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Das unabhängige Magazin zum 26. Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern

Nr. 3 5. Mai 2016

R E D O G N U L VORSTEL ÄT?inem Kampf aus der Einsamkeit REAesLchIicT h te v o n se

A lo y s‘ G

HAYMATLOZ

Eine deutsch-jüdisch-türkische Geschichte über Flucht, Familie und deren Wurzeln

POLNISCHE KU RZFILMREIHE

Von gekaperten Brücken, abgespaceten Musikvideos und vielen Untertiteln


INHALT 4

Und du bist nicht eigeladen

IMPRESSUM

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Männerwelt

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Frag doch die Leute – Nicht

Herausgeber Jugendmedienverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. Friedrichstraße 23 18057 Rostock

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Das Meer öffnet seine Vorhänge

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Kurzfilme

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Kurzfilme

Spielfilm » Aloys «

Spielfilm » Meteorstraße « Dokumentarfilm » Deutschland - Endstation Ost «

Chefredaktion Lore Bellmann, Marie-Luise Kutzer (V.i.S.d.P.) Redaktion Marie-Luise Kutzer × Lena Lukow Lore Bellmann × Daniel Focke Sophie Wenkel × Kevin Sell Marian Fritz × Gerolf Vent Anton Hingst × Linn Kreutschmann

Gedreht in MV » Kalifornien hat kein Kino «

» Imbiss « & » Sommerloch «

Organisation Lore Bellmann

» So far « & » Fett «

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Bilder ohne Hintergrund

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Mein bester Freund

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In der Zwitterheimat

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Ostalgie

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Heute schon verrückt?

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Oh Käpt‘n, mein Käpt‘n Brachenkoferenz

Gefördert durch Presseclub MV

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Programmvorschau

Besonderen Dank an Max-Peter Heyne

Layout Daniel Focke, Gerolf Vent

Kinder- und Jugendfilm » Europe 5 Days «

Kontakt Jugendgästeetage Pfaffenstraße 4 × 19055 Schwerin 0176 - 649 094 54 filmab@jmmv.de www.filmab.jmmv.de twitter.com/filmab

Kinder- und Jugendfilm » Enklave «

Dokumentarfilm » Haymatloz «

Druck Druckerei Conell Bremsweg 18 × 19057 Schwerin

Gedreht in MV » Die Weite suchen «

Auflage 500 Exemplare

Polnisches Kurzfilmprogramm

für Donnerstag, den 5. Mai 2015

Titelfoto Hugo Film

FILMAB.JMMV.DE


EDITORIAL Tag 3 bei filmab! – ein Dokumentarfilm Wir befinden uns in der nördlichen Hemisphäre. Wir beobachten in diesem einzigartigen Biotop zwischen sieben Seen und Wäldern ein merkwürdiges Phänomen in der Tier- und Pflanzenwelt. Die Sonne steht schon am Himmel und scheint grell auf die Schlafbehausung dieses buntgemischten Rudels. Leises Schlafgrunzen erfüllt die morgendliche Mailuft. Erste Regungen unter der Primatengruppe: Einige Frühaufsteher verlassen die sauerstoffarme Ruhehöhle und schleppen sich gemächlich zur Wasserstelle. Dort wird erleichtert und geputzt – ein morgendliches Ritual dieser Spezies. Dem interessierten Naturfreund werden die unterschiedlichen Geräusche der Säuger aufgefallen sein. Man ist fast gewillt, menschliche Kommunikation heraushören zu können. Vor allem bei der gemeinsamen Nahrungsaufnahme lassen die Kehllaute Rückschlüsse auf die Existenz eines hochkomplexen Sozialgefüges zu. Zustimmendes Grölen, genüssliches Schmatzen und keckerndes Gelächter lassen auch hier fast einen Vergleich zu humanoiden Lebensformen zu. Fast.

Foto: Gerolf Vent

Aber womit – außer Schlafen und Fressen – verbringen diese possierlich anzuschauenden Redaktionstierchen ihren Alltag? Sie rotten sich in einer Art Fressmulde zusammen, wo viele kleine gesammelte Speisen im Tagesverlauf einverleibt werden. Nebenbei vollführen sie für den Rest des Tages rhythmisch-tippelnde Bewegungen mit ihren krallenlosen Klauen auf quadratischen Apparaturen. Mehrmaliges Aufreißen der Mäuler signalisiert schließlich allen Beteiligten einen Rückzug in die Schlafgefilde. Wieder ist ein weiterer Tag im Leben der Homo redactionenses filmabi vorüber.

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SPIELFILMWETTBEWERB

UND DU BIST NICHT EINGELADEN » ALOYS «

LORE BELLMANN

Aloys (Georg Friedrich) ist einsam. Nachdem sein Vater gestorben ist, muss er das Privatdetektivbüro alleine weiterführen. Er filmt, wie seine Mitmenschen essen, schlafen, lachen, Spaghetti kochen. Das ist sein Beruf. Zu Hause schaut er sich alles nochmal an, immer und immer wieder. Das ist sein Hobby. Eines Morgens wacht er verkatert und allein in einem Bus auf, sein Kameraequipment und alle Aufnahmen sind weg. Er bekommt einen mysteriösen Anruf. Vera (Tilde von Overbeck) tritt in sein Leben. Wie die Geschichte zwischen den beiden weiter geht, ist zu wundervoll, um es hier zu verraten. An dieser Stelle sei gesagt, dass „Aloys“ es in die Top drei meiner liebsten Filme geschafft hat. Das Drama verzaubert aber nicht nur durch seine Story, sondern auch durch das komplette Setting. Durchgehende, dumpfe Geräusche und

ein immerwährendes Atmen lassen uns glauben, wir seien in einem Psychothriller und gleich passiert etwas Schreckliches. In klaren, symmetrischen Bildern erzählt der Regisseur die mitreißende Geschichte von Aloys und Vera. Beide werden durch ihre Stimme und ihre Umgebung charakterisiert: Aloys lebt in einer kargen, kantigen Stinkbude, Vera in einem Chaos voller Pflanzen. Die Bewegungen, die –

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Kamerafahrten, die gesprochenen Worte – all das passiert in einem sehr langsamen Tempo. Dadurch wird der Film allerdings nicht langweilig, sondern umso fesselnder. Es ist wie ein sanftes hineingleiten in eine Wolke aus kalten, angenehmen Wassertropfen. Nicht wie ein Sprung vom Zehnmeterbrett. Oder anders: Beim Schauen dieses Films bin ich vor Begeisterung innerlich abgehoben.

Foto: Hugo Film

„Unsere Stimmen generieren ein Bild. Unsere Worte setzen es in Bewegung. Egal was wir uns vorstellen, was bleibt, ist die Essenz.“


SPIELFILMWETTBEWERB

MÄNNERWELT » METEORSTRASSE «

LINN KREUTSCHMANN

versucht er, auf eigene Beine zu kommen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen – die größer ausfallen, als er es selbst erwartet hätte. Allein mit seinem Bruder LakhEin bisschen Klischee, ein dar (Oktay Inanç Özdemir) bisschen Vorurteil, ein bisslebt der 18-jährige Moham- chen Realität. Das Bild, das von med (Hussein Eliraqui) in Ber- den beiden Flüchtlingsjungen lin. Nachdem Bomben fielen, Mohammed und Lakhdar verwar der Libanon keine Heimat mittelt wird, ist genauso vielmehr für ihn. Um zurück ins fältig wie die Personen selbst. Leben zu finden, beginnt er, Exzellent wird die Wandlung als Schwarzarbeiter bei einer von Mohammeds Charakter erMotorradwerkstatt zu arbeiten zählt, der die Schwierigkeiten und hat dabei klare Anwei- des für ihn einsamen Lebens in sungen, was er zu tun und zu Deutschland erfährt. lassen hat. Nachdem ihn sein Die erste Hälfte des Films Bruder wiederholt zu Hand- von Regisseurin Aline Fischer lungen anstiftet, die eigent- zieht sich sehr in die Länlich gegen seinen Willen sind, ge, wobei das Zusehen auch

Foto: credo:film GmbH

„Komm nicht zurück – wenn deine Mutter hört, dass du leidest, wird sie vergehen!“

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durch die anfangs sehr rar gesäte Filmmusik zusätzlich erschwert wird. Das ändert sich jedoch ab der Hälfte: Mohammed bekommt nach und nach ein Gesicht, das ihn zu mehr macht, als zu einer selbstlosen, von seinem Bruder abhängigen Person. Gerade jetzt macht das Zusehen Spaß und jetzt, ja, jetzt kommt es endlich: das Gefühl, traurig darüber zu sein, dass der Film vorbei ist. Ein bisschen Faulheit, ein bisschen Fleiß. Und hinter allem steht Mohammeds Wunsch, eine Person mit Geschichte und Hintergrund zu sein und einen Sinn zum Leben zu haben.


DEFA – REIHE

FRAG DOCH DIE LEUTE – NICHT » DEUTSCHLAND: ENDSTATION OST «

Wende und was danach kam, schon verknüpft, gefiltert und verfremdet. Und natürlich bin ich durch bundesdeutsche Schulbildung und Studium vor dem unkritischen Konsum von DDR-Filmen gewarnt. Vorneweg, ich bin Jahrgang So wusste ich doch nicht, ʼ86. Meine bewussten Erinne- was mich bei Frans Buyens rungen an die DDR umfassen Film „Die DDR mit den Aumeine brandenburgische Kin- gen eines Ausländers gesehen“ derkrippe, Bummibär und die (Alternativtitel) erwartet. Es langen Trabi-Fahrten Richtung werden über zwei Stunden InDarß im Sommer. Alles andere terviews mit Menschen aus der über das verschwundene Land DDR gezeigt, gelegentlich unmeiner Eltern und Großeltern terbrochen durch Fotos, Karkenne ich nur aus vielen Do- ten und kurzen Erläuterungen. kumentarfilmen, noch mehr Ich wurde positiv überrascht, Büchern und am meisten aus der Belgier Buyens lässt die Erzählungen. Und das alles DDR von 1964 sympathisch erist mit den Erfahrungen der scheinen: wenig Probleme, die

„Hoffentlich beschneiden se dit nicht, wat ich hier gesagt habe.“ Haben sie nicht, sie haben es einfach nicht veröffentlicht. Eine faszinierende Zeitreise.

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sind alle bekannt, wird schon, und das Ziel ist der Frieden aller Völker. Ergo Sozialismus, was aber so nie direkt gesagt wird. Der propagandistische Anspruch klingt immer wieder durch. Und doch verblüfft die Menge an kritischen Stimmen, zweideutigen Szenen und – im Gegensatz zur Parteisprache – die offenen Einschätzungen. Vor allem der befragten Menschen auf der Straße. Was wohl den Ausschlag gab, diesen Film dann doch zu DDRZeiten im Archiv verschwinden zu lassen, obwohl Walter Ulbricht anfänglich euphorisch auf ihn reagiert haben soll. Das Lesen zwischen den Zeilen, ein Ohr zu haben für die indirekte Kritik, das ist etwas, was ich durch meine Verwandten mit Diktaturerfahrung gelernt habe. Und was der westliche Ausländer Buyens in seinem sozialistischen Werbestück wohl nicht heraushören konnte oder wollte. Für ihn war alles in Ordnung in der kleinen Republik. Die optimistische Grundstimmung ist fast ansteckend und verschleiert gekonnt die Unfreiheit durch Mauer, Trennung und Überwachung.

Foto: Still aus „Deutschland – Endstation Ost“ defa-spektrum Gmbh

DANIEL FOCKE


GEDREHT IN MV

DAS MEER ÖFFNET SEINE VORHÄNGE » KALIFORNIEN HAT KEIN KINO «

Foto: Palms Fiction

Ein vorpommersches Urgestein erfüllt sich den Wunsch nach Selbstständigkeit und eröffnet Kinogänger_innen einen Blick hinter alles, was sich auf der Leinwand abspielt. Filme haben die Möglichkeit, zwischen allgemeiner Selbstverständlichkeit und dem Wunsch, bei etwas mal „hinter die Kulissen“ blicken zu wollen, interagieren zu können. Der Besuch des Kinos um die Ecke wird schnell als Selbstverständlichkeit gesehen. Regisseur Josef Wutz jedoch erfasst jedoch mit seinem Film „Kalifornien hat kein Kino“ genau das, worüber sonst kaum jemand nachdenkt: Über mehrere Monate hinweg begleitet er den Besitzer des Prerower Kinos bei der Arbeit und hält dabei die Historie des Ortes und die persönliche Geschichte des Inhabers und seiner Familie gleichermaßen fest. Historische Bilder untermalen den Blick auf den heutigen Stand des Kinos. Gerade im Tourismusland MecklenburgVorpommern unterschie-

LINN KREUTSCHMANN

den sich die Bedingungen für Filmvorführende innerhalb der verschiedenen Jahreszeiten enorm. Ob die Geschichte des Prerower Kinos eine ist, die sich auf ähnlich konzipierte, kleinere Kinos übertragen lässt, kann man nach Anschauen des Films nur vermuten. Jedoch wiederholt sich einiges, wie einzelne persönliche Geschichten des Kinoinhabers. Nach einer Dreiviertelstunde glaubt man, vieles gleich mehrmals gesehen und gehört zu haben. Einiges, wie persönliche Geschichten des Kinoinhabers, scheint man nach der Dreiviertelstunde, die der Film dauert,

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gleich mehrmals gesehen und gehört zu haben. Dennoch veranschaulicht der Film sehr gut, in welch kleinen, schnell übersehbaren Einrichtungen gerade heute wirtschaftliche Probleme zu finden sind. Zudem wecken die Aufnahmen der Ostseeküste, die zwischen den einzelnen zeitlichen Abschnitten der Geschichten gezeigt werden, Fernweh und den Wunsch nach Urlaub und Abschalten bei den Zuschauer_innen. Sie beeindrucken mit einer natürlichen Weite und dem Gefühl für Freiheit, in die man auch beim Filmegucken flieht.


KURZFILMWETTBEWERB

FLÜCHTLINGSKRISE VOR ORT » IMBISS «

„Ich fühle mich wie ein Esel, der viele Lasten schleppen muss. Aber warum muss ich so viel tragen?“ Währungsumtausch, Nahrungsmittel oder die Handy-Ladestation. Das Angebot ist vielseitig. Eine griechische Familie führt einen Imbiss am Eingang eines Flüchtlingscamps auf

der Insel Lesbos. Von dort aus versorgen sie die ankommenden Flüchtlinge mit dem Nötigsten, bis der Bus sie abholt.

Die eindrucksvolle Dokumentation entwirft ein tragisches Bild, fernab der Nachrichtenbilder. Der dreizehnminütige Kurzfilm „Imbiss“ von den Regisseuren Christoph Eder und Jonas Eisenschmidt gibt einen schonungslosen Einblick in die alltägliche Realität der Geflüchteten. Authentische Bilder treffen auf Solidarität.

Foto: Christoph Eder

KEVIN SELL

ICE IN THE SUNSHINE » SOMMERLOCH «

Der absolute Höhepunkt in der erotischen Verführungskunst ist das sinnliche Lutschen an Chicken Wings in romantischer Schmatz-Kulisse.

KEVIN SELL

Björn von der Wellen, entfacht ein Kampf um ihre Beziehung. Dem Regisseur ist es gelungen, mein persönliches Sommerloch zu schaffen. Das schräge Verhalten der Protagonisten ist

Foto: MK Film

Der dreizehnminütige Kurzfilm „Sommerloch“ vom Regisseur Hans Henschel porträtiert eine junge Frau mit einem gebrochenen Bein, die das Bett hüten muss. Sie erlebt ihr ganz persönliches Sommerloch. Zwischen der jungen Frau, gespielt von Anna Qussankina und ihren Freund, gespielt von

befremdlich und unrealistisch. Bis auf erotische Zärtlichkeiten fehlt der roter Faden im Film und man fragt sich am Ende: Was war das?

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KURZFILMWETTBEWERB

GESCHICHTEN NACH ÖSTERREICH » SO FAR «

LENA LUKOW

Foto: Lydia Kaminski

„Ich bin irgendwie mitten Geschichten der drei, berichtet Kurzfilm aus einzelnen Standins Leben gesprungen. Ich von ihren Hoffnungen und Er- bildern, die ständig überarwollte immer weg.“ nüchterungen. beitet zu werden scheinen. Marco ist in Saarbrücken ein Außenseiter und möchte in Wien seine Ruhe. Pablo ist in Kolumbien aufgewachsen und möchte in Österreich Sicherheit. Ulduz kommt aus dem Iran und möchte in Österreich Freiheit. „So far“ erzählt die

Liebevoll gezeichnet von Lydia Kaminski besteht dieser

Dadurch wirkt der Film wie ein Bilderbuch. Die Stimmen der Protagonisten erzählen aus dem Off, Vogelgezwitscher oder Bahnhofsgeräusche mischen sich darunter. Dadurch zeigt sich ein harmonisches, aber trotzdem authentisches Bild von Migration.

FETT IN DER PFANNE » FETT «

LENA LUKOW

die des Sandmännchens: Autos aus Plastikflaschen, die Körper sind unförmige Stoffpuppen und Süßigkeiten scheinen aus dem Boden zu wachsen. Das Die Zukunft scheint vor allem trägt dazu bei, dass der Film zwei Sachen zu versprechen: immer dickere Menschen und verschwindende natürliche Ressourcen. Ist das nicht vielleicht sogar kombinierbar? Dieser Frage stellten sich Kyne Uhlig und Nikolaus Hillebrand in ihrem Kurzfilm „Fett“. Darin werden Autos mit dem Fett ihrer Fahrer betrieben. Die Requisite erinnert an

Foto: Niky-Bilder

Die Filmemacher der Trickfilmwerkstatt „nikybilder“ machen aus Übergewicht Treibstoff.

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wie die Traumwelt eines Kindes wirkt. Eine skurrile Dystopie, die gleichermaßen verstörend und amüsant ist.


KINDER- UND JUGENDFILMWETTBEWERB

BILDER OHNE HINTERGRUND » EUROPE 5 DAYS «

MARIAN W. FRITZ

Das 15-jährige anatolische Mädchen Ayla hat es satt, bei ihrem Opa auf dem Bauernhof fernab von jeglicher Zivilisation zu leben. Als sich zwei Wanderer in die Nähe ihres Hauses in der südöstlichen Türkei verlaufen, lädt Ayla sie herzlich zu sich ein. Inspiriert von ihrer Wanderschaft fasst sie den Plan, von Zuhause

sepass in der Tasche bricht sie hastig nach Europa auf. So beginnt ihr wagemutiger Trip in eine neue Welt. Die 92-minütige Low-Budget-Produktion ist das Filmdebüt von Fried Woffhardt und Orsa Repp. Gedreht wurde in der Türkei, Bulgarien, Rumänien und Deutschland mit einer Spiegelreflexkamera, wodurch das Road Movie ein bisschen so

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wird hervorgehoben, die Farben sind toll eingefangen und machen den Film lebendig. Leider ist die Erzählgeschwindigkeit sehr langsam, sodass kaum Spannung aufgebaut wird. Den Produzenten ging es da scheinbar ähnlich wie mir: An einigen Stellen setzten sie übertrieben dramatische Musik ein, die es nur mit Mühe schafft, die Wirkung der Szenen zu intensivieren. In anderen Momenten ist die Stille wiederum kaum auszuhalten. Das Drehbuch macht insgesamt einen schwachen Eindruck. Ayla erlebt quasi immer wieder das Gleiche nur mit anderen Personen in anderen Ländern. Es fiel mir schwer, mich mit Ayla zu identifizieren. Das lag vor allem daran, dass ich kaum etwas über sie und ihre Motive erfahren habe, da diese nur kurz anfangs und am Ende in wenigen Bildern thematisiert wurden. Das mag aber auch daran liegen, dass ich nicht in die Zielgruppe von „Europe 5 Days“ passe, die wohl eher 13-16-jährige Mädchen sind.

Foto: Friedl Wolffhardt

„Without a passport you auszubrechen, um ihrem mo- wirkt wie ein Dokumentarfilm. can‘t go anywhere!“ - notonen Alltag zu entfliehen. Die Schönheit der verschieDenkste. Mit noch nicht mal ihrem Rei- denen Landschaften Europas


KINDER- UND JUGENDFILMWETTBEWERB

MEIN BESTER FREUND » ENKLAVE «

LORE BELLMANN

Foto: credo:film GmbH

„Du musst Angst haben!“ - „Nein!“ In dem Film „Enklave“ geht es um Nenad (Filip Šubarić), einen zehnjährigen Jungen, der seine Kindheit mitten in dem Konflikt zwischen Albanern und Serben verbringt. Sein Land hat die Ereignisse der Vergangenheit noch längst nicht bewältigt. Somit droht ständig die Gefahr einer neuen Eskalation. Umschlossen vom albanischen Volk leben er, sein Vater (Nebojša Glogovac) und sein im Sterben liegender Opa (Meto Jovanovski). Der Alltag besteht daraus, im Panzer zur Schule gebracht zu werden, wo Nenad Einzelunterricht bekommt. Ist die Schule aus, wartet der gepanzerte UN-Wagen schon vor der Tür, Nenads bester Freund Pfarrer Draza an Bord. Dann nochmal einen Kilometer laufen und bloß keine Dummheiten machen, denn: Zu Hause traktiert ihn der Vater mit Schlägen, sobald er das wagt. Da treten endlich Personen in seinem Alter in sein serbisches Leben. Das Problem: die drei sind Albaner. Der ethnische Streit hat für die Jungen

keinerlei Bedeutung – nur sehen das ihre Väter leider anders. Eindrucksvoll fängt Regisseur Goran Radovanovic den Alltag in der Zeit nach dem Kosovo-Konflikt aus der Perspektive der Kinder ein. Wohl gewählte Blickwinkel und eine sensible Geräuschkulisse nehmen uns mit in das triste Leben einer Enklave. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen der Schauspieler, speziell die der Kinder. Ohne sie wäre der Film nicht annähernd so mitreißend gewesen. Stille und –

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Musik wurden passend ausgewählt und untermalen perfekt die Ruinen und Zerstörung in der endlosen Weite des steinigen Kosovos. Der Film hat seine Längen und FragezeichenMomente. Am Ende schlägt die Handlung aber einen galanten Bogen – runder als das kann eine Sache nicht mehr werden. Trotz Waffen, Panzern und allumfassender Zerstörung ist „Enklave“ ein Antikriegsfilm, der auf der ewigen und erbaulichen Geschichte über Vergebung und Liebe basiert, so Radovanovic.


DOKUMENTARFILMWETTBEWERB

IN DER ZWITTERHEIMAT » HAYMATLOZ «

Anfang der 1930er Jahre reformierte Staatsgründer Kemal Atatürk mit Hilfe deutscher Wissenschaftler die türkischen Universitäten, die Gesetze, die Kunst sowie die Landwirtschaft. Ja, sie fielen auf mit ihren deutsch klingenden Namen; Schwartz, Heilbronn, Hirsch, mitten in Ankara und Istanbul. Viele von ihnen waren Professoren, die aufgrund der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten ihre Stellungen in Deutschland verloren hatten und als rettendes Exil für sich und ihre Familien die Türkei wählten. Diesem wenig bekannten Teil der deutsch-türkischen Historie widmet sich der sehenswerte Dokumentarfilm von Eren Önsöz. Der historische Rückblick wird durch die Perspektive der Kinder der Vertriebenen und Exilanten ermöglicht, die offen über ihre Jugend in der Türkei und den

Spagat zwischen den beiden Kulturen sprechen. Alle leben wieder in Deutschland, wohin ihre Eltern nach dem Krieg zurückkehrten. Und doch lässt sie die türkische Prägung ihrer Kindheit bis heute nicht los. Sie wagen eine Reise in ihre alte Heimat und die Vergangenheit, auf den Spuren ihrer Eltern, die ihre Familie vor der Vernichtung in ein fremdes Land retten konnten und dort mithalfen, Kemal Atatürks Staat zu erneuern. Die Nachkommen sind Türken. Sie sind auch Deutsche. Sie sind oder wurden zu Ju-

den. Und mit Blick auf das aktuelle Weltgeschehen: Sie waren Geflüchtete – und auch staatenlos. Denn das Deutsche Reich bürgerte sie aus und vielen von ihnen wurde „heimatlos“ in den Pass gestempelt, was sogar dazu führte, dass „haymatloz“ in die türkische Sprache eingegangen ist. Doch sind die Nachfahren der ExilReformer nicht heimatlos, wie der Filmtitel es auf den Punkt zu bringen versucht. Eher distanzierte, geografische „Zwitter“ – die andererseits die Heimat in ihrer Familie finden mussten.

Foto: Hupe Film- und Fernsehproduktion

In aktuellen Zeiten der Flucht, Migration, Hoffnung und Verfolgung, zeigt dieser Film die Vielschichtigkeit von Heimat, Familie und den eigenen Wurzeln.

DANIEL FOCKE

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GEDREHT IN MV

OSTALGIE » DIE WEITE SUCHEN «

Sommer, Sonne, Schießgewehr.Sommerferien in der DDR. Wo macht man bloß Urlaub? An der Ostsee natürlich!

Trabant angespannt ist ein Anhänger voll mit Lebensmitteln und Ersatzteilen. Der Filmemacher lässt den Zuschauer an einigen seiner Urlaubstage teilhaben. Der Film verbindet autobiografische Kindheitserinnerungen mit Besonderheiten des Alltags der DDR. Frank Schuster hat viel Zeit und Mühe in dieses Projekt gesteckt. Über drei Jahre benötigte er, um den AnimaDok-Film zu realisieren. In liebevoller Kleinarbeit musste er jede animierte Szene - und

Foto: Frank Schuster

Frank Schuster erinnert sich zurück ins Jahr 1987. In einem kleinen Ort nahe Leipzig startet die Reise an die Ostsee. Familie Schuster ist in ihrem Trabant unterwegs und voller Vorfreude. Ihr Ziel ist Klütz, ein Dorf in Mecklenburg. Die Reise dorthin ist lang und beschwerlich, doch sie nehmen sie gerne auf sich. An ihren

MARIAN W. FRITZ ANTON HINGST

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wirklich jede Szene ist animiert - mit echten Statisten nachstellen. Das Ergebnis ist ein schöner gestalteter Kurzfilm, der sich sehen lassen kann. Schusters Zeichenstil ist minimalistisch und detailliert. Für den Plot interviewte er verschiedene Zeitzeugen, die seine persönliche Geschichte aufwerten und ergänzen. Besonders gefiel uns die realistische Vertonung, die wesentlich dazu beitrug, eine angenehme DDR-Urlaubsatmosphäre zu schaffen.


FILM FESTIVALS IN CONTACT

HEUTE SCHON VERRÜCKT? POLNISCHES KURZFILMPROGRAMM

ANTON HINGST

Inhalte sind verschieden und facettenreich. „Furious“ von Dagmar Pochuła zum Beispiel ist ein witziges, abgespacetes Musikvideo der „Band Big Fat Mama“. Francesca Fini zeichnet in einem verstörend inszeniertem Kurzfilm ein Bild über die Beziehung zu ihrer Mutter.

Rund wird die Zusammenstellung durch „Unterwegs mit Maxim Gorkiy“. Der Protagonist kommentiert aus der Sicht eines Zoologen die Spezies Mensch. Stilistisch gut zusammengestellt geben die Beiträge einen umfassenden Blick in die kurzfilmische Szene Polens. Während der gesamten Filmreihe dominieren zu lange Szenen und Gesamtaufmachungen. Teilweise ist es schwer den Untertiteln zu folgen, da sie auf Englisch und manchmal unleserlich sind. Wenn man sich aber darauf gefasst macht und einlässt, können die Längen durch witzige sowie kreative Ideen kompensiert werden. In jedem Fall ist der Sound für die Stimmung wegweisend und wurde den Si–

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tuationen passend angeknüpft. Weil vier Filme ohne melodiöse Untermalung auskommen, steht ein toller Kontrast im Raum. Sie regulieren ihre Stimmungen durch einfaches Sprechen und charakteristische Hintergrundgeräusche. In allen Kurzstreifen bleiben die Regien ihren Linien treu und runden die Geschichten ab. Das Format dieser Filmreihe ist spannend, doch nicht für jedermann. Wer die Vorstellung genießen will, soll Geduld mitbringen. Zu empfehlen ist die polnische Serie nur für Fans der abstrakten Welt der Kleinkunst.

Foto: Dagmara Pochyła

Irritierende Beziehungen, verrückte Musik und eine gekaperte Straßenbrücke beschreiben nur einen kleinen Auszug der neun abstrakten Storys der polnischen Kurzfilmreihe. Die

Foto: Izabela Blucińska

„Der Bildraum setzt sich aus erfundenen Lichtern und Schatten zusammen. Überhaupt ist die Erfindung, was die Welt der Dinge angeht, im Vorteil. Nichts ist mehr eindeutig. Alles verschwimmt in Doppel- oder Mehrdeutigkeit.“


VERANSTALTUNGEN

OH KÄPT‘N, MEIN KÄPT‘N BRANCHENKONFERENZ

KEVIN SELL

Foto: pixabay

Wenn der Film- und Medienstandort MV zum Kreuzfahrtschiff im Haifischbecken wird Bei der zweiten Branchenkonferenz am Rande des 26. Filmkunstfests MV trafen Film- und Medienvertreter zusammen. Jeweils zwei Themenkomplexe wurden am Dienstag und Mittwoch in spannenden Podiumsdiskussionen behandelt. Stellen wir uns den Filmstandort Mecklenburg-Vorpommern als Kreuzfahrtschiff vor, das im großen Haifischbecken schwimmt. Die örtlichen Rahmenbedingungen für Filmcrews sind die Ausstattung des Dampfers. In einigen Bereichen noch ausbaufähig bleibt doch die Erkenntnis, dass viel Potenzial vorhanden ist. Die Podiumsteilnehmer von „Filmbranche trifft Tourismus“ waren einer Meinung und hinterfragten die Reize des Standort MV. Nur eine schicke Ausstattung lockt keine Gäste an Bord. Es ist eine Frage der Zeit, bis es dank der Bestrebungen des neugegründeten Produzenten-Verbandes MV heißt: Land in Sicht! Aufsteigen und losfahren.

Passagiere an Bord, doch das Schiff steht. Wir brauchen Kohle. Das wurde deutlich, als Vertreter der Landespolitik im Panel „Frischer Wind am Filmund Medienstandort MV“ über Filmförderung debattieren. Eine Frage bleibt: „Leere Worte, nichts dahinter?“. Das wird sich wohl nach der Landtagswahl im September zeigen. Am zweiten Tag der Branchenkonferenz wurde der Blick in die Zukunft gelenkt. Kurz, sparsam und prägnant: so wurden im Thema „Die Produktion von Webserien“ das neue –

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Kinderprogramm des Schiffes beschrieben. Noch eine geringe Bedeutung an Bord bieten sie Alternativen zum großen Entertainment-Programm Fernsehen. „Fernsehformate im Fokus“ war das letzte Thema und stellte die interessante Frage, ob das EntertainmentProgramm an Bord so weiter laufen kann. Das Programm muss zusammen mit den neuen Medien neue Wege gehen. Abschließend steht die Aufgabe fest: Den Dampfer auf Kurs bringen.


RSTAG E N N O D M A PROGRAMM 17:00 CAPITOL 5

» Liebe Halal « von Assad Fouladkar

D/LIBN 2015 – 90 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Die Badewanne « von Tim Ellrich D/Ö 2015 – 13 Min.

17:15 CAPITOL 1

» Kalifornien hat kein Kino « von Josef Wutz (Gast: Ute Schneider) D 2016 – 42 Min.

» Die Weite suchen « von Falk Schuster (Gast: F. Schuster) D 2015 – 29 Min.

CAPITOL 2

» Als die Sonne vom Himmel fiel « von Aya Domenig (Gast: A. Domenig) D/FIN 2015 – 78 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Trial & Error « von Antje Heyn

CAPITOL 4

D 2016 – 5 Min.

» Deutschland – Endstation Ost « von Frans Buyens (Gast: Hans-Eberhard Leupold) DDR 1964 – 84 Min.

17:45 CAPITOL 6

» Enklave « von Goran Radovanovic

19:15 CAPITOL 5

» Agnes « von Johannis Schmid (Gäste: J. Schmid, O. Johne, S. Kampwirth)

SRB/D 2015 – 92 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln – empfohlen ab 12 Jahren D 2016 – 105 Min.

» Kaputt « von Volker Schlecht, Alexander Lahl D 2016 – 7 Min.

19:30 CAPITOL 1

» Unsere Geschichte - Vergissmeinnicht! Teil 3 « von A. Ricker, H. Nikolaus D 2015 – 45 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Weltbahnhof mit Kiosk « von Dieter Schumann

CAPITOL 2

D 2015 – 30 Min.

» Haymatloz « von Eren Önsöz (Gast: E. Önsöz) D 2015 – 90 Min.

» Imbiss « von Christoph Eder, Jonas Eisenschiedt D 2016 – 13 Min. – Uraufführung

CAPITOL 4

» Café Belgica « von FelixVan Groeningen

B 2016 – 127 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Tank « von Raul Servais

B 2015 – 7 Min. – Deutschlandpremiere

19:45 CAPITOL 3 20:00 CAPITOL 6

Polnisches Kurzfilmprogramm – 9 Filme vom Szczecin European Film Festival PL/D/L – insgesamt 94 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln (Gast: Gästen)

» Kirschtabak « von Andres und Katrin Maimk (Gäste: A. und K Maimk) EST 2014 – 93 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Piano « von Kasper Jancis

EST 2015 – 10 Min. – ohne Dialog

22:00 CAPITOL 2

» Meteorstraße « von Aline Fischer (Gast: A. Fischer) D 2016 – 84 Min.

» So Far « von Lydia Kaminski

Ö 2015 – 14 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln – Deutschlandpremiere

CAPITOL 5

» Fado « von Jonas Rothlaender (Gäste: J. Rothlaender, Luise Heyer) D/P 2016 – 100 Min.

» Sommerloch « von Hans Henschel

» Vom Wir zum Ich « von R. Grassick, E. Hare, P. Roberts, B. Wuppermann D/GB 2016 – 7 Min. – Deutschlandpremiere (Gäste: B. Wuppermann, R. Grassick)

» Gretchen am Spinnrade « von Magdalena Chmielewska Ö 2015 – 7 Min. (Gäste: M. Chmielewska, M. Honnens)

CAPITOL 4

» Kommen Rührgeräte in den Himmel? « von Reinhard Günzler (Gast: R. Günzler) D 2015 – 95 Min. – Deutschlandpremiere

» Fett « von Kyne Uhlig, Nikolaus Hillebrand D 2016 – 9 Min. – ohne Dialog

22:30 CAPITOL 6

» The Yard « von Nåns Månsson (Gast: Matthias Krause)

S/D 2016 – 80 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

» Zehn-Meter-Turm « von Axel Danielson, Maximilien Van Aertryck S 2016 – 164 Min.

MEHR AU F: WWW. FILMAB.JMMV.DE

D 2016 – 13 Min. – Originalversion mit dt. Untertiteln

22:15 CAPITOL 3

filmab! 2016 - Ausgabe 3  

Das unabhängige Magazin zum 26. filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin. www.filmab.jmmv.de

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