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06/2013

& JEDEN MONAT

DAS MAGAZIN, DAS GLAUBEN ERKLÄRT

+ + + + + + + + + + + SERIE:

RELIGIONEN DER WELT

DER BUDDHISMUS

Von Indien in die ganze Welt WISSEN

Darum bildet der Vatikan immer noch Exorzisten aus

DIE

G Wiss roßes ensp im H oster eft Hier f

a Räts nden di e el de s Alt Testa en men ts sta tt

RÄTSEL DER BIBEL Wie Wissenschaftler auch die letzten Geheimnisse entschlüsseln

SPURENSUCHE

Warum aus

Cat Stevens

Yusuf Islam wurde

Mythos Luther

Wie ein deutscher Mönch zum Kirchenspalter wider Willen wurde

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Glauben & Wissen

Inhalt

Ausgabe 06/2013 06

Glaube & Wissen

Hand aufs Herz

Wo stehen die größten religiösen Statuen der Welt?

56

Der Vorsitzende der ChristlichDemokratischen Arbeitnehmerschaft über Glauben und Christsein

Glaubensfragen, kurz beantwortet!

18

Erlöse uns von dem Bösen

58

Warum auch in heutiger Zeit noch Exorzisten ausgebildet werden

20 44

Rätselhafte Riesen Die Statuen der Osterinsel stellen die Menschheit vor viele Fragen

46

„Ich bin kein Berliner“ Trotzdem steht der berühmte Pergamonaltar in der Bundeshauptstadt

Titelthema 22

Die 10 größten Rätsel der Bibel

Kultur 62

32

64 66 68

Stätten des Glaubens 72 74

Körper & Seele 80

Fotos: IMAGO (3), Lassedesignen/Fotolia (1), pa/dpa (2)

Rote Seitenzahl = Titelthema

Vielseitiges H20 Wie viel Wasser ist wirklich gesund? Alles zum Wellnessdrink Wasser

Die Rufer Allahs

84

Immer häufiger hört man den Ruf des Muezzins auch außerhalb der Moschee

4

Frauen bleiben draußen Der Klosterstaat Berg Athos auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki

Immer noch auf der Suche

Lachen ist gesund Lachen wirkt tief innen im Körper und erhöht unsere Attraktivität nach außen

Wallfahrt nach Lourdes Auf der Suche nach Heilung und dem persönlichen Wunder in Südfrankreich

Die Stadt der Päpste 70 Jahre gastierte das Papsttum im südfranzösischen Avignon

Einblicke

52

Basilius-Kathedrale Um die Moskauer Kirche ranken sich zahlreiche Mythen und Legenden

Wie aus Cat Stevens Yusuf Islam wurde

48

„Die satanischen Verse“ Salman Rushdies kontrovers diskutierter Roman spaltet die Glaubenswelt

Spurensuche 38

„Die Geburt der Venus“ Sandro Botticellis Meisterwerk

Teil 8: Der Buddhismus Die Entwicklung des Buddhismus und seine unterschiedlichen Strömungen

„Oh happy day“ Wie das Kirchenlied weltweit zum Chart-Erfolg wurde

Sintflut, ägyptische Plagen, Turmbau zu Babel und die Zerstörung von Sodom und Gomorrha – was ist Fakt, was Fiktion?

Die Religionen der Welt

Jacqueline Straub Die junge Katholikin träumt davon, Priesterin zu werden

Unter die Haut Über den Ursprung von Tätowierungen in den Kulten und Religionen der Welt

Karl-Josef Laumann

Großes Wissen 90

Mythos Luther Wer war der Rebell, der die Kirche in Deutschland teilte, wirklich?

Rubriken 03 Editorial 10 Bilderwissen 30, 60, 70, 88 Rätsel 76 Trauerkultur 97 Lösungen 98 Vorschau/Impressum Glauben & Wissen 06/2013

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Seite 22

Die 10 größten Rätsel der Bibel Fand der Auszug aus Ägypten wirklich statt? Gab es tatsächlich eine Sintflut? Und was steckt hinter den ägyptischen Plagen? Die größten Rätsel der Bibel im Faktencheck.

Seite 38 Aus dem Popstar Cat Stevens wurde der moslemische Philanthrop Yusuf Islam. Die Beweggründe und Innenansichten des gläubigen Muslims.

Seite 90

Mythos Luther Wer war dieser Mann, der die Religionslandschaft der ganzen Welt verändert hat, und wie viel Zündstoff enthielten seine berühmten 95 Thesen tatsächlich?

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Seite 32 Wie sich der Buddhismus von Indien ausgehend in der ganzen Welt verbreitet hat und welchen Anteil der Dalai Lama oder Arthur Schopenhauer an dieser Entwicklung haben, zeigt Teil 8 der Serie „Religionen der Welt“.

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„Dummheit ist nicht: wenig wissen. Auch nicht: wenig wissen wollen. Dummheit ist: glauben, genug zu wissen.“ Anita Joachim-Daniel (1902–82), amerik. Schriftstellerin

Mitglieder der Ordensgemeinschaften in Deutschland

1: Die 721 Bene­ diktiner, wie der bekannte Pater Anselm Grün, stellen die mitgliederstärkste Ordensgemeinschaft in Deutschland.

2: 634 Franzis­ kanermönche, wie Bruder Paulus Termitte, leben in der Bundesrepublik. 3: 342 Männer in Deutschland gehören wie Papst Franziskus dem Jesuiten­ Orden an. 7: Sonstige Ordensgemein­ schaften (2.537 Mitglieder)

4: Steyler Missionare (291 Ordensbrüder) 5: Salesianer (286 Ordensmitglieder)

6: Pallottiner (263 Ordensbrüder)

Gehen heutzutage noch Menschen ins Kloster?

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m Jahr 2012 entschieden sich in Deutschland 83 Männer für ein Leben im Orden. Das sind 26 mehr als im Vorjahr (2011: 57). Dies belegt die Jahresstatistik der Deutschen Ordenskonferenz (DOK). Die zahlenmäßig stärksten Ordensgemeinschaften der Republik sind die Benediktiner mit 721 Ordensmännern, gefolgt von den Franziskanern mit 634 und den Jesuiten mit 342 Ordensmit8

gliedern. Insgesamt leben in Deutschland 4.697 Ordensmänner (2011: 4.794), knapp die Hälfte (45 Prozent) ist jünger als 65 Jahre, 3.148 sind Priester. Die Zahl der Gemeinschaften, Niederlassungen und Mitglieder der Frauenorden ist in Deutschland traditionell um ein Vielfaches größer: Es gibt 332 Generalate, Provinzialate, Abteien und selbstständige Einzelklöster mit rund 19.278 Ordensfrauen. Auch diese

Zahl ist rückläufig. Zum ersten Mal in den vergangenen 20 Jahren sank sie unter die Marke von 20.000. Zum Vergleich: 1991 lebten noch mehr als doppelt so viele Frauen in Ordensgemeinschaften. Ein großer Unterschied zu den Männerorden ist in der Altersstruktur zu erkennen: Gerade einmal 16 Prozent der Nonnen in Deutschland sind jünger als 65 Jahre. Rund 84 Prozent, 16.147, sind älter.

Fotos: Getty Images (1), IMAGO (4), pa/dpa (1)

Die Antwort lautet: Ja. 2012 ist die Zahl der Novizen in Ordensgemeinschaften im Vergleich zum Vorjahr sogar leicht angestiegen. Die Zahl der Novizinnen bleibt stabil. Nichtsdestotrotz drohen die Orden zu überaltern.

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Glaube & Wissen

Wer schrieb die „Teufelsbibel“? Die Herkunft der größten erhaltenen Handschrift des Mittelalters ist bis heute nicht geklärt.

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er 75 Kilogramm schwere Codex Gigas, der in der Nationalbibliothek von Schweden ausgestellt wird, hat beachtliche Ausmaße. Mit 92 Zentimetern Höhe, 50 Zentimetern Breite und 22 Zentimetern Dicke ist es das größte erhaltene mittelalterliche Manuskript. Auf 320 Pergamentblättern sind das gesamte Alte und Neue Testament sowie weitere lateinische Texte in karolingischen Minuskeln niedergeschrieben. Und zwar – das ergab die Analyse der Handschrift – von ein und derselben Person! Nun hätte ein Mensch für diese Textmenge wohl mehrere Jahre benötigt. Das einheitliche Schriftbild jedoch lässt vermuten, dass das gesamte Werk in weitaus kürzerer Zeit entstand. Der Legende nach versprach ein Mönch, in einer einzigen Nacht das Wissen der ganzen Welt aufzuschreiben. Die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens realisierend, bat er den Teufel um Hilfe und verschrieb ihm dafür seine Seele. Zum Dank zeichnete der Mönch ein Porträt Satans in das Buch hinein.

Was sind „Megachurches“? In diesen „Riesenkirchen“ mutet der Gottesdienst wie ein Stadion- oder Konzertbesuch an.

Fotos: Getty Images (1), IMAGO (4), pa/dpa (1)

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ommen in Deutschland 200 Menschen zum Gottesdienst, sind viele Kirchen voll. In den Megachurches der USA könnte jeder dieser 200 noch seine Eltern und zwei Freunde mitbringen, ohne die Kapazität des Gotteshauses zu sprengen. In den vergangenen zwanzig Jahren haben Megachurches ein explosives Wachstum erfahren. In diesen Kirchengebäude finden meist um die 3.000 Besucher Platz. Die technische Ausstattung mit Konzertbühne und professioneller Licht- und Tontechnik erinnern mehr an Konzerthallen als an Gotteshäuser. Die Lakewood Church, mit wöchentlich 40.000 Kirchgängern die größte lokale Kirche in den Vereinigten Staaten, erwarb 2005 ein umgebautes Sportstadion (Foto) mit 16.000 Plätzen, um dem Ansturm gewachsen zu sein.

TRAUERKULTUR

Warum legen wir Nelken aufs Grab? Die Nelke gilt als Gottesblume. Ihr botanischer Name Dianthus setzt sich aus den altgriechischen Worten Díos (Gott) und Anthos (Blume, Blüte) zusammen. Ihre weiße Farbe symbolisiert ewige Treue, die Form der getrockneten Knospen der Gewürznelke erinnert an die Nägel bei der Kreuzigung Christi. Obendrein sind die meisten NelkenArten recht ausdauernde Gewächse, die problemlos mehrere Winter durchstehen und daher – in einer Schale gepflanzt – nur wenig Grabpflege erfordern. KURIEN-KUNGELEI

Was bedeutet Kardinalnepotimus? Zur Zeit der Renaissance und des Barocks war der Kardinalnepot ein etabliertes Amt im Kirchenstaat. Verwandte des amtierenden Papstes, häufig dessen Neffen (lat. nepos), fungierten – in den Kardinalsrang erhoben – als „rechte Hand“ des Papstes. Paul III. führte das Amt des Kardinalnepoten während seines Pontifikats (1534–1549) ein. Später gingen die politischen Funktionen allmählich auf den Kardinalstaatssekretär über. Erst Innozenz XII. schaffte den Kardinalnepoten 1692 wieder ab. Im allgemeinen Sprachgebrauch kennt man Nepotismus heute noch als Neffenoder Vetternwirtschaft.

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„Weiche Satan, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

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Glaube & Wissen

Erlöse uns von dem Bösen

Der Begriff Teufelsaustreibung weckt zumeist Erinnerungen an Hollywood-Filme wie „Der Exorzist“. Dabei bildet der Vatikan bis heute Exorzisten aus. Andreas Ohlberger [t e x t]

Was ist ein Exorzismus? In der katholischen Kirche zählt der Exorzismus zu den Sakramentalien, besonderen Segnungen, vergleichbar mit der Spende des Aschenkreuzes an Aschermittwoch oder der Fußwaschung am Gründonnerstag. Im Rituale Romanum von 1614 wird erstmals ein 21 Regeln umfassender Ritus für den Exorzismus an Besessenen („großer Exorzismus“) definiert. Die Neufassung von 1999 sieht vor, dass sich der Exorzist zunächst vergewissern muss, das keine psychische Krankheit vorliegt. Im Zweifelsfall sind Mediziner und Psychiater zu Rate zu ziehen. Die in einen Wortgottesdienst eingebetteten Symbolhandlungen bestehen aus Handauflegen, Glaubensbekenntnis, Bekreuzigen und dem Sprechen der Exorzismusformel. Unterschieden

Exorzismus made in Hollywood: „Der Exorzist“ von 1973

wird zwischen deprekativem Exorzismus, dem Beten von Fürbitten für die Erlösung des Besessenen, und imperativem Exorzismus, bei dem der Dämon aufgefordert wird, den Besessenen zu verlassen.

Wer führt Exorzismen durch? Ein Exorzismus darf in der katholischen Kirche ausschließlich vom Ortsbischof oder einem von ihm bestimmten Priester durchgeführt werden. Diese Erlaubnis erteilt der Bischof nur Priestern, die sich „durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen

Lebenswandel“ auszeichnen. Am Ritual können außer dem Exorzisten (Priester/Bischof) auch weitere Priester und Laien teilnehmen, um für die besessene Person zu beten und dem Priester zu helfen. Sie dürfen jedoch selbst keine Exorzismusformeln aussprechen.

Fotos: Getty Images (2), IMAGO (1)

Wer bildet Exorzisten aus? Schon Jesus Christus hat Exorzismus ausgeübt (vgl. Mk 1,23) und seine Jünger beauftragt, Dämonen auszutreiben (Mt 10,8). Die katholische Kirche bildet heute noch Exorzisten aus. In der päpstlichen Hochschule Athenaeum Regina Apostolorum wurde 2005 ein eigener Exorzismus-Lehrgang gegründet (Foto). Er entstand auf Anregung Benedikts XVI., der im gleichen Jahr bei einer Generalaudienz verkündete, für den weltweiten Einsatz 3.000 Exorzisten ausbilden zu lassen. Geleitet wird der Kurs „Exorzismus und Gebete um Befreiung“ vom Rektor der Hochschule, Pater Pedro Barrajón.

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Die

10 größten

Rätsel

der

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Bibel

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Geheimnisse der Bibel

Titelthema

Noch heute gibt uns das „Buch der Bücher“ zahlreiche Rätsel auf. Doch Wissenschaftler sind dabei, selbst die größten Geheimnisse Stück für Stück zu entschlüsseln – mit erstaunlichen Ergebnissen! Anna Hambach, Andreas Mayer, Andreas Ohlberger [t e x t]

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ie Erzählungen des Alten Testaments faszinieren und beschäftigen uns Menschen nicht erst seit heute. Häufig sind es heftige Naturereignisse, die hinter einer Geschichte oder einem Gott zugeschriebenen gewaltigen Ereignis stehen. Auch Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen zieht das Thema in seinen Bann. Zum einen untersuchen Sprachwissenschaftler und Bibelwissenschaftler den hebräischen Text, der immer auch im historischen Kontext gesehen werden muss. Außerdem sind natürlich

Archäologen am Werk. Sie suchen nach handfesten Überresten, sozusagen den Hinterlassenschaften dieser Kulturen. Geologen helfen bei der Datierung und Analyse von Sedimentschichten, um Ereignisse wie Vulkanausbrüche zeitlich und geografisch einzuordnen.

Forschung weltweit Auch Meteorologen liefern oft wichtige Erkenntnisse, etwa zu besonderen Wetterphänomenen. Zudem können Astronomen an diesen Forschungen beteiligt sein, wenn es zum Beispiel um die Berechnung eines Meteoriteneinschlags in

biblischer Zeit geht. Biologen und Umweltforscher kennen sich mit den klimatischen Folgen solcher Ereignisse aus und wissen beispielsweise um die Existenz von Heuschrecken- oder Mückenplagen, wie sie Ägypten heimgesucht haben. Die Lösung von technischen Problemen oder scheinbar übermenschlichen Kräften beschäftigt sowohl Ingenieure als auch Physiker. Manche rätselhaften Geschehnisse ließen sich so bereits durch die Arbeit der Forschung erklären. Andere konnten die Wissenschaftler näher einkreisen – manche aber scheinen schlichtweg nie erklärbar …

1.

Fotos: Getty Images (1), IMAGO (5), Lassedesignen/Fotolia (1), pa/dpa (1)

Gab es tatsächlich eine große Sintflut?

24

Jahrhundertelang forschten Archäologen nach Überbleibseln von Noahs Arche. Zumeist im anatolischen Ararat-Gebirge, wo sie der Legende nach auf einem Berggipfel gestrandet sein soll. Doch spätestens seit der verheerenden Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean 2004 steht die Sintflut selbst im Zentrum des Forschungsinteresses. Hat sie überhaupt stattgefunden und wenn ja, wann? Die Minoische Eruption, ein Vulkanausbruch vor etwa 3.600 Jahren in der südlichen Ägäis, verursachte einen Tsunami, dessen Auswirkungen israelische Forscher vom Interuniversity Institute for Marine Sciences an Israels Mittelmeerküste nachweisen konnten. Beverly Goodman und ihre Kollegen untersuchten Bohrkerne, die einen Querschnitt durch die Sedimentschichten an Israels Mittelmeerküste zeigen. Dabei fanden sie jahrtausendealte und mehr als dreißig Zentimeter dicke Ablagerungen aus besonders großen Sand- und Gesteinspartikeln, wie sie nur von einer Tsunami-Welle aufgewirbelt

werden konnten. Als Auslöser einer solchen Flutwelle kommen auch Erd- oder Seebeben in Frage. Infolge der Plattentektonik wird die Region zudem häufig von derartigen Erschütterungen heimgesucht, die je nach Stärke Tsunami-Wellen hervorrufen können. Eine 40-tägige Überflutung der höchsten Berge der Region ist so jedoch nicht zu erklären.

„Die Flut auf der Erde dauerte vierzig Tage. Das Wasser stieg und hob die Arche immer höher über die Erde. Das Wasser schwoll an und stieg immer mehr auf der Erde, die Arche aber trieb auf dem Wasser dahin. Das Wasser war auf der Erde gewaltig angeschwollen und bedeckte alle hohen Berge, die es unter dem ganzen Himmel gibt. Das Wasser war fünfzehn Ellen über die Berge hinaus angeschwollen und hatte sie zugedeckt.“ (1.Mose 7,17-20)

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Geheimnisse der Bibel

2.

Existierte in Babel wirklich ein Turm?

„Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“ (1.Mose 11,5-7)

Titelthema

3.

Wer oder was zerstörte Sodom und Gomorrha?

„Als die Sonne über dem Land aufgegangen und Lot in Zoar angekommen war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs.“ (1.Mose 19,23-25)

In ihrem Buch „A Sumerian Observation of the Köfels Impact Event“ bringen der Raketentechniker Alan Bond und Prof. Mark Hempsell von der Universität Bristol die These zum Ausdruck, dass in der Nacht zum 29. Juni 3123 v. Chr. ein Asteroid von über einem Kilometer Durchmesser auf der Erde explodierte. Dabei beziehen sich die Wissenschaftler auf die „Keilschrift von Ninive“. Sie zeigt Aufzeichnungen eines sumerischen Astronomen aus besagter Zeit, der die Himmels-Konstellation in dieser Nacht auf einer Tonscheibe detailgetreu skizziert hat. Am Computer berechneten die Wissenschaftler die weitere Flugbahn des Himmelskörpers und kamen zu dem Schluss, dass er bei Köfels im österreichischen Ötztal niederging. Die pilzförmige Explosionswolke stieg bis in die Atmosphäre auf, wo sie sich verteilte, um über der Levante und Nordafrika als Feuerregen den Boden zu erreichen. Zu einer Veröffentlichung dieser Theorie in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift kam es mangels Beweisen freilich nicht.

Babylon (hebräisch: Babel) war die Hauptstadt Babyloniens und eine der wichtigsten Städte des Altertums. Sie lag in der Provinz Babil im heutigen Irak, etwa 90 km südlich von Bagdad. Der deutsche Architekt und Archäologe Johannes Gustav Eduard Robert Koldewey legte die Ruinen der Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise frei. Dabei stieß er auch auf die Fundamente des Turms. Es handelt sich um eine Zikkurat, die in Mesopotamien verbreitete Form eines stufenförmigen Tempelturms. Die Grundfläche des Turms betrug etwa 8.400 Quadratmeter, die Höhe ungefähr 91 Meter, verteilt auf sieben oder acht Plateaus. In den Annalen des assyrischen Königs Sanherib, der 689 v. Chr. Stadt und Tempel zerstörte, wird die Zikkurat unter dem Namen Etemenanki (sumerisch: Haus des Himmelsfundaments auf der Erde) urkundlich erwähnt. Inschriften im Fundament bezeugen, dass seine Nachfolger den Turm wieder aufbauen ließen. Nach seinem Einzug in Babylon im Frühjahr 323 v. Chr. ließ Alexander der Große die Reste bis auf das Fundament abtragen, um den Turm neu zu errichten. Dies habe, so berichtet der griechische Geschichtsschreiber und Geograf Strabon, 10.000 Mann für zwei Monate beschäftigt. Nach dem Tod Alexanders und dem Abzug der Griechen verfiel Babylon zusehends und mit ihm der Turm.

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4.

Was verursachte die Plagen in Ägypten?

Gott straft die Ägypter im Alten Testament mit zehn Plagen, als der Pharao den Israeliten den Auszug in die Wüste verweigert. Zuerst verwandelt sich das Nilwasser in Blut, die Fische verenden. Es folgen eine Froschplage und eine Stechmückenplage sowie Geschwüre mit aufplatzenden Blasen an Mensch und Vieh. Hagelstürme zerstören die Ernte, und das Vieh auf den Feldern verendet. Was der Hagel verschont, wird von Heuschreckenschwärmen vernichtet. Danach hüllt Jahwe ganz Ägypten für drei Tage in Finsternis, ehe schlussendlich auch noch alle ägyptischen Erstgeborenen sterben. Bis auf den letzten Punkt, der symbolisch zu verstehen ist, deuten alle Plagen auf reale Situationen hin. So lässt sich die Rotfärbung des Nilwassers, die sogenannten roten Tiden, auf eine Algenblüte zurückführen, die zugleich als Ursache für das Fischsterben infrage kommt. Auch saurer Regen als Folge eines Vulkanausbruchs ist eine mögliche Ursache. Durch das Fischsterben breiten sich die Stechmücken ungehindert aus und entwickeln sich zu einer Krankheiten übertragenden Plage, an der Mensch und Vieh verenden. Ein Vulkanausbruch könnte zudem den Hagel erklären. Vulkanische Tätigkeit verändert das Wetter. Aschewolken sorgen für Finsternis, Asche und Staub binden das Wasser, das gefriert und als Hagel auf die Erde fällt. „Daran sollst du erkennen, dass ich Jahwe bin: Mit dem Stab in meiner Hand schlage ich auf das Wasser im Nil und es wird sich in Blut verwandeln. Die Fische im Nil werden sterben und der Nil wird stinken, sodass sich die Ägypter davor ekeln, Nilwasser zu trinken. “ (2.Mose 7,17-18)

Gott sandte eine Heuschrecken-Plage, die ganz Ägypten verwüstete.

WISSENSPLUS Das Alte Testament Das Alte Testament wurde etwa zwischen dem 10. Jh. v. Chr. und der Mitte des 2. Jh. v. Chr. in hebräischer Sprache geschrieben. Es enthält Erzählungen zur religiösen Geschichte Israels – die bis dahin bereits jahrhundertelang mündlich weitergegeben worden waren – beginnend mit der Schöpfung und den Geschichten der Erzväter und dem Zug ins verheißene Land. Manche Geschichten des Alten Testaments erscheinen uns heute sehr grausam – einmal, weil das Handeln der Menschen darin grausam ist und auch, weil das Handeln Gottes uns grausam erscheint. Gott wird geschildert als ein Gott mit Gefühlen, als einer, der seine Menschen liebt und deshalb über ihr Verhalten manchmal zornig wird. Er straft die Schuldigen, aber er schenkt ihnen auch das Leben immer wieder neu.

Noch mehr rätselhaftes aus der Bibel www.liborius.de/bibelraetsel

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Geheimnisse der Bibel

Titelthema

5.

Was ist dran am Mythos vom Auszug aus Ägypten?

Der Auszug der Israeliten aus Ägypten unter der Führung des Mose, der lange Weg in das Gelobte Land – historische Wirklichkeit oder urzeitlicher Mythos? Der einzige Beleg außerhalb der Bibel für die Existenz eines Volksstammes Israel findet sich auf der Siegesstele des Merenptah von etwa 1220 v. Chr. Darin rühmt sich der König, die Israeliten besiegt zu haben. Den einzig historisch verbrieften „Auszug aus Ägypten“ unternahmen die Hyksos, die um 1532 v. Chr. durch König Ahmose I. aus Ägypten vertrieben wurden. Bei den Hyksos handelte es sich um eine Gruppe von Einwanderern, die zwischen 1719 und 1692 v. Chr. in das Nildelta vorstießen und hier ihre Hauptstadt Auaris gründeten. Während der Zeitpunkt des Einzugs der Hyksos relativ genau bestimmbar ist, ist ihre Herkunft bis heute nicht geklärt. Als relativ sicher gilt nur, dass sie aus dem vorderen Asien stammten. Der biblische Mythos dreht also die historischen Begebenheiten um, und es entstand die Geschichte von den Israeliten, die der Pharao nicht ziehen lassen wollte. „Mose sagte zum Volk: Denkt an diesen Tag, an dem ihr aus Ägypten, dem Sklavenhaus, fortgezogen seid; denn mit starker Hand hat euch der Herr von dort herausgeführt. Nichts Gesäuertes soll man essen. Heute im Monat Abib seid ihr weggezogen.“ (2.Mose 13,2-4)

6.

Warum erscheint Gott in Feuer und Rauch?

„Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten. So konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. Die Wolkensäule wich bei Tag nicht von der Spitze des Volkes und die Feuersäule nicht bei Nacht.“ (2.Mose 13,21-22)

Den Hauptteil des Archipels bilden mehrere Vulkankomplexe, seine heutige Form verdankt Santorin der Minoischen Eruption vor etwa 3.600 Jahren, dem Forscher einen Wert von sieben auf dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI – logarithmische Skala von null bis acht zur Angabe der Stärke eines explosiven Vulkanausbruchs) zuschreiben. Beschreiben die Feuer- und Wolkensäule die Eruption von Santorin? Was dafür spricht: In Ägypten sind noch 60 Kilometer im Landesinneren Spuren von Bimsstein zu finden, die sich durch Messungen mit dem Gammaspektrometer eindeutig auf Santorin zurückführen lassen.

Fotos: Arturaliev/Fotolia (1), IMAGO (5), Lassedesignen/Fotolia (1), pa/dpa (1)

Als Wolken- und Feuersäule leitet Gott die Israeliten bei ihrem Auszug aus Ägypten. Aber klingt nicht auch diese Schilderung nach dem Ausbruch eines Vulkans? Tagsüber ist der Rauch über dem Krater zu sehen, nachts Eruptionen mit glühender Lava. Nun finden sich aber in den Gebieten des biblischen Geschehens – Ägypten, Sinai und Palästina – keine Anzeichen für Vulkanismus. Dagegen haben Forscher bereits mehrmals den minoischen Vulkanausbruch von Santorin, einem kleinen Archipel in der südlichen Ägäis, als Erklärung für so manch biblisches Feuersymbol herangezogen.

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7.

Was waren die Trompeten von Jericho?

„Sieben Priester sollen sieben Widderhörner vor der Lade hertragen. Am siebten Tag sollt ihr sieben Mal um die Stadt herumziehen und die Priester sollen die Hörner blasen. Wenn das Widderhorn geblasen wird und ihr den Hörnerschall hört, soll das ganze Volk in lautes Kriegsgeschrei ausbrechen. Darauf wird die Mauer der Stadt in sich zusammenstürzen.“ (Josua 6,4)

Auch das Rätsel um den Untergang Jerichos bewegt Historiker und Theologen bis heute. Kann Schall aus sieben Widderhörnern plus etwas Gebrüll Mauern einstürzen lassen? Nicht im wörtlichen Sinne natürlich, obgleich in der Vergangenheit immer wieder versucht wurde, Schallwellen waffenfähig zu machen. Um dem Geheimnis von Jericho auf den Grund zu gehen, haben Wissenschaftler jedoch sowohl die Schwingungen der Schallwellen dieser antiken Blasinstrumente, als auch die Beschaffenheit des Mauerwerks untersucht. Die Töne im Experiment sind sogar um ein Vielfaches stärker als die Töne aus Widderhörnern – und dennoch bleiben die Lehmziegel stabil. Was brachte die Mauern also tatsächlich zum Einsturz? In der Region des heutigen West-Jordanlands kommt es bis heute immer wieder zu heftigen Erdstößen, wenn sich die Asiatische und die Afrikanische Kontinentalplatte übereinanderschieben. Allerdings schließen Seismologen aufgrund neuester Datierungen ein Erdbeben als Ursache aus. Bleibt nur noch die Betrachtung im übertragenen Sinne: Am siebten Tag der Belagerung brechen die Trompeten und das Geschrei die Mauern des Widerstands in den Köpfen der zermürbten, eingeschlossenen Bewohner Jerichos.

28

8.

Was ist wahr an der Legende von David und Goliat?

„Als der Philister weiter vorrückte und immer näher an David herankam, lief auch David von der Schlachtreihe (der Israeliten) aus schnell dem Philister entgegen. Er griff in seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleuderte ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der Stein drang in die Stirn ein und der Philister fiel mit dem Gesicht zu Boden. So besiegte David den Philister mit einer Schleuder und einem Stein.“ (1.Samuel 17,48-50)

Vorbild David: Ein palästinensischer Junge „beschießt“ israelische Panzer mit Steinen. Der Hirtenjunge David vermochte, was die bewaffneten Krieger nicht wagten: sich dem riesenhaften Philisterkrieger Goliat im Kampf zu stellen und ihn zu besiegen. Noch heute wird das Bild vom Sieg Davids gegen Goliat als Metapher für Erfolge von Außenseitern gegen schier übermächtige Gegner herangezogen. Aber wie viel Wahrheit steckt in dem Mythos? Der Schreiber Samuel scheint selbst unschlüssig. Steht doch in einer späteren, ihm zugeschriebenen Zusammenfassung (2.Sam 21,19): „Da erschlug Elhanan, der Sohn Jaïrs aus Bethlehem, den Goliat, den Gatiter“. Das erste Buch der Chronik schildert die gleiche Szene wieder anders (1.Chronik 20,5). Hier tötet Elhanan nur Lachmi, den Bruder Goliats. Der Riese selbst wird von Jonatan, dem Sohn von Davids Bruder Schima, erschlagen. Alles erfunden oder gab es den sagenhaften Riesen wirklich? Zweifel sind erlaubt, denn die Erzählung weist allzu große Ähnlichkeit mit der altägyptischen Geschichte des Sinuhe auf, der den Starken aus Retjenu ebenfalls mit einer List tötet. 2005 jedoch fand ein Team um den Archäologen Aren Maeir von der Bar-Ilan-Universität in der einstigen Philisterstadt Gat eine Tonscherbe mit einer Inschrift in früher semitischer Schrift. Auf ihr werden zwei Namen genannt, die Ähnlichkeiten mit dem Namen Goliat aufweisen und darauf hindeuten, dass es sich dabei um einen Philister handeln könnte. Auch in den Schriftrollen von Qumran findet sich die GoliatErzählung. Hier wird seine Größe mit etwa zwei Metern angegeben. Laut statistischen Untersuchungen der israelischen Altertumsbehörde an männlichen Skeletten aus der Bronze- und Eisenzeit (3000 bis 500 v. Chr.) war der durchschnittliche Mann in biblischer Zeit nur etwa 1,64 m groß. Jedoch werden immer wieder auch deutlich größere Skelette (1,85–2,00 Meter) gefunden. Es ist anzunehmen, dass solch überdurchschnittlich große Männer den Armeen der damaligen Zeit als Einzel- und Vorkämpfer dienten. Solche Vorkämpfer sind auch in altägyptischen, hethitischen und nicht zuletzt in den homerischen Heldensagen belegt.

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Geheimnisse der Bibel

9.

Titelthema

War David wirklich ein König?

Die Israeliten bildeten nach dem biblischen Zeugnis erst spät, um 1010 v. Chr., ein geeintes Königreich. Der erste König Israels war Saul. Auf ihn folgte kurzzeitig sein Sohn Isch-Boschet. Nach ihm fiel ganz Israel an König David aus Juda. Die Bibel schildert die Eroberung zahlreicher benachbarter Länder und wie David schließlich Jerusalem zur Hauptstadt seines Reichs macht. Für ein Großreich Davids gibt es sowohl aus archäologischer als auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht allerdings keine Belege. Die Hauptquelle von Davids Wirken sind die biblischen Schriften Samuels. In jüngerer Vergangenheit wird von einigen Forschern sogar die Existenz Davids infrage gestellt. Zwar beschreibt eine 1993 gefundene Inschrift aus Tel Dan, dass um 840 v. Chr. die Könige Judas als dem „Haus David“ zugehörig. Texte aus der Stadt Mari dagegen nutzen das Wort „dawidum“ in der Bedeutung von „Heerführer“. Möglich, dass David also gar kein Personenname, sondern ein Titel oder militärischer Rang gewesen ist, der auf einen Vorfahren der Könige von Juda mit dem Namen David verweist. Auch die Echtheit des Davidsgrabes auf dem Berg Zion in Jerusalem wird angezweifelt. Laut Bibel (1. Kön 2,10) wurde David nämlich wie die anderen Könige von Juda in der Davidsstadt, dem ältesten Teil der Altstadt Jerusalems, begraben. Die befindet sich jedoch etwa 700 Meter vom Davidsgrab entfernt.

10.

WISSENSPLUS Symbole im Alten Testament Insbesondere das Alte Testament benutzt eine sehr bild- und symbolstarke Sprache, die im Kontext der Lebenswirklichkeit der Menschen vor mehr als 3.000 Jahren gesehen werden muss. Das Alte Testament zeichnet sich über weite Strecken durch eine sehr bildreiche Sprache aus. Von Gott kann als einem Felsen, einer Burg, einem Hirten, einem Adler oder einem Löwen die Rede sein. Diese Vergleiche dienten dazu, etwas zu beschreiben, was für die Menschen damals schwer zu beschreiben war – also insbesondere Gott. Aber auch andere Tiere, dazu Pflanzen, Landschaften und sonstige Gegenstände sowie Zahlen und Mengenangaben dürfen nicht wörtlich genommen werden, sondern dienten den Menschen damals zur Veranschaulichung.

Wo ist die Bundeslade?

Der heilige Schrein der Israeliten, die Bundeslade mit den Zehn Geboten, zählt zu den letzten großen Geheimnissen der menschlichen Kultur. Die Spuren ihres Verbleibs verlieren sich nach der Eroberung Jerusalems durch die Babylonier im 6. Jahrhundert vor Christus. Einen archäologischen Nachweis für ihre Existenz gibt es nicht. Ebenso wenig für Überlieferungen etwa der äthiopischen Kirche, wonach die Lade vom Gefolge Meneliks, dem Sohn von Salomon und der Königin von Saba, gestohlen und durch eine Kopie ersetzt worden sei. Demnach befände sich die ursprüngliche Lade heute in Aksum, der heiligen Stadt Äthiopiens. So steht es in den Erzählungen „Kebra Nagast“, die Ende des 13. Jahrhunderts n. Chr. entstanden. 2009 sorgte jedoch Abune Paulos, damals Patriarch der Äthiopisch-Orthodoxen Tewahedo-Kirche, mit einer Aussage für Aufsehen: „Ja, die Bundeslade befindet sich bei uns in Aksum. Äthiopien ist der Thron der Bundeslade, seit Hunderten von Jahren schon.“ „Mache eine Lade aus Akazienholz, zweieinhalb Ellen lang, anderthalb Ellen breit und anderthalb Ellen hoch! Überzieh sie innen und außen mit purem Gold und bring daran ringsherum eine Goldleiste an! […]. In die Lade sollst du die Bundesurkunde legen, die ich dir gebe.“ (2.Mose 25,10-16)

Fotos: Arturaliev/Fotolia(1), IMAGO (4), Lassedesignen/Fotolia (1), pa/dpa (3)

„David zog also nach Hebron mit seinen beiden Frauen, Ahinoam aus Jesreel und Abigajil, der (früheren) Frau Nabals aus Karmel. Auch die Männer, die bei ihm waren, führte David hinauf, jeden mit seiner Familie, und sie ließen sich in den Städten um Hebron nieder. Dann kamen die Männer Judas (nach Hebron) und salbten David dort zum König über das Haus Juda.“ (2.Samuel 6,2)

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Einblicke Er ruft die gläubigen Muslime zum Gebet in die Moschee – ähnlich wie die Glocken in christlichen Kirchen. Nur hört man ihn nicht immer, zumindest in Deutschland. In der Türkei gehört er dagegen zum akustischen Hörbild des Landes dazu. Martin Mölder [t e x t]

zusammen, weil es besser ist, wenn sie gemeinsam beten. Und am Freitag, da öffnet er ihre Herzen mit seinem Freitagsgebet.“

Verantwortung und Ehre Dass möglichst viele Gläubige zu den Gebeten in der Moschee kommen, ist auch die Aufgabe von Hüzeyfe. Er darf ab und zu den Dienst des Muezzin verrichten. Das macht er besonders gerne. Muezzin zu sein ist eine ehrenhafte und verantwortungsvolle Aufgabe. Pünktlich um ein Uhr mittags schallt Hüzeyfes Stimme weit über die Dächer von Gaziantep. Erst singt er viermal „Allahu akbar“ (Allah ist groß). Jedes Mal variiert dabei die Melodie des Rufes. Danach folgt ein einfaches „Aschhadu an la ilaha illa-Llah“ (Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah) und „Aschhadu anna Muhammad rasulu Llah“ (Ich bezeuge, dass

Fotos: Getty Images (1), IMAGO (1)

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üzeyfe kommt aus einer religiösen Familie. Er ist 14 Jahre alt, und fast alles in seinem Leben hat irgendwie mit Religion zu tun. Hüzeyfe lebt in der Türkei, genauer in Gaziantep, einer Industriestadt im Süden des Landes. Hüzeyfe ist in der Moschee Gazianteps zu Hause. Er wohnt mit seinen Eltern und seinen zwei kleinen Geschwistern gleich daneben in einer kleinen Wohnung. Hüzeyfes Vater ist der Imam der Moschee, vergleichbar etwa mit einem Priester in der Kirche. Hüzeyfe kennt die Aufgaben eines Imams genau: „Ein Imam, das ist derjenige, der für die Moschee verantwortlich ist und der sich um die Gläubigen kümmert. Er beantwortet ihre Fragen und hilft ihnen bei ihren Problemen. Außerdem holt er die Menschen zum Beten

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Einblicke Er ruft die gläubigen Muslime zum Gebet in die Moschee – ähnlich wie die Glocken in christlichen Kirchen. Nur hört man ihn nicht immer, zumindest in Deutschland. In der Türkei gehört er dagegen zum akustischen Hörbild des Landes dazu. Martin Mölder [t e x t]

zusammen, weil es besser ist, wenn sie gemeinsam beten. Und am Freitag, da öffnet er ihre Herzen mit seinem Freitagsgebet.“

Verantwortung und Ehre Dass möglichst viele Gläubige zu den Gebeten in der Moschee kommen, ist auch die Aufgabe von Hüzeyfe. Er darf ab und zu den Dienst des Muezzin verrichten. Das macht er besonders gerne. Muezzin zu sein ist eine ehrenhafte und verantwortungsvolle Aufgabe. Pünktlich um ein Uhr mittags schallt Hüzeyfes Stimme weit über die Dächer von Gaziantep. Erst singt er viermal „Allahu akbar“ (Allah ist groß). Jedes Mal variiert dabei die Melodie des Rufes. Danach folgt ein einfaches „Aschhadu an la ilaha illa-Llah“ (Ich bezeuge, dass es keinen Gott gibt außer Allah) und „Aschhadu anna Muhammad rasulu Llah“ (Ich bezeuge, dass

Fotos: Getty Images (1), IMAGO (1)

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üzeyfe kommt aus einer religiösen Familie. Er ist 14 Jahre alt, und fast alles in seinem Leben hat irgendwie mit Religion zu tun. Hüzeyfe lebt in der Türkei, genauer in Gaziantep, einer Industriestadt im Süden des Landes. Hüzeyfe ist in der Moschee Gazianteps zu Hause. Er wohnt mit seinen Eltern und seinen zwei kleinen Geschwistern gleich daneben in einer kleinen Wohnung. Hüzeyfes Vater ist der Imam der Moschee, vergleichbar etwa mit einem Priester in der Kirche. Hüzeyfe kennt die Aufgaben eines Imams genau: „Ein Imam, das ist derjenige, der für die Moschee verantwortlich ist und der sich um die Gläubigen kümmert. Er beantwortet ihre Fragen und hilft ihnen bei ihren Problemen. Außerdem holt er die Menschen zum Beten

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Ohne Mikrofone geht nichts mehr: Sie übertragen den Ruf der Muezzine weit über die Dächer der Städte.

Das Minarett: der Turm des Ausrufers Das erste Minarett wurde wahrscheinlich in Syrien erbaut. Meistens gehört ein Minarett zu einer Moschee. Aber je größer die Moschee, desto größer auch die Anzahl der Minarette. So hat die Sultan-Ahmed-Moschee in Istanbul sechs, die Al-HaramMoschee in Mekka gar neun Minarette. Das Minarett ist nicht nur eine Art Wahrzeichen einer Moschee, es diente früher auch als Wachturm und als Leuchtturm zur Orientierung für Karawanen. An bestimmten islamischen Festtagen werden Minarette mit Lichtern und Spruchbändern geschmückt.

Das mit 210 Metern höchste Minarett der Welt steht in Casablanca und gehört zur Hassan-II.-Moschee.

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Mohammed Gottes Gesandter ist). Den konkreten Aufruf zum Gebet intoniert Hüzeyfe besonders gerne. „Hayya ala s-salat“ (Auf zum Gebet!) und „Hayya ala l-falah“ (Auf zum Erfolg!) heißt es dann je zweimal, bevor ein doppeltes „Allahu akbar“ und ein „La ilaha illa Llah“ den Muezzinruf Hüzeyfes abschließt. Wenn Hüzeyfe Muezzindienst hat, ruft er fünfmal am Tag die gläubigen Muslime zum Gebet in die Moschee. Dabei hilft ihm ein Mikrofon und eine Lautsprecheranlage mit Verstärker. Und hoch aufs Minarett kraxeln muss er auch nicht dafür. Sein Vater kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als der Muezzin tatsächlich jedes Mal auf den Turm der Moschee steigen und von dort aus nur mit der Kraft seiner Stimme „Allahu akbar“ intonieren musste. Diese Zeiten sind lange vorbei. In einigen Moscheen ruft nicht mal mehr ein lebendiger Muezzin „live“ die Gläubigen, sondern der Ruf zum

Gebet kommt vom Band bzw. vom CD-Player oder iPod.

Muezzinruf in Deutschland Lange Zeit war der Muezzinruf in Deutschland nur innerhalb der Moscheemauern zu hören. Als Grund dafür, dass der öffentliche Ruf verboten sei, gaben Städte und Gemeinden immer die Lautstärke an, die zu hoch sei. Manche argumentierten und argumentieren bis heute damit, dass Deutschland „christliches Abendland“ sei, und dazu gehöre eben das Glockengeläut und nicht der Muezzinruf. Aber immer mehr Städte sehen das anders. Beispiel Rendsburg und Eschweiler. Seit Mitte Januar dieses Jahres ertönt in Eschweiler, in der Nähe von Aachen, ein öffentlicher Gebetsruf. Der Entscheidungs- und Genehmigungsprozess nach Anfrage der DITIB-Gemeinde im April 2011 hatte weit über ein Jahr in Anspruch genommen. Nun wird es

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Einblicke

Hüzeyfe bei der Arbeit. Sein Berufswunsch: Imam werden – wie sein Vater.

WISSENSPLUS Moscheen in Deutschland

Deutschlands größte Moschee steht in Duisburg-Marxloh.

gelebte Zugehörigkeit und Toleranz.“ Vieles spricht dafür, dass bald in immer mehr deutschen Städten auch Protestanten und Katholiken erfahren, wann das Mittagsgebet der örtlichen Moschee beginnt. Das werden manche kritisieren, andere begrüßen. Hüzeyfe zum Beispiel.

Vom Minarett der Moschee von Gaziantep aus kann man den Muezzinruf Hüzeyfes hören.

Zurzeit gibt es rund 160 klassische Moscheen in Deutschland, knapp 200 weitere befinden sich im Bau oder in Planung. Die über drei Millionen Muslime in Deutschland treffen sich außerdem in rund 2.600 Gebets- und Versammlungshäusern, oft ehemalige und ungenutzte Gewerberäume oder Garagen, provisorisch eingerichtet von Moscheevereinen. Die derzeit größte Moschee in Deutschland steht in Duisburg-Marxloh. Die Merkez-Moschee ist ganz im osmanischen Stil eines klassischen Kuppelbaus gebaut, die zinkverkleidete Kuppel glänzt 23 Meter hoch, 11 Meter höher ist das begehbare Minarett. Zurzeit entsteht in Köln eine Moschee, die nach Fertigstellung noch größer sein wird und bis zu 2000 Muslimen Platz zum Gebet bieten wird.

Noch im Bau: neue MegaMoschee in Köln-Ehrenfeld.

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Fotos: Getty Images (1), IMAGO (3), Luise Sammann (1), pa/dpa (1)

von den Muslimen in der Region Aachen als „historisches Ereignis“ gefeiert, dass man den Muezzin jetzt auch kilometerweit entfernt von der Moschee in Eschweiler rufen hört, zumindest freitags. Bürgermeister Rudi Bertram sagte bei einem Festakt: „Offen gesagt, wir haben dafür auch viel Kritik geerntet und machten diesen Schritt dennoch. Daher sollten wir alle zusammen Toleranz fördern und leben. Toleranz muss man täglich üben.“ Dies unterstrich der Theologe und Hochschulprofessor Dr. Izzet Er, Bundesvorsitzender der Türkisch-Islamischen Union (DITIB): „In den Städten wie Istanbul, Izmir oder Antalya dürfen die Kirchen öffentlich zum Gottesdienst läuten. Dass der Ruf des Muezzins zum Freitag öffentlich gehalten werden kann, ist ein Zeichen für

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Kunst

Aura, die Göttin der sanften Morgenbrise In den Armen des Westwindes findet sich eine der ältesten antiken Gottheiten, Aura (auch Aure genannt). Sie wird auch als Göttin der Morgenbrise und jungfräuliche Jägerin beschrieben.

Westwind Zephyr Einer der drei bedeutendsten Windgötter der griechischen Mythologie: Zephyr, der Westwind. Er treibt die Venus an den Strand von Zypern.

„Die Geburt der Venus“ ist ein Gemälde von Sandro Botticelli von 1485/86 und befindet sich in den Uffizien in Florenz. Es stellt die Geburt und die Ankunft der Göttin Venus am Strand von Zypern dar. Trotz ihrer Nacktheit ist die Göttin kein Symbol der körperlichen, sondern der geistigen Liebe, meinen Historiker. Die keusche Pose ist einer Venus pudica (schamhafte Venus) nachempfunden.

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Die Geburt der Venus

Von Sandro Botticelli, ca. 1485/86, Tempera auf Leinwand, 172,5 × 278,5 cm

Horen, Göttinnen der Jahreszeiten Wächter der Zeit und Töchter des Gottes Zeus. Die Horen sind weibliche Götterfiguren der griechischen Mythologie, deren Gestalt variiert. In der Kunst werden sie oft als attraktive und erhabene Frauen dargestellt.

Venus (griechisch Aphrodite – „die Meerschaumgeborene“)

Weitere berühmte Venus-Kunstwerke der Geschichte finden Sie unter: www.liborius.de/venus

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Foto: Sandro Botticelli/Wikimedia Commons (1)

Die Göttin der Liebe und der Schönheit. Seit der Renaissance erhielt die mythologische Venus neben Eva eine entscheidende Bedeutung als Vorlage für den weiblichen Akt.

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Literatur Kaum ein Roman hat jemals eine derart große Diskussion ausgelöst wie „Die satanischen Verse“ des indischbritischen Schriftstellers Salman Rushdie. Aber warum? Martin Mölder [t e x t]

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Die satanischen Verse

von Salman Rushdie, erschienen am 26. September 1988 die im Buch erzählt wird: In der aus Sand erbauten Wüstenstadt Jahilia flüstert eine Stimme dem Geschäftsmann Mahound ins Ohr: „Was für eine Art Idee bist du? Mann oder Maus?“

Ist Mahound der Prophet Mohammed?

Foto: pa/dpa (1), IMAGO (1), RoRoRo Verlag (1)

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ebruar 1989: Der iranische Diktator Ayatollah Khomeini verurteilt Salman Rushdie vom Iran aus zum Tode und ruft weltweit alle Muslime auf, den Autor und „alle, die mit dieser Veröffentlichung zu tun haben, umzubringen“. Khomeini setzt ein millionenschweres Kopfgeld auf Salman Rushdie aus. Und tatsächlich verüben Attentäter im Juli 1991 Anschläge auf drei Übersetzer der „Satanischen Verse“. Der Italiener Ettore Capriolo überlebt schwer verletzt. Von drei Schüssen getroffen, bricht der Norweger William Nygaard am 11. Oktober 1993 zusammen, überlebt aber ebenfalls. Der Japaner Hitoshi Igarashi wird am 11. Juli 1991 erstochen. Und das alles wegen einer eher surrealen Geschichte zweier indischer Muslime, die auf dem Flug nach London als Einzige einen Terroranschlag überleben? Nein. Die Rahmengeschichte des Romans um den Schauspieler Saladin Chamcha und den Stimmenimitator Gibril Farishta ist nicht der Grund für die Aufregung Ende der 1980er Jahre. Zum Stein des Anstoßes wurde die folgende Geschichte,

Jahilia steht für Mekka, die Geburtsstadt Mohammeds, und hinter der Figur des Mahound verbirgt sich der Prophet Mohammed selbst. Das wird spätestens dann klar, als Mahound im Roman auch zum Propheten wird. Eines Tages berichtet Mahound seinen Anhängern, Karim Abu Simbel, der wichtigste Mann in Jahilia, habe ihm ein Abkommen angeboten: Wenn er bereit sei, wenigstens drei der 360 Götter – nämlich Al-Lat, Manat und Uzza – für verehrungswürdig zu erklären, werde man ihn in den Rat von Jahilia wählen. Mahound ist unsicher und steigt deshalb auf einen Berg, um den Erzengel Gibril um Rat zu fragen. Danach, zurück in Jahilia, sucht Mahound den wichtigen und weisen Karim Abu Simbel auf dem Jahrmarkt auf. Auf die Frage, ob er an die Götter Al-Lat, Manat und Uzza gedacht habe, antwortet Mahound laut: „Sie sind die erhabenen Vögel, und ihre Fürbitte ist wahrlich erwünscht.“ Noch einmal steigt er auf den Mount Cone. Diesmal ringt er mit dem Erzengel Gibril, bis er erschöpft zu Boden sinkt. Als er wieder zu sich kommt, begreift er, dass ihm die Anerkennung von Al-Lat, Manat und Uzza vom Teufel eingeredet worden ist. Trotz des Risikos, dafür umgebracht zu werden, eilt er nach Jahilia zurück und widerruft die satanischen Verse.

Mohammed, der den Muslimen die Heilige Schrift Allahs, den Koran, gebracht hat, als fehlbarer Prophet, der sich vom Teufel blenden lässt und erst mehrere Götter statt einem einzigen anerkennt? Das war zu viel für einige Muslime. Auch wenn die Veröffentlichung 25 Jahre her ist, bleiben „Die satanischen Verse“ das im Islam wohl umstrittenste Buch des 20. Jahrhunderts.

Wissensplus Der Autor Sir Salman Rushdie Sir Ahmed Salman Rushdie wurde am 19. Juni 1947 in Bombay, Indien, geboren. Seine Erzählungen haben oft märchenhafte, fantastische Züge. Seine Mischung aus Mythos und Fantasie mit der Wirklichkeit wird als „magischer Realismus“ bezeichnet. Seinen ersten inter­ nationalen Erfolg hatte er 1981 mit dem Buch „Mitternachtskinder“. Am 16. Juni 2007 teilte ein Sprecher des Buckingham Palace in London mit, dass Königin Elisabeth II. beab­ sichtige, Rushdie in den Ritterstand zu erheben. Die Bekanntgabe löste damals noch offizielle diplomatische Proteste im Iran und in Pakistan aus. Seit dem Jahr 2000 lebt Salman Rushdie die meiste Zeit des Jahres in New York.

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Tu

einer königlichen Katholikin Sie ist eine der umstrittensten Figuren der Geschichte. Dabei wurde sie bereits als Baby zur mächtigsten Frau ihres Landes. Welche Herrscherin hat hier in ihr Tagebuch geschrieben?

März 1553

Die Tage hier in Frankreich vergehen wie im Flug, und ich vermisse meine Heimat nur selten. Mit meinen beiden Halb-

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brüdern und den vier „Marys“, die alle in meinem Alter sind, habe ich viel Spaß. Aber die ewige Lernerei geht mir manchmal schon auf die Nerven, obwohl mir die Sprachen großen Spaß machen. Französisch spreche ich schon fließend, und jetzt kommen auch noch Latein, Spanisch und Italienisch dazu.

l 1558

Jetzt bin ich verheiratet, mit 16! Aber ich mag den Dauphin, und vielleicht werde ich ihn eines Tages sogar lieben. Die Hochzeitsmesse in Notre Dame in Paris war jedenfalls sehr schön und würdevoll. Ich glaube, die Franzosen freuen sich mit uns.

 1561

Wieder zurück in der Heimat, muss ich feststellen, dass die Reformation mein Volk gespalten hat. Die Protestanten werden immer zahlreicher und fordern

immer größere Rechte. Und obwohl ich streng katholisch erzogen wurde, finde ich nichts Schlimmes daran. Ich vermisse meinen Mann.

Juli 1565

In wenigen Tagen werde ich den Sohn des Earl of Lennox, Lord Darnley, heiraten. Ich freue mich sehr. Aber mein protestantischer Halbbruder wird immer aggressiver mir gegenüber. Ich fürchte, eine offene kriegerische Auseinandersetzung wird sich nicht mehr vermeiden lassen.

r 1587

Wie viele Jahre hab ich jetzt im Gefängnis und in Gefangenschaft verbracht? 15 oder 20 Jahre. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich mit meiner Kraft am Ende bin. Wahrscheinlich wird Elisabeth mich sowieso bald hinrichten lassen. Gott, bleib bitte bei mir.

Maria Stuart, geboren am 8. Dezember 1542 in Linlithgow. Am 18. Februar 1587 wurde sie in Schloss Fotheringhay hingerichtet. Vom 14. Dezember 1542 bis zum 24. Juli 1567 war sie als Maria I. Königin von Schottland. Durch ihre Ehe mit Franz II. war die gläubige Katholikin Maria Stuart von 1559 bis 1560 auch Königin von Frankreich.

Die königliche Katholikin ist ... LÖSUNG GW_0X13_XX-XX_Xxxxxxx_PDF.indd 30

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Fotos: IMAGO (2), pa/dpa (1)

Dber 1542

Die erste Eintragung ins Tagebuch kommt von mir, deiner Mutter. Jetzt hast du so früh deinen Vater verloren und bist doch noch ein Baby, erst wenige Tage alt. Ich werde immer bei dir sein, dich beschützen und versuchen, dich vor allem Unheil zu bewahren. Du wirst, wenn du größer bist, viel Verantwortung übernehmen müssen für unser Volk.

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