0 ICH BIN DAS LEBENDE GOOGLE BLUMENTOD IMPRESSUM

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Illustration: Wolfgang Schnuderl & Christopher Eder


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„Die wahren Abenteuer spielen sich abseits des Rotlichtviertels und der Coffeeshops ab.“ -KATRIN NUSSMAYR-

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Oh, Ams ter dam … Text & Fotos: Katrin Nussmayr

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Amsterdam ist hip, aufregend und gemütlich. Wer die Stadt entdecken will, braucht keinen Reiseführer, sondern Zeit – und das richtige Transportmittel. Ein Erlebnisbericht von einem Auslandssemester in der Fahrradmetropole.

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er einen Tag in Amsterdam verbringt, sieht bunte, schiefe Häuschen mit lustigen Giebeln. Rostige Fahrräder an Brückengeländern. Prostituierte hinter Schaufenstern. Wer eine Woche in Amsterdam verbringt, stellt fest, dass Eistee mit Kohlensäure und Bier in unfassbar kleinen Gläsern serviert werden. Kauft Tulpenzwiebeln, überteuerten Käse und Space Cookies. Und späht auf einer Grachtenrundfahrt den Bewohnern dieser kleinen, süßen Hausboote mitten ins Wohnzimmer. Doch erst, wer mehrere Monate in Amsterdam verbringt, lernt die wahren Juwelen der Stadt kennen. Bars in verlassenen Fabrikshallen. Cafés in alten Gewächshäusern. Bunte Flohmärkte und belebte Parks. Und erkennt, dass der wahre Charme der Stadt einfach in der Luft liegt – und damit meine ich nicht die gelegentliche Marihuana-Brise. Als ich Ende Jänner mein Auslandssemester antrat, war ich zunächst enttäuscht. Meine Unterkunft im Südosten der Stadt – im Volksmund auch als Ghetto bekannt – hatte nichts mit den wunderschönen Grachtenhäusern von den Postkarten gemein. Tulpenfelder erschlossen sich meinem Ausblick ebenso wenig wie Windmühlen oder malerische Kanäle. In der Tat könnte man die Gegend, in der ich wohne, als das „Wetzelsdorf von Amsterdam“ bezeichnen: ein gutes Stück vom Stadtzentrum entfernt, kulturell mäßig attraktiv und architektonisch unspektakulär. Na gut, immerhin feinstaubfrei. Das Fahrrad, eine Lebenseinstellung. Die erste Erleichterung nach der anfänglichen Enttäuschung war die Erkenntnis, dass Holland in einer Sache hält, was der Ruf verspricht: Das Fahrrad ist hier kein Transportmittel, sondern eine Lebenseinstellung. In Amsterdam, einer Stadt mit etwa 800.000 Einwohnern, zirkulieren knapp 900.000 Fahrräder. Zirkulieren ist dabei wörtlich gemeint. Wenn einem das Fahrrad nämlich trotz zwei Schlössern, die Rahmen und Reifen an ein unbewegliches Objekt ketten, gestohlen wird, kann man es nachts mit ein wenig Glück von einem Junkie zu-

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Oh ja, da kann sich der Grazer Lend etwas abschauen.

rückkaufen. Das Ganze ist natürlich verboten und wird geahndet – den ewigen Kreis der Fahrräder in Amsterdam haben die Behörden allerdings noch nicht aufhalten können. Der gemeine Amsterdamer transportiert auf seinem Fahrrad nicht nur allerlei Gepäck (Billy-Regale, volle Bierkisten, eine ganze Familie etc.), sondern verrichtet auf dem Fahrrad auch Aktivitäten vom Händchenhalten bis hin zum SMS-Schreiben. Fest entschlossen, mich an die lokalen Gepflogenheiten anzupassen, investierte ich also 20 Euro in ein klappriges Fahrrad und war bereit, das zweispurige Radnetz der Stadt zu erobern. Hipster, Industrieschrott und die „jungen Krea­ tiven“. Die Hauptstadt der Niederlande lebt von der Gelassen­heit und Gemütlichkeit der Menschen. Sobald die Sonne für einen Moment hinter der Wolken­decke hervorblitzt (und ja, hin und wieder kommt das vor), bevölkern Scharen von Leuten die Parks und Gastgärten der Stadt. Auf den ersten Blick eine Hipster­hochburg, ist Amsterdam eine Stadt, wo Vintage salonfähig ist, Industrieschrott zu Kunst erklärt wird und die „jungen Kreativen“ das Kultur­ programm beherrschen. Oh ja, da kann sich der Grazer Lend etwas abschauen. Fast jedes Wochenende werden die brachliegenden Wiesen am Stadtrand zum Gelände für Food-Festivals, Musikevents und Kunstmärkte. Inklusive Minirestaurants auf Rädern, Spontan-Jamsessions und Lagerfeuern. Studieren? Ach ja, nebenbei bin ich ja auch zum Studieren da. Wenn ich also nicht gerade mit dem Rad durch das Grachtenlabyrinth der Stadt kurve, an Backsteinmauern entlang durch kleine Gassen flaniere oder ins Kulturprogramm eintauche, verbringe ich meine Stunden an der „Hogeschool Inholland“. Mit meinen Kursen hatte ich bisher gleich viel Pech wie

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Glück. Im Allgemeinen ist der Unterricht sehr projekt­ orientiert (so durfte ich zum Beispiel mit meinem Team eine Guerilla-Kampagne für einen ansässigen Fahrradhersteller entwickeln), akademisch aber nicht allzu herausfordernd. Insofern waren einige meiner Fächer eine ziemliche Enttäuschung. Aber seien wir ehrlich, in Wirklichkeit bin ich ja doch nicht zum Studieren da. Vind ik leuk. Amsterdam, die Stadt am Wasser, braucht keine monumentalen Bauwerke und Sehenswürdigkeiten, um zu überzeugen. Die wahren Abenteuer spielen sich abseits des Rotlichtviertels und der Coffeeshops ab. Der wahre Charme der Stadt offen-


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bart sich in den kleinen bunten Grachtenhäuschen, deren Stiegenhäuser so eng sind, dass die Bewohner ihr Klavier durchs Fenster ins Haus hieven müssen. Im sanften Rhythmus der Fahrradklingeln, wenn sie über die groben Pflastersteine poltern. Im Duft, der aus den kleinen Pfannkuchenhütten strömt. In den Graffitimauern, den hypermodernen Glaskonstruktionen am Hafen, den ruhigen Parks und den vielen kleinen Festivals. Ich habe für fünf Monate das traute Graz gegen das hippe, aufregende und doch so gemütliche Amsterdam getauscht. Eine Stadt, in der man gerne länger bleibt.

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24 Stunden Text: Stephanie Schiller & Max Tonsern

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Du bist abenteuerlustig und willst einen besonderen Tag in Graz verbringen? Dann bist du hier richtig! Wir haben uns auf die Suche nach unfassbaren Orten und Aktivitäten in der Landeshauptstadt begeben. Vom Frühstück in der Bim bis zum Candle-Light-Dinner am Schlossberg ist alles dabei.

08.30 Uhr

10.00 Uhr

Unfassbarer Kultfaktor

Unfassbar teuer

Früh aufstehen, Thermoskanne Kaffee und Marmeladen­ brote in eine Tupperware-Box packen und dann auf zur Straßenbahn. Der geübte Straßenbahnfrühstücker empfiehlt 1er, 6er und 5er. Am besten hinten einsteigen, sich dort einen Platz suchen und damit beginnen, gemütlich zu frühstücken. Und nebenbei Graz beim Wach­werden zusehen, lustige Menschen kennen lernen und alltägliche Situationen vom Waggon aus betrachten.

Ende des Monats, zu viel Geld am Konto und keine Ahnung, wohin damit? Dann ab ins Modehaus Brühl am Hauptplatz. Hier schlägt jedes Damen- und auch modebewusste Herrenherz höher, hängen doch Roben von Joop!, Hugo Boss, Armani, Burberry, Versace oder Trussardi praktisch in einer Reihe. Beratung wie in alten Zeiten wird hier noch groß geschrieben. Kann man es sich leisten, so findet man in diesem Traditionshaus, das für Eleganz und Stil steht, bestimmt das neue Lieblingskleidungsstück!

13.00 Uhr

15.30 Uhr

Unfassbar urig

Unfassbar original

In der Sackstraße, gleich gegenüber vom Modehaus Kastner & Öhler, befindet sich ein ganz besonderes Gusto­stück, die Altsteirische Schmankerlstuben. Urig in einem Keller eingerichtet, versprüht das Restaurant Hütten-Charme. So deftig wie es aussieht, wird dort auch gekocht – und das Ganze auf hohem Niveau. Schweins­ braten, Bauerngröstl oder Jägerknödl sind nur ein kleiner Auszug aus der umfangreichen Speise­ karte. Kleiner Tipp: reservieren! Plätze sind rar und heiß begehrt.

In Puntigam befindet sich eine Halle voller legendärer Automobile, Mopeds und Fahrräder: das Johann Puch Museum. Vom „Niederrad“ aus dem Jahre 1889 bis hin zur Puch Voiturette von 1906 – das Museum bietet nicht nur Fans des ehemaligen Konzerns einige grün-weiße Schmankerln. Ölgeruch, fantastisch erhaltene (und ver­ goldete!) Puch Maxis, urige Accessoires und Konzept­ autos aus längst vergangenen Zeiten gibt es hier zu bestaunen.

19.00 Uhr

21.00 Uhr

Unfassbar orientalisch

Unfassbar romantisch

Direkt am Griesplatz liegt der Shisha Palace. Tritt man ein, befindet man sich in einer anderen Welt – Wasserpfeifen in verschiedensten Geschmacksrichtungen, wundervolles Ambiente und fruchtige Cocktails laden einen dazu ein, am Teppich Platz zu nehmen, sich zurückzulehnen und zu entspannen. Besonders empfehlenswert übrigens die doppelte Apfel-Shisha. Und nicht vergessen: Schuhe ausziehen.

Du willst einen unvergesslichen Abend mit deinem Schatz verbringen, aber einfache Candle-Light-Dinner sind euch zu ordinär? Dann packt den Picknickkoffer voll mit Kerzen, Snacks und Champagner und macht euch auf den Weg zum Schlossberg. Am Dach von Graz im Dunkeln die Lichter der Stadt bewundern, Sternenbilder suchen und gemeinsam schlemmen – was will das frisch verliebte Herz mehr?

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Aus Alt mach Neu die unfassbare Entwicklung Kapfenbergs

Text: Nadine Motz Illustration: Mac Krebernik

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Kapfenberg galt lange Zeit als unspektakulär und langweilig und wird von Austauschstudenten etwas frech als „Kapfenshit“ bezeichnet. Doch die Stadt befindet sich im Umschwung und bemüht sich um ein neues Image.

apfenberg ist eine Stadt mit knapp 22.000 Einwohnern und vor allem als Industriegebiet bekannt. Unternehmen wie Böhler Edelstahl oder Pankl Racing schreiben in dieser Region eine langjährige Erfolgsgeschichte. Dazu passend wurde 1995 die FH JOANNEUM am Standort Kapfenberg mit den ersten Studiengängen gegründet. Eine weitere österreichische Fachhochschule in einem etwas entlegeneren Gebiet wurde damit geschaffen. Für dort ansässige Studieninteressierte ein Traum, für Studenten von auswärts im ersten Moment ein Schock. Die vorhandene Industrie ist für die spätere Arbeitsplatzsuche sehr hilfreich, für einen partywütigen Studenten allerdings unwichtig. Doch jetzt soll die große Veränderung kommen, denn die Fachhochschule und die Stadtgemeinde arbeiten­intensiv an Verbesserungen der Lebensqualität. Kapfen­berg mausert sich sozusagen und will mit einer Geldbelohnung für Anmeldungen die Einwohnerzahl steigern. Und auch die Studienqualität wurde verbessert: Während sich die FH JOANNEUM im Jahr 2012 noch auf Platz 10 beim österreichischen

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FH-Ranking befand, ist sie 2013 bereits auf Platz 4 „raufgerutscht“. Mit einer Initiative zur kontinuierlichen Verbesserung wird speziell an der Umsetzung neuer kreativer Ansätze für den Studiengang Industriewirtschaft getüftelt. Zusätzlich wird von der PR-und-Marketing-Abteilung der FH aufgerufen, Vorschläge für die Freizeitgestaltung in Kapfenberg einzubringen. Selbst in Vorlesungen kommt das Thema immer mehr zur Sprache und wird zum Beispiel für passende Fallstudien verwendet. Man merkt also: Es tut sich was. Denn auch wenn es anfangs nicht den Anschein hat, gibt es viele Möglichkeiten, etwas zu unternehmen und auch mal richtig Party zu machen. Beispiele dafür sind das alljährliche Overdrive-Festival, das direkt am FH-Gelände stattfindet, oder zahlreiche Sportangebote. Wer also daran Interesse hat, sich eine tolle Zeit in Kapfenberg zu gestalten, wird diese mit Sicherheit auch haben – egal ob beim Wandern, im Stadion oder beim ersten gemeinsamen Bier im WIST-Studentenwohnheim. Und schnell wird aus einer unspektakulären Stadt ein „Kapfenhit“.


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Das Unfassbare an Bad Gleichenberg… Text: Daniela Macho & Thomas Lanner Illustration: Mac Krebernik

Auf der ganzen Welt gibt es Orte mit besonderen Energien, Harmonien und sagenumwobenen Naturschauplätzen. Man munkelt, dass sie die Tore und Pforten zu unbekannten Welten und Dimensionen sind. Gewöhnliche Menschen können diese nicht betreten, aber alle Jahre wieder werden 129 Kinder mit besonderen Fähigkeiten geboren. Für sie wird das Unfassbare Wirklichkeit.

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0 davon sind dazu berufen, in den Disziplinen des Gesundheitsmanagements im Tourismus zur Meisterschaft zu gelangen, 24 bestreiten den Weg der Ergotherapie mit Bravour und 15 stellen sich erfolgreich den komplexen Herausforderungen der Diätologie. Gelehrt wird dieses Wissen in den unendlichen Weiten des Kurortes Bad Gleichenberg. Ein prachtvolles „aedificium“ mit prunkvollen Hallen der Erkenntnis, Kräuterküchen und Werkstätten inmitten von grünen Hügellandschaften und Weinbergen – ein unfassbar idyllischer Ort, dieses Bad Gleichenberg. Das Unfassbare liegt aber nicht nur in dem wunderschönen Naturschauspiel, das immer wieder aufs Neue von den StudentInnen beobachtet werden kann, vielmehr sind die Studierenden selbst

das Unfassbare in dieser Idylle. Eine außergewöhnliche Mischung aus verschiedenen Nationen und Charakteren, studierend in Bad Gleichenberg. Sie organisieren unfassbare ThemenPartys, die am nächsten Tag in den Dimensionen des Nichts verschwinden. Kreative Veranstaltungen erfrischen Woche für Woche das Leben der Gleichgesinnten und stärken das Gemeinschaftsgefüge. Fern des Paradieses wird die Unendlichkeit der Welt in Frage gestellt, denn dem kritischen Blick von StudentInnen sollte nichts entgehen – so, wie es in den prunkvollen Hallen der Erkenntnis vermittelt wurde.

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Error 404: Titel nicht gefunden Text: Clemens Wolf Illustration: Carina Lex

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Kampf den Fehlermeldungen: Für alle PC-Probleme, die sich nicht mithilfe des WindowsWartungs­centers lösen lassen, gibt es sie – Informations­ manager, echte IT-AllroundGenies made by FH JOANNEUM.

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ie sind die Jungs – und Mädels! – fürs Grobe, wenn es um IT-Belange geht. Wobei das mit dem „Groben“ so eine Sache ist: Denn es sind vielmehr technische Feinheiten, die die Informationsmanager auf den Plan rufen. ITFragen also, die sich jenseits von Kabelverlegen und Microsoft Office abspielen. 45 junge Männer und Frauen (der Frauenanteil liegt derzeit – gängigen Klischees zum Trotz – bei immerhin rund 20 Prozent!) beginnen jedes Jahr ihre Ausbildung am Studien­ gang „Informationsmanagement“. In sechs Semestern dürfen sie tief in ein buntes IT-Potpourri hineinschnüffeln: Flash­ programmierung, Netzwerk­ technik, Serveradministration, Datenbanken, Software­­ entwicklung … Dazu kommen BWL Grund­ lagen, Projektmanagement und Mathematik, aber auch „Soft Skills“ wie Teambuilding oder Präsentations­ techniken. Daraus entsteht ein Infor­ matik­­ studium mit Fokus auf den Anwendungs­ bereich, angereichert um Management- und Wirtschaftsgrundlagen.

Wem bei dieser Erklärung schwindelig geworden ist vor lauter Fachbegriffen, der braucht sich keine Sorgen zu machen. Denn genau dafür sind Informationsmanager da: sich dort auszukennen, wo Durchschnitts-User aussteigen. Von der kinderfreundlichen App für gesunde Ernährung über das intelligente Datenbank-System für einen Supermarkt bis hin zum Videopodcast wissen es die Informations­manager so, IT-Herzen höher schlagen zu lassen.

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Mit ihrer breit gefächerten Ausbildung der Schweiz, den Niederlanden oder sind die „Informations­ management“ Großbritannien. Absol­venten in der Wirtschaft jedenfalls gefragt. Sie fin­den sich in EDV-Abtei- Nach sechs Semestern Studium schlielungen von Unter­nehmen genauso wie- ßen die Informationsmanager als der wie in IT-Firmen – und können so „Bachelor of Science in Engineering“ namhafte Unternehmen wie AVL, ihr Studium ab. Damit stehen den AbNovomatic oder A1 ihre Brötchen­ solventen nicht nur viele Berufsmöggeber nennen. lichkeiten offen, sondern auch zahlreiche Masterstudien. Wer den Blick aber nicht so weit in die Ferne schweifen lassen möchte, kann auch im eigenen Haus, an der FH JOANNEUM, das gleichnamige Masterstudium („Informations­management“, AIM) dranhängen.

Fragt man die Informations­manager, ob man denn ein richtiger „Nerd“ sein müsse für dieses Studium, wird die Frage mit Grinsen und Kopf­schütteln quittiert.

FH-typisch erfolgt die Aufnahme für den Bachelor-Studiengang nach Reihungstest und anschließendem Aufnahmegespräch. Fragt man die Informations­manager, ob man denn ein Aber auch schon vor Abschluss ihres richtiger „Nerd“ sein müsse für dieses Studiums zieht man die Informations­ Studium, wird die Frage mit Grinsen manager gerne zu Rate: So haben und Kopfschütteln quittiert. Aber: IMA-Studierende in den vergangenen „Ein gewisses Interesse muss man schon Jahren eine Vielzahl von interaktiven mitbringen“. Museumsinhalten für das Grazer Kinder­ museum konzipiert oder auch Interesse gepaart mit der breit eine Gestensteuerung für Modelleisen- gefächerten Ausbildung machen aus bahnen entwickelt. Informationsmanagement- Studenten IT-Allrounder fürs grobe Feine. Aber Praktisch gearbeitet wird daneben auch, wenn sie sich beruflich abseits auch in verschiedenen Projekten am von Kabelverlegen und Microsoft Studiengang und im Praxis­ semester Office bewegen, können sie unter am Ende des Studiums. Im fünften Garantie damit umgehen: Nicht umSemester haben die Informationsma- sonst lehrt „PC-Anwendungen“ im nager zudem die Möglichkeit, ein Aus- ersten Semester den richtigen Umgang landssemester zu absolvieren – etwa in mit Word und Powerpoint.

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DU AL IS MUS GEGENSÄTZE, DIE SICH ANZIEHEN.

Für immer mehr Studierende in Österreich stellt die Finanzierung des Studiums ein Problem dar, denn Wohnen und Leben sind teurer denn je zuvor. Zusätzlich zu berufsbegleitenden Studien gibt es nun eine weitere Alternative, Arbeit und Studium effizient miteinander zu kombinieren: Duales Studieren.

Text: Patrick Grill Illustration: Lisa Hauser

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ie Idee hinter einem Dualen Studium ist es, Studierende in zwei Disziplinen auszubilden und diese auf clevere Weise mit­einander zu verschmelzen. Das Kon­zept gibt es bereits seit Längerem und es wird auf dem gesamten Globus, allen voran in Deutschland und den USA, erfolgreich angewandt. Duales Lernen. Die akademische Ausbildung erfolgt im klassischen Stil mit Vorlesungen an der Fachhochschule. Zusätzlich wird die Theorie in Praxisphasen übergeführt und beides auf­einander abgestimmt. Durch diese Synthese sollen die Studierenden ein­malige Einblicke in die Berufswelt erlangen und sich mit dem bereits erlangten Fachwissen einschlägig etablieren. Es findet somit ein nachhaltiger Lern­prozess statt, da das bisher erlangte Wissen tagtäglich im Unternehmen angewandt wird. Studium und Job, die optimale Synergie. Allein im Bachelor-Studium verbringen die Studierenden etwa die Hälfte der Studienzeit in ihren Ausbildungsunternehmen. Der Ausbildungsvertrag sieht ein 50-prozentiges Anstellungsverhältnis vor, es werden – ganz klassisch – 38,5 Stunden pro Woche während der Praxisphasen gearbeitet, dafür bekommen die Studierenden monatlich ihr Gehalt, obwohl sie sozusagen nur das halbe Jahr arbeiten. Ready for take-off. Während andere Studierende nach ihrem Abschluss ins sprichwörtliche „kalte Wasser“ ge-

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worfen werden, ist der Duale Student durch seine Arbeitserfahrung bereits bestens gerüstet. Ein Großteil aller Dualen Studenten wird von ihren Firmen ins Ausland entsendet oder nimmt ein Auslandssemester an einer Partneruniversität in Anspruch, was zusätzlich das Ansehen und Interesse am Arbeitsmarkt stärkt. Dual @ FH JOANNEUM. Mit dem Studien­gang „Produktionstechnik und Organisation (PTO)“ hat die FH JOANNEUM die Innovation des Dualen


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Studierens schon früh umgesetzt. Bereits seit mehr als zehn Jahren wird dieses Studium am Standort Graz angeboten und ist aktuell noch immer der einzige Duale Studiengang in ganz Österreich!

Produktions­technik ist keine trockene Wissenschaft aus Büchern, sie ist dynamisch wie die heutige Zeit und muss auch so gelebt werden. General Engineer. Das Ziel von PTO ist klar: Der Student wird General Engineer, Troubleshooter und Allrounder – sozusagen ein Schweizer Taschen-

messer in der Produktionsindustrie. Ab­solventen sehen sich oft in Positionen wie Produktionsleiter, Projekt­manager, Einkaufsleiter oder Geschäftsführer wieder. In der Selbstständigkeit greifen sogar einige Absolventen bereits wieder auf aktive Studierende zurück – der Kreis schließt sich. PTO und du. Trotz der technischen Ausrichtung in Bezug auf Maschinenbau, Fertigungstechnik und Co. ist PTO kein Studium rein für Absolventen einer HTL. Engagierte Techniker oder jene, die es werden wollen, sind die Ziel­ personen. Denn Produktions­technik ist keine trockene Wissenschaft aus Büchern, sie ist dynamisch wie die heutige Zeit und muss auch so gelebt werden.

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FH LIVE

Liebe Studierende der FH JOANNEUM! Das Jahr 2012/13 war bislang ein sehr erfolgreiches Studienjahr und mit einer erneut herausragenden Ausgabe von joe widerfährt uns ein angenehmer Ausklang des Sommersemesters. Viele freuen sich bestimmt schon auf die warmen Sommermonate, den verdienten Urlaub und die vorlesungsfreie Zeit. Diese muss auch zur Erholung genutzt werden, damit im Herbst wieder in gesunder Frische und voller Elan das neue Semester bestritten werden kann. An der FH JOANNEUM genießen wir die Tatsache, eng zusammen zu studieren, als Gemeinschaft im Jahrgang. Ich möchte euch an genau diesen Fakt

erinnern, denn in einer Gemeinschaft zu lernen, zu leben und zu feiern macht jeden Einzelnen ungleich stärker. Setzt euch ein, woran ihr festhalten wollt, und tut das gemeinsam mit euren Kollegen und Freunden. Besonders würde es mich freuen, wenn der eine oder die andere dann sogar den Schritt in die Studierendenvertretung wagt und dort in einer engagierten Gemeinschaft mitarbeitet. Alles Gute für eure weitere Zeit an der FH JOANNEUM, Patrick Grill Vorsitzender der öh joanneum

DI (FH) Andreas Steiner

Wie siehst du die beruflichen Chancen als Absolvent eines Dualen technischen Studiums? Diese gehören mit Sicherheit zu den besten von allen mir bekannten Ausbildungsmöglichkeiten. Da ich seit kurzem selbst Unternehmer bin, merke ich immer mehr, wie wichtig es ist, dass junge Akademiker bereits Praxiswissen mitbringen, um von Anfang an bei Projekten effizient mitwirken zu können.

DI Dr. Georg Wagner

Worin liegt und lag Ihre Motivation, einen Dualen Studiengang zu etablieren? Es war mir immer ein Anliegen, jungen Menschen, die sich bereits im Berufsleben befinden, – beispielsweise, um nach Lehr- oder Schul­ abschluss auf eigenen Beinen zu stehen – eine Tür in Richtung universitärer Bildung aufzustoßen. Des Weiteren sehe ich in der Dualen Ausbildung die einzigartige Möglichkeit, „Hörsaalwissen“ auf kürzestem Wege in die Praxis zu übertragen und somit das Zusammenspiel zwischen theoretischen Grundlagen auf der einen und produktiver Umsetzung auf der anderen Seite zeitnah zu erleben und reflektieren zu können. Außerdem sehe ich die Chance, dass sich Universität und Industrie nicht nur im Bereich Forschung und Entwicklung, sondern auch bei der tertiären Bildung näher kommen.

Absolvent

Lehrender am Studiengang PTO

DI Johannes Haas Studiengangsleiter PTO

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Wo sehen Sie das Duale Studium in der Zukunft? Ich glaube, dass sich aus unseren Erfahrungen eine generelle Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Hochschule, sinn­ volle Strategien zur Integration von Arbeitserfahrungen in ein Curriculum und umgekehrt und generell eine klar in diese Richtung orientierte Positionierung der Fachhochschulen entwickeln werden. Ich denke aber auch, dass wir noch lange nicht die für alle Beteiligten beste Form des Dualen Studierens gefunden haben. In diesem Sinne hoffe ich sehr stark auf Nachahmer in anderen Studiengängen, von und mit denen wir lernen können.


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EINBLICKE

„Zurzeit bin ich ich der Meinung, alles irdisch erklären zu können, nur gibt es dann immer wieder Kleinigkeiten, die mich zum Umdenken bringen.“ -WILHELM GABLER, GEISTERJÄGER-

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Illustration: Wolfgang Schnuderl & Christopher Eder


EINBLICKE

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EINBLICKE

Zwischen

Text: Stephanie Schiller Illustration: Simone Wenth

Glauben und Gefahr

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EINBLICKE

Glaubensgemeinschaften, Sekten und Religionen. Seit jeher fühlen sich Menschen zu Unfassbarem und Mystischem hingezogen. Umso verständlicher, dass dabei mehr als nur ein Glaube entstanden ist. Von Selbstkasteiungen, Religionsparodien und grausamen Ritualen.

Opus Dei. Opus Dei ist eine Laienorganisation der römisch-katholischen Kirche und wurde 1928 vom Spanier Josemaría Ecrivá gegründet. Mitglieder sehen es als ihre Aufgabe, Christen zu helfen, ihr Leben nach dem Evangelium zu gestalten. Um bei Opus Dei aufgenommen zu werden, wird eine übernatürliche Berufung vorausgesetzt. Mittels einer beidseitigen Erklärung verpflichtet man sich, seinen Alltag nach einem geistlichen Lebensplan zu gestalten. Unter anderem praktizieren Mitglieder körperliche Bußübungen und Selbstkasteiung. Quelle: http://www.opusdei.at Die Kirche des fliegenden Spaghettimonsters. „Pastafarianismus ist friedfertig, furchtlos, barmherzig, großzügig und leider geil.“ So lautet eine der Erklärungen der Religionslehre der KdFSM. Geführt wird die als Religionsparodie von Bobby Henderson gegründete Kirche in Österreich von Niko Alm, dem „obersten Maccheroni“. Ob die Pastafari ihre Religion der „8 mir wär’s lieber“ so ernst wie die Katholiken ihre 10 Gebote nehmen, ist fraglich. Doch eines ist sicher: Die Leute mit dem Nudelsieb am Kopf sorgen nicht nur in den Medien für Gesprächsstoff. Quelle: http://venganza.at Zeugen Jehovas. Als die netten Menschen, die an jede Haustür klingeln, sind die Zeugen Jehovas wohl so gut wie jedem bekannt. Aber was steckt

dahinter? Lange waren sie als Sekte verschrien und oft ungern gesehen, doch seit dem 7. Mai 2009 sind die Zeugen Jehovas eine offiziell anerkannte Religions­ gemeinschaft. In ihrem Glauben folgen sie den Christen des ersten Jahrhunderts. Quelle: http://www.jehovas-zeugen.at Satanismus. Schwarze Kutten, Kerzen, Rituale und umgedrehte Kreuze. Der Satanismus bezeichnet sich selbst nicht als Sekte, sondern vielmehr als Glaubensrichtung beziehungsweise Orden. In Österreich sind laut Sektenberater Dr. Karl Leibetseder bis zu fünf Orden, die Satanismus betreiben, bekannt. Einer davon ist der Schwarze Orden des Azazel Satanas, welcher in Österreich, der Schweiz und Deutschland besteht. Laut Prior Frostbite, einem der drei Prioren (Oberhäupter), ist Satanismus nur ein Wort „Hinter diesem Wort verbergen sich unzählige Ström­ungen, die unser Orden vereint. Für manche ist Satan ein Symbol, ein Symbol für Stärke und Willenskraft, für Wahrheit und Wissen.“ So liberal wie Prior Frostbite seinen Glauben beschreibt, sieht Sektenexperte Dr. Leibetseder den Satanismus jedoch nicht: „Satanisten betreiben mit Ritualen am Friedhof Sakrileg-Schändungen, bringen Blutopfer und üben psychischen Druck auf andere aus.“ Quelle: Interview mit Prior Individuus Frostbite und mit Dr. Karl Leibetseder

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EINBLICKE

„Satanismus

ist psychische

Nötigung.“ Dr. Karl Leibetseder beschäftigt sich als Sektenberater seit Jahren mit Menschen, die in Berührung mit religiösen Gruppen und Satanismus gekommen sind. Im Interview spricht er über die Gefahr von Sekten, Probleme im Satanismus und tote Katzen. ANZEIGE

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MEHR DRUCK FÜR UMWELTSCHUTZ T +43 (0)316 / 8095-0, umwelt@mfg.at, www.mfg.at

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n welchen Merkmalen lässt sich eine Sekte festmachen? Unter einer Sekte ist eine Gruppe zu verstehen, welche eine eigene Zugehörigkeit aufweist. Es gibt meistens einen Guru sowie eine Lehre, die sich durch einen gewissen Absolutismus kennzeichnet und alles, was fremd ist, abwertet. Zusätzlich ist eine gruppen­ interne Geschlossenheit auffallend. Des Weiteren wird bis zu einem gewissen Ausmaß zwanghaft an Aussagen und Phänomenen festgehalten. Menschen, die Teil der Gruppen sind, haben durch das starke Zugehörigkeitsgefühl oft wenig Interesse mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und ziehen sich massiv zurück. Wo liegt die Gefahr bei Satanismus? Bei Satanismus kann schon von einer klaren Positionierung gesprochen werden Es handelt sich hierbei um eine Geisteshaltung, welche schon fast eine äußerst aggressive Geistesform ist. Diese Form könnte so ausarten, dass aggressive Menschen den Satanismus nutzen könnten, um Einfluss auszuüben. Wird aus dem Einfluss Druck, kann Satanismus als psychische Nötigung bezeichnet werden. Jeder, der mit Satanismus zu tun hat, kann auch Schaden daraus ziehen. Beispielsweise gibt es Rituale, die Blutopfer fordern – für diese werden Katzen auf Friedhöfen umgebracht. In Österreich gibt es etwa vier bis fünf Satanisten­ orden, welche solche Rituale duchführen. Wer ist besonders anfällig, solchen Gruppen beizutreten? Werte und Symbole können sehr hohe Sicherheit, auch Selbstsicherheit, geben. Aus diesem Grund sind junge Menschen sicher anfälliger für solche Gruppen als andere. Schließlich hat jeder Mensch abhängig vom Lebensalter unterschiedliche Bedürfnisse – so suchen beispielsweise viele nach Zugehörigkeit.


EINBLICKE

Sinnvoll& Sinnlos Unfassbar-Edition.

Was sich an Obskurem und Fragwürdigem im World Wide Web finden lässt, ist kaum zu fassen. Ein Überblick. Text: Andreas Leitner Illustration: Adnan Mujadzic

Cats rule

Nutz-, aber nicht sinnlos

Katzen. Überall Katzen. Ob sie nun in halbstündigen „Funny-Cat-Compilations“ auf YouTube in Badewannen fallen und sich todesmutig auf ihr eigenes Spiegelbild stürzen oder uns als „Grumpy Cat“ zeigen, wie man als „Grantler“ zu denken hat – sie gehören einfach dazu. Jetzt erobern Katzen auch die Welt der Textprogramme. Auf writtenkitten.net wirst du alle hundert Wörter mit einem neuen süßen Katzenbild belohnt.

Jedes Wochenende müssen „saugeile“ Geschichten erlebt werden, um montagvormittags mit brummendem Schädel bei den Kollegen und Kommilitonen Eindruck zu schinden. Langeweile ist abgeschafft – man hat immer etwas Tolles zu tun. Sollte es aber doch einmal passieren, dass man am Wochenende keinen Plan hat, so kann man sich auf theuselessweb.com umsehen und findet garantiert eine Website, mit der man prahlen kann.

>>> www.writtenkitten.net

>>> www.theuselessweb.com

Angst vor der Angst vor der ...

Lego für Große

Es ist unfassbar, wovor man heutzutage Angst haben kann. Durch explizite Forschungen kommen immer mehr Phobien zum Vorschein, über deren Existenz man vor 20 Jahren wahrscheinlich noch gelacht hätte. Wie zum Beispiel die Ablutophobie, die Angst sich zu waschen, oder die ebenfalls nicht leicht von der Hand zu weisende Heliophobie, die Angst vor der Sonne. Eine vollständige Liste gibt’s auf phobalist.com.

Wir alle sind mit Legosteinen aufgewachsen. Ein Stein auf den anderen, und schon entsteht ein Auto, ein Wolken­ kratzer, eine ganze Stadt. Auf demselben Prinzip basiert das Indie-Spiel Minecraft – nur hat man hier unendlich viele Blöcke und unendlich viele Möglichkeiten. In langwierigster Arbeit haben viele Minecraft-Spieler nicht nur beeindruckende Gebäude, sondern ganze Welten erschaffen. Zu sehen gibt’s diese auf minecraftgallery.com.

>>> www.phobalist.com

>>> minecraftgallery.com

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EINBLICKE

Heller, als man glaubt Pokerface hin oder her, heute wird mir in die Karten geschaut. Ich befrage eine Hellseherin. Ein Selbstversuch. Text: Clemens Wolf Fotos: Max Sommer

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eanette Pock ist von Geburt an hellsichtig, wie schon viele Frauen vor ihr in ihrer Familie. Das bedeutet, sie bekommt in Bildern Informationen über die Menschen um sich herum. „Das ist wie telefonieren oder skypen“, erklärt sie mir. Vor 14 Jahren hat sich die ehemalige Großhandelskauffrau mit ihrer „Gabe“, wie sie es bezeichnet, selbstständig gemacht und berät seither Menschen in persönlichen und geschäftlichen Angelegenheiten. Ihre Dienste sieht sie als Wegbegleitung: „Ich gebe Prognosen ab, aber ich kann keine Entscheidungen abnehmen. Das Leben bleibt bei einem selbst.“

Normalerweise kommen die Menschen hierher, damit ich ihnen was über sich sage, und nicht meine eigene Lebensgeschichte erzähle. In der Hafnerstraße in Graz empfängt Jeanette Pock ihre Klienten. In einem Anbau ihres Hauses befindet sich der Beratungsraum. Von der Glaskugel in der Ecke über die riesige goldene Sonne an der Rückwand des kleinen Raumes bis hin zu den üppig gemusterten Tüchern an den Wänden schreit hier alles nach Esoterik. Für Jeanettes Kunden schafft diese Einrichtung wohl das richtige Ambiente – ich dagegen finde sie übertrieben und aufgesetzt und frage mich, wo ich hier gelandet bin. Der Seitenblick auf meinen Kollegen Max, der als Fotograf mitgekommen ist, bestätigt: Ihm scheint es ähnlich zu gehen. Ausführlich lasse ich mir von Jeanette Pock ihre Arbeit erklären, frage nach und halte auch mit meinen Zweifeln nicht hinterm Berg. Irgendwann gehen mir die Fragen aus und Jeanette holt ihre Karten hervor. „Normalerweise kommen die Menschen hierher, damit ich ihnen was über sich sage, und nicht meine eigene Lebensgeschichte erzähle“, meint sie. Sie bittet mich, die Karten zu mischen, und erklärt mir, dass diese eigentlich nur ein Hilfsmittel sind. „Wichtig ist, dass ich dem Menschen in die Augen schauen kann, so bekomme ich meine Informationen.“ Aber die Bilder auf den Karten würden helfen – auch, damit ihre Kunden mehr mit dem anfangen

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können, was hier vor sich geht. Während sie die Karten auflegt – ziemlich willkürlich, wie mir scheint – einigen wir uns darauf, dass sie mir einen allgemeinen Ausblick über mein Leben gibt. Dann deckt sie die erste Karte auf und sagt: „Der Bereich, in dem Sie studieren, passt genau für Sie.“ Glückstreffer, denke ich mir, und reagiere mit einem vagen „Mhm“. Schließlich will ich wissen, was Jeannette sehen kann, und nicht, was sie sich aus meinen Reaktionen zusammenreimt. Die nächsten zwanzig Minuten sind ein Wechselbad der Gefühle für mich. Überraschung, Staunen und schiere Ungläubigkeit übermannen mich, während mir Jeannette Pock mit beneidenswerter Selbstsicherheit und ohne einen Funken Zweifel mein Leben erzählt. Mir gegenüber sitzt eine Frau, die mich noch nie zuvor gesehen hat und nichts über mich weiß, außer, wie ich heiße und was ich studiere. Selbst mit tiefgehender Recherche könnte sie das meiste von dem, was sie mir sagt, nicht über mich herausgefunden haben. Auf den Kopf sagt mir Jeannette zu, dass ich noch unentschlossen bin, was ich später aus meinem Studium machen will, dass ich zuvor eine kurze Zeit lang etwas anderes studiert habe. Sie attribuiert mir Charaktereigenschaften, die sie kaum aus meinem Auftreten oder unserem Gespräch ableiten kann, und erzählt mir Dinge über mein privates Umfeld und meine Familie, die allenfalls meine engsten Freunde wissen. Einmal weiß ich erst nichts mit dem anzufangen, was sie mir sagt; ein andermal bluffe ich absichtlich und widerspreche ihr. Doch selbst in diesen Momenten scheint für Jeannette Pock kein Zweifel aufzukommen, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Und insgeheim muss ich ihr Recht geben. Nach rund 50 Minuten verabschieden mein Kollege und ich uns von der Medialberaterin. Im Auto lasse ich gemeinsam mit Max, der mich kennt wie kaum ein anderer, Revue passieren, was soeben passiert ist. Wir, zwei Realisten, sind baff. Eine völlig Fremde hat mir Dinge über mich und mein Leben erzählt, die sie unmöglich wissen kann. So konkret, dass es keine Allgemeinplätze gewesen sein können, die ich auf mich umgemünzt habe, und mit einer Treffsicherheit von hundert Prozent. Ob es nun Hellsichtigkeit ist, wahnsinnig gute Menschen­kenntnis oder etwas anderes – ich glaube zwar nicht an das, was Jeannette Pock macht, aber ich muss mich wohl damit auseinandersetzen, dass sie es kann. Vielleicht sollte ich also doch auf ihren Rat hören und das Pfeifen in meinem Auto kontrollieren lassen.


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Geisterjagd auf Wienerisch Interview: Jennifer Polanz Fotos: Max Sommer

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„If there’s somethin’ strange in your neighborhood. Who ya gonna call? Ghostbusters!“ In den frühen Achtzigern kümmerten sich in New York die beliebten „Ghostbusters“ um Spuk jeglicher Art – zumindest in der gleichnamigen Fernsehserie. Doch auch in Wien begibt sich eine Gruppe wackerer Männer und Frauen seit 2005 auf die Jagd nach Übersinnlichem. Im Interview spricht Wilhelm Gabler, Leiter der „Vienna Ghosthunters“, über Skeptiker und Poltergeister und erklärt, welche Streiche einem die eigene Psyche spielen kann.

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ie sind eigentlich Tierpfleger, haben als Nachtwächter und Bodyguard gearbeitet – woher kommt Ihr Interesse für Paranormales? Ich habe mich bereits in meiner Kindheit für Geister und Unbegreifliches interessiert – und nicht wie jedes normale Kind für Lego. Mit ca. 18 Jahren bin ich im Internet auf das damals einzige deutschsprachige Forum im paranormalen Sektor gestoßen. Erst 2001 habe ich begonnen auf den „Friedhof der Namenlosen“ (ein bekannter Friedhof in Wien, Anm. d. Red.) zu gehen, einen damals noch ziemlich mystischen und unbekannten Ort. Nach einigen Monaten wollten mich die ersten Leute begleiten und so wurden wir schließlich die erste Gruppe Europas, die sich mit Geisterjagd beschäftigte. Ihr Verein wurde 2005 gegründet. Gibt es denn unter den Mitgliedern auch Skeptiker? Ja, und die wollen mit uns eigentlich das Gegenteil erreichen, also beweisen,

dass es keine paranormalen Aktivitäten gibt. Das haben sie bisher aber nicht geschafft. Generell ist unser Team von den Leuten her bunt gemischt, jedoch wechselt es oft, denn der Verein wird zwar hobbymäßig betrieben, aber der zeitliche Aufwand wird von vielen unterschätzt. Was ist die wichtigste Eigenschaft, die man als „Geisterjäger“mitbringen muss? Viel Zeit, Interesse an der Technik und am Umgang mit anderen Menschen. Der Rest ergibt sich mit der Zeit selbst. Egal ob Skeptiker oder nicht, das Inter­esse, spannende Dinge erleben zu wollen, sollte vorhanden sein. Mit welchen technischen Hilfsmitteln arbeiten Sie hauptsächlich? Das reicht von Spiegelreflex- und Infrarotkameras über UV-Blitze bis hin zu Diktiergeräten etc.. Für die anschließende Auswertung brauchen wir um die zwei Wochen. Zwar hat man mit

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Es bringt nichts, in ein frisch renoviertes, prunkvolles Schloss zu gehen – dort wird nie die richtige Stimmung aufkommen.

der Zeit ein Auge für markante Details, aber es gilt pro Investigation zwischen 150 bis 300 Fotos, unzähliges Videomaterial usw. auszuwerten. Aus welchen Gründen sind immer mehr Menschen der Meinung, paranormale Aktivitäten zu beobachten? Es handelt sich hierbei sehr oft um die eigene Psyche, die zum Beispiel durch traumatische Ereignisse beeinflusst wird. Genauso gibt es technische Probleme, die bestimmte Stimmungen oder Halluzinationen verursachen können. Sie bieten immer wieder Schnuppertouren auf Friedhöfe an. Wie läuft eine solche Tour ab? Es gibt zum Beispiel sehr viele Schauergeschichten über die Leichen, die am

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„Friedhof der Namenlosen“ liegen. Ich kenne natürlich diese Geschichten und sie werden daher vor jeder Schnuppertour präsentiert. Mit Kerzen wird noch das passende Ambiente geschaffen, damit beeinflusst man die Teilnehmer natürlich ein wenig. Sehr viel ist schluss­endlich Einbildung, aber es ist witzig, wenn dann 20 Personen das Gleiche wahrnehmen. Für uns ist das ein kleiner Test, inwieweit Menschen manipulierbar sind. Wo werde ich fündig, wenn ich selbst einmal einem Geist begegnen möchte? Am einfachsten ist es, wenn man sich an einen Ort mit einem morbiden Hintergrund, also wo sich etwas Schicksalsträchtiges abgespielt hat, begibt. Da die eigene Psyche stets mitspielt,


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sollte es dort auch dementsprechend mystisch aussehen. Es bringt nichts, in ein frisch renoviertes, prunkvolles Schloss zu gehen – dort wird nie die richtige Stimmung aufkommen. Vor was fürchtet man sich als Geisterjäger? Es geht nicht darum, sich zu fürchten, sondern vielmehr darum, Sachen zu erleben und diese zu „bestätigen“. 98 Prozent der Vorfälle oder Erlebnisse, die wir haben, können wir auf irdische Herkünfte zurückführen, nur zwei Prozent sind für uns momentan noch unerklärbar. Das heißt aber nicht, dass sie paranormal sind. Bei welchen Themen pocht Ihr Geister­ jägerherz besonders laut? Poltergeister sind für mich extrem spannend – besonders, wenn einem

Gegenstände entgegenfliegen. Das ist mir beispielsweise auf der Araburg, einer in Österreich recht bekannten Eventburg, passiert. Dort haben wir Schritte gehört, obwohl niemand da war, seltsame Schatten auf den Kameras gesehen etc. – diese Ergebnisse müssen wir allerdings erst auswerten. Bei privaten Fällen, die uns aufgetragen wurden, hat es sich beispielsweise um defekte Elektroleitungen gehandelt, die so stark ausgestrahlt und einen derartig starken Oberton produziert haben, dass die Betroffenen Halluzinationen bekamen. Bei diesen Fällen haben wir zu einem Umzug geraten. Sie sind aber davon überzeugt, dass es Geister wirklich gibt? Ich glaube schon daran und ich hatte einige Male den ultimativen Beweis. Aber der Mensch braucht immer eine

Steigerung. Zurzeit bin ich ich der Meinung, alles irdisch erklären zu können, nur gibt es dann immer wieder Kleinigkeiten, die mich zum Umdenken bringen. Werden Sie jemals genug von der Geister­jagd haben? Nein, ich habe viele Höhen und Tiefen durchgemacht, aber ich würde es jederzeit wieder machen.

i Mehr Informationen über Geisterjagd, Schnuppertouren und Vereinsmitgliedschaft bei den Vienna Ghosthunters gibt es auf viennaghosthunters.net.

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Ausgaben joe. unfassbare Dinge. Text: Romana Moĉnik & Monica Nadegger Illustration: Anna Spindler


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Marsmenschen. Unfassbar – oder einfach nur verrückt. Im Jahr 2022 will eine holländische Organi­ sation (Mars One) Menschen zum Mars schicken – eine Rückkehr ist nicht geplant. Das One-Way-Ticket zum roten Planeten gibt’s, wie könnte es anders sein, durch eine Reality-Show im TV. Sommerurlaub schon geplant? Toshifumi Fujimoto – nein, das ist kein besonders exotischer Urlaubsort, sondern der Name eines japanischen Kriegstouristen. Auf der Suche nach Adrenalin tourt er durch die gefährlichsten Regionen der Welt, zuletzt im Jänner 2013 nach Aleppo, Syrien. Sein nächster Reisewunsch: ein Besuch bei den Taliban in Afghanistan. Strahlend schön. Dank eines genetischen Experiments gibt es in Uruguay seit Neuestem Schafe, die Licht speichern und im Dunkeln wieder abgeben können. Mit Quallen-DNA ergänzt werden die Schäfchen zum Strahlen gebracht. Zebrastreifen einmal anders. Lebendige Zebrastreifen. Was nach einem lustigen Hilfsmittel zur Verkehrserziehung klingt, ist in Boliviens Hauptstadt La Paz selbstverständlich. Seit über zehn Jahren versuchen über 250 Menschen in Zebra-Kostümen den Verkehr für Fußgänger sicherer zu machen. Das erste Auto der Welt. Carl Benz entwickelte 1885 das erste motorisierte Auto. Die Geschichte des Rades und der Personenbeförderung geht aber natürlich weiter zurück. Leonardo Da Vinci hat schon viel früher in dieser Liga mitgespielt. Vor über 500 Jahren konstruierte er ein Holzauto mit drei Rädern und einem Antrieb durch eine Feder, welches, mittlerweile getestet, wirklich fahren kann. Der schärfste Club der Welt. Wo könnte es anders sein als in Berlin: Hier gibt es Currywurst in zwölf Schärfegraden. Normal und leicht auszuhalten ist sie bis Stufe 4. Alles darüber ist weder etwas für

schwache Nerven noch für empfindliche Mägen. Der Verzehr der deutschen Spezialität kann dann zu Kreislaufversagen, Brechreiz und Schmerzen führen. Mit Saucen tausendmal so scharf wie Tabasco wird die Mittagspause zum Erlebnis. Auf das (Meer-)Schwein gekommen. Der süd­ amerikanische Staat Peru lockt mit einer kulinarischen Besonderheit. Zwei Meerschweinchen pro Kopf verspeisen die Peruaner im Jahr. Wer glaubt, sie nehmen dafür die „Willis“ (Film Muttertag, Anm.) unserer Kinder, liegt falsch. Eigene Züchtungen in Extragröße mit besonders viel Fleisch landen in den peruanischen Kochtöpfen. Dass es zur Kultur gehört, beweisen einige Kirchen: Sogar auf Darstellungen des Abendmahls verspeisen Jesus und seine Jünger die geröstete Delikatesse. Tirol ist anders. Dass in Tirol die Uhren manchmal ein bisschen anders ticken, ist ein schlecht gehütetes Geheimnis. Der Ort „Rinderschinken“ in Osttirol macht es vor. Seinen Namen hat das Dorf nämlich daher, dass die umliegenden Weidegründe schlecht für die Viehhaltung waren. Brüderlein und Schwesterlein. Unfassbar, aber wahr. Eineiige Zwillinge haben das gleiche Genprofil. Das ist bis jetzt nicht verwunderlich. Bekommen aber eineiige Zwillingsschwestern mit eineiigen Zwillingsbrüdern Kinder, sind diese rein biologisch gesehen nicht nur Cousins und Cousinen, sondern auch Geschwister. Die Gebrüder Grimm uncensored. Disney-Filme schön und gut, die Realität sieht allerdings anders aus. Dass nach den Romanvorlagen Rapunzel zum Schluss vom Prinzen schwanger wird, in „Hänsel und Gretel“ nicht die Stiefmutter, sondern die Mutter die Böse war und in Aschenputtel den zwei Stiefschwestern zur Strafe die Augen von zwei Tauben ausgepickt werden, ist nicht nur für Disney-Fans wirklich unfassbar.

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„Du musst bei jedem Schritt voll konzentriert sein, sonst stürzt du. Und da geht dich keiner suchen. Das ist kein Kampf gegen andere, das ist ein Kampf gegen dich selbst.“ -CHRISTIAN SCHIESTER, EXTREMLÄUFER-

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Illustration: Wolfgang Schnuderl & Christopher Eder


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Text: Anna Felber Illustration: Simone Wenth

Leben von

Licht

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Wenn man Gottfried Schweighofers „Institut für angewandte Lebensfreude“ betritt, wird man von entspannender Musik, wohlriechenden Duftölen und einem breit lächelnden Gottfried begrüßt, der einem gleich das Du-Wort anbietet. Im Interview spricht er von den acht Monaten, in denen er nichts gegessen hat. Und warum er der Meinung ist, dass jeder Mensch bis zu einem gewissen Grad Lichtnahrung braucht.

Wie funktioniert Lichtnahrung? Hast du eine bestimmte Anleitung Wir haben in den letzten Jahrhunderten befolgt, um den Prozess zu starten? gelernt, der Mensch bestehe nur aus Nein, es ist Blödsinn, eine Anleitung Materie. Meine Verständnis sieht aus einem Buch zu befolgen. Man jedoch so aus: Das System Mensch kann seinen Organismus nicht einfach besteht aus einem physischen und einem auf Lichtnahrung umstellen. Das ist, energetischen Teil. Es gibt Energiefelder als würde ich einem Sechsjährigen, der und Energiezentren, sogenannte gerade lesen gelernt hat, ein Buch über Chakren, die um den Menschen herum Quantenphysik hinlegen und sagen: existieren und für bestimmte physische „Mach!“. Wichtig für den Prozess ist Regionen im Körper zuständig sind. eine Bewusstwerdung. Die Einstellung, Ohne diese Felder wäre der Körper gar dass der Körper nur aus Physis besteht, nicht lebensfähig. Wenn man akzep- muss verschwinden. tiert hat, dass es diese Felder gibt, dann muss es auch etwas von außerhalb Wie ist es dir während dieser Zeit ergeben, das sie versorgt. Damit meine gangen? Hat sich deine Gesundheit ich Photonen, Elektronen und andere oder dein Wohlbefinden geändert? hochschwingende Lichtfrequenzen, Eine starke Veränderung gab es: Ich die der Einfachheit halber als „Licht“ hatte den ganzen Tag über ein Sättibezeichnet werden. Der Körper eines gungsgefühl – so ein Gefühl kannte ich jeden Menschen benötigt Energie von sonst nur nach massiver Überfresserei. außen, um zu funktionieren. Das heißt, Aber ich bin ganz normal meinem Alltag dass jeder von uns bis zu einem gewissen nachgegangen und habe auch viel Grad Lichtnahrung zu sich nimmt. Sport betrieben. Getrunken habe ich nur einen halben Liter am Tag. Wovon lebt ein Mensch, wenn er weder isst noch trinkt? Und du hattest nie Hunger? Wenn jemand ausschließlich von Licht- Nie. Ich hatte dieses Völlegefühl durchnahrung lebt, wird diese besondere Energie über Energiezentren in das i körperliche System transportiert. Dadurch ist das Energielevel ausreichend, der Mensch benötigt keine Nahrungs- Gottfried Maria Schweighofer zufuhr. Das bestreitet die Wissenschaft, Energetiker aus Weiz weil es in der Welt der Wissenschaft 50 Jahre alt nicht existiert. Schlechtwetter hat lebte von Jänner bis August auf diese Energieversorgung übrigens 2008 von Lichtnahrung keinen Einfluss. www.institut-glf.at

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Es geht nicht darum zu beweisen, dass Lichtnahrung funktioniert. Wir reden hier von verschiedenen Welten.

gehend. Ich konnte nicht einmal ein Soletti essen. In den ersten zwei Wochen habe ich drei Kilo abgenommen, dann ist mein Gewicht stehen geblieben. Warum hast du beschlossen, wieder aufzuhören? Der Gusto ist zurückgekommen. Es war Sommer, ich hatte Lust auf Zitroneneis. Wenn ich wieder Appetit auf etwas habe, warum sollte ich mir das nicht gönnen? Je mehr Nahrung ich zu mir nahm, umso weniger wurde mein Körper von Licht versorgt. Spielst du mit dem Gedanken, wieder damit zu beginnen? Ich habe es heuer gemacht, 14 Tage lang im Jänner. Ich war neugierig, ob es mir möglich ist, diesen Prozess auf Abruf zu wiederholen. In zwei Tagen Vorbereitungszeit habe ich mich geistig wieder darauf eingestellt. Danach war es mir möglich, zwei Wochen lang nichts zu essen. Getrunken habe ich in dieser Zeit nur drei Liter.

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Das heißt, du bist überzeugt davon, Ansagen. Das spielt denen in die Hände, dass es immer wieder für dich die sagen: „Wenn Lichtnahrung wirkfunktioniert. lich funktioniert, dann müssen es alle Ich gehöre nicht zu den Menschen, können.“ Es ist ein Phänomen, das die alles immer und überall machen nur für einige Menschen möglich ist. können müssen. Theoretisch ist es Energie gibt es aber nicht mit der möglich, aber es hängt von vielen „Friendscard“ beim Merkur, wo man Faktoren ab. Ich konnte frei entschei- sagt: „Ein Viertel Kilo Licht bitte, aufden, es auszuprobieren, ich hätte auch geschnitten“. Hinter den leidvollen jederzeit aufhören können. Es gab somit Szenarien auf diesem Planeten steckt keinen äußerlichen Stressfaktor. Unter viel mehr, als wir sehen. Dass diese diesen Voraussetzungen wäre es wahr- Art der Energieversorgung nicht jedem scheinlich möglich, das jederzeit zu möglich ist, verursacht keinen Hunger. machen. Aber angenommen, plötzlich würde es aus irgendeinem Grund keine Was möchtest du noch loswerden? Nahrungsversorgung mehr geben: Es geht nicht darum zu beweisen, dass Dann hätte ich einen Überlebensstress. Lichtnahrung funktioniert. Wir reden Diesen müsste ich zuerst beseitigen, um hier von verschiedenen Welten. Manche das System da oben wieder abzurufen. unserer Dinge passen nicht in andere Aber unter Normalbedingungen ist es Verstandeswelten – wenn wir das er­ prinzipiell möglich. kannt haben, beschäftigen wir uns nicht mehr so stark damit. Unser Damit ist auch das Argument „Wenn Bewusstsein ist ein Schnapsglas, wenn Lichtnahrung funktioniert, warum gibt es größer wäre, würde viel mehr hines Hunger auf der Welt?“ entkräftet? einpassen und wir würden viel mehr Ja klar, es gibt viele solcher polemischen für möglich halten.


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„Es ist ein

Kampf gegen sich selbst“ „Quäle deinen Körper, sonst quält er dich!“ Unter diesem Motto ist der obersteirische Extremläufer Christian Schiester auf allen Kontinenten unterwegs, um sich die Welt zu erlaufen. Text: Andreas Leitner Fotos © Red Bull Media House

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Christian Schiester bricht inmitten der Wüste Gobi zusammen. Er ist vollkommen dehydriert, beinahe blind und beginnt bereits zu halluzinieren. In seinem Schockzustand weiß er nur noch, dass er sich kühlen muss. Er braucht Schatten. Aber in der Gobi gibt es nichts außer heißem Sand. Im beinahe letzten Moment erinnert er sich an einen Tipp des britischen Abenteurers Bear Grylls: Tiefer liegende Sandschichten kühlen. Also gräbt sich Schiester mit letzter Kraft ein und denkt an den Amerikaner, der gestern in der Gobi gestorben ist. Er war wie Christian Schiester, der gerade eine Dattel kaut, ein Extremläufer, einer von rund 200, die beim „4deserts-Cup“ die Wüsten Gobi, Sahara und Atacama sowie den australischen Outback durchqueren.

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Christian Schiester ist ein Mann der Extreme. Er durchquerte bereits die Berge des Himalaya, die Antarktis und noch viele andere, noch entlegenere Gegenden auf Laufschuhen und absolvierte dutzende Marathons. Die Wände des Trainingsraumes im Keller seines Hauses zeugen davon. In jedem Winkel des Raumes hängen und stehen Medaillen, Pokale und Ehrenpreise. Aber nur die besonderen, sagt Schiester, die anderen 300 seien am Dachboden. Er ist trotz seiner Erfolge immer auf dem Boden geblieben, nur die immer wieder in den breiten obersteirischen Dialekt gestreuten, erstklassig zitierbaren Phrasen in feinstem Schriftdeutsch weisen darauf hin, dass hier nicht nur ein Profisportler, sondern auch ein Medienfachmann gemütlich auf der Couch direkt neben seinem Laufband sitzt. Da verwundert es auch nicht, dass er einen Red-Bull-Kapuzenpulli trägt und dabei auch noch eine passende Dose in den Händen hält. Seit 21 Jahren wird er von dem Salzburger Unternehmen unterstützt. „Ich trinke zwei Red Bull am Tag und das Ganze seit 21 Jahren!“ Das macht 14.700 Dosen – auch das ist ein Extrem.

Ein anderes findet sich in seiner Jugendzeit. Mit 20 Jahren brachte er rund 100 Kilogramm auf die Waage, seine körperlichen Aktivitäten beschränkten sich auf Bierkrugstemmen – das aber beherrschte er sehr gut. Er stand wochentags hinter dem Schalter des örtlichen Postamtes und fieberte den Wochenenden entgegen, denn da wechselte er die Seiten und tauschte den Schalter gegen eine Bar. Und genauso wurde er bekannt im Umland. Er war derjenige, der zuletzt aus dem Festzelt wankte, er war „der Schiester, der mehr saufen kann, als die anderen“. Bis er es eines Morgens, es war der 15. Juni 1989, nicht mehr schaffte, sich im Stehen seine Socken anzuziehen. Der damals 22-Jährige entschied sich, einen Arzt zu konsultieren – und erhielt einen katas­ trophalen Befund. Der Arzt war sich sicher: bei seinem derzeitigen Lebenswandel werde er keine 30 Jahre alt. Ein Schock für den 100,7-Kilo-Postler. Am Biertisch war er unverwüstlich, doch ein einfaches Paar Socken, das nicht über seine Füße wollte, führte schließlich dazu, dass Christian Schiester die Entscheidung seines Lebens traf.

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Du musst bei jedem Schritt voll konzentriert sein, sonst st端rzt du. Und da geht dich keiner suchen.

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Am nächsten Tag kehrte Schiester nicht mehr an den Stammtisch zurück. Er begann mit seiner ersten Trainingseinheit: Er bewältigte die Vier-MinutenStrecke zwischen Postamt und Wohnung zu Fuß. Voller Stolz nahm er ein Blatt Papier und schrieb „16. Juni – vier Minuten gehen.“ Er nahm sich vor, jeden Tag etwas auf dieses Blatt zu schreiben. Das war der Anfang seiner sportlichen Karriere. „Die Leute waren natürlich zuerst einmal überrascht!“, erinnert sich der heutige Extremläufer. Sie rechneten mit einer baldigen Rückkehr des ehemaligen Zechkumpanen. Doch der blieb stark. Aus vier Minuten wurden sieben, Zigaretten und Bier verbannte er vorerst aus seinem Leben. Mit den ersten kleinen Erfolgen kamen auch die Begeisterung für den Laufsport und erste Teilnahmen an Bewerben. Beim Mauterner Volkslauf über eine Distanz von zehn Kilometern war aber schon beim achten Kilometer Schluss, Schiester kehrte enttäuscht nach Hause zurück. Zwei Wochen später startete er bei einem Sieben-Kilometer-Lauf in Bad Mitterndorf und erreichte zum ersten Mal das Ziel. Er war zwar Hundertachtundvierzigster, aber er fühlte sich wie der Sieger. Heute sagt er, seit er begonnen habe zu trainieren und zum ersten Mal etwas auf sein Blatt Papier geschrieben habe, erringe er jeden Tag einen kleinen Sieg. Bis heute hat er keinen Tag ausgelassen. „Der Tag, an dem ich nichts mehr hinschreibe, ist der Tag an dem ich sterbe!“ Zwei Jahre später war er bereits steirischer Landesmeister im Halbmarathon – und hat das auch ausgiebig gefeiert. Denn bewusst leben heißt für ihn nicht mehr asketisch auf alles zu verzichten. „Ich hab einen sensiblen Körper – er sagt mir, was er braucht. Ich

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habe einmal versucht, nur vollwertig zu essen. Ich wäre fast daran zerbrochen!“ Vor einem 25-Kilo­ meter-Lauf hat er auch schon einmal etwas ganz anderes ausprobiert und bei McDonald’s soviel gegessen, wie er nur konnte. Mit einem überraschenden Ergebnis: Er gewann das Rennen mit vier Minuten Vorsprung. „Laufen ist die natürliche Bewegung des Menschen“, antwortet Schiester auf die Frage, warum er sich für den Laufsport entschieden habe. „Früher haben wir die Mammuts zu Tode gehetzt, das Laufen haben wir im Blut.“ So ist es auch leicht zu verstehen, warum es ihn in die Trailrunnig-Szene verschlagen hat. „Ich wollte raus in die Natur! Aber dahin zu kommen ist echt schwierig. Darum sind diese Ultramarathons so lang. Das sind halt sechs Marathons hintereinander!“ Die Gefahr ist bei diesen Rennen immer präsent. „Du musst bei jedem Schritt voll konzentriert sein, sonst stürzt du. Und da geht dich keiner suchen. Das ist kein Kampf gegen andere, das ist ein Kampf gegen dich selbst.“ In der Wüste Gobi erholt sich Christian Schiester wieder. 18 Minuten hat er im kühlen Sand gelegen und an der Grenze des Todes einen neuen Entschluss gefasst. Und zwar, dass es klüger ist, seine Träume sofort zu verwirklichen, als sie solange vor sich herzuschieben, bis sie ihre Bedeutung verlieren. Er rappelt sich hoch und erreicht nach über zwei Stunden das Etappenziel, im Gesamtranking belegt er den ausgezeichneten zweiten Platz. Ausgezehrt, aber überglücklich kehrt er nach Hause zurück. Er setzt sich an seinen Computer und sucht nach einem Yachten-Makler in Athen. Zwei Wochen später besichtigt er mit diesem acht Segelyachten. Die neunte hat er gekauft.


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Die Schutzengel stadt Text: Christina Jauk Illustration: Anna Spindler

Stell dir vor, deine Haut wäre so empfindlich wie die Flügel eines Schmetterlings. Stell dir vor, sie wäre voller Blasen, offener Stellen, Narben und abgestorbenem Gewebe. Was unfassbar klingt, ist für ca. 500 Betroffene in Österreich Realität. Sie alle leiden an der seltenen Krankheit „Endermolysis Bullosa“, einem bisher unheilbaren Gendefekt. Für „Schmetterlingskinder“, wie betroffene Kinder genannt werden, bedeutet jeder Tag Schmerzen. Ein Leben lang.

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twa 75 Kilometer östlich von Graz lebt der sieben­ jährige Philipp* mit seiner Familie. Auf den ersten Blick wirkt er wie andere Buben seines Alters: Er ist quietschlebendig, läuft aufgeregt durch das Haus und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Still­sitzen? Fehlanzeige! Auch das Wohzimmer mit großem Kachelofen in der Mitte ist ein Raum, wie er in jedem Einfamilienhaus zu finden sein könnte. Ein Plüschhund auf der Eckbank, Matchbox-Autos verstreut auf dem Fußboden, an den Wänden Familien­fotos. Doch wer hier eine typische Vater-Mutter-Kind-Idylle erwartet, irrt. Philipp ist ein Schmetterlingskind. Er leidet unter „Endermolysis Bullosa Konjunktialis“, einer schwereren Form der Krankheit. Als Philipps Mutter schwanger war, erwartete niemand den seltenen Gendefekt. „Fehlbildungen sieht man am Ultraschall, aber die Haut kann man nicht erkennen“, erzählt sie. Gleich nach der Geburt bemerkte ein Arzt die auffälligen Blasen an Philipps kleinen Füßen und Händen. Von da an war besondere medizinische Pflege nötig. Seine Mutter musste lernen, *Name von der Redaktion geändert

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ihm Verbände anzulegen, ihn zu pflegen und ihn so zu tragen, dass seine Haut nicht allzu sehr verletzt wird. Eine harte Zeit kam auf die junge Familie zu. Jeder Schritt ein Schmerz. Typisch für Schmetterlingskinder sind verschiedene Entwicklungsverzögerungen. Philipp konnte erst mit zwei Jahren sprechen, Gehen lernte er erst mit vier. Bis dahin bewegte er sich nur rutschend vorwärts. Und heute? Heute ist Laufen seine Lieblingsbeschäftigung, auch wenn jeder Schritt weh tut. Philipp hat eine extrem hohe Schmerzgrenze, dennoch wird Alltägliches oft zum Problem. So schmerzt es ihn, an der Tischkante entlangzugleiten oder für längere Zeit Stifte zu halten und zu schreiben. Auch Schuhe zu finden, die er tragen kann, ist eine ständige Herausforderung. Kaum vorstellbar für Außenstehende – doch Philipp und seine Familie machen das Beste aus ihrem Schicksal. „Man kennt nichts anderes“, gesteht seine Mutter etwas bedrückt. „Sein Vater tut sich schwerer damit. Er gibt es nicht zu, aber man merkt es schon manchmal.“ Philipps Leben soll ungeachtet der Krankheit so normal wie möglich verlaufen, dazu gehört auch der


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Besuch der ersten Klasse der Volksschule im Ort. „Mein Lieblingsfach ist Turnen. Und Werken. Und alles eigentlich“, sprudelt es aus ihm heraus. Fußballspielen mit Freunden gehört zu den Dingen, die er nicht machen kann – seine Haut würde zu sehr verletzt werden. Freunde fürs Leben. Während Philipp von seinen Schulfreunden erzählt und stolz Fotos von ihnen herzeigt, sagt er wie aus dem Nichts: „Ich hab‘ auch Schutzengel. Das ist die Schutzengelstadt hier. Bei uns im Haus wohnen 100 Schutzengel.“ Mit seinen Schutzengeln kommuniziert der Bub ständig. „Als er ca. zwei Jahre alt war – er konnte gerade erst sprechen – begann er plötzlich von seinen Schutzengeln zu erzählen“, berichtet seine Mutter. „Libunz, Gaga und Mann heißen sie. Und die sind auch schlimm! Libunz hat vor Kurzem gelogen!“ Philipps Schutzengel sind eine eigene Welt für ihn, eine besondere Gabe, davon ist seine Mutter überzeugt. „Die Mama hat sogar 13 Schutzengel. Weil sie so eine tolle Mama ist. Die Schutzengel haben auch einen Chef“, erklärt der Siebenjährige die Welt seiner Aufpasser. „Wenn ein Kind Hilfe braucht, sagt ein Schutzengel Bescheid und der Chef schickt dann Schutzengel zu dem Kind. Zu mir sind sie gekommen, als ich ein Jahr alt war.“ Hilfe für betroffene Familien. Der Verein „Debra“ unterstützt Familien mit Schmetterlingskindern in Österreich. Da es zum Glück nur wenige Betroffene gibt, leistet der Verein viel Vernetzungsarbeit. Er organisiert jährlich Treffen für die betroffenen Kinder und ihre Familien und regt den Kontakt und Austausch untereinander an. Auch Philipps Familie ist Mitglied in diesem Verein – der Kontakt entstand bereits im Krankenhaus. Vor allem seine Mutter schöpft Kraft aus dem Austausch und holt sich regelmäßig Tipps von anderen Eltern. In Salzburg gibt es das sogenannte „EB-Haus“, eine Ambulanz für Betroffene. Wann immer Philipp Hilfe braucht, er krank oder verletzt ist, halten seine Eltern Rücksprache mit den Experten in Salzburg. Einmal im Jahr fährt die Familie dort hin, Philipp wird gründlich untersucht und die Eltern werden auf den neuesten Stand der Forschung gebracht. Medikamente

gegen die Krankheit gibt es nicht. Philipps Mutter verwendet alternative Medizin und Naturprodukte, um seine Haut etwas zu beruhigen. Zukunftspläne. Was er einmal werden will, wenn er groß ist? „Baggerfahrer. Oder Arzt.“ Philipp hat keine Angst vor der Zukunft und auch seine Eltern sind zuversichtlich. Noch gibt es keine Heilung für Endermolysis Bullosa, doch es wird bereits an einem Weg geforscht, in die Genstruktur einzugreifen und so „gesunde“ Haut zu züchten. Es besteht also Hoffnung auf Heilung. Ob Philipp Schmetterlinge mag? „Ja, weil ich ein Schmetterlingskind bin.“

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Foto: Wolfgang Schnuderl


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„Dass Fräulein Katzberger auf ihren Fotos Pelz trägt, stört genauso wenig wie das Grünzeug zwischen ihren Zähnen – ihre Bilder treffen den Puls der Zeit.“ -CLEMENS WOLF-

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„Im Herzen sind wir jung, wild und verrückt“ Interview: Jennifer Polanz Fotos: Bastian Meier

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Seit 2007 treten die beiden Physiker Heinz Oberhummer und Werner Gruber gemeinsam mit dem Kabarettisten Martin Puntigam als „Science Busters“ auf. Immer neue Experimente und und eine gehörige Portion Humor haben sich auf der Bühne als Erfolgskonzept bewährt. Physik und langweilig? Das war einmal!

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ie bezeichnen sich als die wohl „schärfste Science-Boygroup der Milchstraße“ – wie eine typische Boygroup sehen Sie allerdings nicht aus. Oberhummer: „Schärfste Boygroup der Milchstraße“ hat damit zu tun, dass wir in gewissem Sinne einmalig sind, schließlich gibt es zwar Kabarettisten, die Wissenschaftler spielen und umgekehrt, aber dass unterschiedliche Personen auf der Bühne stehen ist unser USP, unsere Unique Selling Proposition. Natürlich ist „Boygroup“ auch etwas sarkastisch gemeint, denn ein alter Professor, ein Physiker und ein komischer Kabarettist sind nichts, was man sich normalerweise unter einer „Boy­ group“ vorstellt. Aber im Herzen sind wir genauso jung und wild und verrückt wie eine Band. Puntigam: Ich bin überhaupt nicht der Meinung des Professors Oberhummer! Wir bieten alles, was eine Boy­ group bieten kann: auffällige Figuren, exzentrische Outfits, wir bewegen uns komisch und es kommen viele Menschen in unsere Shows. Als Ihr Hauptanliegen bezeichnen Sie den „Kampf gegen Esoterik und Pseudo­ wissenschaften“ – kann mit Naturwissenschaften wirklich alles erklärt werden? Auch Übersinnliches? Puntigam: Es gibt sehr vieles, was nicht erklärt werden kann. Die Naturwissenschaften bieten gute Möglich­ keiten, wie man sich annähern kann und haben auch schon viele Dinge erklären können. Meiner Meinung nach ist das der interessantere Weg, um sich mit der Welt auseinanderzusetzen.

Oberhummer: Das Interessante ist ja, dass sich die Esoteriker und Alternativmediziner mit Ausdrücken aus der Wissenschaft schmücken. Es gibt Schwingungen, Wellen, Energie, Resonanzen – die gibt es ja wirklich in der Physik, nur werden sie in diesem Fall missbraucht, um sich den Anstrich zu geben, auch Wissenschaftler zu sein. Gruber: Das lässt sich aber ganz leicht klären. Man muss nur fragen: „Welche Einheit hat denn die Energie?“ Damit ist die Diskussion beendet. Im Gegensatz zum Unterricht in der Schulzeit wird bei Ihnen Physik mit Unterhaltung gepaart. Sollten sich Physiklehrer an Ihnen ein Beispiel nehmen? Puntigam: Sie sollten sich anders anziehen und deutlich zunehmen. Gruber: Wir haben den irrsinnigen Vorteil, dass wir uns unsere Themen selbst aussuchen können. Wir greifen aber nicht immer nur zu Themen, die witzig und spannend sind, sondern auch zu heißen Eisen wie Klimaerwärmung oder Radioaktivität und nehmen da auch manchmal einen Kontrapunkt ein. Ich habe selbst ein Jahr als Lehrer gearbeitet: Wenn man die Schüler respektiert und auch sagt „Tut mir Leid, das weiß ich nicht“, dann kann man als Lehrer durchaus was weiterbringen und auch beliebt sein. Herr Puntigam, Sie sind für ihre auffallenden Bühnenoutfits bekannt. Woher kommt Ihre Inspiration? Puntigam: Ich dachte mir, wenn ich mich schon verkleide, dann gleich so extrem, dass man mir wirklich keine

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falsche Eitelkeit vorwerfen kann und es auch für das Publikum gleich was zu sehen gibt. Das ist von Anfang an gut angekommen. Und zur Farbe, weil die immer bemängelt wird: Diese ist dem rosa Trikot der Radrundfahrt Giro d’Italia nach­ empfunden, wo es nicht derjenige bekommt, dem am öftesten die Kette runter springt, sondern der Sieger. Es ist einfach so: Der, der die blöden Fragen stellt, soll auch so ausschau‘n. In Ihrem Buch „Gedankenlesen durch Schneckenstreicheln“ begeben Sie sich in das Reich der Tiere und erklären, wie uns z.B. Kaninchen das Leben nehmen können. Welches der Geschöpfe begeistert Sie am meisten? Oberhummer: Mein Lieblingstier ist das Bärtierchen. Das ist 1 mm groß und hat Mund, Augen, Muskeln, acht Füßchen mit Krallen, … . Es ist ein Künstler im Überleben. Man kann es zum Beispiel bei 145 Grad Celsius kochen und es lebt weiter. In Italien wurde in einer Schachtel ausgetrocknetes Moos gefunden, das 120 Jahre alt war. Das wurde gegossen und die Bärtierchen darin sind wieder zum Leben erwacht. Das Bärtierchen ist also das wider­standsfähigste Tier auf unserer Erde. Und es sieht auch so süß aus! Ich bin einfach verliebt in das Tier.

Puntigam: Ich kann nur wiederholen, was in dem Buch steht: Viele Tiere können beeindruckende Dinge, schmecken zum Teil sehr gut, aber in einer Welt, in der Menschen Ton angebend sind, bin ich froh, kein Tier zu sein. Gruber: Ich schließe mich dem ganz an, möchte aber noch bekannt geben, dass das Bärtierchen vom Kollegen Oberhummer echt deppert ist. Das ist auf der Intelligenzskala irgendwo. Oberhummer: Es ist bei anderen Tieren aber oft so: Die deppertsten überleben am besten. Gruber: Es ist wissenschaftlich aber eigentlich bewiesen, dass das am besten angepasste Tier überlebt und nicht das deppertste. Gerade dadurch wurde der Mensch zum erfolgreichsten „Tier“ weil er die meisten, komplexesten Gehirnoperationen durchführen kann. Wir sind die, die sich überall auf der Erde und im Weltraum verteilen. Das Bärtierchen hat es nicht geschafft, zum Mond zu fliegen – außer es wird mit­ genommen. Es hält physisch wirklich einiges aus, aber es kann nichts bewegen. Oberhummer: Wenn ein Asteroid einschlägt, würden die Bärtierchen locker überleben. Gruber: Aber sie würden das nicht einmal checken.

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KATZEN JAMMER

2.0 Text: Clemens Wolf Illustration: Nadja Tomic

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Raus aus dem Sack und rein ins Internet: Katzen, soweit das Auge reicht, oder: was man beim Surfen am Wochenende in den Weiten des World Wide Web findet.

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onntagnachmittag im Internet. Auf YouTube trenden Videos von Jimmy Kimmel und Ellen DeGeneres, der Trailer zur achten Staffel von „Dexter“ – und das „Sad Cat Diary“, das das unglaubliche Leiden von Katzen auf der ganzen Welt beschreibt: „Liebes Tagebuch, meine Futterschüssel ist nur mehr halbvoll. Es ist offensichtlich, dass ich bald verhungern werde.“ Auf 9GAG finden sich zur selben Zeit gezählte 16 Katzenbilder auf der ersten Seite des „Hot“-Feeds: Katzen in Uniform, Katzen in seltsamen Posen und Baby-Katzen, die mit Hunden spielen. Und auf Facebook postet Murrli Katzberger einstweilen Fotos von sich im Garten. Seit Anfang 2012 präsentiert sich Murrli Katz­ berger auf Facebook. Dass Fräulein Katzberger auf ihren Fotos Pelz trägt, stört genauso wenig wie das Grünzeug zwischen ihren Zähnen – ihre Bilder treffen den Puls der Zeit, den Facebook-Freunden gefällt‘s. Mit ihrem Facebook-Auftritt ist die kleine schwarze Katze von FH-Lektorin Edith Podhovnik kein Einzelfall: Neben Professore Mauz, dem Kater von „Informationsdesign“-Studiengangsleiter Karl Stocker, finden sich auch Snuttis Katt, Gatta Clio oder Kater Fiocco in Murrli Katzbergers Freundesliste. Der eigene Facebook-Auftritt für Muschi, Maunzi und Co. – seit Grumpy-Cat-Memes und FunnyCat-Videos das Internet überschwemmen, ist daran eigentlich nichts weiter verwunderlich. Trotzdem liegt die Frage auf der Pfote, pardon, auf der Hand, warum Katzenbesitzer ihre Tiere auf diese Art und Weise im World Wide Web präsentieren. Die Katze bekommt Auslauf im Web 2.0. Ob dahinter nun die Tierliebe der Besitzer steht oder eher ihr

Geltungsdrang, den Sozialwissenschaftler nur zu gerne bemühen, wenn es um die Frage nach der Web­präsenz geht, ist eigentlich neben­sächlich. Fakt ist: Die Katzen haben das Internet erobert wie kein anderes Tier. Aber seien wir uns ehrlich: „Gemenschelt“ haben Katzen immer schon, auch vor der Erfindung des Internets. Wir streicheln und liebkosen sie und freuen uns, wenn sie uns ihrerseits „Bussis“ geben. Wir bezeichnen sie als eigensinnig und eingebildet, wenn sie nicht tun, was wir wollen. Und wenn sie die teure Vase hinuntergeworfen oder die Blumen zerfleddert haben, dann haben sie das sicher aus Bosheit gemacht. Also brauchen wir uns auch nicht zu wundern, wenn sie sich nun auf Facebook tummeln. Gut, sie posten dort nicht wirklich selbst, sondern ihre Besitzer – aber so eine Computer-Tastatur ist eben auch nicht gerade pfotenfreundlich designt. Eine leichte Ahnung des Absurden beschleicht einen aber trotzdem an so einem Sonntagnachmittag im Internet, umgeben von Katzenvideos, Katzenbildern und den neuesten Status-Updates von Murrli Katzberger und Professore Mauz. Aber selbst in diesem Fall hat das Internet die passenden, katzenbezogenen Inhalte parat: „Wenn jemand aus den 1950ern plötzlich in unserer Zeit auftauchen würde, was wäre wohl am schwierigsten zu erklären an unserem Leben heutzutage?“ Diese Frage stellt ein User auf Reddit. Und die bestbewertete Antwort dazu: „Ich habe in meiner Tasche ein Gerät, das auf die Gesamtheit menschlichen Wissens zugreifen kann. Ich benutze es, um Bilder von Katzen anzusehen und Diskussionen mit Fremden anzufangen.“

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„Ich bin

das lebende

Google“

Hugo will kämpfen. Hugo tritt der Partei bei. Hugo tötet den Parteifunktionär Hoederer. Nicht, weil er muss – aber warum, weiß er selbst nicht genau. Die Figuren in Jean Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ sind komplex, doch eine Frau schaut ihnen in den Kopf und behält den Überblick: Dramaturgin Britta Kampert. Text: Sonja Radkohl Fotos: Lupi Spuma

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srael, 21. Jahrhundert: Die Feinde sind im Anmarsch. Aber statt zu kämpfen, propagiert Parteifunktionär Hoederer den Frieden – oder vielmehr den Befehl, zu leben und zu lieben. Was den Extremisten in der Partei so gar nicht gefällt. Sie wählen Hugo, einen Neuling im Militär, um Hoederer zu töten. Ausgerechnet Hugo, dem ständig die Brille von der Nase rutscht, dessen Frau ihn belächelt und dem der Revolver in der Hand zittert. „Ja, mit dem Revolver ist das so eine Sache… Es ist nämlich kein Revolver, wie bei Sartre, sondern eine Pistole.“ Britta Kampert ist als Dramaturgin von Jean Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ am Grazer Schauspielhaus so etwas wie die „Frau für alles“: Sie prüft, ob die großen Zusammenhänge und Bögen noch stimmen, konzentriert sich aber genauso stark auf die Details. Dass man etwa einen Revolver nicht durchladen kann, sondern nur eine Pistole. „Eigentlich bin ich das lebende Google hier!“ Flotte Hospitanten und arte-Dokus. Der Weg von der Auswahl eines Stückes bis zur Premiere ist lang. Denn

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dazwischen liegt der kreative Prozess zwischen Schauspielern und Regisseur, den der Dramaturg begleitet. „Wenn das Stück feststeht, schicke ich mal ’nen flotten Hospitanten in die Bibliothek, damit der mir die ganze Sekundärliteratur herschleppt“, erinnert sich Kampert nicht ohne Ironie an ihre eigene Ausbildungszeit. Tatsächlich beschäftigt sie sich mit verschiedenen Interpretationen des Stücks, „arte“-Dokus findet sie ganz toll, und sie überlegt sich gemeinsam mit dem Regisseur eine Inszenierung für die Gegenwart. „Bei ‚Die schmutzigen Hände‘ bot sich für Wojtek Klemm und mich der Konfliktherd Israel als Thema an.“ So war eine von Kamperts ersten Aufgaben, den Text auf ein spielbares Niveau herunterzubrechen und ihn von Russland nach Israel zu verlagern. Dass sich ein Dramaturg nur mit dem Text beschäftigt, stimmt aber nur zum Teil. „Ich bin ein bisschen was von allem: Kritiker, der nicht alles gleich toll findet, was wir machen, aber auch Psychologe und Mediator. Ich übersetze schon mal Regisseur-Schauspieler, Schauspieler-Regisseur“, lacht Kampert. Nichtsdestotrotz ist es dieser Pro-

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zess, der sie beinahe mehr als die literarische Arbeit fasziniert. Der schönste Moment dabei: „Irgendwann werden die Figuren lebendig. Wenn Claudius Körber als Hugo am Ende noch erzählt, warum er Hoederer ermordet hat, oder Simon Zagermann als Hoederer Kraft durch Kühle ausstrahlt. Dann blüht der Text auf und die Figuren fangen an, mit dir zu sprechen.“ Die richtige Waffe. Für diesen Augen­ blick hat Kampert hart gekämpft. Nach einem Studium der Volkswirtschaftslehre wollte die Deutsche Dramaturgie in München studieren, musste sich aber bei einer Prüfung anhören, dass ihr der Wille für das Theater fehle. Aufgegeben hat sie deshalb nicht, sondern ihren Abschluss kurzerhand in Leipzig gemacht. „Das Theater musst du lieben, wenn du hier arbeiten willst. Ein Großteil deines Lebens findet hier statt, weil alles, was du außen herum erlebst, irgendwie auf der Bühne landet.“ Die Begeisterung für ihre Figuren und das Theater sieht man Kampert an. Genauso wie die Liebe zu ihrem Beruf, denn am Ende hat sie eine große Verantwortung: zu checken, ob alle Waffen geladen und schussbereit sind.


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Blumentod. Text: Maximilian Tonsern Illustration: Tanja Gahr

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s war einmal vor langer, langer Zeit, in einem gar nicht so weit entfernten Königreich. Ein alter König, welcher schon sehr, sehr lange regierte und dementsprechend einen sehr, sehr langen Bart hatte, den er mehrmals am Tage mit einer großen braunen Bürste zu bürsten pflegte, erkrankte an einer seltenen Krankheit, welche, so stellten die schnell herbeigerufenen Heiler des Königs fest, nur mithilfe einer seltenen Blume, die man einzig an einem Berghang weit östlich des König­ reiches könnte, geheilt werden konnte. Jedoch auch nur dann, wenn jene Blume von einem Mädchen und – ausdrücklich! – nicht von einem Manne gepflückt werden würde. Wie es der Zufall so wollte, hatte der König zwei Söhne, welche stark, anmutig und ritterlich waren, und

eine Tochter, die aufgeweckt und mit Scharfsinn durch das Leben schritt. Die beiden Söhne schenkten den warnenden Reden der Heiler und jenen der etwas später hinzugerufenen Zauberer keine Achtung, und so ritt der älteste Sohn los, um seinem Vater die Blume zu bringen. Lange Zeit warteten die Tochter und der zweitälteste Sohn auf seine Rückkehr, doch als nichts geschah, sattelte auch der zweite Sohn sein Pferd, schulterte Schwert und Schild und machte sich auf die lange, gefährliche Reise. Doch die Tage verstrichen, und auch jener kam nicht zurück, und so ging die Tochter nochmals zu den Zauber­ ern, um mit ihnen zu sprechen. Jene verurteilten die beiden Söhne ob ihrer Torheit, trotz der ausdrücklichen Warnungen zu reiten, und rieten der

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... und sie erkannte ihn, so wie ihn jeder Mensch erkennt, wenn er ihm gegen端ber steht, denn es war der Tod.

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Tochter, so schnell wie möglich loszureiten, denn ihrem Vater ginge es immer schlechter. Die Tochter sattelte alsdann ihren Lieblingsrappen, packte Proviant in einen Rucksack und füllte Wasser in einen Schlauch, um dann auf ihrem schwarzen Rappen aus dem Schloss zu galoppieren. Die Reise ging hurtig voran, das Wetter war schön, der Weg noch nicht beschwerlich. Die Straße schlängelte sich fort, während die Tochter ihr folgte, und nach einiger Zeit führte sie der Weg in einen tiefen, dunklen Wald, in dem es jedoch gut nach Laub, Frische und Sommer roch. Plötzlich scheute ihr Rappe, er blieb stehen, und es lief ihr kalt den Rücken hinunter – ein Mann, alt, uralt, noch älter als die ältesten Bäume des Waldes, trat ihr in den Weg. Er trug einen langen, schwarzen Umhang, und graue Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, welches von Runzeln überzogen war wie die Furchen einer Rinde. Er hielt einen seltsamen Stab in der Hand, einen knorrigen, schwarzen Stab aus Holz, den er fest umklammerte, und es machte den Anschein, als ob er ohne diesen Stab umfallen würde wie ein Baum ohne Wurzeln. Lange Zeit sprachen sie kein Wort, weder der alte Mann, noch die Tochter, dann drehte sich der alte Mann um, und begann

den Weg entlangzuhumpeln, und die Tochter ritt neben ihm her. Noch immer schweigend betrachtete die Tochter den stillen Weggefährten, welcher ihr aber seltsam vertraut vorkam. Als es dunkelte, blieben beide stehen und suchten sich eine Lichtung. Es war kalt geworden, und so entfachte die Tochter ein Feuer. Der Alte hockte sich auf den Boden und wärmte die Hände an den Flammen, während sie ihre Wegzehrung auspackte, noch immer schweigend und ohne ein Wort mit dem Alten gewechselt zu haben. Sie bot ihm von ihren Broten an, er nahm wortlos davon, sie aßen schweigend, schließlich tranken sie beide Wasser aus dem Beutel der Tochter des alten Königs, welcher fern in der Burg im Sterben lag. Dann aber drehte sich der Alte um und sah ihr ins Gesicht, und sie erkannte ihn, so wie ihn jeder Mensch erkennt, wenn er ihm gegenüber steht, denn es war der Tod. Und der Tod öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte, sondern nur Bilder daraus hervor, aus diesem Gesicht, welches nun zu einer großen, langen Fratze verzogen war. Bilder von ihren Brüdern, welche den alten Mann stehen gelassen hatten, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Sie sah ihre Brüder, wie sie beide, die Knochen zerschmettert, am Fuße einer

Schlucht lagen, im Tode vereint, und sie wusste, dass auch sie sterben würde, denn der Tod würde auch ihr Leben nehmen, würde auch ihr Leben beenden, wie das ihrer Brüder, nur würde sie nicht umsonst sterben – der Tod würde umdrehen und nicht auf die Burg ihres Vaters zugehen, er würde gehen und nie zu ihrem Vater kommen. Sie sah den Tod an, nun mit der Gewissheit, dass sie ihren Vater retten würde, obwohl sie ihm entgegen der Meinung der Zauberer und Heiler keine Blume brachte, und der Tod lächelte, nun wieder mit dem Gesicht des Alten, mit Falten und Runzeln, mit Essensresten in den Mundwinkeln. Der Tod lächelte ihr zu und reichte ihr die Hand, während sie sein Lächeln erwiderte, denn sie wusste es nun, und weil sie es wusste, ward sie zufrieden. Und man fand ihren Leib Wochen später, friedlich auf einer Lichtung schlummernd, in weißen Kleidern, eine reine Blüte, den Kelch jedoch für immer geschlossen und verblüht, während der König noch Jahrhunderte lebte, ehe er sich – so sagt man – selbst auf die Suche nach diesen alten Mann machte. Und wenn er ihn noch nicht gefunden hat, dann sucht er ihn noch heute.

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JOE WIRD ZEHN.

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INHALT

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Joe10 - Unfassbar.