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JMB

2012 / Nr. 6

+ INSIDE JMB Aktuelle Ausstellungen Neues aus der Sammlung Bildung und Medien Current Exhibitions News from our Collection Education and Media

Jüdisches Museum Berlin / Jewish Museum Berlin

JOURNAL Melanie Köhlmoos Seth Farber Pamela Weisberger Atina Grossmann Lena Inowlocki Judith Kessler Alexandra Senfft Leonard Cohen Naomi Lubrich

Generationen Generations


Editorial Editorial

W. Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums Berlin W. Michael Blumenthal, Director, Jewish Museum Berlin

This issue of the JMB Journal focuses on the phenomenon of the “generation”—a concept of special signi– ficance for Jews in light of their more than 3,000-year history. The museum’s continuously growing collection represents an archive of remembrance for Jewish families from the German-speaking world. The collection currently includes more than 1,600 donor bequests from close to 20 countries, and gives testimony to Jewish life in Germany over the course of many generations and centuries. Today, Germany is home to a new generation of Jews. Among them are more than 220,000 of the so-called “quota refugees,” who have come to Germany from the former Soviet Union over the past twenty years and shape Jewish communities in Germany today. The changing and succession of generations are central themes in biblical texts, as shown by theologian Melanie Köhlmoos in her contribution to this issue, which demonstrates the significance of origins, ancestry, and the passing on of tradition in the Holy Books. Rabbi Seth Farber gives insight into the bureaucratic hurdles necessary to prove Jewish descent in a country that guarantees immediate and unconditional Israeli citizenship to every Jewish man and woman worldwide. Pamela Weisberger’s article shows us that the search for one’s roots can be an adventure—one to which a growing community of genealogy enthusiasts is devoted with great ardor. Atina Grossmann highlights the exceptionally high birth rates among Jewish Displaced Persons in the immediate postwar-period. Alexandra Senfft and Lena Inowlocki provide us with two current examples of the aftermath of the mass extermination of European Jews in German and Jewish families. They show that the relationships between generations continue to be dramatically affected with regard to these experiences. Can we interpret it as a sign of a new beginning that nearly seventy years after the Shoah, several thousand mostly young Israelis live in Berlin, and no longer see Germany exclusively as the country of perpetrators? Judith Kessler gives us a closer look at some of them in her article. We hope you find this issue both inspirational and enjoyable!

Diese Ausgabe des JMB Journal ist dem Phänomen „Generationen“ gewidmet, einem Thema, das für das Judentum vor dem Hintergrund seiner mehr als 3000-jährigen Geschichte von besonderer Bedeutung ist. Die historische Sammlung unseres Museums stellt ein Gedächtnisarchiv jüdischer Familien aus dem deutschsprachigen Raum dar, das ständig weiter wächst. Zurzeit umfasst es mehr als 1.600 Nachlässe von Stiftern aus rund 20 Ländern und bezeugt jüdisches Leben in Deutschland über mehrere Generationen und Jahrhunderte hinweg. Heute wachsen hier neue Generationen von Juden heran. Zu ihnen gehören auch die mehr als 220.000 sogenannten Kontingentflüchtlinge, die in den letzten 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik gekommen sind und heute die jüdischen Gemeinden in Deutschland prägen. Der Wechsel und das Aufeinanderfolgen von Generationen sind bereits in biblischen Texten zentral. So zeigt die Theologin Melanie Köhlmoos in ihrem Beitrag, welche Bedeutung der Herkunft, Abstammung und Traditionsweitergabe in den heiligen Schriften beigemessen wird. Rabbiner Seth Farber gibt Einblick in die bürokratischen Hürden, die für den Nachweis der jüdischen Herkunft in einem Land nötig sind, das jedem Juden und jeder Jüdin weltweit garantiert, bedingungslos und unverzüglich israelischer Staatsbürger zu werden. Dass die Suche nach den eigenen Wurzeln auch ein Abenteuer sein kann, dem sich eine wachsende Community von genealogischen Hobbyforschern verschrieben hat, kann man in dem Artikel von Pamela Weisberger nachlesen. Atina Grossmann geht auf die historische Ausnahmeerscheinung erhöhter Geburtenraten unter jüdischen Displaced Persons in der unmittelbaren Nachkriegszeit ein. Beispiele für heutige Nachwirkungen der Massenvernichtung der europäischen Juden in deutschen und jüdischen Familien geben Alexandra Senfft und Lena Inowlocki. Sie zeigen, dass das Verhältnis zwischen den Generationen in Bezug auf diese Erfahrungen immer noch stark beeinträchtigt sein kann. Lässt es sich als Zeichen für einen möglichen Neuanfang werten, dass fast 70 Jahre nach der Schoa mehrere Tausend meist junge Israelis in Berlin leben, für die Deutschland nicht mehr nur das Land der Täter ist? Judith Kessler gibt uns in ihrem Beitrag Gelegenheit, einige von ihnen näher kennen zu lernen. Wir wünschen Ihnen beim Lesen unseres Journals viel Anregung und Freude!

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Verheißung Promise Haggada-Illustration „Jakob zieht nach Ägypten“, Druckgrafik von Jakob Steinhardt, ca. 1921. Haggadah illustration “Jacob goes to Egypt,“ graphic print by Jakob Steinhardt, ca. 1921.

Das Phänomen „Generation“ ist in der Tora ein Schlüsselkonzept für die Geschichte Israels mit seinem Gott und umgekehrt. Einerseits sichert die generationelle Abstammung von Abraham die Kontinuität der Erwählung. Andererseits wird die religiöstheologische Kontinuität durch das wiederkehrende Element der Verheißung hergestellt. The phenomenon “generation” is present in the Torah as a key concept for the history of Israel with its God and vice versa. On the one hand, the generational chain of ancestry back to Abraham ensures the continuity of being the Chosen. On the other, the religioustheological continuity is secured through the recurrent theme of the promise.

8 > 13


Zugehörigkeit Affiliation Wer heute seine „Rechte“ als Jude geltend machen will, muss Referenzen vorlegen – zum Beispiel bei einer Alija. Aber auch wer in Israel heute jüdisch heiraten möchte, kann dies nur beim orthodoxen Rabbinat tun, wo beide Partner nachweisen müssen, dass sie jüdisch sind. Einwanderungsspiel „Aliyah“, USA 2003. Immigration game “Aliyah,“ USA 2003.

Documents and references must be presented to claim one’s “rights” as a Jew—for example, in order to make aliyah. In Israel today, by law, Jews can only marry Jews through the orthodox rabbinate, and in order to wed, one must prove one’s Jewishness.

8 > 18


Erkundungen Explorations

Installation „FamilienAlbum“ von Moshe Moograbi, 1992. Installation “Family Album“ by Moshe Moograbi, 1992.

Die Herkunft aller Menschen, ein Gewirr ineinander verwundener Äste und Zweige, das bis in uralte Zeiten zurückreicht, läuft an einem Punkt zusammen: in der wundersamen Existenz des Einzelnen. Genealogen sind Entdecker, die sich in die unerforschten Gefilde familiärer Beziehungen wagen, um Zusammenhänge aufzuspüren. Everyone’s lineage, a panoply of over-arching branches reaching back to ancient times, converges at a single point—the miraculous existence of one human being. Genealogists are explorers venturing into the uncharted territories of familial relationships to make sense out of the vast “unknown.”

8 > 22


Wieder beginnen Starting again Gerade ein Jahr nach der Befreiung, zur gleichen Zeit, als die besiegten Deutschen 체ber dramatisch angestiegene Zahlen von Selbstmorden, S채uglings- und Kindersterblichkeit sowie Abtreibungen klagten, heirateten und zeugten die etwa 250.000 체berlebenden Juden in den britischen und amerikanischen Besatzungszonen in Rekordquoten. Mutter und Kind im DP-Lager Pocking, 1948. Mother and child at the DP-camp Pocking, 1948.

Only a year after liberation, at the same time as defeated Germans bemoaned their high incidence of suicides, infant and child mortality and abortion, and German women were desperately seeking to keep the children they already had alive, the approximately 250,000 Jewish survivors residing in the American and British zones were marrying and producing babies in record numbers.

8 > 44


Interaktion Interaction Anstecker „Remember“ (Erinnere Dich!), Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., USA. “Remember“ pin, Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., USA.

Es scheint, dass Generativität, die Wissens- und Erfahrungsvermittlung zwischen den Generationen, nach der Schoa auf irreguläre Formen angewiesen ist. It appears that, in the wake of the Shoah, generativity, the passing on of knowledge and experience between generations, emerges through irregular forms of family communication.

8 > 50


Wandel Changes Seit fünf Jahren fester Bestandteil des Berliner Nachtlebens: „MeschuggeParties“ mit DJ Aviv Netter. “Meschugge Parties” with DJ Aviv Netter: For five years an established venue in Berlin’s night-life scene.

Israelis waren lange Exoten in Berlin. Doch die Szenerie wird größer und heterogener, so dass selbst Insider nicht in drei Sätzen beantworten können, warum so viele Landsleute sich hier niederlassen. For a long time, Israelis were rare birds in Berlin. But the scene is growing and becoming more heterogeneous by the day. Not even the most astute insider can say in fifty words or less why so many Israelis have moved here.

8 > 58


Schweigen Silence Erla Ludin, die Witwe des NSGesandten in der Slowakischen Republik, mit ihrer Enkelin, ca. 1967. Erla Ludin, widow of the NS-ambassador to Slovakia, with her granddaughter, ca. 1967.

Soviel auch immer Deutsche über die Zeit des Nationalsozialismus akademisch und politisch aufgedeckt haben, so sehr herrscht bei der biografischen Bearbeitung weiterhin Schweigen. Die Täter sind deshalb nicht nur im familiären, sondern auch im gesellschaftlichen Kontext immer die Anderen. Despite the fact that Germans, both academically and politically, have taken great strides towards exposing the crimes committed during the National Socialist period, silence still continues to rule with respect to the biographical handling of the past. Not only within the context of families, but also in society more generally, the perpetrators are always “others.”

8 > 62


JMB JOURNAL

Editorial...................................................................................3

Editorial .................................................................................................... 3

Daten und Fakten...................................................................1 2

Facts and Figures .................................................................................. 1 2

Generationen – Das Rückgrat der Geschichte ........................1 3 Melanie Köhlmoos

Generations—the Backbone of History .............................................1 3 Melanie Köhlmoos

Jüdischsein nachweisen: ein Problem......................................1 8 Rabbiner Seth Farber

Jewishness: The Problem of Proof ...................................................1 8 Rabbi Seth Farber

Am Ende all unseres Forschens ..............................................22 Pamela Weisberger

The End of All Our Exploring ..........................................................22 Pamela Weisberger

35,8 pro Tausend Geburten in Displaced Persons-Lagern ..................................4 4 Atina Grossmann

35.8 / 1000 Birth in Displaced Persons Camps....................................................4 4 Atina Grossmann

Millennium ............................................................................48 Leonard Cohen

Millennium ............................................................................................. 48 Leonard Cohen

Zwischen den Generationen...................................................5 0 Lena Inowlocki

Between Generations .......................................................................... 5 0 Lena Inowlocki

Weltfenster .............................................................................5 4

Worldwide .............................................................................................. 5 4

Sababa in Spree-Aviv..............................................................5 6 Judith Kessler

Sababa in Spree-Aviv ........................................................................... 5 6 Judith Kessler

Jüdische Kindheit damals – Jüdische Kindheit heute ..............6 0 Naomi Lubrich

Jewish Childhood, Then and Now .....................................................6 0 Naomi Lubrich

Schweigen tut weh .................................................................62 Alexandra Senfft

Silence Is Such Sorrow ........................................................................ 62 Alexandra Senfft

INSIDE JMB

Aktuelle Ausstellungen ...........................................................28 Neues aus der Sammlung .......................................................32 Freundeskreis .........................................................................3 4 Bildung...................................................................................36 Medien...................................................................................38 Event......................................................................................4 0 Vorschau ................................................................................4 2

Current Exhibitions .............................................................................. 29 News from our Collection ................................................................... 33 Friends of the Museum ........................................................................ 35 Education ............................................................................................... 37 Media....................................................................................................... 39 Event ....................................................................................................... 41 Preview................................................................................................... 4 2

IMPRESSUM / CREDITS

Der Artikel von Atina Grossmann erschien in ähnlicher Fassung bereits auf Deutsch im Begleitbuch zur JMB-Ausstellung „10+5=Gott. Die Macht der Zeichen“. / A slightly different version of the article by Atina Grossmann was first published in German in the catalog accompanying the JMB exhibition 10+5=God. The Power of Numbers and Signs. Wir danken dem März-Verlag Berlin für die Genehmigung des Abdrucks des Gedichts „Millennium” von Leonard Cohen aus: / Many thanks to the März-Verlag for granting the rights to reprint the poem “Millennium“ by Leonard Cohen from: © Cohen, Leonard: Flowers for Hitler / Blumen für Hitler. Poems & Songs 1956 to 1970 / Gedichte und Lieder 1956 bis 1970. German Translation by: / Aus dem Amerikanischen von: Anna von Cramer-Klett, Anja Hauptmann. März Verlag, Frankfurt a. M. 1971.

© Stiftung Jüdisches Museum Berlin, 2012 Herausgeber / Publisher: Stiftung Jüdisches Museum Berlin Redaktion / Editors: Marie Naumann, Katharina Neumann, Ulla Menke (Assistenz, assistance) Email: publikationen@jmberlin.de Übersetzungen ins Englische / English Translation: Darrell Wilkens, Leonie von Reppert-Bismarck (S./pp.: 60-61) Übersetzungen ins Deutsche / German Translation: Michael Ebmeyer Englisches Lektorat / English Copy Editing: Liesel Tarquini Englisches Korrektorat / English Proof Reading: Naomi Lubrich Anzeigen / Advertising: Daniela Eck Gestaltung / Design: Eggers + Diaper Druck / Printed by: Medialis, Berlin Abonnements und Bestellungen / Abonnements and Ordering: Janine Lehmann, Tel. +49 (0)30 25993 410, info@jmberlin.de Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Sponsored by the Federal Commissioner for Cultural and Media Affairs. Stiftung Jüdisches Museum Berlin Lindesstr.9-14 D-10969 Berlin Tel.: +49 (0)30 25993 300 www.jmberlin.de

Falls Rechte (auch) bei Anderen liegen sollten, werden die Inhaber gebeten, sich zu melden. Should rights (also) lie with others, please inform the publisher. BILDNACHWEIS / COPYRIGHTS © Architekt Daniel Libeskind AG, Zürich, Rendering: bromsky, S. 41 © Astrup Fearnley Museum of Modern Art, Oslo, S. 43 © Maxim Ehrlich, Bild 3 S. 35 © Jörg Beier, Bild 4 und 5 S. 35 © JMB, S. 27 29, 30, 31, 45 © JMB, Foto: Thomas Bruns, S. 39 © JMB, Foto: Ernst Fesseler, Bild 2 S. 34 © JMB, Foto: Nadja Rentzsch, S. 36, 37 unten © JMB, Foto: Sönke Tollkühn, S. 3, 36/37 Mitte © JMB, Foto: Jens Ziehe: S. 4, 5, 6, 7, 8, 13, 18, 21, 22, 23, 28, 33, 44, 50, 54, 55, 60 © Naomi Lubrich, S. 61 unten © Monika Rittershaus, S. 40, 41 © Benjamin Sinner, Bild 1 und 2 S. 34 © Stephan Pramme, S. 9, 56 © Alexandra Senfft, S. 10, 62, 63, 64

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Daten und Fakten Facts and Figures

Eine Generation bezeichnet die Gesamtheit aller etwa zur gleichen Zeit geborenen Menschen. Die Dauer einer Generation definiert sich durch die Zeit, die zwischen der Geburt des ersten Kindes einer Frau und der Geburt ihres ersten Enkels liegt. Durchschnittliches Alter einer Frau in Deutschland bei der Geburt ihres ersten Kindes

29

Durchschnittliches Alter einer Frau bei der Geburt ihres ersten Kindes vor dem Zeitalter der Industrialisierung

16

Alter von Abraham, als sein Sohn Isaak geboren wurde, in Jahren

100

Anzahl der Familien-Stammbäume in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin

87

Anzahl der eingetragenen Stammbäume im „Family Tree of the Jewish People“ auf der Genealogie-Website JewishGen.org Anzahl der eingetragenen Nachnamen und Herkunftsorte im „Family Finder“ auf JewishGen.org

488.634

Anzahl der Suchvorgänge in den beiden oben genannten Kategorien auf JewishGen.org im Jahr 2011

14.293.788

Anzahl jüdischer Kinder zwischen 1 und 5 Jahren in der amerikanischen Besatzungszone im Januar 1946

120

Anzahl jüdischer Kinder zwischen 1 und 5 Jahren in der amerikanischen Besatzungszone im Dezember des gleichen Jahres Jüdische Bevölkerung in Deutschland vor 1933, geschätzt

4.431 570.000

Jüdische Bevölkerung in Deutschland 1989, geschätzt

50.000

Anzahl jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die seit 1989 nach Deutschland gekommen sind, geschätzt

220.000

Zahl der Menschen, die seit 1948 nach Israel eingewandert sind

3.075.229

Geschätzte Zahl israelischer Staatsangehöriger, die 2012 in Berlin leben Nationalitäten der Schauspieler, die in Yael Ronens Theaterstück „3. Generation“ auftreten

4.652

20.000 israelisch, palästinensisch, deutsch

A generation refers to the totality of people born in approximately the same period of time. The length of a generation is defined by the time that elapses between the birth of a woman’s first child and the birth of her first grandchild. The average age of a woman in Germany at the birth of her first child

29

The average age of a woman at the birth of her first child prior to the age of industrialization

16

The age of Abraham when his son Isaac was born, in years

100

The number of family trees in the collection of the Jewish Museum Berlin

87

The number of family trees recorded in the “Family Tree of the Jewish People” on the genealogy website JewishGen.org The number of surnames and places of origin recorded in the “Family Finder” on JewishGen.org

488,634

The number of searches conducted in the two categories referred to above on JewishGen.org in 2011

14,293,788

The number of Jewish children between the ages of 1 and 5 in the American Occupation Zone in January 1946 The number of Jewish children between the ages of 1 and 5 in the American Occupation Zone in December of the same year The Jewish population in Germany prior to 1933, estimated The Jewish population in Germany in 1989, estimated The number of Jewish special-status refugees from the former Soviet Union who have come to Germany since 1989, estimated The number of people who have immigrated to Israel since 1948 The estimated number of Israeli citizens living in Berlin in 2012 The nationalities of the actors featured in Yael Ronen’s drama “Third Generation”

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4,652

120 4,431 570,000 50,000 220,000 3,075,229 20,000

Israeli, Palestinian, German


Generationen – Das Rückgrat der Geschichte Überlegungen zur Bedeutung der Generation im Tanach Generations—the Backbone of History Considerations on the Meaning of Generation in the Tanakh

Melanie Köhlmoos In German, the term “generation” can mean two things: One use of the term is historically oriented, and refers to lineage. The second is oriented toward the contemporary era or recent past, and refers to a set of social and cultural experiences that are (or could be) shared by a group of people—above and beyond shared biological, geographical or other apparently “objective” circumstances (for example, Generation X). Both of these aspects construct identities; both place individuals in the flow of history and present. Interestingly enough, the notion of generation—more precisely generation in the sense of a socio-cultural phenomenon, the aspect receiving increased attention in the social sciences today—has a history in the Tanakh. 1. Biological and Social Generation in the Tanakh Hebrew has two words for “generation.” Its biologicalhistorical connotations are captured by tōledōt. Derived from the verb jālad (“to beget” or “to bear”), it refers—particularly in the Torah—to “genealogies” or “begetting.” In fact, history is conceived of in this way as the succession of fathering and lineages in the Books of Genesis, Numbers, Ruth, and Chronicles.1 The Book of Genesis is nothing less than a juxtaposition of various genealogical narratives: Heaven and Earth— Adam—Noah—Noah’s Sons—Shem—Terach—Ismael— Isaac—Esau—Jacob. History thus develops as the history of begetting and birth from the very origin of time. This thought is repeated in the long lists of descendants with which the two Books of Chronicles begin: history cannot be envisaged except in terms of those who are born, beget, and die. The second word for generation in Hebrew, dōr, has stronger sociological connotations. It is referenced throughout the Tanakh a total of 137 times. Its meaning is something like the Latin “saeculum,” in the sense of those alive today—i.e. “contemporaries.” It is this term that approaches the modern socio-cultural notion of the generation, with all its characteristic connotations. dōr serves to a certain degree as a way of measuring time, and so has the meanings of “chronological age,” “epoch,” or “era.” It denotes only one section of possible life span: a generation spans approximately 25 to 40 years (Num 32:13; Job 42:16). By other counts (Gen 15:13), it can be as long as 100 years. Regardless of the concrete duration of one dōr, the regular sequence of dōrōt signifies the longest possible 1 The names given here for the Books of the Tanakh follow the scholarly tradition of Christian theology.

Spricht man in der deutschen Sprache von „Generation“, dann kann man zwei Dinge damit meinen: Die erste Verwendung des Begriffs ist historisch orientiert und hat etwas mit Abstammung zu tun. Die zweite orientiert sich an der Gegenwart oder der unmittelbaren Vergangenheit und bezieht sich auf soziale und kulturelle Erfahrungen, die von einer Gruppe geteilt werden (können) – über biologische, geografische oder andere scheinbar objektive Gegebenheiten hinweg („Generation Golf“). Beide Dimensionen konstruieren Identitäten, beide verorten mich als Individuum im Fluss der Geschichte und Gegenwart. Interessanterweise hat der Generationenbegriff gerade in seiner soziokulturellen Perspektive, die heute in den Gesellschaftswissenschaften immer wichtiger wird, eine Geschichte im Tanach. 1. Biologische und soziale Generation im Tanach Das Hebräische kennt zwei Begriffe für „Generation“. Die eher biologisch-historische Dimension wird erfasst im Begriff tōl edōt. Abgeleitet von jālad, „zeugen, gebären“ bezeichnet es – vor allem in der Tora – die „Abstammungen“ oder „Zeugungen“. Tatsächlich wird in den Büchern Genesis, Numeri, Ruth und Chronik1 auf diese Weise die Geschichte als Abfolge von Zeugungen und Abstammungen begriffen. Das Buch Genesis ist geradezu eine Aneinanderreihung von einzelnen Abstammungsgeschichten: Himmel und Erde – Adam – Noah – Noahs Söhne – Sem – Terach – Ismael – Isaak – Esau – Jakob. Von Anbeginn der Zeit also entfaltet sich Geschichte als Geschichte von Zeugung und Geburt. Dieser Gedanke wiederholt sich in den langen Abstammungslisten, mit denen die Chronikbücher beginnen: Geschichte ist nicht anders denkbar als durch Menschen, die geboren werden, zeugen und sterben. Der zweite Generationenbegriff ist stärker soziologisch bestimmt und lautet dōr. Er verteilt sich mit 137 Erwähnungen über den ganzen Tanach. Gemeint ist „Geschlecht“ im Sinne der jetzt lebenden Personen, etwa: „Zeitgenossen“. Es ist dieser Begriff, der sich dem modernen soziokulturellen Generationenbegriff annähert und seine charakteristische Prägung hat. dōr dient in gewisser Weise der Zeitrechnung und hat dann die Bedeutung von „Lebensalter“, „Zeitalter“ oder „Ära“. Es kennzeichnet nur einen Ausschnitt der möglichen Lebensdauer: 1 Die Bezeichnung der Bücher des Tanach folgt hier der wissenschaftlichen Tradition der christlichen Theologie.

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duration of history. Dōr wadōr is best translated as “forever” (Ps 10:6; Joel 2:2). Thus here, too, the entirety of those currently alive constitute the backbone of history, it is merely in its perspective that dōr differs from tōledōt. It is less a matter of begetting and birth, than it is the common experience of a specific period of time that is in the foreground. Because the Tanakh primarily orients its perspective toward the history of the people of Israel, dōr is also never completely free from the connotation of lineage. The two terms, tōledōt and dōr, do not appear with any particular frequency. The phenomenon of a “generation” is especially present in the Torah, however, as a key concept for the history of Israel with its God and vice versa. Two different narratives for the phenomenon of “generation” thus intersect.

2. “Generations” in Genesis and Exodus through Deuteronomy From Genesis 12 onwards, the history of Israel is told as the history of generations: Abraham—Isaac—Jacob— Joseph—Moses. This narrative is seamless, although the experiences of certain generations are skipped over. At the same time, this generational narrative has no steady flow, and is not a family saga comparable to Thomas Mann’s Buddenbrooks. Genesis 12-50 can be read as a unified story, describing how a single couple, Abraham and Sarah, produce an entire people over the course of four generations: Jacob and his twelve sons. This founding of a people is rooted to the making of a homeland in Canaan: Abraham leaves Ur in Mesopotamia, and at the end, Jacob is buried in Canaan. Each segment closes with the death and burial of the father by his sons. Religious-theological continuity is secured through the recurrent theme of the promise. In every generation, God personally and solemnly promises the respective hero a people, territory, succor and divine blessing—and this narrative arc can well be viewed as fulfilled by the end. What is surprising about these promises is that the narrative does not address the way in which God accompanies his Chosen Ones with his covenant. The following generation frequently appears to be unaware of the history of the preceding generation. Genesis 13:14-17 serves as an example in connection with Genesis 28: 13-15: only the reader notices that the grandson has the same experience in the same location as his grandfather. In Genesis 28, Jacob

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Eine Generation umfasst 25 bis 40 Jahre (vgl. etwa Num 32,13; Hi 42,16); nach anderen Zählungen (Gen 15,13) misst sie hundert Jahre. Unabhängig von der konkreten Dauer eines dōr bezeichnet die regelhafte Abfolge von dōrōt die größtmögliche Dauer der Geschichte. Dōr wadōr lässt sich am besten mit „für immer“ übersetzen (Ps 10,6; Jo 2,2). So gilt auch hier, dass die aktuell lebenden Menschen das Rückgrat der Geschichte bilden, lediglich der Blickwinkel von dōr ist von tōl edōt leicht unterschieden. Es steht weniger die Zeugung/Geburt im Vordergrund als das gemeinsame Erleben eines bestimmten Zeitabschnitts. Da der Tanach seine Perspektive vor allem auf die Geschichte des Volkes Israel richtet, ist auch dōr niemals völlig frei von der Frage nach der Abstammung. Die beiden Begriffe tōl edōt und dōr kommen nicht besonders häufig vor. Das Phänomen „Generation“ ist indes vor allem in der Tora vorhanden als ein Schlüsselkonzept für die Geschichte Israels mit seinem Gott und umgekehrt. Dabei treffen zwei unterschiedliche Erzählungen des Phänomens „Generation“ aufeinander. 2. „Generationen“ in Genesis und Exodus bis Deuteronomium Von Genesis 12 an wird die Geschichte Israels als Generationengeschichte erzählt: Abraham – Isaak – Jakob – Joseph – Mose. Diese Erzählung ist lückenlos, obwohl die Erlebnisse mancher Generationen übersprungen werden. Gleichwohl ist diese Generationenerzählung kein gleichmäßiger Fluss, kein Familienroman wie Thomas Manns „Buddenbrooks“. Genesis 12-50 lässt sich als zusammenhängende Geschichte lesen und schildert, wie im Verlauf von vier Generationen aus einem einzelnen Ehepaar – Abraham und Sara – ein Volk wird: Jakob und seine zwölf Söhne. Mit dieser Volkwerdung ist eine Beheimatung im Lande Kanaan verbunden: Abraham zieht aus von Ur in Mesopotamien, am Ende wird Jakob in Kanaan begraben. Jeder Abschnitt schließt mit dem Tod des Vaters und dem Begräbnis durch seine Söhne. Die religiös-theologische Kontinuität wird durch ein wiederkehrendes Element gesichert, die Verheißung. In jeder Generation verspricht Gott dem jeweiligen Helden persönlich und feierlich Volkwerdung, Landgabe, Beistand und Segen – ein Spannungsbogen, der am Ende als erfüllt gelten kann. Überraschend ist, dass die Erzählung nicht thematisiert, dass Gott mit seiner Verheißung die Geschichte


awakes from his dream and is extremely surprised: “Verily, the Lord is in this place, and I knew it not (verse 16).” Readers must decide for themselves whether Abraham and Isaac have neglected to tell Jacob about this promise, or whether God confirms the father’s and grandfather’s instructions. What is striking is that in a sense God Himself starts afresh with each generation—but does so in a way that is a continuation of previous history. It may be that generations are the backbone of history, but history requires more than just lineage and child rearing. That is the perspective of the patriarchal narrative. If one focuses on Moses, the story of the Exodus and the desert (Ex 1 through Deut 34) corresponds to this model. Moses must also—independently of his lineage— experience God through direct encounter (Ex 3), regardless of whether his parents have instructed him or not. The story of the Exodus offers a different perspective, however, in that it describes the whole nation of Israel’s experience with God. And here is the recurring motif: there is always the danger that a generation will forget what fundamentally characterizes it, and in doing so will fail to pass that on to the following generation. It is with the dramatic turning point of the Golden Calf (Ex 32-34) that the crucial event takes place that marks all coming generations, a mark that they as “Israel” can never again lose. They receive the Torah with all its commandments, endowing them with a cross-generational identity. This appears most strikingly in the so-called Children’s Catechism (Ex 12:26; Deut 6:20): “When thy son asketh thee in times to come…” A change has taken place: it is no longer God himself who issues the status of being chosen anew every generation, but rather God’s Word, which is passed on from generation to generation.

3. Generations between Covenant and Memory Scholarly analysis of the Tanakh examines the conditions surrounding its emergence and attempts to do this somewhat independently of its current place in the canon. According to recent research results, it appears that the narratives about Abraham, Isaac, and Jacob, on the one hand, and the story of Moses and the Exodus, on the other, emerged from approximately the same historical situation. Yet they represent two different ways of dealing with that situation. When the Assyrians conquered the Kingdom of Israel in 720 B.C.E., a massive break in tradition took place. Those who

seiner Erwählten begleitet. Die folgende Generation scheint die Geschichte der vorigen häufig nicht zu kennen. Als Beispiel diene Genesis 13,14-17 im Vergleich mit Genesis 28,13-15: Nur der Leser bemerkt, dass dem Enkel an derselben Stelle dasselbe widerfährt wie dem Großvater. In Genesis 28 erwacht Jakob von seinem Traum und ist äußerst überrascht: „Fürwahr, Adonaj ist an diesem Ort, und ich habe es nicht gewusst!“ (Gen 28,16). Ob nun Abraham oder Isaak versäumt haben, Jakob von dieser Verheißung zu erzählen, oder ob Gott die Unterweisung der Väter bestätigt, ist der Imagination der Leser überlassen. Entscheidend ist, dass Gott selbst mit jeder Generation gewissermaßen einen neuen Anfang macht, der jedoch eine Fortsetzung der vorigen Geschichte ist. Generationen mögen das Rückgrat der Geschichte sein, aber es braucht noch etwas mehr als Abstammung und Erziehung. Das ist die Perspektive der Vätergeschichte. Die Geschichte von Exodus und Wüste (Ex 1-Dtn 34) ist diesem Entwurf ähnlich, wenn man das Hauptaugenmerk auf Mose richtet. Auch Mose muss – unabhängig von seiner Abstammung – seine Erfahrung mit Gott in direkter Begegnung machen (Ex 3), ganz gleich, ob seine Eltern ihn unterwiesen haben oder nicht. Indes hat die Exodus-Geschichte noch eine andere Perspektive, insofern sie von der Erfahrung ganz Israels mit Gott erzählt. Und hier ist das wiederkehrende Motiv: Die Gefahr, dass eine Generation vergisst, was sie prägt und daher versäumt, es an die nächsten Generationen weiterzugeben. Hier – beim dramatischen Wendepunkt des Goldenen Kalbs (Ex 32-34) – kommt es zu einer Maßnahme, die allen nachkommenden Generationen den Stempel aufdrückt, den sie als „Israel“ nie mehr verlieren können: Die Tora mit allen Geboten, die generationenübergreifend Identität stiftet. Am sinnfälligsten wird dies in den sogenannten Kinderkatechesen (Ex 12,26; Dtn 6,20): „Wenn Dein Kind dich morgen fragt…“. Hier hat ein Wechsel stattgefunden: Nicht mehr Gott selbst schafft die Identität der Erwählung in jeder Generation neu, sondern Gottes Wort, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. 3. Generationen zwischen Verheißung und Erinnerung Die wissenschaftliche Analyse des Tanach fragt nach seinen Entstehungsbedingungen und versucht, dies ein Stück weit unabhängig von seiner gegenwärtigen Aneignung in den Religionen zu

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Literatur Björn Bohnenkamp et al. (Hg.): Generationen als Erzählung. Neue Perspektiven auf ein kulturelles Deutungsmuster. Göttingen 2009. Melanie Köhlmoos: Altes Testament. Tübingen 2011. Hanna Liss: Tanach. Lehrbuch der jüdischen Bibel. Heidelberg 2008. Hermann Spieckermann: „,Ein Vater vieler Völker‘. Die Verheißungen an Abraham im Alten Testament“. In: Reinhard G. Kratz/Tilman Nagel (Hg.): „Abraham, unser Vater“. Die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam. Göttingen 2003, S. 8-21.

escaped murder or deportation faced the great task of re-defining their identity. One group of survivors defined their identity above all in terms of their common lineage as the descendants of Abraham. They told the story of their origin so as to emphasize how the Word of God, freshly uttered for each generation, remained true to this people of common ancestry from one generation to the next. The other group, in contrast, emphasized the responsibility that each generation has to the following one, and focused on remembrance and instruction. The merging of these two histories into a larger, unified narrative was the result of a discussion between the two groups. They came to the conclusion that the two approaches were not mutually exclusive, but could make sense, because they are connected by their common origin. This one catastrophe compelled Israel to retain its identity in a way that has not been superseded to the present day. The promise must be remembered and, by upholding the commandments, updated. On the one hand, the generational chain of ancestry back to Abraham ensures the continuity of being the Chosen. On the other, the continual remembrance of the Torah, in the sense of “When thy son asketh thee in times to come,” ensures that every generation—be it the Generation of the Assyrians, the Generation of Exile, the Generation of the Shoah, or Generation Facebook—can become the Generation of the Exodus. Thus, tradition adds an additional notion to the various sociological generations, a generation in which home can be found. This notion is a reaction to a great crisis, one that refuses to accept a break in tradition as final. Melanie Köhlmoos is professor at the Johann-Wolfgang-GoetheUniversität Frankfurt, Department of Protestant Theology.

tun. Nach neueren Forschungsergebnissen sind die Erzählungen um Abraham, Isaak und Jakob einerseits und die Geschichte von Mose und dem Exodus andererseits zwar in etwa derselben historischen Situation geschuldet, aber gehen zunächst unterschiedlich damit um. Als das Königreich Israel im Jahr 720 v. d. Z. von den Assyrern erobert wurde, kam es zu einem massiven Traditionsbruch. Diejenigen, die nicht deportiert oder getötet worden waren, standen vor der Aufgabe, ihre Identität neu zu definieren. Eine Überlebendengruppe definierte ihre Identität vor allem als Abstammungsgemeinschaft von Abraham her und erzählte den Ursprung so, dass zur gemeinsamen Abstammung eben das immer neue Wort Gottes tritt, das sich über jeden Generationenwechsel hinweg treu bleibt. Die andere Gruppe dagegen betonte stärker die Verantwortung, die jede Generation für die nächste trägt und setzte auf Erinnerung und Unterweisung. Die Verbindung dieser beiden Erzählungen zu einem Gesamtentwurf ist das Ergebnis einer Diskussion beider Gruppen, die zu dem Schluss kommt, dass sich die beiden Entwürfe nicht ausschließen, sondern als Gesamterzählung Sinn ergeben können, weil der gemeinsame Ursprung das Bindeglied ist. Diese eine Katastrophe zwang Israel zum Festhalten an seiner Identität in einer Weise, die bis heute uneinholbar wirkt. Verheißung muss erinnert und im Tun der Gebote Gegenwart werden. Einerseits sichert die generationelle Abstammung von Abraham die Kontinuität der Erwählung. Andererseits sorgt die ständige Erinnerung der Tora im Sinne des „Wenn dein Kind dich morgen fragt“ dafür, dass jede Generation – sei sie Generation Assyrien, Generation Exil, Generation Schoa oder Generation Facebook – zur Generation Exodus werden kann. So addiert die Tradition den unterschiedlichen soziologischen Generationen eine weitere hinzu, in der Heimat gefunden wird. Sie ist eine Reaktion auf eine große Krise, die sich geweigert hat, einen Traditionsabbruch für endgültig zu halten. Melanie Köhlmoos ist Professorin an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt im Fachbereich Evangelische Theologie.

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Jewishness: The Problem of Proof Jüdischsein nachweisen: ein Problem

Rabbi Seth Farber

Der große spanische Rabbiner Solomon Ibn Aderet sah sich im späten 13. Jahrhundert in eine vertrackte Lage gebracht. Ein langjähriges Mitglied seiner Gemeinde, als Jugendlicher nach Spanien eingewandert, fragte ihn: „Wie kann ich wissen, dass ich Jude bin?“ Es gelang Ibn Aderet, die Zweifel des Mannes zu zerstreuen, doch in ihrer Substanz ist diese Frage im Judentum bis heute präsent geblieben. Seit der Rabbinischen Zeit grübeln Juden darüber nach, wie sich die Zugehörigkeit zu dem, was als „der Stamm“ bezeichnet wird, belegen lässt. In traditionellen Gesellschaften nahmen jüdische Gemeinden in der Regel jeden auf, der sich selbst als Juden bezeichnete. Nur selten, wie im Litauen des 19. Jahrhunderts, erließen anwachsende Gemeinden Vorschriften, die einen Nachweis über den Status „Jüdisch“ verlangten. In den letzten Jahren ist die Frage nach einem solchen Nachweis in der jüdischen Öffentlichkeit einmal mehr in den Vordergrund gerückt. Die Migration – vor allem die massenhafte Auswanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland, Israel und in die USA – hat das Bedürfnis nach „Beweisen“ wachsen lassen. Wer heute seine „Rechte“ als Jude geltend machen will, muss Referenzen vorlegen – zum Beispiel bei einer Alija. Aber auch, wer in Israel heute jüdisch heiraten möchte, kann dies nur beim orthodoxen Rabbinat tun, wo beide Partner nachweisen müssen, dass sie jüdisch sind. Selbst Studenten, die sich um die Israel-Stipendien der Organisationen Birthright oder Masa bewerben wollen1, müssen ihre jüdische Herkunft belegen. Im Vergleich zu Ibn Aderets Aufgabe, bei der es um die persönlich-theologische Frage eines Einzelnen ging, steht die jüdische Gemeinschaft angesichts der Vielfalt und Vielschichtigkeit des heutigen jüdischen Lebens vor einem viel größeren Problem. Meine persönlichen Erfahrungen mit dieser Herausforderung stammen von meiner Zusammenarbeit mit der israelischen Regierung, wenn sich Menschen an die von mir gegründete Organisation ITIM wenden. Das „Informationszentrum für Jüdisches Leben“ hat schon Hunderten dabei geholfen, ihr Jüdischsein zu „beweisen“, um gemäß dem Rückkehrgesetz nach Israel einzuwandern oder um hier zu heiraten. Viele dutzend Male habe ich Rechtsentscheiden beigewohnt, die den jüdischen Antragstellern abverlangten, an einer Mikwe-Zeremonie teilzunehmen, weil die israelischen Behörden „sicher gehen wollen“. Ein solches „Tauchbad zur Prüfung des Jüdischseins“ hat als juristische Kategorie bis vor Kurzem noch nicht existiert. Dass Individuen eine Quasi-Konversion durchlaufen müssen, um ihr Jüdischsein zu beweisen, wirft ein Schlaglicht auf die Debatte um Identität und Tradition 1 Birthright bietet für junge jüdische Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren zehntägige Bildungsreisen nach Israel an. Masa ermöglicht jungen Jüdinnen und Juden ein Studiensemester oder -jahr in Israel.

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Spanish rabbinical authority Solomon Ibn Aderet was confronted with a quandary in the late thirteenth century. A longtime member of his community, who had immigrated to Spain in his youth, asked him: “How do I know that I am Jewish?” Ibn Aderet was able to allay the man’s fears, but the substance of his question has never really left the Jewish stage. Since rabbinic times, Jews have vacillated on how to verify status within what has become known as “the tribe.” In traditional societies, Jewish communities generally accepted those claiming to be Jewish into their ranks, though at times, such as in nineteenthcentury Lithuania, emerging communities instituted ordinances that demanded documentation of Jewish status. In recent years, the question of proving Jewishness has once again risen to the surface in Jewish public life. Immigration—particularly the mass movement of Jews from the Former Soviet Union to Germany, the United States, and Israel—has increased the need for “proof.” Bona fides must be presented to claim one’s “rights” as a Jew (for example, in order to make aliyah). In Israel today, by law Jews can only marry Jews through the orthodox rabbinate, and in order to wed one must prove his or her Jewishness. Even students applying for Birthright,1 or Masa, trips to Israel must demonstrate their Jewish ancestry in order to be eligible. Unlike Ibn Aderet’s question, which was relatively simple as the individual was asking a personal-theological question, the diversity and complexity of contemporary Jewish life presents the modern Jewish community with a genuine problem. My personal encounters with this challenge stem from working with the Israeli government when individuals turn to the organization I founded. ITIM, The Jewish Life Information Center, has helped hundreds of individuals “prove” their Jewishness in order to immigrate to Israel through the Law of Return or to marry. I have been party to dozens of legal decisions that require individuals, who were born Jewish, to take part in a mikvah ceremony, because Israeli authorities “just want to be sure.” “Immersion for purposes of Jewishness” is a legal category that did not exist until recently. That individuals must go through a quasi-conver1 Birthright offers a ten-day educational trip to Israel for Jewish adults between the ages of 18 to 26. Masa enables young Jewish adults to study a semester or year in Israel.


im heutigen jüdischen Leben und läuft letztlich auf die Frage hinaus: Wie kann man beweisen, dass man jüdisch ist? Einer der aktuellen Fälle von ITIM mag das Ausmaß dieser Herausforderung verdeutlichen. Unser Klient ist ein Mann aus der früheren Sowjetunion mit einem starken jüdischen Identitätsgefühl und Verbindungen zu einer eingesessenen jüdischen Gemeinde. Er brachte sogar ein Schreiben von einem bekannten orthodoxen Rabbiner aus seiner alten Heimat mit nach Israel, der ihm bestätigte, dass er Jude sei. Unter der kommunistischen Herrschaft hatte die Familie dieses Mannes am jüdischen Gemeindeleben teilgenommen und war wegen ihrer jüdischen Identität verfolgt worden. Das rabbinische System in Israel verlangt von Heiratswilligen, dass sie ihre jüdische Identität vor einem Rabbinatsgericht „beweisen“. Es geht also davon aus, dass Menschen, die sich als jüdisch ausgeben, es nicht unbedingt sein müssen. Im Fall dieses Mannes ist keine Geburtsurkunde der Mutter vorhanden, und somit gelten seine Ausweisdokumente als unzureichend. Das Büro des Oberrabbiners von Israel bestätigte dem Mann sein Jüdischsein aufgrund des von dem orthodoxen Rabbiner ausgestellten Zeugnisses. Doch ehe dieses Schreiben eintraf, war der Mann vor das Rabbinatsgericht getreten, und dieses war bei der Untersuchung seiner Dokumente zum gegenteiligen Ergebnis gekommen! ITIM hat nun Berufung eingelegt, um klären zu lassen, was Vorrang hat: die Familiengeschichte oder die Familienpapiere. Doch selbst wenn das Gericht entscheiden würde, dass nur offizielle Dokumente Beweiskraft haben – womit ernstlich infrage stünde, dass unser Klient Jude ist –, müsste immer noch bestimmt werden, welche Dokumente zu diesem Zweck aussagekräftig sind. Denn auf Papiere ist nicht unbedingt Verlass. Ein Dokument kann für eine Behörde Beweiskraft haben und für eine andere nicht. Bei Einwanderern aus westlichen Ländern zum Beispiel besteht die Jewish Agency fast immer auf einem Schreiben eines Gemeinderabbiners, der den Immigranten ihre jüdische Identität bestätigt. Derartige Schreiben sind jedoch in der früheren Sowjetunion unüblich, weshalb für Alija-Aspiranten aus dem Osten Geburtsurkunden und ähnliche Dokumente eine viel höhere Bedeutung haben, wenn es zu „beweisen“ gilt, dass man jüdisch ist. Geht es allerdings um Heirat, lässt das israelische Rabbinat die Beglaubigungsschreiben der meisten Rabbiner nicht gelten und neigt immer mehr dazu, nur Dokumente von anerkannten Rabbinatsgerichten zu akzeptieren. Kürzlich rief mich eine Amerikanerin an, weil ihre Tochter mit einem Mann in Israel liiert ist. Weder die Mutter noch die Tochter noch die Großmutter ist orthodox. Die Frau machte sich Sorgen, dass ihre Tochter

sion to prove their Jewishness highlights questions of identity and Jewish tradition in contemporary Jewish life, and ultimately asks: how do you prove you are Jewish? One of ITIM’s current cases highlights the challenges of proof today. Our client is a man from the former Soviet Union with a strong sense of Jewish identity and connections with an established Jewish community. In fact, he brought a letter with him to Israel from a local and well-known orthodox rabbi that testified to his Jewishness. During the Communist regime, the individual‘s family was connected to Jewish life, persecuted for being Jewish and had participated in organized Jewish activities and rituals. The Israeli rabbinic system demands that an individual seeking marriage “prove” his or her Jewishness in a rabbinical court and operates under the assumption that those who claim to be Jewish may not actually be so. In this man’s case, there are no extant birth records for the maternal line, leaving the documentation inconclusive. The Office of the Chief Rabbi of Israel wrote a letter stating the man was certified as Jewish based on the testimony of the local orthodox rabbi. But before the letter was received, the individual had gone to the rabbinical courts, which investigated the documentation and came to the opposite conclusion! ITIM has appealed to the Supreme Rabbinical Court to determine which takes precedence: family history or family documentation. Yet even if the court rules that proof relies on official documents, which would throw our client’s Jewishness into serious question, it must still be determined which documents are relevant to this end. And relying on documentation is, at best, an inexact science. One document could be relevant for one office and not for another. For example, in situations where an individual immigrates to Israel from the West, the Jewish Agency almost always insists on a letter from a community rabbi certifying the individual’s Jewishness. Even proof that relatives were buried in a Jewish cemetery is considered insufficient. Such letters, in general, are almost non-existent in the former Soviet Union however, and thus birth certificates and similar documents are much more central to “proving” Jewishness for those making aliyah from the East. Yet the Israeli rabbinate does not accept letters of Jewishness (for

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in Israel nicht heiraten dürfte. Sie schickte mir einen Familienstammbaum mit den Daten der Hochzeiten und der Emigration aus Russland nach Nordamerika. Dass ihre Mutter in einer jüdischen Zeremonie geheiratet hatte und sie die Ketubba, den Ehevertrag ihrer Eltern, vorlegen konnte, wären normalerweise wichtige Beweismittel für ihre jüdische Identität. Aber nach meiner Erfahrung schaut sich das Rabbinat die Dokumente genau an. Es könnte dabei feststellen, dass der Rabbiner nicht orthodox war und behaupten, die Nachweise seien unzureichend. Ich schlug stattdessen vor, die Hochzeitsurkunde der Urgroßmutter ausfindig zu machen. Ein ITIM-Mitarbeiter in New York durchsuchte die Amtsarchive aus den 1920er Jahren und fand das Dokument, in dem der Name des amtierenden Rabbiners aufgeführt war. Ich konnte somit eindeutig belegen, dass die Urgroßmutter in einer jüdisch-religiösen Zeremonie geheiratet hatte. Dennoch machte ich mir weiter Sorgen. Denn obwohl die Frau sich sicher war, dass ihre Großeltern die Ehe nach orthodoxem Ritus geschlossen hatten, war der Rabbiner auf der Urkunde nicht-orthodox und würde deshalb für das Rabbinat nicht von zwingender Beweiskraft sein. Schließlich begannen wir Volkszählungsregister zu durchforsten. In den Zensus-Akten von 1910 waren die Urgroßeltern aufgeführt mit dem Vermerk, dass sie jiddisch sprachen. Ironischerweise war es dieser Umstand und nicht der Nachweis über die jüdische Hochzeitszeremonie, der es dem Rabbinat erlaubte, ihre jüdische Identität zu bestätigen und die Tochter der Frau in Israel heiraten zu lassen. Diese Anekdoten veranschaulichen, dass es im Wesentlichen vier Wege gibt, um zu beweisen, dass man Jude ist. Der erste besteht in einer kontinuierlichen Familien- oder Gemeindetradition. Dies war der „Standard-Beweis“ in traditionellen Gemeinschaften, doch in der offenen Gesellschaft bedürfen solche Kontinuitäten oft einer zusätzlichen Bestätigung. Manche Behörde vertraut dem Urteil eines Gemeinderabbiners, wenn es um die Prüfung einer jüdischen Familientradition geht, anderen reicht eine derartige Beglaubigung nicht aus. Ein zweites Beweisverfahren beruht auf „jüdischen“ Dokumenten wie Ketubbas, Fotos von Grabsteinen oder sogar Fotos von Familienmitgliedern bei jüdischen Festen oder Zeremonien. In einigen Fällen hat ITIM jüdische Kultgegenstände, die über Generationen vererbt worden waren, als Identitätsnachweis verwendet. Solche Dokumente wirken gemeinhin zwingend, manchmal aber lässt die Behörde sich auch davon nicht überzeugen und diskreditiert die Gemeinden selbst, in denen die Antragsteller ihre jüdische Identität ausgeprägt haben. Besonders oft betrifft dies die jüdische Gemeinschaft Nordamerikas, wo die Mehrheit der Juden entweder ganz ohne konfessionelle Bindung ist oder nicht-ortho-

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purposes of marriage) from most rabbis and there is an increasing tendency to rely only on recognized rabbinical courts from the area. A woman recently called me because her daughter is dating someone in Israel. Neither mother, nor daughter, nor grandmother is orthodox. As such, she was concerned that her daughter would not be able to marry in Israel. She sent me a family tree, including the dates of marriages and immigration from Russia to North America. That her mother had been married in a Jewish ceremony, and that she had her parent’s ketubah would normally be significant factors in proving Jewishness. My experience has shown though that the rabbinate would “look into” the documents, identify the rabbi as non-orthodox, and claim that the documentation was insufficient. Instead, I suggested we try to find the greatgrandmother’s marriage certificate. An ITIM volunteer in New York searched public records from the 1920s and found the certificate. New York State marriage certificates include the officiating rabbi’s name, and I was able to ascertain that the great-grandmother had married in a Jewish religious ceremony. Even then I was still concerned, because although the woman was certain that her grandparents had married in an orthodox ceremony, the rabbi on the certificate was non-orthodox, and as such would not be compelling evidence for the rabbinate. Finally, we began searching public census records. The census documents from 1910 included the great-grandparents and illustrated that they spoke Yiddish. Ironically, it was this factor, and not that they could demonstrate their commitment to being married in a Jewish ceremony, that ultimately allowed the rabbinate to certify their Jewishness and allow the woman’s daughter to be married. These anecdotes illustrate that there are essentially four ways to “prove” Jewishness. The first is by a direct family or community tradition. This was the “standard” way of proving Jewishness in the traditional community, but in open society, such traditions often need to be substantiated. Some authorities rely on a local rabbi to bolster a claim of Jewish family tradition, but others find such certification insufficient. A second method of proving Jewishness is with “Jewish” documentation such as ketubahs, pictures of gravestones or even


Hochzeitsring für eine jüdische Trauzeremonie, 19. Jahrhundert. Wedding ring for a Jewish marriage ceremony, 19th century.

doxen Gemeinden angehört. Ihre Dokumente reichen vielleicht für ein Stipendium bei Masa aus, vielleicht sogar für die Alija, doch das Rabbinat wird diese „jüdischen Papiere“ wahrscheinlich zurückweisen, da sie eben nicht orthodox sind. Ein weiterer Weg zum Beweis des Jüdischseins sind „objektive“ Dokumente wie Geburtsurkunden, Parteibücher, Einwanderungsakten und Pässe. Ihnen messen die Behörden oft besonders hohes Gewicht bei, selbst wenn sie Jahrzehnte zuvor ein Produkt von Beamtenwillkür waren. Darhinter steht die Annahme: Wenn jemand zu einer Zeit darauf Wert gelegt hat, sein Jüdischsein aktenkundig zu machen, als dies entweder unerheblich war oder sogar negative Konsequenzen hatte, dann muss die Angabe korrekt sein. Schließlich kann man noch versuchen, durch Zeugen beteuern zu lassen, dass man jüdisch ist. Doch hier sind die israelischen religiösen Autoritäten besonders misstrauisch, weil stets ein Verdacht der Unehrlichkeit bestehen bleibt. Die Frage des Nachweises des Jüdischseins ist und bleibt problematisch – auf der persönlichen Ebene im 13. wie auf internationaler Ebene im 21. Jahrhundert. Und es ist paradox: In vergangenen Zeiten, als eine jüdische Identität vielfach als Straftatbestand behandelt wurde, war es ziemlich leicht, seine Zugehörigkeit zu beweisen. Heute, da es global betrachtet relativ gut ist, Jude zu sein, ist der Nachweis ungleich schwerer zu erbringen. Rabbiner Seth Farber ist Gründer und Direktor von ITIM, The Jewish Life Information Center. Die Jerusalemer NGO gibt Informationen und Anleitungen zu Abläufen des religiösen jüdischen Alltagslebens und unterstützt Menschen, die bürokratischen Hürden der israelischen religiösen Behörden bei Einwanderung, Konversion oder Heirat zu überwinden.

pictures of family members participating in organized Jewish life. In a number of cases, ITIM has used Jewish cultural items that were passed down through the generations to demonstrate Jewishness. While this documentation is generally very compelling, it is sometimes unconvincing, as the authorities in question may disparage the very same Jewish communities in which the individuals forged their Jewish identities. This is particularly true of the North American Jewish community, where the majority of Jews have either no denominational affiliation or are affiliated with non-orthodox communities. Their documentation may enable them to register for Masa or perhaps even to make aliyah, but the rabbinate will likely not accept the “Jewish documentation” because it is not orthodox. A third way of proving Jewishness is through “objective” documents. These documents, including birth records, political party memberships, immigration records and passports are often the most compelling to authorities, even though they rely on the “good will” of clerks from decades ago. The assumption being that if someone bothered to record his or her Jewishness at a time when doing so was either considered neutral or negative, then it must accurately relay the status. Finally, one can try to provide the testimony of witnesses to verify Jewishness. This is eyed with the most suspicion by Israeli religious authorities, as there is always a fear of dishonesty. The issue of proving Jewishness remains as problematic as ever—from a personal level in the thirteenth century to an international level in the twenty-first. It is a paradoxical issue as well: in eras past, when it was often a liability to be Jewish, it was relatively easy to prove one’s affiliation. Today, it is relatively good to be Jewish on the global scene…and much harder to prove it. Rabbi Seth Farber is founder and director of ITIM, The Jewish Life Information Center. The Jerusalem-based non-profit organization provides information and guidance on religious everyday life. It also supports individuals to overcome bureaucratic obstacles imposed by the Israeli religious establishment in case of a conversion, immigration or marriage.

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The End of All Our Exploring … Am Ende all unseres Forschens ...

Pamela Weisberger

„Ich fand die Welt nicht öde vor, als ich in sie kam. So wie meine Ahnen für mich pflanzten, ehe ich geboren wurde, so pflanze ich für jene, die nach mir kommen werden.“ Diese Verse aus dem Talmud scheinen von Feldfrüchten zu handeln, von Fülle und Großzügigkeit. Genealogen sehen darin eine tiefere Bedeutung. Die Herkunft aller Menschen, ein Gewirr ineinander verwundener Äste und Zweige, das bis in uralte Zeiten zurückreicht, läuft an einem Punkt zusammen: in der wundersamen Existenz des Einzelnen. Ein Stecknadelpunkt auf einer spirituellen Google-Karte der Menschheitsfamilie. Und von diesem Punkt aus ziehen unsere Leben ihre Kreise, so wie die Saat- und Erntezyklen, noch viele Generationen lang. Genealogen sind unerschrockene Entdecker, die sich in die unerforschten Gefilde familiärer Beziehungen wagen, um Zusammenhänge aufzuspüren. Denn das meiste unserer Geschichten war lange unbekannt. Doch unerforschbar? Keineswegs. Jedenfalls nicht im 21. Jahrhundert. Im 4. Buch Mose erfassen die Stämme Israels noch alle, die ihnen angehören, bevor sie sich auf ihre jahrelange Wanderschaft begeben. Doch als unsere Vorfahren sich über die Kontinente zerstreuten, gingen Bindungen verloren und wurden Abstammungslinien unterbrochen. Infolge der Diaspora und der Ersetzung von Vaternamen durch Nachnamen wurde die Aufstellung eines Familienstammbaus in modernen Zeiten zu einer mühseligen Angelegenheit. Man konnte ungarische Großeltern mit deutschen Namen haben, die aus der österreichischen Provinz Galizien stammten. Sephardische Vorfahren aus Spanien oder Portugal hatten auf ihrem Weg nach Deutschland oder Polen vielleicht in Amsterdam Station gemacht. Und was war mit all jenen, die im russischen Ansiedlungsrayon lebten, manche mit russifizierten Namen, manche mit deutschen? Einmal in Amerika (oder England) angekommen, passten viele Juden ihre Namen an, so wie Juden, die eine Alija machten, ihre Namen hebräisierten. Und selbst wenn es einem vergönnt war, die Nachnamen von Vorfahren zu kennen, konnte man an der Herausforderung verzweifeln, die Stadt oder das Schtetl ausfindig zu machen, aus dem sie emigriert waren. Und die verstreuten Familienzweige an exotischen Orten wie der Türkei, Schanghai, Rhodos oder Brasilien? Die unbegrenzten Möglichkeiten bei der Spurensuche ließen die meisten angehenden Ahnenforscher wieder aufgeben, ehe sie richtig begonnen hatten. Wenn man nicht einer berühmten Rabbiner-, Bankiersoder Kaufmannsfamilie entstammte oder das Glück hatte, auf einen über Generationen gepflegten Jichus-Brief (eine Stammbaum-Schriftrolle) zu stoßen, galt es vor dem Internetzeitalter als nahezu unmöglich, die eigenen Wurzeln aufzuspüren. Auch wenn die Legende nicht stimmt, dass „alle jüdischen Dokumente zerstört wurden“,

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“I did not find the world desolate when I entered it. As my ancestors planted for me before I was born so do I plant for those who will come after me.” This verse from the Talmud appears to be about crops, bounty and generosity, but genealogists divine a deeper meaning. Everyone’s lineage, a panoply of over-arching branches reaching back to ancient times, converges at a single point—the miraculous existence of one human being. A pushpin dot on a spiritual Google map of the family of man. And from this dot, our lives radiate outwards, like so many crop circles, for generations to come. Genealogists are intrepid explorers venturing into the uncharted territories of familial relationships to make sense of this vast “unknown,” because much of our histories were unknown for so long. But unknowable? Absolutely not. At least not in the twenty-first century. In The Book of Numbers the tribes of Israel account for their members before their years of wandering. Yet once our ancestors spread across continents, ties were lost and lineages disrupted. As a result of the Diaspora, and the acquisition of surnames to replace patronymics, constructing a family tree in modern times became an arduous task. One could have Hungarian grandparents, with Germanic names, who originated in the Austrian province of Galicia. Sephardic ancestors from Spain or Portugal might have passed through Amsterdam on their way to Germany and Poland. And what about all those living in the Pale of Settlement, some with Russified names, others with Germanic? Once in America (or England) many Jews “modified” their names, just as Jews making aliyah would Hebraicize them. Even if you were fortunate to know your relatives’ surnames, identifying which shtetl or town they emigrated from seemed daunting. And what about scattered branches in exotic locales like Turkey, Shanghai, Rhodes or Brazil? These boundless possibilities when it came to tracing generations made most budding researchers quit before they began. Unless one descended from a famous rabbinic, banking or merchant family, or had the luck to discover a yichus brief (pedigree scroll) handed down through the generations, investigating one’s roots before the Internet age was thought to be


Aus der Chronik der Familie Morgenthau, Schenkung. From the Morgenthau family chronicle, gift.

waren sie doch größtenteils unzugänglich – abgeschirmt in den Archiven der Länder hinter dem Eisernen Vorhang, wo viele jüdische Familiengeschichten ihren Anfang genommen haben. Seit den 1930er Jahren jedoch hat die mormonische Kirche riesige Mengen jüdischer Dokumente auf Mikrofilm abgelichtet, auch in den kommunistischen Staaten. Der anhaltenden Kontroverse darüber zum Trotz, wie die „Heiligen der Letzten Tage“ diese Daten verwenden, zeugt der Fakt, dass es ihnen gelang, jüdische Geschichte zu dokumentieren, als niemand sonst es auch nur versuchte, vom festen Glauben, dass die Juden eines Tages ein ebensolches Interesse an Ahnenforschung entwickeln würden wie sie selbst – wenn auch aus anderen Motiven. Doch was war der Auslöser, der entscheidende Moment, von dem an viele Juden den Drang verspürten, herauszufinden, woher sie kamen? Die meisten Genealogen verweisen auf die Ausstrahlung der US-Fernsehserie Roots im Jahr 1977. Basierend auf Alex Haleys wegweisendem historischen Roman geht sie der Geschichte eines Vorfahren von Haley nach, der 1750 aus Gambia als Sklave nach Nordamerika verschleppt wurde. Haley zeigte, dass es möglich war, eine fast nur mündlich überlieferte afroamerikanische Familiengeschichte über sieben Generationen zurückzuverfolgen, wenn man hartnäckig genug forschte. Juden konnten sich mit der Geschichte eines Volks identifizieren, das seiner Namen und Identitäten beraubt worden war. Auch sie waren Fremde in fremden Ländern gewesen. Nun bewies ihnen dieses faszinierende Stück Unterhaltung, dass man mit Beharrlichkeit alles herausfinden konnte. Auch wenn Roots der Funke war, um jene zu entflammen, die Zeit und Kraft erübrigten, um Bibliotheken und Archive zu durchforsten und die ersten jüdischen genealogischen (im Gegensatz zu historischen) Gesellschaften zu gründen, wo sie sich mit Gleichgesinnten trafen und Forschungsmethoden diskutierten, machte die Sache vorerst nur langsam Fortschritte. Doch 1985, im Morgengrauen des Computerzeitalters, gründete die Visionärin Susan E. King das Forum JewishGen im gerade erst eingerichteten Mailboxnetz FidoNet. 27 Jahre später ist JewishGen zur wichtigsten Referenz für jüdische Ahnenforscher geworden. Mit dem Auftauchen dieser Online-Diskussionsgruppen waren die Forscher nicht mehr auf persönliche Treffen, Briefe oder Telefonate angewiesen. Über die Cyber-Verbindung konnten sie Informationen binnen Sekunden austauschen, nicht mit tage- oder wochenlanger Verzögerung. Die Ahnenforscher waren die wahren Pioniere des social networking, und was sie austauschten, waren keine Spielergebnisse oder Fotos von ihrem letzten Abendessen, sondern genealogische Durchbrüche oder neu erschlossene Quellen. Stellt man heute auf diesen Seiten eine Such- oder Übersetzungsanfrage,

impossible. Although the common myth that “all the Jewish records were destroyed” was untrue, the records were, for the most part, inaccessible, held in guarded archives in the Iron Curtain countries where many Jews traced their beginnings. But starting in the 1930s and continuing to this day, the Mormon Church had microfilmed huge numbers of Jewish metrical records, including those in communist countries. Despite the continuing controversy over their use by the Latter Day Saints, the fact that they were able to document Jewish history at a time when no one else was trying was a kind of act of faith that one day Jews might develop the same intense interest in genealogical research as they had— albeit for different reasons. But what was the catalyst…the defining moment when many Jews felt the calling to discover from whence they came? Most genealogists point to the 1977 broadcast of the U.S. television mini-series, Roots, based on Alex Haley’s groundbreaking historical novel. It traced the story of Haley’s ancestor, captured in Gambia in 1750 and brought to America as a slave. Haley showed that it was possible to trace back seven generations of one African-American family with little more than an oral history, if one became a serious researcher. Jews related to the story of a people whose names and identities had been stolen from them. They too had been strangers in strange lands. This compelling entertainment showed that with perseverance everything could be illuminated. Although Roots was the spark igniting those with time and energy to visit libraries and archives and organize the first Jewish genealogical (as opposed to “historical”) societies, where like-minded people could gather to discuss research techniques, progress was still slow. But in 1985, at the dawning of the computer age, the visionary, Susan E. King, founded JewishGen as a message area on the primitive Fidonet bulletin board. Twentyseven years later, it has become the premier resource for Jewish genealogists. When the JewishGen online discussion groups appeared on the scene, researchers were no longer limited to in-person meetings, letters and phone calls. They were cyber-connected with information exchanged in seconds, not days or weeks.

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so bekommt man innerhalb von Minuten Antwort von Experten aus aller Welt; und Minuten ist nicht übertrieben. Zu jeder Tages- und Nachtzeit sitzt irgendwo jemand am Rechner und lauert auf möglichst schwierige Herausforderungen. Niemand liebt unlösbar scheinende Rätsel so sehr wie ein Ahnenforscher. Wie Edward Foster sagte: „Tritt einfach in Verbindung“ und „Lebe nicht länger in Bruchstücken“. Für viele Juden, deren Leben zersplittert war und die große Teile davon an die Geschichte – oder Katastrophe – verloren glaubten, ist jetzt die Zeit gekommen, um die Fragmente zu einem Ganzen zusammenzusetzen. In den letzten Jahren sind umfangreiche OnlineDatenbanken, Suchmaschinen und Verzeichnisse entstanden, zumeist erstellt von engagierten Amateuren, die als genealogische Reporter arbeiten. Diese Datenbanken eröffnen uns bei der Suche nach unsern Wurzeln, wer lebte, starb, heiratete, sich scheiden ließ, was für Namen, Nachnamen, Berufe unsere Vorfahren hatten, seit wann (vom 18. Jahrhundert an) sie sich wo befanden (in einem osteuropäischen Schtetl, in Palästina, in den deutschsprachigen Gebieten), warum sie flohen (sozio-ökonomischer Druck, die Schoa) und wie man sie ausfindig machen kann (DNA-Analysen, Archivforschung, Reisen). Was einst so gut wie unmöglich war, ist heute zu einer beinahe absurd leichten Aufgabe geworden. Doch ist dieses verführerische, besessen machende Hobby für jeden geeignet? Sollte es als Gelehrtentätigkeit verstanden werden? Als investigativer Journalismus? Als Berufung? Der bekannte Autor, Talmudist und Magier Arthur Kurzweil erklärt in seinem Standardwerk zur jüdischen Ahnenforschung: „Die Genealogie ist mehr als Namen und Daten in einem Schaubild. Sie ist mehr als rührselige Geschichten aus der guten (oder schlimmen) alten Zeit. Sie zielt weder darauf ab, durch das Auffinden berühmter Vorfahren Prestige zu gewinnen, noch darauf, Mauern zwischen Menschen zu errichten. Für mich ist die Genealogie eine spirituelle Pilgerreise.“ Das ist ein Konzept, auf das sich Ahnenforscher gut verständigen können. Die meisten von uns glauben, dass wir genetisch eine Neugier auf alles in uns tragen, und deshalb finden wir uns in Kurzweils Worten so gerne wieder. Und darin, liebe Leserinnen und Leser, liegt auch das Geheimnis: Die Genealogie ist definitiv eine der dankbarsten und befriedigendsten Aufgaben, die man sich im Leben stellen kann – egal, ob Sie nun die Guten und Glänzenden oder die Bösen und Rücksichtslosen unter jenen aufspüren, die so viele Generationen zuvor zu Ihrem Nutzen gepflanzt haben. Welche Sternstunden sie auch gefeiert oder Tragödien sie erlitten haben, sie alle sind es wert, uns bekannt zu sein. Und im Jahr 2012 liegt das Unerforschbare in Reichweite eines jeden, der über einen Computer, ein gewisses Gespür und einen Hang zum logischen Denken verfügt.

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Genealogists were the true pioneers of social networking, and it was not to post game results or a photo of what you had for dinner, but to share a genealogical breakthrough or new resource. Today if you post a research request or translation query on these lists, within minutes you will receive a reply from experts around the world. And “minutes” is not an exaggeration. At any hour of the day or night someone is at his or her computer, lying in wait for your most difficult, challenging request. No one loves an unsolvable mystery as much as a genealogist. As Edward Forster said: “Only connect” and “Live in fragments no longer.” For many Jews, whose lives were fragmented, with huge chunks lost to history—or tragedy—now is the time to turn the fragments into a whole. Recent years have seen the advent of online databases, search engines, and indexes—most of which were created by zealous volunteers, acting as genealogical reporters. These databases show us who (lived, died, married, divorced) what (given names, surnames, professions) when (eighteenth century onwards) where (Eastern European shtetls, Palestine, Germanic lands) why (the pressing socio-economic issues, the Shoah), and how (DNA testing, archival research, travel) of tracing one’s roots. What was once almost impossible has become an (almost) absurdly easy pursuit. But is this tantalizing, obsessive hobby for everybody? Should it be classified as scholarly research? Investigative reporting? A calling? Noted author, Talmudist and magician, Arthur Kurzweil, explains in his seminal work on Jewish genealogy, From Generation to Generation, “Genealogy is more than names and dates on a chart. It is more than sentimental stories about the good old (or bad old) days. It is not an effort to gain status by discovering illustrious ancestors. Nor is it an effort to build walls between people. For me genealogy is a spiritual pilgrimage.” Now there is a concept genealogists can wrap their heads around. Most of us suspect that we were born with the gene to be curious about everything under the sun and we relate to what Kurzweil feels so deeply. And this, dear readers, is the secret. Genealogy is ultimately one of the most satisfying and rewarding pursuits you will ever undertake—whether you find the good and


Doch wie gehen Sie vor, wenn Sie sich als blutiger Anfänger an das machen wollen, was Jonathan Safran Foer „eine unnachgiebige Suche“ nannte? Websites zur Ahnenforschung, speziell zur jüdischen, werden Ihnen die beste Anleitung geben. Google wird Sie mit der Menge an Suchergebnissen peinigen, die Ihre familiären Schlüsselwörter erbringen. Die genealogischen Gesellschaften bieten Monatsprogramme an, und das Internationale Symposium zur jüdischen Ahnenforschung findet jedes Jahr an einem anderen Ort statt. Vielleicht werden Sie sich in den muffigen Lagerräumen eines ausländischen Archivs verlieren oder einen Friedhof abschreiten und alles aufzeichnen. Aber vernachlässigen Sie auch nicht die noch lebende Verwandtschaft! Wie Daniel Mendelsohn in „Die Verlorenen: Eine Suche nach sechs von sechs Millionen“ schreibt: „Wenn ein Mensch gestorben ist, spielt es keine Rolle, ob es 12 Jahre oder 12 Minuten her ist, dass wir ihn gekannt haben, eine

illustrious, or the bad and wanton, among those who planted for your benefit so many generations ago. Whatever their stellar heights they achieved or tragedies they endured, they are all worth knowing. And in 2012 the unknowable is now within reach of anyone with a computer, a clever sensibility and a love of logic. But what if you are an absolute beginner and want to commence what Jonathan Safran Foer called “a very rigid search?” Online websites devoted to genealogy, and those specifically focusing on Jewish research, will be your best guides. Google will tantalize you with the results your familial keywords bring up. Genealogical societies hold monthly programs and the International Conference on Jewish Genealogy takes place in a different locale annually. Perhaps you will lose yourself in the musty

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Websites to get you started:

www.FamilySearch.org

Websites zum Loslegen:

www.yadvashem.org www.Ancestry.com

Sekunde oder ein Jahrhundert. Am nächsten können wir ihm kommen, indem wir diejenigen kennenlernen, die ihm nah waren. Dann fangen diejenigen, die ihm nah waren, an zu sterben, und entsprechend weiter entfernen wir uns.“ Holen Sie ihr Notizbuch heraus, schalten Sie Ihre Videokamera ein. Bald sind Sie süchtig, für den Rest Ihres Lebens. Ahnenforschung ist hochgradig ansteckend. Und mit jedem Tag werden es mehr Verbindungen, die diese Berufung stiftet. So wie es in der Hatikva heißt: „Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt ... solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die Hoffnung, zweitausend Jahre alt.“ Ein Teil dieser Hoffnung ist, dass die Generationen wieder miteinander in Kontakt treten. Nicht nur auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit, sondern ebenso nach der eigenen Zukunft – nach jenen Cousinen und Cousins dritten oder vierten Grades, die in alle Welt verstreut und doch durch einen geteilten Stammbaum mit uns verknüpft sind. Sie können uns Geschichten erzählen. Vielleicht erkennen wir unser Gesicht in ihren Gesichtern wieder. Vielleicht können wir an die Geburtsorte derer zurückkehren, die vor Jahrhunderten für uns gepflanzt haben, und dort auf den Spuren unserer Ahnen wandeln. Manchen klingt dies wie ein kraftvoller Aufruf im Ohr. Zur spirituellen Pilgerreise. Und die Genealogie ist der Weg. Wir werden nicht aufhören zu forschen Und am Ende all unseres Forschens Werden wir ankommen, wo wir begannen Und den Ort zum ersten Mal sehen

www.JewishGen.org

www.Szetl.org.pl/en/is

www.rtr-foundation.org

www.CRARG.org

www.search.GesherGalicia.org

www.Genteam.at

www.JRI-Poland.org

www.ItalianGen.org

www.SteveMorse.org

www.CJH.org

stacks of a foreign archive or document a cemetery just for the fun of it. But do not neglect living relatives. As Daniel Mendelsohn wrote in The Lost: A Search for Six of Six Million: “Once a person has died it doesn’t matter if the space that separates us from knowing them is 12 years or 12 minutes, a second or a century. The closest we can get is to know those who were close to them. Then those who were close to them start to die and we get that much further.” Get out your notebooks, turn on your video camera. Soon you will be hooked. For life. Genealogical research is contagious. Each day, through this avocation, more and more connections are being made. As “Hatikvah” goes: “Jewish spirit is yearning deep in the heart…the two-thousand year-old hope will not be lost.” Part of that hope is for the generations to re-connect. Not just to pursue your past, but to discover your future—those third and fourth cousins, scattered throughout the world and bound to you by the bloodlines you share. They will have stories to tell you. Maybe you will recognize your face in theirs. Perhaps when you locate your towns of origin, you will return to the birth-places of those who planted for you centuries ago and walk in your ancestors’ footsteps. For some this is a powerful calling. A spiritual pilgrimage. And genealogy is the path.

(T.S. Eliot)

Gehet hin und forschet!

We shall not cease from exploration And the end of all our exploring

Pamela Weisberger ist Programmleiterin der Jüdischen Genealogischen Gesellschaft Los Angeles sowie Präsidentin und Forschungskoordinatorin von Gesher Galicia. Sie ist als Genealogin und wissenschaftliche Beraterin tätig.

Will be to arrive where we started And know the place for the first time T.S. Eliot

Go forth and explore! Pamela Weisberger is program chair for the Jewish Genealogical Society of Los Angeles, president and research coordinator for Gesher Galicia, and a professional genealogist and research consultant.

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INSIDE JMB A KT U E L L E AU SST E L LU N G E N N E U ES AU S D E R SA M M LU N G BILDUNG UND MEDIEN CU R R E N T E X H I B I T I O N S N E WS F RO M O U R CO L L EC T I O N E D U C AT I O N A N D M E D I A

Michael Kerstgens, Purimball der J端dischen Gemeinde, Weiden in der Oberpfalz 2001. Michael Kerstgens, Purim ball in the Jewish community, Weiden in der Oberpfalz 2001.


A KT U E L L E AU SST E L LU N G E N

23. M Ä RZ B I S 1 5. J U L I 20 1 2

Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren Jacob Kopel Deutscher, der Vater von Isaac Deutscher, dem aus Polen stammenden Biografen Trotzkis und Stalins und Autor der berühmten Schrift „Der nichtjüdische Jude“, forderte seinen Sohn auf, Deutsch zu lernen, weil er der Auffassung war, dass die Zivilisation westlich von Auschwitz beginne. Dieser hoffnungsvolle Blick aus dem ökonomisch und politisch wenig entwickelten Ost- und Mitteleuropa galt einem Land, in dem Juden seit Ende des 19. Jahrhunderts als gleichberechtigte Staatsbürger galten, soziale Aufstiegsmöglichkeiten hatten und in der Mitte der Gesellschaft angekommen waren. Aus der Perspektive der traditionellen und jeder Modernisierung verschlossenen jüdischen Gemeinschaften Osteuropas stellte das aufgeklärte Deutschland für viele ein erstrebenswertes Ziel dar. Sie machten sich auf den Weg nach Berlin, angezogenen durch Bildung und Wissenschaft, neugierig auf Modernität und Moden, Architektur, Kunst und Kultur, die die Metropole als einen Ort der besseren Zukunft erscheinen ließen. Eine ganz andere Motivation für die Flucht aus Osteuropa stellte die zunehmend bedrückende Situation der Juden in Polen, Russland und der Ukraine nach der Oktoberrevolution 1917 und dem russischen Bürgerkrieg dar. Bei diesen Migranten standen die Ausweglosigkeit des Verbleibens am Heimatort und die Suche nach einer neuen Zukunft im Vordergrund. Unter ihnen waren Anhänger der säkularen Linken

und des jiddischen Arbeiterbunds, Zionisten aller Couleur, Assimilationisten und orthodoxe Juden, die ihre Debatten und Auseinandersetzungen um politische, theologische und kulturelle Fragen nun in Berlin führten. Hier publizierten sie ihre Schriften in allen Emigrantensprachen, kämpften ums Überleben oder führten erfolgreich ihre Geschäfte. Die Zionisten riefen zur Auswanderung ins jüdische Siedlungsgebiet nach Palästina auf, die Linke suchte Bündnispartner im Kampf gegen die Bourgeoisie, die meisten aber wollten einfach nur ein besseres Leben für sich und ihre Kinder und warteten auf eine Gelegenheit zur Weiterreise nach Übersee. In der kurzen Zeit zwischen 1918 und dem Beginn der Nazizeit wurde Berlin zu einem Zentrum der jiddischund russischsprachigen jüdischen Diaspora, ein Transitraum zwischen Ost und West. Unsere Vorstellung von diesen Jahren ist geprägt von Fotografien exotisch aussehender Männer mit Schläfenlocken, im Kaftan und in schäbigen Straßenanzügen, von Frauen in abgetragenen Kleidern, die vor ihren Backwarenkarren auf Kunden warten, von streunenden Kindern, die kein zu Hause zu haben scheinen. Die Abbildungen zeigen hebräische Buchstaben an Häusern und Geschäften, ein Verweis auf Buch- und Lebensmittelläden, kleine Restaurants und Betstuben. Die Gegend zwischen Dragoner-, Grenadier-, Linien-, Rückert- und Mulackstraße, Scheunenviertel genannt, sind durch solche Fotos als Synonym für das Berliner Asyl der Juden aus dem Osten in Erinnerung geblieben und haben bis heute eine nicht selten sentimentale Idealisierung erfahren. Es ist das Verdienst des internationalen Forschungsprojekts „Charlottengrad und Scheunenviertel. Osteuropäisch-jüdische Migration im Berlin der 1920er und 1930er Jahre“ unter der Leitung von Gertrud Pickhan und Verena Dohrn, dieser Überlieferung ein differenziertes Bild entgegenzusetzen und die weit weniger sichtbar gebliebenen Zuwanderer, die sich im westlichen Charlottenburg niederließen, stärker in den Fokus zu rücken. In Tagebüchern, persönlichen Aufzeichnungen, in hebräischer,

jiddischer, russischer und deutscher Literatur wurden die Motive dieser heterogenen Migrantengruppe zur Emigration, zu politischen Überzeugungen und Zukunftserwartungen untersucht. Flucht- und Reisewege vom Osten in den Westen wurden rekonstruiert und Material zu weitverzweigten Familiengeschichten zusammengetragen. Aus diesen zahlreichen und disparaten Informationen hat das Ausstellungsteam relevante historische Fragestellungen entwickelt und ihnen Objektgruppen zugeordnet, die geeignet sind, das jeweilige Thema überzeugend zu veranschaulichen. Dabei wurde das in vielen historischen Ausstellungen erprobte Nebeneinander von Alltagsgegenständen und Zeugnissen der politischen Geschichte, von Gemälden, Fotografien und Film aufgelöst und jedem Thema stattdessen eine einzige, charakteristische Objektgruppe zugeordnet. Diese überlieferten Bruchstücke der Migrationsgeschichte, seien es Fotografien, Bücher, Gemälde, oder auch Hörstücke, werden quellenkritisch reflektiert und als Raumerfahrung inszeniert. „Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren“ präsentiert so das gemeinsame Ergebnis der akademischen Forschung und der für Museen wichtigen Frage nach den Repräsentationsmöglichkeiten vergangener Epochen. Die Ausstellung stellt den Zusammenhang von Sprache, Bild und Objekt in den Mittelpunkt; sie ist bewusst nicht als dokumentarische Erzählung angelegt, sondern als Themenparcours, in dem ausgewählte Aspekte dieser Geschichte vorgestellt werden. Cilly Kugelmann (Aus der Einleitung des Katalogs zur Ausstellung)

B EG L E I T P RO G RA M M Z U R AU SST E L LU N G D O N N E R STAG, 1 2 . J U L I 20 1 2 , 1 9. 30 U H R I C H TA N Z ' U N D M E I N H E RZ W E I N T Musiksalon mit Alan Bern, Lorin Sklamberg und anderen Vom jiddischen Schlager zum Tscherkessen-Chor, vom Kunstlied zur Kantorenkunst – Musikpionier Alan Bern lädt Kollegen wie Lorin Sklamberg, Lead-Singer der legendären Band The Klezmatics, dazu ein, das Liedgut der Plattenmarke Semer aus dem Berliner Scheunenviertel der 1930er Jahre zu spielen, zu verfremden und zu remixen. Ein Red, Hot & Blue der jüdischen Musik. EVENTS ACCOMPANYING THE EXHIBITION T H U R S DAY, 1 2 J U LY 20 1 2 , 7: 30 P M I DA N C E A N D M Y H E A RT C R I ES

Raumansicht der Ausstellung „Berlin Transit“ Exhibition view Berlin Transit

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INSIDE JMB

Musical soiree with Alan Bern, Lorin Sklamberg, and others From Yiddish pop to Circassian choir, from the art song to the art of the cantor – musical pioneer Alan Bern invites fellow musicians like Lorin Sklamberg, lead singer of the legendary band The Klezmatics, to play, alter, and re-mix the treasure trove of songs produced by the record label Semer in Berlin’s Scheunenviertel in the 1930s.


CU R R E N T E X H I B I T I O N S

23 M A RC H TO 1 5 J U LY 20 1 2

Berlin Transit. Jewish Immigrants from Eastern Europe in the 1920s Isaac Deutscher, the Polish-born Jew, biographer of Trotsky and Stalin, and author of the famous text The Non-Jewish Jew, learned German at the behest of his father, Jacob Kopel Deutscher. The senior Deutscher was of the opinion that civilization began west of Auschwitz. This wistful optimism was directed— from the standpoint of the economically and politically less developed Central and Eastern Europe—towards a country in which Jews were recognized as citizens with equal rights before the law, in which they enjoyed real opportunity for social advancement, and had been accepted into the society of their non-Jewish peers since the end of the nineteenth century. From the perspective of the traditional Jewish communities of Eastern Europe, which had opposed every step towards modernization, post-Enlightenment Germany represented an ideal that many felt was worth striving for. They moved to Berlin, attracted by possibilities for education and science and curious about modern fashion, architecture, art, and culture that radiated the promise of a better future. A quarter-century later, very different motivations contributed to a new wave of emigration from Eastern Europe. The situation for Jews in Poland, Russia, and the Ukraine deteriorated swiftly following the October Revolution of 1917 and the Russian Civil War. Post-Revolution immigrants faced a hopeless position at home and felt forced to seek a new future elsewhere.

Among them were champions of the secular Left and the Jewish Labor Bund, Zionists of various convictions, assimilationists, and orthodox Jews, who now continued their debates and arguments over political, theological, and cultural questions in Berlin. They published their writings in their native tongues and struggled for survival or successfully ran businesses. The Zionists called for emigration to the Jewish settlement in Palestine, the Leftists sought out allies in their struggle against the bourgeoisie, and the vast majority simply hoped and struggled for a better life for themselves and their children. Many remained on the lookout for any opportunity to emigrate further across the ocean, to America. In the short time between 1918 and the beginning of the Nazi era, Berlin became a center for the Yiddish and Russian speaking Jewish diaspora, a transit station between East and West. Our impression of those years has been powerfully influenced by photographs of exotic-looking men with sidelocks wearing shabby suits or caftans, of women in thread-bare dresses waiting for customers in front of carts of baked goods, of apparently homeless children scavenging in rubbish heaps. The pictures show Hebrew letters on houses and businesses, a reference to bookshops, grocery stores, small restaurants, and prayer booths. Through these photos the area bound by Dragonerstrasse, Grenadierstrasse, Linienstrasse, Rückertstrasse, and Mulackstrasse—referred to as the Scheunenviertel—has served as a synonym for the Berlin asylum of Eastern Europeans Jews. To this day, the idealized Scheunenviertel often evokes waves of nostalgia. It is the great merit of the international research project “Charlottengrad and Scheunenviertel. Jewish Immigrants from Eastern Europe in Berlin in the 1920s and 1930s,” under the leadership of Gertrud Pickhan and Verena Dohrn, to have challenged this rendition of history with a more complex overview that places more focus on the immigrants who settled in Charlottenburg. This group of Jews slipped inconspicuously into their new surroundings to

a much greater extent. Perusing diaries, memoires, and literature in Hebrew, Yiddish, Russian, and German, the researchers investigated the circumstances that motivated this heterogeneous group of immigrants to leave Eastern Europe and informed their beliefs and expectations of the future. Scholars reconstructed the immigrants’ means of escape and travel routes from East to West, and compiled information on their complex genealogy and family histories. Sifting through the voluminous and diverse information gathered in this study, our exhibition team defined a series of relevant issues and allocated groups of objects suited to persuasively presenting the respective issues. In doing so, a practice followed in many historical exhibitions was broken down. Instead of placing objects of daily life and evidence of political history, as well as objects of diverse media such as paintings, photographs, and films next to each other, a single, characteristic group of objects was assigned to each particular issue. The surviving remains of individuals’ immigration experience—whether in the form of photographs, books, paintings, family memorabilia, or audio recordings—are critically analyzed in the context of their sources, and staged as a spatial experience for Museum visitors. Berlin Transit. Jewish Immigrants from Eastern Europe in the 1920s thus presents the common results of scholarly research and the question, central to the work of a museum, as to how past eras are best illuminated for visitors today. The exhibition places central emphasis on the connection between language, image, and object. It consciously avoids a documentary narrative; instead, it is displayed as a thematic path that introduces selected aspects of this history. Cilly Kugelmann (from the introduction in the accompanying exhibition catalog)

K ATA LO G Das Begleitbuch zur Ausstellung ist im Wallstein Verlag erschienen. Zehn Essays gehen den Spuren osteuropäischer Juden im Berlin der Weimarer Republik nach. € 24,90 E X H I B I T I O N C ATA LO G

Eingang der Konditorei Kempler und des Krakauer Cafés in der Grenadierstraße, Berlin 1926.

The catalog accompanying the exhibition is published by Wallstein Verlag, Berlin. Ten essays follow the footsteps of eastern European Jews in Berlin of the Weimar Republic. € 24.90

Entrance to the pastry shop Kempler and the Krakauer Café in the Grenadierstrasse, Berlin 1926.

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A KT U E L L E AU SST E L LU N G E N

E R I C F. ROSS GA L E R I E 20. A P R I L B I S 26 . AU G U ST 20 1 2

Russen Juden Deutsche. Fotografien von Michael Kerstgens seit 1992 Über 200.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion kamen seit der Öffnung des eisernen Vorhangs in den Jahren 1989/90 als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Diese Zuwanderung hat die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nachhaltig verändert. Von den ungefähr 110.000 jüdischen Gemeindemitgliedern deutschlandweit haben heute etwa 90.000 einen russischsprachigen Hintergrund. Michael Kerstgens begann seine fotografische Langzeitdokumentation über jüdisches Leben in Deutschland 1992. Die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion entwickelte sich zum inhaltlichen Schwerpunkt seiner Fotografien. In den 1990er Jahren erschienen seine Foto-Reportagen in den Zeitschriften Stern und Geo. 2001 entstand im Auftrag des Jüdischen Museums eine Erweiterung der Fotoserie; Arbeiten daraus waren bereits zur Eröffnung des JMB im September 2001 in der Dauerausstellung zu sehen. Inzwischen konnte die gesamte Serie von 162 Schwarz-Weiß-Aufnahmen vom Jüdischen Museum erworben werden und ist heute Teil der Fotografischen Sammlung. Knapp die Hälfte davon ist in dieser Ausstellung zu sehen. Michael Kerstgens ist einer der wenigen Fotografen, die den Prozess der Einwanderung russischsprachiger Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland intensiv und über einen längeren Zeitraum dokumentierten.

Die Fotografien zeigen religiöse Feiern und gesellschaftliche Aktivitäten in den jüdischen Gemeinden, den Alltag in den Übergangswohnheimen und private Momente einzelner Familien. In seinen neuesten Arbeiten zeigt Michael Kerstgens die heutige Situation einiger Zuwanderer, die er bereits in den 1990er Jahren porträtiert hatte und verfolgt ihre oft erstaunlichen Lebenswege: Pjotr Olev emigrierte 1989 von Moskau über Österreich nach West-Berlin und lebt heute in Hamburg. Er ist als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Autor tätig und ist Professor an der Hochschule für Musik und Theater. Taya Mackin geb. Levin, in Riga geboren und in Israel aufgewachsen, kam mit ihrer Familie 1980 nach Deutschland, 1992 heiratete sie in Berlin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und der 17-jährigen Tochter weiterhin in Berlin und betreibt gemeinsam mit ihrer Mutter eine Zahnarztpraxis. Familie Troychanskiy emigrierte 1990 von Moskau nach Berlin. In Deutschland beginnt sich die Familie mit dem Judentum und ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen. Heute lebt die Familie in Toronto und ist Mitglied der Chabad-Lubawitsch-Bewegung. Michael Kerstgens Fotografien entstehen häufig erst nach einer langen Phase der Annäherung und des Kennenlernens aus einer Situation der „teilnehmenden Beobachtung“ heraus und auf der Basis gegenseitigen Vertrauens. Über seine

Michael Kerstgens, Ankunft des Brautpaares Taya Levin und Savelli Mackin vor der Synagoge Pestalozzistraße, Berlin 1992. Michael Kerstgens, Arrival of the bridal couple Taya Levin and Savelli Mackin in front of the Pestalozzistrasse synagogue, Berlin 1992.

M O N TAGS K I N O I M RA H M E N D E R AU SST E L LU N G M O N TAG, 9. J U L I 20 1 2 , 1 9 : 30 KADDISCH FÜR EINEN FREUND Spielfilm von Leo Khasin (D 2011, 94 Min., OV mit russ. Untertiteln) Der 14-jährige Ali hat im palästinensischen Flüchtlingslager gelernt, die Juden zu hassen. Jetzt lebt er in Kreuzberg, der Nachbar ist ein alter russischer Jude. Nach einem Einbruch in dessen Wohnung droht die Abschiebung – es sei denn, der Junge kann den „Feind“ zur Rücknahme der Anzeige bewegen.

Michael Kerstgens, Gemeinschaftsküche im Übergangswohnheim, Weiden in der Oberpfalz 2001. D I E B I L D E R D E R AU SST E L LU N G E R S C H E I N E N AU C H I N Michael Kerstgens. Neues Leben. Russen – Juden – Deutsche. Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag, 2012.

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Michael Kerstgens, Common kitchen in a temporary residential home, Weiden in der Oberpfalz 2001.

Arbeitsweise sagt Michael Kerstgens: „Was bleibt, ist zuerst die persönliche Erfahrung und der Austausch mit Menschen und dann erst das fotografische Ergebnis. Wenn das Erstere funktioniert, nur dann kann das Zweite inhaltliche und bildnerische Qualität erlangen. Das kann man dann wohl Authentizität nennen.“ So gelingt ihm eine Synthese zwischen Distanz und Einfühlung. Er nimmt sich als Autor zurück, der Betrachter wird in die Bilder hineingezogen, ohne über den Fotografen nachzudenken. Trotz der vielfältigen technischen Neuerungen der letzten zwanzig Jahre im Bereich der Fotografie entscheidet sich Michael Kerstgens bewusst dafür, die anfangs gewählte analoge Technik bis in die neuesten Aufnahmen weiterzuführen, um eine gleichbleibende Anmutung seiner Schwarz-Weiß-Fotografien zu erreichen, die sich in ihrer Körnigkeit von der heute üblichen Schärfe in Bildresultaten unterscheiden. Parallel zu dieser Ausstellung zeigen wir im Altbau die Ausstellung „Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren“. Der historische Blick auf das Thema Migration soll durch diese Fotoausstellung um eine weitere, aktuelle Facette erweitert werden und der Frage nachspüren, wie sich jüdisches Leben in Deutschland mit der Zuwanderung russischsprachiger Juden in den letzten 20 Jahren gewandelt hat. Theresia Ziehe, Leiterin der Fotografischen Sammlung (Aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung)


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E R I C F. ROSS GA L L E RY 20 A P R I L TO 26 AU G U ST 20 1 2

Russians Jews Germans. Photographs by Michael Kerstgens from 1992 to the present Over 200,000 Jews from the former Soviet Union have come to Germany as so-called “quota refugees 1” since the fall of the Iron Curtain in 1989/90. This wave of immigration has deeply altered the Jewish community in Germany. Of the 110,000 members of Jewish communities across Germany today, approximately 90,000 are of Russian-speaking heritage. Michael Kerstgens began his long-term photographic documentation of Jewish life in Germany in 1992. The immigration of Jews from the former Soviet Union developed into a major focus in his photography. In the 1990s, Kerstgens’ photographic essays appeared in the magazines

Stern and Geo. In 2001, he expanded the series with the support of a commission from the Jewish Museum. Works from this series were included in the Museum’s permanent exhibition from its opening in September 2001. Since then, the JMB has been able to acquire the entire series of 162 black-and-white photographs, which now form a part of our photography collection. Nearly half of the complete series are exhibited in the current exhibition. Michael Kerstgens is one of the few photographers to have intensively documented the immigration process experienced by Russianspeaking Jews from the former Soviet Union over an extended period of time. His photographs show religious celebrations and social activities in the Jewish Community, everyday life in transitional housing, and private moments in individual families. In his most recent work, Michael Kerstgens shows us the current situations of some of the immigrants he had portrayed in the 1990s, following the often astonishing life developments: Pjotr Olev left Moscow in 1989 and arrived in West Berlin via Austria. Today, he lives in Hamburg. He works as actor, director, producer and author, and is a professor at the Hochschule für Musik und Theater. Taya Mackin née Levin was born in Riga and grew up in Israel. She moved to Germany with her family in 1980 and married in Berlin in 1992. Today she still lives with her husband

Michael Kerstgens, Küche der Familie Troychanskiy, Berlin 1992. Michael Kerstgens, The Troytschanskiy family kitchen, Berlin 1992.

and 18-year-old daughter in Berlin and has a dental practice together with her mother. The Troychanskiy family emigrated from Moscow to Berlin in 1990. They became interested in Judaism and their family history while here in Germany. Today, they live in Toronto and are members of the Chabad-Lubawitsch movement. Michael Kerstgens’ photographs generally come about only after a long period of growing acquainted with his subjects through “participatory observation,” and are based on a foundation of mutual trust. Of his approach he says: “What remains is, first, the personal experience and exchange with people, and only later the photographic end-product. Only when the first stage works, can the second stage achieve real quality in terms of content and portraiture. That is what you can then call authenticity.” Kerstgens thus achieves a kind of synthesis between objective distance and empathy. As the photograph’s author he remains nearly invisible—the viewer is drawn into the picture without stopping to think about the photographer. Michael Kerstgens has consciously elected to continue using the analogue technique of film photography he adopted at the outset, despite the various technical advancements in the field of photography over the past 20 years. He wants to ensure that the more recent photographs and the earliest black-and-white ones share the basic character and granularity that so differentiate his photography from the clean, sharply focused images customary today. Parallel to Kerstgens’ work, we are showing the exhibition Berlin Transit. Jewish Immigrants from Eastern Europe in the 1920s in the Old Building. Through these photographs, a current facet will be added to the historical perspective of migration: how Jewish life in Germany has transformed with the immigration of Russianspeaking Jews over the past 20 years. Theresia Ziehe, Head of the Photographic Collection (from her speech at the exhibit opening) 1 Referred to as such because they are distributed among the various German Bundesländer pursuant to fixed quotas.

M O N DAY C I N E M A ACCO M PA N Y I N G T H E E X H I B I T I O N M O N DAY, 9 J U LY 20 1 2 , 7: 30 P M KADDISCH FÜR EINEN FREUND (KADDISH FOR A FRIEND) Feature film by Leo Khasin (D 2011, 94 min., OV with Russian subtitles) The 14-year-old Ali, growing up in a Palestinian refugee camp, had learned to hate Jews. Now he lives in Kreuzberg, and his neighbor is an old Russian Jew. After a robbery in his neighbor’s apartment, Ali is threatened with deportation back to Palestine—unless the boy can convince his old “enemy” to withdraw criminal allegations.

Michael Kerstgens, Familie Troychanskiy beim Schabbatessen, Toronto, Kanada 2011. Michael Kerstgens, The Troychanskiy family during a Shabbat meal, Toronto, Canada 2011.

THE E XH IBIT IO N P HOTOG RAP H S A R E A L SO S H OW N I N Michael Kerstgens: Neues Leben. Russen—Juden— Deutsche. Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag, 2012.

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N E U ES AU S D E R SA M M LU N G

Emmy Roth in feinster Form Das Jüdische Museum Berlin erweitert seine Sammlung Angewandter Kunst. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf Arbeiten deutschjüdischer Designerinnen und Designer aus dem frühen 20. Jahrhundert. Die Sammlung folgt ihren individuellen Biografien und zeigt ihre herausragenden Beiträge zum deutschen Design. Die Silberschmiedin Emmy Roth steht für eine große Zahl jüdischer Frauen, die in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, im Bereich der Angewandten Kunst tätig waren. Akzeptanz oder gar Anerkennung auf dem von Männern beherrschten Feld der Bildenden Kunst blieb Frauen zu dieser Zeit meist verwehrt, weshalb sie sich andere Formen des künstlerischen Ausdrucks suchten, um ihre Talente zur Geltung zu bringen. Viele jüdische Frauen wurden zu führenden Keramikoder Textildesignerinnen, etwa Marguerite Friedlaender-Wildenhain und Anni Albers. Hingegen war es im frühen 20. Jahrhundert für Frauen recht unüblich, die mit körperlicher Anstrengung verbundene Lehrzeit des Goldschmiedehandwerks zu durchlaufen. Emmy Roth zählte zu den ersten Frauen in Deutschland, die darin ihre Meisterprüfung ablegten (ca. 1906), und gehörte zweifellos zu den besten des Faches.1 Emmy Urias wurde 1885 als Kind jüdischer Eltern in Hattingen geboren; die Familie betrieb dort ein Kaufhaus. In den 1920er Jahren hatte sie ihre Ausbildung sowie drei Ehen hinter sich und lebte als Emmy Roth ein unabhängiges Leben in Berlin. Als angesehene

1 Den bisher umfassendsten und sorgfältigsten Überblick zu Emmy Roths Werk bieten Dr. Reinhard Sängers Aufsätze in Frauensilber. Emmy Roth, Paula Straus & Co. Silberschmiedinnen der Bauhauszeit. Lindemanns Bibliothek im Info Verlag, Karlsruhe 2011. 2 In einem ihrer Tagebücher (das sich in der Sammlung des Jüdischen Museums Berlin befindet) erwähnt Alice Scherk, dass sie am 28. November 1920 eine Party für vierzehn Personen ausgerichtet habe. Unter den Gästen waren Emmy Roth, der Künstler Otto Pippel und der jüdische Arzt Dr. Selo mit seiner Frau.

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INSIDE JMB

Silberschmiedin betrieb sie ihre Werkstatt in ihrem Wohnhaus in der Clausewitzstraße 8. 1932 konnte sie bereits auf 25 Jahre künstlerisches Schaffen zurückblicken. Emmy Roth baute sich in den Kreisen der kulturellen Elite Berlins ein ausgedehntes Netzwerk jüdischer Freunde auf, darunter ihre Nachbarn, Ludwig und Alice Scherk, Eigentümer der Luxus-Parfümerie „Scherk“ am Kurfürstendamm.2 Es ist anzunehmen, dass Emmy Roth Spiegel, Puderdosen und andere Kosmetikutensilien für das Geschäft der Scherks entwarf. Über ihre gesellschaftlichen Verbindungen und ihre Privatkunden erhielt sie offenbar genug Aufträge, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie zeigte zudem ein bemerkenswertes Talent dafür, ihre Arbeit zu bewerben – in Fachzeitschriften und Modejournalen war ihr Schaffen gleichermaßen präsent wie auf nationalen und internationalen Kunstgewerbemessen. In den 1920er Jahren experimentierte Roth mit der Formgebung von Tafelgerät. Mit ihren Stücken aus dieser Zeit traf sie gewagtere Aussagen als mit den eher konventionellen SchmuckDesigns am Anfang ihrer Karriere. Sie schuf nun moderne Formen, den progressiven zeitgenössischen Designströmungen entsprechend, und stellte dabei ihre technische Meisterschaft unter Beweis. Das Service aus der Sammlung des Jüdischen Museums zeigt Roths Arbeit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Es setzt sich zusammen aus einer Kaffee- oder Mokkakanne, einer Teekanne, einem Milchkännchen, einer deckellosen Zuckerdose und einem Tablett, alles in sehr gutem Zustand. Die Kaffeekanne zitiert die traditionelle barocke Birnenform, ist aber frei von jeder Oberflächenverzierung, sodass die Schönheit des handgearbeiteten Silbers und die Perfektion der organischen Formgebung ganz für sich wirken. Das Service ist als Einheit gestaltet, mit besonders sorgfältig abgestimmten Proportionen. Roths Stücke zeichnen sich durch Zweckmäßigkeit, eine angenehme Handhabung und ästhetische Qualität aus. Die Horngriffe der Kannen sind so gebogen, dass

sie sich der natürlichen Beugung der Handfläche anpassen. Sie in der Hand zu halten, macht schlicht Freude. Eine Version dieses Services wurde 1931 auf der Deutschen Bauausstellung in Berlin gezeigt. Damit liegt 1930 als Entstehungszeit des Originaldesigns nahe, was auch mit der Geschichte des Services im JMB im Einklang steht. Es kam 2010 im Nachlass der amerikanischen Gesundheitsökonomin Mary Lee Ingbar Mack in Cambridge, Massachusetts, zum Vorschein, die das einzige Kind von Ruth Prince und Lee Adam Gimbel war. Beide stammten aus erfolgreichen jüdischen Familien, die Mitte des 19. Jahrhunderts in die USA emigriert waren. Laut Familienaufzeichnungen nahm Ruth Prince (Gimbel) Mack das Service in den frühen 1930er Jahren in ihre Sammlung auf. Jedes der Stücke trägt die Export-Gravur „Germany“ und ist in Sterlingsilber gearbeitet, das in den USA bevorzugt wurde. Zweifellos handelt es sich um einen teuren Auftrag aus Übersee. Wie aber fand Emmy Roth Kunden in den USA? Die Antwort liegt wohl in ihrer geschickten Strategie der Selbstvermarktung. In einem Brief von 1931 schreibt sie, ihre Arbeiten seien in amerikanischen Zeitschriften veröffentlicht worden; ein Beleg dafür findet sich in einer Ausgabe des New Yorker Kunstmagazins „Creative Art“ von 1929. Emmy Roth verbrachte ihre letzten Lebensjahre in Palästina. 1936 wurden einige ihrer Arbeiten in Tel Aviv ausgestellt. Aufträge für größere Silberstücke bekam sie jedoch nicht mehr. Sie hielt sich mit der Anfertigung von Schmuck über Wasser, stellte aber auch einige bemerkenswert innovative jüdische Ritualgegenstände her, deren Verbleib ungewiss ist. Emmy Roth hatte ihre kosmopolitische Berliner Heimat verloren, ihre Sprache, ihre Freunde, ihren Lebensstil. Im Juli 1942, schwer krebskrank, nahm sie sich das Leben. Michal S. Friedlander Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst Eine erste Fassung dieses Beitrags erschien bereits auf Deutsch im MuseumsJournal, 1/2012.


N E WS F RO M O U R CO L L EC T I O N

Emmy Roth in fine form The Jewish Museum Berlin has been expanding its Applied Arts collection. In particular, the museum collects works by GermanJewish men and women designers from the early twentieth century, demonstrating their exceptional contributions to the field of German design. The silversmith Emmy Roth is representative of a large number of Jewish women who were active in the Applied Arts in Germany during the first third of the 20th century, until the ascent of the Nazi party in 1933. Women were rarely accepted or acknowledged in the male-dominated field of the fine arts during this period, which led them to excel in other areas of artistic expression. Many Jewish women became leading designers in the fields of ceramics and textiles (e.g. Marguerite Friedlaender-Wildenhain and Anni Albers). However, in the early twentieth century it was quite unusual for women to complete the physically demanding apprenticeship that was required in order to become a goldsmith. Emmy Roth is one of the first accredited female gold and silversmiths in Germany (ca. 1906) and indisputably one of its best.1 Emmy Urias was born in 1885 to a Jewish couple who ran a general store in Hattingen. By the 1920s, Emmy had completed her technical training, worked her way through three marriages and lived independently as Emmy Roth. An established silversmith, she ran a studio from her home on 8, Clausewitzstr., Berlin, and celebrated the silver jubilee of her artistic career in late 1932.

Emmy Roth was extremely sociable and developed an extensive network of Jewish friends among Berlin’s cultural elite. These included her neighbors, Ludwig and Alice Scherk, who owned the luxury perfumery “Scherk” on Kurfürstendamm.2 It is likely that Roth designed mirrors, powder boxes and other cosmetic accoutrements for the Scherk’s elite emporium. Through her social connections and private clientele, Roth appears to have had enough work to sustain her. She also had a remarkable talent for publicizing her work through both trade and popular fashion journals. Roth also made a point to present her work at national and international decorative art fairs, establishing her reputation in Germany and overseas. During the 1920s, Roth experimented with forms for tableware. The items made bolder statements than the somewhat conventional jewellery designs with which she started her career. The coffee and tea set in the collections of the Jewish Museum Berlin shows Roth’s work at the peak of her career. It is composed of a coffee (or possibly a mocha) pot, a teapot, a lidless sugar bowl and a tray, all in very fine condition. Roth creates modern forms, fitting to the contemporary design trends of the era, and this set also demonstrates her brilliant technical craftsmanship. The coffee pot references the traditional, pear-shaped, baroque form but is devoid of any surface ornamentation, relying on the beauty of the hand-worked silver and the perfection of Roth’s organic form. The set is designed as a unit, with great consideration given to the relative proportions of the different elements. Roth’s pieces are practical and functional: utility and comfort for the user are as important as the aesthetic design. The horn handles in this set serve to insulate the hand against heat, shaped to fit the natural curve of the hand when pouring, and they sit particularly comfortably. The lids are a perfect, tight fit, and the organic curved forms of the

pots themselves are simply a pleasure to handle. A version of this set, with straight handles, was exhibited in 1931 in the Deutsche Bauausstellung in Berlin. This suggests 1930 as an approximate time for the original design which fits to the provenance of the set in the Jewish Museum Berlin: This set came to light in 2010 in the personal estate of the American health economist, Mary Lee Ingbar Mack in Cambridge, Massachusetts. She was the only daughter of Ruth Prince and Lee Adam Gimbel, both from German-Jewish families who had immigrated to the United States in the mid-19 th century. According to family recollections, the set came into Mrs. Ruth Prince (Gimbel) Mack’s collection in the early 1930s. Each piece of the set is marked “Germany” for export and is wrought in sterling silver, the higher grade silver preferred in the USA. Clearly the set now in the Jewish Museum was an expensive commission from overseas, but how did Emmy Roth find American clients? There is as yet no proof that she had ever been in the USA. The answer may lie in Roth’s clever advertising. She wrote in a letter of 1931 that her work had been published in American magazines, as is evidenced in the New York art periodical Creative Art published in 1929. Emmy Roth ultimately landed in Palestine, and, in 1936, some works which she had brought with her were exhibited in Tel Aviv. She had lost her cosmopolitan Berlin home, her language, friends and lifestyle. There were no longer commissions for large silver pieces and she scraped a living making jewellery, mostly from base metals, and a few notably innovative Jewish ritual objects, now lost. In July 1942, Emmy Roth, stricken with cancer, took her own life. Michal S. Friedlander Curator of Judaica and the Applied Arts A slightly different version of this article was published in German in the MuseumsJournal, 1/2012.

Emmy Roths fünfteiliges Service ist nun in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums zu sehen. This Emmy Roth 5-piece coffee and tea service is now on view in the permanent exhibition of the Jewish Museum Berlin.

1 For the most complete and accurate overview to date of Emmy Roth’s work see Dr. Reinhard Sänger’s essays in Frauensilber. Emmy Roth, Paula Straus & Co. Silberschmiedinnen der Bauhauszeit. Lindemanns Bibliothek im Info Verlag GmbH, Karlsruhe 2011. 2 In one of her diaries (in the collections of the JMB), Alice Scherk mentions that on 28 November 1920 she hosted a party for fourteen. The guests included Emmy Roth, the artist Otto Pippel and a Jewish physician, Dr. Selo and his wife.

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F R E U N D ES K R E I S

q Michael Naumann, Vorsitzender des Vorstands des Fördervereins und Chefredakteur des CICERO, präsentierte Interessierten in der Jubiläumswoche 2011 sein Lieblingsobjekt in der Dauerausstellung des Museums. Michael Naumann, Chairman of the Board of the Society of Friends and Editor-in-Chief of CICERO magazine, introduced visitors to his favorite object in the museum’s permanent exhibition during the celebrations of the 10th anniversary in 2011.

9 In Dessau besuchten die Freunde des Museums im Frühjahr 2012 die Ausstellung „Kibbuz und Bauhaus“. In Spring 2012, the Friends of the Museum visited the exhibition Kibbutz and Bauhaus in Dessau.

Michal Friedlander, Kuratorin für Judaica und Angewandte Kunst des Jüdischen Museums Berlin, stellte im März dieses Jahres den Freunden des Museums die Traditionen des Purimfestes anhand von Objekten aus der Sammlung vor. Michal Friedlander, curator of Judaica and the Applied Arts in the Jewish Museum Berlin, introduced the members to the traditions surrounding Purim in March of this year, using objects from our collection.

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Bereits zum dritten Mal beteiligte sich der Förderverein des Jüdischen Museums am „freundeskreislauf“ und wanderte mit den Mitgliedern anderer Berliner Fördervereine am 22. April 2012 durch das Briesetal.

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INSIDE JMB

The Board of Directors of the Society of Friends (from left to right): Burkhard Ischler, Sabine Haack, Michael Naumann (Chairman), W. Michael Blumenthal, Walter Kuna (Treasurer), Marie M. Warburg, Klaus Mangold (Vice Chairman), Wolfgang Ischinger, and Klaus Krone.

For the third time now, the Friends of the Museum took part in the “freundeskreislauf,“ and on 22 April 2012, went hiking in the Briesetal with friends of other Berlin museums.

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Freunde und Förderer des Jüdischen Museums Berlin Die Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stiftung Jüdisches Museum Berlin e.V. unterstützt das Jüdische Museum in seiner Arbeit und hilft viele seiner Programme zu initiieren und erfolgreich umzusetzen. Sie fördert das Museum bei seinen zahlreichen Aktivitäten insbesondere im Bereich der Bildungsarbeit und setzt sich mit Leidenschaft für die Ziele des Museums und ein tolerantes Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen ein. Gleichzeitig genießen die Mitglieder des Fördervereins jedes Jahr ein vielfältiges und abwechslungsreiches Kulturprogramm mit

e Der Vorstand des Fördervereins: v.l.n.r. Burkhard Ischler, Sabine Haack, Michael Naumann (Vorsitzender), W. Michael Blumenthal, Walter Kuna (Schatzmeister), Marie M. Warburg, Klaus Mangold (Stellv. Vorsitzender), Wolfgang Ischinger und Klaus Krone.

spannenden Aktivitäten sowohl im Museum als auch in anderen Kulturinstitutionen in Berlin und Brandenburg. Neben exklusiven Kuratoren- und Preview-Führungen finden viele Kooperationsveranstaltungen mit anderen Berliner Museen und Freundeskreisen statt. Ein besonderes Highlight stellt die jährlich stattfindende Bildungsreise mit interessanten Einblicken und spannenden Begegnungen dar. Das Jüdische Museum Berlin ist auf das Engagement seiner Freunde und Förderer angewiesen. Mit ihrer Unterstützung wird die wichtige Arbeit des Museums in seiner Vielfältigkeit gestärkt.

S O M M E R 20 1 2 D O N N E R STAG, 1 2 . J U L I 20 1 2 , 1 8 U H R „HOCHZEIT!“ Führung mit Thomas Lackmann, Vorstand MendelssohnGesellschaft e.V., durch die Sonderausstellung in der Heilig-Geist-Kapelle anlässlich des 250. Hochzeitstages von Moses Mendelssohn und Fromet Gugenheim. F ÜR F RE UN DE U ND SO LCH E, D I E ES W E R D E N WO L L E N !

D O N N E R STAG, 9. AU G U ST 20 1 2 , 20 U H R KU LT U R S O M M E R - KO N Z E RT M I T S H A RO N B RAU N E R Sharon Brauner präsentiert ihre neue CD „Jewels“ – eine Mischung aus Lounge, Pop, jiddischen Evergreens, etwasTango, Bossa-Nova, Swing und einer Note Orient. BEVORZUGTE ANMELDEMÖGLICHKEITEN FÜR FREUNDE!

Informationen und Anmeldung unter freunde@jmberlin.de oder +49 30 25 993 436.


F R I E N DS O F T H E M U S E U M

t 2011 feierte auch der Förderverein sein zehnjähriges Bestehen mit einem Empfang. MariaElisabeth Schmicker, W. Michael Blumenthal und Detlef König (v.l.n.r.). In 2011 the Friends of the Jewish Museum also celebrated its 10th anniversary with a reception. From left to right: Maria-Elisabeth Schmicker, W. Michael Blumenthal and Detlef König.

q Die erste Mitgliederreise des Fördervereins führte vom 27. Februar bis zum 6. März 2011 nach Jerusalem. The first travel expedition for members of the Society of Friends led them to Jerusalem from 27 February to 6 March, 2011.

q Bei einer Führung am Vorabend der Eröffnung erhielten die Mitglieder im Herbst 2011 exklusive Einblicke in die Ausstellung „Heimatkunde“. In autumn 2011, on the evening before the opening, members got a special preview of the exhibition Heimatkunde.

S U M M E R 20 1 2 T H U R S DAY, 1 2 J U LY 20 1 2 , 6 P M “WEDDING!” Curator tour with Thomas Lackmann, Mendelssohn-Gesellschaft e.V., through the special exhibition in the HeiligGeist-Kapelle on the occasion of the 250th wedding anniversary of Moses Mendelssohn and Fromet Gugenheim.

FOR FRIENDS AND ANYONE WHO WISHES TO BECOME ONE!

T H U R S DAY, 9 AU G U ST 20 1 2 , 8 P M CULT U RA L S U M M E R CO N C E RT W I T H SHARON B RAU NER Sharon Brauner presents her new CD “Jewels”—a mix of Lounge, Pop, Yiddish Evergreens, a little Tango, Bossa-Nova, Swing, and a touch of the Orient.

P R I O R I T Y R ES E RVAT I O N S FO R F R I E N DS !

Information and reservations at freunde@jmberlin.de or +49 30 25 993 436.

t e Auf den Spuren deutschjüdischer Emigranten bewegten sich die Mitglieder vom 24. März bis zum 1. April 2012 in New York.

q Im Mai 2011 besuchten Mitglieder das MARTa Herford und das FelixNussbaum-Haus in Osnabrück.

Following the trail of German-Jewish emigrants, members went to New York from 24 March to 1 April, 2012.

In May 2011, members visited the MARTa Herford and the FelixNussbaum-Haus in Osnabrück.

Friends and Supporters of the Jewish Museum Berlin The Gesellschaft der Freunde und Förderer der Stiftung Jüdisches Museum Berlin e.V. supports the work of the Jewish Museum and helps launch and successfully carry out many of the museum’s programs. It supports the JMB’s numerous activities, in particular in the field of education, and passionately advocates the museum’s goals and the tolerant coexistence of various religions and cultures. Year in and year out, society members enjoy a diverse and continually varying cultural program, including exciting activities both in the museum and in other cultural institutions in

Berlin and Brandenburg. In addition to exclusive tours with curators and previews of exhibits, members can attend numerous events planned in cooperation with other Berlin museums and membership foundations. A special highlight is the annual educational trip that offers those who participate informative insights and fascinating encounters. The Jewish Museum Berlin depends on the commitment of its friends and donors. Their support strengthens the important work of the museum in all its diversity.

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BILDUNG

Vielfalt in Schulen Für eine gemeinschaftliche und beteiligungsorientierte Schulkultur Mitte Februar hat das Jüdische Museum in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) das Projekt „Vielfalt in Schulen“ gestartet. Ziel des von der Stiftung Mercator geförderten Projektes ist es, durch die Verbindung von Lehrerfortbildungen und prozessbegleitender Schulberatung auf die interkulturelle Öffnung von Schulen und ein diskriminierungsfreies Schulklima hinzuwirken. Angesichts einer von Vielfalt geprägten Gesellschaft gehört es für Pädagoginnen und Pädagogen zur täglichen Herausforderung, sich auf die unterschiedlichen Erfahrungshintergründe und Perspektiven ihrer Schülerinnen und Schüler einzustellen und diese in ihrem Unterricht gleichermaßen zu berücksichtigen. Das Projekt „Vielfalt in Schulen“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lehrerinnen und Lehrer hierbei zu unterstützen und sie hinsichtlich der Gestaltung eines wertschätzenden Schulklimas zu beraten. Dazu arbeitet das Projektteam über den Zeitraum von zwei Schuljahren mit drei Berliner Schulen zusammen. Im März konnten sich Berliner Schulen für das Projekt bewerben. Gesucht wurden Schulen, die an einer kontinuierlichen Reflexion und (Neu-)Gestaltung ihres Schulalltags Interesse haben. Neben einer auf ihre spezifischen Bedürfnisse ausgerichteten Weiterbildung erhalten sie die Möglichkeit, im Rahmen des Projektes eine eigene Idee zur Schulgestaltung zu entwickeln und mit professioneller Begleitung umzusetzen. Ausgehend von der vertieften Betrachtung der eigenen Rolle im Schulalltag und einer genauen Analyse der

individuellen und schulspezifischen Bedarfe werden gemeinsam mit den Pädagoginnen und Pädagogen, der Schulleitung und der Schülerschaft pädagogische Zugänge und Materialien für eine diversitätsbewusste Schulkultur entwickelt und erprobt. Dabei werden methodische und inhaltliche Ansätze eingebracht, die ein wertschätzendes Miteinander, die Reflexion von Benachteiligungen und ein individualisiertes Lernen fördern. So soll ein elementarer Beitrag zur Verwirklichung einer größeren Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen geleistet werden. Konkret werden in den kommenden zwei Schuljahren Lehrerfortbildungen zu den Themen Diversitätskompetenz, Deutschland als kulturell vielfältige Gesellschaft, Schulbücher als Träger stereotypen Wissens, Medienkompetenz sowie zur kulturellen Bildung konzipiert und durchgeführt. Dafür bringt das Jüdische Museum Berlin seine besonderen Erfahrungen als Museum der Geschichte einer Minderheit ein. Durch die Auseinandersetzung mit historischen Beispielen, wie der jüdischen Migration nach Berlin im frühen 20. Jahrhundert, werden Fragen von Ausgrenzung und Zugehörigkeit thematisiert und auf die Gegenwart bezogen. Perspektivwechsel stehen im Vordergrund, so auch im Fortbildungsmodul zum Thema Schulbücher. Hier sollen Lehrund Lernmaterialien auf stereotypisierende Darstellungen hin untersucht werden. Welche Gruppen werden wie dargestellt? Welche Perspektiven sind in den Unterrichtsmaterialien nur marginal repräsentiert? Anhand dieser Fragen werden Ansätze entwickelt, mit denen unterschiedliche Erfahrungswelten in allen Bereichen schulischen Lehrens und Lernens beund geachtet werden. Die Weiterbildung wird durch einen kontinuierlichen Austausch innerhalb und zwischen den beteiligten Schulen begleitet. Die DKJS unterstützt die Schulleitungen und die Lehrerkollegien fortlaufend bei der Gestaltung ihrer Schulentwicklungsprozesse hin zu einer stärkeren interkulturellen Öffnung. Damit wird die gesamte Schulkultur in den Blick genommen

SOMMERFERIEN-CAMP FÜR KINDER VON 6–12 JAHREN: E I N E Z E I T R E I S E D U RC H 1 .0 0 0 JA H R E I N V I E R TAG E N 3. + 31 . J U L I , 1 0. 30 –1 6 U H R DAS R Ö M I S C H E R E I C H : D E R M A R KT P L ATZ VO N T R I E R Die Zeitreise führt durch das Museum auf den Marktplatz von Trier im Römischen Reich. Verkleidet als römische Legionäre und jüdische Handelsleute begegnen die Teilnehmer im finsteren Wald des Museumsgartens den Kelten und Germanen. Gemeinsam werden Kämpfe, Hunger und Unterdrückung gemeistert; an einer leckeren Mittagstafel wird vermittelt, warum Wildschweine über dem Lagerfeuer nicht koscher sind. Sommer-Workshop zum Römischen Reich: Der Marktplatz von Trier. Summer workshop on the Roman empire: The marketplace of Trier.

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4. J U L I + 1 . AU G U ST, 1 0. 30 –1 6 U H R M I T T E L A LT E R : I SA AC D E R STO F F H Ä N D L E R Seide, Samt und Baumwolle kamen erst im Mittelalter nach Deutschland. Mit welchen Stoffen Isaac, der Kaufmann, damals handelte und was sich hinter seinem weißen Elefanten Abul Abbas verbirgt, erfahren die Teilnehmer in einer Mittelalter-Führung. Im anschließenden TextilWorkshop kann mit unterschiedlichen Stoffen das Bild vom Elefanten Abul Abbas entworfen, geschneidert und mit nach Hause genommen werden.

und die Projektergebnisse werden langfristig im Unterrichts- und Schulalltag verankert. Ein Beirat mit Mitgliedern aus der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg sowie aus der Erziehungswissenschaft und anderen Bereichen wird das Projekt die nächsten drei Jahre begleiten. Mit dem Beirat wird auch die Übertragung in andere Bundesländer vorbereitet, denn nachdem die Projektergebnisse wissenschaftlich evaluiert sind, sollen die Ansätze nachhaltig in der Lehrerbildung mehrerer Bundesländer verankert werden. Das Projekt „Vielfalt in Schulen“ ist Teil der neuen Programme zu Migration und Vielfalt, die im Rahmen der bald eröffnenden Akademie das pädagogische Profil des Jüdischen Museums vertiefen. Ulrike Wagner

Das neue Bildungsprojekt fördert die interkulturelle Öffnung von Schulen. The new education project fosters the intercultural opening of schools.

5. J U L I + 2 . AU G U ST, 1 0. 30 –1 6 U H R F R Ü H E N E UZ E I T: VO M H AU S I E R E R Z U M B Ä C K E R Ein alter Hausierersack erzählt davon, wie das Leben vor fast 400 Jahren auf dem Lande aussah. Als jüdische Hausierer reisen die Teilnehmer in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. In den geheimen Irrgängen des Museums wird mit Knöpfen und Scheren Handel betrieben. In einem Back-Workshop kann man einiges über die jüdischen Speisegesetze erfahren und im historischen Lehmbackofen selbst Brot backen. 6 . J U L I + 3. AU G U ST, 1 0. 30 –1 6 U H R AU F K L Ä R U N G : N AT H A N D E R W E I S E Diese Zeitreise entführt die Teilnehmer in die Epoche der Aufklärung, die von der Idee geprägt war, dass Menschen durch selbstständiges Denken freier und glücklicher werden. Mit großen Puppen wird diese Geschichte gespielt und nacherzählt. Eltern, Geschwister und Freunde können die Inszenierung abschließend bestaunen. Informationen und Anmeldungen für einzelne Workshops oder das gesamte Sommerferien-Camp unter Tel. 030 – 25993 305 oder fuehrungen@jmberlin.de


E D U C AT I O N

Diversity in Schools For a school culture oriented toward sharing and participation In mid-February, the Jewish Museum began “Diversity in Schools” together with the German Children and Youth Foundation (Deutsche Kinder- und Jugendstiftung, DKJS). The goal of the project, funded by the Mercator foundation, is to foster the inter-cultural opening of schools

S U M M E R VAC AT I O N C A M P FO R C H I L D R E N AG E D 6 -1 2 : A VOYAGE IN TIME THROUGH 1,000 YEARS IN FOUR DAYS 3 J U LY A N D 31 J U LY, 1 0 : 30 A M – 4 P M T H E RO M A N E M P I R E : M A R K E T P L AC E O F T R I E R This voyage in time leads children through the Museum to the market place of Trier under the Roman Empire. Costumed as Roman legionaries and Jewish traders, participants will encounter Celts and Teutons in the dark forest of the Museum Garden. Together, they survive battles, hunger, and oppression. While feasting at a richly spread banquet table, they will learn why wild boar roasted over a campfire is not kosher.

4 J U LY A N D 1 AU G U ST, 1 0 : 30 A M – 4 P M T H E M I D D L E AG ES : I SA AC T H E FA B R I C T RA D E R Silk, velvet, and cotton arrived in Germany only in the Middle Ages. In our tour through this period, participants will learn what fabrics the businessman Isaac traded back then, and what lies behind his white elephant, Abul Abbas. In the textile workshop that follows, children will design, tailor, and take home with them an image of Abul Abbas crafted in various fabrics.

and a discrimination-free learning environment through a combination of continuing education for teachers and process-focused school counseling. Given that we live in a society marked by diversity, one of the daily challenges facing schoolteachers is to adjust to their students’ diverse experiences and perspectives and to take them into account in their lessons. The project “Diversity in Schools” has taken on the task of supporting teachers in this and advising them in the establishment of a respectful school environment. To this end, our project team will work with three Berlin schools over the course of two school years. In March, Berlin schools were given the opportunity to apply for participation in the program. Schools that are particularly keen on continuous re-evaluation and re-design in the daily life of their students and teachers were searched for. In addition to receiving education seminars tailored to their specific needs, the schools taking part in the project will have the opportunity to develop and carry out their own idea of school organization with professional assistance. Based on the careful observation of individual roles in everyday life at school and a close analysis of the personal and school-specific needs, we will work together with teachers, administration, and students to develop and test pedagogical approaches and materials that help promote a school culture sensitive to its own diversity. Methodological and substantive principles will be introduced to foster respectful interactions, an awareness of discrimination, and individualized learning. In this way, we hope to make a contribution toward more fully realizing the promise of equal opportunity for children and young adults of all backgrounds. More concretely, over the next two years we will design and carry out a series of teacher seminars on the subjects of competence in diversity, Germany as a culturally diverse society, and textbooks as purveyors of stereotypes, media literacy, and cultural education. Here the Jewish Museum Berlin can introduce its special experience as a museum for the history of a minority.

Through debate over historical examples, such as the wave of Jewish immigration to Berlin in the early twentieth century, issues of exclusion and belonging will be raised and applied to present-day circumstances. In a seminar on textbooks, shifts of perspective will also be the primary focus. We will examine learning and teaching materials with an eye to stereotypical representations. How are various groups represented? What perspectives are only marginally represented in teaching materials? Using these questions, we will develop approaches that allow different experiences and perspectives to be acknowledged and respected in every aspect of learning and teaching in schools. The continuing teacher education will be accompanied by continuous exchange among the participating schools. The DKJS will provide on-going support to school administrators and teacher associations in connection with both the planning of school development processes and fostering greater inter-cultural openness. We will thus take the school culture as a whole into account and the project results will eventually be incorporated into everyday school-life and teaching plans. An advisory board, with members drawn from the City of Berlin’s Department of Education, the Regional Institute for Schools and Media Berlin-Brandenburg, as well as educational scholars, among others, will support the project over the next three years. One function of the advisory board will be to prepare the transfer of knowledge gained through this project to other regions in Germany. Following an academic review of the project, results will be sustainably incorporated into the process of educating teachers countrywide. The project “Diversity in Schools” is part of new programs on migration and diversity, which in connection with the opening of the museum’s new Academy, will broaden the Jewish Museum’s impact in the realm of education. Ulrike Wagner

5 J U LY A N D 2 AU G U ST, 1 0 : 30 A M – 4 P M E A R LY M O D E R N P E R I O D : F RO M P E D D L E R TO BA K E R An old peddler’s bag tells us what life in the country was like nearly 400 years ago. Participants will travel as Jewish peddlers into the age of the 30-Years-War. In the secret passageways of the Museum, children will trade in buttons and scissors. In a baking workshop, they can learn something about the Jewish dietary laws and bake bread in an historic clay oven.

6 J U LY A N D 3 AU G U ST, 1 0 : 30 A M – 4 P M E N L I G H T E N M E N T: N AT H A N T H E W I S E This voyage through time catapults participants into the Age of Enlightenment, a time characterized by the notion that men can increase their freedom and happiness by independent thinking. This story will be narrated and staged with large puppets. At the end of the workshop, parents, brothers, sisters, and friends can enjoy the play.

Sommer-Workshop zur Frühen Neuzeit: Vom Hausierer zum Bäcker. Summer workshop on the early modern period: From peddler to baker.

For information about, and to register for, individual workshops or the entire summer camp please call 030 / 25 993 305, or write to fuehrungen@jmberlin.de.

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MEDIEN

Mehr als nur „Dinge“ Highlights aus der Sammlung im Rafael Roth Learning Center Zahlreiche Schätze birgt die Sammlung des Jüdischen Museums Berlin und dank vieler Stifter und Förderer wächst sie stetig. Nur ein Bruchteil kann in der Dauerausstellung und in den Wechselausstellungen gezeigt werden. Im Rafael Roth Learning Center, der Medienlounge im Libeskind-Bau, haben Besucher die Möglichkeit, jenseits der Ausstellungen besondere Objekte näher kennen zu lernen und einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Schlicht „Dinge“ nennt sich das neue audiovisuelle Format, das nicht nur mit vielen Bildern, Dokumenten, Filmausschnitten und O-Tönen arbeitet, sondern auch zahlreiche spielerische und interaktive Elemente bietet. Es ist Ergebnis einer Kooperation zwischen dem Jüdischen Museum Berlin und der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). In den von der EU geförderten Projekten EMIKA und POSEIDON konzipierten und produzierten Wissenschaftler, Programmierer und Gestalter gemeinsam multimediale Anwendungen. Das Spektrum der präsentierten Objekte ist weit: Zu entdecken sind Zeremonialobjekte, Alltagsgegenstände, Gemälde, Grafiken, Fotografien und Dokumente. Eine Computeranwendung vermittelt zwar schwerlich die Aura des Originals, doch sie hat dafür andere Vorteile: Sie kann Objekte unabhängig von konservatorischen oder räumlichen Beschränkungen zeigen, Gegenstände lassen sich virtuell bewegen und öffnen, Details vergrößern und Funktionen simulieren, Bücher und Notizhefte durchblättern. Die „Dinge“ sind kein wissen-

Viel zu entdecken: Der Seder-Teller von L. Sidney Kroner in der neuen Multimedia-Anwendung „Dinge“. A lot to explore: The Passover Seder Plate of L. Sidney Kroner on view in the multimedia application “Things”.

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INSIDE JMB

schaftlicher digitaler Katalog, sondern wollen durch eine anschauliche und abwechslungsreiche Präsentation ansprechen. Deshalb können die Besucher zum Beispiel nicht nur einen alten silbernen Tora-Zeiger aus unserer Sammlung bewundern, sondern auch einem ToraSchreiber über die Schulter schauen und an einem Morgengottesdienst teilnehmen. Sie lösen Rechenaufgaben mit einem mittelalterlichen Rechentisch oder verfolgen die aufwändige Herstellung einer silbernen Chanukka-Lampe. Und wir erzählen die dazugehörigen kleinen und großen Geschichten, suchen nach Verbindungen in die Gegenwart und lassen in kurzen Clips Museumsmitarbeiter, Zeitzeugen und Stifter zu Wort kommen. So zum Beispiel L. Sidney Kroner, dem das Jüdische Museum einen reich verzierten ZinnTeller aus dem 18. Jahrhundert verdankt, der seit Generationen im Besitz seiner Familie war. 1933 flohen die Kroners nach Großbritannien, wo L. Sydney Kroner heute noch lebt. Die Vorfahren seiner Mutter, von der er den Teller geerbt hat, stammten aus Mainz. Im Interview erzählt er von seinen Beweggründen, das Erbstück dem Museum zu überlassen: „Da ich nicht verheiratet bin, wollte ich nicht, dass das irgendwie verloren geht. Deshalb habe ich es dem Jüdischen Museum gestiftet. Ich war der Meinung, dass der Teller nicht in England bleiben sollte, der sollte zurückgehen in das Land, wo er herstammt.“ Der Teller wurde in der Familie zum Pessach-Fest benutzt; die Bilder und Symbole, mit denen er geschmückt ist, spielen darauf an. Die Besucher des Learning Centers können diese Details genauer anschauen und sich über Pessach informieren. Ein fester Bestandteil der Zeremonie am Seder-Abend, nämlich die Geschichte von den vier Söhnen, die ihren Vater nach der Bedeutung des Festes fragen, wird mittels eines kleinen Spiels erklärt. Eine Brücke zur Gegenwart schlagen schließlich zwei Berliner Familien und ein Israeli, die ihre sehr verschieden gestalteten Pessach-Teller präsentieren. Dieses Beispiel macht einige der Prinzipien deutlich, die uns bei der Entwicklung der

Multimedia-Anwendung geleitet haben: Die Objekte sind Anlass, Geschichten zu erzählen und den Besuchern religiöse Praxis und gelebten jüdischen Alltag näher zu bringen. Ein weiteres Ziel ist es, Einblick in die Museumsarbeit zu geben – etwa, wenn eine Restauratorin von ihrer Arbeit berichtet oder eine Kuratorin von dem Augenblick erzählt, an dem sie ein besonderes Objekt zum ersten Mal in Händen hielt. Da Sammlungsobjekte häufig mit bestimmten Ereignissen und Erinnerungen verknüpft sind, nehmen auch Zeitzeugen eine wichtige Rolle ein. Wir konnten unter anderem den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gewinnen, über das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss zu sprechen, in dem dieser 1965 den Auschwitz-Prozess verarbeitete. W. Michael Blumenthal erzählt vom Alltag der jüdischen Schüler an der Waldschule Kaliski in den 1930er Jahren. Ein ehemaliger Patient erinnert sich an einen jüdischen Zahnarzt, der die Verfolgungen der Nazi-Zeit überlebt hatte und dessen Praxisschild sich im Besitz des Museums befindet. Auf diese Weise werden die „Dinge“ lebendig. Henriette Kolb


MEDIA

More than just “Things” Highlights from the Collection at the Rafael Roth Learning Center The Jewish Museum Berlin collection includes many treasures, and thanks to the generosity of donors and sponsors it grows larger every day. Only a small fraction of the collection’s holdings can be exhibited in the museum’s permanent and special exhibitions. In the Rafael Roth Learning Center, the media lounge in the Libeskind building, visitors have the chance to become better acquainted with certain objects and take a look behind the scenes and beyond their visit to the museum exhibits. The new audio-visual format in the Learning Center is called simply “Things.” It not only presents objects through pictures, documents, film clips, and audio recordings, but also offers numerous playful and interactive elements. The center is the result of a partnership between the Jewish Museum Berlin and the University of Applied Sciences (Hochschule für Technik und Wirtschaft

Berlin, HTW). Scientists, scholars, programmers, and designers co-conceived and produced multi-media programs for the project, which is within the framework of the EU-sponsored projects EMIKA and POSEIDON. A broad spectrum of objects are presented: ceremonial and everyday objects, paintings, graphic art, photographs, and documents are all here to be discovered. There is no doubt that a computer application can scarcely convey the aura of the originals. But it does have other advantages: it displays the object without curatorial or spatial constraints; objects can be “virtually” opened and moved; details can be enlarged; functions simulated; books and notebooks leafed through. The “Things” are not merely a scholarly digital catalogue; they speak to visitors through vivid and diverse presentation. In this way visitors are able to not only admire an ancient Torah pointer, they can also look over the shoulder of a sofer (Torah copyist) or take part in a morning religious service. They can perform calculations on a counting table from the Middle Ages or follow the toilsome production of a silver Hanukkah lamp. We tell the personal and broad historical circumstances surrounding the object, look for connections to contemporary life, and give historical witnesses, donors, and museum personnel a voice through short video clips. One of these voices is L. Sidney Kroner, who donated a richly ornamented tin plate from the

18th century, which had been in his family’s possession for generations, to the museum. In 1933, the Kroner family fled to Great Britain, where he still lives today. His mother’s ancestors, from whom he inherited the plate, came from Mainz. In our interview, he told us what moved him to donate this family heirloom to the museum: “I’m not married and I didn’t want the plate to be lost somehow. That’s why I gave it to the Jewish Museum. I thought that the plate shouldn’t stay in England. It should go back to the country it came from.” The family had used the plate for Passover and the images and symbols decorating it refer to the holiday. Visitors to the Learning Center can zoom in on these details and learn about Passover. One central element of the Seder ceremony—the story of the four sons, who ask their father what the holiday signifies, is explained through a short game. In closing, two Berlin families and one Israeli connect the story to the present day by presenting their very differently designed Passover plates. This example demonstrates several of the principles that guided us in developing our multimedia applications: the objects provide an occasion for telling stories and helping visitors understand the religious practices and everyday lives of Jews. Another objective is to give insight into the work of the Museum. For instance by letting a conservator describe her work, or a curator talk about the moment she first held a certain object in her hands. As objects in the collection are frequently associated with events and memories, survivors or witnesses to important events also play an important role. Among others, we were able to persuade literature critic Marcel Reich-Ranicki to talk about Peter Weiss’s 1965 play The Investigation, which dealt with the Auschwitz trials. W. Michael Blumenthal describes the daily life of a Jewish schoolboy at the Waldschule Kaliski in the 1930s. A former patient remembers a Jewish dentist, the sign for whose practice is now in the Museum collection. And in the process, these “Things” come to life. Henriette Kolb

Das Rafael Roth Learning Center im Libeskind-Bau. The Rafael Roth Learning Center in the Libeskind building.

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EVENT

intonations – das Jerusalem International Chamber Music Festival im Jüdischen Museum Berlin Sechs Tage lang konnte man im April eines der bedeutendsten Kulturereignisse Israels zum ersten Mal in Berlin erleben: Mit 37 Künstlern und 31 Werken gastierte das Jerusalem International Chamber Music Festival im Jüdischen Museum Berlin. Nach den erfolgreichen klassischen Konzertreihen „Im buntesten Chaos“ und „Göttliche Tonkunst“ schlägt das Museum mit dem Kammermusikfestival ein weiteres Kapitel seines musikalischen Engagements auf. Im Zentrum von intonations stehen sowohl die Liebe zur Kammermusik als auch der Dialog der Kulturen. Dem Erfolgsgeheimnis dieses Festivals, das vor 15 Jahren in der einzigartigen Atmosphäre Jerusalems ins Leben gerufen wurde, ließ sich besonders gut im intimen Ambiente des ausverkauften Glashofes nach-

spüren: Hier trafen renommierte Künstler auf junge Talente und brachten, losgelöst vom üblichen Konzertbetrieb, ihre Freude am gemeinsamen Musizieren zum Ausdruck. Mit dem Programm spannte Elena Bashkirova, die künstlerische Leiterin des Festivals, einen Bogen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart und stellte dem kammermusikalischen Repertoire neue Kompositionen gegenüber. Einen musikalischen Schwerpunkt setzte Elena Bashkirova in diesem Jahr mit sechs Kompositionen von Arnold Schönberg, der in den 1920er Jahren das Musikleben Berlins prägte und 1933 in die USA emigrieren musste. Nur selten kommt in den großen Kammermusiksälen eine solche Nähe zwischen Musikern und Musikliebhabern zustande: Da ließ der erste Flötist der Berliner Philharmoniker, Emmanuel Pahud, einen kleinen Jungen seine Querflöte ausprobieren und Daniel Barenboim lauschte in den hinteren Reihen des Konzertsaals ganz entspannt den Auftritten seiner Kollegen. Nach dem großen Erfolg der Festivalwoche soll das Jerusalem International Chamber Music Festival auch in den folgenden Jahren im Museum eine zweite Heimat finden, wie Museumsdirektor W. Michael Blumenthal am letzten Konzertabend betonte. Unser großer Dank für die Premiere des Festivals im Museum gilt dem Sponsor Evonik Industries, der dieses besondere Musikerlebnis erst ermöglicht hat. Anja Butzek

1 8 . N OV E M B E R B I S 25. N OV E M B E R 20 1 2

Eröffnung der Akademie des Jüdischen Museums Berlin im Eric F. Ross Bau „Höre die Wahrheit, wer sie auch spricht.“ Dieses Zitat des Philosophen, Rechtsgelehrten und Arztes Moses Maimonides aus seiner Abhandlung zur jüdischen Ethik aus dem Jahr 1168 wird in fünf Sprachen auf der Fassade des Eric F. Ross-Baus stehen. Es steht für die Universalität der Wahrheit und des Lernens gegenüber engen und orthodoxen Sichtweisen. Das Jüdische Museum Berlin hat Daniel Libeskinds Vorschlag begeistert aufgenommen, der Akademie des Museums diesen Satz als Grundgedanken ein- und aufzuschreiben. Er wird die Arbeit der Akademie inspirieren, in der künftig Chancen und Probleme des Zusammenlebens in einer heterogenen Gesellschaft thematisiert werden. Der Festakt zur Eröffnung der Akademie findet am 17. November in den neuen Räumlichkeiten des Eric F. Ross Baus statt. Im Anschluss daran verleiht das Museum im Rahmen des Jubiläums-Dinners den Preis für Verständigung und Toleranz. Ausgerichtet in Kooperation mit dem Studio Libeskind und der „Research Unit Intellectual History of the Islamicate World“ an der Freien Universität Berlin wird ein internationales Kolloquium zum Leben und Wirken von Maimonides, zu seiner Rezeption und heutigen Bedeutung am 18. November das offizielle Programm der Akademie eröffnen. 25. N OV E M B E R 20 1 2 – P U B L I KU M STAG

Zum Abschluss der Eröffnungswoche mit Diskussionen, performativen Projekten und einer Filmpremiere öffnen sich am Sonntag die Türen der Akademie für alle Besucher mit Architekturführungen, Lesungen, Workshops und Blicken hinter die Kulissen von Archiv, Bibliothek und Museumspädagogik.

Hochkarätige Besetzung: Das traditionelle Abschlusskonzert des Jerusalem Chamber Music Festivals mit dem Streichoktett in Es-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy. Prominent musicians: The traditional closing concert of the Jerusalem Chamber Music Festival with the string octet in E-flat major by Felix Mendelssohn Bartholdy.

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EVENT

intonations—the Jerusalem International Chamber Music Festival in the Jewish Museum Berlin For six days in April, Berliners had the opportunity to experience one of Israel’s most significant cultural events for the first time: with 37 artists and 31 works, the Jerusalem International Chamber Music Festival made a guest appearance at the Jewish Museum Berlin. Following two previous successful series of classical music, “The Most Colorful Chaos” and “Divine Musical Art!,” the museum opened another chapter in its contributions to the musical life of Berlin. At the heart of intonations was a dialogue of cultures as well as a love of chamber music. The secret to the success of this festival, which was founded 15 years ago in the unique atmosphere of Jerusalem, transpired with crystal clarity in the intimate space of the sold-out glass courtyard: well-known artists here encountered

young talent. Together, freed from the usual business of concert-producing, the musicians could express their simple joy in making music. Elena Bashkirova, the director of the festival, spanned an arc from the eighteenth century to the present in her selection of the repertoire, contrasting chamber music classics with new compositions. Bashkirova gave the concert series a theme in choosing to present six compositions of Arnold Schoenberg, who in the 1920s decisively shaped the musical life of Berlin and then, in 1933, was forced to emigrate to the USA. Only rarely do music-lovers in the larger chamber music halls get to experience such close contact with the musicians as they did in our glass courtyard: at one concert, the first flautist of the Berlin Philharmonic, Emmanuel Pahud, let a little boy try out his flute, and Daniel Barenboim, sitting at his ease in the back row of the audience, listened in on the concerts given by his colleagues. Given the great success of the concert series this year, the museum hopes that the Jerusalem International Chamber Music Festival will in coming years find a permanent second home in the Jewish Museum Berlin—as museum director W. Michael Blumenthal stated emphatically on the last evening of the festival. We owe a great debt of thanks to our sponsor Evonik Industries, who made the premiere of this festival in the museum possible, and thus helped create an extraordinary musical experience for everyone involved. Anja Butzek

1 8 TO 25 N OV E M B E R 20 1 2

Opening of the Academy of the Jewish Museum Berlin in the Eric F. Ross Building “Hear the truth, from whoever speaks it.” So wrote the philosopher, scholar of Jewish law, and physician Moses Maimonides in his treatise on Jewish ethics, written in 1168. This quote will be inscribed in five languages on the façade of the Eric F. Ross Building. It stands for the universality of truth and learning as a challenge to narrow and orthodox views. The Jewish Museum Berlin embraced architect Daniel Libeskind’s suggestion to place the new Academy of the museum under this motto. It will inspire and guide the Academy in its work of investigating the opportunities and problems that people living together in a heterogenous society face. The opening ceremony for the Academy will take place on 17 November in the new Eric F. Ross Building. Following the ceremony, the museum will present the Prize for Understanding and Tolerance at its annual Anniversary Dinner. On 18 November, the program of the Academy will formally commence with an international colloquium on the life and legacy of Maimonides, the reception of his work, and his relevance today. The Jewish Museum is organizing this event together with the Studio Libeskind and the Research Unit “Intellectual History of the Islamicate World at the Freie Universität Berlin.“ 25 N OV E M B E R 20 1 2 – P U B L I C DAY

Discussions, performances, and a film premiere will fill the following week of events. On the last day, Sunday, 25 November, the Academy invites everyone to an open house with free architecture tours, readings, and workshops. Visitors can also peek behind the scenes into the archives, the library, and the education department, as they move into their new space.

Die künstlerische Leiterin Elena Bashkirova mit Mitgliedern des intonations-Ensembles. Artistic director Elena Bashkirova with members of the intonations ensemble.

Die Akademie des Jüdischen Museums Berlin wird in diesem Herbst feierlich eröffnet. The Academy of the Jewish Museum Berlin will be inaugurated this fall.

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VO R S C H AU

PREVIEW

> KO M M E N D E AU SST E L LU N G

> CO M I N G E X H I B I T I O N

2 1 . S E PT E M B E R 20 1 2 B I S 27. JA N UA R 20 1 3

2 1 S E PT E M B E R 20 1 2 TO 27 JA N UA RY 20 1 3

R. B. Kitaj (1932-2007) – Obsessionen

R. B. Kitaj (1932–2007)—Obsessions

Das Jüdische Museum Berlin zeigt die erste umfassende Ausstellung über das Gesamtwerk des Malers R. B. Kitaj nach dessen Tod 2007.

The Jewish Museum Berlin presents the first comprehensive exhibition of the œuvre of painter R. B. Kitaj after his death in 2007.

Geliebte und Feinde, virile Lebensphasen und Zeiten physischer Gebrechlichkeit, Politik, Geschichte, Literatur, Philosophie und nicht zuletzt die Frage nach der Zugehörigkeit zum Judentum, die sich weder über die Religion noch über den Zionismus herstellt, sind die Puzzleteilchen, aus denen Kitaj seine eindrucksvollen Bilder und Collagen schuf. Unbeeindruckt von der vorherrschenden Kunst arbeitete er in den 1960er Jahren figurativ und gehörte zusammen mit David Hockney, Frank Auerbach, Lucian Freud, Leon Kossoff u. a. zur sogenannten London School. Die Konfrontation mit der Geschichte des Massenmords an den europäischen Juden und die Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Außenseiters provozierten ihn zu einer jüdischen Kunst der Moderne, die er „diasporisch“ nannte, und die er farbenkräftig, motivreich und verrätselt entwarf. Heute befinden sich die Gemälde Kitajs in den bedeutenden Museen der Welt und in großen Privatsammlungen. Dank der großzügigen Unterstützung der Leihgeber, unter ihnen das Museum of Modern Art in New York, die Tate in London und die Sammlung Thyssen-Bornemisza in Madrid, konnte diese Ausstellung realisiert werden. Sie zeigt mit ca. 65 Gemälden, sowie Druckgrafik und Zeichnungen einen Überblick über alle Perioden des umfangreichen Œuvres.

Lovers and enemies, virility and fragility, politics, history, literature, philosophy as well as the question of belonging to Judaism, though neither by means of religion nor Zionism, are pieces of the puzzle out of which Kitaj created his paintings and collages. Bucking the trend toward abstraction then prevalent in art, he painted figuratively in the 1960s and belonged, together with David Hockney, Frank Auerbach, Lucian Freud, Leon Kossoff, and others to the so-called London School. Confronting the history of the mass murder of Europe’s Jews, and studying the phenomenon of being an outsider, he created a Jewish modern art, which he termed “diasporic,” with a rich palate of color and enigmatic, recurring motifs. Today, Kitaj’s works can be viewed in large museums and private collections around the world. The exhibition owes thanks to the generous support of the loaners, among them the Museum of Modern Art in New York, the Tate in London and the Thyssen-Bornemisza collection in Madrid. With circa 65 works of art, as well as prints and sketches, it presents an overview of all the periods of Kitaj’s extensive œuvre.

> KU LT U R S O M M E R 20 1 2

> CU LT U RA L S U M M E R 20 1 2

1 . J U L I B I S 1 9. AU G U ST, J E W E I L S S O N N TAGS 1 1 –1 3 U H R, E I N T R I T T F R E I

1 J U LY TO 1 9 AU G U ST, E V E RY S U N DAY 1 1 A M TO 1 P M , A D M I SS I O N F R E E

Jazz in the Garden

Jazz in the Garden

im Museumsgarten (bei schlechtem Wetter im Glashof)

In the museum garden (on rainy days in the glass courtyard)

1. JULI

1 J U LY

Shai Maestro Auftakt der „Jazz in the Garden“ Matineen.

Shai Maestro

Shai Maestro (Piano), Jorge Roeder (Bass), Ziv Ravitz (Schlagzeug)

Shai Maestro (Piano), Jorge Roeder (Bass), and Ziv Ravitz (drums)

22 . J U L I

22 J U LY

Ekkehard Wölk Trio Eine gekonnte Verbindung klassischer Musik mit modernen, schwungvollen Jazz-Improvisationen.

Ekkehard Wölk Trio

Ekkehard Wölk (Piano), Johannes Fin (Bass), Andrea Marcelli (Schlagzeug)

Ekkehard Wölk (piano), Johannes Fin (bass), Andrea Marcelli (drums)

5. AU G U ST

5 AU G U ST

Max Doehlemann Trio feat. Kehilot Sharot Traditionelle jüdische Lieder und Gesänge aus türkischer, kurdischer und irakischer Überlieferung treffen auf den zeitgenössischen Jazz des Trios.

Max Doehlemann Trio feat. Kehilot Sharot

Traditional songs and ballads of Jews from the regions of Turkey, Kurdistan, and Iraq meet with the contemporary jazz of this Trio.

Max Doehlamann (Piano), Hadass Pal Yarden (Gesang), Yaniv Ovadia (Gesang, Saxophon), Christian Schantz (Bass), Martina Fonfara (Schlagzeug)

Max Doehlamann (piano), Hadass Pal Yarden (vocals), Yaniv Ovadia (vocals, saxophone), Christian Schantz (bass), Martina Fonfara (drums)

1 9. AU G U ST

1 9 AU G U ST

Max Andrzejewski’s „Hütte“ Charmant verschrobene Klänge zwischen zeitgenössischem Jazz und origineller Improvisation.

Max Andrzejewski’s “Hütte”

Johannes Schleiermacher (Saxophon), Tobias Hoffmann (Gitarre), Andreas Lang (Bass), Max Andrzejewski (Schlagzeug)

Johannes Schleiermacher (saxophone), Tobias Hoffmann (guitar), Andreas Lang (bass), Max Andrzejewski (drums)

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INSIDE JMB

Opening of “Jazz in the Garden”—a matinee.

A skilful fusion of classical music with modern, swinging jazz improvisation.

Charmingy warped sounds between contemporary jazz and original improvisation.


R. B. Kitaj, Juan de la Cruz, 1967, テ僕 auf Leinwand. R. B. Kitaj, Juan de la Cruz, 1967, oil on canvas.


35.8 / 1000

Birth in Displaced Persons Camps 35,8 pro Tausend Geburten in Displaced Persons-Lagern

Atina Grossmann

Ich war allein; sie war allein. Vielleicht werden wir zusammen halb so allein sein.1 Im Jahr 1946 wies das besetzte Deutschland, bei weitem nicht „judenrein“, nach einer „groben Schätzung“ eine Geburtenrate bei der jüdischen Bevölkerung auf, die „höher war als die jeder anderen Bevölkerung“ auf der Welt.2 Gerade ein Jahr nach der Befreiung, zur gleichen Zeit, als die besiegten Deutschen über dramatisch angestiegene Zahlen von Selbstmorden, Säuglings- und Kindersterblichkeit sowie Abtreibungen klagten, heirateten und zeugten die etwa 250.000 überlebenden Juden – der Scherit ha-Pleta (der Rest der Geretteten) des europäischen Judentums – in den britischen und amerikanischen Besatzungszonen in Rekordquoten. Im Winter 1946 waren Hochzeiten, oftmals zwischen den einzigen Überlebenden vielköpfiger Familien, an der Tagesordnung, und in der amerikanischen Zone kamen „jeden Monat 1000 [jüdische] Babys zur Welt“.3 Laut den Statistiken der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation JOINT waren hier „fast ein Drittel der jüdischen Frauen zwischen 18 und 45 Jahren entweder schwanger oder hatten gerade ein Kind bekommen“. Gab es im Januar 1946 in der gesamten amerikanischen Zone gerade 120 jüdische Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren, so stieg ihre Zahl bis Dezember desselben Jahres sprunghaft auf 4.431 an.4 Frauen, die noch ein paar Wochen oder Monate zuvor „lebende Tote“ gewesen waren, ausgezehrt und amenorrhöisch, trugen nun Babys aus.5 Um die verzweifelte Entschlossenheit der Überlebenden zur Auswanderung nach Palästina zu unterstreichen, behauptete Bartley Crum, der als Mitglied eines angloamerikanischen Palästina-Komitees die Lebensbedingungen in den Displaced Persons-Lagern untersuchte: „In vielen Lagern wurde mir berichtet, dass jüdische Frauen lieber eine Abtreibung durchlitten als Kinder auf deutschem Boden zu gebären.“6 Oft war allerdings eher das Gegenteil der Fall. So stellte US-Major Irving Heymont, Kommandant des DP-Lagers in Landsberg, fest, „dass der Gebrauch von Verhütungsmitteln unter den Menschen im Lager verpönt ist. Ihrer Ansicht nach ist es die Pflicht aller, so viele Kinder wie möglich zu haben, damit die Zahlen der jüdischen Gemeinschaft wieder ansteigen.“7 So unterschiedlich die individuelle Wahrnehmung gewesen sein mag, besteht doch kein Zweifel daran, dass für die Displaced Persons insgesamt und für die Menschen, die sie betreuten und beobachteten, die Häufung von Hochzeiten, Schwangerschaften und Geburten einen bewussten Schritt zu einem Neubeginn jüdischen Lebens bedeutete. In seinen Memoiren „Risen from the Ashes“ schildert Jacob Biber die Geburt seines Sohnes, der als erstes Baby im DPLager Föhrenwald bei München zur Welt kam. Chaim Shalom Dov erhielt seinen Namen zum einen im Andenken an Bibers ersten Sohn, der in den Armen des Vaters ermordet worden war, während die Familie in die ukrainischen Wälder floh, zum anderen zur Feier von Frieden und Le-

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I was lonely; she was lonely. Perhaps together we will be half as lonely.1 In 1946, occupied Germany, far from being judenrein, counted at a “rough estimate” a Jewish birth rate “higher than that of any other population,” in the world.2 Only a year after liberation, at the same time as defeated Germans bemoaned their high incidence of suicides, infant and child mortality and abortion, and German women were desperately seeking to keep the children they already had alive, the approximately 250,000 Jewish survivors—the She’erit Hapleitah (saved remnant) of European Jewry—residing in the American and British zones were marrying and producing babies in record numbers. By the winter of 1946, marriages, often among single survivors of once large families, had become a daily ritual and in the American zone “a thousand [Jewish] babies were born each month.”3 According to statistics gathered by the American Jewish relief organization JOINT, “nearly one third of the Jewish women in the zone between 18 and 45 were either expectant mothers or had new-born babies.” In January 1946 there had been only 120 children between ages one and five in the entire American zone; by December 1946, the numbers had leaped to 4,431.4 Women who only weeks or months earlier had been emaciated, amenorrheic “living corpses” became pregnant and bore children.5 Attempting to dramatize survivors’ desperate determination to emigrate to Palestine, Bartley Crum, a U.S. member of an AngloAmerican Committee on Palestine investigating conditions in the DP camps, claimed that, “In many camps I was told that Jewish women had deliberately suffered abortions rather than bear a child on German soil.”6 Remarkably however, the opposite was more common. U.S. Major Irving Heymont, commander of Lansdberg DP camp noticed, “that the use of contraceptives is highly frowned upon by the camp people. They believe it is everyone’s duty to have as many children as possible in order to increase the numbers of the Jewish community.”7 Whatever the surely highly variable nature of individual experiences, there is no doubt that for the DPs themselves and for those who managed and observed them, the rash of marriages, pregnancies, and babies collectively represented a conscious affirmation of Jewish life. In his memoir, Risen from the Ashes, Jacob Biber described the birth of his son, the first baby in Föhrenwald DP-Camp


Displaced Persons auf dem Weg in die Auswanderung, Roman Vishniac, 1947. Schenkung von Mara Vishniac Kohn. Displaced Persons on their way to emigration, Roman Vishniac, 1947. Gift of Mara Vishniac Kohn.

ben. Nach dem Tod des ersten Sohnes, auf der Flucht und im Versteck, hatten Biber und seine Frau „wie Bruder und Schwester gelebt“ und es nicht gewagt, eine Schwangerschaft zu riskieren; und nun war „diese freudige Überraschung ein Zeichen dafür, dass das Leben weitergeht“.8 Manche Beobachter zeigten sich schockiert von einer Art „Hypersexualität“ unter den zumeist jungen Bewohnern der DP-Lager, denen sexuelle und romantische Erfahrungen der Jugendjahre verwehrt geblieben waren. Viele Überlebende betonten, wie überwältigend das Gefühl war, jung zu sein und endlich befreit von ständiger Angst: „Unsere jungen Körper und Seelen sehnten sich danach zu leben.“9 Mitglieder von Hilfsorganisationen merkten an, dass „der übermächtige Wunsch, der Einsamkeit ein Ende zu setzen und ein Familienleben zu begründen oder wiederzubegründen, vielfach zu Hochzeiten zwischen Männern und Frauen führte, die gar nichts weiter gemeinsam hatten und ihre Verbindung selbst als ‚Verzweiflungsheirat’ bezeichneten“. Immer wieder, so der jüdisch-amerikanische Journalist Meyer Levin, wurde spürbar, dass die Juden, obwohl noch mit elementarsten Überlebensbedürfnissen beschäftigt, mehr als alles andere „irgendeinen Halt auf der Erde“ suchten – „das ging noch vor Essen und Dach über dem Kopf“.10 Nach einer Statistik des Jahres 1948 betrug die jüdische Geburtenrate in Deutschland – unmittelbar vor der Proklamation des Staates Israel und der Lockerung der Einwanderungsbestimmungen in den USA, die das jüdische „DP-Problem“ deutlich reduzierten – erstaunliche 35,8 pro Tausend.11 Verglichen mit den sonstigen deutschen Zahlen war nicht nur die jüdische Geburtenrate außerordentlich hoch (in Bayern betrug sie 1946 z. B. 29 pro Tausend, für Deutsche dagegen nur 7,35 pro Tausend)12, sondern auch die Kindersterblichkeitsrate dieser traumatisierten Flüchtlingspopulation war mit 5,3 pro Tausend Lebendgeburten „phänomenal niedrig“.13 Angesichts der vielen gefallenen oder noch in Kriegsgefangenschaft gehaltenen deutschen Männer im heiratsfähigen Alter erregte dies bald die Aufmerksamkeit deutscher Beamter. Sie beklagten den „furchtbaren Aderlass, den das deutsche Volk durch den letzten Krieg erlitten“ habe, und registrierten mit Unbehagen und spürbarem Neid „die ungewöhnlich große Heirats- und Geburtenfreudigkeit in Deutschland lebender Ausländer“.14 Tatsächlich ist die so wahrgenommene Flut jüdischer Babys nach 1945 zum Teil auch auf den Zustrom von Juden zurückzuführen, die in der Sowjetunion überlebt hatten und nun aus Osteuropa nach Westen flohen. Nicht immer unterscheidet die Statistik klar, ob Kinder in DPLagern, auf dem Flüchtlingszug aus Polen oder noch in der Sowjetunion gezeugt und geboren wurden.15 Außerdem wurde der Baby-Boom begünstigt durch den hohen Anteil junger Menschen und die deutliche Überzahl von Männern unter jüdischen Überlebenden,16 aber auch

near Munich. Chaim Shalom Dov was named in honor of the first son who had been murdered in his father’s arms as the family fled to the forest in the Ukraine, and in celebration of peace and life. While on the run and in hiding, after the death of their son, Biber and his wife had “lived like brother and sister,” not daring to risk pregnancy, and now “this pleasant surprise was a sign of the continuity of life.”8 Observers were shocked by a kind of “hypersexuality” among the mostly youthful inhabitants of the DP camps who had been denied the usual processes of adolescent sexual and romantic experimentation. Relief workers observed unsentimentally that “the overpowering desire to end the loneliness and to establish or reestablish family life led to marriages of men and women who patently had nothing else in common and were acknowledged as ‘marriages of desperation’ by the people themselves,” but they sensed also, as did the American-Jewish journalist Meyer Levin, that, for all the Jews’ immediate preoccupation with the barest necessities of survival, their primary need was “to seek some link on earth... This came before food and shelter.”9 As many survivors have articulated, they were young and finally freed from constant fear; they wanted to live, to taste the pleasures of youth long denied: “our young bodies and souls yearned to live.”10 The recorded Jewish birth rate in Germany for 1948, right before the proclamation of the state of Israel and the easing of U.S. immigration regulations eventually reduced the Jewish DP “problem,” was a whopping 35.8/1000.11 In glaring contrast to German figures, not only was the Jewish birth rate extremely high (in 1946 for example, in Bavaria it was 29/1000 for Jews and only 7.35/1000 for Germans)12, the infant mortality rate of this traumatized refugee population stood at a “phenomenal low” of 5.3 per 1000 live births.13 With many German men of marriageable age lost in battle or still held in prisoner-of-war camps, these demographic differences were certainly not lost on German officials. They bemoaned “the horrific bloodletting that the German Volk has suffered during the last war” and noted with concern and clear envy “the unusually great marriage and birth willingness of foreigners living in Germany.”14 In fact, this perceived flood of Jewish babies after 1945 reflected also the influx of Jews who had survived in the Soviet

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durch die von der United Nations Relief and Rehabilitation Administration und Besatzern garantierte (wenn auch nicht üppige) Versorgung mit Lebensmitteln und Unterkunft. Dennoch: die Schilderungen deutscher, alliierter sowie jüdischer Quellen von Lagern voller schwangerer Frauen und Neugeborener, und der unverkennbare Stolz, mit dem die Überlebenden ihren Nachwuchs vorführten, bezeugen ein einzigartiges demografisches und soziales Phänomen. Natürlich verbargen sich hinter den Zahlen die unterschiedlichsten persönlichen Geschichten. Doch zugleich drückte sich in ihnen ein bewusstes und hoch politisches Bekenntnis aus: „Mir szeinen doh.“ Demografische Studien über die Auswirkungen des Holocaust auf das europäische Judentum haben bestätigt, dass die „Welle jüdischer Geburten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg“ sich nicht allein als Teil eines BabyBooms in allen entwickelten Ländern deuten lässt, sondern speziell daher kam, dass die Holocaust-Überlebenden nun den drastischen Rückgang an jüdischen Geburten in den Jahren von Krieg und Genozid zu kompensieren suchten. Dieser Nachkriegs-Baby-Boom stach auch gegenüber den Vorkriegszahlen deutlich heraus. Von langer Dauer war er allerdings nicht – schon bald schlug sich auch in den jüdischen Geburtenraten die im 20. Jahrhundert überall im Westen vorherrschende Tendenz zu nachlassender Fruchtbarkeit nieder.17 Der DP-Baby-Boom war eine Ausnahmeerscheinung, als unmittelbare Reaktion der europäischen Juden auf die unermesslichen Verluste durch den Holocaust. Atina Grossmann ist Professorin für Europäische und Deutsche Geschichte der Neuzeit am Cooper Union College, New York. Ihr neues Buch „Jews, Germans, and Allies: Close Encounters in Occupied Germany“ wird im Herbst 2012 im Wallstein-Verlag auf Deutsch erscheinen.

Union and were now fleeing West from the Eastern Europe to which they had briefly returned. Statistics do not always clearly distinguish between those infants conceived and born in the DP camps or on the trek west from Poland or even while still in the Soviet Union.15 Certainly, the baby boom also reflected basic empirical factors such as the youthful age cohort and 60/40 (or even two to one) male/female sex ratio among Jewish survivors,16 as well as the guaranteed (if hardly opulent) rations and housing provided by the United Nations Relief and Rehabilitation Administration and the occupiers. Nonetheless, the repeated references by Germans and Allies, as well as Jews, to camps filled with pregnant women and newborns as well as the emphasis placed by the survivors themselves on showcasing their new offspring, all suggested an extraordinary demographic and social phenomenon; the numbers represented multiple personal stories but also a conscious and highly ideologized statement that “mir szeinen doh” (we are here). Demographic research on the impact of the Holocaust on European Jewry has confirmed that the “wave of Jewish births immediately after the second World War,” while certainly part of a baby boom in all the developed countries, was particularly “conspicuous among Holocaust survivors who sought to reconstitute truncated families and who comprised relatively high numbers of adults of reproductive age” and were compensating for the “drastic reduction of Jewish births” that would have otherwise been expected to occur by “natural increase” during the years that had been lost

1 Abraham S. Hyman. The Undefeated. Jerusalem: Gefen Pub. House 1993: 246. 2 Vital Statistic of the Jewish Population in the US Zone of Germany for the Year 1948. Issued by the Medical Department AJDC-OSE-CC Munich: 216. 3 Alex Grobman. Rekindling the Flame. Detroit: WSU Press 1993: 17. 4 Hyman: 247. 5 See Zalman Grinberg, “We are Living Corpses,” in Aufbau, August 24, 1945. 6 Bartley C. Crum. Behind the Silken Curtain. Jerusalem: Milah Press 1996 (orig. New York 1947): 90. 7 Irving Heymont. Among the Survivors of the Holocaust. Cincinnati: American Jewish Archives 1982: 44. 8 Jacob Biber. Risen from the Ashes. San Bernardino: Borgo Press. 1990: 1. 9 Meyer Levin. In Search: An Autobiography. New York: Horizon Press 1950: 183-184. 10 Biber: 46. 11 Michael Brenner. Nach dem Holocaust – Juden in Deutschland 1945-1950. München: Beck 1995: 36. 12 Wolfgang Jacobmeyer, “Jüdische Überlebende als ‚Displaced Persons’,” Geschichte und Gesellschaft 9 (1983): 437. 13 Kurt R. Grossmann. The Jewish DP Problem. New York: IJA 1951: 20. 14 See “Hinweise zu den Ergebnissen der ersten Ausländererhebung des Bayer. Stat. Landesamtes vom 30 Juni 1948,” in BayHStA, Staatskanzlei Akte 14890. 15 See Hyman: 247. 16 Zorach Wahrhaftig. Uprooted. New York: IJA 1946:54. 17 U.O. Schmelz, ”The Demographic Impact of the Holocaust.“ Wistrich, Robert, ed. Terms of Survival. London: Routledge 1995: 44, 50.

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to war and genocide. Actually, the short-lived intense postwar baby boom represented a definite spike even in what had been “normal” prewar rates, which had already begun to drop rather precipitously even in prewar Poland. Nor would the high birth rates persist, relatively quickly yielding to the continued overall twentieth century tendency toward fertility declines in the West.17 In that sense, the DP baby boom was an exceptional development for European Jews, and can be understood as a specific and direct response to the catastrophic losses of the Holocaust. Atina Grossmann is professor for Modern European and German history at Cooper Union, New York. A German version of her new book Jews, Germans, and Allies: Close Encounters in Occupied Germany will be published by Wallstein in autumn 2012.


… Leonard Cohen

Millennium Das könnte mein kleines Buch über die Liebe sein wenn ich es schreiben würde – aber mein guter Dämon sagte: „Vergiß die Dokumente!“ Jeder schaute mir zu als ich meine Bücher verbrannte – Ich schwang meine Freiheitsfackel glücklich wie ein Gestapomonster; das einzige was ich zurückbehalten wollte war eine Narbe eine Verbrennung oder zwei – aber mein guter Dämon sagte: „Vergiß die Dokumente! Das Feuer ist nicht wichtig!“ Der Stapel brannte lichterloh. Ich ging nach Hause, um ein Bad zu nehmen. Ich rief meine Großmutter an. Sie leidet an Gicht. „Bleib gesund“, sagte ich, „mach dir nichts aus den Schmerzen.“ „Du auch nicht“, sagte sie. Stunden später überlegte ich, meinte sie nichts aus meinen Schmerzen machen? oder nichts aus ihren Schmerzen machen? Daraufhin sagte mein guter Dämon: „Ist das alles, was du tun kannst?“ Nun, war’s das? War das alles, was ich tun konnte? Da war die alte Dame, aß allein, sinnierte über Prinz Albert, die Schlacht von Flandern, Kischinew, ihre Finger zu wund für die Knöpfe am Fernseher;

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This could be my little book about love if I wrote it— but my good demon said: “Lay off documents!” Everybody was watching me burn my books— I swung my liberty torch happy as a gestapo brute; the only thing I wanted to save was a scar a burn or two— but my good demon said: “Lay off documents! The fire’s not important!” The pile was safely blazing. I went home to take a bath. I phoned my grandmother. She is suffering from arthritis. “Keep well,” I said, “don’t mind the pain.” “You neither,” she said. Hours later I wondered did she mean don’t mind my pain or don’t mind her pain?


aber wie sollte ich hinkommen? Die Bücher waren weg meine Adressenverzeichnisse – Wieder sagte mein guter Dämon: „Vergiß die Dokumente! Du weißt, wie man hinkommt!“ Und auf einmal wußt ich’s! Es fiel mir plötzlich wieder ein! Ich fand sie in den königlichen Stammbaum vertieft, „Großmutter“, hätte ich fast gesagt, „du hältst ihn verkehrt rum –“ „Schau dir das an“, sagte sie, „er geht nur bis George V.“ „Das ist weit genug du gute alte Haut!“ „Recht hast du!“ zirpte sie und verbrannte das London Illustrated Souvenir Ich verstand nicht was für ein Tag es war bis ich hinausschaute und ein Feuer sah in jedem Fenster der Straße und Menschenmassen ganz wild drauf zu reden und Katzen und Hunde und Vögel die einander zulächelten!

Whereupon my good demon said: “Is that all you can do?” Well was it? Was it all I could do? There was the old lady eating alone, thinking about Prince Albert, Flanders Field, Kishenev, her fingers too sore for TV knobs; but how could I get there? The books were gone my address list— My good demon said again: “Lay off documents! You know how to get there!” And suddenly I did! I remembered it from memory! I found her poring over the royal family tree, “Grandma,” I almost said, “You’ve got it upside down—“ “Take a look,” she said, “it only goes to George V.” “That’s far enough you sweet old blood!” “You’re right!” she sang and burned the London Illustrated Souvenir I did not understand the day it was till I looked outside and saw a fire in every window on the street and crowds of humans crazy to talk and cats and dogs and birds smiling at each other!

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Zwischen den Generationen

Tradition und Erinnerung in jüdischen Überlebenden-Familien Between Generations Tradition and Memory in Families of Jewish Survivors

Lena Inowlocki

From the late 1980s through the mid-1990s, I asked grandmothers, mothers, and daughters in Belgium, the Netherlands, and then West Germany to tell me their life stories. The older generation, born in the 1910s or 1920s, had grown up in various Jewish milieus in Poland, mainly in homes where their parents were traditional and religious. In their youth or as young adults, they suffered persecution and deportation to ghettos or concentration camps. A few were hidden by neighbors, others had survived with falsified papers in a non-Jewish Polish environment. In 1945, they came as Jewish Displaced Persons to Western Ally occupied zones and also continued on to Antwerp or Amsterdam from there. Many tried to emigrate to Palestine, later Israel, or to the USA. Ultimately, they had either remained in Western Europe, or left the countries to which they had emigrated and returned to Europe—in particular, starting in the mid-1950s, from Israel back to West Germany. I was especially interested in the question of whether there was any continuity between the generations in the knowledge and practice of Jewish traditions—after the destruction of Polish Jewish life and the personal and societal upheavals that followed. It was not only the older women I interviewed, who were preoccupied with this question, but also their daughters, who were born in the years around 1945, and their granddaughters, born in the 1970s. What they told me was very touching, striking, and illuminating. How the interviews played out, however, was surprising and at times also disconcerting. One change in the way knowledge was passed on resulted from the intense dedication of many of the granddaughters to Jewish religion, its laws, interpretation, and explanations. They went to Jewish religious schools, reflecting a general trend toward a new orthodoxy in the Jewish communities of Antwerp and to some extent also Amsterdam. In many families, therefore, the book knowledge of the younger generation formed a stark contrast to the practice-based knowledge of customs and traditions held by their mothers and grandmothers. This discrepancy was revealed, for example, in a conversation in which two sisters explained why they could be taught by male, Christian teachers, but the boys studying in separate classes could not be taught by female, Christian teachers. The sisters called their mother into the discussion, who offered pragmatic reasons for this asymmetry. The daughters, in contrast, argued princi-

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Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre bat ich Großmütter, Mütter und Töchter in Belgien, den Niederlanden und in der damaligen Bundesrepublik, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Die ältere Generation, in den 1910er oder 1920er Jahren geboren, war in unterschiedlichen jüdischen Milieus in Polen aufgewachsen, zumeist in traditionellen und religiösen Elternhäusern. Als Jugendliche oder junge Erwachsene erlitten sie Verfolgung, Ghetto oder Konzentrationslager. Einige waren von Nachbarn versteckt worden, andere hatten mit gefälschten Papieren im nichtjüdischen polnischen Umfeld überlebt. 1945 kamen sie als jüdische Displaced Persons in die Zone der westlichen Alliierten, von dort auch nach Antwerpen oder Amsterdam. Viele von ihnen versuchten, nach Palästina, später Israel oder in die USA auszuwandern. Schließlich blieben sie oder kehrten von ihren Zielorten der Auswanderung zurück, insbesondere ab Mitte der 1950er Jahre aus Israel in die damalige Bundesrepublik. Mich interessierte insbesondere die Frage, ob es – nach der Zerstörung der polnisch-jüdischen Lebenswelt und den persönlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die seither stattgefunden hatten – eine Kontinuität von Traditionswissen und Traditionspraxis zwischen den Generationen gab. Die Thematik beschäftigte nicht nur die älteren Frauen, sondern auch ihre Töchter, die in den Jahren um oder nach 1945 geboren wurden, sowie deren Kinder, die in den 1970ern zur Welt kamen. Was mir erzählt wurde, war sehr berührend, eindrucksvoll und erkenntnisreich. Wie die Interviews in den Familien verliefen, war allerdings unerwartet für mich und manchmal auch irritierend. Eine erste Veränderung des Modus der Tradierung ergab sich aus der intensiven Beschäftigung vieler der Enkelinnen mit jüdischer Religion, deren Gesetzen, Auslegungen und Erklärungen. Sie gingen auf religiöse jüdische Schulen, die im Zuge eines generellen Trends in der jüdischen Gemeinde Antwerpen und teilweise auch in Amsterdam eine neue Orthodoxie repräsentierten. In vielen Familien unterschied sich daher das Buchwissen der jüngsten Generation ganz erheblich von der gewohnten Traditionspraxis ihrer Mütter und Großmütter. Diese Diskrepanz drückte sich beispielsweise in einer Gesprächssituation aus, in der zwei Schwestern mir erklärten, weshalb sie von christlichen Lehrern unterrichtet werden könnten, die getrennt von ihnen


pally from the Yiddish notion of Tsniyes, the normative expectation of modest, virtuous restraint. After a long discussion, the mother turned to me and remarked that her children had in effect been “brainwashed.” When I laughed in surprise, the elder daughter rebuked her mother for exaggerating, and told her that she ought to adhere more closely to the code of modest restraint as well. I soon realized that not only in this family, but in a series of families, the mothers characterized the religious schooling of their daughters as “brainwashing”, as a way of pointing out the enormous discrepancy between academic and tradition-based study: learning without explanation, through observant participation in their mother’s practices. The book knowledge acquired in school put an end to the habitual process of passing on knowledge, and thus also altered the “domestic religion” (to use the apropos term coined by cultural anthropologist Barbara Myerhoff for the day-to-day practice of traditions). At the same time, the new custom of academic study was emphatically desired and supported by mothers and fathers alike and viewed as inevitable: in post-war Jewish Communities, no other form of learning was thought possible, and it was thus seen as the necessary foundation for a bond to Judaism. The professionalization of religious study manifested itself after the Shoah as part of a new beginning, as a break with the traditional passing down of customs and traditions. In some of the families of survivors, a religious way of life is of utmost importance. This intensive study by both sons and daughters is viewed as necessary to oppose the absolute negativity of the Shoah, to found new life so to speak. One woman said that when she visits the orthodox, devout part of her family and is surrounded by their plentiful children and lively, religiously structured family life, one could almost forget that there was a Shoah. But even in families that are not religiously oriented, intense efforts to convey some inkling of what has been lost forever is considered necessary, “so that the children know where they come from.” “Of course I indoctrinate my children,” one mother said, in order to teach them the meaning of being Jewish. She considered it a great loss not to have grown up in a traditional, religious family. Carrying on that way of life had been impossible for her parents after Auschwitz. I was able to observe the ways that life within the Jewish community changed during my research visits in

lernenden Jungen aber nicht von christlichen Lehrerinnen. Die Schwestern riefen ihre Mutter hinzu, die pragmatische Gründe aufzählte, um die Asymmetrie zu erklären. Die Töchter argumentierten dagegen prinzipiell mit dem jiddischen Begriff Tsniyes, der normativen Erwartung an bescheidene, sittsame Zurückhaltung. Nach längerer Diskussion wandte sich die Mutter an mich mit der Bemerkung, so seien die Kinder schließlich „gebrainwashed“. Auf mein überraschtes Lachen hin wies die ältere Tochter ihre Mutter zurecht, sie solle nicht so übertreiben, sich also selbst etwas mehr zurückhalten. Bald stellte ich fest, dass nicht nur in dieser, sondern in einer Reihe von Familien Mütter den Religionsunterricht ihrer Töchter als „brainwash“ bezeichneten, um auf die enorme Diskrepanz des schulischen Lernens zur gewohnten Tradierung hinzuweisen: dem Lernen ohne Erklärung, aus der beobachtenden Teilnahme an der Praxis der Mütter. Das in der Schule gelernte Buchwissen setzte diesen habituellen Vermittlungsprozessen ein Ende und veränderte dadurch auch die „domestic religion“ (so der treffende Begriff der Kulturanthropologin Barbara Myerhoff für die lebensweltliche Traditionspraxis). Gleichzeitig wurde das schulische Lernen als unumgänglich angesehen und von Müttern wie Vätern ausdrücklich gewünscht und unterstützt: In den Nachkriegsgemeinden sei eine andere Form des Lernens nicht möglich, und diese bilde daher die notwendige Grundlage für die Bindung an das Judentum. Eine Professionalisierung des religiösen Lernens hat sich nach der Schoa als Neubeginn manifestiert, als Bruch mit dem gewohnheitsmäßig Überlieferten. In einigen Familien der Überlebenden ist eine religiöse Lebensweise von zentraler Bedeutung. Das intensive Lernen nicht nur der Söhne, sondern auch der Töchter wird mit der Notwendigkeit in Verbindung gebracht, der absoluten Negativität der Schoa etwas entgegenzusetzen, das Leben sozusagen neu zu begründen. Eine Gesprächspartnerin erzählte, wenn sie den orthopraxen, frommen Teil ihrer Familie besuche, ließe sich inmitten der vielen Kinder und des lebendigen, religiös gerahmten Familienlebens beinahe vergessen, dass es die Schoa gegeben hat. Aber auch in den nicht religiös orientierten Familien wird ein intensives Bemühen als notwendig angesehen, zumindest eine Ahnung des Unwiederbringlichen zu vermitteln, „damit die

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Antwerp. For example, schoolgirls’ skirts were lengthened in response to social pressure; following discussions at the school, some mothers began to cover their hair. They also bought new products like kosher milk and avoided certain foods, the origin of which had been regarded as fully unproblematic just a short while before. It appeared that a more traditional way of life and more orthodox interpretation of religious provisions were not passed down, as expected, from the older to the younger generation, but were newly set in motion and intensified. This can trigger a dynamic between the generations in which the older generation “follows suit.” The sharing of knowledge is thus not a one-way street; it is based on reciprocal impulses and interplay. A similar dynamic in relation to generations also appeared in the way in which the Shoah is discussed. I left it up to each of my interview partners to decide whether and to what extent she wished to broach the subject of the Shoah. Almost all the women in the oldest generation spoke about their persecution. For nearly all of them, however, it was important that their children and especially their grandchildren would not be present then. Thus, when a younger family member arrived during a conversation about the Shoah, the woman I was interviewing not only switched subjects mid-sentence, but also languages. My research confirmed the general observation that survivors do not speak explicitly about their suffering in the presence of the younger generation(s). A direct exchange about this subject within the survivor’s own family cannot be expected here. But a “displaced” form of communication between the generations did occur, namely, via the families of others—just as I, too, did not interview my own parents, but the parents of strangers. It frequently happened that parents and grandparents first learned that their children or grandchildren had discussed the Shoah with older people within the context of survivor talks at school or other social situations when they unexpectedly joined one of my interviews with the younger generation. Early on in my research, I was perplexed when an interviewee said that her husband had been in BergenBelsen as a child, but “thank God we don’t talk about that with the children.” Over the course of my work I came to understand better that the diverse range of communication methods between generations could compensate for voids in the direct discussion of personal experience.

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Kinder wissen, wo sie herkommen“. „Natürlich indoktriniere“ sie ihre Kinder, erzählte eine Mutter, um ihnen die Bedeutung des Jüdischseins nahe zu bringen. Sie erlebe es als Verlust, selbst nicht in einer traditionsbewussten und religiösen Familie aufgewachsen zu sein; daran anzuknüpfen, war ihren Eltern nach Auschwitz nicht möglich. Während meiner Forschungsaufenthalte in Antwerpen konnte ich beobachten, wie sich das Leben innerhalb der jüdischen Gemeinschaft veränderte. So mussten die Röcke der Schülerinnen auf sozialen Druck hin länger werden; nach Diskussionen in der Schule begannen einige Mütter, ihre Haare zu bedecken. Sie kauften auch neue Produkte wie koschere Milch und mieden Lebensmittel, deren Provenienz vor Kurzem noch als unbedenklich gegolten hatte. Es zeichnete sich also ab, dass eine traditionelle Lebensweise und eine orthodoxe Auslegung religiöser Vorschriften nicht wie erwartet von der älteren zur jüngeren Generation übermittelt, sondern neu in Gang gesetzt und intensiviert werden. Zwischen den Generationen kann dies eine Dynamik auslösen, in der die Eltern „nachziehen“. Die Weitergabe von Wissen ist demnach keine Einbahnstraße; sie beruht auf gegenseitigen Impulsen und Wechselwirkungen. Eine vergleichbare Dynamik im Verhältnis der Generationen zeigte sich in der Art, wie über die Schoa gesprochen wurde. Ich hatte es jeder Interviewpartnerin selbst überlassen, ob und in welchem Umfang sie dieses Thema ansprechen würde. Fast alle Frauen der älteren Generation erzählten davon; vielen war es jedoch wichtig, dass ihre Kinder und insbesondere ihre Enkel dabei nicht anwesend waren. Als während eines Gesprächs einmal ein jüngeres Familienmitglied dazustieß, wechselte meine Interviewpartnerin mitten im Satz sowohl das Thema als auch die Sprache. Dies stimmt mit der allgemeinen Beobachtung überein, dass über das Erlittene im Beisein der jüngeren Generation(en) nicht ausdrücklich gesprochen wird. Ein direkter Austausch innerhalb der eigenen Familie ist hier nicht zu erwarten, wohl aber findet eine „versetzte“ Kommunikation zwischen den Generationen über die Familien anderer statt – wie auch ich nicht meine eigenen, sondern fremde Eltern interviewte. Dass sich Schülerinnen in Zeitzeugengesprächen und anderen sozialen Zusammenhängen mit älteren Menschen über die Schoa ausge-


There is a commonly held opinion that “silence” within the family is the real problem: that the very act of avoiding discussion, or only speaking about the experience of suffering through veiled insinuations, causes a complex of symptoms including severe fear, shame, or guilt. The younger generations would suffer less from the unconscious transfer of feelings from their parents and grandparents, if only they knew what had really happened to them. Knowing what really happened by no means necessarily leads to liberation, however. In contrast to families that have something to hide and deny—like direct participation in, or moral compromise through support of, the crimes of the Nazi regime—the families of survivors cannot expect deliverance through direct confrontation and exposure of what has happened. Generativity, the passing on of knowledge and experience between generations, is viewed as an opportunity for something “new,” for creativity. It appears that generativity emerges through irregular forms of family communication in the wake of the Shoah, as for example with the “displaced” communication between the younger and older members of different families. Another form is the “generational work” between younger and older family members as expressed in the way in which mothers and daughters both wished to be present during the interviews I conducted with the other. This may have involved a degree of information control over what was said; but I think a more important motivation was the genuine desire to listen attentively and the opportunity to ask questions in the presence of a stranger, making contradiction and discussion possible—and allowing the conversation to take a new turn. Lena Inowlocki is professor in the Department for Health and Social Work at the University of Applied Sciences Frankfurt. She wrote her habilitation thesis on Traditionality as reflexive process: Grandmothers, Mothers and Daughters in Jewish Displaced-Person-Families.

tauscht hatten, erfuhren Eltern und Großeltern oft erst, wenn sie unerwartet zu den Interviews hinzukamen. Zu Beginn meiner Forschung irritierte mich die Aussage einer Interviewpartnerin, ihr Mann sei als Kind in Bergen-Belsen gewesen, aber „Gott sei Dank sprechen wir mit den Kindern nicht darüber“. Im Verlauf meiner Untersuchung konnte ich genauer verstehen, dass die unterschiedlichen Kommunikationsweisen zwischen den Generationen Leerstellen der Erfahrungsvermittlung kompensieren können. Es gibt die Auffassung, das „Schweigen“ in den Familien sei das eigentlich Problematische. Gerade erst durch die Vermeidung, also weil die Leidenserfahrungen nicht oder in nur schwer verstehbaren Andeutungen erzählt worden seien, entstünde eine Symptomatik schwerer Ängste, Scham- und Schuldgefühle: Wüssten die jüngeren Generationen, was ihren Eltern oder Großeltern wirklich geschehen sei, wären sie der unbewussten Übertragung weniger ausgeliefert. Dennoch muss das Wissen um das Geschehene keinesfalls eine Befreiung bedeuten. Anders als in Familien, in denen es etwas zu verschweigen gibt, wie eine direkte Täterschaft oder die moralische Kompromittierung durch Unterstützung des Nazi-Regimes, stellen Konfrontation und Direktheit zur Aufdeckung des Geleugneten in Familien Überlebender keine Lösungsmöglichkeiten dar. Generativität, die Wissens- und Erfahrungsvermittlung zwischen den Generationen, wird als Chance für das Entstehen von etwas Neuem, von Kreativität betrachtet. Es scheint, dass Generativität nach der Schoa auf irreguläre Formen der Weitergabe angewiesen ist, wie beispielsweise eine „versetzte“ Kommunikation zwischen Jüngeren und Älteren unterschiedlicher Familien. Eine andere Form ist die „Generationenarbeit“ zwischen jüngeren und älteren Familienangehörigen, wie sie zwischen Müttern und Töchtern zum Ausdruck kam, die gegenseitig während ihrer Interviews anwesend sein wollten. Wichtiger als Informationskontrolle schien hierbei aufmerksames Zuhören und die Gelegenheit, in Anwesenheit einer Fremden Fragen zu stellen, die Widerspruch und Gegenrede ermöglichten und so dem Gespräch neue Wendungen gaben. Lena Inowlocki ist Professorin im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit an der FH Frankfurt. Ihre Habilitationsschrift verfasste sie zum Thema „Traditionalität als reflexiver Prozess. Großmütter, Mütter und Töchter in jüdischen Displaced-Persons-Familien“.

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B R I T I S H CO LU M B I A

P I T TS B U RG H AU S B R I T I S H CO LU M B I A : B ROS C H Ü R E mit Abbildungen und Beschreibungen von fiktiven Medaillen der Familien Hamburger. Herausgegeben und erläutert durch Moses Schnerb, einem Geschäftspartner von Leopold Hamburger, zur Hochzeit von Dora Hamburger und Siegmund Rosenbaum. Schenkung von Hans Elchanan Kratz. F RO M B R I T I S H CO LU M B I A : B RO C H U R E with illustrations and descriptions of fictitious medallions of the Hamburger family. Published and annotated by Moses Schnerb, a business partner of Leopold Hamburger, on occasion of the wedding of Dora Hamburger and Siegmund Rosenbaum. Gift of Hans Elchanan Kratz.

AU S P I T TS B U RG H : FA M I L I E N FOTO, L E D E R KO F F E R U N D V E R LO B U N GS B R I E F Vier Generationen der Familie Hamburger: Karoline Hamburger mit Tochter Cilly verh. Goldschmidt, Enkelin Flora Wechsler geb. Goldschmidt, und Urenkel Siegfried Wechsler, Frankfurt ca. 1915. In dem Lederkoffer waren der Verlobungsbrief von Leopold Hamburger an Karoline Rothschild (Hintergrundsbild) und weitere Briefe aufbewahrt. Schenkungen von Joseph Eaton. F RO M P I T TS B U RG H : FA M I LY P H OTO, L E AT H E R C AS E A N D E N GAG E M E N T L E T T E R Four generations of the Hamburger family: Karoline Hamburger with daughter Cilly Goldschmidt née Hamburger, granddaughter Flora Wechsler née Goldschmidt, and great-grandson Siegfried Wechsler, Frankfurt ca. 1915. Engagement letters of Leopold Hamburger and Karoline Rothschild (background photo) together with the leather case in which these and others were kept. Gifts of Joseph Eaton.

Fundstücke eines Familienerbes

Piecing together a family legacy

Im vorigen Jahr erwarb das Museum im Internet eine Hochzeitsmedaille von einem Anbieter in Tel Aviv. Anknüpfende Forschungen führten zur Kontaktaufnahme mit Nachkommen der Familien Rosenbaum und Hamburger auf drei Kontinenten, deren gemeinsame Vorfahren ursprünglich in Hessen ansässig waren. Es kam Erstaunliches und Unvermutetes zutage: Ein Hochzeitsfoto mit Ehevertrag des Paars aus Israel, eine zur Vermählung herausgegebene Broschüre sowie eine große Sammlung zur Familie Hamburger aus Canada und den USA, und weitere Auskünfte aus Dänemark und Schweden. Die Medaille wurde durch Schenkungen der Nachkommen ergänzt und wird seit Kurzem in der Dauerausstellung des Museums gezeigt.

Last year, the museum acquired a wedding medallion from a seller in Tel Aviv over the internet. Subsequent research led to contact with descendants of the Rosenbaum and Hamburger families on three different continents, whose common ancestors stemmed from Hessia. A number of remarkable and unexpected items came to light: a wedding photograph of the couple together with their marriage contract in Israel, a brochure published on the occasion of their wedding, and a large collection of family memorabilia pertaining to the Hamburger family in Canada and the United States, as well as further information from descendants in Denmark and Sweden. The majority of these items were subsequently donated to the museum, complementing the wedding medallion that is now on display in the permanent exhibition.

Aubrey Pomerance, Leiter des Archivs im Jüdischen Museum Berlin Aubrey Pomerance, Head of Archives at the Jewish Museum Berlin

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Weltfenster Worldwide

AU S T E L AV I V: H O C H Z E I TS M E DA I L L E für Siegmund Rosenbaum und Dorothea Hamburger gestiftet vom Münzhändler Leopold Hamburger und seiner Frau Karoline. Die Medaille zeigt auf der Rückseite als Namenssymbolik des Paares einen Rosenstrauch und das Stadttor von Hamburg unter einem Baldachin, umringt von Zitaten aus dem Hohelied, auf der Vorderseite die Widmung der Eltern und umlaufend die jüdische Datumsangabe.

BERLIN

F RO M T E L AV I V: W E D D I N G M E DA L L I O N

I S RA E L

for Siegmund Rosenbaum and Dorothea Hamburger, commissioned by the coin dealer Leopold Hamburger and his wife Karoline. Playing on the family names of the bride and groom, the medallion shows on its back side a rose bush and the city gates of Hamburg under a wedding canopy, encircled by quotations from the Song of Songs. The parents’ dedication is to be found on the front side of the coin, encircled by the date of the wedding according to the Jewish calendar.

AU S D E M K I B B UZ B E ’ E ROT J I TZC H A K , I S RA E L : H O C H Z E I T FOTO U N D E H E V E RT RAG von Siegmund Rosenbaum und Dorothea Hamburger. Schenkung von Rachel Flint. F RO M T H E K I B B U TZ B E ’ E ROT J I TZC H A K , I S RA E L : W E D D I N G P H OTO G RA P H A N D M A R R I AG E CO N T RAC T of Siegmund Rosenbaum and Dorothea Hamburger. Gift of Rachel Flint.

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Sababa in Spree-Aviv

Immer mehr junge Israelis zieht es auf Dauer nach Berlin Sababa in Spree-Aviv Increasingly More Young Israelis are Drawn to Berlin for the Long Term

Judith Kessler

“The Russians are coming” was yesterday. The new Jews in Berlin are from Israel. For some time now, Berlin hotels have had more Israeli than Japanese guests; airplanes from TLV land several times daily at TXL and SXF; and every year five thousand Israelis, whose parents or grandparents were deprived of citizenship by the Nazi government, apply for a German passport. It is estimated that nearly twenty thousand now live on a permanent basis in Berlin—that is higher than the number that came to the city as part of the wave of Jewish immigration from the former Soviet Union in the 1990s. And the new Berlin Jews are young. In March 2012, the Facebook group “Israelis in Berlin” alone had over two thousand members. Their daily experience is reflected in their posts: “How do you say in German: Do you also remove plaque?”, “Can someone recommend a lawyer for immigration stuff?”, or “I got caught riding the subway without a ticket. Can someone lend me a monthly pass?” For a long time, Israelis were rare birds in Berlin, who all knew each other. There were shops like Mifgasch Israel and Plätzl. The Café Fugger 20 is still around, as is the regulars’ table there, reserved every week by Ilan Weiss, who is glad to offer advice and help to newly arrived Israelis. As are Avi Efroni, with his online magazine Derberliton, and Aviv Russ, who produces the first German-Israeli radio program, Kol Berlin—Voice of Berlin. But the scene is growing and becoming more heterogeneous by the day. Not even the most astute insider can now say in fifty words or less why so many Israelis have moved to Berlin. Some of them feel a stronger desire to get away (from army service, the Middle East conflict, a polarized society) than to go somewhere in particular. Like performance artist Natan Ornan (36), who says of his departure from Israel: “I just couldn’t breathe there anymore. I had to get out. It didn’t matter where to.” On the other hand, there is opera singer Tehila Nini Goldstein (30), who wanted to leave New York. Her singing teacher had told her that Berlin was like the Big Apple in the 1970s: cheap, and not as hectic or aggressive as Tel Aviv. And that here—in contrast to Israel—artists could live on what they earned from performing. It is true that rent, living costs, and university tuition fees are relatively low in Berlin; even more so if you can get a stipend or a European passport to make things a little easier. One example is Adam Bonwitt (29), whose grandfather was born in Berlin. Without his grandfather,

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„Die Russen kommen“ war gestern. Die neuen Juden in Berlin sind aus Israel. Schon seit einiger Zeit zählen die Hotels mehr israelische als japanische Gäste, mehrmals täglich landen Flieger aus TLV, 5.000 Israelis, deren Eltern oder Großeltern der NSStaat die Staatsbürgerschaft entzogen hatte, beantragen jährlich einen deutschen Pass und fast 20.000 sollen inzwischen dauerhaft in Berlin leben – mehr als mit der jüdischen Zuwanderung aus der Ex-Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre in die Stadt kamen. Und die Neuen sind jung. Allein die Facebook-Gruppe „Israelis in Berlin“ hatte im März 2012 über 2.000 Mitglieder. In ihren Postings spiegelt sich ihr Alltag wider: „Wie sagt man auf Deutsch: ‚Entfernen Sie auch Zahnstein?‘“, „Can someone recommend me a lawyer for immigration stuff?“ oder „Ich bin beim Schwarzfahren geschnappt worden. Kann mir jemand eine Monatskarte leihen?“. Israelis waren lange Exoten in Berlin, man kannte sich. Es gab Läden wie das Mifgasch Israel und das Plätzl; es gibt bis heute das Café Fugger 20 und den Stammtisch von Ilan Weiss, der Neuankömmlinge mit Rat und Tat versorgt. Das tun auch Avi Efroni mit der Online-Zeitung Derberliton oder Aviv Russ mit der ersten deutsch-israelischen Radiosendung Kol Berlin – Stimme Berlins. Doch die Szenerie wird größer und heterogener, so dass selbst Insider nicht mit drei Sätzen beantworten können, warum so viele Landsleute sich hier niederlassen. Ein Teil von ihnen geht eher weg (von Militärdienst, Nahostkonflikt, einer polarisierten Gesellschaft), als gezielt irgendwo hin. So sagt der Performance-Künstler Natan Ornan (36) zu seinem Abschied aus Israel: „Ich konnte dort nicht mehr atmen, ich musste raus, egal wohin“. Die Opernsängerin Tehila Nini Goldstein (30) wiederum wollte weg aus New York; ihr Gesangslehrer hatte ihr gesagt, Berlin sei wie Big Apple in den Siebzigern: preiswert, offen und nicht so hektisch und aggressiv wie Tel Aviv. Und dass Künstler hier anders als in Israel von ihren Engagements leben könnten. In der Tat sind Mieten, Lebenshaltungskosten und Studiengebühren vergleichsweise niedrig; umso besser, wenn ein Stipendium oder ein europäischer Pass einen problemlosen Aufenthalt versprechen. Wie bei Adam Bonwitt (29), dessen Großvater in Berlin geboren wurde. Ohne ihn wäre der Anglistikstudent nie hierhergekommen und ohne ihn hätte er jetzt keinen deutschen Pass.


Adam, an English literature student, would never have come here. He would never have gotten a German passport, either. His bachelor’s thesis, How Hummus Became Israeli, deals with what chickpeas have to do with personal identity. The thought first came to him sitting in a Lebanese falafel shop in Neukölln, where both Palestinians and Israelis eat hummus to assuage homesickness. Berlin also benefits from Israelis’ love affair with eating: the former journalist Ze’ev Avrahami opened the hummus-shop, Sababa, on Kastanienallee; Ofer Melech and Eran Weinberger have Zula on Husemannstrasse; and Ehud Cohen extols his pasta-pastrami shop on Rosenthaler Strasse, Luigi Zuckermann, as a “traditional gourmet deli since 2009.” Keren Shahar offers kosher catering throughout Berlin, and Oren Dror operates the successful Pretzel Bar in the hip, young Bergmannstrasse neighborhood. Actor Natan Ornan has only been in Berlin a short time, but already speaks fluent German, investing all his money in language courses. The title of his first one-man show in a Berlin theater, Stay Home, refers to what his grandmother used to tell him. Natan didn’t stay. But he visited Germany for the first time only after the death of his grandfather, who “turned down reparations because he didn’t want to be a victim.” Natan himself “doesn’t want to get stuck in the past,” and recalls a conversation with his tandem partner, whose father and grandfather were in the Wehrmacht: “I said: ‘My grandpa’s brother got gassed in Treblinka.’ And he replied: ‘Wrong. It’s was gassed.’ And then suddenly: ‘I’m sorry, I should really hold my tongue.’ But I said: ‘No! You’re allowed to correct me, you’ve got to.’ I think it’s therapeutic for us both.” Natan says he has learned a lot from people in Berlin. They are tolerant and ready to show solidarity and that they are mindful of others and have a sense of responsibility. But then he also says: “It makes me sad to think I’m happier in Berlin than in Israel.” With the dying off of the actual villains and victims, something fundamental seems to be changing. The “third generation” is voluntarily learning the “language of murderers,” even falling in love with their grandchildren. And young Israelis living in Berlin no longer feel they have to justify the decision to do so. It should be said that many of them do not think Berlin really counts as part of Germany. Most of them are thinking, first and foremost, of sababa (fun), quality of life, and cultural stimulation. Nevertheless, history and a deep

Adam hat sich in seiner Bachelorarbeit „Wie der Hummus israelisch wurde“ damit beschäftigt, was Kichererbsen mit Identität zu tun haben – ein Gedanke, der ihm erst in einer libanesischen Falafelbude in Neukölln kam, wo sowohl Palästinenser als auch Israelis beim Hummusessen ihr Heimweh stillen. Dass Essen eines der Lieblingsthemen von Israelis ist, davon profitiert auch Berlin: Der Ex-Journalist Ze’ev Avrahami hat in der Kastanienallee das Hummus-Lokal Sababa eröffnet, Ofer Melech und Eran Weinberger in der Husemannstraße das Zula, Ehud Cohen preist seinen Pasta-Pastrami-Laden Luigi Zuckermann in der Rosenthaler Straße als „Traditional Gourmet Deli since 2009“ an, Keren Shahar bietet berlinweit koscheres Catering und Oren Dror betreibt im Bergmannkiez eine gut gehende Brezel Bar. Der Schauspieler Natan Ornan ist erst seit Kurzem in Berlin, spricht aber bereits fließend Deutsch, weil er sein ganzes Geld in Sprachkurse investiert. Der Titel seiner ersten One-Man-Show in einem Berliner Theater, „Zuhause Bleiben“, geht auf eine Lebensmaxime seiner Großmutter zurück. Natan ist nicht geblieben. Aber er ist erst nach dem Tod seines Großvaters, der „keine Entschädigung angenommen hat, weil er kein Opfer sein wollte“, zum ersten Mal nach Deutschland gefahren. Er selbst „will nicht in der Vergangenheit bleiben“ und erinnert sich an einen Dialog mit seinem Tandempartner, dessen Vater und Großvater in der Wehrmacht waren: „Ich sage: ‚Der Bruder meines Opas war vergast in Treblinka.‘ Und er sagt: ‚Falsch, es heißt wurde vergast.‘ Dann plötzlich: ‚Entschuldigung, ich halte lieber den Mund.‘ Aber ich sage: ‚Nein! Du hast das Recht dazu, du musst mich korrigieren.‘ Ich glaube, wir therapieren uns gegenseitig.“ Er habe jedenfalls bereits viel gelernt von den Berlinern, die seien tolerant und solidarisch, hätten Gemeinsinn und Verantwortungsgefühl. Doch dann sagt er auch: „Es macht mich traurig, dass ich mich in Berlin wohler fühle als in Israel.“ Mit dem Wegsterben der unmittelbaren Opfer und Täter scheint sich Grundsätzliches zu ändern. Die „dritte Generation“ lernt freiwillig die „Sprache der Mörder“, verliebt sich in deren Enkel und rechtfertigt sich nicht mehr dafür, dass sie hier leben will. Berlin gilt zudem vielen nicht als Deutschland. Die meisten denken zuerst an Sababa (Spaß), an Lebensqualität und kulturelle Impulse. Und doch bleibt auch den Jungen die Geschichte eingebrannt und die Verunsicherung erhalten. Wie die meisten alt-

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sense of insecurity are ingrained in even the young people. Like most long-established Jews, they talk differently about Israel and the Holocaust, depending on who is listening—Jew or non-Jew. The young journalist Shlomit, who lives in Prenzlauer Berg with her German husband, writes in her blog: “The political situation in Israel causes fights between my husband and me…it’s better not to talk about it!” The soprano Tehila sometimes sings Heine and Eichendorff. She thinks that the Germans, deep down, are romantic and philosophical. “And then suddenly there’ll be this perverse little transit officer checking my ticket on the subway, or my really disgusting landlord—my own, private ‘evil German.’” A lot of young Israelis deal with German history and contemporary Israel with black humor or light jokes. DJ Aviv “without the Tel” Netter (26), an institution unto himself as an exemplary Israeli gone askew, is mentioned in every gay guidebook to Berlin. In the house where his grandmother once lived, he organizes popular “Meschugge Parties” and gleefully provokes people with rapid-fire wit and a décor of Israel-pennants and posters of Golda Meir and piglets. But the only one here that seems upset about it is the Israeli embassy. Even two decades after the fall of the Wall, Berlin remains open and undogmatic—an ideal territory for flaneurs, eccentrics, and artists. And they are coming in droves. Gil Raveh conducts, Gilad Hochman composes, Mary Ocher sings and—like Gabriel Moses for his graphic novels—finds an audience for her War Songs. Voices critical of Israel are always popular in Germany. “There are more Israeli artists here than in Tel Aviv,” groans Natan Ornan. The sisters Dorit and Nirit Bialer have founded the group Habait (The House) here, as a meeting place of sorts for creative people—one where Israeli culture and Israelis can find a home away from home. Others want nothing of the sort. Benjamin Reich (35) thinks the idea of being homesick is romantic and haughty. “I like Israel—from a distance,” says the talented photographer, who was born into a Hassidic family in Bnei Brak. Nine of his eleven brothers and sisters live to this day without radio, newspapers, or the Internet. Benyamin left that all behind him in 2009, when a curator invited him to Berlin—mostly, however, because he couldn’t live as a homosexual in the ultraorthodox community he grew up in. For him, Berlin means both freedom and a sense of guilt: “It’s important to me to be able to live together with another man;

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eingesessenen Juden sprechen auch sie anders über Israel oder den Holocaust, je nachdem, ob ihr Gegenüber Jude oder Nichtjude ist. Die junge Journalistin Shlomit, die mit ihrem deutschen Mann in Prenzlauer Berg lebt, schreibt in ihrem Blog: „Die politische Situation in Israel verursacht Streit zwischen meinem Mann und mir... Besser nicht darüber sprechen!“ Die Sopranistin Tehila, die des Öfteren Verse von Heine und Eichendorff singt, hält die Deutschen eigentlich für romantisch und tiefsinnig. „Und dann plötzlich ist da so ein perverser Fahrkartenkontrolleur oder mein wirklich ekliger Hausbesitzer, mein persönlicher ‚böser Deutscher‘.“ Viele junge Israelis begegnen der deutschen Vergangenheit und der israelischen Gegenwart auch mit schwarzem Humor oder Witzeleien. DJ Aviv „without the Tel“ Netter (26) ist als schräger Vorzeige-Israeli bereits eine Institution und wird in jedem schwulen Reiseführer erwähnt. Dort, wo einst seine Großmutter lebte, organisiert er angesagte „Meschugge Partys“ und provoziert gern mit flotten Sprüchen und einer Dekoration aus Israel-Wimpeln, Golda-Meir- und Schweinchen-Postern. Aber außer die israelische Botschaft regt das niemanden auf. Wir sind in Berlin. Und Berlin ist zwei Jahrzehnte nach Mauerfall noch immer offen und undogmatisch – ein ideales Pflaster für Flaneure, Exzentriker und Künstler. Und die kommen in Scharen: Gil Raveh dirigiert, Gilad Hochman komponiert, Mary Ocher singt und findet für ihre „War Songs“ genau wie Gabriel Moses für seine Graphic Novels Abnehmer – kritische Töne zu Israel kommen in Deutschland immer an. „Hier gibt es mehr israelische Künstler als in Tel Aviv“, stöhnt Natan Ornan. Die Schwestern Dorit und Nirit Bialer haben die Gruppe Habait (Das Haus) gegründet, ein Sammelbecken für Kreative, das israelische Kultur und ein bisschen Heimatgefühl in Berlin etablieren will. Manche entziehen sich dem. Benyamin Reich (35) findet, dass dieses Heimweh etwas romantisch Überhöhendes hat. „Ich mag Israel, von Weitem“, sagt der talentierte Fotograf, der in einer chassidischen Familie in Bnei Brak geboren wurde. Neun seiner elf Geschwister leben bis heute ohne Radio, Zeitung und Internet. Benyamin stieg 2009 aus, als ihn ein Kurator nach Berlin einlud, vor allem aber, weil er seine Homosexualität in der ultraorthodoxen Gemeinde nicht leben konnte. Für ihn ist Berlin Befreiung und Schuldgefühl zugleich: „Mir ist wichtig, mit einem Mann zusammenleben zu können;


that my religion prohibits this, is a paradox I can’t escape any more than I can escape my shadow.” And because he can join the two worlds almost effortlessly in Berlin, he feels more like a Jew here than he did in Israel. Benyamin’s grandparents strictly forbade their children to tread on German soil. So his parents did not visit him in Berlin until their own parents died. Benyamin’s father gave a Shi’ur at a Yeshiva and returned home somewhat reassured, because he felt he had found a kind of “Yiddishness” here. For Benyamin as well, the Jewish community and synagogue services remain an important part of his life. This places him, however, squarely in the minority. For most young Israelis in Berlin, the traditional Jewish community hardly appears on their radar screen. As moderator Aviv Russ says: “Most Israelis here think: ‘What would we do there? We don’t speak Russian and we don’t want to pray, either.’” You almost get the impression that the “new Jews” are more quickly and easily absorbed by the city than by their Jewish community. Almost. Oren Dror of the Pretzel Bar wrote on his Facebook page in March 2012: “I was ashamed of myself today. I had to erase ‘Watch out Jew’ from my shop door. I used to think something like that would leave me cold. It’s a strange feeling. In the twelve years I’ve lived here, I’ve luckily never experienced it before.”

dass meine Religion das verbietet, wird mich wie mein Schatten nie verlassen“. Doch weil sich in Berlin beide Welten relativ mühelos zusammenbringen lassen, fühle er sich hier mehr als Jude als in Israel. Benyamins Großeltern waren strikt dagegen, dass ihre Kinder Deutschland betreten. Erst nach ihrem Tod besuchten die Eltern ihren Sohn. Sein Vater habe hier in einer Jeschiwa einen Schi’ur gegeben, erzählt Benyamin, und war beruhigt zurückgefahren, weil er in Berlin so etwas wie „Jiddischkeit“ vorgefunden hatte. Auch für Benyamin selbst bleiben jüdische Gemeinschaft und Synagogenbesuch wichtig. Damit ist er in der Minderheit. Die etablierte Jüdische Gemeinde spielt für die jungen Israelis kaum eine Rolle. Moderator Aviv Russ meint: „Die meisten Israelis hier denken doch: ‚Was sollen wir da? Wir können nicht Russisch und beten wollen wir auch nicht.‘“ Fast scheint es, als würden die „neuen Juden“ von der Stadt leichter und schneller absorbiert als von deren Jüdischer Gemeinde. Fast. Oren Dror von der Brezel Bar schreibt im März 2012 auf seiner Facebook-Seite: „Ich habe mich heute geschämt. ‚Achtung Jude‘ musste ich von der Ladentür wegputzen. Ich hätte gedacht, dass so was mich kalt lassen würde. Das ist ein sehr komisches Gefühl. Ich habe es in den zwölf Jahren, die ich hier lebe, bis jetzt zum Glück noch nie erlebt.“

Judith Kessler is social scientist and senior editor of the magazine of the Jewish Community of Berlin jüdisches berlin.

Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin und leitende Redakteurin des Magazins der Jüdischen Gemeinde zu Berlin jüdisches berlin.

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Spielwiese By the Bye

Jewish Childhood, Then and Now Jüdische Kindheit damals – Jüdische Kindheit heute

Naomi Lubrich Es ist zwölf Jahre her, dass das Jüdische Museum eine Ausstellung zum Thema Jüdische Kindheit in Deutschland nach 1945 zeigte. Damals wurden Alt und Jung, Männer und Frauen angesprochen und gebeten, einen Gegenstand beizusteuern mitsamt einer Geschichte über ihre Erlebnisse im Nachkriegsdeutschland. Viel Kurioses landete in der Ausstellung, unter anderem eine Platte von Mickey Katz (The Most Mishige), eine Schneekugel und eine Tora-Rolle aus Papier. Auch ich stiftete etwas: eine Barbie und einen Ken, beide in Tallit und Kippa, die eine in Rosa, der andere in Blau. Die Puppen verkörpern den Versuch meiner Großeltern und Eltern, ihre drei Mädchen im beinahe vollends nichtjüdischen Berlin der 1980er Jahre jüdisch zu erziehen. Ohne die Unterstützung eines sozialen Netzwerks waren sie ganz auf sich gestellt. So taten sie sich zusammen und bemühten sich, uns unter anderem durch Gegenstände, die sie aus den USA und Kanada mitbrachten, einen Sinn für das Judentum zu vermitteln. Ich erinnere mich an viel typisch jüdisches Spielzeug und jüdische Accessoires: Dreidel und Magnete, Fahnen und Schals, Ausmalbücher und Ausstechförmchen. Doch spätestens als Jugendliche hatte ich das Interesse an allem Jüdischen verloren. Meine Eltern und Großeltern verstärkten ihre Bemühungen, erhöhten den Druck und erwogen, mich in ein jüdisches Sommerlager zu schicken, um dort jüdische Jungs kennen zu lernen – potenzielle Ehemänner, wie ich annahm. Ich rebellierte umso mehr. Fortan lehnte ich alles Jüdische kategorisch ab, schwänzte meine Bat Mitzwa-Stunden und aß unkoscheres Essen, wie Cheeseburger und Shrimps, und das in Gegenwart meiner Großeltern. Danach war es mit dem jüdischen Spielzeug vorbei. Heute stehe ich ironischerweise vor einem ähnlichen Problem wie meine Eltern damals. Ich habe eine fünfjährige Tochter, deren jüdische Erziehung meine alleinige Verantwortung ist, da mein Mann ein resoluter und praktizierender Atheist ist. Und obwohl heute mehr Juden in Berlin leben als damals – zehnmal so viel, um genau zu sein – machen sie trotzdem nur 0,25 Prozent der Bevölkerung aus. Wer sich nicht gezielt auf die Suche

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Twelve years ago, the Jewish Museum mounted an exhibition about Jewish childhood in Germany after 1945. Men and women, young and old were asked to send in an object and tell a story about how they experienced Jewish life in post-war Germany. All sorts of curios went on display, among them a record by Mickey Katz (The Most Mishige), a snow dome, and a paper Torah scroll. I submitted two objects as well: Barbie and Ken dolls dressed in tallitot and kippot—Barbie in pink, Ken in blue. The dolls stood for my grandparents’ and parents’ efforts in raising three girls in an almost exclusively non-Jewish environment of Berlin in the early 1980s. With next to no infrastructure for support, they were on their own with our Jewish upbringing. They made a concerted effort to import from Canada and the USA anything that might instill in us feelings of Jewishness. I remember many Jewish toys and accessories: dreidels and magnets, flags and scarves, coloring books and cookie cutters. Yet nevertheless, by adolescence at the latest, I lost interest in all things Jewish. My grandparents reacted, raised pressure, suggested I go to a Jewish summer camp to meet Jewish boys—potential husbands, I assumed. I rebelled all the more. I ostentatiously refused all things Jewish, skipped Bat Mitzvah lessons and ate unkosher food—shrimp and cheeseburgers for instance—in front of my grandparents. That was the end of my Jewish toys. Ironically, I find myself today in a similar quandary to that of my parents years ago. I have a daughter who is five, and since my husband is a resolute and practicing atheist, her Jewish upbringing is up to me. Though there are more Jews in the city than before—the communities have increased tenfold in number—Jews nevertheless


macht, trifft also im Alltag selten auf Juden. Tatsächlich gehören die beiden einzigen jüdischen Berliner, die wir regelmäßig sehen, zu meiner Familie. Wie zu erwarten, ist mein Erziehungsstil in Sachen Judentum ein wenig willkürlich. Freitags feiern wir Schabbat, aber nicht immer: Wenn wir gerade im Zoo oder auf dem Spielplatz sind, lassen wir ihn ausfallen. Pessach hieß für uns damals, einen langen, gestrengen Seder-Abend über uns ergehen zu lassen. Heute sitzen wir auf Kissen und singen Lieder. Taschlich, der Brauch, sich an Rosch ha-Schana an einem Fluss oder See zu versammeln und als Symbol für die Vergehen des Jahres trockene Brotkrümel vom Wasser forttragen zu lassen, ist für Mimi gleichbedeutend mit Entenfüttern. Meine lässige Einstellung – und die Bemühungen der Gemeinde, jüdische Bräuche als cool zu vermarkten – haben dazu geführt, dass meine Tochter kaum, wenn überhaupt, Befangenheit zeigt. Sie spricht ganz freigiebig mit allen möglichen Menschen über das Judentum, so auch mit den Kindern in ihrer Tagesstätte. Neulich, zu Pessach, hat sie ihre Freunde sogar dazu überreden können, acht Tage kein Brot zu essen in Erinnerung an die Juden in Ägypten. Seltsamerweise befremdet mich ihr fröhlicher Umgang mit dem Judentum ein wenig. Denn obwohl ich die tristesse der jüdischen Gemeinden nach dem Holocaust nicht gerade genossen habe, hat sie mich geprägt und schien mir im Einklang mit den Geschichten von Ungerechtigkeit, Misshandlung und Massenmord, an die wir uns zu Chanukka, Pessach und Purim zu erinnern lernten. Obwohl meine Tochter fröhlich mit ihrem Judentum umgeht, ist sie auch ein wenig einsam. Sie fragt sich, wo all die anderen Juden sind. Da wir miteinander Englisch sprechen, dachte sie anfänglich, dass jeder, der Englisch spricht, oder zumindest jeder Kanadier, jüdisch sei. Natürlich merkte sie bald ihren Irrtum. Die Frage blieb also aktuell. Eines Tages, als wir uns auf dem Weg zum Berliner Stadtteil Tempelhof befanden, war Mimi seltsam still und in Gedanken versunken. Schließlich brach es aus ihr heraus: „Vielleicht ist Tempelhof ja das Land, in dem die Juden ihre Tempel haben!“

still make up only 0.25 percent of the population. So unless you make it an explicit project, it is rare to meet Jews. This being the case, the only two Jewish Berliners we regularly spend time with, are family. As one might expect, my style of Jewish parenting is whimsical. We celebrate Shabbat on Fridays, but only sometimes: if we’re at the zoo or the playground, we’ll skip it. Passover used to mean long, rigorous seder dinners (we didn’t miss a word); today it means sitting on cushions and singing songs. Tashlih, the custom of gathering at a lake or river on Rosh ha-Shanah, and casting off old breadcrumbs as symbols of the year’s wrongdoings, is, for Mimi, the same as feeding the ducks. As a result of my laxity, and also of efforts by the community to market Jewish activities as cool, my daughter has few hang-ups, if any at all. She talks about Judaism to all sorts of people, including the other children at daycare. A couple of weeks ago, during Passover, she convinced her friends to give up eating bread for eight days in order to remember the Jews in Egypt. Strangely, her cheerfulness makes me cringe a little. While I didn’t enjoy the tristesse of the post-Holocaust Jewish communities, it certainly marked me, and I found it consistent with the episodes of injustice, abuse, and genocide we were taught to remember at Hanukkah, Passover, and Purim. Though she’s cheerful about being Jewish, my daughter is also lonely. She wonders where all the other Jews are. Since we speak English together, she thought at first that all English-speakers were Jewish, or at least all other Canadians. That wasn’t the case, of course. The question persisted. One day, we went to a district in Berlin called Tempelhof. Mimi was lost in thought, as we were on our way. A half an hour later, she asked: “Maybe Tempelhof is the land where the Jews all have their Temples?”

Naomi Lubrich, geboren 1976 in Toronto, hat Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in New York und Berlin studiert. Seit 1999 arbeitet sie im Jüdischen Museum Berlin. 2012 promovierte sie mit der Studie „Die Feder des Schriftstellers. Mode im Roman des französischen Realismus“.

Naomi Lubrich, born in Toronto in 1976, studied comparative literature and art history in New York and Berlin. She began to work at the Jewish Museum Berlin in 1999. She completed her Ph.D. dissertation in 2012 with a study of fashion in French realist fiction.

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Schweigen tut weh Silence Is Such Sorrow

Alexandra Senfft

Life was a decades-long drama with my emotionally unstable mother. She suffered from life in general, but more than anything she suffered from herself. From her perspective, it was always others who were at fault: she was the victim of an egotistical environment, powerless and doomed to live out a solitary fate. She felt her own children had abandoned her in her moment of need: she accused us of thinking she wasn’t good enough for us. That she might in some way be responsible for her own state was as foreign a thought to her as that she could in point of fact have neglected us, and not the other way around. When the storm subsided, and she resurfaced from depression and derangement behind closed doors and darkened windows, she was loving, tender, and fragile. It was a constant up and down with her. I was happy when she was happy and miserable as soon as she took a turn for the worse. Indeed, my hopes that she would one day be a responsible, caring mother again, were repeatedly dashed. Death was constantly at her side—and an intangible threat to me from an early age, a palpable shadow. She died at age 64: an accident at home that resulted in third degree burns. It poured down rain on that day in April 1998 and the sky was black. It took me a long time to bring light into that darkness. My mother bequeathed me a pile of questions and boxes full of letters and photographs. I suspected that I would find some answers in the latter. But for a long time I banished the documents she left, some already over 60 years old, to the attic until I was ready to take up the search. What had so tortured my mother? Various reasons circulated in the family to explain her unhappiness and slow insidious suicide. A good deal was said about her “pre-disposition.” I wasn’t convinced and had already mentioned one suspicion at her funeral: that her father had been the trigger for her suffering. Several of my relatives resented that I designated him a “Nazi criminal” in her eulogy. No, she didn’t suffer on his account, and he wasn’t a Nazi criminal for that matter either. My grandfather, Hanns Ludin, was the envoy to Slovakia for the Third Reich and was executed as a war criminal in Bratislava in 1947. In the Ludin family, he was talked about often—almost every day, in fact. For my family he was, in sum, “a victim of his times.” One essential fact went unmentioned in all the talk, which only concealed the silence: namely, that my grandfather had been—to a significant degree—responsible

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Es war ein jahrzehntelanges Drama mit meiner labilen Mutter. Sie litt am Leben, vor allem aber litt sie an sich selbst. Aus ihrer Sicht waren daran stets alle Anderen schuld: Sie war das Opfer einer vermeintlich egoistischen Umgebung, ohnmächtig ihrem einsamen Schicksal ausgeliefert. Sie meinte, selbst ihre eigenen Kinder ließen sie im Stich – sie genüge uns wohl nicht, warf sie uns vor. Die Einsicht, sie selbst könnte einen Anteil an ihrem Zustand haben, kam ihr ebenso wenig in den Sinn wie die Erkenntnis, dass tatsächlich sie uns Kinder vernachlässigte und nicht andersherum. Wenn der Sturm abgeflaut war, sie aus Depression und Umnachtung hinter verschlossenen Türen, hinter verdunkelten Fenstern, wieder auftauchte, war sie liebenswürdig, zärtlich und zerbrechlich. Mit ihr war es ein einziges Auf und Ab. Ich war glücklich, wenn es ihr gut ging, und unglücklich, sobald es ihr schlecht ging. Doch die Hoffnung, dass sie eines Tages wieder eine verantwortungsvolle, sorgende Mutter werden würde, enttäuschte sie regelmäßig. Der Tod war bei ihr stets präsent – das war für mich von klein auf als unbestimmbare Bedrohung, als Schatten spürbar. Mit 64 Jahren starb sie: ein Unfall zu Hause, Verbrennungen dritten Grades. Es regnete an diesem Apriltag 1998 in Strömen und der Himmel war schwarz. Ich habe lange gebraucht, Licht in das Dunkel zu bringen. Meine Mutter hinterließ mir einen Haufen Fragen und Kartons voller Briefe und Fotos. Ich ahnte, dass ich hier Antworten finden würde. Doch ich verbannte die teils sechzig Jahre alten Dokumente zunächst auf den Dachboden, bis ich soweit war, mich auf die Suche zu begeben: Was hatte meine Mutter so gequält? In der Familie gab es viele Erklärungen für ihre Traurigkeit und ihren schleichenden Selbstmord, man sprach oft von „Veranlagung“. Ich war nicht überzeugt. Einen Verdacht hatte ich bereits auf ihrer Beerdigung geäußert: Der Auslöser ihres Leids könnte ihr Vater gewesen sein. Dass ich ihn in meiner Grabrede als Naziverbrecher bezeichnete, missfiel einigen Verwandten sehr. Nein, daran habe sie nicht gelitten, hieß es, und ein Verbrecher sei er sowieso nicht gewesen. Mein Großvater Hanns Ludin war der Gesandte des Dritten Reichs in der Slowakei und wurde 1947 in Bratislava als Kriegsverbrecher hingerichtet. Man sprach in der Familie Ludin viel, ja fast täglich, über ihn: Unterm Strich war er für sie „ein Opfer


Erla Ludin mit ihrer Tochter Erika in Bratislava, 1941. Erla Ludin with her daughter Erika in Bratislava, 1941.

for the deportation of the Slovakian Jews. Sixty-five thousand died in concentration camps. I unconsciously participated in my family’s silence, because it was taboo to speak with mother about her beloved father. She either cried or denied. Only when she drank a little too much from time to time, would she dare to close in on a small bit of truth. As a child and teenager, the subject was virtually impossible for me. I learned to avoid it. It was only after my mother’s death that my attitude changed. Had she not destroyed herself to the bitter end, I would perhaps never have felt the personal need to expose her secret. In 2005, when I started writing my book, “Silence Is Such Sorrow. A German Family History,” I was afraid. I was aware of the fact that I was violating our family code and risked losing the affection of my relatives. The pressure was intense, and the tacit or patent opposition to my work, even on the part of several friends, was at times unbearable. At the beginning, I still hoped to discover some circumstances mitigating the culpability of my grandfather, or at least some evidence that he acknowledged his guilt. Nothing of the sort. Instead, I found a letter of farewell written from prison to his wife, my grandmother, in which he insisted that she knew his heart: that he was incapable of any inhumane feeling or any inhumane deed. I was dumbfounded. How could someone who had served at the highest level, and even helped to shape, the National Socialist system, still insist on his humane sensibilities? During my research, Hanns Ludin—to whom I had never had a relationship closer than to any other historical figure—became my grandfather. He became a real person, on whose lap I might have sat as a child, had he not been sentenced to death. Every day, I became more aware of my appalling heritage. I now understood how my mother, out of an instinct for

seiner Zeit“. Das Wesentliche blieb bei all diesem Gerede, das das Schweigen verbarg, allerdings unerwähnt: Die Tatsache, dass er die Deportation der slowakischen Juden mit zu verantworten hatte. 65.000 starben in den Konzentrationslagern. Unbewusst beteiligte ich mich am familiären Schweigen, denn mit meiner Mutter über ihren geliebten Vater zu sprechen, war ein Tabu. Entweder sie weinte oder sie leugnete. Nur wenn sie mal wieder getrunken hatte, wagte sie sich ein Stückchen an die Wahrheit heran. Für mich als Kind und Jugendliche war das Thema damit praktisch ausgeschlossen, ich lernte, es zu vermeiden. Erst nach dem Tod meiner Mutter veränderte sich meine Haltung. Hätte sie sich nicht bis zum bitteren Ende selbst zerstört, ich hätte vielleicht nie die persönliche Notwendigkeit empfunden, ihr Geheimnis zu lüften. Als ich 2005 mein Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ zu schreiben begann, hatte ich Angst. Mir war bewusst, dass ich mit meiner Perspektive gegen den Familienkodex verstieß und die Zuneigung meiner Verwandten riskierte. Der Druck war groß und die stille oder offene Ablehnung meiner Arbeit, sogar unter manchen Freunden, mitunter massiv. Anfangs hoffte ich, Entlastendes über meinen Großvater zu finden oder wenigstens ein Eingeständnis seiner Schuld. Nichts dergleichen. Stattdessen fand ich einen Abschiedsbrief aus der Haft an seine Frau, meine Großmutter, in der er betonte, sie kenne sein Herz, er sei weder eines unmenschlichen Gefühls noch einer unmenschlichen Handlung fähig. Ich war fassungslos. Wie konnte einer, der dem NS-System an hoher Stelle gedient, ja es mitgestaltet hatte, auf seiner Menschlichkeit beharren? Während meiner Recherchen entwickelte sich Hanns Ludin, zu dem ich nie mehr Bezug als zu einer Person aus dem

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Erika, die Mutter der Autorin, mit ihren beiden Kindern. Erika, the author’s mother, with her two children.

self-preservation, constantly held everyone else responsible for her personal tragedy. She could not bear the thought that her beloved father was a criminal. She was ashamed and suffered from vicarious feelings of guilt. She could not deal with this horrible side of his personality, so she separated herself from it. She made it possible to love him unconditionally and grafted the Nazi villain in him onto others. She did the same with the perpetrator in herself: for she secretly felt bad regarding her children, for failing as a mother. In every conflict, it is always easier to play the role of the victim—at least morally you’re on the right side. My mother was a victim from first to last. At night in her dreams, she saw herself threatened by armed men. She carried the violence of that period within herself as a constant terror. She was in fact a victim of her parents and their belief in National Socialism. The scales fell from my eyes regarding the system of silence and repression my mother and I had lived in: my grandmother sat upon the throne and held all the strings in her hands. My emotional world collapsed at the realization that this woman, whom I had idolized, was the “queen-pin” in the cartel of silence. Until the moment of her death at an advanced age, my grandmother had protected the memory of her ostensibly “honorable” husband Hanns Ludin, and she tolerated no other perspective from her six children and many grandchildren. It took me a long time to come to terms with the fact that the perhaps most important caregiver of my childhood, my grandmother, had also been guilty. She was never ashamed of her husband or of her own support for his actions; in any case she never showed it. She left the shame to her children. And because my mother so hermetically warded off those feelings of shame and guilt, she bequeathed me diffuse feelings of guilt as well. Instead of caring for me, she reversed the roles and made me her counselor

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Geschichtsbuch gehabt hatte, zu meinem Großvater, zu einem Menschen, dem ich als Kind noch hätte auf dem Schoss sitzen können, wäre er nicht mit dem Tode bestraft worden. Täglich wurde mir mein schreckliches Erbe bewusster. Ich verstand nun, dass meine Mutter aus Abwehr dazu neigte, stets alle Anderen für ihre persönliche Tragödie schuldig zu erklären: Sie ertrug es nicht, dass ihr so geliebter Vater ein Verbrecher gewesen sein sollte, sie schämte sich, litt stellvertretend unter Schuldgefühlen. Mit seinen schrecklichen Seiten wurde sie nicht fertig, sie spaltete sie ab, es durfte allein die Liebe zu ihm gelten. Die Anteile des Täters übertrug sie folglich auf andere, auch ihre eigenen Täteranteile: Sie hatte ihren Kindern gegenüber insgeheim ein schlechtes Gewissen, als Mutter zu versagen. In jedem Konflikt ist es leichter, die Rolle des Opfers einzunehmen – man steht moralisch auf der richtigen Seite. Meine Mutter fühlte sich immerzu als Opfer. Nachts sah sie sich im Traum von Bewaffneten bedroht. Die Gewalt von damals trug sie als Schrecken in sich. Tatsächlich war sie das Opfer ihrer an den Nationalsozialismus glaubenden Eltern. Mir fiel wie Schuppen von den Augen, in welchem System von Schweigen und Verdrängung meine Mutter und ich gelebt hatten. Darüber thronte meine Großmutter und hielt die Fäden in der Hand. Dass diese von mir so angehimmelte Frau die Herrin des Schweigekartells gewesen war, brachte meine Gefühlswelt durcheinander. Meine Großmutter bewahrte das Andenken an den angeblich „anständigen“ Hanns Ludin bis zu ihrem späten Tod und duldete es nicht, wenn ihre sechs Kinder oder ihre Enkelkinder eine andere Perspektive einnahmen. Ich musste damit fertig werden, dass die vielleicht wichtigste Bezugsperson meiner Kindheit, meine Großmutter, ebenfalls schuldig geworden war. Geschämt hat sie sich für ihren Mann und für ihre Unterstützung seiner Taten niemals, jedenfalls hat sie es


while I was still a teenager. I was at the mercy of her sorrow and I felt guilty for not being able to help her. As soon as I tried to withdraw from her, I felt even more guilt. Rather than blame her, I transferred the cause for these feelings onto other conditions—often totally banal daily situations, where I felt obliged to take responsibility for something not turning out as it should have. Because my mother suffered so greatly under the ambivalence of her feelings, in her illness she made me suffer, too. I loved her, and I sensed how much she needed me. But I didn’t yet understand her at the time. Very early on, I unconsciously made it my life’s mission to move in ambivalent situations, to build bridges and mend divisions. It was thus no coincidence that my education in Middle Eastern Studies quickly led me to the conflict between Palestinians and Israelis and to my efforts at fostering dialogue. Only later did it become clear to me that it was in part my family history, which led to my engagement in the IsraeliGerman-Palestinian triangle of tension. The title of my book “Silence Is Such Sorrow,” which appeared in 2007, plays on the expression “parting is such sweet sorrow.” For there were a lot of painful losses in my family: my grandfather at the gallows, my mother scalded in the bathtub. Furthermore, I had to take leave of the idealizations I had grown up with: the myths of my grandfather as the innocent Nazi, of my beloved grandmother as the personification of goodness, and not least the myth of the pseudoharmonious cohesion that held together my family— a family whose love for one another was founded on the bedrock of a sham existence. My mother was our “black sheep.” She lived with repressed grief for a lost father, and wrestled in vain for clarity regarding his role in the Third Reich. Above all, she struggled with her mother over his legacy and the “truth.” She wanted to escape from the prison of silence, even of being a knowing accomplice, but she was not strong enough to free herself. She made her life uncomfortable for her relatives and her children, and thus unintentionally bore remembrance. She was the visible wound among us, a wound that refused to heal. My mother, and her gruesome death, remains for me a memorial against repression and forgetting. In this way, and through many detours, I came to a place of confronting the monster of our past. It was liberating. At the same time, my knowledge of this monstrosity remains a great burden. It is, however, a

nicht gezeigt. Sie hat die Scham ihren Kindern überlassen. Und weil meine Mutter diese Scham- und Schuldgefühle so massiv abwehrte, vererbte sie auch mir diffuse Schuldgefühle. Sie verdrehte die Rollen und machte mich als Teenager zu ihrer Seelsorgerin, anstatt für mich Sorge zu tragen. Ich war ihrem Leid ohnmächtig ausgeliefert und fühlte mich schuldig, ihr nicht helfen zu können. Sobald ich mich ihr entzog, fühlte ich mich noch schuldiger. Dieses Gefühl übertrug ich auch auf andere, oft ganz belanglose alltägliche Situationen, in denen ich meinte, die Verantwortung übernehmen zu müssen, wenn etwas nicht richtig lief. Weil meine Mutter unter der Ambivalenz ihrer Gefühle so sehr litt, ließ sie durch ihre Krankheit auch mich leiden. Ich liebte sie ja und spürte ihre Not. Doch ich verstand sie damals noch nicht. Schon früh machte ich es mir unbewusst zur Lebensaufgabe, mich in ambivalenten Situationen zu bewegen, Brücken zu bauen und Spaltungen zu kitten. Es war also kein Zufall, dass mein Studium der Islamwissenschaft mich rasch zum Konflikt zwischen den Palästinensern und Israelis und zu meinen Bemühungen um Dialoge führte. Erst später ist mir klar geworden, dass meine Familiengeschichte teilweise ursächlich für mein Engagement im Spannungsdreieck Israelis-Deutsche-Palästinenser war. Der Titel meines 2007 erschienenen Buches „Schweigen tut weh“ spielt auf „Scheiden tut weh“ an. Denn es gab in meiner Familie schmerzliche Verluste: meinen Großvater am Galgen, meine Mutter verbrüht in der Badewanne. Außerdem musste ich mich von den Idealisierungen verabschieden, mit denen ich aufgewachsen war – von meinem Großvater als scheinbar unschuldigem Nationalsozialisten, von meiner geliebten Großmutter als Inbegriff alles Guten und nicht zuletzt vom pseudo-harmonischen Zusammenhalt einer Familie, deren Liebe füreinander auf dem Fundament einer Lebenslüge gebaut war. Meine Mutter war unser „schwarzes Schaf“. Sie lebte mit der verdeckten Trauer um den verlorenen Vater und rang vergeblich um eine klare Haltung gegenüber seiner Rolle im Dritten Reich. Vor allem mit ihrer Mutter kämpfte sie um sein Vermächtnis und um die „Wahrheit“. Dem Gefängnis des Verschweigens, ja der Komplizenschaft, wollte sie entkommen und war doch nicht stark genug, sich daraus zu befreien. Ihren Kindern und Verwandten hat sie es Zeit ihres Lebens nicht bequem gemacht und dadurch

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burden I bear consciously. I hope that my children will be able to live more freely because the silence has ended and because they know where they stand. During this process, I developed sympathy for my mother, forgave her for leaving me alone so often, and can now cry for her. My relationship to history has changed, as well: just as I reclaimed my grandfather as a man and as my direct ancestor from the dust of history books, so too the victims of National Socialism became real men and women, tangible people. Since I’ve experienced how far families are prepared to go in order to bury the crimes of their relatives, I have become very sensitive to societal processes that often have their roots in the past. It fills me with concern to see how the majority approve of Thilo Sarrazin’s prejudices against Muslims (Deutschland schafft sich ab) or Günther Grass’s coarse and one-sided opinions about the Near East (Was gesagt werden muss). Many commentators have argued that these debates are necessary in order to address and correct abuses. Yet Sarrazin’s opening of the flood-gates and Grass’s uncalled-for partisanship have by no means led to constructive debate. Rather, they have exacerbated the conflicts. The die-hards have only felt justified by them. Have these polarizing voices learned nothing from the National Socialists’ use of extreme stereotypes of the enemy and societal divisions? Despite the fact that Germans, both academically and politically, have taken long strides towards exposing the crimes committed during the National Socialist period, silence still continues to rule with respect to the biographical handling of the past. Not only within the context of families, but also in society more generally, the perpetrators are always “others.” Our dark past will continue to unfurl destructive forces so long as we fail to illuminate and work through it. Alexandra Senfft is an author and journalist. In 2008, her book Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte (Silence Hurts. A German Familiy Story) won the national Best Biography Award. In 2009 Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis (Strange enemy, so close. Encounters with Palestinians and Israelis) was published.

unabsichtlich die Erinnerung wach gehalten. Sie war unter uns die sichtbare Wunde, die nicht heilen wollte und bleibt für mich mit ihrem grausamen Tod ein Mahnmal gegen das Verdrängen und Vergessen. So kam ich auf langen Umwegen endlich in die Lage, das Monster der Vergangenheit zu konfrontieren. Das ist befreiend. Zugleich ist das Wissen um diese Monstrosität eine große Belastung. Es ist jedoch eine Last, die ich nun bewusst trage. Ich hoffe, dass meine Kinder unbeschwerter leben können, weil das Schweigen ein Ende hat und sie wissen, woran sie sind. Während dieses Prozesses habe ich Mitleid für meine Mutter entwickelt, habe ihr vergeben, dass sie mich oft allein gelassen hat, kann um sie weinen. Verändert hat sich dabei auch mein historischer Bezug: So wie ich meinen Großvater aus den Geschichtsbüchern in mein Leben geholt habe, sind auch die Opfer der Nationalsozialisten für mich lebendig und spürbar geworden. Seit ich erfuhr, wie weit Familien gehen, um die Verbrechen ihrer Verwandten zu verbergen, bin ich zudem sehr wach für gesellschaftliche Vorgänge geworden, die ihre Quellen oft in der Vergangenheit haben. Es erfüllt mich mit Sorge, wenn die Mehrheit Thilo Sarrazins Vorurteile gegen Muslime („Deutschland schafft sich ab“) oder Günter Grass’ plumpe und undifferenzierte Haltung gegenüber dem Nahen Osten („Was gesagt werden muss“) befürwortet. Viele Kommentatoren haben behauptet, diese Debatten seien notwendig, um Missstände anzusprechen und zu beseitigen. Tatsächlich jedoch haben der Dammbruch von Sarrazin oder die Einseitigkeit von Grass zu keinem konstruktiven Diskurs geführt und die Konflikte eher noch geschürt. Die Unbelehrbaren haben sich von ihnen nur bestätigt gefühlt. Haben die Polarisierer aus den extremen Feindbildern und gesellschaftlichen Spaltungen der Nationalsozialisten nichts gelernt? Soviel auch immer Deutsche über die Zeit des Nationalsozialismus akademisch und politisch aufgedeckt haben, so sehr herrscht bei der biografischen Bearbeitung weiterhin Schweigen. Die Täter sind deshalb nicht nur im familiären, sondern auch im gesellschaftlichen Kontext immer die Anderen. Die dunkle Vergangenheit entfaltet weiter destruktive Energien, solange wir sie nicht aufklären und bearbeiten. Alexandra Senfft ist Autorin und Publizistin. Für ihr Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ wurde sie 2008 mit dem Deutschen Biografiepreis ausgezeichnet. 2009 erschien ihr Buch „Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis“.

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Jewish Museum Berlin: JMB Journal Nr. 6