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Redaktionsschiff in den Wellen NZZ und Ringier haben in ihren Redaktionen Print und Online bereits zusammengerückt. Tamedia stehen Veränderungen noch bevor. Walter Jäggi, freier Journalist beim Tagesanzeiger, gab Einblick. Von William Stern Zumindest auf den ersten Blick entspricht Walter Jäggi dem Prototyp des altgedienten Journalisten. Schwarzes Sakko, blaue Jeans, zurückgehender Haaransatz. Jäggi wirkt aber keineswegs resigniert über die Aussicht, dass die Pfeiler seines Berufs gerade massgebend verschoben werden. Als freier Journalist, der sich in erster Linie im Ressort Wissen/Technik bewegt, berichtet er bereitwillig von den bevorstehenden Veränderungen, denen sich das Verlagshaus Tamedia im Lauf der nächsten Jahre unterziehen muss. Vom Umzug der Redaktionsräume bis hin zur angedachten stärkeren Kooperation der Bereiche Print und Online: der Redaktionsraum des Printsegments beim TA – von den Redaktoren aufgrund seines Aufbaus liebevoll Redaktionsschiff genannt – wird in nächster Zeit wohl nicht geruhsam schaukeln, sondern sich einem starken Wellengang ausgesetzt sehen. Innerhalb der Online-Abteilung, dem Newsnet, scheinen die 100 festangestellten

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Redaktoren des TA besser für die Veränderungen gerüstet zu sein: riesige Flachbildschirme projizieren laufend die aktuellen Zahlen der Aufrufe von Online-Artikeln. Mit der Sihltalbahn geht‘s nun zur Druckerei. Der 1893 gegründete Tages-Anzeiger, damals als anzeigenfinanzierte, überparteiliche Tageszeitung konzipiert, verfuhr bis in die späten 70er-Jahre im Guttenberg-Druckverfahren, bevor der Offset 1979 endgültig den Siegeszug antrat. Man meint, einen Hauch von Nostalgie in der Stimme Jäggis zu erahnen, als er vor den in Stein gefassten Guttenberg-Platten steht und erzählt. Neben dem TA durchlaufen in der Druckerei auch Erzeugnisse aus anderen Medienhäusern die Walzen, so etwa Blick am Abend, aus dem Haus Ringier. Der Zeitdruck führte dazu, dass sich im Druckbereich Kooperationen ergeben, die an eine unheilige Allianz erinnern. Im Innern der Druckerei sind Gedanken an Social Media, an Twitter und Liveticker, schnell verflogen: hier tauchen Reminiszenzen an Industriehallen, an die vorletzte Jahrhundertwende, und an die Frühzeit der Zeitungsproduktion auf. Gabelstapler transportieren an Dampfwalzen erinnernde Papierrollen, jede zwei Tonnen schwer, und kilometerlang. Für eine einzige Ausgabe des TA werden 20 dieser Rollen benötigt. Die von den 200 festen und 700 freien Journalisten des TA aufbereiteten Texte werden hier ihrem Bestimmungsort zugeführt, und frühmorgens in der Druckpresse verarbeitet. Journalismus 24/7, der hier eine völlig andere Bedeutung erfährt.

Impressum Herausgeber Junge Medien Schweiz 8000 Zürich www.jugendmedientage.ch Redaktion Janosch Szabo (Leitung) René Rödiger (Leitung) Melanie Obrist Rebecca Dütschler Miriam Kalunder Anna Maltsev Florance Hildebrand William Stern Alina Dekker Matthias Strasser Alexandra Scherrer Bildredaktion Manuel Lopez Matthias Strasser Layout Melanie Obrist Manuel Lopez Auflage 100 Exemplare Publikation 20. Oktober 2012 Partner

„Ich werde dafür bezahlt, zu twittern, online zu sein und die Zeitung zu lesen“, sagte Patrik Müller am Podium anlässlich der Eröffnung der ersten Schweizer Jugendmedientage. (Foto: Manuel Lopez) Journalisten müssen ständig online sein. Diese Meinung war lange Zeit vorherrschend. Glaubt man den Podiumsteilnehmern von gestern Abend, hat sich das in der Zwischenzeit geändert. Von Alexandra Scherrer und Matthias Strasser Ständige Erreichbarkeit ist relativ. Das weiss auch Patrik Müller, Chefredaktor des „Sonntag“: „Als ich beim Windeln wechseln nebenbei noch mit Leuten von der Zeitung telefoniert habe, merkte ich, jetzt ist es vielleicht zu viel.“ In der Zwischenzeit ist er älter geworden –

und reifer, auch hinsichtlich der virtuellen Präsenz. Heute wickelt er nicht mehr mit dem Telefon in der Hand. Dafür checkt er um halb elf Uhr abends die letzten Mails. Ein Sklave der modernen Technologien sei er deswegen nicht. Journalismus 24/7 gibt es nicht Alexandra Stark, freie Journalistin und Ausbildnerin am MAZ ist ähnlicher Meinung: „Ich bin grundsätzlich immer für euch da, ausser, wenn ich keine Zeit habe“, sagt sie ihren Studenten. Man müsse sich eben auch einfach mal Zeit nehmen, um in ein Café zu sitzen. Und Hansi Voigt, Chefredaktor von 20 Minu-

ten Online, ist der Meinung, dass Journalismus nicht rund um die Uhr betrieben wird. „24-StundenJournalismus, das tönt immer so gut.“ Die Stossrichtung der Teilnehmenden am Podium gestern Abend war überraschend eindeutig: Fast schon demonstrativ ergriffen sie Partei für die neuen Medien. Das Problem, dass neue Technologien den Journalismus in den letzten 20 Jahren verändert und erheblich beschleunigt haben, sei eigentlich gar kein Problem. „Ich werde dafür bezahlt zu twittern, online zu sein und die Zeitung zu lesen“, sagte Müller am Podium. Das sei das Privileg des Journalistenberufs.

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Das Recht, auszuschalten In den letzten Jahren hat auch die alte Garde des Journalismus‘ gelernt, mit den Herausforderungen umzugehen. Die Zeiten der grauhaarigen Journalisten, die sich nur widerwillig mit dem Internet anfreundeten, scheinen vorbei zu sein. Das ist nichts Neues. Neu ist, dass Chefredaktoren wie Hansi Voigt und Patrik Müller oder Ausbildnerin Alexandra Stark – alles gestandene Leute ihres Fachs – den neuen Medien jetzt Grenzen

setzen. Abgrenzung wird wieder zu einem Thema und ein Breaking Alert ist nicht mehr grundsätzlich etwas Positives. „Jeder hat das Recht mal auszuschalten“, so Hansi Voigt. Alles beim Alten? Die Tatsache, dass sich die Journalisten von heute solche Aussagen erlauben können, ist grundsätzlich positiv, greift aber zu kurz. Denn erstens befinden sich alle Podiumsteilnehmer in einer privilegierten

Situation: In leitender Position haben sie eindeutig mehr Freiheiten bei der Einteilung ihrer Arbeitszeiten und der Wahl ihrer Aufträge als etwa junge, freischaffende Journalistinnen und Journalisten. Und zweitens schaffen es nicht einmal diese privilegierten Journalisten, ihre Vorsätze umzusetzen. Patrik Müller, der am Podium zu Protokoll gab, der Montag sei sein Sonntag, füllt am Montag gleich selber die Onlineinhalte seiner Zeitung ab – wenn’s denn dringend ist.

Wenn die Dozenten rufen

Von empfindlichen Hörern In Lokalradios spielt der Dialekt eine entscheidende Rolle. Der Besuch bei Energy Zürich zeigt, worauf Personalverantwortliche beim Dialekt achten. Berner oder Bündner sollten die Moderatoren sein. Als Basler hat man kaum eine Chance. Von Matthias Strasser „‘Züridütsch‘ geht gar nicht“, sagt Céline Brunner, Tagesverantwortliche bei Energy Zürich - einer von drei Energy-Radiostationen in der Schweiz. Wenn die Hörerinnen und Hörer von Energy Basel in ihrem Lokalradio eine verbale Invasion der Zürcher vermuteten, dann würden sie Sturm laufen, erklärt Brunner das Problem ihres Dialekts. „Ganz wüste E-Mails“ habe das schon gegeben. Heute werden deshalb fast nur noch Rohmaterial und Text ins Energy-Studio nach Basel geschickt. Dort spricht ein Redaktor den Text neu ein – in „Baaseldytsch“. Umgekehrt wiederum sei es für Basler Moderatoren schwierig, ausserhalb der Heimat Fuss zu fassen. BesSeite

ser hätten es dagegen Berner und Bündner. Die seien praktisch in der ganzen Schweiz akzeptiert. Und auch als Wettermoderator habe man gute Chancen, von den Hörenden angenommen zu werden. Fluch und Segen Für Energy ergibt sich daraus ein Problem, denn es könnte viel Geld gespart werden, wenn bei allen Stationen dieselben Beiträge gesendet würden. Allerdings will man die Hörenden nicht erschrecken, denn als kommerzieller Sender ist Energy auf Werbeeinnahmen und damit auf Hörerzahlen angewiesen. Die Moderatoren freut das. Denn die Sprachbarrieren zwischen den Dialekten wirken wie Schutzwälle gegen die fortschreitende Medienkonvergenz. Zwar arbeiten schon heute dreimal so viele Mitarbeiter in Zürich, wie in Bern oder Basel. Ein Basler Lokalradio aber wird immer Basler Moderatoren anstellen müssen. Der Hörer ist König Bei Energy hat man sich in der Zwischenzeit mit den Vorlieben der Hörerohren arrangiert. Zwischen

Bern und Zürich besteht eine enge Zusammenarbeit, bis hin zum Beitragsaustausch. Basel dagegen arbeitet weitgehend selbstständig. Céline Brunner erklärt jedoch, dass sich Energy seinen Hörern nicht einfach geschlagen gibt. Immer wieder versuche man im Rahmen von Testphasen in anderen Dialekten Bericht erstatten zu lassen und so die Züridütsch-Anteile kontinuierlich zu erhöhen.

Am Freitagmorgen empfängt das Team der ersten Schweizer Jugendmedientage die Teilnehmenden am Welcome Desk. (Foto: Manuel Lopez) Acht junge Leute haben sich für die ersten Schweizer Jugendmedientage mächtig ins Zeug gelegt und zuletzt nicht gerade viel geschlafen. Was spornt sie an? Was sind ihre Ziele?

grösster Lapsus sei gewesen, dass sie viel zu wenig drauf geschaut habe, Zusagen und Versprechen schriftlich zu haben. Felix Unholz derweil, verantwortlich für die Workshops, hat noch ein Problem mit Kameras, deren Stecker nicht Von Janosch Szabo zu den McBooks passen. Aber das gehöre halt dazu, wenn man solche Klak klak klak. Energische Schrit- Anlässe organisiere. Ein „kreativte. Eine Frau eilt hin und her. Ant- halborganisiertes Chaos“ nennt er wort gibt sie nur im Gehen, in der den Zustand. Hand eine Dose Trojka Energy: Luzia Tschirky, die Co-Projektleiterin Dazu gehören natürlich auch posider Jugendmedientage. Der Anlass, tive Überraschungen. Eine solche den sie mit ihrem Team in zehn war Bertram Weiss, Fact-CheckingMonaten auf die Beine gestellt hat, Spezialist aus Deutschland, der von läuft nun. Doch Ruhe findet sie sich aus kurzfristig anbot, in Zürich nicht. Seit Tagen ist sie auf Trab. vorbeizukommen. Felix gibt das die Fast alle Kurse habe sie letzthin an Bestätigung, dass er sich fürs Richder Uni geschwänzt. „Von den Do- tige einsetzt: „An Erwachsenenpozenten bekomme ich schon Mails, dien wird immer viel über die Krise ich solle mich wenigstens offiziell der Zeitungen und wenig über Löaustragen“, sagt die 22-Jährige und sungen gesprochen“, sagt er: „Wir ist schon wieder um die Ecke. beweisen hier, dass es auch anders geht, dass es eine Zukunft gibt und Ein Beamer wird gesucht. Besser die Jungen etwas können.“ Kollege das, als in letzter Minute einen Dominik Galliker denkt gar schon Tontechniker zu ersetzen. Luzia är- einen Schritt weiter: „Ich hoffe, dass gert sich noch immer darüber. Ihr sich der Event etablieren kann, viel-

leicht auch noch grösser wird.“ Er finde es wichtig, „dass Junge über Journalismus reden und das nicht den Erfahrenen überlassen.“ Keine Frage also, dass er für diese Sache Alles gibt. Sechs Stunden Schlaf waren zuletzt Luxus, vier Stunden die Regel. „Mit Red Bull geht das. Aber ich vergesse gewisse Sachen.“ Eins indes vergisst Dominik nie mehr: Als er zur ersten Sitzung kam und dort allein auf Luzia in ihrer Küche traf. Der Anfang wars von ihrer Co-Leitung. Luzia, die die Idee von Jugendmedientagen aus Deutschland mitgebracht hatte, steckte ihn schnell mit ihrer Begeisterung an. Und so auch Pascal Gähler, den dritten Teilnehmer der Auftaktsitzung: „Die Herausforderung einen grossen Event für eine gute Sache zu organisieren, hat mich gereizt“, sagt er. Logistik mache er auch im Militär, hier könne er seine Erfahrung nun einmal im zivilen Leben einbringen. „Mein Ziel ist, dass die Teilnehmenden am Ende sagen können: hier habe ich etwas gelernt, dass ich brauchen kann.“

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