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GhK Nachhaltige Regionalentwicklung im Vilsandi-Nationalpark Ans채tze f체r einen umwelt- und sozialvertr채glichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna (Estland) Gesamthochschule/Universit채t Kassel FB 13 Stadt- und Landschaftsplanung

Diplomarbeit I Vorgelegt von Jochen Heimberg Betreuung: Prof. Dipl.Ing. Dagmar Grage Dipl.Ing. Ilke Marschall


Danksagung

Ohne die umfangreiche Hilfe zahlreicher Bürger von Kihelkonna, meiner Freunde und Eltern hätte ich diese Diplomarbeit nicht in der vorliegenden Form erstellen können. Mein ganz besonderer Dank gilt dem Lehrer und Landwirt Herrn Aivar Kallas und seiner Familie, auf deren Hof ich sechs Wochen zu Gast sein durfte. Aivar fungierte als Simultandolmetscher, führte Interviews auf Estnisch für mich, stellte mir wichtige Personen im Ort vor, ermöglichte mir durch seine Tätigkeit als Agrarberater Einblick in die Landwirtschaft der Insel Saaremaa, lieh mir sein Auto, sorgte für die komplizierte Verlängerung meines Visums und beantwortete mir unendlich viele Fragen zu Kihelkonna und Estland. Ferner danke ich Bürgermeister Allan Alev und der Ortschronistin Reet Truuväärt für das zur Verfügung gestellte Material. Ebenso gilt mein herzlicher Dank den Betreibern von Beherbergungsbetrieben und acht Landwirten in der Gemeinde Kihelkonna, die bereit waren, in einem Interview über ihre Situation Auskunft zu geben (siehe Anhang). Bei der Ausarbeitung in Deutschland haben Prof. Dipl.Ing. Dagmar Grage und Dipl.Ing. Ilke Marschall zum Gelingen beigetragen, die mich inhaltlich unterstützten und halfen, meine Eindrücke und Ideen in eine sinnvolle Gliederung zu bringen. Für den laserscharfen Ausdruck und die Unterstützung bei der Erstellung der farbigen Diagramme danke ich meinen Freunden Stefan Stachelhaus und Harald Protte. Schließlich möchte ich meinen Eltern danken, unter deren Dach ich eine ruhige Atmosphäre zum Arbeiten und organisatorische Unterstützung gefunden habe.

Neukirchen-Vluyn, im Dezember 1996


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

1

GLIEDERUNG 1.

EINFÜHRUNG

3

2.

ZIELSETZUNG

6

3.

KURZINFORMATION ÜBER DIE REPUBLIK ESTLAND

9

4.

BESCHREIBUNG DER GEMEINDE KIHELKONNA

12

4.1 4.2 4.3 4.4

Lage und Einordnung Historische Entwicklung und Bevölkerungsstruktur Infrastruktur Wirtschaftsstruktur

12 14 17 20

5.

LANDWIRTSCHAFT

25

6.

VILSANDI-NATIONALPARK

30

6.1

Beschreibung und Schutzzweck

30

6.2 6.2.1

Gesetzliche Grundlagen Die Schutzgebietskategorien des Estnischen Gesetzes über Geschützte Naturobjekte Zonierung von Schutzgebieten Naturparke Biosphärenreservate

34

6.2.1.1 6.2.2 6.2.3

7.

34 35 38 41

BESCHREIBUNG UND QUALITATIVE BEWERTUNG DES TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA

42

7.1 7.2 7.3

Entwicklung des Tourismus in Estland seit der Unabhängigkeit Entwicklung des Tourismus auf Saaremaa Entwicklung des Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

42 44 45

7.4

Beschreibung und qualitative Bewertung der sieben Bausteine des "Urlaubs in Kihelkonna" Landschaft Ortscharakter Wohnen Essen und Trinken Service und Information Tourismusrelevante Infrastruktur Verkehr

52 57 63 82 91 93 94 95

7.4.1 7.4.2 7.4.3 7.4.4 7.4.5 7.4.6 7.4.7


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

8.

UMWELT- UND SOZIALVERTRÄGLICHER TOURISMUS

8.1

Problemzusammenhänge und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Massentourismus Entwicklung von Ansätzen für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus Mögliche Konflikte und Widersprüche im Ansatz des "Sanften Tourismus"

8.2 8.3

2

100

101 106 117

9.

LEITPRINZIPIEN FÜR DIE ENTWICKLUNG DES TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA 122

9.1 9.2 9.3 9.4 9.5 9.6

Fremdenverkehr ein unverwechselbares Profil geben Planung und Tourismuspolitik der Gemeinde neu ausrichten Landschaft schützen Regionale Wirtschaftskraft stärken Landwirtschaft fördern Infrastruktur und Verkehr optimieren

122 123 125 125 126 126

10.

PLANERISCHE INSTRUMENTE ZUR UMSETZUNG EINES UMWELTUND SOZIALVERTRÄGLICHEN TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA

128

10.1 10.2 10.3

Gremium aller am Tourismus Beteiligten Integrierte Bauleit-, Landschafts- und Fremdenverkehrsplanung Dezentrale Konzentration des Tourismus

128 128 133

11.

NACHFRAGE NACH „SANFTEM TOURISMUS“, ZIELGRUPPENBESTIMMUNG UND EINORDNUNG IN EIN MARKTSEGMENT

134

12.

EINZELMASSNAHMEN

141

12.1 12.2

Entwicklung eines Fahrrad-Rundwanderweges Entwicklung eines Dorfspaziergangs für Kihelkonna

141 153

13.

FAZIT

157

14.

LITERATUR

159


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

1.

3

EINFÜHRUNG "Wenn das früher von der großen Heerstraße des internationalen Tourismus weit abliegende Estland [...] in zunehmendem Maße die Aufmerksamkeit ausländischer Besucher auf sich lenkt, [die] durch die Eigenart von Land und Leuten angelockt werden, [...] so ist dies in erster Linie wohl auf die große Reiselust zurückzuführen [..], dann aber auch auf den Spleen, gerade das zu suchen, was noch wenige kennen, das gesehen zu haben, wovon kaum jemand zu berichten weiß" (Albert Pullerits, 1931)

Genau nach 60 Jahren haben die einleitenden Worte des Kapitels "Estland als Touristen1 land" von Albert Pullerits neue Aktualität bekommen. Als 1991 Estland seine Unabhängigkeit zurückerlangte, endeten nach 50 Jahren die Reisebeschränkungen für Ausländer. Erneut ist es nun wieder der "Spleen", das Unbekannte zu entdecken, der west- und nordeuropäische Ausländer nach Estland führt. Der Tourismus ist spätestens seit den sechziger Jahren dieses Jahrhunderts zu einer maßgeblichen Erscheinung geworden: 1995 verreisten nach Angaben der Welttourismusorganisation 567 Millionen Menschen. Das wirtschaftliche Volumen des Fremdenverkehrs2 hat damit das Niveau der Industrieproduktion erreicht. Für viele Länder und Regionen ist der Tourismus wichtigster Wirtschaftsfaktor geworden. Entsprechend seiner Bedeutung und Vielschichtigkeit beschäftigen sich viele Wissenschaftszweige mit den Rahmenbedingungen, Phänomenen und Problemen. Für die vorliegende Arbeit wurde der baltische Raum ausgewählt, da Tourismus hier über eine lange Tradition verfügt und sich Estland, Lettland und Litauen seit ihrer Unabhängigkeit sehr um einen Ausbau des Fremdenverkehrs bemühen, der Raum aber bisher kaum untersucht wurde. Wegen persönlicher Kontakte nach Estland hat sich der nördlichste der drei baltischen Staaten als Ziel angeboten. Die Auswahl der Kommune Kihelkonna ergab sich dabei eher zufällig, nachdem sich die von Deutschland aus vereinbarte Zusammenarbeit mit dem Dorf Käsmu im LahemaaNationalpark in Nordestland zerschlagen hatte. In Käsmu bestand von den örtlichen Ansprechpartnern, entgegen der Meinung der Nationalpark-Verwaltung, gar kein Interesse, sondern eine eher ablehnende Haltung gegenüber einer Diplom-Arbeit zum Thema Tourismus. Auch die geplante und mit der Nationalpark-Verwaltung vereinbarte Aufenthaltsdauer von fünf Wochen wurde von den Zuständigen vor Ort als "unnötig" und "zu lang" angesehen. Daß ich Estland ohnehin vor Beginn der Diplomarbeit durch eine Radtour in seiner Gesamtheit besser kennenlernen wollte, erwies sich nun als sehr positiv, da ich auf dieser Tour Kihelkonna kennenlernte. Die Gemeinde eignete durch ihre Lage ebenso gut für die Diplomarbeit wie der eigentlich vorgesehene Ort: Ein Teil der Gemeindefläche liegt im Vilsandi-Nationalpark, ferner gehört die Insel Saaremaa, auf der Kihelkonna liegt, in 1 2

PULLERITS, E. (1931): Estland: Volk, Kultur, Wirtschaft; S. 327 ff. Der Begriff Fremdenverkehr wird hier in Anlehnung an zahlreiche Autoren synonym zu Tourismus verwendet.


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ihrer Gesamtheit im UNESCO-Biosphärenreservat "Westestnische Inseln". Mein Gastgeber in Kihelkonna, Herr Aivar Kallas, (ein Landwirt und Sportlehrer, der mit seiner Familie "Urlaub auf dem Bauernhof" anbietet) hatte großes Interesse an meiner Arbeit zum Thema Tourismus und ließ mir jede mögliche Hilfe zukommen. Durch seine Mitgliedschaft im Umweltausschuß der Gemeinde, seine Tätigkeit als Berater des Bauernverbandes und dank seiner guten Englischkenntnisse konnte er mir Auskunft zu fast allen Fragestellungen geben, die sich im Laufe der Arbeit in Estland ergaben. Der Fremdenverkehr hat in Kihelkonna seit der Unabhängigkeit stetig an Bedeutung gewonnen. Mehrere Bauernhöfe, Privathaushalte und das Pfarrhaus bieten Gästezimmer an, eine Fährverbindung zwischen der Gemeinde und Gotland hat 1995 über 5000 Schweden nach Saaremaa gebracht, mehrere tausend Bustouristen suchen jeden Sommer die Kirche des Dorfes auf. Die touristischen Überlastungserscheinungen in der Kreisstadt Kuressaare lassen ein Ungleichgewicht an Hotels, Pensionen, Gastronomie, usw. auf der Insel Saaremaa erkennen. Der Fremdenverkehr wird sich voraussichtlich in Zukunft in dem Maße auf andere, geeignete Orte der Insel verteilen, in dem Unterkünfte geschaffen werden. Die Rolle Kihelkonnas als drittgrößte Ansiedlung der Insel mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten sowie die positive Wirtschaftsentwicklung in Estland lassen erwarten, daß der Tourismus in der Gemeinde eine weitere Zunahme erfahren wird. Die sehr marktwirtschaftliche Ausrichtung der estnischen Politik und der Verzicht auf Subventionen in Landwirtschaft und Fischerei bedeuten für Kihelkonna eine unsichere wirtschaftliche Zukunft. Sehr kritisch ist besonders die Situation der Landwirtschaft. Viele Kleinbauern, die bereits zu Sowjetzeiten im Nebenerwerb wirtschafteten, müssen nun ausschließlich ihr Auskommen auf den kleinen Höfen suchen. Viele Betriebe haben wegen mangelnden Eigenkapitals und fehlender Landfläche nur den Charakter einer Subsistenzwirtschaft. Es erscheint daher notwendig, neue Sektoren zu erschließen und zu nutzen. Aus diesem Grund hat der Gemeinderat beschlossen, daß Kihelkonna als "Ferienort mit sanftem Tourismus" entwickelt werden soll. Begründet wird die Orientierung an "weichen" Tourismuskonzepten durch die Lage der Gemeinde im Vilsandi-Nationalpark. Der Nationalpark ist bereits heute Anziehungspunkt für viele Reisende. Er zieht einen Teil seiner Legitimation aus der hohen Zahl der Besucher, die Interesse an der artenreichen Flora und Fauna des Schutzgebietes haben. Andererseits muß bei steigenden Gästezahlen und einem weiterhin ungelenkten Besucherstrom mit Beeinträchtigungen der empfindlichen Vogelwelt des Nationalparks gerechnet werden. Die Frage, wie viele Feriengäste die Insel Vilsandi vor der Küste Kihelkonnas verträgt, wird heute noch nicht gestellt. Auch Überlegungen im Nationalpark gelegene und lange ungenutzte Häfen wiederzubeleben werden nicht vor dem Hintergrund gesehen, wie sich ein mit steigendem Tourismus aufkommender Segel- und Motorbootbetrieb auf Zugvögel und Robbenbänke auswirkt. In den letzten Jahren wurden bereits erhebliche Anstrengungen von Privatleuten und Bauern zur Schaffung von Pensionszimmern unternommen. Die familiären Quartiere bestechen durch die Freundlichkeit der Menschen und die Originalität der Unterbringung. Diese privaten Investitionen finden aber bisher keine Resonanz in gemeindlichen Aufwendungen für den Aufbau einer touristischen Infrastruktur. Es besteht die Gefahr, daß durch die Diskrepanz zwischen der Entwicklung der Beherbergung und dem sonstigen touristischen Angebot die Anstrengungen der privaten Anbieter ins Leere laufen, da der


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"background" für einen attraktiven Urlaub fehlt. Problematisch sind insbesondere der Verfall von Sehenswürdigkeiten wie Gutshöfe und Mühlen, das völlige Fehlen gastronomischer Angebote sowie die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur. Dieses Defizit bei der Inwertsetzung des antropogenen touristischen Potentials kann dazu führen, daß Gäste mit der Beherbergung und dem landschaftlichen Angebot zwar zufrieden sind, wegen der ansonsten aber dürftigen bis nicht existierenden touristischen Ausstattung keinen erneuten Urlaub in der Region verbringen bzw. die Region nur eingeschränkt weiterempfehlen können. Während der Fremdenverkehr in westeuropäischen Ländern gut erforscht ist und auch über die Auswirkungen des Ferntourismus zahlreiche Veröffentlichungen vorliegen, sind estnische Wissenschaftler bisher kaum mit Arbeiten zum Freizeit- und Fremdenverkehr weder an der Universität von Tartu noch an der Akademie der Wissenschaften in Tallinn in Erscheinung getreten. Es mangelt daher an Material über Tourismus in Estland3 bzw. über spezielle, auf Saaremaa oder gar Kihelkonna bezogene Daten. Eine breitere Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Problemen des Tourismus hat auf Saaremaa 1995 mit der Erstellung einer Studie über die Strukturen des Fremdenverkehrs und einer umfangreichen Befragung von Feriengästen begonnen.4 Die vorliegende Arbeit kann sich aber nicht in dem Maße auf umfassendes Zahlen- und Belegmaterial stützen wie dies wünschenswert gewesen wäre. Daten und insbesondere Kartenmaterial waren oft nicht verfügbar, von der Nationalparkverwaltung wurde die Arbeit bedauerlicherweise mit keinerlei Material unterstützt. In einigen Bereichen können daher nur eher allgemeine Aussagen gemacht werden.

3

4

HENNINGSEN, M. (1984): Der Freizeit- und Fremdenverkehr in der (ehemaligen) Sowjetunion unter besonderer Berücksichtigung des Baltischen Raums. Kapitel 8, S. 211. SAARTE INSTITUUT/RIIGI TOURISMIAMET (Insel-Institut/Staatliches Tourismusamt) (1995): Saaremaa Turismiuuring 1995


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2.

6

ZIELSETZUNG Kann ein Tourismus entwickelt werden, der die regionale Natur und Kultur schont, dem Feriengebiet wirtschaftlichen Nutzen bringt und den Gast nicht ausbeutet?

Hinter dieser Fragestellung steht die Erfahrung vieler Einheimischer und Reisender, daß der Tourismus nicht nur Erholung und neue Eindrücke beim Feriengast und Geld in den Kassen der Bereisten hinterläßt, sondern auch mit zahlreichen Problemen behaftet ist. Der vorliegenden Arbeit liegt die Einstellung zu Grunde, daß Reisen eine soziale Errungenschaft unserer Gesellschaft ist, die dem Erholungsbedürfnis der Menschen entspricht und ihnen die Möglichkeit eröffnet, andere Kulturen, Menschen und Länder kennenzulernen und eigene Verhaltensmuster zu überprüfen bzw. Neues im Urlaub auszuprobieren. Gleichzeitig soll sich in der Zielregion die Lebensqualität der Einheimischen durch den Tourismus verbessern. Voraussetzung des Fremdenverkehrs muß dabei sein, daß das natürliche Potential des Reisegebietes erhalten wird. Der Massentourismus hat in den letzten Jahrzehnten gezeigt, daß er kaum in der Lage ist, diese Anforderungen zu erfüllen. Unter dem Begriff des "Sanften Tourismus" wird seit Beginn der achtziger Jahre eine neue Form des Reisens propagiert. Die vorliegende Arbeit will die Möglichkeiten und Risiken einer sanften touristischen Entwicklung5 der Gemeinde Kihelkonna aufzeigen. Estland befindet sich in einer Phase des radikalen wirtschaftlichen Umbruchs, der mit dem Beitritt der DDR nur ansatzweise zu vergleichen ist, da eine Abfederung wirtschaftlicher Härten dem estnischen Staat kaum möglich ist. Der nach wie vor hohe Beschäftigungsanteil in Landwirtschaft (auf Saaremaa ca. 30%) und Fischerei wird, soweit die Politik der völligen Öffnung des estnischen Marktes beibehalten wird, in Zukunft nur schwer zu halten sein. Ein Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher, Möglichkeiten zur Entwicklung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus aufzuzeigen, die einer breiten Bevölkerungsschicht eine besseres wirtschaftliches Auskommen ermöglicht. Dabei soll es nicht Ziel sein, daß der Tourismus die traditionellen Sektoren Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei ablöst, sondern er soll als zusätzliches Standbein für wirtschaftliche Stabilität sorgen. Der Fremdenverkehr soll dabei ein Teilbereich einer eigenständigen, nachhaltigen Regionalentwicklung sein. Der auf die Nutzung des endogenen Potentials angewiesene Fremdenverkehr bietet sich dazu an, unterschiedliche wirtschaftliche Interessen und Aktivitäten zusammenzuführen. Die derzeit voneinander unabhängig agierenden Sektoren 5

Der Begriff der "touristischen Entwicklung" sollte sich hier an der Definition von ALBRECHT/BENTHIEN/ BÜTOW orientieren, die Entwicklung nicht mit Wachstum gleichsetzen, sondern ausschließlich im Sinne einer vorwiegend qualitativen Weiterentwicklung verstanden wissen wollen. (ALBRECHT/ BENTHIEN/BÜTOW (1995): Tourismus - Nachhaltigkeit - Regionalentwicklung. Arbeitsstandpunkte des Förderkreises Freizeit- und Tourismusforschung Greidswald e.V./Forschungsgruppe Rekreationsgeographie am Geographischen Institut der Universität Greifswald. S.5)


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Landwirtschaft, Handwerk, Bau- und Kunstgewerbe, Handel, Gastronomie, Privatvermietung und Kultur bilden dabei ein Wirkungsgefüge, in dem sich die Teilbereiche gegenseitig fördern und durch die Verzahnung ökonomischer und sozialkultureller Interessen regionale Entwicklungsanstöße gegeben werden können. Es kommt dabei darauf an, sich nicht bei einem sich entwickelnden Tourismus mit einer zu erwartenden ökonomischen Wertschöpfung von außenstehenden Investoren die Art und Geschwindigkeit der Entwicklung diktieren zu lassen. Eine langsame und auf eher unempfindliche Gebiete begrenzte touristische Erschließung durch das Kapital der Einheimischen wird zu einer dauerhaften Verbreiterung nicht zu einer Polarisierung der ökonomischen Teilhabe der lokalen Bevölkerung am Fremdenverkehr führen. Bei einer solchen Entwicklung besteht nicht die Gefahr, daß die touristische Wertschöpfung nach außen abfließt und bei der einheimischen Bevölkerung nur die Belastungen des Tourismus verbleiben. Eine Hauptziel dieser Arbeit ist es, auf die typischen natürlichen und antropogenen Merkmale und touristischen Potentiale der Gemeinde Kihelkonna hinzuweisen. Das touristische Angebot soll sich auf die im Raum vorhandenen Ressourcen stützen. Mit seiner landschaftlichen Vielfalt, dem Meer, den zahlreichen Sehenswürdigkeiten, seinen freundlichen Menschen und der handwerklich ausgerichteten Wirtschaft verfügt Kihelkonna über ein sehr breites Potential und reichhaltige Ressourcen, aus denen zahlreiche Ideen für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus zu entwickeln sind. Wichtigstes Kapital der Gemeinde Kihelkonna ist seine landschaftliche Vielfalt, die durch Wälder, Äcker, Wiesen, Wacholder-Weiden, Moore, das Meer und die Verschiedenartigkeit der Küste bestimmt ist. Zielsetzung ist, mit einer Verzahnung von Landbewirtschaftung, Naturschutz (Nationalpark) und ländlichem Tourismus die Vielgestaltigkeit der Landschaft zu erhalten. Die Ausrichtung der touristischen Entwicklung der Gemeinde auf einen landschaftsbezogenen Fremdenverkehr bietet sich durch ihre Lage im Vilsandi-Nationalpark an. Der Nationalpark (einer von vier Nationalparks in Estland) trägt zur Bekanntheit der Gemeinde bei und zieht Gäste an. Die Konnotation Vilsandi = Kihelkonna = Natur liegt nahe. Da der Nationalpark als Anziehungspunkt für Gäste von großer Bedeutung ist, strebt die vorliegende Arbeit an, Möglichkeiten einer touristischen Nutzung und Erschließung der Region zu entwickeln, die dem Schutzzweck des Nationalparks nicht entgegenstehen. Die bereits realisierten privatwirtschaftlichen Anstrengungen zur Etablierung des Tourismus in Kihelkonna entsprechen den Zielen eines familiären, von einheimischen Privatanbietern getragenen Fremdenverkehrs. Das Engagement der privaten Anbieter war bisher sehr stark und mit zum Teil erheblichen Investitionen verbunden. Gleichzeitig fehlt aber eine weitere touristische Infrastruktur praktisch völlig. Als Zielsetzung im Sinne eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus, der auch die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde nicht überfordert, wird der weitestgehende Verzicht auf kostenintensive, tourismusspezifische Infrastruktureinrichtungen angesehen. Notwendig sind daher maßvolle Konzepte zur Angleichung des privaten und öffentlichen Engagements für den Fremdenverkehr, damit die privaten Investitionen nicht ins Leere laufen. Ein Ausbau von Infrastruktureinrichtungen soll nur stattfinden, wenn er auch den Einheimischen von Nutzen ist und langfristig wirtschaftlich tragbar bleibt. Der Sinn ausschließlich auf den Tourismus abzielender Infrastruktur soll in den Überlegungen zur Fremdenverkehrsentwicklung der Gemeinde sehr kritisch abgewogen werden.


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Mit einem Anwachsen des Tourismus in Kihelkonna bedarf es mehr und mehr einer Diskussion aller Beteiligten und Betroffenen über die Leitprinzipien, nach denen sich der Fremdenverkehr entwickeln soll. "Ein Obstbaum, den man nur wachsen läßt und den man nicht beschneidet, bringt schließlich schlechte Früchte. Er nimmt sich selbst das Licht, das gesundes Wachstum braucht: Tourismuswachstum ohne Rücksicht auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen ist Wild6 wuchs ohne Zukunftsperspektive."

6

Kurverwaltung Hindelang (1994/95)


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3.

9

KURZINFORMATION ÜBER DIE REPUBLIK ESTLAND

Landschaft und Klima Estland, der nördlichste der drei baltischen Staaten, ist mit einer Fläche von gut 45.000 km2 etwas größer als Dänemark oder die Schweiz. Im Westen und Norden grenzt es an die Ostsee - an die Rigaer Bucht und an den Finnischen Meerbusen -, im Süden an Lettland und im Osten an Rußland. Der rund 3800 Kilometer langen, buchtenreichen Küste sind rund 1500 Inseln und Inselchen vorgelagert. An der Westküste befinden sich die beiden großen Inseln Hiiumaa (Dagö) und Saaremaa (Ösel). Saaremaa, an dessen nordwestlicher Spitze sich die in der vorliegenden Arbeit untersuchte Gemeinde Kihel2 7 konna befindet, ist mit 2668 km die zweitgrößte Insel der Ostsee. Die Oberflächenstruktur Estlands weist nur geringe Höhenunterschiede auf und zeigt starke Ähnlichkeiten mit der finnischen Landschaft. Typisch für die eiszeitlich geprägte Landschaft ist die Zahl von 1200 meist flachen Seen. Die zahlreichen Moore und Sümpfe nehmen mit 20 Prozent einen erheblichen Teil der Landesfläche ein und wurden teilweise als Schutzgebiete ausgewiesen. Wälder bedecken ein Drittel der Oberfläche. Die wichtigsten Baumarten sind Ahorn, Eiche, Erle, Kiefer, Pappel, Fichte und Birke. Das Landschaftsbild der westestnischen Inseln ist durch den mageren Kalkboden geprägt, auf dem vor allem Wacholderbüsche gedeihen. Klimatisch gehört Estland zum atlantisch-kontinentalen Einflußgebiet der gemäßigten Zone. Charakteristisch sind daher relativ kurze, warme Sommer und milde Winter. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt auf Saaremaa 6,0o C, die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge 509 Millimeter.

Bevölkerung und Sprache Knapp 1,6 Millionen Menschen leben in Estland, davon alleine fast 500.000 in der Hauptstadt Tallinn. Estland weist damit nach Norwegen und Island die geringste Bevölkerungsdichte in Europa auf. Die starke Konzentration der Bevölkerung auf städtische Zentren spiegelt sich auch in der Wirtschaft wider: 12% der Esten sind in der Landwirtschaft tätig, ein Drittel arbeitet im industriellen Sektor. Trotz des wirtschaftlichen Umbruchs ist die Zahl der Arbeitslosen gering. Die Gesamtbevölkerung besteht aus ca. 61% Esten, 30% Russen, 3% Ukrainern und 2% Weißrussen. Diese Bevölkerungszusammensetzung rührt aus der Besetzung Estlands durch die Sowjetunion her, die einerseits zehntausende Esten deportierte und gleichzeitig die Ansiedlung russischer Bürger förderte. Die russische Bevölkerung konzentriert sich auf die industriellen Zentren im Nordosten des Landes sowie auf Tallinn. Da die meisten Russen die estnische Sprache nicht beherrschen, wird ihnen bisher die estnische Staatsbürgerschaft verwehrt, was Estland internationaler Kritik ausgesetzt hat. Die estnische Sprache gehört zur Gruppe der finno-ugrischen Sprachfamilie. Finnen und Esten können sich relativ problemlos unterhalten, da 60% der Wortstämme identisch sind. Mit 14 aktiv gebrauchten Kasi besitzt die Sprache jedoch eine sehr komplizierte Grammatik. Zahlreiche Vokabeln stammen auch aus dem Deutschen und Niederdeutschen.

7

Zum Vergleich: Deutschlands größte Ostseeinsel Rügen umfaßt eine Fläche von 926 km2.


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Geschichte Estland blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die von zahlreichen Besatzungsmächten geprägt wurde. Dänen, Deutsche, Polen, Schweden und Russen hinterließen ihre Spuren in der estnischen Kultur. Erst 1816-19 wurde die Leibeigenschaft für die Bauern aufgehoben und erst Mitte des 19. Jahrhunderts konnten estnische Bauern selbst Land erwerben. Bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts bildeten deutsche Adlige die Oberschicht des Landes und übten als Großgrundbesitzer einen starken Einfluß aus. In den Wirren der russischen Oktoberrevolution (1721-1917 war Estland russische Provinz) errang Estland 1917 erstmalig die Unabhängigkeit. Mit einer Agrarreform wurde der deutsche Großgrundbesitz auf estnische Bauern verteilt. Die Ära der unabhängigen Republik bescherte dem Land eine kulturelle Blüte, die nur bis zum Juni 1940 währte. Gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt besetzte die Sowjetunion Estland und wurde als Sozialistische Sowjetrepublik Moskau angegliedert. Krieg und Zwangsverschleppung dezimierten die estnische Bevölkerung um 25%. Ende der vierziger Jahre wurde mit der Kollektivierung der Landwirtschaft begonnen, die Industrieproduktion wurde ausgebaut und zentral kontrolliert, Russisch wurde Amtssprache. Die Loslösung von der Sowjetunion begann Anfang der achtziger Jahre. Gefordert wurden mehr Mitspracherecht für die Esten und eine größere wirtschaftliche Unabhängigkeit der Estnischen Sowjetrepublik. Aus der 1987 gegründeten Ökologiebewegung, die sich gegen die Ausweitung des Phosphorit-Tagebaus wendete, entstand eine einflußreiche Protestbewegung. Die Estnische Volksfront mobilisierte Hunderttausende. Im November 1988 und im März 1990 erklärte der Oberste Sowjet von Estland die Souveränität, die von Moskau jedoch nicht akzeptiert wurde. Ein Referendum im März 1991 ergab eine eindeutige Mehrheit für die Forderung nach Unabhängigkeit. Nach dem Putschversuch in Moskau war es Boris Jelzin, der schließlich im August 1991 die Unabhängigkeit Estlands anerkannte. Seit 1992 wurden zahlreiche Reformen in Angriff genommen. Der Abzug der Roten Armee wurde im August 1994 abgeschlossen. Die Wirtschaft wurde im Gegensatz zu Lettland und Litauen einer marktwirtschaftlichen Roßkur unterzogen, die zum Zusammenbruch der Kolchosen und Sowchosen führte und die Privatisierung der Staatsbetriebe zum Ziel hatte. Die estnische Krone löste 1992 den Rubel als Landeswährung ab. und wurde im Verhältnis 1 : 8 an die Deutsche Mark gebunden. Die weiterhin schleppend verlaufende Landreform behindert die Entwicklung einer privaten, bäuerlichen Landwirtschaft.


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Karte 1: Estland, der nördlichste der drei baltischen Staaten, wird im Norden vom Finnischen Meerbusen und im Westen von der Rigaer Bucht begrenzt. Auch die in der vorliegenden Arbeit behandelte Gemeinde Kihelkonna auf der Insel Saaremaa ist auf der nebenstehenden Karte verzeichnet.


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4.

12

BESCHREIBUNG DER GEMEINDE KIHELKONNA

Abbildung 1: Glockenturm und St. Michaelis-Kirche im Dorf Kihelkonna

4.1

Lage und Einordnung

Die Gemeinde Kihelkonna (Kihelkonna vald) ist selbständige Kommune im Kreis Saare, der die Inseln Saaremaa und Muhu umfaßt. Kreisstadt ist Kuressaare. Die Fläche der Gemeinde Kihelkonna beträgt 245,9 km2. Die Gemeinde besteht aus dem Dorf Kihelkonna sowie weiteren kleinen Weilern. Die Gemeinde Kihelkonna liegt an der Nordwestküste der Insel Saaremaa. Etwa die Hälfte der Gemeindefläche umfaßt die Halbinsel Tagamõisa. Die Westküste der Halbinsel ist durch zahlreiche Buchten geprägt. Der Küste vorgelagert befinden sich zahlreiche Inseln, von denen Vilsandi mit einer Fläche von 890 Hektar am größten ist. Die Ostküste der Halbinsel bildet die Taga-Bucht (Tagalaht). Die Gemeinde Kihelkonna wird östlich durch die Gemeinde Mustjala sowie teilweise durch das Ufer des Karu-Sees begrenzt, im Süden schließt sich die Gemeinde Kärla an, im Südwesten liegt die Kommune Lümanda. Die Nord-Süd-Ausdehnung der Gemeinde Kihelkonna beträgt ca. 27 Kilometer, die OstWest-Ausdehnung ca. 16 Kilometer. Neeme, das nördlichste Dorf im Gemeindegebiet an der Nordspitze der Tagamõisa-Halbinsel, ist 27 Kilometer vom Dorf Kihelkonna (Kihelkonna alevik) entfernt. Das Dorf Kihelkonna liegt 32 Kilometer nordwestlich der Kreisstadt Kuressaare und ist über eine asphaltierte Landstraße mit dieser verbunden.


Ans채tze f체r einen umwelt- und sozialvertr채glichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

Kihelkonna

Kuressaare (Kreisstadt)

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Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

4.2

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Historische Entwicklung und Bevölkerungsstruktur

Über die Geschichte Kihelkonnas ist nur sehr wenig bekannt. Das Dorf Kihelkonna wird erstmals 1254 im Zusammenhang mit der Sankt Michaelis-Kirche erwähnt. Von Bedeutung war der Ort wegen seiner Kirche, dem Pfarrhaus des Kirchspiels Kihelkonna und dem Hafen, dessen Bedeutung 1438 hervorgehoben wird. Die Einwohner der Gegend stammen aus Gotland, worauf einige Ortsnamen noch hinweisen (Kotlandi=Gotland; Rootsiküla=Schwedisches Dorf). Im 20. Jahrhundert verflachte der Hafen Kihelkonnas durch die Hebung der Insel soweit, daß im sieben Kilometer nordwestlichen Kurevere ein neuer Hafen angelegt wurde (Jaagarahu). Die Ansiedlung des heutigen Dorfes Kihelkon8 na bildete sich um die Kirche und stammt erst vom Ende des 19. Jahrhunderts.

Einwohnerzahl der Gemeinde Kihelkonna Die Gesamtzahl der in der Gemeinde Kihelkonna ansässigen Bevölkerung betrug am 1. Januar 1996 1115 Einwohner. Daraus ergibt sich eine Besiedlungsdichte von 4,5 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zieht man von der Gesamteinwohnerzahl die Einwohner des Dorfes Kihelkonna (548) ab, so ergibt sich für das Gemeindegebiet die Besiedlungsdichte von 2,8 Einwohnern pro Quadratkilometer. Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte von Saaremaa beträgt 13,8 Personen/ km2, die durchschnittliche Bevölkerungs2 dichte für ganz Estland beträgt ca. 35 Personen/km . Jahr der Zählung Einwohnerzahl

1922 3513

1939 3114

1959 2339

1970 1688

1979 1526

1989 1310

1991 1135

1991

1996

1996 1115

Entwicklung der Einwohnerzahl

4000 3500 3000 2500 2000 1500 1000 500 0 1922

1939

1959

1970

1979

1989

Diagramm 1: Einwicklung der Einwohnerzahl

8

WESTERMANN, G. (1985): Baltisches Historisches Ortslexikon, Teil I, Estland einschl. Nordlivland. Köln/Wien. sowie Auskünfte des Kreisarchivs Kuressaare.


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15

Einwohnerzahl in den Dörfern und Weilern der Gemeinde Kihelkonna auf der Halbinsel Tagamõisa Undva (9) Neeme (3) Kuralase (6) Tagamõisa (15) Veere (58) Kõruse (20) Kurevere (13) Tammese (8) Kehila (9) Läägi (5) Kallaste (18) Insel Vilsandi

östlich und südlich der Taga-Bucht Pidula (23) Abula (6) Odalätsi (4) Liiva (11) Üru (14) Kööru (15) Kuumi (17) um Kihelkonna-Dorf/südlich Kihelkonna Kihelkonna Dorf (548) Rootsiküla (55) Virita (21) Vedruka (19) Viki (82) Oju (17) Loona (12) Pajumõisa (29)

(20)

Quelle: schriftliche Mitteilung der Gemeindeverwaltung Kihelkonna, Stand: 1.1.1996 (Einwohnerzahlen in Klammern)

Altersaufbau der Bevölkerung 76 - 90 Jahre 61 - 75 Jahre 46 - 60 Jahre Frauen

31 - 45 Jahre

Männer

17 - 30 Jahre 7 - 16 Jahre 0 - 6 Jahre 0

20

40

60

80

100

120

Diagramm 2: Altersaufbau der Bevölkerung (Darstellung Männer/Frauen) (Quelle: Gemeindeverwaltung Kihelkonna; Stand 1.1.1996)


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Deutung der Bevölkerungsentwicklung Der extreme Rückgang der Bevölkerungszahl zwischen 1922 und 1996 von 3513 auf 1115 Einwohner in der Gemeinde Kihelkonna ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Zunächst führte der Krieg zu einer Reduzierung der Einwohnerzahl, da zahlreiche Männer zum Kriegsdienst in die Rote Armee einberufen wurden oder später auf deutscher Seite gegen die Sowjetunion kämpften. 1940 und nach dem Krieg wurden viele Esten nach Sibirien deportiert; ein Gedenkstein im Hafen von Jaagarahu erinnert an den dortigen Sammelplatz. Eine große Zahl von Esten wanderte nach 1945 nach Kanada und in die USA aus. Saaremaa war bis zur Unabhängigkeit 1991 militärisches Sperrgebiet und konnte auch von Esten nur mit einer Sondergenehmigung besucht werden. Diese Repressionen dürften zu einer Abwanderung aufs estnische Festland geführt haben. Insgesamt war die sowjetische Politik auf eine Urbanisierung der Gesellschaft ausgerichtet. So wurde der Wohnungsbau auf das Dorf Kihelkonna konzentriert, während sich die Versorgung in den kleinen Dörfern der Gemeinde durch die sinkende Bevölkerungszahl verschlechterte. Die Einstellung des Dolomitabbaus in Kurevere/Jaagarahu, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Industrialisierung der Fischerei reduzierte die Zahl der Arbeitsplätze drastisch, was ebenfalls zur Abwanderung geführt hat. Von vielen kleinen Dörfern der Gemeinde sind heute nur noch Weiler und Einzelhöfe übrig geblieben, zahlreiche Ortschaften sind ganz erloschen. Lediglich das Dorf Kihelkonna hatte einen Bevölkerungszuwachs durch Zuzug aus den Weilern zu verzeichnen. Wegen der starken Überalterung der Bevölkerung und der geringen Geburtenrate (siehe Diagramm 2) ist mit einem weiteren Rückgang der Einwohnerzahl zu rechnen.


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4.3

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Infrastruktur

Öffentliche Grundausstattung In der Gemeinde existiert folgende öffentliche Grundausstattung: • • • • • • • • • •

Rathaus Mittelschule (1. bis 9. Klasse) Kindertagesstätte Kulturhaus "i-punkt"-Gebäude (Verwaltung des Nationalparks und Tourist-Information) Post Bank (Hoiupank) Friedhof mit Friedhofskapelle Ärztehaus (Ambulatoorium) Altenheim

Wasser- und Abwasser Die Trinkwasserversorgung in der Gemeinde Kihelkonna erfolgt überwiegend durch private Brunnen. Lediglich im Dorf Kihelkonna besteht eine kommunale Trinkwasserversorgung für die Mehrfamilienhäuser an der Oja-Straße sowie einige weitere Häuser im Dorfkern. Diese Haushalte sind auch an den Abwasserkanal der Gemeinde angeschlossen. Das Dorf Kihelkonna verfügt über eine kleine Kläranlage, die 1996 mit einer chemischen Reinigungsstufe ausgestattet wurde. Über den Wirkungsgrad der Anlage können keine Aussagen gemacht werden. Kritisch festzustellen ist jedoch, daß Haushalte ohne Kanalanschluß ihre Abwässer in einer Grube versickern lassen und dadurch die Qualität des Trinkwassers beeinträchtigen. Die große Dichte von Abwasserversickerungen und Brunnen im Dorf kann hier zu gesundheitlichen Risiken durch den Genuß des Wassers führen, zumal die Filterwirkung des kalkhaltigen Bodens nur gering ist. Die Existenz eines Abwasserkanals und einer Kläranlage, an die aber nur ein kleiner Teil der Haushalte angeschlossen sind, verursachen hohe Kosten.9 Da die Kläranlage heute kaum ausgelastet ist10, würde eine Erhöhung der Abwassermenge bei einem Anwachsen der Zahl von Feriengästen zunächst kein Problem darstellen.

9

eine vergleichbare Regelung zum sogenannten "Anschluß- und Benutzungszwang" in deutschen Gemeindeordnungen besteht in Estland nicht 10 mündliche Auskunft des Bürgermeisters


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Abfallentsorgung Die Städte und Dörfer in Estland und auch auf Saaremaa sind stets sehr sauber, herumliegende Abfälle trifft man in den Siedlungen ebensowenig an wie in der freien Landschaft. Dies täuscht z.B. in Kihelkonna darüber hinweg, daß überhaupt keine organisierte Abfallbeseitigung besteht, ebensowenig wie Recycling. Wegen der geringen Abfallmengen und der dünnen Besiedlung war dies in der Vergangenheit zu tolerieren. Heute findet man auch in Kihelkonnas Läden ein Warensortiment mit westeuropäischem Standard vor. Dies bezieht sich auch auf die Verpackungen, die aufwendiger als in früheren Zeiten sind. Einweggetränkedosen und Plastikflaschen sind sehr populär. Bisher wurde der Abfall der Gemeinde von den Bürgern im Wald östlich von Viki abgekippt. Auffallend ist der große Anteil an Glas, Metall und Getränkedosen; organische Stoffe werden zu Hause kompostiert und sind entsprechend überhaupt nicht anzutreffen. Auch Bauschutt wird auf der Kippe bei Viki abgeladen. Eine Abdichtung der etwa 5.000 Quadratmeter großen Müllkippe besteht nicht. Wegen des sehr durchlässigen Kalkbodens und eines direkt angrenzenden Feuchtgebiets ist mit einer Beeinträchtigung des Grundwassers zu rechnen. Außerhalb des Dorfes Kihelkonna verbrennen viele Bürger ihre Abfälle. Im August 1996 hat der Gemeinderat beschlossen, die Halle einer in Konkurs gegangenen Schweinemastanlage zu kaufen und dort den Abfall zu lagern.

Abbildung 2: Der von der Gemeinde legitimierte Müllabladeplatz im Wald bei Viki grenzt direkt an ein Feuchtgebiet


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Energie Seit 1964 erhält Saaremaa seine Elektrizität über ein Seekabel vom Festland. Ferner werden in Estland Schiefer-Öl und Torf-Briketts gewonnen, die zum Heizen auf Saaremaa verwandt werden. Wichtigste Energieträger, die der Kreis Saare vom Festland erhält, sind Mineralöl, Kohle und Torf. Die natürlichen Energieträger auf Saaremaa sind Holz und Torf. In der Gemeinde Kihelkonna sind alle Haushalte an das öffentliche Stromnetz angeschlossen. Die Netzspannung beträgt 230 Volt. Wegen des hohen Alters des Stromnetzes und der nicht ausreichenden Ausstattung mit Transformatoren kommt es zeitweise zu mehrtägigen Stromausfällen, besonders im Winter. Solar- oder Windenergie werden in der Gemeinde bisher nicht genutzt. Die Gemeinde verfügt über ein kleines Heizkraftwerk im Dorf Kihelkonna, das die Mehrfamilienhäuser an der Oja-Straße mit Fernwärme und Warmwasser versorgt. Es wird mit Kohle befeuert. Da die Wohnungen mittlerweile privatisiert wurden und die Bewohner nun Eigentümer ihrer Wohnung sind, ist die Kommune nicht bereit, die notwendige Modernisierung der Anlage zu übernehmen. Bestrebungen, daß jeder Haushalt mit Strom Heizung und Warmwasserbereitung privat organisiert, resultieren aus dem Problem der noch nicht gebildeten Hausgemeinschaften, die sich um die gemeinsamen Belange der Wohnungseigentümer kümmern. Die Schule und das Rathaus werden mit Kohle und Holzhackschnitzeln beheizt. Die Einfamilienhäuser und Bauernhöfe heizen in der Regel mit Holz.

Telekommunikation Saaremaa besitzt eine eigene Telefongesellschaft. Verglichen mit dem estnischen Festland ist die Situation auf der Insel gut. 1992 waren 9.204 Haushalte an das öffentliche 11 Telefonnetz angeschlossen, d.h. 44% der Haushalte besaßen einen Anschluß. Heute dürfte sich die Situation weiter verbessert haben, insbesondere auf dem Land besitzen heute viele Haushalte Mobiltelefon, das in Estland sehr populär ist. Hingewiesen werden muß allerdings auf die sehr schlechte Qualität des völlig überalteten Telefonnetzes. Die Telefonzentralen arbeiten mit alter Relais-Technik, die Telefonleitungen verlaufen als Freileitungen und sind entsprechend störungsanfällig. Besonders die Nutzung moderner Datenfernübertragung (Fax, Modem) bereitet mit dem überalterten Telefonnetz Schwierigkeiten. Estland baut derzeit ein digitales Telefonnetz auf. In Kihelkonna existiert in der Ortsmitte ein öffentlicher Fernsprecher (Kartentelefon). In Bezug auf den Tourismus ist ein funktionierendes Telefonnetz für Beherbergungsbetriebe und Familien, die Gästezimmer anbieten, eine unbedingt notwendige Grundlage.

11

UNIVERSITY OF TURKU (1993): The programme of sustainable development of the biosphere reserve of the west-estonian archipelago, S. 39.


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4.4

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Wirtschaftsstruktur

Arbeitsplätze in der Gemeinde Kihelkonna (Stand: Januar 1996) 12 Name des Betriebes

Arbeitsschwerpunkt

Industrie/Gewerbe/Handwerk A/S Elasta Estonia Viki Keskus Aureelia Sägemühle Üru Papissaare Töök

Herstellung von Gummizügen Autoreparatur, Tankstelle Maschinenreparaturen etc. Schreinerei Schreinerei

Arbeits- Anmerkungen plätze 37 10 10 8 5 4

Fischerei, Fischverarbeitung und Häfen A/S Papissaare Fischerei/Fischkonserven A/S Tauksi Fischerei/Kupferkabel-Bergung "Veere Fischkonserven" Fischkonserven Nasva-Veere sadam Nasva-Veere-Hafen selbständige Fischer Fischfang mit kleinen Booten

49 13 13 5 8 10

Landwirtschaft Kangru Farmers Kihelkonna Vara Pidula LTD Viki Agro

41 26 2 12 1

Gemeindliche Einrichtungen Vallavalitus Kommunaal Kool Pärekodu Ambulatoorium Hooldekodu Staatliche Einrichtungen Vilsandi Rahvuspark Metskond Straßenmeisterei Post Hoiupank Meteorolog. Station Vilsandi Handel Kaubandus keskus Hansa Pood/Kohvik Pere Pood Apteek Sonstiges Kirche A/S Imper Arbeitsplätze insgesamt: 12

Kolchos-Nachfolgebetrieb Kolchos-Auflösungsstelle Kolchos-Nachfolgebetrieb Landhandel

Gemeindeverwaltung Grünflächen-/Straßenpflege, etc. Schule (Lehrer, Koch, Hausmeister)

Kindertagesstätte Ärztehaus Altenheim

Vilsandi Nationalpark Forstverwaltung Instandhaltung Landstraßen Bank

67 12 6 17 12 10 10 25-27 9 5 5-6 3 1 2-3

möglicherw. erloschen möglicherw. erloschen

geschätzt

* wahrscheinl. weniger

viele Teilzeitstellen überw. Teilzeit

* * * *

Lebensmittel-Supermarkt Lebensmittelladen mit Café Lebensmittelladen Apotheke

20 8 7 3 2

* * *

überw. Teilzeit

Landvermessung

10 9 1 ca. 250

Die Zahl der Arbeitsplätze wurde von der Kommune mitgeteilt. Anmerkungen (Spalte 4) stammen von Herrn Aivar Kallas. Zusätzliche, von ihm genannte Firmen und Einrichtungen sind mit einem * gekennzeichnet.


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Arbeitsplätze in der Gemeinde Kihelkonna

Staatliche Einrichtungen 10%

Handel 8%

Gemeindliche Einrichtungen 27%

Kirche 4%

Industrie/Gewerbe/ Handwerk 15% Fischerei, Fischverarbeitung und Häfen 20%

Landwirtschaft 16%

Diagramm 3: Verteilung der Arbeitsplätze in der Gemeinde Kihelkonna nach Sektoren

Gewerbe/Handel/Dienstleistungen Gewerbe Wichtigster Gewerbebetrieb ist mit zehn Beschäftigten die A/S Elasta Estonia, die in Viki Gummizüge für Textilien herstellt. Die Sägemühle in Üru hat sich neben den üblichen Sägearbeiten auf die Herstellung von Toilettenhäuschen spezialisiert. Ein weiterer Schreinereibetrieb arbeitet in einer der ehemaligen Flugzeughallen im Hafen von Papissaare. An der Landstraße nach Viki befindet sich eine Tankstelle.

Handel Im Dorf Kihelkonna bestehen drei Einzelhandelsgeschäfte. In der Ortsmitte ist dies der Kaubandus keskus, eine Art genossenschaftlich organisierter, halbstaatlicher Supermarkt. Er gliedert sich in einen Lebensmittel- und einen Haushaltswarenladen. Es werden auch Fleisch, Wurst, Käse und Fisch angeboten. An der Lümanda maantee liegt der Pere pood, ein kleiner, privater Lebensmittelladen. Das dritte Lebensmittelgeschäft, der Hansa pood, befindet sich bei den Mehrfamilienhäusern an der Oja-Straße. Der Laden betreibt auch die mobile Lebensmittelversorgung der Weiler in der Gemeinde, die er dreimal wöchentlich anfährt. Alle Läden sind auch samstags und sonntags bis in die Abendstunden geöffnet. Das Sortiment ist dem Standard westeuropäischer Läden auf dem Lande ebenbürtig. Auffällig ist der sehr hohe Anteil importierter Artikel


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Abbildung 3 (oben): Der ehmals staatliche Kaubandus Keskus; im linken Teil werden Haushaltswaren angeboten, im rechten befindet sich ein kleiner Supermarkt. Abbildung 4 (nebenstehend): Der PerePood, ein kleiner privater Laden an der Lümanda maantee.

Abbildung 5 Der Hansa Pood befindet sich in der Mehrfamilienhaus-Siedlung an der Oja-Straße. Rechts angegliedert befindet sich der Hansa Kohvik, eine Art Café.


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aus Ländern der Europäischen Union, insbesondere Finnland und Deutschland. An den Hansa pood angeschlossen ist ein kohvik, eine Art Café, in dem man auch kleine Mahlzeiten serviert bekommt. Bereits seit 1899 besteht in Kihelkonna die Apotheke an der Hauptstraße nach Lümanda.

Dienstleistungen Der private Dienstleistungsbereich ist in Kihelkonna noch sehr schwach vertreten. Einzige Firmen sind ein Agrarberater, der gleichzeitig Landhandel betreibt sowie ein Vermessungsbüro, daß durch die Landreform ausreichend Aufträge erhält.

Fischerei Fischerei und Fischverarbeitung stellt neben der Landwirtschaft den wichtigsten Wirtschaftszweig dar. Zu Sowjetzeiten bestand auf Saaremaa nur ein einziges, großes Fischereikollektiv namens Saare Kalur. Insgesamt beschäftigte es ca. 2.000 ArbeiterInnen; Fischer, Arbeiter, Techniker in den Fischkonserven-Fabriken und Räuchereien. Neben der Fischerei in der Ostsee fuhr eine kleine Flotte von drei bis vier Schiffen in den Atlantik. 1989 wurden 24.800 Tonnen Fisch durch Saare Kalur gefangen, davon ein Viertel Hering. Verkauft wurden 17.000 Fischkonserven und 70 Tonnen Regenbogen-Forelle. Der Fang wurde zu über 90 % auf dem sowjetischen Markt verkauft. Durch das Wegbrechen des russischen Marktes hat sich der Fang bis 1993 auf die Hälfte reduziert. 1991/92 wurde Saare Kalur in 22 einzelne Firmen aufgeteilt. Neun größere Schiffe mit insgesamt 60 Mann Besatzung fischen heute auf der Ostsee, vier Schiffe mit 150 Mann fahren auf dem Atlantik. Gefangen werden Sardine, Hering und Shrimps. Der Fang wird an Bord verarbeitet und direkt in westeuropäische Länder verkauft. Die Schiffe aus Sowjetzeiten sind gleichermaßen als Kriegsschiffe wie zu Fischereizwecken einsetzbar und erweisen sich heute als unpraktisch für die Fischerei. In Kihelkonna gibt es etwa zwanzig private Fischer, die sich teilweise in kleinen Firmen organisiert haben. Es wird mit kleinen Motorbooten gefischt. Ein Teil von ihnen hat im Hafen von Papissaare oder in Veere einen Liegeplatz. Andere laden ihr Boot täglich auf einen Anhänger und fahren es zu einer geeigneten Stelle. Abgesetzt werden die Fische an Privatleute in der Gemeinde und die fischverarbeitenden Unternehmen. Gefangen werden Sprotte, Hering (Strömling), Salm, Weißfisch, Flußbarsch, Aal und Flunder. Viele Privatabnehmer übernehmen das Räuchern der Fische selbst. In den Läden Saaremaas ist allerdings kaum Fisch von der Insel zu kaufen, ebenso steht frisch gefangener Fisch nur selten auf den Speisekarten der Restaurants in Kuressaare.


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Forstwirtschaft Der Wald nimmt auf Saaremaa eine Fläche von 117.700 Hektar ein (44% der Gesamtfläche). Hinzu kommen 35.600 Hektar verbuschtes Land, überwiegend bestehend aus Wacholder und Birke. Die Bewaldung Saaremaas liegt damit bei über 52% der Landfläche. Häufigster Baum ist mit ca. 60% die Kiefer, es folgen Birke mit 20% und Fichte mit 8%. Die Forstwirtschaft wird in Estland durch ein Staatliches Forstamt geregelt. In den letzten Jahren wurden viele Bereiche des Waldes den früheren Eigentümern zurückübertragen. Viele Bauern verfügen heute wieder über einige Hektar Wald und gewinnen dort ihr Brennholz. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse führen dazu, daß teilweise notwendige forstliche Maßnahmen unterbleiben. Die Hälfte des eingeschlagenen Holzes wird als 13 Heizmaterial genutzt. Im Jahr 1992 waren in der Forstwirtschaft Saaremaas 200 Menschen beschäftigt, in Kihelkonna sind es heute nur noch fünf Mitarbeiter, die für die Forstverwaltung arbeiten.

Abbildung 6: Das Handwerk des Schiffsbaues wurde am Hafen in Papissaare ausgeübt. Das Bild stammt von 1930.

13

UNIVERSITY OF TURKU (1993): The programme of sustainable development of the biosphere reserve of the west-estonian archipelago, S. 18.


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5.

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LANDWIRTSCHAFT

Über die Hälfte der Bevölkerung Saaremaas lebt auf dem Land. Die Mehrzahl der Landbevölkerung betreibt Landwirtschaft bzw. ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Die wichtigsten Produktionsbereiche sind Milchwirtschaft und Fleischerzeugung, im Anbau von Feldfrüchten sind Brot- und Futtergetreide sowie Kartoffeln von Bedeutung. Die Ackerfläche auf Saaremaa beträgt 57.000 Hektar, das entspricht ca. 21% der Gesamtfläche der Insel. Von dieser Fläche ist allerdings nur ein Drittel für Getreideanbau nutzbar (vor allem Gerste als Futtergetreide), auf der überwiegenden Ackerfläche werden Kartoffeln und Gemüse (vor allem Karotten) angebaut. Der Kalkboden ist sehr nährstoffarm und trocknet bei längeren Perioden ohne Niederschlag schnell aus.

Landnutzung in der Gemeinde Kihelkonna Landnutzung

Anteil an der Gemeindefläche 9,2 % 7,2 % 51,7 % 0,8 % 31,1 %

Fläche (ha)

Ackerland Weideland Wald Hofflächen Buschland, ungenutzte Flächen

2270 1772 12715 185 7654

Landnutzung in der Gemeinde Kihelkonna

Hofflächen 1%

Weideland 7%

Ackerland 9%

Wald 52% Wacholder-Weiden, ungenutzte Flächen 31%

Diagramm 4 (Quelle: schriftliche Mitteilung der Gemeinde Kihelkonna vom 4.11.1996)


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Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft wurde auf Saaremaa 1947 begonnen. Mitte der achtziger Jahre bestanden neun kollektivierte Großbetriebe und fünf Staatsgüter, die jeweils ca. 13.000 Hektar bewirtschafteten. Die Kolchosen und Sowchosen beschäftigten auf Saaremaa ca. 5.000 Menschen. Nachdem es pro Gemeinde maximal nur noch eine Kolchose gab, besaß der Betriebsleiter wesentlich mehr Einfluß im Ort als der Bürgermeister. In Kihelkonna arbeitete die Kolchose "Kommunismus" mit großen Betriebsstandorten in Kihelkonna-Dorf (Milchvieh- und Jungviehstall, Schweinemastanlage, Getreidetrocknung) und Tagamõisa (große Jungviehstallanlage). Privater Landbesitz war in der Estnischen Sowjetrepublik nicht möglich, jedoch konnte seit Mitte der achtziger Jahre Land gepachtet werden. Dies führte in Kihelkonna zum Bau einiger neuer, sehr kleiner Bauernhöfe. 1988 produzierten diese Höfe mit einer Fläche von weniger als einem Hektar ein Drittel der auf Saaremaa erzeugten Kartoffeln und lieferten 20% der Milch. Fast die gesamte Produktion Saaremaas ging in den russischen Teil der Sowjetunion. Im Gegenzug erhielt die estnische Landwirtschaft Maschinen, Treibstoff, Pflanzenschutz- und Düngemittel. Nach der Unabhängigkeit Estlands 1991 wurde eine Landreform durchgeführt. Die Eigentümer des Landes zur Zeit der ersten Estnischen Republik vor dem Zweiten Weltkrieg konnten dadurch ihr Land zurückerhalten. Für jedes Arbeitsjahr unter der Sowjetherrschaft erhielten die Kolchos-Arbeiter, ebenso wie alle anderen Arbeitnehmer, eine bestimmte Zahl "yellow cards". Mit einer Summe dieser Coupons konnten die ehemaligen Kolchosarbeiter dann z.B. Maschinen, Traktoren oder Naturalien der Kolchose erhalten. Die Coupons sind nicht an eine Person gebunden, sondern werden frei gehandelt, im Familienkreis zusammengelegt, können dem Nachbarn abgekauft oder an der Börse in Tallinn ver- oder gekauft werden. Eigentümer, die ihr Land nicht zurückerhalten wollen, verpachten oder verkaufen es an Kolchos-/Sowchos-Nachfolgebetriebe und Kleinlandwirte. Nach der Unabhängigkeit Estlands 1991 wurde auf Saaremaa zunächst der Versuch unternommen, alle Kolchosen der Insel in einem Agrarkonzern zusammenzufassen. Dieser Landwirtschaftsgigant erwies sich allerdings als zu unflexibel und unüberschaubar in der schwierigen Umbruchzeit, so daß er in Konkurs ging und die Einzelkolchosen in den Dörfern für sich weiterwirtschafteten. Das Land dieser Nachfolgebetriebe (in Kihelkonna "Kangru Farmers") gehört auch weiterhin dem Staat. Die nach wie vor nicht abgeschlossene Landreform, d.h. die endgültige Zuordnung des Landeigentums, behindert die Entwicklung der bäuerlichen Landwirtschaft erheblich. Ackerflächen, die von Rückübertragungsansprüchen betroffen sind, werden daher oftmals nicht genutzt. Langfristig wichtige Maßnahmen zur Bodenverbesserung werden nicht durchgeführt, Einfriedigungen können nicht errichtet werden, Ställe und Unterstände fürs Vieh werden nicht gebaut. In den Dörfern um Kihelkonna, in denen heute nur noch ein Viertel der früheren Bevölkerungzahl lebt, melden sich nun Alteigentümer aus Tallinn oder dem Ausland zurück und beanspruchen vor Jahrzehnten verlassene Hofstellen und Äcker. Hätten die Bauern im Ort die Flächen nicht weiter kultiviert, wäre das Land längst verbuscht. Nun erwarten die alten Besitzer einen guten Preis für das gepflegte Ackerland von denjenigen, die die Felder jahrelang bewirtschaftet haben. Entsprechend angespannt ist die Stimmung bei vielen Neubauern, die erst vor wenigen Jahren den Schritt in die bäuerliche Landwirtschaft gewagt haben.


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Bäuerliche Landwirtschaft hat auf Saaremaa nur teilweise Tradition. Vor der ersten Unabhängigkeit Estlands 1918/19 herrschten Gutswirtschaften vor, die überwiegend im Besitz der deutschen Oberschicht waren. In Kihelkonna waren dies die Güter Rootsiküla (von Stackelberg/von Buxhoevede) Tagamõisa, Pajumõisa und Loona. Nach der Agrarreform 14 von 1919 wurde der Großgrundbesitz, der über 58% des Landes verfügte, enteignet. Die Bauernhöfe sind heute sehr klein, verfügen über wenig Land und eine geringe Zahl von Tieren. Sehr viele Menschen in der Gemeinde Kihelkonna halten Kleintiere. Das Futter schneiden sie am Wegesrand oder pflanzen es auf kleinen Ackerschlägen am Dorfrand an (vor allem Gerste als Futtergetreide). Viele Landbewohner haben ihren früheren Arbeitsplatz verloren und betreiben die Landwirtschaft als Subsistenzwirtschaft, andere wiederum üben neben der Landwirtschaft noch mehrere Berufe aus. Da Hobby-, Nebenerwerbs- und Haupterwerbslandwirtschaft kaum voneinander zu trennen sind, hat eine Zählung der Betriebe bisher nicht stattgefunden. Insgesamt ist die Landbewirtschaftung in Kihelkonna flächenhaft als sehr extensiv zu bezeichnen. Der Verbrauch von Kunstdünger und Pflanzenschutzmitteln ist seit dem Zusammenbruch der kollektivierten Landwirtschaft stark zurückgegangen. Die Wiesen werden vielerorts sehr spät gemäht, so daß hier die Kräuter voll aussamen können. Ackerland ist oft sehr stark mit Wildkräutern durchsetzt. Hinzu kommt der sehr magere Boden und die große Anfälligkeit gegen Trockenheit. Ökologische Landwirtschaft hat auf Saaremaa bereits Fuß gefaßt. Insgesamt werden ca. 30 Bauernhöfe biologisch-dynamisch bewirtschaftet. Der schwedische Anbauverband leistete hier erhebliche Aufbauhilfe und ist auch heute noch bei der Beratung der Landwirte mit einbezogen. Die gesamte Produktion wird direkt vermarktet. Bioläden existieren bisher in Estland nicht. Durch das Fehlen kleiner Bäckereien (ganz Saaremaa wird von einer großen Brotfabrik versorgt) ist auch das Verbacken des Getreides als Biobrot derzeit nur im privaten Bereich möglich. Nach Aussage der Bio-Bauern werden die Produkte von den Verbrauchern wegen der höheren Qualität geschätzt, weniger wegen des Verzichts auf Pestizide und Kunstdünger. Viele Kleinbauern auf Saaremaa wirtschaften zudem nach Methoden der biologischen Landwirtschaft, ohne sich dessen bewußt zu sein oder ihre Produkte als solche zu vermarkten. Es ist zudem nicht davon auszugehen, daß in Estland eine Diskussion über die Problematik der konventionellen Landbewirtschaftung wie in Westeuropa stattgefunden hat, so daß die Vermarktung unter einem Bio-Label dem Landwirt möglicherweise kaum Vorteile beim Verbraucher bringt. Die Berater des biologisch-dynamischen Anbauverbandes leisten hier die Informationsarbeit.

14

PULLERITS (1931): Estland. Volk, Kultur, Wirtschaft. S. 116


Ans채tze f체r einen umwelt- und sozialvertr채glichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

28

Abbildung 7: In fr체heren Zeiten wurden die kleinen Inseln in der Bucht von Kihelkonna noch bewirtschaftet; hier die Heuernte von der Antsu-Insel (1932).

Abbildung 8: Waldhute ist in der Gemeinde Kihelkonna eine weitverbreitete Landnutzung.


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Abbildung 9: Ein typischer Acker auf Saaremaa - übersät mit Steinen. Auf der Insel fragt man den Fremden: "Was liegt auf Saaremaa zwischen zwei Steinen?" - Die Antwort lautet: "Ein Stein."

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6.

DER VILSANDI-NATIONALPARK

6.1

Beschreibung und Schutzzweck

30

Der Vilsandi-Nationalpark liegt zu ca. 50% auf dem Gebiet der Gemeinde Kihelkonna, der andere Teil gehört zur Gemeinde Lümanda. Er erstreckt sich an der Westküste der Tagamõisa-Halbinsel von der Halbinsel Harilaid in einem schmalen Küstenstreifen nach Süden bzw. Südenwesten. Bis auf einige, wenige Höfe in Rootsiküla, in Kurevere und auf Vilsandi ist der Nationalpark weitgehend unbesiedelt. Südlich des Dorfs Kihelkonnas gehört die Fläche westlich der Landstraße nach Lümanda und nördlich der Straße nach Atla zum Nationalpark sowie die Papisaare-Halbinsel, die gesamte Bucht von Kihelkonna mit allen Inseln, insbesondere natürlich Vilsandi. Die Wasserflächen fallen ebenfalls unter den Schutz des Parks. Der Vorläufer des Vilsandi-Nationalparks war das Vaika-Vogelschutzgebiet, das bereits 1910 auf Grundlage eines Abkommens zwischen Rigaer Naturforscher-Verband und dem Kirchspiel Kihelkonna gegründet wurde. Zuvor hatte bereits der Leuchtturmwärter von Vilsandi 1906 sechs Felsen gepachtet, um die zahlreichen Brutvögel vor den Küstenbewohnern zu schützen, die dort Eier sammelten. Im Laufe der Jahrzehnte wurde das Schutzgebiet immer weiter ausgedehnt und umfaßt heute 167 Quadratkilometer. Nach der Unabhängigkeit Estlands wurde per Gesetz am 10. Dezember 1993 der VilsandiNationalpark geschaffen. Mit 161 Inseln im Vilsandi-Nationalpark werden 11% aller estnischen Inseln geschützt. Eine große Zahl durchziehender und brütender Seevögel, Limicolen, Enten und Gänse, die großen Robbenbestände und die im Bereich der Buchten sehr unterschiedliche und besonders artenreiche Meeresfauna machen den besonderen ökologischen Wert dieses Gebietes aus. Allein ein Drittel des Kegelrobbenbestandes (Halichoerus grypus) der Ostsee lebt im Vilsandi-Nationalpark. Die 800 Tiere finden auf den Inseln Laevarahu und Innarahu einen ungestörten Lebensraum vor. Mit sechs bis acht Prozent liegt der Salzgehalt über dem ansonsten üblichen in estnischen Küstengewässern. Hinzu kommt die unterschiedliche Meerestiefe (maximal 20 Meter) und die unterschiedlichen Strömungen in den zahlreichen Buchten der Küste. Der Wasseraustausch an der Westküste Saaremaas ist durch seine Lage zur offenen See sehr groß, sodaß der Meeresstrom sehr viel Nahrung heranführt. Insgesamt resultiert daraus eine hohe Biodiversifität auf engem Raum.


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Internationale Bedeutung als Vogelschutzgebiet Die naturkundlichen Aufzeichnungen für das Gebiet des Nationalparks reichen weit zurück. So ist auf der Oberen Vaika-Insel seit 1906 eine Mantelmöwen-Kolonie bekannt, 1927 wurde erstmals eine Zwergseeschwalbenkolonie auf Nootamaa registriert, bereits 1885 wurde eine Säbelschnäbler-Kolonie auf Urve angetroffen, etc. Der Nationalpark hat 247 Vogelarten auf seinem Areal ermittelt, von denen dort 110 Arten brüten. Größte Brutvogelpopulation stellt die Eiderente (Somateria mollissima) mit über 4.000 Brutpaaren. Der Schutzzweck des Vilsandi-Nationalparks bezieht sich insbesondere auch auf die Bedeutung der westestnischen Inseln für den Vogelzug. Die Inseln liegen auf halber Strecke zwischen den zentraleuropäischen Winterquartieren und den Brutgebieten der arktischen Tundra. Im Frühjahr rasten diese Vögel zu Tausenden im Nationalpark, im Herbst kehren sie mit ihren Jungtieren zur Rast zurück. Besondere Bedeutung haben die Weißwangengans (Branta leucopsis) mit 6.000 bis 10.000 Individuen und die Scheckente (Polysticta stelleri) mit ca. 1.200 Individuen. Aus diesem Grund hat der internationale Vogelschutzverband BIRDLIFE (IBA) die Halbinsel Harilaid, die Insel Vilsandi und die Karala-Bucht in die Liste der international bedeutsamen Vogelzuggebiete aufgenommen.

Abbildung 10:

Abbildung 11:

Die Eiderente (Somateria mollissima) ist Wappenvogel des Vilsandi-Nationalparks.

Auch die Küstenseeschwalbe (Sterna paradisaea) ist Brutvogel im National-park.


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Flora Auch die Flora Westsaaremaas ist bedingt durch das maritime Klima, die nährstoffarmen, kalkreichen Böden von einer besonderen Ausprägung. Es finden sich 520 höhere Pflanzen im Vilsandi-Nationalpark, von denen ein Drittel in Estland als selten angesehen werden. An der Küste und auf den Inseln finden sich viele seltene Küstenpflanzen, im Inland sind es besonders die vielen Orchideenarten, die das Gebiet für Naturfreunde interessant machen. Im Vilsandi-Nationalpark werden in erster Linie vom Menschen wenig beeinflußte Naturlandschaften geschützt. Durch den Rückgang der Bevölkerung von 7.000 zu Beginn des Jahrhunderts auf etwa 2.000 Personen heute ist auch die landwirtschaftliche Nutzung vieler Bereiche zum Erliegen gekommen. Insbesondere die für Saaremaa typischen Alvar-Flächen, wacholderbestandene Viehweiden, sind im Laufe der Jahrzehnte zurückgegangen und haben zu einer verstärkten Bewaldung Westsaaremaas geführt.

Abbildung 12: Baltisches Knabenkraut (Dactylorchiza baltica)

Abbildung 13: Echtes Labkraut (Galium verum)


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Ausstattung und Arbeitsschwerpunkt des Vilsandi-Nationalparks Der Vilsandi-Nationalpark untersteht direkt dem Estnischen Umweltministerium. Die Arbeit des Nationalparks ist sehr stark naturwissenschaftlich orientiert. Einen Schwerpunkt der Arbeit nimmt dabei das Umweltmonitoring ein. So werden Daten über Luftverschmutzung, Nachtfalter und die Meeresfauna ermittelt und ausgewertet. Im internationalen Kooperationsprogramm zum integrierten Monitoring der Luftverschmutzung auf Ökosysteme der Wirtschaftskommission der Vereinten Nationen besitzt Vilsandi den Status einer Biomonitoring-Station. Personell ist der Nationalpark mit zwei Biologen, einem Monitoring-Experten, einem Ranger sowie zwei Technikern ausgestattet. Hinzu kommen bei Bedarf einige Helfer, die als Führer im Nationalpark arbeiten. Die administrative Leitung wird von einem Direktor, seinem Stellvertreter und einem Buchhalter geleistet. Das Hauptquartier des Nationalparks ist im sogenannten "i-punkt"-Gebäude in Kihelkonna untergebracht. Gleichwohl befindet sich fast das gesamte Material der NationalparkVerwaltung auf der Insel Vilsandi. Dort befindet sich auch das Gästehaus, in dem bis zu 15 Besucher untergebracht werden können. Abbildung 14: Das Verwaltungsgebäude der Nationalparkverwaltung im Dorf Kihelkonna, gleichzeitig von der Touristen-Information genutzt ("i-Punkt")


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6.2

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Gesetzliche Grundlagen

Nachfolgend sollen die Schutzgebietskategorien des Estnischen Gesetzes über Geschützte Naturobjekte vorgestellt werden. Wo es sinnvoll erscheint, werden sie mit der deutschen Naturschutz-Gesetzgebung verglichen und knapp eingeschätzt.

6.2.1 Die Schutzgebietskategorien des Estnischen Gesetzes über Geschützte Naturobjekte Grundlage des Vilsandi Nationalparks ist das "Gesetz über Geschützte Naturobjekte" vom 1. Juni 1994. Die estnischen Schutzgebietskategorien werden im Abschnitt II , §§ 15 bis 18 des Gesetzes behandelt. Unterschieden werden in Estland Nationalparks, Naturreservate, Geschützte Landschaften und "Programm-Gebiete".15 Für jede Schutzgebietskategorie wird im Gesetz festgelegt, aus welchen Schutzzonen sich das Gebiet zusammensetzen soll. Die Möglichkeiten zur Betretung, wirtschaftlichen Nutzung, zur Errichtung von Anlagen und zum Biotopmanagement in diesen Zonen werden in den §§ 11 bis 14 festgesetzt.

Schutzgebietskategorien § 15 Nationalpark (1) Ein Nationalpark ist ein Gebiet von nationaler Bedeutung, in dem der Erhalt, der Schutz, die Erforschung und das Bewußtsein für das natürliche und kulturelle Erbe gefördert werden sollen. Nationalparks umfassen Ökosysteme, Beispiele der biologischen Vielfalt, Landschaften und nationale Kulturgüter. Sie unterliegen einem nachhaltigen Management. (2) Nationalparks gliedern sich in Strikte Naturreservate sowie Spezielle und Eingeschränkte Management-Zonen. (3) Die Nationalparks von Estland sind: 1) Lahemaa-Nationalpark zur Erhaltung der für Nordestland typischen Natur und der Kulturlandschaft 2) Karula-Nationalpark zur Erhaltung der für Südestland typischen wälder- und seenreichen Hügellandschaft 3) Soomaa-Nationalpark zur Erhaltung der großflächigsten Sumpflandschaft Estlands, seiner Feuchtwiesen und Wälder des südwestlichen Übergangsbereichs von Estland 4) Vilsandi-Nationalpark zur Erhaltung der westestnischen Küstenlandschaft und des Meeres, ebenso wie der Schutz vogelreicher Inselchen

15

eigene Übersetzung der Schutzgebietsbezeichnungen und Gesetzestexte aus dem Englischen.


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§ 16 Naturreservat (1) Ein Naturreservat ist ein Gebiet, das wegen seines Naturschutz- oder wissenschaftlichen Wertes bereitgestellt wird. Dies geschieht zum Zwecke der Erhaltung, des Schutzes und der Erforschung natürlicher Prozesse von bedrohten oder geschützten Pflanzen, Tieren oder Pilzen, ihrer Lebensräume, von unbelebten Objekten ebenso wie Landschaften und Naturdenkmälern. (2) Naturreservate sind unterteilt in "Strikte Naturreservate" und Spezielle und Eingeschränkte Managemant-Zonen.

§ 17 Geschützte Landschaften (Landschaftsreservate) (1) Eine Geschützte Landschaft ist ein Gebiet von wertvollem natürlichen oder kulturellen Erbe, welches selten oder typisch in Estland ist und das sich zu naturschützerischen, kulturellen oder Erholungszwecken eignet. Parks, Arboreta und botanische Gärten, die unter Schutz stehen sind ebenfalls als Geschützte Landschaften zu berücksichtigen. (2) Geschützte Landschaften sind aufgeteilt in Spezielle und Eingeschränkte Management-Zonen. (3) Ein Park, Arboretum oder botanischer Garten, der bereits geschützt ist, wird als Eingeschränkte Management-Zone ausgewiesen.

§ 18 Programm-Gebiete (1) Ein Programm-Gebiet wird unterhalten auf Grund eines lokalen, nationalen oder internationalen Programmes für Monitoring, Forschung und Schulungszwecke ebenso wie zum Schutz und zum Management der Naturgüter. (2) Ein Programm-Gebiet ist unterteilt in Strikte Naturreservate, Spezielle und Eingeschränkte Managementzonen sowie die Allgemeine Zone.

6.2.1.1 Zonierung von Schutzgebieten In Großschutzgebieten werden Flächen unterschiedlicher Schutz- oder Pflegebedürftigkeit zw. Empfindlichkeit und Zielsetzung in unterschiedliche Zonen unterteilt. Innerhalb dieser Zonen sind unterschiedliche Möglichkeiten der Inanspruchnahme durch den Menschen definiert oder der Grad naturschützerischen Eingreifens in Form von Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen. Diese Zonierung soll einer Konfliktvermeidung zwischen den Ansprüchen nach wirtschaftlicher Nutzung oder Erholung und dem Naturschutz gewährleisten. Kernzonen, die sich als Totalreservate möglichst unbeeinflußt vom Menschen entwickeln sollen, beherbergen oft störungsempfindliche Tier- oder Pflanzenarten. In Pflege- oder Managementzonen, in Estland gegliedert in "Spezielle Managementzonen" und "Eingeschränkte Managementzonen", bestehen bestimmte Nutzungseinschränkungen oder Entwicklungsprogramme zur Pflege der Landschaft und der Erhaltung der Artenzusammensetzung. Siedlungsgebiete werden in einigen Ländern als Enklaven aus dem Nationalpark ausgegliedert, wieder andere weisen sie als "Erholungszone" aus, in der auf Reglementierungen verzichtet wird.


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Der Zonierung der estnischen Schutzgebiete liegen vier Zonen zugrunde: § 11 Strikte Naturreservate (1) Ein Striktes Naturreservat ist eine Land- oder Wasserfläche in ihrem natürlichen Zustand, die frei von direktem Einfluß durch menschliche Aktivitäten ist und in denen der Erhalt der natürlichen Gesellschaften ausschließlich durch natürliche Prozesse stattfindet. (2) In Strikten Naturreservaten ist folgendes verboten: 1) wirtschaftliche Aktivitäten und die Nutzung von Naturgütern, 2) die Anwesenheit von Menschen, ausgenommen in zwingenden Fällen, zu wissenschaftlichen Zwecken oder im Notfall im Einklang mit den Bestimmungen der estnischen Regierung.

§ 12 Spezielle Management-Zonen (1) Eine Spezielle Management-Zone ist eine Wasser- oder Landfläche zur Erhaltung sich entwickelnder oder vom Menschen geschaffener natürlicher oder halbnatürlicher Gesellschaften. Wälder in einer Speziellen Management-Zone fallen unter die Kategorie "Geschützte Wälder" im Sinne des Waldgesetzes. (2) Die Anwesenheit des Menschen im Lebensraum seltener Lebewesen und in den Ruhezonen wandernder oder durchziehender Arten wird durch das Gesetz verboten, ausgenommen zum Zweck wissenschaftlicher Forschung oder im Notfall im Einklang mit den Bestimmungen der estnischen Regierung (3) Wirtschaftliche Aktivitäten und die Nutzung von Naturgütern in einer Speziellen ManagementZone sind verboten, ausgenommen die Absätze 4 und 5 werden durch die Schutzgebietsverordnung ausgesetzt. (4) Die folgenden Aktivitäten können in Schutzgebietsverordnungen zugelassen werden, soweit sie dem Schutzzweck dienen oder ihm nicht zuwider laufen. 1) Unterhaltung von Entwässerungen oder anderen Meliorationssystemen 2) Durchforstung und selektiver Einschlag abhängig von der Hauptfunktion des Waldes entsprechend der Regelung der Schutzgebietsverordnung 3) Sammeln von Beeren und Pilzen sowie anderen Nebenprodukten des Waldes 4) Regulierung des Wildbestandes 5) Fischerei 6) der Bau von Straßen, die Errichtung von Übertragungskabeln sowie nicht zu gewerblichen Zwecken genutzte Gebäude um die Interessen der Grundeigentümer in Schutzgebieten zu wahren (5) Bei halbnatürlichen Gesellschaften in Speziellen Management-Zonen werden Maßnahmen zur Erhaltung des Schutzziels und der Artenzusammensetzung wie Mähen, Beweidung, Ausmagerung und Entbuschung durch die Schutzgebietsverordnung geregelt.

§ 13 Eingeschränkte Management-Zone (1) Eine Eingeschränkte Management-Zone ist Teil eines Schutzgebiets, daß für wirtschaftliche Zwecke genutzt wird, in dem Einschränkungen der Nutzung durch die zuständige Behörde hingenommen werden müssen. Wälder in Eingeschränkten Management-Zonen fallen unter die Kategorie "Geschützter Wald" oder "Erhaltungswald" im Sinne § 7.2 des Waldgesetzes. (2) Soweit nicht anders geregelt ist folgendes in Eingeschränkten Management-Zonen unzulässig: 1) Bau neuer Entwässerungsanlagen 2) Veränderung des Wasserstands oder die Verursachung von Schäden an Gewässerufern


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3) Abbau mineralischer Bodenschätze über- und unter der Erdoberfläche 4) die Umgestaltung magerer Standorte in bestehenden Anpflanzungen oder die Anpflanzung neuer Wälder und Anpflanzungen zur Erzeugung von Brennholz 5) Kahlschlag von Wäldern 6) die Nutzung des Landes oder von Gewässern zur Ablagerung von Müll oder anderen Schadstoffen, 7) die Anwendung von Düngemitteln und giftigen Chemikalien 8) der Bau von Straßen und Übertragungskabeln 9) die Errichtung neuer Gebäude 10) Jagen und Fischen (3) In Schutzgebietsverordnungen werden die durchzuführenden Maßnahmen festgelegt, die zur Erhaltung der Schutzziele und der Artenzusammensetzung halb-natürlicher Gesellschaften notwendig sind wie Mähen, Beweidung, Ausmagerung und Entbuschung. (4) Besteht in einer Eingeschränkten Management-Zone eine Genehmigung zum Abbau von Bodenschätzen, so wird diese Genehmigung zurückgenommen oder auf einen in der Schutzgebietsverordnung festgelegten Bereich beschränkt.

§ 14 Allgemeine Zone der Programm-Gebiete Die Allgemeine Zone eines Programm-Gebietes ist eine Land- oder Wasserfläche, die zum Zweck der Verbindung der Zonen "Striktes Naturreservat", "Spezielle Managementzone" und "Eingeschränkte Managementzone" zu einer Gebietseinheit ausgewiesen wird.

Die in der estnischen Naturschutz-Gesetzgebung vorgesehenen vier abgestuften Management-Zonen sind in Bezug auf die Nationalparks sind von sehr allgemeinem Charakter. So besitzt z.B. der zum Schutz der Moore ausgewiesene Soomaa-Nationalpark eine inhaltlich identische Vorgabe für die Zonierung wie z.B. der Küsten- und Insel-Nationalpark Vilsandi. Der Sinn der "Allgemeinen Zone" (§ 14) scheint ausschließlich in der Verbindung von Schutzzonen zu einer Gebietseinheit zu liegen, da ansonsten keine Regelungen über Ge- oder Verbote oder Entwicklungsziele für die Allgemeine Zone formuliert werden. Zur Beurteilung des Betretungsverbots in der Zone "Striktes Naturreservat", die es in den Schutzgebieten "Naturreservat"(§ 16) und "Nationalpark" (§ 15) gibt, wäre es notwendig zu wissen, wie großflächig diese Zone ausgewiesen wird.16 Da als "Naturreservat" gemäß § 16 auch Kulturlandschaften geschützt werden können, wäre die in § 16 Absatz 2 getroffene Festlegung, daß Naturreservate über Strikte Naturreservatszonen ( = mit Betretungsverbot) verfügen müssen, vor Ort auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen. Insgesamt wäre der Versuch des Estnischen Umweltministeriums, die Zonierung von Schutzgebieten bereits auf Nationalgesetz-Ebene zu regeln ggf. zu überprüfen.

16

Informationen zu dieser Frage liegen nicht vor.


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6.2.2 Nationalparke Der Nationalpark-Gedanke ist bereits über hundert Jahre alt. Schon 1872 verabschiedete der Amerikanische Kongreß das "Yellowstone-Manifest", mit dem erstmals ein Konzept für einen ganzheitlichen Naturschutz erstellt worden war, der Bodenschätze, Fauna und Flora sowie die Landschaft als Ganzes unter Schutz stellte und in dem auch die Belange der ortsansässigen indigenen Bevölkerung berücksichtigt werden sollten. Dabei stand als Motiv im Vordergrund, daß der Park den BürgerInnen die Möglichkeit bieten sollte, sich 17 an den Naturschönheiten zu erfreuen. Mit der Ausweitung der Nationalparkidee entstanden in den dreißiger und vierziger Jahren in 39 Ländern über 200 Parks. Zur internationalen Angleichung des unterschiedlich ausgelegten Nationalparkbegriffs legte der 18 IUCN schließlich 1969 in Neu-Delhi eine Definition vor, die bis heute allgemein akzeptiert wird.19 "Ein Nationalpark ist ein verhältnismäßig großes Gebiet, in dem 1) ein oder mehrere Ökosysteme nicht wesentlich durch menschliche Nutzung oder Inanspruchnahme verändert sind, in dem Pflanzen- und Tierarten, geomorphologische Erscheinungen sowie Biotope von besonderer Bedeutung für Wissenschaft, Bildung und Erholung sind oder das eine besonders schöne, natürliche Landschaft aufweist und in dem 2) die oberste zuständige Behörde des betreffenden Staates Maßnahmen getroffen hat, im gesamten Gebiet so früh wie möglich die Nutzung oder jede andere Inanspruchnahme zu verhindern oder zu beseitigen und wirksam sicherzustellen, daß die ökologischen, geologischen, morphologischen oder ästhetischen Eigenschaften, die zur Ausweisung als Schutzgebiet geführt haben, unangetastet bleiben und in dem 3) Besuchern unter bestimmten Bedingungen zur Erbauung, Bildung, Kulturvermittlung 20 und Erholung Zutritt gewährt wird."

Nicht als Nationalpark bezeichnet werden sollen strenge Natur- und Sonderreservate sowie besiedelte und wirtschaftlich genutzte Gebiete, in denen "die allgemeine Erholung in der freien Landschaft vor der Erhaltung der Ökosysteme Vorrang hat, wie dies z.B. in 21 Deutschland beim im Bundesnaturschutzgesetz definierten "Naturpark" der Fall ist.

17

Zur Sicherstellung dieses Ziels wurde der Grund und Boden des Nationalparks zum Staatsbesitz erklärt, um ihn vor der damals im amerikanischen Westen starken Zersiedlung zu schützen. 18 International Union for the Conservation of Nature and Natural Resources (Sitz in Gland, Schweiz) 19 verkürzt wiedergegeben nach: AMEND, S. (1990): Der Nationalpark "El Avila": Bedeutungswandel und Managementprobleme einer hauptstadtnahen Region in Venezuela, Mainzer Geographische Schriften Bd. 33, Mainz. 20 ABN (1985): Nationalparke: Anforderungen - Aufgaben - Problemlösungen; Jahrbuch für Naturschutz und Landespflege, Bd. 37, Bonn; S. 108 21 ABN (1985): ebenda.


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In Deutschland regelt das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) in der Fassung vom 12. März 1987, zuletzt geändert durch Gesetz vom 22.4.1993 die Ausweisung und die Voraussetzungen für einen Nationalpark: § 14 BNatSchG: Nationalparke (1) Nationalparke sind rechtsverbindlich festgesetzte einheitlich zu schützende Gebiete, die 1. großräumig und von besonderer Eigenart sind 2. im überwiegenden Teil ihres Gebietes die Voraussetzungen eines Naturschutzgebietes erfüllen, 3. sich in einem vom Menschen nicht oder wenig beeinflußten Zustand befinden und 4. vornehmlich der Erhaltung eines möglichst artenreichen heimischen Tier- und Pflanzenbestandes dienen. (2) Die Länder stellen sicher, daß Nationalparke unter Berücksichtigung der durch die Großräumigkeit und Besiedlung gebotenen Ausnahmen wie Naturschutzgebiete geschützt werden. Soweit es der Schutzzweck erlaubt, sollen Nationalparke der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.

Das Bundesnaturschutzgesetz trägt damit in der Gesetzgebung den internationalen Anforderungen Rechnung, die an die Ausweisung eines Nationalparks gestellt werden. Faktisch weichen die deutschen Nationalparks aber ebenso von der internationalen Vorgabe ab; in den Nationalparks Berchtesgadener Land, Bayrischer Wald, den Nationalparks im Wattenmeer und an der Ostseeküste spielt die Erholungsnutzung eine ganz wesentliche Rolle. § 15 (1) Nationalpark Ein Nationalpark ist ein Gebiet von nationaler Bedeutung, in dem der Erhalt, der Schutz, die Erforschung und das Bewußtsein für das natürliche und kulturelle Erbe gefördert werden sollen. Nationalparks umfassen Ökosysteme, Beispiele der biologischen Vielfalt, Landschaften und nationale Kulturgüter. Sie unterliegen einem nachhaltigen Management.

Paragraph 15 des estnischen Gesetzes über geschützte Naturobjekte trägt bei der Festlegung der Voraussetzungen zur Ausweisung von Nationalparks nicht den internationalen Anforderungen Rechnung: So wird nicht das weitgehende Fehlen menschlichen Einflusses als Voraussetzung zur Ausweisung als Nationalpark verlangt, ebenso wie keine Aussage über die Größe eines Nationalparks gemacht wird. der Karula-Nationalpark (103 km2), der Vilsandi-N.P. (167 km2), der Sooma-N.P. (370 km2) und der Lahemaa-N.P. (1120 km2) erfüllen aber ohne weiteres die internationale Anforderung der Großflächigkeit von Nationalparks. Eine Besonderheit der estnischen Naturschutz-Gesetzgebung ist dabei, daß auch sehr großflächige Natur-Reservate bestehen wie z.B. das MatsaluNaturreservat an der Westküste, das mit 486 km2 größer als drei der vier Nationalparks ist. (zur flächenmäßigen Überschneidung von Biosphärenreservat und Nationalpark siehe Kapitel 6.2.3)


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§ 16 (1) Naturreservat Ein Naturreservat ist ein Gebiet, daß wegen seines Naturschutz- oder wissenschaftlichen Wertes bereitgestellt wird. Dies geschieht zum Zwecke der Erhaltung, des Schutzes und der Erforschung natürlicher Prozesse von bedrohten oder geschützten Pflanzen, Tieren oder Pilzen, ihrer Lebensräume, von unbelebten Objekten ebenso wie Landschaften und Naturdenkmälern.

Interessanterweise bestehen für die Anforderungen an die Zonierung für den Nationalpark die gleichen Anforderungen wie für das Naturreservat: Beide sollen sich in die Zonen "Striktes Naturreservat", "Spezielle Managementzone" und "Eingeschränkte Managementzone" gliedern. Nationalpark und Naturreservat weisen also sowohl in ihrer Großfl��chigkeit, als auch in den Ansprüchen an die Zonierung gleiche gesetzliche Anforderungen auf. Die in den §§ 15 und 16 jeweils Absatz 1 des estnischen Naturschutzgesetzes getroffenen Defintionen für Nationalpark und Naturreservat bieten ebenfalls keine signifikanten Unterscheidungsmerkmale. Zwar wird beim Nationalpark die nationale Bedeutung des Gebiets hervorgehoben, ein Naturreservat wie z.B. das Matsalu-Naturreservat hat mit einer Fläche von fast 500 km2 aber ebenfalls automatisch "nationale Bedeutung" für das kleine Estland. Zwar wird beim Nationalpark das "nachhaltige Management" betont, mit dem der Park bewirtschaftet werden soll, für das Naturreservat trifft aber Gleiches zu, da die Zonierung mit Managementzonen wie für den Nationalpark vorgesehen ist. Eine genaue inhaltliche Abgrenzung zwischen großflächigen Naturreservaten wie Matsalu, Nigula und Endla und den Nationalparks fällt daher schwer.


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6.2.3 Biosphärenreservate Weiterhin ohne spezielle rechtliche Regelung bleibt im estnischen Naturschutzgesetz das Biosphärenreservat. Das einzige Biosphärenreservat Estlands "Westestnische Inseln" 2 umfaßt immerhin ca. 4.000 km und nimmt damit fast 9% des Staatsgebiets Estlands ein. Das Biosphärenreservat "Westestnische Inseln" umfaßt die Inseln Hiiumaa, Vormsi, Saaremaa, Muhu und Ruhnu; die Gemeinde Kihelkonna und der Vilsandi-Nationalpark liegen entsprechend innerhalb des Biosphärenreservates. Die Fläche des Vilsandi-Nationalparks bildet eine der Kernzonen des Biosphärenreservats, ebenso wie die Halbinsel Harilaid und der nördliche Bereich der Tagamõisa-Halbinsel sowie die Küstenlinie der Tagabucht von Veere bis Pidula. Paragraph 18 des estnischen Naturschutzgesesetzes faßt alle Schutzgebiete, die durch "lokale, nationale oder internationale Programme" unterhalten werden als sogenannte "Programm-Gebiete" zusammen. Die Zonierung entspricht der der Naturreservate und Nationalparks, hinzu kommt jedoch eine "Allgemeine Zone", die die anderen Schutzzonen gebietsmäßig verbinden soll. In dieser "Allgemeinen Zone" werden keine Entwicklungs-, Schutz- oder Pflegemaßnahmen definiert, so daß die Zone praktisch ohne Bedeutung und Auswirkung ist. Auch die Anforderungen an die Schutzgebiete, die das Biosphärenreservat bilden, sind z.B. in Brandenburg mit Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten ausgefüllt und verzichten auf pure Verbindungszonen.22 Beispiel § 25 Brandenburgisches Naturschutzgesetz - Biosphärenreservat (1) Großräumige Landschaften, die durch reiche Naturausstattung und wichtige Beispiele einer landschaftsverträglichen Landnutzung überregionale Bedeutung besitzen und als Natur- oder Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen sind, können auf der Grundlage internationaler Richtlinien durch Bekanntmachung der obersten Naturschutzbehörde zu Biospärenreservaten erklärt werden. (2) Biosphärenreservate dienen beispielhaft 1. dem Schutz, der Pflege, Entwicklung und Wiederherstellung von Kulturlandschaften mit reichem Natur- und Kulturerbe, 2. Der Erhaltung der natürlichen und durch natürliche Nutzungsformen entstandenen Artenmannigfaltigkeit 3. der Entwicklung einer umwelt- und sozialverträglichen Landnutzung, Erholungsnutzung und gewerblichen Gebietsentwicklung 4. der Umweltbildung und Umwelterziehung sowie der langfristigen Umweltüberwachung und ökologischen Forschung. (3) Schutz-, Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen der Biosphärenreservate sind nach einheitlichen Gesichtspunkten und durch eine einheitliche Verwaltung zu gewährleisten.

22

Der Begriff der "Verbindungszone" ist nicht mit einer Biotopvernetzung gleichzusetzen. Für eine Verbindungszone bestehen nach dem estnischen Gesetz keine Schutz- oder Maßnahmevorgaben.


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7.

BESCHREIBUNG UND QUALITATIVE BEWERTUNG DES TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA

7.1

Entwicklung des Tourismus in Estland seit der Unabhängigkeit

42

Tourismus kann in Estland auf eine über 150jährige Tradition zurückblicken. Die Badeorte Haapsalu, Kuressaare, Narva-Joesuu und Tallinn gehören seit dieser Zeit zu den beliebten Reisezielen des Landes. Für den Tourismus von besonderer Bedeutung sind das mittelalterliche Tallinn, die westestnischen Inseln, der Lahemaa-Nationalpark mit seinen imposanten Gutshöfen und die allgemeine Prägung des Landes durch weiträumige Naturlandschaften, vor allem Wälder und Moore. Aufgrund dieses reichen touristischen Potentials erhofft sich Estland einen Marktanteil von 15 bis 20 Prozent am NordeuropaTourismus.1 Nach der Unabhängigkeit Estlands und der Aufhebung der staatlichen sowjetischen Fremdenverkehrsmonopole von Intourist und Sputnik übernahmen schnell private Anbieter den wachsenden Tourismusmarkt. Mit Bildung des Estnischen Fremdenverkehrsverbandes am 1. August 1993 konnten allerdings nur die Hälfte der bis dahin entstandenen Reisebüros eine Zulassung erlangen, die mit der Hinterlegung von 20.000 EEK (ca. 2500 DM) und einer Abgabe von 1 bis 2 Prozent des Jahresumsatzes verbunden ist. Zahl der in Estland eintreffenden Touristen (durch Reiseveranstalter betreut) 1991 1992 1993 1994 1995

341.520 263.421 459.262 586.818 1.284.891

Zahl der Übernachtungsgäste in Estland2 1991 1992 1993 1994 1995

102.054 68.052 92.248 101.435 123.706

Der Tourismus hat in Estland von 1994 auf 1995 einen enormen Zuwachs erfahren; die Zahl der nach Estland reisenden Ausländer stieg nach Angaben des Staatlichen Amtes für Statistik, der Grenztruppen und des Hafens von Tallinn innerhalb eines Jahres von 1,9 Millionen auf 2,9 Millionen Gäste. Die Nachfrage nach touristischen Angeboten stieg 1995 erheblich an; die Zahl der Übernachtungen erhöhte sich innerhalb eines Jahres um ca. 20%. Für die estnische Wirtschaft ist der Tourismus auch zum Ausgleich der Handelsbilanz von Bedeutung. Die starke Nachfrage wird auf das im Vergleich zu den nördlichen und westlichen Nachbarländern niedrige Preisniveau zurückgeführt. Der schnellen Entwicklung des Tourismussektors stehen nach Ansicht des estnischen Wirtschaftsministeriums der Kapitalmangel, die Entwicklung des Straßennetzes und der Informationssysteme, die Notwendigkeit zur Renovierung von Hotels und die Vermarktung des Landes als touristisches Zielgebiet als Problemfelder gegenüber. Der sehr hohe Anteil finnischer Urlauber (45% der Übernachtungen von Ausländern, 80% der von estnischen Reisebüros betreuten Auslandsreisenden) wird in seinem Ungleichgewicht im Vergleich zur Zahl der 1 2

STATISTISCHES BUNDESAMT (1993): Länderberichte. Estland. Wiesbaden. Quelle: EESTI STATISTIKA AASTARAAMAT 1996


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Gästen aus anderen Herkunftsländern wegen der Abhängigkeit des estnischen Tourismus von den finnischen Gästen als Risiko angesehen. Der hohe Anteil von Tagesgästen (siehe Tabellen) erklärt sich durch das Übergewicht der finnischen Gäste. Die bestehenden VisaRegelungen und Grenzkontrollen sollen überprüft werden, um die Entwicklung des Tagestourismus und des Transitverkehrs zu fördern.3

3

MINISTRY OF ECONOMIC AFFAIRS AOF THE REPUBLIC OF ESTONIA (1996): Estonian Economy 1995 - 1996, S. 107 ff.


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7.1.1 Entwicklung des Tourismus auf Saaremaa Die touristische Entwicklung Saaremaas kam nach der sowjetischen Besetzung 1941 zum Erliegen, da die Insel in einem militärischen Sperrgebiet der Sowjetunion lag, in das man nur mit Sondergenehmigung reisen durfte. Seit der Unabhängigkeit besuchen wieder viele Esten und Ausländer die Insel, die wegen ihrer langen, gewundenen Küste mit vielen schönen Badestränden und den alten Dörfern und Windmühlen bei den Gästen beliebt ist. Wie bereits erwähnt gehört Kuressaare, der Hauptort der Insel, zu den ältesten Badeorten Estlands, das seinen Ruf als Heilbad durch die Anwendung von Schlamm gegen die verschiedensten Leiden begründet hat. Das erste Schlammbad wurde bereits 1824 errichtet.4 Die Entwicklung des Kurortes lief etwa parallel zu Haapsalu (auf dem Festland), eine gleichrangige Bedeutung konnte Kuressaare wegen der peripheren Lage auf der Insel jedoch nicht erlangen. In sowjetischer Zeit wurde Kuressaare nicht zum Kur- oder Erholungsort ausgebaut, erst Mitte der sechziger Jahre ergriff eine Kolchose die Initiative und errichtete eine Badeanstalt, um den Heilschlamm wieder nutzen zu können. Später wurde die Anlage zu einem Sanatorium erweitert ("Kuressaare"), das von verschiedenen Kolchosen gemeinsam betrieben wurde. Besondere Anziehungspunkte sind heute die einzige unzerstört erhalten gebliebene Ordensritterburg im Ostseeraum und die historische Altstadt. Insgesamt errechnet eine Studie des Saarte-Instituts und des Staatlichen Tourismusamtes für das Jahr 1995 auf Saaremaa 151.000 in- und ausländische Besucher. Davon waren 80% Esten. Insgesamt wurden auf Saaremaa während des Ferienaufenthalts 100 Millionen EEK (12,5 Millionen DM) ausgegeben.

Zahl der Feriengäste auf Saaremaa5 1993 23.520 1994 27.462 1995 21.260 * *) wahrscheinlich Rückgang der Buchungen ausländischer Gäste auf Grund der "Estonia"-Fährkatastrophe

4

5

HENNINGSEN, M. (1994): Der Freizeit- und Fremdenverkehr in der (ehemaligen) Sowjetunion unter besonderer Berücksichtigung des Baltischen Raumes, S. 214 f. EESTI STATISTIKA AASTARAAMAT (1996): Zahl heimischer und Auslandstouristen, die über ein Reisebüro oder einen Reiseveranstalter Urlaub auf Saaremaa gebucht haben


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7.2

45

Entwicklung des Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna findet in bescheidenem Maßstab statt. Die Zahl der Übernachtungen betrug in der Sommersaison 1996 ca. 1.000 bis 1.200.6 Zum Zeitpunkt der Recherche zur vorliegenden Arbeit (September 1996) existierten 50 Gästebetten in fünf Quartieren. Ganzjährig können nur bei zwei der fünf Quartiere Zimmer gemietet werden (insg. 9 Gästebetten), der überwiegende Teil der Gästebetten befindet sich in nicht beheizbaren Räumen auf Bauernhöfen. Da die Zimmer nur im Sommer nutzbar sind, ist es nicht sinnvoll, eine für das gesamte Jahr gemittelte Auslastung anzugeben. Für die Sommersaison ergibt sich für die fünf Anbieter eine Belegung von ca. 25 Prozent (siehe Anhang). Im Dorf Kihelkonna existiert das Pfarrhaus, das vier Zimmer im Dachgeschoß des Gebäudes an Feriengäste vermietet. Wegen zahlreicher kirchlicher Besucher, die die Pfarrei Kihelkonna von befreundeten Kirchengemeinden aus dem In- und Ausland hat, wurden Anfang der neunziger Jahre Gästezimmer im Pfarrhaus eingerichtet, die nun auch an Touristen vermietet werden. Eine Tallinner Familie hat im Dorf ein Haus erworben und bietet im Sommer in einem kleinen Nebengebäude Ferienzimmer an. Wichtiger Tourismuszweig in Kihelkonna ist "Urlaub auf dem Bauernhof". Der biologisch-dynamisch bewirtschaftete SüllaHof (Sülla talu) hat zwei ehemalige Scheunen zu Ferienzimmern umgebaut, die im Sommer zur Verfügung stehen und anderthalb Zimmer im Wohnhaus, die ganzjährig an Feriengäste vermietet werden. Der Hof liegt vier Kilometer nördlich von Kihelkonna. Im Dorf Kuralase (17 Kilometer nördlich von Kihelkonna) befindet sich der biologisch bewirtschaftete Loode-Hof (Loode ökotalu). Auch hier werden zwei ehemalige Scheunen als Gästezimmer genutzt. Gäste können wegen fehlender Heizung nur im Sommer berherbergt werden. Ganz im Norden der Gemeinde befindet sich im Dorf Neeme (27 Kilometer nördlich von Kihelkonna) der dritte Hof, der Gästezimmer anbietet, die im Sommer gemietet werden können. Bei allen „Urlaub auf dem Bauernhof“-Anbietern kann auch gezeltet werden. In der Gemeinde besteht kein Campingplatz, ein Hotel existiert ebenfalls nicht.

6

eigene Erhebung; ohne Übernachtungen von Touristen bei Freunden/Verwandten


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Anzahl der Besucher der Gemeinde Kihelkonna Über die Zahl der Touristen, die Kihelkonna jährlich besuchen ist nichts bekannt. Einer der Anhaltspunkte ist die St.-Michaelis-Kirche des Dorfes, die als eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf Saaremaa anzusehen ist und als solche von vielen Feriengästen aufgesucht wird. Alle Besucher werden von einer Mitarbeiterin der Kirche geführt, die sehr großen Wert darauf legt, daß die Besucher sich in ein Gästebuch eintragen. Es ist daher davon auszugehen, daß der Großteil der die Kirche besuchenden Touristen auch eine Eintragung ins Gästebuch gemacht hat. Danach besuchten 1995 rund 2500 Personen die Kirche. Die größte Gruppe bildeten dabei noch vor den Esten die Finnen mit 1027 Personen. Dies ist bedingt durch finnische Reisebusse, mit denen insbesondere ältere Menschen in Kurzreisen nach Estland kommen. Drittstärkste Besuchergruppe sind die Schweden mit 264 Personen, gefolgt von den Deutschen mit einer halb so großen Zahl von 133 Personen. Dabei ist jedoch anzumerken, daß 1995 über 6000 Schweden mit einer Fähre im Sommer nach Veere (Ortsteil von Kihelkonna) reisten und von dort aus mit organisierten Bustouren die Insel kennenlernten. Die Zahl der Schweden, die die Kirche besucht haben, ist demnach eher erstaunlich gering. Bei Esten, Finnen und Norwegern fiel bei der Auswertung des Gästebuches auf, das diese Nationalitäten überwiegend in Gruppen reisen (besonders die Finnen), während alle anderen als Individualreisende und Kleinstgruppen (meist nur 2 Personen) unterwegs waren. Die relativ hohe Zahl von Besuchern aus den USA (44), Kanada (24) und Australien (10) erklärt sich aus der großen Zahl von Esten, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert sind und nun ihre alte Heimat (bzw. die ihrer Eltern oder Großeltern) besuchen. Ca. 80% der Gäste besuchten die Kirche in den Monaten Juni bis August. Für diesen Zeitraum ergibt sich eine durchschnittliche tägliche Besucherzahl von ca. 22 Personen (einschließlich Gruppen). 7

Besucher der Michaeliskirche in Kihelkonna 1995 Herkunft EST FIN S D N USA LET CD GB DK AUS NL Total Anzahl 758* 1.027 264 133 50* 44 45* 24 17 10 10 10 2.425 *) bei den mit einem * gekennzeichneten Besucherzahlen wurden Gruppen, bei denen nicht die Teilnehmer separat ins Gästebuch eingetragen haben, eine Gruppenstärke von 15 Personen angenommen

(Quelle: eigene Erhebung)

7

die Interpretierbarkeit der Eintragungen ins Gästebuch ist nur eingeschränkt möglich, läßt m.E. aber "trendhafte" Aussagen zu


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Gästestruktur Für die Sommersaison 1996 wurden im Rahmen der vorliegenden Arbeit die fünf Beherbergungsbetriebe des Ortes befragt. Dabei wurden die Gäste in den Kategorien "Alleinreisende", "(Ehe-)Paare ohne Kind(er)", "(Ehe-)Paare mit Kind(ern)" sowie "Gruppen (Freunde, Vereine, etc.)" erfaßt. Bei den drei Angeboten "Urlaub auf dem Bauernhof", von denen nur Sülla und Loode Landwirtschaft betreiben, überwiegt der Anteil der Gästekategorie "Gruppen" mit bis 78% der Gäste. Bei den Ferienzimmern des Pfarrhauses und der Familie Mets ist diese Gruppe mit 20 bis 25% weniger wichtig. Ein markantes Ergebnis der Befragung war der hoher Anteil von (Ehe-) Paaren ohne Kind(er), die Urlaub in Kihelkonna machen. Sie stellen mit 25 bis 60 Prozent die anteilig größte Gruppe. Lediglich der Loode-Hof fällt hier völlig aus dem Trend, der in der Saison 1996 überhaupt kein Paar ohne Kind(er) zu Gast hatte. Der Hof ist wegen seiner Lage, des Zimmerangebots und auch dem Vorhandensein eines Spielkameraden (der vierjährige Sohn der Familie) ausgezeichnet für einen Aufenthalt mit Kindern geeignet, gleiches trifft aber auch auf den Sülla-Hof zu. Der hohe Anteil von Paaren ohne Kind(er) und von Kleingruppen läßt sich begründen, wenn man die Verweildauer der Gäste betrachtet, die den Charakter Kihelkonnas als Kurzurlauber-Ziel, Zwischenstation auf einer Saaremaa-Tour oder eines "verlängerten Wochenendes" verrät. Von den Paaren ohne Kind(er) blieb kein einziges länger als sieben Tage. Vor dem deutschen Hintergrund ist der geringe Anteil der Paare mit Kind(ern), die die Bauernhöfe besuchen eher überraschend. Während in Deutschland der "Urlaub auf dem Bauernhof" als familienfreundlich und als besonderes Erlebnis für die Kinder gilt, spielt dies anscheinend in Estland eine nur untergeordnete Rolle. Für den kostengünstigen, familienfreundlichen und pädagogisch sinnvollen Urlaub auf dem Bauernhof fehlt derzeit möglicherweise in Estland das Bewußtsein bzw. diese Urlaubsform ist bei der Gruppe der Eltern noch nicht ausreichend bekanntgemacht und beworben worden. Da über zwei Drittel der estnischen Bevölkerung in Städten lebt8, ist der Kontakt zur Landwirtschaft eines großen Teils der Einwohner Estlands nicht sehr eng; ein "Urlaub auf dem Bauernhof" bietet entsprechend auch für viele Esten neue Eindrücke, zumal bäuerliche Landwirtschaft bis 1991 nur in geringem Maße betrieben wurde. Das Überwiegen der Gästekategorie ohne Kinder auf den Bauernhöfen ist möglicherweise auf die mangelnden Alternativen für diese Gästegruppe zurückzuführen, die die Höfe nur aufsuchen, weil sie im Pfarrhaus keine Mahlzeit bekommen und keine Sauna9 nutzen können bzw. weil die Gästezimmer der Familie Mets aus Tallinn nicht immer bereitgehalten werden.

8

von den knapp 1,5 Millionen Esten leben eine Millionen in Städten, davon alleine in den Städten Tallinn, Tartu, Kohtla-Järve und Narva zusammen 740.000 Einwohner. In: ESTLANDS BAUMARKT 1996, S. 8 9 auf das Thema "Sauna" wird in Kapitel 7.4.3 noch näher eingegangen


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Art der Unterkunft

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Anteil der Gästekategorien in % Alleinreisende

(Ehe-)Paare

(Ehe-)Paare mit Gruppen

ohne Kind(er)

Kind(ern)

(Freunde, Vereine, usw.)

Ferien auf dem Bauernhof Loode * Sülla *

0 8

0 32

12 22

78 38

5 25

55 25

20 25

20 25

10

60

10

20

Zimmervermietung am Zweitwohnsitz Pühassoo ** Fam. Mets ** Gästezimmer im Pfarrhaus Pfarrhaus * *) Zählung der Vermieter **) Schätzung der Vermieter

Gästekategorien

Alleinreisende 10% Gruppen 37%

Paare mit Kind 18%

Paare ohne Kind 35%

Diagramm 5: Anteil der verschiedenen Gästekategorien in den Ferienquartieren der Gemeinde Kihelkonna (Quellen: Eigene Erhebungen)


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49

Herkunft der Gäste Quartier

Herkunftsland der Gäste (Anteil an der Gesamtzahl der Gäste in %)

Loode Sülla Pühassoo Mets Pfarrhaus*

EST 47 30 29 98 50

FIN 9 33 15 2 20

D 22 4 15 -20

S 4 10 8 -5

GESAMT**

39

19

15

7

4 -12 ---

GB -9 8 ---

4

4

USA/CD

4 -8 ---

NL 4 5 ----

3

2

LIT/LET

Sonst. 6 9 5 -5

6

*) Schätzung; alle anderen Zählung **) Das Quartier von Familie Mets bleibt unberücksichtigt, da hier die Belegung von der Buchung eines Sprachkurses abhängig war und daher keine repräsentative Verteilung der Herkunft der Gäste vorliegt. Die Abweichung vom Wert 100% ergibt sich durch Rundung.

(Quelle: eigene Erhebung; siehe Anhang)

H e rk u nfts län d er d er Gä ste (S a is on 1 99 6)

GB US A /K anada 4% 4%

NL Lit./Lett. 2% 3%

S ons tige 6% E s tland 40%

S c hweden 7%

Deuts c hland 15%

Diagramm 6

Finnland 19%


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Bettenauslastung

Die wichtigste Kennziffer für die Beurteilung der Zimmervermietung ist die Bettenauslastung oder Belegungsdauer. Bestimmt wird sie durch die Anzahl der Saisonen, Länge der Saison, Preisniveau, Qualität bzw. Attraktivität des Vermieterbetriebs, der natürlichen Ausstattung der Region, der Wetterlage in der Saison sowie den betrieblichen und regionalen Einrichtungen zur Erfüllung der Freizeitbedürfnisse. Den Auslastungsgrad in Prozent erhält man aus dem Verhältnis zwischen effektiven und potentiellen Übernachtungen in einem Betrieb multipliziert mit 100. Die potentielle Übernachtungsziffer ergibt sich aus den möglichen Tagen der Saison und den verfügbaren Betten des Vermieters. Kihelkonna konnte im Sommer 1996 mit 1000 bis 1200 Übernachtungen eine potentielle Übernachtungsziffer der Gästebetten von 25% verzeichnen.10 Ein Grund für die bisher geringe Auslastung dürfte sein, daß drei der fünf Anbieter von Ferienzimmern erst im Laufe des Sommers 1995 zum ersten Mal Übernachtungsmöglichkeiten anboten. Sie können daher nicht auf Stammgäste bauen, die regelmäßig ihre Ferien im gleichen Quartier verbringen. Auch auf die von allen Anbietern als wichtigste Form der Werbung eingeschätzte Mundpropaganda11 konnten sich diese neugeschaffenen Ferienzimmer-Anbieter noch nicht bzw. nur in sehr geringem Maße stützen. Einzige Anbieter, die bereits in der gesamten Sommersaison des Vorjahres 1995 Übernachtungsmöglichkeiten angeboten haben, waren der bed & breakfast-Hof Sülla talu und das Pfarrhaus. Beide hatten von 1995 auf 1996 einen Rückgang der Übernachtungen um ca. 20% gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Dieser Rückgang ist vor allem auf den sehr verregneten Juni und Juli zurückzuführen, die Hauptreisemonate in Estland. Die estnischen Gäste, die in den Quartieren einen Anteil zwischen 30 und 50 Prozent ausmachen, blieben in dieser Zeit fast vollständig aus.

10

die Auslastung bezieht sich nur auf die Sommersaison, da der überwiegende Teil der angebotenen Zimmer wegen fehlender Heizung in anderen Jahreszeiten nicht vermietet wird 11 in Gesprächen mit den Anbietern übereinstimmend geäußerte Einschätzung


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Verweildauer

Die Verweildauer der Gäste wurde getrennt nach den bereits genannten Gästekategorien erfaßt. Die Befragung ergab ein recht eindeutiges Ergebnis, das Kihelkonna als ausgesprochenen Kurzurlauber- , "Langes-Wochenende" -Ort oder als Durchgangsstation ausweist. Auf dem Pühasso-Hof blieb bei 86 Übernachtungen im Sommer 1996 kein einziger länger Gast als 5 Nächte, in Sülla verbrachten immerhin 12,5% der Paare ohne Kinder und 20% der Paare mit Kind(ern) bis zu sieben Tagen. Bis zu 14 Tagen blieben auf dem LoodeHof nur 4% der Gruppen (sonst niemand), im Pfarrhaus blieben 10% der Paare ohne Kinder und 25% der Gruppen zwischen einer und zwei Wochen. Über zwei Wochen verbrachte nur eine Person auf dem Sülla-Hof. Die Gästezimmer der Familie Mets bleiben im Hinblick auf die Verweildauer der beherbergten Personen unberücksichtigt, da die Zimmer nur im Zusammenhang mit der Teilnahme an einem Englisch-Kurs vermietet wurden, die generell drei Tage dauerten. Mit Blick auf die Herkunft der Gäste wird jedoch deutlich, daß der Anteil der Kurzurlauber und Wochenend-Gäste nur maximal die Hälfte der Gäste ausmachen kann, da es sich bei Kurzurlaubern ausschließlich um Esten handeln muß. Der Anteil der Esten liegt aber nur zwischen 29 und 50% des Gästeanteils (Mets bleibt hier unberücksichtigt, da alle Gäste Englischkurs-Teilnehmer waren und es sich zu 98% um Esten gehandelt hat). Ausländer scheiden als Kurzurlauber aus, da die Anreise nach Estland zu zeitaufwendig und zu teuer ist, um nur für ein paar Tage zu kommen.12 Die Auswertung der Angaben zur Verweildauer sagt daher aus, daß auch die ausländischen Gäste nur bis zu maximal 5 Tagen blieben und ihren Urlaub in Estland als Tour durchs Land gestalten und nicht an einem festen Ort ihren gesamten Urlaub verbringen. Da diese Form der Ferien weniger geeignet für Kinder ist, erklärt sich auch der hohe Anteil von Paaren ohne Kind(er) bzw. der hohe Anteil von Gruppen. Es wäre allerdings auch möglich, daß das Fehlen von Informationen über die touristisch interessanten Potentiale Kihelkonnas und der schlechte Zustand vieler Sehenswürdigkeiten dazu führt, daß die Gäste nach wenigen Tagen in eine andere Region weiterreisen.

Art des zur Anreise nach Saaremaa gewählten Verkehrsmittels Pkw Linienbus13 Reisebus14

Aufenthaltsdauer 1 Tag

k.A. 25 % 23 %

2 Tage

3-5 Tage

64 44 31 %

% % 46 %

> 7 Tage

k.A. 33 % 0%

(Quelle: eigene Zusammenstellung nach Daten der Studie „Saaremaa Turismiuuring 1995“ (SAARTE INSTITUUT/RIIGI TURISMIAMET)

12

bestünde eine direkte Fährverbindung zwischen Saaremaa und Finnland/Schweden, so könnte die Insel auch für finnische bzw. schwedische Kurzurlauber interessant sein. 13 durch Rundung ergibt sich eine Summe > 100% 14 alle Teilnehmer Finnen


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7.4

52

Beschreibung und qualitative Bewertung der sieben Bausteines des "Urlaubs in Kihelkonna"

Der "Urlaub in Kihelkonna" stellt sich nicht als einheitliches Angebot dar. Ein funktionierender Tourismus setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen (siehe Abbildung), die im Zusammenhang zu sehen und zu entwickeln sind. Diese Bausteine sollen sich möglichst harmonisch ergänzen und zueinander passen. Nach Ansicht von HARFST/ SCHARPF/WIRTZ15 nutzt es, die touristische Nachfrage betreffend nur wenig, wenn einseitig einzelne Komponenten optimiert, andere hingegen vernachlässigt werden. Keine der touristischen Angebotskomponenten ist alleine lebensfähig. Am touristischen Erscheinungsbild sind nicht nur die Beherbergungsbetriebe oder der Fremdenverkehrsverband beteiligt, sondern eine große Zahl von antropogenen und natürlichen Faktoren. Die Summe verschiedener Bausteine, die den Gesamtkomplex "Urlaub" bilden, die Wechselwirkungen dieser Komplexe untereinander und die große Zahl von Beteiligten, die Einfluß auf die tourismusrelevanten Bausteine haben, machen die Gestaltung, Vermarktung und auch die Beeinflussung der Entwicklung des Tourismus schwierig. Innerhalb der jeweiligen Angebotskomponenten ist es daher notwendig, die Gesamtsituation bei der Bewertung von Stärken und Schwächen in den Vordergrund zu stellen. ROMEISS-STRACKE16 hat in Bezug auf ihr Modell der sieben touristischen Bausteine den Begriff des "Denkens in Situationen" geprägt und bezieht sich dabei auf die Bewertung der Gesamtsituation, in der sich das Wohn-, Gastronomie-, Infrastruktur-, Service-, Landschaftsangebot usw. befindet. Einzelne, in einem Ort besonders positiv hervortretende Merkmale landschaftlicher, architektonischer oder infrastruktureller Art spielen weiterhin eine wichtige Rolle, treten jedoch gegenüber dem Gesamteindruck mehr und mehr in den Hintergrund.

Der unverwechselbare Baustein-Komplex "Urlaub in der Gemeinde Kihelkonna"

Landschaft

15 16

Ortscharakter

Wohnen

Essen und Trinken

HARFST/SCHARPF/WIRTZ (1994): Landschaftsplanung und Fremdenverkehrsplanung, S.49 ROMEISS-STRACKE (1989): Neues Denken im Tourismus, Kapitel 4


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Service und Information

Tourismusrelevante

Infrastruktur

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Verkehr

Diese sieben Bausteine setzen sich wiederum aus einer Reihe von Elementen zusammen:

Sieben Bausteine des Tourismus Landschaft

Ortscharakter

Wohnen

Essen und Trinken

Service und Information

Tourismusrelevante Infrastruktur

Verkehr

Elemente • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •

Klima Landschaftsbild/Landnutzung Relief Wasserflächen/Küste urbaner/ländlicher Charakter Architektur Atmosphäre Kulturelles Angebot Lage Art der Unterkunft Architektur Atmosphäre Ausstattung Qualität Regionale Besonderheiten Atmosphäre Angebotsgestaltung Information Organisation Pflege/Gesundheit Gästebetreuung Sport/Spiel Kultur Unterhaltung Kur/Gesundheit Einkaufen öffentliche Verkehrsmittel Straßennetz und weitere Verkehrsträger örtliche Verkehrssituation

Quelle: BÜRO FÜR TOURISMUS- UND ERHOLUNGSPLANUNG (1994): Tourismus in der Dorfentwicklung, S. 20


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Grundlage der Beschreibung und Bewertung des Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

Nachfolgend soll das vorhandene Angebot in Kihelkonna vorgestellt und qualitativ bewertet werden. Datengrundlage bilden die vor Ort geführten Interviews mit den Anbietern von Ferienquartieren und die Untersuchung des Saarte-Instituts/Staatlichen Tourismusamtes zum Tourismus auf Saaremaa. Meine Bewertung der landschaftlichen Eignung für Erholungszwecke, des Ortscharakters, die qualitative Einordnung des Wohnangebots an Urlauber usw. besitzt subjektiven Charakter. Eine objektive Einschätzung ist bei den meisten behandelten Themen auch nicht möglich; selbst innerhalb einer homogenen Zielgruppe würden die Bewertungen über ein und dasselbe Objekt weit auseinandergehen. So findet die Beschreibung der Landschaft vor dem Hintergrund vieler von mir unternommener Fahrradtouren und Wanderungen in der Gemeinde Kihelkonna statt, die Auseinandersetzung mit dem Dorf Kihelkonna fand vor allem durch eine Realnutzungskartierung statt, bei der ich jeden Winkel im Dorf kennenlernte sowie durch die Fotodokumentation zu den Gebäuden, Plätzen und Ansichten Kihelkonnas. Die Wohnverhältnisse der fünf Quartiere habe ich vor dem Hintergrund meines fünfwöchigen Aufenthalts auf einem der Höfe und Gesprächen mit den dort anwesenden Gästen sowie dem Besuch der anderen Ferienquartiere und Gesprächen mit den Betreibern eingeschätzt. Durch eine dreiwöchige Rundreise auf dem estnischen Festland konnte ich einen Eindruck über Art und Ausstattung der Beherbergungsbetriebe in Estland gewinnen. Als Grundlage für die Bewertung des Standards erschien es sinnvoll, den Vergleich mit westeuropäischen Ländern zu wagen. Dies entspricht der Zielsetzung der Esten in allen Lebensbereichen (und die Realisierung ist überall sichtbar), eine Bewertung auf niedrigerem Niveau würde innerhalb kurzer Zeit auch den Anforderung estnischer Gäste nicht mehr entsprechen und würde dort auf kein Verständnis treffen. Allerdings soll auch auf die finanziellen Risiken für die Anbieter eines hohen Standards hingewiesen werden. Die Bereiche "Essen und Trinken", "Service und Information" und "touristmusrelevante Infrastruktur" habe ich durch meinen Aufenthalt in Kihelkonna kennengelernt und bin zu entsprechenden Bewertungen gekommen. Den Bereich "Verkehr" konnte ich durch Nutzung aller in Kihelkonna zum Einsatz kommenden Verkehrsträger (Auto, Nah- und Fernverkehrsbus sowie Fahrrad) und die Erkundung eines Großteils der Straßen und Wege im Gemeindegebiet beschreiben und bewerten. Eine qualitative Bewertung des Angebots kann nur zielgruppenorientiert erfolgen, da die jeweiligen Gäste-Zielgruppen unterschiedliche Ansprüche und Wünsche an den Urlaubsort stellen. Die vorhandene Angebotssituation habe ich daher vor dem Hintergrund der von der Gemeinde Kihelkonna angestrebten Entwicklung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus und den Anforderungen der dabei angepeilten Zielgruppe gesehen.


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Die sieben Bausteine des "Urlaubs in Kihelkonna" im Überblick Landschaft

Ortscharakter

Wohnen

• • • • •

• St.-MichaelisKirche • Holzhäuser • große Gärten • Steinmauern • Fischerdorf • Orgelwochen

• „Ferien uf dem Bauernhof“-Urlaub • Wohnen im Zweitwohnsitz (Dritter) • Gästezimmer im Pfarrhaus

Meer, Inseln Wald Wacholder-Weiden

Leuchttürme Gutshöfe

Service und Information

Tourismusrelevante

Infrastruktur

Verkehr

• Tourist-Information • Tourist-Information • kaum Pkw-Verkehr • Hilfe durch • Mihkli-Bauernhof- • schlechte Gastgeber Museum Anbindung im Fernverkehr mit öffentl. Verkehrsmitteln

Essen und Trinken • • • •

auf Bauernhöfen Hansa-Café Veere-Hafen-Café Selbstversorger (Camper, FeWoBesitzer) kaufen in Lebensmittelläden

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Die am Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna Beteiligten

Die sieben Bausteine des "Urlaubs in Kihelkonna" werden von verschiedenen Institutionen, Firmen und Personen getragen. Damit wird deutlich, daß für ein einheitliches, aufeinander abgestimmtes Konzept auch in dem touristisch noch kaum entwickelten Kihelkonna bereits viele Gruppen und Personen zusammenwirken müssen. Einige von ihnen sind wiederum in Interessenverbänden organisiert (Landwirtschaft, Fremdenverkehrsverband Saaremaa (Touristinformation Kuressaare) oder unterstehen übergeordneten Institutionen (der Nationalpark dem Umweltministerium, die Gemeinde ist an die Vorgaben der Reichsregierung in Tallinn und teilweise an Vorgaben des Kreises Saare gebunden usw.)

Die am Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna Beteiligten Landschaft

Ortscharakter

Wohnen

• Gemeindeverwaltung • 2 Landwirte • Nationalparkverwaltg. • Architekten • 2 Zweitwohnungs• Staatliches Forstamt • Bürger besitzer • Landwirte • Privatunternehmen • Kirchengemeinde (Verband) • Kirchengemeinde • Dorfbewohner • Planungsbehörden • Gemeindeverwaltung

Service und Information

Tourismusrelevante

Infrastruktur

Verkehr

• Gemeindeverwaltung • Reichsregierung • Gemeindeverwaltung • private • Kreisverwaltung (Bau/Unterhaltung v. Zimmeranbieter • Gemeindeverwaltung Gemeindestraßen, • Saaremaa Museum Träger des ÖPNV) (Träger des Mihkli- • Staatliches Museums) Straßenamt (Landstraßen)

• Fährgesellschaften

Essen und Trinken • 2 Anbieter von "Urlaub auf dem Bauernhof", • 2 Cafébetreiber • 3 Ladenbesitzer


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7.4.1 Landschaft

Natur und Landschaft sind für die Wahl des Urlaubszieles von großer Bedeutung. 43% der deutschen Urlauber erwarten "unberührte Natur" und 30% der Deutschen hat an den Urlaubsort die Erwartung reine Luft und sauberes Wasser vorzufinden und aus der verschmutzten Umwelt am Wohnort herauszukommen.17 Diese Erwartungen an die Umweltqualität im Urlaubsort dürften bedingt auch auf Estland und Touristen anderer Nationalität übertragbar sein. Von besonderem touristischen Wert ist die abwechslungsreiche Küste in der Gemeinde Kihelkonna. Die Westküste der Tagamõisa-Halbinsel ist von zahlreichen Buchten tief eingeschnitten (siehe Karte 1). Sie ist flach und überwiegend steinig. Die Ufervegetation ist von großen Schilfbeständen geprägt. Den nordwestlichen Zipfel der Halbinsel bildet wiederum eine Halbinsel namens Harilaid. In ihren Buchten, der Haagi lõugas- und der Uudepanga-Bucht befinden sich kilometerlange Sandstrände. An der Nordspitze der Tagamõisa-Halbinsel (Undvanina) reicht der Kalkstein schichtartig bis ans Meer. Im Norden der Tagamõisa-Halbinsel steigt die Küstenlinie zwischen Suurikupank und dem Beginn der Taga-Bucht stetig an. In steilen Kliffs fällt der Kalkstein hier zum Meer ab. An der Ostseite der Tagamõisa-Halbinsel wechseln Abschnitte mit handgroßen Kieseln mit Bereichen, die geprägt sind von Findlingen und Wanderfelsen. Schließlich mündet die Taga-Bucht im Süden in einen Sandstrand. Mit Ausnahme der kleinen Häfen ist die Küste von menschlichen Eingriffen völlig unbeeinflußt. Der Norden der Tagamõisa-Halbinsel ist von zahlreichen Seen geprägt (Aasta-, Taugepää-, Sarapiku-, Kiljatu- und Sakajärv) sowie der Laia-Sepa-See auf der Halbinsel Harilaid. Diese verlandeten Strandseen liegen nur schwer zugänglich und vom Menschen weitgehend unbeeinflußt in den Wäldern. Im Osten grenzt die Gemeinde an den ca. 8 km2 großen Karujärv (Bärensee), in dem sechs Inseln liegen. Das Gewässernetz in der Gemeinde ist wegen des vorherrschenden Kalkuntergrundes sehr weit. Auf der Tagamõisa-Halbinsel südlich des Weilers Tagamõisa und um Vedruka sind weite Bereiche durch Niedermoore gekennzeichnet. Der Boden auf Saaremaa besteht aus Kalkstein, der an der Küste an vielen Stellen steil ins Meer abfällt (in Kihelkonna am Kap Suurikupank nahe Undva). Auf besonders nährstoffarmen Kalksteinflächen sind sogenannte Alvar-Pflanzengesellschaften entstanden. Sie bestehen aus einer an die extreme Trockenheit und Nährstoffarmut angepaßten Vegetation. Saaremaa liegt, im Gegensatz zum estnischen Festland, im Bereich maritimen Klimas. Auf eine wärmere Klimaperiode weisen als Relikte geschlossene, natürliche Laubwälder hin. Heute vorherrschende Baumarten sind Kiefer, Birke und Fichte. Der überwiegende Teil der Wälder unterliegt einer extensiven forstwirtschaftlichen Nutzung. Eine besondere, durch die Landwirtschaft entstandene Landschaftsform sind die WacholderWeiden, die als Flächen zur extensiven Viehhaltung genutzt werden. Diese WacholderWeiden weisen eine typische Trockenrasen-Vegetation auf. Die Flächen wurden vielfach als Allmende zur Schafbeweidung genutzt. Viele Wacholder-Weiden sind zunehmend verbuscht

17

STUDIENKREIS FÜR TOURISMUS (1984): Reiseanalyse 1984. Ammerland/Starnberger See.


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und befinden sich heute im Stadium eines Wacholder-Kiefernwaldes. Eine weitere charakteristische Landschaftsform wird durch die traditionell betriebene Waldhute geprägt. Von besonderem touristischen Interesse in der Gemeinde Kihelkonna ist die Meeresküste. Wegen ihrer sehr abwechslungsreichen Strandsedimente ist hier besonders die Ostküste der Tagamõisa-Halbinsel zu nennen. Vom Sandstrand über Kies, faustgroße Kiesel bis zu großen Wanderfelsen und 20 Meter ins Meer abfallenden Kliffs findet der Gast hier eine fast völlig unbebaute natürliche Küstenlinie vor. Der Sandstrand im südlichen Bereich der TagaBucht ist durch eine vor wenigen Jahren gebaute Asphaltstraße erschlossen worden. Als Badesee ist der Karujärv mit einem Campingplatz für Urlauber erschlossen worden. Er besitzt einen flachen, sandigen Grund und erreicht bei entsprechendem Wetter eine angenehme Badetemperatur. Die Westküste der Tagamõisa-Halbinsel ist wegen ihres flachen, fast durchweg steinigen Ufers und der teilweisen breiten Schilfsäume weniger zu Erholungszwecken geeignet. Insbesondere die zahlreichen Seevögel in diesem Küstengebiet, die sich zur Brut, Mauser und auf dem Durchzug auf den Felsen vor der Küste und am Strand aufhalten, würden durch Wassersportler, badende oder wandernde Urlauber gestört. Die offenen Landschaften der Wacholderweiden dürften auf den Urlauber eine hohe Anziehungskraft ausüben. Hier finden sich (ohne Suchen oder Expertenwissen) zahlreiche Orchideen und im Spätsommer das blühende Heidekraut. Auch der große Reichtum an Blumen, die in Estland im Juli und August noch in voller Blüte stehen und das Bild der Wiesen, Weiden und Wegränder prägt, trägt maßgeblich zur landschaftlichen Attraktivität der Gemeinde Kihelkonna bei. Die ausgedehnten Wälder eignen sich für Wanderungen und Radtouren. Sie sind mit einem sehr weitmaschigen Netz von Wirtschaftswegen (teilweise Sandwege) erschlossen, jedoch vollkommen unbeschildert. Die breite, asphaltierte Landstraße auf der Tagamõisa-Halbinsel verläuft dagegen über etliche Kilometer schnurgerade und kann kaum ein positives Landschaftserlebnis zu Fuß oder mit dem Rad vermitteln. Zum Landschaftserleben in den Wäldern gehört im Sommer unbedingt auch das Beerensammeln und im Herbst die Suche nach Speisepilzen. Da die Wälder Saaremaas sehr wildreich sind (Rot- und Schwarzwild, Rehwild, Elche) werden auch spezielle Angebote für Jäger gemacht. Die Landschaft um das Dorf Kihelkonna wird vor allem durch die archaisch wirkenden Lesestein-Mauern aus Kalkstein geprägt. Sie ziehen sich viele hundert Meter lang durch die Landschaft und zeugen von alten Nutzungsgrenzen. Diese Mauern sind sehr charakteristisch für Kihelkonna. Ein von einer solchen Mauer umgebener Bereich ist auch der Glockenturm. Hier gewinnt die Landschaft durch das bewegte Relief, das sich von der ansonsten flachen Landschaft der Insel abhebt. Der auf einem ehemaligen Strandwall errichtete Glockenturm ist umgeben von Wacholderweiden, die teilweise noch von Schafen abgeweidet werden. Dieses Glockenturm-Areal ist ausgesprochen typisch für Kihelkonna und sollte unbedingt in der jetzigen Form erhalten bleiben. Die an der Minnuse-Straße begonnene Bebauung wirkt sich sehr negativ aus, da die freie Landschaft an dieser Stelle ursprünglich bis an den Ortskern (die Kirche) heranreichte und nun durch die Bebauung ein Gebäuderiegel in der Landschaft entsteht. Aus landschaftsästhetischer Sicht und zur Erhaltung eines intakten


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Landschaftsbildes auch zum Ziel einer touristischen Entwicklung erscheint eine Bebauung südlich der Kiriku-Straße und westlich der Lümanda maantee nicht sinnvoll. Abbildung 15:

Die Bebauung an der Minnuse schiebt sich wie ein Riegel in die Landschaft und in den landschaftsästhetisch wertvollen Glockenturm-Bereich.


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Abbildung 16 und Abbildung 17: Wacholder, Lesestein-Mauern und riedgedeckte, kleine Bauernhäuser gehören zum touristischen Bild der Insel Saaremaa. Auch ausgedehnte Feuchtgebiete prägen einen Teil der Gemeindefläche von Kihelkonna.

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Abbildung 18 und Abbildung 19: An der Ostseite der Tagamõisa-Halbinsel besitzt die Landschaft fast mediterranen Charakter. Der Wacholder reicht bis ans Meer, die Küstenlinie wird von zahlreichen sanften Buchten geprägt.

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Abbildung 20 und Abbildung 21: Die Insel Vilsandi, auf der nur 20 Menschen leben, vermittelt das Gefühl von Abgeschiedenheit und Ruhe. In der Mitte der Insel befinden sich noch drei flügellose Kasten-Windmühlen. Der Leuchtturm liegt an der Westspitze der Insel.

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7.4.2 Ortscharakter

Größe und urbaner oder ländlicher Charakter eines Ortes prägen die Vielfalt und Art des Urlaubsangebots und der Möglichkeiten. Der Ortscharakter wird durch seine Einwohner, die örtliche Architektur, die landschaftliche Ausstattung, das kulturelle Leben, die verkehrliche Erschließung usw. gestaltet.

Siedlungsstruktur

Durch seine periphere Lage in einem militärischen Sperrgebiet der Sowjetunion hat sich in der Gemeinde Kihelkonna ein eher traditionelles Ortsbild erhalten. Die Siedlungsstruktur des Dorfes Kihelkonna entspricht der eines Haufendorfes; der ursprüngliche 18 Siedlungsschwerpunkt ist die Sankt Michaelis-Kirche. Heutige Hauptsiedlungsachse ist die Lümanda- bzw. Mustjala-Hauptstraße. Am Thomi Plats (Supermarkt, Kindertagesstätte, "iPunkt"-Gebäude, Kulturhaus) zweigt nach Westen die Kirchstraße (Kiriku) ab (siehe Karte 2). Dort befinden sich die evangelisch-lutherische St. Michaelis-Kirche und das Pfarrhaus. Gegenüber der Kirche liegt südlich auf einer Anhöhe der separat stehende Glockenturm. Direkt neben der Kirche befindet sich mitten im Ortszentrum ein ehemaliger Militärstützpunkt. Es handelt sich um massiv errichtete, barackenartige Gebäude, in denen die Militärverwaltung, einige Offizierswohnungen und Fahrzeuge untergebracht waren. Heute wird der Komplex von der Gemeindeverwaltung und der Post genutzt. Nordwestlich der Ortsmitte im Siedlungsgebiet zwischen Schulstraße (Kooli), Stadion- (Staadiooni) und AbajaStraße findet man eine lockere Bebauung mit kleinen Bauernhöfen sowie in den achtziger Jahren errichteten Einfamilienhäusern mit großen Nutzgärten vor. Der Schulstraße folgend durchquert man ein kleines Waldgebiet und erreicht das Gebäude der Mittelschule (1. bis 9. Klasse) und weiter nördlich den Sportplatz (stadioon). Direkt neben dem Schulgebäude finden sich die Reste des früheren Gutshofes Rootsiküla. Östlich der Ortsmitte entstanden an der Oja-Straße in den achtziger Jahren sechs dreigeschossige Mehrfamilienhäuser. Zur Versorgung der neuen Siedlung wurde dort auch ein Lebensmittelgeschäft und ein Heizkraftwerk errichtet. Nördlich der Oja-Straße schließen sich die Gartenparzellen der Mehrfamilienhaus-Bewohner an. Dahinter liegt der Friedhof der Gemeinde. Nach Norden und Osten nimmt die Siedlungsstruktur den Charakter einer Streusiedlung an. Einzelne Häuser und kleine Bauernhöfe wechseln mit Weideland und verbuschten oder bewaldeten Flächen ab. Bei den anderen zur Gemeinde gehörenden Siedlungen handelt es sich um Weiler mit zum Teil weit verstreut liegenden Einzelhöfen. Von der früheren öffentlichen Grundausstattung wie Schulen oder Läden ist wegen des drastischen Bevölkerungsrückgangs (siehe Kapitel 4.2) in keiner der Siedlungen noch etwas übriggeblieben. Leerstehende Häuser wurden zumeist abgebrochen, so daß die einstige Größe der Dörfer heute kaum noch vorstellbar ist.

18

WESTERMANN (1985): Baltisches Historisches Ortslexikon, S. 225


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Gebäude

Entsprechend der Entstehungszeit der Gebäude weist die Bebauung im Dorf Kihelkonna unterschiedliche Merkmale auf. Entlang der Hauptstaße (Lümanda- /Mustjala maantee) findet man überwiegend eingeschossige Einfamilienhäuser sowie Gebäude zur Versorgung der Bevölkerung. Knapp zwei Drittel der Gebäude sind aus Holz errichtet; sie stammen aus der Zeit zwischen der Jahrhundertwende und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Sie vermitteln mit ihrem gelben Anstrich und den rotbraunen Fensterumrahmungen und weißen Sprossen einen skandinavischen Charakter. Die in den Jahrzehnten gebauten Häuser wurden aus Kalksandsteinziegel errichtet. Mit Ausnahme des Supermarktes und der Kindertagesstätte sind alle Häuser mit einem Satteldächern ausgestattet, die mit Wellasbestplatten oder glatten, teilweise rotgestrichenen Blechen gedeckt sind. Der Dorfplatz namens Thomi Plats (Einmündung der Kirchstraße in die Hauptstraße) ist geprägt von funktionalen Nachkriegsbauten mit Flach- bzw. Pultdach. Es handelt sich dabei um ehemalige staatliche Gebäude, die die Kindertagesstätte (Kiriku Nr. 2), den Supermarkt und die Bank (Lümanda maantee Nr. 2) beherbergen. Zur Hauptstraße hin wurde das Supermarkt-Gebäude mit einer schlichten Arkade ausgestattet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich das sogenannte "i-Punkt-Gebäude" (Lümanda maantee Nr. 3), in dem die Verwaltung des Nationalparks und die Touristeninformation untergebracht sind. Es handelt sich um einen ehemaligen Bauernhof in Holzbauweise mit braungestrichenem Haupthaus. Neben dem "i-Punkt-Gebäude“ steht im Schatten großer Eschen das derzeit ungenutzte Kulturhaus der Gemeinde, das in der nächsten Zeit instandgesetzt werden soll. Zum Gebäude gehört ein großer Saal, der für Vorträge, Feiern und Tanzveranstaltungen genutzt wurde. Gegenüber (Mustjala maantee Nr. 1) liegt das leerstehende, ehemalige Postgebäude, das wegen Rückübertragungsansprüchen eines Alteigentümers geräumt werden mußte. Nach Westen wird der Thomi Plats abgeschlossen von der Kindertagesstätte, die in den sechziger Jahren errichtet wurde. Das aus Kalksandsteinziegeln gemauerte, unverputzte Gebäude besitzt große Fensterflächen zur Straße, der Dachstuhl wurde pultförmig ausgeführt. An der Kirchstraße liegt das über 200 Jahre alte Pfarrhaus. Es ist eingeschossig aus unbehauenem Kalkstein errichtet, der weiß gekalkt ist und mit einem rot gestrichenen Blechdach versehen. Das wohl am stärksten das Ortsbild prägende Gebäude ist die Sankt Michaelis-Kirche. Die ca. 1260 fertiggestellte Kirche wurde aus Kalkstein gebaut und mit einem weißen Verputz versehen. Aus dem einschiffigen Langhaus, dem, im Vergleich zu anderen estnischen Kirchen, kürzeren Westjoch und den Schlußsteinen im Chorraum wird geschlossen, daß es sich um westfälische Baumeister gehandelt haben muß. Der Bau eines Turmes wurde nach dem Bauernaufstand auf Saaremaa gegen den Deutschen Orden 1260/61 untersagt, damit sich das Gebäude nicht zu Wehrzwecken eignet. Den ans Langhaus angebauten Glockenturm erhielt die St. Michaeliskirche erste 1897-99. Im Jahre 1638 wurde auf dem Strandwall nahe der Kirche ein separater Glockenturm errichtet.


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Abbildung 22

Sankt Michaelis-Kirche

Abbildung 23:

Pfarrhaus

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Mit den Häuser Nummer 1, 2, 4, 6 und 10 finden sich in der Hannusestraße eine Reihe ortsbildprägender Holzhäuser, wobei Nr. 2 und 6 zweigeschossig sind und mit einem Erker repräsentativen Charakter vermitteln. Die sich nach Norden fortsetzende Bebauung an der Hannuse-, Schul- und Stadionstraße stammt überwiegend aus den achtziger Jahren und ist geprägt durch einen Wechsel kleiner Bauernhöfe und Einfamilienhäuser. Die Einfamilienhäuser sind relativ einförmig und funktional ausgebildete, aus Sandsteinziegeln gemauerte Wohnhäuser. Lediglich rote Ziegel als Fensterumrahmung oder der Eingangsbereich variieren den ansonsten gleichartigen Haustypus. Die Dächer des Wohngebiets sind mit Wellasbestplatten gedeckt. Da in den achtziger Jahren private Kleinlandwirtschaft wieder geduldet wurde, entstanden hinter einigen Häusern kleine, massive Stallgebäude.


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Abbildung 24: Mustjala maantee Nr. 2 Das Haus weist die typischen Merkmale für die schlichte WohnhausArchitektur des Dorfes Kihelkonna auf: eingeschossige Bauweise, Satteldach ohne Aufbauten, gebaut aus Holz und mit einem gelben Anstrich versehen. Die Fensterformate sind stehend, die Umrahmungen werden rot gestrichen.

Abbildung 25: Mustjala maantee Nr. 6 Die Einheitlichkeit der Bebauung macht den Charme des Dorfes Kihelkonna aus; Hausnummer 2 und 6 weisen vollkommen identische Gestaltungsmerkmale auf.

Abbildung 26: Mustjala maantee Nr. 4 In den letzten Jahren errichtete Häuser weisen nicht mehr die typischen Gestaltungsmerkmale auf. Die praktischen Erwägungen überwiegen: ein Haus aus Holz ist pflegeintensiver als eines aus Stein.


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Abbildung 27:

Hannuse Nr. 1

Abbildung 28:

Hannuse Nr. 6 Das Haus besitzt als eines der wenigen im Ort einen etwas repräsentativeren Charakter (Fenstergestaltung sowie Erker) und hebt sich schon durch seine Zweigeschossigkeit von der restlichen Bebauung ab. Typisch die Holzbauweise und das stehende Fensterformat.

Abbildung 29:

Hannuse Nr. 10 Einen gelungenen Übergang vom Straßenraum zum Haus stellt die Eingangslaube von Hannuse Nr. 10 dar. Zum Grundstück gehört auch ein blumenreicher Garten, der vom Dorfbach durchflossen wird.


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Abbildung 30:

Die Ansicht des Thomi-Plats ist geprägt von der Seitenfront des Supermarktes und dem Schornstein des Gebäudes. Die weiten Abbiegespuren, die Verkehrsinsel und die Parkbuchten vermitteln kaum dörflichen Charakter.

Abbildung 31:

Das Gebäude der Kindertagesstätte am Thomi-Plats (Kiriku Nr. 2)

Abbildung 32:

Der Gebäudekomplex des Kulturhauses am Thomi-Plats von hinten gesehen (Sarapiku-Straße). Im linken Bildteil ist der große Saal zu erkennen, der für Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft genutzt wurde.

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Abbildung 33 bis 35:

Der Komplex mit Schule und GesangsHalle (laula lava) liegt am ehemaligen Gut Rootsiküla. Nebenstehend das Schulgebäude, im rechten Bildteil die Turnhalle, die auch als Aula genutzt wird.

Abbildung 34:

Die Existenz einer Gesangs-Halle in der kleinen Gemeinde Kihelkonna spiegelt die große Bedeutung des Singens wider. Sie wird auch für TheaterAufführungen genutzt.

Abbildung 35:

Die nebenstehende Abbildung zeigt den verbliebenen, umgebauten Teil des 1977 abgebrannten Gutshauses Rootsiküla, das bis dahin als Schulgebäude genutzt worden war. Rechts des abgebildeten Gebäudeteils schloß sich ein aus Holz errichteter Teil an.

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Abbildung 36:

Das Rathaus ist in einem der Gebäude auf dem ehemaligen Militärkomplex im Dorf Kihelkonna untergebracht.

Abbildung 37:

An der Oja-Straße entstanden in den achtziger Jahren sechs Mehrfamilienhäuser des abgebildeten Typs. Sie werden vor allem von (ehemaligen) Kolchos-Mitarbeitern und Lehrern bewohnt.

Abbildung 38:

Das Heizkraftwerk der Wohnblocks an der Oja-Straße wird mit Kohle und HolzhackSchnitzeln befeuert.

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Straßen, Wege und Plätze Die meisten Menschen sind im Dorf zu Fuß oder mit dem Auto unterwegs. Radfahrer sind eher selten. Die Straßen und Wege im Dorf Kihelkonna sind fast durchgängig asphaltiert. Wie im ländlichen Raum üblich besitzen sie keine Gehsteige, Bankette und Regenwasserkanalisation. In Kihelkonna besonders ortsbildprägend ist die etwas lückenhafte Allee aus Esche und Spitzahorn in der Kiriku-Straße, die sich in der Pargi-Straße fortsetzt. Ansonsten haben Alleebäume in estnischen Dörfern kaum Tradition, man trifft sie zumeist als Hinweis auf einen früheren (deutschen) Gutshof an. Straßeneinmündungen und Kreuzungen sind stets sehr großzügig gestaltet und weisen separate Abbiegespuren in die entsprechenden Fahrtrichtungen auf. Dabei werden große Flächen innerörtlich versiegelt. Dies trifft besonders auf die Kreuzung Mustjala maantee/ Kooli-/Valla-Straße, die Kreuzung Kooli-/Abaja-/Hannuse-Straße, den Thomi Plats und die Einmündung der Pargi-Straße in die Kooli-Straße zu. Die Hauptstraße (Mustjala-/Lümanda maantee) ist sehr breit ausgebaut und hat stellenweise wegen des Fehlens von Großgrün eine das Ortsbild optisch zerschneidende Wirkung. Im Dorf Kihelkonna gibt es zahlreiche Plätze. Von Süden auf der Lümanda maantee kommend liegt rechts der Turu (Markt). Ein Markt findet allerdings nicht auf diesem, sondern auf dem Platz gegenüber des Supermarktes statt. Der Turu-Platz ist nicht von Gebäuden begrenzt und wird nur von einigen Bussen zum Wenden genutzt. Fahrzeuge werden nicht auf dem geschotterten Turu geparkt. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Lümanda maantee befindet sich ein geschlossener Kiosk und die Zufahrt zum Pere pood (Laden). Der weiträumig ausgefahrene, unbefestigte Bereich wird von Kunden des Ladens zum Parken genutzt. Ein weiterer Platz befindet sich nur hundert Meter weiter gegenüber des Supermarktes. Hier steht ab und zu ein einzelner Marktstand oder der Platz wird zum Wenden oder vereinzelt zum kurzzeitigen Parken genutzt. Durch seine Lage in der Ortsmitte vermittelt der Platz eher den Eindruck einer Baulücke. Direkt schräg gegenüber befindet sich der Dorfplatz namens Thomi Plats. Hier mündet die Kirchstraße (Kiriku) auf die Hauptstraße. In der Mitte des Platzes befindet sich eine mit Hochborden abgetrennte grasbewachsene Grünfläche. An der Westseite des Platzes, dem Supermarkt zugewandt, befinden sich drei Parktaschen. Der gesamte Thomi Plats wirkt wegen der geschlossenen, dem Platz zugewandten Fassade und dem hohen Schornstein des Supermarktes, den großflächigen Abbiegespuren und der etwas öden Grasfläche abweisend und vermittelt in seiner wichtigen Funktion als Ortsmittelpunkt einen eher negativen Eindruck. Gerade am Dorfplatz fehlt die ansonsten im Dorf überwiegend präsente typische Bebauung mit Holzhäusern. Hinter dem Supermarkt wurde ebenfalls eine große Fläche aspaltiert. Es wurde hier wesentlich mehr Raum versiegelt, als zur Warenanlieferung und zur Lagerung von Kohle benötigt würde. Der Mustjala-Hauptstraße nach Südosten folgend liegt ca. 150 Meter vom Thomi Plats entfernt auf der linken Seite ein weiterer Platz mit einem kleinen Schuppen. Die Nutzung der geschotterten Fläche ist unklar. Zwei große versiegelte Flächen befinden sich am ehemaligen Militärareal an der Pargi-Straße. Auf der Westseite der Pargi liegt ein ca. 1.800 Quadratmeter großer, völlig ungenutzter asphaltierter Platz. Mit Betonplatten


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versiegelt ist eine relativ große Fläche vor dem Rathaus und dem Postgebäude. Der Platz wird zum Abstellen von Pkw genutzt. Auch hier stehen Bedarf an Stellplätzen (auch bei Veranstaltungen etc.) und versiegelte Fläche in keiner Relation. Besonders auffällig ist im Dorf Kihelkonna die Vielzahl kleiner Fußwege und Trampelpfade. Sie führen nicht nur über öffentliche und halböffentliche Flächen, sondern durchqueren auch private Gärten. Aus der Tatsache, daß diese Wege nicht unterhalten, sondern nur durch Benutzung freigehalten werden, zeigt sich, daß viele Wege im Dorf zu Fuß auf den kurzen, direkten Fußweg-Verbindungen zurückgelegt werden. Eine wichtige Fußwegeverbindung führt von der Kirche zum Glockenturm und von dort in alle Himmelsrichtungen. Zwischen der Oja-Straße und dem Friedhof verbinden gleich drei Wege das Dorf mit dem am Ortsrand gelegenen Friedhof. Sie erschließen gleichzeitig die Kleingärten östlich des Dorfes. Zwischen Pfarrhaus und Kindertagesstätte führt ein Fußweg zu den Mehrfamilienhäusern der Oja-Straße, von dort weiter zur Bushaltestelle an der Mustjala maantee. Zwischen Kooli-Straße Nr. 3 und 5 führt ein Verbindungsweg zur Staadioni-Straße usw. Diese Wege laden auch den Feriengast dazu ein, das Dorf zu Fuß zu erkunden und ein paar verborgene Winkel, die man von der Straße aus nicht sieht, zu entdecken.


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Abbildung 39: Der Turu (Markt)

Abbildung 40: Der große Platz an der Pargi-Straße ist völlig ungenutzt.

Abbildung 41: Die Kreuzung Kooli-/ Stadiooni-/ Hannuse-/ und Abaja-Straße ist ein typisches Beispiel für die großflächigen, ausgefahrenen Kreuzungsbereiche im Dorf.


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Innerörtliche Grünbereiche im Dorf Kihelkonna Das Dorf Kihelkonna ist reich an innerörtlichen Grünbereichen. Hierbei handelt es sich zumeist um private, recht große Gärten bzw. im Dorf liegende landwirtschaftliche Nutzflächen. Von besonderem landschaftsästhetischen und Erholungswert ist ein ehemaliger Strandwall (Glockenturm-Bereich). Als Feuchtbiotop ist der Dorfbach von Bedeutung, der am Rande der Siedlung entspringt und durch zahlreiche Gärten fließend das Dorf durchquert. Wichtigste öffentlich zugängliche Grünfläche im Dorf Kihelkonna ist der Bereich des Strandwalles, auf dem sich der Glockenturm befindet. Sie erstreckt sich von der KirikuStraße im Osten bis zum nach Norden und Westen angrenzenden Wald. Der Bereich erhält eine besondere landschaftsästhetische Prägung und einen sehr hohen Erlebniswert durch das bewegte Relief, das von der Kiriku-Straße nach Westen ansteigt und mit dem Glockenturm, der auf dem höchsten Punkt errichtet wurde, seinen Höhepunkt findet. In den Hang eingeschnitten ist ein mit einer eingefallenen Lesesteinmauer eingefaßter Weg erkennbar, der heute überwuchert und nicht mehr nutzbar ist. Die Funktion dieses Fußweges hat heute eine unbefestigte Pkw-Piste übernommen, die vom Pere pood (Laden) an der Lümanda-Hauptstraße den Hügel hinab zur Kirche führt und die Grünfläche durchschneidet. Von dieser "wilden" Straße, die nicht zum öffentlichen Straßenraum gehört, führen mehrere Trampelpfade zum Glockenturm und von dort ausgehend nach Süden und Westen. Vom Glockenturm hat man einen schönen Blick auf die Kirche und das Pfarrhaus. Am Fuße des Hügels an der Kiriku-Straße liegt ein großer Nutzgarten. Die gesamte Grünfläche ist von einem lockeren Bestand aus Wacholder, Esche, Eberesche, Schwedische Mehlbeere, Spitzahorn und Heckenrose geprägt. Nach Westen verdichtet sich der Wacholderbestand und geht schließlich in einen Kiefernwald über. Der Bereich um den Glockenturm wird regelmäßig gemäht. Nach Westen schließt sich eine locker mit Wacholder und Waldkiefer (Pinus sylvestris) bestandene Schafhute an, die mit einem Stacheldraht eingefaßt ist. Das gesamte Glockenturm-Areal umfaßt die Fläche von ca. 250 x 300 Metern. Nach Norden, Osten und Westen ist das Gebiet fast rechtwinklig mit einer sehr breiten, über 600 Meter langen Lesesteinmauer umfriedet. Normalerweise deuten Lesesteinmauern dieser Mächtigkeit auf die Einfassung eines Gutes hin; hier war es aber wohl das Kirchspiel Kihelkonna, das seine Flächen durch die Mauer abgegrenzt hat oder eine Allmende, auf der die Schafe der Dorfbewohner weideten.23 Die gesamte Fläche ist heute im Besitz zahlreicher Eigentümer, die, mit Ausnahme eines Landwirtes, ihre Flächen aber nicht nutzen. Der Kirchengemeinde gehört lediglich der Glockenturm. Ein weiterer wegen seiner ortsbildbelebenden Wirkung wichtiger Grünbereich in Kihelkonna ist der Dorfbach. Er gliedert das Ortsbild, belebt es durch seine Fließdynamik und lockert es durch seinen gewundenen Verlauf quer durch die Gärten auf. Der Bach besitzt insofern eine hohe Erlebnisqualität für Einheimische und Gäste. Es handelt sich um einen kleinen, ca. 50 Zentimenter breiten Bachlauf mit sandigem, unbefestigtem Bett. Obwohl nur ein Teil der Haushalte an den kommunalen Abwasserkanal angeschlossen ist, scheint der Bach kaum durch organische Stoffe belastet zu sein. Das Wasser ist klar und weist 23

das für Kihelkonna zuständige Archiv in Kuressaare konnte zum gesamten Bereich um den Glockenturm keine Dokumente bereitstellen


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keinen auf Abwässerbelastung hinweisenden Geruch auf. Eine genauere Bestimmung der Gewässergüte in den verschiedenen Abschnitten wäre noch zu leisten. Der Umweltausschuß der Gemeinde achtet darauf, daß keine Abwässer eingeleitet werden oder durch bauliche oder sonstige Maßnahmen das Gewässer in seiner biologischen Leistungsfähigkeit eingeschränkt wird. Der Dorfbach speist sich aus zwei Quellen, die beide im Dorf liegen. Eine Quellbereich befindet sich südöstlich des Grundstücks Mustjala maantee Nr. 6, der andere hinter dem Grundstück der Bushaltestelle zwischen Mustjala maantee 2 und 4. Letzterer Bachabschnitt durchfließt zunächst quer den Garten Mustjala maantee 4, unterquert die Hauptstraße und stößt dort auf den anderen Bachlauf. Die Bachaue ist abschnittweise als sehr naturnah einzustufen. Im Bereich zwischen Mustjala maantee 6 und Ravi-Straße, nördlich der Einmündung Oja-Straße/Mustjala maantee und östlich der Mehrfamilienhaus-Bebauung finden sich Reste einer Weichholzaue mit Weiden, Erlen und Eschen sowie einem breiten Gebüsch mit Hochstaudensaum. In seinem weiteren Verlauf führt er an der Mehrfamilienhaus-Bebauung der Oja-Straße vorbei. Hier wurden die Wohnblocks aus ökologischer Sicht zu nah an das Gewässer gesetzt, so daß nur ca. zehn Meter zwischen Gebäuden und Bach liegen. Eine stark genutzter Rasen reicht hier ans dennoch unverbaute Ufer. Der Bach ist hier von großen Eschen und Weiden gesäumt und wertet den ansonsten stark versiegelten und gestalterisch einfallslosen Wohnblockbereich ökologisch, kleinklimatisch und ästhetisch auf. Zudem stellt der naturnahe Bachlauf für die zahlreichen Kinder der Siedlung einen pädagogisch wertvollen Spielplatz vor der Haustür dar, der zur Auseinandersetzung mit der Natur anregt. Im weiteren Verlauf durchquert der Dorfbach zahlreiche Gärten, wobei er meist mitten durch die Grundstücke fließt und nicht deren Grenzen markiert. Naturnahe Ufervegetation ist innerhalb der Gärten nur in Form von Großgrün (Erlen, Eschen) anzutreffen. Zwischen Kooliund Staadioni-Straße durchfließt der Bach einen Laubwald, wird an der Schule zu einem Teich aufgestaut und durchquert weiter nach Norden einen Hutewald, um dann an der Kihelkonna-Bucht ins Meer zu münden. Ortsbildprägend sind wegen ihres Reichtums an üppig blühenden Stauden und Sträuchern die Gärten in Kihelkonna. Sowohl Zier- wie Nutzgärten spielen in Estland eine große Rolle. Der besondere Eifer der Esten an der Pflege des Ziergartens liegt möglicherweise am langen Winter, der von Anfang November bis Mitte April dauert. Den Sommer zu genießen, dazu gehört in Estland ein Garten voller Blumen und der Brauch, bei einem Besuch einen Blumenstrauß aus dem eigenen Garten mitzubringen. Häufigster Gartenstrauch ist der Flieder, gefolgt von Zuchtrosen. Häufig sind auch Clematis, Phlox, Kapuzinerkresse, Feuerlilien und Pfingstrosen. Eingefaßt sind die meisten Gärten von geschnittenen Ligusterhecken. An der Kirch- und der Hannusestraße sind die Gärten mit Kalksteinmauern eingefriedet, die man vor einigen Jahrzehnten auch noch an der Hauptstraße vorfand, heute nur noch auf der Lümanda maantee 7 bis 9. Viele Hausgärten werden auch von einem Holzstaketenzaun oder einem geschlosserten Metallzaun begrenzt. Bei den Bauernhöfen um Kihelkonna trifft man auch noch die für Saaremaa typischen Holzzäune an, die aus schwägeingeschlagenen Fichtenstämmen bestehen,


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Abbildung 42 (oben): Gartentor an der Lümanda maantee Nr. 7: Der individuelle, dörfliche Charakter vermittelt sich durch die Lesestein-Mauer und den selbsthergestellten Zaun und das Törchen. Abbildung 43 (unten): Ein für den ländlichen Raum Estlands typischer Zaun, der vor allem Wildschweine fernhalten soll.


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die, mit Weidenruten verbunden, von senkrechten Pflöcken gehalten werden. Den größeren Anteil in den meisten Gärten nehmen Gemüsebeete, Beerensträucher und Obstbäume ein. Während man zu Sowjet-Zeiten kaum frisches Obst und Gemüse zu kaufen bekam und insofern auf die Eigenversorgung angewiesen war, sind es heute die für Esten sehr hohen Preise für diese Produkte, die vom Kauf abhalten. Wer selbst zu wenig Obst und Gemüse hat, der kauft es vom Nachbarn oder bekommt es durch Verwandte. Die Bewohner der Mehrfamilienhäuser an der Oja-Straße haben Nutzgartenparzellen westlich des Friedhofs zwischen Oja- und Kooli-Straße. Angebaut werden vor allem Kartoffeln, Karotten und Kohl sowie Gerste für die Kleintier-Fütterung. Auch der große Friedhof der Gemeinde Kihelkonna stellt einen ökologisch wertvollen Bereich dar. Der südliche, ältere Teil hat den Charakter eines Waldfriedhofes mit sehr großen, alten Eschen. Da Gräber in Estland nicht eingeebnet werden, gibt es bis zu dreihundert Jahre alte Grabstellen, von denen viele vergessen und nicht mehr gepflegt sind. Hier hat sich eine üppige Vegetation aus Efeu, Farnen und Gehölzen breitgemacht. Für Besucher des Friedhofs sind besonders die repräsentativ gestalteten Grabstellen der früheren Gutsbesitzer interessant sowie die alten Holzkreuze und die Gräber der Fischer und Seeleute. Die Wege auf dem Friedhof sind unbefestigt. Eine aus Kalkstein aufgeschichtete, unverfugte ca. 800 Meter lange Mauer umgibt den Friedhof.

Abbildung 44: Das Dorf Kihelkonna besitzt einen großen Friedhof mit bis zu 300 Jahre alten Begräbnisstätten. Der alte Baumbestand, die schlichten Fischergräber und aufwendigen Familiengruften der deutschen Adligen machen den Friedhof auch für Besucher der Gemeinde interessant.


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Ortsrand und Ortseingänge In vielen Dörfern, in denen noch keine Neubaugebiete existieren, ist eine Verzahnung zwischen der freien Landschaft und dem Siedlungsraum des Dorfes erkennbar. Landschaftselemente der umgebenden landwirtschaftlichen Nutzfläche oder des Waldes verzahnen sich in Form von Hecken, Bäumen und Wiesen mit der bebauten Ortslage. In Kihelkonna wird dieser weiche Übergang von freier Landschaft zum Dorf durch die bis weit in die Siedlung reichenden Wälder und Hutewälder gewährleistet. Der südliche, westliche und südwestliche Ortsrand weist eine typische Abfolge der Siedlung zur freien Landschaft auf: Haus - Ziergarten - Gemüsegarten - Obstbäume - Hecke oder Steinmauer -Wiese/Weide/Acker - (Hutewald) - Wald. Der südliche Ortsrand ist stärker von landwirtschaftlichen Flächen geprägt. Hinter den Gärten der Mustjala-Hauptstraße schließen sich große Gemüsegärten, sowie kleine Kartoffel- und Getreideschläge an. Die Flächen sind gegliedert durch Hecken, die Aue des Dorfbachs und schmale, geschotterte Feldwege mit breiter Saumvegetation. Lediglich die Einbindung des östlichen Ortsrandes in die Landschaft weist Defizite auf. Abgerückt von der sonstigen Bebauung wurde das Kraftwerk für die Mehrfamilienhäuser an der Oja-Straße auf einer Wiese errichtet. Auch die gewerblichen Bauten an der Oja-Straße Nr. 6 mit einem großen Lagerplatz fallen als Lücke im ansonsten von Gehölzen und Bäumen umgebenen Ortsrand auf. Die Wohnblöcke der Oja-Straße überragen die sonstige Bebauung und prägen die Ansicht des östlichen Ortsrandes. Der Ortseingang besitzt mit seiner Funktion des ersten Erkennens eine wichtige Rolle bei der Annäherung an eine Siedlung. Bereits hier bildet sich aus der Summe der ersten Eindrücke Sympathie, Antipathie oder Gleichgültigkeit aus. Hier kann es sich um eine einprägsame Situation handeln, die ein positives Grundgefühl vermittelt. Entspricht der Ortseingang dem Wesen des Ganzen (Ortscharakter), so stellt sich eine Harmonie ein. Kihelkonna besitzt zwei Ortseingänge, über die die große Mehrzahl aller Fahrzeuge den Ort erreicht. Der südöstliche Ortseingang (Mustjala maantee) ist dabei am wichtigsten, da sich südöstlich des Dorfes die Kreuzung der Landstraßen P 96 und P 97 befindet und alle Fahrzeuge von der Tagamõisa-Halbinsel, von Mustjala sowie insbesondere von Kuressaare das Dorf über diesen Ortseingang erreichen. Einen positiven Eindruck vermittelt der spannungsvolle Straßenverlauf. Die Straße scheint zunächst am Ort vorbeizuführen und beschreibt kurz vor dem Ortsrand einen Bogen und wendet sich dem Dorf zu. Direkt hinter der Kurve sieht man die Kirche und einen kleinen Bauernhof am Ortsrand. Durch die monotonen, langen und ungegliederten Mehrfamilienhäuser Mustjala-Hauptstraße Nr. 11 und 13 sowie durch den sehr stark aufgeweiteten Kreuzungsbereich Mustjala maantee/Kooli-/Valla-Straße, die ebenfalls die Situation des Ortseingangs prägen, ergibt sich allerdings kein harmonischer erster Eindruck. Die Gebäude am Ortseingang lassen eher auf eine moderne, funktionale Bebauung des Dorfes schließen. Sie entsprechen insofern nicht dem Wesen des Ganzen, sondern vermitteln einen falschen ersten Eindruck.


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Der andere wichtige Ortseingang liegt im Westen des Dorfes. Auf der Landstraße P 96 erreicht man von Lümanda kommend Kihelkonna. Dabei ergibt sich bei diesem Ortseingang aus dem Relief ein besonders spannungsvoller erster Eindruck. Bereits etwa einen Kilometer vor Kihelkonna sieht man von der Landstraße auf einer Anhöhe den Turm der Sankt Michaelis-Kirche. Die Straße fällt dann ab und der Kirchturm verschwindet hinter Bäumen. Erst am eigentlichen Ortseingang taucht die Kirche dann nach einer S-Kurve bereits relativ nah wieder auf. Der Ortseingang an der Lümanda maantee ist geprägt von einem Wechsel von Feldern, Wald und kleinen Bauernhöfen. Die Bebauung verdichtet sich dann immer weiter und schließlich erreicht die Straße einen kleinen Hügel. Hier hat man einen sehr schönen Blick auf die tiefer liegenden Wacholder-Wiesen des Glockenturmes, auf die Kirche und das rotgestrichene Holzhaus der Dorfapotheke und den gelben Staketenzaun des zum Grundstück gehörenden Gartens. Die rechterhand gelegenen Grundstücke Lümanda maantee Nr. 7 und 9 sind von den für das Dorf typischen Lesesteinmauern eingefaßt und mit einer Fliederhecke umgeben. Der Ortseingang vermittelt damit einen sehr positiven ersten Eindruck vom Dorf.


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Abbildung 45: Südwestlicher Ortseingang (Lümanda maantee)

Abbildung 46: Südöstlicher Ortseingang von Kuressaare kommend (Mustjala maantee)

Abbildung 47: Der Ortseingang von Papissaare kommend. Die mit Lesesteinen gepflasterte Straße ist als Kulturdenkmal geschützt.


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7.4.3 Wohnen Das Wohnen ist ein wichtiger Baustein für den "Urlaub in Kihelkonna", weil es in Estland im Vergleich zu südeuropäischen Reiseregionen im Sommer zu längeren Schlechtwetterperioden kommen kann. Die Hauptreisezeit in Estland ist Juni bis August, wobei der August der regenreichste Monat des Jahres ist und die Temperaturen in manchen Jahren bereits zurückgehen. Es ist daher notwendig, daß nicht nur "ein Dach über dem Kopf", sondern ein angenehmes "Urlaubszuhause" vorhanden ist. ROMEISS-STRACKE weist darauf hin, daß Entspannung und Erholung, ein wesentliches Urlaubsmotiv, nicht nur 24 draußen in der Sonne möglich ist, sondern im "zu Hause am Urlaubsort" anfängt. Die Entwicklung einer orts- und anbietertypischen Urlaubswohnkultur wird den Anforderungen eines angenehmen Wohnens während der Urlaubszeit gerecht, das über eine reine "Übernachtungsmöglichkeit" hinausgehen soll. Die Ansprüche an das Wohnen am Urlaubsort sind zielgruppenabhängig und reichen von der einfachsten, denkbaren Möglichkeit (Stichwort: Heuhotels) bis zum Luxusappartement. Wichtig sind besonders die Architektur, die Lage und die Atmosphäre des Urlaubsquartiers. Ausstattung und Materialwahl sollten sich der Art des Quartiers und den Ansprüchen der Zielgruppe anpassen.

Art des Wohnens am Urlaubsort In Kihelkonna bestehen derzeit zwei Anbieter von "Ferien auf dem Bauernhof", zwei Familien bieten Ferienzimmer in ihrem Zweitwohnsitz zur Vermietung an; außerdem steht das Pfarrhaus als Unterkunft zur Verfügung. Ein Hotel, eine Pension, ein Gasthof oder ein Motel existiert in Kihelkonna nicht. Bei der Erfassung der von den Gästen gewählten Unterkunft war der Anteil der bei Freunden und Bekannten übernachtenden Urlauber mit 56% bei mit dem Pkw Anreisenden und sogar 68% der Urlauber, die Saaremaa mit dem Linienbus erreichen, von erheblichem Umfang.25 Diese große Gruppe, bei der es sich ausschließlich um Esten handelt, fällt für das Beherbergungsgewerbe als Kundschaft weg. Art der Unterkunft Urlaub auf dem Bauernhof Zimmervermietung am Zweitwohnsitz Gästezimmer im Pfarrhaus

Anteil in Kihelkonna 40 % 40 % 20 %

Eigentümer/Name Sülla, Loode Pühassoo, Mets Kirchengemeinde

(Quelle: eigene Erhebung)

24 25

ROMEISS-STRACKE (1989): Neues Denken im Tourismus, S. 13. SAARTE INSTITUUT/RIIGI TURISMIAMET (1995): Saaremaa Turismiuuring 1995


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Zur Anreise nach Saaremaa genutztes Verkehrsmittel Art der gewählten Unterkunft in % Freunde/Bekannte Hotel/Motel/Bauernhof Camping eigenes Sommerhaus Schulgebäude

Pkw 56 22 8 7 --

Linienbus 68 19 ----

Reisebus26 -69 --8

(Quelle: Daten nach Angaben der Umfrage "Saaremaa Turismiuuring 1995" neu zusammengestellt)

A rt d e r g e w ä h lte n U n te rk u n ft b e i A n re is e m it P k w

C a m p in g 9%

e ig e n e s S o m m e rh a u s 8%

H o te l/ M o t e l/ B a u e rn h o f 24% F re u n d e / B e k a n n t e 59%

Diagramm 7

26

alle Finnen; die fehlenden 31% kommen durch eintägige Reisen zustande (=keine Übernachtung)

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Urlaub auf dem Bauernhof Bei Ferienzimmern auf dem Bauernhof treffen touristische und landwirtschaftliche Interessen zusammen. Die Einkünfte aus der Beherbergung von Gästen tragen in mehr oder weniger großem Maße dazu bei, die ökonomische Situation der Landwirtschaft zu verbessern. Indirekt wird dadurch die landschaftspflegerische Tätigkeit der Landwirtschaft gestärkt.27 Abgesehen vom Erhalt der inseltypischen Kulturlandschaft (Wacholderweiden, Hutewald, Grünland, Ackerland) und dem touristischen Angebot zur ländlichen Unterbringung von Feriengästen sind Urlauber auf dem Bauernhof für die Landwirte in Kihelkonna vor allem zur Existenzsicherung von Bedeutung. Bei Familie Kallas (3 Kinder), die Ferienzimmer auf dem Sülla-Hof anbieten, arbeitet der Mann als Berater für den Ökologischen Anbauverband von Saaremaa, Monica Kallas gibt in der Kindertagesstätte des Dorfes ein paar Turnstunden in der Woche. Neben der Landwirtschaft machen die Einkünfte aus dem Tourismus noch 40 % der Familieneinnahmen aus. Auf dem Loode-Hof bei Familie VälloLauri (1 Kind) arbeitet Silja Vällo halbtags als Buchhalterin in Kihelkonnas Schule, ihr Mann Valdo kümmern sich überwiegend um die Landwirtschaft; nebenbei führt er Schreinerarbeiten aus und ist mit der Rekonstruktion des alten Wohnhauses befaßt. Der LoodeHof lebt bereits in der ersten Saison zu 50% aus den touristischen Einnahmen.

27

FOIERA (1983, S. 43) versteht unter "Urlaub auf dem Bauernhof" im engeren Sinne "... einen mindestens fünf Tage dauernden Aufenthalt, der einen vorprogrammierten Kontakt zur Bauernfamilie durch teilweise Integration der Feriengäste in die Bauernfamilie beinhaltet, an dem ein im Hauptgewerbe geführter Landwirtschaftsbetrieb angegliedert ist." (in: GATTERMAYER, F. (1993): Landwirtschaft und Tourismus. Analyse der Gästebeherbergung in landwirtschaftlichen Beitrieben Oberösterreichs, Seite 4) Da in der privaten estnischen Landwirtschaft fast ausschließlich Erwerbskombinationen zur Deckung des Lebensunterhalts notwendig sind und auch die Verweildauer der Gäste durchweg kürzer ist, wird dieser Definition in der vorliegenden Arbeit nicht gefolgt.


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Abbildung 48: In zwei umgebauten Speichern dieser Art hat Familie Lauri-Vällo stilvolle Gästezimmer eingerichtet. Alle Hofgebäude hat Valdo Lauri im Laufe der letzten Jahre komplett neu aufgebaut.

Abbildung 49: Die Rauch-Sauna auf dem Loode-Hof von Familie Vällo-Lauri ist auch auf Saaremaa mittlerweile etwas besonderes.

Abbildung 50: Der Bau von Gebäuden zur Gästebeherbergung ging in den letzten Jahren vor. Jetzt möchte Familie Vällo-Lauri den noch fehlenden linken Teil ihres Wohnhauses wieder aufbauen.


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Abbildung 51: Bei Familie Kallas steht neben zwei Speichergebäuden zur Gästebeherbergung auch ein Teil des Wohnhauses für Urlauber zur Verfügung.

Abbildung 52: Auch auf dem Pühassoo-Hof von Familie Salong wurden Gästezimmer in einem alten Speicher geschaffen.

Abbildung 53: Im Dorf Kihelkonna bietet Familie Mets an ihrem Zweitwohnsitz Ferienzimmer in diesem umgebauten Stallgebäude an. Die räumlichen Verhältnisse sind dadurch, daß acht Betten in dem kleinen Gebäude angeboten werden, allerdings sehr beengt.


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Zweitwohnungen Über die Anzahl von Zweitwohnungen in der Gemeinde Kihelkonna liegen keine Angaben vor. Wegen der starken Abwanderung der Bevölkerung aus der Gemeinde (siehe Kapitel 4.2) ist vor allem in den Weilern mit einem Anwachsen der Zahl von Zweitwohnsitzen zu rechnen. Die Abwanderung ist auch Grund dafür, daß es sich bei Zweitwohnsitzen in der Gemeinde nicht um Neubauten, sondern um bereits bestehende Häuser handelt. Von den in der Kommune angebotenen Urlaubsquartieren nimmt der Anteil von als Ferienzimmer vermieteten Zweitwohnsitzen 40 Prozent ein. Der Pühassoo-Hof in Neeme ist im Besitz eines Ehepaares aus Kuressaare (ca. 60 Kilometer von Neeme entfernt). Beim Pühassoo-Hof handelt es sich zwar um ein kleines Bauernhof-Ensemble (Wohnhaus und Speicher), Familie Salong übt aber keine Landwirtschaft aus, sondern nutzt den Hof nur als Wochenendhaus und zur Vermietung an Gäste. Frau Salong arbeitet als Journalistin in Kuressaare, ihr Mann ist als Lehrer zur Zeit ohne Anstellung. Die Einnahmen aus der Beherbergung schätzt Sulev Salong auf 20% des Familieneinkommens ein. Ein weiterer Zweitwohnsitz ist das Haus Pargi 4, das im Besitz der Familie Mets aus Tallinn ist. Die Umfrage des Staatlichen Tourismusamtes und des Inselinstituts ergab, daß sieben Prozent der mit dem Pkw nach Saaremaa anreisenden Gäste über einen Ferienwohnsitz (Zweitwohnsitz) verfügen. Zweitwohnsitze sind Ausdruck einer erhöhten Mobilität der Gesellschaft und einer verbesserten Erschließung des ländlichen Raumes. Auch die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, frühzeitige Pensionierungen (Alterswohnsitz) und schlechte Wohnverhältnisse in den Städten begünstigen die Entstehung von Zweitwohnsitzen.


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Lage der Wohnmöglichkeiten für Urlauber Die Ferienzimmer in Kihelkonna sind relativ gleichmäßig im Gemeindegebiet verteilt. Bei der landschaftlichen Lage sind die Anbieter in zwei Gruppen zu teilen: Zum einen Familie Mets und das Pfarrhaus innerhalb der geschlossenen Bebauung des Dorfes Kihelkonna und zum anderen Sülla, Loode und Pühassoo als Einzelhöfe auf der TagamõisaHalbinsel. Die Lage im Dorf Kihelkonna bietet den Vorteil der Nähe zu den Läden und zur günstigen Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr. Im Dorf ist es ruhig, das Pfarrhaus und das Grundstück der Familie Mets verfügen über große Gärten mit Sitzgelegenheiten. Die Lage der Ferienhöfe ist je nach Anspruch der Urlauber differenziert zu bewerten. Der Pühassoo-Hof liegt in völliger Abgeschiedenheit ohne öffentliche Grundausstattung (Laden, Arzt, Post, Bank, etc.) in Neeme, 27 Kilometer nördlich von Kihelkonna. Ohne Zweifel verfügt Pühassoo über die beste Lage zum Meer, da die Entfernung zum Sandstrand an der Uudepanga-Bucht nur einen knappen Kilometer beträgt. Ebenfalls in Alleinlage findet man den Loode-Hof. Wie Pühassoo liegt der Hof in einer locker von Wacholder bestandenen, halboffenen Weidelandschaft. Die Entfernung zum Meer beträgt ca. vier Kilometer, zum Sarapikujärv (Haselnuß-See) sind es zwei Kilometer. Man erreicht den Hof in Kuralase über einen sehr schlechten Weg. Nach Kihelkonna sind es etwa 17 Kilometer. Der Sülla-Hof liegt relativ nahe beim Dorf Kihelkonna im Weiler Oju. Am gleichnamigen Bach gelegen befindet sich das Haupthaus und drei Nebengebäude, von denen zwei als Ferienzimmer für Touristen genutzt sind. Der Hof liegt am Waldrand; hinter dem Kuhstall beginnt der große Gemüsegarten und die Getreidefelder der Familie. Von Oju aus kann man das Dorf und den dortigen Laden oder die Bushaltestelle problemlos auch mit dem Fahrrad erreichen. Die bei allen fünf Quartieren ruhige Lage und die landschaftliche Gunstlage der Bauernhöfe sowie das ins Siedlungsgefüge des Dorfes eingebundene Pfarrhaus und die Ferienzimmer der Familie Mets prägen positiv das touristische Potential der Anbieter. Beeinträchtigungen sind aktuell nicht vorhanden. Verteilung der Gästebetten auf das Gemeindegebiet Lage Dorf Kihelkonna (Pfarrhaus/Mets) Weiler Oju (Sülla-Hof) Weiler Kuralase (Loode-Hof) Weiler Neeme (Pühassoo-Hof)

Anzahl Gästebetten 20 10 12 8


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Architektur der Wohnmöglichkeiten für Urlauber Wichtigste Unterkunftsart stellen in Kihelkonna die Gästezimmer auf Bauernhöfen dar. Vier der fünf Quartiere entsprechen diesem Typ (auch bei Familie Mets handelt es sich um ein ehemaliges Bauernhof-Ensemble). Bei allen Angeboten wohnen die Feriengäste in umgebauten Ställen oder Speichern. Bei diesen ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäuden handelt es sich um architektonisch sehr ansprechende Bausubstanz. Die Speicher mit ihrem weit ausladenden Dachüberstand, teilweise mit Ried gedeckt, die dicken alten Holzbalken vermitteln einen Eindruck von der traditionellen Baukunst der Inselbewohner. Besonders der Loode-Hof mit seinem über 200 Jahre alten Speicher, dem Brunnen und dem schönen Haupthaus hat beinahe den Charakter eines BauernhofMuseums. Die Architektur aller fünf Quartiere, einschließlich des alten Pfarrhauses ist typisch für die Region. Die Einmaligkeit dieser Bauwerke macht den Wert für den Feriengast aus; nirgendwo sonst in Europa kann er in Speichern und Ställen dieser Bauweise übernachten. Der Umgang mit der historischen Bausubstanz ist sehr behutsam und erhält auch alte Nutzungsspuren.

Ausstattung der Wohnmöglichkeiten für Urlauber Die Bezeichnung "Ferienzimmer" trifft auf die Angebote der Bauernhöfe am ehesten zu: Es handelt sich um relativ kleine Räume mit zwei bis vier Betten, einem Schrank und teilweise einem Tisch. Die Fenster sind sehr klein; es gibt sogar Räume ohne Fenster. Da in keinem der Ferienzimmer eine Waschgelegenheit existiert, nutzen die Gäste den Vorraum der Sauna gemeinschaftlich als Waschraum. Die Trocken-Toiletten stehen auf dem Loode- und dem Sülla-Hof sowie im Dorf bei Familie Mets separat von den Hofgebäuden. Beim Sülla-Hof ist die Toilette dem Wohnhaus angegliedert und mit einer Grube versehen, im Pfarrhaus besteht ein WC auf dem Gang. Bei allen fünf Anbietern können die Feriengäste einen Gemeinschaftsraum benutzen, in dem sie sich bei schlechtem Wetter aufhalten können und mit den Vermietern und anderen Gästen gemeinsam die Mahlzeiten einnehmen. Als Mangel ist ohne Zweifel und unabhängig von der Zielgruppe die Größe der Zimmer anzusprechen. Auf allen Höfen wurden in den ohnehin kleinen Speichergebäuden zwei nicht miteinander verbundene Zimmer nebeneinander angeordnet. Da in diese ca. 10 bis 12 Quadratmeter großen Räume bis zu vier Betten gestellt wurden, kann hier tatsächlich nur geschlafen werden. Ein Element von Entspannung und Erholung am Urlaubsort ist "private Ruhe", "Ruhe für sich" als Entfaltungsraum für Familien und Gruppendynamik. In diesem Fall sollte die Ferienwohnung zum Ort dieser Entfaltung geeignet sein: sich zurückzuziehen, sich von der Außenwelt (dem Urlaubsort, den Einheimischen/Gastgebern, anderen Urlaubsgästen) zu isolieren.28 Besonders auch bei schlechtem Wetter ist eine ausreichende Wohnfläche notwendig. Gäste, die sich zurückziehen möchten und sich nicht im Gemeinschaftsraum aufhalten möchten, finden hierzu kaum die Möglichkeit. Eine 28

KRÜGER, R./LODA, M. (1992): Sanfter Tourismus als Entwicklungschance für das Pisaer Hügelland (Toscana)? In: MOSE, I. (1992): Sanfter Tourismus konkret. Oldenburg. S. 47


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Mindestgröße der Räume, die Platz für eine Sitzgruppe, einen Tisch und Stühle und ausreichend Stauraum für das Gepäck läßt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Die Möblierung reicht von einfachen, sehr gut zum Ambiente des Hofs passenden selbstgeschreinerten Möbeln über die aus Möbelmärkten bekannten "Kiefer-Natur"-Möbel bis zur Metallpritsche. Die Ausstattung sollte bestimmte Mindestanforderungen erfüllen: So sollten keine alten Feldbetten verwendet werden, auf denen der Gast schlecht schläft oder alte Möbel aus Spanplatten. Die Möblierung der Ferien-Höfe sollte bäuerliches Ambiente haben, ohne jedoch aufgesetzt zu wirken. Estland besitzt eine ebenso ausgeprägte Saunakultur wie Finnland. Hotels und öffentliche Bäder, auch komfortablere Campingplätze verfügen über eine Sauna. Auf den Höfen bildet die Sauna in der Regel mit der Sommerküche und einem Raum zum Waschen und Umziehen ein separates Gebäude. Auch in Kihelkonna wird bei fast allen Quartieren die Benutzung der Sauna angeboten. Sie ist praktisch Bestandteil eines jeden Urlaubs und wird von fast allen Gästen gern in Anspruch genommen. Sie wird von den Anbietern der Ferienzimmer gleichermaßen benutzt und in der Regel auch von ihnen eingeheizt. Alle Saunen in Kihelkonna werden noch mit Holz befeuert. Oft kommen Gast und Gastgeber in der Sauna ins Gespräch und lernen sich beim Schwitzen und Biertrinken näher kennen. Für die Ferienquartiere Sülla- und Loode-Hof, die über kein Badezimmer/Dusche verfügen, ist die Sauna noch wie ursprünglich Ort der Körperreinigung; heute schätzt man an der Sauna darüber hinaus vor allem den Aspekt der Entspannung und der Gemütlichkeit. Zur Abkühlung kann man sich mit frisch geschnittenen Bündeln aus Birkenzweigen bzw., für Saaremaa typisch, Wacholderzweigen schlagen. Auf dem Sülla-Hof kühlt man sich dann im nahen Oju-Bach ab. Der Loode-Hof bietet eine archaisch anmutende Rauch-Sauna an, bei der der Rauch des Sauna-Feuers im Raum gehalten wird und das Aroma des verfeuerten Holzes im Dunst des Aufgusses liegt. Die in Kihelkonna gepflegte Sauna-Kultur ist als sehr positives Wohnelement zu verbuchen. Besonders für "NichtSkandinavier" ist es ein besonderes Urlaubserlebnis. Während Sauberkeit, Funktionsfähigkeit und sanitäre Grundausstattung in westeuropäischen Länder als selbstverständlich vorausgesetzt werden dürfen, müssen in osteuropäischen Ländern noch andere Maßstäbe angelegt werden. Gerade die Modernisierung des sanitäre Bereichs ist für den Anbieter mit hohen Investitionskosten verbunden, die viele Hotels, Pensionen und Privatanbieter in Estland noch nicht aufbringen können. In Kihelkonna verfügen nur drei der fünf Ferienzimmer-Anbieter über Duschen, nur einer über eine Toilette mit Wasserspülung und bei keinem einzigen der Anbieter bilden Bad/Dusche/WC mit dem Ferienzimmer eine geschlossene Wohneinheit. Für die Ferienanbieter im Dorf Kihelkonna erscheint der Anschluß an den vorhandenen Abwasserkanal wegen der derzeit dicht nebeneinanderliegenden Abwasserversickerungen und den privaten Brunnen und den daraus resultierenden gesundheitlichen Risiken sinnvoll. Die Komposttoiletten sind je nach Urlauberzielgruppe differenziert zu beurteilen. Dieses saubere, hygienische und geruchsarme Toilettensystem mag einer luxusorientierten Zielgruppe nicht unbedingt behagen, die von der Gemeinde angepeilte Gästegruppe der sanft reisenden Urlauber dürfte die wassersparende Komposttoilette jedoch akzeptie-


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ren und ggf. sogar als neue Erfahrung eines umweltbewußten "stillen Örtchens" positiv vermerken.

Atmosphäre der "Urlaub auf dem Bauernhof"-Angebote und der FremdenzimmerQuartiere Die Beschreibung der Atmosphäre ist geprägt von einer Summe eher subjektiver Eindrücke. Sehr positiv auf die Stimmung beim Sülla- und Loode-Hof wirkt es sich aus, daß den Familien die Beherbergung von Gästen ganz offensichtlich Freude bereitet und sie die Feriengäste als Bereicherung ihres Lebens empfinden. Mit vielen Gästen pflegen sie Briefkontakt und der bereits seit 1994 Gästezimmer anbietende Sülla-Hof hat eine Reihe von Stammgästen. Das gemeinsame Essen der Gastgeber und ihrer Kinder mit den Gästen wird bei der Zielgruppe der an einem ländlichen Tourismus Interessierten sicher sehr positiv aufgenommen. Eine weniger familiäre Atmosphäre finden die Gäste im Pfarrhaus vor. Alle Anbieter sind sehr darum bemüht, die bestehenden Unzulänglichkeiten im touristischen Angebot, die sich aus dem Fehlen von Karten- und Informationsmaterial oder Ausschilderung ergeben, durch persönliche Gespräche und Hinweise auszugleichen. Die sehr familiäre Atmosphäre auf einem Teil der Höfe stellt ein sehr großes und wichtiges Potential des derzeitigen Tourismus in Kihelkonna dar. Es wird nur dann zu erhalten sein, wenn der Fremdenverkehr sich auch weiterhin auf private Quartiere konzentriert bleibt. Je stärker die Beherbergung von Gästen zur Hauptarbeit der Familie wird, desto schwächer dürfte der persönliche Kontakt zwischen Gast und Gastgeber ausgeprägt sein.

7.4.4 Essen und Trinken ROMEISS-STRACKE bezeichnet Essen und Trinken als "zentrale Urlaubsbeschäftigungen": sie strukturieren den Tagesablauf, bilden Gelegenheit zur Geselligkeit und verschaffen Genuß und Freude. Dies ist unabhängig vom Ort, an der die Mahlzeit im Urlaub eingenommen wird, ob in der Sommerküche der Gastgeber, in einem Restaurant, einer Pension, einem Hotel oder in der Ferienwohnung. Die Atmosphäre dieser Räumlichkeiten, der Gastgeber oder das Personal, die anderen Gäste, die Speisen und Getränke sind weit mehr als "Verpflegung", sondern machen eine Mahlzeit im Urlaub zum Erlebnis. Die kreative und qualitätvolle Gestaltung von Getränken und Speisen als Urlaubskomponente beschränkt sich dabei jedoch nicht auf Restaurants und Gastwirtschaften, sondern betrifft genauso den Einzelhandel, über den sich Selbstverpfleger und Camper eindecken, ebenso wie Kioske, Imbisse, Märkte und Landwirte. Die Gastronomie in der Gemeinde Kihelkonna ist sehr bescheiden. Lediglich im Dorf Kihelkonna gibt es einen Kohvik, eine Art Café, in dem auch kleine Mahlzeiten erhältlich sind. Im Hafen von Veere existiert eine kleine Gaststätte. Eine Gastwirtschaft oder ein Restaurant besteht in der ganzen Gemeinde nicht. Restaurants sind auf Saaremaa in der Stadt Kuressaare konzentriert. Lebensmittel können in den Läden von Kihelkonna-Dorf eingekauft werden. Das Pfarrhaus bietet warme Mahlzeiten an, wenn größere Gruppen zu Gast sind. Die Urlauber-Höfe Sülla, Loode und Pühassoo bieten auch Mahlzeiten für


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ihre Gäste an, wobei die beiden ersteren mit der von ihnen gewählten Bezeichnung "bed and breakfast" eigentlich understatement betreiben, da sie ihren Gästen eigentlich Vollpension anbieten. Loode und Sülla verarbeiten für ihre Speisen vor allem Podukte aus eigenem, biologisch-dynamischen Anbau. Man frühstückt in Estland recht kräftig und neben Brot, Butter, Wurst, Käse und Marmelade gehören auch Gries- oder Haferbrei, Pfann- oder Reibekuchen dazu. Die typischen Hauptmahlzeiten auf Saaremaa sind reich an lokalen Gemüsen wie Kartoffeln, Tomaten, Kohl, Blattsalat, Gurken und Zucchini. Zu vielen Speisen geben die Esten saure Sahne. Wild wird in gehobenen Restaurants angeboten, Fischgerichte findet man auf der Insel nur selten auf der Speisekarte und oft 29 kommt der Fisch obendrein nicht von Saaremaa. Auf den Höfen dagegen wird sehr wahrscheinlich geräucherte Flunder angeboten. Viele Bürger trocknen die gesalzenen Plattfische auch und knabbern sie dann in Streifen geschnitten zum Bier. Marmeladen und Sirup stellen die meisten Bürger aus Kirschen, Erd- und Johannisbeeren selbst her.30 Kaffee trinkt man in Estland viel und zu allen Tages- und Nachtzeiten. Sehr gerühmt wird auch das Bier von Saaremaa "Saaremaa õlu", aber viele Bauern brauen auch selbst. Die Steigerung des Absatzes landwirtschaftlicher Produkte durch den Tourismus spielt in der Region Kihelkonna wegen des bisher schwach ausgeprägten Fremdenverkehrs keine Rolle. Die Befragung von acht landwirtschaftlichen Betrieben in der Gemeinde Kihelkonna (siehe Anhang) ergab nur bei den Anbietern von "Ferien auf dem Bauernhof" Hinweise auf eine Absatzsteigerung durch Touristen. Der Loode- und der Sülla-Hof versorgen ihre Gäste überwiegend mit selbst erzeugten Lebensmitteln. Herr Kallas (ökologischdynamisch bewirtschafteter Hof) gab ferner an, daß er das Pfarrhaus mit Kartoffeln und Karotten versorgt, wenn dort größere Gruppen zu Gast sind. Der Direktverkauf landwirtschaftlicher Produkte an Touristen (die nicht auf einem Hof zu Gast sind) findet bisher nicht statt. Für den Baustein "Essen und Trinken" im Gesamtangebot "Urlaub in Kihelkonna"ist festzustellen, daß dieser bisher nur sehr mangelhaft bedient wird. Lediglich der Gast eines Urlauberhofes wird die regionale Küche kennenlernen können. Der Hansa kohvik (Café) ist wegen seiner Lage im Mehrfamilienhausgebiet, der Ausstattung und dem eher an einem Imbiß orientierten Charakter nicht geeignet, ein "Erlebnis Essen und Trinken" für den Gast zu vermitteln. Die derzeitige, vollkommene Konzentration der Gastronomie im 32 Kilometer entfernten Kuressaare schränkt die Attraktivität Kihelkonnas für Urlauber aller Zielgruppen ein.

29 30

Auskunft von Aivar Kallas Interviews des Verfassers mit Landwirten in der Gemeinde Kihelkonna (siehe Anhang)


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7.4.5 Service und Information Urlauber brauchen viele kleine Dienstleistungen, um sich an einem Ort während des Ferienaufenthalts wohlfühlen zu können. Das Maß an gefordertem Service schwankt dabei je nach Zielgruppe recht stark. In jedem Fall zum Service eines Urlaubsortes gehört aber eine fundierte Information über den Ort und die Freundlichkeit der am Fremdenverkehr Beteiligten. Eine gewisse "Dienstleistungsmentalität" in einer Urlaubsregion wird sich auf die Zufriedenheit der Gäste positiv auswirken. Immerhin gehört der Aspekt "Freundliche Gastgeber, nette Leute" in Deutschland mit 65% zu den wichtigsten Anforderungen an den Urlaubsort. Dies dürfte in Estland nicht wesentlich anders sein. In Kihelkonna kann sich der Gast bisher nur auf wenige Serviceangebote stützen. Ohne Zweifel eine sinnvolle Einrichtung ist der "i-Punkt", das Informationszentrum im Dorf Kihelkonna. Da es aber nur selten und unregelmäßig geöffnet ist und die Öffnungszeiten nirgendwo aushängen, gehen Kurzbesucher oder Gäste auf der Suche nach einem Quartier im Ort oft leer aus. Es fehlen auch Druckschriften aller Art: keine Landkarte der Gemeinde, kein Verzeichnis der Sehenswürdigkeiten oder der Ferienquartiere, nichts über die Geschichte der Gemeinde oder umfassende Informationen zum Nationalpark. Auch die Ausschilderung von Straßen und Sehenswürdigkeiten ist verbesserungsfähig. Die Anbieter von Ferienzimmern sind sehr bemüht, diese Mängel durch persönliche Hinweise und Tips und das Ausleihen von Kartenmaterial auszugleichen. Die Fremdsprachenkenntnisse sind für die Beherbergung von ausländischen Gästen von Bedeutung. Von den 1995 in Estland gezählten 353.494 Aufenthaltstagen estnischer und ausländischer Reisender entfielen nur 54.964 Tage (15,5%) auf estnische Gäste. Von den 298.530 Aufenthaltstagen ausländischer Gäste bildeten die Finnen mit 230.217 Aufenthaltstagen, d.h. über 77% die größte Gruppe der Ausländer. Da estnische und finnische Sprache eng verwandt sind, können die Angehörigen dieser Nationalitäten sich verständigen. Insgesamt bedeutet dies, das sich die Esten bei 80% ihrer Gäste (In- und Ausländer) keiner Fremdsprache bedienen müssen. Nach den Finnen (230.217) verbrachten die Deutschen die meisten Aufenthaltstage in Estland (17.443), gefolgt von den Schwe31 den (12.404) und US-Amerikanern (7001). Seit 1991 ist Englisch in den meisten estnischen Schulen erste Fremdsprache, Russisch oder Deutsch werden als zweite Fremdsprache angeboten. Ältere Esten sprechen in der Regel nur Estnisch und Russisch. Bei der Befragung von Landwirten32 in der Gemeinde Kihelkonna gaben von sechs Bauern, die bisher keine Feriengäste beherbergen, vier an, sie könnten sich vorstellen, Urlauber aufzunehmen. Von diesen wurde aber nur auf einem Hof Englisch und Deutsch gesprochen, die anderen drei der Beherbergung von Feriengästen aufgeschlossenen Bauernfamilien sprachen nur Estnisch und Russisch. Der Kontakt und das Kennenlernen zwischen Gastgebern und Gästen als wichtiges Merkmal des Urlaubs auf dem Bauernhof wäre durch diese Sprachbarriere nur sehr eingeschränkt möglich.

31

EESTI STATISTIKAMET (1996): Eesti Statistika aastaraamat 1996/Statistical yearbook of Estonia 1996, S. 228 ff. 32 Fragebögen siehe Anhang


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7.4.6 Tourismusrelevante Infrastruktur Urlauber nutzen die öffentliche Grundausstattung einer Region und nehmen darüber hinaus oft touristische Infrastruktureinrichtungen für Sport und Spiel, Gesundheit, Kultur und Unterhaltung sowie deren Programmangebote in Anspruch. Im Massentourismus herrschen Infrastruktureinrichtungen vor, die sich speziell an den postulierten Bedürfnissen der Touristen ausrichten. Der harte Tourismus ist damit sehr infrastrukturintensiv. In ausgeprägten Fremdenverkehrsregionen kann es in der Konkurrenz der Gemeinden zu einer regelrechten infrastukturellen Hochrüstung kommen, mit der um die Gunst der Gäste gebuhlt wird. ROMEISS-STRACKE gibt zu bedenken, daß der Reiz und das Image eines Ortes oder einer Region für den Urlauber nicht in der Freizeitinfrastruktur liegen, sondern vielmehr in den typischen Merkmalen von Ort und umgebender Landschaft. Touristische Infrastruktur führt nach OPASCHOWSKI zu Landschaftszerstörung und gehört damit zu dem "sieben Umweltsünden in Freizeit und Tourismus."33 Das Bundesinnenministerium verweist in einem "Aktionsprogramm Ökologie" darauf, daß anlagegebundene Freizeitaktivitäten wie z.B. Tennis, Golf, Motorboote, Camping zwangsläufig Flächenverluste auslösen und oft zusätzlich als Speerspitze für nachfolgende Bebauung wirken.

Eine auf den Tourismus abzielende Infrastruktur existiert in der Gemeinde Kihelkonna in nur sehr geringem Maße. Die Einkaufsmöglichkeiten des Dorfes orientieren sich ausschließlich an den Bedürfnissen der Einheimischen. Typisch touristischer Natur ist lediglich das Mihkli-Bauernhof-Museum in Viki, in dem selbstgestrickte Pullover, Souvenirs aus Dolomit und Wacholderholz (Gefäße, etc.) angeboten werden. Zur touristischen Infrastruktur ist auch die Tourist-Information ("i-Punkt") zu rechnen. Von der öffentlichen Grundausstattung in der Gemeinde Kihelkonna sind folgende Einrichtungen auch für Touristen von Bedeutung und werden von diesen mitgenutzt: • • • • •

33

"i-punkt"-Gebäude (Verwaltung des Nationalparks und Tourist-Information) Post Bank (Hoiupank) Ärztehaus (Ambulatoorium) Kulturhaus (nach Wiedereröffnung)

OPASCHOWSKI, H.W. (1991): Ökologie von Freizeit und Tourismus, S. 70 ff.


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7.4.7 Verkehr Die Erreichbarkeit eines Urlaubsziels und die Verkehrsverhältnisse innerhalb einer Ferienregion sind wichtige Entscheidungskriterien bei der Urlaubsplanung. Für Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel ist die Anbindung, die Fahrtdauer, der Fahrzeitentakt und Umsteigeverbindungen, Zuverlässigkeit und Komfort von Bussen und Bahnen von Bedeutung. Dies gilt sowohl für Urlauber, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen und diese auch im Feriengebiet nutzen, wie für individuell als Gruppe oder mit dem Pkw Reisende zu, die den öffentlichen Personennahverkehr am Urlaubsort nutzen wollen. Für Autofahrer sind die Erschließung, die Ausschilderung und der Straßenzustand von besonderer Bedeutung. Auch Aspekte wie Verkehrssicherheit und Verkehrsdichte (Stau) beeinflussen die Pkw-Reise. 62% aller Gäste erreichen Estland über Tallinn. In Bezug auf das gewählte Verkehrsmittel reisen 60% der Touristen per Schiff und 3% im Luftverkehr nach Estland ein.34 Die Befragung der Beherbergungsbetriebe in Kihelkonna zur Anreise ihrer Gäste ergab folgendes Resultat:35 Mit dem eigenen Auto: mit dem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad: mit einem gemieteten Bus:

64 % 1% 17 % 8% 2% 6% Anreiseart

Fahrrad 8%

Miet-Bus 6%

Motorrad Leihwagen 2% 1%

öffentlicher Personenverkehr 17% Auto 66%

Diagramm 8

34

MINISTRY OF ECONOMIC AFFAIRS OF THE REPUBLIC OF ESTONIA (1996): Estonian Economy 1995 - 1996, S. 116. 35 das Abweichen vom Hundert-Prozent-Wert ergibt sich durch Rundung


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Straßennetz Das Straßennetz auf Saaremaa ist zentralistisch auf die Kreisstadt Kuressaare ausgerichtet. Abgesehen von innerörtlichen Straßen sind lediglich diese, in die einzige Stadt der Insel führenden Landstraßen asphaltiert. Mit wenigen Ausnahmen besteht der Rest des Straßennetzes aus Schotterstraßen, die gut gepflegt werden und weitgehend frei von Schlaglöchern sind. Von Kihelkonna führt die asphaltierte Landstraße P 97 über Viki nach Kuressaare. Auch die Landstraße P 96 in den Nachbarort Lümanda, die P 97 zwischen Kurevere und Tagamõisa und die Straße von Veere nach Pidula sind asphaltiert. Innerhalb des Dorfes Kihelkonna sind die Straßen ebenfalls befestigt, wenn auch in teilweise schlechtem Zustand. Die Straße von Kihelkonna zum Hafen in Papisaare ist mit Lesesteinen gepflastert und als Kulturdenkmal geschützt. Die Befahrbarkeit der geschotterten Überlandstraßen ist für Pkw befriedigend. Für Radfahrer sind sie allerdings sehr schlecht geeignet, da sie grob geschottert sind und mit hoher Geschwindigkeit vorbeifahrende Autos den Staub aufwirbeln. Hinzu kommt, daß die Landstraßen der Insel wegen ihres kilometerlangen, schnurgeraden Verlaufs oft sehr monoton wirken36. Die Erreichbarkeit der Insel Saaremaa ist gut. Zwischen Kuivastu und Virtsu verkehren im Sommer halbstündlich Fährschiffe. Die Übersetzung dauert ca. 30 Minuten. Lediglich im Sommer kann es für Pkw zu längeren Wartezeiten kommen. An wenigen Tagen im Jahr muß der Betrieb der Fähren wegen Sturmes eingestellt werden. Insgesamt waren zum Stichtag 1.1.1996 im Landkreis Saare 8459 Pkw, 195 Autobusse und 2265 Lkw zugelassen.37

Öffentlicher Personenverkehr Der öffentliche Personenfernverkehr zur Insel Saaremaa findet in der Regel mit Bussen statt, die die Insel mit allen wichtigen Städten Estlands verbinden. Eine Eisenbahnstrecke besteht weder auf Saaremaa noch zum Fähranleger in Virtsu. Die Fahrtdauer des Schnellbusses z.B. von Tallinn nach Kuressaare beträgt einschließlich Fährüberfahrt etwa 4 ½ Stunden. Alle Fernbusse, die nach Saaremaa fahren, enden in Kuressaare. Die Gemeinde Kihelkonna ist daher nur mit Bussen des Nahverkehrs zu erreichen. Beim Umsteigen von Fernbussen auf den Nahverkehr nach Kihelkonna ergeben sich oft mehrstündige Wartezeiten. Die Benutzung der Fernbusse stellt von großen Städten aus auch für ausländische Besucher kein Problem dar; in den Busbahnhöfen sind die Fahrzeiten und -routen auf großen Tafeln angeschlagen, an den Fahrkartenschaltern wird teilweise Englisch gesprochen. Die Tickets werden mit Platznummern verkauft. Die oft mehrstündigen Fahrten durchs Land vermitteln einen guten Eindruck der estnischen Landschaft und geben Einblick in den Alltag der Esten. Ausländer bilden in den Fernbussen noch eine Ausnahme. Etwa sechs Busse verkehren täglich zwischen Kuressaare und Kihelkonna-Dorf. Einige von ihnen fahren über Lümanda. Die Fahrzeit für die 32 Kilometer lange Strecke beträgt 36

ein großer Teil des Landstraßennetzes wurde auf den Dämmen einer früheren Militärbahn für mobile Artillerie-Geschütze errichtet 37 ESTLANDS BAUMARKT (1996): S. 13


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ca. 40 Minuten. Die Tagamõisa-Halbinsel ist durch einen dreimal am Tag verkehrenden Bus (Undva - Veere - Kihelkonna - Kuressaare) ans ÖPNV-Netz angeschlossen. Eine Schulbus-Verbindung nach Kihelkonna oder von dort nach Kuressaare besteht nicht.

Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Beziehung zur Lage der Ferienquartiere Die Nutzung des öffentlichen Personenverkehrs nimmt bei zunehmender Entfernung zum Dorf Kihelkonna, wo sich die Bushaltestelle befindet, ab. Den Pühassoo-Hof, der 27 Kilometer nördlich von Kihelkonna-Dorf liegt, erreichen 95% der Gäste mit dem Auto/Motorrad, beim 17 Kilometer entfernten Loode-Hof sind es noch 85% und der nur 7 Kilometer entfernte Sülla-Hof hat nur noch einen Anteil von 63% per Auto/Motorrad anreisender Gäste. Im Dorf (Pfarrhaus/Familie Mets) liegt der Wert nur bei 40 bzw. 50% individuell motorisiert Anreisender.

Abbildung 54: Die in den achtziger Jahren auf einem Damm einer ehemaligen Militärbahn errichtete Landstraße auf der Tagamõisa-Halbinsel verläuft kilometerlang schnurgerade durch die Landschaft.

Abbildung 55: Der Standard des Straennetzes ist der dünnen Besiedlung entsprechend aufs Notwendige reduziert. Im Bild eine Furt zwischen Neeme und Kap Undva im Norden der TagamõisaHalbinsel.


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Seehäfen Wichtigster Hafen auf Saaremaa ist Romassaare, nahe des Hauptorts Kuressaare. Neben Massengütern wie Kohle, Öl und Holz stellt Romassaare auch den wichtigsten Segelund Motorboothafen der Insel dar. An der Nordküste der Insel befindet sich der moderne, kleine Hafen Triigi, von dem aus in den Sommermonaten eine Fähre zur Nachbarinsel Hiiumaa übersetzt. Weitere Häfen befinden sich in Kõiguste, Orissaare, Nasva und Mõntu. Der Fährhafen zum Festland in Kuivastu liegt bereits auf der Nachbarinsel Muhu, die mit Saaremaa durch einen Damm verbunden ist. In der Gemeinde Kihelkonna befinden sich vier Häfen. In Papissaare, ca. drei Kilometer nordwestlich von Kihelkonna-Dorf haben einige Fischer ihre kleinen Boote. Der Hafen besitzt aber nur eine Tiefe von 1,80 Meter und kann nur von recht kleinen Schiffen angelaufen werden. Zudem ist es für Segelboote schwierig in dem seichten und felsenreichen Fahrwasser den Hafen zu erreichen, zumal eine Fahrrinne nicht markiert ist. Das Hafengelände ist durch große Betonhallen geprägt, in denen zu Kriegszeiten Wasserflugzeuge stationiert waren. Heute besteht dort ein kleiner Betrieb, der Fischkonserven herstellt und eine kleine Schreinerei. Vor dem zweiten Weltkrieg existierte auch eine Schiffswerft im Hafen von Papissaare. Mehrmals in der Woche setzt ein Boot nach Vilsandi über. Papissaare liegt im Vilsandi-Nationalpark. Wichtigster Hafen im Gemeindegebiet ist heute Veere, ein zu Sowjetzeiten neu angelegter Fischereihafen in der Tagabucht. In den Gebäuden am Hafen befindet sich die Hafenverwaltung, ein Betrieb, der Fischkonserven herstellt sowie ein Café. Im Jahr 1995 legte hier das Passagierschiff aus Stockholm bzw. Gotland an. Ein weiterer Hafen auf dem Gebiet der Gemeinde ist Jaagarahu. Er liegt an der Westküste ca. sieben Kilometer nördlich von Kihelkonna-Dorf. In den ersten drei Jahrzehnten diesen Jahrhunderts war Jaagarahu einer der wichtigsten Häfen Saaremaas. Nahe des Hafens wurde Dolomit abgebaut ("Marmor von Saaremaa"), der in Jaagarahu mit großen Schiffen nach Tallinn oder Riga gebracht wurde. Der Hafen besitzt ein sieben Meter tiefes Becken. Nach Einstellung des Dolomit-Abbaus verfielen die Hafengebäude und schließlich zerstörte ein Sturm den Anleger. Viele Fischer transportieren täglich ihre kleinen Boote mit dem Pkw zur Küste, da in Jaagarahu kein Anlieger und kein Bootshaus besteht. Der Ausbau Jaagarahus als kleiner Fischer- und Segelboothafen wird daher zur Zeit in der Gemeinde diskutiert. Durch seine Lage am Rand des Vilsandi-Nationalparks könnte es allerdings zu Konflikten mit den Schutzzielen kommen.38 Auf Vilsandi befindet sich ein weiterer kleiner Hafen. Er liegt an der westlichen Spitze der Insel in Höhe des Leuchtturmes. Es handelt sich um einen kleinen Anleger ohne Hafengebäude.

38

trotz Nachfrage machte die Nationalparkverwaltung hier keine Angaben, inwieweit eine Ausbau den Nationalpark tangierte


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Anreise mit der Bahn Eine Anreise mit der Bahn nach Saaremaa ist heute nicht mehr möglich. PULLERITS (1931) nennt die Möglichkeit, mit dem Zug von Tallinn über Haapsalu nach Rohuküla (Ort am Festland, an dem die Fähre zur Insel Hiiumaa ablegt) zu fahren.39 Diese eingleisige Verbindung besteht auch heute noch, allerdings existiert die von dort aus verkehrende Schiffslinie nach Kuressaare nicht mehr. Wegen der langen Fahrzeit und der eingeschränkten Sicherheit bleibt eine Anreise per Bahn aus Mittel- und Westeuropa nach Estland auch weiterhin unattraktiv.

Flughafen Vom Flugplatz in Kuressaare bietet Estonian Air eine tägliche Verbindung nach Tallinn mit einer kleinen Maschine. Auch der ehemalige Militärflugplatz in Sõmera wird mittlerweile zu zivilen Zwecken genutzt.

39

PULLERITS, A. (1931): Estland. Volk, Kultur, Wirtschaft. Tallinn. S. 328.


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8.

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UMWELT- UND SOZIALVERTRÄGLICHER TOURISMUS

Asiatische Weisheit "Tourismus ist wie Feuer: Man kann seine Suppe damit kochen, 58 man kann aber auch sein Haus damit abbrennen."

Daß der moderne Massentourismus zu tiefgreifenden ökologischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Problemen geführt hat, ist heute praktisch Allgemeingut und wird von kaum einer der am Tourismus beteiligten Gruppen geleugnet. Die ständig fortschreitenden Zerstörungen durch den Fremdenverkehr führten zur Suche nach Alternativen zum Massentourismus, die bereits Mitte der siebziger Jahre unter dem Schlagwort des "stillen Tourismus" (KRIPPENDORF), Anfang der achtziger Jahre als "Sanftes Reisen" (JUNGK) Eingang in die Medien fanden. Den Merkmalen des harten Massentourismus werden individuelle, umwelt- und sozialverträgliche Handlungsalternativen entgegengestellt, die zu einer Lösung bzw. Milderung der Belastungen durch den Fremdenverkehr führen sollen. Nachdem die Idee eines sanften Tourismus zunächst heftig umstritten war, wurde die Kritik schließlich in den neunziger Jahren von den großen Reiseveranstaltern aufgegriffen. KIRSTGES sieht in der scheinbaren Habitualisierung des sanften TourismusGedankenguts durch die Anbieter des Massentourismus den öffentlichen Diskussionspro59 zeß Mitte der neunziger Jahre praktisch abgebrochen. Trotz vieler positiver Einzelprojekte ist allerdings auch zwanzig Jahre nach dem offiziellen Eingang des sanften Tourismus in die tourismuspolitische Diskussion keine grundlegende Wende im Massentourismus, geschweige denn eine Lösung der durch den "harten Tourismus" verursachten Probleme erkennbar. Nachfolgend sollen im ersten Abschnitt die gesellschaftlichen Problemzusammenhänge und die daraus resultierenden Konflikte kurz angerissen werden, die schließlich die Forderung nach einer sanften Form des Tourismus entstehen ließ. Zur Auseinandersetzung mit dem "harten" Tourismus ist es notwendig, das Problemfeld in einem breiteren gesellschaftskritischen Zusammenhang zu diskutieren. Im zweiten Abschnitt soll die Entwicklung des Ansatzes eines sozial- und umweltverträglichen ("sanften") Tourismus dargestellt und die inhaltlichen Positionen der Tourismuskritik skizziert werden. Der dritte Abschnitt behandelt mögliche Konflikte im Ansatz des "Sanften Tourismus", die im Ansatz selbst begründet sind oder aus sich widersprechenden Konzepten zur Entwicklung eines umwelt- und sozialverträglichen Fremdenverkehrs resultieren.

58 59

aus: BOERS, H./BOSCH, M. et al (1995): S. 132 KIRSTGES, T. (1995): Sanfter Tourismus. Chancen und Probleme der Realisierung eines ökologieorientierten und sozialverträglichen Tourismus durch deutsche Reiseveranstalter, 2. Auflage, Vorwort.


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Problemzusammenhänge und gesellschaftliche Rahmenbedingungen des Massentourismus

Die Entstehung des Ansatzes eines sanften Tourismus ist eingebunden in die gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die den Bereich des Tourismus und der Freizeit beeinflussen und als Auslöser einer Reihe von Problemen anzusehen sind. Die nachfolgenden touristischen Krisenmerkmale sind Ausgangspunkt für die Entwicklung eines "Sanften Tourismus".

Ökologische Schäden Der moderne Massentourismus ist unzweifelhaft einer der Faktoren, die am stärksten zur Zerstörung von Natur und Landschaft und dem Verbrauch von Naturgütern beitragen. Besonders der mehrsaisonale Massentourismus in den Alpen und am Mittelmeer und seine ständige flächenmäßige Expansion ließ KRIPPENDORF 1975 vom Tourismus als "Landschaftsfresser" sprechen. Durch sein ständiges Wachstum und den dadurch bedingten Schwund der Erholungsgrundlage Landschaft entzieht sich der Tourismus schließlich selbst den Boden. Die Feriengäste wenden sich "neuen", weniger erschlossenen Gebieten zu, in denen sich dieser Wachstumsprozeß wiederum bis zum Umkippen und Zusammenbrechen der Strukturen vollzieht. Die "Ware Urlaub" wird am Ort ihrer Produktion konsumiert; allein das macht sie anfälliger für Probleme als andere Wirtschaftszweige. Hinsichtlich der konkreten ökologischen Probleme kann unterschieden werden in negative Umwelteinwirkungen durch Erschließungs- sowie durch Nutzungsfolgen. Mit der Erschließung und touristischen Nutzbarmachung von Orten und Regionen durch Straßen, die Ausweitung der Siedlungsfläche, die Veränderung des Ortsbildes durch Neu- und Umbau von Gebäuden, die Anlage von flächenintensiven Sport- und Freizeiteinrichtungen wie Golfplätzen, Skipisten, Seilbahnen oder Liften wird die Landschaft zersiedelt und wandelt sich von einer ländlichen Kulturlandschaft zu einer "Vorortlandschaft" mit dem Charakter einer städtischen Agglomeration (KRIPPENDORF 1975). Unter den Nutzungsfolgen touristischer Erschließungen sind verschiedene Belastungen von Natur und Landschaft zu verstehen. An der Küste sind dies insbesondere die Zerstörung der ökologisch wertvollen und für den Küstenschutz wichtigen Dünenbereiche, das Zertreten von Seevogelgelegen, die Beunruhigung störungsempfindlicher Arten wie Limicolen oder Robben usw. Als Folgewirkung ist auch die Belastung aller Umweltmedien anzusehen: Durch den steigenden Verkehr werden mehr Schadstoffe freigesetzt, das Abfallaufkommen vervielfacht sich und führt insbesondere in weniger entwickelten Gebieten oder auf Inseln zu erheblichen Problemen, in ariden Klimazonen kommt es zu einer Verknappung des Trinkwassers, Abwässer und Deponien belasten den Boden und das Grundwasser usw. Diese durch den Tourismus ausgelöste ökologische Krise hat über die Medien Eingang ins Bewußtsein breiter Bevölkerungsschichten gefunden.


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Entfremdung und Fremdbestimmung der Reisenden Die Entstehung des Massentourismus ist in enger Verbindung mit dem Alltagsleben und der Rolle der Arbeit in der Gesellschaft zu sehen. Hans Magnus ENZENSBERGER bezeichnet in einem 1961 erschienenen Essay als Leitbild des modernen Tourismus die Suche nach der "unberührten Landschaft" und der "unberührten Geschichte". Dieses aus der Romantik stammende Leitmotiv entrückt den Urlauber der Realität seiner Alltagsumwelt und projiziert Freiheit und Selbstverwirklichung auf eine vergangene Epoche oder in 60 eine weit entfernt liegende Region. Besonders im ländlichen Tourismus wird als Leitmotiv von Urlaubern eine von Moderne und Zivilisation unberührte Geschichte gewünscht und von Touristikern vermarktet. Lediglich ein Teilsegment des Städtetourismus wendet sich der Moderne zu, während der Erholungstourismus die Begegnung mit der Vergangenheit sucht und diese in Orten und Landschaften mit historischem Ambiente findet. Die eigentlich vom gesellschaftlichen Modernisierungsprozeß überholte und somit museal gewordene Kultur hat in diesen touristischen Zielgebieten längst wieder die Museen verlassen und durchdringt die Lebenswelten.61 NOELLE-NEUMANN/KÖCHER 62 führen 1987 die im Taylorismus umgesetzte Arbeitsteilung und das aus ihr resultierende Fehlen einer sinnhaften Identifikationsleistung des Industriearbeiters zwischen dem Endprodukt und seiner Arbeitsleistung an. Als Folge sehen sie den Anstieg psychischer und psychosomatischer Erkrankungen an und konstatieren besonders bei der jüngeren Bevölkerung eine steigende Unzufriedenheit mit der Arbeit. Das Arbeitsleben wird nicht mehr als sinnvolle, identitätsstiftende Tätigkeit empfunden, sondern Selbstverwirklichung und Lebenssinn werden in der Freizeit, unter anderem im Urlaub gesucht. Stärker als alle anderen Freizeitbereiche dient das Reisen der physischen Regeneration, vor allem aber der psychischen Abfederung systematisch bedingter Versagungen und Beschränkungen, denen das vergesellschaftete Individuum durch die im Alltag uneingelösten Versprechen von Sinn- und Identitätsfindung einerseits und seiner zwanghaften Verschränkung in gesellschaftliche Funktionszusammenhänge andererseits ausgeliefert ist.63 Die Arbeit wird dabei "Mittel zum Zweck", um die zumeist kostspieligen von der Freizeit- und Tourismusindustrie vorgegebenen Bilder und die gesellschaftlichen Anforderungen einer "aktiven" Freizeitgestaltung zu realisieren. Mit der vollkommenen kommerziellen Durchdringung des Urlaubs bleibt das Ziel, die "freie Zeit" des Reisens tatsächlich selbstbestimmt zu gestalten auf der Strecke. BAACKE stellt fest, daß es nicht ausreichend ist, nur über Angebote oder Geräte und freie Zeit zu verfügen, sondern daß der Umgang mit dieser freien Zeit erst zu erlernen ist.64 Durch die funktionalistische Ausrichtung im Arbeitsprozeß und die dadurch klaren Vorgaben fällt dem Arbeitnehmer im Freizeitbereich der Umgang mit der freien Zeit schwer und kommerzialisierte Freizeitangebote werden als einfacher "Rettungsanker" willig angenommen. Um den Urlaub und die Freizeit ist eine milliardenschwere Industrie entstanden, die, um existieren und weiter 60

ENZENSBERGER, H.M. (1961): Eine Theorie des Tourismus, in: ENZENSBERGER: Einzelheiten, S. 179-205 61 RÖMHILD, M. (1990): Histourismus. Fremdenverkehr und lokale Selbstbehauptung, S. 52 ff. 62 NOELLE-NEUMANN, E./KÖCHER, R. (1987): Die verletzte Nation, S. 67 ff. 63 HASSE, J. (1988): Tourismusbedingte Probleme im Raum. In: Geographie und Schule, Heft 53, S. 12 ff. 64 BAACKE (1980): Freizeit. Symptom für gestörte Kommunikationen. In: Herausgebergruppe "Freizeit", S. 65-72


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wachsen zu können, dem Konsumenten ständig neue Freizeittrends und -möglichkeiten aufdrängt. Die Notwendigkeit zur Teilnahme, zum Konsum und Erwerb dieser Angebote wird suggeriert. Fortlaufend werden die im Bereich des Tourismus artikulierten Bedürfnisse und Wünsche durch die Tourismusindustrie in warenförmige Gebrauchswerte transformiert. Dieser Transformationsprozeß hat ein Höchstmaß an Fälschung und immer neuer Pervertierung der originären Interessen des Reisenden zur Folge, die allenfalls partiell mit denen der Tourismusindustrie zusammenfallen werden. (ENZENSBERGER sowie 65 PRAHL/STEINECKE ). In der Diskussion der neunziger Jahre wird die Rolle des Reisenden als Opfer vorgegebener Fremdbilder und des Konsumterrors der Tourismusindustrie kaum aufgegriffen; im Vordergrund steht der monokausale Täter (Tourist) - Opfer (Einheimischer)-Ansatz.

Identitätskrise der Einheimischen Mit dem Tourismus wandelt sich die Wirtschaftstruktur einer Region und der Urlauber bringt neue Verhaltensmuster in die bereisten Gebiete. Der Fremdenverkehr löst dadurch einen soziokulturellen Wandel und einen Modernisierungsprozeß in den Zielgebieten aus, der zu einer Konfrontation zwischen Urlaubern und Bereisten führt. Wenn z.B. in einem Bergbauerndorf auf einen Einheimischen 60 Urlauber kommen, so können diese Touristen nicht mehr positiv empfunden werden, einfach weil es zu viele sind. Die Erschließung einer Region und die Kommerzialisierung der Kultur und ihre Aufbereitung für den Touristen als "Folklore" hat in vielen Gebieten an der kulturellen Identität der Einheimischen gezehrt. Durch ein von den Einheimischen teilweise empfundenes Bildungs- und Wohlstandsgefällegefälle zwischen Reisenden und Bereisten werden die Fremden im kulturellen Vergleich von den Bereisten als überlegen empfunden. Entsprechend groß ist die Bereitschaft der Einheimischen, sich anzupassen und durch eine (Über-) Kompensation von Rückständigkeits- und Minderwertigkeitsgefühlen an den materiellen Errungenschaften der Moderne teilzuhaben zu können. Der Identitätsverlust beginnt mit der baulichen Veränderung des Ortsbildes, das durch seine touristische Ausrichtung und kommerzielle Durchdringung seinen Identifikationswert für die Einheimischen verliert. Die Heimat wird zur bloßen Kulisse für den Touristen. Der Tourismus forciert die Kommerzialisierung der Kultur. Er verstärkt die Lösung von traditionellen Wertsystemen und Normen, führt dadurch zu sozialen Spannungen innerhalb der autochtonen Gemeinschaften und bewirkt ein Aufbrechen gewachsener, sozialer Strukturen. Durch zunehmende Außenorientierung verstärkt er die Identitätskrise der Einheimischen und beschleunigt den sozialen Wandel.66 Ein für die Reisenden inszeniertes, kulturelles Leben - Stichwort: "Folklore" - führt zur Kommerzialisierung und Aushöhlung der kulturellen Identität. Auch hier hat die Zahl der Reisenden ausschlaggebenden Charakter: Ein von der Dorfgemeinschaft initiiertes Konzert, an dem die Einheimischen teilnehmen und eine kleine Gruppe Feriengäste zuschaut, hat eine vollkommen andere Aus65

ENZENSBERGER (1971): Eine Theorie des Tourismus. In: Einzelheiten I. Bewußtseinsindustrie. Frankfurt/M. PRAHL/STEINECKE (1979): Der Millionen-Urlaub. Von der Bildungsreise zur totalen Freizeit. Darmstadt. 66 ADLER, Chr. (1981): Warum kommt ihr hierher, Fremde? In: GEO, Heft 8/81, S. 142 f.


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prägung als ein für Touristen inszenierter "Heimatabend", der ausschließlich auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtet ist. Die Konfrontation mit dem Lebensstil der Reisenden können zur schrittweisen Auflösung der traditionellen, eigenständigen Lebensstile der Bereisten führen. Hermann BAUSINGER hat die touristische Entwicklung von Bergbauerndörfern in der Konfrontation zwischen urbaner und ländlicher Kultur wie folgt in vier idealtypische Phasen eingeteilt: 1. in den Anfängen des Tourismus schließt sich das Dorf gegenüber städtisch-modernen Einflüssen ab. 2. erste erfolgreiche Fremdenverkehrsbetriebe lassen vor dem Hintergrund ökonomischen Drucks die anfängliche Ablehnung städtischer Kultur umschlagen in eine kritiklose Öffnung und Übernahme derselben. 3. Den Einheimischen wird langsam bewußt, daß die Fremden nicht ein verstädtertes, sondern ein ländliches Dorf suchen. 4. Das "Pseudodorf" des Tourismus entsteht. Es pendeln sich die seitenverkehrten Modernitätswünsche der Dörfler und Konservierungswünsche der 67 Städter auf mittlerer Ebene ein.

Durch den Tourismus stellen sich bei den Einheimischen, insbesondere denen, die im Ort vom Fremdenverkehr nicht profitieren, Aggressionen gegenüber den Reisenden ein, die durch folgende Faktoren ausgelöst werden: • • • •

erhöhtes Preisniveau beim Handel und in Gaststätten überhöhtes Preisniveau im Grundstücksverkehr, insb. Problem der Landwirtschaft auf Tourismus ausgerichtete Kommunalpolitik Überfremdungstendenzen durch Zweitwohnsitze

Regionaltypisches kann durch den Tourismus aber auch bewußt werden. Wolfgang LIPP vertritt die These, daß anspruchsvoller Tourismus (...) als Verstärker von Regionalität fungieren und regionale Identität erst profilieren kann.68

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68

BAUSINGER, H. (1978): Dorf und Stadt - ein traditioneller Gegensatz. In: WEHLING, H.G. (1987): Dorfpolitik. Opladen. S.29. LIPP,W. (1984): Soziale Räume, regionale Kultur: Industriegesellschaft im Wandel, in: LIPP, W.: Industriegesellschaft und Regionalkultur, Untersuchungen für Europa, Schriftenreihe der Hochschule für Politik, Bd. 6, S. 44


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Ökonomische Ungleichgewichte und Abhängigkeiten Ein häufig geäußertes Argument für den Tourismus ist sein Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklung eines Ortes. Tatsächlich ist nicht zu leugnen, daß in zahlreiche Regionen im ländlichen Raum der Fremdenverkehr eine große, wenn nicht die zentrale Einkommensgrundlage der Bevölkerung darstellt. Die aus dem Tourismus resultierenden ökonomischen Folgeprobleme wie der Bedeutungsverlust der Landwirtschaft oder die Schwierigkeiten bei der Ansiedlung gewerblicher Unternehmen konnten oft durch die Wirtschaftskraft des Tourismus ausgeglichen werden. Mit dem Bedeutungsverlust anderer Wirtschaftsbereiche bzw. der Ausschluß von Wirtschaftszweigen aus der Fremdenverkehrsgemeinde, die den Tourismus vermeintlich stören, steigt die Gefahr einer einseitigen Abhängigkeit von Tourismus. In vielen Regionen ist mit dem Fremdenverkehr eine ökonomische Monostruktur entstanden. Diese Abhängigkeit von nur einem Wirtschaftsbereich beinhaltet ein hohes Risiko, besonders bei in starkem Maße an touristischen Infrastruktureinrichtungen orientierten Orten. Neue Trends oder ein geändertes Nachfrageverhalten können dazu führen, daß ein Ort nicht mehr den Interessen der Gäste entspricht und sich auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtete touristische Anlagen als Fehlinvestition erweisen. Für die Einheimischen hat eine wirtschaftliche Monostruktur vor allem auf dem Arbeitmarkt erhebliche negative Auswirkungen. Überschätzt werden zumeist die Auswirkungen des Tourismus auf den primären Beschäftigungseffekt in Pensionen, Hotels, Gaststätten usw. Viele Arbeitsplätze des Tourismusgewerbes im engeren Sinne werden an wenig qualifizierte Arbeitskräfte vergeben und sind nur saisonal begrenzt. Die Monostruktur mit wenig qualifizierten Arbeitskräften führt wiederum zur Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, die in der Region keine entsprechende Anstellung mehr finden.69 Die Nebenausgaben der Gäste und die sekundären Einkommenseffekte (Ausgaben der im Tourismus Beschäftigten, Einkauf von Vorleistungen) sowie Investitionen zum Bau und zur Renovierung touristischer Einrichtungen transferieren hingegen touristische Umsätze in andere Wirtschaftsbereiche und schaffen bzw. sichern damit qualitativ hochwertige Arbeitsplätze in Handel, Handwerk und im Dienstleistungsbereich.70 Die Region kann davon allerdings nicht profitieren, wenn Waren und Dienstleistungen überregional eingekauft werden. Ein weitere Problembereich ist die ungleiche Verteilung des finanziellen Nutzens aus dem Tourismus. Besonders bei Großprojekten im Massentourismus sind es zumeist auswärtige Investoren, die ihre finanziellen Mittel einbringen und entsprechenden Gewinn zurückfließen sehen wollen. "Wer zahlt, befiehlt!" gibt KRIPPENDORF 1984 vereinfacht das aus dieser Finanzierung entstandene Kräfteverhältnis wieder.71 HASSE weist nach, daß ein Großteil der Einkünfte aus Vermietungen auf eine kleine Gruppe von Bauunternehmern, Immobilienhändlern usw. entfällt, kleine Privatvermieter dagegen nur geringe Anteile erwirtschaften.72 Die touristische Entwicklung wird entsprechend fremdbestimmt, obendrein fließt der Gewinn nach außen ab. 69

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71 72

ELSASSER, H./LEIBUNDGUT, H. (1982): Touristische Monostrukturen - Probleme im schweizerischen Berggebiet. In: Geographische Rundschau 34, Heft 5. BÜRO FÜR TOURISMUS UND ERHOLUNGSPLANUNG (1995): Wirtschaftliche Effekte touristischer Entwicklungsstrategien, S. 29. KRIPPENDORF, J. (1984): Die Ferienmenschen, S. 102. HASSE, J. (1988): Tourismusbedingte Probleme im Raum. In: Geographie und Schule, Heft 53, S. 14/15


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Entwicklung von Ansätzen für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus

Die Verschärfung der aus dem Fremdenverkehr resultierenden Probleme und der wirtschaftliche Einbruch erster Tourismusmärkte als Folge der selbstzerstörerischen Wirkung des Massentourismus haben zum Entwurf einer alternativen Strategie geführt. Dabei haben sich unter dem Dach des Begriffs "sanfter Tourismus" eine ganze Reihe von Theorien entwickelt, die mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung einen umwelt- und sozialverträglich(er)en Tourismus anstreben. Die Diskussion über die inhaltlichen Positionen eines sanften Tourismus sind weiter im Fluß, die zahlreichen Definitionsversuche weisen auf die unterschiedlichen Fachrichtungen und Interessengruppen hin, die hier beteiligt sind. Die Probleme des Tourismus sind bereits seit langem Gegenstand der wissenschaftlichen Auseinandersetzung besonders in der Soziologie, anderen Sozialwissenschaften und der Geographie. Die Diskussion um Problemlösungen durch einen sanften Tourismus zielen in der Regel auf die Behebung von Auswirkungen des Tourismus und die Vermeidung neuer Schäden ab. Historisch läßt sich der Beginn einer umfassenderen theoretische Auseinandersetzung um Tourismus und Naturschutz in die sechziger Jahre zurückverfolgen. Im Auftrag des Oesterreichischen Gemeindebundes untersuchte BERNECKER Erholungsdörfer und Ruheorte und prägte 1967 den Begriff der "sanften Technik", die dem Menschen angepaßt sei und der Natur mit größtmöglicher Gewaltlosigkeit begegne.73 Der 21. Jahreskongreß der Interantionalen Vereinigung wissenschaftlicher Fremdenverkehrsexperten widmete sich 1971 dem Thema "Tourismus und Umweltprobleme".

73

BERNECKER, P. (1967): Untersuchung des Fremdenverkehrs in Erholungsdörfern und Ruheorten. In: Schriftenreihe der Oesterreichischen Gesellschaft für Raumforschung und Raumplanung, Bd. 6.


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Alternativer Tourismus Als eine "unsanfte Vorstufe" zum sanften Tourismus, entwickelte sich Mitte der siebziger Jahre der "alternative Tourismus". Der alternative Tourismus, auch als Rucksack- oder Turnschuhtourismus bezeichnet, entstand vor dem Hintergrund der ausklingenden Hippie- und Studentenbewegung. Diese Form des "Anders Reisens" setzte sie sich ab von den organisierten Angeboten des Pauschalurlaubs mit seinen künstlichen Ferienwelten und der Pseudo-Folklore. STEINECKE charakterisiert die alternativen Touristen dadurch, daß sie einen Blick hinter die Kulissen der touristischen Scheinwelt werfen und den authentischen Kontakt mit den Menschen des Zielgebiets suchten. Teils aus grundsätzlichen Erwägungen, teils wegen beschränkter finanzieller Mittel reisten sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln, übernachteten in privaten Quartieren, bevorzugten längere Aufenthalte, um Land und Leute besser kennenzulernen und strebten in bisher touristisch unerschlossene Gebiete. Diese in ihrer Sinnhaftigkeit zunächst einleuchtend und positiv erscheinenden Ziele und Verhaltensweisen wurden jedoch durch in einigen "Modegebieten" durch die Massenhaftigkeit des Auftretens dieser Reiseform in Frage gestellt. PANNENBECKER (1981) und STEINECKE (1986) kritisieren insbesondere: • Das Ziel, die Urlaubsgebiete des Massentourismus zu meiden, führte zu hoffnungslosen Überlastungen der jeweils gerade aktuellen alternativen Reiseziele, die in ihrer Ausstattung dem Ansturm nicht gewachsen waren, • Das vielfach rücksichtslose Durchsetzen des eigenen Lebensstils (z.B. Nacktbaden) verletzte häufig die Wert- und Moralvorstellungen der traditionellen Gesellschaften Südeuropas, • die traditionelle Gastfreundschaft in den Ländern Südeuropas wurde teilweise schamlos ausgebeutet und führte bis hin zu Fremdenhaß, • Es zeigte sich rasch, daß die stark von alternativem Tourismus besuchten Zielorte ähnlichen Veränderungen unterliegen wie die Ziele des Massentourismus, • Der alternative Tourismus wurde umgehend kommerzialisiert, indem alternative Reisebüros entstanden, spezifische Reiseführer veröffentlicht wurden und sich alternative Reiseausstatter etablierten. •

der alternative Tourismus übernahm oftmals die Rolle des Trendsetters. Vom Massentourismus bisher unberührte Orte wurden durch Reiseberichte/-führer einem breiten Publikum bekanntbemacht und fanden schließlich Eingang in die Kataloge der Reiseveranstalter.

STEINECKE sieht aus diesen Gründen im alternativen Tourismus keinen Lösungsansatz für die Probleme, die der Tourismus generell im Bereich von Gesellschaft, Kultur und Umwelt aufwirft.74 Der in erster Linie als didaktisches Konzept angelegte alternative Tourismus ist nicht in der Lage, den verschiedenen Interessen einer sinnvollen Fremdenverkehrsentwicklung gerecht zu werden.

74

STEINECKE, A. (1986): Reisen lernen - lernen durch Reisen. Anmerkungen zu einer Pädagogik des Reisens. In: Freizeitpädagogik, Heft 8/1986. S. 99-108


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Stiller Tourismus/Nicht-technisierter Tourismus Als eine der am stärksten vom Massentourismus betroffenen Regionen Europas brachte der Alpenraum Mitte der siebziger Jahren mit Jost KRIPPENDORF eine erste umfassende Tourismuskritik hervor, die sich vor allem gegen den technisierten Fremdenverkehr wendete und als Alternative einen "stillen, nicht technisierten Tourismus" propagierte. Seine oberste Zielsetzung für eine human- und umweltorientierte Tourismuspoltik lautet: "Gewährleistung einer optimalen Befriedigung der vielfältigen touristischen Bedürfnisse für Menschen aller Volksschichten im Rahmen leistungsfähiger Einrichtungen und in einer intakten Umwelt unter Berücksichtigung der ortsansässigen Bevölkerung."75 Nach der ersten Mobilisierung für ein neues Bewußtsein im Fremdenverkehr folgte HAIMAYER (1977) dem Ansatz KRIPPENDORFS und wendet sich gegen Über-Erschließungen mit den nachfolgenden Forderungen:76 • Konzentration des touristischen Angebots auf geeignete Räume, • Lenkung und Konzentration der Besucherströme durch freizeitorientierte Infrastruktur, • Schaffung von Freizeitinfrastrukturen, die zum Natur- und Landschaftsschutz beitragen sollen, • Bevorzugung nicht-technisierter/nicht-motorisierter Formen des Tourismus.

75 76

KRIPPENDORF (1975): Die Landschaftsfresser, S. 86. HAIMAYER (1977): Sind Tirols Umwelt und Landschaft durch Über-Erschließung bedroht? Vortrag im Rahmen der 25. Tiroler Dorftatgung vom 1.-3.9.1977 in Grillhof/Innsbruck.


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Sanftes Reisen/Sanfter Tourismus Die eigentliche Entstehung des Begriffs "Sanfter Tourismus/Sanftes Reisen" geht auf eine Veröffentlichung von Robert JUNGK aus dem Jahre 1980 zurück, in der dieser die Forderung nach einem "sanften" statt "harten Reisen" aufstellte und die Erscheinungsformen dieser konträren Reisekulturen einander gegenüberstellte. Die Darstellungsweise zeigt, daß die Idee des sanften Tourismus aus der Kritik am Massentourismus entstanden ist. Hartes Reisen Massentourismus Wenig Zeit Schnelle Verkehrsmittel Festes Programm Außengelenkt Importierter Lebensstil "Sehenswürdigkeiten" Bequem und passiv Wenig oder keine geistige Vorbereitung Keine Fremdsprache Überlegenheitsgefühl Einkaufen ("Shopping") Souvenirs Knipsen und Ansichtskarten Neugier Laut

Sanftes Reisen Einzel-, Familien- und Freundesreisen Viel Zeit Angemessene (auch langsame) Verkehrsmittel Spontane Entscheidung Innengelenkt Landesüblicher Lebensstil Erlebnisse Anstrengend und aktiv Vorherige Beschäftigung mit dem Besuchsland Sprachenlernen Lernfreude Geschenke bringen Erinnerungen, Aufzeichnungen, neue Erkenntnisse

Fotografieren, Zeichnen, Malen Takt Leise

Quelle: JUNGK, R. (1980): Wieviel Touristen pro Hektar Strand? aus GEO Heft 10/1980

Die schnelle Aneignung des "Sanften Tourismus" durch die Tourismusindustrie und eine "Inflation des Sanften" (z.B. Sanfte Technologie, Sanfte Energien, Sanfte Medizin, etc.) im Laufe der achtziger Jahre kritisiert Gerhard ARMANSKI: Was man nicht ändern könne, wolle man wenigstens anders benennen. Auch die vereinfachende Darstellung JUNGKs nimmt er aufs Korn. "Wie im didaktischen Einmaleins liste man auf einer Seite alles auf, was einen stört, und notiere auf der anderen Seite die wünschenswerten Gegenstücke. Da weiß man nun, was not tut, endlich ungestört von den Skrupeln der Frage nach den Quellen des Bösen. Wunderbar wie in der Buchhaltung werden aus Passiva mit eins Aktiva, ohne daß man sich groß darum zu kümmern braucht, wer die Wende eigentlich zustandebringen soll." 77 ROCHLITZ (1984) bezieht sich ebenfalls auf die Gegenüberstellungen JUNGKs und KRIPPENDORFs und betont, daß sanfter Tourismus mehr als nur ein vordergründiger Gegensatz zu "hart" sei: "Nämlich Ausdrucksform sich ändernder Grundeinstellungen zur menschlichen und gesellschaftlichen Existenz." Demzufolge geht es um minimale Eingriffe in Landschaft und Soziokultur sowie um maximale Erholung und wirtschaftliche Wertschöpfung bei gleicher Gewichtung aller vier Faktoren.78 77

ARMANSKI, G. (1986): Allewegs sanft. In: Sanfter Tourismus - ein Schlagwort mehr, Gruppe Neues Reisen, Band 17/18, S. 3-6. 78 ROCHLITZ, K.H. (1984): Das Virgental in Osttirol - Ein Modell für den sanften Tourismus. Diplomarbeit. Bochum.


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Mit der Konzeption erster Modellregionen und einer sich dem "sanften Tourismus" offiziell annähernden Tourismuspolitik fand die Diskussion einen ersten Niederschlag in Österreich und der Schweiz. Die internationale Alpenschutzkommission CIPRA definierte den Begriff des "sanften Tourismus" im Jahre 1984 wie folgt: "Die CIPRA versteht unter Sanftem Tourismus einen Gästeverkehr, der gegenseitiges Verständnis der Einheimischen und Gäste füreinander schafft, die kulturelle Eigenart des besuchten Gebietes nicht beeinträchtigt und der Land79 schaft mit größtmöglicher Gewaltlosigkeit begegnet." In der "Deklaration von Chur" stellte die CIPRA folgende Forderungen an einen sanften Tourismus: 1. Bei umweltrelevanten Planungen ist nach dem Grundsatz zu verfahren, "von, mit und für die örtliche Bevölkerung" (Partizipationsprinzip), 2. Das touristische Angebot in den Zielgebieten soll sich überwiegend auf die im Raum vorhandenen Ressourcen stützen (Nutzung des endogenen Entwicklungspotentials), 3. kein weiterer Ausbau der örtlichen und überörtlichen Verkehrsinfrastruktur für den Tourismus, 4. unerschlossene Landschaftsräume ohne ansässige Bevölkerung sind vor einer Erschließung zu bewahren, 5. Kontinuierliche Information und Motivation der Einheimischen und Gäste bezüglich der Vorteile von umwelt- und sozialverträglichen Erholungsreisen, 6. Schaffung von attraktiven Einrichtungen für die Tages- und Wochenenderholung in den Stadtregionen, damit der stark belastende Tagesausflugsverkehr verringert wird, 7. Verstärkung der Umwelterziehung, insbesondere in Fragen des Fremdenverkehrs und des Mobilitätsverhaltens, 8. Umschichtung von Fördermitteln zugunsten von Erholungsformen des "sanften Tourismus", 9. Aufstellen von Erholungsplanungen nur im Rahmen von kleinräumigen Landschaftskonzepten; Verzicht auf technische Großprojekte, Überwachung des Vollzugs ("Entwicklung in vielen kleinen Schritten").

Mehrere Aussagen im Forderungskatalog der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA werden von KLEMM/MENKE wie auch von BECKER kritisiert, da sie Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwider laufen. Einzelne Forderungen (Nr. 3 und 4) sind eng auf die Probleme des Alpenraumes bezogen und können auf die Situation in anderen Regionen nicht automatisch übertragen werden. In Bezug auf die geforderte intensive Bürgerbeteiligung wird ausgeblendet, das gerade die einheimische Bevölkerung Belastungen durch den Tourismus nicht zur Kenntnis nimmt oder nehmen will. Inbesondere die Gruppen, die im Ort vom Fremdenverkehr profitieren, verschließen sich den negativen Auswirkungen; gleichzeitig ist sie aber auch die tonangebende Gruppe der Einheimischen im Ort, wenn es um Entscheidungen im Tourismus geht. Die Forderung der CIPRA greift daher zu kurz und vermittelt den Eindruck, daß durch Bürgerentscheidungen Fehlentscheidungen im Sinne des sanften Tourismus zu verhindern seien. 79

CIPRA (1984): Deklaration von Chur. In: CIPRA (1984): Sanfter Tourismus. Vaduz.


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Der von der CIPRA vermittelte Eindruck, durch die Schaffung einer ausreichenden Zahl von Grün- und Erholungsanlagen könne der Kurzurlauber- und WochenendausflüglerVerkehr reduziert werden, ist kaum haltbar. BECKER/BUSCH (1980), MEUTER (1979) und SCHNELL (1977) 80weisen nach, daß für das Ausflugsverhalten primär sozioökonomische Strukturen ausschlaggebend sind und die Ausstattung des Wohnumfeldes nur indirekten Einfluß hat - eine nennenswerte Entlastung von Erholungsgebieten durch ein besseres Wohnumfeld findet entsprechend nicht statt. Nach ROCHLITZ ist sanfter Tourismus "ein von der Quantität her allenfalls mäßig ausgebildeter [...] Gästeverkehr, der bei distanzierter Integration des Gastes wirtschaftliche Vorteile für den Einheimischen und gegenseitiges Verständnis des Gastes und des Einheimischen füreinander schafft sowie weder die Landschaft noch die Soziokultur des besuchten Gebiets beeinträchtigt."81

80

81

BECKER, C./BUSCH, H. (1980): Das Freizeitverhalten der Bevölkerung des Umlandverbands Frankfurt/M. Eine empirische Untersuchung im Auftrag des UVF. Trier/Frankfurt. MEUTER, H. (1979): Ein Ansatz zur Typisierung von Wochenendausflügen auf der Basis von Freizeitaktivitäten. Materialien zur Fremdenverkehrsgeographie, Bd. 3. Trier. SCHNELL, P. (1977): Naherholungsraum und Naherholungsverhalten am Beispiel der Solitärstadt Münster. In: Spieker, Heft 25. S. 179-217. Münster. ROCHLITZ, K.H. (1988): Begriffsentwicklung und -diskussion des "sanften Tourismus". In: Freizeitpädagogik 10, Heft 3/4. S. 109


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Einfacher Tourismus Da der Begriff des "einfachen Tourismus" im Jahr 1983 mitten in die Diskussion um den sanften Tourismus fiel und auch inhaltlich gewisse Parallelen festzustellen sind, wird dieser Ansatz, der aus dem Bereich der Bundesraumordnung stammt, oftmals mit dem sanften Tourismus in Verbindung gebracht. MEINUNG entwickelte das Konzept des einfachen Tourismus vor dem Hintergrund rückläufiger Reiseintensität und sinkender Realeinkommen im Jahre1982 in Deutschland, was zur Sorge führte, ein erheblicher Teil der Bevölkerung könne gezwungen sein, aus finanziellen Gründen auf eine Urlaubsreise zu verzichten. Der Ansatz ist vor allem durch den Verzicht auf komfortable Unterkünfte und spezielle, kostspielige Fremdenverkehrseinrichtungen geprägt und wendet sich an bestimmte Nachfragergruppen, die für einen preiswerten, landschaftsbezogenen Urlaub zugänglich sind.82 Das Konzept lehnt sich damit an Ansätze aus den zwanziger Jahren während der Weltwirtschaftkrise und bei der Organisation der "KdF-Reisen" an, bei denen es ebenfalls um billigen Massentourismus, einfache Ausstattung, die Beschränkung auf touristisch unerschlossene Gebiete und das Meiden der Hochsaison ging.83 Das Konzept des einfachen Tourismus verfolgt damit folgende Ziele: • Es wird der Trend zu naturnaher, landschaftsbezogener Erholung berücksichtigt, • In erst schwach oder noch gar nicht für den Fremdenverkehr entwickelten Gebieten können sich zusätzliche Möglichkeiten für die regionale Wirtschaftsentwicklung ergeben, • Auslandsurlauber sollen für einen Urlaub innerhalb Deutschlands gewonnen werden. Die zunächst plausibel erscheinenden Ziele sind im Rückblick zu kritisieren, da die damaligen Trends dem Konzept bereits bei seiner Entwicklung vollkommen entgegen standen:84 • MEINUNG (1983) wies selbst auf das ständige Komfortstreben der Urlauber hin. Eher würde auf den Urlaub verzichtet, als daß ein Urlaub deutlich unter dem Komfortniveau unternommen würde. • Die Hoffnung, daß ein Teil der Auslandsaurlauber durch preisgünstigere Inlandsangebote gewonnen werden könnte, hat sich nicht bewahrheitet. Stattdessen ist der Anteil der Inlandsurlauber stetig weiter gesunken (von 41,6% im Jahr 1982 auf 32,8% im Jahr 1993). Die Breite des Auslandsmarktes und die Konkurrenz der Tourismusindustrie hat zu niedrigen Preisen im Ausland geführt, mit denen viele deutsche Anbieter nicht konkurrieren wollen und können. • Der stetige Bedeutungsverlust privater Quartiere, auf die der einfache Tourismus vornehmlich aufbauen sollte, war bereits 1983 absehbar und setzt sich weiter fort. Als

82

83 84

BECKER; C. (1983): Liegt eine sogenannte "einfache" Tourismusentwicklung im Interesse der Kommunen? In: Informationen zur Raumentwicklung, S. 61 SPODE (1982): Arbeiterurlaub im Dritten Reich. S. 307 ff. BECKER, C. (1988): Entwicklung und strukturelle Bedeutung neuer Formen des Tourismus. In: STORBECK, D. (1988): Moderner Tourismus, S. 599.


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Gründe sieht BECKER, daß der gebotene Komfort immer weniger Nachfragern zusagt 85 und weil die privaten Quartiere kaum über Reisebüros vermarktet werden. • Der Ansatz, neue Fremdenverkehrsorte in Deutschland zu erschließen war verfehlt, da eine Stagnation des inländischen Fremdenverkehr bereits spürbar war.

Einen "ganzheitlichen Problemlösungsansatz" im Sinne eines sozial- und umweltverträglichen Fremdenverkehrs hat HAIMAYER (1988) unter der Bezeichnung "intelligenter Tou86 rismus" vorgelegt. Die vorgebliche Ganzheitlichkeit bedeutet hier, daß alle Formen des Tourismus, einschließlich technisierter Erholungsformen, nebeneinander bestehen sollen. Sofern man dieses Konzept des "intelligenten Tourismus" überhaupt als Teil des Diskussion um den "Sanften Tourismus" auffassen mag, so ist der Ansatz zumindest zur Gruppe derer zu rechnen, die sanfte Tourismusformen als Nischenelement auf dem Fremdenverkehrsmarkt sehen und nicht als "ganzheitlichen" Lösungsansatz. MOSE kritisiert entsprechend, daß es nicht vorstellbar sei, "wie auf dieser Basis eines letzlich beliebigen Nebeneinanders Impulse im Hinblick auf die gezielte Entwicklung eines 'anderen', nämlich umwelt- und sozialverträglichen Freizeit- und Reiseverhaltens gesetzt werden sollen." MOSE fordert, daß ebendiese Ziele gefördert und andere Nutzungsformen begrenzt oder ausgeschlossen werden müssen.

"Sanfter Tourismus" als Bestandteil einer "eigenständigen Regionalentwicklung" Während der ursprüngliche Ansatz des "Sanften Tourismus" in Bezug auf die Ökonomie sich in erster Linie gegen die Fremdbestimmung durch auswärtige Investoren, das Abschöpfen des Gewinns durch eine kleine Gruppe von Geldgebern und Betreibern von Großprojekten sowie die Entstehung von wirtschaftlichen Monostrukturen wendete, wurde Mitte der achtziger Jahre durch die Einbeziehung des "Sanften Tourismus" in das Konzept einer "eigenständigen Regionalentwicklung" ein breiteres und tragfähigeres Fundament für einen umwelt- und sozialverträglichen Fremdenverkehr geschaffen. Im Ansatz einer eigenständigen Regionalentwicklung wird das Ziel verfolgt, die in der Region vorhandenen antropogenen und natürlichen Potentiale zu nutzen. Die Bewahrung und Weiterentwicklung der kulturellen Eigenart soll die Identität der Region schärfen und die Identifikation ihrer Bewohner mit der Heimat stärken. Damit verbunden ist der Anspruch, primär die Interessen der Einheimischen zu vertreten und statt eine musealisierte und folklorisierte Kultur eine Revitalisierung der Regionalkultur zu fördern. In der integrativen Verbindung der Konzepte "Sanfter Tourismus" und "eigenständige Regionalentwicklung" sieht MOSE (1989) die Perspektive, die touristische Entwicklung in Strategien einer eigenständigen Regionalentwicklung vor dem Hintergrund der ökonomischen Probleme ländlicher Räume einzubinden. MOSE sieht darin die Chance zur "Siche85

BECKER, C. (1988): Entwicklung und strukturelle Bedeutung neuer Formen des Tourismus. In: STORBECK, D. (1988): Moderner Tourismus, S. 600. 86 HAIMAYER, P. (1988): Intelligenter Tourismus - eine Chance für die Zukunft. S. 60)


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rung und Förderung der regionalen Entwicklungspotentiale, insbesondere in Landwirtschaft, Handwerk und Kleingewerbe, keine monostrukturelle Abhängigkeit von Tourismus, Innovationen für den Einsatz umweltfreundlicher Technologien, stärkeres Maß an Partizipation der regionalen Bevölkerung in Planungs- und Entscheidungsprozessen."87 KÜHN (1993), der sich in seiner Dissertation "Fremdenverkehr und Regionalentwicklung" in starkem Maße an der Tourismuskritik ENZENSBERGERs orientiert, sieht in der Erhaltung "regionstypischer Besonderheiten und Traditionen"88, die die eigenständige Regionalentwicklung propagiert, eine antimodernistische Position. Die regionalistischen Verfechter eines sanften Tourismus distanzierten sich vom industriell organisierten "modernen Massentourismus", der noch von Enzensberger mit den Begriffen "Normung", "Mon89 tage" und "Selbstfertigung" beschrieben wurde. KÜHN blendet dabei die Krise des Massentourismus aus, der gerade eben durch die Normierung und das Zerstören regionstypischer Besonderheiten ausgelöst wurde und die im Rahmen eines gesellschaftlichen Wertewandels Grundlage zur Entstehung des sanften Tourismus ist. Vielmehr ist in der Rückbeziehung auf traditionelle Elemente keine antimodernistische Tendenz zu sehen, sondern eine neue Phase der Modernisierung, die sich gerade durch die Überwindung des Widerspruchs zwischen Moderne und Tradition auszeichnet.90 Dabei werden nachmoderne Elemente der Tradition wieder inwertgesetzt, Moderne und Tradition schließen sich nicht aus, sondern treten in einer Kombination vorindustrieller und nachindustrieller Produktionsweisen und -techniken auf. Dabei werden traditionelle Werte wie Familiarismus, handwerkliche Qualifikationen, regionale Kulturen oder die Ästhetik der Landschaft als Standortfaktoren regional zur Grundlage einer nachmodernen Entwicklung.91

"Sanfter Tourismus" im Konzept der "nachhaltigen Entwicklung" Nachdem der "Sanfte Tourismus" integraler Bestandteil einer eigenständigen Regionalentwicklung wurde, erfuhr er eine erneute Wandlung mit dem Aufkommen des aus der Forstwirtschaft übernommenen Begriffs der "Nachhaltigkeit". Als Leitvorstellung wirtschaftlicher und somit auch fremdenverkehrswirtschaftlicher Entwicklung wurde "sustainable development" 1987 erstmals von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung im sogenannten Brundtland-Bericht formuliert. "Sustainable development" wird darin als "dauerhafte Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen" definiert. Ihre Umsetzung auf regionaler Ebene ist in der Agenda 21 als völkerrechtlich verbindliches Ziel festgehalten worden, doch eine eindeutige Formulierung wie "nachhaltige" oder "dauerhaft umweltgerechte Entwicklung" in der Praxis umgesetzt werden soll, fehlt. Ähnlich wie mit dem Begriff des "Sanften Tou87

MOSE (1989): Sanfter Tourismus - Alternative der Tourismusentwicklung. In: Sanfter Tourismus - Theorie und Praxis. Oesterreichischer Alpenverein, S. 17 f. 88 HAHNE, U. (1984): Ökologische Regionalentwicklung. Anmerkungen zu einer endogenen Entwicklung aus regionalökonomischer Sicht. In: Informationen zur Raumentwicklung, Heft 1/2. S. 59 89 KÜHN, M. (1993): Fremdenverkehr und regionale Entwicklung. S. 67 f. 90 IPSEN, D. (1990): Nachmoderne Perspektiven der Tradition. In: Schriftenreihe der Gesellschaft für Agrarpolitik und Agrarsoziologie, Bonn. 91 KÜHN, M. (1993): Fremdenverkehr und regionale Entwicklung. S. 26 f.


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rismus" besteht auch beim "sustainable development" die Gefahr, von Interessengruppen je nach Bedarf gedeutet zu werden. Auch die konsequente Umsetzbarkeit nachhaltiger Wirtschaftsabläufe bleibt zweifelhaft und sollte zu einem gezielteren Umgang mit dem Begriff führen. BUSCH&LÜTY (1992) definieren "Nachhaltigkeit" in Bezug auf die Regionalentwicklung wie folgt: 1. Eine "intelligente Einfügung menschlichen Wirtschaftens in die Funktionsabläufe der Natur", wodurch eine Abkehr vom antropozentrischen Anspruch auf Naturbeherrschung und eine Förderung endogener Potentiale zu erreichen ist. 2. Es muß eine Umkehr der Prioritäten erfolgen, wobei durch einen maßvollen Umgang mit vorhandenen Ressourcen der Naturerhalt an die Stelle des Wachstums tritt 3. Politik und Planung müssen langfristig orientiert sein 4. Nachhaltigkeit ist ganz wesentlich auch ein ethisches Prinzip, das vor allem aufgrund ihres nicht unbeträchtlichen Utopiegehalts eine Überzeugung der Verantwortlichen voraussetzt. Regionale Entwicklungskonzepte im Sinne des "sustainable developments" können als Instrument zum wirtschaftlichen Strukturwandel beitragen. Eine Einbindung des "Sanften Tourismus" in Konzepte einer nachhaltigen Regionalentwicklung mit definierten Leitprinzipien kann zur Sicherung der natürlichen Grundlagen beitragen und als Inhalt eines gesellschaftlichen Konsenses Basis für zukünftige Entscheidungen sein. Hierzu kann ein sozial- und umweltverträglicher Tourismus als Wirtschaftsfaktor einen Beitrag leisten. Auch zwanzig Jahre nach Aufkommen der Diskussion über ein "stilles Reisen" und "sanften Tourismus" hält die Diskussion weiter an und verknüpft sich mit hinzukommenden regionalpolitischen und globalen Ansätzen (eigenständige Regionalentwicklung, nachhaltige Entwicklung). Durch die sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und Positionen von Verbänden, durch die Vereinnahmung der Begrifflichkeiten durch die Tourismusindustrie ist es zu einer Fülle von Definitionsversuchen und Ansätzen gekommen, die die Zielrichtung des "sanften Tourismus" teilweise sehr unterschiedlich und widersprüchlich sehen. Inwieweit die Fülle der Begriffsschöpfungen hier der notwendigen Abgrenzung zu anderen Theorien oder zur persönlichen Profilierung beizutragen hatte, sei dahingestellt. Die Darstellung der Entwicklung des Begriffs "sanfter Tourismus" und seine Einordnung in der Diskussion zeigt, daß es sich beim sanften Tourismus weniger um eine Theorie mit feststehender Definition handelt, sondern eher um einen sich wandelnden Prozeß und mehr und mehr ein Segment in sich weiterentwickelnden Ansätzen zur Regionalentwicklung.


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Übersicht ausgewählter Begriffe zum Themenkreis "Sanfter Tourismus " stiller Tourismus nicht-technisierter Fremdenverkehr

sanftes Reisen schützende Fremdenverkehrsentwicklung naturnaher Tourismus alternativer Tourismus extensiver Tourismus stille Erholung naturorientierte Tourismusformen angepaßter Tourismus Tourismus und regionale Entwicklung sanfter Tourismus

umwelt- und sozialverträglicher Tourismus ökologisch orientierter Tourismus einfacher Tourismus 92 umweltfreundlicher Fremdenverkehr qualitativer Fremdenverkehr intelligenter Tourismus 93 schonender Tourismus aufgeklärter Tourismus reflexiver Tourismus nachhaltiger Tourismus nachhaltige Regionalentwicklung und Tourismus

Krippendorf, 1975 Krippendorf, 1975 Haimayer, 1977 Tschurtschenthaler, 1982 Jungk, 1980 ARGE Informationsgestaltung Tourismus, 1980 Falch, 1981 Dernoi, 1981 Dorner, 1981 Hausberg, 1982 Bernt, Domer, 1982 Krippendorf, 1982 Krippendorf/Messerli, 1982 Krippendorf, 1982 Oberkirchner, 1982 Haßlacher, 1982 Kramer, 1983 Hahne, 1984 Spiegler, 1984 Kramer, 1983 Infratest Industria, 1983 Becker, Meinung, 1983 Institut für höhere Studien, 1984 Fischer, 1985 Haimayer, 1988 Hasse/Schumacher, 1990 Krüger/Loda, 1992 Kühn, 1993 UNESCO-Weltkonferenz, 1995 Albrecht/Benthien/Bütow, 1995

(Quelle: eigene Zusammenstellung)

92

93

den Ansatz des "einfachen Tourismus" von MEINUNG/BECKER (1983) zählt MOSE (1989): Sanfter Tourismus. Theorie und Praxis. S. 126 zum Themenkreis "Sanfter Tourismus". Der Ansatz des "einfachen Tourismus" entspringt aber eher dem konjunkturellen Einbruch Anfang der achtziger Jahre und nicht der Ökologisierung von Teilen der Bevölkerung und dem Wertewandel, der zum Ansatz des sanften Tourismus geführt hat. inwieweit sich der Ansatz von HAIMAYER überhaupt in die Konzepte eines "Sanften Tourismus einordnen, bleibt weitgehend offen, da zentrale Fragestellungen in seinem Ansatz unbeantwortet bleiben (vgl. Kritik von MOSE (1992) in: Sanfter Tourismus konkret, S. 19 und MOSE, I. (1989) in: Sanfter Tourismus - Theorie und Praxis, S. 16)


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8.3

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Mögliche Konflikte und Widersprüche im Ansatz des "Sanften Tourismus"

In der Fülle der sehr unterschiedlichen Ansätze zum "Sanften Tourismus" ergeben sich zum Teil widersprechende Ansichten. Wichtige Konflikte und Fragestellungen im Ansatz des "Sanften Tourismus" sollen nachfolgend hervorgehoben werden.

Paradoxie eines "sanften Massentourismus" Ein weiterhin ungelöstes Problem ist im Verhältnis des "Sanften Tourismus" zum Massentourismus zu sehen. Die Forderungen z.B. HAIMAYERs (1977) nach Konzentration des touristischen Angebots decken sich kaum mit den auf Individualität und Kreativität gerichteten Zielen JUNGKs (1980) an den sanften Tourismus, nach individuellem Erleben des Einzelnen, Sinneserfahrungen, Entspannung und Ruhe zu streben, was in der Masse nicht erlebbar ist. KIRSTGES verweist denn auch auf eine Paradoxie eines "sanften Massentourismus". Das Umschwenken aller Reisenden auf Formen des sanften Tourismus hätte danach ebenso katastrophale Folgen, wie der konventionelle Massentourismus. Die Verurteilung von Pauschalreisenden als die "schlimmen" Touristen ist seiner Ansicht nach ein Fehlurteil; er verweist auf die Individualreisenden mit dem eigenen Pkw, Rucksackreisende in Entwicklungsländern oder in der freien Landschaft campierende Naturliebhaber.94 Sein Fazit lautet, daß sanfter Tourismus in Reinform angesichts der heutigen Reiseströme nicht realisierbar sei, sondern es insgesamt zu einer Ökologisierung des Massentourismus kommen müsse. Der sanfte Tourismus "in Reinform" habe als Nischenprodukt seine Berechtigung.95 KRIPPENDORF (1984) fordert dagegen, den Tourismus als Massenphänomen zu akzeptieren und zu bewältigen, in diesem Massendasein aber Positionen der Individualisierung und Humanisierung zu entwickeln.96 Er erteilt damit einem vermeintlichen "IndividualTourismus" und dem Zwang, immer originell sein zu müssen, stets neue Ziele anzupeilen, Aktivitäten auszutüfteln, Ferienformen zu erfinden und Sonderbarkeiten anzubieten eine klare Absage. Eine realistische Selbsteinschätzung als Tourist solle gewonnen werden. Statt auf das Reisen zu verzichten weisen KRIPPENDORF und andere mit der Forderung nach einer Humanisierung des Reisens in eine stärker an gesellschaftlichen Realitäten orientierte Richtung. Sie sehen zwar auch nach langen Diskussionen den Tourismus immer noch weitgehend auf Abwegen97, negieren aber nicht, daß Reisen auch als eine soziale Errungenschaft unserer Zeit zu sehen ist, in der es sich viele Menschen leisten können, andere Länder und Kulturen kennenzulernen. Nach GÜNTER ist eine Humanisierung des Reisens nötig, die sich daran orientieren sollte, "einige einfache Fähigkeiten zu entdecken und [zu] entwickeln, Neugier, Solidarität, Bescheidenheit in den Begegnungen mit dem Anderen, Wertschätzung von Wissen, Konzentration und Intensivierung. Reisen 94

vgl. auch KLEMM, K./MENKE, A. (1988): Sanfter Tourismus zwischen Theorie und Praxis. In: Fremdenverkehr und Regionalpolitik. S. 155 ff. 95 KIRSTGES, T. (1995): sanfter Tourismus, 2. Auflage, S. 73 f. 96 KRIPPENDORF (1984): Die Ferienmenschen, S. 181 f. 97 KRIPPENDORF (1984): Ebenda, S. 167 f.


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will gelernt sein - es benötigt Sozialisationsprozesse. Möglichkeiten vernünftig zu reisen, gibt es in Fülle, wenn man sich ein wenig Mühe macht, sie herauszufinden."98

Abgrenzung zwischen "hartem" und "sanftem Tourismus" Ein in vielen Veröffentlichungen angesprochener Konflikt ist der fließende Übergang von weichen zu harten Tourismusformen. In touristischen "Beginnergemeinden" ist die Erschließung in der Regel "sanft". Ohne festgelegte quantitative Entwicklungsgrenzen und inhaltliche Festlegungen besteht die Gefahr, das der sanfte Tourismus nur eine Vorform der harten Erschließung ist. Sanft erschlossene Tourismusregionen verflachen "zur Übergangsform auf dem Weg zum harten Tourismus."99 Gerade in der Fremdenverkehrswirtschaft habe qualitatives Wachstum immer auch quantitatives Wachstum zur Folge. Es besteht sogar die Gefahr, das in ökologisch empfindlichen Gebieten, die für eine harte touristische Erschließung ungeeignet sind, über vorgeblich "sanfte Tourismusformen" die Region marktfähig gemacht wird und die Tourismusindustrie "einen Fuß in die Tür bekommt". Der sanfte Tourismus dient dazu, die touristische Entwicklung zu initiieren, um dann durch eine Öffnung gegenüber harten Erschließungen auf den konventionellen Fremdenverkehr umzusteigen. Es fällt schwer, für einen touristisch völlig unerschlossenen Raum quantitative Entwicklungsgrenzen festzulegen und die Findung und Begründung eben dieser "Grenzwerte" transparent und überzeugend darzustellen. Während gesamtgesellschaftlich überall quantitatives Wachstum als Gradmesser des Erfolges herangezogen wird, soll eine sanfte Tourismusregion sich selbst begrenzen und andere Erfolgsmaßstäbe vermitteln. Die Forderung der CIPRA in ihrer Definition des sanften Tourismus, ständig bei allen am Fremdenverkehr Beteiligten für die Inhalte sanfter Tourismuskonzepte zu werben und diese zu diskutieren ist sicher dringend notwendig. Eine Verständigung aller Beteiligten über Kapazitätsobergrenzen hinsichtlich des Infrastrukturausbaus und der Übernachtungsrate wird nur durch eine vorausgehende, intensive Auseinandersetzung über die Folgen eines unbegrenzten Wachstums des Fremdenverkehrs gelingen. Das Wissen um den bei unkontrolliertem Wachstum sich selbst zerstörenden Tourismus muß von Hoteliers, Zimmerwirten, Gastronomen und Kommunalpolitikern verinnerlicht werden und dieses Wissen muß Entscheidungsgrundlage jeder touristischen Maßnahme sein. LODA weist auf die Interessenpluralität innerhalb einer Gemeinde hin, die es erschwert, konzeptionell und praktisch Konsens darüber zu erzielen, wie ökonomische Vorteile des Fremdenverkehrs dem Gros der lokalen Gemeinschaft erschlossen werden können.100

98

GÜNTER (1989): Reisen ohne anzukommen? Oder reisen, um zu bleiben? Tourismuskritik und eine Utopie: Kulturantropologisches Reisen. S. 96 99 ROCHLITZ, K.H. (1985): Sanfter Tourismus - mehr als eine Utopie? CIPRA-Schriften, Band 1, S. 266 100 LODA, M. (1990): Il dibattito sul turismo "alternativo" nei paesi di lingua tedesca. Instituto Interfacoltà di Geografia della Università di Firenze. In: MOSE (1992): Sanfter Tourismus konkret. S. 24.


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Entwicklung eines "Sanften Tourismus" auf Kosten der ortsansässigen Bevölkerung Ebenso wie touristische Großprojekte des Massentourismus als strukturpolitisches Allheilmittel angepriesen werden, werden von einigen Autoren auch die Ansprüche in der Einschätzung des sanften Tourismus als innovativer Pionierform stark überhöht. So ordnet HASSE sein Konzept eines "schonenden Tourismus" zwar als Element einer eigenständigen Regionalentwicklung ein, dennoch setzt er im Zuge seiner Tourismustheorie damit an, die negative ökonomische Situation vieler Regionen durch ihre periphere Lage und den Strukturwandel komplett umzudeuten und in einer völligen Ausrichtung seiner Bewertung auf den Tourismus die negativen Vorzeichen in positive umzudeuten: "... periphere Regionen, die bislang aufgrund ihrer Rand- und Problemlage als schwer entwicklungsfähig galten. An diesem Punkt kehrt sich die bislang bewährte Logik um und die Chiffren des Peripheren werden zum [positiven; Anm. d.V.] Standortfaktor. Die hier ansetzende touristische Entwicklung macht sich diesen neuen, sozialen Wert 'archaischer' Landschaft bewußt und erklärt die Schonung zum Paradigma des Nachdenkens über Entwicklung. Die endogenen Potentiale können als Folge ihrer verlangsamten Entwicklung zur Bedingung ihrer Umweltgestaltung werden, die sich tendenziell aus dem Sog der Zentren befreien und eigene Entscheidungs- und Durchsetzungskraft entfalten könnte."101 MOSE (1992) kritisiert, daß unter dem Postulat der "Schonung" als Voraussetzung des sanften Tourismus periphere Räume zu "Inseln elitärer Selbstverwirklichung postmaterialistisch geeichter Touristen" funktionalisiert werden sollen.102 Zwar ist zur Entwicklung eines (sanften) Tourismus unzweifelhaft regionale Unverwechselbarkeit Voraussetzung, diese sollte aber nicht zur Abkopplung peripherer Räume von den Zentren führen; eine solche Entwicklung ginge zu Lasten der ortsansässigen Bevölkerung. So kompensatorisch wichtig gegenüber dem Arbeits- und Alltagsleben der Urlauber vormoderne Denkund Handlungsmuster sanften Reisens gesehen werden, können sie doch in ihrem Reinheitsanspruch zu Lasten der Lebensqualität und dem Anspruch auf zeitgemäße Lebensverhältnisse der ortsansässigen Bevölkerung gehen.

101

HASSE (1991): ... und sie wenden sich ab - Zur Rekonstruktion des Mensch-Natur-Verhältnisses durch den Sanften Tourismus. In: Freizeitpädagogik 13, S. 51 f. 102 MOSE (1992): Sanfter Tourismus konkret, S. 21


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Umgang mit bisher touristisch unerschlossenen Regionen Im Umgang mit bisher touristisch unerschlossenen Gebieten ergeben sich erhebliche Widersprüche bei den verschiedenen Autoren, die Konzepte für einen natur- und sozialverträglichen Tourismus entwickeln. Hier lassen sich zwei unterschiedliche Strömungen erkennen: (a) Zum einen ist dies der Ansatz der Zonierung der Landschaft. Wie u.a. von der CIPRA vorgeschlagen sollen bisher unerschlossene Landschaftsräume ohne ortsansässige Bevölkerung vor einer Erschließung bewahrt bleiben und als sogenannte "Ruhezone" dienen. In den anderen Gebieten soll eine Entwicklung im Sinne des Sanften Tourismus möglich sein. Dieser Ansatz entspringt aus den flächenhaften Landschaftsbelastungen im eher dichter besiedelten Alpenraum, mit dem sich die CIPRA explizit beschäftigt. (b) Auf der anderen Seite steht der Ansatz KRIPPENDORFs, der eine dezentrale Entwicklung des Tourismus fordert.103 In die gleiche Richtung zielt MOSE, der zur ökonomischen Stabilisierung der Existenzfähigkeit strukturschwacher Randzonen einen Mindeststandard an moderner infrastruktureller Ausstattung verlangt. Ein solcher Mindeststandard ist als Anreiz und zur Absicherung selbst weich-endogener Entwicklungsstrategien zu fordern.104 Der Ansatz der CIPRA, bisher unbesiedelte Gebiete auch von einer sanften touristischen Erschließung auszunehmen, erscheint zu stark auf bereits erschlossene und von hartem Tourismus betroffene Regionen zugeschnitten zu sein und vernachlässigt die Probleme großräumig unbesiedelter, touristisch unerschlossener Gebiete. Vielmehr erschiene die Ausweisung von Ruhezonen in ökologisch sensiblen Bereichen sinnvoll, während in den restlichen Bereichen nichts gegen eine sanfte Erschließung spräche. Aus diesem Grund ist auch der Ansatz KLEMM/MENKEs abzulehnen, die vor der Erschließung weiterer Fremdenverkehrsgebiete - auch durch sanften Tourismus - warnt. Sie verweisen auf die negativen Erfahrungen mit dem "einfachen Tourismus" und setzen diesen faktisch mit sanftem Tourismus gleich. Der von KLEMM/MENKE geforderte "Erschließungsstop" neuer Fremdenverkehrsgebiete schneidet auch den an sanftem Tourismus interessierten Gemeinden die Entwicklungsperspektiven ab und ist gleichbedeutend mit einer Forderung nach Konzentration der Touristen auf die bestehenden Ziele. Da sich nach STRASDAS (siehe nachfolgend) in den bestehenden hart erschlossenen Zielgebieten der sanfte Tourismus nur als Nischenprodukt und gegen Widerstände durchsetzen kann, würde der Ansatz KLEMM/MENKEs die Entwicklung eines sanften Tourismus in erheblichem Maße behindern. Unbesiedelte Regionen auch von einer sanften Erschließung völlig ausschließen zu wollen, widerspricht dem Prinzip einer Nutzung der endogenen Potentiale. Für viele periphere Regionen ist gerade ein weiträumig unbesiedeltes Umfeld das regionale Potential. Eine

103 104

KRIPPENDORF, J. (1982): Die Ferienmenschen. S. 184 MOSE, I. (1992): Sanfter Tourismus konkret. S. 22.


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begrenzte, sanfte Erschließung unter Aussparung ökologisch sensibler Zonen gibt auch dünnbesiedelten Regionen die Chance einer sanften touristischen Entwicklung. Einen weiteren Ansatz, der das endogene, natürliche Potential einer bisher touristisch unerschlossenen Region völlig außer acht läßt, vertreten KLEMM/MENKE. Sie sind der Ansicht, daß sich weiche Fremdenverkehrsentwicklungen nur für Regionen eignen, in denen der Tourismus bereits Fuß gefaßt hat, weil attraktive Angebotsstrukturen vorhanden seien. Für nicht "attraktiv" ausgestattete Regionen sei für die Etablierung des Fremden105 verkehrs ein forcierter Infrastrukturausbau eine unerläßliche Voraussetzung. Sie negieren damit eine der Grundannahmen des sanften Tourismus, die davon ausgeht, daß die Fremdenverkehrsentwicklung ohne massive touristische Infrastruktur auskommen soll und dies vom sensiblen Urlauber akzeptiert wird. STRASDAS (1987) stellt fest, daß in der Realisierung sanfter Tourismusformen bereits "hart" erschlossene Zielgebiete und noch nicht oder wenig entwickelte Gebiete zusammenhängen. Sie sieht hier eine automatische Einnischung des sanften Tourismus in den noch nicht erschlossenen Gebieten, da in den hart erschlossenen Regionen Investitionen getätigt wurden und von Betreibern und Geldgebern Widerstand gegen einen Rückbau technisierter Infrastruktur und Kapazitäten geleistet wird, so daß der sanfte Tourismus in hart erschlossenen Gebieten kaum Fuß fassen kann. Deshalb verlagern sich die Bemühungen um die Etablierung sanfter Tourismusformen auf bisher ungenutzte räumliche "Nischen". Es kommt zu einem Nebeneinander von harter und sanfter Erschließung.106

105

KLEMM, K./MENKE, A. (1988): Sanfter Tourismus zwischen Theorie und Praxis. In: ARL (1988): Forschungs- und Sitzungsberichte Band 172. S. 162 ff. 106 STRASDAS, W. (1987): Der Sanfte Tourismus - Theorie und Praxis. Hannover. S. 46


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9.

LEITPRINZIPIEN FÜR DIE ENTWICKLUNG DES TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA

9.1

Fremdenverkehr ein unverwechselbares Profil geben

122

Grundlage des Profils der Gemeinde Kihelkonna sollte das vorhandene natürliche und antropogene Potential der Region sein. Dies sind vor allem • Ruhe und Abgeschiedenheit • attraktive Kultur- und Naturlandschaft ⇒ Vilsandi-Nationalpark und dessen Inselwelt ⇒ Küste mit Sandstränden und Kliffs ⇒ großflächig unzerschnittene und unbesiedelte Wälder ⇒ offene Wacholder-Weiden-Landschaft • attraktives Dorf Kihelkonna mit skandinavischem Flair Nach diesem Profil sollte sich (a) die weitere touristische Entwicklung der Gemeinde ausrichten und (b) die Werbung für die Kommune entsprechend gestaltet sein. Soweit die Kommune auf die Schaffung einer harten touristischen Infrastruktur verzichtet, ist es zur Entwicklung des Fremdenverkehrs notwendig, das endogene Potential zu erhalten bzw. dessen Merkmale herauszuarbeiten. Ein solches Profil könnte wie folgt aussehen:

Leitprinzipien für ein umwelt- und sozialverträgliches touristisches Profil der Gemeinde Kihelkonna

Landschaft

Ortscharakter

Wohnen

Essen und Trinken

• Schutz von Natur-

• Pflege und Erhaltung

• Urlaub auf dem Bau-

• Gaststätte/Restaurant

landschaften • Pflege und Entwikklung der Kulturlandschaft • Sanfte Erschließung touristisch tragfähiger Landschaftsbereiche

der typischen Bau-

ernhof

• regionale Speisen und

substanz/Elemente

• private Gästezimmer

• zukunftsweisende ö-

• kleines Hotel/Gasthof

• Verwendg./Einkaufs-

• Einrichtung im regio-

möglichkeit von lokal

kologische Bauweise/Sanierung • Nutzung regenerativer Energien

nalen Stil

Getränke

erzeugten Produkten • Angebot von Produkten aus biologischem Anbau


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Service und Information

Tourismusrelevante

• Informationen zur

• Radwanderwege

Landeskultur • Information über Sehenswürdigkeiten

Infrastruktur • Wanderwege

123

Verkehr • Optimierung des öffentlichen Verkehrs

• Profilierung im Ge-

• Kombination von

sundheitsbereich

Fahrrad/ÖPNV

durch NationalparkInfozentrum • natur-/regionalkundliche Führungen/ Vorträge

Ein umwelt- und sozialverträglicher Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna stützt sich primär auf das endogene Potential der Region. Landschaft, Ortscharakter und kulturelles Leben spielen hierbei die herausragende Rolle. Während der Massentourismus primär durch touristische Infrastruktur seine Gäste zu binden versucht, kommt es im sanften Tourismus darauf an, das Typische der Region zu bewahren und zu revitalisieren. Durch die Individualität der Regionalkultur ist ein auf lokale Potentiale aufbauender Fremdenverkehr kaum einem Konkurrenzkampf wie im Massentourismus ausgesetzt, bei dem die Angebote uniform und austauschbar sind. Die regionale Kultur soll gefördert werden, ohne sie für den Tourismus in folkloristischer Form zu inszenieren. Bevorzugt wird von der Zielgruppe der sensiblen Touristen vor allem ein historischer, "ursprünglicher", von der modernen Gesellschaft noch nicht geprägter Charakter. Indem sich der umwelt- und sozialverträgliche Fremdenverkehr als ein Element einer eigenständigen, nachhaltigen Regionalentwicklung der Gemeinde Kihelkonna einfügt, trägt er zu einer verstärkten Nachfrage nach regionalem Charakter, Handwerk, Produkten usw. bei und dient damit primär der Festigung der Existenzgrundlage und qualitativen Verbesserung der Lebensansprüche der Einheimischen.

9.2

Planung und Tourismuspolitik der Kommune neu ausrichten

Zentrale Voraussetzung für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna ist die Einsicht, daß die Tourismuspolitik sich nicht allein nach wirtschaftlichen und technischen Zweckmäßigkeiten ausrichtet, sondern sich bei allen Entscheidungen die Frage nach den Bedürfnissen primär der Einheimischen (aber auch der Gäste) und der Forderung nach einer intakten Umwelt stellt. Für Kihelkonna sollte in der Politik erkennbar sein, daß sich die Gemeinde in Richtung eines "Sanften Tourismus" entwickelt. Es geht darum, durch kleine Schritte in diese Richtung Fakten zu schaffen und gleichzeitig einen Bewußtseinswandel voranzutreiben, um dann mit Hilfe des veränderten Bewußtseins den nächsten kleinen Schritt tun zu können.107

107

EPPLER, E. (1981): Wege aus der Gefahr. Hamburg. S. 147


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124

Einheimische in Planungen einbeziehen und mitbestimmen lassen Aufgegriffen werden soll als Leitprinzip für die touristische Entwicklung in der Gemeinde Kihelkonna die Forderung der CIPRA nach einer Planung "von, mit und für die ortsansässige Bevölkerung".108 Dabei ist zu berücksichtigen, daß das Partizipationsprinzip für die Bürger von Kihelkonna eine Neuerung ist, die wahrscheinlich eine Ermutigung vieler BürgerInnen voraussetzt, sich mit ihrer Meinung in den Planungsprozeß einzubringen. Ebenfalls notwendig ist eine breit angelegte Informationsarbeit über die Ziele einer umweltund sozialverträglichen Tourismusentwicklung. Da ein Teil der Bevölkerung möglicherweise Hoffnungen auf eine positive wirtschaftliche Entwicklung durch harte touristische Erschließung des Ortes knüpfen, ist eine Diskussion über die Folgen des Massentourismus auf Umwelt und dörfliche Gemeinschaft sinnvoll.

Kontrolle über Grund und Boden in einheimischen Händen behalten Zur Etablierung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus sollte die Kommune als Leitprinzip verfolgen, die Verfügungsgewalt über den Boden und damit auch die Entscheidungsfreiheit über dessen Nutzung zu behalten. Dabei handelt es sich um eines der zentralen Steuerungselemente, das einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, eine Entwicklung in eine "harte" Tourismusrichtung zu verhindern.

Zweitwohnsitze vermeiden Zweitwohnsitze haben den Nachteil, daß sie die meiste Zeit des Jahres leerstehen und oftmals ausschließlich vom Besitzer genutzt werden. Je nach Entfernung zum Erstwohnsitz und Situation des Eigentümers sind es oft nur wenige Tage im Jahr, die ein Zweitwohnsitz tatsächlich bewohnt wird. Leerstehende Zweitwohnsitze sind mit einem großen Flächenverbrauch verbunden, der in keinem Verhältnis zum Nutzen für die Gemeinde steht. Sie zwingen die Gemeinden, ihre Entsorgungseinrichtungen auf Spitzenauslastungen einzurichten, der nur kurzzeitig auftritt und belasten damit das kommunale Haushaltsbudget in einem Maße, das durch die Steuereinnahmen aus solchen Objekten nicht ausgeglichen wird. Zudem fördern sie zum Nachteil der Einheimischen und insbesondere der Landwirtschaft die Bodenspekulation und den Anstieg des Bodenpreises. Lediglich die Bauwirtschaft hat Interesse an dieser Form des Fremdenverkehrs.

108

siehe auch Kapitel 8.1 (Ökonomische Ungleichgewichte und Abhängigkeiten)


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

9.3

125

Landschaft schützen

Die Weiträumigkeit, der unzersiedelte Charakter und das Nichtvorhandensein störender Nutzungen prägt die Landschaft in der Gemeinde Kihelkonna. ROMEISS-STRACKE stellt fest, daß es weniger touristische Infrastruktureinrichtungen sind, die Gäste anziehen, sondern es vielmehr das natürliche Potential eines Ortes ist, seine Landschaft und sein Ortscharakter, die den Ausschlag für die Wahl des Ferienortes geben.109 In dieser Beziehung besitzt die Gemeinde Kihelkonna hervorragende Voraussetzungen, die durch entsprechende Maßnahmen zu erhalten sind. Kihelkonna verfügt weiträumig über eine Landschaft, die von besonderer ökologischer und kulturhistorischer Bedeutung und von höchstem allgemeinem Interesse ist und die deshalb schutzwürdig ist. Sie sollten daher in ihrer Schönheit und Eigenart erhalten bleiben und jedem frei zugänglich sein, soweit Gründe des Naturschutzes dem nicht entgegenstehen. In reizvollen Gegenden ist aber die Gefahr groß, daß Landschaft zum Genußobjekt von Reichen und Privilegierten wird und der Rest der Bevölkerung davon ausgeschlossen werden soll. Es ist daher ein Ziel, diese Landschaft vor Überbauung und Abriegelung zu bewahren. Der Schutz der Landschaft vor Übernutzung, Überbauung und Zersiedlung und der ungehinderte Zugang zur Landschaft sollten daher ein Leitprinzip der gemeindlichen Entwicklung sein.

109

ROMEISS-STRACKE (1989): Neues Denken im Tourismus. München. S. 14


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

9.4

126

Regionale Wirtschaftskraft stärken

Als Leitprinzip für die Entwicklung des Tourismus in Kihelkonna sollte beachtet werden, daß die ökonomische Bedeutung touristischer Umsätze, die Wertschöpfung für die Gemeinde und positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt umso größer sind, je mehr Vorleistungen des Tourismusgewerbes innerhalb der Kommune eingekauft werden.110 Daß bedeutet, je mehr Materialien und Dienstleistungen die Tourismuswirtschaft in der Gemeinde/Region einkauft, umso größer ist die Wertschöpfung am Tourismus in der Region - die Einnahmen aus dem Tourismus bleiben in der Region und fließen nicht für Vorleistungen ab. Wenn die Vorleistungen und Investitionen für den Tourismus in der eigenen Gemeinde/Region getätigt werden, so wirkt sich dies positiv auf die örtliche Wirtschaftskraft und den Arbeitsmarkt aus. In Bezug auf den Arbeitsmarkt kommt dem touristischen Randgewerbe und den Zulieferern eine großer Bedeutung zu, da hier im Gegensatz zum Beherbergungs- und Gaststättengewerbe hochwertige Arbeitsplätze im Handwerk und Handel geschaffen bzw. gesichert werden.

Ortsansässiges Gewerbe durch regionsspezifischen Stil fördern Auf das örtliche Gewerbe besonders positiv wirkt sich eine Tourismusstruktur aus, die einem regionaltypischen Stil verpflichtet ist, so wie dies für die Gemeinde Kihelkonna empfohlen wird. Prägt das Regionaltypische das touristische Angebot, so kommen das Tourismusgewerbe im engeren Sinne (z.B. Herbergen) und das ergänzende Tourismusgewerbe (z.B. Restaurants) gar nicht umhin, überwiegend in der Region einzukaufen. Die besonderen, regionstypischen Grundstoffe, Materialien und Verarbeitungskenntnisse sind in der Regel überregional nicht erhältlich.

9.5

Landwirtschaft fördern

Die Landwirtschaft stellt heute in der Gemeinde Kihelkonna den wichtigsten Wirtschaftsfaktor dar (siehe Kapitel 4.3 und 5). Zwar liegen keine genauen Daten über die Wertschöpfung und die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft vor, sie trägt aber besonders in Erwerbskombinationen zur Existenzsicherung der ortsansässigen Bevölkerung wesentlich bei. Zur Vermeidung einer touristischen Monostruktur sollte der Bereich der Landwirtschaft im Sinne einer eigenständigen, nachhaltigen Regionalentwicklung erhalten und gestärkt werden. Eine gestärkte bäuerliche Landwirtschaft ist in der Lage, die Pflege der Kulturlandschaft zu betreiben und damit u.a. die charakteristischen Wacholderweiden zu erhalten, die das touristische Bild der Insel prägen.

110

dies ist selbstverständlich nicht für alle Arten von Vorleistungen möglich


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

9.6

127

Infrastruktur und Verkehr optimieren

Verzicht auf technisierte touristische Infrastruktur Als Leitprinzip zur Entwicklung der touristischen Infrastruktur wird eine nicht-technisierte, "motorlose" Erholung angeregt, die sich auf ruhige, sportliche und erlebnisreiche Erholungsformen bezieht. Ein technisierter Tourismus ist zumeist mit hohem Aufwand an finanziellen Mitteln, einem großen Energieverbrauch und landschaftlichen Beeinträchtigungen verbunden und paßt sich deshalb nicht zu den anderen touristischen Leitprinzipein der Gemeinde Kihelkonna. Ökologisch sensible Bereiche sollten von infrastrukturellen Erschließungen frei bleiben. In keinem Fall soll die Bereitstellung einer touristischen Infrastruktur zu einer künstlichen Kulisse für den Urlaub oder einer "Möblierung der Landschaft" führen, die den direkt erfahrbaren Charakter einer Region und damit ihre Faszination zunichte machen würde.

Nutzbarkeit von Infrastruktur für Einheimische und Feriengäste Bei der Schaffung touristischer Infrastruktureinrichtungen insbesondere aus öffentlichen Mitteln ist daher darauf zu achten, daß diese Einrichtungen dauerhaft auch für Einheimische nutzbar sind bzw. die ortsansässige Bevölkerung Interesse an der Schaffung touristischer Einrichtungen hat und in die Planung mit einbezogen wird. Art und Gestaltung sowie der Betrieb touristischer Infrastruktureinrichtungen sollen sich an den Bedürfnissen von Einheimischen und Urlaubern gleichermaßen ausrichten. Touristische Infrastruktureinrichtungen wie z.B. Schwimmbäder oder verbesserte Verkehrsanbindungen stehen auch der einheimischen Bevölkerung in Orten zur Verfügung, die wegen ihrer geringen Größe oder Finanzkraft ohne den Fremdenverkehr nicht zur Unterhaltung einer solchen Infrastruktur in der Lage wären. Der Tourismus hat insofern in vielen Fremdenverkehrsorten zu einer Verbesserung der Infrastruktur geführt. Allerdings sind viele Fremdenverkehrseinrichtungen mit erheblichen Investitionen und finanziellen Risiken für die Gemeinden verbunden und stehen oftmals nur während der Urlaubszeit zur Verfügung, da außerhalb der Saison ein wirtschaftlicher Betrieb nicht aufrecht zu erhalten ist.

Öffentlichen Verkehr fördern Eine zu große Zahl von mit dem eigenen Pkw anreisenden Urlaubern kann eine Urlaubsregion entwerten und völlig unattraktiv machen. Da besonders Ruhe und Naturnähe zu den Stärken Kihelkonnas gehört, sollte die Entwicklung des Pkw-Anteils bei der Anreise der Gäste verfolgt werden. Zur Stärkung des umweltbewußten Images der Gemeinde Kihelkonna wird als Leitprinzip angeregt, die Angebote des öffentlichen Verkehrs schrittweise zu optimieren.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

128

10.

PLANERISCHE INSTRUMENTE ZUR UMSETZUNG EINES UMWELT-UND SOZIALVERTRÄGLICHEN TOURISMUS IN DER GEMEINDE KIHELKONNA

10.1

Gremium aller am Tourismus Beteiligten

In der Gemeinde Kihelkonna wird die Entwicklung des Tourismus bisher nicht nach einem Gesamtkonzept betrieben, daß als Orientierungspunkt zur Verfügung steht. Es fehlt an einem gemeinsamen Bewußtsein, an einem von allen akzeptierten Bild darüber, wo die eigentlichen touristischen Qualitäten liegen und worauf die eigene "touristische Kultur" aufbauen könnte. Über die Zusammensetzung der Gäste bestehen keine ausreichenden Informationen, die Zielgruppen des eigenen Angebots für die Zukunft sind nicht definiert. Jeder denkt zunächst nur an seinen eigenen Nutzen innerhalb seines Bereichs (Zimmervermieter, Einzelhändler, Landwirt, etc.) Deshalb sollten alle Beteiligten, die am Gesamtkomplex "Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna" mitwirken (siehe auch Kapitel 7.4) eine enge Verbindung zwischen allen sieben Bausteinen des Tourismus in der Gemeinde herstellen. Die enge Verflechtung der Bausteine und die gegenseitige Beeinflussung muß bewußt werden und durch ein gemeinsames Gremium könnten die Entwicklungsperspektiven des Fremdenverkehrs in Kihelkonna abgesteckt werden. Ein solches Gremium soll Mut machen, Ideen zu diskutieren, Fronten abzubauen und miteinander zu reden.

10.2

Integrierte Bauleit-, Landschafts- und Fremdenverkehrsplanung

Ein zentrales Leitprinzip eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus ist es, den Fremdenverkehr in landschaftsverträglicher Weise zu gestalten. Als Grundlage dazu bedarf es zunächst einer Erfassung und Bewertung der landschaftlichen Potentiale durch die Landschaftsplanung. Diese Arbeit ist wiederum für die am Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna Beteiligten (Arbeitskreis o.ä.) oder Fremdenverkehrsplaner nicht unbedingt eindeutig interpretierbar, so daß erst eine interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Fremdenverkehrsplanung und Landschaftsplanung unter Einbeziehung der Einheimischen zu konkreten, anwendungsorientierten Ergebnissen führt. Der/die LandschaftsplanerIn steht als Partner einer Abstimmung über die Ziele zur Verfügung. Dabei bildet die Ermittlung der Tragfähigkeit des Landschaftshaushalts bezüglich aktueller oder geplanter touristischer Nutzung eine zentrale Information der Landschaftsplanung an die Fremdenverkehrsplanung. In der Gemeinde Kihelkonna kann hier besonders die Nationalparkverwaltung des Vilsandi-Nationalparks wertvolle Hinweise geben, in welchen Bereichen eine touristische Erschließung möglich bzw. wegen ökologischer Beeinträchtigungen abzulehnen wäre.111 Für die unterschiedlichen naturbezogenen Erholungsformen hat die Landschaftsplanung unterschiedliche Aufgaben wahrzunehmen. Für die ruhige Erholung in der Landschaft sind entsprechende Angebote zu sichern und zu entwickeln, sowie Erschließungsgrenzen festzusetzen. Beeinträchtigungen durch andere Nutzungen oder auch landschaftsschädigende Freizeitaktivitäten können durch planerische Vorgaben z.T. ver111

Leider war die Nationalparkverwaltung mir gegenüber nicht bereit, Daten oder Hinweise zur Ermittlung für den Tourismus geeigneter oder ungeeigneter Bereiche zur Verfügung zu stellen.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

129

mieden werden. Dabei beantwortet die Landschaftsplanung vor allem die Fragen "Wo ist es erholsam, wo ist es schön, wo ist Besonderes erlebbar?" grundlegend und für Einhei112 mische und Gäste gleichermaßen. Der Touristiker stellt die Beziehung her zwischen dem natürlichen Angebot und den Ansprüchen bestimmter Nachfragegruppen. Um im Bereich der Akzeptanz und des Vollzuges einer solchen Planung Erfolg zu haben, sollten auch die touristischen Akteure Kihelkonnas mit in die Planung einbezogen werden. Die insgesamt erarbeiteten Vorstellungen werden dann von der Landschaftsplanung auf ihre Umweltverträglichkeit hin überprüft. An dieser Stelle ist dann ein Kompromiß möglich oder es muß eine qualifizierte politische Entscheidung getroffen werden. Der Vorteil einer integrierten Bearbeitung besteht darin, daß die Zusammenarbeit den gemeinsamen Kompromiß ermöglicht. Ebenfalls mit in einen integrierten Planungsansatz gehört die Bauleitplanung. Hier können Widersprüche, die durch die Überbauung besonders für die Erholung geeigneter Bereiche diskutiert oder der Standort geplanter gewerblicher Ansiedlungen erörtert werden.

Raumordnerische Maßnahmen zum Schutz von Natur und Landschaft Auf der Suche nach Möglichkeiten zur Verringerung des Konfliktpotentials zwischen Tourismus und Umwelt kommen selbst Fremdenverkehrsökonomen mittlerweile zu dem Schluß, "daß Raumordnung der relativ beste Weg zu sein scheint, [...] solange der Markt tendenziell zu irreversiblen [negativen; Anm. d.V.] Entwicklungen führt."113 Durch entsprechende raumordnerische Maßnahmen besteht die Möglichkeit, Bereiche, die eine hohe touristische Tragfähigkeit aufweisen als Entwicklungs- und Erholungszone auszuweisen und empfindliche Räume mit einer geringen ökologischen Kapazität bzw. touristischen Tragfähigkeit durch entsprechende Maßnahmen und Gebietsausweisungen vor touristischen Belastungen zu schützen. Planungsinstrumente der Landesplanung bzw. Raumordnung haben erst 1995 Eingang in die estnische Gesetzgebung gefunden. Aus der touristischen Tragfähigkeit der Landschaft und den Leitprinzipien zur touristischen Entwicklung der Gemeinde Kihelkonna wurde eine Zonierung des Gemeindegebiets in vier Kategorien entwickelt (siehe Karte 5). Sie kann zur Flächennutzungsplanung oder bei anstehenden Entscheidungen zur touristischen Entwicklung herangezogen werden. (1) Entwicklungszone Bei Entwicklungszonen handelt es sich um bereits erschlossene Bereiche wie Dörfer und Weiler, die durch die Anwesenheit ortsansässiger Einheimischer zumindest über einen gewissen infrastrukturellen Mindeststandard verfügt. Die Zone zeichnet sich nicht durch ökologisch besonders empfindliche Bereiche aus und ist daher zu einer

112

HARFST, W. /SCHARPF, H. /WIRTZ, S. (1994): Landschaftsplanung und Fremdenverkehrsplanung. S. 113 113 TSCHURTSCHENTHALER, P. (1986): Das Landschaftsproblem im Fremdenverkehr dargestellt anhand der Situation des Alpenraumes. Eine ökonomische Analyse. Bern/Stuttgart. S. 346 f.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

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eingeschränkten touristischen Entwicklung geeignet. Dabei ist als limitierender Faktor die Einstellung der Ortsansässigen zum Fremdenverkehr zu beachten.

(2) Erholungszone Bei der Erholungszone handelt es sich um Gebiete außerhalb geschlossener Siedlungen, die sich wegen ihrer naturräumlichen Ausstattung und ihrer ökologischen Tragfähigkeit für den Tourismus für sanfte Freizeit- und Erholungsformen eignet. Limitierender Faktor ist die ökologische Tragfähigkeit, die bei einer zu großen Zahl von Touristen auch bei der Ausübung "sanfter" Erholungsformen überschritten werden kann. Die für Besucher zur Verfügung stehende Fläche (auch als Freiraum- oder Aufnahmekapazität bezeichnet114) soll durch extensive, "sanfte" Erschließungsmaßnahmen für den Fremdenverkehr nutzbar gemacht werden.

(3) Ruhezone Bei Ruhezonen handelt es sich um großräumige Gebiete, die weitgehend unerschlossen sind und/oder die wegen der Anwesenheit seltener oder störungsempfindlicher Arten auch für eine "sanfte" touristische Erschließung nicht geeignet sind. Zielsetzung ist die Erhaltung von Ruhezonen für Fauna und Flora und die Erhaltung unerschlossener Gebiete um ihrer selbst Willen. Die Ruhezone soll damit nicht den Charakter eines Totalreservates besitzen, das nicht betreten werden darf, die Anwesenheit von Touristen soll aber auch nicht durch eine Erschließung gefördert werden. Ruhezonen oder Teile derselben eignen sich besonders für die Ausweisung als Naturreservat im Sinne des Estnischen Gesetzes über Geschützte Naturobjekte (siehe Kapitel 6.2).

(4) Sanierungszone Eine Sanierungszone umfaßt Gebiete, in der die Naturgüter durch militärische oder zivile Nutzung in Mitleidenschaft gezogen worden sind oder das Landschaftsbild zerstört oder beeinträchtigt worden ist. In der Gemeinde Kihelkonna betrifft dies in erster Linie ehemalige Militär-Komplexe, die nun dem Verfall preisgegeben sind. Ein weiterer Sanierungsbereich umfaßt landwirtschaftliche Produktionsanlagen, die aus der Nutzung genommen worden sind und heute weder landwirtschaftlich noch für andere Zwecke verwendet werden können. Dritter Wiederherstellungskomplex sind wilde Müllabladeplätze bzw. offiziell zugelassene, aber ungesicherte Deponien.

114

BEZZOLA, A. (1975): Probleme der Eignung und der Aufnahmekapazität touristischer Bergregionen der Schweiz. In: St. Gallener Beiträge zum Fremdenverkehr und zur Verkehrswirtschaft. Reihe Fremdenverkehr, Band 7. Bern.


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131

Abbildung 56: Östlich von Kap Undva im Norden der Tagamõisa-Halbinsel wurde die Landschaft durch militärische Nutzung in Mitleidenschaft gezogen.

Integrierte Bauleitplanung für Kihelkonna-Dorf Die Ausarbeitung einer Integrierten Bauleitplanung für das Dorf Kihelkonna, die Ziele und Landschafts- und Fremdenverkehrsplanung einschließt, könnte dazu beitragen, möglichen Konflikten zwischen den Ansprüchen nach Modernisierung und der Erhaltung des traditionellen Ortsbildes und der für die Erholung wertvollen Grünbereiche zu begegnen. Angeregt wird die Abgrenzung von vier Planungsbereichen, die zur Erhaltung des historischen Ortsbildes und der Grünbereiche, zur Weiterentwicklung der Bebauung nach zeitgenössischen Ansprüchen und zur Sanierung von Mängelbereichen im Ortsbild (siehe Karte 6) beitragen sollen. Die Zonierung ist aus der Art der bestehenden Bebauung bzw. den bestehenden Grünbereichen entwickelt worden. (1) Entwicklungszone Bei der Entwicklungszone handelt es sich um bebaute Bereiche und Flächen, die für eine potentielle Siedlungserweiterung in Frage kommen, in der die Bebauung nach den üblichen Vorschriften des Estnischen "Gesetzes der Planung und des Bauens"115 ohne besondere Vorgaben an die Gestaltung oder die Wahl von Materialien. Die Entwicklungszonen dienen insbesondere dem Wohnen, der Unterbringung landwirtschaftlicher Wirtschaftsstellen und von nicht wesentlich störenden Gewerbebetrieben sowie der Versorgung der Bewohner des Gebiets dienenden Handels- und Handwerksbetrieben. Bei der in der Entwicklungszone liegenden, bereits bestehenden Bebauung im Dorf Kihelkonna handelt es sich um die Einfamilienhaussiedlung und die Kleinbauernsiedlung aus den achtziger Jahren an der Hannuse-Straße östlich der Oja-Straße sowie um die Bebauung an der Pargi-Straße.

115

ESTNISCHE REICHSKANZLEI (1995): "Das Gesetz der Planung und des Bauens", angenommen am 14. Juni 1995. In: Estlands Baumarkt 1996. S. 80-99.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

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(2) Erhaltungszone Bei der Erhaltungszone handelt es sich um bebaute Bereiche und Restflächen (Baulücken), in der die bestehende Bausubstanz überwiegend von einer traditionellen Bauweise und Materialwahl geprägt ist. Im Sinne einer eigenständigen Regionalentwicklung und einer erfolgversprechenden Tourismusentwicklung wäre es wünschenswert, wenn die in der Erhaltungszone wohnenden Einheimischen durch Informationsund Diskussionsveranstaltungen für das Ziel gewonnen werden könnten, in der Erhaltungszone das Ortsbild in seinem traditionellen Erscheinungsbild zu bewahren. Für den Fremdenverkehr ist es von Bedeutung, daß das Ortsbild nicht durch industriell gefertigte Bauteile und anonyme Gebäude geprägt ist, sondern der heute noch vorherrschende skandinavische Charakter Kihelkonnas weiterhin das Profil des Ortes ausmacht. Innerhalb der Erhaltungszone sollte daher die bestehende Bebauung in Bauweise, Materialwahl und den einzelnen Bauteilen in der traditionellen, handwerklichen Form erhalten bleiben. Renovierungen und Neubauten innerhalb der Erhaltungszone sollen sich nach den Inhalten einer Satzung richten, die die Gemeinde erlassen kann und die die typischen Merkmale der dörflichen Architektur Kihelkonnas berücksichtigt (Geschossigkeit, Holzbauweise, Dachneigung und -eindeckung, Fenstergröße und aufteilung, Farbigkeit der Fassaden, Einfriedungen, etc.) Die Erhaltungszone dient insbesondere dem Wohnen, Einzelhandelsbetrieben, Schank- und Speisewirtschaften sowie Betrieben des Beherbergungsgewerbes, Anlagen für die örtliche Verwaltung sowie für kirchliche, soziale, gesundheitliche und sportliche Zwecke, nicht störendem Gewerbe sowie der Versorgung der Bewohner dienenden Handwerksbetrieben.

(3) Sanierungszone Im Ortsbild des Dorfs Kihelkonna fallen einige wenige Gebäudekomplexe in ihrer Bauweise, Proportion und Materialwahl vollkommen aus dem sonstigen baulichen Kontext und wirken entsprechend als Fremdkörper im Ortsbild. Diese Bereiche können als Sanierungszone ausgewiesen werden, um durch bauliche und gestalterische Verbesserungsmaßnahmen eine Anpassung ans Ortbild zu erreichen. Ansätze hierzu könnte ein Architekten-Wettbewerb aufzeigen. Schwerpunkte könnten Bauen mit regionalen Materialien unter Berücksichtigung der typischen architektonischen Merkmale sowie die Einbeziehung von Methoden des ökologischen Bauens sein (Materialwahl, Energieeinsparung, Nutzung erneuerbarer Energien und nachwachsender Rohstoffe).

(4) Erholungszone Bei der Erholungszone handelt es sich um weitgehend unbebaute Grünbereiche, die sich für die Erholung von Einheimischen und Gästen in hervorragender Weise eignen. Diese Flächen vermitteln wegen ihres landschaftlichen Reizes eine positives Naturerlebnis und prägen mit ihrem typischen Charakter den innerörtlichen Grünbereich des Dorfes Kihelkonna. Als Erholungszonen vorgeschlagen werden der Glockenturm-Bereich und angrenzende Flächen westlich der Straße nach Papissaare sowie Flächen entlang des Dorfbaches. Diese sind nur zum Teil zugänglich. Eine Erhaltung, d.h. Nicht-Bebauung der Erho-


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133

lungszonen und die Pflege des Landschaftsbildes erscheint für eine erfolgreiche touristische Entwicklung der Gemeinde von großer Bedeutung.

10.3

Dezentrale Konzentration des Tourismus

In der Gemeinde Kihelkonna erscheint es sinnvoll, Entwicklungsmaßnahmen nicht auf einen schmalen Küstenstreifen oder das Dorf Kihelkonna mit seinem traditionellen Ortsbild zu konzentrieren, sondern das gesamte Gemeindegebiet, soweit es eine ausreichende touristische Tragfähigkeit aufweist, in die Planungen mit einzubeziehen. Dies soll davor schützen, daß es durch eine Konzentration der Gäste zu Überlastungserscheinungen durch den Tourismus kommt. Bisher kann in der Gemeinde nicht von einer Konzentration der Beherbergungsbetriebe oder sonstiger touristischer Einrichtungen gesprochen werden; vielmehr sind diese über das ganze Gemeindegebiet verteilt. Als Leitprinzip der gemeindlichen Entwicklung sollte eine dezentrale Konzentration touristischer Einrichtungen betrieben werden. Dies meint eine Konzentration auf bereits bestehende Dörfer und Weiler in der Gemeinde, gemäß der CIPRA-Forderung nach einer touristischen Entwicklung nur in bereits bestehenden, von ortsansässiger Bevölkerung bewohnten Orten zu vollziehen. Eine Unterbringung von Feriengästen in bestehenden Siedlungen ist nicht nur aus Gründen des Landschaftsschutzes zu bevorzugen, sie ermöglicht selbst über unverbindliche und zufällige Kontakte mit der lokalen Bevölkerung die Möglichkeit zu einer Kommunikation und vermittelt den Urlaubern das Gefühl, "in das Dorfgeschehen integriert" zu sein.116

116

KRÜGER; R. /LODA, M. (1992): Sanfter Tourismus als Entwicklungsschance für das Pisaer Hügelland (Toscana)? In: MOSE, I. (1992): Sanfter Tourismus konkret. Oldenburg. S. 47


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

11.

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NACHFRAGE NACH "SANFTEM TOURISMUS", ZIELGRUPPENBESTIMMUNG UND EINORDNUNG IN EIN MARKTSEGMENT

Nachfrage Eine wichtige Entscheidungsgrundlage für Gemeinden, die eine touristische Entwicklung im Sinne des sanften Tourismus anstreben, ist die Frage, wie sich die Nachfrage nach Angeboten sanfter Erholungsformen entwickeln wird. Sanfter Tourismus wird sich kaum als Mode erweisen, sondern sich als festes Element mit steigender Tendenz auf dem Tourismusmarkt behaupten. Als Beleg für diese These sei auf den Wertewandel in den westlichen Staaten verwiesen, der zum Nachdenken über den Massentourismus und zur Entstehung des sanften Tourismus geführt hat. Da 60% der Gäste aus westlichen Staaten stammen (siehe Auswertung der Interviews mit den Ferienquartieren in Kapitel 7.3), ist der Wertewandel in diesen Ländern auch bei der Tourismusplanung in der Gemeinde Kihelkonna zu berücksichtigen. Zur Einschätzung der Nachfrage nach sanften Tourismusformen bei den Esten können nur allgemeine Einschätzungen abgegeben werden, da Daten über die Einstellung der Esten zum Thema "Tourismus, Freizeit und Umwelt" bisher nicht erhoben wurden. Aus zahlreichen Gesprächen in der Gemeinde Kihelkonna wurde aber deutlich, daß sich auch die im peripheren ländlichen Raum lebenden Menschen der möglichen Konflikte mit den Tourismus bewußt sind und sich mit den Chancen und Risiken des Fremdenverkehrs kritisch auseinandersetzen. Als allgemeiner Trend, der für eine positive Einstellung der Esten zum sanften Tourismus spricht, ist der hohe Stellenwert des Umweltschutzes in der Republik Estland. Eine Sensibilisierung vieler Esten für die Belange des Umweltschutzes hat spätestens in den achtziger Jahren stattgefunden, als die Sowjetunion großflächig den Phosphorit-Abbau bei Tallinn ausweiten wollte. Die mitgliederstarken Ökologiegruppen waren eine der tragenden Säulen der Unabhängigkeitsbewegung. MOSE verweist allerdings darauf, daß auch Angebote des sanften Tourismus keineswegs sofort bzw. überall auf eine deutlich gesteigerte Nachfrage treffen und diese in der Folge auch Schwankungen unterworfen ist.117 Seine Bewertung, nach der diese Schwankungen der Strategie des sanften Tourismus entsprächen, da es dem sanften Tourismus primär um qualitative und nicht allein um quantitative Veränderung geht, ist aber sehr theoretischer Natur. Da ein Anbieter im konventionellen wie im sanften Tourismus an einer (wirtschaftlichen) Auslastung seines Angebotes interessiert sein muß, um die Unterhaltung bzw. die Investitionskosten zu finanzieren oder den finanziellen Ertrag (auch wenn es sich beim Tourismus nur um Zuerwerb handelt) für seinen Lebensunterhalt einplanen muß, wird MOSES Einschätzung hier kaum auf Zustimmung stoßen. Wichtigstes Ziel ist eine langfristige Stabilisierung eines bestimmten Nachfrageniveaus. Bei entsprechender Breite des Angebots im Marktsegment "Sanfter Tourismus" kann dies über auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtete Angebote stattfinden. Notwendig sind fer-

117

MOSE, I. (1988): Sanfter Tourismus im Nationalpark Hohe Tauern. Probleme und Perspektiven - am Beispiel des Oberen Oberpinzgau. S. 72 ff.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

135

ner ein hohes Qualitätsniveau und entsprechende Werbemaßnahmen für alternative Reiseformen.

Zielgruppenbestimmung und Marktsegmentierung Die gezielte touristische Entwicklung einer Gemeinde orientiert sich in der Regel an bestimmten Zielgruppen, die als potentielle Gäste anvisiert werden. Dabei bestehen drei un118 terschiedliche Ansätze zur Bestimmung einer Zielgruppe: • nach soziodemographischen Merkmalen, • nach touristischen Verhaltensweisen, • nach den Erwartungshaltungen bestimmter Gästegruppen. Da der letztere Untersuchungsansatz mit erheblichen Erhebungsproblemen verbunden ist, wird auf eine Marktsegmentierung nach Urlaubserwartungen an dieser Stelle verzichtet.

Zielgruppenbestimmung nach touristischen Verhaltensweisen Bei der Marktsegmentierung nach touristischen Verhaltensweisen werden als Kriterium der Abgrenzung bestimmte nachfragerelevante Verhaltensweisen der Touristen benutzt. Die Entwicklung von Ansätzen für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus hat erkennen lassen, daß mit einem "sanften" Fremdenverkehr z.B. bestimmte Urlaubsaktivitäten (anlagegebundene, technisierte Sportarten, etc.) nicht vereinbar sind. Auch im Hinblick auf andere touristische Verhaltensmerkmale sind bestimmte Eigenschaften Voraussetzung, damit die Realisierung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus gelingt. Zur Etablierung eines "sanften" touristischen Angebots werden daher weniger bestimmte Zielgruppen anvisiert, sondern diese leiten sich eher aus Verhaltensmerkmalen ab, die mit einem sanften Tourismus vereinbar sind. Die aus diesen Verhaltensmustern abgeleiteten Zielgruppen lassen sich dann hinsichtlich bestimmter Merkmale, über ihre spezifischen touristischen Verhaltensweisen hinaus, differenziert weiter beschreiben. Im Hinblick auf die touristischen Verhaltensmerkmale wird angeregt, zur Entwicklung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna primär die dargestellten Zielgruppen anzusprechen, da sich diese mit den Zielen eines "sanften" Fremdenverkehrs decken.

118

DATZER (1981): Ein Überblick über Ansätze der psychologischen und sozialpsychologischen Tourismusforschung. In: Reisemotive - Länderimages - Urlaubsverhalten. Herausgegeben vom Studienkreis für Tourismus. Starnberg. S. 7-39.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

Touristisches Verhaltensmerkmal Organisationsform

Verkehrsmittel

Unterkunftsart

Urlaubsaktivitäten

136

Zielgruppe • Individual-Touristen • privat organisierte Kleingruppen • organisierte, naturkundlich interessierte Gruppen • Anreise nach Estland mit der Fähre/Bahn • Anreise nach Kihelkonna mit öffentlichen Verkehrsmitteln • Urlaub auf dem Bauernhof • Private Zimmer • (kleine/s Pension/Hotel)* • familiäre Atmosphäre • Erholungsurlaub (Abschalten, Lesen) • Natur-Urlaub (Wandern, Radfahren) • Bildungsurlaub (Sprachkurse, Museen) • geselliges Beisammensein

*) existiert bisher im Angebot der Gemeinde Kihelkonna nicht

Anregungen für die Festlegung einer soziodemographischen Zielgruppe Untersuchungen der derzeitigen Gästestruktur nach soziodemographischen Merkmalen (Alter, Familienstand, Bildung, Beruf, Einkommen) haben bisher nicht stattgefunden und konnten wegen der geringen Zahl von Gästen, die in der Gemeinde während des relativ kurzen Untersuchungszeitraumes (Ende Juli bis Anfang September) angetroffen wurden, nicht repräsentativ ausgewertet werden. Die Tourismusforschung hat nachgewiesen, daß bestimmte Urlaubserwartungen und touristische Verhaltensweisen in den soziodemographischen Zielgruppen überdurchschnittlich stark ausgeprägt sind; sie können deshalb für bestimmte Zielgruppen als typisch betrachtet werden.119 Über die soziodemographischen Daten hinaus wäre bei der derzeitigen Gästestruktur vor allem von Interesse, aus welchen Gründen die Gemeinde Kihelkonna aufgesucht wird und welche Stärken und Schwächen die Gäste im touristischen Angebot Kihelkonnas sehen. Im Hinblick auf Urlaubserwartungen, Interessen und Verhaltensweisen kann die Abgrenzung von Zielgruppen nicht zu einer vergleichbaren Klarheit kommen wie hinsichtlich des soziodemographischen Merkmals. Die unzureichende Abgrenzungsmöglichkeit der Zielgruppe beinhaltet daher das Risiko von Streuungsverlusten bei der Entwicklung eines solchen Zielgruppenprofils. Die nachfolgende soziodemographische Zielgruppenbestimmung kann daher nur eine grobe Einordnung von in Frage kommenden Zielgruppen sein. Aufgrund der Einfachheit und der Nachvollziehbarkeit bietet sich eine solche Darstellung aber an. Als Anregung für die soziodemographische Struktur der Zielgruppe für die Gemeinde Kihelkonna wird folgendes Profil entworfen:

119

STEINECKE, A. (1988): Urlaubserwartungen und Urlaubertypen - Möglichkeiten und Probleme der soziologischen und psychologischen Zielgruppenbestimmung und Marktsegmentierung. In: STORBECK, D. (1988): Moderner Tourismus. S. 329


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

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Soziodemographisches Merkmal

Zielgruppe

Alter

Erwachsene (ab 30 Jahre) Senioren Alleinreisende Paare Freunde und Kleingruppen Familien mit Kindern Naturinteressierte Geschichtsinteressierte Lehrer* Studenten* weitere Berufsgruppen mittel bis gehoben Estland Mittel- und Nordeuropa ausgewanderte Esten (insb. USA/Kanada)

Familienstand

Bildung Beruf

Einkommen Herkunftsland

*) nach KRÜGER/LODA die einzigen Berufsgruppen, bei denen eine besonders ausgeprägte Präferenz für sanften Tourismus festgestellt wurde.

Begründung für das entworfene Profil Die Zielgruppe der unter Dreißigjährigen (außer Studenten) kommt nach STEINECKE aus mehreren Gründen weniger in Betracht: (a) bevorzugt diese Zielgruppe südeuropäische Reiseziele und Fernreisen, (b) diese Gruppe fragt zum Teil günstige Quartiere nach (Campingplätze, Jugendherbergen), die in der Gemeinde Kihelkonna nicht vorhanden sind und wegen ihrer geringeren Wertschöpfung und Konflikten mit dem Ziel einer ruhigen und naturnahen Erholung sowie gegensätzlichen Interessen zu anderen Zielgruppen auch nicht angeregt werden. (c) ist die Gruppe der unter Dreißigjährigen in stärkerem Maße erlebnis- und konsumorientiert; diese Nachfrage kann die Gemeinde Kihelkonna kaum befriedigen. Es wird daher die Gruppe der über Dreißigjährigen sowie Senioren als Zielgruppe vorgeschlagen. Sie passen zum ruhigen, auf Natur, Kultur und Familie ausgerichteten Angebot der Gemeinde Kihelkonna. Die Senioren werden als Zielgruppe vorgeschlagen, da sie in stärkerem Maße Angebote zur Verbesserung der Gesundheit wahrnehmen, deren Ausbau für Kihelkonna angeregt wird. In Bezug auf den Familienstand wird ein breites Spektrum abgedeckt; die Gruppe der Alleinreisenden wird als Zielgruppe angeregt, weil diese in besonderem Maße an Bildungsurlaub Interesse haben (wozu die Gemeinde Kihelkonna gute Voraussetzungen bietet) und sich die Zielgruppe auch mit bereits genannten anderen Zielen verbindet: Alleinreisende sind zumeist älter (1/3 der Alleinreisenden ist älter als 60 Jahre), unternehmen Gesundheits-Urlaube und suchen besonders nach Geselligkeit (die sich bei den Anbietern von "Urlaub auf dem Bauernhof" schnell einstellt). Aus ebendiesem Grund werden auch Kleingruppen als potentielle Zielgruppe eines Kihelkonna-Urlaubs angesehen; die drei


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

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bestehenden "Urlaub auf dem Bauernhof"-Anbieter bieten ideale Voraussetzungen, um sich als kleine Gruppe auf dem Hof wohlzufühlen und sich ganz aufeinander konzentrieren zu können, ohne daß noch eine große Zahl anderer Gäste im gleichen Quartier untergebracht ist. Die Gruppe der Familien mit Kindern findet auf diesen Höfen ebenfalls sehr gute Voraussetzungen: Die Bauernhöfe bieten mit ihrer ruhigen Lage, den Kindern der Vermieter als Spielkameraden und den Tieren ein ideales Umfeld für einen für die Kinder erlebnisreichen Urlaub. Die Gruppe der Paare ohne Kind wurde vor dem Hintergrund als Zielgruppe benannt, weil diese bereits heute die Angebote besonders stark nutzen (siehe Auswertung der Ferienquartier-Interviews in Kapitel 7.3). Hier wäre noch einmal genauer zu untersuchen, welchen besonderen Reiz das Angebot in Kihelkonna für Paare ohner Kinder hat (Ruhe/Zurückgezogenheit?) Das Bildungsniveau beeinflußt im allgemeinen Wunschvorstellungen und Verhaltensweisen der Urlauber. Bei einem eher niedrigen Bildungsniveau ist eher das konventionelle Muster des Badeurlaubs, bei mittlerem und höherem Bildungsniveau dagegen eine gehobenes/alternatives/ (kulturelles) anspruchsvolleres Urlaubsmuster zu erkennen, wobei die mittlere Gruppe eine besonders "sanfte" Einstellung aufweist. Dem Motiv "sich bilden" kommt z.B. nur bei mittlerem und oberem Bildungsniveau eine Bedeutung zu. Das Bildungsniveau hat auch Auswirkungen auf die Aktivitäten der Urlauber: "Besichtigung von Museen und Ausstellungen" spielt besonders in der gehobenen Bildungsgruppe eine Rolle.120 Mit dem für die Gemeinde Kihelkonna vorgeschlagenen Ausbau von Angeboten, die sich vor allem auf die Natur (Nationalpark-Informationszentrum, Aufbau eines Rad- und Wanderwegenetzes, Vogelbeobachtung, etc.) und die kulturhistorischen Potentiale der Gemeinde stützen (Kunstmuseum, Dokumentationszentrum zur Sowjet-Besatzungszeit, historische Bausubstanz, etc.), soll eine dem entsprechende Bildungs-Zielgruppe angesprochen werden. Die als Zielgruppen genannten Berufe ergeben sich überwiegend aus den soziodemographischen Zielgruppen-Merkmalen Bildung und Einkommen; eine Untersuchung zum Finnland-Urlaub ergab, das überdurchschnittlich viele Finnland-Urlauber diesen Berufsgrup121 pen angehören. Wegen der Ähnlichkeit von Finnland und Estland als Reiseziel erscheint es zulässig, hier Parallelen zu ziehen. Das als Zielgruppe genannte mittlere bis gehobene Einkommen ergibt sich aus dem bestehenden Angebot in der Gemeinde Kihelkonna, das auf besonders günstige Quartiere verzichtet. Die Einkommens-Zielgruppe deckt sich auch mit der anvisierten Berufs-Zielgruppe und der Preislage der angebotenen Ferienquartiere. KRÜGER/LODA sehen in der Höhe des Einkommens keinen Zusammenhang mit dem Urlaubsverhalten: Vielmehr sei der Grad des bewußten Urlaubsverhaltens viel stärker von der Einstellung zum sanften Tourismus als von der tatsächlichen Einkommenslage abhängig.122

120

KRÜGER, R./LODA, M. (1992): Sanfter Tourismus als Entwicklungschance für das Pisaer Hügelland (Toscana)? In: MOSE, I. (1992): Sanfter Tourismus konkret. S. 54 121 STEINGRUBE, W. (1992): Der bundesdeutsche Finnland-Tourismus - Eine motiv- und verhaltensanalytische Reiseroutenuntersuchung. Frankfurter Geographische Hefte, Bd. 61. Frankfurt/M. 122 KRÜGER, R./LODA, M. (1992): Sanfter Tourismus als Entwicklungschance für das Pisaer Hügelland (Toscana)? In: MOSE, I. (1992): Sanfter Tourismus konkret. S. 55


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Die hier erfolgte Kombination von soziodemographischen Eigenschaften und touristischen Verhaltensmerkmalen kann nur ein schemenhaftes Bild von der für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus anvisierten Zielgruppe für die Gemeinde Kihelkonna skizzieren. Eine vertiefte Untersuchung zu diesem Thema, die vor allem auch soziodemographische Merkmale der Esten, die bisher ca. 40% der Gäste stellen, berücksichtigen, sind für die Einordnung in ein Marktsegment und die Entwicklung von Werbestrategien Voraussetzung.


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12.

EINZELMASSNAHMEN

12.1

Entwicklung eines Fahrrad-Rundwanderweges

140

Bestandsaufnahme und Bewertung des bestehenden Straßen- und Wegenetzes Das Gemeindegebiet von Kihelkonna eignet sich wegen der landschaftlichen Vielfalt und dem flachen Relief in hervorragender Weise zum Fahrradfahren. Angeregt wird daher die Entwicklung eines Fahrrad-Rundwanderweges, der landschaftlich reizvolle Gebiete, kulturhistorisch interessante und touristische Infrastruktureinrichtungen miteinander verbindet. Die Gemeinde soll mit dem Rad "er-fahrbar" werden und den Gästen gute Einblicksmöglichkeiten in die örtliche Kultur, Geschichte und das Alttagsleben geben. Wichtig für die Anlage eines solchen Rundwanderweges sind 1. die Wegeführung 2. die Wegebeschaffenheit 3. Störungsfreiheit und Sicherheit Der Fahrrad-Rundwanderweg wurde nach folgendem Fragenkatalog erarbeitet: • Welche Straßen für den öffentlichen Verkehr eignen sich auch für die Mitnutzung von Radfahrern? • Welche land- und forstwirtschaftlichen Wege sind vorhanden und welche von diesen Wegen sind als Radwege nutzbar? • Wie dicht ist das Netz von Straßen und land-/forstwirtschaftlichen Wegen in der Gemeinde Kihelkonna ? • Welche landschaftlichen Bereiche eignen sich besonders für eine Erschließung mit einem Fahrrad-Rundwanderweg? • Welche Sehenswürdigkeiten eignen sich als Ziele bzw. Stationen eines Fahrrad-Rundwanderweges? • Wo bestehen bereits Ausflugslokale oder Cafés? • Wo befinden sich attraktive Sichtbeziehungen oder Aussichtspunkte, die durch einen Radweg zu erschließen sind? • Welche Angebote der sonstigen Freizeitinfrastruktur in der Gemeinde lassen sich sinnvoll mit einem Fahrrad-Rundwanderweg verbinden? • Welche Bereiche scheiden für eine Erschließung durch einen Fahrradweg wegen nicht ausreichender ökologischer Tragfähigkeit aus?

Verfolgt die Gemeinde Kihelkonna die Anlage eines solchen Radwanderweges weiter, so wäre es sinnvoll, neben einem Landschaftsplaner und dem Fremdenverkehrsverband von Saaremaa auch den Nationalpark und interessierte Bürger (Hobby-Geschichtskundler, Lehrer, Biologen usw.) in die Planung einzubeziehen und über das Projekt insgesamt das Interesse der Bevölkerung an der touristischen Entwicklung der Gemeinde zu wecken.


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Nutzung bestehender Straßen für den Fahrrad-Verkehr Das bestehende Straßennetz in der Gemeinde Kihelkonna eignet sich nur bedingt für die Nutzung mit dem Fahrrad. Wegen des sehr geringen Autoverkehrs und der guten Fahrbahnbeschaffenheit sind die asphaltierten Straßen in der Gemeinde gut zum Radfahren geeignet; dies sind in einigen Abschnitten die Landstraßen P 96 und P 97 sowie die Straßen im Dorf Kihelkonna. Da die Landstraßen sehr breit ausgebaut wurden und überwiegend schnurgerade durch die Landschaft verlaufen, ist der subjektive Erlebniswert dieser Strecken wegen der monotonen Straßenführung gering. Für die Einbindung in ein Radwegekonzept eignen sie sich daher nur als Lückenschluß zwischen anderen, geeigneteren Wegeabschnitten. Vollkommen ungeeignet sind die geschotterten Landstraßen wie die P 96 zwischen Kihelkonna-Dorf und Pidula oder die P 97 nach Kurevere. Der grobe Schotter und die vom Straßenhobel verursachten Wellen im Unterbau machen das Radfahren auf diesen Abschnitten fast unmöglich.

Nutzung land- und forstwirtschaftlicher Wege für den Fahrrad-Verkehr In der Gemeinde Kihelkonna besteht ein grobes Netz land- und forstwirtschaftlicher Wege. Diese Wege sind nicht mit einem Unterbau oder Belag versehen worden, so daß man mit dem Fahrrad überwiegend sehr gut auf dem ebenen Waldboden fahren kann. Probleme ergeben sich nur bei vielen Baumwurzeln oder sandigen Wegabschnitten (z.B. in den Kiefernwäldern). Grundsätzlich sind diese Wege aber gut für die Nutzung als Radwege geeignet. Wegen der bisher geringen Nutzung durch Radfahrer ist eine Verbesserung des Fahrkomforts durch wegebauliche Maßnahmen nicht sinnvoll. Wegen der extensiven land- und forstwirtschaftlichen Nutzung ist nicht damit zu rechnen, daß sich Land- und Forstwirtschaft und Radfahrer gegenseitig in der Nutzung der Wege beeinträchtigen.

Bau neuer Wege für den Fahrradverkehr Der Bau neuer Wege und Trassen für den Fahrradverkehr ist zur Entwicklung eines Fahrrad-Rundwanderweges nicht notwendig. Auch Radwege haben eine biotopzerschneidende Wirkung und führen bei einer Erschließung bisher menschenleerer Räume zu Beeinträchtigungen. Die finanziellen Mittel der Gemeinde Kihelkonna werden auf absehbare Zeit ohnehin Baumaßnahmen dieser Art nicht ermöglichen.


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Infrastruktur Beschilderung Für das Wohlbefinden des Gastes und eine angenehme Nutzung eines FahrradRundwanderweges ist es wichtig, daß Hilfen zur Orientierung vorhanden sind. Diese könnten in Form von • Wegweisern, • Wegemarkierungen und • Übersichtstafeln gestaltet werden. Im Sinne einer eigenständigen Regionalentwicklung wäre es sinnvoll, wenn diese Schilder und Tafeln in einer für Saaremaa typischen Form (z.B. aus Wacholderholz) in einer örtlichen Schreinerei hergestellt würden. Für die Beschilderung wird die Entwicklung eines "Logos" empfohlen, das für den "Kihelkonna-FahrradRundwanderweg" steht. Bei Erfolg des Weges bietet sich an, weitere Rundwanderwege, z.B. nach Themen zu entwickeln, die dann ein anderes Erkennungszeichen erhalten.

Panoramatafeln Als Orientierungshilfe an wichtigen Wegegabelungen oder an möglichen Ausgangspunkten für den Fahrrad-Rundwanderweg (Kihelkonna-Dorf) können einheitlich gestaltete Panorama-Tafeln einen Beitrag zur Orientierung der Radfahrer leisten. Darauf angebildet sein sollte neben dem Radweg und den Stationen der Tour (Sehenswürdigkeiten und landschaftlich besonders bemerkenswerte Bereiche) auch das übrige Wegenetz der Gemeinde.

Rastplätze An schönen Aussichtspunkten bietet sich die Einrichtung von Rastplätzen an. Tische und Bänke ermöglichen es den Radlern, für eine Weile bequem Pause zu machen und die Landschaft zu genießen. Zum Abstellen der Räder können Fahrradbalken aus Holz aufgestellt werden, falls keine alternativen Anlehnmöglichkeiten vor Ort vorhanden sind. Für die Herstellung der Sitzmöbel sollten wie für die Beschilderung lokale Handwerker beschäftigt werden.

Spezielle Serviceangebote für Fahrradfahrer Spezielle Serviceangebote für Radfahrer können dazu beitragen, den Urlauber zur Nutzung eines Fahrrad-Rundwanderweges zu motivieren. Eine attraktiver Fahrradrundwanderweg kann damit einen Beitrag dazu leisten, die bisher geringe Verweildauer der Gäste (siehe Kapitel 7.3) zu erhöhen. Angeregt wird die Erleichterung der Fahrradmitnahme bei der Anreise nach Kihelkonna mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Spezielle Fahrradanhänger oder -gepäckträger für Busse können die bisher umständliche Fahrradmitnahme vereinfachen und haben sich in anderen Regionen (z.B. Friesland) in der Urlaubssaison bewährt. Im Dorf Kihelkonna wäre die Einrichtung eines Fahrradverleihs (ggf. ein Nebenverdienst für einen der Läden) mit einer Reparaturwerkstatt ein sinnvolles Serviceangebot.


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Die Urlauberquartiere könnten die Etablierung eines Fahrradrundwanderweges durch die Anschaffung von Fahrrädern unterstützen, die an die Gäste verliehen werden können.

Informationsvermittlung Radwanderführer Für einen Radwanderführer durch die Gemeinde Kihelkonna wird angeregt, keinen Reiseführer im herkömmlichen Sinne zu konzipieren, sondern ihn als Lesebuch der Gemeinde zu gestalten. Über die Zahlen und Fakten hinaus sollen Details und Geschichten im Vordergrund stehen, die dem Gast neben Wissen ein emotionales Verhältnis zu Kihelkonna vermittelt. Ein solcher Radwanderführer weist nicht nur auf die sehenswerten Gutshöfe am Wegesrand hin, sondern legt auch Wert darauf, zu vermitteln, wie die Menschen in Kihelkonna heute leben, welche Probleme und Zukunftschancen die Gemeinde besitzt. Ein solches Buch ist dann auch für die Einheimischen von Interesse, wenn sie das Gefühl gewinnen, sich in dem Buch wiederzufinden. Der Wanderführer kann dann einen Beitrag dazu leisten, ein Stück Ortsgeschichte aufzufrischen oder wachzuhalten.

Radwanderkarte Als wichtiges Informationsmittel für die Benutzung des Radwanderweges sollte dem Gast eine attraktiv gestaltete und informative Radwanderkarte zur Verfügung stehen. Neben dem Radweg sollten radtouristisch wichtige Informationen wie der Wegezustand, Radreparaturstellen, Fahrradverleih, Rastplätze, Bademöglichkeiten, Aussichtspunkte, Sehenswürdigkeiten, Standorte von Informationspulten usw. verzeichnet sein.

Informationspulte Zur kurzen Information der Radwanderer bieten sich Informationspulte an, die an Sehenswürdigkeiten oder zu bestimmten Themen (z.B. Entstehung der Wacholder-Weiden, Orchideen, Landwirtschaft zu Sowjet-Zeiten, Geologie, Wald auf Saaremaa, regionale Gutshof-Architektur, usw.) Auskunft geben können. Auch über Begebenheiten und Sagen (z.B. den Riesen Suur Toll, der in der Gemeinde Kihelkonna zahlreiche Spuren hinterlassen haben soll) sowie historische Ereignisse könnte auf den Informationspulten informiert werden. Mit einer attraktiven Gestaltung werden die Info-Pulte ein wichtiges Element beim Erleben der Gemeinde Kihelkonna.


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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg 1 Sankt Michaelis-Kirche (Kihelkonna-Dorf)

2 Glockenturm (Kihelkonna-Dorf)

3 Friedhof (Kihelkonna-Dorf)

4 Kastenwindmühle westlich von Loona

Beschreibung

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Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Notwendige Maßnahmen zur touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen ./.

Abbildung auf Seite 12

Romanische Kirche aus dem 13. • Gottesdienste Jahrhundert mit barocker Innen- • im Sommer Konzerte und Oreinrichtung und alter Orgel gelwoche • Renoviert im Sommer 1996 • für Gäste steht eine Führerin zur Verfügung, die sich im Sommer tagsüber in der Kirche aufhält einziger im Baltikum erhaltener, • keine Nutzung • Renovierung des Dachs 12 separat stehender Glockenturm • Einbau einer Glocke Erhalt und Pflege des Grünbereichs im Umfeld des Glockenturmes • Friedhof mit altem Baumbe- • Friedhof • Renovierung und Pflege alter 78 stand Grabstellen, insb. der histo• bis zu 300 J. alten Grabstellen, risch bedeutsamen Famili• Familiengruften der früheren engruften der Gutsbesitzer Gutsbesitzer-Familien, • Erhalt des Baumbestandes und • Einfriedigung mit typischer Leder Lesestein-Mauer sestein-Mauer für Saaremaa typische, kleine • keine Nutzung • Wiederherstellung des Gebäu- ./. Kastenwindmühle • Mühlenflügel fehlen des • Einbau von Ferienzimmern • Nutzung zur Energiegewinnung • Aufbau eines MühlenMuseums


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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg 6 Naturreservat Vidumäe (südl. der Gemeindegrenze)

7 Museumsbauernhof Mihkli (Ortsteil Viki)

8 Karu-See (Ortsteil Dejevo)

9 ehemalige Festungsanlage Kihelkonna (Kihelkonna maalinn) 10 Odalätsi-Mineralquelle

11 Wassermühle bei Pidula

146

Notwendige Maßnahmen zur Beschreibung touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen Naturreservat mit einem ausge- • Informationszentrum in Audaku • Kennenlernen des Schutzgedehnten Quellengebiet und eine • Möglichkeit zur Führung durch biets auf festgelegten Wegen das Schutzgebiet durchziehende das Schutzgebiet Geländekante Museumsbauernhof eines früher Museum ./. für Saaremaa typischen Großbauernhofs mit mehreren Speichern und Scheunen großer, flacher See mit sechs • Campingplatz östlich von Deje- • Konzentration des Tourismus Inseln vo auf das Seeufer bei Dejevo • Bademöglichkeit (Campingplatz); • keine weitere Erschließung des Ufers Verteidigungsschanze (Erdwall) • keine Nutzung • Anlage eines kleinen Fußweim Wald bei Metsaküla • keine Information ges in den Wald • Auftellung eines Informationspultes Mineralquelle nahe der Straße Eine Plattform aus Holz er- • Vorkehrung gegen Verunreininach Pidula, bei der man das schließt den Quellbereich gung der Quelle durch die nur Wasser vom Bachgrund nach zwei Meter entfernte Straße oben sprudeln sieht • Aufstellung eines Informationspultes ehemalige Wassermühle (heute • Nutzung unklar • Restaurierung des Wasserrakein Wasserrad mehr vorhan- • in Privatbesitz des den) • Nutzung der Wasserkraft zur Energieerzeugung oder für ein Handwerk • Gebäude öffentlich zugänglich machen Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Abbildung auf Seite ./.

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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg 12 Gutshaus Pidula

13 Sandstrand der Taga-Bucht 14 ehemaliger Militärstützpunkt nördlich von Kurevere

15 Kastenwindmühlen in Kuralase

16 Sandstrand der UudepangaBucht 17 Leuchtturm Harilaid

147

Notwendige Maßnahmen zur Beschreibung touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen schlichtes Gutshaus mit früher Leerstand, sehr schlechter bau- • Erhalt nur durch einen finanzangeschlossenem Spital (Na- licher Zustand starken Investor möglich me), später Nutzung als Schule große, erhaltene Parkanlage (engl. Landschaftsgarten) Sandstrand mit herrlichem Blick Bademöglichkeit ./. über die Taga-Bucht; Baracken und Fahrzeughallen Leerstand Nutzung als Museum und Doder auf Saaremaa stationierten Gebäude teilweise zerstört kumentationszentrum über die Truppen der Sowjetarmee Geschichte der sowjetischen Besatzungszeit 1940-1991 für Saaremaa typische, kleine • keine Nutzung • Wiederherstellung der GebäuKastenwindmühlen • Mühlenflügel fehlen de • Einbau von Ferienzimmern • Nutzung zur Energiegewinnung • Aufbau eines Mühlen-Museums (soweit nicht in anderer Mühle geschehen) einsam gelegener, sehr schöner Bademöglichkeit ./. Sandstrand mit Blick über die Uudepanga-Bucht schiefstehender Leuchtturm an außer Betrieb der "Schiefe Turm von Harilaid" der Nordspitze der Halbinsel Ha- der Turm soll trotz der starken sollte als Kuriosität erhalten rilaid; der Turm ist nur zu Fuß zu Neigung statisch stabil sein bleiben erreichen, da die Wege zum Leuchtturm zu sandig zum Radfahren sind Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Abbildung auf Seite 151

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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg 18 Küste östlich von Kap Undva

Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Beschreibung

interessante Küstenformation, bei der der Sandstein schichtartig waagerecht an der Brandungslinie abbricht; der Wacholder wächst bis zum Strand 19 Steilküste und Schiffswracks bei am oberen Rand der Steilküste Kap Suurikukliff verlaufender Weg mit herrlichem Blick über das Meer und die Buchten; in der Brandung liegen gestrandete, große, alte Segelschiffe 20 Hafen Veere Fischereihafen mit einem Anleger und mehreren schlichten Gebäuden und Baracken

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Notwendige Maßnahmen zur touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen ./.

Abbildung auf Seite ./.

die Küstenlinie zwischen Kap ./. Suurikukliff und Veere ist von besonderer Schönheit und sollte unbedingt in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben • Fischereihafen • Hafenverwaltung • kleiner Fischkonservenbetrieb • kleine Gaststätte

21 ehemaliges Pionierheim "Tagala zweigeschossiges Haus in Holz- z.T. Wohnnutzung, EÕM" in Tagala/Tagamõisa bauweise mit zwei Gebäudeflü- überwiegend Leerstand geln, in dem Pioniere zu Sowjetzeiten ihre Sommerferien verbringen konnten

Attraktivierung des Hafengelän- ./. des und der Gebäude Schaffung der Voraussetzungen für einen Seglerhafen (Sauberkeit, attraktives Umfeld, Toiletten, Waschräume. Transfer nach Kihelkonna-Dorf etc.) • Jugendherberge ./. • bei umfangreichen Umbauten auch Nutzung als Hotel denkbar (Nachfrage?)


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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg

Beschreibung

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Notwendige Maßnahmen zur touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen keine Nutzung • aus Gründen des Naturschutzes (Lage im Vilsandi-Nationalpark) wird ein Wiederaufbau des Hafens nicht empfohlen • der Beobachtungsturm könnte mit einer Verkleidung versehen werden und zum Beobachten von Vögeln im Nationalpark genutzt werden • beide Leuchtfeuer sind außer • Möglichkeit zur Nutzung als Betrieb; Aussichtsturm oder zum Beo• das Turmgebäude ist in bachten von Seevögeln schlechtem baulichen Zustand Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Abbildung auf Seite 152

22 ehemaliger Hafen Jaagarahu

ehemaliges Hafengelände, von dem nur noch der Rest eines Piers besteht; ein Beobachtungsturm der sowjetischen Grenztruppen befindet sich am Anleger

23 Leuchtfeuer von Kihelkonna

einfacher Turm aus Ziegeln, der 151 mit einem Leuchtfeuer auf dem Kirchturm von Kihelkonna ein Seezeichen bildet; im Turm führt einer eiserne Sprossenleiter auf eine Plattform ehemaliger Gutshof mit einem • die Scheune wird landwirt- • obwohl wegen des baulichen ./. Gutshaus und einem großen schaftlich genutzt Zustands eine WiederherstelStall und einer Scheune • Stallgebäude und Gutshaus lung nur schwer vorstellbar ist, bestehen nur noch als Ruine wäre eine Wiederherstellung des Gutsensembles als ortshistorisch wichtiges Element sinnvoll • als Nutzung wäre wegen der Nähe zu Kihelkonna-Dorf z.B. ein Reiter(gast)hof denkbar

24 ehemaliger Gutshof Pajumõisa nahe Kihelkonna-Dorf


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Name der Station auf dem KiNr helkonna-FahrradRundwanderweg 25 Insel Vilsandi

Beschreibung

auf der Insel Vildsandi herrschen Wacholder-Weiden und landwirtschaftlich genutzte Wiesen vor; an der Westspitze der Insel befindet sich der Leuchtturm

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Derzeitige Nutzung Zustand des Objektes

Notwendige Maßnahmen zur touristischen Inwertsetzung Anregungen für denkbare Nutzungen wegen der Bedeutung der Insel als Rast- und Brutgebiet zahlreicher Seevögel, Limicolen, Gänse und Enten sollte die Insel nur außerhalb der sensiblen Zeit von Urlaubern besucht werden

Abbildung auf Seite 62


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Abbildung 57: Fahrradtouren schaffen Kontakt zur heimischen Bevölkerung; ein Bild vom Sülla-Hof

Abbildung 58: Gutshof Loona

Abbildung 59: Museumsbauernhof Mihkli in Viki


Ans채tze f체r einen umwelt- und sozialvertr채glichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

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Abbildung 60: ehemalige Wasserm체hle bei Pidula

Abbildung 61: Gutshof Pidula

Abbildung 62: Leuchtfeuer bei Kihelkonna (im Hintergrund der Kirchturm)


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Abbildung 63: Typische Kastenwindmühle Abbildung 64: Der Leuchtturm von Harilaid auf Saaremaa neigt sich bedenklich der Seeseite zu. Abbildung 65: Einer der typischen Wachtürme, die entlang der gesamten estnischen Küste zu Sowjetzeiten nach finnischen Tauchern oder Unterseeboten Ausschau hielten. Die Türme lassen sich bei Verkleidung des Rumpfes sehr gut zum Beobachten von Wasservögeln oder einfach als Aussichtsturm nutzen.


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12.2

154

Entwicklung eines Dorfspaziergangs (Rundweg) für Kihelkonna-Dorf

Zielsetzung der Entwicklung eines "Dorfspazierganges" Innerhalb des Dorfes werden viele Erledigungen zu Fuß getätigt, während "Spazierengehen", um sich die Füße zu vertreten oder den Hund auszuführen von den Einheimischen (wie in vielen ländlichen Regionen) nicht praktiziert wird. Ein solcher "Dorfrundgang" wird 123 höchstens unternommen, wenn man Besuch bekommt. Entsprechend bestehen in Kihelkonna keine Wege, die nur um des Gehens Willen angelegt sind, sondern die Fußwege verbinden bestimmte, wichtige Punkte im Dorf miteinander. Darüber hinaus hat aber auch Wandern keine Tradition in Estland, es existieren bisher praktisch keine als solchen 124 bezeichneten Wege im Land. Die Entwicklung eines Dorfspazierganges richtet sich daher zunächst in erster Linie an Besucher des Dorfes, die oftmals mit dem Pkw anreisen, an der Kirche anhalten, diese besichtigen und dann wieder davonfahren. Der Dorfspaziergang soll dazu beitragen, durch einen kleinen Spaziergang (ca. eine Stunde) das Dorf und den Ortsrand kennenzulernen, es aus verschiedenen Perspektiven zu sehen und durch entsprechende Infrastruktur (Informationspulte o.ä.) einen Einblick in Ortsgeschichte, Landwirtschaft, Natur, etc. zu erhalten. Ein solcher Dorfspaziergang hat zum Ziel, das Interesse der Gäste an Kihelkonna zu wecken und sie ggf. auch dazu zu animieren, länger im Ort zu bleiben oder ein anderes Mal für ein langes Wochenende oder einen Ferienaufenthalt zurückzukehren. Er soll die Gruppe von Besuchern zu einem Rundgang motivieren und "an die Hand nehmen", die sich unsicher fühlen, "auf eigene Faust" einen ihnen unbekannten Ort und sein Umfeld kennenzulernen.

Bestandsaufnahme und Bewertung des bestehenden Wegenetzes Das Dorf Kihelkonna verfügt über ein dichtes Netz von Fußwege-Verbindungen sowie im Ortsrandbereich von Wegen der Land- und Forstwirtschaft. Die Fußwege verbinden vor allem wichtige innerörtliche Ziele (z.B. Mehrfamilienhäuser  Bushaltestelle; Ortsrand  Friedhof (der etwas abseits der Bebauung liegt), Laden/Kindertagesstätte  Mehrfamilienhäuser usw.) Dabei handelt es sich teilweise um leicht befestigte Wege (Split), überwiegend aber um unbefestigte, aber dennoch gut begehbare Fußwege. Die Wirtschaftswege der Landwirtschaft am Ortsrand sind unbefestigt, aber dennoch gut begehbar. Das Dorf mit seinem skandinavischen Flair und der landschaftlich abwechslungsreiche Ortsrand, der von Gärten, Wiesen und kleinen Äckern, Wacholder-Weiden und Wald geprägt ist, bieten gute Voraussetzungen für einen abwechslungsreichen Spaziergang.Die wechselnde Wegebreite und -beschaffenheit macht einen Reiz des vorgeschlagenen Dorfspazierganges aus.

123 124

Gespräch mit Monika Kallas bzw. ihren Kolleginnen in der Kindertagesstätte von Kihelkonna KARIN, T. (1995): Estland. S. 368


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Anforderungen an den Ausbaustandard eines Rundweges Für den Verlauf des Dorfspazierganges wurden in erster Linie vorhandene Wege und Dorfstraßen genutzt. Neubauten wären nur in kurzen Abschnitten notwendig, um Lückenschlüsse auf dem Rundweg herzustellen. Auf einen komfortablen Ausbau eines Dorfrundweges kann, da dieser zunächst nur gering genutzt würde, verzichtet werden. Als Mindeststandard für den Ausbau sollte es aber auch für ältere Menschen, Behinderte und Personen mit Kinderwagen möglich sein, den Dorfrundgang zu begehen. Punktuell wären daher Verbesserungen der Wegedecke oder die Beseitigung von Engstellen notwendig.

Orientierungshilfen und Informationsvermittlung Zur Orientierung wird eine Beschilderung des Dorfspazierganges mit Wegweisern und Übersichtstafeln am Ausgangspunkt bzw. anderen wichtigen Stellen vorgeschlagen. In den Stationen des Rundweges (siehe Karte 8) sowie an weiteren geeigneten Plätzen können Informationspulte (siehe Kapitel 12.1) über historische, naturkundliche oder kulturelle Hintergründe aufklären oder mit einer Geschichte oder Anekdote Auskunft über das Dorf geben.


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Stationen des Dorfspaziergangs Kihelkonna Name der Station auf Nr dem Dorfspaziergang Kihelkonna

Beschreibung

• einziger im Baltikum erhaltener, separat stehender Glockenturm • sehr schöner Blick auf Kirche und Pfarrhaus 2 Sankt Michaelis-Kirche • Romanische Kirche aus dem 13. Jahrhundert mit barocker Inneneinrichtung und Orgel • Jedem Gast wird eine kostenlose Führung angeboten 3 Pfarrhaus/Gemeindehaus großes, eingeschossiges Gebäude aus Kalksteinen gebaut, mit weißgekalkter Fassade und rotem Blechdach 4 Bebauung an der Hannuse- für Kihelkonna typische eingeStraße schossige, überwiegend gelbgestrichene Holzhäuser 5 Mehrfamilienhaus-Bebauung für Kolchos-Arbeiter und Lehrer errichtete Siedlung; typische Zweckbauten der achtziger Jahre 6 Kleingärten zwischen Oja- und • zur Selbstversorgung der ortsanKooli-Straße sässigen Bevölkerung wichtige Kleingärten; • auf Trampelpfad quer durch die Gartenanlagen 7 Friedhof • Friedhof mit altem Baumbestand • bis zu 300 J. alten Grabstellen, • Familiengruften der früheren Gutsbesitzer-Familien, • Einfriedigung mit typischer Lesestein-Mauer; • zum Rävi-Weg vorbei an einer Lesestein-Mauer über eine Wiese, die Mustjala Maantee überqueren, vorbei am Ärztehaus (rotes Holzhaus) 8 Pähkli-Weg • landwirtschaftliche Nutzung (Getreide/Kartoffeln) • sehr schöner Blick von Süden auf die St. Michaelis-Kirche 9 Laubwald • entlang einer moosbewachsenen Lesesteinmauer durch den Wald 10 Wacholder-Weide • vorbei an kleinen Bauernhöfen am Ortsrand über eine Weide mit Wacholder; weiter über einen Hohlweg zur Lümanda maantee 11 Waldrand/Wiesen • entlang an einer Lesestein-Mauer zum Waldrand; 1

Glockenturm

Wege-beschaffenheit zur jeweils nächsten Station

Abbildung auf Seite

Trampelpfad Asphaltweg

12

Rasen Asphaltstraße

12/65

Asphaltstraße

65

Asphaltstraße

68

Trampelpfad

71

Trampelpfad Asphaltstraße

./.

• unbefestigte Friedhofswege • Asphaltstraße • neu anzulegender Weg

78

Wirtschaftsweg (Schotter)

./.

Trampelpfad

./.

neu anzulegender Weg

./.

Wirtschaftsweg (sandig)

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12 Kiefernwald 13 Hutewald 14 Wacholder-Weide

15 Glockenturm 1 (Ausgangs- und Endpunkt)

• sehr schöner Blick auf den Glockenturm und die Kirche von Westen • entlang an einer Lesestein-Mauer durch einen lichten Kiefernwald • links und rechts des Weges wird Waldhute mit Schafen betrieben • fließender Übergang des Kiefernwaldes in einen lichten Wacholder-Bestand, den Wirtschaftsweg nach rechts verlassend • sehr schöner Blick auf die Kirche von Nordwesten

Wirtschaftsweg (sandig) Wirtschaftsweg (sandig) Trampelpfad

./. 28 ./.


Ansätze für einen umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna

13.

158

FAZIT

Die in der vorliegenden Arbeit vorgenommene Bestandsaufnahme zum touristischen Potential der Gemeinde kommt besonders in Bezug auf den Erholungswert der Landschaft zu einem sehr positiven Ergebnis; die große landschaftliche Vielfalt von Meer, Wäldern, Wacholder-Weiden und landwirtschaftlichen Nutzflächen bietet ein großes Potential für landschaftsbezogene Erholungsformen. Die Schaffung einer "sanften" Infrastruktur zur Nutzung dieses Potentials ist Voraussetzung für eine erfolgreiche, weitere Entwicklung des Tourismus in der Gemeinde Kihelkonna. Die Erhaltung des antropogenen Potentials (Ortsbild, "Sehenswürdigkeiten") in der Gemeinde dürfte hingegen mit größeren Schwierigkeiten verbunden sein; hier sind planerische Instrumente und Anreize zum Erhalt eines dorftypischen Ortsbildes zu entwickeln und Nutzungs- und Finanzierungskonzepte für wichtige historische Bausubstanz zu erarbeiten. Im Hinblick auf die Zielsetzung, einer breiten Basis der ansässigen Bevölkerung eine Teilhabe an den Erträgen aus dem Tourismus zu ermöglichen, bietet das für Kihelkonna ermittelte Marktsegment eines familienfreundlichen, ländlichen Tourismus gute Voraussetzungen. Die bisher entstandenen Beherbergungsbetriebe, insbesondere die Angebote zu "Ferien auf dem Bauernhof" entsprechen dem Ziel einer breitgestreuten touristischen Wertschöpfung. Werden bei der Entwicklung des Tourismus in der Gemeinde die Aspekte einer eigenständigen Regionalentwicklung beachtet und die Vorleistungen, die der Fremdenverkehr benötigt, lokal oder regional eingekauft, so können der Handwerks-, Handels- und Dienstleistungssektor von einer touristischen Entwicklung der Gemeinde profitieren. Durch Konzepte zur Direktvermarktung bzw. lokalen Verarbeitung in Kihelkonna erzeugter Agrarprodukte und die Förderung von "Ferien auf dem Bauernhof" bestehen Ansatzpunkte zur Stärkung der Landwirtschaft. Einen "Sanften Tourismus" schlechthin gibt es nicht. Jede Form des Fremdenverkehrs hat ihre Sättigungs- und Wachstumsgrenze. Suchen zu viele Urlauber zur gleichen Zeit den gleichen Ort auf, so führen auch "sanfte" Erholungsformen zu Belastungen des Naturhaushaltes und zu Beeinträchtigungen des Lebens der einheimischen Bevölkerung. Für die Gemeinde Kihelkonna besteht daher die Notwendigkeit, einen Konsens über die Grenzen des Wachstums zu finden, der den Belangen der ortsansässigen Bürger ebenso gerecht wird, wie den Akteuren des Tourismus und der Notwendigkeit zum Schutz der natürlichen Ressourcen. Da eine objektive Festlegung von Wachstumsgrenzen nicht möglich ist, müssen diese in einer Auseinandersetzung vor Ort ausgehandelt werden. Aus wissenschaftlicher Sicht böte sich eine vergleichende Untersuchung mit einer touristisch bereits weit entwickelten Ostseegemeinde an, um Anhaltspunkte für Belastungsgrenzen zu gewinnen. Als gangbarer Weg erscheint es, nach dem Ausschlußprinzip einen Konsens zu erreichen, zumindest auf bestimmte Nutzungen oder touristische Infrastruktureinrichtungen zu verzichten, die nicht zum Profil eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus in Kihelkonna passen. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, hier eine Verbindlichkeit aller Beteiligten zu erreichen, die auch dann noch Bestand hat, wenn z.B. ein finanzstarker Investor an die Tür klopft. Der Beschluß des Gemeinderates von Kihelkonna zur Etablierung eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus geht in die richtige Richtung; Die Kommune an der Nordwest-


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küste Saaremaas bietet sehr gute Voraussetzungen für eine landschaftsbezogene, Erholung. Zur Umsetzung kommt es nun darauf an, in vielen kleinen Schritten in diese Richtung das sanfte Tourismusprofil der Gemeinde zu entwickeln.


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Fotonachweis:

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Titelbild: Taga-Bucht nördlich von Veere (Aufnahme d.V.), dahinter montiert Ferien-Appartements in Sierksdorf, Aufn.: Malte Helfer (siehe Literatur) Abbildungen 10 bis 13: Vilsandi-Nationalpark Abbildung 64: Monica Kallas alle anderen Abbildungen stammen vom Verfasser

Anschrift des Verfassers: Jochen Heimberg Kuckucksweg 6 D - 47506 Neukirchen-Vluyn (Ndrh.) Telefon: 02845/5263

Anschrift der Gemeinde Kihelkonna: Kihelkonna vald Pargit 2 EE3334 Kihelkonna ESTLAND/EESTI Telefon: 00372-76-531


Anhang • Interviews mit den Anbietern von Ferienquartieren in der Gemeinde Kihelkonna • Interviews mit Landwirten in der Gemeinde Kihelkonna


FERIENQUARTIERE IN KIHELKONNA - FRAGEBOGEN AN DIE ANBIETER Pühasso talu (kleiner ehemaliger Bauernhof im Dorf Neeme) Vermietung: Hela und Sulev Salong, Kitsas 7-9, EE 3300 Kuressaare Anschrift: Pühasso talu, Neeme küla, EE - 3334 Kihelkonna Telefon: 00372-45-56878 oder 56108 AUSSTATTUNG UND ANGEBOT Saison: 15. Mai - 15. September Art des Gebäudes, in dem die Gäste beherbergt werden: ehemalige Scheune

Raum 1 Raum 2

Elektrizität ja ja

Doppelbetten Einzelbetten 1 2 1 2

weitere Ausstattung

Preis pro Person 170 EEK (ca. 21 DM) 170 EEK (ca. 21 DM)

Dusche (Warmwasser): Sauna: Toilette: Waschmaschinenbenutzung: Gemeinschaftsraum:

ja ja „Plumpsklo“/außerhalb des Wohnhauses ja ja

Zelten erlaubt: Platz für Lagerfeuer: Hunde erlaubt:

ja (30 EEK (ca. 4 DM) pro Zelt) ja ja

MAHLZEITEN Preis beinhaltet Frühstück: Mittagessen: Abendbrot: Lunchpakete: Gäste können die Küche benutzen: Produkte aus biologischem Anbau:

nein nein, ggf. bei Bedarf ja ja ja nein

MÖGLICHE AKTIVITÄTEN Entfernung zum Strand: Fahrräder ausleihbar: Bootsfahrten: Reiten:

0,6 km ja können arrangiert werden kann arrangiert werden


- Fortsetzung Pühassoo Talu Feriengäste werden beherbergt seit:

15. Juli 1995

Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1996: 86 Anzahl der Gäste in der Saison 1996 (Stand: 19.11.96): 55 Gästekategorie

%

Übernachtungen je Gästekategorie 1 Nacht

Alleinreisende (Einzelpers.) (Ehe-) paare ohne Kinder (Ehe-) paare mit Kindern Gruppen (Freunde, etc.)

5 55 20 20

2-3 Nächte

100 % 33 % 40 % 25 %

-33 % --25 %

4-5 Nächte

-33 % 60 % 50 %

6-7 Nächte

bis 2 Wo.

> 2 Wochen

-----

-----

-----

Anreise der Gäste mit dem eigenen Auto: mit einem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad:

95 % --5% --

Herkunft der Gäste (Anteil am Gesamtgästeaufkommen) Estland: Finnland: Schweden: Deutschland: USA/Kanada:

29 % 15 % 8% 15 % 12 %

Litauen: Großbritannien: Frankreich:

8% 8% 5%

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Gästen? ja / nein / manchmal Lernen Sie Gäste intensiver kennen? selten / manchmal / oft Haben Sie Kinder? Söhne (13, 15); Tochter (16) Welche Fremdsprachen beherrschen Sie? Englisch, Deutsch, Russisch Belastet die Beherbergung von Gästen Ihr Familienleben? nie / selten / zeitweilig / oft

Bitte schätzen Sie den Anteil, den die Einnahmen aus der Beherbergung am gesamten Jahreseinkommen Ihrer Familie ausmacht: 20 %

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Gäste? ruhige Gäste, keine Alkoholexzesse

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

aus dem Erlös der Beherbergung sollen die nicht mehr existierenden früheren Hofgebäude wiedererrichtet werden. Danach soll die Beherbergung von Gästen eingestellt werden.

Welche Medien nutzen Sie zur Werbung?

BTG-Estland-Reiseführer 96/97 Touristen-Wochenendbeilage der Zeitung „Meie Maa“ Touristeninformation Kuressaare („i-Punkt“)


FERIENQUARTIERE IN KIHELKONNA - FRAGEBOGEN AN DIE ANBIETER Loode talu (biologisch wirtschaftender, kleiner Bauernhof mit bed&breakfast im Dorf Kuralase) Familie Silja Vällo und Valdo Lauri Anschrift: Loode talu, Kuralase küla, EE - 3334 Kihelkonna Telefon: 00372 - 25 - 256227 AUSSTATTUNG UND ANGEBOT Saison: 15. Mai bis 15. September Art des Gebäudes, in dem die Gäste beherbergt werden: 2 ehemalige Stall- bzw. Scheunengebäude (Baujahr 1779)

Raum 1 Raum 2 Raum 3

Elektrizität ja nein nein

Doppelbetten Einzelbetten 1 1 2 1 1 2

weitere Ausstattung

Dusche (Warmwasser): Sauna: Toilette: Waschmaschinenbenutzung: Gemeinschaftsraum:

nein; keine Dusche vorhanden ja; finnische Sauna und Rauch-Sauna separat stehendes „Plumps-Klo“ nein; keine Waschmaschine vorhanden ja

Zelten erlaubt: Platz für Lagerfeuer: Hunde erlaubt:

ja ja ungern

Preis pro Person 150 EEK (ca. 19 DM) 150 EEK (ca. 19 DM) 150 EEK (ca. 19 DM)

MAHLZEITEN Preis beinhaltet Frühstück: Gäste können Mittagessen bekommen: Gäste können Abendbrot bekommen: Gäste können Lunchpakete bekommen: Gäste können die Küche benutzen: Produkte aus biologischem Anbau:

ja ja ja ja ja ja

MÖGLICHE AKTIVITÄTEN Entfernung zum Strand: Fahrräder ausleihbar: Bootsfahrten: Reiten:

4 km; Sarapiku järv („Haselnußsee“): 2 km nein ja kann arrangiert werden (Reinu-Reiterhof)


- Fortsetzung Loode talu Feriengäste werden beherbergt seit:

Mitte 1995

Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1996: 143 Anzahl der Gäste in der Saison 1996 (Stand: 21.11.96): 63

Gästekategorie

%

Übernachtungen je Gästekategorie 1 Nacht

Alleinreisende (Einzelpers.) (Ehe-) paare ohne Kinder (Ehe-) paare mit Kindern Gruppen (Freunde etc.)

0 0 12 78

2-3 Nächte

4-5 Nächte

6-7 Nächte

--50 % 35 %

---10 %

---4%

--50 % 44 %

bis 2 Wo.

---4%

> 2 Wochen

-----

Anreise der Gäste mit dem eigenen Auto: mit einem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad:

75 % -5% -10 %

Herkunft der Gäste (Anteil am Gesamtgästeaufkommen) Estland: Finnland: Schweden: Deutschland: USA/Kanada:

47 % 9% 4% 22 % 4%

Niederlande: Litauen:

4% 4%

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Gästen? ja / nein / manchmal Lernen Sie Gäste intensiver kennen? selten / manchmal / oft Haben Sie Kinder? Sohn (4) Welche Fremdsprachen beherrschen Sie? Finnisch, Englisch, Russisch Belastet die Beherbergung von Gästen Ihr Familienleben? nie / selten / zeitweilig / oft Bitte schätzen Sie den Anteil, den die Einnahmen aus der Beherbergung am gesamten Jahreseinkommen Ihrer Familie ausmacht: 50 %

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Gäste? Nicht zuviel Alkohol; nicht in den Gebäuden rauchen (Feuergefahr); Die Familie wünscht sich, daß sich die Gäste zu Hause fühlen. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft? soll sowie

Welche Medien nutzen Sie zur Werbung?

Das Wohnhaus der Familie (ein altes Holzhaus) ist erst zur Hälfte renoviert; die andere Hälfte existiert nicht mehr und komplett neu errichtet werden. Ferner ist ein weiterer Raum in einem ehemaligen Stall mit zwei Einzelbetten geplant der Bau einer Dusche und die Anschaffung einer Waschmaschine. BTG-Reiseführer Estland 96/97 Reiseprospekt „Saaremaa countyside tourism“ Touristen-Wochenendbeilage der Zeitung „Meie Maa“


Touristeninformation Kuressaare („i-Punkt“)


FERIENQUARTIERE IN KIHELKONNA - FRAGEBOGEN AN DIE ANBIETER Ferienzimmer Familie Mets (kleine Ferienzimmer neben dem Sommerhaus der in Tallinn ansässigen Familie) Anschrift: Pargi 4, EE - 3334 Kihelkonna Telefon: 00372 - 45 - 76962 AUSSTATTUNG UND ANGEBOT Saison: 1. Juni bis 1. September Art des Gebäudes, in dem die Gäste beherbergt werden: kleines Nebengebäude (Baujahr 1940) Die Anbieterin der Ferienzimmer bietet Englisch-Kurse in Kuressaare an. Alle Gäste der Saison 1996 waren Teilnehmer dieser Kurse.

Raum 1 Raum 2 Raum 3 Raum 4

Elektrizität ja ja ja ja

Doppelbetten Einzelbetten -1 -1 1 1 1 1

weitere Ausstattung

Preis pro Person 145 EEK (ca. 18 DM) 145 EEK (ca. 18 DM) 145 EEK (ca. 18 DM) 145 EEK (ca. 18 DM)

Dusche (Warmwasser): Sauna: Toilette: Waschmaschinenbenutzung: Gemeinschaftsraum:

ja ja „Plumpsklo“ (WC mit Wasserspülung geplant) ja ja

Zelten erlaubt: Platz für Lagerfeuer: Hunde erlaubt:

ja ja ja

MAHLZEITEN Preis beinhaltet Frühstück: Gäste können Mittagessen bekommen: Gäste können Abendbrot bekommen: Gäste können Lunchpakete bekommen: Gäste können die Küche benutzen: Produkte aus biologischem Anbau:

z.Zt. nicht angeboten z.Zt. nicht angeboten z.Zt. nicht angeboten z.Zt. nicht angeboten ja nein

MÖGLICHE AKTIVITÄTEN Entfernung zum Strand: Fahrräder ausleihbar: Bootsfahrten: Reiten:

1 km nein können arrangiert werden/Bootsanschaffung geplant kann arrangiert werden (Sülla talu und Reinu-Reiterhof)


- Fortsetzung Ferienzimmer Familie Mets -

Feriengäste werden beherbergt seit:

August 1995

Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1996: ca. 150 (geschätzt) Gästekategorie

%

Übernachtungen je Gästekategorie 1 Nacht

Alleinreisende (Einzelpers.) (Ehe-) paare ohne Kinder (Ehe-) paare mit Kindern Gruppen (Freunde, etc.)

2-3 Nächte

25 25 25 25

4-5 Nächte

6- 7 Nächte

bis 2 Wo.

> 2 Wochen

100% * 100% * 100% * 100% *

*) die Verweildauer der Gäste von 4-5 Nächten ist durch die Länge der Englisch-Kurse vorgegeben.

Herkunft der Gäste (Anteil am Gesamtgästeaufkommen) Estland: Finnland:

98 % 2%

Anreise der Gäste mit dem eigenen Auto: mit einem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad:

50 % -50 % ---

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Gästen? ja, in Kuressaare Lernen Sie Gäste intensiver kennen? selten / manchmal / oft Haben Sie Kinder? Tochter (11), Sohn (8) Welche Fremdsprachen beherrschen Sie? Englisch, Finnisch, Schwedisch, Spanisch, Russisch Belastet die Beherbergung von Gästen Ihr Familienleben? nie / selten / zeitweilig / oft Bitte schätzen Sie den Anteil, den die Einnahmen aus der Beherbergung am gesamten Jahreseinkommen Ihrer Familie ausmacht: keine Angabe

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Gäste? keine

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Die Verbindung Bildung und Unterbringung weiter auszubauen.

Welche Medien nutzen Sie zur Werbung?

BTG-Reiseführer Estland 96/97 Reiseprospekt „Saaremaa countyside tourism“ Abendzeitung in Tallinn Anzeigenzeitung


FERIENQUARTIERE IN KIHELKONNA - FRAGEBOGEN AN DIE ANBIETER Sülla talu (Bauernhof (biologisch-dynamisch) im Dorf Oju) Aivar und Monica Kallas Anschrift: A. Kallas, p.o. box 55, EE - 3334 Kihelkonna Telefon: 00372 - 45 - 76927 AUSSTATTUNG UND ANGEBOT Saison:

ganzjährig (im Haupthaus) 1. Juni bis 1. September (in ehem. Scheunen)

Art des Gebäudes, in dem die Gäste beherbergt werden: 1 ½ Gästezimmer im Haupthaus (Baujahr 1935) 2 Gästezimmer in ehem. Scheunengebäuden

Haupthaus Scheune 1

Elektrizität ja ja

Scheune 2

ja

Doppelbetten Einzelbetten 1 2 -4 --

2

weitere Ausstattung offener Kamin

kein Fenster

Preis pro Person 160 EEK (ca. 20 DM) 140 EEK ca. 17,50 DM 120 EEK (ca. 15 DM)

Dusche (Warmwasser): Sauna: Toilette: Waschmaschinenbenutzung: Gemeinschaftsraum:

nein (keine Dusche vorhanden) ja Trockentoilette im Haupthaus (Sammelgrube) ja ja

Zelten erlaubt: Platz für Lagerfeuer: Hunde erlaubt:

ja ja nein

MAHLZEITEN Preis beinhaltet Frühstück: Gäste können Mittagessen bekommen: Gäste können Abendbrot bekommen: Gäste können Lunchpakete bekommen: Gäste können die Küche benutzen: Produkte aus biologischem Anbau:

ja ja ja ja ja ja

MÖGLICHE AKTIVITÄTEN Entfernung zum Strand: Fahrräder ausleihbar: Bootsfahrten: Reiten:

1 km ja (aber sehr alt) ja ja (2 Pferde)


- Fortsetzung Sülla talu -

Feriengäste werden beherbergt seit:

1994

Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1996: Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1995: Anzahl der Gäste in der Saison 1996 (Stand: 25.11.96):

262 (Zählung bis 25.11.96) 315 + 50 Kinder (Zählung) 132 (hinzu kommen 170 Sauna-Gäste und Gäste, die eine Mahlzeit eingenommen haben)

Gästekategorie

%

Übernachtungen je Gästekategorie 1 Nacht

Alleinreisende (Einzelpers.) (Ehe-) paare ohne Kinder (Ehe-) paare mit Kindern Gruppen (Freunde, etc.)

8 32 22 38

2-3 Nächte

50 % 50 % 80 %

33 % 25 % 30 % 10 %

4-5 Nächte

6-7 Nächte

33 % 12,5 % -10 %

-12,5 % 20 % --

bis 2 Wo.

> 2 Wochen

-----

33 % ----

Herkunft der Gäste (Anteil am Gesamtgästeaufkommen) Estland: Finnland: Schweden: Großbritannien:

30 % 33 % 10 % 9%

Niederlande: Australien: Dänemark: Deutschland:

5% 5% 4% 4%

Anreise der Gäste mit dem eigenen Auto: mit einem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad:

63 % 5% 8% 24 % --

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Gästen? ja / nein / manchmal Lernen Sie Gäste intensiver kennen? selten / manchmal / oft Haben Sie Kinder? Töchter (7,14), Sohn (12) Welche Fremdsprachen beherrschen Sie? Englisch, Finnisch, Russisch Belastet die Beherbergung von Gästen Ihr Familienleben? nie / selten / zeitweilig / oft Bitte schätzen Sie den Anteil, den die Einnahmen aus der Beherbergung am gesamten Jahreseinkommen Ihrer Familie ausmacht: 40 %

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Gäste? Daß die Gäste ein positives Verhältnis zur Umwelt haben

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Ausbau des alten Stalles als Seminarraum für Fremdsprachenkurse und Fortbildung im Bereich der biologischen Landbewirtschaftung; Anlage eines „Öko-Golfplatzes“ auf der Schafweide

Welche Medien nutzen Sie zur Werbung?

BTG-Reiseführer Estland 96/97 Reiseprospekt „Saaremaa countyside tourism“ Prospekt der Estnischen Farm-Tourismus-Gesellschaft Urlaub auf Biohöfen (ECEAT; Sitz in den Niederlanden)


Touristen-Information Kuressaare („i-Punkt“)


FERIENQUARTIERE IN KIHELKONNA - FRAGEBOGEN AN DIE ANBIETER Gemeindehaus Kihelkonna Pastor Rene Reinsoo Anschrift: Pastoraat, Kiriku 4, EE - 3334 Kihelkonna Telefon: 00372 - 45 - 76558 AUSSTATTUNG UND ANGEBOT Saison: ganzjährig Art des Gebäudes, in dem die Gäste beherbergt werden: Gästezimmer im Gemeindehaus

Raum 1 Raum 2 Raum 3 Raum 4

Elektrizität ja ja ja ja

Doppelbetten Einzelbetten -3 -3 -2 -4

weitere Ausstattung

Preis pro Person 75 EEK (ca. 9 DM) " " "

Dusche (Warmwasser): Sauna: Toilette: Waschmaschinenbenutzung: Gemeinschaftsraum:

ja nein Toilette mit Wasserspülung im Haus nein ja (mit offenem Kamin u. Flügel)

Zelten erlaubt: Platz für Lagerfeuer: Hunde erlaubt:

ja nein (wg. Lage des Pastorats in der Ortsmitte) ungern

MAHLZEITEN Preis beinhaltet Frühstück: Gäste können Mittagessen bekommen: Gäste können Abendbrot bekommen: Gäste können Lunchpakete bekommen: Gäste können die Küche benutzen: Produkte aus biologischem Anbau:

nein ja (bei Gruppen) ja (bei Gruppen) ja (bei Gruppen) ja teilweise

MÖGLICHE AKTIVITÄTEN Entfernung zum Strand: Fahrräder ausleihbar: Bootsfahrten: Reiten:

1 km nein können arrangiert werden kann arrangiert werden (Sülla Hof, Reinu Reiterhof)


- Fortsetzung Pastoraat -

Feriengäste werden beherbergt seit:

1992

Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1995: 450 - 500 ( 450 + geschätzte Zahl nicht erfaßter Gäste) Anzahl der Übernachtungen in der Saison 1996: 350 - 400 (Zählung bis 1.9.96) Anzahl der Gäste in der Saison 1996 (Stand: 18.11.96): 140

Gästekategorie

%

Übernachtungen je Gästekategorie 1 Nacht

Alleinreisende (Einzelpers.) (Ehe-) paare ohne Kinder (Ehe-) paare mit Kindern Gruppen (Freunde, etc.)

10 60 10 20

2-3 Nächte

4-5 Nächte

6-7 Nächte

40% 40% 15% 15%

10% -5% 40%

-----

50% 50% 80% 20%

bis 2 Wo.

> 2 Wochen

-10% -25%

-----

Anreise der Gäste mit dem eigenen Auto: mit einem Leihwagen: mit öffentlichen Verkehrsmitteln: mit dem Fahrrad: mit dem Motorrad: mit einem gemieteten Bus:

40 % 0% 20 % 10 % -30 %

Herkunft der Gäste (Anteil am Gesamtgästeaufkommen) Estland: Finnland: Schweden: Deutschland: sonstige:

50 % 20 % 5% 20 % 5%

Essen Sie gemeinsam mit Ihren Gästen? ja / nein / manchmal Lernen Sie Gäste intensiver kennen? selten / manchmal / oft Haben Sie Kinder? 3 Töchter (1,6,7) Welche Fremdsprachen beherrschen Sie? Englisch, Finnisch, Russisch Belastet die Beherbergung von Gästen Ihr Familienleben? nie / selten / zeitweilig / oft Bitte schätzen Sie den Anteil, den die Einnahmen aus der Beherbergung am gesamten Jahreseinkommen Ihrer Familie ausmacht: entfällt Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Gäste? kein Alkohol im Gemeindehaus, nicht im Gebäude rauchen Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Das ehemalige Gemeindebüro am Ortsrand, das die Kirche durch Rückübertragung zurückerhalten hat, soll als Gästehaus ausgebaut werden. Die hohen Investitionskosten (insb. Sanitär- und Heizung) stehen der Realisierung bisher im Weg.

Welche Medien nutzen Sie zur Werbung?

BTG-Reiseführer Estland 96/97, Touristen-Wochenendbeilage der Zeitung „Meie Maa“, "eine Zeitung in Norddeutschland" (Kirchengemeinde in Angeln (Schleswig-Holstein) inseriert für die Partnergemeinde Kihelkonna)


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Raivo Löbus 35 Jahre

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt? 3 (Bauer, Ehefrau, Großmutter)

2. Fläche in Hektar Grünland ha 3,5

Eigentum Pacht brachliegend

Ackerland ha 2,0

Nutzgarten ha 0,1

Wald ha 6,0

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner

Anzahl 2 3 -3 -15

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

Wohnhaus

Stall 1 Stall 2 Scheune Sommerküche Sauna (Sommerhaus)

BauBaujah materia r l Holz 1930

Holz Stein Holz Holz Stein

1930 1990 1940 1940 1982

RenoPlanung vierung 1968

Wohnhaus und Stall bilden einen Gebäudekomplex. Stallteil soll abgerissen und das Wohnhaus erweitert werden. siehe oben

1970/93 Baubeginn 1982 bisher nicht fertiggest.

5. Maschinenbestand 2 Traktoren, 1 Mäher, 1 Heuwender, 1 Walze

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Kartoffeln Milch Fleisch

Ertrag gesamt (t) 1,5 Mißernte 7,5 0,75

Tonnen pro Hektar 3,0


(b) Welche Produkte erzeugen Sie dar端ber hinaus ggf. f端r den Eigenbedarf? Marmelade, Wein, Bier


- Fortsetzung Löbus -

7. Absatz der Agrarprodukte Milch: private Abnehmer Fleisch: Markt in Tallinn Kartoffeln: Markt in Tallinn

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Kleinballen

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

Ja Ja Ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? Nein

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Es sollen 10 Hektar Ackerland hinzugepachtet werden, um mehr Getreide anbauen zu können.

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? Nein, da die Kinder noch zu klein sind.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? Nein (b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Russisch Der Hof wird im Nebenerwerb betrieben. Hauptberuflich arbeitet Raivo Löbus als Fahrer für Agrarprodukte (eigener LKW).


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Andres Uudeküll 24

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

2 (Bauer und seine Frau)

2. Fläche in Hektar Grünland -30,0

Eigentum Pacht * brachliegend

Ackerland -37,0

Nutzgarten -0,1

Wald -7,0

*) Die Flächen gehören dem Staat.

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Fohlen Hühner

Anzahl 6 3 11 -8 3 20

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

BauBaujah materia r l ---

Wohnhaus

Großstall der Kolchose Stall (klein)

Beton Holz

ca. 1973 1993

RenoPlanung vierung --

Das Wohnhaus besteht nicht mehr. Das junge Ehepaar wohnt in einem alten Waggon.

---

5. Maschinenbestand 1 Traktor, 1 Mähdrescher, 1 Mäher, 1 Heuwender, 1 Lastwagen, 1 Pflug, 1 Egge

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Kartoffeln Milch Fleisch

Ertrag gesamt (t) Mißernte Eigenbedarf 9,0 t ca. 0,4 t

Tonnen pro Hektar -? 1.500 kg/p.a./Kuh --

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf?


Butter, Marmelade


- Fortsetzung Uudeküll 7. Absatz der Agrarprodukte Milch: Molkerei Kuressaare (ca. 90%) und Privatkunden (ca. 10%) Pferde: 1 Pferd wurde 1995 an einen Privatkunden verkauft

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Kleinballen

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

nein nein ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? nein

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Es wird der Bau eines Stalls für die Kühe geplant sowie die Aufstockung des Milchviehbestands von 6 auf 10 Tiere. Ferner hofft der junge Landwirt auf den baldigen Abschluß der Landreform, da sein gesamtes Land z.Zt. vom Staat gepachtet ist. Langfristig möchte er es kaufen.

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? nein, da die Kinder noch zu jung sind.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? ja (b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Englisch, Deutsch, Russisch

Die Familie bietet die Pferde für Ausritte an. Die Ferienquartiere, die selbst keine Pferde besitzen, arrangieren bei Interesse ihrer Gäste einen Besuch auf dem Hof der Uudekülls.


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Harald Toll 61

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

2 (Ehepaar)

2. Fläche in Hektar Grünland -4,5 --

Eigentum Pacht brachliegend

Ackerland -2,0 --

Nutzgarten -0,1 --

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner Enten

Anzahl 3 2 10 --7 5

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

BauBaujah materia r l Stein 1984 Stein 1986 Holz 1992

Wohnhaus Kuhstall Schafstall

RenoPlanung vierung ----

5. Maschinenbestand 2 Traktoren, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Walze

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Roggen

Ertrag gesamt (t) 0,4 1,0

Kartoffeln

1,5

Milch Fleisch

7,0 0,28

Tonnen pro Hektar 0,4 0,8 15 2.300 kg/p.a./Kuh --

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf? Marmelade

Wald ----


- Fortsetzung Toll -

7. Absatz der Agrarprodukte Milch: Molkerei Kuressaare (ca. 85%), private Kunden (ca. 15%) Fleisch: private Abnehmer Wolle: seit 1995 keine Abnehmer mehr

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Wird von einem Lohnunternehmer geschnitten und vom Bauern ungepreßt eingebracht und gelagert.

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

nein nein nein

10. Üben Sie ein Handwerk aus? Elektriker

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? keine Pläne für die Zukunft

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? Kinder wollen den kleinen Hof nicht übernehmen

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? ja (b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Russisch Neben der Landwirtschaft arbeitet Harald Toll als selbständiger Elektiker.


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name der Eigentümerin: Alter:

Silvi Taluste 59

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

3 Personen (Ehepaar und Sohn); im Sommer nur 2, da der Sohn in Tallinn arbeitet

2. Fläche in Hektar Grünland -4,5 --

Eigentum Pacht brachliegend

Ackerland 4,0 5,0 --

Nutzgarten 0,5 ---

Wald 36 ---

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner Enten

Anzahl 5 8 13 11 -15 5

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

Wohnhaus Stall 1 Stall 2 Getreidetrocknung Sommerküche/Sauna

BauBaujah materia r l Holz 1864 Holz Holz Holz Holz

1864 1937 1994 1935

RenoPlanung vierung 1983

Wohnhaus und Stall 1 bilden einen Gebäudekörper

1992 1990

5. Maschinenbestand 1 Traktor, 1 Mäher, 1 Heuwender, 1 Sämaschine, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Walze

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Hafer Kartoffeln Milch Fleisch

Ertrag gesamt (t) 3,0 5,4 7,5 20,0 0,85

Tonnen pro Hektar 1,5 1,8 15,0 4.000 kg/p.a./Kuh --

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf?


Marmelade, Butter, Honig (Eigenbedarf und Verkauf), Bier


- Fortsetzung Taluste -

7 Absatz der Agrarprodukte Milch: Molkerei Kuressaare Fleisch: Schlachthof Kuressaare, private Abnehmer

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? teilweise ungepreßt, teilweise als Kleinballen

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

nein nein ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? nein

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Ausbau der Bullenmast und des Fleischabsatzes.

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? Der Sohn hat bisher als Bauarbeiter gearbeitet und will sich nun ganz dem Hof widmen.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? ja; Silvi Taluste sieht einen Vorteil darin, daß der Hof nur 1 Kilometer vom Karujärve (Karu-See) entfernt ist. (b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Russisch

Der Hof der Familie ist sehr eng und innerhalb des Dorfes Dejewo. Die Nachbargrundstücke liegen sehr nahe an den Gebäuden der Familie Taluste und sind von Rückübertragungsansprüchen der Alteigentümer betroffen. Sollte hier in Zukunft eine Bebauung dieser Grundstücke stattfinden, sieht die Familie den landwirtschaftlichen Betrieb gefährdet. Auch die Möglichkeit zur Aufnahme von Feriengästen könnte dann aus ihrer Sicht nicht mehr genutzt werden.


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Valdo Lauri und Silja Vällo 32

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

2

2. Fläche in Hektar

Eigentum Zukauf geplant brachliegend

Grünland 2,5 14,0 --

Ackerland 1,5 1,0 0,5

Nutzgarten 0,1 ---

Wald -5,0 --

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Ziegen Hühner

Anzahl --12 --4 10

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

BauBaujah materia r l Holz (1900)

Wohnhaus

Stall 1 (Gästezimmer für Touristen) Stall 2 (Gästezimmer für Touristen) Schafstall Sommerküche/Sauna Rauchsauna/Schmiede

Holz Holz Holz Holz Kalkstein

1926 1779 1992 1996 1890

RenoPlanung vierung 1991

Das Wohnhaus war vollkommen verfallen und wurde 1991 neu errichtet; in einem weiteren Abschnitt soll ein noch fehlender Teil rekonstruiert werden

1996 1994

1993

5. Maschinenbestand 1 Traktor, 1 Mäher, 1 Heuwender, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Walze

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste

Ertrag gesamt (t) 1,2

Tonnen pro Hektar 2,2

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf? keine


- Fortsetzung Lauri/Vällo -

7. Absatz der Agrarprodukte Eigenbedarf, für die beherbergten Touristen, z.T. Weiterverkauf an andere Landwirte (Saatgut)

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? ungepreßt

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

nein nein ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? Tischlerarbeiten

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Geplant ist der Bau eines neuen Schafstalls. Ferner soll das Wohnhaus, das bisher nur zur Hälfte wiederaufgebaut werden konnte, fertiggestellt werden (dazu soll ein Kredit aufgenommen werden). Es soll Land hinzugekauft werden, die Ziegenmilchproduktion soll ausgebaut werden.

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? nein, da der Sohn noch zu jung ist.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? Seit 1995 werden Gäste beherbergt. (siehe auch Befragung der Ferienquartiere in Kihelkonna) (b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Englisch, Finnisch, Russisch

Sehr nahe an den Hof angrenzend wurde von einem früheren Eigentümer der Anspruch auf Rückübertragung von Flächen angemeldet. Familie Lauri-Vällo wollte hier ursprünglich einen neuen Schafstall errichten. Man hofft, das Grundstück vom Alteigentümer kaufen zu können.


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Maret und Enno Nõmm 30 und 36

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

2

2. Fläche in Hektar Grünland 1,0 10,0 0,5

Eigentum Pacht brachliegend

Ackerland -3,0 --

Nutzgarten 0,1 ---

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner

Anzahl 4 1 13 2 -10

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

Wohnhaus Stall Sommerküche/Sauna

BauBaujah materia r l Stein 1970 Stein 1975 Stein 1970

RenoPlanung vierung

5. Maschinenbestand 2 Traktoren, 1 Heuwender, 1 Pflug, 1 Egge, 1 Miststreuer

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Kartoffeln Gemüsejungpflanzen

Milch Fleisch

Ertrag gesamt (t) 1,0 2,5 k.A. 25,0 0,5

Tonnen pro Hektar 1,4 10,0 5.000 kg/p.a./Kuh --

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf? Joghurt, Butter, Marmelade, Bier

Wald 13,0 ---


- Fortsetzung Nõmm -

7. Absatz der Agrarprodukte Milch: Molkerei Kuressaare, Schule in Kihelkonna (zur Weiterverarbeitung in der Schulküche, nicht als Trinkmilch) Fleisch: Schlachthof Kuressaare Kartoffeln: Schule in Kihelkonna

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Kleinballen

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

ja ja ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? nein

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Geplant ist, die Zahl der Kühe zu reduzieren bzw. sie ganz abzuschaffen, da die Weide 1 Kilometer entfernt ist (Jeden Tag hin- und zurücktreiben) und das Heu aus 25 Kilometern Entfernung herbeigeschafft werden muß. Der Verkauf von Gemüsejungpflanzen an Privatleute in Kihelkonna ist erfolgreich und soll ausgebaut werden.

12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? nein, da die Kinder noch zu jung sind.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? grundsätzlich ja

(b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Russisch


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Kangru Farmers (Nachfolgebetrieb der Kolchose) ./.

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

26 (einschließlich Mütter in "Mutterschutz")

2. Fläche in Hektar Grünland Eigentum Pacht * brachliegend

Ackerland

729

125

Nutzgarten --

*) Die gesamte Fläche ist in Staatseigentum

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner

Anzahl 204 350 -----

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

BauBaujah RenoPlanung materia r vierung l Beton 1979-83 Ziegel 1950 1988 Ziegel 1958 steht leer

Kuhstall (Großstall) Jungviehstall (Großstall) Stall

5. Maschinenbestand 9 Traktoren, 1 Mähdrescher, 1 Mäher

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Gerste Fleisch Leder

Ertrag gesamt (t) 117,0

Tonnen pro Hektar 0,6

33,0 k.A.

--

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf? entfällt 7. Absatz der Agrarprodukte Fleisch: Schlächthöfe in Kuressaare und Tallinn

Wald --


Milch: Molkerei Kuressaare


- Fortsetzung Kangru Farmers -

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Rundballen; Siloballen (erstmals 1996)

9. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Das Weiterbestehen des Betriebes ist nicht sicher. Notwendig sind die Anschaffung neuer Melktechnik und neuer Kühlung für die Milch. Erwogen wird die Herstellung von Quark. Da die Molkerei in Kuressaare nach Angaben der Kangru Farmers (Frau Elle Mäe) als Monopolist arbeiten kann, ist der Milchpreis zu gering und deckt kaum die steigenden Produktionskosten (insb. Treibstoff).


FRAGEBOGEN LANDWIRTSCHAFT IN KIHELKONNA Name des Eigentümers: Alter:

Hallin, Mati

1. Wie viele Personen sind auf Ihrem Hof beschäftigt?

2 (Ehepaar)

2. Fläche in Hektar Grünland 60 ---

Eigentum Pacht brachliegend

Ackerland 13 ---

Nutzgarten 0,3 ---

Wald ----

3. Tierbestand Tierart Milchkühe Jungrinder Schafe Schweine Pferde Hühner Enten

Anzahl 15 20 15 5 -30 5

4. Gebäudebestand Gebäudetyp

Wohnhaus Stall 1 Stall 2 Sommerküche/Sauna

BauBaujah materia r l Holz 1938 Holz 1938 Stein 1993 Stein 1978

RenoPlanung vierung 1995 1965

5. Maschinenbestand 4 Traktoren, 1 Mähdrescher, 1 Mäher, 1 Heupresse, 1 Sämaschine, 1 Kunstdünger-Struer, 1 Pflug

6.(a) Welche Agrarprodukte erzeugen Sie und wie war das Ergebnis der Ernte 1995? Agrarprodukt Weizen Gerste Roggen Kartoffeln Fleisch

Ertrag gesamt (t) 0,5 16,0 5,0 10,0 1,1

Tonnen pro Hektar 2,0 2,5 --

(b) Welche Produkte erzeugen Sie darüber hinaus ggf. für den Eigenbedarf? Marmelade, Fleischwaren


- Fortsetzung Hallin -

7. Absatz der Agrarprodukte Milch: Molkerei Kuressaare Fleisch: Schlachthof Kuressaare

8. Wie bringen Sie Ihr Heu ein? Kleinballen

9. (a) Haben Sie ein Boot? (b) Fischen Sie? (c) Räuchern Sie Fisch?

ja ja ja

10. Üben Sie ein Handwerk aus? nein

11. Was sind Ihre Pläne für die nächsten zwei Jahre? Die Farm soll nicht erweitert werden. 12. Ist es absehbar, ob Ihre Kinder daran Interesse haben, den Hof zu übernehmen? nein, Kinder haben kein Interesse.

13. (a) Können Sie sich vorstellen, Gäste aus Estland oder dem Ausland auf Ihrem Hof zu beherbergen? nein

(b) Welche Fremdsprachen sprechen Sie? Russisch


Diplomarbeit "Nachhaltige Regionalentwicklung im Vilsandi-Nationalpark (Estland)"